Gnnis Reviews

Month: September 2019

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 1: 1950 – 1952

„Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten und ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Ich glaube, man kann lustig und gleichzeitig unschuldig sein, und trotzdem muss es nicht zwangsweise zuckersüß oder dumm sein.“ – Charles M. Schulz

Ich war seit jeher von den Peanuts und der mit ihnen allem Humor zum Trotz einhergehenden, eigenartigen Melancholie fasziniert. Der US-amerikanische Zeichner Charles M. Schulz erfand sie einst und brachte sie erstmals 1950 als schwarzweißen Comic-Strip in Tageszeitungen unter. Der Hamburger Carlsen-Verlag begann im November 2006 mit der Mammutaufgabe, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte Werkausgabe zu veröffentlichen, die bis zum März 2019 auf 26 Bände angewachsen ist. Der rund 350 Seiten starke erste Hardcover-Band im Querformat (21,5 x 17,0 cm) mit Schutzumschlag umfasst die ersten drei Jahre der Peanuts von 1950 bis 1952 und präsentiert pro Seite drei der meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die später hinzugekommenen Sonntagsseiten, die jeweils eine ganze Buchseite einnehmen. Die Einführung des Humoristen und Dichters Robert Gernhardt umfasst vier Seiten; im Anschluss an die Comics folgen der 14-seitige Essay des Schulz-Biographen David Michaelis „Charles M. Schulz: Sein Leben und Werk“ sowie ein ausführliches, ursprünglich 1987 im Comic-Fachblatt „NEMO: The Classic Comics Library“ veröffentlichtes Interviews Rick Marschalls und Gary Groth’ mit Schulz, das sich über satte 34 Seiten erstreckt, bevor ein Index das auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch abrundet.

Das Besondere an den Peanuts ist in erster Linie, dass sie anhand einer (nach und nach wachsenden) Gruppe Kinder nicht nur die Kinder-, sondern auch die Erwachsenenwelt karikiert, ohne jemals Erwachsene zu zeigen. Die Zielgruppe waren schließlich auch Erwachsene, für Kinder waren sie nie gedacht. Daraus ist ein Konzept entstanden, das aus Kindern sehr individuelle, für einen Comic ungewöhnlich starke Charaktere macht, deren Eigenheiten im Vordergrund stehen – allen voran natürlich der anfänglich noch nicht einmal eingeschulte, aber bereits so oft melancholische, sorgenvoll trübsinnige Charlie Brown, der von Minderwertigkeitsgefühlen und einem permanenten Gefühl der Verunsicherung geplagt wird. Bereits im ersten Strip wird er namentlich genannt, im 29. Strip legt man ihm in die Sprechblase, vier Jahre alt zu sein. Erst nach und nach erfährt man die Namen der anderen Kinder: Patty (nicht zu verwechseln mit Peppermint Patty), die zwischen Charlie und einem anderen, anfänglich namenlosen, im Dezember 1950 Shermy getauften Jungen hin und her gerissen ist. Im Februar 1951 gesellt sich mit dem Mädchen Violet ein weiteres Kind hinzu, diesem macht Charlie Avancen. Charlie kann aber auch sehr frech sein, insbesondere wenn er auf Pattys Annäherungsversuche hin sich einen Spaß daraus macht, die passionierte Sandkuchenbäckerin zu verärgern. Snoopy läuft noch auf allen Vieren und muss ohne seinen gefiederten Freund Woodstock auskommen, zudem scheint er in der Größe noch zu variieren. Im September 1951 ist erstmals seine Hundehütte zu sehen. Es irritiert, dass man ihm ständig Süßigkeiten zu futtern gibt und es dauert bis zum Mai 1952, bis er seine erste Denkblase mit ausformulierten Sätzen bekommt.

Die Evolution der Figuren nachzuvollziehen, ist ein Riesenspaß, zumal sie hier noch altern: Als das spätere Klavier-Ass Schroeder im Mai 1951 eingeführt wird, ist er noch ein Baby, sein geliebtes Musikinstrument bekommt er erst im September. Lucy stößt im März 1952 dazu und ist noch ein Kleinkind mit großen Kulleraugen. Seit dem Herbst 1951 besucht Charlie Brown die Schule. Im Juni 1952 hat Schroeder bereits seinen eigenen Plattenspieler und spricht, auch Lucy ist nun kein Kleinkind mehr. Ein interessanter stilistischer Ausreißer ist im Herbst 1952 zu beobachten, als Schroeder sich bewusst zu sein scheint, eine Figur in einem Comicstrip zu sein. Im Juli 1952 erwähnt Lucy erstmals, einen kleinen Bruder zu haben, doch es dauert bis zum September 1952, bis er auch zu sehen ist und schließlich namentlich genannt wird: Die Rede ist natürlich von Linus. Im Januar 1952 kamen die Sonntagsseiten hinzu, die Schulz einmal pro Woche mehr Platz einräumten. Bereits im Laufe dieser allerersten Jahre wurden die Strips immer detailreicher, insbesondere ihre Hintergründe. Auf einer Sonntagsseite im Oktober 1952 kommt Snoopy seinem späteren Charakter bereits sehr nahe; der Running Gag um Lucy, Charlie und den Football wird auf einer Sonntagsseite aus dem November 1952 etabliert. Ansonsten wird viel Baseball, aber auch überraschend häufig Golf gespielt. Leider ist Shermy im Laufe der Zeit sang- und klanglos so gut wie verschwunden.

Der einfache Strich Schulz’ verfügte bereits von Beginn an über seinen Charme und die Gags sind überraschend gut gealtert. So sehr Schulz sich darüber ärgerte, dass seine Auftraggeber von der Zeitung den Namen „Peanuts“ durchgesetzt hatten, so erfolgreich wurde er mit ihnen: Schulz gilt als erfolgreichster einzelner Comickünstler überhaupt. Tatsächlich hat er bis zuletzt so gut wie allein gearbeitet und damit – dem Namen zum Trotz – stets seine eigene Vision durchgesetzt. Der ausführliche Anhang dieses Buchs verdeutlicht, wie sehr Charlie Brown das Alter Ego Schulz’ war. Schulz war offenbar ein sehr bescheidener Mann, der einen wachen Blick auf die Welt und das gesellschaftliche Zusammenleben hatte. Sein Charakterzug, nicht selbstsicher laut loszupoltern, sondern stets skeptisch und zweifelnd zu bleiben und, an das Gute im Menschen glaubend, niemandem wehtun zu wollen, hatte starken Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung seiner Strips und dürfte entscheidend zu seinem speziellen Stil beigetragen haben. David Michaelis grast prägende biografische Stationen des Zeichners ab, was hilft, dessen Lebenseinstellung nachzuvollziehen.

Menschliche Gefühle, Verhaltensweisen und Macken abstrakt humoristisch und nachdenklich zugleich anhand einer Gruppe Kinder (und eines Hunds) darzustellen und zu abstrahieren, war Schulz’ große Kunst. Diese dank dieser Werkausgabe von Beginn nachverfolgen zu können, ist spannende comicarchäologische Aufarbeitung und großes Vergnügen zugleich. Die Bände 2 und 3 liegen schon bereit!

31.08.2019, SZ Norderstedt: SZ-Sommerfest

Am letzten August-Wochenende veranstaltete das selbstverwaltete SZ Norderstedt sein zweitägiges Sommer-Open-Air. Freitag habe ich es zu Bands wie ABSTURTZ oder CONTRAREAL nicht geschafft; der Samstag aber war ein willkommener Anlass, nach längerer u.a. urlaubsbedingter Abstinenz mal wieder vom Live-Exzess-Kuchen zu naschen. Fast schon peinlich pünktlich war ich mit dem Bus angereist und konnte vor Ort noch Zeit totschlagen („in Ruhe ankommen“), zumal der Opener UNFINISHED BUSINESS krankheitsbedingt ausgefallen war. Die Aufgabe, den Festivaltag zu eröffnen, wurde nun also dem Trio CASE 39 zuteil. Die seit 2016 existenten Schleswiger zockten eine englischsprachige Punk’n’Roll-Variation unter erhöhtem Einsatz des Wah-Wah-Pedals und mit schön asozial kehligem Gesang. In Sachen Geschwindigkeit legten sie auch gut einen vor und bekamen zudem einen fetten Sound vom Mischer. Die Coverversion „Dancing With Myself“ stand an dritter Position, später folgte eine coole Version des RAMONES-Klassikers “I Just Wanna Have Something To Do”. Eine Südstaaten-Boogie-Nummer handelte von einem toten KKK-Mann im Kofferraum und mir dann doch etwas zu entspannt war das „Summertime“-Stück. Viel besser lief mir der Song über die Flüchtlingsmisere im Mittelmeer rein und mit „It’s Getting Dark“ zog man noch etwas von THE BATES aus dem Cover-Koffer. Guter Einstand!

Sehr wuchtig trieben’s anschließend die 2017 gegründeten CHOPSTICK KILLER aus Hamburg: Moderner englischsprachiger Hardcore (die Band bezeichnet ihren Stil als Melodic Post-Hardcore) mit sehr ausdrucksstarker Shouterin, die in ihrem derben Geschrei bisweilen von einem Zweitshouter unterstützt wurde. Technisch ziemlich präzise, dennoch leidenschaftlich vorgetragen, auf der Bühne und auf der Rasenfläche, auf die es die Mitglieder bisweilen zog. Um etwas Bewegung vor der Bühne zu provozieren, verloste man ein T-Shirt an denjenigen, der sich am meisten bewegt. Das Leibchen wechselte den Besitzer, so richtig kam das Publikum dennoch nicht aus sich heraus – beobachtete die Band aber durchaus fasziniert. Musikalisch nicht ganz meine Baustelle, aber eine beeindruckende Performance!

Voll mein Ding hingegen waren natürlich CRASS DEFECTED CHARACTER. Während der ersten ein, zwei Songs musste der Bass noch eingepegelt werden, ansonsten wurde auch hier druckvoll losgeschrotet. Die Mischung aus wüstem und gezügelterem HC-Punk mit überwiegend deutschsprachigen Texten profitierte zudem von der klaren Verständlichkeit letzterer. Die Band hat etwas zu sagen und hat dies in gute, durchdachte Texte verpackt, von deren Qualitäten man sich also vor der Bühne überzeugen konnte. Den stärksten Eindruck machte an diesem Abend „Wollt ihr?“, bei dem ich tatsächlich Gänsehaut bekam. Mit einem gewissen Nachdruck wurde schließlich auch eine Zugabe eingefordert, um genau zu sein: der Song „CDC“ vom Demo, der dann ungeprobt zum Besten gegeben wurde. Sehr geiler Gig!

Ähnlich, aber doch ganz anders sind EAT THE BITCH, deren Alleinstellungsmerkmale Tims Krach für zwei machende Klampfe sowie Jonas Gesang und Texte sind. Zu einem splitternden HC-Punk-Brett gesellen sich dezente Melodien und Chöre, denn die Band beherrscht nicht nur das Hauruck-Verfahren. Immer wieder sehens- und hörenswert, so natürlich auch an diesem Abend, wenngleich noch immer nicht so recht Bewegung ins tiefenentspannte Publikum kommen wollte. Mit zwei, drei anderen sprang ich ein bisschen herum und freute mich über die Songs mit ihrer desillusioniert urbanen Sicht aufs Weltgeschehen und die persönliche Rolle darin. Ach, und Neubasser Bommy war bei Weitem nicht mehr so aufgeregt wie vor seiner Feuertaufe im März – und hatte die Haare schön!

Zeit für Entspannung: ARRESTED DENIAL kombinierten den Texteversteh-Faktor von CDC mit einer lässig rockenden Variante des Streetpunks/-rocks, der bei Geniestreichen wie „Nationalisten aller Länder“ den lyrischen Inhalten ausgiebig Raum zur Entfaltung bietet. Leider streikte Timos Bass anfänglich, bis sich nach Kabeltausch etc. der Amp als Ursache herausstellte und ausgetauscht wurde. „Und es war Sommer…“ rief irgendjemand während dieser Phase. Daraufhin ging’s unterbrechungsfrei weiter, lässige, aber auch mal flottere Songs, gute Texte, sympathisches Auftreten, unterstützenswerte Band, erschreckend unprätentiös, schlau und klischeefrei. Kennt eh jeder, brauche ich nicht lange zu schwadronieren. Nicht unbedingt gerechnet hatte ich mit dem TOCOTRONIC-Cover „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ inkl. spontanem Gastsänger. Den Song hatte ich wahrscheinlich zuletzt 1997 gehört, als ich für mich beschloss, mit TOCOTRONIC nichts anfangen zu können. Dennoch ein durchaus willkommenes Wiederhören… Apropos Cover: Als Zugabe verlangte ich natürlich lautstark nach der schwedischen Crust-Legende ROXETTE und bekam schließlich das ersehnte „Sleeping in my Car“/ „Dressed for Success“-Medley.

Mit dem wütenden deutschsprachigen Hardcore der Eisenacher GLOOMSTER mit zwei Shoutern und Metal-Klampfe stieg das musikalische Aggressionslevel deutlich, allerdings war ich mittlerweile auch ziemlich angetrunken und pausierte erst mal ‘ne Runde. Den Gig nahm ich daher eher als Hintergrundbeschallung wahr. Mein Pausieren bezog sich allerdings nicht aufs Trinken, sodass ich völlig besoffen war, als der BRUTALE-GRUPPE-5000-Gig vermutlich wegen Lärmauflagen ins Ladeninnere verlegt wurde. In Erwartung des heftigen, paranoiden Laserpunks war mir nach Tanzen zumute, dem ich dann auch nachging. Auch ein paar andere hatte der Bewegungsdrang gepackt. Ich moshte und pogte mir die letzten Energiereserven raus, bis mich nach Ende der Veranstaltung Holli Abschaum freundlicherweise im Auto zurück nach Hamburg nahm (danke noch mal). Alles in allem ‘ne klasse Veranstaltung mit leckerer Verpflegung (frische ungarische Langos), günstigem Bier und einwandfreien Bands, für die ich allerdings mitunter mehr Publikumszuspruch und -reaktionen erwartet hatte – verdient hätten sie’s gehabt. So ist das bei Sommerfestivals auf der grünen Wiese aber nun mal: Man neigt zur Tiefenentspannung und statt Durch- ist Tütedrehen angesagt. Ich habe übrigens zufällig genau 77 Fotos geschossen! (Jaja, inkl. Ausschuss…)

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