Gnnis Reviews

Date: 5. August 2018

Cinema-Sonderband Nr. 4: Sex im Kino – Höhepunkte des erotischen Films

Der vierte Sonderband der Filmzeitschrift „Cinema“ dürfte aufs Jahr 1982 datieren und widmet sich in Heftform 84 Seiten lang der Erotik auf der Leinwand. Und wenn mir so etwas für 2,- EUR auf einer Comic-Börse (!) in die Finger fällt, nehme ich’s natürlich mit. Nach einer angenehm kritischen zweiseitigen Einführung bietet das Heft einen fast 30-seitigen Streifzug durchs Erotikfilmgenre, der auf abwechselnd farbigen und schwarzweißen Doppelseiten großformatige Bilder mit jeweils kurzen Begleittexten bietet, dabei tatsächlich viele Facetten des Genres abdeckt und dessen Variantenreichtum eindrucksvoll illustriert, jedoch vor allem etwas fürs Auge ist. Jürgen Menningen führt anschließend eine Art Wurzelbehandlung durch, jedoch der angenehmen Art: Er referiert 15 Seiten lang (unterbrochen von einem furchtbar unerotischen Belmondo/Bisset-Poster in der Heftmitte) „von den Anfängen des Sittenfilms“, was sich spannend liest und mit historischem Material illustriert wurde. Alexandre Alexandre bekommt dann noch fünf Seiten, um ausschließlich über den „ersten Sexfilm“, Richard Oswalds „Moral und Sinnlichkeit“, zu berichten und damit speziell auf die Dialektik von Sex- und Aufklärungsfilm sowie auf die Themen Prüderie, Doppelmoral und Zensur einzugehen. Der Rest des Hefts ist dann wiederum in erster Linie dem visuellen Genuss gewidmet, indem der Informationsgehalt zugunsten spärlich kommentierter Seiten voll Fotos von „Stars der Leinwand ohne Hüllen von A-Z“ zurückgestellt wird. Ironischerweise wird die alphabetische Sortierung nach Ursula Andress und Brigitte Bardot bereits aufgegeben, was jedoch nichts an der Qualität der häufig wahrlich erotischen, ästhetischen Setfotos diverser – ausschließlich weiblicher – Erotikfilm-Ikonen ändert, was einen reizvollen Überblick über die damals noch aktuellen Protagonistinnen verschafft – der jedoch durchaus im Kontrast zu den häufig genrekritischen vorausgegangenen Texten steht. Dieser Sonderband ist ein gewagter Spagat zwischen seriöser Information und „Tittenheftchen“: Wer ausschließlich nackte Tatsachen sehen will, wird den redaktionellen Teil als störende Alibi-Texte abtun und wer vor allem an Hintergrundinformationen interessiert ist, dürfte es als Mogelpackung empfunden haben, eine Publikation dieses Bild-Text-Verhältnisses erworben zu haben. Wen allerdings beide Aspekte reizen, der findet in diesem Heft eine interessantes Zeitdokument, dessen Textteil auf einige wissenswerte Aspekte verweist und dessen Bilder nicht nur die eine oder andere Schauspielerin ins Gedächtnis rufen, sondern auch Lust auf den einen oder anderen ihrer Spielfilme machen, die in Zeiten nur einen Mausklick entfernter Gratis-Pornographie so herrlich anachronistisch wirken, jedoch neben viel fragwürdigem Unfug, himmelschreiendem Sexismus und antiquierten Geschlechterbildern nicht nur erforschenswerte Reflektionen des Sittenbilds ihrer Zeit – oder dessen Antithese – sind, sondern auch mit manch Qualitätsbeitrag beweisen, dass das Genre des explizit nichtpornographischen Erotikfilms auch heute noch zurecht parallel existiert – wenngleich es seine Hochzeiten längst hinter sich hat.

Auf Grundlage dieses Magazins entstanden offenbar jährliche Sonderbände zum Thema und schließlich das 1992 veröffentlichte großformatige Buch „Die Geschichte des erotischen Films“ im festen Einband.

Kati Rickenbach – Filmriss

Die schweizerische Comiczeichnerin und Illustratorin Kati Rickenbach ist Mitherausgeberin des Comicmagazins „Strapazin“ und veröffentlichte 2007 auf ihr Engagement für die Comicserie „Zyri“ im „Züritipp“-Stadtmagazin hin ihre erste Graphic Novel „Filmriss“ im Verlag Edition Moderne. Auf rund 80 in Graustufen gehaltenen, handgeletterten Seiten zwischen festen Einbanddeckeln erzählt sie die Geschichte der jungen Erwachsenen Lela, die nach einer Party mit einem Knutschfleck aufwacht, sich jedoch an nichts erinnern kann und versucht, die Ereignisse der letzten Nacht zu rekonstruieren. Die Leserinnen und Leser folgen ihr dabei auf eine Reise durch Partys und Flirts, ungesunde zwischenmenschliche Beziehungen, Verunsicherung und Wut bis hin zu Wahnsinn und Verzweiflung. Eine Attraktion des Bands ist der verschachtelte Erzählstil mit seinen vielen Perspektivwechseln und Rückblenden, der zu einer spannenden Geschichten heranwächst, die letztlich alle Handlungsfäden zusammenführt – weshalb über diese hier nicht mehr verraten werden soll. Im karikierenden, eigenwilligen, aber nicht uncharmanten Funny-Stil kann die ironische bis sarkastische Leichtigkeit der blocktextfreien Zeichnungen und Dialoge nicht übertünchen, dass hier ins Gegenteil verkehrt wird, was gemeinhin als Inbegriff von jugendlichem/adoleszentem Spaß, als sorgenarmes Freizeitvergnügen gilt. Das starre Grid-Korsett mit je acht Panels pro Seite wirkt wie die Grenze einer Realität, der die Figuren ohne Aussicht auf Erfolg zu entkommen versuchen. Ein Spiegelbild einer Generation? Das weiß ich nicht. Ich würde es Rickenbach aber vorbehaltlos abkaufen, wenn das, was sie hier verarbeitet, ausnahmslos auf realen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, weshalb einem das Lachen insbesondere zum Ende hin gleich mehrmals im Halse stecken bleibt. Beachtlich ist zudem, wie es ihr gelingt, all dies auf lediglich 80 Seiten komprimiert wiederzugeben. Ein hoffnungsvoll stimmendes Debüt über Hoffnungslosigkeit aus der Perspektive eines gesellschaftlichen Mikrokosmos, der damit zu kämpfen hat, sich damit abzufinden.

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