Gnnis Reviews

Month: März 2018

E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Wenn man ein Germanistik-Studium begonnen hat und zunächst einmal mit Martin Opitz konfrontiert wird, können einem durchaus Zweifel kommen. Eine regelrechte Wohltat ist es hingegen, wenn man sich im Anschluss dem „Sandmann“ widmen darf, jener schauerromantischen Kurzgeschichte aus dem 1816 veröffentlichten Zyklus „Nachtstücke“ des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, handelt es sich doch um eine einigen altertümlichen Begriffen zum Trotz problemlos lesbare Mischung aus Horror, Science-Fiction und Psycho-Thriller, gepaart mit einer gehörigen Portion Wahnsinn und etwas schwarzem Humor.

Zu Kindheitszeiten wurde Nathanael traumatisiert, als er heimlich seinen Vater dabei beobachtete, wie dieser mit dem Advokaten Coppelius alchemistische Experimente durchführte. Dabei wurde Nathanael entdeckt und von Coppelius misshandelt. Bei einem weiteren Experiment starb Nathanaels Vater gar durch eine Explosion. Seither bringt er Coppelius mit dem Sandmann aus dem Märchen in Verbindung, das ihm zum Einschlafen vorgelesen wurde. Als Erwachsener Mann ist er mit der mit beiden Beinen fest im Leben stehenden Clara verlobt. Als er auf den Wetterglashändler Coppola trifft, gerät Nathanaels Welt jedoch erneut ins Wanken: Er glaubt, in ihm Coppelius wiederzuerkennen und verrennt sich in diese fixe Idee, das alte Trauma bricht wieder auf. Von Clara entfremdet er sich und verliebt sich stattdessen in Olimpia, die Tochter seines Professors Spalanzani – die sich als lebloser Roboter entpuppt. Nach einem stationären Aufenthalt in der Irrenanstalt wird Nathanael als geheilt entlassen, doch ein Wiedersehen mit Coppola nimmt kein gutes Ende.

„Der Sandmann“ verbindet den Horror eines Kindheitstraumas und den daraus resultierenden Wahnsinn mit früher Science-Fiction um einen Androiden, der zur Reflektionsfläche des beziehungsunfähigen, narzisstischen Nathanaels wird. Olimpia widerspricht Nathanael nie, scheint ihn in seinen Ansichten eher zu bestärken – was er nie bemerkt. Mit seinen Schauerelementen, starken Gefühlswallungen und unbewussten Ängsten ist er ein typisches Kind der Epoche der Romantik, wiederkehrende Motive sind die Augen als Wahrnehmungsorgan und metaphorischer Spiegel der Seele, Feuer, Teufel und Schwärze als Höllensymbolik, diabolisches Lachen, Lärm, die puppenähnliche Dissoziation menschlicher Körper und schließlich der Tod. In den Personen Coppelius und Coppola, die für Nathanaels eins sind, findet die Traumatisierung Nathanaels Ausdruck, die immer wieder hochkommt, die er emotional ein ums andere Mal durchlebt.

In seinem Aufbau nimmt „Der Sandmann“ eine Ausnahmestellung ein und wurde damit zu einem beliebten Studienobjekt für Germanistiklehrende und die Literaturforschung: Die Erzählung beginnt mit drei aufeinanderfolgenden Briefen: Nathanael wendet sich an seinen Jugendfreund Lothar, sendet den Brief jedoch irrtümlich an Clara, seine Verlobte und Schwester Lothars, die ihm schriftlich antwortet. Der dritte Brief ist ein weiterer Nathanaels an Lothar. Erst dann meldet sich der Erzähler zu Wort, der Nathanael als einen alten Freund bezeichnet und sich als ein Autor zu erkennen gibt, der den Leser direkt anspricht. Bei ihm handelt es sich um einen hetero- und extradiegetischen Erzähler mit Nullfokalisierung, also jemanden, der selbst eigentlich nicht Teil der Handlung ist und alles über Nathanael zu wissen scheint. Dennoch nimmt er zwischenzeitlich eine interne Fokalisierung an, wenn er in bestimmten Momenten lediglich über Nathanaels subjektive Sichtweise verfügt, wird also vom allwissenden Erzähler zu einem, der nur über den Wissensstand (einer) der Figuren verfügt. Dabei könnte es sich um einen Kniff Hoffmanns gehandelt haben, um auf die Parallelen zwischen dem Erzähler und Nathanael hinzuweisen: Beide sind Dichter, Nathanael jedoch ein erfolgloser. In beiden glüht eine „innere Glut“, beide projizieren Bilder aus ihrem Inneren nach außen, und romantischen Dichtern sagt man ohnehin nach, an der Grenze zum Wahnsinn zu leben. Doch der Erzähler gießt seinen Wahnsinn als Autor in Form, ist Herr seines Stoffs und kann ihn dadurch verarbeiten – was der Geisteskranke nicht kann. Insofern handelt es sich bei Nathanael evtl. um ein Alter Ego des Erzählers, einen Teil seiner selbst, den er mit dem Tod Nathanaels sterben lassen möchte. Zweifelsohne jedenfalls ist Nathanael jemand, mit dem sich der Erzähler stark identifiziert, was auch sein kaum vorhandenes Interesse an den geistig gesunden Figuren seiner Erzählung verdeutlicht.

Meine Ausgabe aus der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags bildet die Geschichte auf 47 Seiten ab; es folgt ein fünfseitiger Teil mit Anmerkungen, der vor allem heutzutage nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert. Sechsseitige Literaturhinweise bieten einen Überblick über Ausgaben, Quellen sowie begleitende und vertiefende Literatur. Ein ausführliches siebzehnseitiges Nachwort ordnet Hoffmanns Erzählung ein und liefert erste Interpretationsansätze. Für schlanke 2,- EUR kommt man bereits in den Genuss – und für diesen muss man nun wirklich kein Germanistik-Student, nicht einmal sonderlich interessiert an tiefergehender Auseinandersetzung mit Literatur sein, sondern einfach nur Lust auf eine gelungene, klassische und einflussreiche Schauermär haben.

17.03.2018, Kulturpalast, Hamburg: VENOM INC. + SUFFOCATION + DESASTER + NERVOSA + AETERNAM + SURVIVE + MIDNIGHT FORCE

Als ich anno dazumal nur VENOM INC. und NERVOSA in der Konzertankündigung las, wurde ich gleich nervös und hab‘ mir schnellstmöglich Karten gesichert, weil ich ahnte: Das würde eng werden. Doch statt in der muggeligen Bambi Galore fand die mit insgesamt sieben Bands auf Festivalgröße aufgeblasene Sause im neu errichteten Kulturpalast statt, der ebenerdig und für größere Veranstaltungen ausgelegt ist. Etwas Verwirrung gab’s im Vorfeld um die Uhrzeit, Facebook-Veranstaltungskalender und Kulturpalast-Internetauftritt widersprachen sich da. Letztlich sollte es um 16:30 Uhr losgehen, doch der Beginn verzögerte sich um ‘ne halbe Stunde – was leider offenbar durch Spielzeitverknappung wieder reingeholt werden solle, aber dazu später mehr. So kamen wir dann doch nicht zu spät und konnten noch in Ruhe ‘ne Merch-Runde drehen, erstaunt feststellen, dass auch Imbissverpflegung und Wacken-Tee angeboten wurden und ein erstes Bierchen zischen.

In der noch übersichtlich gefüllten Halle eröffneten MIDNIGHT FORCE, eine noch junge Band aus Schottland, die auf köstliche Weise Epic-Metal-Gedöns persiflierte: Ein um die Töne ringender (aufgrund des miesen Sounds vor der Bühne ohnehin kaum zu hörender) Sänger mit Robin-Hood-Armschützern und hübschen Schleifchen in seinen Stiefeln, der verunsichert posiert/gestikuliert und sein Mikro auch mal mit ‘nem imaginären Schwert verwechselt, ein Basser auf Socken, der gern mal Fünfe gerade sein lässt und es sich auf dem Bühnenboden bequem macht und ein Drummer, der noch während des letzten Songs sein Equipment abbaut. Nur der Gitarrist im schicken King-Diamond-Shirt hielt sich mit Späßen zurück. Haben trotzdem gut geschmunzelt.

Auch SURVIVE aus Japan sagten mir im Vorfeld so gar nichts. Die zocken ‘ne Mischung aus modernem Brachial-Thrash und Metalcore oder so und der erste Song ging direkt mal im Soundmatsch unter. Danach wurde die Akustik jedoch deutlich besser und, doch, der Endzeit-Look und heftig drückende Sound hatten was, einen gewissen Unterhaltungswert konnte man der Darbietung nicht absprechen – wenn auch die Klargesang-Parts störten und ich noch stärker davon fasziniert war, wie allen voran der Bassist dem offenbar als Ersatz eingesprungenen (weil optisch arg aus der Reihe fallenden) Drummer unablässig Signale für Einsätze, Wechsel, Fills etc. gab. An Spielzeit hatte man ihnen anscheinend locker zehn Minuten abgeknapst und so war der Gig in der mittlerweile stärker gefüllten Halle recht schnell durch.

Die Symphonic-Death-Metaller AETERNAM aus Kanada liefen bislang ebenfalls komplett unter meinem Radar, denn alles, was mit „symphonic“ zu tun hat, meide ich wie der Teufel das Weihwasser und halte ich für ziemlich überflüssig.  In diesem konkreten Fall bekam ich’s dann mit weniger stumpfem, bisweilen hörenswertem Death Metal zu tun, in dessen Hintergrund irgendwelche ach-so-symphonischen Samples aus der Konserve herumkleisterten. Der Shouter und Gitarrist war dafür motiviert bis in die Haarspitzen, wirkte recht sympathisch und dem Publikum gefiel’s offenbar.

Es folgte der erste Höhepunkt der Abends: Die drei Brasilianerinnen von NERVOSA gehören seit ihrem Debüt zu meinen Favoriten, was zeitgenössischen, fiesen Thrash Metal betrifft. Vor der Bühne wurde sich nun ordentlich gedrängelt, doch, oh Graus: Fernandas Gesang und Prikas Gitarre waren kaum zu vernehmen und es dauert eine ganze Weile, bis der Sound hörbar besser wurde. Die Band war in bester Spiellaune und Fernanda agil wie eh und je, doch nach dem großen Finale mit „Into Moshpit“, bei dem der Mob dann auch mal so richtig in Bewegung geriet, war schon wieder Schluss – nach offenbar ebenfalls nicht mehr als 25 Minuten. Aufgrund des schwachen Sounds und der knappen Spielzeit die erste kleine Enttäuschung des Abends, trotz Spitzenband.

Die Koblenzer Black-Thrasher DESASTER hatte ich bisher weniger auf dem Schirm, irgendetwas fehlte mir auf den Alben immer, so 100%ig ist’s nicht mein Sound. Nach der Bekanntgabe, dass Drummer Husky nun nicht mehr „nur“ nebenbei noch bei ASPHYX die Felle malträtiert, sondern auch der Nachfolger Makkas bei Ruhrpott’s Finest SODOM ist, war ich aber besonders auf den Gig gespannt. Und, ja: Die Band mit Bodybuilder am Gesangsmikro, Guildo Horn an der Klampfe und einem verhuschten corpsegepainteten Gespenst am Tieftöner machte ordentlich Druck, der Sound war deutlich besser als bei den südamerikanischen Kolleginnen und mittels geordnetem Chaos wurde eine Aggronummer nach der anderen gezündet und ins Publikum gespien, das nun ordentlich auf Temperatur war. Machte live echt Laune, auch wenn sich kein Song so richtig festkrallen wollte. Für die grobe Kelle aber wirklich amtlich. Husky entpuppte sich zudem wie gehofft als echtes Drum-Tier, das neben Profi-Technik auch einen brutalen Punch vorlegt und offenbar mit viel Leidenschaft bei der Sache ist. Geht absolut klar und ich freue mich auf den ersten SODOM-Gig mit ihm! Ach ja, die Spielzeit schien mir nun auch angemessen.

Auf den Co-Headliner SUFFOCATION hatten sich eine Menge Besucher gefreut, mir hingegen war er ziemlich egal – bin und bleibe einfach notorischer Death-Metal-Banause. Sicher, hier haben wir es mit US-Genre-Pionieren zu tun, für mich ist das aber weitestgehend schlicht hookbefreiter Grunzlärm. Dessen Fans allerdings feierte ihre Party, wenngleich die Circle Pits zumindest anfänglich eher noch nach gemütlichen Spaziergängen aussahen. Ab und zu kamen Stagediver und Crowdsurfer vorbei. Ich schüttete mir derweil ein Bier nach dem anderen rein, bis mich die Monotonie der Musik in eine Art Trancezustand versetzt hatte. Entspannt beobachtete ich die Musiker, anhand derer Bewegungen sich mir schließlich dann und wann der Groove der Songs erschloss und ich ekstatisch mit dem Fußballen moshte, mit dem Kopf im Takt nickte und mich für meine Lady freute, der ich zum Geburtstag eine Eintrittskarte vermacht hatte und die der Chose wesentlich mehr abgewinnen konnte als ich alter Muffel. Kurios fand ich übrigens den Bassisten, der seinen kastrierten Fünfsaiter immer wieder senkrecht auf den Boden stellte und wie einen Standbass spielte. Noch wesentlicher kurioser allerdings ist’s, dass der Zeitplan mittlerweile nicht nur ein-, sondern sogar überholt worden war, sodass SUFOCATION viel früher als veranschlagt angefangen hatten – zum Ärger manch Fans, der dadurch den Großteil des Sets verpasste. Als Death Metaller hat man’s nicht immer leicht und in der Tat ist das eher so suboptimal – wobei ich mich andererseits aber frage, womit man sich ausgerechnet in HH-Billstedt denn sonst so während eines Metal-Festivals die Zeit vertreibt, dass man gar nicht mitbekommt, wenn die Lieblingsband zum Angriff bläst.

Wie dem auch sei, nu‘ aber: VENOM! Meine ewige Leib- und Magenband neben IRON MAIDEN, SODOM und CYNDI LAUPER. Ok, es war jene Inkarnation mit dem INC. dahinter, also ohne Cronos, dafür mit den anderen beiden Gründungsmitgliedern Abaddon und Mantas sowie „Demolition Man“ Tony Dolan an Bass und Gesang, den ich schon bei ATOMKRAFT cool fand und der von 1989 bis 1992 bei VENOM verpflichtet war. Das „Prime Evil“-Album seinerzeit war ein deutlicher Fortschritt nach dem eher missglückten „Calm Before The Storm“, dem damals letzten mit Cronos. Live hatten mir VENOM INC. bereits 2016 auf dem Metal-Bash-Open-Air die Möbel geradegerückt, doch da waren sie auch noch nicht mit neuem Material am Start. Das fand ich aus der Konserve auch eher so semi, natürlich wollte ich in erster Linie die alten Schoten hören. Aber wer zur Hölle war dieser Jungspund da hinter den Nuclear Warheads? Ach wat, Abaddon ist noch mal Vater geworden und wird von einem gewissen Jeramie Kling vertreten? Hätte man das nicht umgekehrt machen können? Kleiner Scherz, große Unterschiede konnte ich keine ausmachen, es rumpelte vielleicht etwas weniger. Ging los mit „Avé Satanas“ von der neuen Platte, danach wechselten sich alte und neue Stücke ‘ne Zeitlang mehr oder weniger ab. Entweder integrierte sich der neue, durchs Double-Bass-Getrete gut auszumachende Stoff live überraschend passabel ins Set oder mir war auf meiner alkoholgepitchten Euphoriewelle mittlerweile alles egal. Zum Mitgrölen luden natürlich Klassiker wie „Welcome To Hell“, „Die Hard, „Live Like An Angel (Die Like A Devil)“, „Black Metal“ und „Countess Bathory“ ein, das „Prime Evil“-Album wurde mit „Parasite“ berücksichtigt und als Zugaben gab’s „Sons Of Satan“ und „Witching Hour“ auf die ehrfurchtsvoll gespitzten Löffel. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, bekam man die anfänglichen Soundprobleme bald in den Griff. Dolan ist immer noch ‘ne coole Sau mit klasse Bühnenausstrahlung und Mantas mit ohne Schnurri, dafür Irokesenzopf genoss sichtlich die Nähe zum Publikum, wenn er am vorderen Bühnenrand herumturnte und seine Sechssaitige fidelte. Von Stagedivern ließ man sich nicht irritieren und machte generell einen fitten, spielfreudigen Eindruck. Die Kirsche auf der Setlisthaube wäre gewesen, hätte man noch ‘nen schönen alten ATOMKRAFT-Stampfer skandiert. Dolan sieht nach wie vor wie aus vom „Mad Max II“- oder „Hügel der blutigen Augen“-Filmset entführt; in Kombination mit VENOMs Image wirkt die Band  wie eine krude Endzeit-Metal’n’Roll-Satanisten-Sekte auf mich. Als Kind der ‘80er stehe ich natürlich total auf so was, so dass ich’s ganz mit der alten Warncke-Eis-Losung halte: Zwei VENOMs sind besser als kein VENOM.

VENOM INC. hatten ‘ne ganze Weile gespielt, länger als ‘ne Stunde (wie ursprünglich geplant) – deshalb die Umstellung des Zeitplans? Mein Gesamteindruck des Festivals ist etwas durchwachsen: Den günstigen Preisen zum Trotz hätte ich’s geiler gefunden, NERVOSA, DESASTER und VENOM INC. im Bambi zu sehen, was jedoch reichlich egoistisch gewesen wäre, denn da hätten niemals alle reingepasst. Letztlich überwog aber eindeutig der Spaß und so bot sich eben die Möglichkeit, auch mal wieder ein bisschen über den musikalischen Tellerrand hinauszublicken bzw. -horchen. Ein interessanter lokaler Opener – davon gibt’s in Hamburg doch genug – wäre mir aber lieber gewesen als MIDNIGHT FORCE, NERVOSA sollten, wo auch immer sie auftreten, mind. eine Dreiviertelstunde zocken und falls die Soundprobleme an der Hallenakustik liegen, hoffe ich, dass man sie zukünftig besser gehandhabt bekommt. Ansonsten bin ich gut auf meine Kosten gekommen und hab‘ meine Soul mal wieder derbe to the Gods Rock’n’Roll downgelayt.

Frank Schäfer – Was soll der Lärm? Rock-Kritiken

2005, zwischen seiner Anekdoten-Sammlung „Pünschel gibt Stoff“ und dem Sammelband „Soundtrack eines Sommers“, für den er als Herausgeber fungierte, veröffentlichte Frank Schäfer im Reiffer-Verlag seine knapp 100 Seiten starke und rund 40 Kapitel umfassende Sammlung an Plattenkritiken und vereinzelt eingestreuten Konzertberichten im praktischen Taschenbuchformat, die zuvor bereits im „Rolling Stone“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „jungen Welt“ verstreut abgedruckt wurden. Vorangestellt wurde ein Vorwort, dass ebenso anschaulich wie amüsant von einer typischen Lesung zum Thema Heavy Metal zu berichten weiß. Von Neil Young über Motörhead und Turbonegro zu Type O Negative, von einer Richard-Hell-Anthologie über Lynard Skynard, Gary Moore und  Bad Religion zu Gluecifer/Hellacopters/Backyard Babies, von Metallica zu The Darkness und zurück zu Motörhead – Schäfer rezensiert, was innerhalb dieser Stilbreite so zwischen 2002 und 2004 an Tonträgern veröffentlicht wurde und gibt sich nicht mit den paar Zeilen, die für gewöhnlich in einschlägigen Postillen zur Verfügung stehen, zufrieden, sondern nutzt die Möglichkeit, gern mal über mehrere Seiten hinweg über das Werk, den oder die Künstler und/oder ihre Bedeutung zu philosophieren. Und dies sei ihm ausdrücklich gestattet, denn der Mann kann nicht nur schreiben, was er in diversen vorausgegangenen Veröffentlichungen bereits bewiesen hat, sondern bringt zudem sowohl die nötige Musikleidenschaft als auch ein nicht ungefähres Fachwissen mit. Als ehemaliger Gitarrist geht er oft insbesondere aufs jeweilige Geklampfe ein, was seine Kritiken lebens- und techniknaher als manch oberflächliche Meinungsbekundung der schreibenden Laienzunft erscheinen lässt und möglicherweise auch sein Faible für, nun ja, Gitarrenmusik erklärt, die eben auch mir vielleicht ewig fremdbleibende Genres wie Southern- oder Blues Rock einschließt. Zum durchaus immer mal wieder streitbaren Neil Young findet er ein schönes Fazit, und lässt er durchblicken, dass Motörhead-Scheiben (damals) neueren Datums immerhin zur Hälfte etwas taugen und es eben richtig Spaß machen kann, die jeweiligen Höhepunkte zu entdecken, möchte man ihm ebenso zustimmen wie seiner Erkenntnis, zeitgenössische Rockalben seien häufig zu lang. Allerspätestens wenn er zu einem persönlich besuchten The-Strokes-Konzert auf den Punkt bringt, was gute Gigs ausmacht und konstatieren muss, „das hier war tausendundeine Nacht, aber doch kein Rock’n’Roll! Dazu fehlte einfach die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte“, spricht er mir so dermaßen aus der Seele, dass ich weiß: Wir speisen grundsätzlich im selben Restaurant. Da darf er dann auch mal Slamdancing mit Crowdsurfing verwechseln. In Bezug auf Black Sabbath vertritt er allerdings eine sehr exklusive Einzelmeinung und Bruce Springsteens „I’m On Fire“ ist sicher vieles, aber keine „breitbeinig-tumbe Proletennummer“. Klar hat auch jeder so seine Lieblinge unter den großen, in Ehre ergrauten Rockstimmen und Schäfers ist Glenn Hughes, aber muss man deshalb wirklich jede Belanglosigkeit – dann auch noch so offensichtlich – noch irgendwie schönzureden versuchen? Ja, es sind durchaus auch diese kleineren Stolpersteine und Meinungsverschiedenheiten, an denen man sich herrlich reiben kann – ein allgemein abnickungsfähiges Konsenswerk wollte Schäfer sicher – glücklicherweise! – nicht verfassen. Auch wenn die besprochenen Alben inzwischen bereits älter und Schäfers geteilte Informationen über ihre Interpreten mittlerweile überholt sein mögen – die Kritiken bleiben auf ihre eigene Weise zeitlos. Sie ermöglichen die eine oder andere neue Perspektive auf diese oder jene Platte, aufs jeweilige Phänomen, auf die Rezeption. Sie inspirieren und machen bisweilen neugierig, der eine oder andere Titel landet als Suchbegriff in YouTube oder Spotify, der eine oder andere Semi- oder eigentlich dann doch Gar-nicht-Klassiker wird wieder hervorgekramt, der eigene Höreindruck mit Schäfers postuliertem Empfinden abgeglichen. Und wer jemals daran gezweifelt hat, dass Plattenkritiken entpragmatisiert und, ja, poetisch sein können, findet in Schäfer seinen Meister.

Mad-Taschenbuch Nr. 16: Dave Berg – Mad-Reporter Dave Berg sieht sich um

1977 widmete sich die Mad-Taschenbuch-Reihe zum zweiten Mal rund 160 Seiten lang Dave Bergs in satirischen kurzen Comics festgehaltenen Alltagsbeobachtungen, diesmal kapitelweise gebündelt in unterschiedliche Schwerpunkte wie „Abt. Kleinbürgertum – Rund um das Kind“, „Abt. Jugend-Stil – Rund um die Teenager“, „Abt. Altblütig – Rund um die Eltern“ oder „Abt. Weltscherz – Rund um die Welt“. So werden Irrsinn und Wahnwitz des Alltags aufs Korn genommen, zumeist innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, gern Generationenkonflikte und Kommunikationsprobleme betonend. Dabei gehen die Pointen auf Kosten aller Generationen und spiegeln wie üblich den damaligen Zeitgeist mit allen Widersprüchlichkeiten wieder, der süffisant persifliert wird. Der halbrealistische Zeichenstil ist gewohnt einladend, der Humor nie zu abgedreht, sondern in der Realität verwurzelt und ein besonderes Augenmerk verdient einmal Herbert Feuersteins Übersetzung inkl. der typischen Mad-Nachnamen: Zum obligatorischen Feinbein gesellen sich Zuffnik, Fröhn und Ödmann. Leider wurde mit dem Platz wieder recht großzügig umgegangen, sodass bei lediglich einem Panel pro Seite das Buch schnell durch ist.

Peter Osteried / Martin Hentschel – Simple Movie Porträt #3: Gloria Guida und die italienischen sexy Comedies

In der achtbändigen „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich der MPW-Verlag, beginnend mit Laura Gemser, weiblichen Erotikfilm-Ikonen vergangener Jahrzehnte oder auch, wie im Falle des zweitens Bands über die „Schulmädchen-Report“-Filme, einer bestimmten Filmreihe. Das dritte 84-seitige Heft, schätzungsweise aus dem Jahre 2007 oder 2008, ist eine Art Zwitter: Von der italienischen Schauspielerin und „Miss Teenage 1974“ Gloria Guida ausgehend, spannt man einen Bogen über durch sie mitinitiierten „Flotte Teens“-Filmreihe hin zum Italo-Sex-Klamauk, der Commedia Sexy all’ Italiana. Es geht also mitnichten lediglich um nackte Haut, sondern um alte Kinophänomene, die aus der durch die sexuellen Revolution ermöglichten Lust an der Freizügigkeit und den daraus resultierenden Gewinnmöglichkeiten in den 1970ern noch vor der Legalisierung von Pornographie entstanden und im Jahre 2018 vielfach in Vergessenheit geraten sind oder schlicht als längst völlig irrelevant gelten, weil die jederzeit gratis per Klick erhältliche Pornographie den Erotikfilm alter Schule längst überflüssig gemacht habe. Dass es sich dabei um ein durchaus faszinierendes Kapitel Populärkultur zwischen Kunst und Kommerz handelt, dessen Bedeutung gerade in der Retrospektive und gerade in Zeiten US-Kino-diktierter Prüderie sich einem ganz neu erschließen kann, wird dabei gern übersehen. Insofern darf man aus cineastischer und europhiler Sicht dankbar sein, dass sich jemand dieser Nischenthemen annimmt, zumal sich Guidas Schaffen eben nicht auf Klamauk beschränkte, sondern sie auch in durchaus ernstzunehmenden Erotikdramen Hauptrollen be- bzw. entkleidete.

Der Band versucht einen Spagat zwischen Bildband und Informationssammlung, der über weite Stecken recht gut gelingt: Zwischen vielen wundervollen Fotografien Guidas und zahlreichen Filmplakaten, Aushangfotos, Coverabbildungen von Heimkinoveröffentlichungen etc. auf wertigem Hochglanzpapier, die für manch einen sicherlich bereits Kaufanreiz genug gewesen sein dürften, versammeln sich nach einem Vorwort Osterieds eine kurz und bündig gehaltene Biographie der blonden Schönheit, eine ausführliche Filmographie inkl. Stab- und kurzen Inhaltsangaben, mittlerweile sicherlich hier und da überholten Informationen zu Veröffentlichungen, und meist knapp gehaltenen, mitunter nicht ganz treffenden Kurzkritiken (Di Leos „Avere vent’anni“ wurde offenbar missverstanden). Auf acht Seiten widmet man sich der „Flotte Teens“-Erotikkomödienreihe und bringt nebenbei Licht ins Titelwirrwarr (viele Filme zählen gar nicht zur Reihe, wurden aufgrund des Erfolgs der „flotten Teens“ jedoch im deutschsprachigen Raum als solche vermarktet). Einen Fauxpas leistet man sich, als man Guidas Ehemann und Schauspielkollegen Johnny Dorelli vorstellt, dies jedoch mit Fotos Alvaro Vitalis illustriert und somit den Eindruck erweckt, Guida sei mit jenem Backpfeifengesicht liiert.

Die Geister scheiden werden sich vermutlich an Hentschels 14-seitiger Abhandlung über italienische Sexklamotten, da diese doch arg aus Fan-Sicht geschrieben wurde. Das finde ich grundsätzlich nicht unsympathisch und angenehmer als eine bloße Auflistung (die es als netten Bonus am Ende des Kapitel dennoch gibt); wer sich jedoch auf Hentschels Überschwang hin mit diesen Film eindeckt, wird womöglich überrascht davon, wie stumpfsinnig und unlustig dieses Subgenre doch oftmals war. Über die Übersicht inkl. zahlreicher Coverabbildungen freue ich mich nichtsdestotrotz und ich muss zugeben, auf den einen oder anderen genannten Titel neugierig geworden zu sein. Ein Interview mit der „MIG Filmgroup“, die sich deutschsprachigen DVD-Veröffentlichungen aus diesem Bereich gewidmet hat, sowie eines mit Uwe Schier, der seinerzeit maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, diese Filme in deutsche Kinos zu bringen, runden diesen Band ebenso ab wie ein Überblick über weitere Erotik-Darstellerinnen aus der Hochzeit des italienischen Kinos, inkl. ergänzender Angaben und manch eigenartiger Information wie „Sie ist Hobby-Archäologin“ zur 1992 verstorbenen Marisa Mell. Am Ende bekommt man noch etwas MIG-Werbung mit auf den Weg.

Alles in allem eignet sich dieser Porträtband recht gut für den Einstieg in die behandelten Themengebiete. Er wurde mit sichtbarer Liebe zum Detail gestaltet, hält die Erinnerung an jene Kino-Epoche und ihre Protagonistinnen aufrecht und macht neugierig darauf, den eigenen filmischen Horizont zu erweitern, (Sub-)Genres für sich zu entdecken, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie einzuordnen und zu bewerten. Zudem fasst er sich gut an und es macht schlicht Spaß, in ihm zu blättern – ein haptisches Erlebnis, das keine Webseite bieten kann. Wie so oft im MPW-Verlag handelt es sich jedoch um eine lediglich semiprofessionelle Veröffentlichung, der ein aufmerksameres Lektorat gut getan hätte – und wie immer finde ich es schade, dass in dieser Hinsicht am falschen Ende gespart wurde.

03.03.2018, Ackerpoolco, Hamburg: SCOOTER KIDS MUST DIE + CRACKMEIER

Mein Kumpel Martin ist erst letztes Jahr aus seiner serbischen Heimat nach Hamburg gezogen, hat flugs zusammen mit ein paar anderen Rabauken ‘ne Krachcombo gegründet und lud zur CRACKMEIER-Live-Premiere ins Eidelstedter Ackerpoolco. Da müssen andere empfehlens- und unterstützenswerte Veranstaltungen zurückstecken, denn ein solches Spektakel kann ich mir unmöglich entgehen lassen. Das Ackerpoolco war mir allerdings vollkommen unbekannt, per Bus,  Bahn und Google Maps aber bald gefunden. Der Schuppen ist ein ‘nen recht guten Eindruck machendes Jugendzentrum inkl. Skatehalle, wo bereits seit 17:00 Uhr dem halsbrecherischen Rollbrettsport gefrönt wurde. Das Ganze war wohl die Geburtstagsparty eines Einheimischen, Eintritt war frei, Dithmarscher gab’s gegen paar Kröten Spende und ein Kaminfeuer sorgte an diesem arschkalten Tag („Too old to skate“? Too cold to skate!) für Wärme. Ließ sich also ganz gut an. Den einen oder anderen CRACKMEIER, so der geschmackvolle Name des neuen Sterns am Hamburger Hardcore-Himmel, hatte ich allerdings noch nie so sichtlich nervös erlebt. 😉

Diese warteten händeringend auf ihren zweiten Gitarristen Fokko, der einfach mal ganz lässig direkt zum Auftritt (ok, zum Soundcheck) erschien. Irgendwann zwischen neun und halb zehn ging’s dann los, Sänger Jesche positionierte sich vor der Bühne, nahm erstmals im Leben seine Mütze ab (hatte ihn noch nie ohne gesehen!) und wütete, brüllte, pöbelte sich durchs Set mit seinen angepissten, deutschsprachigen Hasstiraden gegen alles mögliche Verachtenswerte. Dank der beiden Gitarren der ehemaligen KAOS-KABELJAUer Fokko und Jerome (auch bei AUS DEM RASTER) und der anpeitschenden Rhythmussektion, bestehend aus dem schön dominant abgemischten Brutalo-Bass Böllers und Martins derbem, dabei technisch einwandfreiem Drumming, gab’s ein sattes Soundbrett dazu, das die Songs weder zu trocken noch monoton klingen ließ. Für einen ersten Gig überraschend tight! Hier und da gab’s etwas Background-Mitgebrüll und ein Song wurde vornehmlich von Jerome gesungen, wenn auch ohne dritte Strophe – kenn‘ ich, so wat… Das klopfte jedenfalls alles echt gut aufs Mett und provozierte auch den einen oder anderen Freudentanz im wesentlich stärker als erwartet vertretenen Publikum. Würde gern mal mit DMF zusammen mit CRACKMEIER zocken, wird hoffentlich mal möglich sein. Ein Einstand nach Maß! Bin jetzt Fan.

THE MUTTNICKS hatten leider kurzfristig abgesagt, also ging’s nach kurzer Pause direkt mit SCOOTER KIDS MUST DIE (oder auch SCOOTER KIDS UND KAI) weiter. Hatte ich noch nie von gehört, scheinen auch noch nicht sooo lange zu existieren. Mit dem Startschuss brach jedoch die Hölle los. Hatte ich es vorher schon recht optimistisch gefunden, den Tisch mit Mischpult etc. unmittelbar an der Tanzfläche aufzubauen, wurd’s nun echt gefährlich für die Technik: Bier spritzte durch die Gegend, Buddeln zerbarsten, Körper flogen herum. Ich hielt mich aus Sicherheitsgründen im Hintergrund, wie man auch den Fotos ansieht. Befürchtete ich anfänglich noch, der Sound könnte in Richung Screamo oder so gehen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Astreiner, pfeilschneller Oldschool-Hard-/Trash-/Skatecore, hektisch und hysterisch, kurze Songs, englische Texte und ein Megahit auf Deutsch: „Ihr seit [sic!] schlau“ – doch „wir sind besoffen“. „Keine Bücher – wir wollen Bier!“ Perfekt auf den Punkt gebracht – nicht nur dieser Song, sondern der ganze Gig. Bekommt man hoffentlich auch öfter mal zu Gesicht.

Während der Zigarettenpause vor der Tür wurden die Scherben zusammengekehrt, anschließend musste ich mich erst mal wieder ‘ne Viertelstunde am Kamin aufwärmen. Mit ‘nem Bier to go ging’s in den Bus und zurück nach Altona, wo wir noch ‘nen Abstecher ins Monkeys machten, das seinen dritten Geburtstag feierte – also von einer Geburtstagsfeier auf die nächste, was perfekt passte, denn immerhin war ich ebenfalls mit einem Geburtstagskind unterwegs. Eigentlich hatten wir darauf spekuliert, dort nach dem Liveteil des Programms aufzuschlagen und gratis reinzukommen, waren dafür aber etwas zu früh am Start. So mussten wir noch jeder ‘nen Zehner für die letzten Songs der JUDGE-DREAD-Coverband latzen, aber sei’s drum: Ist ja für ‘nen guten Zweck… Die Band mit dem dicken Sänger im engen Superman-Shirt machte ihre Sache ohrenscheinlich ziemlich gut, könnte man sich wohl auch mal gezielt und abendfüllend geben. Einen Teil der Verlosung sahen wir uns noch an, ansonsten gaben wir uns im Pub-Bereich bei Mucke eines sehr geschmackssicheren DJs in angenehmer Atmosphäre den Rest, jedoch nicht ohne diverse Begrüßungen und Schnacks mit bekanntem Volk und natürlich Gratulationen ans Monkeys – auf die nächsten drei und noch viel mehr Jahre!

Copyright © 2018 Günnis Reviews

Theme by Anders NorenUp ↑