Gnnis Reviews

Month: August 2019

Friedrich W. Stöcker – Das Jahr mit den Igeln

Stachelig, oft voller Flöhe, aber trotzdem total niedlich – das ist nicht etwa eine Beschreibung des Verfassers dieser Zeilen, sondern der Hauptattraktion dieses rund 30-seitigen Büchleins aus dem Leipziger Rudolf Arnold Verlag, das 1975 erschien und sich an Kinder ab sieben Jahren richtet: des Igels.

Zwischen großflächigen, von Karl Quarch angefertigten Naturfotos wird die Geschichte der Geschwister Bärbel und Jochen erzählt, die häufig ihren Großvater in seinem großen Garten besuchen und Freude an der Natur haben. Eines Tages entdecken sie dort die Spuren kleiner Tiere, die sich später als Igelspuren herausstellen. Über einen längeren Zeitraum beobachten die Kinder zusammen mit ihrem Opa die possierlichen Gesellen und lernen dabei eine ganze Menge über sie – und somit auch die Leserinnen und Leser dieses Buchs, denn mal ganz direkt, mal eher beiläufig werden immer wieder Informationen eingestreut, die auch dem jungen Publikum begreiflich machen, was Igel wann und warum zu tun pflegen und wie wir Menschen dazu beitragen können, dass es ihnen gutgeht. Stöckers Text ist bestens zum Vorlesen geeignet und Quarchs Bilder von Flora, Fauna und natürlich insbesondere Igeln bieten eine perfekte Illustration. Zudem ist „Das Jahr mit den Igeln“ im Subtext ein Plädoyer für naturbelassene Gärten, in denen es so viel mehr zu entdecken gibt als in sterilen monokulturellen Rasenflächen.

Wer Freude an kindgerechter Wissens- und Tierliebevermittlung oder generell eine Schwäche für die Stacheltiere hat, die in Buxtehude einst sogar Wettrennen gegen Hasen gewannen, greift also wie ich zu, wenn ein Exemplar dieses zwischen zwei feste Deckel gebundenen Buchs bei Entrümpelungen, auf dem Flohmarkt oder in einer Tauschkiste auftaucht.

Walter Murch – Filmmontage alias Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage

ISBN: 978-3-89581-109-8

„Das Paradoxon des Kinos ist, dass es am effektivsten funktioniert, wenn es ihm scheinbar gelingt, zwei unvereinbare Elemente – das Allgemeine und das Persönliche – zu einer Art Massenintimität zu verschmelzen. Die Arbeit selbst, die auf ein Millionenpublikum zielt, ändert sich nicht, und doch scheint ein Film, wenn er funktioniert, jeden einzelnen Zuschauer […] mit großer Kraft auf ganz persönliche Weise anzusprechen.“

Der US-Amerikaner Walter Murch ist ein hochdekorierter Film-Cutter, der den Schnitt von Filmen wie „Apocalypse Now“, „Der Dialog“, „Der Pate – Teil III“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Cold Mountain“ vorgenommen hat. Für seine Arbeit an „Der englische Patient“ erhielt er die Oscars für den besten Schnitt und die beste Tonmischung. Dieser ursprünglich im Jahre 2004 im Alexander Verlag Berlin veröffentlichte, rund 150 Seiten umfassende broschierte Essay-Band unterteilt sich in zwei Abschnitte: Die bearbeitete Transkription eines Filmschnittvortrags, den Murch 1988 in Australien hielt, und einen 2001 neu verfassten Text, der sich mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Filmschnitt auseinandersetzt. Vorangestellt ist ein Vorwort des Regisseurs der „Der Pate“-Reihe Francis Ford Coppola. Anmerkungen, ein Filmtitel- und Personenregister sowie biographische Notizen zum Autor ergänzen den Band. Mir liegt Ulrich von Bergs deutsche Übersetzung in der vierten Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Tiefgründig und kurzweilig zugleich philosophiert Murch über den Filmschnitt, gewährt Einblicke in Techniken und seine persönliche Herangehensweise und stellt die Bedeutung dieses mitentscheidenden Schritts der Postproduktion heraus. Um die Aufgaben eines Cutters zu veranschaulichen, verwendet er viele Metaphern, abstrakte Vergleiche und sprachliche Bilder. Murch legt Prioritäten für den Filmschnitt fest, stellt verschiedene analoge Schnitttechniken und ihre Funktionsweisen vor und vergleicht schließlich titelgebend den Schnitt mit Träumen und Lidschlägen („Blinzeln“). Das alles sensibilisiert für die Bedeutung des Filmschnitts und liest sich sehr flüssig und angenehm, wenngleich der technische Aspekt in der heutigen Zeit des Digitalschnitts natürlich an Bedeutung verloren und daher eher historischen Charakter hat.

Der zweite Teil entstand zu einem spannenden Zeitpunkt: der Übergangsphase von der analogen zur digitalen Technik, in der Mischformen wie digital geschnittene, aber auf analogem 35-mm-Material in die Kinos gegebene Filme den Markt beherrschten. Jenen Analogfilmrollen prophezeit Murch dann in weiser Voraussicht auch ihr baldiges Ende, das mittlerweile weitestgehend eingetroffen ist – die meisten Kinos haben komplett auf digitale Projektion umgestellt. Analoge Filmvorführen besetzen lediglich eine Nische für Kenner und Liebhaber in Filmmuseen, bestimmten Kommunalkinos o.ä.

Der Autor zeigt mathematisch die unzähligen Schnittmöglichkeiten auf, erläutert die einzelnen Vorzüge des Digitalschnitts und beschreibt seine eigenen Erfahrungen mit früher digitaler Montagetechnik. Im Prinzip zeichnet er die Entwicklung des digitalen Filmschnitts nach und benennt dessen Kinderkrankheiten bis zum Durchbruch Mitte der 1990er, als ein Film in seiner vollständigen Kapazität und Qualität digital speicher- und bearbeitbar wurde. Daraus resultiert schließlich Murchs dramatische persönliche Geschichte des „Der englische Patient“-Schnitts, den er nach analogem Beginn digital durchführte und der als erster digital geschnittener Film einen Schnitt-Oscar gewann. Im Anschluss warnt er vor digitalen Fallstricken, resultierend aus der veränderten, vermeintlich einfacheren Arbeitsweise.

Murch sagte die weitere, mittlerweile Realität gewordene Entwicklung der kompletten Digitalisierung des Kinos voraus, inkl. der Bildmanipulationen und Integration von Spezialeffekten in der Postproduktion, die heutzutage Usus sind (lediglich im behaupteten Tod der Vinyl-LP irrte er). Gegen Ende wagt er sogar die differenzierte Beantwortung der Frage, inwieweit diese Entwicklung gut oder schlecht fürs Kino ist. Natürlich ist all das im zeitlichen Kontext zu betrachten, was es sowohl für Cineast(inn)en als auch – vermutlich – für Filmemacher(innen) nicht minder interessant macht. Ein paar wenige Fotos und ein einzelne Tabelle sollen zu veranschaulichen helfen, sind jedoch etwas dünn – gerade etwas mehr Bildmaterial hätte es schon sein dürfen. Auch dass eine 2014 erschienene Auflage noch die alte deutsche Rechtschreibung („daß“ statt „dass“ etc.) verwendet, irritiert. Dem Lektorat ist auch ein bisschen was durchgerutscht. Das mindert den Genuss der weisen Worte eines echten Schnitt-Gurus jedoch nur marginal. Ich freue mich auf die Fortsetzung „Filmdienstage“!

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