Gnnis Reviews

Month: Oktober 2019

19.10.2019, Bambi Galore, Hamburg: F.K.Ü. + SPACE CHASER + FIRST AID

Thrash-Sause im Bambi, und das auch noch auf ‘nem Samstag, also Erkältung ignoriert und sämtliche Bedenken in Bezug auf den tags zuvor frisch tätowierten Fußrücken über Bord geworfen und nix wie hin! Man hatte gut daran getan, sich Karten im Vorverkauf zu sichern, denn im Laufe des Abends musste die Abendkasse tatsächlich „Ausverkauft!“ vermelden. Ähnlich sah es kurioserweise offenbar im angrenzen Kulturpalast aus, in dem irgendeine Rockband, die eigentlich niemandem geläufig ist (jemals von TAKIDA gehört?), bereits im Vorverkauf 750 Tickets abgesetzt hatte. Scheint sich um den jüngsten Hype der Musikindustrie zu handeln. Gänzlich ungehypt sind FIRST AID, jene seit Ende des vergangenen Jahrtausends aktiven Berliner Thrasher, die kurzfristig ins Aufgebot gerutscht waren und pünktlich den Abend vor beachtlicher Zuschauerzahl eröffneten. Geboten wurde, um diesen Begriff einmal auf dieses Subgenre auszudehnen, flotter Kumpel-Thrash mit zwei Klampfen, der nicht nur aufgrund des T-Shirts des Bassmanns an alte TANKARD erinnerte: Punkiger Touch, paar Sauflieder dazwischen, an der Flasche hängender Sänger. Dieser hatte anfänglich Probleme, sich stimmlich gegen das Geschrote der Saiten- und das Geboller der Drum-Fraktion durchzusetzen, was die Mischer aber im Laufe des Sets in den Griff bekamen. Idealer Opener, der in die richtige Stimmung versetzte und entsprechend goutiert wurde!

Den Merch-Tresen hatte man in den Restaurantbereich verlagert, dessen Theke ebenfalls geöffnet war und Gezapftes anbot, die Terrasse war mit regengeschützten Sitzmöglichkeiten ausgestattet worden und lud auch dank eines warmen Feuerchens zum Verweilen ein. Zwischen den Räumen trieb sich Traummann Freddy Krueger höchstpersönlich herum. Hielten wir ihn zunächst für einen Show-Act des schwedischen Headliners, dessen Name ein Akronym für „Freddy Kruegers Ünderwear“ ist, entpuppte er sich als eigens vom Veranstalter gebuchter Darsteller Sven Martensen, der sich bereitwillig mit einem fotografieren ließ und im Gegenzug lediglich darum gab, ihm ein Facebook-Like dazulassen, um seine Popularität zu steigern. Er ist auch als Fantomas, Stormtrooper, Spiderman etc. zu haben. Ein schöner Spaß!

SPACE CHASER, ebenfalls aus Berlin, erfreuen sich einiger Beliebtheit und stechen seit jeher aus dem Wust aktueller Thrasher hervor. Zwar ist der AGENT-STEEL-beeinflusste Speed-Thrash der Ufo-Paranoiker und „Skate Metal Punks“ mit Bruce-Dickinson-Gesang nicht hundertprozentig mein Fall, aber mit der Split-LP mit DISTILLATOR hatten sie auch mich und live knallt das sowieso alles gut. Den Gesangsstil empfand ich zu Beginn wieder als gewöhnungsbedürftig, aber das legte sich schnell und war spätestens mit dem äußerst gelungenen NEGATIVE-APPROACH-Cover „Tied Down“, das bereits als dritter Song von der Bühne schepperte, komplett vergessen. Die Band spielte sich in einen einzigen Rausch, steigerte das Aggressionslevel und nahm das Publikum mit. Sänger Siggi ging voll und ganz in seiner Performance auf, lieferte ein irres Mienenspiel, gestikulierte aufgekratzt und sang, was die Kehle hergab. Auch seine Bandkollegen waren echte Aktivposten, Gitarrist Leo machte den Propeller und crowdsurfte gegen Ende gar durchs Publikum, das seinerseits ausgelassen zappelte und moshte. ‘ne Zugabe war Pflicht und als die Stimmung auf dem Siedepunkt war, war Schluss. Pause, Bierchen, Kippchen.

Das schwedische Quartett F.K.Ü. gründete sich anscheinend bereits 1987, existierte aber zunächst nur für eine kurze Zeit und wurde erst ab 1997 wirklich aktiv. Mittlerweile hat man bereits fünf Alben veröffentlicht, die sich vornehmlich mit Horrorfilmen auseinandersetzen. Mit der jüngsten Langrille „1981“ widmet man sich gar ausschließlich Horrorfilmen aus eben jenem Jahr, das, wie ein Blick auf die Titel zeigt, ein für das Genre gutes war. Seltsamerweise wurde ich erst mit „1981“ auf die Schweden mit dem albernen Namen aufmerksam, zu unterrepräsentiert waren sie in der hiesigen Fachpresse. Ich frohlockte angesichts des nerdigen Konzepts sowie des zu erwartenden Oldschool-Thrashs irgendwo zwischen EXODUS und BLOOD FEAST sowie etwas ‘80er-Crossover und wollte außerdem die Gelegenheit nutzen, mir endlich das „1981“-Vinyl einzutüten. Die Vier schienen bis kurz vorm Gig noch im Kohlenkeller des Bambis geschuftet oder sich als Schornsteinfeger verdingt zu haben, denn völlig verrußt betraten sie die Bühne. Dazu erklang ein an ‘80er-Genrefilm-Soundtracks gemahnendes Synthie-Intro – und kurz nachdem ich dachte, dass es in diesem Stil eigentlich auch gern weitergehen könnte, ritten die Unterhosenfetischisten ihre erste Thrash-Attacke. Auch nicht verkehrt, ganz im Gegenteil. Der Sänger in seiner Vestron-Video-Kutte stellte seine Band als „Eff! Käi! You!“ vor, woraufhin Teile des Publikums widersprachen, doch das „Ü“ konnte der Gute offenbar nicht aussprechen. Dafür verstand man es aber perfekt, einen Kracher nach dem anderen herauszubrettern, aufgrund der würzigen Kürze vieler Songs in beträchtlicher Quantität. Die meisten Songs handelten erwartungsgemäß von Horrorfilmen und stammten vom aktuellen Album, ein paar kündeten aber originellerweise auch vom Moshen und von Metal. Ob „Nightmare in a Damaged Brain“, „The Funhouse“ oder die Abrissbirne „The Prowler“ über den unterbewerteten gleichnamigen Slasher – das lief alles genauso gut rein wie ein B-Movie-Videoabend. Zwischendurch zitierte man Freddy (s.o.) auf die Bühne oder machte ein paar prägnante Ansagen, ansonsten gab’s permanent gut auf die Zwölf. Vor der Bühne war ordentlich Bewegung, fußbedingt zog ich es aber vor, mich weiter hinten aufzuhalten – was indes auch nicht verhinderte, dass mir zumindest einmal jemand voll draufstolperte. Egal, ich erfreute mich am grandiosen DEATH-Cover „Evil Dead“ und beteiligte mich am Ende bei den erfolgreichen Forderungen nach einer Zugabe. Anschließend sackte ich das Vinyl ein, genehmigte mir zusammen mit meiner ebenfalls sehr angetanen Freundin ‘nen Absacker und wunderte mich darüber, dass eine Band dieser Qualität und mit dieser langen Historie, die mal eben das Bambi ausverkauft, sich tatsächlich erstmals nach Deutschland begeben hat. Tags zuvor hatten F.K.Ü. in Rostock gezockt, einen Tag später ging’s nach Berlin – das waren die ersten drei Deutschland-Gigs überhaupt! WTF?! Umso schöner, dabeigewesen zu sein; ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen! (Oder ein Konzeptalbum über 1982…)

Hollywood Story: Der ultimative Guide zu Batman

Anlässlich des 80. Geburtstags der Comic- und Filmfigur Batman veröffentlichte der New Yorker Centennial-Media-Verlag 2019 einen 104-seitigen A4-Band mit Klebebindung und Cover aus festem Kartonpapier, der auch ins Deutsche übersetzt wurde und in den Filmzeitschriftenabteilungen der Bahnhofskiosks für 9,80 € erhältlich war. In einem äußerst ansprechenden, professionellen, hübsch bunten Layout inkl. vieler toller Abbildungen werden Hintergrundinformationen zur Entstehung der Comic-Figur und, begleitet von durchaus kritischen Worten, ihrer Schöpfer geliefert, bevor es natürlich zunächst um die klassischen Comics geht. Anschließend widmet man sich Batmans Sidekick Robin, der komödiantischen Fernsehserie aus den 1960ern , Batmans Helfern und Femmes Fatales, seinen „zehn übelsten Gegenspielern“, seinem Kostüm, seinem Batmobil und seiner Bat-Höhle. Recht ausführlich werden die verschiedenen Verfilmungen (inkl. Lego-Film) abgehandelt, wobei ein starker Fokus auf die jeweiligen Schauspieler gelegt wird. Das ist sogar etwas zu viel des Guten, aber, ok – schließlich befindet man sich ja in einer „Hollywood Story“. Ohne wirklich in die Tiefe zu gehen schlägt man auch kritische Worte zur einen oder anderen umstrittenen Kino-Adaption an. Leider zog man nur eine einzige Zeichentrickserie heran, die beliebte „Batman: The Animated Series“ aus dem Jahre 1992, andere Zeichentrickauftritte des dunklen Ritters werden lediglich am Rande erwähnt. Abschließend werden einige Sammlerstücke exemplarisch vorgestellt, wird knapp auf Kuriositäten wie die Batman-Achterbahn, eine Batman-Briefmarke oder Batman-Lego-Crossover-Videospiele eingegangen und als Rausschmeißer ein furchtbar unvollständiger und damit komplett überflüssiger Zeitstrahl untergebracht.

Bei der Fülle an Themen und dem starken Augenmerk auf Batmans Leinwandadaptionen liegt es in der Natur der Sache, dass vieles lediglich oberflächlich angerissen wird. So sind z.B. insbesondere die Schurken des Batman-Universums kongeniale Geniestreiche – eine vollständige Übersicht über alle wiederkehrenden Gegenspieler(innen) wäre toll gewesen. Auch hätte ich mir gewünscht, dass in Bezug auf die Comics mit Begriffen wie Silver oder Golden Age gearbeitet worden wäre. Auf die deutschen Comicausgaben wird leider mit gar keiner Silbe eingegangen. Im Filmteil hätte ich gern mehr über die alten Kurzfilmreihen erfahren. Auch eine vollständige Übersicht über die verschiedenen Zeichentrickadaptionen wäre wünschenswert gewesen. Nahezu unverzeihbar ist der vollständige Verzicht auf Actionfiguren innerhalb dieses Bands.

Dennoch: Für einen mehr als nur groben Überblick ist diese Ausgabe durchaus geeignet, Batman-Fans dürften beim Durchblättern allein schon aufgrund der vielen Abbildungen ihre Freude haben und vielleicht das eine oder andere wieder- oder neu entdecken. Die Texte habe ich als frei von orthographischen Fehlern in Erinnerung, der Genitiv war jedoch kein Freund des Übersetzers oder der Übersetzerin. Aufgrund seines hochwertigen Hochglanzpapiers ist „Der ultimative Guide zu Batman“ auch ein schönes haptisches Erlebnis. Ein etwas weniger marktschreierischer Titel hätt’s jedoch auch getan. Und ich bin um die Erkenntnis reicher: Ich muss endlich mal die Batman-Filmographie komplettieren…

04.10.2019, Semtex, Hamburg: THE IDIOTS + SCUMFUCK OUTLAWS + BOLANOW BRAWL

„Schneller, härter, konzerter!“

Wir hatten schon im Skorbut gespielt, im Kraken, im Menschenzoo und nun auch im Semtex. Dabei handelte es sich um den immer selben laden, der alle paar Jährchen Namen und Betreiber wechselt, aber glücklicherweise bisher immer eine feste Adresse für Punk und Artverwandtes auf dem Kiez blieb. An eben diesem Ort sah ich vor zweieinhalb Jahren erstmals und endlich THE IDIOTS aus Dortmund, eine der dienstältesten deutschen Punkbands und fester Bestandteil meiner persönlichen musikalischen Punk-Sozialisation. Das war definitiv einer der Konzerthöhepunkte jenes Jahres. Mittlerweile hat die Band um Frontmann Sir Hannes das neue Album „Schweineköter“ am Start und betourt es ausgiebig – und in Hamburg durften wir die Vorturner machen!

An Equipment befand sich bereits fast alles vor Ort, sodass wir diesmal keine überdimensionierten Lautsprecher aus unserem Proberaum im sechsten Stock zu wuchten brauchen – das war schon mal äußerst angenehm. An fester Nahrung servierte man ein spitzenmäßiges Seitan-Gulasch ganz nach meinem Geschmack. Norman machte ‘nen 1A-Soundcheck mit den IDIOTS und anschließend mit uns, woraufhin wir noch auf ein Gezapftes bei Hermann im Osbourne einkehrten und herumalberten. Nach unserer Rückkehr gegen 21:45 Uhr scheuchte man uns sofort auf die Bühne. Da wir es leider in den letzten Wochen vorm Gig nicht mehr geschafft hatten, alle gemeinsam zu proben (irgendjemand fehlte immer), verschoben wir die Live-Präsentation eines generalüberholten Songs und spielten dasselbe Set unserer Mini-Tour mit THE NILZ aus dem Frühjahr. Während des Soundchecks hatte mein Gesang auf dem Weg von der Kehle in die P.A. irgendwo einen Wackelkontakt erlitten, weshalb das Kabel ausgewechselt worden war. Während unseres zweiten Songs „Brigitte Bordeaux“ stellte sich heraus, dass mitnichten das Kabel, sondern das Mikro schuld war. Nachdem auch das ausgetauscht worden war, gab’s glücklicherweise höchstens noch selbst verursachte Probleme wie ein paar wenige Verspiele oder die obligatorischen Nachstimmpausen, ansonsten flutschte der Gig gut durch. Die Bude war mehr als ordentlich gefüllt, vorne brachten wir nach der technischen Panne ein paar Leute zum Tanzen und konnten uns auf einen stilsicher in ein 1323-Shirt gewandeten Herrn verlassen, der fast jede unserer Darbietungen mit „Da geht noch was!“ oder „Schneller! Lauter! Härter!“ in unterschiedlichen Variationen kommentierte – und tat er es mal nicht, fragten wir ihn nach seiner Einschätzung, bevor wir weiterspielten. Kurioserweise stand unmittelbar neben diesem Partyboy ein Pokerface, das uns den gesamten Gig über skeptisch beäugte, ansonsten aber keine Miene verzog und sich keinen Millimeter bewegte. Welch Kontrast! Da unsere Monitorbox ihre Belastungsgrenze erreicht hatte und ich mich nur ziemlich leise hörte, bin ich dann und wann wieder in den Gegenanbrüllmodus verfallen, Spaß gemacht hat’s aber allemal und anschließend wat verkauft ham‘ wir auch.

„Semtex, Bier lauter!“

Im Vorfeld so gar nicht auf dem Schirm hatte ich die SCUMFUCK OUTLAWS, die die gesamte Tour mit den IDIOTS bestreiten, aber bis kurz vor Ultimo gar nicht in der Konzertankündigung genannt worden waren. Die aus Lünen/Dortmund/Bochum stammende fünfköpfige Band existiert bereits seit 2006 und zockt ‘ne ziemlich wuchtige Mischung aus Scumpunk/-rock à la ANTISEEN und Konsorten und aggressiver Hardcore-Kante – auf einem technisch beachtlichen Niveau. Ok, ist man nicht tatsächlich ein fertiger Südstaatenzottel, läuft diese Art von Musik Gefahr, aufgesetzt und gekünstelt statt authentisch zu wirken. Aber auch ohne mit Kot um sich werfen oder sich nackt in Reißzwecken zu wälzen konnten SCUMFUCK OUTLAWS kräftig auf die Kacke hauen und klasse Entertainment bieten, dem ich nicht vollständig und schon gar nicht konzentriert beiwohnen konnte, der aber schwer Laune machte und vor allem dazu einlud, den Gig mit reichlich Bier zu begießen. Würde ich mir auch noch mal gezielter und aufmerksamer anschauen.

Als THE IDIOTS loslegten, war ich längst komplett durcheuphorisiert und erwartungsfroh betrunken. Während Sir Hannes & Co. seinerzeit eine Art um die Hits des Comeback-Albums erweitertes Best-of-Set spielten, legten sie nun selbstbewusst den Fokus auf das neue Album „Schweineköter“. Wenn ich nicht irre, waren „Verseucht“ und „Fleischwolf“ vom „Amok“-Album weiterhin dabei, ansonsten noch ein paar alte Schoten vom Schlage „Der Idiot“, „Der S04 und der BVB“, „Tage ohne Alkohol“ und „EDEKA“. Die Stimmung war prächtig, ich schwang vor der Bühne nicht nur das Bein, sondern den ganzen Körper und brüllte lauthals mit, was mir an Texten geläufig war und die Stimmbänder noch hergaben. Sir Hannes trug mal Sonnenbrille und Plastiktüte überm Kopf, mal behängte er sich mit Wurst oder wanderte durchs Publikum. Fragt nicht nach Details, aber es ging wohl nicht ganz so chaotisch rund wie damals, und auch die Merch-Dame in Nonnenkluft blieb diesmal ohne Bühneneinsatz – doch auch mit dem neuen Album sind THE IDIOTS live eine absolute Macht um einen in aller Punkrock-Würde gereiften Frontmann, die eine unheimlich unterhaltsame, musikalisch wie optisch abwechslungsreiche Show bietet und aus einem breiten Repertoire an Hits schöpfen kann. Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit allem, hab’s ordentlich krachen lassen und bedanke mich an dieser Stelle noch mal bei allen, die sich uns reingezogen haben, beim Semtex-Kulturkollektiv, beiden Bands und natürlich Flo für die Schnappschüsse unseres Gigs!

Patrick Cadot / Michel de Bom – Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon: Band 1 – Die Spur des Baphoment / Band 2 – König der Wölfe

In den alten Yps-Comicheften wurden neben in sich abgeschlossenen Episoden verschiedener Comicreihen i.d.R. auch Fortsetzungsgeschichten veröffentlicht. So gerne ich Yps damals als Kind gelesen habe, so wenig war daran zu denken, dass ich lückenlos die Hefte erwerbe bzw. erworben bekomme. Das führte dazu, dass ich Yps sehr unchronologisch las und daher die Fortsetzungsgeschichten zwar stets zur Kenntnis nahm, aber lediglich überblätterte. Eine, die mich mit ihren Zeichnungen am meisten faszinierte, war „Isegrims Abenteuer“ um einen Wolf mit leuchtend roten Augen, die ihre deutsche Erstveröffentlichung 1987 in Yps Nr. 592 fand und bis 1989 in Nr. 716 abgedruckt wurde. Es handelte sich um die Reihe „Yvain et Yvon“ der Belgier Patrick Cadot und Michel de Bom, die im Original 1985 erschienen war.

Der deutsche Feest-Verlag veröffentlichte 1988 und 1989 unter dem neuen Titel „Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon“ zwei jeweils rund 50-seitige Softcover-Alben in neuer Übersetzung von Petra Butterfaß, die ich anlässlich meiner Wolfs-Tätowierung antiquarisch erwarb. Yvain und Yvon sind Zwillingsbrüder im Kindesalter, von denen sich Yvon in den rotäugigen, sprechenden Wolf Ysengrin verwandeln kann. Dies halten die beiden vor fast allen anderen geheim und durchstehen gemeinsam aufregende, gefährliche Abenteuer.

Im Band „Die Spur des Baphomet“ befinden sie sich in den Ferien in Südfrankreich, wo sie mit der Sagengestalt des Baphomets konfrontiert werden und aufgrund ihrer Neugier, ihres Spürsinns und natürlich Yvons besonderer Fähigkeiten einem habgierigen Komplott um einen uralten Schatz der Templer auf die Spur kommen. In klar strukturierten, in den Größen variierenden vollfarbigen Panels wird in typischen frankobelgischen Zeichnungen eine spannend konzipierte Detektivgeschichte mit Fantasy-Elementen erzählt, die die Mythologie um den Baphomet und die Templer aufgreift und sehr frei adaptiert. Gepaart mit etwas Humor und skurrilen Erwachsenenfiguren wurde ein Comic zu Papier gebracht, der von seiner geheimnisvollen Stimmung und den sympathischen Protagonistin lebt, die ihr großes Geheimnis hüten und außerhalb der familiären Obhut über sich hinauswachsen. Damit ist er bestens für etwas größere Kinder geeignet sowie natürlich für alle Freunde des unverkennbaren frankobelgischen Zeichenstils. Abgerundet wird dieser erste Band durch eine Kurzvorstellung Cadots und de Boms.

Im zweiten Band „König der Wölfe“ geht es ins elsässische Tritenheim – und wesentlich härter zur Sache als in der vorausgegangenen Geschichte. Ysengrin vernimmt dank seiner Wolfsinstinkte eine innere Stimme, die ihn zum Treffen der Oberhäupter aller Wolfsclans lockt. Der Grund: Der neue König der Wölfe soll gewählt werden. Doch Tetramund, der noch amtierende Wolfskönig, wird von Baron von Wallenstein gefangen und dessen dekadenten Gästen vorgeführt..

„König der Wölfe“ entspinnt eine ganz neue, düstere Mythologie um die Gattung der Wölfe und klagt den Umgang der Menschen mit ihnen an. Tetramunds Gefangennahme und anschließende Befreiung ist dabei erst der Auftakt zu einer blutigen Eskalation mit Toten auf beiden Seiten, bei der die Wut der Zeichner auf trophäenjagende Adlige und ihre speichelleckende Gefolgschaft mehr als nur durchschimmert. Das ist konsequent, trotz einigen Humors auch traurig und bitter und somit sicherlich nichts für ganz junge Leserinnen und Leser. Für Freunde frankobelgischer Comics mit einem gewissen inhaltlichen Anspruch jedoch handelt es sich um eine lohnenswerte, berührende Entdeckung, die angesichts der Hysterie schießwütiger feiger Exemplare der Gattung Mensch aufgrund der Rückkehr des Wolfs in hiesige Gefilde aktueller denn je ist. Ich jedenfalls bin begeistert!

Schade, dass es mit dem bereits angekündigten dritten Band in Deutschland nichts mehr wurde…

U-Comix präsentiert #50: Max – Peter Pank, der Werwolf-Punk

Der spanische Comiczeichner Max alias Francesc Capdevila hat anscheinend ab 1983 insgesamt drei „Peter Pank“-Comics veröffentlicht, von denen es leider nur einer zu einer deutschen Übersetzung brachte: Die Peter-Pan-Parodie„Peter Pank, der Werwolf-Punk“ scheint aus dem Jahre 1987 zu stammen und wurde 1991 im Alpha-Comic-Verlag als Nummer 50 der sich an ein erwachsenes Publikum richtenden „U-Comix präsentiert“-Reihe u.a. in der mir vorliegenden großformatigen, 50-seitigen, vollkolorierten Softcover-Variante veröffentlicht.

Ein durchgeknallter, machthungriger Grufti reanimiert den eigentlichen toten Punkrocker Peter Pank, macht ihn aber mittels Gehirnwäsche zu einem willenlosen Sklaven mit dem Auftrag, Graf Dracula zu töten. Auf dieser Mission trifft Peter auf eine Gruppe Skinheads, die sich ihm zumindest zum Teil anschließt, und auf oben ohne herumflatternde bestrapste Elfen, deren Mutter sich prostituiert und die wiederum die rebellierende Punk-Elfe Karin kennenlernen. Ein paar Teds sind auch noch involviert und runden den subkulturellen Reigen ab. Der im Funny-Stil gezeichnete Comic setzt darüber hinaus vor allem auf Humor durch Überzeichnung, Spiel mit Klischees und Verwechslungen, versteht es aber auch, seine Geschichte in drei parallelen, erst gegen Ende zusammengeführten Handlungssträngen zu erzählen und dadurch interessant zu halten. Versetzt mit Fantasy- und Horrorelementen und abwechslungsreich mit variierenden Panelgrößen gestaltet, ist „Peter Pank, der Werwolf-Punk“ ein anarchischer, kurzweiliger Spaß, der auch ohne Kenntnisse der (hier sehr frei interpretierten und adaptierten, eher weitererzählten denn direkt parodierten) Peter-Pan-Geschichte problemlos funktioniert. Für comiclesende Punks ein Pflichtalbum, für Freunde spaßiger, letztlich aber eher harmloser Underground-Comics ebenfalls etwas für die Beuteliste – wenn nicht die gesamte „U-Comix präsentiert“-Reihe ohnehin längst im Regal steht.

Von Max ebenfalls dort erschienen ist das Album „Der geheime Kuss“, das verschiedene Kurzgeschichten enthält und ich sicherlich mitnehmen werde, wenn es mir mal in die Hände fällt.

Peter Osteried / Martin Hentschel – Simple Movie Porträt #7: Edwige Fenech

Der MPW-Verlag widmete sich in seiner achtbändigen „Simple Movie Porträt“-Reihe verschiedenen internationalen weiblichen Erotikfilm-Ikonen. Die 2010 erschienene Nr. 7 steht ganz im Zeichen Edwige Fenechs. Die algerischstämmige Tochter eines maltesischen Vaters und einer italienischen Mutter, die einst zur „Miss France“ gekürt wurde, begann ihre Karriere vor der Kamera 1967 mit mal mehr, mal weniger schlüpfrigen Komödien, avancierte in den 1970ern zu einem der weiblichen Aushängeschilder des italienischen Giallo und beackerte schließlich das Feld der Commedia Sexy all’ Italiana, bevor sie auf die Produzentinnenseite wechselte. Unter Freunden des europäischen Genre-Kinos genießt die attraktive Schauspielerin bis heute Kultstatus.

Die „Redateure“ (wie sie im Impressum bezeichnet werden) Peter Osteried und Martin Hentschel (nicht „Henschel“, wie peinlicherweise ebenfalls im Impressum angegeben) sind für die Texte dieses auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier gedruckten Hefts verantwortlich. Diese spielen jedoch zunächst einmal nur eine untergeordnete Rolle angesichts der vielen erotische Fotografien der Fenech und all der Filmplakate und Aushangfotos in bestechender Qualität, die das Heft fast zu einer Art Bildband machen, in jedem Falle zu einer sehr vergnüglichen Materialsammlung, anhand derer sich anschaulich nachvollziehen lässt, wie Fenechs Filme damals beworben wurden und welche ihrer Attribute über ihr schauspielerisches Talent hinaus das Publikum ins Kino und in die Videotheken lockte. Hat man sich erst einmal sattgesehen, lohnt es sich aber auch, sich mit den Texten zu befassen: Auf ein knappes Vorwort Osterieds folgt Fenechs sich über mehrere Seiten erstreckende Vita, bis sich die minutiös abgebildete Filmographie als Herzstück auch dieses Bands herausstellt: Chronologisch sortiert bekommt man Informationen inkl. Inhaltsangaben und Kurzkritiken zu vermutlich tatsächlich jedem einzelnen Film, in dem Edwige Fenech mitspielte, und sei es auch nur eine Nebenrolle gewesen. Von „Toutes folles de lui“ über „Der Killer von Wien“ bis zu „Hostel II“ liefert das Heft einen kompletten Überblick über Fenechs schauspielerisches Wirken, ergänzt um ihre Fernsehauftritte und eine Auflistung ihrer eigenen Produktionen sowie einen Einschub zu Regisseur Sergio Martino, unter dem ihre besten Filme entstanden und mit dessen Bruder, dem Produzenten Luciano Martino, sie zeitweilig liiert war.

Leider entpuppen sich manch Angaben zu den Heimkino-Veröffentlichungen als unvollständig, was umso unverständlicher anmutet, wenn die jeweilige Veröffentlichung in Bildform abgedruckt wurde. Seltsam mutet es auch an, dass zu einem Film wie „Flotte Teens und die neue Schulmieze“ verschwenderisch viel Material abgedruckt wurde, zu anderen Filmen hingegen überhaupt keines. Und Umberto Lenzi anlässlich der „Die große Offensive“-Filmkritik zu porträtieren, ohne seine Gialli und Polizieschi auch nur zu erwähnen, ist schon ein ganz grober Schnitzer. Generell hat diesen Band wieder niemand vor dem Druck korrekturgelesen, sodass erneut ein paar dicke Böcke geschossen werden, die sich bis hin zu sich ständig wiederholenden Unachtsamkeiten wie fehlenden schließenden Klammern hinter den deutschen Filmtiteln ziehen.

Anstatt das Heft mittels eines angehängten Texts über das Komiker-Duo Franco & Ciccio ohne inhaltlichen Bezug zu Fenech auf die gewünschte Seitenzahl zu strecken, wäre mehr über die Porträtierte wünschenswert gewesen, beispielsweise ein aktuelles Interview oder ein Essay eines Filmgelehrten. So aber bleibt einmal mehr ein durchwachsener Eindruck einer nur semiprofessionellen Arbeit, für die diese Reihe leider bekannt ist. Der Schauspielerin und dem Menschen Edwige Fenech wird man damit nicht gerecht.

Das Cover meiner Ausgabe weicht übrigens vom hier abgebildeten ab, offenbar existieren verschiedene Auflagen.

Copyright © 2019 Günnis Reviews

Theme by Anders NorenUp ↑