Gnnis Reviews

Month: September 2017

22.09.2017, Lobusch, Hamburg: THE MAD MOISELLES + THE SOUL INVADERS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Pott-Export Mäggi blies zur Geburtstagsfeier in der Lobusch und hatte all seine Lieblingsbands eingeladen. Weil aber weder die DIE AMIGOS noch DIE FLIPPERS und leider auch nicht BRUNNER & BRUNNER konnten, sprangen wir stattdessen zusammen mit zwei Bands aus seiner alten Heimat ein. Diesmal war’s nicht ich, der im Vorfeld mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, sondern Dr. Tentakel kroch auf allen Achten und war ein erbarmungswürdig vergripptes Häufchen Elend. Dazu aber ein tapferes und so verzichteten wir auf die letzten Proben und versorgten ihn stattdessen mit schlauen Tipps („Iss mal ‘nen Apfel!“), Freitag stand er Gewehr bei Fuß.  Gegen 22:30 Uhr ging’s mit „Pogromstimmung“ los und elf weitere Songs folgten, von denen wir „Ghettoromantik“ spontan etwas umstrukturierten, ähem… Obwohl’s in der Lobusch keine Monitore mehr gibt, konnte ich den Sound über die P.A. gut vernehmen und der klang gar nicht übel – zumindest so lange mein Mikro nicht plötzlich leiser wurde oder zwischendurch gar ganz ausfiel. Hrmpf.  Auch das Publikum war diesmal seltsam reserviert, dafür aber ungefähr in der von mir in etwa vermuteten Stärke aufgeschlagen – wenn Mäggi auch mit mehr gerechnet hatte. Hinterher konnten wir uns aber ein Lob abholen, wie schnell unsere Songs mittlerweile geworden seien – klar, wir mussten uns ja auch beeilen, schließlich musste das Tentakelchen schnellstens zurück ins Lazarett.

THE SOUL INVADERS aus Hagen traten anschließend kräftig Arsch mittels flottem englischsprachigem Oldschool-Punkrock, mal rockiger, mal melodischer, mal Richtung Rock’n’Roll oder Garage, aber immer 100 % nach vorn. Teile des Publikums tauten nun etwas auf und feierten die vor allem vom Sänger inbrünstig transportiere Punkrock-Show. Das hatte Stil, Druck und Qualität und war in jedem Fall der beste SOUL-INVADERS-Gig, dem ich bisher beigewohnt habe. Die Soundprobleme hatten hier anscheinend auch ein Ende und der coolen Abgewichstheit, mit der die SOUL INVADERS ihr Set durchzockten, merkte man die langjährige Live-Erfahrung zu jeder Sekunde an. Der Sänger, der als Ritual unmittelbar vor jedem Gig noch mal aufs Scheißhaus geht, hatte offenbar guten Stuhlgang… Ohne Zugabe ging’s nicht zur Aftershow-Party und damit hatte der Abend seinen musikalischen Zenit erreicht.

THE MAD MOISELLES stammen ebenfalls aus Hagen, dürften aber bei weitem noch nicht so lange unterwegs wie die Kollegen sein. Musikalisch fährt man ganz grob ‘ne ähnliche Schiene, englischsprachiger Punkrock der alten Schule eben, etwas ruppiger und aggressiver, angepisster und grundsätzlich echt nicht verkehrt, musikalisch ‘ne ehrenwerte, wohlklingende Angelegenheit. Nach ein paar Minuten jedoch verweigerte das Quintett den Dienst und verlangte mehr Bier – bis dahin absolut verständlich. Doch auch mit neuen Kannen ausgestattet tat sich erst mal nix und der Sänger lümmelte auf dem Bühnenboden herum. Irgendwann ging’s dann nach ‘nem verbalen Arschtritt des Drummers weiter, woraufhin der Sänger sich offenbar genötigt fühlte, ‘ne besonders ausgefallene Show hinzulegen: Er mimte den Besoffski und saß, kroch oder lag mehr auf der Bühne herum, als dass er sich in der Senkrechten befand. So richtig authentisch wirkte das nur leider nicht, was aber wiederum ganz gut war, da die Texte anscheinend saßen und gesanglich alles gepasst zu haben schien. Gute Songs und Performance aller Beteiligten also mit seltsamer, übertriebener Show-Einlage, deren Sinn sich mir nicht erschloss und die irgendwie bizarr und einfach drüber war.

Das war’s dann auch mit dem öffentlichen Teil  der Geburtstagssause Señor Mäggies, der nur einen Tag später mit den SOUL INVADERS im privaten Kreise auf dem Gaußplatz weiterfeiern sollte – je oller, je doller. Glückwunsch noch mal und danke darüber hinaus an seine Helfer und das Lobusch-Team (insbesondere Sonja fürs Überwachen unseres eigentlich nur zu repräsentativen Zwecken aufgebauten Merch-Stands) sowie an Meisterkoch Olax fürs leibliche Wohl über Kaltgetränke hinaus und last but noch least an Jana und Flo für die Schnappschüsse unseres Gigs!

15.09.2017, Archiv, Potsdam: ZUNAME + BOLANOW BRAWL

Nach mehreren Anläufen hatte es an diesem Spätestsommerabend endlich mit dem Archiv geklappt: Die Brigada-Caoz-/Ready-To-Fight-Shows-Konzertgruppe war so freundlich wie mutig, uns als Support für die russischen Folk-Streetpunks ZUNAME zu buchen, die sich auf Deutschland-Tour befanden und erst am Wochenende zuvor in Hamburg gezockt hatten. Wodka meets Whisky sozusagen, das passte doch. Ich will hier gar nicht lange mit meinen fast schon obligatorischen Ausführungen zu meinem Gesundheitszustand langweilen; natürlich hatte ich mir auch vor diesem Gig ‘nen Röchelhusten eingefangen, aber dank pharmazeutischer Erzeugnisse rechtzeitig weitestgehend in den Griff bekommen. Die Hinfahrt gestaltete sich unspektakulär; am meisten zu schaffen machte uns eigentlich der Hamburger Freitagnachmittagsverkehr – die Potsdamer Sackgasse, in die uns der Navi leitete, konnte uns da nicht mehr schocken. Vor Ort nahm man uns freundlich in Empfang und versorgte uns mit Sternburg Export sowie weiteren Bier-Spezialitäten. Im geräumigen Backstage-Bereich standen Knabbergebäck, Handtücher und Pfeffi bereit und man führte uns durch das ehemals besetzte, schon mal geräumte, doch unlängst rebesetzte wieder legalisierte Gebäude. Das Archiv ist eine riesige Bude mit räumlich abgetrenntem Kneipenbereich, langen Gängen und rustikalem Charme, dabei pikobello sauber und aufgeräumt. Kein Vergleich also zu den engen, drängeligen HH-D.I.Y-Clubs.

Das Konzert war für etwas später angesetzt worden, da der eine oder andere Besucher und Helfer an der vorher stattfindenden Demo für bezahlbaren Wohnraum teilnahm. Letztlich wurden es mit 21:00 Uhr Einlass und 22:20 Uhr Konzertbeginn aber gewohnte Zeiten. Vorher soundcheckten wir auf der „kleinen“, ebenerdigen Bühne, wo der kompetente Soundchef den üblichen Lautstärkekrieg unserer Saitenfraktion resolut unterband. Danke! Anschließend konnte ich in Ruhe unseren kleinen Merch-Bauchladen aufbauen, der sogar frequentiert wurde (hätte ich das gewusst, hätte ich Wechselgeld eingepackt), bis es plötzlich doch hektisch wurde: Zehn Minuten früher als von mir anhand einer komplexen Konzertbeginnformel errechnet komplimentierte man uns auf die Bühne; meine Band stand Gewehr bei Fuß und rief panisch nach mir, als ich noch einen provisorischen Toilettengang für angebracht hielt – wir waren hier schließlich nicht bei GG Allin. Also ohne viel Federlesen 1, 2, 3, 4, „Total Escalation“ und elf weitere Kamellen, angekündigt als Buxtehuder Rock-Oper in zwölf Akten auf den Spuren von The Who. Bei „Where Is My Hope“ – ausgerechnet einem der Oldies – erwischte mich ein kurzer Blackout, ein Gitarrensolo sprang über die Klinge und der eine oder anderen Ton hatte etwas Schlagseite, alles in allem schlugen wir uns aber wohl recht ordentlich. Teile der Band waren jedoch dem Gerücht aufgesessen, dass genereller Zeitmangel herrsche und hasteten dadurch ungewohnt eilig durchs Set. Dies verhinderte indes das normalerweise zwischen die Songs verteilte Stand-Up-Programm aus alten Witzen à la Fips Asmussen und gegenseitigen Beleidigungen und sorgte dafür, dass man mich ausnahmsweise einmal nicht zu düpieren versuchte. Ganz am Ende rief sogar einer „Zugabe“ – wir taten aber so, als hätten wir es nicht vernommen.

Die russischen Celtic-Folk-Streetpunks ZUNAME hatte ich bereits in Hamburg ausgekundschaftet und für unbedingt abfeierungswert befunden. Auch diesmal gab’s wieder ordentlich was fürs Geld, ein sattes Set von ca. 20 Stücken wurde durchgepeitscht und Gitarrist Dimik spielte sich beinahe ‘nen Fingerkrampf. Der kehlige, raue, doch melodische bis hymnische Streetpunk mit seinen Dudelsack-Einsätzen, -Soli und -Leads der stets fröhlichen Marina kam auch ins Potsdam bestens an, sorgte für ‘nen vollen Saal und eine Traube Tanzwütiger und zog auch mich weg vom Merch-Stand. Nach ‘ner Zugabe war irgendwann Schluss und alle waren glücklich – außer ich, denn mein bevorzugtes Shirt-Motiv gab’s nicht mehr in meiner Größe (nein, nicht XXXL) …

Backstage kümmerte sich Ole um den deutsch-russischen Kulturaustausch, indem er gemeinsam mit den Moskauern die trinkkulturellen Unterschiede erörterte und auf einem staubigen Spiegel skizzierte, vor dem etwas später noch streng wissenschaftlich übers Saufen doziert und über die korrekte Anwendung entsprechender Formeln debattiert wurde. Als die Veranstalter das nicht mehr verantworten konnten, begleitete man uns zu einem Gelände, wo für beide Bands komfortable Schlafgemächer bereitstanden, man Flo und mir sogar ein Einzelzimmer zur Verfügung stellte und wir auf Zombies, mit Bananen kämpfende Russen und weitere Bizarrerien trafen. Ein kleiner Wermutstopfen für eine zünftige After-Show-Party war, dass man zum Getränkeholen in den sich ebenfalls auf dem Gelände befindenden Club verwies, wo sich die absurde Plastikmusik in ohrenbetäubender Lautstärke auflegenden Veranstalter unwissend stellten und nichts von der Absprache wissen wollten, dass man mit Band-Bändchen aus dem Archiv keinen Eintritt berappen müsse, nur um an den Tresen zu gelangen. Aber sei’s drum, war hoffentlich für’n guten Zweck. An jedes gesprochene Wort in der Küche der Unterkunft kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es wurde viel gesabbelt, gelacht und weitergetrunken, bis irgendwann nichts mehr ging. Die letzte Bastion dürften Flo und ich gewesen sein, bis auch wir uns irgendwann ablegten und ich am nächsten Morgen zunächst nicht aus der Pofe kam. So ließ ich den anderen den Vortritt beim reichhaltigen Frühstücksbuffet inkl. selbstgemachter Brotaufstriche, frischem Grünzeug etc. – glücklicherweise ließ man genug für mich übrig! Beim Gruppenfoto mit der ganzen Crew war ich dann leider Zähneputzen, aber auch Stulle fehlte, da er sich mit seiner schwangeren Freundin bereits nach dem Gig abgesetzt und an diesem Tag einen weiteren Termin wahrzunehmen hatte.

Bis uns unsere Fahrerin auf ihrem Weg von Erfurt nach Hamburg abholen sollte, hatten wir noch ein paar Stunden Zeit, die wir – von Brigada Caoz mit einem Kinderstadtplan ausgestattet – bei bestem Wetter für einen ausgiebigen Spaziergang durch die Hauptverkehrsstraßen der Stadt nutzten, bis wir uns auf dem Zeppifest in der Zeppelinstraße einfanden, wo’s Konterbierchen zu sübbeln und die ersten beiden Bands zu hören gab. Meine Freunde vom PROJEKT PULVERTOASTMANN verpasste ich aber, so viel Zeit hatten wir dann doch nicht mehr. In eine Band wie KRUSTENBOXER mit der Beschreibung „Anti-Crust-GeOi!e“ o.ä. hätte ich dann eigentlich aber schon gern noch reingehört…

Als uns unsere Fahrerin mit ihrer fantastischen Frisur an der Unterkunft einsammelte, war diese schon wieder blitzblank gewienert – Respekt! Die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle und mit einigen von Studio Braun und dem Gelaber meiner Bandkollegen provozierten Lachflashs, bis Hamburg uns zu vorgerückter Stunde zurückhatte. ZUNAME bezeichneten Potsdam im Nachhinein als den Höhepunkt ihrer Tour, was sicherlich mit dem großartigen Job zu tun haben dürfte, den die Veranstalter geleistet haben. Angefangen beim warmherzigen Empfang über das schmackhafte Essen bis hin zur Abrissparty fühlten wir uns jederzeit bestens aufgehoben und sprechen an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten unseren Dank aus! Die sind mit viel Hingabe bei der Sache, was sich nicht zuletzt in zahlreichen Details äußert, die ich hier nicht alle aufführen kann. Äußerst angenehm ist es auch, dass man im Archiv offenbar den Merch-Stand auch mal alleinlassen kann, ohne Fünf-Finger-Discounter befürchten zu müssen. Noch vor Ort lud man uns zum Open-Air-Festival am 18. und 19.05.2018 ein, was wir bereits zugesagt haben. Ein Wiedersehen ist also lediglich eine Frage der Zeit. Fazit: Wer braucht Berlin, wenn er Potsdam haben kann?

P.S.: Danke auch an Flo für die Fotos unseres Gigs!

09.09.2017, Menschenzoo, Hamburg: ZUNAME + HAMBURGER ABSCHAUM

Auf ihrer Deutschland-Tour unternahmen die russischen Folk-Streetpunks ZUNAME auch einen Abstecher in den Menschenzoo, wo der ehrenwerte HAMBURGER ABSCHAUM den Vornamen (höhö…) machte. Gegen 22:30 Uhr blies der siebenköpfige Lokalmatador in gewohnter Manier zum Angriff, wenn auch diesmal aufgrund der Affenhitze im Zoo unter etwas erschwerten Bedingungen. Beide Sänger schwitzten sich den Arsch ab, bewiesen aber Durchhaltevermögen und boten Hamburger Trompetenpunk-Folklore der sympathischen Sorte. Das Publikum stand dichtgedrängt und kam dank des mit zahlreichen Klassikern sowie einigen neueren Stücken gespickten Sets auf seine Kosten. Los ging’s mit dem schon länger bekannten, kürzlich jedoch endlich auf Vinyl verewigten „Hetze“, für „Rasur“ wurde die Kettensäge ausgepackt, die den Raum mit wundervollem Benzingeruch erfüllte, die AfD bekam gleich zweimal „Auf’s Maul“, mit „Lauf“ erinnerte man an die Band LABSKAUS, der „Trekker Song“ freute nicht nur Hobbybauern und „Nich‘ mein Ding“ provozierte den obligatorischen „Döp-Döp“-Chor. Die „Refugees Welcome“-Nummer vom Lampedusa-Soli-Sampler fehlte ebenso wenig wie „Ein Schritt nach vorn“, das wie der Opener auf der neuen Split-7“ vertreten ist und Gitarrist Dauxis Talent in Sachen Gitarren-Leads unter Beweis stellt, mit dem er auch den einen oder anderen Song, der vor seiner Zeit entstanden ist, etwas aufmöbelt. Gänzlich unbekannt war mir eine düstere, fast metalige Nummer, die ebenfalls gut reinlief. Einzig zwischen den Songs hatte man mit fiesen Rückkopplungen zu kämpfen, die glücklicherweise verstummten, sobald weitermusiziert wurde. Als Zugabe wurde nochmals kräftig auf die Norm geschissen, denn „Nich‘ mein Ding“ musste noch mal herhalten und alle döpten wieder kräftig mit. Erwartungsgemäß geiler Gig!

Und was erwartete uns jetzt? Russen, die einen auf Irish Folk machen und Whisky statt Wodka saufen? DROPKICK MURPHYS in der Ostblock-Variante, THE POGUES mit russischem Akzent? Alles Quatsch, ZUNAME (die man wohl am ehesten „Tsunami“ ausspricht) tanzten auch nicht ihren Namen, sondern spielten mehrstimmigen rauen Streetpunk, kraftvoll und unaufdringlich melodisch, in russischer und englischer Sprache und begleitet von einer dauerlächelnden, offenbar sehr glücklichen Dudelsackspielerin, die für den Folk-Anteil sorgte. Dieser war also weit weniger dominant, als ich es erwartet hatte und das machte auch nichts. Diese Mischung hatte es in sich, denn die Songs gingen sofort ins Ohr, der Dudelsack fügte sich gut ein und dank zweier Gitarren blieb die Saitenfraktion stets im Vordergrund und sorgte für einen satten Sound. Der Bassist und einer der Gitarristen wechselten zwischenzeitlich ihre Bühnenposition, alle drei Vorderleute sangen und der Drummer gab ‘nen kräftigen Beat vor. Zwar hatten sich nach der Vorband die Reihen ein wenig gelichtet, aber alle Dagebliebenen schienen sich einig zu sein, dass ZUNAME ordentlich Stimmung in die Bude bringen und feierten die Band entsprechend ab. Soundprobleme gab’s keine mehr, schön satt knallte die Moskauer Melange aus den Boxen. Eine Zugabe wurde ebenfalls verlangt und insgesamt dürften ZUNAME auf knapp 20 Songs gekommen sein. Klasse Band, ich freue mich auf unseren gemeinsamen Gig in Potsdam diesen Freitag!

Mad-Taschenbuch Nr. 10: Dick De Bartolo, Mort Drucker, Jack Davis – Mad in Hollywood: Das große Kino-Lachbuch

Die klassischen Mad-Hefte begannen i.d.R. mit einem mehrseitigen Comic, der einen aktuellen Kinofilm, eine Serie, eine TV-Show o.ä. persiflierte. Diese waren meist erfrischend frech und respektlos und trugen dazu bei, den typischen Mad-Humor zu prägen. Mit dem Mitte der 1970er erschienen zehnten Taschenbuch erschienen diese in Deutschland erstmal gesammelt in Buchform: Auf rund 160 Seiten werden nach einem die Zeichner Jack Davis und Mort Drucker sowie den Autoren Dick De Bartolo beleidigenden Vorwort fünf Filmgenres abgedeckt: „Seenot“ persifliert den Untergang der Titanic und ähnliche Katastrophenfilme und bezieht seinen Humor in erster Linie aus einem komplett unfähigen Kapitän, „Mord um Mitternacht“ nimmt die „Der dünne Mann“-Krimis köstlich aufs Korn, „Flug 1313“ klingt nach einem weiteren Katastrophenfilm, ist jedoch eine amüsante Abhandlung über menschlichen Opportunismus und Doppelmoral angesichts des drohenden Todes, „Dr. Krankenscheins Fluch“ ist eine „Frankenstein“-Persiflage, die es auf Mad-Scientist-Klischees abgesehen hat und „Goldene Träume, gebrochene Herzen“ parodiert kitschige Musicals, ihre Oberflächlichkeit und den immensen Druck hinter den Kulissen, dem sich die Darsteller ausgesetzt sehen. Mein humoristischer Favorit ist „Mord um Mitternacht“, inhaltlich hat es „Flug 1313“ am stärksten in sich, meinen Humor treffen jedoch alle fünf Geschichten. Nicht nur für Filmfreunde ein schöner Spaß, der sich allen Kino-Trends zum Trotz erstaunlich wenig abgenutzt hat.

02.09.2017, Lobusch, Hamburg: BOUNCING BETTYS + LIQUOR SHOP ROCKERS + CRASS DEFECTED CHARACTER

Unter dem Motto „Punks meets Disco“ feierte die mir in erster Linie vom Sehen auf Gigs etc. bekannte Julia ihren 30. Geburtstag öffentlich in der altehrwürdigen Lobusch und hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, zu diesem Anlass möglichst illustre Stimmungskapellen zu verpflichten. Fragte ich mich anfänglich noch, wo denn das ganze Partyvolk bliebe und ob es sich bei dem Typen im weiblichen Kängurukostüm wohl um BOUNCING BETTY handele, war nach den ersten paar Bierkannen die Bude ca. zur Hälfte gefüllt und CRASS DEFECTED CHARACTER gaben Gas – bzw. erst mal ein Ständchen zum Besten, natürlich für „das Julia“, und zwar auf der Melodie von Wolle Petrys „Ruhrgebiet“. Den Namen Petry wieder positiv besetzen – geglückt! Im Anschluss folgte die gewohnte Mischung aus explosivem deutschsprachigem HC-Punk, meist im Up-, seltener im Midtempo und mit Hits wie „Eine Handvoll Fick Dich“, „Protest durch Sachschaden“ oder auch „Geiz ist geil“. Der Sound war derart gut, dass nicht nur Manus Bass kräftig knatterte, sondern auch die Texte deutlich zu vernehmen waren, die größtenteils aus dem Munde des vermutlich erstmals auf seine obligatorische Mütze verzichtenden Sängers/Gitarristen des Trios kamen. Was kommt als nächstes? Manu nimmt seine Sonnenbrille ab?! Unfassbar! Es war anscheinend nicht ganz einfach, ausgelassene Stimmung in die Bude zu kriegen, so richtig traute sich kaum jemand zum gepflegten Pogo. Je öfter die Gastgeberin jedoch mit ihrem Schnapstablett die Runde machte, desto lockerer wurde die Meute.  Natürlich musste ‘ne Zugabe her und CDC beschlossen ihren Gig, wie sie ihn eröffnet hatten:  Mit ihrem Julia-Ständchen, diesmal jedoch mit vergnügt tanzendem Geburtstagskind auf der Bühne. Ein beeindruckender Gig voll kontrollierter Aggression, technischer Tightness und inhaltlicher Relevanz, dessen Tüpfelchen auf dem I „Life is too long“ mit Gastsängerin gewesen wäre, wie es in der Vergangenheit regelmäßig der Fall war – aber man kann nicht alles haben.

Die noch recht neuen, jedoch nicht mehr jungen LIQUOR SHOP ROCKERS hatte ich mittlerweile bereits zweimal gesehen, einmal davon hier in der Lobusch, und auch diesmal veranstaltete das sich aus alten Szenerecken zusammensetzende Quartett wieder ordentlich Rambazamba mit seinem derben Punk/HC-Mix. Die Jungs sowie die Dame am Bass waren bestens aufgelegt und ebenfalls mit einem klasse Sound gesegnet, der Ninas Hokus-Pokus-Fidibass fast wie ‘ne zweite Klampfe klingen ließ. Das drückte wieder einwandfrei von der Bühne und animierte zu mittlerweile vorgerückter Stunde auch den einen oder anderem mehr zum Ausdruckstanz. Schicke Shirts hat man nun am Start, von denen ich mir gleich mal eines sicherte. Eigentlich war ich nach diesem Gig auch schon bedient, weil völlig zufrieden und längst gut angeheitert, aber der Headliner scharrte bereits mit den Hufen.

Die BOUNCING BETTYS aus Limburg hatten nichts mit dem Kängurufraumann zu tun, sondern entpuppten sich als gitarrenloses Bass- und Drum-Duo, das seinen Stil „Powerdisco“ getauft hat und der Veranstaltung damit ihr Motto gab. Seit 2015 ist man anscheinend mit dieser Mischung aus Punk und analogem Disco-Sound unterwegs, der für mich ehrlich gesagt vielmehr nach Stoner Rock o.ä. klang, was ja so gar nicht meine cup of pee ist. Unterhaltsam anzusehen war’s aber allemal und der Sound immer noch erträglicher als tatsächliches Disco-Geskasper. Trinken ließ sich dazu gut und die flotteren Stücke waren mitunter gar nicht übel. Wie lange ich danach noch vor Ort war, kann ich gar nicht genau sagen, aber es war in jedem Fall ein spaßiger Abend, ‘ne gelungene Party in sehr angenehmer Atmosphäre und ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Daher: Danke an Julia, die Lobusch und die Bands!

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