Gnnis Reviews

Month: Dezember 2018

18.12.2018, Gruenspan, Hamburg: GEOFF TATE’S OPERATION: MINDCRIME + TILL DEATH DO US PART

„I used to trust the media to tell me the truth, tell us the truth. But now I’ve seen the payoffs everywhere I look – who do you trust when everyone’s a crook?“ („Revolution Calling“)

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Zehn-Punkte-Prog-US-Metal-Meisterwerks, dem QUEENSRŸCHE-Konzeptalbum “Operation: Mindcrime” über politische Verführung durch sinistre Demagogen, tourt der ehemalige Frontmann der Band, Geoff Tate, durch die Welt und führt es in kompletter Länge auf. An einem Dienstagabend im Dezember machte der ehemalige Frontmann der Band, der sich vor geraumer Zeit von QUEENSRŸCHE getrennt hat und mit seiner passenderweise „OPERATION: MINDCRIME“ betitelten eigenen Combo unterwegs ist, Halt im Hamburger Gruenspan. Da kribbelte es in mir, denn wenngleich Prog-Zeug eigentlich nicht mein Ding ist und ich mit vielen QUEENSRŸCHE-Songs nicht so ganz warm werde, habe ich an „Operation: Mindcrime“ doch einen Narren gefressen und halte den Langdreher für eine der besten Metal-Platten aller Zeiten. Das Ticket schlug mit unter 30 EUR zubuche, also gab’s da nicht mehr viel abzuwägen, „Shut up and take my money!“.

Nach dieser Devise hatten offenbar auch viele andere gehandelt, denn das Gruenspan war bereits zur Vorband mehr als ordentlich gefüllt: TILL DEATH DO US PART zocken Gothic-Metal, Geoffs Tochter Emily singt. Tjoa, dascha nu ma gaanich meine Baustelle, dementsprechend wenig konnte ich mit der Darbietung anfangen. Emilys Choreographien, in denen sie über die Bühne tippelt, pathetisch mit den Armen fuchtelt oder die Wahnsinnige mimt, muteten eher kurios denn showdienlich an und generell möchte ich tendenziell Reißaus nehmen, wenn ich eine Trällerelse im mittelalterlichen Rüschenrock auf der Bühne sehe. Nun ist Emily aber natürlich immerhin Geoff Tates Leibesfrucht, da gibt man der Band schon mal ’ne Chance. Singen kann sie nämlich durchaus und, siehe bzw. höre da, der letzte Song, bei dem bischn aufs Gas getreten wurde, lief mir dann doch ganz gut rein.

In der Umbaupause wurd’s dann richtig drängelig, zumindest im vorderen Bereich. Dichtgedrängt wartete man auf die „I Remember Now“-Introklänge aus dem Off, die dann endlich auch irgendwann durch die Halle schallten, gefolgt vom „Anarchy-X“-Live-Intro und dem ersten Song „Revolution Calling“. Zu diesem betrat Geoff die Bühne, augenscheinlich erstaunlich gut im Saft stehend und adrett gekleidet, nach wie vor oder mehr denn je das Charisma in Person. Und gut bei Stimme war er auch, wenngleich der Mischer insbesondere mit den nicht ganz so hohen Frequenzen offenbar noch zu kämpfen hatte und große Teile der Stimme Geoffs noch zu leise waren. Der Refrain wurde ungehindert davon aus hunderten Kehlen kräftig mitgesungen. Später ging ich mir noch ’n Bier holen und positionierte mich danach eher am Rand, wo der Sound deutlich besser klang. Entweder wurde noch mal kräftig nachgeregelt oder ausgerechnet mittig vor der Bühne war eigenartigerweise eine Art Soundloch (ich tippe aber eher auf letzteres). Geoffs Band ist übrigens an mehreren Positionen deckungsgleich mit der seiner Tochter; die Vorstellung der Mitglieder offenbarte, dass es sich um brasilianische und schottische Musiker handelt. Das Spektrum reichte dabei vom bleichgeschminkten tätowierten Goth bis zum klassischen Metal-Zottel, der das Keyboard und zeitweise die dritte (!) Gitarre übernahm. Was auf mich anfangs noch wie ein zusammengewürfelter Haufen posender Mietmusiker wirkte, wuchs im Laufe der perfekten musikalischen Darbietung für mich zu einer festen Einheit zusammen, die durchaus sympathisch mit dem Publikum kommunizierte und der Geoff bereitwillig die Bühne während ihrer Soloparts überließ. Die erste Ansage des mimisch und gestisch stets das gesamte Publikum ansprechenden, einbeziehenden Sängers gab’s erst nach „Suite Sister Mary“, für den Emily die weiblichen Gesangsparts übernahm. Im Anschluss folgte mein persönlicher Höhepunkt des Abends, „The Needle Lies“, erneut kräftig vom Publikum mitgesungen. „Eyes of a Stranger“ setzte schließlich den Schlusspunkt hinter den „Operation: Mindcrime“-Teil des Abends. Doch nach kurzer Zeit ertönte das Elektro-Intro des Nachfolgealbums „Empire“ aus der P.A. und die Band machte mit „Best I Can“ weiter, gefolgt von der Erfolgsballade „Silent Lucidity“ inkl. amüsanter Ansage, dass zu diesem Song schon Menschen beerdigt, Menschen getraut und Menschen gezeugt worden seien. Während des Songs wechselte der Lead-Gitarrist von Akustik- zu E-Klampfe und manch mittlerweile graumeliertes Pärchen im Publikum kuschelte sich eng aneinander. „Empire“, ergänzt um Geoffs Kommentar, die Revolution beginne mit gelben Westen, und „Jet City Woman“ besiegelten den Ausflug in „Empire“-Album, der live wesentlich druckvoller als die für meinen Geschmack zu glatte Albumproduktion klang, und damit nach ca. 95 Minuten den Auftritt, gegen dessen Ende Geoff die vorderen Reihen noch mit Wasser gesegnet hatte. Wie viele andere auch war ich tief beeindruckt und zehre noch immer von diesem Konzerterlebnis. Dem „Operation: Mindcrime“-Geniestreich hatte man tatsächlich alle Ehre erwiesen und Gentleman Geoff ist noch immer das gewohnte Goldkehlchen – von etwaigen Alterserscheinungen keine Spur. Das war nicht nur ganz großes Kino, sondern auch tatsächlich das erste Mal, dass ich Geoff Tate live gesehen habe – das schreit nach Wiederholung!

„I used to think that only America’s way, way was right. But now the holy dollar rules everybody’s lives – gotta make a million, doesn’t matter who dies…”  („Revolution Calling“)

08.12.2018, Goldener Salon, Hamburg: KAMIKAZE KLAN + THE GUV’NORS + TYPHOON MOTOR DUDES

2015 gründete sich der Hamburger KAMIKAZE KLAN aus den Trümmern hanseatischer Hochkaräter wie EIGHT BALLS oder SMALL TOWN RIOT; Sänger George stieß von den DOGS ON SAIL hinzu, deren drittes Album er eingesungen hatte. Im April 2018 veröffentlichte man das Debütalbum, die offizielle Release-Party ließ jedoch bis Dezember auf sich warten. Für diese hatte man sich zwei hervorragend passende Bands ausgesucht, um mit ihnen die Bühne zu teilen.

Die erste waren die TYPHOON MOTOR DUDES, alte Kieler Recken, die ich seit einer Ewigkeit nicht mehr live gesehen hatte. Das Quartett hat sich arschtretendem Punk’n’Roll verschrieben, dargereicht mit zwei Gitarren und englischen Texten. Hatten die nicht mal ‘nen Sänger, so’n langhaarigen, der gern durchs Publikum stromerte? So zumindest hatte ich sie in Erinnerung. Nun sang halt einer der Gitarristen, neben älteren Songs auch brandneues Material wie „The One Who Knows It All“ über notorische Besserwisser, später einen weiteren, verdammt geilen, „Billy Horizon“ oder so. Ein paar Leute im etwa halbvollen Salon versetzte man in Bewegung, gab Fußballprognosen ab und sorgte vor allem für gute Laune und ebensolche Musik. Schön, die DUDES mal wiedergesehen zu haben!

Die dänischen GUV’NORS hatte ich vom gemeinsamen Gig in Kiel noch in bester Erinnerung, natürlich bestätigte sich der positive Eindruck auch heute: Auf ein Mundharmonika-Intro des Sängers folgte englischsprachiger Streetpunk mit rockiger Schlagseite und vielen schönen Singalongs. Zwischenzeitlich griff der Sänger immer mal wieder zur Mundharmonika und veredelte manch Song mit ihr, während der langhaarige der beiden Gitarristen sich die Finger wundschrubbte und körperlich so sehr mitging, dass er bald komplett schweißgebadet war – Wahnsinnsshow, Respekt! Eine Dame in der ersten Reihe tanzte unentwegt durch, ansonsten war mal mehr, mal weniger vor der Bühne los. Ich z.B. kam an diesem kalten Winterabend ehrlich gesagt gar nicht erst aus meiner Jacke raus. Die Band dürfte jedoch den Geschmack aller getroffen haben – klasse Gig, geht absolut klar!

Irgendwie haben die beiden vorausgegangenen Bands gewissermaßen den KAMIKAZE-KLAN-Sound definiert: Punk, Rock & Roll, rockiger Streetpunk – all das findet sich im KKK-Klanggewand wieder, der einem nun live um die Ohren flog. Beim ersten Song hatte der obenrum nur in seine Jeanskutte gehüllte George noch Probleme mit dem Mikro, danach war aber alles bestens: Deutschsprachiger Punkrock mit Straßenattitüde, rockigen Riffs aus zwei Klampfen und einem supertighten Rhythmusfundament, gegossen von KANISTERKOPF-Lehmann an der Schießbude und ex-EIGHT-BALLS-Michi am Viersaiter. George hat gegenüber seiner Zeit bei DOGS ON SAIL offenbar an Stimmumfang zugelegt und lieferte ‘ne energiegeladene Asi-mit-Niveau-Performance, die dir die Falten aus der Fresse boxte. Seine Texte sind meist persönlicherer Natur, sie handeln viel von Verlust und Tod, das „Schon mal vorgegangen“-Motiv zieht sich durch gleich mehrere Songs. Damit verarbeitet George die zahlreichen bedauerlichen Todesfälle innerhalb der Szene unter Angehörigen seiner Generation, die er und wir alle irgendwie verdauen mussten. Nachdem sein DOGS-ON-SAIL-Song „Death Machine“ True-Rebel-Karsten gewidmet war, handelte ein weiteres Stück von RIOT-OF-RATS-Tobi, „Heavy Metal“ wiederum war SOFASTRAHLT-Uli zu ehren. Allen Nachrufen zum Trotz gelingt es George und dem KLAN, eine positive Lebenseinstellung zu bewahren, was sich ebenfalls in Auftreten, Ausstrahlung und natürlich in den Texten widerspiegelt, in denen man eine gesunde trotzige Haltung dem Leben und seinen Unzulänglichkeiten gegenüber einnimmt und dem ängstlichen deutschen Spießer ins Gesicht lacht respektive ihm hasserfüllt in selbiges rotzt. In diesem Zusammenhang ist inhaltlich auch Platz für etwas Gesellschaftskritik. Während des Gigs wurde ein erstes Weihnachtsgeschenk in Form einer festlich verpackten Buddel Schnaps auf die Bühne gereicht, die sogleich geköpft wurde. Später im Set kredenzte man noch einen neuen Non-Album-Song, bevor man nach getaner Arbeit die Bühne verließ. Ein Gig, mit dem die Band absolut zufrieden sein kann – ich war’s jedenfalls und den Publikumsreaktionen nach zu urteilen war ich damit nicht allein. Es war tatsächlich mein erstes Mal KAMIKAZE KLAN live und es ist geil, diese Typen (inkl. des mir bis dato unbekannten zweiten Gitarristen) wieder auf der Bühne zu sehen. Würde mich freuen, mal mit einer meiner Combos mit dem KLAN die Bühne unsicher zu machen – das riecht nach ‘ner großen Party!

04.12.2018, Markthalle, Hamburg: EXODUS + SODOM + DEATH ANGEL + SUICIDAL ANGELS

„Spielen heute nicht irgendwo KREATOR?“ – Tom Angelripper

Die letzten SODOM-Gigs in Hamburg hatte ich ebenso verpasst wie EXODUS seit der Rückkehr ihres Shouters Zetro – ich war also dermaßen unterthrasht, dass ich mir ein Ticket für dieses offenbar von MTV gesponsorte (weil unter „MTV Headbangers Ball Tour“ firmierende) Konzertereignis besorgte und auch die Liebste dafür begeistern konnte. Interessanterweise hatte ich alle vier Bands schon mal in unterschiedlichen Konstellationen in der Markthalle gesehen und glaubte, eigentlich auf die passend zur Vorweihnachtszeit eingeladenen griechischen und US-amerikanischen Engel verzichten zu können, zumal es sich um einen Dienstag handelte und ich am nächsten Tag ein Referat über eher unmetallisches Liedgut, nämlich das Nibelungenlied, hätte halten sollen. Entgehen lassen wollte ich mir natürlich trotzdem nichts und traf mich mit der besseren Hälfte um 18:00 Uhr an der Markthalle.

SUICIDAL ANGELS gaben pünktlich ab 18:30 Uhr dem Affen Zucker. Die Griechen gewinnen sicher keinen Originalitätspreis und klingen in ihren schwächeren Momenten nach SLAYER-Ausschussware, haben aber auch eine beachtliche Anzahl schön ruppiger Aggro-Thrasher unter den Flügeln, die sie auch über dem Hamburger Publikum fallenließen. In Quartettbesetzung mit zwei Gitarren wurde ordentlich Druck erzeugt und Araya-like gekeift, besonders „Bloodbath“ kam sehr geil rüber. „Seed of Evil“ ist wohl so was wie der METALLICA-Song im Set. Für den vorletzten Song „Moshing Crew“ rief man in der schon überraschend gut gefüllten Halle zu Circle Pit und Wall of Death auf; generell gab’s ‘ne Menge Publikumsanimationen, für meinen Geschmack zu viel – und alle so yeah… Zu dieser Mucke passt’s meines Erachtens besser, wenn man auf die Bühne kommt, unprätentiös sein Set runterrotzt und wieder geht, statt zu versuchen, aktuellen KREATOR & Co. nachzueifern. Aber der Gig war durchaus ein guter Anheizer, nur die Drums waren bis auf Snare und Becken zu leise. Nach 40 Minuten war Schluss, was zehn mehr sind, als manch anderem Opener zugestanden werden.

Mit den Bay-Area-Thrashern DEATH ANGEL bin ich nicht allzu vertraut, habe lediglich den (allerdings sehr geilen!) ersten Langdreher im Schrank. In jüngere Platten hatte ich mitunter mal reingehört, konnte allerdings nicht viel damit anfangen. Ihren Markthallen-Gig vor einigen Jahren im KREATOR-Vorprogramm hatte ich aber vor allem aufgrund des Energielevels in guter Erinnerung. Auch heute lieferten sie einen Einstand nach Maß und konzentrierten sich zu meiner Freude auf ein Oldschool-Set mit vornehmlich altem Material – eine Art Motto, das sich durch den gesamten Abend ziehen sollte. Ergänzt wurde die Auswahl von „Thrown to the Wolves“, einem bockstarken, nicht ganz so alten Song, der besonders live stets oberfett ins Mett knallt, diesmal mit arschlangen Screams des Sängers Mark. Überhaupt, Mark O.: Welch ein unfuckingfassbares Energiebündel, dieser Typ!? Würde ich stimmlich auch nur einmal rauszuhauen versuchen, was er an diesem Abend ablieferte, ich wäre wochenlang heiser. Ständig war sein Mikroständer in der Luft, er peste über die Bühne und drehte völlig am Rad. Der Bassist hingegen entpuppte sich als Oberposer, der ständig mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigte und anschließend den Schumidaumen machte. Eigentlich vom obersten Regal war auch die dargebotene „Kill as One“-Version, leider durch ein überflüssiges Mitsingspielchen arg gedehnt. Was soll das? Spart euch lieber die Zeit und spielt stattdessen ‘nen weiteren Song! So wurde bereits um 20:12 Uhr der letzte Song angekündigt. Wie auch immer, vollkommen zurecht war die mittlerweile volle Markthalle nun so richtig warmgeworden, freudig entzückt und geil auf mehr. Ein Hammerauftritt, den, würde er auf einer klassischen 45-Minuten-Langrille als Livealbum veröffentlicht, ich mir sofort zulegen würde.

„Persecution Mania“ (in Kombination mit der „Exposure of Sodomy“-EP) ist mein SODOM-Lieblingsalbum, zudem – ebenso wieder Nachfolger „Agent Orange“ – ein Meilenstein der deutschen Thrash-Historie. Dass der Gitarrist jener Großtaten, Frank Blackfire, nach einer radikalen Bandumbesetzung wieder an der Seite Tom Angelrippers musiziert, man sich außerdem um einen zweiten Klampfer verstärkt und DESASTER-Trommeltier Husky zum Kesselrühren verpflichtet hat, machte mich natürlich extrem neugierig/geil auf einen SODOM-Gig dieses Line-Ups (dessen Live-Premiere auf dem Rock-Hard-Festival ich mir immerhin im WDR hatte ansehen können). Und dann ist da ja noch die EP mit den zwei neuen Songs, die kaum Wünsche offenlassen… Nach ein paar labbrigen Pommes vom Markthallen-Frittenschmied konnten wir eine mittels zwei großer Knarrenheinz-Aufsteller mit diabolisch leuchtenden Augen ins „Persecution…“-Design versetzte Bühne erblicken, auf denen die Herren Schwarzfeuer & Co. nach einem Intro sogleich mit dem Uralt-Kultrumpler „Blasphemer“ eröffneten! Alter Fatter, damit hatte ich nun nicht gerechnet. Das ganze Set bestand nahezu ausschließlich aus Songs bis inkl. des (endlich mal wieder berücksichtigten) „Tapping The Vein“-Albums, der Schwerpunkt lag natürlich auf der Blackfire-Ära. Von „Vein“ gab’s „One Step Over The Line“, was ok ist, lieber hätte ich aber „Body Parts“ oder „Skinned Alive“ gehört – oder auch den Titelsong. Oder „The Crippler“. Egal, Songs wie „Sodomy and Lust“, „Agent Orange“ und „Tired and Red“ krachten genauso splitternd ins Fressbrett wie die beiden neuen Kanonenschläge „Partisan“ und das crustige „Conflagration“. Zu den evil Songs und der etwas übertriebenen Lightshow gesellten sich wie gewohnt kumpelhafte Ansagen Toms, die Band verteilte Bier für die ersten Reihen und Frank entledigte sich bald seines Blackfire-Shirts, um mit freiem Oberkörper zu posieren. Der obligatorischen Abrissbirne „Bombenhagel“ folgte leider kein „Ausgebombt“, dieses Doppel hätte den Gig perfekt abgerundet.  Nach einer knappen Stunde war erst mal Feierabend und ein herrlich grimmiger Oldschool-Ruhrpott-Thrash-Gig beendet, der einen gelungenen Rollback darstellte – wenn auch leider ohne Zugabe. Frank wieder zusammen mit Tom musizieren zu sehen, ist großartig, die zweite Gitarre hält den Druck permanent aufrecht und Husky hat gegen einen technischen Power-Drummer wie Makka natürlich einen schweren Stand, sorgt aber ein bisschen für so etwas wie Chris-Witchhunter-Charme. Mehr davon! Ich freue mich aufs Album. Und dass mich mitten im Set die Nachricht erreichte, dass das Seminar und damit auch das Referat am nächsten Morgen ausfalle, machte den Abend perfekt und ließ mich gleich mal noch ‘ne Pilsette ordern.

Wesentlich unprätentiöser als SODOM und ohne spezielle Lightshow bogen EXODUS direkt mit „Bonded By Blood“ um die Ecke, was nicht nur mich sofort in Ekstase versetzte. Zu meiner positiven Überraschung setzte auch diese Bay-Area-Legende fast volles Pfund auf gut abgehangenes Material und knallte einem einen Klassiker nach dem anderen vor den Latz: „Exodus“, „Fabulous Disaster“, „And Then There Were None“, „A Lesson in Violence“, „Piranha“… Eine unglaublich geile Version von „Impaler“ spaltete reihenweise Schädel, „Toxic Waltz“ wurde angekündigt, doch stattdessen METALLICAs „Motorbreath“ gezockt, bevor die (Achtung, Wortspiel) Giftwaltze tatsächlich rollte. Abgerundet wurde das Set von „Blacklist“ vom „Tempo Of The Damned“-Album (dem besten der EXODUS-„Neuzeit“) und „Body Harvest“, dem einzigen gespielten Song des aktuellen, für mich leider enttäuschenden Langdrehers „Blood In Blood Out“, der live wesentlich besser als auf Platte kam. Die letzte Nummer „Strike of the Beast“ durfte ein SUICIDAL ANGEL mitträllern, während im Pit wieder eine Wall of Death errichtet werden musste; dann war leider Schicht im Schacht. Zwischendurch fragte Drummer Tom Hunting, ob jemand bereits 1985 anwesend gewesen sei, als man hier zusammen mit VENOM aufgetreten sei (was ich leider verneinen musste, da war ich fünf und gerade parallel auf einem HC-Punk-Gig) und bedankte sich bei allen für die Erfüllung seines Lebenstraums. Leck mich am Arsch, war das ein geiler Gig! Schade nur, dass auf den eigentlichen Chefgitarristen Gary Holt wieder einmal verzichtet werden musste, weil er mit SLAYER unterwegs war (deren Jeff Hanneman er seit dessen tragischen Ableben vertritt) und dass der Gesang oftmals dann, wenn Zetro nicht gerade in spitzen Frequenzen kreischte, ziemlich leise war. Ebenso schade, dass sofort die Lichter angingen und keine Zugabe mehr folgte.

Fazit: Hamburg ließ sich nicht vom Wochentag abschrecken und sorgte für volles Haus, während die Bands, vor allem natürlich die etwas betagteren, bewiesen, dass sie nicht zum alten Eisen, sondern nach wie vor zum Edelstahl gehören. An der Energie und Ausstrahlung der Thrash-Senioren kann sich manch spießiger Sesselfurzer gleichen Alters mal ganz dicke Scheiben abschneiden. Jedoch bedeuten Thrash-Konzerte dieses Levels im Jahre 2018 anscheinend leider auch minutiös einzuhaltende Zeitpläne, kaum Raum für Spontanität oder Zugaben, keine völlig durchdrehenden Maniacs mehr wie anno dazumal, die sich im Sekundentakt von der Bühne stürzten, dafür umso mehr durchchoreographierte Mitmachspielchen mit dem Publikum. Das wollte ich aber nur mal angemerkt haben, denn von dem, was ehemalige alten Helden wie METALLICA oder MEGADETH heutzutage so veranstalten, trennen Konzertereignisse wie dieses glücklicherweise immer noch Welten.

„They spend all their time building missiles, so people die. What kind of life do you expect for us to live? We’re angered by fear, because the time is near when some lunatic will finally pull the plug. And forever after you can hear the laughter, world’s being plastered by an evil bastard. Exterminating faster, devastating plaster, fabulous disaster! Now you can see what this all means to me when the bomb comes falling… down!“ *träller*

01.12.2018, Menschenzoo, Hamburg: KREFTICH + FRUSTKILLER

FRUSTKILLER aus Hannover und KREFTICH aus Dinslaken und Duisburg betourten ihre aktuellen Alben und machten an jenem Samstag im Menschenzoo Halt. Nach Weihnachtskeksebacken und Fußballgucken im Menschenzoo-St.-Pauli-Siebdruckgedöns-Hauptquartier latschten Madame und moi Pauli-Pizza-gestärkt die Kellertreppen in den Club hinunter, in dem man sich mit dem Beginn noch etwas Zeit ließ. Die Hannoveraner hatte ich bisher kaum auf dem Schirm, ihr Song „Hotel zur Heimat“ war mir 2005 aber auf einer CD-Beilage positiv aufgefallen und blieb bis heute im Ohr. Die „Tourensöhne“ (Wortspiel des Gitarristen) traten mit zwei Klampfen als Quartett an, einer der Gitarristen ist zugleich der Sänger. Musikalisch am stärksten waren sie, wenn nicht beide Sechssaiter das Gleiche spielten, sondern sich ergänzten und gut ins Ohr gehende, oft leicht melancholische Melodien aus dem Hut zauberten. Dazu passte der tiefe, kehlig raue, etwas gepresste Gesang bestens, während offenbar US-Melodicore-inspirierte Breaks die von der Rhythmussektion angetriebenen Songstrukturen auflockerten. Ohne mit ihrem Œvre vertraut zu sein nehme ich an, dass es sich beim Set um einen Querschnitt aus allen drei Alben mit Schwerpunkt auf der aktuellen Langrille „Treibgut“ gehandelt hat. Irgendetwas hatte es anscheinend auch mit einem ominösen „Schichtgetränk“ der Band auf sich, das sich mir jedoch nicht ganz erschloss. Das „Hotel zur Heimat“ konnte ich mitsingen und freute mich über den Wiedererkennungseffekt. Eher ungewöhnlich auch, dass der Sänger explizit den Umstand lobend erwähnte, als Gast im Zoo alles vollquarzen zu dürfen – evtl. weil man sich dadurch eine Nebelmaschine spart? FRUSTKILLER erspielten sich ihr Publikum, wurden im verdammt gut gefüllten Menschenzoo sehr wohlwollend aufgenommen und mussten schließlich auch noch für eine Zugabe ran. Einwandfreier Gig, der die Messlatte hochgelegt hatte.

KREFTICH waren mir 2007 mit ihrem Debütalbum „Stil los!“ aufgefallen, das ich ganz gut fand. Vom Nachfolger „Bis hierhin und dann weiter“ 2011 hatte ich nichts mitbekommen und die aktuelle Platte „Niemals stumm“ auch noch nicht gehört, beides werde ich nachholen. Mit „Hallo Duisburg!“ begrüßte das Trio das Publikum. Offenbar war es der Band noch nicht verqualmt genug und so warf sie die Nebelmaschine an. KREFTICH mäandern irgendwo zwischen dem stilistisch an alte WIZO erinnernden Funpunk, nachdenklichen, melancholischen bis philosophierenden Songs und klaren An- und Aussagen gesellschaftskritischen, antifaschistischen Anspruchs, mit denen sie sich gerade machen und Haltung zeigen. Musikalisch sind melodische US-Punk-Einflüsse ebenso wenig überhörbar wie Anleihen beim CHEFDENKER- oder BASH!-Stil, angereichert durch ein paar Offbeat-Einlagen und – zumindest auf Platte – auch Bläsern, Klavierklängen etc. An ihren Instrumenten sind alle drei tiptop, den Hauptgesang teilen sich der mich optisch ein bisschen an Vincent Ebert erinnernde Bassist und der Gitarrist mit Struwwelpeter-Frise. „Unsere Stadt bleibt bunt“ vom neuen Album entpuppte sich als echter Hit, dessen Hauptgesang beim Drummer lag. Der leicht nasale Gesang des Bassers kommt zumindest live etwas dünn und der eine oder andere persönliche Geschichten verarbeitende Song wirkt auf den ersten Hör ein bisschen belanglos oder gar kitschig. Auf der Habenseite stehen die Stimme des Gitarristen, schwer tanzbare Songs wie „Koppdropp“ (mit sehr geilem Wechselgesang) oder „Immer wieder“, das den Stimmungshöhepunkt darstellte und um ein Mitsingspielchen ausgedehnt wurde. Kurios: Der Menschenzoo war eigentlich bis zum DJ-Pult gefüllt, mitten im Set lichteten sich die Reihen plötzlich, wurden jedoch durch eine ganze Traube plötzlich hinzustoßender Menschen wieder aufgefüllt, von denen es einige auch direkt nach ganz vorne zog, um den Pogo-Pit neu zu entflammen. Der per Gaffa befestigte KREFTICH-Banner machte nach und nach ‘nen Abgang, FRUSTKILLER verteilten ihr ominöses Schichtgetränk an die Band und der Zugabenblock umfasste zunächst zwei Songs: Die gelungene Anti-Nazi-Nummer „Gegenwind“, humorvoll selbstironisch angesagt mit: „Der nächste Song ist gegen Nazis und der ist auf dem neuen Album! Im Internet kann man Ansagen kaufen…“ „Spiegelbild“, der Opener des Debüts, war die zweite Zugabe. Die Konservenmucke lief schon wieder, als man erneut seine Instrumente einstöpselte, um abschließend „Halt mich fest“ von TAGTRAUM zu covern. Unterm Strich hat mich nicht jeder KREFTICH-Song umgehauen, aber das Set war ordentlich hitgespickt und die Band hatte ‘ne sympathische Ausstrahlung sowie Humor. Würde ich mir wieder geben. Einmal mehr also ein lohnender Konzertabend im Menschenzoo, den Mischpultchef Norman wie gewohnt mit einem 1A-Sound beschallte und dessen Bands meines Erachtens ziemlich gut zusammenpassten.

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