Wenn ich mich mal an ‘nem Dienstag auf ‘nen Gig begebe, muss das schon ein besonderer sein – wie dieser von MDC, die ich bisher stets verpasst hatte, aber unbedingt einmal live sehen wollte, bevor der mittlerweile über 60-jährige Dave Dictor seinen verdienten Ruhestand antritt. Parallel spielten die ADOLESCENTS im Hafenklang, sodass die Hoffnung bestand, dass der Menschenzoo nicht heillos überfüllt werden würde. Diese erfüllte sich trotz guten Besucherandrangs bei sehr fairen 10,- EUR Eintritt dann auch. Den Anfang machten die Berliner ANTIBASTARD aus dem Dunstkreis der Rigaer Straße. Die Bassdrum hüllten sie in eine Antifa-Flagge und gaben aggressiven HC-Punk mit englischen Texten ihres australischen Sängers zum Besten, der mir bestens reinlief. Dummerweise riss direkt nach dem ersten Song eine Saite, der Großteil des Sets flutschte aber geschmeidig durch. Der Sänger stieg von der Bühne und begab sich auf Augenhöhe mit dem Publikum, während gleich zwei Gitarristen in Kombination mit der Rhythmussektion einen grob auf der UK82-Schule fußenden Sound erzeugten, der auch mal Raum für etwas Melodie und das eine oder andere Gitarrensolo bot.  In den Texten schien man sich vorrangig über gesellschaftliche Missstände Luft zu  verschaffen, aber auch den Schicksalsschlag in Form ihres im letzten Jahr verstorbenen ehemaligen Gitarristen verarbeiteten ANTIBASTARD in einem Song. Als 14. und letzte Nummer peitschte man das MINOR-THREAT-Cover „I Don’t Wanna Hear It“ durch und besiegelte damit einen Auftritt, der auf ein starkes Debütalbum hoffen lässt!

Obwohl ich in Sachen ‘80er-Crossover und Artverwandtem eigentlich recht bewandert bin, hatte ich DR. KNOW aus Kalifornien überhaupt nicht auf dem Schirm. Das Cover der zweiten Langrille „Wreckage in Flesh“ kommt mir aber bekannt vor; gut möglich, dass ich mir die Platte mal angehört, aber als nicht geil genug erachtet hatte. In den ‘90ern war jedenfalls Funkstille, seit 2001 ist man aber wieder am Start und hat seither drei weitere Alben veröffentlicht. Nichts davon habe ich gehört, kann mich also nicht zum Live-Verhältnis  von Klassikern zu jüngerem Stoff äußern. Es klang jedenfalls alles nach ‘ner durchaus potenten Mischung aus altem US-HC und Oldschool-Thrash, wobei das Pendel mal mehr in die eine, mal in die andere Richtung ausschlug. Manches tönte dann ehrlich gesagt auch einfach wie ein überlanger HC-Song mit metallischem Gitarrensolo zwischendurch. Es waren aber auch viele musikalisch wirklich gute, treibende, arschtretende Songs darunter, die Laune machten. Auf Dauer war mir aber der Gesang etwas zu gleichförmig und nicht aggressiv genug. Kurios: Erst mitten im Set verteilte der Bassist die Setlists und unters Publikum hatte sich Jarvis Leatherby, Sänger und Bassist der kalifornischen Oldschool-Metaller NIGHT DEMON, gemischt. Während ich das hier schreibe, läuft übrigens das Debüt-Album per YouTube, ziemlich töfter HC/Früh-Crossover. Den o.g. Nachfolger hatte ich eben auch noch mal angespielt, mit dem orientierte man sich wesentlich weiter in Richtung Metal. Höre ich mir vielleicht noch mal in Ruhe an.

MDC ließen sich dann reichlich Zeit mit dem Umbau; einen Gedanken daran, dass es Leute gibt, die an einem Mittwochmorgen früh zur Maloche müssen, schienen sie nicht zu verschwenden. Irgendwann bequemten sich Mr. Dictor und seine aktuelle Gefolgschaft dann doch noch auf die Bretter und lieferten einen Auftritt, für den sich das Warten gelohnt hatte (das indes gut mit kalten Getränken und Gesprächen, u.a. über australische Spinnen mit dem ANTIBASTARD-Sänger, überbrückt wurde): Dave & Co. sind fit und haben Bock. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, sämtliche MDC-Songs auseinanderhalten zu können. Wirklich kennen und besitzen tue ich lediglich das Debüt (und die uralte Stains-Single) und davon einmal abgesehen ähneln sich gerade die älteren eruptiven, kurzen Hektik-HC-Kisten doch mitunter stark. MDC schienen mir aber einen Mix aus alten Klassikern und einigen dann auch mal etwas ruhigeren Songs vom neuen Album „Mein Trumpf“ zu spielen.  Dave sprechshoutete und pöbelte sich pointiert durch das Material, seine Klampfer unterstützen ihn dabei zeitweise durch etwas Background-/Gangshout-Gebelle und gleich vom ersten Song an brach vor der Bühne die Hölle los. Die Publikumsreaktionen vollzogen sich fortan in Wellenbewegungen: Durchdrehen, abflauen, (relative) Ruhe, wieder Durchdrehen usw. Ob’s an der Popularität der jeweiligen Songs lag oder eher konditionelle Gründe hatte, weiß ich nicht, aber inkl. ANTIBASTARD-Sänger zählte ich zwei Crowdsurfer und zu „John Wayne Was a Nazi“ war dann eher Skandieren, Fäusterecken und Mitgrölen denn Blutpogo und Akrobatik angesagt. Alles in allem hat’s ordentlich gescheppert; ich hab‘ mich riesig gefreut, MDC endlich mal live, in Farbe und dreidimensional zu sehen und da einen Haken dranmachen zu können, und fand’s auch gar nicht schlecht, das Ende der Sommersemester-Vorlesungszeit mit einem HC-Gig und manch Ratsherrn zu feiern – die Maloche habe ich dabei einfach mal gedanklich beiseitegeschoben. Selbst der verdammte ÖPNV konnte mir dann nichts mehr: Erst sollten Nachtbusse fahren, dann irgendwie doch nicht, durch die Scheiße stieg ich nicht mehr durch, bin ich halt zu Fuß gegangen und hab‘ den sommernächtlichen Spaziergang genossen. MDC statt HVV!