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02.07.2016, Hochbunker, Kiel: THE GUV’NORS + BOLANOW BRAWL + I.N.A.B.

guv'nors,-the-+-bolanow-brawl-+-i.n.a.b.-@hochbunker,-kiel,-20160702Eigentlich sollte es ein dänischer Abend mit deutschem Support werden, doch LAST SEEN LAUGHING hatten sich leider spontan aufgelöst. Micha von „Tribes of Gaarden – Subculture Concerts“ fragte daraufhin bei uns an und glücklicherweise konnten wir relativ kurzfristig einspringen. Auf einen Gig in Kiel hatten wir schon länger wieder Bock und ein besonderer Bezug ist allein schon dadurch gegeben, dass 3/5 der Band ursprünglich aus jener schleswig-holstein’schen Metropole stammen und Ole noch immer seinen Hauptwohnsitz dort hat. Während wir kurzerhand mit der Bahn anreisten, hatte Ole das Equipment bereits im Kofferraum und war pünktlich um 19:00 Uhr am Hochbunker im Kieler Arbeiter-Stadtteil Gaarden, stand jedoch erst mal am falschen, nämlich dem verschlossenen Eingang. Als wir kurz darauf eintrafen, war der schon wieder weg und seine fragenden Nachrichten und Anrufversuche erreichten uns ebensowenig wie unsere Nachfragen ihn, da man innerhalb des Bunkers tatsächlich NULL Empfang hat. Mit etwas Verspätung fand man dann aber doch noch zueinander und wuchtete das Zeug in den rustikalen Bau. Im Bunker, den unterschiedliche Veranstalter für unterschiedliche Veranstaltungen nutzen können, roch es etwas befremdlich, da irgendwelche Elektro-Hippies zuletzt mit irgendwelchen Räucherkerzen u.ä. herumhantiert hatten, anzusiedeln irgendwo zwischen Wunderbaum und alter Pisse. Doch auch daran hatten sich unsere feinen Nasen bald gewöhnt und während ich mir schon Janas schmackhaftes Veggie-Chili mit frischem Brot beim ersten (ok, zweiten) Bierchen reinschaufelte, bauten die Jungs ihr Zeug auf und suchte Raoul verzweifelt nach einer Alternative zum vor Ort vorhandenen, zu niedrigen Drumhocker. Als auch dieses Problem wegimprovisiert worden war und schließlich der emsige lokale Mischer und Bühnentechniker alles vorbereitet hatte, war noch ausreichend Zeit für einen vernünftigen Soundcheck und letztlich alles im grünen Bereich.

Langsam aber sicher trudelten auch die ersten Gäste ein und das Frankfurter Duo (!) I.N.A.B., was wohl für so viel wie „Ih, Nudel auf Boden“ (?!) steht, sollten den Abend eröffnen. Obwohl’s eigentlich nicht unsere Art ist, hatten wir diesmal andere Pläne, immerhin war EM-Viertelfinale und Jogis Kicker spielten gegen die italienische Auswahl. Also vereinbarten wir ‘ne Uhrzeit mit Micha und begaben uns auf die Suche nach einer Gaardener Kneipe, in der wir das Spiel verfolgen konnten. Im „Kieler Treff“ wurden wir fündig, der etwas übertrieben dekorierte Laden hatte ‘ne zünftige Leinwand, Holsten Export für 1,10 EUR (!!!) und ein separates Kotzbecken bei den Toiletten zu bieten. Genau das richtige Ambiente also. Wir reihten uns hinter den lokalen Sportsfreunden auf, begrüßten weitere lokale Bekannte und Konzertbesucher, stießen auf eine faire Partie an und sahen einen hochspannenden Kick – bis zur 60. Minute. Dann nämlich rissen wir uns pflichtbewusst los und noch auf dem Weg zum Bunker vernahmen wir, dass irgendetwas passiert sein musste. Ein Blick in den Smartfön verriet, dass Özil das 1:0 erzielt hatte! Halleluja! Kaum verlässt man die Spelunke, fallen die Tore… Zurück im Bunker befanden sich I.N.A.B. gerade im letzten Drittel ihres Sets: Der Drummer knüppelte und schreibrüllte sich durch die Songs, begleitet von seinem wild schrammelnden, keine Miene verziehenden Gitarristen. Das Publikum zeigte sich etwas irritiert und irgendetwas sagt mir, dass das seitens der Band durchaus einkalkuliert war. Ich finde ja, „Die abgestürzten Brieftauben“ wäre der bessere Bandname gewesen, hätte aber womöglich rechtliche Konsequenzen nach sich gezogen. So oder so war’s ein kurioses Brett, von dem ich aber aus genannten Gründen den Großteil verpasst hatte.

Szenenwechsel, nächster Act: Noch mal ordentlich mit Jever eingedeckt und auf die Bretter. Die trotz des EM-Spiels in angenehmer Anzahl erschienen Kieler sammelten sich brav in den hinteren beiden Dritteln des „Saals“, vorne blieb Platz für Aerobic und Ausdruckstanz. Dieser wurde vereinzelt genutzt, während wir uns spieltechnisch so gut wie keine Blöße gaben. Die zunehmende Routiniertheit äußert sich zunehmend in der Lockerheit und Souveränität auf der Bühne, von der Ole diesmal gleich zweimal sprang, um mit seinen Soli anzugeben. Zwischendurch wurde eine Fußball-Ansage Stulles missverstanden, so dass man uns für HSV-Fans hielt, was wir stante pede richtigstellten und den guten alten AFC-Schlachtruf durchs Kieler Gemäuer skandierten. Ansonsten wurde wieder munter durch- und übereinandergequatscht, was man hinterher nach einigem fast schon beschämenden Lob als einzigen Kritikpunkt uns gegenüber äußerte. In Folge dessen denke ich über Knebelmöglichkeiten bestimmter Bandkollegen nach… Zwangsgeknebelt fühlte ich mich dann und wann, denn mein Mikrokabel hatte offenbar einen Wackelkontakt entwickelt und verschluckte die eine oder andere Silbe – egal. Etwas nordisch unterkühlt fielen bisweilen die Reaktionen zwischen den Songs aus, Kieler können ganz schön ruhig und maulfaul sein – dafür verließ aber niemand den Raum oder warf mit Kuhdung. Der eine oder andere wollte dann auch tatsächlich noch ’ne Zugabe, doch unser Pulver war verschossen und außerdem waren zur längst vorgerückten Stunde nun auch langsam mal die Dänen dran. Noch während des Abbaus kolportierte der aus Hamburg angereiste und in letzter Zeit verdächtig nüchterne IN-VINO-VERITAS-Ladde etwas von „7:6 nach Elfmeterschießen“ und ich wusste noch nicht so recht, ob ich das glauben sollte. Das Letzte, was ich kurz vor’m Gig per App-Ticker mitbekommen hatte, war der Ausgleich nach Handelfmeter für Italien. Doch er sollte Recht behalten; wie genau das Ergebnis zustande gekommen war, wusste ich da aber noch nicht! Für den Moment war’s mir auch egal und ich freute mich, dass der historische Sieg – erstmals in einem Turnier gegen Italien – endlich geglückt war!

Die fünfköpfigen GUV’NORS spielten schließlich als Headliner gut abgehangenen Oi!- und Streetpunk der klassischen Sorte mit schönem Rock’n’Roll-Einschlag, der manch Besucher zum Tanzen animierte und ich feierte ausgelassen mit. Die Band aus Aarhus hat zwei Studio-Langdreher sowie eine Vielzahl an 7-Zöllern und Splits am Start; das Set war gespickt mit englischsprachigen Hits wie „40, Fat and Finished“ und anderen amtlichen Kalibern der melodischen Muse mit viel Oldschool-Attitüde, eingängigen Refrains und tighter Darbietung, gecovert wurde kollegialerweise auch ein LAST-SEEN-LAUGHING-Stück. Die sympathisch unprätentiöse Band bildete einen klasse Abschluss des offiziellen Teil des Abends, bevor wir nach reiflichen Überlegungen, Diskussionen und Abwägungen beschlossen, uns zu verabschieden und auch unsere Schlafmöglichkeiten nicht wahrzunehmen, um uns in die „Pumpe“ abzusetzen. Bei ihr handelt es sich um eine Art Alternative-Disco, wo diesmal auf zwei verschiedenen „Floors“ sowohl eine Oldschool-Reggae- als auch eine ’80s-Gothic/-Wave-Party stattfanden, zwischen denen wir im weiteren Verlauf sprichwörtlich hin- und herschwankten. Und obwohl ich solch Disco-Gedöns eigentlich nicht sonderlich viel abgewinnen kann, machte selbst das irgendwie Spaß. Die Einheimischen sorgten für eine entspannte Stimmung, was meinen positiven Eindruck von Kiel erneut bestätigte. Das allgemeine Chaos, das diese Form der Nachtgestaltung für manch einen nach sich zog, behalte ich an dieser Stelle jedoch für mich. Nur so viel: Während ich am nächsten Nachmittag längst wieder zurück in Hamburg war, wachte ein Gitarrist gerade erst mit Mörderschädel in Kiel auf… Zuhause schaute ich mir dann genüsslich das Spiel ab der 60. Minute an und staunte nicht schlecht über das kuriose Elfmeterschießen. Vermutlich war es gut, dass ich das nicht live mitansehen musste, bin ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste – und außerdem hab’ ich dadurch ‘ne coole Antwort parat, sollte man mich irgendwann fragen: „Und wo warst DU, als Deutschland Italien besiegte?“

Danke an alle, die zu diesem Abend beigetragen haben, insbesondere Micha, Jana und das ganze „Tribes of Gaarden“-Team, die das Ding gut geschaukelt haben! Wir kommen gern wieder, Kiel!

P.S.: Danke auch an Bützi für die Fotos unseres Gigs!

Categories: Konzertberichte

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1 Comment

  1. Korrektur zum bunkerabend:Sarah, Maja und Nicole haben das Chili gemacht! Jana nicht

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