Gnnis Reviews

Month: September 2018

22.09.2018, Schlemmereck, Hamburg: DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Zu diesem Gig kamen wir wie die Jungfrau zum Kinde: Am Montag fragte RACCOON-RIOT-André an, ob wir kurzfristig im Schlemmereck auf dem Hamburger Berg spielen könnten, und obwohl Spontanität sonst nicht so unser Ding ist, sagten wir am Mittwoch zu (nicht ohne abzuklären, ob man dort wisse, worauf man sich einlässt). Hintergrund: Nach dem bedauerlichen Ableben des ursprünglichen Schlemmereck-Betreibers, unter dem sich die Speis-und-Trank-Kneipe zum Hauptquartier der Hamburger Turbojugend entwickelt hatte, wurde der Laden zu einer seelenlosen Billigspelunke verunstaltet, bis der neue Besitzer erkennen musste, dass damit kein Staat zu machen ist. Daraufhin übertrag er die Verantwortung Freunden des ursprünglichen Konzepts und ließ ihnen freie Hand, sodass diese – wenn auch unter kieztypisch eher ungünstigen Bedingungen – nun versuchen, den alten Charme im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu restaurieren und wieder Schwung in die Bude zu bringen. Ein hehres Unterfangen, zu dem u.a. der Plan zählt, eine regelmäßige Konzertreihe an jedem dritten Samstag eines Monats zu etablieren. Als der erste Termin, der zudem aufs Reeperbahn-Festival fiel, verdammt nahegerückt war, man jedoch noch nichts organisiert hatte, bat man André um seine Hilfe, der uns schließlich ins Boot holte. Bischn Internet-Propaganda war schnell gemacht und so wurden flugs die letzten Absprachen getätigt, bevor wir uns tatsächlich am Samstagnachmittag auf „die andere Seite“  des Kiezes begaben. Kai war sogar entgegen allen Punk-Klischees so dermaßen überpünktlich, dass er zunächst vor verschlossener Tür stand, wir anderen kamen mit unserem Equipment nach, wie üblich per Taxi. Da André Schlagzeug und Anlage zur Verfügung stellte, mussten wir uns keinen Bruch heben und konnten entspannt zum ersten Bierchen greifen, während er zusammen mit der Schlemmereck-Crew alles aufbaute und verkabelte. Tische und Bänke im hinteren Bereich der Kneipe wurden entfernt und zur Bühne umfunktioniert. Dr. Tentakel vervollständigte das Drumset und Kai sowie Mike schlossen ihre Äxte für erste Soundchecks an. Dabei musste Kai feststellen, sein Effektgerät offenbar geschrottet zu haben, sodass er sich ausschließlich am Amp um einen achtbaren Klang bemühen musste, während Mike einen der Glaslampenschirme der tiefhängenden Leuchten versehentlich per Headbanging zerstörte – woraufhin die verbliebenen Lampen sicherheitshalber höhergehängt wurden („Hängt sie höher!“).

Gemeinsam tüftelte man schließlich den Gesamtsound inkl. Gesängen aus, was nach einem letzten Mikrotausch auch ganz gut zu gelingen schien. Im Endeffekt hatten wir überraschenderweise einen klaren, differenzierten Sound wie vermutlich nie zuvor, man konnte wohl sogar jedes einzelne Wort, das ich so ins Mikro keifte, verstehen. Damit hatte ich nun nicht unbedingt gerechnet. Zeit für ‘ne Pizza aus der gegenüberliegenden Trattoria (die Schlemmereck-Küche war geschlossen geblieben) und ein paar Pilsetten zum Warmtrinken. Das Gratis-Frühkonzert war für 19:30 Uhr angesetzt worden, was wir noch etwas nach hinten verzögerten. Ich war gespannt, wer so alles überhaupt derart kurzfristig etwas von diesem Gig mitbekommen haben würde – und wie viele sich so früh aufraffen würden, um sich pünktlich zum Herbstbeginn eine Dosis Hasspunkkrawall abzuholen. Wurden dann doch so einige, die ihren Weg in den geschmackvoll zwischen rustikal und Rock’n’roll dekorierten Laden fanden.  Unter die Klientel, die von uns bisher vermutlich noch nie etwas gehört hatte, mischten sich zu meiner Freude auch einige Waffenbrüder und -schwestern. Kurz nach acht dürfte es gewesen sein, als unser Intro gefolgt von „Pogromstimmung“ erklang, über die üblichen altbekannten Nummern sowie Neuzugang „Spaltaxt“ über die seltener Gespielten „Victim of Socialisation“ und „Montag der 13.“ bis zur Hommage an den sozialistischen Plattenbau „Ghettoromantik“. Lief wohl alles relativ pannenfrei, hier und da holperte es etwas oder ich drohte, übers Mikrokabel zu stolpern, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Die Connaisseurs im Schlemmereck ließen es sich  munden, spendeten Applaus und beschwerten sich meines Wissens hinterher auch nicht beim Chefkoch. Obwohl wir unser komplettes Set gespielt hatten (das für die vorausgegangenen Gigs jeweils hatte gekürzt werden müssen), kam es sowohl uns als auch den Gästen plötzlich verdammt kurz vor, so als einzige Band des Abends… Bis wir genug Material für zweieinhalbstündige Stadionshows haben, müssen wir also noch ein paar Songwriting-Sessions abhalten, vorher sollten wir uns allerdings vielleicht doch mal wieder was für ‘ne potentielle Zugabe überlegen. Vielleicht einen Song über Zugaben? Gibt’s so was schon?

Auch nach dem Gig zeigte man sich seitens des Schlemmerecks stets um unser Wohl bemüht und ein erkleckliches Sümmchen für die Bandkasse kam auch zusammen. Besten Dank für alles! Das Schlemmereck mit verzerrter Stromgitarre zu entjungfern hat Laune gemacht, wenn es auch gewöhnungsbedürftiges, bisher unbetretenes Terrain war. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Premiere für alle gelohnt hat und wir niemanden verschreckt haben. Unabhängig davon, wie man zur Turbojugend u.ä. steht, ist das eine empfehlenswerte Kiezbude, die von korrekten Leuten betrieben wird und die man ruhig mal aufsuchen kann – ob nun mit oder ohne Konzert. Für die Zukunft wünsche ich gutes Gelingen! Apropos Zukunft: Mit BOLANOW BRAWL bin ich am Dienstag, 02.10. (dem Abend vorm Feiertag) im Menschenzoo, Mission: Support für die russischen Celtic-Folkpunks und Potsdam-Trinkkumpanen ZUNAME – komma rum da!

P.S.: Danke an Pia, Flo, Anja und Qualle für die Live-Schnappschüsse!

Laurenz Werter – Simple Movie Porträt #6: Ingrid Steeger – Sie war unser Sexsymbol der 70er Jahre

Die im MPW-Verlag erschienene achtbändige „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich weiblichen Erotikfilm-Ikonen wie Laura Gemser, Gloria Guida und Traci Lords. Für die 2009 erschienene Nr. 6 verpflichtete man kino-zeit.de-Redakteur Laurenz Werter, sein Wissen über die am 1. April 1947 als Ingrid Anita Stengert geborene Ingrid Steeger zur Verfügung zu stellen, die ihre Karriere als Schauspielerin 1966 begann und in den 1970ern zum Softerotik-Filmstar wurde, bevor sie mit der Sketchreihe „Klimbim“ auch das Fernsehen eroberte.

Auch diese Ausgabe ist eine Mischung aus Bildband und Informationssammlung: Auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier tummeln sich massenweise hochqualitative erotische Fotografien der Steeger, Filmplakate, Aushangfotos und Coverabbildungen, die das Durchblättern zu einem ästhetischen Vergnügen machen und Frau Steeger in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung festhielten. Nach einem Vorwort erwartet den über die rein visuellen Reize hinaus Interessierten eine wirklich schön und respektvoll geschriebene Biographie Steegers, bevor sich Werter auch kurz ihrer langjährigen Freundin und Filmpartnerin Elisabeth Volkmann widmet (die leider viel zu früh gestorben ist und der TV-/Kinolandschaft fehlt). Herzstück auch dieses Bands ist die ausführliche Filmographie inkl. Stab- und Inhaltsangaben, die tatsächlich jeden Spielfilm mit Beteiligung Steegers, und sei es nur in einer kleinen Nebenrolle, chronologisch sortiert aufführt – von „Karriere“ über die Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich bis hin zu TV-Produktionen bis ins Jahr 2006, abgerundet von einem kurzen Abriss über den österreichischen Sexfilm-Regisseur Ernst Hofbauer. Steegers TV-Auftritten wird darüber hinaus ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch ihre Gastauftritte in TV-Serien Erwähnung finden, was als eine Art Überleitung zum ausgiebigen Abschnitt über die Sketch- und Comedy-Serie „Klimbim“ fungiert, die die Steeger endgültig ins heimische Wohnzimmer brachte und dafür sorgte, dass sie wirklich bald jeder kannte. Fast schon zuviel des Guten ist da ein kompletter Episodenguide, der jede einzelne „Klimbim“-Episode beschreibt. Und wer sich wunderte, weshalb man sich speziell Hofbauer widmete, Dietrich jedoch nicht, hatte offenbar nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut: Das Magazin schließt mit einer fünfseitigen Abhandlung zum Grenzen überschreitenden, Pionierarbeit leistenden schweizerischen Produzenten und Regisseur.

Wer sich auch nur ansatzweise für die Erotikfilm-Epoche der 1970er im Allgemeinen oder Ingrid Steegers filmisches Werk im Speziellen interessiert, bekommt hier also eine geballte Flut an Informationen. Sicher, vieles wird lediglich angerissen, dient jedoch als Orientierungshilfe und lässt sich mithilfe anderer Quellen mühelos vertiefen. Und auch ohne einen einzigen ihrer Filme gesehen zu haben, gewinnt man einen Eindruck der Filmproduktionswelt, in der sie damals agierte und darf sich manch Titel auf der Zunge zergehen lassen: Report- und Kolle’sche Aufklärungsfilme treffen auf „Bumsfallera in Kitzelhausen“, „Die goldene Banane von Graf Porno“ und „Mädchen, komm, die Liebe juckt“. Sonderlich wählerisch schien sie damals nicht gewesen zu sein, Erwin-C.-Dietrich-Produktionen wie „Ich, ein Groupie“ dürften qualitativ noch am ehesten herausstechen. Damit zeichnet dieses Heft anhand der Steeger gewissermaßen auch ein Sittenbild der damaligen Zeit nach, zwischen Freizügigkeit und Verklemmtheit, sexueller Revolution und Frauenfeindlichkeit, körperlichem Selbstbewusstsein und Ausbeutung bis hin zu schmutzigen Lolita-Phantasien älterer Männer – was nicht wirklich Thema dieses Porträts ist, sich anhand der Filme aber sicherlich gut nachvollziehen ließe und insbesondere aus heutiger Sicht eine spannende Entdeckungsreise bedeuten könnte, für die sich diese Filmographie als hilfreich erweisen dürfte.

Doch der MPW-Verlag wäre nicht er selbst, hätten sich nicht wieder zahlreiche Fehler eingeschlichen: In Bildunterschriften wird aus Steegers Dietrich-Debüt gleich mehrmals „Ich, ein Groubie“, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre, aus „Massagesalon der jungen Mädchen“ wird „[…] der unschuldigen Mädchen“ und das RTL-Dschungelcamp heißt mitnichten „Holt mich hier raus – ich bin ein Star“. Stilblüten und Flüchtigkeitsfehler finden sich doch einige, was einmal mehr darauf schließen lässt, dass MPW am falschen Ende gespart und aufs Korrekturlesen verzichtet hat. Schade, denn das hat Ingrid Steeger wirklich nicht verdient. Gar nicht wieder ein bekommt sich Werter angesichts des „Die Betthostessen“-Werbespruchs „Junge Mädchen – gut zu Vögeln“, mal mit großem, mal mit kleinem „v“ zitiert und für den anscheinend unter einem Stein gelebt habenden Autor offenbar ein grandioses, unerreichtes Wortspiel… In der Vorschau auf die nächste Ausgabe lässt sich erahnen, dass es Edwige Fenech nicht viel besser ergangen ist, hat sie doch angeblich in „Your Vice Is a Closed Room and Only I Have the Key“ mitgespielt – peinlich, peinlich… Doch dazu später mehr.

08.09.2018, Villa, Rotenburg (Wümme): HEIAMANN + THE HAERMORRHOIDS + BOLANOW BRAWL

Freud und Leid lagen rund um dieses Konzert nah beieinander: Aufs Urlaubszeitende bedingte Leid folgte die Vorfreude auf dieses Konzert, verbunden mit eingerosteten musikalischen Fähigkeiten und einem allgemeinen Ungeprobtsein, worunter der Gig zu leiden drohte. Immerhin hatten die Mitglieder meiner kleinen Stimmungskapelle so rechtzeitig ihren Müßiggang beendet, dass man zumindest noch ein einziges Mal zum Proben zusammenfand. Erfreulich war, dass die ganze Lala noch ganz gut saß. Zu einer leidvollen Erfahrung wurde wiederum der berüchtigte innerstädtische Stau Hamburgs, der uns nur wenige Kilometer vom Probebunker entfernt auf dem Weg gen Niedersachsen aufhielt. Die Freude wiederum war umso größer, dass wir trotzdem sogar noch deutlich vor der Zeit am Ort des Geschehens eintrafen. In das Konzept der sich diametral gegenüberstehenden Emotionen passt dann auch, dass es einen freudigen Anlass zu feiern gab – den jeweils 30. Geburtstag unserer sich natürlich wesentlich jünger gehalten habenden Gastgeberinnen Julia und Nelly –, der jedoch zugleich die letzte Veranstaltung überhaupt in der altehrwürdigen Rotenburger Villa sein sollte: Das Gemäuer wird in Kürze dem Erdboden gleichgemacht und die Zukunft für D.I.Y.-Konzerte in der Region ist ungewiss.

Vor Ort begrüßten wir neben Nelly den Wedeler Mario, der beim Banneraufhang helfend zur Hand ging, und konnten die ersten Getränke zu uns nehmen. Kurz darauf nahm Nelly alle Hungrigen an die Hand, wahlweise zum Anatol oder zum Ostasiaten, und sorgte für volle Mägen. Das Leid meldete sich, als man uns eröffnen musste, dass der Soundmischer kurzfristig absagen hatte müssen. Dafür sollte jedoch ein Freund des Hauses einspringen und sein Bestes versuchen. Das tat der gute Mann auch, hatte mit einem Mischpult, mit dem er nicht vertraut war und das zudem offenbar technische Macken aufwies, jedoch sicherlich nicht das allergrößte Los gezogen. Dabei ging’s eigentlich „nur“ um den Gesang, der Rest brauchte ohnehin nicht abgenommen werden. Nach einem sich hinziehenden Sound- und Linecheck inklusive zahlreichen Kabel- und Mikrotauschs und unter tatkräftiger Mithilfe der HAERMORRHOIDS hatte ich dann endlich einen Hauptgesang, den sowohl ich und meine Musikanten ein bisschen, der Mob vor der Bühne jedoch laut und deutlich vernehmen konnte. „Die spielen als Erste, die wollen saufen!“, hieß es über uns – soweit korrekt. Naja, und außerdem hatte ich bisher die Erfahrung gemacht, dass in Rotenburg der jeweils ersten Band die meiste Aufmerksamkeit zuteilwird. Konnte ja niemand ahnen, dass es diesmal umgekehrt sein würde: Locker die Hälfte aller Anwesenden ignorierte uns geflissentlich und zog es vor, im Erdgeschoss am Tresen bei DJ Sascha, Kickertisch und Dartscheibe zu feiern. Alle anderen bekamen jedoch elf Mal BOLANOW BRAWL, denen sie vielleicht auch noch etwas die Sommerpausenhüftsteife anmerkten. Zwar saßen Mucke und Texte weitestgehend, als Frontsau war ich aber sicherlich schon mal lockerer und schlagfertiger und wir als Band insgesamt kommunikationsfreudiger. Laune gemacht hat’s trotzdem! Schade, dass es für unseren jüngsten Song „Two Day Session“ noch nicht ganz zur Live-Premiere gereicht hatte – vielleicht am 02.10. im Menschenzoo?

THE HAERMORRHOIDS, ebenfalls aus Hamburg, zogen dann im Anschluss einige Leute mehr. Das Trio zockt QUEERSigen, NOFXigen, RAMONESken, garagigen Pop-Punk US-amerikanischer Prägung, gern flott und kurz, aber prägnant. Drummer und Gitarrist wechselten sich am Gesang ab und wenn der Bassist ‘ne Ansage machte, klang’s durch die P.A., als würde er gerade anrufen – zum Amüsement des Publikums. Gecovert wurde „Havana Affair“ vonne RAMONES. Diese alte schnörkellose One-two-three-four-Let’s-Go!-Schule macht nach wie vor Spaß, sorgt für Kurzweil und geht ins Bein. Die melodischen Refrains kamen bisweilen mehrstimmig, ließen sich schnell mitsingen – und sämtliche drei Akkorde wurden so oft neu arrangiert, dass es für drölfzig Songs reichte, die die Band allesamt auf ein Tape gezwängt hat, das ich mir im Tausch gegen eine unserer EPs sicherte und vielleicht auch endlich mal hören kann, sobald sich unser Merchbeutel und ich wieder zeitgleich im Proberaum befinden.

HEIAMANN schließlich wollten dann alle sehen, die noch stehen konnten. Die Band um ex-VOLXSTURM-, ex-SMEGMA-Stahmer sowie SMALL-TOWN-RIOT-/ex-SUICIDE-QUEENZ-Klampfer Endorsement-Andy spielt nun auch schon seit ein paar Monden ihren melodischen deutschsprachigen Streetpunk, kreuzte, wie’s manchmal eben so ist, bisher aber noch nicht meine Konzertwege. Umso gespannter war ich auf mein „erstes Mal“, zumal ich mir das jüngst veröffentlichte Album „Wir sind nicht zum Spaß hier“ noch gar nicht angehört hatte. Tja, Aller, dass die Jungs das nicht zum ersten Mal machen, merkte man ihnen vom ersten Song an an. Zwei spielfreudige Gitarren zaubern eine eingängige Melodie nach der anderen aus dem Hut, Bass und Drums machen Druck und Stahmer übernimmt den aufgekratzten Hauptgesang, unterstützt von den genreimmanenten Chören in den dominanten Refrains. Im Gegensatz zu mancher für meinen Geschmack zu gesetzt und abgeschmackt klingenden zeitgenössischen Band dieses Bereichs haben HEIAMANN noch ordentlich Pfeffer im Arsch und verstehen es auch, diesen aufs Publikum zu übertragen. Ok, so ca. ab der Hälfte war ich eh nicht mehr wirklich zurechnungsfähig und befand mich fest im Griff meines euphorisierenden Lieblingsgetränks – Freibier! –, beschloss aber kurzerhand, die Platte einfach mal mitzunehmen, allein schon, um meinen Eindruck auch mal nüchtern und in Ruhe überprüfen zu können. Doch die Freude über den Neuerwerb  währte nicht allzu lang, denn als irgendwann kollektiver Ortswechsel anstand, fiel mir noch ein, dass ich meine Plünnen noch im Abrissgebäude stehen habe, fand den HEIAMANN-Dreher aber nicht mehr. Die fiese Type, die mir stets heimlich folgt und sich aus meinen liegengelassenen oder verlorenen Tonträgern eine eigene Sammlung aufbaut, dürfte um ein weiteres Exemplar reicher sein.

Wo wir hinwollten, war übrigens zu. Teile meiner Band waren aufgrund von Krankheit (Christian spielte mit 100 °C Fieber und TBC) oder leichtfertig getätigten Zusagen fürs weitere Wochenende leider schon frühzeitig abgehauen oder taten es spätestens jetzt , also begaben Flo und ich uns lediglich zusammen mit Sascha in den Garten unserer freundlichen Herbergsdame, der wir vermutlich noch ein bisschen auf die Nerven gingen, bis irgendwann echt kein Bier mehr in uns hineinpasste und wir uns in die Horizontale begaben. Bei allem beschriebenen Leid überwog definitiv die Freude über die geile Party. Danke noch mal an die Geburtstagskinder, alle, die organisiert und mitgefeiert haben, unsere Herbergsdame für die luxuriöse Unterkunft sowie Flo für die Schnappschüsse unseres Gigs! Außerdem an alle, die sich so großzügig bei der  Spendensammlung für die Bands gezeigt haben, dass sogar noch bischn wat für die Bandkasse rumkam! Bleibt zu hoffen, dass sich schnell ein adäquater Ersatz für die Villa findet – alles andere wäre verdammt traurig.

Ulf S. Graupner / Sascha Wüstefeld – Das UPgrade 1: Wunder, Würfel, Weltfestspiele

Den vorläufigen Abschluss meiner Auseinandersetzung mit Wende-Comics sollte „Das UPgrade“ bilden, ohne zu ahnen, dass es sich lediglich um den ersten Band einer auf zehn Teile angelegten Reihe handelt, die Autor Ulf S. Graupner und Co-Autor/Zeichner Sascha Wüstefeld in einem Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichen wollen und von dem bereits drei erschienen sind. Und beim mir vorliegenden, wunderschönen großformatigen, gebundenen und vollkolorierten, 64 Seiten umfassenden Band, der im März 2015 im Cross-Cult-Verlag erschienen ist, handelt es sich auch keineswegs um die Erstveröffentlichung: 2012 verlegte bereits der Zitty-Verlag die ersten beiden Bände, der dritte folgte in Eigenveröffentlichung. Im Cross-Cult-Verlag erfolgte 2015 also so etwas wie ein größer angelegter Neustart.

Der 5. Mai 1988: Ronny Knäusel, 21 Jahre jung, ausgestattet mit einem Walkman und einer FDJ-Uniform, teleportiert eine Gruppe Ausreisewilliger aus der DDR heraus. Zeitsprung, Januar 1992, Malibu, Kalifornien: Der ehemalige Surf-Rock-Star Cosmo Shleym bestellt eine Pizza zu seinem spacigen Anwesen, zerstückelt den Boten jedoch versehentlich eine viele kleine Würfel. Erneuter Zeitsprung, November 1965: Ronny Knäusels Mutter sediert ihren Mann, um Sex mit ihm zu haben und endlich schwanger zu werden. Ronny kommt am 1. August 1966 zur Welt. Sieben Jahre später hat Cosmo Shleym einen Auftritt bei den X. Ost-Berliner Weltfestspielen, ein Mordanschlag der Stasi auf ihn schlägt fehl. Der kleine Ronny weiß davon nichts, blättert an seinem Geburtstag in der Frösi und lauscht dem Jugendsender DT64. Anstelle seines Blitz-Fahrrads hätte er lieber ein Abonnement der Bildergeschichten-Zeitschrift Mosaik (für das die UPgrade-Autoren selbst gearbeitet haben und das eine Art DDR-Ersatzdroge für comicaffine Jünglinge war) als Geburtstagsgeschenk erhalten. Als er erfährt, was in Berlin los ist, teleportiert er sich dorthin und ist ganz aufgelöst, weil er sich in die Hose gekackt hat – eine Nebenwirkung des Teleportierens. Dort trifft er auch auf Frau Bellmann, seine Pionierleiterin, die jedoch plötzlich eine Waffe zieht. Doch bevor sie auf Shleym zielen kann, teleportiert sich Ronny zurück nach Hause und nimmt die Attentäterin unfreiwillig mit. Der letzte Zeitsprung führt ins Jahr 1992: Die DDR ist Geschichte; Ronny alias DER TRANSLOKAT, ihr ehemals einziger Superheld, sitzt bierbäuchig und frustriert in seiner Plattenbauparzelle und hadert mit seiner Existenz, bis er sich in suizidaler Absicht aus dem Fenster stürzt…

Außer im Prolog fehlt sein Auftreten als Superheld also komplett in diesem ersten Band, der mit dem fiesest möglichen Cliffhanger endet. Stattdessen bekommt man kurze Einblicke in verschiedene Zeitabschnitte, deren Zusammenhänge sich allenfalls erahnen lassen. Dieser erste Band ist somit nicht mehr als die Exposition eines großen Ganzen, das einem mit seinem faszinierenden, farbenprächtigen Funny-Stil die Fortsetzungen schmackhaft macht. Auf eine feste Panelstruktur wird verzichtet, der Seitenaufbau ist sehr dynamisch und seinen Inhalten untergeordnet. In den zunächst überladen wirkenden Bildern gibt es viele Details zu entdecken, die die DDR-Alltagskultur illustrieren (was manch anderem Wende-Comic abgeht) und bedeutende Momente der DDR-Historie ins Gedächtnis ruft, die durch den Kakao gezogen und mit der fiktionalen Handlung verknüpft werden. Zudem sächselt Ronny in seinen Sprechblasen stilecht, was einen weiteren starken Kontrast zum allgemeinen Bild von Superhelden bildet, den satirischen Aspekt demnach verstärkt. Wer sich ein bisschen mit der DDR auskennt – z.B. weil er selbst in ihr gelebt hat –, wird somit, wie beispielsweise auch in Mawils „Kinderland“, einiges wiedererkennen, und wer es nicht tat, dem werden authentische Einblicke bis hin zu detailgetreu nachgezeichneten Zeitschriften-Titelseiten gewährt. Der Post-Wende-Abschnitt wiederum spielt unzweideutig auf die Ernüchterung und Katerstimmung zahlreicher desillusionierter „Wende-Verlierer“ an; ein Thema, das bisher zu selten in Wende-Comics bearbeitet wurde.

Eine Art Spin-Off ist die Bonusgeschichte dieser Neuauflage: „Günnis Tubenauto“, dessen Titelseite im Stil der Computerspielreihe „Grand Theft Auto“ gestaltet wurde und von der DDR-Kinderzahnpaste „Putzi“ präsentiert wird, erzählt von meinem Namensvetter und Vater Ronnys, genauer: wie er die Geburt seines Sohns erlebte. Und damit nicht genug: Im „Aus dem ‚Skizzenbuch’ des Patienten Sascha W.“ genannten Anhang lässt sich selbstironisch kommentiert die zeichnerische Entstehung der Figuren nachvollziehen. Über die Handlung an sich lässt sich aus beschriebenen Gründen noch kein Urteil bilden, alles andere ist aber auf derart hohem Niveau, dass man den Autoren/Zeichnern und dem Verlag den nötigen langen Atem für ihr Unterfangen wünscht, die zehnbändige Reihe regelmäßig zu produzieren und zu veröffentlichen, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht schon mit dem mir noch unbekannten Band 2 eine etwas nachvollziehbarere, linearere Erzählweise präsentiert zu bekommen. Ich bin gespannt!

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