Gnnis Reviews

Month: Juli 2018 (page 1 of 2)

Isabel Kreitz – Deutschland. Ein Bilderbuch

Da hat man wirklich etwas in der Hand: Auf rund 110 gebundenen Seiten in mattem, festem Papier zwischen großformatigen Hardcover-Deckeln erstreckt sich der Comicband der Hamburgerin Isabel Kreitz, der 2011 im Dumont-Verlag veröffentlicht wurde. 52 Geschichten auf je einer Doppelseite bilden „prägende Ereignisse deutscher Nachkriegsgeschichte“ (Zitat: Einband) zwischen 1949 und 2008 ab, wobei die linke Seite jeweils kurze, prägnante Erläuterungen enthält und die rechte Seite Kreitz’ naturalistischem, doch unverkennbarem, begeisterndem Zeichenstil vorbehalten ist. Aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Tragödien rekrutieren sich ihre meist satirisch, ironisch oder sarkastisch erzählten Geschichten, für die sie dem Volk aufs Maul geschaut hat und es versteht, durchaus hintersinnig deutsche Befindlichkeiten zu Papier zu bringen. Beginnend mit Thomas Manns erstem Besuch Nachkriegsdeutschlands über die deutsche Teilung, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, die „Spiegel“-Affäre, JFKs Berlin-Auftritt und die Einführung des Farbfernsehens bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung, den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern, den Abzug der Roten Armee, der „Love Parade“, der Einführung des Euros und der Finanzkrise bietet „Deutschland. Ein Bilderbuch“ ein buntes Potpourri an Erinnerungen. Drei, vier mal kommt sie dabei komplett ohne Sprache aus, teilweise arbeitet sie mit Collagen statt klassischem Panel-Aufbau, Fotomontagen und gezeichnete Bildzitate von Personen, Plakaten, Zeitschriften und Werbung sorgen für Zeitkolorit und Authentizität. Manch Handlung wirkt durch eine Vielzahl an Sprechblasen unruhig und verwirrend, zwingt dadurch in der Rezeption zu intensiverer Auseinandersetzung. Die Leserinnen und Leser werden auf Mikroebenen geleitet; einzelne Dialoge oder Momente vor dem Hintergrund größerer Ereignisse stehen im Mittelpunkt der Geschichtchen, die häufig, jedoch nicht immer den richtigen Ton treffend ausgefallen sind (was natürlich genau genommen ohnehin sehr subjektiv ist). Die Farbgebung wird tendenziell immer bunter und freundlicher, was zwei Interpretationsmöglichkeiten zulässt: Die Visualisierung des Vergangenheits-/Gegenwartcharakters, bei der sich der graue Schleier der belasteten deutschen Vergangenheit immer stärker lichtet, oder aber das Aufgreifen der Materialästhetik alten Foto- und Filmmaterials im Vergleich zu jüngeren technischen Möglichkeiten.

Einen vollumfänglichen Überblick über die deutsche Geschichte bietet Kreitz jedoch keinesfalls. Die Relevanz wird auf formaler Ebene nicht differenziert, jeder Geschichte wird gleichviel Platz eingeräumt. Diverse wichtige Ereignisse werden lediglich angedeutet (der Sieg der DDR-Fußballnationalmannschaft gegen die der BRD 1974, die Wende), andere hingegen gar gänzlich ausgespart (die Erschießung Benno Ohnesorgs, der PLO-Terror 1972, der Fußball-WM-Titel 1990, der Neonazi-Terror u.v.m.). Zudem verwendet Frau Kreitz „Deutschland“ offenbar synonym zu „BRD“, denn lange Zeit scheint die DDR in ihrem Buch überhaupt nicht mehr zu existieren, findet lediglich hier und da noch einmal am Rande statt. Damit wird sie dem Titel ihres Buchs leider in keiner Weise gerecht und ignoriert sie die Entwicklungen und Ereignisse im sozialistischen deutschen Staat zwischen Mauerbau und Wende. Damit legt sie die Missinterpretation nahe, dass dort die Zeit stehengeblieben sei, während in der BRD der Fortschritt vorangeschritten sei. Zudem delegitimiert sie die Existenz der DDR, macht sie unbedeutend und unsichtbar, wenn sich ihr Deutschland-Bild bis 1989 lediglich bis an die Ostgrenze der Nato erstreckt. Damit zeichnet Isabel Kreitz trotz aller guten Ansätze und unbestreitbaren Qualitäten ihres Bands leider lediglich ein Zerrbild deutscher Realität, das jedoch, ganz wie manch eine ihrer Geschichtchen, tiefe Einblicke in die deutsch-deutschen Beziehungen gewährt – wenn auch unfreiwillig.

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic

Henseler/Buddenberg zum Dritten: Nach „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ erarbeiteten sie im Jahre 2012 einen dritten Lehrcomic zur deutsch-deutschen Geschichte, indem sie die populärste Geschichte um einen Fluchttunnel von West- nach Ostberlin aufgriffen und, im Gegensatz zu den Franzosen Jouvray und Brachet in „Fluchttunnel nach West-Berlin“, weitestgehend realitätsgetreu abbildeten. Ihr Comic wurde zunächst im Rahmen der von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Ausstellung „Tunnel 57“ im Tunnel der Berliner U-Bahnstation Bernauer Straße ausgestellt und erschien 2013 und 2014 in zwei Auflagen als Buch mit zahlreichen weiterführenden Informationen, Interviews, Lehrmaterialien etc., 2016 schließlich als 34-seitige reine Comicbroschüre im Christoph-Links-Verlag. Die letztgenannte Ausgabe liegt mir vor. Wie „Berlin – Geteilte Stadt“ ist sie als Bildungscomic insbesondere auf junge Leser und den pädagogischen Einsatz ausgerichtet.

Erzählt werden die Ereignisse aus Sicht des Tunnelbauers Joachim Neumann, der zusammen mit anderen Fluchthelfern im Jahre 1964 insgesamt 57 Menschen nach beinahe unmenschlichem Aufwand zur Republikflucht von Ost- nach Westberlin verhalf und hier als Erzähler auftritt. Zunächst wird der Plan inkl. fünf federführender Durchführer vorgestellt, wobei auch deren Motive zur Sprache kommen. Ein in Graustufen gehaltener naturalistischer, detail- und schattierungsarmer Zeichenstil kommt zum Einsatz, comictypische Gestaltungselemente wie Bewegungslinien, Soundwords oder Sprechblasen finden sich kaum, erläuternder, dokumentarischer Blocktext überwiegt. Wie gewohnt tritt die künstlerische Expression hinter die Zweckmäßigkeit zurück. Planzeichnungen und Übersichtskarten verstärken den dokumentarischen Eindruck; die Integration realer Personen, deren Comic-Äquivalente sich sogar an Originalfotos orientieren, Zeitkolorit in Form zeitgenössischer Produkte, Marken und Entwicklungen und viele recht realgetreue Bildzitate, für die Fotos in Comicform gebracht wurden, dienen ebenso als weitere Authentisierungsmittel wie abgebildete Original-Zeitungsschlagzeilen.

Dass die Geschichte eigentlich die vier großen literarischen Motive Liebe, Lüge, Verrat und Tod enthält, interessierte das Autoren/Zeichner-Team hingegen weniger. Extrem straff und verdichtet werden die Ereignisse lange Zeit sehr sachlich und nüchtern geschildert und auf Charakterisierungen der Figuren weitestgehend verzichtet. An klassischer Spannungsdramaturgie versucht man sich lediglich auf den Seiten 22-25, als sich die Stasi einschaltet und es zum verhängnisvollen Schusswechsel kommt, bei dem der Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben kommt. Hierauf wird dann auch detailliert eingegangen, der Fokus des Endes liegt eindeutig hierauf. Nach einer beinahe kriminalistischen Aufarbeitung des Falls – Fluchthelfer Zobel schoss auf Schultz, welcher jedoch erst von einem Querschläger eines Kameraden tödlich verletzt wurde, was die DDR-Führung bewusst verschwieg, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren – findet Erwähnung, dass Zobel dies nie verarbeitet hat und bis zu seinem Tod im Glauben gelassen wurde, einen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Damit werden die Schattenseiten dieses Unterfangens herausgestellt, dem – wie ebenfalls erwähnt wird – bereits mehrere ähnliche Tunnelbauten vorausgegangen waren. Dies ist wichtig für die Einordnung dieser allzu oft einseitig zu einer klassischen Erfolgsgeschichte verklärt wiedergegeben Ereignisse, die nur mit breiter Unterstützung Kalter Krieger der BRD möglich wurden: Geheimdienste, Medien und Polizei förderten die Aktion aus ideologischen Gründen zur Schwächung der DDR. Dieser viel zu selten Beachtung findende Umstand wird jedoch leider lediglich angedeutet. Das ist schade, verhindert es doch, dass „Tunnel 57“ tatsächlich zumindest zum Einstieg in die Thematik als niedrigschwelliges Lehrmaterial für junge Schüler vollumfänglich gut geeignet wäre. Hintergründe zur Teilung Deutschlands und zum Mauerbau müssten sich indes so oder so anderweitig beschafft werden…

Olivier Jouvray / Nicolas Brachet – Fluchttunnel nach West-Berlin

Auch Frankreich trug einen Stein zum Wende-Comic-Mosaik bei: Autor Olivier Jouvray und Zeichner Nicolas Brachet veröffentlichten 2014, also pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Maueröffnung, ihre Graphic Novel im Delcourt-Verlag, die noch im selben Jahr von Annika Wisnieswki ins Deutsche übersetzt und im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums vom Avant-Verlag als rund 60-seitiger, großformatiger und vollfarbiger Hardcover-Band verlegt wurde. Damit ist „Fluchttunnel nach West-Berlin“ der bisher einzige mir bekannte ausländische Beitrag zum Themenkomplex. Jouvray und Brachet zeigen sich fasziniert vom raffiniert ausgeklügelten und mit viel Hirnschmalz und Muskelkraft realisierten Tunnelbau von West- nach Ostberlin, durch den 1964 57 Menschen die Flucht aus der DDR gelang. Dieses Ereignis inspirierte sie zu einer Geschichte, in der Kunststudent Tobias seine jüngere Schwester Hanna zu sich in die BRD holen möchte und in seinem Freund Mathias jemanden findet, der sich nach anfänglichem Desinteresse bereiterklärt, ihm zusammen mit zahlreichen weiteren freiwilligen Helfern dabei zu helfen, weil er sich in Hanna nach einem persönlichen Kennenlernen verguckt hat.

Es handelt sich also um so etwas wie eine halbfiktionale Geschichte, weshalb es im Paratext „inspiriert von wahren Ereignissen“ heißt. Diese wird in in vielen Blau- und Grautönen kolorierten, von mir als sehr hochwertig empfundenen naturalistischen Zeichnungen in abwechslungsreich gestalteten Panel Grids erzählt. Aufregung wird durch starke farbliche Kontraste illustriert. Die Grautöne kommen meist zur Darstellung der DDR zum Einsatz und folgen damit einer Stereotypisierung; die von sehr düster zu sehr hell verlaufende Farbgebung ist Teil der Farbdramaturgie. Auf Blocktext wird weitestgehend ebenso verzichtet wie in der an Handletterungen angelehnten Schriftart auf Groß- und Kleinschreibung, der eigenwillige Font bildet lediglich sämtliche „e“ und „i“ in ihren kleinen Buchstaben ab. Einige Bilder sind stark von authentischen Fotos inspiriert und wurden entsprechend zeichnerisch nachgestellt. Dies suggeriert jedoch eine Authentizität, die Jouvray und Brachet nie erreichen:

Nach den ersten drei Seiten beginnt eine Rückblende, die die Entstehung des Vorhabens aufzeigt und komplett frei erfunden ist. Zurück in der Gegenwart des Comics sind es vor allem Auslassungen, die „Fluchttunnel nach West-Berlin“ an Realismus einbüßen lassen. Auch losgelöst von jeglichem Authentizitätsanspruch wirft die Geschichte Fragen auf: Bereits die Fluchtgründe bleiben bis auf einige Anspielungen im Dunkeln. Sehr tendenziös wird die DDR als „Hölle“ bezeichnet. Es mag sein, dass sie es für einige war. Echte Gründe dafür, diese mit dem Tunnelbau verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen, bleiben jedoch nebulös. Nicht minder unklar ist, weshalb Tobias’ und Hannas Vater als überzeugter Sozialist plötzlich so mir nichts, dir nichts alles zurücklässt und ebenfalls flieht – weshalb und wovor? Ausgelassen werden entscheidende historische Hintergründe: Tunnelbauer wie Reinhard Furrer kann man möglicherweise noch als politische Idealisten einordnen, persönliche Gründe spielten jedenfalls – anders als in diesem Comic – eine untergeordnete Rolle. Jouvray und Brachet dichten stattdessen eine flache Fluchtromantik dazu und verklären die Ereignisse damit. Mit Mathias haben sie eine Klischeefigur erschaffen, die aus Liebe vom Bad Boy zum Good Boy avanciert. Dass der Tunnelbau einer von mehreren war und von der BRD bewusst als Waffe im Kalten Krieg eingesetzt wurde, wird mit keiner Silbe erwähnt: BRD-Medien und -Geheimdienste hatten die Aktion finanziert, u.a. um Mitgliedern der reaktionären CDU zur Flucht zu verhelfen.

Den größten Fauxpas leisten sich die Autoren, indem sie den Tod des Grenzsoldaten Egon Schultz verschweigen. Dieser war, nachdem die Stasi die Fluchtversuche entdeckt hatte, bei einem Schusswechsel umgekommen. Obwohl Fluchthelfer Christian Zobel ihn lediglich angeschossen hatte – Schultz starb daraufhin durch Querschläger seiner Kameraden –, wurde Zobel im Glauben gelassen, für Schultz’ Tod verantwortlich zu sein und seines Lebens nicht mehr froh. Zu Lebzeiten erfuhr er nicht mehr, was sich nach dem Untergang der DDR herausstellte: dass die DDR-Führung dies absichtlich verschwiegen hatte, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren. All dies waren die unmittelbaren Folgen dieser fragwürdigen Tunnelflucht, an der ich daher nichts Heldenhaftes finden und sie schon gar nicht als einseitige Erfolgsgeschichte einordnen kann, wie es die beiden Franzosen hier tun. In einem TV-Interview berufen sie sich immer wieder auf die wahren geschichtlichen Ereignisse, geben an, Fiktion und Dokumentation miteinander zu vermischen, betonen aber auch, dass es wichtig sei, zu zeigen, was passieren hätte können – dieses widersprüchliche Geschwurbel kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass sie durch ihren Verzicht auf entscheidende historische Zusammenhänge auf ganzer Linie versagt haben. Jouvray und Brachet haben – im Prinzip ähnlich der SED, lediglich unter veränderten Vorzeichen – einen Beitrag zur Geschichtsklitterung geliefert, der die wahren Ereignisse auf unzulässige Weise verharmlost und ihnen in keiner Weise gerecht wird.

Zudem ist es ein Unding, anzunehmen, eine solche Geschichte auf nicht einmal 60 Comicseiten adäquat abbilden zu können. Das ist alles sehr schade, denn eigentlich wollte ich „Fluchttunnel nach West-Berlin“ mögen – aufgrund seines Zeichenstils, aufgrund des schönen Hardcover-Bands, den man gern in den Händen hält. So jedoch muss ich ausdrücklich vor diesem Comic warnen.

21.07.2018, Gängeviertel, Hamburg: Hannes‘ und Günnis Birthday Disaster mit LAST LINE OF DEFENSE + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + LIQUOR SHOP ROCKERS + THEM FALLS

Hannes‘ und meine Geburtstagsparty im Gängeviertel, die dritte… Bei der ersten Ausgabe war ja alles noch ganz entspannt für mich: Hannes hatte sich um alles gekümmert und ich brauchte mich nur mit meiner Band auf die Bretter zu wuchten. Beim zweiten Mal hatte ich schon bischn mehr umme Ohren, zudem war’s alles andere als einfach, meine Kapelle zusammenzubekommen: Eisenkarl fiel aus, weshalb wir kurzfristig Pulvertoastie Holler als Interimsbassisten anlernen mussten, Kais Teilnahme stand schließlich auch auf der Kippe und ich hatte mir zu allem Überfluss auch noch derbe einen aufgesackt. In der Ausweich-Örtlichkeit aufgrund der Gängeviertel-Renovierung lief letztlich – warum auch immer – aber doch alles glatt. Dieses Jahr war ich nun involviert wie nie zuvor und vornehmlich damit beschäftigt, das Band-Aufgebot zusammenzustellen. Und das gestaltete sich alles andere als einfach: CRACKMEIER standen eigentlich schon fest, allein schon, weil deren Drummer Martin dann auch gleich seinen Geburtstag hätte mitfeiern können – fielen dann aber doch flach, weil einer der Gitarristen lediglich am Freitag, nicht aber Samstag gekonnt hätte. Außerdem fehlte eine Art Headliner. Ich hab‘ Gott, Satan und die Welt gefragt, doch jedes Mal war irgendjemand unabkömmlich. Dennoch ist’s mir irgendwie gelungen, dann doch gleich drei mehr oder weniger lokale Acts zusammenzutrommeln und damit ein verdammt schlagkräftiges Line-Up aufzufahren. Dass die alle aus der Nähe kommen und LAST LINE OF DEFENSE in Kürze ohnehin schon wieder im Gängeviertel auftreten – geschenkt. Der Vorteil nämlich war, dass es ein Treffen mit Freunden und guten Bekannten wurde.

Doch, oh Graus, nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrs hätte ich gewarnt sein müssen: In der Woche entwickelte Kai eine derart hartnäckige Rückenmuskelblockade, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und im Krankenhaus behandelt werden musste. Es sah verdammt schlecht aus. Und damit nicht genug: Eisenk(r)alle zertrümmerte sich am Donnerstag eine Fingerkuppe. Irgendjemand hatte unsere Voodoo-Puppen mal wieder im vollen Würgegriff… Der schmerz- und furchtlose Kalle meldete zwar Vollzug und war nach kurzer Behandlung wieder zu allem bereit, doch als mir Kai am Freitagmorgen mitteilte, dass es bei ihm wohl nichts werden würde, suchte ich halbherzig und erfolglos nach möglichem kurzfristigsten Ersatz, war jedoch bald mit meinem Latein am Ende. Gänzlich unverhofft meldete er sich am Freitagabend noch einmal und berichtete, dass sein Schmerzmittelcocktail endlich angeschlagen habe und er mittels Seniorengymnastik gerade ganz langsam zum zumindest gebückten Gang zurückfände. Damit war unser Gig auf dem letzten Drücker gerettet. Respekt an Kai, den alten Wemmser und zukünftigen Ausgleichssportler – solch eine Aufregung brauche ich aber echt nicht noch mal… Am frühen Nachmittag war übrigens noch bekannt geworden, dass sich der LAST-LINE-OF-DEFENSE-Gitarrist seine Achillessehne geschrotet hat und mit Hocker auf die Bühne muss. Die LIQUOR SHOP ROCKERS wiederum hatten Meniskus + Ischias + Grippe anzubieten und THEM-FALLS-Gitarrist/-Schreihals Stülpo klagte über Verrotzung. Die Veranstaltung wurde kurzerhand in „Hannes‘ und Günnis Invaliden Birthday Disaster“ umgetauft, glücklicherweise würde mit LLOD-Eloi ein Sanitäter anwesend sein…

Die Equipmentfrage klärte sich dafür umso unkomplizierter: Jeder brachte bischn was mit, THEM FALLS dankenswerterweise die Boxen, nur LAST LINE OF DEFENSE blieben außen vor, weil die arbeitsbedingt ohnehin erst später kommen konnten – was somit zu keinem Problem wurde. Wir baten die drei anderen Bands um 17:00 Uhr zum Gängeviertel, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass alle derart pünktlich sein würden, denn das Equipment-Puzzle wollte ja erst noch zusammengesetzt werden. Doch falsch gedacht: Als ich mit Dr. Tentakel und Kalle vorfuhr, waren THEM FALLS und LIQUOR SHOP ROCKERS bereits vor Ort und hatten den Großteil bereits aufgebaut. Vorbildlich! Also ersma die große Hallo-Runde, Bier kaltstellen, das erste köpfen, dem regen Treiben zusehen, Merch-Plünnen auseinanderfriemeln – und die Kür vor der Pflicht: übers Buffet hermachen. Hannes‘ Bruder Martin hatte Salade de pâtes kredenzt, mit hohem Gemüseanteil für die Volksgesundheit und Tofuwürfeln fürs Tierwohl, dazu Baguette und Crème d’ail gereicht. Dekorativ hatte Hannes zudem reichlich Obst dazugelegt. Noch bevor mich jemand hätte bitten können, den Vorkoster zu machen, genoss ich bereits die Haute Cuisine und vergab  Feinschmecker-Sterne. Davor war mir der wegen absoluten Schleppverbots ohne Umweg über den Proberaum direkt ins Gänge4tel gekommene Kai bereits über den Weg „gelaufen“, als er, gestützt von seinen beiden Pflegerinnen, seine Krücken wegwarf, euphorisch „Kann wieder gehen!“ ausstieß und sich mit einem großen Satz strategisch direkt am Tresen positionierte – auf einem rückenfreundlich gepolsterten Barhocker, versteht sich. Mit sich führte er Geschenke, für die sich meine werten Motherfuckers nicht hatten lumpen lassen: Ein nur leicht manipuliertes Bandfoto mit persönlicher Widmung sowie ein endstylishes Skeletor-T-Shirt. Boah, wie geil – werde ich auf dem HOA einweihen!

Beim Soundcheck war ich dann froh, dass nicht wir, sondern THEM FALLS auf der Bühne standen: Der zog sich nämlich arg, weil es Probleme mit dem Gesang auf den Monitoren gab. Insbesondere der Bassist und Co-Brüller konnte sich partout so gut wie gar nicht hören und durch die x-maligen Versuche liefen beide Sänger Gefahr, bereits zu diesem Zeitpunkt heiser zu werden. Wir hätten vermutlich schon längst „Scheiß drauf!“ gesagt, doch THEM FALLS, die an diesem Abend ihre Live-Premiere absolvieren sollten, wollten verständlicherweise das Optimum herausholen und hielten tapfer durch, bis nach reichlich Knöpfchengedrehe und Mikrowechseln – sowie einem zwischenzeitlichen Stromausfall! – endlich alles annehmbar klang. Der Song, den sie dafür immer wieder angespielt hatten, war für alle Anwesenden mittlerweile zum Ohrwurm geworden. Gegen 20:00 Uhr wurde die Bude dann offiziell geöffnet, nun wurd’s spannend: RAZORS + RESTMENSCH im Menschenzoo, weitere Konzis im Störtebeker und in den St.-Pauli-Fanräumen – wie viele würden sich bei tropischen Temperaturen ins Gängeviertel verirren?

Oh, so einige. THEM FALLS konnten pünktlich um kurz nach 9 anfangen, ohne dabei vor leerer Kulisse zu stehen, im Gegenteil: Ihr Live-Debüt stieß auf reges Interesse und offene Ohren. Das aus den Trümmern von RODHA hervorgegangene Trio spielt Sludge-Metal mit kehligem Gesang und fetten Effektkoffern, an der Gitarre mein Tätowierer Stülpo, der für fast alle Abziehbildchen auf mir verantwortlich zeichnet, und an der Schießbude ebenfalls ein alter Bekannter: Lynn, der parallel bei UPPER CRUST singt und damit zum dritten Mal in Folge auf Hannes‘ und meinen Geburtstagspartys auf der Bühne stand! Die Aufregung merkte man der überaus konzentriert auftretenden Band nicht an, sehr souverän zog sie ihren Stiefel durch und erfüllte das Gängeviertel mit verdammt schweren Sounds und düsterer Atmosphäre. Im April haben THEM FALLS ihre ersten Aufnahmen auf Bandcamp veröffentlicht, was mir völlig entfallen war, weshalb ich sie hier nachreiche: https://themfalls.bandcamp.com/releases Schönes Ding und ich bin ein bisschen stolz, dass wir die ersten waren, bei denen sie zum gediegenen Schwof aufspielten. Und danke auch an Lynn für die beiden Röhrchen Gelo Revoice!

Eigentlich wollten wir als Zweite spielen, ließen aufgrund der angeschlagenen Gesundheit ihres Drummers Toni aber den LIQUOR SHOP ROCKERS aus Altona den Vortritt. Die Bude war mittlerweile voll, die Temperaturen waren weiter gestiegen und spätestens jetzt wurde die ganze Nummer hier auch für mich zum Saunaabend mit Hopfenaufguss. Weste, Nina, Needlz und Toni verfügen zusammen über ungefähr 150 Jahre Live-Erfahrung in anderen illustren Combos und haben sich vor einiger Zeit zusammengetan, um kräftegebündelt wieder derbe auf die Kacke zu hauen. Die HC-Sozialisation des einen oder anderen Bandmitglieds lässt sich nicht verleugnen und schimmert in ihrem Stil immer wieder stark durch. Ein brachiales Gebräu aus HC-Punk, Streetpunk und klassischem Punkrock, mal frech, mal prollig, nie leise oder subtil, sondern immer mit dem Kopf durch die Wand, vereint gegen den Rest der Welt. Fuck-you-Attitüde trifft auf juvenile Spielfreude trifft auf abgezockte Erfahrung. Needlz scheint an seiner Klampfe oftmals förmlich zu explodieren, Ninas Bass klingt nicht selten fast wie ‘ne zweite Gitarre, Weste hält gern gleich beide Mittelfinger lässig dirigierend in die Luft und Toni hält die Chose präzise und mit entschlossenem Punch zusammen. Das ist die grobe Kelle, die dennoch manch sich festkrallende Melodie offenbart und echt mal auf Vinyl gehört. Folgerichtig stehen demnächst Studioaufnahmen an – hoffentlich bleibt ihnen das Dreckige, Urwüchsige, Ungezähmte erhalten!

Wäre ich als Gast hier gewesen, hätte ich mich längst gehengelassen und heillos betrunken. Es galt ja aber noch einen Job zu erledigen. Paar Bierchen gekrallt, rauf auf die Bühne, Line-Check und ab dafür: „Pogromstimmung“, „Tales of Terror“ und „Menschenzoo“ ohne Tüdelüd hintereinander wech, zum zweiten Mal überhaupt die „Spaltaxt“ kreisen gelassen, geschwitzt wie ein Schwein, nachgekippt, zehn weitere Songs durchgeprügelt, Danksagungen, tschüß. So in etwa fühlte sich der Gig an, der wie im Rausch an mir vorbeizog. Ich weiß nicht, ob ich es THEM FALLS zu verdanken habe, aber ich hatte einen  astreinen Gesangssound auf den Monitoren. Alles lief weitestgehend glatt, sodass es zu keinen Zwangspausen kam. Kai hielt sich wacker und Kalle schien die funktionsunfähige Fingerkuppe tatsächlich nicht zu beeinträchtigen. Pokerface Dr. Tentakel hielt zudem die Drumzügel fest in der Hand, haderte lediglich mit der Enge in der Schlagzeugbucht, die seines Erachtens gegen geltende Mindeststandards zur artgerechten Drummerhaltung verstoßen. Klar hatten sich ein paar Fehler eingeschlichen, aber nichts Gravierendes, keine Texthänger o.ä. Nach ‘ner Band wie LIQUOR SHOP ROCKERS auf die Bühne zu müssen, hielt ich für keine dankbare Aufgabe, aber offenbar hatten viele auch Bock auf uns, waren neugierig oder blieben  aus Höflichkeit, weil ich Geburtstag hatte 😉 Nee, das war schon unseren Ansprüchen genügend abgeliefert und die Resonanz war sehr positiv. Allerdings hörte ich danach bis spät in die Nacht hinein überhaupt nicht mehr zu schwitzen auf und goss mir zum Ausgleich ein Bierchen nach dem anderen rein.

Manch einen schien der Abend ähnlich geschlaucht zu haben, ausgerechnet zum Headliner war leider eine deutliche Publikumsabwanderung zu vernehmen. Für eine lauschige Oldschool-Hardcore-Show mit den jüngst wiedervereinten Wedelern LAST LINE OF DEFENSE mangelte es aber noch lange nicht an Menschenmaterial. Ich war besonders gespannt, denn nachdem ich früher diversen LLOD-Gigs beigewohnt hatte, hatte es sich seit der Reunion noch nicht ergeben. Mit ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel und neuem Gitarristen hat man nichts an Durchschlagskraft eingebüßt. Der Gitarrist musste wie erwähnt den Gig sitzend verbringen, was Shouter Eloi mit erhöhtem Laufpensum vor der Bühne wettmachte. Die Songs der überaus geschätzten EP sowie Material, das es nicht auf sie geschafft hatte, wurden neben jüngeren Stücken und einigen Coverversionen von Bands wie WARZONE oder NEGATIVE APPROACH zum Besten gegeben. Als mir Eloi mit zunehmender Freude das Mikro zum Mitsingen hinhielt, war ich mal mehr, mal weniger textsicher und wurde mir schlagartig bewusst, wie lange ich mir all die Klassiker – ob bandeigen oder weltweit populär – eigentlich nicht mehr gedrückt hatte… Aber so oder so ging mir das Herz auf; astreine Nummer, großartige Songs, ein ebenso genialer wie bescheidener Frontmann und ein sympathisches  Auftreten, was die Band für unzählige weitere Shows qualifiziert, von denen ich hoffentlich so viele wie möglich werde mitnehmen können. Dieser schnörkellose US-Hardcore-Sound der alten Schule in Kombination mit Spaß am Schreiben richtiger Songs, die auch mal länger als 90 Sekunden gehen, hatte echt auf den Hamburger D.I.Y-Bühnen gefehlt. Speziellen Dank an dieser Stelle noch mal an Drummer Wallace, der mir (passend zum Skeletor-Shirt) ein altes MOTU-Magazin und eine Sid-Vicious-Actionfigur geschenkt hat. Nein, wir sind nicht nerdig – wer behauptet so was nur?!

Im Anschluss machten meine liebe Freundin, die während unseres Gigs wieder Fotos geschossen (s.o.) und sogar ein paar Videos gedreht hatte, und ich uns noch (mal) übers Büffet her, das ich Gierschlund mir am liebsten auch noch für Zuhause eingepackt hätte. Und dann war da ja noch die Spendenaktion, zu der wir zugunsten der Mittelmeer-Seenotrettung aufgerufen hatten. Zwischendurch hatte Martin mir bereits mitgeteilt, welch sensationell hohe Summe sich angesammelt hatte. Letztlich wurden’s sage und schreibe knapp 470,- EUR. Unsere paar Taler an Merch-Einnahmen haben wir noch draufgepackt und ich hab‘ aufgerundet auf 500,- EUR, die an den Sea-Watch e.V. gingen. Deshalb ein ganz großes DANKESCHÖN an alle Spender, generell an alle, die mit uns gefeiert haben, an sämtliche, ausnahmslos geilen Bands und natürlich an Hannes, der die Organisation vor Ort übernommen und einen zuverlässigen Stab verdammt fähiger Helferinnen und Helfer vom Sternekoch über den Soundmann bis zur Thekencrew zusammengetrommelt hatte, ohne die an diesem Abend Dunkeltuten gewesen wäre und denen ebenfalls mein tiefster Dank gilt – und zum Besen griff er am Schluss höchstpersönlich, während wir unser Equipment zusammensammelten, ins Taxi stopften und irgendwann gen Altona aufbrachen.

DAS nenne ich mal eine Geburtstagsparty, die mich nun wirklich für alle Komplikationen im Vorfeld entschädigt  hat – nächstes Jahr wieder, oder was?! (Dann gern etwas weniger aufregend, man wird ja nicht jünger…)

Susanne Buddenberg / Thomas Henseler – Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten

Wie die Wende-Comics „Grenzfall“ und „Treibsand“ wurde auch der Comic-Band „Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten“ mit Bundesmitteln von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur subventioniert. Es handelt sich nach „Grenzfall“ um das zweite Werk zum Thema aus den Federn Susanne Buddenbergs und Thomas Henselers. Das rund 100-seitige Buch erschien 2012 im Avant-Verlag.

Noch zielgerichteter als „Grenzfall“ wurde „Berlin – Geteilte Stadt“ als Unterrichtsmaterial konzipiert. Erzählt werden fünf Geschichten, chronologisch von Mauerbau bis Mauerfall sortiert, von denen es im Paratext heißt, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhten. Das Autoren-Team hat Zeitzeugen befragt und ihre Geschichten nachgezeichnet. In „Wie der Mauerbau fast mein Abitur verhindert hätte“ berichtet Regina Zywietz, wie sie vorm Mauerbau im Osten Berlins lebte, jedoch im Westen zur Schule ging – und wie ihre Lehrer ihr nach dem Mauerbau zur Flucht in den Westen verhalfen. Ursula Malchow erzählt in „Das Krankenhaus an der Mauer“ von ihrer Arbeit im Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße, also unmittelbar an der Berliner Mauer. Dort wurden u.a. verletzte Flüchtlinge behandelt, Querschläger aus den Schusswaffen der Grenzschützer schlugen ins Mauerwerk ein. Der Ostberliner Ernst Mundt wollte die Mauer überqueren, wurde jedoch 1961 das fünfte Todesopfer an der Mauer. In „Mit der Seilbahn über die Mauer“ gelingt Familie Holzapfel eine spektakuläre Flucht in den Westen. Detlef Matthes beschreibt in „Die andere Seite“ sein damaliges Hobby, die Grenzanlagen (verbotenerweise) zu fotografieren sowie seine Verhaftung im Rahmen einer Jugendrevolte vor dem Hintergrund des „Concert for Berlin“ 1987, das in Westberlin in unmittelbarer Nähe der Mauer stattfand. Aufgrund der zahlreichen Fotoaufnahmen, die bei ihm gefunden wurden, hielt man ihn für einen Spion. Im Zuge der Amnestie für politische Gefangene kam er vorzeitig frei, stellte einen Ausreiseantrag und durfte die DDR auf offiziellem Wege verlassen. Und Jan Hildebrandt lässt in „Mein 18. Geburtstag“ schließlich eben jenen am 9. November 1989 Revue passieren, an dem er plötzlich von der Maueröffnung erfuhr und einen unvorhergesehenen Ausflug nach Westberlin unternahm.

Lediglich der Einband wurde zum Teil farbig gestaltet, der Inhalt ist, wie in „drüben!“ und „Grenzfall“, in Schwarzweiß gehalten. Der Zeichenstil ist gewohnt naturalistisch, die Panelstruktur sehr strikt – erneut soll keine künstlerische Expression vom Inhalt ablenken. Jede Geschichte wird mit einem prominent auf ihrer ersten Seite platzierten, einzelnen charakteristischen Gegenstand eingeführt, ihren Abschluss bildet jeweils eine Lexikon-ähnliche Doppelseite mit Erläuterungen. Sprechblasen werden wenig eingesetzt, es dominieren Off-Erzählungen im Blocktext. In die Zeichnungen wurden authentische Fotos eingebettet und Bildzitate (nachgezeichnetes Fotomaterial) verwendet, diverse topographische Karten vermitteln intertextuell Wissen. Zudem finden sich weitere Authentisierungsmittel in Form von Zeitungsartikeln und historischen Dokumenten sowie paratextuell (neben dem eingangs erwähnten Verweis auf wahre Begebenheiten) Angaben zu Fotoquellen, ein Literaturverzeichnis sowie Danksagungen an Zeitzeugen und Fachberater. All dies kann jedoch über die Subjektivität der Auswahl nicht hinwegtäuschen, die es vermeidet, detaillierter auf die Gründe des Mauerbaus und den besonderen Status der innerdeutschen Grenze als jene große Grenzen zwischen den Systemen und den weltweit größten Militärbündnissen, der Nato und des Warschauer Pakts im Kalten Krieg, einzugehen. Dazu gesellen sich Ungenauigkeiten wie die der idealtypischen Darstellung des „Mauerspechts“ in „Mein 18. Geburtstag“, die so nicht stattgefunden haben kann. „Berlin – Geteilte Stadt“ bleibt sehr einseitig und beschränkt, seine fünf Geschichten suggerieren mehr Perspektiven, als der Comic letztlich bietet. Wenig comickünstlerisch bewegt sich der Band irgendwo zwischen politischer Aufklärung und Propaganda und wirkt in seiner Abstraktion mehr wie ein Lehrbuch für Kinder denn wie ein spannendes Stück Zeitgeschichte auch für ein erwachsenes Publikum.

Dennoch fühle ich mich von „Berlin – Geteilte Stadt“ eingeladen, Berlin einmal als Museum zu erkunden – hier greift das pädagogische Verfahren der Spurensuche. Damit geht das Konzept Buddenbergs und Henselers auf, dass ihr Comic auch als historischer Stadtführer nutzbar sein soll: Sie hatten Wert darauf gelegt, dass die authentischen Orte der Geschichten noch soweit erhalten sind, dass die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse noch gut nachvollziehbar sind. Zudem sollten sie relativ nahe beieinander liegen und gut zu erreichen sein. So bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch eine junge Generation anregt, sich selbst auf die Suche zu begeben und dabei vielleicht auf Fragen zu stoßen, die Buddenberg und Henseler nicht beantworten.

Max Mönch / Alexander Lahl / Kitty Kahane – Treibsand

„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.

Im Gegensatz zu anderen staatlich geförderten Comics erzählt „Treibsand“ eine fiktionale Geschichte: die des als Auslandskorrespondent für eine große New Yorker Tageszeitung arbeitenden US-Amerikaners Tom Sandman, der, 1989 gerade vom Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China zurückgekehrt, von seinem antikommunistischen Vorgesetzten Raymond Burnes nach Berlin geschickt wird, um über die aktuellen Vorgänge dort zu berichten. Tom wird von heftigen Zahnschmerzen geplagt, hat jedoch Angst, einen Zahnarzt aufzusuchen. Zudem trennt sich seine Freundin Mary von ihm. Dafür erlebt Sandman hautnah die Entwicklungen mit, die schließlich zur Öffnung der Berliner Mauer führen.

Der kaum räumliche Tiefe erzeugende, reduzierte, geradezu naive Zeichenstil wurde von einer regelrechten Sauklaue verbrochen und bleibt bis zum Ende gewöhnungsbedürftig; der Hang, Wortspiele und Redewendungen zu visualisieren, nervt in seinem bemühten Witz. Sandmans zahnschmerzbedingte Fieberträume kommen ohne Panel Grid aus, seine Notizzettel werden immer wieder abgebildet und in die Handlung integriert, ein handschriftliches Glossar mit Begriffserläuterungen im Anhang soll ebenfalls den Anschein eines Notizbuchauszugs erwecken. Soweit zu den gestalterischen Besonderheiten des in 14 Kapitel inkl. eines Prologs aufgeteilten Buchs, das im Paratext um eine Danksagung der Autoren ergänzt wird.

Inhaltlich bildet der blocktextlastige „Treibsand“ eine Außenperspektive auf einen politischen Prozess aus der Sicht eines fiktionalen Erzählers ab, der seine Erinnerungen in der Vergangenheitsform mit den Leserinnen und Lesern teilt. Ausgehend von seinem Bericht über den „Tank Man“, jenen Chinesen, der sich auf dem Tian’anmen-Platz den Panzern der Staatsmacht entgegengestellt hatte und damit zur Widerstands-Ikone geworden war, widmet man sich den letzten Zügen der DDR-Historie und stellt die DDR ausschließlich negativ als diktatorischen Unrechtsstaat dar. Die Ereignisse des 9. November 1989 werden stark überspitzt bis verfälschend derart dargestellt, dass Egon Krenz habe zeigen wollen, dass er „die Hosen anhat“ und auf „die Regierung geschissen“ habe, während das SED-Zentralkomitee von den Folgen nichts mitbekommen habe, weil es in seiner Sitzung fast kollektiv eingeschlafen sei (die Geschichte vom „schnarchenden Staat“). Vermengt wird der geschichtliche Hintergrund mit der fiktionalen Geschichte um einen Grenzsoldaten, der gezwungen war, seine eigene Schwester zu verraten, indem er unter Druck deren Fluchtpläne beichtete.  Diese Schwester wiederum wird Sandmans neue Lebensgefährtin und schließlich Ehefrau.

Mönch und Lahl vermischen Fiktion mit Satire, belegte mit sehr interpretierter Geschichtsüberlieferung, einer seifigen Liebesgeschichte und einem Familiendrama – und verheben sich dabei. Das ist einfach zu viel. Positiv ist jedoch die durchklingende Kritik an Presse und Gesellschaft, die auch große, komplexe Zusammenhänge am liebsten in Form auf Einzelschicksale heruntergebrochener Geschichten veröffentlichen bzw. konsumieren, zu werten. Darüber hinaus weigert sich „Treibsand“, eine Erfolgsgeschichte zu sein. Es gibt kein Happy End, eine Katharsis bleibt aus. Während der Grenzöffnung liegt Tom Sandman im Koma, sodass den Rezipientinnen und Rezipienten Bilder jubelnder Menschenmassen und ähnlich fröhliche Szenen bewusst vorenthalten werden. Dies stört die Erwartungshaltung des Publikums. Und auch nach dem Untergang der DDR ist nichts gut geworden: Das Geschwisterpaar bleibt gespalten und Sandmans Ehe zerbricht. Auch nach dem Ende der DDR können sich ihre Opfer nicht von den erfahrenen/erlittenen Einflüssen der Politik auf ihr Privatleben befreien, sind sie unfähig, sie zu überwinden, wider besseres Wissen. Damit legt „Treibsand“ seinen Fokus auf Wunden, die niemals verheilen und sensibilisiert für dauerhafte Schäden, die politische Systeme anrichten können. Das fatalistische Ende wurde dann auch erst gar nicht mehr gezeichnet, sondern lediglich in Form eines Epilogs aufgeschrieben. Liest man Comics analog zu Spielfilmen, entsteht hier der Eindruck eines Voice-overs aus dem Off. Dadurch wird der negative Eindruck von der DDR noch einmal verstärkt, wobei ich die einseitige Schuldzuweisung durchaus kritisch sehe. Der Kalte Krieg findet in „Treibsand“ lediglich am Rande statt und eine andere Perspektive auf diese Zeit – z.B. jener Menschen, die individuelle Freiheit in gewissem Maße gegen die Freiheit von Existenzängsten bereitwillig eingetauscht haben und überwiegend positiv auf die DDR zurückblicken – fehlt völlig und erscheint mir innerhalb dieses Themenkomplexes generell unterrepräsentiert – obgleich meines Erachtens nicht minder interessant.

Doch so oder so: Nostalgie oder Ostalgie sind mittels „Treibsand“ nicht möglich. Mönch und Lahl gehen sogar einen Schritt weiter und verweigern sich nicht nur eines möglicherweise verklärenden Blicks zurück (der im Diskurs um DDR-Erinnerungen so häufig und gern kritisiert wird), sondern führen diese Haltung konsequent weiter: Auch Mauerfall– oder Wende-Nostalgie sucht man hier vergeblich. Die Autoren deuten damit an, dass der 9. November 1989 kein Tag X war, ab dem schlagartig alles gut wurde und jubelnde Menschenmassen plötzlich ein sorgenfreies Leben genießen konnten. Und das ist trotz all meiner geäußerten Kritikpunkte an diesem Buch richtig und wichtig.

17.07.2018, Menschenzoo, Hamburg: MDC + DR. KNOW + ANTIBASTARD

Wenn ich mich mal an ‘nem Dienstag auf ‘nen Gig begebe, muss das schon ein besonderer sein – wie dieser von MDC, die ich bisher stets verpasst hatte, aber unbedingt einmal live sehen wollte, bevor der mittlerweile über 60-jährige Dave Dictor seinen verdienten Ruhestand antritt. Parallel spielten die ADOLESCENTS im Hafenklang, sodass die Hoffnung bestand, dass der Menschenzoo nicht heillos überfüllt werden würde. Diese erfüllte sich trotz guten Besucherandrangs bei sehr fairen 10,- EUR Eintritt dann auch. Den Anfang machten die Berliner ANTIBASTARD aus dem Dunstkreis der Rigaer Straße. Die Bassdrum hüllten sie in eine Antifa-Flagge und gaben aggressiven HC-Punk mit englischen Texten ihres australischen Sängers zum Besten, der mir bestens reinlief. Dummerweise riss direkt nach dem ersten Song eine Saite, der Großteil des Sets flutschte aber geschmeidig durch. Der Sänger stieg von der Bühne und begab sich auf Augenhöhe mit dem Publikum, während gleich zwei Gitarristen in Kombination mit der Rhythmussektion einen grob auf der UK82-Schule fußenden Sound erzeugten, der auch mal Raum für etwas Melodie und das eine oder andere Gitarrensolo bot.  In den Texten schien man sich vorrangig über gesellschaftliche Missstände Luft zu  verschaffen, aber auch den Schicksalsschlag in Form ihres im letzten Jahr verstorbenen ehemaligen Gitarristen verarbeiteten ANTIBASTARD in einem Song. Als 14. und letzte Nummer peitschte man das MINOR-THREAT-Cover „I Don’t Wanna Hear It“ durch und besiegelte damit einen Auftritt, der auf ein starkes Debütalbum hoffen lässt!

Obwohl ich in Sachen ‘80er-Crossover und Artverwandtem eigentlich recht bewandert bin, hatte ich DR. KNOW aus Kalifornien überhaupt nicht auf dem Schirm. Das Cover der zweiten Langrille „Wreckage in Flesh“ kommt mir aber bekannt vor; gut möglich, dass ich mir die Platte mal angehört, aber als nicht geil genug erachtet hatte. In den ‘90ern war jedenfalls Funkstille, seit 2001 ist man aber wieder am Start und hat seither drei weitere Alben veröffentlicht. Nichts davon habe ich gehört, kann mich also nicht zum Live-Verhältnis  von Klassikern zu jüngerem Stoff äußern. Es klang jedenfalls alles nach ‘ner durchaus potenten Mischung aus altem US-HC und Oldschool-Thrash, wobei das Pendel mal mehr in die eine, mal in die andere Richtung ausschlug. Manches tönte dann ehrlich gesagt auch einfach wie ein überlanger HC-Song mit metallischem Gitarrensolo zwischendurch. Es waren aber auch viele musikalisch wirklich gute, treibende, arschtretende Songs darunter, die Laune machten. Auf Dauer war mir aber der Gesang etwas zu gleichförmig und nicht aggressiv genug. Kurios: Erst mitten im Set verteilte der Bassist die Setlists und unters Publikum hatte sich Jarvis Leatherby, Sänger und Bassist der kalifornischen Oldschool-Metaller NIGHT DEMON, gemischt. Während ich das hier schreibe, läuft übrigens das Debüt-Album per YouTube, ziemlich töfter HC/Früh-Crossover. Den o.g. Nachfolger hatte ich eben auch noch mal angespielt, mit dem orientierte man sich wesentlich weiter in Richtung Metal. Höre ich mir vielleicht noch mal in Ruhe an.

MDC ließen sich dann reichlich Zeit mit dem Umbau; einen Gedanken daran, dass es Leute gibt, die an einem Mittwochmorgen früh zur Maloche müssen, schienen sie nicht zu verschwenden. Irgendwann bequemten sich Mr. Dictor und seine aktuelle Gefolgschaft dann doch noch auf die Bretter und lieferten einen Auftritt, für den sich das Warten gelohnt hatte (das indes gut mit kalten Getränken und Gesprächen, u.a. über australische Spinnen mit dem ANTIBASTARD-Sänger, überbrückt wurde): Dave & Co. sind fit und haben Bock. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, sämtliche MDC-Songs auseinanderhalten zu können. Wirklich kennen und besitzen tue ich lediglich das Debüt (und die uralte Stains-Single) und davon einmal abgesehen ähneln sich gerade die älteren eruptiven, kurzen Hektik-HC-Kisten doch mitunter stark. MDC schienen mir aber einen Mix aus alten Klassikern und einigen dann auch mal etwas ruhigeren Songs vom neuen Album „Mein Trumpf“ zu spielen.  Dave sprechshoutete und pöbelte sich pointiert durch das Material, seine Klampfer unterstützen ihn dabei zeitweise durch etwas Background-/Gangshout-Gebelle und gleich vom ersten Song an brach vor der Bühne die Hölle los. Die Publikumsreaktionen vollzogen sich fortan in Wellenbewegungen: Durchdrehen, abflauen, (relative) Ruhe, wieder Durchdrehen usw. Ob’s an der Popularität der jeweiligen Songs lag oder eher konditionelle Gründe hatte, weiß ich nicht, aber inkl. ANTIBASTARD-Sänger zählte ich zwei Crowdsurfer und zu „John Wayne Was a Nazi“ war dann eher Skandieren, Fäusterecken und Mitgrölen denn Blutpogo und Akrobatik angesagt. Alles in allem hat’s ordentlich gescheppert; ich hab‘ mich riesig gefreut, MDC endlich mal live, in Farbe und dreidimensional zu sehen und da einen Haken dranmachen zu können, und fand’s auch gar nicht schlecht, das Ende der Sommersemester-Vorlesungszeit mit einem HC-Gig und manch Ratsherrn zu feiern – die Maloche habe ich dabei einfach mal gedanklich beiseitegeschoben. Selbst der verdammte ÖPNV konnte mir dann nichts mehr: Erst sollten Nachtbusse fahren, dann irgendwie doch nicht, durch die Scheiße stieg ich nicht mehr durch, bin ich halt zu Fuß gegangen und hab‘ den sommernächtlichen Spaziergang genossen. MDC statt HVV!

13.07.2018, Menschenzoo, Hamburg: VITAMIN X + TENDENCIA + SOULFORGER

Als dieses Konzert der kubanischen Ethno-Groove-Metaller TENDENCIA anberaumt wurde, hatte Menschenzoo-Booker Martin ursprünglich meine Krawallcombo gefragt, ob wir die Vorband machen könnten. Das fiel leider aufgrund beruflicher Verpflichtungen Eisenkalles flach und auch das Angebot, dort als DJ aufzulegen, musste ich ausschlagen, da ich am nächsten Tag relativ früh raus musste. Das Konzert wollte ich mir aber nicht entgehen lassen. Die norddeutschen SOULFORGER machten den Anfang im ca. halbvollen Zoo. Ihren Stil beschreibt diese Band, von der ich zuvor noch nie etwas gehört hatte und die sich anscheinend sehr rar macht, als Melodic Death Metal – anfänglich klangen sie mir jedoch angenehmerweise mehr nach alten SEPULTURA, also nach ruppigem Oldschool-Aggro-Thrash. Tatsächlich wurd’s dann zunehmend melodeathiger mit atmosphärischen bis epischen Melodiebögen, manch Blastbeat-Passage klang sogar richtiggehend angeschwärzt. Kleinere Timingprobleme hier und da änderten nichts am gelungenen Gig, der augen- und ohrenscheinlich recht gut ankam, wenngleich es sich kaum um die bevorzugte Musikrichtung der meisten Anwesenden gehandelt haben dürfte. Diese schienen diesen Blick über den Tellerrand aber durchaus wohlwollend zu goutieren.

TENDENCIA, die bereits 1995 ihr erstes Demo und mittlerweile vier Alben veröffentlicht haben, hatte ich erstmals zur Kenntnis genommen, als ich die Kuba-Reise- und Konzertberichte von COR las. Das ist schon wieder eine Weile her, mich näher mit der Band befasst hatte ich nie – ging also in jeglicher Hinsicht unvoreingenommen an ihren Gig heran. Zu sechst drängelten sich die Kubaner, die sich gerade auf Europa-Tour befanden, auf der kleinen Bühne, inkl. zusätzlichem Handtrommelspieler und einem Zottelbär von einem Shouter.  Schwerster Groove-Thrash mit folkloristischen Einlagen à la mittlere SEPULTURA oder SOULFLY walzte über das die Bude endgültig zur Sauna verwandelnde,  neugierige Publikum hinweg, das die Fläche vor der Bühne nun komplett in Anspruch nahm. Kehliges Gebrüll zu derbe schrotenden Gitarren über einer Rhythmusfraktion, die ihre doppelten Percussions gewinnbringend einzusetzen wusste und damit so richtig schön auf die Kacke haute. Enorm zum Unterhaltungsfaktor trug der in ein DRITTE-WAHL-Shirt gewandte Gitarrist bei, der offenbar als Sprachrohr der Band fungiert und extrem kommunikationsfreudig mit dem Publikum interagierte. Dies tat er auf Englisch, während der Großteil des Songmaterials auf Spanisch gebrüllt wurde. Eine Ausnahme war natürlich das SEPULTURA-Cover „Territory“, das einem das Fell über die Ohren zog, übrigens im Refrain unter Beteiligung von VIOLENT-INSTINCT-Drummer Stephan, der in der erste Reihe lauthals mitgrölte und das Mikro hingehalten bekam. Ein weiteres Cover war die sehr eigenwillige Neuinterpretation des Evergreens „Guantanamera“, begleitet von militärischen Gesten des zweiten Gitarristen. Im Antibullensong „Puta“ wurde bischn gerappt, Höhepunkt des Songs war aber ein Mitsingspiel, um, wie man uns erklärte, Bullenspitzel im Publikum von den anderen Gästen unterscheiden zu können: So galt es, immer das Gegenteil davon zu singen, was von der Bühne vorgegeben wurde, womit Bullen bereits überfordert seien.  „Say: Ja ja ja!“ – „Nein nein nein!“ schallte es durch den Menschenzoo, bis die Vorgaben derart verkompliziert wurden, dass auch ich überfordert war…  Der Bandkommunikator erwähnte seine Deutschland-Connection bestehend aus Impact Records, den DÖDELHAIEn, DRITTE WAHL usw. lobend und stellte in Aussicht, Deutsch zu lernen, um auf dem nächsten Album neben spanischen und englischen Songs und deutschsprachige Stücke unterbringen zu können, die wir dann alle verstehen würden. Daraufhin eine Stimme aus dem Publikum, ironischerweise auf Deutsch: „Wir können auch Englisch!“ Bei verdammt knackigem P.A.-Sound und bester Stimmung wurde weiter eine Brachialkeule nach der anderen durchgeholzt und am Ende ‘ne Zugabe gefordert, aus der gleich drei wurden. Anschließend posierte man gar noch für ein Foto mit dem Publikum im Hintergrund, wie ich’s eigentlich nur von großen Bühnen her kenne. TENDENCIA boten eine perfekte Kombination aus Brutalität, Spielfreude, Intensität, Exotik sowie authentisch und voller Inbrunst gespielten, geilen Songs und hinterließen so ein begeistertes, aber auch ausgepowertes Publikum, das sich alsbald über den Merch-Stand hermachte.

Mit ihrem schwerst unterhaltsamen, mitreißenden, absolut Headliner-würdigen Auftritt haben TENDENCIA den Amsterdamern VITAMIN X schon ein bisschen die Show gestohlen. Viele waren anscheinend auch gut durchgedengelt, sodass sich der Menschenzoo deutlich lichtete. Zum rabiaten, vollkommen unprätentiösen Oldschool-Hardcore, meist pfeilschnell gezockt und kurzgehalten, wurden Konfettikanonen gezündet und vor der Bühne ging’s auch rund.  Nur zog sich eben kein ganzer Pulk mehr von vorne bis zum Mischpult. VITAMIN X sind ja nun schon lange wahrlich kein Geheimtipp mehr, aber immer fest im Underground verwurzelt geblieben. Dennoch habe ich sie an diesem erstmals live gesehen, würde das aber gern viel öfter tun, denn das war nicht nur ein schöner musikalischer Kontrast zu TENDENCIA, sondern auch die gute alte Hektiker-Schule, die ich so viel lieber mag als den protzigen, schwerfälligen Brüllaffen-Core manch Mitbewerbers. VITAMIN X waren mit ihrem Set dann auch wesentlich schneller als ihre Vorgänger durch, blickten aber etwas verdutzt drein, als niemand eine Zugabe forderte. Die Luft schien den Leuten endgültig ausgegangen zu sein.

Zweifelsohne war dieser Abend einer meiner Konzert-Höhepunkte der Saison. Eine bunt gemischte Zusammenstellung im Zeichen des musikalischen Freigeists. Die 10,- EUR für den Eintritt waren bestens investiert und auch für den Abergläubischsten sollte absolut nichts darauf hingedeutet haben, dass es sich um einen Freitag den 13. handelte. Darauf einen Cuba Libre!

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Grenzfall

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, zu denen die DDR kaum Thema im Schulunterricht war. U.a. um dies zu ändern haben Bundesstiftungen wie diejenige „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ eine Reihe von Comics gefördert, die sich möglichst sachlich zumindest mit einzelnen Aspekten der DDR-Geschichte auseinandersetzen und sich effektiv als Unterrichtmaterialien einsetzen lassen sollen. Die Comicform soll dabei helfen, Berührungsängste abzubauen, niedrigschwellig jungen Lesern den Zugang zu ermöglichen und diese für die Thematik zu interessieren. Eines dieser Werke ist der rund 100-seitige broschierte Band „Grenzfall“, der im März 2011 im Avant-Verlag erschienen ist. Die Autoren und Zeichner Thomas Henseler und Susanne Buddenberg widmen sich hier der zu DDR-Zeiten oppositionellen Untergrundzeitung gleichen Namens, die es ab 1986 auf 17 in Ostberlin von der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ produzierte Ausgaben brachte. Mitherausgeber war Peter Grimm, der an diesem Buch mitgearbeitet hat und aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dabei wurden „aus dramaturgischen Gründen […] Abläufe und Personengruppen zusammengefasst“, heißt es im Vorfeld.

Nach einem kurzen Prolog gibt sich der Peter Grimm des Jahres 2011 als autodiegetischer Erzähler zu erkennen, der seine persönlichen Erinnerungen schildert. Von da an werden die narrativierenden Blocktexte in Vergangenheitsform formuliert, was den Eindruck subjektiver Erinnerungsschilderungen Grimms erzeugt. Der Comic steigt im Jahre 1982 ein und zeigt, wie der mit dem System unzufriedene Peter Grimm auf die oppositionelle Familie Havemann stößt und bald ins Visier der Staatssicherheit gerät, woraufhin er vom Abitur ausgeschlossen wird und schließlich zusammen mit anderen Oppositionellen im Schutz der Kirche die Zeitung „Grenzfall“ herausbringt. Minutiös wird die gefährliche, konspirative Vorgehensweise nachgezeichnet, bis in der Nacht vom 24. auf den 25. November die Falle der Stasi, der es gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, zuschnappte. Durch Kontakte zu BRD-Journalisten und die daraus resultierende Berichterstattung in bundesdeutschen Medien verzeichnete die Zeitung jedoch einen Popularitätsschub und zahlreiche Solidaritätsbekundungen führten zur baldigen Freilassung der inhaftierten Untergrund-Journalisten. Die Stasi hatte damit einen Pyrrhussieg errungen; die Aktion galt als wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur friedlichen Revolution, aus der schließlich 1989 die Wende hervorging.

All dies wird einerseits beinahe filmisch in Form einer spannenden Geschichte aufgearbeitet, andererseits aber auch sehr nüchtern vorgegangen: Die Zeichnungen sind schwarzweiß und naturalistisch, zahlreiche Auszüge aus Stasi-Berichten und reproduzierte Originalplakate sowie teilweise 1:1 nachgezeichnete Fotografien wurden integriert und dienen als textuelle und visuelle Authentisierungsmittel. Ein bestimmte Vokabeln erläuterndes und einordnendes Glossar sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis dienen darüber hinaus als paratextuelle Authentisierungsmittel. Damit ist „Grenzfall“ ein schönes Beispiel für sehr exaktes Arbeiten nahe an der Realität und die Verwendung sowie Verarbeitung authentischer Quellen auch über Zeitzeugen hinaus, wodurch das Buch tatsächlich seinem Bildungsanspruch gerecht wird. Ähnlich wie bei „Kinderland“ handelt es sich um eine Entwicklungsgeschichte, wohingegen der streng naturalistische, farblose Zeichenstil sich bewusst dem Inhalt unterordnet, von dem er in seiner Nüchternheit nicht ablenken will. Das macht „Grenzfall“ auf der visuellen Ebene dann auch etwas dröge, das Künstlerische muss hinter dem Aufklärerischen zurückstecken.

Anders als „Kinderland“ wurde „Grenzfall“ jedoch auch als Erfolgsgeschichte konzipiert; der Comic endet mit der Freilassung der Inhaftierten und dem Verweis auf die Revolution 1989. So sehr sich anhand der Geschichte exemplarisch die Probleme der nichtvorhandenen Pressefreiheit in der DDR abbilden lassen, so sehr hadere ich dem suggerierten nachhaltigen Erfolg. Die während der Wendezeit aufgekeimten Hoffnungen auf einen neuen, gerechteren deutschen Staat gerade auch vieler DDR-Oppositioneller zerschlugen sich bald, die DDR bekam den BRD-Kapitalismus übergestülpt und wurde durch die Treuhand und ihre Nutznießer ausgeplündert. Die Folge waren Massenarbeitslosigkeit und Existenznöte, politische Versäumnisse, für die u.a. die Kosten der Wiedervereinigung mitverantwortlich gemacht wurden. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Klimas erstarkte der Rechtsextremismus, der unschuldige Menschenleben forderte. Peter Grimms „Initiative Frieden und Menschenrechte“ ging im „Bündnis 90“ und schließlich in der Grünen Partei auf, die vom Frieden alsbald nichts mehr wissen wollte und sich willfährig am völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg beteiligte. Hatten die „Grenzfall“-Herausgeber dafür gekämpft?

Mawil – Kinderland

Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins aus als zu pubertieren beginnender Dreikäsehoch mit.

Mawils „Kinderland“ zeigt den Alltag des Ostberliner Siebtklässlers Mirco Watzke zwischen Familie, Schule – vor allem Schulpausen – und Pionierdasein im Jahr 1989 noch vor der Grenzöffnung. Er entdeckt seine Leidenschaft und sein Talent für Tischtennis, hat Ärger mit den Raufbolden der Schule und lernt im frisch an seine Schule versetzten Torsten Maslowski einen Freund kennen, der anders ist als andere: Er ist kein Pionier und lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen, seit sein Vater in die BRD abgehauen ist. Er besitzt neben einer oftmals provokanten Art auch ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen, das Mirco imponiert. Als man sich mit der Idee durchsetzt, ein Tischtennisturnier an der Schule zu veranstalten, brennt Mirco dafür – die urplötzliche Grenzöffnung wirkt da eigentlich nur wie ein Störfaktor, denn sie verhindert das Stattfinden des Turniers. Kurz nach der Grenzöffnung endet die Geschichte.

Zahlreiche Besonderheiten der DDR sind auf ganz selbstverständliche Weise in den Comic integriert, ohne näher erklärt zu werden. Ein gewisses Vorwissen erweist sich daher durchaus als nützlich, um alles zu verstehen. Manch Detail kann zudem verloren gehen oder manch Gag nicht richtig funktionieren, wenn man mit der DDR-Kultur und -Gesellschaft gänzlich unvertraut ist. Doch genau diese Detailverliebtheit ist es, die „Kinderland“ Mawils krakeligem Funny-Stil zum Trotz auszeichnet, zeichnet sie doch aus multiperspektivischer Binnenperspektive ein überraschend realitätsgetreues Bild der DDR vornehmlich aus Kindersicht nach, wie es von den damals Heranwachsenden empfunden und erlebt wurde: Ein als selbstverständlich erachtetes Leben mit allen Irrungen, Wirrungen und Einschränkungen des DDR-Alltags, das eben nicht hauptsächlich von Repression und Militarismus geprägt war, sondern von einer eigenen bzw. einer Mischkultur aus ost- und westdeutschen Elementen: Das innere Titelblatt ist alten DDR-Schulheften nachempfunden, Schüler fahren mit großen Linienbussen, Pioniere sammeln Wertstoffe und singen in falschem Englisch zu Depeche Mode mit, deren Schallplatten teuer, rar und begehrte Tauschobjekte sind, gebadet wird nackt an FKK-Stränden, kleine Geschwister fürchten sich vorm „Gespenster-Duett“ des kultgewordenen „Traumzauberbaum“-Kinderlieder-Albums mit Hörspiel-Elementen des begnadeten Komponisten Reinhard Lakomy und in Mircos Zimmer finden sich „Mosaik“-Bildergeschichten ebenso wie Pittiplatsch, Sandmännchen und ein Schlumpf. Doch 1989 kommt Mitschülerin Peggy Kachelsky nicht mehr aus den Sommerferien zurück, weil ihre Eltern „rübergemacht“ haben, die strenge Russischlehrerin gibt sich nach außen hin überzogen staatstreu, doch schaut heimlich Westfernsehen und liest neben dem „Neuen Deutschland“ den „Spiegel“, der „Sputnik“ berichtet von Glasnost und Perestroika und Mirco bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er beim Belauschen seiner Eltern aufschnappt, dass auch sie sich mit dem Gedanken an eine Übersiedlung beschäftigen. Doch so viel Veränderung auch in der Luft liegt – in der Schule nervt FDJ-Pioniergruppenratsvorsitzende Angela Werkel (als Anspielung auf Angela Merkels FDJ-Engagement) unbeirrt als linientreue Klassenstreberin und der ständig hustende, rauchende Sportlehrer verwaltet im NVA-Trainingsanzug Material und Geräte. Was wirklich gerade in der DDR vor sich geht, bekommen Mirco und seine Mitschülerinnen und Mitschüler lediglich am Rande mit und tangiert sie in ihrem Alltag nur peripher.

Mirco ist wesentlich kleiner als Gleichaltrige und zudem Brillenträger. Er wirkt dadurch schmächtig, evtl. gar entwicklungsgehemmt. Dies ist zum Verständnis der Figur von Bedeutung: verunsichert bis ängstlich, körperlich unterlegen, nach Erkennen seines Tischtennis-Talents sich in diesen Sport hineinsteigernd – weil er endlich etwas gefunden hat, in dem er besser ist als andere. Zudem stammt er aus einer religiösen Familie und sucht regelmäßig den Gottesdienst auf – in der DDR eher Ausnahme als Regel. So verunsichert er im Alltag wirkt, so verbissen steigert er sich in den Sport hinein und entwickelt sich dadurch vom Außenseiter zum beliebteren, respektierten Tischtennis-Ass. Parallel entwickeln sich erste mit der Pubertät einhergehende Herausforderungen, was der Geschichte ebenso ihren Coming-of-Age-Aspekt verleiht wie die beinahe symbolische Einleitung des Endes seiner Kindheit durch die Grenzöffnung.

Dennoch ist „Kinderland“ keine Ausreise- oder gar Fluchtgeschichte wie so viele andere Wende-Comics. Auch reflektiert „Kinderland“ weniger das politische System, klagt nicht an, ist humorvoller. Vielmehr holt es Erinnerungen jener Generation DDR-Kinder hervor, deren Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Untergang des Staats einherging, jener, die sich so häufig Jahre später auf die Suche nach ihren Wurzeln begaben (oder begeben) und ihre Kindheit zu rekonstruieren versuchen. Hierbei kann „Kinderland“ eine große Hilfe sein, nicht zuletzt, weil es – ganz wie so viele Kinder zu DDR-Zeiten – die SED-Herrschaft weder glorifiziert noch verurteilt, wenngleich „Kinderland“ natürlich viele kritische Ansätze nicht außer Acht lässt. Wie es Mawil gelungen ist, diese durch die Augen eines unpolitischen Kinds zu verarbeiten, gebührt Anerkennung. Die Rolle des Unangepassten, Rebellischen wird Torsten Maslowski zuteil, der hier jedoch vor allem ein vom Schicksal gebeutelter, unausgeglichener, von Verlustängsten geplagter Junge ist.

Formal bedient sich Mawil eines relativ starren Seitenaufbaus von meist drei Panelzeilen, während die Panels jedoch immer wieder aufgebrochen oder überlagert werden. Mimik, Körpersprache/Gestik u.ä. kommen expressiv zur Geltung, eine Erzählinstanz, begleitende bzw. erläuternde Blocktexte o.ä. fehlen komplett. Die Leserinnen und Leser sind also angehalten, die Bilder und Geschehnisse selbst einzuordnen. Überlagernde Sprechblasen drücken akustische Dominanz aus, schwer oder gar nicht lesbare Sprechblaseninhalte ihr Gegenteil. Auf dialoglose Panelfolgen treffen vor Sprechblasen voll pubertärem Geplapper nur so wimmelnde, in denen auch von Rechtschreibkonventionen abweichende Umgangssprache Einzug hält. Unkonventionell, eigentlich orthographisch verkehrt ist die vollständige Unterschlagung des „ß“ in den offenbar handgeletterten Texten. Im Kontrast zum Zeichenstil stehen naturalistische bis fotorealistische Details wie die DDR-Flagge, ein LP-Cover oder ein Porträt Honeckers.

Trotz seiner 300 Seiten liest sich Mawils „Kinderland“ rasch, denn man möchte es nicht so schnell aus der Hand legen, sind einem die Figuren erst einmal ans Herz gewachsen. Nicht nur deshalb ist „Kinderland“ unter den zahlreichen Wende-Comics bzw. Graphic Novels dieses Themenkomplexes einer meiner Favoriten – vielleicht auch aufgrund gewisser Parallelen zwischen Mircos und meiner Biographie.

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