Gnnis Reviews

Month: Januar 2019

Mad-Taschenbuch Nr. 19: Mads großes Müll-Buch

Die in der Regel rund 160 Schwarzweiß-Seiten umfassenden Taschenbuch-Ableger des Mad-Satiremagazins widmeten sich meist lediglich einem einzelnen Zeichner, bisweilen einem eingeschworenen Zeichner/Texter-Team oder zumindest einem bestimmten Thema/Aufhänger, interpretiert von wenigen verschiedenen Zeichnern/Autoren. Dieses Konzept wurde im 1978 veröffentlichten Taschenbuch Nr. 19 aufgegeben: Selbstironisch als „eine Sammlung neuester Abfälle“ bezeichnet, vereint es fast alle damaligen Mad-Zeichner, elf an der Zahl, plus Nick Meglin als Texter und Frank Jacobs als Verfasser des (köstlichen) Vorworts. Ergo verfolgt dieses Buch dann auch keinen roten Faden, sondern bietet ein Sammelsurium aus verschiedensten kurzen Comics und satirischen, textlastigen Beiträgen. So treffen Aragones’ dialogfreie Bildwitze auf eine „Superman“-Persiflage Mort Druckers, eine Sportjournalismus-Parodie Jack Davis’ auf eine in Reimversen getextete, durchaus hintersinnige Verulkung computergestützter Partnersuche Al Jaffees, Don Martins Gag-Comics auf gesellschaftskritische Bildergeschichten Antonio Prohias’ und Jack Richards’ „Peanuts“-Hommage, in der sich Charlie Brown mit Richard Nixon unterhält, auf Dave Bergs diesmal jeweils nur einseitige „kleine Mad-Reports“. Die textlastigsten Beiträge gehen aufs Konto Bob Clarkes, der sich streng astrologisch jedes einzelne Sternzeichen vorknöpft und übers Buch verteilt Horoskope formuliert, die die jedem Sternzeichen zugesprochenen Eigenschaften durch den Kakao ziehen. Paul Coker veralbert verschiedene Berufe und erweitert klassische Gemälde um seine Kritzeleien, um sie in einem ganz neuen Kontext erscheinen zu lassen. Interessanterweise lagen damals offenbar Enthüllungsbücher aus dem Profisport im Trend, was George Woodbridge in Form von Werbeanzeigen für fiktive Bücher wie „Die Kegelflegel“ oder „Die Wahrheit über Kricket“ persifliert, während er mittels seines Lebensratgebers „Schlemm dich unfit!“ einen Kontrapunkt zum „Trimm dich“-Fitness- und Gesundheitswahn setzt. Damit bietet das 19. Mad-Taschenbuch ungewohnt abwechslungsreiches und langes Schmökervergnügen – sowie einen schönen Überblick über die verschiedenen damaligen Zeichner und ihre jeweiligen Eigenarten. Wie üblich sitzt nicht jeder Gag, die Ausrichtung aber stimmt und die Ziele der satirischen Spitzen sind meist sorgfältig ausgewählt.

19.01.2019, Fanräume, Hamburg: „G20 einreißen“ mit THE DETECTORS + GLEICHLAUFSCHWANKUNG + ZWAKKELMANN + IN SCHERBEN

Geld für von Repression betroffene Anti-G20-Aktivistinnen und -Aktivisten zu sammeln, ist immer eine gute Sache, am meisten Spaß macht sie in Form von Solidaritätskonzerten bzw., wie in diesem Falle, -festivals. In die Fanräume des FC St. Pauli luden daher bereits am Freitag NIXDA, ABBRUCH, KONNY und P.O.P., was noch ohne Madame und mich über die Bühne ging und wohl ‘ne bestens besuchte, astreine Party war – gratuliere! Den Samstag eröffnete bereits um 16:00 Uhr Punk-Literat Jan Off mit einer Lesung. Als wir relativ pünktlich aufkreuzten waren wir jedoch erst die zahlenden Gäste Nummer 2 und 3, und obwohl sich noch ein paar weitere Nasen dorthin verirrten, blieb’s arg überschaubar – obwohl Jan normalerweise bei Lesungen in Hamburg die Bude spielend vollmacht. Er machte sich aber nicht sonderlich viel draus und las diverse launige kurze Texte aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Etwas mehr dürfte er sich aber schon vom Nachmittag versprochen haben und so mutete seine Lesung dann auch radikal gekürzt an. Vermutlich wäre es besser gewesen, die Lesung vom Festival zu trennen und separat zu bewerben oder aber den Musik-Acts direkt vorzuschalten, ohne (sogar mehr als) zwei Stunden Leerlauf bis zum Konzerteinlass (in denen wir nach Hause fuhren und Sportschau glotzten).

Nach unserer Rückkehr eröffnete die junge Hamburger Band IN SCHERBEN den Reigen mit deutschsprachigem Trompeten-Punkrock inkl. üblicher gesellschaftskritischer Inhalte (mit offenbar gleich mehreren Anti-Nazi-Songs), wirkte dabei aber etwas zahm auf mich. Wenn der Sänger und Gitarrist in Personalunion sich mal an so etwas wie Gitarren-Leads versuchte, statt die Melodien dem durchaus fähigen, laut meiner besser hörenden Hälfte aber nicht immer ganz einsatz- und taktsicheren Trompeter zu überlassen, ließ es aufhorchen, doch kamen diese recht selten zum Einsatz. Dafür spielte der Drummer kein Uffta-Uffta, sondern wirbelte ordentlich herum. Als eine Ballade angekündigt wurde, holten Teile des Publikums ihre Feuerzeuge rum (um sie im Takt zu schwenken, nicht etwa um die Band anzuzünden), jedoch handelte es sich lediglich um ein Intro. Teile ihres Publikums saßen die meiste Zeit über am Rand auf dem Fußboden und gegen Ende gab’s noch ‘ne englischsprachige Coverversion, die ich aber nicht erkannt habe. Ich glaube, würde die Band etwas ungestümer zur Sache gehen und der Sänger mehr aus sich herauskommen, würden mir IN SCHERBEN besser gefallen. Immerhin ist der Song „Nix Neues“ bei mir als hervorstechend im Gedächtnis geblieben, textlich wie musikalisch. Sie verabschiedeten sich übrigens, um direkt im Anschluss einen weiteren Gig in der Roten Flora zu spielen – am Elan mangelt’s ihnen also schon mal nicht.

Draußen waren übrigens ein Glühweinstand und ein Foodtruck mit erlesenen tierfreundlichen Speisen aufgebaut worden – super Sache, das! Drinnen im mittlerweile gut gefüllten Saal vergaß ZWAKKELMANN, sich seiner langen Unterhose zu entledigen und betrat nicht, wie von mir erwartet, als Alleinunterhalter die Bühne, sondern zusammen mit einer aus Bassist und Drummer bestehenden Rhythmussektion. Der ehemalige SCHLIESSMUSKEL- und DIE-KINSKIS-Sänger Schlaffke aus dem NRW-Kaff Hamminkeln spielt als ZWAKKELMANN eine ureigene Mischung aus ramoneskem Punkrock, 60’s-Sound und Lofi-Chansons mit deutschen Texten, in denen er mit seinem Verlierer-Image und einiger Ruhrpott-Folklore kokettiert. Und tatsächlich hatte ich ihn bisher bei all seinen Hamburg-Abstechern verpasst… Im ersten Song freute er sich noch inhaltlich darüber, dass sowohl er als auch wir alle da sind, wenngleich der eine oder andere, der mit ZWAKKELMANN nichts so recht anzufangen wusste und lieber Hardcore oder gar diese widerliche „Hamburger Schule“ hört, den Raum verließ. Alle anderen freuten sich über Schlager wie „Dusselige Q“, „Ja, vielleicht bin ich asozial“, über feinsinnige Beobachtungen wie „Menschen bei der Nahrungsaufnahme“ oder selbstkritische Erkenntnisse à la „Disco-Zwakkelmann (ein bisschen langweilig)“, die es mir besonders angetan hat. Ich stehe generell auf diesen Ruhrpott-Charme und -Humor, ebenso auf die alten ÄRZTE, von denen der Jahrhunderthit „Zu spät“ interpretiert wurde. Vermisst habe ich jedoch „Ich will ‘nen Film mit Bud Spencer und Terence Hill“, „Mein Nachbar hängt schon wieder an der Flasche“, „Augenfick“ und „Tomatenrotes Haar“, wahrscheinlich der kurzen Spielzeit geschuldet. Von mir aus können ZWAKKELMANN gern mal für ‘nen längeren Headliner-Gig nach HH kommen…

Die nächste Umbaupause gestaltete sich etwas langwieriger, immerhin musste für GLEICHLAUFSCHWANKUNG ähnlich viel Personal wie bei ‘ner Ska-Kapelle auf der Bühne (und dem Mischpult) untergebracht werden. Der quer über den Osten der Republik verteilte (Torgau, Halle, Leipzig, Potsdam) volkseigene Klangbetrieb um Schlemihl- und Saalepower-Records-Betreiber Geralf und seine Frau Tanja Trash verspricht schlimmsten Ostzonen-Fun-Punk-Trash – und hielt Wort. Wie auf ‘ner Hochzeit wurde mit Reis (und Konfetti) um sich geworfen, teils vermummte, teils in Tracht gewandete Shouter/Musiker machten sich auf und vor der Bühne breit und wechselten während des Sets mehrfach Kostüme, Kopfbedeckungen und Instrumente. Geralf stand an seiner Alleinunterhalterorgel, spielte diverse, vorzugsweise sächsische Samples ein und wachte strengen Blickes über das unkontrolliert wirkende kontrollierte Chaos. Die Anti-Oettinger-Hymne „Scheiß Bier“ eröffnete das bunte Potpourri, „Punks Understand No Fun“ fehlte ebenso wenig wie „Kleinstadtaufruhr“, der russisch-ostdeutsche Kulturaustausch „Devotchka nimm Pflasterstein“ oder die für von Arbeitslosigkeit gebeutelten strukturschwachen Regionen ausgesprochene Berufsberatung „Skindergärtnerin“. „Wir tanzen auf dem Atomeisbrecher“ und „Badehosemann“ verrieten ostdeutsche Urlaubsvorlieben. Der alten Heimat DDR erteilte man eine klare Absage und aus den Einspielern pöbelten immer wieder Mielke & Co weltfremd daher. So ganz hat man den Sound leider nicht in den Griff bekommen, denn beim männlich-weiblichen Doppelgesang ging Tanja leider in Sachen Lautstärke immer etwas unter. Das Publikum füllte man mit (leider warmem, aber ‘nem geschenkten Gaul….) Sternburg Export und Gin Tonic ab (ein Sterni floss auch meine Kehle ‘runter) und sicherte sich nicht zuletzt dadurch den Zuspruch für Aussagen wie „Gebt’s zu, ihr habt noch nie so’n geiles Live-Konzert erlebt!“. GLEICHLAUFSCHWANKUNG spielten zu vorgerückter Stunde und warfen mit Alkohol um sich, sodass Flo fürchtete, manch einer könnte den Gig nach dem Erwachen am nächsten Vormittag für einen schlimmen Traum gehalten haben. Fürwahr tat sie gut daran, mir das am nächsten Tag noch mal zu sagen, denn auch ich befand mich längst jenseits des gesunden Menschenverstands. Aber es war alles genauso real wie das SCHLEIMKEIM-Cover „Faustrecht“, garniert mit weiteren Samples, und der Zugabenblock, in dem noch mal „Punks Understand No Fun“ und „Skindergärtnerin“ zum Besten gegeben wurden, nachdem zuvor bereits „Scheiß Bier“ wiederholt worden war. GLEICHLAUFSCHWANKUNG hinterließen zugemüllte Fanräume, ein perplexes und/oder volltrunkenes Publikum und die Erkenntnis, dass man es im Osten noch immer auch mit begrenzten Mitteln zu feiern versteht. Da bekommt man glatt Bock, die alten „Saalepower“-LPs mal wieder aufzulegen.

Wesentlich unprätentiöser wirkten daraufhin THE DETECTORS aus Schleswig-Holstein auf der Bühne, dafür ließen sie’s musikalisch umso schöner krachen: Astreiner melodischer, US-beeinflusster Streetpunk mit unverwechselbarer angepisster Stimme, diversen fetten Singalong-Refrains und arschtretendem Tempo. No-Bullshit-Texte und klare Kante gibt’s obendrein. Genau das Richtige also, um sich nach dem vorausgegangenen Kabarettprogramm noch mal auszupowern, ergo zog ich die Tanzschuhe an und lebte meinen Bewegungsdrang aus. Fragt bitte nicht nach Setlist oder Details… Ich war unschlüssig, ob ich das Folgende schreiben sollte oder nicht und hatte es eigentlich auch schon wieder verworfen, aber irgendwie beschäftigt es mich dann doch so’n bischn: Seit einiger Zeit hat die Band in ihrem Logo „Anti-Fascist / Pro-Feminist / Animal-Friendly / Gay-Positive“ stehen. Das ist natürlich alles löblich, sollte doch aber eigentlich selbstverständlich sein (und betrifft natürlich nicht nur diese Band, die dient mir jetzt nur als Aufhänger). Dass es das leider nicht ist, ist mir bewusst, aber ist es nicht Wasser auf die Mühlen gerade jener Kreise, die wollen, dass all dies nicht selbstverständlich ist, es als etwas (vermeintlich) Besonderes herauszustellen? Und wäre es nicht ziemlich befremdlich, wenn ich mir mit einer meiner Bands groß „Anti-Dictatorship / Pro-Justice / Jew-Friendly / Persons-Of-Color-Positive“ oder so auf die Fahnen schriebe? Oder sind die Zeiten tatsächlich solche, in denen man auch als Punkband derartige Grundsätze plakativ hervorheben muss, um sie zu verteidigen? Und wird „Animal-Friendly“ wirklich als mehr verstanden als nur „Tierfreund“ zu sein, was der Großteil der Deutschen sicherlich von sich behaupten würde, unabhängig davon, wie viel Industrie-Aas er in sich hineinstopft? Aber das nur am Rande und als Denk-/Diskussionsanstoß, denn wie dem auch sei: THE DETECTORS sind ‘ne feste, verlässliche Größe und klasse Band, die endlich mal wiederzusehen verdammt noch mal Laune gemacht, um mittlerweile weit nach Mitternacht aber auch noch mal die Adrenalinproduktion angekurbelt hat, sodass es im Anschluss noch auf den einen oder anderen berüchtigten Absacker weiterging, bis ich schließlich völlig zerschossen den Weg in die Koje fand. Das war ein musikalisch abwechslungsreicher, teilweise die Geschmäcker spaltender Abend mit anscheinend etwas weniger Publikumszuspruch als am Vortag, der aber sicherlich ebenfalls das eine oder andere Hartgeld für den guten Zweck zusammengetragen hat. Wie so oft galt: Soliparty = beste Party!

11.01.2019, Rote Flora, Hamburg: LES PÜNX + HYSTERISCHE MILFS + MØRDER

Endlich fielen mal wieder ein Anlass, frohgemut in die Flora zu schlendern, die Zeit dafür und der vorhandene Bock auf denselben Abend: Im Rahmen der „Verstrahlt“-Anti-Atomdrecksstaat-Soliparty legten im Gebäudeunteren diverse DJs auf,  vor allem aber beanspruchten die große Bühne oben drei interessente Acts für sich. Als endlich aller Lohnarbeitssoll erfüllt und die allwöchentliche Sportpflichteinheit absolviert war, ging’s in die Schanze, erst mal Dinieren – natürlich beim Veggie-Schanzendöner, der abermals nicht enttäuschte. Da könnte ich echt täglich hin. Ein Jammer, dass solche Dönerbuden in Hamburg noch immer so rar gesät sind. Als wir kurz nach 21:00 Uhr am antikapitalistischen Bollwerk eintrafen, hieß es, die erste Band würde in ca. einer halben Stunde anfangen. Pustekuchen, da konnte man locker noch ‘ne Stunde draufpacken. Dafür war der ausufernd lange Soundcheck der Bands MØRDER und LES PÜNX bereits ein Spektakel für sich – inkl. fluchendem Mischer und Stromstöße verabreichendem Mikro. Mit Premium-Bier stießen wir auf einen Premium-Abend an.

Dessen offizieller Teil startete gegen 22:00 Uhr auf der von uns ignorierten Disco-Tanzfläche und irgendwann dann tatsächlich auch oben: Die Kielerinnen und Kieler haben ihren Namen natürlich geschickt gewählt – so kann man immer von einem „Mörder-Gig“ sprechen, ganz gleich, wie MØRDER wirklich waren. Die fünfköpfige, gemischtgeschlechtliche Combo (zwei Damen, drei Herren) aus dem BONEHOUSE-Umfeld hat sich dem Neo-Crust verschrieben, also heftigem Getrümmer mit Geschrei und/oder Gegrowle, Metal-Gitarren, aber eben auch jener Prise Melodie, die für zusätzliche Atmosphäre sorgt. Die russische Frontfrau Anna überraschte mit einem kräftigen Organ, das einem die Schuhe auszieht, was sie dann wohl aufgrund der Rutschgefahr ihrer Treter auch selbst nach kurzer Zeit tat. Krasses Gekeife und Gegrowle, das keine Fragen offenlässt, ab dem vierten Song oder so dann auch noch mit mächtig Hall auf der Stimme – das kam sehr geil! In überraschend gutem, recht differenziertem Soundgewand pflügte die Rhythmussektion zudem brutal durch die (meist recht kurzen, solofreien) Songs, Klampfe 1 fräste fiese Riffs, Klampfe 2 sorgte für die Melodien. Einen Anti-Putin-Song sagte Anna mit klaren Worten an, die keine Missverständnisse aufkommen lassen, und beendet wurde das Set mit einem irren Effektgerät-Overkill. Die Band, die seit 2015 live auftritt, flog bisher unter meinem Radar. Gut, dass sich das geändert hat, denn das war tatsächlich der eingangs erwähnte Mörder-Gig!

Die HYSTERISCHEn MILFS aus Leipzig sind ein, äh, Mütterkollektiv, das zu Techno-Playback tanzt und als Vocals Sprüche, Fragen und Dialogfetzen oder schlicht Schlagwörter integriert, mit denen Mütter innerhalb dieser Gesellschaft so konfrontiert werden: „After Baby Body“, „Du gehst feiern? Und dein Kind?!“, „Alles wieder straff?“ (den merke ich mir mal als allgemeinen „Wie geht’s?“-Ersatz, kommt sicher gut), „Ganz die Mama!“ oder auch „Ist das ein deutscher Name?“ werden da aus vier Kehlen geschmettert, dass man sich manch Schmunzeln nicht verkneifen kann. Da ist echt ‘ne schöne und entlarvende Sammlung entstanden, die viel über bundesdeutsche Befindlichkeiten, Rollenklischees und Ängste aussagt. Nach und nach zogen die Damen sich bis auf die Unterwäsche aus bzw. mittels Umschnalldildo und Schwangerschaftsbauch aus Plastik auch wieder an, alles zum stampfenden Techno-Beat. Die Performance weilte allerdings lediglich einen (überlangen) Song lang, gefühlt war nach ‘ner Viertelstunde Schluss – und ich um die schöne Erkenntnis reicher, dass ich bei der Begegnung mit jungen Müttern im Freundes- und Bekanntenkreis tatsächlich gut daran tue, lieber die Klappe zu halten, statt derartigen Blödsinn abzusondern. Fürchtete ich bisher, dadurch desinteressiert zu wirken, weiß ich jetzt, wie dankbar Mütter dafür sein können. War mal was ganz anderes; originell, provokant und hintergründig, ohne lange Reden schwingen zu müssen.

An LES PÜNX aus Witzenhausen (bei Göttingen) war es dann, nach Crust und Techno mit ‘ner ordentlichen Schippe klassischen Punkrocks nachzulegen, der ganz so klassisch dann doch gar nicht war: E-Geige statt Leadgitarre, die sich überraschend gut einfügte, ohne dem Ganzen ‘nen Folk-Touch zu verleihen. Alles andere passte dann aber doch ganz gut ins „Deutschpunk“-Sujet: Songs über Bullen, Nazis, Saufen, besetzte Häuser, Ficken, „Kiddiepunk ein Leben lang“ und dazu paar wenige Akkorde und Ska-Geschrammel. Dabei ist die Band, die im Herbst 2016 ihren ersten HH-Gig absolvierte, mit einigem Humor und einem gewissem Hang zur Selbstironie ausgestattet, wirkt locker und sympathisch und hat augenscheinlich selbst sehr viel Spaß bei der Sache, der sich aufs Publikum überträgt. Letztgenanntes frönte dann auch entfesselt dem Pogo und bildete Menschenhaufen, wie ich’s schon länger nicht mehr gesehen (geschweige denn getan) hatte. Die Sängerin begrüßte den Mob mit „Hallo Berlin, das nächste Lied heißt Hamburg!“, die Hamburg-Aufenthalte (2017 folgte ein Auftritt auf dem Hafengeburtstag) scheinen bleibenden Eindruck in WIZ hinterlassen zu haben (man besingt sogar den Clochard). Der Drummer hätte für meinen Geschmack etwas mehr Punch vertragen können und auf dem Gesang lag nun doch bischn viel Hall, aber zumindest der Drumsound besserte sich im weiteren Verlauf. LES PÜNX warfen ‘ne Bullenkampfmontur ins Publikum, die Sängerin sprang selbst mal in den Pit und lieferte im Duett mit dem Geiger ‘ne schauspielerische Einlage, indem sie ihn mit einem Kinnhaken außer Gefecht setzte und er sich auf dem Bühnenboden wiederfand. Ein Song machte den Unterschied zwischen Sex und Sexismus klar, das als „Ballersong“ angekündigte Stück klang etwas sehr chaotisch, der nominell letzte Song war dafür ein echter Hit. Es folgten sogar noch zwei Zugaben, darunter ein Cover von TABLE DANCE DISCO oder so (?!). Das war alles schön oldschool und unprätentiös, machte Laune – LES PÜNX haben den Brunnentrinker-‘90er-D-Punk-Geist in die Neuzeit herübergerettet und den Live-Teil eines musikalisch extrem abwechslungsreichen Abends in der angenehmen Atmosphäre einer nicht zu vollen und drängeligen Flora besiegelt. Wir gingen dann noch das Jolly Roger austrinken und hoffen, dass die ganze Sause ordentlich was in die Anti-Atomstaat-Kassen gespült hat. „Harness the wind, the sun and the waves / We don’t need this filthy nuclear waste!”

P.S.: Fotografieren ist in der Roten Flora nach wie vor unerwünscht, daher gibt’s hier diesmal auch nix zu sehen.

28.12.2018, Molotow, Hamburg: BOLANOW BRAWL + 1323

Im Molotow hatten wir ja bereits mehrere Male Live-Erfahrung sammeln können, jeweils oben auf der großen Bühne – einmal davon im Rahmen der „Punk Rock Cocktail“-Spätkonzertreihe, die normalerweise unten im kleinen Karatekeller stattfindet, seinerzeit jedoch ausnahmsweise ins Erdgeschoss verlagert worden war. Das fand ich damals klasse; mittlerweile aber hatte ich auch Bock, mal die intimere Atmosphäre des Karatekellers von der Bühne zu spüren. Da passte es bestens, dass uns DJ Starry Eyes zum Jahresausklang noch einmal dorthin gelockt hatte. Allein zu spielen fand ich aber irgendwie doof, vor allem angesichts des großen Angebots starker Hamburger Underground-Bands. Also bemühten wir uns um eine zweite Band, was sich für die Zeit „zwischen den Jahren“ als echte Herausforderung entpuppte. Letztlich fanden wir in 1323 aber eine Combo, die mich bereits live überzeugt hatte und ich als sympathisch in Erinnerung hatte.

Dass unser gemeinsamer Gig an diesem Abend nicht das einzige Punkrock-Konzert war, ist in Hamburg längst obligatorisch, ließ mich aber wie so oft daran zweifeln, ob die Bude voll werden würde. Nach nettem Empfang, Aufbau und unkompliziertem Soundcheck machten wir uns über die Biervorräte im komfortablen Backstage-Bereich her, gingen mit unserem Besuch aus der Schweiz dinieren und fanden uns schließlich zurück auf der Sofalandschaft im Backstage, wo meine Bandkollegen eine Worst-of-Ballermann-Playliste durchnudelten – von mir abwechselnd mit peinlich berührtem Gelächter und Gesichtspalme quittiert. Gänzlich andere Reaktionen riefen dann 1323 im ca. halbgefüllten Karatekeller hervor. Nach Ausscheiden ihres Sängers auf Triogröße geschrumpft, teilten sich vornehmlich Gitarrist Phil und Drummer Andi den Gesang und ballerten ruppigen, zwischen düster und wütend pendelnden HC-Punk raus. Anfänglich war der Sound noch sehr laut und knarzig, was sich aber bald besserte. In „Geld ist euer Gott“ und anderen deutschsprachigen Songs werden Missstände aufgegriffen und Finger in klaffende Wunden einer verlausten Gesellschaft gelegt, wie es sich für diese Mucke gehört. Da 1323 aufgrund der kurzen Spielzeitvorgabe von lediglich 30 Minuten ihre Fußballsongs gestrichen hatte, blieben Auflockerung und Spaß dabei thematisch etwas auf der Strecke. Phil, der sich die Finger blutig gespielt hatte, erzählte mir später, dass er generell konsequenter einen ernsthafteren Weg mit seiner Band einschlagen möchte. Für diesen Monat haben 1323 Albumaufnahmen für den Nachfolger ihrer EP anberaumt, man darf also gespannt sein! Mit „Staatsfeind“ von CANALTERROR hatte auch eine Coverversion ins Set gefunden, mit der man natürlich nichts falsch machen kann. Davon, dass 1323 noch der Wilhelmsburger Gig vom Vortag in den Knochen steckte, war nichts zu merken, ihre halbe Stunde zogen sie voll durch und traten gut aufs Gas.

Unsere 15-minütige Umbaupause mussten wir ein wenig ausdehnen, damit der Bühnensound stimmte. Das schien sich gelohnt zu haben, denn inkl. der Monitore – auf solch kleinen Bühnen keine Selbstverständlichkeit – war der Klang einwandfrei und alles differenziert heraushörbar. Anfänglich hatte ich noch überlegt, allein schon aus Platzgründen die Bühne zu verlassen und vor ihr herumzuturnen, doch ruckzuck war der Keller voll und wurde vor der Bühne ausgelassen getanzt. Dadurch macht so’n Auftritt gleich noch mal so viel Spaß und den dürfte man uns auch angemerkt haben. Den einen oder anderen versemmelten Einsatz überspielten wir mit gewohnt blödsinnigem Gesabbel, Christian musste erst noch überredet werden, „Dirty Streets“ zu spielen und während der Zugabe „Fame“ schlitzte ich mir der Bühnenenge geschuldet die Hand an Oles Gitarrenhals auf, was dieser nicht bemerkte und sich lediglich darüber wunderte, weshalb seine Klampfe plötzlich verstimmt war. Außerdem fiel mir während der letzten beiden Songs mehrmals das Kabel aus dem Mikro; vermutlich war ich draufgelatscht gelatscht, während ich das Mikro hochriss. Solche Pannen änderten aber nichts daran, dass der Gig wie im Rausch viel zu schnell vorüberging und mächtig Bock machte. Das Rauchverbot sorgte zudem dafür, dass mich die Kondition nicht so schnell verließ wie in manch enger Qualmbude. Während wir noch abbauten, erwiesen sich 1323 als besonders kollegial, indem sie unseren Merchstand betreuten, und im Anschluss wurde mit so einigen Bekannten, die im Laufe des Abends bzw. der Nacht hinzugestoßen waren, noch kräftig weitergefeiert. Für beste Stimmung sorgte DJ Starry Eyes, der noch viele Stunden lang eine ihm eigene und kurioserweise bestens funktionierende Mischung aus Punkrock-Klassikern und ‘80er-Pop auflegte, die den Keller zum kollektiven Tanzen brachte.

Für mich war dieser unser letzter Gig im sich seinem Ende entgegenneigenden Jahr 2018 so etwas wie eine vorgezogene Silvesterparty mit den Bandkollegen (die ausgiebig vom „Zehn Schnäpse für 7,-EUR“-Angebot Gebrauch machten), denn um den eigentlichen Jahreswechsel zu feiern verschlug es mich diesmal nach Berlin. Danke ans Molotow-Team, an 1323 und DJ Starry Eyes sowie die feierwütige Meute! Die Schnappschüsse unseres Gigs stammen von Flo und sind gezeichnet von schwierigen Lichtverhältnissen. Only live is real!

Ronald M. Schernikau – Dann hätten wir noch eine Chance. Briefwechsel mit Peter Hacks; Texte aus dem Nachlaß

„Als im Sommer 1989 Brüder und Schwestern die DDR verließen, kam ihnen einer entgegen. Der Dichter Ronald M. Schernikau emigrierte aus Westberlin und wurde DDR-Bürger“, heißt im Paratext zu diesem rund 120-seitigen broschierten Band, der 1992 als die Nummer 1 der „konkret texte“-Reihe im Hamburger Konkret-Verlag veröffentlicht wurde.

Ronald M. Schernikau war ein deutscher, offen homosexuell lebender Schriftsteller und Kommunist, der sechs Jahre nach seiner Geburt mit seiner Mutter aus der DDR nach Niedersachsen übergesiedelt war – und einer der wenigen Menschen, die freiwillig in sie zurückkehrten. Zuvor war er bereits sechszehnjährig der DKP beigetreten, hatte 1980 sein Buch „Kleinstadtnovelle“ über ein schwules Coming-out in einer Kleinstadt veröffentlicht, war nach West-Berlin umgezogen und dem dortigen SED-Ableger, der SEW, beigetreten und hatte durchgesetzt, als West-Berliner am Leipziger Institut für Literatur studieren zu dürfen – eine Zeit, in der sein Buch „Die Tage in L.“ entstand. 1988 trat er sogar – immer noch als Westdeutscher, wohlgemerkt – der SED bei, wofür er eine Bürgschaft benötigt hatte. Diese hatte er von Peter Hacks bekommen, einer weiteren nicht ganz gewöhnlichen Personalie: DDR-Bürger Hacks war Begründer der sozialistischen Klassik und ein auch in der BRD geachteter Dramatiker und Schriftsteller, zudem ein Anhänger Walter Ulbrichts und Gegner der von vielen als reformistisch und offener empfundenen Politik Erich Honeckers – und Befürworter der Aussiedlung Wolf Biermanns. Mit eben jenem Hacks führte Schernikau einen Briefwechsel, der im Prinzip 1984 begann und sich Ende der 1980er intensivierte, als Schernikau mit Hacks u.a. diskutierte, ob er in die DDR übersiedeln solle. Er zieht sich bis kurz vor Schernikaus Tod im Jahre 1991.

Nach einem elfseitigen Nachruf Rainer Bohns auf Schernikau folgt der rund 30-seitige Briefwechsel, bestehend aus kurzen wie längeren Schreiben und erweitert um erläuternde Fußnoten. Diese privaten Briefe ehemaliger Zeitgenossen zu lesen hat natürlich etwas Voyeuristisches. Schernikaus Biographie hatte mich neugierig gemacht, wobei das so nicht ganz stimmt: Mein Interesse hatte der Umstand geweckt, dass überhaupt jemand Ende der 1980er freiwillig in die DDR emigrierte. Im Zuge der Lektüre dieses Buchs und weiterer Recherche ergab sich ein etwaiges Bild, wer Schernikau war. Die Briefe liefern fragmentarische Gedanken zur Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven, einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs, auf den jedoch kaum eingegangen wird, und einen Eindruck vom Selbstverständnis beider Männer, die betont höflich und ehrfurchtsvoll miteinander umgehen. Mitunter erscheint Schernikau beinahe etwas unterwürfig, aber auch fordernd. Manchmal wird es etwas schwülstig („Ausgezeichneter Schernikau, …“), dann wieder humorvoll. Und wer glaubt, das Austauschen unbestimmter Artikel gegen die Ziffer „1“ gehe auf den Rapper „Money Boy“ zurück, sieht sich hier eines Besseren belehrt: Zeitweise schreiben Schernikau und Hacks (!) bereits genauso. Schernikaus Krankheit hingegen wird nie thematisiert.

Den Löwenanteil des Buchs allerdings macht dann ganz etwas anderes aus: Ein 72-seitiger Auszug aus Teil VI des posthum veröffentlichten Schernikau-Romans „Legende“, an dem er acht Jahre lang gearbeitet hatte. Weshalb einen Auszug aus der Mitte eines Romans, welchen Sinn soll das ergeben? Nun, „Legende“ verfügt zwar über wiederkehrende Figuren, ein roter Faden lässt sich jedoch nur schwer ausmachen. Vielmehr mutet es wie eine lose Gedankensammlung an, streng durchnummeriert und doch höchst frei und spontan. Großbuchstaben existieren für Schernikau nicht, Regeln der Interpunktion werden ignoriert. Schernikau lässt seinem Humor freien Lauf, vergleicht Politik mit Kunst und stellt krude Thesen auf, meist so, als habe er seine Gedankenblitze und Handlungsfragmente chronologisch niedergeschrieben. „Legende“ scheint in einer abstrahierten Realität angesiedelt zu sein, in der die Widersprüchlichkeit, die auch Schernikau verkörperte, allgegenwärtige Normalität ist. Einmal an den Stil gewöhnt, liest sich dieser Passus gut und schnell. Inwieweit man mit ihm wirklich etwas anzufangen weiß, im Jahre 2019 und nur grob eingeordnet, gerade erst mit Schernikau in Briefform Bekanntschaft gemacht habend, sei indes dahingestellt.

Wie sich Schernikau als scharfer Beobachter einer- und kindlich begeisterungsfähiger, naiv anmutender Grenzgänger andererseits in Dualismus und Dialektik beider deutscher Staaten stürzte und sich letztlich für die DDR entschied, wirkt inspirierend und motiviert, auch ungewöhnlich Wege zu gehen, wenn das Ziel die Selbstverwirklichung ist. Es macht Lust auf „Die Tage in L.“ und mit zwei Menschen bekannt, die politische Positionen vertreten, die es heute gar nicht mehr zu geben scheint. Wer wissen möchte, weshalb ein „bunter Vogel“ wie Schernikau nun wirklich in die DDR  ging, wird seine Fragen hier möglicherweise nicht befriedigend beantwortet bekommen und an anderer Stelle weiterlesen müssen.

Ronald M. Schernikau starb 1991 an Aids. Ein trauriges Zeitdokument ist dann auch die letzte Buchseite, auf der um zahlreiche Denker, Künstler und Autoren getrauert wird, die homosexuell waren und an den Folgen der Immunschwächekrankheit starben. Wer weiß, was ein Nonkonformist wie Schernikau uns heute zu sagen hätte?

22.12.2018, Sporthalle, Hamburg: HELLOWEEN – PUMPKINS UNITED

„People tell me a and b, they tell me how I have to see things that I have seen already clear. So they push me then from side to side, they’re pushing me from black to white, they’re pushing ‚til there’s nothing more to hear. But don’t push me to the maximum, shut your mouth and take it home ‚cause I decide the way things gonna be!“ („I Want Out“)

An diesem Abend war es, als fielen Halloween und Weihnachten auf einen Tag: HELLOWEEN, Hamburgs Aushängeschild in Sachen Speed- und Power Metal, luden mit dem letzten Termin ihrer vierzehnmonatigen „Pumpkins United“-Welttournee zum Heimspiel in die Sporthalle. Zu „I Want Out“-Zeiten (also 1988) hatte ich die Band kennen und lieben gelernt, die danach leider von Management-Querelen und Besetzungswechseln zerrieben wurde. Mit den letzten Alben mit Goldkehlchen Michael Kiske konnte ich schon nichts mehr anfangen und nachdem der ehemalige PINK-CREAM-69-Sänger Andi Deris nach Kiskes Abgang zur Band gestoßen war, hatte ich längst das Interesse an der Band verloren. Nun hatte man sich jedoch endlich ein Herz gefasst, alte Streitereien beigelegt und sich für eine vornehmlich aus den alten Hits bestehende Welttournee wieder mit den ehemaligen Kürbisköpfen Kiske und Kai Hansen verstärkt, sodass man sich nun zu siebt die Bühnen teilte. Da dies in der Vergangenheit stets vehement abgelehnt worden war, kam diese Form der Reunion einer Sensation gleich. Dafür legte ich auch gern meine Abneigung gegen große Hallen ab und sicherte mir und meiner besseren Hälfte rechtzeitig die natürlich leider nicht ganz günstigen Tickets. Ein befreundetes Pärchen aus Hannover stieß an diesem Vorweihnachtssamstag hinzu, mit dem wir nach ein, zwei Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt den Weg nach Alsterdorf antraten.

Das erste Bierchen gab’s noch vom Kiosk, da im Halleninneren mit gepfefferten Preisen zu rechnen war: 0,5 Liter Holstenplörre für satte 5 Teuro. An der Halle angekommen die erste negative Überraschung an diesem regnerischen Abend: Regenschirme mussten abgegeben werden, sie zählten offenbar als „gefährliche Gegenstände“. Hömma, so was könnt ihr in Hamburg nicht machen! Ansonsten gestaltete sich der Einlass in die rappelvolle Bude recht flott und unkompliziert, und bald standen wir zusammen mit weiteren Bekannten irgendwo im vorderen Hallendrittel am rechten Rand. Die untersten Tribünenreihen waren abgesperrt und reserviert, für wen oder was auch immer (evtl. spezielle Plätze für Gehbehinderte?). Um den gefühlt Hunderttausend Zuschauern über die Köpfe gucken zu können, nahmen für nach und nach diesen Bereich für uns ein, irgendwann sogar mit Erlaubnis des Sicherheitsdiensts. ROBBIE WILLIAMS‘ „Let Me Entertain You“ als Intromusik aus der Konserve war dann erst mal so richtig schön unpassend; keine Ahnung, was man sich dabei gedacht hatte. Als die Kürbisse dann aber die prächtige Bühne betraten und direkt das dreizehnminütige „Halloween“ in voller Länge darboten, war ich schon hin und weg. Wie auch beim nachfolgenden Single-Hit „Dr. Stein“ teilten Kiske und Deris sich den Gesang auf, was nicht störend ins Gewicht fiel. Zwischen den Songs liefen auf den Videos verschiedene kurze Cartoons, die mal mehr, mal weniger mit den Songs zu tun hatten und über die die Meinungen wohl geteilt waren. Ich fand’s klasse, denn gerade dieses Selbstironische und Comichafte wusste ich an den HELLOWEEN der „Keeper of the Seven Keys“-Ära immer sehr zu schätzen. Das grandiose „I’m Alive“ vom ersten „Keeper“-Album wurde dann von Kiske allein gesungen und, verdammt, Michi hat’s immer noch voll drauf, trifft die höchsten Töne und lässt sich keinerlei Ermüdungserscheinungen anmerken! Danach allerdings durfte er zwei Songs lang innehalten, denn Deris interpretierte nun zwei eigene Songs, die Ballade „If I Could Fly“ und das kitschige „Are You Metal?“ – Zeit zum Bierholen.

Bei „March Of Time“ vom zweiten „Keeper“-Dreher konnte Kiske dann endgültig sein Talent unter Beweis stellen – welch ein Song, welch eine Gesangsleistung! Wie auch schon zuvor sang ich frenetisch im Falsett bzw. dem, was meine Stimmbänder daraus machen, mit, ohne Rücksicht auf Verluste – sorry an alle Umstehenden an dieser Stelle… Für den Deris-Song „Perfect Gentleman“ gesellte sich Kiske dazu, im Duett und in dieser Liveversion und -atmosphäre klang das Ding richtig gut! Wie überhaupt die Akustik überraschend wohltönend für so’ne Riesenhalle war. Der Gesang kam ebenso gut durch wie die Rhythmusfraktion und alle drei (!) Gitarren. Das hatte ich so nicht unbedingt erwartet, obwohl es in dieser Liga eigentlich zum Standard gehören sollte. Generell gab’s die komplette audiovisuelle Vollbedienung, denn auch während der Songs wurden Videos abgespielt, Animationen und Filmausschnitte gezeigt, zeitweise Textzeilen eingeblendet… Bei mehr als einer halben Fußballmannschaft auf der Bühne weiß man da manchmal gar nicht, wo man hingucken soll, sodass ich das Fotografieren auch recht bald weitestgehend aufgab – meine Smartphone-Kamera kann diese Liveeindrücke unmöglich festhalten, kein Foto kann sie adäquat widerspiegeln.

Nun schlug die Stunde des mit zunehmendem Alter immer androgyner werdenden Kai Hansens (ausgestattet mit seiner originalen pinken Klampfe aus den ‘80ern und in Kajal getaucht), der vor Beginn der Kiske-Ära auf der selbstbetitelten Mini-LP und dem Debüt-Album in Ermangelung eines Sängers zu seinem Gitarrenspiel gesungen hatte – immer ein kleines bisschen schief, dafür charismatisch, einzigartig und längst kultgeworden. Er servierte ein heftiges Medley-Brett aus „Starlight“, „Ride The Sky“ und „Judas“, ergänzt um die kongeniale Jahrhunderthymne „Heavy Metal (Is The Law)“ in voller Länge. Alter! Deris und Kiske kontrastierten den Krawall im Anschluss mit der gemeinsam gesungenen, erhabenen Ballade „A Tale That Wasn’t Right“, die ich grundsätzlich schätze, hier aber vielleicht etwas zu viel Saft rausnahm. Das von allen Drei gesungene neue Stück „Pumpkins United“ führte dann zurück auf den Pfad der Macht. Danach hatte man sich etwas besonders Schönes einfallen lassen: Drummer Dani begann ein Schlagzeugsolo, zu dem nach einiger Zeit einer meiner alten Helden, der infolge eines Suizids viel zu früh von uns gegangenen erste HELLOWEEN-Drummer Ingo Schwichtenberg, in Bild und Ton eingespielt wurde – mit einem seiner alten Drumsolos, das nun zum Duett (oder „Battle“ oder wie auch immer man es nennen will) mit Danis Solo wurde. Eine wunderbare Geste, die entsprechend vom Publikum honoriert wurde – Ingo Schwichtenberg bleibt unvergessen!

Weiter ging’s mit der Kiske-Ära, dem schön groovenden Singalong „Livin‘ Ain’t No Crime“ und dem herrlichen relaxten „A Little Time“. Für „Waiting for the Thunder“, „Sole Survivor“ und „Power“ musste Deris gleich dreimal ran. Für mich waren das quasi komplett neue Songs, die ich nie zuvor gehört hatte, im Gegensatz zu „How Many Tears“ von „Walls of Jericho“, gesungen von Kiske, Deris und Hansen. Der ausgiebige Zugabenblock wurde von Kiskes „Eagle Fly Free“ eingeleitet, gefolgt vom nach „Halloween“ zweiten Band-Epos, „Keeper of the Seven Keys“. Nach einem Gitarrensolo Hansens bildeten „Future World“ und mein immerwährender Favorit „I Want Out“ den Kürbis auf dem Sahnehäubchen, wobei von letzterem durch Konfettiregen und riesigen Kürbisballons abgelenkt wurde – aber dies sei ihnen gegönnt.

Ja leck mich fett, dieses „Pumpkins United“-Ding hat alles in allem astrein funktioniert, zweieinhalb Stunden lang standen die Kürbisköpfe auf der Bühne und haben erstklassiges Metal-Entertainment mit viel Liebe zum Detail, gegenseitigem Respekt und dem richtigen Gespür fürs eigene Werk geliefert, sodass ich hochzufrieden und mit breitem Grinsen den Saal verließ. Das war für mich das dritte Metal-Großereignis im Dezember und vorerst das letzte, fürs allerletzte Livekonzert 2018 musste ich selbst noch mal ran – dazu später mehr.

„Look into my eyes, so many things are waiting to be done. You just need a friend, together we will sing along. I’m alive, I’m alive, I’m alive…” („I’m Alive“)

P.S.: Richtig geile Fotos gibt’s unter https://www.facebook.com/pg/arashtaheriphoto/photos/?tab=album&album_id=1935547179876448.

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