Gnnis Reviews

Author: Günni (page 1 of 79)

Frank Schäfer – Generation Rock

„Eine Anagnorisis sophoklischer Kajüte“

Der Schäfer mal wieder! An den Texten des Dr. phil. und ehemaligen SALEM’S-LAW-Gitarristen aus der niedersächsischen Provinz habe ich ja längst einen Narren gefressen. 2008 war er zurück im Oktober-Verlag, der seine damals neueste Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ auf rund 130 Seiten im gebundenen 7“-Format, also der Größe einer Vinyl-Single nachempfundene, veröffentlichte und sogar noch eine CD mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen seiner o.g. Band beilegte. Die Texte waren zuvor bereits in diversen Periodika erschienen.

Der Titel ist dabei sicherlich irreführend, denn Schäfer maßt sich nicht an, als Entdecker oder Sprachrohr einer wie auch immer gearteten Generation zu fungieren. Stattdessen bleibt er nah an seinen eigenen Erfahrungen, seinem eigenen Leben bzw. eigenen Beobachtungen. Längst nicht immer geht es dabei tatsächlich um Musik, manchmal geht er auch einfach einen Computer kaufen, liegt krank im Bett und leidet bitterlich oder lässt sich von seinem bauernschlauen Kumpel Pünschel vollquatschen. Die 33 Kapitel sind von unterschiedlicher Länge – mitunter gar in Gedichtform –, schaffen den Spagat von Schäfers Jugenderinnerungen zur Gegenwart und sind, nun ja, zweigeteilt: Nicht vom Inhaltsverzeichnis erfasst, spielen sich auf den breiten Seitenrändern losgelöst von den Primärtexten zahlreiche Platten- und Buchrezensionen ab, als handele es sich um. Dadurch sind viele Buchseiten im wahrsten Sinne randvoll, wenn der Rand leer blieb jedoch auch den Eindruck von Platzverschwendung vermittelnd. Dem Lesevergnügen tut dies indes keinen Abbruch; seit Schäfer seinen enormen Wortschatz zu bändigen versteht und ihn zielführend einsetzt, statt ihn demonstrativ zur Schau zu stellen, findet er für jedes Phänomen, für jedes Gefühl und jedes beschriebene Ereignis die richtigen Worte, die seine Texte so präzise nachempfindbar machen.

Dies geht dann durchaus auch an die Nieren, wenn die Geschichte seines ROLLING-STONES-begeisterten Malocheronkels einen furchtbar tragischen Verlauf nimmt oder er einen Nachruf auf seinen Freund und Autorenkollegen Michael Rudolf verfasst, vielmehr verfassen muss. Alles andere ist jedoch glücklicherweise weit weniger schwere Kosten (was wohlgemerkt nicht heißen soll, dass sie dadurch unbedeutsam sei). Mit seiner Verehrung des „Fargo Rock City“-Autors Chuck Klostermans und dessen Versuchen der posthumen Legitimierung des Poser/Hair/Glam-Metals übertreibt es Schäfer etwas und dass ich, wie leider üblich, mind. drei Kapitel bereits aus anderen seiner Sammelbände kannte, finde ich auch hier ärgerlich. Auch erschließt sich mir nicht, weshalb man im Jahre 2008 noch in alter deutscher Rechtschreibung verharren und sinnvolle Änderungen wie die ß-Regeln ignorieren muss. Dafür stimmt mich Schäfer aber heiter, nachdenklich, traurig und all das wieder von vorn, verleitet mich dazu, mir das eine oder andere Album (sowie manch MOTÖRHEAD-Song genauer) anzuhören und bereitet mir viel Hörgenuss mit der beiliegenden CD, die ist nämlich echt geil. Schade nur, dass im gesamten Buch mit keiner Silbe auf diese Beilage eingegangen wird – Hintergrundinfos, Liner Notes o.ä.? Fehlanzeige! Angeblich soll es sich aber um Aufnahmen für den nie realisierten Nachfolger des einzigen Albums seiner Band gehandelt haben.

Auch dieser Schäfer war unterm Strich eine wunderbare Urlaubslektüre, die mit ihrer CD und ihren Musikempfehlungen lange nachwirkt. Dass der Hamburger Kiezclub „Molotow“ und nicht etwa „Molotov“ heißt, kann im Eifer des Schreibgefechts übrigens passieren (S. 23); dass ein „Rückgrat“ nichts mit einem Rad zu tun hat, sollte beim Lektorat jedoch auffallen (S. 61). Die „IG Metal“ (S. 85) wiederum hielt man sicherlich für ein Wortspiel. Ich wünsche Schäfer und seinem Verlag zahlreiche Neuauflagen dieses Buchs, bei deren Gelegenheiten man derlei Korrekturen vornehmen könnte.

Richard Eisenmenger – Nur noch dieses Level! Von Computerfreaks, Games und sexy Elfen

„Das Buch für Spieleveteranen der 80er und frühen 90er Jahre, passionierte Retrogamer von heute, alle, denen das Internet zu bunt wird oder die beim Schmökern gerne nostalgisch werden, und schließlich alle, die Partner und Freunde ständig vertrösten mit den Worten ‚Nur noch… dieses… Level…’“, lässt der Paratext verlauten. Der ehemalige Redakteur der Computer- und Videospiele-Zeitschrift „Power Play“ Richard Eisenmenger ist Autor dieses 2017 im Verlag Rheinwerk Computing veröffentlichten, knapp 240 Seiten starken Buchs und nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Zeitreise zu den Anfängen der Eisenmenger verbindet seine persönliche Biographie mit der Evolution des Heimcomputers, setzt den Schwerpunkt dabei auf die Welt der Spiele und führt nach einem Vorwort des Lektors durch zehn Kapitel mit Titeln wie „Sys 58260 – Warm Start System“, „Peeks und Pokes“ oder „Brot und Spiele“. In schreiend buntem, an Spielezeitschriften besagter Dekaden erinnerndem, reich bebildertem Layout beginnt er beim guten alten „Brotkasten“, dem C64, stellt Hard- und Software vor und widmet sich immer wieder in launig geschriebenen Kritiken alten Spielen, die er mit einem „Retro-Rating“ versieht – und den interessierten Leserinnen und Lesern gleich eine ganze Reihe von aktuellen Emulatoren an die Hand gibt, mit denen sich die Spiele auch auf zeitgenössischer Hardware (wieder-)entdecken lassen. Anekdotenreich findet er die richtige Balance zwischen auch für Laien verständlichen Erläuterungen technischer Eckdaten und Hintergründe, persönlichen Erfahrungen und witzigen Beobachtungen, die weit über Retro-Games hinausgehen. Die Anfänge digitaler Kommunikation werden dabei ebenso abgeklopft wie das Zum-Glühen-bringen der Soundchips mittels Eigenkompositionen per Tracker-Software, die Intro- und Demoszene, kultgewordene alte Fachzeitschriften, aus denen man tatsächlich seitenlange Listings abtippte und schließlich sein Quereinstieg in die Redaktion der „Power Play“. Vom C64 über den Atari, den Amiga und schließlich den PC wird da alles abgedeckt und werden die Leserinnen und Leser eingeladen, in eigenen Erinnerungen zu schwelgen oder, im Falle erst späterer Konfrontation mit der Materie, die „Computer-Steinzeit“ spannend und mitunter angenehm selbstironisch geschrieben nachzuerleben.

Leider gelingt es Eisenmenger nicht, vermutlich der engen Verquickung der Technologie- mit seiner eigenen Entwicklung geschuldet, die unmittelbaren Computerpionierthemen gegen Jugenderinnerungen abzugrenzen, die mit ihnen nichts zu tun haben; sei es das erste eigene Auto, seien es Besuche fragwürdiger Fastfood-Ketten oder auch die viel zu ausufernd behandelten „Analog-Rollenspiele“, also die Pen-&-Paper-Varianten. Diese Kapitel hätte ich gern gegen weiteren Döntjes aus der Gamerszene eingetauscht. Zu Abzügen in der B-Note führen auch einige Fehler, die sich eingeschlichen haben: „World Wide Web“ ist kein Synonym fürs Internet, sondern lediglich eine Komponente desselben (neben FTP, IRC, dem Usenet etc., S. 81); vor 20 Jahren (also 1997) gab es bereits deutlich mehr als drei Fernsehsender (S. 105); die Lucasfilm-Point-&-Click-Adventure-Hits hießen „Zak McKracken“ und „Sam & Max“, nicht etwa „Zack McCracken“ und „Sam & Mac“; den Knobel- und Geschicklichkeitsspiel-Welterfolg „Lemmings“ gab es durchaus auch als Adaptionen für DOS und Windows; auch 3,5“-DD-Disketten ließen sich lochen, um ihre Kapazität zu erhöhen (S. 178); und Lee Bolton ist ein Indie-Regisseur (im Sinne von „independent“ = unabhängig), jedoch kein „Indy-Regisseur“, da es zu einer Fortsetzung der Indiana-Jones-Reihe unter seiner Leitung dann doch noch nicht gereicht hat (S. 181). Diese Spitzfindigkeiten werden manche Leserinnen und Lesern sicherlich weder auffallen noch stören, wer jedoch wie ich einen nicht ganz unbeträchtlichen Zeitabschnitt dieser Entwicklung selbst miterlebt hat und zumindest zeitweise etwas tiefer involviert war, wird zwangsläufig über sie stolpern. Evtl. lässt sich so etwas in der zweiten Auflage redigieren.

Richard Eisenmenger ist einer jener Mitmenschen, die, mal abfällig, mal als Kompliment gemeint, gemeinhin als „Nerd“ bezeichnet werden. Das Schöne an Eisenmenger ist dabei, dass er zwar stets am Puls der Zeit blieb und sich ständig für die neuesten Hardware-Trends begeisterte, darüber jedoch die Vergangenheit nicht vergaß, sondern sie zunächst als „Power-User“ voll ausreizte und schließlich in Ehren hielt. Außerdem versteht er es, allgemeinverständlich zu schreiben, was sein Buch durchaus zu einer Empfehlung auch für diejenigen macht, die grundsätzlich an den genannten Themen interessiert sind, jedoch vor „Nerdtalk“ und Technikdetails zurückschrecken. Doch will ich ganz ehrlich sein: Wenngleich mein erstes Computerspiele-Magazin die „Power Play“ (Sonderausgabe „Die 100 besten Spiele ’91“) war, hatte ich ihr gegenüber schnell den „PC Joker“ bevorzugt, für plattformübergreifende Informationen hatte es mir sogar die „Play Time“, nachdem diese ihre Kinderkrankheiten abgestreift hatte, stärker angetan als Eisenmengers ehemalige Brötchengeber. Eisenmengers lobende Worte für Windows 95 machen ihn zudem auch heutzutage noch verdächtig, denn das hat eigentlich jeder vernunftbegabte Mensch zurecht gehasst (Windows wurde erst mit XP erträglich). Davon unabhängig ist ihm aber ein Buch gelungen, das sich mit seinem matten, festen Papier und seinem broschierten Umschlag wertig anfühlt, das gut riecht und das man gern in der Hand hält, um in einen Inhalt einzutauchen, der eine Lanze für alte Computerspiele bricht und Lust darauf macht, sich mit ihnen und der mit ihnen verbundenen spannenden Pionierzeit und Kultur auseinanderzusetzen. Damit passt das Buch gut in diese Zeit, in der Retro-Konsolen boomen und es mehrere Periodika in den Zeitschriftenregalen gibt, die sich ausschließlich Retro-Computerthemen widmen. Man könnte meinen, retro sei das neue modern – und ich kann nichts Falsches daran finden.

Den Zugang zum respektvollen und interessierten Umgang mit alten Schätzen erleichtern zahlreiche übers Buch verteilte Shortlinks, die direkt zum jeweils Behandelten führen. Alles in allem ist das sehr liebevoll gemacht und entpuppte sich ihren o.g. Schwächen zum Trotz als ideale Strandlektüre, die ruckzuck durchgelesen war: „Nur noch diese Seite…“

Bill Watterson – Calvin und Hobbes: Irre Viecher aus dem All

Von 2005 bis 2008 veröffentlichte der Hamburger Carlsen-Verlag ausgewählte Comic-Strips der „Calvin und Hobbes“-Funny-Reihe des US-Amerikaners Bill Watterson in einer achtbändigen Softcover-Albenreihe im Querformat, jeweils 130 Schwarzweiß-Seiten umfassend. Mir liegt der vierte Band der Reihe, „Irre Viecher aus dem All“, vor, den ich für wenig Geld auf einem Flohmarkt mitnahm. Im Original ist er 1990 in den USA erschienen, in seiner deutschen Übersetzung im Jahre 2006. Er enthält größtenteils meist aus vier Panels bestehende Strips, die ursprünglich in über 2.400 Zeitungen erschienen sind, sowie einige sich über jeweils eine ganze Seite erstreckende Sonntagsseiten.

Die Comicreihe existierte von 1985 bis 1995, wird seitdem jedoch regelmäßig neu aufgelegt. Calvin ist ein sechsjähriger Junge, der mit seinen Eltern und seinem Stofftiger Hobbes zusammenlebt, welcher für Calvin real und somit Dialog-, Spiel- und Abenteuerpartner ist. Die gesamte Reihe über bleibt Calvin der sechsjährige Junge, verfügt jedoch von Anfang über einen weit ausgeprägteren Intellekt sowie ein Höchstmaß an Vorstellungsvermögen. Die Komik nährt sich aus Calvins einerseits naiver Sicht auf die Erwachsenenwelt, die er andererseits häufig altklug oder sarkastisch kommentiert, wobei Hobbes die Rolle des weiseren Freunds oder auch großen Bruders zuteil wird. Bisweilen erinnert „Calvin und Hobbes“ an die Peanuts, wenn Calvin die Melancholie eines Charlie Browns zumindest streift, vielmehr jedoch, wenn er sich à la Snoopy in stellvertretend für die faszinierende kindliche Phantasie stehende Tagtraumwelten stürzt, in denen er zusammen mit Hobbes die größten Abenteuer erlebt – mal als Calvin, mal in der Rolle eines seiner Alter Egos wie dem des Raumfahrers Spiff, als der er auf die titelgebenden „Irren Viecher aus dem All“ trifft. Dabei steigen die Geschichten meist mitten in Calvins Phantasiewelt ein und lösen erst in den letzten Panels als Teil der Pointe auf, wo er sich in Wirklichkeit befindet und was er tatsächlich tut. Darüber hinaus werden einige Running Gags etabliert, insbesondere in der Beziehung zwischen Calvin und Hobbes.

Anders als beispielsweise der bereits erwähnte Charlie Brown ist Calvin frech und verschlagen (ohne dabei böse zu sein), wodurch – neben anderen Eigenschaften – kindlicher Egoismus liebevoll karikiert wird. In gleichem Maße jedoch wird die Erwachsenenwelt zur Karikatur, wenn Calvin sich ihres Vokabulars bedient und ihre Verhaltensweisen nachzuahmen versucht. Vor allem aber beweist Watterson ein unheimliches Gespür für die Verbildlichung kindlicher Phantasiewelten und unterstreicht dadurch deren Bedeutung. „Calvin und Hobbes“ zählt zu jenen Funny-Strip-Reihen, denen die Kunststücke gelingen, innerhalb längerer Geschichten die einzelnen Strips aufeinander aufzubauen, jedoch stripweise dennoch in sich pointiert zu sein, und sowohl für erwachsene Zeitungsleser als auch Comicfans im Kinderalter gleichsam unterhaltsam zu sein – ohne dafür an Anspruch einzubüßen.

06.10.2018, Sauerkrautfabrik, Hamburg: VIOLENT INSTINCT + BOLANOW BRAWL // 06.10.2018, Menschenzoo, Hamburg: LUCIFER STAR MACHINE

Am 03.10., also einen Tag nach unserem Gig mit ZUNAME im Menschenzoo, hatte mich René von VIOLENT INSTINCT gefragt, ob wir am Samstag für die Band mit dem originellen Namen EDGAR ALLAN POGEN einspringen könnten, die mit ihnen in der Harburger Sauerkrautfabrik hätte spielen sollen – aber leider krankheitsbedingt absagen musste. Ab und zu klappt‘s bei uns spontan und so entschlossen wir uns, dem von uns bisher komplett vernachlässigten Süderelbebereich mal einen Besuch abzustatten und dafür auf die für den Sonntag geplante vorletzte gemeinsame Probe vorm Irland-Ausflug zu verzichten. Und in der Sauerkrautfabrik zu spielen hatte ich ohnehin schon lange mal Bock. Inmitten Harburgs werden dort selbstverwaltet und unkommerziell in lockerer, angenehmer Atmosphäre alternative Kultur, ein Treffpunkt sowie ein Infoladen, für dessen Ausbau es sich um ein Solikonzert handelte, geboten.

Als ich mit Ole vor Ort eintraf – der Rest kam mit der Bahn hinterher –, hat VI-Drummer Stefan gleich kräftig mitangepackt, um unser Equipment in den Laden zu wuchten und schließlich auch geholfen, unseren Banner anzubringen. Danke, Keule – kollegial wie immer! VI-Chanteuse Aga hatte leider mit einer fiesen Erkältung zu kämpfen, die sie jedoch nicht vom Gig abhielt. Als ich ihr eine Gelo Revoice anbot, entgegnete sie, sie habe bereits sieben (!) intus…

Nach einem stärkenden Seitangulasch (seltsamerweise ohne Sauerkraut) machten wir uns an den Bühnenaufbau. Bis auf die Gesänge wurde nichts abgenommen und letztere mussten wir uns selbst über ein lüttes Mischpult in der Drummer-Ecke regeln. Anfänglich skeptisch von uns beäugt, entpuppte sich diese Lösung als völlig ausreichend und herrlich unkompliziert. Der ungefilterte Soundcheck klang gut und anschließend konnten wir uns in Ruhe ein paar Pilsetten reinschrauben und zusehen, wie sich die Bude nach und nach füllte. Ein Frühkonzert wie ursprünglich angedacht wurd’s dann doch nicht, aber ziemlich pünktlich um 21:00 Uhr fingen wir an. Wir spielten das gleiche Set wie am Dienstag im Menschenzoo, inklusive unseres jüngsten Ergusses „2 Day Session“. Die Chancen standen gut, diesen diesmal pannenfrei zu präsentieren, doch irgendwie schaffte ich es, mir selbst das Mikro aus der Hand zu reißen, indem ich versehentlich mit dem Fuß am Kabel zog oder so… Und passenderweise verpatzte Christian seinen Einstieg in „Brainmelt“, einem Song über alkoholbedingte Ausfallerscheinungen, mehrfach. Irgendwas ist halt immer. Alles andere dürfte aber ganz gut geflutscht haben und das Publikum war gut drauf, bekam seine Zugabe und konnte sich im Anschluss mit uns auf VIOLENT INSTINCT freuen.

Im Gegensatz zu mir hielt sich Aga gar nicht erst mit dem begrenzten Platz auf der Bühne auf, sondern gesellte sich zum Mob davor. Von ihrer Erkältung war nichts zu hören, absolut souverän sang sie sich durch die hauptsächlich deutschsprachigen Oi!-Punk-Hits des Debütalbums, unter die sich nun aber auch die englischen Songs der kurz vor der Veröffentlichung stehenden neuen EP mischten. Was starke, direkt ins Ohr gehende Melodien betrifft, stehen diese dem älteren Material in nichts nach, stilistisch wirken sie auf mich noch etwas stärker im klassischen UK-Punk verwurzelt. Wird man nichts mit falsch machen können, wenn die Scheiblette aus der Presse kommt! Seit VI die Kraft der zwei Klampfen haben, ist der Sound auch live stets schön drückend. Stefan peitscht die Schießbude wie eh und je kräftig durch und liefert dabei auch was fürs Auge, Ätzer am Bass rollt versiert den Tieftonteppich dazu aus. Sackstarke Band, die die Meute zu Recht zum Tanzen und Mitsingen brachte, während Teile meiner Band schon wieder versuchten, mich kräftig abzufüllen. Dabei hatte ich doch noch was vor, schließlich hatte ich schon vor der Gig-Zusage dem Menschenzoo versprochen, dort heute aufzulegen…

Dorthin hatte die Turbojugend Hamburger Berg die Bands THE BEASTS, POISON HEART und LUCIFER STAR MACHINE zitiert und offenbar nicht gerade übertrieben früh zum Angriff geblasen, denn als ich eintraf, wurde ich noch Zeuge eines fast kompletten LUCIFER-STAR-MACHINE Gigs. Nach zweijähriger Pause sind Tor & Co. wieder am Start, spielen weiterhin ihren Bad-Ass-Death-Punk’n’Roll und tragen verdammt dick auf. Teile des Publikums im recht gut ge-, aber nicht überfüllten Keller-Etablissements hatten natürlich schon kräftig einen im Tee und wirkten nicht mehr allzu aufnahmefähig, aber Tor tat alles, um die Meute noch mal kräftig anzustacheln – z.B. per TURBONEGRO-Cover „Good Head“. Ein weiteres in Form von GG ALLINs „I Kill Everything I Fuck“ war ebenso zu vernehmen wie eigenes Material à la „Eat Dust“, dem für mich vielleicht herausragendsten LCF-Song (ohne mit ihrem Werk bis ins Detail vertraut zu sein). Das LCF-Zeug tritt live allgemein ganz gut Arsch, macht Laune und ist hübsch asozial, wenn auch mir persönlich etwas zu sehr auf Badboy-Macker-Image gebürstet, wobei ich sowat wie ‘ne selbstironische Distanz etwas vermisse. Solange aber immer noch genügend Asi-PUNK-Charme durchblitzt und sich die Band musikalisch voll ins Zeug legt, kann ich da live schon Spaß mit haben. Den hatten LCF offenbar, denn man ließ sich nicht lumpen und brachte noch diverse Zugaben unters Volk, das ich anschließend mit meiner Musikauswahl noch ‘ne Weile in der Kneipe halten konnte. Eigentlich hatten sich noch drei meiner Bandkollegen, teilweise mit Begleitung, angekündigt, doch nach der Equipment-Rückfuhr machten die Luschen kollektiv ‘nen Abknicker… Um kurz nach 4:00 Uhr oder so war dann Feierabend nach einer sehr ausgefüllten Nacht – viel mehr geht nicht.

P.S.: Fotos aus der Sauerkrautfabrik gibt’s hier keine, da ich den Wunsch der Betreiberinnen und Betreiber respektiere, dort keine zu schießen. Danke an alle, die den dortigen Gig ermöglicht haben – gerne wieder!

02.10.2018, Menschenzoo, Hamburg: ZUNAME + BOLANOW BRAWL

Ich bin ja noch ein paar Konzerttagebucheinträge schuldig, also geb‘ ich jetzt mal bischn Gas:

In der Nacht auf den sog. Tag der Deutschen Einheit bekamen wir die Gelegenheit, die russischen Folk-Streetpunks von ZUNAME (sprich: Tsunami) zu supporten. Auf ihrer letztjährigen Tour hatte ich sie mir erstmals im Menschenzoo angeschaut, um eine Woche später mit ihnen im Potsdamer Archiv die Bühne zu teilen. Daraus wurde eine großartige Party, auf der man sich anfreundete – umso geiler, dass sie dieses Jahr wieder eine großangelegte Herbsttour unternahmen und man im Menschenzoo fand, dass wir musikalisch gut zueinander passen würden. Dabei sah es kurzzeitig leider sogar danach aus, dass das Konzert evtl. gar nicht stattfinden würde können: Bassist Kostya war zwei Tage zuvor aus einem Hochbett gestürzt und derart böse auf dem Kopf gelandet, dass er im Krankenhaus behandelt und der Gig am nächsten Tag abgesagt werden musste. In Hamburg allerdings biss er schon wieder die Zähne zusammen und verbarg unter seiner Kapuze einen kopfumfassenden Verband, der ihn nicht daran hinderte, die weiteren Gigs durchzuziehen. Show must go on! Optimalerweise konnten wir ZUNAMEs gemietetes Tour-Equipment mitnutzen, sodass wir mit kleinem Gepäck zum Menschenzoo reisten. Dort legten ZUNAME einen sauberen Soundcheck hin, während unserer auf sich warten ließ, weil Ole herumtrödelte und erst kurz vorm Einlass dazustieß. Norman schleuste uns dann aber recht flott durch seine tausend Schieberegler und gab sein Ok, woraufhin sich die Schleusen öffneten und sich der Zoo langsam aber sicher füllte.  Zeit für Verpflegung: ein reichhaltiger Eintopf erwies sich als wohltuend für Rachen, Hals und Plauze.

Als wir mit „Total Escalation“ in unser Set einstiegen, war die Bude verdammt gut besucht und nach ein paar Songs legte sich sogar ein kleiner, aber feiner Pogomob vor der Bühne ins Zeug, zu dem sich auch einer aus der Crew der Russen gesellte, der die Songs unserer EP lauthals mitsang. Das befeuert einen natürlich und der Alkoholgenuss hatte sein Übriges dazu beigetragen, dass zwischen den Songs wieder reichlich Humbug von meinen Bandkollegen abgesondert wurde, was immer noch besser ist als so’n eher steifes Auftreten wie zuletzt in Rotenburg. Wir wollten und konnten unser komplettes aktuelles Probeset durchzocken, haben uns am Ende aber entschlossen, die letzten beiden Songs zu tauschen – was Ole nicht so richtig mitbekommen hatte und schon nach der vorletzten Nummer seine Gitarre abstöpselte und einpackte. Später kommen und früher gehen – so nicht! Also kurzerhand den Mann zurückgepfiffen und ordnungsgemäß mit der Zugabe „Fame“ den Gig beendet, von dem Gar-nicht-mehr-so-neu-Zugang Keith – wie so oft nach Konzerten mit seiner Beteiligung – fand, er sei unser bisher bester gewesen. Soweit würde ich nun nicht gehen, einmal hab‘ ich mich verträllert und hier und da hat’s auch musikalisch etwas gehakt, z.B. bei der Livepremiere unseres jüngsten Songs „2 Day Session“. Dessen Text hatte ich mir noch als Spickzettel neben die Box gehängt, den sich gegen Ende interessanterweise jemand stibitzte, mit fragendem Gesichtsausdruck durchlas und schließlich gegen eine Setlist eintauschte. Besonders mit dem Publikumsandrang und den positiven Reaktionen hatte ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet, insofern war ich vollauf zufrieden.

ZUNAME ließen im Anschluss nicht lange auf sich warten, die Umbaupause fiel recht kurz aus. Rechtzeitig zu ihrem ersten Song kam sogar noch ein ganzer Rutsch weiteren Publikums, das die Band verdientermaßen abfeierte. Astreiner, flotter, hymnischer Streetpunk mit rauem englischem und russischem Gesang, dem nötigen Maß an Aggression, dem Druck von zwei Klampfen und Marinas Dudelsackspiel als Alleinstellungsmerkmal, der für den unverkennbaren Celtic-Folk-Anteil sorgt.  Vor der Bühne war viel Bewegung, ich irgendwann mittendrin, Pogo und Crowdsurfing, verschwitzte Körper, Biergespritze – perfekt! Und größter Respekt an Kostya, der absolut souverän sein Ding durchzog, als sei nichts gewesen. Ich hoffe, er ist mittlerweile wieder vollständig genesen und falls noch nicht, weiterhin gute Besserung! „Whisky Bottles“, einer von so vielen ZUNAME-Hits, wurde noch mal als Zugabe gespielt, bis die Band, die einmal mehr alles gegeben hatte (auch wenn’s wie eine blöde Floskel klingt – keine Spur von einem Tourkater o.ä.), in den verdienten Feierabend entlassen wurde. Diesmal hatte ich Glück am Merchstand und mein Lieblings-Shirtmotiv gab’s noch in meiner Größe. Zusammen mit der CD, einer schönen Zusammenstellung von Singles und Sampler-Beiträgen, gleich mal gesichert und es nicht bereut. Spitzenband, immer wieder gerne, und ein klasse Abend, bei dem wir mal wieder kein Ende fanden und noch die Nacht zum Tag machten.

Danke an die Menschenzoo-Wärterinnen und -Wärter, an ZUNAME, ans geile Publikum sowie natürlich wie immer an Flo für die Live-Schnappschüsse! На здоровье!

22.09.2018, Schlemmereck, Hamburg: DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Zu diesem Gig kamen wir wie die Jungfrau zum Kinde: Am Montag fragte RACCOON-RIOT-André an, ob wir kurzfristig im Schlemmereck auf dem Hamburger Berg spielen könnten, und obwohl Spontanität sonst nicht so unser Ding ist, sagten wir am Mittwoch zu (nicht ohne abzuklären, ob man dort wisse, worauf man sich einlässt). Hintergrund: Nach dem bedauerlichen Ableben des ursprünglichen Schlemmereck-Betreibers, unter dem sich die Speis-und-Trank-Kneipe zum Hauptquartier der Hamburger Turbojugend entwickelt hatte, wurde der Laden zu einer seelenlosen Billigspelunke verunstaltet, bis der neue Besitzer erkennen musste, dass damit kein Staat zu machen ist. Daraufhin übertrag er die Verantwortung Freunden des ursprünglichen Konzepts und ließ ihnen freie Hand, sodass diese – wenn auch unter kieztypisch eher ungünstigen Bedingungen – nun versuchen, den alten Charme im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu restaurieren und wieder Schwung in die Bude zu bringen. Ein hehres Unterfangen, zu dem u.a. der Plan zählt, eine regelmäßige Konzertreihe an jedem dritten Samstag eines Monats zu etablieren. Als der erste Termin, der zudem aufs Reeperbahn-Festival fiel, verdammt nahegerückt war, man jedoch noch nichts organisiert hatte, bat man André um seine Hilfe, der uns schließlich ins Boot holte. Bischn Internet-Propaganda war schnell gemacht und so wurden flugs die letzten Absprachen getätigt, bevor wir uns tatsächlich am Samstagnachmittag auf „die andere Seite“  des Kiezes begaben. Kai war sogar entgegen allen Punk-Klischees so dermaßen überpünktlich, dass er zunächst vor verschlossener Tür stand, wir anderen kamen mit unserem Equipment nach, wie üblich per Taxi. Da André Schlagzeug und Anlage zur Verfügung stellte, mussten wir uns keinen Bruch heben und konnten entspannt zum ersten Bierchen greifen, während er zusammen mit der Schlemmereck-Crew alles aufbaute und verkabelte. Tische und Bänke im hinteren Bereich der Kneipe wurden entfernt und zur Bühne umfunktioniert. Dr. Tentakel vervollständigte das Drumset und Kai sowie Mike schlossen ihre Äxte für erste Soundchecks an. Dabei musste Kai feststellen, sein Effektgerät offenbar geschrottet zu haben, sodass er sich ausschließlich am Amp um einen achtbaren Klang bemühen musste, während Mike einen der Glaslampenschirme der tiefhängenden Leuchten versehentlich per Headbanging zerstörte – woraufhin die verbliebenen Lampen sicherheitshalber höhergehängt wurden („Hängt sie höher!“).

Gemeinsam tüftelte man schließlich den Gesamtsound inkl. Gesängen aus, was nach einem letzten Mikrotausch auch ganz gut zu gelingen schien. Im Endeffekt hatten wir überraschenderweise einen klaren, differenzierten Sound wie vermutlich nie zuvor, man konnte wohl sogar jedes einzelne Wort, das ich so ins Mikro keifte, verstehen. Damit hatte ich nun nicht unbedingt gerechnet. Zeit für ‘ne Pizza aus der gegenüberliegenden Trattoria (die Schlemmereck-Küche war geschlossen geblieben) und ein paar Pilsetten zum Warmtrinken. Das Gratis-Frühkonzert war für 19:30 Uhr angesetzt worden, was wir noch etwas nach hinten verzögerten. Ich war gespannt, wer so alles überhaupt derart kurzfristig etwas von diesem Gig mitbekommen haben würde – und wie viele sich so früh aufraffen würden, um sich pünktlich zum Herbstbeginn eine Dosis Hasspunkkrawall abzuholen. Wurden dann doch so einige, die ihren Weg in den geschmackvoll zwischen rustikal und Rock’n’roll dekorierten Laden fanden.  Unter die Klientel, die von uns bisher vermutlich noch nie etwas gehört hatte, mischten sich zu meiner Freude auch einige Waffenbrüder und -schwestern. Kurz nach acht dürfte es gewesen sein, als unser Intro gefolgt von „Pogromstimmung“ erklang, über die üblichen altbekannten Nummern sowie Neuzugang „Spaltaxt“ über die seltener Gespielten „Victim of Socialisation“ und „Montag der 13.“ bis zur Hommage an den sozialistischen Plattenbau „Ghettoromantik“. Lief wohl alles relativ pannenfrei, hier und da holperte es etwas oder ich drohte, übers Mikrokabel zu stolpern, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Die Connaisseurs im Schlemmereck ließen es sich  munden, spendeten Applaus und beschwerten sich meines Wissens hinterher auch nicht beim Chefkoch. Obwohl wir unser komplettes Set gespielt hatten (das für die vorausgegangenen Gigs jeweils hatte gekürzt werden müssen), kam es sowohl uns als auch den Gästen plötzlich verdammt kurz vor, so als einzige Band des Abends… Bis wir genug Material für zweieinhalbstündige Stadionshows haben, müssen wir also noch ein paar Songwriting-Sessions abhalten, vorher sollten wir uns allerdings vielleicht doch mal wieder was für ‘ne potentielle Zugabe überlegen. Vielleicht einen Song über Zugaben? Gibt’s so was schon?

Auch nach dem Gig zeigte man sich seitens des Schlemmerecks stets um unser Wohl bemüht und ein erkleckliches Sümmchen für die Bandkasse kam auch zusammen. Besten Dank für alles! Das Schlemmereck mit verzerrter Stromgitarre zu entjungfern hat Laune gemacht, wenn es auch gewöhnungsbedürftiges, bisher unbetretenes Terrain war. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Premiere für alle gelohnt hat und wir niemanden verschreckt haben. Unabhängig davon, wie man zur Turbojugend u.ä. steht, ist das eine empfehlenswerte Kiezbude, die von korrekten Leuten betrieben wird und die man ruhig mal aufsuchen kann – ob nun mit oder ohne Konzert. Für die Zukunft wünsche ich gutes Gelingen! Apropos Zukunft: Mit BOLANOW BRAWL bin ich am Dienstag, 02.10. (dem Abend vorm Feiertag) im Menschenzoo, Mission: Support für die russischen Celtic-Folkpunks und Potsdam-Trinkkumpanen ZUNAME – komma rum da!

P.S.: Danke an Pia, Flo, Anja und Qualle für die Live-Schnappschüsse!

Laurenz Werter – Simple Movie Porträt #6: Ingrid Steeger – Sie war unser Sexsymbol der 70er Jahre

Die im MPW-Verlag erschienene achtbändige „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich weiblichen Erotikfilm-Ikonen wie Laura Gemser, Gloria Guida und Traci Lords. Für die 2009 erschienene Nr. 6 verpflichtete man kino-zeit.de-Redakteur Laurenz Werter, sein Wissen über die am 1. April 1947 als Ingrid Anita Stengert geborene Ingrid Steeger zur Verfügung zu stellen, die ihre Karriere als Schauspielerin 1966 begann und in den 1970ern zum Softerotik-Filmstar wurde, bevor sie mit der Sketchreihe „Klimbim“ auch das Fernsehen eroberte.

Auch diese Ausgabe ist eine Mischung aus Bildband und Informationssammlung: Auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier tummeln sich massenweise hochqualitative erotische Fotografien der Steeger, Filmplakate, Aushangfotos und Coverabbildungen, die das Durchblättern zu einem ästhetischen Vergnügen machen und Frau Steeger in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung festhielten. Nach einem Vorwort erwartet den über die rein visuellen Reize hinaus Interessierten eine wirklich schön und respektvoll geschriebene Biographie Steegers, bevor sich Werter auch kurz ihrer langjährigen Freundin und Filmpartnerin Elisabeth Volkmann widmet (die leider viel zu früh gestorben ist und der TV-/Kinolandschaft fehlt). Herzstück auch dieses Bands ist die ausführliche Filmographie inkl. Stab- und Inhaltsangaben, die tatsächlich jeden Spielfilm mit Beteiligung Steegers, und sei es nur in einer kleinen Nebenrolle, chronologisch sortiert aufführt – von „Karriere“ über die Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich bis hin zu TV-Produktionen bis ins Jahr 2006, abgerundet von einem kurzen Abriss über den österreichischen Sexfilm-Regisseur Ernst Hofbauer. Steegers TV-Auftritten wird darüber hinaus ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch ihre Gastauftritte in TV-Serien Erwähnung finden, was als eine Art Überleitung zum ausgiebigen Abschnitt über die Sketch- und Comedy-Serie „Klimbim“ fungiert, die die Steeger endgültig ins heimische Wohnzimmer brachte und dafür sorgte, dass sie wirklich bald jeder kannte. Fast schon zuviel des Guten ist da ein kompletter Episodenguide, der jede einzelne „Klimbim“-Episode beschreibt. Und wer sich wunderte, weshalb man sich speziell Hofbauer widmete, Dietrich jedoch nicht, hatte offenbar nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut: Das Magazin schließt mit einer fünfseitigen Abhandlung zum Grenzen überschreitenden, Pionierarbeit leistenden schweizerischen Produzenten und Regisseur.

Wer sich auch nur ansatzweise für die Erotikfilm-Epoche der 1970er im Allgemeinen oder Ingrid Steegers filmisches Werk im Speziellen interessiert, bekommt hier also eine geballte Flut an Informationen. Sicher, vieles wird lediglich angerissen, dient jedoch als Orientierungshilfe und lässt sich mithilfe anderer Quellen mühelos vertiefen. Und auch ohne einen einzigen ihrer Filme gesehen zu haben, gewinnt man einen Eindruck der Filmproduktionswelt, in der sie damals agierte und darf sich manch Titel auf der Zunge zergehen lassen: Report- und Kolle’sche Aufklärungsfilme treffen auf „Bumsfallera in Kitzelhausen“, „Die goldene Banane von Graf Porno“ und „Mädchen, komm, die Liebe juckt“. Sonderlich wählerisch schien sie damals nicht gewesen zu sein, Erwin-C.-Dietrich-Produktionen wie „Ich, ein Groupie“ dürften qualitativ noch am ehesten herausstechen. Damit zeichnet dieses Heft anhand der Steeger gewissermaßen auch ein Sittenbild der damaligen Zeit nach, zwischen Freizügigkeit und Verklemmtheit, sexueller Revolution und Frauenfeindlichkeit, körperlichem Selbstbewusstsein und Ausbeutung bis hin zu schmutzigen Lolita-Phantasien älterer Männer – was nicht wirklich Thema dieses Porträts ist, sich anhand der Filme aber sicherlich gut nachvollziehen ließe und insbesondere aus heutiger Sicht eine spannende Entdeckungsreise bedeuten könnte, für die sich diese Filmographie als hilfreich erweisen dürfte.

Doch der MPW-Verlag wäre nicht er selbst, hätten sich nicht wieder zahlreiche Fehler eingeschlichen: In Bildunterschriften wird aus Steegers Dietrich-Debüt gleich mehrmals „Ich, ein Groubie“, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre, aus „Massagesalon der jungen Mädchen“ wird „[…] der unschuldigen Mädchen“ und das RTL-Dschungelcamp heißt mitnichten „Holt mich hier raus – ich bin ein Star“. Stilblüten und Flüchtigkeitsfehler finden sich doch einige, was einmal mehr darauf schließen lässt, dass MPW am falschen Ende gespart und aufs Korrekturlesen verzichtet hat. Schade, denn das hat Ingrid Steeger wirklich nicht verdient. Gar nicht wieder ein bekommt sich Werter angesichts des „Die Betthostessen“-Werbespruchs „Junge Mädchen – gut zu Vögeln“, mal mit großem, mal mit kleinem „v“ zitiert und für den anscheinend unter einem Stein gelebt habenden Autor offenbar ein grandioses, unerreichtes Wortspiel… In der Vorschau auf die nächste Ausgabe lässt sich erahnen, dass es Edwige Fenech nicht viel besser ergangen ist, hat sie doch angeblich in „Your Vice Is a Closed Room and Only I Have the Key“ mitgespielt – peinlich, peinlich… Doch dazu später mehr.

08.09.2018, Villa, Rotenburg (Wümme): HEIAMANN + THE HAERMORRHOIDS + BOLANOW BRAWL

Freud und Leid lagen rund um dieses Konzert nah beieinander: Aufs Urlaubszeitende bedingte Leid folgte die Vorfreude auf dieses Konzert, verbunden mit eingerosteten musikalischen Fähigkeiten und einem allgemeinen Ungeprobtsein, worunter der Gig zu leiden drohte. Immerhin hatten die Mitglieder meiner kleinen Stimmungskapelle so rechtzeitig ihren Müßiggang beendet, dass man zumindest noch ein einziges Mal zum Proben zusammenfand. Erfreulich war, dass die ganze Lala noch ganz gut saß. Zu einer leidvollen Erfahrung wurde wiederum der berüchtigte innerstädtische Stau Hamburgs, der uns nur wenige Kilometer vom Probebunker entfernt auf dem Weg gen Niedersachsen aufhielt. Die Freude wiederum war umso größer, dass wir trotzdem sogar noch deutlich vor der Zeit am Ort des Geschehens eintrafen. In das Konzept der sich diametral gegenüberstehenden Emotionen passt dann auch, dass es einen freudigen Anlass zu feiern gab – den jeweils 30. Geburtstag unserer sich natürlich wesentlich jünger gehalten habenden Gastgeberinnen Julia und Nelly –, der jedoch zugleich die letzte Veranstaltung überhaupt in der altehrwürdigen Rotenburger Villa sein sollte: Das Gemäuer wird in Kürze dem Erdboden gleichgemacht und die Zukunft für D.I.Y.-Konzerte in der Region ist ungewiss.

Vor Ort begrüßten wir neben Nelly den Wedeler Mario, der beim Banneraufhang helfend zur Hand ging, und konnten die ersten Getränke zu uns nehmen. Kurz darauf nahm Nelly alle Hungrigen an die Hand, wahlweise zum Anatol oder zum Ostasiaten, und sorgte für volle Mägen. Das Leid meldete sich, als man uns eröffnen musste, dass der Soundmischer kurzfristig absagen hatte müssen. Dafür sollte jedoch ein Freund des Hauses einspringen und sein Bestes versuchen. Das tat der gute Mann auch, hatte mit einem Mischpult, mit dem er nicht vertraut war und das zudem offenbar technische Macken aufwies, jedoch sicherlich nicht das allergrößte Los gezogen. Dabei ging’s eigentlich „nur“ um den Gesang, der Rest brauchte ohnehin nicht abgenommen werden. Nach einem sich hinziehenden Sound- und Linecheck inklusive zahlreichen Kabel- und Mikrotauschs und unter tatkräftiger Mithilfe der HAERMORRHOIDS hatte ich dann endlich einen Hauptgesang, den sowohl ich und meine Musikanten ein bisschen, der Mob vor der Bühne jedoch laut und deutlich vernehmen konnte. „Die spielen als Erste, die wollen saufen!“, hieß es über uns – soweit korrekt. Naja, und außerdem hatte ich bisher die Erfahrung gemacht, dass in Rotenburg der jeweils ersten Band die meiste Aufmerksamkeit zuteilwird. Konnte ja niemand ahnen, dass es diesmal umgekehrt sein würde: Locker die Hälfte aller Anwesenden ignorierte uns geflissentlich und zog es vor, im Erdgeschoss am Tresen bei DJ Sascha, Kickertisch und Dartscheibe zu feiern. Alle anderen bekamen jedoch elf Mal BOLANOW BRAWL, denen sie vielleicht auch noch etwas die Sommerpausenhüftsteife anmerkten. Zwar saßen Mucke und Texte weitestgehend, als Frontsau war ich aber sicherlich schon mal lockerer und schlagfertiger und wir als Band insgesamt kommunikationsfreudiger. Laune gemacht hat’s trotzdem! Schade, dass es für unseren jüngsten Song „Two Day Session“ noch nicht ganz zur Live-Premiere gereicht hatte – vielleicht am 02.10. im Menschenzoo?

THE HAERMORRHOIDS, ebenfalls aus Hamburg, zogen dann im Anschluss einige Leute mehr. Das Trio zockt QUEERSigen, NOFXigen, RAMONESken, garagigen Pop-Punk US-amerikanischer Prägung, gern flott und kurz, aber prägnant. Drummer und Gitarrist wechselten sich am Gesang ab und wenn der Bassist ‘ne Ansage machte, klang’s durch die P.A., als würde er gerade anrufen – zum Amüsement des Publikums. Gecovert wurde „Havana Affair“ vonne RAMONES. Diese alte schnörkellose One-two-three-four-Let’s-Go!-Schule macht nach wie vor Spaß, sorgt für Kurzweil und geht ins Bein. Die melodischen Refrains kamen bisweilen mehrstimmig, ließen sich schnell mitsingen – und sämtliche drei Akkorde wurden so oft neu arrangiert, dass es für drölfzig Songs reichte, die die Band allesamt auf ein Tape gezwängt hat, das ich mir im Tausch gegen eine unserer EPs sicherte und vielleicht auch endlich mal hören kann, sobald sich unser Merchbeutel und ich wieder zeitgleich im Proberaum befinden.

HEIAMANN schließlich wollten dann alle sehen, die noch stehen konnten. Die Band um ex-VOLXSTURM-, ex-SMEGMA-Stahmer sowie SMALL-TOWN-RIOT-/ex-SUICIDE-QUEENZ-Klampfer Endorsement-Andy spielt nun auch schon seit ein paar Monden ihren melodischen deutschsprachigen Streetpunk, kreuzte, wie’s manchmal eben so ist, bisher aber noch nicht meine Konzertwege. Umso gespannter war ich auf mein „erstes Mal“, zumal ich mir das jüngst veröffentlichte Album „Wir sind nicht zum Spaß hier“ noch gar nicht angehört hatte. Tja, Aller, dass die Jungs das nicht zum ersten Mal machen, merkte man ihnen vom ersten Song an an. Zwei spielfreudige Gitarren zaubern eine eingängige Melodie nach der anderen aus dem Hut, Bass und Drums machen Druck und Stahmer übernimmt den aufgekratzten Hauptgesang, unterstützt von den genreimmanenten Chören in den dominanten Refrains. Im Gegensatz zu mancher für meinen Geschmack zu gesetzt und abgeschmackt klingenden zeitgenössischen Band dieses Bereichs haben HEIAMANN noch ordentlich Pfeffer im Arsch und verstehen es auch, diesen aufs Publikum zu übertragen. Ok, so ca. ab der Hälfte war ich eh nicht mehr wirklich zurechnungsfähig und befand mich fest im Griff meines euphorisierenden Lieblingsgetränks – Freibier! –, beschloss aber kurzerhand, die Platte einfach mal mitzunehmen, allein schon, um meinen Eindruck auch mal nüchtern und in Ruhe überprüfen zu können. Doch die Freude über den Neuerwerb  währte nicht allzu lang, denn als irgendwann kollektiver Ortswechsel anstand, fiel mir noch ein, dass ich meine Plünnen noch im Abrissgebäude stehen habe, fand den HEIAMANN-Dreher aber nicht mehr. Die fiese Type, die mir stets heimlich folgt und sich aus meinen liegengelassenen oder verlorenen Tonträgern eine eigene Sammlung aufbaut, dürfte um ein weiteres Exemplar reicher sein.

Wo wir hinwollten, war übrigens zu. Teile meiner Band waren aufgrund von Krankheit (Christian spielte mit 100 °C Fieber und TBC) oder leichtfertig getätigten Zusagen fürs weitere Wochenende leider schon frühzeitig abgehauen oder taten es spätestens jetzt , also begaben Flo und ich uns lediglich zusammen mit Sascha in den Garten unserer freundlichen Herbergsdame, der wir vermutlich noch ein bisschen auf die Nerven gingen, bis irgendwann echt kein Bier mehr in uns hineinpasste und wir uns in die Horizontale begaben. Bei allem beschriebenen Leid überwog definitiv die Freude über die geile Party. Danke noch mal an die Geburtstagskinder, alle, die organisiert und mitgefeiert haben, unsere Herbergsdame für die luxuriöse Unterkunft sowie Flo für die Schnappschüsse unseres Gigs! Außerdem an alle, die sich so großzügig bei der  Spendensammlung für die Bands gezeigt haben, dass sogar noch bischn wat für die Bandkasse rumkam! Bleibt zu hoffen, dass sich schnell ein adäquater Ersatz für die Villa findet – alles andere wäre verdammt traurig.

Ulf S. Graupner / Sascha Wüstefeld – Das UPgrade 1: Wunder, Würfel, Weltfestspiele

Den vorläufigen Abschluss meiner Auseinandersetzung mit Wende-Comics sollte „Das UPgrade“ bilden, ohne zu ahnen, dass es sich lediglich um den ersten Band einer auf zehn Teile angelegten Reihe handelt, die Autor Ulf S. Graupner und Co-Autor/Zeichner Sascha Wüstefeld in einem Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichen wollen und von dem bereits drei erschienen sind. Und beim mir vorliegenden, wunderschönen großformatigen, gebundenen und vollkolorierten, 64 Seiten umfassenden Band, der im März 2015 im Cross-Cult-Verlag erschienen ist, handelt es sich auch keineswegs um die Erstveröffentlichung: 2012 verlegte bereits der Zitty-Verlag die ersten beiden Bände, der dritte folgte in Eigenveröffentlichung. Im Cross-Cult-Verlag erfolgte 2015 also so etwas wie ein größer angelegter Neustart.

Der 5. Mai 1988: Ronny Knäusel, 21 Jahre jung, ausgestattet mit einem Walkman und einer FDJ-Uniform, teleportiert eine Gruppe Ausreisewilliger aus der DDR heraus. Zeitsprung, Januar 1992, Malibu, Kalifornien: Der ehemalige Surf-Rock-Star Cosmo Shleym bestellt eine Pizza zu seinem spacigen Anwesen, zerstückelt den Boten jedoch versehentlich eine viele kleine Würfel. Erneuter Zeitsprung, November 1965: Ronny Knäusels Mutter sediert ihren Mann, um Sex mit ihm zu haben und endlich schwanger zu werden. Ronny kommt am 1. August 1966 zur Welt. Sieben Jahre später hat Cosmo Shleym einen Auftritt bei den X. Ost-Berliner Weltfestspielen, ein Mordanschlag der Stasi auf ihn schlägt fehl. Der kleine Ronny weiß davon nichts, blättert an seinem Geburtstag in der Frösi und lauscht dem Jugendsender DT64. Anstelle seines Blitz-Fahrrads hätte er lieber ein Abonnement der Bildergeschichten-Zeitschrift Mosaik (für das die UPgrade-Autoren selbst gearbeitet haben und das eine Art DDR-Ersatzdroge für comicaffine Jünglinge war) als Geburtstagsgeschenk erhalten. Als er erfährt, was in Berlin los ist, teleportiert er sich dorthin und ist ganz aufgelöst, weil er sich in die Hose gekackt hat – eine Nebenwirkung des Teleportierens. Dort trifft er auch auf Frau Bellmann, seine Pionierleiterin, die jedoch plötzlich eine Waffe zieht. Doch bevor sie auf Shleym zielen kann, teleportiert sich Ronny zurück nach Hause und nimmt die Attentäterin unfreiwillig mit. Der letzte Zeitsprung führt ins Jahr 1992: Die DDR ist Geschichte; Ronny alias DER TRANSLOKAT, ihr ehemals einziger Superheld, sitzt bierbäuchig und frustriert in seiner Plattenbauparzelle und hadert mit seiner Existenz, bis er sich in suizidaler Absicht aus dem Fenster stürzt…

Außer im Prolog fehlt sein Auftreten als Superheld also komplett in diesem ersten Band, der mit dem fiesest möglichen Cliffhanger endet. Stattdessen bekommt man kurze Einblicke in verschiedene Zeitabschnitte, deren Zusammenhänge sich allenfalls erahnen lassen. Dieser erste Band ist somit nicht mehr als die Exposition eines großen Ganzen, das einem mit seinem faszinierenden, farbenprächtigen Funny-Stil die Fortsetzungen schmackhaft macht. Auf eine feste Panelstruktur wird verzichtet, der Seitenaufbau ist sehr dynamisch und seinen Inhalten untergeordnet. In den zunächst überladen wirkenden Bildern gibt es viele Details zu entdecken, die die DDR-Alltagskultur illustrieren (was manch anderem Wende-Comic abgeht) und bedeutende Momente der DDR-Historie ins Gedächtnis ruft, die durch den Kakao gezogen und mit der fiktionalen Handlung verknüpft werden. Zudem sächselt Ronny in seinen Sprechblasen stilecht, was einen weiteren starken Kontrast zum allgemeinen Bild von Superhelden bildet, den satirischen Aspekt demnach verstärkt. Wer sich ein bisschen mit der DDR auskennt – z.B. weil er selbst in ihr gelebt hat –, wird somit, wie beispielsweise auch in Mawils „Kinderland“, einiges wiedererkennen, und wer es nicht tat, dem werden authentische Einblicke bis hin zu detailgetreu nachgezeichneten Zeitschriften-Titelseiten gewährt. Der Post-Wende-Abschnitt wiederum spielt unzweideutig auf die Ernüchterung und Katerstimmung zahlreicher desillusionierter „Wende-Verlierer“ an; ein Thema, das bisher zu selten in Wende-Comics bearbeitet wurde.

Eine Art Spin-Off ist die Bonusgeschichte dieser Neuauflage: „Günnis Tubenauto“, dessen Titelseite im Stil der Computerspielreihe „Grand Theft Auto“ gestaltet wurde und von der DDR-Kinderzahnpaste „Putzi“ präsentiert wird, erzählt von meinem Namensvetter und Vater Ronnys, genauer: wie er die Geburt seines Sohns erlebte. Und damit nicht genug: Im „Aus dem ‚Skizzenbuch’ des Patienten Sascha W.“ genannten Anhang lässt sich selbstironisch kommentiert die zeichnerische Entstehung der Figuren nachvollziehen. Über die Handlung an sich lässt sich aus beschriebenen Gründen noch kein Urteil bilden, alles andere ist aber auf derart hohem Niveau, dass man den Autoren/Zeichnern und dem Verlag den nötigen langen Atem für ihr Unterfangen wünscht, die zehnbändige Reihe regelmäßig zu produzieren und zu veröffentlichen, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht schon mit dem mir noch unbekannten Band 2 eine etwas nachvollziehbarere, linearere Erzählweise präsentiert zu bekommen. Ich bin gespannt!

26.-28.07.2018, Brande-Hörnerkirchen: HEADBANGERS OPEN AIR

Auf ‘nem zünftigen Metal-Open-Air-Festival war ich seit 2016 nicht mehr gewesen und so langsam hatte mein Körper mal wieder nach einem verlangt. Vom Headbangers Open Air irgendwo auf’m Dörben hinter Elmshorn (im Garten des Organisators) hatte ich bisher nur Gutes gehört, zudem ist’s gewissermaßen gleich umme Ecke. Nach Rücksprache mit der besseren Hälfte also frühzeitig die Tickets gesichert, ein Zimmer reserviert (Zelten ertrage ich nicht mehr) und schließlich am Donnerstag, dem 26.07. unter die abgeranzten Kutten, stolz präsentierten Bierbäuche und das Spandex-und-Schnurri-Revival gemischt, um mir ‘ne Überdosis Schwermetall zu injizieren. Da ich zumindest über Kutte und Plauze selbst verfüge, sollte ich auch nicht negativ auffallen. Zunächst hieß es aber, erst mal anzukommen, und das war dank unserer Verpeiltheit gar nicht so trivial: Wir verspäteten uns bei unseren Gastgebern, nicht jedoch etwa aufgrund der Signalstörung, die auf diesem Streckenabschnitt, wie später die Rückfahrt zeigen sollte, offenbar eher die Regel denn die Ausnahme ist: Nachdem wir in Altona in die Regionalbahn gestiegen waren, hatten wir uns in unsere Lektüren vertieft und glatt den Ausstieg in Elmshorn verpasst – wer kann denn auch ahnen, dass die Bahn plötzlich so flink ist?! Also nächste Station raus, die Vermieter in Kenntnis gesetzt und dasselbe Stück wieder zurückgefahren… Unsere Gastgeber indes erwiesen sich als so cool, uns kurzerhand am Bahnhof Osterhorn mit dem Auto abzuholen, sodass wir einiges an Zeit wieder gutmachten. In der komfortablen Unterkunft also aufgrund der Affenhitze kräftig eingeschmiert, Tascheninhalte aus- und umsortiert und per Taxi zum ca. 5 km entfernten Festivalgelände.

Tag 1: Lost in Necropolis

Da es am Eröffnungstag erst um 16:00 Uhr losging, lagen wir perfekt in der Zeit. Kurze Stärkung an der Fischbrötchenbude (deren Verkäuferin nebenbei ihre aufgrund der Hitze kollabierte Mutter versorgen musste), die ersten Freunde und Bekannten aus der HH-Metal-Szene begrüßt und einen groben Überblick übers Gelände verschafft – jo, is’n gemütliches, fast schon familiäres Festival mit Besucherzahlen im unteren vierstelligen Bereich und fairen Preisen! Den Opener machten die postapokalyptischen Power-Metaller SHADOWBANE aus Hamburg, die für die Speedsters von VULTURE eingesprungen waren, welche leider hatten absagen müssen. Scheiße, ist’s wirklich schon mehr als fünf Jahre her, dass ich SHADOWBANE zuletzt gesehen hatte?! Damals, im Bambi, als Support für BLAZE BAYLEY… Mit ihren Show-Einlagen erwiesen sie sich jedenfalls als die perfekte Vorhut: Typen in ABC-Schutzanzügen (bei der Hitze…) betraten fahnenschwenkend die Bühne, hatten radioaktivgrünen Schnaps in Reagenzgläsern dabei, den sie der Band einflößten, und standen ansonsten postapokalyptisch am Bühnenrand herum. Die Band zockte derweil ihren flotten, manchmal leicht thrashigen, immer vollkommen unpeinlichen, sich dem „Happy Metal“ verweigernden Power Metal, hatte Synchronposen wie einstmals ACCEPT einstudiert, und Dieter Bohlen am Mikro überzeugte mit kräftigem Klargesang. Ein gelungener Einstieg ins Festival, zu dem die regionale Spezialität „Kirschbier“ gut mundete.

SPEED QUEEN aus Belgien ist keine amphetaminabhängige Monarchin, sondern eine belgische Speed-Metal-Hoffnung, deren im letzten Jahr veröffentlichte Mini-LP gut eingeschlagen hat. Dass der Sänger mal nicht in den höchsten Tonlagen quäkt, ist ‘ne willkommene Abwechslung zu anderen Speed-Bands. Live ließen sie’s hier ebenfalls gut krachen: Auf zweimal Hochgeschwindigkeit folgte eine Boogie-Nummer „for the girls“, wie man das Publikum wissen ließ. Dann wurde das Gaspedal wieder durchgetreten. Die Songs des Vinyls wurden mit einem sehr geilen Instrumental sowie den Coverversionen „Nice Boys Don’t Play Rock’n’Roll“ (ROSE TATTOO) und „Doctor Doctor“ (UFO) angereichert, der Stimmungspegel blieb stets gleichbleibend hoch. Neben „Kids of Rock’N Roll“ hatte es mir besonders „Fly High“ angetan und der letzte Song „Stay Drunk“ wurde mit einer der lässigsten Ansagen des Festivals angekündigt: „Stay sexy, stay drunk!“ Logen, Digger!

Wir blieben im Tempo: Die Überzeugungstäter SEAX aus Massachusetts haben seit 2012 alle zwei Jahre ein Album veröffentlicht und sich mit Haut und Haaren dem Speed Metal verschrieben, erweitert um eine gewisse HC-Punk-Kante. One, two, three, four, gib ihm! Sänger und Schönlingsblondchen Carmine kreischt dazu in den höchsten Tönen, das Background-Shouting setzt die nötigen Kontraste dazu. Ist mir persönlich manchmal bischn zu „drüber“; gern weniger Gekreische und mehr Hooks in den Riffs. Ihre Hits hat die Band aber zweifelsohne („Livin‘ Above the Law“, „Speed Metal Mania“, „Fall to the Hammer“) und live lief mir an diesem Nachmittag „Nuclear Overdose“ am besten rein – Knaller!

Den Drummer und den Gitarristen teilen sich SEAX mit ihren Nachbarn RAVAGE, die seit 1995 im Underground herumrödeln und seit einiger Zeit auf Metal Blade auch richtige Studioalben veröffentlichen. Allein schon wegen ihrer geilen Plattencover will ich sie eigentlich mögen: Auf „Return of the Spectral Rider“ schießt ein Mutant auf einem Endzeitmotorrad und mit einem Riesenhammer bewaffnet aus Castle Grayskull heraus – ich mein‘, wie geil ist das denn?! Hat aus der Konserve nur leider bisher nicht so geklappt, das Abfeiern, und auch live wähne ich mich erst mal im falschen Film: Der Sänger erweist sich als hinterletzter Poser, der, die Matte streng zurückgekämmt, zum Zopf zusammengebunden und mit Sonnenbrille auf dem Zinken, kaugummikauend (!!!) sein Set absolviert. Er wäre wohl gern ein großer klassischer Metal-Sänger, hat dafür aber einen viel zu geringen Stimmumfang. Musikalisch mäandert man irgendwo zwischen Heavy, Speed und Thrash, doch wo sind die erhabenen Melodien, wo die Killerrefrains? Den Rest gibt den belanglosen Kompositionen dann meist besagter Sänger, der stimmlich durch die Songs eiert und ständige „Wohohos“ und „Yeahyeahyeahs“ unterbringt, bis irgendwann fast alles danach klingt – auch wenn er ganz etwas anderes singt. Ich hatte die Band schon abgeschrieben, als sie plötzlich für zwei Songs mächtig Gummi gab, was zumindest musikalisch arschtrat. Und gegen Ende dann endlich der Hit der Band, bei dem sich der Sänger darauf besinnt, einfach giftig zu keifen: „The Shredder“! Eine astreine Thrash-Nummer, die für einiges entschädigte. Würden RAVAGE so oder so ähnlich dauerhaft klingen, wäre ich der Erste, der sich eines ihres Grayskull-Shirts holt – versprochen!

Der schwedische Multiinstrumentalist und Band-Tausendsassa Cederick Forsberg hat einen Narren an den ollen Hamburger Metal-Piraten RUNNING WILD gefressen und ein nach einem deren Alben BLAZON STONE benanntes Projekt gegründet, um möglichst genauso zu klingen. Die einen nennen’s Plagiat, die anderen Hommage, mir war’s bisher reichlich wumpe. Nun hat Ced eine Liveband zusammengestellt und seinem Bruder Erik das Mikro in die Hand gedrückt, der auch auf den letzten Alben gesungen hat. Optisch hat Rock’n’Rolf mit seiner Pudelfrise schon mal bischn wat mehr hergemacht als der untersetzte, kurzhaarige Moppel. Auch hat Rolf eine etwas dunklere, tiefere Stimme. Dafür scheinen BLAZON STONE aber tatsächlich die besseren RUNNING-WILD-Songs als Angelo Sassos Cheffe zu schreiben, zumindest zu bestimmten, hoffentlich überwundenen Phasen. Die fetten Chöre, die zwingend dazugehören, kamen aus der Konserve, was ich ziemlich daneben finde: Only live is live. Nichtsdestotrotz hat Ced sehr ordentliche Gitarrenarbeit geleistet, wovor ich meinen Piratenhut ziehe. Manch flott gezocktes Double-Lead versetzte dann auch wirklich in Verzückung. Auf „Branded and Exiled“ habe ich trotzdem vergeblich gewartet…

Dass es der letzte MANILLA-ROAD-Auftritt werden würde, hatte niemand geahnt. Umso glücklicher bin ich, diesem beigewohnt zu haben – schließlich war es nicht nur mein letzter, sondern auch mein erster! Aus Epic Metal mache ich mir normalerweise nicht viel. Klar haben z.B. MANOWAR ihre Hits wie „Black Wind, Fire and Steel“, aber ansonsten hat sich mir diese Band genauso wenig erschlossen wie weniger populäre Bands dieses Subgenres. IRON MAIDEN sind für mich episch, nicht aber Bands, die sich selbst diesen Stempel aufdrücken und überflüssiges Fantasy-Zeug singen. Dass die so lange vom Gros der Szene verkannten, im Untergrund stets als Geheimtipp gehandelten MANILLA ROAD aber irgendwie anders sind, hatte ich bereits während meiner ersten Phase der Beschäftigung mit ihnen erkannt. Diese liegt noch nicht lange zurück, beschränkte sich auf die zum Kult erkorenen ‘80er-Alben und förderte deren offensichtlichste Hits zutage. Einer dieser Ohrwürmer ist „Divine Victim“, zu dem wir mit leichter Verspätung zu diesem Gig stießen. Die Band um Subgenre-Mitbegründer und kauziges Urgestein Mark „The Shark“ Shelton, seit den 2000ern verstärkt um Sänger Bryan Patrick, spielte ein Co-Headliner-Set, das mich in seinen Bann zog. Shelton schien völlig in seiner eigenen Welt zu sein, einer Welt, die er mit seinem Gitarrenspiel erschuf und an der er das Publikum teilhaben ließ. Viele Stücke klangen sehr getragen, aber auch sehr wuchtig, einnehmend. Sie versetzten einen beinahe in eine Art Trance-Zustand, wenn man sich auf sie einließ. Zwischendurch verstummten seine Mitmusiker für ein Gitarrensolo Marks, obwohl bei einigen Stücken ohnehin auf jede Strophe ein Gitarrensolo folgte. Fasziniert beobachtete ich diesen alten Mann mit seiner Gitarre und was er alles mit ihr anstellte, welche Klänge er ihr entlockte. Die meisten Songs wurden von Bryan Patrick mit seiner dunklen, sonoren Stimme gesungen, andere teilte er sich mit Mark. Eine tolle Halbballade vom aktuellen Album wurde hauptsächlich von Mark gesungen, bei „Necropolis“ übernahm er die Strophen. Zum Höhepunkt des Sets avancierte „Crystal Logic“ in einer unfassbar geilen Version mit massiver Publikumsunterstützung, bei der man Gänsehaut bekam. Ohne Zugabe ließ man die Band nicht zurück auf die Straße und so beschallte noch der krönende Abschluss „Heavy Metal To The World“ das Gelände. Während dieses Auftritts hatte es endgültig bei mir Klick gemacht und ich begab mich zusammen mit vielen anderen Freaks auf die lange, staubige MANILLA ROAD, die mich demnächst zum Plattenladen führen wird.

Die seit 2012 wiedervereinten Schweden MORGANA LEFAY konnten das natürlich nicht mehr toppen. Ich habe mir aus dieser Band nie etwas gemacht und das sollte sich auch an diesem Abend nicht ändern. Für meine Ohren stinklangweiliger ‘90er-Groove-Metal zum Abgewöhnen. Nee, so gar nicht mein Ding. Doch nicht nur meine Freundin, auch große Teile der Headbanger-Fraktion empfanden das anders und hatten viel Spaß mit dem Gig. Es sei ihnen gegönnt. Nach erneutem Intro-Brimborium folgte nicht nur eine Zugabe, sondern derer drei. Uff.

Danach war’s dann stockduster, aber irgendwie immer noch nicht kälter, die Hitze stand in der Atmosphäre und wollte nicht weichen. Da wir bereits mit dem Taxi angefahren waren, wollten wir das nicht einreißen lassen und begaben uns auf einen nächtlichen Spaziergang zurück zu unserer Unterkunft, vorbei an riesigen Maisfeldern. Dass Mark Shelton zu dieser Zeit um sein Leben kämpfte oder es gar bereits verloren hatte, wussten wir noch nicht.

 

Tag 2: Rock’n’Roll Crazy Night

Erst mal war auspennen angesagt… Motiviert machten wir uns schließlich erneut zu Fuß auf den Weg zum Festivalgelände durch Dorfstraßen, in denen die wenigen Einheimischen freundlich grüßen und auch der Betreiber des örtlichen Edeka-Markts jeden Kunden persönlich bemoint. Für uns hat sich der gute Herr Boost dann sogar noch persönlich dafür eingesetzt, dass wir an der Käsetheke frisch geschmierte Frühstücksbrötchen bekommen, die wir auf dem Weg verzehrten. PSYCHOPRISM, die erste Band des Tages, ließen wir PSYCHOPRISM sein und als wir langsam aber sicher in Hörweite zum Festival gerieten, hörten wir die Texaner SYRUS zunächst beim Soundcheck und schließlich während ihrer ersten Stücke inkl. über die Felder dringenden Falsettgesangs. Im Biergarten dann erst mal ‘ne Cola gekippt und eine gedampft; anschließend ging’s vor die Bühne, um den restlichen SYRUS-Songs beizuwohnen: Progressiver US-Metal, den ich, um ihn richtig beurteilen zu können, mir mal in Ruhe anhören müsste – wobei ich mich mit diesem Stil schwertue, Ausnahmen (QUEENSRŸCHE – Operation: Mindcrime!) bestätigen die Regel. SYRUS existieren anscheinend bereits seit 1983, haben aber erst letztes Jahr ihr Debüt-Album veröffentlicht. Der Sänger fischt in den höchsten Tonsphären und seine Band gniedelt sich dazu gut einen ab. Sie wähnten sich, wie aus den Ansagen hervorging, übrigens in Hamburg – klar, die Elbmetropole ist bekannt für ihre Kuhweiden, Äcker und Getreidefelder sowie ihre Heavy-Metal-Gartenpartys! 😉

Als wir uns in der Umbaupause zum Camp unserer Bekannten begaben, erfuhren wir das Unfassbare: Mark Shelton hatte nach seinem Auftritt einen Herzinfarkt erlitten und war kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Vor unserer Ankunft hatte die Festivalleitung offenbar eine entsprechende Bekanntgabe gemacht und an diversen Verkaufstresen Spendenboxen für die Überführung der sterblichen Überreste des mit seiner Musik unsterblich gewordenen Mannes aufgestellt. Was dieser Tod bedeutet, wird mir erst im Laufe des Tages so richtig bewusst, zunächst klingt das für mich einfach nur ziemlich irreal. Überrascht war ich auch, dass er erst 60 war, denn er sah doch deutlich älter aus. Welch ein Verlust für die Musikwelt im Allgemeinen und die Metal-Szene im Speziellen. Rest in Power, Mark, and thank you for the music…

Auf der Bühne blieb’s US-metallisch, ANCIENT EMPIRE buhlten nun um unsere Gunst, eine noch relativ junge, jedoch von erfahrenen Musikern betriebene Band aus Kalifornien mit Silent Bob am Gesang. Dieser sang größtenteils in normaler Tonlage, was ich ganz angenehm fand, musikalisch wollte der Funke aber nicht auf mich überspringen, ich fand die Songs eher öde. Eine Ausnahme war „Other World“, den ich mir gleich mal notiert hatte: Ordentlich Dampf und ein Killerrefrain, der besonders live bestens zur Geltung kam. Ihren Auftritt beschloss die Band mit dem Instrumentalstück „Bound to Fail“ von ACCEPT – war das als Hommage gedacht oder habt ihr dafür echt nix eigenes?

In der folgenden Umbaupause verpassten wir anscheinend eine Ansprache des ehemaligen RUNNING-WILD-Gitarristen Preacher mit anschließender Gedenkminute zu Ehren Mark Sheltons, die spontan anberaumt worden war. Zu TRANCE fanden wir uns aber wieder vor der Bühne ein. Die Rheinland-Pfälzer, gegründet 1977 (!), gibt’s ja wie so viele alte Recken nun auch wieder. Eigentlich sitzt der deutsche MANILLA-ROAD-Drummer Neudi auch dort hinter der Schießbude, wurde aus verständlichen Gründen jedoch von Ur-Drummer Jürgen Baum ersetzt. Schön, dass das angesichts der beschissenen Situationen so schnell und anscheinend unkompliziert geklappt hat. TRANCE haben sich mit einem Jungspund am Gesang verstärkt, Nick Hollemann ist ein ziemlicher Springinsfeld und gut bei Stimme. Ein paar durchaus gefällige Melodien gaben sich mit doofem Hardrock-Gestampfe die Klinke in die Hand. „We are the Revolution“ wurde per Mitsingspielchen ausgedehnt, eine Halbballade klang ganz geil und bei „Break the Chains“ sprang Hollemann im Fotograben herum, um der ersten Reihe das Mikro hinzuhalten. Etwas später verstand ich dann auch das Glasflaschenverbot: Bei Hollemanns hohem C wären die alle gesprungen.

Bereits seit Anfang der 1980er sind auch die Schweden DESTINY aktiv, allerdings mit einigen längeren Unterbrechungen. Sie haben sich um einen Jüngling am Gesang verstärkt, der mich optisch, bis auf die Frisur, an irgendwen erinnerte – war’s der junge Joey Tempest (EUROPE)? Der Heavy/Power Metal des Quintetts war technisch gut, songschreiberisch jedoch schwach und mir insgesamt zu verhalten. Erst gegen Ende gelang es ihnen, sich langsam meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erspielen: Der vorletzte Song schien mir der „härteste“ zu sein, dem konnte ich noch am ehesten etwas abgewinnen. Und auch die letzte, auf Schwedisch gesungene Nummer für die Crew lief ganz gut rein.

Spielten leider nicht...

Spielten leider nicht…

SORCERER sparten wir uns, denn es handelte sich leider nicht um die (hörenswerten) argentinischen Power-Metaler, von denen einer mit seiner Freundin vor Ort war und fleißig Flyer für die Debüt-EP verteilte, sondern um die schwedischen „Epic-Doomer“ – und für mich gibt es kaum eine überflüssigere Metal-Spielart als diese: Lahmarschig geschrubbte Riffs zu Opern-Geträller – nee, danke. Die Zeit nutzten wir u.a., um noch mal in aller Ruhe die Verkaufsstände zu inspizieren, wobei ich einer meiner Lieblingsaktivitäten nachgehen konnte: dem Kauf von Aufnähern. Auch manch Klönschnack mit bekannten Gesichtern war nun drin. Zu den alten Hasen von TKO waren wir aber wieder am Start: Sänger Brad Sinsel hat einige verdiente Mucker von Bands wie FIFTH ANGEL und Q5 um sich geschart und präsentiert seinen sleazigen US-Hardrock/-Metal einem interessierten Publikum, das mit den drei Alben aus den Jahren 1979 (!), 1984 und 1986 vertraut sein dürfte. Ich war’s weniger, denn so ganz mein Stiefel ist das nun nicht. In erster Linie sind mir TKO aufgrund ihres geschmacklosen Frauenwegklopp-Covers der ‘84er LP in Erinnerung geblieben. Live machten sie nun jedenfalls gut Alarm, spielten technisch versiert und sololastig. Mitsingkompatible Refrains wurden von der Anhängerschaft frenetisch mitgebrüllt und die Metalfists dazu geraist. Der erste Block an ungestümeren Songs wurde von einer pathetischen, aber nicht üblen Ballade abgelöst, später bescherte ein Angeber-Gitarrensolo (inkl. schräger Version der „Ode an die Freude“) den anderen Bandmitgliedern eine verdiente Pause. Auf einige hardrockigere Stücke folgte ‘ne weitere Ballade. Schade allerdings, dass Brads Gesang nicht lautergedreht wurde, als er konditionell etwas an Stimmkraft einbüßte. Saß der ansonsten einen guten Job machende Mischer da auf seinen Ohren? Brad schien das zu bemerken und gegenanzubrüllen zu versuchen, was ihm zwischenzeitlich ‘ne hochrote Rübe und mir die Sorge bereitete, dass hier bald der nächste Senior umkippt – was zum Glück ausblieb. Dennoch: Hier hätte ich mir mehr Sensibilität seitens des P.A.-Menschen gewünscht. Insgesamt ‘ne unterhaltsame Show mit einem sich wacker schlagenden Shouter vom alten Schlag, für die man jedoch gut und gerne auf das totgenudelte „Born to be Wild“-Cover hätte verzichten können.

Nun war’s aber Zeit für mein erstes Highlight des Tages und die Band, auf die ich mich im Vorfeld mit am meisten gefreut hatte: Endlich mal wieder TANKARD live! Das Innengelände füllte sich radikal und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, eröffneten die Frankfurter Kampftrinker mit dem Titelsong ihres neuen Albums, „One Foot in the Grave“! Klassiker wie „The Morning After“ und „Zombie Attack“ ließen die Thrasher im Pit komplett durchdrehen, Dreck und Staub wurden aufgewirbelt, Körper knallten aufeinander, Brillen barsten. Jüngeres bzw. nicht ganz so altes Material wie „Not One Day Dead (But Mad One Day)“, „Rapid Fire“ oder „Minds on the Moon“ stand dem kaum nach und bewies, dass TANKARD auch heute Wert darauf legten, möglichst viele Phasen ihrer extrem umfangreichen Diskografie abzudecken. Das live immer schön groovende „Rules for Fools“ wurde als Disconummer angekündigt, „Rectifier“ als Ballade, bei „R.I.B. (Rest in Beer)“ ließ sich bestens mitgrölen, „Chemical Invasion“ legte die Geschwindigkeitslatte wieder verdammt hoch und für „A Girl Called Cerveza“ bildete sich ein amtlicher Circle Pit. Gerre rannte mit den gewohnten Hummeln im Arsch über die Bühne, machte Faxen, tanzte mit einer blonden Dame und kloppte das Mikro auf seine Fleischschürze. Seine witzigen Ansagen wurden lediglich einmal ernst, als es um Sheltons Tod ging und er das Publikum bat, sich an der Spendenaktion zu beteiligen. Mit „Freibier“ und „(Empty) Tankard“ zum Ende ging man auf Nummer sicher und irgendwann im Laufe des Gigs hatte sich auch der anfänglich leider alles andere als optimale Sound eingepegelt. Toller, schweißtreibender Auftritt der ewig jungen Frankfurter, die in dieser Besetzung nun auch schon gefühlt ewig zusammenspielen und ein ums andere Mal beweisen, welch klasse Liveband sie sind.

LOUDNESS hatten bereits im letzten Jahr das Headbangers Open Air beehrt – mir egal, ich war ja nicht da. Außerdem spielten sie diesmal ein spezielles, um nur wenige aktuelle Songs erweitertes Set aus den Alben „The Law of Devil’s Land“ (1983) und „Disillusion“ (1984). Ich muss zugeben, LOUDNESS immer ein bisschen vernachlässigt zu haben.  Mit dem Œuvre der Japaner bin ich kaum vertraut und live gesehen hatte ich sie bisher schon gar nicht. Mit einem unheimlich guten, druckvollen Sound nahmen sie mich jedoch sofort gefangen. So verzichtete ich auf das Blutmond-Schauspiel (eine seltene Mondfinsternis wäre zu beobachten gewesen, wäre man irgendwo aufs weite Feld gelaufen – vom Festivalgelände war nichts zu sehen) und beschloss, mir davon am nächsten Tag Fotos anzusehen, um den ebenso unwiederbringlichen, jedoch vermutlich nicht konservierten LOUDNESS-Gig zu genießen. Deren pervers guter Gitarrist Akira Tagasaki, Sänger Minoru Niihara mit seiner leicht heiseren Stimme und die Rhythmussektion inkl. eines Ersatzdrummers lieferten nicht einfach nur ab, sondern erzeugten eine regelrecht magische Stimmung, in der sich mir die Atmosphäre ihrer klassischen und doch exotischen Songs erschloss und mich so bald nicht mehr losließ. Das klang alles knackfrisch und nach großem Metal-Entertainment mit emotionalem Tiefgang. Die HOA-Gäste waren trotz vorgerückter Stunde und TANKARD-Gig in den Knochen bester Dinge und hielten die Stimmung permanent weit oben, die ihren Zenit bei „Rock’n’Roll Crazy Night“ erreicht gehabt haben dürfte. Gegen Ende wurde mit „Go For Broke“ ein Stück vom neuen Album gezockt, im Anschluss folgte der erste und einzige schwache Song (der Titel ist mir entfallen). „The Sun Will Rise Again“ aus dem Jahre 2014 (vom 26. (!) Studioalbum) wurde Mark Shelton gewidmet und zum Abschluss gab’s noch mal einen superben Uptempo-Kracher mit langgezogenem Outro auf die Löffel. Als Rausschmeißer aus dem Off erklang „Lo Chiamavano Trinita“ aus dem Spencer/Hill-Klopper „Die rechte und die linke Hand des Teufels“, zu diesen Klängen verließ ich völlig geflasht und schwer begeistert das Areal. Das war groß, LOUDNESS! Gäb’s von diesem Gig ein Live-Album – ich würd’s kaufen.

Zurück in unsere Pension ging’s diesmal per Taxi…

 

Tag 3: Weniger schwätze, mehr singe

…dafür am nächsten Vormittag wieder zu Fuß aufs Gelände, natürlich nicht ohne Frühstücksschlenker zum Edeka. Die Band, die bereits um 11:00 Uhr auf dem Zeltplatz ein Coverset zockte, war damit einfach zu  früh für uns dran, ebenso EXISTANCE aus dem Land der Franzosen.  Zu MILLENNIUM jedoch trudelten wir ein. Die Briten haben sich der NWOBHM verschrieben und waren 1984 mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum selbst dabei. Dann folgte allerdings die Auflösung, seit der Reunion 2015 sind jedoch zwei weitere Alben erschienen. Das Quintett spielte erdigen, kräftigen, aber etwas hüftsteifen, meist im Midtempo verharrenden NWOBHM mit angenehm kehligem Gesang und einem totalen Jungspund an der Leadgitarre, der immer sehr konzentriert dreinblickte. Altes Material wurde mit neuerem gemischt, mir war’s aber häufig zu viel Midtempo-Gestampfe. Als nominell letzten Song zockte man den Titeltrack des jüngsten Albums „Awakening“ und ließ sich im Anschluss noch zu einer überraschenden Zugabe hinreißen: „Lies All Lies“ vom selben Album, einem doch ziemlich guten, inhaltlich medienkritischen Song (auch wenn mich so etwas heutzutage immer unweigerlich an das undifferenzierte „Lügenpresse“-Geplärre der Pegidioten erinnert, soweit ist’s schon gekommen…). Insgesamt ein netter Einstieg in den letzten Festivaltag.

Then we got hit by HITTEN – die Spanier hatte ich wie so vieles auf diesem Festival gar nicht auf dem Schirm, meine Süße jedoch hatte Bock auf die Iberer und war damit nicht allein: Die Meute empfing sie mit offenen Armen und Haaren, die Band wiederum die Meute mit offenen Hemden, klassischem Twin-Guitar-lastigem Metal an der Grenze zum Speed, also mit ordentlich Hummeln in der (nicht offenen) Hose. Sehr agil stratzte man über die Bretter, übte sich im synchronen Gitarrengepose und legte eine extreme Spielfreude an den Tag. Lachende und grinsende Musiker bestimmten das Bühnenbild, besonders der Basser schien voll in seinem Element. Der Sänger fischte nicht nur nach den höchsten Tönen, sondern traf diese auch mit betonter Lässigkeit. Wer auf die speedigen RIOT oder jüngere Bands wie ENFORCER & Co. steht, aber HITTEN noch nicht kennt, sollte dringend mal reinhören, was die Band seit Beginn des Jahrzehnts so veröffentlicht hat. Die letzten Schlaffalten haben sie uns jedenfalls mit Nachdruck weggebügelt. Ich werde beizeiten ihr bisheriges Schaffen mal in Ruhe goutieren.

Mein lieber Scholli: Die Briten WITCHFYNDE haben sich bereits 1973 gegründet, in den glorreichen ’80ern vier Alben veröffentlicht und sind seit ihrer Reunion 1999 wieder mit neuem Material am Start und hier und da live anzutreffen. Wir wurden Zeugen eines supersympathischen Auftritts: Luther Beltz, Sänger der Okkult-NWOBHMer wusste mit tollem Klargesang in normaler Stimmlage zu gefallen und sorgte mit Mimik, Gestik und Kostüm für ein bisschen Theatralik. Zudem gerierte sich die gesamte Band als perfekte Gentlemen, die ihr Publikum stets fest im Griff hatten. Die regste Publikumsbeteiligung dürfte bei der Halbballade „Leaving Nadir“ zu verzeichnen gewesen sein, wobei generell manch Refrain ausschließlich von den textsicheren Worshippern vor der Bühne gesungen wurde. Das Songmaterial bewegte sich zwischen den Polen „unverkennbarer NWOMBH-Vibe“ und „getragen britisch-doomig“ und hätte für meinen Geschmack dann und wann etwas mehr Pfeffer vertragen können, wurde jedoch auch nie belanglos oder langweilig. Die Band hat definitiv etwas – u.a. erwähnten Sänger, der kurioserweise einen auf die Bühne gefeuerten Pfandbecher nutzte, um sich sein Wässerchen hineinzufüllen und aus ihm zu trinken. Und gegen Ende süppelte er einfach jemandem aus dem Publikum das Bier weg und gab nicht mal den Pfandbecher zurück, sondern speiste den Durstigen mit einer Setlist ab… Dafür gab’s in der zweiten Sethälfte Wunschkonzertblöcke, in denen Songs auf Zuruf aus dem Publikum gespielt wurden – so auch die Zugabe „Conspiracy“, die der straffe Zeitplan der Band zugestand. Zwischendurch kam übrigens der Sicherheitsbeauftragte des Festivals auf die Bühne und gab (auf Deutsch und Englisch) eine Sturmwarnung durch. Metallisiert wie ich dieses Wochenende war, schoss mir sofort Rob Halfords schneidendes Organ durch den Kopf: „Storm Warning! But there’s no fear…“ Angst hatte ich tatsächlich keine. Das gesamte Festival über hatte das Höllenfeuerlicht erbarmungslos auf uns niedergebrannt und wäre der Bereich vor der Bühne nicht großzügig überdacht gewesen, hätte ich diese Zeilen nicht mehr schreiben können, sondern wäre als Häufchen Asche zusammen mit anderem Unrat irgendwann aus dem Garten gefegt worden. Tatsächlich passte das nun aufkommende Gewitter atmosphärisch perfekt zur Untermalung des WITCHFYNDE-Gigs, der vorher etwas unter dem guten Wetter an Wirkung eingebüßt hatte. So rückte man unterm Dach einfach eine Zeitlang näher zusammen und die Band dürfte den einen oder anderen Zuschauer mehr bekommen haben. Weniger erfreut waren indes so manche Camper, denen es die Zelte entheringt und unter Wasser gesetzt hatte. Ich weiß schon, warum ich partout nicht mehr zelte…

Die Ruhrpott-Thrasher DARKNESS, obwohl mit drei Alben in den ’80ern am Start, besetzten stets die zweite Reihe hinter den „Big Teutonic Four“ SODOM, DESTRUCTION, KREATOR und TANKARD, lösten sich Anfang der ’90er auf, kamen 2016 aber mit neuem Sänger und dem neuen Album „The Gasoline Solution“ zurück. In dezimierter Besetzung – der Bassist war leider ausgefallen – machte die Band um Gitarrist Meik (der mich optisch stark an Phil Kettner von LÄÄZ ROCKIT erinnerte) das Beste aus den widrigen Umständen und gab unter dem Motto „No more discussion!“ einfach Gas. Unter das ’80er-Material, von dem mein Favorit „Faded Pictures“ dem verstorbenen Sänger Olli gewidmet wurde und das mit „Staatsfeind“ meinen zweiten Alltime-DARKNESS-Höhepunkt enthielt, mischten sich Songs vom neuen Langdreher – und alles klang wie aus einem Guss. Wer den TANKARD-Pit halbwegs überstanden hatte, fand sich auch hier wieder moshend vor der Bühne ein und verausgabte sich nach allen Regeln der Kunst. „Burial at Sea“ wurde um ein Mitsingspielchen ergänzt, „Tinkerbell Must Die“, der Opener des aktuellen Albums, knallte unbarmherzig, der Klassiker „Iron Force“ hielt das Aggressionslevel und der junge „This Bullet Is For You“ stand dem in nichts nach. Meiks Stimme, die einzelne Textzeilen sang, bildete einen geilen Kontrast zu Leadsänger Lees tieferem Organ, welcher es sich übrigens nicht nehmen ließ, mitten im Set ein Selfie mit dem Drummer zu knipsen… Alles in allem ’ne schöne Abrissbirne staatsfeindlichen, auch textlich radikalen Aggro-Thrashs, der heutzutage unbedingt benötigt wird! Bin aufs nächste Album gespannt, das in den Startlöchern steht.

Auf dem Areal machte ein Besucher mit Rauch gefüllte Seifenblasen, die beim Platzen Rauchwolken von sich gaben, was es jeweils wie kleine Explosionen aussehen ließ – aber das nur am Rande. Bei METAL INQUISITOR, jener Koblenzer Institution zur Bewahrung des echten und wahren Metals seit 1998, war’s noch zu keinem Aha-Erlebnis gekommen, als ich mich mal durch einige Songs gehört hatte. Nun live mit ihnen konfrontiert, fiel mir auch wieder ein, weshalb: Unheimlich präziser Edelstahl, dem ein paar wirklich große, zu den flotten echtmetallischen Strophen passende Refrains gut zu Gesicht stünden. Technisch ist das nah an der Perfektion, aber mir fehlt die Magie. Dafür war Sänger El Rojo mit sehr viel Spaß bei der Sache, suchte auch immer wieder die Kommunikation mit dem Publikum, beschloss jedoch irgendwann: „Weniger schwätze, mehr singe!“ Nachdem er die Fans gebeten hatte, die Band trotz des dafür etwas ungeeinigten Bandnamens mehr anzufeuern („METAL INQUISITOR lässt sich natürlich nicht so gut brüllen wie „Priest!“, „Priest!“, „Priest!“), avancierte zum Running Gag, aus einer Vielzahl Kehlen „Priest!“, „Priest!“, „Priest!“ zu skandieren – genau mein Humor. Mit fortschreitender Spielzeit wurden die Songs meines Erachtens auch stärker. „Call The Banners“ entpuppte sich als veritabler Hit und auch „Daze Of Avalon“, das El Rojo von einem unheimlich heiseren, dennoch hysterisch den Titel brüllenden Fan in der ersten Reihe ansagen ließ, packte mich. So wurd’s eine nach hinten raus noch wirklich lohnende Angelegenheit.

Inquisitoren haben früher keinen Metal gespielt, sondern Mädels wie die von GIRLSCHOOL verfolgt. Diese sollte ich nun auch endlich mal live sehen, All-Girl-NWOBHM since 1978, bis auf Jackie Chambers an der zweiten Axt in Originalbesetzung! Mit „Demolition Boys“ und „C’mon Let’s Go“ stiegen sie mit altbekannten Klassikern ein, wurden im Anschluss aber ein bisschen langweilig, als sie drohten, im Midtemposumpf zu versinken. Der MOTÖRHEAD-Tribut „Take It Like a Band“ vom 2015er-Album riss es dann jedoch wieder raus, das Ding ist im unverkennbaren Stil Lemmys & Co. geschrieben und komponiert und haut gut auf die Kacke. Je schneller GIRLSCHOOL spielen, desto besser gefallen sie mir, „Race With The Devil“ und „Emergency“ sind natürlich über jeden Zweifel erhaben. Auf dem Gelände war’s mittlerweile übrigens proppevoll und die Stimmung absolut großartig, was die Band mit „Take It All Away“ vom Debüt als Zugabe quittierte. Und ich wurde zwischendurch in ein nettes Spiel verwickelt: „Wie gut kennst du deine Kutte?“ Da tippt einem jemand von hinten auf einen Rückenaufnäher und man muss erraten, welcher es ist. Bei Maiden lag ich richtig, auf Cro-Mags kam ich aber nicht…

Auf ANVIL hatte ich mich im Vorfeld sehr gefreut, hatte ich ihre bisher einzige Show, auf der ich zugegen war (damals im Knust), doch als extrem unterhaltsam in Erinnerung. Das kanadische Trio um Sänger und Gitarrist Lips, dem der famose Dokumentarfilm „The Story of Anvil“ einen zweiten Frühling beschert hat, ist inzwischen natürlich weiter gealtert – schon seit 1981 spielt man im Metal-Zirkus mit –, jedoch glücklicherweise keinen Deut reifer geworden. Dies beweist Lips bereits beim ersten Song, dem Instrumental-Klassiker „March of the Crabs“: Der wieder eingesetzte Regen hatte die Leute eng unterm Vordach zusammengetrieben, Bewegungsfreiheit gab’s keine mehr. Trotzdem sprang er direkt ins Publikum, machte seine Ansage durch den Tonabnehmer seiner Klampfe und griff in die Saiten. Zurück auf der Bühne ging’s mit „666“ klassisch weiter, mit dem Feelgood-Rocker „Ooh Baby“ griff man sogar aufs Debütalbum zurück. „Badass Rock’n’Roll“ markierte das erste Stück neueren Datums und „Winged Assassin“ wurde von einem wahnsinnigen Basssolo des enthemmt herumspringenden neuen Bassisten Chris Robertson eingeleitet. Vor „Free as the Wind“ gab Lips eine schöne Lemmy-Anekdote zum Besten und im Vorfeld zu „This is Thirteen“, jener schön wuchtigen Doom-Nummer, gleichzeitig Titeltrack des seinerzeitigen Comeback-Albums (das ich übrigens sehr empfehlen kann), sprach er über den Anvil-Film und was er für die Band bedeutete, aber auch, wer von den Mitwirkenden mittlerweile leider bereits verstorben sei. Während „Mothra“, einem weiteren unkaputtbaren Klassiker, duellierte er sich mit Robertson und packte den Vibrator aus, mit dem er auf den Saiten solierte, sang auch wieder durch den Tonabnehmer, ständig schelmisch grinsend. So geriet der Song fast zu einer Art Theateraufführung – innerhalb einer Freakshow, die ein ANVIL-Gig auch immer irgendwie ist. Dazu trägt auch Robertson bei, permanent körpergroovend und irre Grimassen schneidend, womit er an Scrat aus „Ice Age“ erinnert. Einmal hakte er sich gar bei Lips unter und tanzte mit ihm Ringelreigen. „Bitch in the Box“ stammt vom neuen Album „Pounding the Pavement“, „Swing Thing“ ist lediglich ein Alibisong für ein ausgiebiges Drumsolo Rob Reiners, „the best Heavy Metal drummer in the world!“ Und, beim Metal-Gott: Wenn jemand eines spielen darf, dann er! „Metal on Metal“ besiegelte den Klassikerreigen mit einem nicht minder ausgiebigen Mitsingpart. Damit war der offizielle Teil beendet und mein Fazit lautete: Geiler Gig, hochgradig unterhaltsam, von charismatischen, schwer sympathischen Musikern. Aber auch: ANVIL haben noch bessere Songs im Repertoire, gerade aus der Phase zwischen den Klassiker-Alben und dem erfolgreichen Comeback werden sehr viele Hochkaräter unterschlagen. Und wie bei so vielen Bands habe ich auch bei ANVIL das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, aus den jeweils drei letzten Alben lediglich eines, dafür mit höherer Hitdichte, zu machen. Die Zugabe „Running“ stimmte mich dann aber endgültig versöhnlich!

Dass der Festivalabschluss viel mehr als nur ein Nachgesang, stattdessen eine Lehrstunde in Sachen Metal werden würde, stand von vornherein fest: Die fünfte Inkarnation der New Yorker Heavy/Speed-Metal-Legende RIOT (est. 1975!), die sich seit dem Tod des letzten verbliebenen Originalmitglieds, Mark Reale, RIOT V nennt, hatte mich vor zwei Jahren auf dem Rock Hard Festival positiv überrascht und trat heute mit einem Spezialset an, das das Klassikeralbum „Thundersteel“ aufgrund seines 30-jährigen Jubiläums besonders berücksichtigen sollte. Es begann bereits zu kribbeln, als die Bühne mit dem Artwork des neuen Albums „Armor of Light“ versehen wurde – bei dem ich mich allerdings abermals fragte, was der Robbenfetisch der Band im Allgemeinen und das Artwork mit einem Bodybuilder mit Robbenkopf, Streitaxt und Schutzschild im Speziellen soll (RIOT zeichnen tatsächlich für einige der hässlichsten Metal-Plattencover überhaupt verantwortlich) … Um ja nichts zu verpassen, zogen wir uns den kompletten Aufbau inkl. Linecheck etc. rein, bis es mit dem Opener der neuen Langrille endlich losging: „Victory“. Bereits „Flight of the Warrior“ sang ich dann inbrünstig mit, weitere meiner Faves wurden mit „Outlaw“ und „Johnny’s Back“ sowie „Take Me Back“ innerhalb des auch einige Überraschungen in Form selten gespielter Songs von weniger populären Alben offenbarenden Sets berücksichtigt. So kam beispielsweise von „Born in America“ „Heavy Metal Machine“ zum Zuge, danach mit „Road Racin‘“ sogar ein Stück von 1979! Lange Zeit wurde das Gaspedal permanent durchgetreten, bis man ein paar Midtempo-Stücke und sogar eine Powerballade einstreute. Maximal fünf Songs von insgesamt um die 20 dürften es vom neuen Album gewesen sein, „Set the World Alight“ war leider nicht darunter.  Doch wie auch immer: Was RIOT V da ablieferten, war ein Musterbeispiel an technischer Perfektionen, an Tightness und Energie. Schade nur, dass Mike Flyntz‘ Gitarre während seiner Soli zu leise war. Die Band drückte das gesamte Festival durch ihre Saiten wie Eier durch einen Eierschneider, übrig blieb eine fein filetierte Masse, die zum Schlussdrittel aus „Swords and Tequila“, „Warrior“ und „Thundersteel“ noch einmal richtig auf ihre Kosten kam und noch lange später „Shine on, shine on, Warrior“ spontan auf dem Gelände anstimmte. Todd Michael Hall ist einer der besten aktuellen Metal-Sänger und während sich seine Bandkollegen zunehmend am Tequila verlustierten, entledigte sich Hall irgendwann seines Oberteils und stellte offen zur Schau, dass er nicht nur mit Gesangstalent und Musikgeschmack gesegnet ist, sondern zu allem Überfluss auch noch mit einem Adonis-Körper. Es ist einfach ungerecht verteilt! RIOT V sind eine perfekte Liveband und bildeten den nicht minder perfekten Abschluss dieses Festivals.

Das ganze Headbangers Open Air war für mich wie eine Reise in die ‘80er, allem voran natürlich aufgrund der Bandauswahl: Auch jüngere Bands hatten sich allesamt traditionellen Stilen verschrieben und jegliche musikalischen Entwicklungen ab den 1990ern ignoriert (ok, mit Ausnahme MORGANA LEFAYs). Dementsprechend gestalteten sich natürlich auch die Besucher, die sich hauptsächlich aus echten Musikfreaks zusammensetzten und kaum Event-Publikum aufwiesen. Zahlreiche Mitglieder der auftretenden Bands mischten sich nach ihren Gigs als Fans unters Volk, vor allem der SEAX-Sänger, der ständig mit ‘ner anderen Perle im Arm oder auch mal volltrunken angetroffen wurde. Party hard! Das Gelände ist schön übersichtlich, in Sachen Verpflegung dürfte für jeden etwas dabei gewesen sein und die Preise sind überwiegend bezahlbar. Der Trinkwasserspender erwies sich besonders angesichts der Hitze als häufig frequentierte Möglichkeit, seinen Flüssigkeitshaushalt gratis und ohne Alkohol auszugleichen. Einziger Kritikpunkt: Die Bierbecher waren im Innenbereich an der Bühne selten wirklich voll, meist einen Schluck unterm Eichstrich. Wenn die Becher schon lediglich 0,3 Liter fassen, fällt das durchaus ins Gewicht. In Sachen Suff so richtig krachen lassen haben wir’s aber ohnehin nicht, zu unattraktiv erschien  die Vorstellung, verkatert dort herumzuhängen und die Bands nur noch als Lärmbelästigung zu empfinden. Selbst am letzten Abend siegte irgendwann die Vernunft und wir seilten uns ab, als ein Bekannter volltrunken eine junge Dame im Arnold-Schwarzenegger-T-Shirt (!) zum Armdrücken herausforderte – es wäre sicher noch eine extrem lustige Nacht geworden, aber wir mussten bereits morgens die Pension räumen…

Mehr als deutlich wurde wieder einmal, welch großer Unterschied zwischen dem Nebenbeihören von Studioaufnahmen und dem Live-Erlebnis besteht: Ein unterhaltsamer Gig lässt über manch songschreiberische Schwäche hinweghören, manch Song zündet erst live so richtig, das eine oder andere in der Diskografie versteckte Juwel offenbart sich. Und Trüffelschweinen wie mir bietet sich die Gelegenheit, die eine oder andere Band überhaupt erst zu entdecken, was insbesondere hier auf dem HOA der Fall war. Ich hoffe, dass all diese Aspekte durch meinen Konzertbericht veranschaulicht wurden. Ein Jammer ist es jedoch, dass dieses sympathische, wohlorganisierte Festival vom Tod Mark „The Shark“ Sheltons überschattet wurde… Davon unabhängig behalte ich es mir vor, wiederzukommen. Die bereits für nächste Jahr bereits bestätigten MANDATOR beispielsweise würden mich sehr reizen…

P.S.: Ich habe leider kein Programmheft mehr abbekommen. Falls jemand eines übrig hat und es mir vermachen würde, schreibt mir bitte eine Mail an guenni@pissedandproud.org – danke!

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