Gnnis Reviews

Author: Günni (page 1 of 76)

Mawil – Kinderland

Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins als zu pubertieren Beginnender Dreikäsehoch mit.

Mawils „Kinderland“ zeigt den Alltag des Ostberliner Siebtklässlers Mirco Watzke zwischen Familie, Schule – vor allem Schulpausen – und Pionierdasein im Jahr 1989 noch vor der Grenzöffnung. Er entdeckt seine Leidenschaft und sein Talent für Tischtennis, hat Ärger mit den Raufbolden der Schule und lernt im frisch an seine Schule versetzten Torsten Maslowski einen Freund kennen, der anders ist als andere: Er ist kein Pionier und lebt mit seiner allein Mutter zusammen, seit sein Vater in die BRD abgehauen ist. Er besitzt neben einer oftmals provokanten Art auch ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen, das Mirco imponiert. Als man sich mit der Idee durchsetzt, ein Tischtennisturnier an der Schule zu veranstalten, brennt Mirco dafür – die urplötzliche Grenzöffnung wirkt da eigentlich nur wie ein Störfaktor, denn sie verhindert das Stattfinden des Turniers. Kurz nach der Grenzöffnung endet die Geschichte.

Zahlreiche Besonderheiten der DDR sind auf ganz selbstverständliche Weise in den Comic integriert, ohne näher erklärt zu werden. Ein gewisses Vorwissen erweist sich daher durchaus als nützlich, um alles zu verstehen. Manch Detail kann zudem verloren gehen oder manch Gag nicht richtig funktionieren, wenn man mit der DDR-Kultur und -Gesellschaft gänzlich unvertraut ist. Doch genau diese Detailverliebtheit ist es, die „Kinderland“ Mawils krakeligem Funny-Stil zum Trotz auszeichnet, zeichnet sie doch aus multiperspektivischer Binnenperspektive ein überraschend realitätsgetreues Bild der DDR vornehmlich aus Kindersicht nach, wie es von den damals Heranwachsenden empfunden und erlebt wurde: Ein als selbstverständlich erachtetes Leben mit allen Irrungen, Wirrungen und Einschränkungen des DDR-Alltags, das eben nicht hauptsächlich von Repression und Militarismus geprägt war, sondern von einer eigenen bzw. einer Mischkultur aus ost- und westdeutschen Elementen: Das innere Titelblatt ist alten DDR-Schulheften nachempfunden, Schüler fahren mit großen Linienbussen, Pioniere sammeln Wertstoffe und singen in falschem Englisch zu Depeche Mode mit, deren Schallplatten teuer, rar und begehrte Tauschobjekte sind, gebadet wird nackt an FKK-Stränden, kleine Geschwister fürchten sich vorm „Gespenster-Duett“ des kultgewordenen „Traumzauberbaum“-Kinderlieder-Albums mit Hörspiel-Elementen des begnadeten Komponisten Reinhard Lakomy und in Mirkos Zimmer finden sich „Mosaik“-Bildergeschichten ebenso wie Pittiplatsch, Sandmännchen und ein Schlumpf. Doch 1989 kommt Mitschülerin Peggy Kachelsky nicht mehr aus den Sommerferien zurück, weil ihre Eltern „rübergemacht“ haben, die strenge Russischlehrerin gibt sich nach außen hin überzogen staatstreu, doch schaut heimlich Westfernsehen und liest neben dem „Neuen Deutschland“ den „Spiegel“, der „Sputnik“ berichtet von Glasnost und Perestroika und Mirco bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er beim Belauschen seiner Eltern aufschnappt, dass auch sie sich mit dem Gedanken an eine Übersiedlung beschäftigen. Doch so viel Veränderung auch in der Luft liegt – in der Schule nervt FDJ-Pioniergruppenratsvorseitzende Angela Werkel (als Anspielung auf Angela Merkels FDJ-Engagement) unbeirrt als linientreue Klassenstreberin und der ständig hustende, rauchende Sportlehrer verwaltet im NVA-Trainingsanzug Material und Geräte. Was wirklich gerade in der DDR vor sich geht, bekommen Mirco und seine Mitschülerinnen und Mitschüler lediglich am Rande mit und tangiert sie in ihrem Alltag nur peripher.

Mirco ist wesentlich kleiner als Gleichaltrige und zudem Brillenträger. Er wirkt dadurch schmächtig, evtl. gar entwicklungsgehemmt. Dies ist zum Verständnis der Figur von Bedeutung: verunsichert bis ängstlich, körperlich unterlegen, nach Erkennen seines Tischtennis-Talents sich in diesen Sport hineinsteigernd – weil er endlich etwas gefunden hat, in dem er besser ist als andere. Zudem stammt er aus einer religiösen Familie und sucht regelmäßig den Gottesdienst auf – in der DDR eher Ausnahme als Regel. So verunsichert er im Alltag wirkt, so verbissen steigert er sich in den Sport hinein und entwickelt sich dadurch vom Außenseiter zum beliebteren, respektierten Tischtennis-Ass. Parallel entwickeln sich erste mit der Pubertät einhergehende Herausforderungen, was der Geschichte ebenso ihren Coming-of-Age-Aspekt verleiht wie die beinahe symbolische Einleitung des Endes seiner Kindheit durch die Grenzöffnung.

Dennoch ist „Kinderland“ keine Ausreise- oder gar Fluchtgeschichte wie so viele andere Wende-Comics. Auch reflektiert „Kinderland“ weniger das politische System, klagt nicht an, ist humorvoller. Vielmehr holt es Erinnerungen jener Generation DDR-Kinder hervor, deren Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Untergang des Staats einherging, jener, die sich so häufig Jahre später auf die Suche nach ihren Wurzeln begaben (oder begeben) und ihre Kindheit zu rekonstruieren versuchen. Hierbei kann „Kinderland“ eine große Hilfe sein, nicht zuletzt, weil es – ganz wie so viele Kinder zu DDR-Zeiten – die SED-Herrschaft weder glorifiziert noch verurteilt, wenngleich „Kinderland“ natürlich viele kritische Ansätze nicht außer Acht lässt. Wie es Mawil gelungen ist, diese durch die Augen eines unpolitischen Kinds zu verarbeiten, gebührt Anerkennung. Die Rolle des Unangepassten, Rebellischen wird Torsten Maslowski zuteil, der hier jedoch vor allem ein vom Schicksal gebeutelter, unausgeglichener, von Verlustängsten geplagter Junge ist.

Formal bedient sich Mawil eines relativ starren Seitenaufbaus von meist drei Panelzeilen, während die Panels jedoch immer wieder aufgebrochen oder überlagert werden. Mimik, Körpersprache/Gestik u.ä. kommen expressiv zur Geltung, eine Erzählinstanz, begleitende bzw. erläuternde Blocktexte o.ä. fehlen komplett. Die Leserinnen und Leser sind also angehalten, die Bilder und Geschehnisse selbst einzuordnen. Überlagernde Sprechblasen drücken akustische Dominanz aus, schwer oder gar nicht lesbare Sprechblaseninhalte ihr Gegenteil. Auf dialoglose Panelfolgen treffen vor Sprechblasen voll pubertärem Geplapper nur so wimmelnde, in denen auch von Rechtschreibkonventionen abweichende Umgangssprache Einzug hält. Unkonventionell, eigentlich orthographisch verkehrt ist die vollständige Unterschlagung des „ß“ in den offenbar handgeletterten Texten. Im Kontrast zum Zeichenstil stehen naturalistische bis fotorealistische Details wie die DDR-Flagge, ein LP-Cover oder ein Porträt Honeckers.

Trotz seiner 300 Seiten liest sich Mawils „Kinderland“ rasch, denn man möchte es nicht so schnell aus der Hand legen, sind einem die Figuren erst einmal ans Herz gewachsen. Nicht nur deshalb ist „Kinderland“ unter den zahlreichen Wende-Comics bzw. Graphic Novels dieses Themenkomplexes einer meiner Favoriten – vielleicht auch aufgrund gewisser Parallelen zwischen Mircos und meiner Biographie.

30.06.2018, Gängeviertel, Hamburg: Vier Jahre Beyond Borders mit DÖDELHAIE + SPEICHELBROISS + ABSTURTZ + LOSER YOUTH + ENDSTATION CHAOS

Anlässlich ihres mittlerweile vierjährigen Bestehens gab die umtriebige Beyond-Borders-Konzertgruppe sich und allen, die Bock darauf hatten, eine Riesenparty in der Fabrique des Gängeviertels, als Headliner hatte sie sich die Duisburger DÖDELHAIE zu ihrem unfassbarerweise erst zweiten (!) Gig in Hamburg geangelt. Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Beyond-Borders-Konzert war. Wenn bereits OUT OF STEP + FIRM HAND + FAST SHIT damals von ihnen organisiert wurde, war es das, erstmals das Logo auf dem Flyer gesehen habe ich aber bei LADEHEMMUNG + ABSTURTZ + THANHEISER. Seitdem habe ich eine Vielzahl ihrer Veranstaltungen besucht und mit BOLANOW BRAWL auch selbst 2x für sie die Bühne besudelt. Beyond Borders bereichern seither die Hamburger Konzertlandschaft um Punk-, Oi!- und Hardcore-Veranstaltungen und schrecken auch vor Ausflügen in genrefremde Gefilde nicht zurück. Bei alldem haben sie stets gute Arbeit geleistet und so natürlich auch an diesem Abend, der ziemlich pünktlich mit den Erzgebirglern ENDSTATION CHAOS begann. Statt Banner aufzuhängen wurden diesmal übrigens erstmals die Bandlogos an die Wand hinterm Drumkit projiziert – Punk Rock meets Hightech! Die Sachsen spielten deutschsprachigen Punkrock mit radikalem gesellschafts-, sozial- und politkritischem Anspruch, der z.B. in „Volk halt’s Maul“ Ausdruck fand. Anfänglich war das Gitarrengeschrammel eher fürs Hintergrundrauschen zuständig, dafür die Bassläufe sehr dominant und melodiegebend, wie’s bei Oldschool-HC-Punk ja häufig Usus war. Das kam schon mal ganz gut. Im weiteren Verlauf übernahm die Gitarre jedoch immer mehr Lead-Parts, monoton klang’s dadurch nie. Der raue Gesang des Frontmanns und gute, kräftige Chöre machten unmissverständlich klar, dass Flüchtlinge willkommen sind, Bullen, Nationalisten und ähnliche unliebsame Zeitgenossen hingegen weniger und mit einem tatsächlich verdammt geilen Song gegen Nazis bewies man, dass es sich auch in ästhetischer Hinsicht lohnt, dieses Feld weiterhin künstlerisch-musikalisch zu beackern. Einige Gesangsparts übernahm der Bassist, der Drummer integrierte immer mal wieder coole Breaks in sein Spiel und der Gitarrist wurde irgendwann flügge und tingelte durchs Publikum. Gelungener Gig einer Band mit sympathischem Auftreten. Schmunzeln musste ich angesichts des Texts, den die am Merchstand positionierte LED-Leuchtbox verriet: „Endstation Merch-Chaos“. Ich kann’s mir bildlich vorstellen: „Äh, keine Ahnung, was die Platte kosten soll. Und das T-Shirt in L? Müsste ich gucken… Welches wolltest du noch mal? Ja, die Aufnäher müssten hier auch noch irgendwo sein, ich kram‘ mal in den Kisten… Wie viel hattest du mir gegeben? Finde das Wechselgeld gerade nicht…“

Was genau die LOSER YOUTH nun eigentlich verloren hat, ist nach wie vor unklar, jedenfalls sicher nicht an Lungenvolumen und dem Gespür dafür, wie man die Meute in Bewegung versetzt: Der Riesenstrauß bunter Herzchen-Luftballons, mutmaßlich alle von den Bandmitgliedern nach strengem D.I.Y.-Kodex selbstaufgeblasen, sorgte für viele Schmetter- und Kick-Moves im Publikum, während das Trio seine kurzen HC-Punk-Kracher in deutscher Sprache von der Bühne schleuderte und zwischendurch mit lakonischen Ansagen garnierte. Wie auch bei BRUTALE GRUPPE 5000, LOSER-YOUTH-Thommys anderer Baustelle, gefällt mir der Humor der Band sehr, wobei die Songtexte hier auf einem wesentlich realitätsnäheren Fundament fußen als im Falle der paranoiden BG5000-Laserpunks und keinem derart festgezurrten Konzept folgen. Der Humor generiert sich neben dem Habitus der Band vielmehr aus dem Faible, bestimmte Sachverhalte in textlich unheimlich gekürzte, prägnante Form zu bringen, auf einfache Formeln zu reduzieren, gern angereichert mit Übertreibungen und Gepöbel – also das Gegenteil von verkopftem Wischiwaschi-Punk – und ist unterschwelliger Natur, dabei längst nicht bei jedem Song vorhanden: Eine Vielzahl beschreibt auch einfach Phänomene, Entwicklungen und Missstände, zu denen es tatsächlich keiner weiteren Worte bedarf. Wo andere Bands mit 2,5- bis 3-minütigen Songs die Aufmerksamkeitsspanne ihres reizüberfluteten Publikums auf eine harte Probe stellen würden, ist bei der LOSER YOUTH oft nach dem ersten Refrain schon wieder Schluss, weshalb man innerhalb eines regulären Gigs ca. 77 Songs unterkriegen würde. Da man so viele gar nicht hat, gehen die Gigs halt nicht so lang. In seinen besten Momenten erinnert das Ganze sogar ein bisschen an die DEAD KENNEDYS zu „In God We Trust, Inc.“-Zeiten. Auch unabhängig von den Ballons geriet der Mob in Bewegung; der Typ, der sich stattdessen regungslos vor die Bühne gesetzt hatte, übergab sich dort allerdings – wenngleich er dies sicher nicht als Statement zur Band missverstanden wissen will. Bester Song: „Punk und Polizei 2“, die inoffizielle Fortsetzung eines der beschissensten D-Punk-Schlagers. Ich mag die Idee, an bekannte Songtitel einfach eine 2 anzuhängen, deshalb demnächst von DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS: „Blitzkrieg Bop 2“.

Bei ABSTURTZ hat wurde die Besetzung auf Quartettgröße erweitert und auch die Instrumentenzuordnungen wurden neu ausgewürfelt: Der Neuzugang bei den Dithmarschern sitzt an den Trommeln (und spielt technisch verdammt lässig und erstaunlich versiert aus dem Handgelenk), Hannes übernahm dafür den Bass, der bisherige Bassist die nun zweite Gitarre. Damit lässt sich noch mehr Krach und Druck erzeugen, bisher stand Sänger und Gitarrist Heiner mit seiner Klampfe ja allein auf weiter Flur – was ihn nicht abhielt, diverse Soli zu gniedeln und sich die Seele aus dem Leib zu bölken. In Sachen Intensität stand dieser ABSTURTZ-Gig den vorausgegangenen also in nichts nach, eher im Gegenteil: Durch die neue Konstellation wird Heiner etwas entlastet, wodurch er sich noch mehr aufs Wesentliche konzentrieren kann. Aus Solidarität bestellte ich mir ein Dithmarscher (statt des von mir im Gängeviertel ansonsten bevorzugten Premiums) und zog mir den großartigen, stürmischen Sound der Band mit seinen durch die Gitarren-Leads dezenten Metal-Anleihen und den Fäusteballtexten rein und sang die hymnischen Refrains mit. Die Meute drehte nun endgültig durch und feierte, was die Kondition hergab. Gegen Ende waren ABSTURTZ überrascht, noch zehn Minuten Spielzeit zu haben (lag’s an den kurzen LOSER-YOUTH-Songs?) und schöpften sofort noch mal aus dem Vollen. Die Ansage „Jetzt mal was Schnelles zum Abgehen!“ ließ mich schmunzeln – als sei das Zeug davor balladesk gewesen. Vor einem neuen Song über Flüchtlinge weihte man das Publikum in technische Details ein: „Chrischan und ich müssen jetzt auf G runterstimmen!“ Der Kid-Punk-Klassiker aus den ABSTURTZ-Anfangstagen „Es ist schön, ein Punk zu sein“ wurde mit lautem „Sha la la la la!“ erwidert und rundete den Gig perfekt ab. Auf dass die Dithmarscher-Hamburger Freundschaft uns noch viele solcher Konzerte – und bald mal ‘ne neue Platte – bescheren möge!

Aus den Oberpfälzern von SPEICHELBROISS habe ich mir hingegen nie viel gemacht. In den 2000ern waren sie eine von unendlich vielen Bands auf dem unsäglichen „Nix Gut“-Label  und spielten so’n typisches Deutschpunk-Ding mit metallischer Klampfe, dem’s mir am gewissen Etwas fehlte. Allerdings gehört meines Erachtens in jede Stadt eine Punkband, so auch nach Weiden; und ich habe Respekt davor, wie lange es die Band schon gibt – wenn ich mich nicht täusche, steht bald das 25-jährige Jubiläum ins Haus. Die Erfahrung merkte man ihnen dann auch an, das Live-Zusammenspiel klappte sehr „tight“, wie man so schön sagt. Die etwas höhere Stimmlage des rotzigen Hauptgesangs ist Geschmackssache, die Gangshouts saßen aber auf den Punkt. Das wird vermutlich eine Art Best-Of-Set durch alle vier Alben gewesen sein, mit dem man sich das Hamburger Publikum erspielte und zum Tanzen brachte. Bisweilen fühlte ich mich auch an jüngere Combos erinnert, die sich voll und ganz dem „Deutschpunk-Konzept“ verschrieben haben, was auch immer das genau sein mag. Live jedenfalls waren SPEICHELBROISS an diesem Abend völlig ok, wenn auch nicht so mitreißend wie ABSTURTZ.

Nun aber: Gute zwei Jahre nach ihrem HH-Debüt im Menschenzoo konnten es diverse verkehrstechnische Widrigkeiten im Verbund mit dunklen Mächten nicht verhindern, dass der schlimmste Schrecken seit dem Weißen Hai seine Schwanzflosse im Gängeviertel erblicken ließ, um einen zerstörerischen Sharknado zu entfachen. Das Set dürfte weitestgehend dasselbe wie damals gewesen sein, sprich: Das eingedeutschte russische Traditional „Heute Nacht“ eröffnete ein Spaßbad mit weiteren Kulthits wie „Weiter gehn“, „Radieschen auf Frischkäse“, dem Monty Python’schen „Holzfällerlied“, der Anti-Bullen-Hymne „Gerechtigkeit“, dem ebenfalls auf Deutsch adaptierten ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“, „Die letzte Schlacht“ von TON STEINE SCHERBEN und „Memmen“, einst bekannt als „Memory“ aus dem „Cats“-Musical, gesungen von Gastchanteuse Eva. Eingebettet wurde das Programm in ein Punk-Kabarett vom Gitarristen und dauergrinsenden Laberkopp Andy Kulosa, der sich die abstrusesten Geschichten um die Songs herum einfallen ließ – und damit auch wieder diesen einen Typen provozierte, der von Konzert zu Konzert durch die ganze Republik zieht, um bei jeder länger als 15-sekündigen Ansage „Halt’s Maul und spiel!“ zu brüllen. Gehört einfach dazu! Der Humor läuft mir ebenso gut rein wie der Sound mit seinen ebenfalls nicht immer ganz unmetallischen zwei Gitarren inkl. vielen eingängigen Leads. Die Stimmung erreichte erwartungsgemäß ihren Höhepunkt, ich war mittlerweile volltrunken und euphorisiert und ward lauthals die Songtexte skandierend vor der Bühne gesehen. Das war alles großes Punk-Entertainment, eben der Haifisch im Karpfenteich. Schade nur, dass wieder so viele Hits ausgespart wurden. So gab es wieder fast nichts vom unterbewerteten „Mitternacht“-Album mit seiner herrlich düsteren Atmosphäre, immer noch kein „Spiegelbild“, von „Feinde“ ganz zu schweigen. Mit diesem Set könnte man die DÖDELHAIE fast für eine Coverband halten. Da die Herren nun aber regelmäßig in Hamburg spielen werden, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass man auch mal wieder tiefer im eigenen Fundus fischen wird. Zwischendurch betrat der für diesen Abend auserkorene Konzertgruppensprecher die Bühne, um anlässlich des Jubiläums eine wohlformulierte Ansprache zu halten, die neben dem Spaß an den Gigs den Aspekt der gegenseitigen Vernetzung hervorhob – den ich nur bestätigen kann. Neben ABSTURTZ waren die Haie übrigens die mindestens zweite Band, bei der ein Brüderpaar auf der Bühne weilte: Andys Bruder Hardy an den Kesseln war gerade jugendliche 50 Lenze geworden. Glückwunsch noch mal an dieser Stelle und hoffentlich bis bald!

DJ-Sets hielten die Gäste im Anschluss noch in der Fabrique und ich glaube, eine Weile (auf die berühmten „Absacker“…) hing ich dort auch noch herum, bis wir uns ein Taxi zum Treibeis nahmen und uns dort den Rest gaben. Dass ich mich am nächsten Vormittag beim Brötchenholen noch immer betrunken fühlte, war so nicht geplant, wurde dem Anlass aber gerecht. Beyond Borders haben dick aufgefahren, es wurde eine absolut würdige Jubiläumsparty mit perfekter Stimmung, fettem P.A.-Sound, leckerem Bier und vielen fitten Gästen. Auch ich gratuliere an dieser Stelle noch mal, sage danke und drohe auch im fünften Jahr des Bestehens meine Partizipation an diversen grenzüberschreitenden Veranstaltungen an. Prost, auf euch!

Der Kollege vom SCHRAIBFELA-Video-Fanzine war übrigens auch wieder zugegen:

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten

Als der niedersächsische Radiosender FFN noch nicht endgültig zum gesichtslosen Dudelfunk verkommen war (in den ‘80ern und frühen ‘90ern hörte ich sogar keinen Sender so gern wie diesen), leistete er sich ein allsonntägliches komödiantisches, kabarettistisches Humorprogramm, das kultgewordene Frühstyxradio, in dem spätere TV-Größen wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke sich ihre Sporen verdienten. Zum festen Kreis gehörte auch Dietmar Wischmeyer, auch bekannt als „Der kleine Tierfreund“ oder eben Führer des „Logbuchs einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Der Ullstein-Verlag war es, der 1997 seine Sammlung polemischer Glossen in Buchform unters bekloppte und bescheuerte Volk brachte, 59 Stück auf rund 130 Seiten. Trocken, sarkastisch und böse metzelt er sich scharfzüngig und pointiert durch eine verspießte Gesellschaft, die zahlreiche längst als normal erachtete Absonderlichkeiten, nervige Schikanen und dummdreiste Auswüchse gebar, und knöpft sich insbesondere diejenigen vor, die diese befeuern und bedienen oder sich als ihre Nutznießer erweisen: die tumbe breite Masse ebenso wie vorsätzliche Volksverblöder, elitäre Klüngel und privilegierte Minderheiten. Oder genauer: Anwohner, Karnevalfeiernde, Kinder, Beamte, Gaffer, Lindenstraße-Glotzer, „Funsportler“, Rentner, Kellner, Jäger, Bauarbeiter, … Dabei geht er ohne Rücksicht auf Verluste oder Kollateralschäden vor und fächert seine beobachtete Alltagserfahrungen suggerierenden „Logbuch-Einträge“ derart breit, dass beinahe alles und jeder sein Fett wegbekommt. Wischmeyer prangert an und schärft den Blick dafür, was man uns antut, was die Menschen sich selbst antun und wie diejenigen, die da nicht mitmachen wollen, darunter leiden müssen. Dabei findet er durchaus originelle Themen und überrascht mit seinem Blickwinkel auf diese, suhlt sich aber auch gern in Klischees, wenn er Altbekanntes und bereits zuhauf Persifliertes aufgreift. Dass bei all dem auch Phänomene ausgewählt werden, die doch eigentlich gar nicht nerven, gehört vermutlich zum Konzept, soll ich mich doch beim Lesegenuss wahrscheinlich auch selbst hin und wieder ertappt fühlen. Wischmeyers Freude am Umgang mit und Formen von Sprache ist allgegenwärtig, selten wurden Hass und Verachtung derart geschliffen formuliert, ohne auf Reiz- und Schimpfwörter zu verzichten – manch Formulierung wirkt indes dennoch etwas umständlich erzwungen und sein Stil droht sich etwas abzunutzen, liest man zu viele Kapitel unmittelbar nacheinander. Um sicherzugehen, auch wirklich und überall anzuecken, pfeift er zudem auf jegliche politische Korrektheit. So sind Schwarze für ihn recht penetrant nach wie vor Neger und widmet sich konsequenterweise auch ein Kapitel der „Political Correctness“, für die, da muss ich ihm widersprechen es eben doch einen deutschen Begriff gibt – s.o. Als besonders bemerkenswert erachte ich jedoch dessen Inhalt, wenn er sich sprachliche Neuschöpfungen und erzwungene Modifikationen verknöpft und ganz richtig feststellt: „In Lübeck schon brannte das Asylbewerberheim sicherlich genauso gut, wie es das Asylantenheim getan hätte.“ Und widersprechen kann ihm auch niemand, der die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre mitbekommen hat, wenn er jenes Kapitel mit dem Ratschlag schließt: „Drum seid lustig und seid froh, ihr Hottentotten, Kaffern und Kanaken, und gebt Obacht, wenn sie euch die neuen schönen Namen geben, denn dann geht’s euch ganz gewiß recht bald an den Kragen.“ Weder er noch ich positionieren sich damit ernsthaft gegen nicht- oder zumindest weniger diskriminierende Sprache, sondern gegen eine politische Korrektheit, die mittels Euphemismen und schönem Schein dieselbe Menschenverachtung verschleiert, die ohne sie auch für die Bekloppten und Bescheuerten leichter auszumachen wäre. Entrückte pseudophilosophische Kommentare seines Alter Egos Kassowarth von Sondermühlen sowie einige Illustrationen in Form von Fotos runden Wischmeyers erstes Logbuch ab, das mittlerweile immer wieder neu aufgelegt wurde und gleich mehrere Fortsetzungen fand. Für die Bekloppten und Bescheuerten ist das nichts. Für isoliert lebende Freunde von Sprache und Satire ist’s ein vergnügliches Beispiel für den Versuch, bissige Polemik bis an die Grenze zum Zynismus auszureizen. Für diejenigen, die ständig mit den Bekloppten und Bescheuerten konfrontiert werden, handelt es sich hingegen um irgendetwas zwischen Ventil zur Frust- und Wutabfuhr und einer witzigen, hämischen Form des Sich-verstanden-Wähnens fernab jeglicher Verständnispädagogik: Wie einer dieser laut polternden Kumpel, die man nicht ständig um sich haben möchte, mit denen man aber einfach ab und zu mal einen trinken gehen und den Trümmertango tanzen muss. In einem Punkt muss ich Wischmeyer aber korrigieren: Glasflaschen gehörten noch nie in den gelben Sack!

Flix – Da war mal was… Erinnerungen an hier und drüben

„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel hat seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein „Wende-Comic“, der sich stilistisch wie inhaltlich wohlig von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!

27.06.2018, Hafenklang, Hamburg: HARD-ONS + BOLANOW BRAWL

Mittwoch, der 27.06.2018, war ein geschichtsträchtiger Tag. Nein, nicht etwa, weil wir zusammen mit den HARD-ONS im Hafenklang spielten, sondern weil die deutsche Herrenfußballnationalmannschaft erstmals in ihrer Historie die Vorrunde einer Weltmeisterschaft nicht überstand. Der blamablen 0:2-Niederlage gegen Südkorea wohnte ich nach der Maloche bei Hermann im Osborne bei, von wo aus ich mich anschließend auf den Weg zum Hafenklang begab, wo sich die australische Punkrock-Legende bereits beim Aufbau befand. Nach kurzer Zeit trafen auch meine Mitstreiter ein, die mich diesmal freundlicherweise vom Equipmentschleppen befreit hatten, da die HARD-ONS bis auf eine Gitarrenbox die komplette Backline stellten und es somit endlich einmal wieder nur einen Bruchteil unseres Gelöts zu wuchten und zu transportieren galt. Die Aussies befanden sich mittlerweile beim Soundcheck und ihr offenbar koreanischstämmiger Bassist ließ keine Gelegenheit aus, seiner Freude über den Spielausgang Ausdruck zu verleihen. Mein Shirt des mexikanischen Teams, das ich während der Partie getragen hatte, hatte ich eigentlich längst gegen ein Punkshirt ausgetauscht, wechselte daraufhin jedoch noch einmal zurück, um ihn daran zu erinnern, wie Südkorea gegen die Mittelamerikaner gespielt hatte… Im Hafenklang lief die Organisation sehr entspannt und gleichzeitig professionell ab, unser Soundcheck stand alsbald an und als sowohl der Mischer mit dem Klang der P.A. als auch wir mit unserem Bühnensound zufrieden waren, konnten wir zum wirklichen wichtigen Teil des Abends übergehen: dem Catering. Im Goldenen Salon kredenzte uns der Koch raffiniert gewürzte Vleischbällchen mit von Curry geküsstem, gegartem Blumenkohl, einer frischen Salatkreation der Saison und gekochtem Reis, dazu frisches Brot mit köstlichem Dip. Während ich mir die Plauze vollschlug, hatte ein Teil meiner Band bereits wieder ignoranterweise im Vorfeld Fremdspeisen konsumiert, blieb also mehr für mich. Auf dieser Grundlage schmeckten dann auch die Getränke des Sponsors Jever ausnehmend gut, von uns aus konnte es also losgehen.

Es blieb natürlich noch genügend Zeit, an der Elbe herumzuhängen (wo Keith‘ Freundin ein schniekes Gruppenfoto schoss) und diejenigen bekannten Gesichter freudig zu begrüßen, die sich an diesem sonnigen Mittwoch zum „Bergfest“ aufgerafft hatten. Und diese waren glücklicherweise nicht allein, nach und nach fanden weitere Freunde der Punkmusique ihren Weg zum Hafenklang. Um Punkt 21:15 Uhr begannen wir vor etwa der Hälfte der zahlenden Gäste, die sich später die HARD-ONS reinzogen,  mit unserem Set, das sich die letzten Gigs bewährt hatte. Mein Monitorsound war gut, der der Jungs offenbar auch, denn das Zusammenspiel funktionierte einwandfrei und da es mitten in der Woche war, war auch noch niemand übermäßig betrunken… Allerdings hatte ich die Hafenklang-Bühne von unseren vorausgegangenen Gigs dort irgendwie größer in Erinnerung, indes hat Christian seitdem auch an Körperfülle zugelegt – daran wird’s gelegen haben. Jedenfalls hatte ich die ganze Zeit etwas Sorge, die Bierpullen mit meinem Mikrokabel umzurocken, eine Bühnenüberschwemmung wie zuletzt im Molotow blieb aber aus. Zu unserer Freude befand sich im Publikum auch eine Handvoll Leute, die sich über Mitwippen hinaus zur Musik bewegte und sogar Anstalten unternahm mitzusingen. So wurd’s ein wieder mal sehr angenehmer Gig, den wir zudem nicht durchhetzen mussten, sondern der Zeit für kurze Verschnaufpausen, alberne Ansagen und Instrumentenstimmexzesse bot. Bei „Red Lips“ allerdings entfiel mir eine Strophe, sodass ich eine andere einfach doppelt sang – kommt vor. Dafür klangen unsere Background-Chöre besser aufeinander abgestimmt und harmonischer als zuletzt. Das HARD-ONS-Publikum zeigte sich empfänglich für Hamburger Streetpunk und ich mich nach einem überstürzten Abbau – Teile der Band mussten dringend los – für weiteres kaltes Jever und schließlich die HARD-ONS themselves.

Die HARD-ONS gibt’s mit einigen Unterbrechungen bereits seit 1981, mittlerweile ist auch Sänger Keish zurückgekehrt. Dieser konzentriert sich nun ausschließlich auf den Gesang, an den Drums sitzt ein neues Bandmitglied – man ist nun also zu viert. Musikalisch bewegt sich das Schaffen der Band zwischen ramoneskem Punkrock mit reichlich Surf-Pop-Einflüssen, einigen Prisen HÜSKER DÜ u.ä. sowie hartem Metal-Riffing und wer nicht glauben kann, dass das irgendwie zusammenpasst, hätte gut daran getan, sich diese Show anzusehen. Diese Kombination ermöglicht es der Band, eben nicht so zu klingen, als würde sie ein bestimmtes Rezept endlos neu auftischen und immer „den gleichen Song“ wieder und wieder zu spielen, sondern einen variablen, abwechslungsreichen Mix zu zocken, der den Musikern sowohl die Gelegenheit bietet, ihr technisches Können und ihre Offenheit Einflüssen gegenüber zur Schau zu stellen als auch Keish Pausen einzuräumen, wenn der Rest der HARD-ONS sich gerade durch feiste Metal-Instrumentals gniedelt. Auch der Drummer verschaffte sich übrigens später eine solche Pause, als er sich für eine kurze Auszeit hinter sein Kit legte… Ansonsten tänzelte Keish lässig hinter seinem Mikro und sang sich kräftehaushaltend durchs Set, das nämlich verdammt ausführlich ausgefallen war, inkl. „Wünsch dir was“-Abschnitt, in dem man auf Zuruf aus dem Publikum den einen oder anderen geforderten Song darbot. Fans der HARD-ONS dürften jedenfalls voll auf ihre Kosten (i.H.v. 15,- EUR AK) gekommen sein. Ich persönlich empfand nun gerade vom Pop-Punk-Material nicht jeden Song als unbedingt zwingend, es überwog jedoch der Eindruck sehr eingängigen Materials mit viel Variantenreichtum, auf die Bühne gebracht von einer lockeren, extrem spielfreudigen Band, die immer wieder für Überraschungen und Späßchen gut war, zudem augenscheinlich mit ausreichend Augenzwinkern und leichtem Hang zur Selbstironie gesegnet ist. Ich konnte das gesamte, bestimmt über 90-minütige Set allerdings nicht komplett konzentriert verfolgen, sondern verbachte einige Zeit auch in unserer Merch-Ecke. Deutlich wurde unterdessen, dass die HARD-ONS gegenüber ihren Popularitätsspitzen seinerzeit stark eingebüßt haben, denn ins Hafenklang hätten an diesem Abend trotz guter Stimmung im Publikum noch locker doppelt so viele Leute gepasst. Fakt ist aber auch: Es war nun mal ein verdammter Mittwoch.

Ich flößte mir noch diverse Jeverchen ein, hielt ‘nen Klönschnack mit dem Bassisten nach dem Gig und ging als Letzter, nachdem sich Christian und Keith längst verabschiedet hatten. Das ist der Vorteil, wenn man am nächsten Tag erst um 10:00 Uhr in der Uni sein muss… Danke an Fab und das Hafenklang inkl. Crew, an alle, die sich bereits von unseren akustischen Signalen angezogen fühlten und an Swaantje für die Fotos unseres Gigs – sowie an die Jever-Brauerei! Prost!

Mit diesem Auftritt haben wir übrigens unser Quartett an HH-Gigs in diesem Frühjahr/Sommer abgeschlossen. Wir konnten beweisen, dass wir wieder ready and loaded sind; Neu-Basser Keith konnte Live-Erfahrung sammeln und die Luft diverser relevanter Hamburger Bühnen schnuppern. Weiter geht’s voraussichtlich am 08.09. in der Rotenburger Villa, bis dahin schrauben wir an neuen Songs, machen Urlaub, gucken Fußball, betrinken uns und besuchen schlimme Festivals.

22.06.2018, Hafenklang, Hamburg: SUBHUMANS + EAT THE BITCH

Die 1980 gegründeten SUBHUMANS touren seit geraumer wieder in schöner Regelmäßigkeit, bisher hatte es bei mir aber irgendwie nie gepasst. Das war an diesem Freitagabend endlich anders, zumal das Hafenklang auch mit der Wahl der Vorband Geschmack bewiesen hatte. Die alten britischen Anarcho-Punks haben sich ihren Anspruch an Bodenständigkeit und den D.I.Y.-Ethos bewahrt und achten stets auf faire Eintrittspreise, was die Entscheidung Pro-Konzertbesuch zusätzlich vereinfachte. Für EAT THE BITCH war’s der erste Gig im Hafenklang und der wurde bravourös gemeistert: Sängerin Jona schrie Zeter & Mordio, dass einem das Adrenalin durch die Adern schoss, und holte alles aus ihrer Stimme heraus, immer wieder unterstützt von den Backgrounds der Saitenfraktion und angetrieben von Lindas schnellem Punkdrumming. Wie immer Hamburger Hardcore-Punk mit jeder Menge Widerhaken, geil angepissten deutschen Texten und hohem Aggressionslevel. Eine echte Überraschung war das brandneue Stück „Fucking Fighter“, ebenso hart wie eingängig und – auf Englisch! So’n 100%iges Heimspiel war’s für EAT THE BITCH aber nicht, größeren Teilen des SUBHUMANS-Publikums dürften sie noch gänzlich unbekannt gewesen sein. Diesen wurde auf jeden Fall kräftig der Scheitel mit der Axt gezogen und eine Gruppe Jünglinge, die ein paar Songs lang interessiert vom Rand des Saals aus lauschte, zog’s irgendwann zum Pogo in die Mitte – Publikum erspielt! Der Sound klang anders als im Menschenzoo oder Gängeviertel, für meine Ohren aber nicht verkehrt, bischn differenzierter, weniger Soundwall. Lediglich die Stand-Tom schien mir nicht richtig abgenommen worden zu sein, das fiel mir aber erst beim letzten Song auf. Geiler Gig, während dessen ich mich aber erst mal warmtrinken musste.

Am Merch-Stand gab’s übrigens selbstgeklöppelte SUBHUMANS-Pullover zu erstehen, was meine Freundin Flo zu der Vermutung veranlasste, die Band treffe sich nicht nur regelmäßig zur Probe, sondern auch 1x wöchentlich zur Häkelgruppe. Evtl. auch eine Idee für die Menschenzoo-St.-Pauli-Siebdruckgedöns-Merch-Manufaktur, lieber Kai? Die SUBHUMANS weisen meines Wissens noch immer große Schnittmengen mit der ‘80er-Jahre-Besetzung auf, allen voran natürlich durch Sänger Dick. Sie zählen zur ersten Generation Anarcho-Punks und klingen grob wie ‘ne Mischung aus flotten CRASS und klassischerem UK-Punk. Das ist nicht der Sound, den ich mir ständig geben kann oder den ich beim Spazieren vor mich hin pfeife, aber die Zusammenstellung der legendären ersten vier EPs und das Debüt-Album „The Day The Country Died“ stehen natürlich in der Sammlung.  Ebenso unprätentiös wie die Songs klingen gibt sich auch die Band auf der Bühne. Dicks Vocals grenzen oftmals an agitativen Sprechgesang und die einfach gehaltenen Songs klingen irgendwie rustikal bis spröde, doch man bleibt an ihnen hängen wie an einem Holzsplitter, der sich schließlich ins Fleisch bohrt. Das Hafenklang ging gut ab, fast bis in die letzte Reihe vorm Mischpult war Bewegung in der Bude, es war eng, schwitzig und die Stimmung wurde immer euphorischer, je mehr Klassiker Dick, Bruce & Co. raushauten. Doch ebenso viel wie das Songmaterial zählte die Attitüde der Band, ihre von der Bühne wirkende Authentizität, an der nichts gekünstelt oder aufgesetzt wirkt – bei dieser Musik spielt Glaubwürdigkeit eine entscheidende Rolle und der drahtige Schmalhans Dick mit Sehhilfe und im Unterhemd, extrem transpirierend und dabei ebensolche Spielfreude ausstrahlend, verkörperte diese mit jeder herausgepressten Textzeile. Die SUBHUMANS müssen nichts heraushängen lassen, müssen weder auf besonders aggro, politisch oder schlau machen, sie sind einfach, wie sie sind. Das bedeutete dann auch gleich mehrere Zugabenblöcke, bis die Band an ihre konditionellen Grenzen gestoßen sein dürften. SUBHUMANS sind alles andere als Altherren-Punk, sondern treten definitiv noch kräftig Arsch. Eine schöne Erfahrung und ein erstklassiges Konzert!

15. + 16.06.2018, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2018

Der Gaußplatz feierte letztes Jahr sein 25-jähriges Jubiläum mit einem üppigen Gaußfest, das auch dieses Jahr wieder zur festen Planung gehörte. Bei bestem Freiluftwetter eröffneten statt der leider kurzfristig ausgefallenen EAT THE BITCH die vom Namen her erst mal nach Schlager klingenden PETRI MEETS PAULI aus HH-Bergedorf den Reigen um 19:00 Uhr. Punk’n’Roll meets ’77 meets Garage oder so mit ziemlich fähiger Sängerin, die ab und zu pausieren oder Backgrounds singen durfte, wenn einer der Gitarristen den Hauptgesang übernahm. Dieser entschuldigte sich auch jedes Mal, wenn er sich verspielt hatte, schien das Gaußfest-Publikum demnach für ein sehr audiophiles, kritisches zu halten. Gespickt war das Set mit zahlreichen Coverversionen: Die erste, die ich erkannte, war „Somebody’s Gonna Get Their Head Kicked in Tonight“ vonne YOUTH BRIGADE. Auf einen sehr gelungenen langsamen Song, der ausschließlich von der Dame gesungen wurde, folgte „Blitzkrieg Bop“ – eigentlich totgecovert, hier aber durch den männlich-weiblichen Wechselgesang doch ziemlich geil. Für eine Jam-Session oder so etwas Ähnliches setzte sie sich entspannt auf den Bühnenrand und konterte schließlich mit einer extrem rotzigen „Under My Thumb“-Version. Ein CHEFDENKER-Medley bestehend aus „Immer in Gefahr“ und „Die Welt in 2-3 Minuten“ gewann ebenfalls an der Gesangskonstellation: Der erste Part wurde vom Gitarristen gesungen, der zweite von der Sängerin. Die männlichen Bandmitglieder hatten sich übrigens in Frauenklamotten gezwängt, lediglich der Bassist blieb unverkleidet – meinte man, seine langen Haare würden genügen…? Ein ausgedehnter Zugabenblock bestand aus weiblich gesungenem „Rebel Yell“, einem DICTATORS-Cover sowie RANCIDs „Wars End“, während dem ich mich aber bereits auf dem Weg in die angrenzende Sportbar befand, um mir die WM-Vorrundenbegegnung zwischen den Lokalrivalen Portugal und Spanien anzusehen, die mich dann so richtig fertigmachte. Stimmungsmäßig hatte dann auch die Bar zunächst ggü. dem Gaußplatz die Nase vorn, bestand die eine Hälfte des Publikums doch aus Portugiesen – und die andere aus Spaniern… Cooler PETRI-MEETS-PAULI-Auftritt jedenfalls, hat Laune gemacht und kam augenscheinlich auch gut an.

Als ich zurückkam, hatte ich DUEKER aus Braunschweig verpasst, dafür lärmten gerade vor größer gewordenem Publikum die schottischen HAPPY SPASTICS mit dreckigem Crustpunk. Der Shouter war dermaßen dürr und ausgemergelt, dass ich ihm am liebsten einen der Veggie-Hot-Dogs ausgegeben hätte, an denen ich mich zuvor bereits gestärkt hatte. Was’n da los?! Gut durchs Set grunzen, röcheln und brüllen konnte er sich trotzdem und sprang auch von der Bühne, um vor selbiger mit dem Publikum zu tänzeln.

Der absolute Höhepunkt folgte dann im Anschluss: Die HELSINKI BLOCKHEADS, die nicht etwa aus Finnland, sondern wie DUEKER aus Braunschweig stammen, brannten ein buntes Feuerwerk an Coverversionen vornehmlich alter britischer Oi!-Punk-Klassiker ab. Zwei Sänger sorgten für stimmliche Abwechslung und die Instrumentalfraktion peitschte die Songs flott gespielt nach vorn sowie direkt in meine offenen Ohren, sodass auch ich mich nun tänzerisch verausgabte und beinahe jeden Song frenetisch mitsang. Völlig geniales Brett und hochgradiger Partygarant, dieser Gig. Der musikalische Teil des Abends fand keinen leisen Ausklang, sondern knockte alle mit mehreren Fistfuls of Punk aus.

Am nächsten Tag ließ ich’s locker angehen, sah mir noch in Ruhe Fußball an, ging etwas essen und nahm meine Freundin mit auf den Gaußplatz. Aufgrund der vorgerückten Stunde hatten wir die Schweizer Combos BUTTER und BLACK WIND verpasst, was im Falle der letzteren schon etwas schmerzt, denn man berichtete mir, dass sich diese fulminant durch die Metal-Geschichte gecovert hätten. Zu ART OF TIN TOYS waren wir aber pünktlich und gefühlt standen locker doppelt so viele Besucher wie am Vortag bereit, um sich die wiedervereinten Altpunks um Sir Hake zu geben. Den Gesang teilte sich Hake mit einer Sängerin und dem Bassisten. Das kam zeitweise ganz gut, geriet bisweilen aber zu einer Geduldsprobe, z.B. wenn die Sängerin zu einer Solonummer ansetzte, die sich als ausufernde und leider verdammt langweilige Ballade entpuppte. Je punkrotziger ART OF TIN TOYS spielten, desto besser gefielen sie mir, wobei insgeheim natürlich viele auf „Walfänger“, den größten Hit der Band, lauerten. Als es soweit war, wurden einige Besucher auf die Bühne gebeten, u.a. durfte Platzbewohner Esso das Stück mitträllern – und ihm taten es hunderte Kehlen vor der Bühne gleich. Man muss ihnen lassen, dass sie es geschafft hatten, die Stimmung auf den Höhepunkt zu treiben. Anschließend dämmerte es und viel e zogen sich wieder zurück, einige dürften eigens für diesen Auftritt gekommen gewesen sein.

Wer nicht mehr da war, verpasste „Manchester’s most dangerous band“. WADEYE zockten High-energy-Ska-Punk grob Richtung OPERATION IVY, aber eben in britisch, treibend und aggressiv, hatten aber auch mit einem nicht ganz optimalen Sound zu kämpfen. Das klang alles bischn sehr trocken und die Gitarre etwas dünn. Dafür knallte der Bass gut und ging durchs Mark.  Ich fand’s geil.

Wer glaubte, dass es das gewesen sei, sah sich getäuscht: Offenbar hatte sich noch ein blinder Passagier in Manchester mit in den Flieger geschmuggelt und nutzte die Zeit des Bühnenabbaus, um mit seiner Akustikklampfe in Singer-Songwriter-Manier Working-Class-folkiges Liedgut zu schmettern. Schnoddriger englischer Humor traf auf gefühlvolle, bluesige Songs. Umjubelter Höhepunkt war der Song „I’m an Asshole“, der etwas aus der Reihe fiel, aber dem soeben beschriebenen Humor am nächsten kam. „Let’s get drunk and naked!“, schlug er anschließend vor, musste jedoch noch ein paar Zugaben liefern, bevor er von der Bühne gelassen wurde. Vor dieser hatte sich allein schon deshalb eine Menschentraube gebildet, um sich vorm leichten Sommerregen zu schützen, und diese feuerte den Freak breit grinsend an. Schön bizarrer Abschluss des Festivals, das am nächsten Tag mit dem Zappa-Cup getauften traditionellen Fußballturnier noch weiterging (allerdings ohne mich).

Den wichtigsten Faktor aber habe ich bisher fast komplett unerwähnt gelassen, und dieser sind natürlich die Leute, die diese Sause alljährlich möglich machen, diejenigen, die gekühltes Bier für 1 € raushauen, die an den Essensständen ausharren, die sich um den Sound und die Bandbetreuung kümmern und damit die Grundlage dafür schaffen, dass sich die lokale Szene mit netten Menschen von außerhalb zwei, drei Tage lange vermischt und man in antikommerzieller Wohlfühlatmosphäre miteinander feiern kann. Da stellt man sich dann gern auch nach dem letzten verklungenen Live-Ton ans Lagerfeuer auf ein paar letzte Pilsetten…

Schade nur, dass Olax dieses Jahr nicht mehr dabei sein konnte. R.I.P.

Christian Eichler – Fußball. Weltmeisterschaften Tag für Tag – Spieler, Tore und Geschichten

„Bilder aus 50 Jahren Weltmeisterschaft“, verlautbart der golden schimmernde, ballrunde Aufkleber, der auf meinem Exemplar dieses rund 400 Seiten starken, auf hochqualitativem Papier gedruckten Cofeetable-Books prangt und dabei Teile von Stefan Reuters und Pierre Littbarskis Armen während ihres Jubels über Andreas Brehmes Siegtreffer im WM-Finale 1990 in Rom verdeckt. Das Buch im Panorama-Format erschien2005 anlässlich der bevorstehenden hiesigen Herrenfußballweltmeisterschaft im Münchener Knesebeck-Verlag. Was der Aufkleber noch verschweigt, offenbart sich beim Aufblättern: Neben zahlreichen Bildern enthält der Band auch Texte des Autors Christian Eichler, Mitglied der ausgezeichneten Sportredaktion der ansonsten häufig politisch so fragwürdigen F.A.Z. Es handelt sich um Eichlers zweite Veröffentlichung in Buchform, im Jahre 2002 erschien bereits sein (mir unbekanntes) „Lexikon der Fußballmythen“.

Nach einem sechsseitigen Vorwort zur Geschichte des Fußballs und seiner Weltmeisterschaften steigt Eichler mit dem 1954er Turnier in der Schweiz ein, das Deutschland seinen ersten Weltmeistertitel bescheren soilte. Für jeden Tag eines Jahres wird eine Doppelseite aufgewendet, von denen die erste knapp über das Turnier informiert und die zweite die Spielergebnisse präsentiert. Die jeweiligen (gerade in der Vergangenheit meist sehr künstlerischen) offiziellen Plakatmotive werden ebenso abgebildet wie die jeweiligen Maskottchen (beispielsweise Tip und Tap von der WM in der BRD 1974). Größten Anteil am Buch haben dann aber die vollflächigen historischen Fotos aus verschiedensten chronologisch angeordneten WM-Partien, anfangs noch schwarzweiß und jeweils auf der linken Hälfte jeder Doppelseite um eine Bildunterschrift (bzw. Bildnebenschrift) ergänzt. Unter überflüssigen gestrichelten Linien, die dem Buch den Anstrich eines Kalenders mit Raum für Notizen verleihen sollen, nimmt Eichler jeweils im Fließtext Bezug auf die jeweilige Begegnung und weiß so einige bemerkenswerte, kuriose, allgemein bekannte oder auch in Vergessenheit geratene, anrührende und tragische Geschichten aus knapp 50 Jahren WM-Geschichte zu erzählen – oft durch eine weitere, kleine Fotografie am linken Seitenrand ergänzt. In Zeiten riesiger hochauflösender Bildersammlungen, permanent im World Wide Web verfügbar, locken diese briefmarkengroßen Fotos natürlich niemanden mehr hinterm Ofen hervor, die großflächigen Bilder jedoch sind schöne Beispiele für das geschickte Handwerk der Sportfotografie. Sie kombinieren sich perfekt mit Eichlers wunderbar formulierten Texten, die viel Leidenschaft für Sportberichterstattung sowie Gefühl für besondere Momente und ihren jeweiligen Zauber speziell in Bezug auf Fußballweltmeisterschaften erkennen lassen und dazu beitragen, vergangene Turniere nachzuempfinden oder sich die Ereignisse wieder ins Gedächtnis zu rufen sowie einladen, zu schmunzeln, den Kopf zu schütteln, zu staunen oder in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. In seiner Anekdotensammlung kommt mir lediglich die WM 1990, die bei mir immer einen ganz besonderen Stellenwert genießen wird, etwas zu schlecht weg. Das Turnier in Japan und Südkorea 2002 ist das letzte von Eichler hier behandelte. Eichlers Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beweist Mut zur Lücke, ist eine bewusst subjektive Auswahl kleinerer und größerer Momente – die sich keinesfalls vornehmlich auf die deutsche(n) Mannschaft(en) konzentriert, sie stattdessen gleichberechtigt zu den internationalen Teams behandelt. Es lässt den besonderen Geist von Weltmeisterschaften, der sich aus dieser eigenartigen Mischung aus kollektiven und individuellen emotionalen Erinnerungen sowie internationalem Flair und interkulturellen Begegnungen speist (oder speisen sollte), aufleben, zitiert bisweilen sogar auf elegante Weise Fußballphilosophen, macht Lust darauf, es entgegen seines Kalenderkonzepts am Stück durchzublättern und ist als Vorbereitung auf die nächste WM oder ihr Begleiter hervorragend geeignet – für stumpfe „Party-Patrioten“ hingegen nicht. Seinem Erscheinungsjahr ist geschuldet, dass von Deutschlands gekaufter WM, jüngeren Fifa-Skandalen und hirnrissigen Vergaben an Katar, die seither ihren Schatten über das größte Fußballturnier legen, noch keine Rede ist.

Ich würde gern mehr von Eichler lesen.

09.06.2018, Gängeviertel, Hamburg: HC BAXXTER + WREST. + BOLANOW BRAWL

Eigentlich hatte die Beyond-Borders-Konzertgruppe an diesem Abend MARCY D’ARCY zusammen mit WREST. und HC BAXXTER ins Gängeviertel gelockt, doch einige Tage zuvor wurde klar, dass erstgenannte nicht würden auftreten können. Fragen, ob wir superkurzfristig einspringen könnten, bekomme ich mit meinen Bands ja öfter und i.d.R. ist das leider zu spontan für uns. Diesmal war die Vorlaufzeit aber etwas größer und es passte tatsächlich mal alles: Unser zweiter Gig im Gängeviertel stand an. Das Line-Up stand also, doch ein Problem gab’s trotzdem: Um die Backline stellen zu können, hätten wir ein bis zwei Autos gebraucht, die wir auch oftmals zur Verfügung haben, nur diesmal leider kein einziges. Mit Beyond Borders konnten wir aber ausmachen, dass man uns ein Lastentaxi bezahlen würde. Letztlich kam dann doch alles bischn anders: Ole bog unerwartet mit seiner Karre um die Ecke und das war auch ganz gut so, denn nachdem wir im Schweiße unseres Angesichts das ganze Gelöt aus dem sechsten Stock heruntergeschleppt hatten, wurde klar, dass ein richtiges Lastentaxi arschteuer wäre, ein Großraumtaxi hingegen zu unterdimensioniert. Also haben wir Oles Vehikel vollgepackt und den Rest auf ein herkömmliches Taxi verteilt. Vor Ort flugs ausgeladen und aufgebaut, alles entspannt. Die Jungs hatten Hunger und warfen sich irgendwo vermutlich irgendeinen Müll ein, statt sich etwas zu gedulden, gegen 19:00 Uhr sollte es schließlich Essen geben. Es muss sich um ein Fünf-Gänge-Menü gehandelt haben, denn die kamen gar nicht wieder und mussten von mir herbeizitiert werden, als der Soundmensch langsam ungeduldig wurde. Wieder vereint konnten wir kurz vor knapp einen vielversprechenden Soundcheck durchführen, woraufhin ich mich in die Cuisine begab, mir ‘ne Riesenportion Sellerieschnitzel mit köstlichem Nudelsalat auffüllte und gierig verschlang. WREST. gesellten sich dazu und zahlreiche Komplimente an die Köchin wurden ausgesprochen.

Während der Kollege vom SCHRAIBFELA-Videofanzine ein Interview mit WREST. durchführte, konnte ich mich endlich warmtrinken. Der Rest meiner Bandkollegen war schon wieder verschwunden, denn wann immer wir ‘nen Gig haben, verfällt Christian in eine seltsame Art Touristenrolle, wähnt sich selbst bei lokalen Auftritten in fremdem Ambiente, in der es erst mal diverse Sehens- und Trinkenswürdigkeiten abzuklappern gilt, und schleift mit seiner einnehmenden Art alle, die nicht so willensstark sind wie ich, kurzerhand mit. Diesmal verschlug es sie in eine Cocktailbar und ins Hofbräuhaus (!), bis es Keith zu bunt wurde und er sich daran machte, unser Freibierkontingent auszunutzen.  In der Sonne auf dem Gängeviertelhof ließ es sich wunderbar entspannt rumgammeln, trinken und quatschen. Im Tauschschrank habe ich sogar eine alte OZZY-OSBOURNE-VHS (Bark at the Moon!) einheimsen können – geil!

So gegen 21:45 Uhr galt es dann abermals, den Rest der Band zusammenzufunken, denn um 22:00 Uhr sollte es losgehen. Dabei war ich mir nicht sicher, ob überhaupt jemand kommen würde, immerhin gab Hamburg in Sachen Parallelveranstaltungen mal wieder alles: Von der „Booze Cruise“ übers „Gott sei Punk!“-Festival bis hin zu Gratismucke in Wilhelmsburg und dem KAMIKAZE KLAN in der Pooca-Bar… Letzteres war besonders kurios, da noch vor uns eben jener KKK gefragt wurde, ob er einspringen könne, dies verneinen musste, dann aber durch eine Verkettung von Umständen doch konnte und die Gelegenheit wahrnahm, auf dem Kiez zu spielen. Letztlich wurden es aber über 60 zahlende Gäste, was echt ordentlich ist. Diese wurden Zeuge unseres ersten Gigs mit Neubasser Keith, bei dem wir keinen Zeitdruck hatten. Das bedeutete vermehrte Stimmpausen mit Überbrückungszirkusmelodie fürs optimale Stereoklangerlebnis und viel Zeit, um Blödsinn zu quatschen. Größte Enttäuschung allerdings: Mein aktueller Lieblingswitz „Was ist die Hauptursache für trockene Haut? – Handtücher!“ schien überhaupt nicht anzukommen, betretenes, peinlich berührtes Schweigen. Schnell versuchte ich, die Kurve zu bekommen, indem ich ihn in eine Ansage überleitete und nach dem Song gab’s dann auch wieder unseren hart erspielten Szenenapplaus. Hart vor allem deshalb, weil die Bude so was von aufgeheizt war, dass mir die Suppe mal wieder aus sämtlichen Poren rann. Obwohl ich keinen eigenen Monitor hatte, konnte ich mich gut zwischen Raouls Drumgeschepper und der unheiligen Klampfendreifaltigkeit heraushören und bis auf einen von den Kollegen vergurkten Songeinsatz lief alles glatt. Dreckig gesungen und doch sauber abgeliefert. Soweit also zum Streetpunk-Teil des bunt gemischten Abends.

WREST. aus Dresden wurden mir als „Trash-Punk“ angekündigt, irgendwo hatte ich auch etwas von Powerviolence gelesen und mich gleich an die Worte unseres Drummers Raoul erinnert, der einst konstatierte, Powerviolence sei sein Lieblingsviolence. Das, was dann da live im Gängeviertel explodierte, würde ich als Hardcore mit schnellen Ballerparts bezeichnen, der eine düstere, verzweifelte Atmosphäre mittels manch Moll-Klängen erzeugt, zu dem die englischsprachigen, von der Shouterin ebenso eindrucksvoll wie eindringlich herausgeschrienen Texte bestens passen. Diese sprang aufgekratzt vor der Bühne umher und brach so sämtliche Distanz zum Publikum auf, das gut mitging und den klasse Auftritt entsprechend quittierte. Da es kein Song über zwei Minuten schaffte, war die anstelle ausschweifender Ansagen mit Audio-Einspielern aus dem Off angereicherte Sause recht schnell wieder vorbei und hinterließ im positiven Sinne verbrannte Erde wie nach einem Überfallkommando.

In dieses stapfte dann HC BAXXTER. Ich befand mich nun erstmals in meinem Leben auf einer Art Techno-Gig. Bisher hatte ich von dieser Musik meist Abstand gehalten, verbinde ich mit ihr doch in erster Linie inhaltsleeren Stumpfsinn, emotionslosen Plastiksound und ein strunzdoofes, komplett geschmacksbefreites Publikum sowie die Hölle der 1990er. Manch in jenem Jahrzehnt sozialisierter Mitmensch scheint jedoch auf Eurodance, BLÜMCHEN-Rave und Proleten-Techno à la SCOOTER hängengeblieben zu sein wie ich auf CYNDI LAUPER, MICHAEL JACKSON und A-HA und feiert bis heute seine Trash-Partys darauf. Nicht so HC BAXXTER. Der Hannoveraner, der nebenbei auch bei der SCHMUTZSTAFFEL tätig ist und seit 2016 sein Solozeug veröffentlicht, nutzt seine Dorfdisco-Tracks, um sie mit bissigen Texten gegen Arbeit, Nation, Staat und Gesellschaft sowie Geschlechterrollenklischees und für Rebellion, Widerstand und selbstbestimmtes Leben in meist deutscher, manchmal englischer Sprache zu versehen und damit durch die D.I.Y.-Läden der Republik zu tingeln. Textlich macht er dabei keine Gefangenen, da muss jeweils ganz Deutschland dran glauben, das bei ihm ausschließlich negativ konnotiert wird. Differenziert wird da punknaturgemäß wenig, aber gemeint ist in erster Linie die (letztlich natürlich nicht nur) deutsche Tradition kapitalistischer Verwertungslogik „humaner Ressourcen“, die immer wieder in inhumane Entscheidungen und Entwicklungen in unterschiedlichen Ausprägungen mündet bis hin zu staatlicherseits verleugneten rassistischen Anschlägen oder von deutscher Industrie gefertigter Kriegsmaschinerie, die für tausende Tote mitverantwortlich ist. Er nahm sich jedoch auch Zeit für eine sehr persönliche Ansage, in der er beschrieb, wie er zu Schulzeiten diskriminiert wurde, weil er Mitschülern zu „anders“ war. Das empfand ich als bemerkenswert offen und sympathisch. In betont geschmackloses Love-Parade-Outfit gehüllt, sprang er wie ein Flummi in der Mitte der Tanzfläche auf und ab und überraschte mich mit einer wahnsinnigen Kondition. Mit seinem gefärbten Haarschopf erinnerte er mich an Gobo von den Fraggles, was keinesfalls als Beleidigung gemeint ist, immerhin habe ich sämtliche Staffeln im Regal stehen. Um ihn hatte sich ein Halbkreis ekstatisch Tanzender gebildet, vom Rand aus beobachtete ich die Szenerie – und war überrascht, wie unterhaltsam und durchaus gut gemacht ich das alles fand. Gegen Ende sang LOSER-YOUTH-Thommy auch noch einen Track im Duett oder so. Die meiste Zeit über muss ich ein debiles Grinsen im Gesicht getragen haben. Wäre Techno schon immer so gewesen, hätte ich vielleicht keine so ausgeprägte Abneigung entwickelt… Als ich zwischendurch von draußen reinkam und mich an der Meute Richtung Klo vorbeischieben wollte, hielt Hans-Christian mir plötzlich sein Mikro hin, womit ich unangenehmerweise nichts anfangen konnte, weil ich nicht wusste, welcher Song gerade läuft – dieser stellte sich als „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ in einer Elektroversion heraus, und, ja, das schreibe ich jetzt nur, damit niemand glaubt, ich würde diese Nummer nicht kennen. Ein verdammt kurzweiliger Auftritt und der krönende Abschluss eines geilen Abends im Gängeviertel – nach ‘ner letzten Runde verschlug’s uns ins Jolly, wo FAST-SLUTS-Alex auflegte und die rappelvolle Bude musikalisch bestens versorgte.  Die sächsischen Gäste wiederum blieben anscheinend im Gängeviertel und soffen noch ein nettes Sümmchen mittels Solischnaps zusammen…

Danke allen Beteiligten, insbesondere Beyond Borders. So viel Laune es auch macht, mit musikalisch ähnlich gelagerten Bands zu zocken, so viel Spaß bereitet es mir gerade auch, in Konstellationen wie diesen aufzutreten, statt sich in der eigenen Subszene abzuschotten. Diesen Gig hätte ich genauso gut mit meiner anderen Band spielen können, die hätte vom Hassfaktor sogar besser gepasst – aber, und daher diese Überleitung, mit der werde ich bereits am 21.07. wieder im Gängeviertel sein, wenn Hannes und ich unseren Geburtstag zusammen mit drei weiteren Bands feiern. Der nächste BOLANOW BRAWL wiederum steigt bereits am Mittwoch im Hafenklang als Support für die australischen HARD-ONS!

P.S.: Danke auch an Sandy für die Schnappschüsse unseres Gigs! Meine sind aber auch nicht übel, oder? ^^

P.P.S.: Hier das SCHRAIBFELA-Video:

02.06.2018, Lobusch, Hamburg: PENADAS POR LA REY + BRACK

Am 02.06. war einiges los: Kai Motherfucker und Familie hatten um 11:00 Uhr zum Brunch geladen, anschließend ging’s zum Mietenmove auf den Spielbudenplatz, wo nach einiger Zeit auch die Altonaer Fraktion eintraf – mitsamt schwerem landwirtschaftlichem Gerät. Gemeinsam ging’s dann per pedes, optimalerweise aber auch auf dem Traktor-Anhänger mit einer großen, bunten, entschlossenen, aber friedlichen Demo gen Hauptbahnhof zur Abschlusskundgebung. Die ersten Bierchen wurden sich gegönnt, die Stimmung war prächtig. Für den frühen Abend war dann das vorletzte Testspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft vor der WM angesetzt – gegen Österreich. Und mit wem suchte ich das O-Feuer in der Schanze zum entspannten Kickkuck auf? Mit einer Österreicherin… Immer wieder wurde der Anpfiff des Spiels aufgrund heftiger Regenfälle verzögert. Beim ZDF ging man daher ins Archiv, Abteilung Oe, und öffnete die „Österreich“-Schublade: „Hitler hatten wir schon so oft, lass uns mal wieder den Messner nehmen!“, hieß es da offenbar, und schon wurden pittoreske Aufnahmen gezeigt, wie der alte Ösi-Zottel in den Bergen keinen Yeti, dafür einen deutschen Nationalspieler fand. Irgendwann ging’s dann doch noch los, Deutschland versagte 1:2 und meine Begleitung feierte den Sieg… Aufgrund der zahlreichen Verzögerungen hatte ich längst so einige Umdrehungen im Blut und suchte als letzten Tagesordnungspunkt die Lobusch auf. PENADAS POR LA REY aus Bilbao hatte ich auszugsweise bereits auf dem letztjährigen Hafengeburtstag gesehen und wusste daher in etwa, was mich erwartet. Zunächst aber BRACK, „Punkrock aus Oldenburg“, wie’s auf dem Flyer stand. Nie von gehört, zumindest von der Band nicht, Oldenburg kenne ich. Mit dem Beginn hatte man sich sehr viel Zeit gelassen; dürfte schon fast 23:00 Uhr gewesen sein, als das Trio eindeutig älteren Semesters die Bühne betrat und losrödelte. Rotziger Oldschool-Punk in englischer Sprache, irgendwo zwischen ’77 und ’82, wurde ziemlich überzeugend dargereicht, mal melodischer, mal härter und ungestümer. Lief gut rein, machte Spaß und kickte. Gespickt wurde das Set mit einigen Coverversionen. Verbindlich erinnere ich mich an „Plastic Bomb“ von POISON IDEA und das EXPLOITED-Cover „Daily News“, knüppelhart rausgedrückt mit herrlicher We-are-old-Punks-so-what-fuck-you-Attitüde – Respekt!

Als die baskischen Gäste zunächst ebenfalls in Trio-Größe sich anschickten, die Bude nun endgültig zu zerlegen, dürfte es bereits nach 00:00 Uhr gewesen sein und langsam konnte ich stolz auf mich sein, überhaupt noch stehen zu können. Die drei Damen (auf dem Hafengeburtstag hatte noch ein Kerl an der Schießbude gesessen) luden mit ihrem flotten Punkrock energischer, doch melodischer Ausrichtung in Landessprache aber dazu ein, noch mal alle Kräfte zu mobilisieren und so legte ich ohne Rücksicht auf eigene Verluste eine kesse Sohle aufs Parkett. Irgendwann, ungefähr nach der Hälfte des Sets, legte die Gitarristin ihre Klampfe ab, um sich fortan ausschließlich auf den Gesang zu konzentrieren, dafür betrat ein Typ die Bühne, der die Gitarrenarbeit übernahm.  Die Stimmung wurde immer gelöster und ausgelassener und viele inkl. meiner waren nach dem Schlussakkord noch so aufgeputscht und voller Adrenalin, dass sie die anschließende Party mit Mucke aus der Konserve dankend mitnahmen, bis sich der Biervorrat gefährlich dem Ende entgegenneigte… Die Erinnerung daran verliert sich dann konsequenterweise auch ziemlich, aber die späte Stunde des Erwachens spricht dafür, mal wieder die Nacht zum Tag gemacht zu haben. Und ich glaube, viel mehr bekommt man in so einem Samstag auch nicht unter – bzw. muss dann eben noch gut was vom Sonntag angebrochen werden… Die Lobsch-Veranstaltung war der krönende Abschluss; schön, dass es nach dem langwierigen Mietenmove noch so viele dorthin verschlagen hatte.

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