Gnnis Reviews

Month: November 2018

24.11.2018, SZ Norderstedt: MURUROA ATTÄCK + CRACKMEIER

Mein letzter Besuch des Sozialen Zentrums Norderstedt lag Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück, wobei die Entfernung und nicht ganz ideale Verkehrsanbindung natürlich eine Rolle spielten. Daran änderte auch der vor ein paar Jahren vollzogene Umzug in neue Räumlichkeiten wenig, die ich an diesem Samstag erstmals betrat. Ausschlaggebend war, dass es MURUROA ATTÄCK – von denen ich gar nicht wusste, dass es sie noch gibt – dorthin im Rahmen einer Geburtstags- oder Jubiläumsfeier verschlagen hatte und zudem die lokalen Haudegen von CRACKMEIER den Support besorgten (eigentlich war noch eine weitere Band geplant, aber es hatte sich dummerweise niemand gefunden… Wir wären gern mit DMF eingesprungen, leider war bei uns aber auch jemand verhindert). Die Anreise erfolgte mit Bahn und Bus und für die Rückfahrt wurde grob ein Taxi anvisiert, denn ein Bus würde nachts nicht mehr fahren… Das (nun auch nicht mehr sooo) neue SZ kann sich sehen lassen, die Bude ist recht geräumig und verfügt über einige Sitzmöglichkeiten, ein Klavier (von dem ich nicht weiß, ob es nur als Deko dient oder auch mal gespielt wird) und Ratsherrn für arbeitnehmerfreundliche einsfuffzich, lediglich die Toilettenanzahl ist etwas knapp bemessen. Und man raucht gern und viel in Norderstedt, sodass man die Luft in Teerblöcke schneiden und zum Straßenbau hätte verwenden können, der temperaturtechnische Wintereinbruch verhinderte ausgiebiges Lüften.


Seit ich CRACKMEIERs erstem Gig im März beiwohnte, nehmen sie alles an Auftrittsmöglichkeiten mit, was sie kriegen können und kommen schon ganz gut rum. Das sei ihnen gegönnt, denn ihr harter, ungeschliffener HC-Punk mit deutschsprachigen Texten ist herrlich angepisst und brutal. Shouter Jesche nutzte den Raum vor der Bühne für seine Hasstiraden, während er und seine Kollegen an den Saiten sich von Drummer Martin antreiben ließen, der die Songs in Rekordgeschwindigkeit durchpeitschte. Bass-Böller hielt tapfer mit, gab hinterher jedoch zu Protokoll, dass ihm beinahe die Hand abgefallen wäre. Von seinem schön fiesen Background-Gebölke ließ er sich davon nicht abbringen. Zwei Gitarren sind für HC-Punk nicht unbedingt üblich, das Duo Fokko und Jerome ist gut aufeinander abgestimmt und sorgt für zusätzlichen Druck. Jerome übernahm bei einer Nummer den Hauptgesang, leider war sein Mikro zu leise (noch auf Background gepegelt). Geiler, für die Band sichtlich anstrengender Gig, dem trotz Forderungen leider keine Zugabe folgte – wobei sich CRACKMEIER ihren Feierabend aber redlich verdient hatten. Und endlich wurde gelüftet!

Dass ich MURUROA ATTÄCK (aus OWL, Hannover und HH) das bisher einzige Mal live sah, lag tatsächlich schon sechs Jahre zurück! Damals wurde ich so geflasht, dass ich beschlossen hatte, mir deren Gesamtwerk zuzulegen, was mittlerweile längst geschehen war. Statt wie seinerzeit aufsehenerregenderweise zwei Bassisten hat man nun „nur“ noch einen, ist also zum Quintett zurückgeschrumpft. Als Intro zog der kehlig brüllende Shouter Holger durchs Publikum und sang die Titelmelodie der schwedisch-deutschen Anarchofilmreihe um „Michel aus Lönneberga“. Auf der Bühne allerdings gab’s dann in Form rasanten und aggressiven deutschsprachigen HC-Punks kräftig aufs Fressbrett! Die seit den 1990ern aktive Band ist keine BPM- oder Phonstärke altersmilde geworden, sondern bügelt einem mittels kontrolliertem Krachinferno die Falten aus dem Arsch. Wütende und sarkastische Texte decken die Bereiche Politik-, Gesellschafts- und Weltenhass sowie persönliche Kämpfe und negative Erfahrungen ab, während die Soundwand immer mal wieder durch Trompeteneinlagen des Bassers, melodische Riffs/Läufe, Breaks etc. aufgebrochen wurde. Zu meiner Überraschung gibt’s ‘ne nigelnagelneue Platte, eine Split-LP mit (Achtung, der Name kommt gebückt:) VOLKER DAS STROPHE & DIE UNTERGÄNG, von der auch wat gespielt wurde, zu meiner Freude fand sogar die erste 7“ noch im Set Berücksichtigung. Das lautstark eingeforderte „Klimperkastenlied“ hob man sich bis zum Schluss auf. Nach den ersten Songs hatte sich ein Pogopit vor der Bühne gebildet, der sich immer mal wieder beruhigte und wieder an Fahrt aufnahm, Holger, gesanglich kräftig von einem der Gitarristen unterstützt, zog es ab und zu von der Bühne durch die Reihen davor, irgendwas war immer los und in Bewegung. Der Aufwand, mal wieder nach Norderstedt zu kommen, hatte sich definitiv gelohnt, MURUROA ATTÄCK hatten geliefert wie bestellt. „Aloha Mururoa!“

Nach ein, zwei letzten Runden Pils bei ansprechender musikalischer Untermalung durch den DJ ging’s per Großraumtaxi zusammen mit Madame und CRACKMEIER direkt auf den Kiez, die Rückfahrt gestaltete sich also nicht nur komfortabel, sondern auch noch preisgünstig. Der Fahrer steuerte die Tortuga-Bar an, wo wir uns den Rest gaben – und am nächsten „Morgen“ war ich stolz wie Bolle, dass ich’s tatsächlich geschafft hatte, meine neu erworbene Split-LP ohne einen Kratzer oder Knick nach Hause zu bringen. Hat man so was schon erlebt?!

14.11.2018, Monkeys Music Club, Hamburg: TOPNOVIL + BOLANOW BRAWL

Geilo, endlich mal wieder im Monkeys zocken! Offenbar war das Konzert schon sehr lange geplant und die Kollegen von BATTLESHIP als Opener verpflichtet, sodass sie auf den Monkeys-Programmplakaten angekündigt wurden. Diese konnten letztlich dann doch nicht, hatten aber zeitig genug abgesagt, sodass man sich in aller Ruhe um eine Alternative bemühen konnte – die Wahl fiel auf uns. Ihre Tour führte die Australier TOPNOVIL an einem Mittwoch in die Hansestadt, was natürlich nicht gerade ideale Bedingungen sind. Aber was soll’s, ich freute mich aufs Bergfestfeiern und natürlich auf die legendäre Gastfreundschaft des Clubs – und wurde nicht enttäuscht. Was Betreiber und Fünfsternekoch Sam da wieder auftischte, erfreute meinen Gaumen in höchstem Maße, mit dem Bierkonsum hielt ich mich allerdings etwas zurück. Der Soundcheck mit dem neuen P.A.-Verantwortlichen lief ganz gut und als wir pünktlich um 21:00 Uhr mit „Total Escalation“ ins 45-minütige Set starteten, spielten wir vor 20-25 Nasen. Das hätten natürlich gern ein paar mehr sein dürfen; dafür befanden sich angenehmerweise doch einige bekannte Gesichter darunter. Diese wurden Zeuge, wie eine erschreckend nüchterne und dadurch etwas hüftsteife und maulfaule Band sich zumindest musikalisch wohl recht souverän durchackerte und dabei vom guten Bühnensound profitierte. Die Monkeys-Bühne zu bespielen macht einfach Spaß und denke, dass wir das auch ausgestrahlt haben. Nach „Fame“ war Schluss, Bühne frei für Oz‘ finest in Streetpunk.

Von TOPNOVILs Qualitäten hatte mich bereits überzeugen können, als ich mit meiner Krawallcombo DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS für die nur schwer zu überbietende Troika aus TOTAL CHAOS, THE CASUALTIES und eben TOPNOVIL vor zwei Jahren am selben Ort eröffnete. Auch heute mündete der Gig in eine Lehrstunde in Sachen Spielfreude und Spielwitz: Den recht offensichtlich von den flotteren RANCID-Nummern beeinflussten US-Style-Streetpunk peitschte man Nummer für Nummer durch, ließ nicht mal ansatzweise Tourmüdigkeit o.ä. erkennen und holte aus beiden Klampfen das Maximum heraus: Auf die rhythmischen Riffs legte man eine feine Melodie nach anderen, die direkt ins Ohr gingen und keine Scheu vor hymnenhaften Refrains zeigten. Manche Songs kamen wiederum mit nur einer Gitarre aus, dadurch gewann der Sänger zwischenzeitlich an Bewegungsfreiheit. Dieses Zeug hätte eigentlich von einem in dreistelliger Stärke angetretenen Publikum abgefeiert werden müssen – an einem Mittwoch ist aber wohl nicht jedem danach, sich zu diesem Sound in die Glückseligkeit zu trinken und zu tanzen. „Nice Boys Don’t Play Rock’n’Roll“ der australischen Hardrock-Kollegen ROSE TATTOO weiß auch in der TOPNOVIL-Version zu gefallen, das Bier lief längst gut die Kehle hinunter. Nach dem nominell letzten Song hatte ich nicht auf Zugaben zu hoffen gewagt, doch man strafte mich Lügen: Die nimmermüde Band kredenzte zwei weitere Song, darunter das RANCID-Cover „Radio“. Saugeiler, gut arschtretender Gig, der mich schwer begeistert zurückließ und in den Pub-Bereich führte, wo ich mir endlich ein Monkeys Red gönnte. Bis auf Keith waren die anderen Brawler schon wieder aufgebrochen: Ole z.B. musste nach Kiel zurück und Christian sogar nach Dänemark (!), wo er eigens fürs Konzert seinen Urlaub unterbrochen hatte. Keith und ich smalltalkten („Wie talkst du?!“) noch etwas mit den sympathischen Aussies und Sam bedankte sich ausgiebig für unser Einspringen, was ich meinerseits mit Danksagungen für Auftrittsmöglichkeit, Speis & Trank sowie Bandkassenobolus erwiderte. Außerdem klagte er mir sein Leid bzgl. der ausufernden Bürokratie, die solch ein Liveclub mit sich bringt und um die er wahrlich nicht zu beneiden ist. Hinsichtlich Gema-Abwicklung & Co. besteht echt mal Reformbedarf, watt’n Papierkriech… Dummerweise habe ich vergessen, mir mal TOPNOVIL-Vinyl mitzunehmen – aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben und ich hoffe, die Band bald wieder in HH zu sehen, vorzugsweise an einem Wochenende.

Mit einem alten Kumpel verköstigte ich in beinahe unvernünftiger Weise noch ein paar Pilsetten, bevor sich meine Selbstdisziplin durchsetzte und mich ins Schlafgemach trieb, denn der nächste Tag war mitnichten frei. Danke auch an TOPNOVIL, dass wir deren Tourequipment mitbenutzen durften und uns somit diesmal keinen Bruch beim Transport aus/in dem/n sechsten Stock zu heben brauchten sowie an Wolfie & Ute für die Fotos und Videos! Nächster BOLANOW BRAWL: 28.12.2018 im Molotow – Jahresausklang, gewissermaßen.

03.11.2018, Gängeviertel, Hamburg: NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + MISSSTAND + DR. ULRICH UNDEUTSCH

Die Qual der Wahl: Zu WHISKY PRIESTS im Monkeys? Zur HARBOUR-REBELS-Release-Party in die Fanräume? Oder zur NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN ins Gängeviertel? Die PRIESTS hätten mein Budget gesprengt; letztlich wurd’s ein Stechen zwischen den Fanräumen und dem von Beyond Borders organisierten Konzert im Gängeviertel, das aus einem Bauchgefühl heraus den Zuschlag bekam. Es sollte der Tourabschluss der NOTGEMEINSCHAFT sein, die mit ihrem neuen selbstbetitelten Album durch die Lande getingelt war. Da war ich schon ein bisschen neugierig. Als wir in der geräumigen Fabrique eintrafen, hatten DR. ULRICH UNDEUTSCH gerade begonnen. Die Sachsen hatte ich letztes Jahr an selber Stelle erstmals gesehen und war damals nicht sonderlich angetan von ihrem spröden, monotonen HC-Punk. Diesmal allerdings traten die Helden in Strumpfhosen mit zwei Gitarren an, was dem Sound mehr Druck verlieh. Generell schien man mir diesmal deutlich mehr auf die Kacke zu hauen. Zwar ist mir das auf Dauer immer noch etwas zu gleichförmig, aber ich war durchaus positiv überrascht. Beim vorletzten Song fiel leider der Bass aus und die letzte Nummer war wohl ein Coversong, den ich nicht erkannt habe.

Die Ösis von MISSSTAND waren mir schon länger nicht mehr vor die Flinte gekommen; an ihren gemeinsamen Gig mit den SHITLERS im Menschenzoo dereinst hatte ich grundsätzlich gute, jedoch nur noch arg verschwommene Erinnerungen. Diese wurden mit dem Vorschlaghammer aufgefrischt, denn MISSSTAND legten mit Vollgas los. Manchmal etwas arg plakativer, ansonsten aber veritabler „Deutschpunk“, wenn man’s denn so nennen will: Schnelle Songs, gutes Aggressionslevel, ausreichend Melodie, um sich festzukrallen und Refrains, die sich gut mitbrüllen lassen. Die ausgiebige Tourerfahrung merkte man der extrem souveränen Band an, da saß jeder Ton. Der Drummer fiel mir mit einigen geilen Fills auf, NPP-Stemmen musste zwischendurch als Drum-Technician einspringen.  „Sag mir wo!“ erinnerte mich thematisch stark an COCK SPARRERs „Where Are They Now?“. Das aktuelle Album „I Can‘t Relax In Hinterland“ kenne ich noch gar nicht, der Quasi-Titeltrack „Hinterland“ wurde als vorerst letzter Song gespielt und ließ mich zweifeln: „Es gibt kein ruhiges Hinterland“ lässt sich natürlich prima mitsingen, hat mit der Realität aber nichts mehr zu tun, die Nazis haben schon lange breite Landstriche für sich erobert. „Heimat zu Asche“ wurde dann noch als Zugabe kredenzt und zwischendurch gab’s gesangliche Unterstützung von Stemmen und RilRec/Plastic-Bomb/Filmemacher-Lars. MISSSTAND hatten es geschafft, für Bewegung zu sorgen, die ein sich unwirsch durch die Reihen pflügender Typ anfangs noch zu erzwingen versucht hatte. Schön aufstachelnder Gig!

Das neue NPP-Album hatte ich bisher genauso wenig gehört wie den aktuelles MISSSTAND-Dreher, man kommt ja zu nix. Umso gespannter war ich, wie viele neue Songs man spielen und wie sich diese ins Set einfügen würden. Mit „Helikoptereltern“ griff man ein eher Punk-untypisches Ärgernis auf, vermutlich der erste Punksong über dieses Phänomen überhaupt – und zwar ein durchaus gelungener, der live auch gut zündete. „Steuertrick 17“ über die Steuerflucht von Konzernen und Superreichen war ein weiterer, textlich sehr stimmiger Song der neuen Langrille, ebenso „Kleben und kleben lassen“ über Walter Josef Fischer, zu dem man laut Sänger/Gitarrist Stemmen in Hamburg nicht erklären müsse, um wen es sich handelt: natürlich niemand Geringeren als Graffiti-Legende OZ. Eine schöne Hommage mit angenehm provokantem Text. Apropos Text: Stemmen hatte anfangs angekündigt, diesmal nicht so viel zu quatschen und machte auch einen – vermutlich tourbedingt – leicht abgekämpften Eindruck. Nach den ersten Songs war davon jedoch nichts mehr zu merken und alsbald fand er auch wieder zum gewohnten Redefluss zurück. Egal ob neues oder bekannteres Material, die Notis waren supertight und gaben sich keinerlei Blöße. Vor der Bühne herrschte stets beste Stimmung, wie es bei einem Heimspiel nicht anders zu erwarten war. Etwas zu kurz war mir die diesmal gespielte „Kellerkinder“-Version, umso feierlich wurd’s aber bei „Kleine Motivationshilfe“, jenem neuen Song, mit dem man sich vor denjenigen verneigt, die durch ihre außerparlamentarische, politisch antifaschistische Arbeit die Welt ein wenig besser machen. Diverse Freundinnen und Freunde bzw. Verwandte der Band gesellten sich – angelockt von ‘nem Gratis-Pfeffi – auf der Bühne dazu und sangen im Chor lautstark mit. Irgendeine Nummer fiel mir laut meinen knappen Notizen noch mit seinen Oho-Chören positiv auf, einem Stilmittel, auf das die Band m.E. gern öfter zurückgreifen dürfte. Gegen Ende coverte man einen MISSSTAND-Song zusammen mit MISSSTAND und die eine oder andere Zugabe gab’s auch noch. Trotzdem verging die Zeit wie im Flug, was sowohl fürs musikalische Abwechslungsreichtum der Band als auch den inhaltlichen Gehalt von Stemmens Ansagen und Statements spricht. Und wie gut Drummer Mario die Gesangs-/Schlagzeugspiel-Doppelbelastung meistert, rang mir mal wieder Respekt ab. Der sich zwischen ihm und Stemmen abwechselnde Hauptgesang macht mit den Reiz dieser sich stets sehr engagiert, politisch hellwach und aktionistisch gebenden und um positive Ausstrahlung bemühten Band aus, die ein gewohnt starkes Konzert gespielt hat, das durch die Hinzunahme diverser neuer Songs auf mich etwas gezügelter wirkte als vergangene Gigs. Zwischen jenem Abend und diesem Bericht habe ich es immerhin einmal geschafft, mir das neue Album anzuhören. NPP versuchen sich damit an einem gewagten Spagat zwischen Radikalität und Provokation auf der einen und der Erweiterung ihres Publikums durch das explizit politisch motivierte Ansprechen der Mittelschicht via niedrigschwelligen, an Vernunft und Menschenverstand appellierenden Texten, an die sich leicht anknüpfen lässt und die dadurch eine höhere Reichweite erlangen könnten, auf der anderen Seite. Inwieweit das von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt abzuwarten; zumindest ich bin zu desillusioniert, um derartige Hoffnungen zu hegen und fühle mich vom einen oder anderen Song kaum angesprochen. Glücklicherweise finden sich auch diverse Höhepunkte auf der Platte, ein paar habe ich bereits erwähnt – und da das hier keine Plattenrezension werden soll, breche ich an dieser Stelle ab, hoffe, dass das Aftershow-Austrinken der Jupibar meine Erinnerungen an den Konzertabend nicht allzu sehr getrübt hat und freue mich, in einer gerade etwas arg fordernden und stressigen Phase meines Alltags zwischen Lohnarbeit und Studium endlich diesen Tagebucheintrag niedergeschrieben zu haben.

Frank Schäfer – Generation Rock

„Eine Anagnorisis sophoklischer Kajüte“

Der Schäfer mal wieder! An den Texten des Dr. phil. und ehemaligen SALEM’S-LAW-Gitarristen aus der niedersächsischen Provinz habe ich ja längst einen Narren gefressen. 2008 war er zurück im Oktober-Verlag, der seine damals neueste Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ auf rund 130 Seiten im gebundenen 7“-Format, also der Größe einer Vinyl-Single nachempfundene, veröffentlichte und sogar noch eine CD mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen seiner o.g. Band beilegte. Die Texte waren zuvor bereits in diversen Periodika erschienen.

Der Titel ist dabei sicherlich irreführend, denn Schäfer maßt sich nicht an, als Entdecker oder Sprachrohr einer wie auch immer gearteten Generation zu fungieren. Stattdessen bleibt er nah an seinen eigenen Erfahrungen, seinem eigenen Leben bzw. eigenen Beobachtungen. Längst nicht immer geht es dabei tatsächlich um Musik, manchmal geht er auch einfach einen Computer kaufen, liegt krank im Bett und leidet bitterlich oder lässt sich von seinem bauernschlauen Kumpel Pünschel vollquatschen. Die 33 Kapitel sind von unterschiedlicher Länge – mitunter gar in Gedichtform –, schaffen den Spagat von Schäfers Jugenderinnerungen zur Gegenwart und sind, nun ja, zweigeteilt: Nicht vom Inhaltsverzeichnis erfasst, spielen sich auf den breiten Seitenrändern losgelöst von den Primärtexten zahlreiche Platten- und Buchrezensionen ab, als handele es sich um. Dadurch sind viele Buchseiten im wahrsten Sinne randvoll, wenn der Rand leer blieb jedoch auch den Eindruck von Platzverschwendung vermittelnd. Dem Lesevergnügen tut dies indes keinen Abbruch; seit Schäfer seinen enormen Wortschatz zu bändigen versteht und ihn zielführend einsetzt, statt ihn demonstrativ zur Schau zu stellen, findet er für jedes Phänomen, für jedes Gefühl und jedes beschriebene Ereignis die richtigen Worte, die seine Texte so präzise nachempfindbar machen.

Dies geht dann durchaus auch an die Nieren, wenn die Geschichte seines ROLLING-STONES-begeisterten Malocheronkels einen furchtbar tragischen Verlauf nimmt oder er einen Nachruf auf seinen Freund und Autorenkollegen Michael Rudolf verfasst, vielmehr verfassen muss. Alles andere ist jedoch glücklicherweise weit weniger schwere Kosten (was wohlgemerkt nicht heißen soll, dass sie dadurch unbedeutsam sei). Mit seiner Verehrung des „Fargo Rock City“-Autors Chuck Klostermans und dessen Versuchen der posthumen Legitimierung des Poser/Hair/Glam-Metals übertreibt es Schäfer etwas und dass ich, wie leider üblich, mind. drei Kapitel bereits aus anderen seiner Sammelbände kannte, finde ich auch hier ärgerlich. Auch erschließt sich mir nicht, weshalb man im Jahre 2008 noch in alter deutscher Rechtschreibung verharren und sinnvolle Änderungen wie die ß-Regeln ignorieren muss. Dafür stimmt mich Schäfer aber heiter, nachdenklich, traurig und all das wieder von vorn, verleitet mich dazu, mir das eine oder andere Album (sowie manch MOTÖRHEAD-Song genauer) anzuhören und bereitet mir viel Hörgenuss mit der beiliegenden CD, die ist nämlich echt geil. Schade nur, dass im gesamten Buch mit keiner Silbe auf diese Beilage eingegangen wird – Hintergrundinfos, Liner Notes o.ä.? Fehlanzeige! Angeblich soll es sich aber um Aufnahmen für den nie realisierten Nachfolger des einzigen Albums seiner Band gehandelt haben.

Auch dieser Schäfer war unterm Strich eine wunderbare Urlaubslektüre, die mit ihrer CD und ihren Musikempfehlungen lange nachwirkt. Dass der Hamburger Kiezclub „Molotow“ und nicht etwa „Molotov“ heißt, kann im Eifer des Schreibgefechts übrigens passieren (S. 23); dass ein „Rückgrat“ nichts mit einem Rad zu tun hat, sollte beim Lektorat jedoch auffallen (S. 61). Die „IG Metal“ (S. 85) wiederum hielt man sicherlich für ein Wortspiel. Ich wünsche Schäfer und seinem Verlag zahlreiche Neuauflagen dieses Buchs, bei deren Gelegenheiten man derlei Korrekturen vornehmen könnte.

Copyright © 2018 Günnis Reviews

Theme by Anders NorenUp ↑