Gnnis Reviews

Author: Günni (page 1 of 83)

Rocko Schamoni – Dorfpunks

„Sie hatten Angst vor uns und machten sich gleichzeitig Sorgen. Geile Mischung.“

Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni ist nicht nur Entertainer, Musiker, Telefonstreichspieler mit „Studio Braun“ und Mitglied der Partei Die PARTEI, sondern auch Roman-Autor. Im Jahre 2000 debütierte er mit „Risiko des Ruhms“, einer autobiographisch anmutenden Kurzgeschichtensammlung, die jedoch angeblich frei erfunden ist. Bis heute habe ich noch keine Lust verspürt, mir jenen Schmöker einmal vorzuknöpfen. Anders verhielt es sich da mit dem Nachfolger, dem 2004 bei Rowohlt erschienenen und zum Überraschungserfolg avancierten „Dorfpunks“. Erneut könnten die Kapitel als autobiographische Kurzgeschichten bezeichnet werden – und diesmal haben sie sich anscheinend tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen. Mir liegt die zweite Auflage aus dem Januar 2006 vor.

Schamoni scheint in „Dorfpunks“ seine Jugend zwischen dem zwölften und dem 22. Lebensjahr im schleswig-holsteinischen Lütjenburg, das er hier Schmalenstedt nennt, aufzuarbeiten. Dorthin hatten ihn seine Eltern gepflanzt, nachdem sie ebenda ein altes Bauernhaus erworben und renoviert hatten. Der in 47 kurze, maximal achtseitige Kapitel und einen Epilog unterteilte, rund 200-seitige Roman beginnt mit ungezwungenen Schwänken aus dem Leben eines Dorfkinds hippieesker Pädagogen – beide Elternteile waren Lehrer. Dazu gehörte offenbar auch das Misshandeln wehrloser Tiere, was der Ich-Erzähler nonchalant beschreibt. Das alles liest sich zunächst wie eine ungeschönte Anekdotensammlung, in der es zunehmend um Härte und Männlichkeit geht – Pubertät eben. Mir gefällt die mitschwingende positive Konnotation des Wörtchens „Hass“ als Antriebskraft und Aufputschmittel. Gehört wird Hardrock und Artverwandtes. Die NWOBHM-Band Saxon schreibt Schamoni versehentlich mit Doppel-x, wie man AC/DC schreibt, weiß er aber – und verfasst den besten Konzertbericht über die Australier, den ich jemals gelesen habe. „I’m a live wire“, Digger!

Lange darüber zu sinnieren, wie es der Begriff „Mordsgaudi“ in den Sprachschatz eines Schleswig-Holsteiners geschafft hat, lohnt sich nicht, denn nach dem ersten Viertel beginnt Schamonis Punkwerdung. Auf dem Dorf ist es selbstverständlich, betrunken ein Kfz zu steuern, als Punk erst recht. Roddy Dangerblood wird er sich bald nennen und damit seine alte Identität abstreifen wie eine lästig, weil zu eng gewordene Jacke. Sehr anschaulich werden die Gründe nachlassender Leistungen in der Schule geschildert, wovon auch der Verfasser dieser Zeilen ein Lied singen kann. Natürlich gibt es eine dilettantische erste Band und natürlich auch Ärger mit den Dorfprolls, teils herrlich absurd. Als man beginnt, sich auf dem örtlichen Marktplatz zu treffen, wird’s dann auch so richtig punkig. Nun war man wer. Eigenartigerweise schien das Meier’s so etwas wie eine okaye Dorfdisse zu sein, in der die Punks willkommen waren und weitestgehend unbehelligt blieben. Ich erkenne in „Dorfpunks“ ja einiges aus meiner eigenen Vita wieder, aber das gab es zu meiner Zeit bereits nicht mehr. Beim Angriff der „Born to be Wild“-Rocker aufs Meier’s allerdings blieb kaum ein Stein auf dem anderen.

„Der Sommer 1983 war der Höhepunkt der Punkrockbewegung in Schmalenstedt. Sechs Jahre nach dem Höhepunkt in England.“

Irgendwann wird Dangerblood ins Jugendaufbauwerk der Heilsarmee gesteckt, wo man ihn grundgesetzwidrig erpresst: Nietenarmbänder oder Mittagessen. Später zieht es ihn in seiner Freizeit nach Berlin, wo er als Wohlstandsjunge einen Schnorrpunk spielt. Gute Punktexte zu schreiben bekommt er leider nicht hin, widmet sich daher schließlich irrelevanter Stimmungsmusik. Anders als manch urbaner Arroganzpunk (vgl. „Verschwende deine Jugend“) war Schamoni aber musikalisch schon immer breiter aufgestellt und interessiert, wie er immer wieder auch in „Dorfpunks“ fallen lässt. Nach einer Science-Fiction-Episode lernt er Alfred Hilsberg kennen, außerdem die Goldenen Zitronen, damals Timmendorfer, und Die Toten Hosen. Mit seiner Zwei-Mann-Band, den Amigos, verpasst er die große Chance, direkt im Anschluss an einen Hosen-Gig vor großem Publikum zu spielen. Ein tragikomisches Kapitel, wie so viele.

Obligatorisch sind diverse Schwärmer-, Schmachter- und Liebeleien in Bezug aufs weibliche Geschlecht, insbesondere, wenn der Autor zum Ende hin seine erste ernsthafte Beziehung Revue passieren lässt, doch nach meiner x Jahre zurückliegenden Erstlektüre war vor allem eines bei mir hängengeblieben: Die unheimliche Tristesse, die Schamonis Alltag bestimmt, als er auf Drängen seiner Mutter hin eine Töpferlehre beginnt – und durchzieht. Unfassbar! Auch jetzt schaudert es mich, wenn ich an diese Episoden zurückdenke, derart anschaulich und nachvollziehbar hat er seine damalige Gefühlswelt in Worte gefasst. Das sagt aber natürlich auch etwas über mich aus, was ich schon vorher wusste: Meine eigene Angst davor, zu einem solchen oder ähnlichen Job verdammt und von der Außenwelt isoliert zu sein. Andererseits gelingt es Schamonis jüngerem Ich, aus dieser Langeweile Kreativität entstehen zu lassen und D.I.Y.-Projekten nachzugehen, was sicherlich gern als Empfehlung gelesen kann, sollte man sich einmal selbst in einer ähnlich unwirtlichen Situation befinden.

Schamoni räumt kräftig mit urbaner Arroganz auf, beherrscht einen humorvollen und zugleich melancholischen Schreibstil und stellt seinen Hang zur Selbstironie und zu überspitzten Metaphern unter Beweis. Im Präteritum hangelt sich sein autobiographischer Erzähler nach einer Art Prolog chronologisch an seiner Sozialisation entlang, die in einen Entfremdungsprozess von seinen Eltern und deren Welt sowie von gesellschaftlichen Erwartungen mündet. Es wird ein Gefühl dafür vermittelt, wie schön und zugleich einengend das Dorfleben sein kann, paradox und widersprüchlich wie der Punk. Der stilistisch abweichende Epilog übers Loslassen und den Abschied von Jugend und alter Liebe legt die Deutung nahe, er habe mit „Dorfpunks“ beides verarbeiten und hinter sich lassen können. Ob er das wirklich hat…?

29.06.2019, Bambi Galore, Hamburg: ENFORCER + FINAL CRY

In der Metal-Journaille wurde in den letzten Jahren immer häufiger die Frage aufgeworfen, welche Band denn in der Lage wäre, auf Festivals und Shows die ganz großen Headliner zu beerben, wenn diese endgültig abtreten. Ein Name schoss mir dabei immer spontan durch den Kopf: ENFORCER. Die Schweden spielen einen schön arschtretenden Mix aus melodischem Speed und klassischem Heavy Metal, orientieren sich stark an der Hochzeit des Genres (lassen also sämtliche Stilverirrungen ab den 1990ern dankenswerterweise beiseite) und sind derart versierte Songschreiber, dass ihnen sowohl herausragende, eingängige Hits als auch abwechslungsreiches Material von episch-getragenen Hymnen bis zur thrashigen Abrissbirne gelingen – das Holz, aus dem Langzeitklassiker geschnitzt sind. Nach vier Alben und ausgiebigen Tourneen hatten sie sich zuletzt allerdings ziemlich rar gemacht. Einzelne Bandmitglieder haben sich ihren musikalisch anders gelagerten Nebenprojekten gewidmet und ich fragte mich, ob mit ENFORCER wohl noch mal zu rechnen sei.

Kürzlich traten sie dann mit ihrer fünften Langrille auf den Plan, wenig bescheiden „Zenith“ betitelt. Das Album polarisiert. ENFORCER haben den roten Faden, der all ihre vorausgegangenen Alben durchzog, verloren und wildern in diversen Randbereichen des metallischen Paralleluniversums. Kritik daran ließ man nicht gelten, vertrat den Standpunkt, sich das Recht herauszunehmen, sich weiterzuentwickeln, über den Tellerrand zu blicken und andere Einflüsse als Speed Metal zuzulassen. Ich war irritiert: Hatten sie das nicht zuvor bereits stets getan, auf organisch und natürlich klingende Weise? Mir schien man nun vielmehr auf Krampf eine Art „Classic Rock“-Album am Reißbrett entworfen zu haben, um irgendeine Art von „Durchbruch“ zu schaffen – auf Kosten des jahrelang herausgebildeten eigenen Stils, der nun von Poser-Hardrock, Pomp und sogar einer Ballade verwässert wurde. Nichtsdestotrotz fand ich mit „Searching for You“, „Thunder and Hell“ und „Forever We Worship the Dark“ drei echte Perlen auf dem Album und hoffte darauf, dass diese ins Liveset finden und sich die anderen Songs vielleicht in der Live-Situation entfalten und zumindest Spaß machen.

Es stand nämlich der einzige deutsche Club-Gig der „Zenith“-Tour an, für den man den exakt richtigen Laden ausgewählt hatte: Das sympathische Bambi in HH-Billstedt. Das machte neugierig, also hatten Madame und moi uns bereits im Vorverkauf zwei Karten gesichert, zumal dort auch noch Bekannte aus Hannover erwartet wurden. Jener Samstag erwies sich als heißer Frühsommertag, der die erwarteten Publikumsscharen anzog. Nach ein, zwei Bierchen vor der Tür ging’s die Treppen runter, um die Vorband FINAL CRY nicht zu verpassen. Das Quintett aus dem Weserbergland ist bereits seit 1994 (!) aktiv und hat fünf Langdreher vorzuweisen, dennoch hatte ich noch nie etwas von ihm gehört. Jüngst war (nach zwölfjähriger Abstinenz) mit „Zombique“ ein neues Album erschienen, noch von Gitarrist Eiko eingesungen, offenbar im unmittelbaren Anschluss hat man sich aber um einen sehr fähigen Sänger/Shouter verstärkt. Der Mann stammt aus den USA, hat Showtalent und ‘ne gute, kehlige Stimme. Das Intro aus der Konserve blieb die einzige Prätentiöse; direkt der Opener überraschte positiv und überzeugte nicht nur mich, sondern auch die anderen Gäste, von denen wohl kaum jemand die Band kannte (abgesehen von demjenigen, der sie anscheinend erfolgreich ans Bambi vermittelt hatte, und unserem Bekannten aus Hannover, der angab, 2003 mal mit ihr zusammen gespielt zu haben). Mit ihrer atmosphärischen Mischung aus Geballer und Melodien konnten sich FINAL CRY dauerhaft die Aufmerksamkeit sichern und manch Zuhörer(in) mehr gewinnen. Der zwischenzeitliche Versuch, Stimmung für ENFORCER zu machen, blieb dann sogar relativ erfolglos, weil gerade alle FINAL CRY viel geiler fanden. Zwischendurch holte der Sänger den Heavy-Metal-Tigger auf die Bühne und freundete sich mit ihm an. Beim letzten Song mit seinem schönen „Walk With The Deeeeeeaaaaad“-Mitgrölrefrain stromerte er durchs Publikum und hielt u.a. mir das Mikro unter die Nase, bis der letzte Akkord verklungen war und sich manch einer interessiert an den Merchstand begab. Absolut gelungener Gig, jetzt sollten FINAL CRY am Ball bleiben (und mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben – wie wär‘s z.B. mit ‘ner Bandcamp-Seite?)!

Zu ENFORCER wurd’s dann natürlich brechend voll. JUDAS PRIESTs JOAN-BAEZ-Cover „Diamonds and Rust“ ertönte aus der Anlage und vier Schweden stürmten auf die Bühne, um ausgerechnet mit „Die for the Devil“, dem eher unschön an die ‘80er erinnernden Poser-Stück ihres neuen Albums, den Gig zu eröffnen. Bestätigt hat sich allerdings meine Vermutung, dass das Ding live Spaß machen würde – mir persönlich zwar weniger, aber das Bambi stand bereits jetzt Kopf und manch harscher Kritiker sang den Refrain freudestrahlend mit. Sänger/Gitarrist Olof Wikstrand punktete optisch mit einem SODOM-Leibchen, Bassist Tobias Lindqvist trat gleich oben ohne auf und präsentierte damit allen seine Knasttattoos, während der zweite Gitarrero Jonathan Nordwall seinen frisch geföhnten und frisierten Bratwurstbart spazieren trug. Gleich die zweite Nummer war dann der Speedster „Searching for You“ vom neuen Album, der die Bude endgültig zum Kochen brachte. Es wurde eine schweißtreibende Angelegenheit. „Zenith of the Black Sun“ und „One Thousand Years of Darkness“ sollten im weiteren Verlauf die einzigen weiteren „Zenith“-Songs bleiben, womit meine anderen beiden Favoriten leider ausfielen. Dafür gab’s aber die volle Dröhnung mit älteren Hits wie „Undying Evil“, „From Beyond“, „Live for the Night“, „Mesmerized by Fire“ und gegen Ende „Take me Out of this Nightmare”, bevor als Zugaben das (auch von mir) frenetisch geforderte „Katana“ und „Midnight Vice“ den krönenden Abschluss bildeten. Die Band drehte genauso ab wie das Publikum und lieferte im Prinzip genau die energiegeladene Wahnsinns-Performance, die ich von ihrem 2014er Gig im MarX in Erinnerung hatte. Das war ohne jeden Zweifel ein Siegeszug, der jeden Kritiker hat verstummen lassen. Fazit: Nix ausgewimpt, seltsamen Gesichtsfrisuren und durchwachsenem Album zum Trotz. Ich bin beruhigt. Danke an die Band für diese Wahl des Konzertorts, danke ans Bambi und allen Beteiligten für die geile Metal-as-fuck-Party!

P.S.: Meine Fotos sind Mist, viel geilere gibt’s hier.

Jürgen Teipel – Verschwende deine Jugend

Der ehemalige Fanziner und hauptberufliche Journalist Jürgen Teipel veröffentlichte 2001 im Berliner Suhrkamp-Verlag seine Oral History of Punk 1976-1983, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“, für den er drei Jahre lang über 100 Zeitzeug(inn)en interviewte und ihre Antworten zu einem in drei Teile plus Vorwort(e), Pro- und Epilog unterteilten, in etliche Kapitel gegliederten Band zusammenfügte, sodass sie sich wie transkribierte Gesprächsrunden lesen. 2012 erschien eine revidierte und erweiterte Neuauflage des Überraschungserfolgs, deren zweite Auflage aus dem Jahre 2017 mir vorliegt.

Seinem vierseitigen Originalvorwort fügte er in der Neuauflage ein weiteres an, wobei er bereits im ersten gut daran tat, zu betonen, sich keinerlei Repräsentativität anzumaßen. Damit nimmt er vielen möglichen Kritiker(inne)n den Wind aus den Segeln, die sich daran stören könnten, dass er zwar Düsseldorf sehr ausführlich abhandelt, Berlin und Hamburg jedoch nur in Auszügen und andere deutsche Ballungszentren des Punks erst gar nicht aufgreift. Mit seinen Anhängen kommt die Neuauflage auf über 450 Seiten im Taschenbuchformat. Los geht’s im Prolog mit den Hippies, gegen die man war, von denen man sich radikal abzugrenzen suchte. Teil 1, „Innenstadtfront“, behandelt den Zeitraum vom Sommer 1976 bis zum Herbst 1978, Teil 2, „Ich und die Wirklichkeit“, setzt sich mit der Phase vom Herbst 1978 bis zum Winter 1980 auseinander, Teil 3, „Die Guten und die Bösen“, hat den Frühling 1980 bis zum Winter 1982 zum Thema. Biografische Angaben zu den zahlreichen zu Wort kommenden Personen, eine Zeittafel und Bildnachweise runden den Band ab.

Mit seiner Art der Montage erinnert „Verschwende deine Jugend“ stilistisch an diverse sich ausschließlich aus O-Tönen zusammensetzende Dokumentarfilme, die komplett auf eine(n) Sprecher(in) verzichten und – wie hier – die Interview-Fragen aussparen, sodass die Antworten wie von etwaigen Fragestellungen autarke Aussagen wirken. Teipel konstruiert gewissermaßen eine Handlung, was das Buch erzählerisch interessant und sehr flüssig lesbar macht.

Zunächst dreht sich alles um Düsseldorf und die Szene um den Ratinger Hof, innerhalb derer Bands wie CHARLEY’S GIRLS, S.Y.P.H., DER PLAN, MITTAGSPAUSE, MALE, ZK, FAMILY 5, KFC, FEHLFARBEN, DAF, NICHTS und DIE TOTEN HOSEN entstanden, deren Protagonist(inn)en ausführlich zu Wort kommen und neben ihrer persönlichen Entwicklung jene der Punkszene nachzeichnen – und verdeutlichen, dass sich beides nicht voneinander trennen lässt. Später kommen Berlin (MANIA D., MALARIA, IDEAL und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) und Hamburg (ABWÄRTS, CORONERS und PALAIS SCHAUMBURG) als Schauplätze hinzu. Punk als damals jüngstes Phänomen der Pop- und Subkultur wandte sich gegen Hippies, Pomp- und Art-Rock und zur Pose erstarrte Rock-Attitüde sowie autoritäre gesellschaftliche Strukturen, war aber bei Weitem noch nicht ausdefiniert (sofern er es jemals wurde). Damit einher ging eine sehr experimentelle Phase, in der vieles möglich war und entsprechend vieles ausprobiert wurde. Anhand der hier versammelten Aussagen wird belegt, dass sich Punk damals noch nicht als diejenige politisch linke oder anarchistische Bewegung verstand, als die sie heute gemeinhin wahrgenommen wird und sich in größeren Teilen der Szene auch selbst so definiert. Vor allem ging es um die Infragestellung alles Bisherigen und die Schaffung von etwas komplett Neuem.

Daher wird aus heutiger Perspektive sicherlich die eine oder andere Aussage, Anekdote oder Erinnerung irritieren, die der damaligen Selbstfindungsphase geschuldet ist. Offen treten auch Widersprüche, gerade auch untereinander, sowie Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zutage. Überraschend ist, wie unreflektiert man sich auch während der Interviews noch gab – und vorweggenommen sei, dass längst nicht jede(r) Interview-Partner(in) zum/r Sympathieträger(in) taugt. Neben Bandgründungen, -umbesetzungen, ersten Konzerten und Tonträgerveröffentlichungen werden Haltungen zu Drogen (Ablehnung von Cannabis als Hippiedroge, hoher Speed-Konsum, Abstinenz vs. Alkoholmissbrauch), Gewalt und Vandalismus, Provokation und Neonazis thematisiert. Besonders extrem werden die Unterschiede der Düsseldorfer Szene im Vergleich zur proletarischer geprägten Hamburger Szene deutlich. In Düsseldorf rannten schon mal 200 Luschen-Punks vor 20 Rockern weg, statt sich ihrer zu erwehren. Düsseldorfs Punk der ersten Stunde, Jäki Eldorado (beim Erscheinen des Buchs TOKIO-HOTEL-Tourmanager!), stellt unhaltbare Behauptungen über Hamburg auf („Und dann gab es hier auch nie interessante Punkbands.“) und „Sounds“-Redakteur Kid P. sondert Unfug ab wie „Im Gegensatz zu dieser ganzen Hamburger Punkszene war der KFC richtig schillernd. Glamrock. Punk war ja nichts anderes als linksradikaler Glamrock.“ DER KFC waren offenbar wilde Rüpel, die kaum in die modische Düsseldorfer Punk-Schickeria passten; MITTAGSPAUSE-Gitarrist und „Rondo“-Label-Betreiber Franz Bielmeier beschwert sich beispielsweise über KFC-Sänger Tommi Stumpf, der ihn dafür angerotzt habe, dass er sich eine sündhaft teure Lederjacke gekauft und getragen habe. Schnell hatte DER KFC seinen Ruf als besoffene Prollpunks weg, mit ihm hielt die szeneinterne Gewalt Einzug. Bizarrerweise konnte Bielmeier „das auch immer noch akzeptieren“, vom KFC verprügelt und angerotzt zu werden, weil „das immer so eine ästhetische Abgrenzung gewesen“ sei. DER-PLAN-Frontmann Moritz R® hingegen begann, verstärkt mit Ironie und Humor zu arbeiten und schließlich das Humorvolle im Kontrast zum immer ernster und härter werdenden Punk bis zur Albernheit zu übertreiben. Die Geburtsstunde des Funpunks?

Die Vision einer eigenen Popkultur schildert ebenfalls Moritz R®, was so etwas wie Anspruch und Selbstverständnis der Neuen Deutschen Welle wurde. Dieser Begriff wurde von „Zickzack“-Label-Inhaber Alfred Hilsberg geprägt, der ebenfalls ausführlich zu Wort kommt. Die Musikindustrie griff diese Bezeichnung auf und nutzte sie zur Vermarktung der „kommerziellen“ NDW, an der diejenigen, die in diesem Buch zu Wort kommen, kein gutes Haar lassen – wenngleich sie teilweise selbst zugeben müssen, Hilsberg habe mit seinem massiven Tonträger-Output vor allem reichlich Katzenmusik herausgehauen, die quasi unhörbar war. Das kann ich anhand dessen, was ich aus diesem Bereich bisher so zu hören bekommen habe, nur bestätigen, weshalb ich die die ersten NENA- oder EXTRABREIT-Alben sowie manch anderes massenkompatiblere Zeug, das damals (und heute) als NDW gehandelt wurde und wird, dem meisten deutschsprachigem New-Wave-Zeug eindeutig vorziehe (für Teipels Interview-Partner(innen) natürlich ein absolutes No-go), zumal sich da auch inhaltlich, in Bezug auf die Texte, einiges hören lassen kann. Nichtsdestotrotz ist es interessant, diese Übergänge vom orientierungslosen frühen deutschen Punk zum New-Wave/NDW-Kram einmal aus erster Hand nachzulesen – zweifelsohne ein wichtiges Stück hiesiger Musikgeschichte.

Schauspieler Ben Becker, der in Berlin auch mal eine Punkphase hatte, nutzte diese – darf man seinen Aussagen Glauben schenken – in erster Linie, um seiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Anders DAF, die – aus dem Punk kommend – zu Pionieren der Elektro-Musik avancierten, mehr noch als andere mit faschistischer Ästhetik spielten und sich dabei nicht entblödeten, in England offenbar für ein sich aus mit Faschismus sympathisierenden Hirnis und Nazi-Skins zusammensetzenden Publikum zu spielen – und das auch noch toll fanden und „Mein Kampf“-Miniaturausgaben an es verteilten. DAF wurden schwul, lebten als Penner auf den Straßen und bezeichnen das als „paramilitärisch“. Ein ganz seltsamer Haufen, nicht ganz dicht und offenbar tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Und wie Peter Hein, der mit dem FEHLFARBEN-Album „Monarchie und Alltag“ die vielleicht beste Düsseldorfer Platte jener Ära entscheidend mitzuverantworten hat, seine äußerst vielversprechende Bandkarriere wegwarf, ist nicht nur unverständlich, sondern wirkt regelrecht arrogant. Umso spannender liest sich hier die Entstehung dieses Meilensteins.

Durchaus faszinierend und inspirierend ist es auch, die Anfänge der EINSTÜRZENDEn NEUBAUTEN nachzuvollziehen, wenngleich auch sehr anschaulich der fehlende Zusammenhalt der Berliner Szene und die gegenseitige musikalische Geringschätzung wiedergegeben werden. Selbst zwischen den Humpe-Schwestern (IDEAL und DÖF) herrschte krasses Konkurrenzdenken vor. Generell scheinen viele der damaligen Punk/NDW/Whatever-Schaffenden menschlich ziemliche Nulpen gewesen zu sein – eine Entromantisierung gewissermaßen, die Teipel & Co. hier betreiben, während sie aufschlussreiche authentische Einblicke in die Entstehung und erste Entwicklung des deutschsprachigen Punks und seiner Bastarde liefern. Die Verantwortlichen wirken häufig furchtbar desorientiert und sprunghaft, als habe man „Hauptsache dagegen“ sein wollen, sich zwanghaft über Abgrenzung definiert und sei damit letztlich ja doch abhängig vom Gegebenen gewesen, statt einfach sein Ding durchziehen zu können. Die Schizophrenie des Punks. Gegenseitig war man sich nur selten wirklich grün; die unterschiedlichen Klüngel haben sich missgünstig beäugt und schlechtgemacht. Das liest sich oft arg undifferenziert und aus heutiger Sicht wenig souverän.

Punk is still alive and kicking, vieles hat sich seit damals geändert, aber ganz sicher nicht zum Schlechten. Nach Lektüre dieses Bands weiß ich jedenfalls umso mehr, was ich an der heutigen Hamburger Punkszene habe, wo sicherlich auch nicht alles Gold ist, was glänzt, man sich aber um ein solidarisches Miteinander bemüht und gegenseitigen Respekt lebt, wodurch die eigene Infrastruktur am Leben erhalten wird und es Spaß macht, an ihr zu partizipieren. Allein schon, um dies zu untermauern, lohnt sich die Auseinandersetzung mit „Verschwende deine Jugend“, die zudem Lust macht, in die eine oder andere Band noch mal mit anderen Ohren hineinzuhören und schlicht manch Klassiker noch mal auszugraben – wohlwissend, dass da keine über den Dingen stehenden Pioniere am Werk waren, sondern mitunter ganz schön wirres Volk auf der schwierigen Suche nach einer eigenen Identität.

Mit gemischten Gefühlen liest sich dann auch das letzte Kapitel, in dem man reflektiert, wie viel von diesem Punk-Ding noch in einem steckt. Timo Blunck von PALAIS SCHAUMBURG hat gutes Geld mit Werbemusik verdient, dem exakten Gegenteil von Punk also – und er fände es „schrecklich“, wie Frank Z. von ABWÄRTS ein Solo-Album herauszubringen, das sich „gerade mal 30.000“ mal verkauft… Da scheinen sich die persönlichen Wertevorstellungen ganz schön verschoben zu haben, sofern sie jemals andere waren. Das lässt tief blicken. Diverse Zeitgenossen teilen ganz kräftig gegen DIE TOTEN HOSEN aus, was ich schon eher nachvollziehen kann, gern aber auch mehr nach Neid als nach allem anderen klingt. Auch die kolportiere Annahme, der Technoschrott der 1990er (dem sich manch ehemaliger Punk hingegeben hat) sei die logische Weiterentwicklung des Punks gewesen, lässt einen mindestens mit der Stirn runzeln. Gabi Eldogado (MITTAGSPAUSE, DAF) gibt damit an, wie viel Kohle er damit gemacht – darum scheint es hauptsächlich zu gehen. Für Jürgen Engler (MALE, DIE KRUPPS) bestand „diese ganze Szene […] vor allem aus Lug, Trug und Fassade“ – wenig verwunderlich also, dass er sich mit den KRUPPS bald von ihr emanzipieren sollte. Robert Görl ist nach einer Nahtoderfahrung zum Buddhismus konvertiert und sucht sein Seelenheil in der Spiritualität. Er hat keine Wohnung mehr und will als Mönch nach Thailand gehen. Ein positives Beispiel sei hier aber auch angemerkt, das sich indirekt auf die „Gegen den Staat“-Attitüde des Punks bezieht. So sagt Padeluun etwas sehr Schlaues: „Heute trete ich für partizipatorische Demokratie ein. Und in vielen Bereichen für mehr Staat. Weil ich erkannt habe, dass, wenn man dem Staat die Macht entzieht, nicht unbedingt das Volk die Macht bekommt.“

Einige großformatige Schwarzweiß-Fotos runden Teipels Buch ab, bei denen man jedoch gut daran getan hätte, Bildunterschriften zu verwenden, statt die Bildinhalte erst im Anhang aufzuschlüsseln – das hätte einige Blätterei erspart. Im Anhang finden sich, wie eingangs erwähnt, auch die biografischen Notizen zu jeder/m Gesprächspartner(in), die dabei helfen, diese einzuordnen und die anscheinend relativ komplett sind – bereits aus ihnen erfährt man eine Menge über die Zusammenhänge untereinander und die unterschiedlichen Werdegänge. Die Zeittafel fasst die Ereignisse noch einmal grob und übersichtlich zusammen.

Wer sich für die deutsche Punkgeschickte interessiert, sollte „Verschwende deine Jugend“ mal gelesen haben – sofern er mit Desillusionierung umgehen kann. Und jetzt habe ich Bock auf die „Monarchie und Alltag“…

Peter Jäger – Eddie will leben

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Zeilen gerade auf einem Computer-Bildschirm oder mobilen Endgerät gelesen. Vor gar nicht allzu langer Zeit jedoch gab es das World Wide Web noch gar nicht, gelesen wurden vornehmlich Print-Publikationen. Alles, was gelesen werden wollte, musste gedruckt werden, egal ob Buch, Zeitung, Reklame oder die Menükarte des Pizzadiensts. Der Siegeszug des Internets bedeutete jedoch nicht nur einen Rückgang an Print-Auflagen, sondern auch einen erbitterten Konkurrenzkampf klassischer Offset-Druckereien mit überregional erreich- und nutzbaren Druckanbietern, die ihre Dienste im Netz offerierten und dank automatisierter Abläufe trotz der Portokosten günstiger anbieten konnten.

Der Quickborner Lokaljournalist/-chronist, Kinderbuch- und Roman-Autor Peter Jäger hatte in den 1970ern selbst in einer Offset-Druckerei gearbeitet und griff dieses Thema für seinen nach „Kalte Wasser“ zweiten Roman „Eddie will leben“ auf, erschienen im Taschenbuch-Format im März 2015 im Kadera-Verlag. Auf knapp 300 Seiten beschreibt Jäger den Überlebenskampf Eddie Buchholz’, dessen Norderstedter Druckerei am Gutenbergring unter dem Online-Konkurrenzdruck ächzt und in finanzielle Schieflage gerät. Es gilt, möglichst alle sieben Arbeitsplätze zu erhalten. Als er seinen Mitarbeiter(innen) jedoch eröffnen muss, das Weihnachtsgeld wahrscheinlich nicht auszahlen zu können, stößt er auf Unverständnis. Und während er noch überlegt, wie er neue Aufträge an Land ziehen und seinen Betrieb zukunftsfähig aufstellen kann, wird sein Garagentor beschmiert und erleidet er einen Herzanfall. Glücklicherweise stehen seine Familie und Freunde ihm mit Rat und Tat zur Seite, doch die Situation bleibt prekär. Ob Sven, der Lebensgefährte seiner Tochter Monika und Inhaber einer Werbeagentur, tatsächlich behilflich sein kann, die Traditionsdruckerei wieder in wirtschaftlich rentable Fahrwasser zu lenken? Darüber hinaus muss Eddie dringend kürzer treten und lernen, Verantwortung abzugeben – nicht nur seine besorgte Ehefrau Hanna würde es ihm danken…

„Eddie will leben“ spielt kurz nach der Jahrtausendwende, in den Jahren 2001/2002, und verwebt ein aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven von einem allwissenden Erzähler wiedergegebenes Mittelstands-Drama mit gleich mehreren persönlichen Schicksalen sowie geballtem Zeit- und Lokalkolorit. In einer Vielzahl episodischer Kapitel erfahren Leserinnen und Leser nicht nur von den typischen Problemen einer kleinen Mittelstandsdruckerei, sondern auch von der damaligen Lage im an die schleswig-holsteinische Kleinstadt Norderstedt angrenzenden Hamburg (die rechtspopulistische „Schill-Partei“ um Ex-Richter und Dumpfbacke Ronald Schill war gerade an die Macht gewählt worden), von einer Vielzahl real existierender Orte und von den Befindlichkeiten verschiedenster mit Eddie verbandelter Menschen.

All dies führt leider dazu, dass sich die Geschichte immer wieder in seifigen Trivialitäten, Belanglosigkeiten und Geplänkel zu verlieren droht und die vielen Erzählstränge verwirren. Lokal- und Zeitbezüge wirken oftmals etwas bemüht, dass die Protagonist(inn)en sich ständig in irgendwelchen Centern treffen, mutet reichlich ungemütlich an, und die Nennung zahlreicher realer Markennamen grenzt an Product Placement. Altertümliche Sprüche und laue Witzchen erscheinen genauso bieder wie die ermüdend detaillierten Beschreibungen der Weihnachtsfeierlichkeiten, anlässlich derer Seidenfliegen und Fußpflegegutscheine verschenkt werden und man sich darüber freut, nachdem man sich am Esstisch über gereizte Gallen und Prostatabeschwerden ausgetauscht hat. Der blanke Familienhorror, hier verpackt als anheimelnd wirken sollender Realismus. Andere Dialoge würde so wohl nie jemand in der Realität führen:

„Ich esse knusprige Ente“, entschied Vera, ohne in die Speisekarte zu schauen. „Und du magst es bestimmt lieblich, Hanna, das weiß ich. Du bekommst die Ente mit Ananas.“
„…und beide Damen sind selbstverständlich meine Gäste“, ergänze Waldemar mit charmanten [sic!] Lächeln. „Ich habe mich übrigens für Rindfleisch mit Gemüse entschieden, das kommt hier knackig aus dem Wok.“ (S. 194)

Weniger gestelzt klingt es, wenn Werbefuzzi Sven sich mit Arbeitskampf konfrontiert sieht:

„Was für ein jämmerliches Palaver um lächerliche Weihnachts-Zahlungen. Die Rädelsführer besaßen die Reife von matschigen Birnen, sonst hätten sie brauchbare Ideen eingebracht, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Schade, dass Eddie den Glatzkopf Kessler so schnell beiseite geschoben hatte. Ein Vergnügen wäre es ihm gewesen, dem Großmaul ein paar harte Haken zu verpassen.“ (S. 58)

Dazu sei angemerkt, dass jener Sven nicht etwa die Rolle eines Antagonisten einnimmt. Generell wird zwischen den Zeilen immer wieder vermittelt, es sei ein Unding, dass die Belegschaft auf ihren vertraglich vereinbarten Weihnachtslohn besteht. Es scheint sich aber ohnehin um einen seltsamen Menschenschlag zu handeln, der sich gegenseitig betrügt, Verständnis für die indiskutable „Schill-Partei“ äußert (Eddie) oder überdramatisierend mit Weglaufen droht (Hanna) – ohne dass all dies sonderlich problematisiert würde. Und statt im Zusammenhang mit Eddies Druckerei begangene handfeste Verbrechen aufzuklären, schließt „Eddie will leben“ mit einem irritierend kitschigen „Wird schon weitergehen“-Ende.

Lokaljournalismus lebt von der geschalteten Werbung seiner regionalen Anzeigekunden, weshalb ihm diese meist besonders am Herz liegen. Jäger als verdienter Lokaljournalist dürfte mit seinem Buch eine Lanze für kleinere regionale Betriebe haben brechen und Verständnis für ihre oft schwierige Situation wecken wollen, insbesondere angesichts immer globaler werdenden Konkurrenzdrucks durch das Internet. Offenbar unfreiwillig gelang Jäger stattdessen eine Art Porträt unsympathischer Menschen, denen man sicherlich vieles, nur nichts Gutes wünscht und die diverse Branchenklischees erfüllen, während sich die Geschichte wenig differenziert auf ihre Seite schlägt und für die Nöte sowie berechtigten Forderungen ihrer Angestellten nicht viel übrig hat. Nicht seinen besten Tag erwischt hatte offenbar auch das Lektorat, dem ein Anachronismus wie Facebook-Nutzung (die damals noch gar nicht möglich war) ebenso durchrutschte wie „Katheder“ (statt Katheter), „ein Paparazzi“ u.ä. So hinterlässt die Lektüre einen letztlich unbefriedigenden Eindruck, was schade ist, da das Konzept – realistische konfliktreiche Geschichten „aus der Nachbarschaft“ mit Insider-Wissen vor realer Kulisse erzählt – durchaus vielversprechend erscheint.

18.06.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: MUNICIPAL WASTE + UPPER CRUST

Wenn ich’s innerhalb einer regulären Woche auf ein Konzert schaffe, müssen schon Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen – oder MUNICIPAL WASTE und UPPER CRUST, wie an diesem heißen Dienstagabend im Monkeys. Nachdem ich an der Uni recht erfolgreich ein verdammtes Referat gehalten hatte, dessen Ausarbeitung mich zuletzt bis in meinen Dänemark-Urlaub beschäftigt hatte, war ich auf Gönnung aus und gönnte mir, zumal ich die Amis unglaublicherweise bisher erst einmal gesehen hatte, anno schießmichtot im Hafenklang (was dann auch eines der geilsten Konzerte des Jahres wurde). 20 Schleifen an der Abendkasse waren dann auch genau die Schmerzgrenze. Weshalb eine Band wie MUNICIPAL WASTE in der zweitgrößten Stadt Deutschlands an einem Dienstag statt am Wochenende zockt, erklärte sich dann auch mit Blick auf den weiteren Tourplan: Freitag und Samstag standen Festival-Gigs in Belgien und Dänemark auf dem Programm. Na gut, akzeptiert. Auf dem Monkeys-Parkplatz trafen Flo und ich auf einige übliche Verdächtige, von denen sich einige manche mächtig ins Zeug gelegt hatten: Sie kamen gerade aus der Markthalle, wo sie 30 oder mehr Öcken gelatzt hatten, um (die tatsächlich empfehlenswerten) POWER TRIP im Vorprogramm der (ziemlich belanglosen) TRIVIUM zu sehen. Mein lieber Scholli!

Die Hamburger Ultra-Hardcore-Powerpunks UPPER CRUST sind nach längerer Pause wieder ready and loaded, wenn heute auch notgedrungen lediglich im alten Trio-Format, nachdem Sänger Lynnie sich kurzfristig hatte krankmelden müssen. Im drittel- bis halbvollen Monkeys musste Drummer Lars also bei erhöhten Temperaturen wieder den Hauptgesang übernehmen, was eine krasse Doppelbelastung bedeutete, sind Schlagzeugspielen und Singen/Brüllen doch die am meisten Kondition abverlangenden Tätigkeiten eines Bandgefüges (neben Equipment-Geschleppe…). Zu den erschwerten Bedingungen kam hinzu, dass man das Equipment des Headliners offenbar nicht mitbenutzen durfte und man sich mit seinem eigenen Zeug an den Bühnenrand quetschen musste – und der Sound zunächst sehr eigenwillig war: Jörgs Terrorbass dominierte der Sound, Lars‘ Stimme war lediglich schemenhaft vernehmbar, seine Drums mussten sich dem Bass geschlagen geben. So bekam man immerhin schön vor den Latz geknallt, wie abgefahren Jörg seinen Viersaiter malträtiert, den er mehr wie eine E-Gitarre spielt – und zwar in Hochgeschwindigkeit und unter rhythmischen Verrenkungen des Körpers. Bei so viel Showpotential passte es dann auch, dass er sich in der Mitte der Bühne positioniert hatte. „Urst schau!“, wie meine ostdeutschen Freunde sagen würden. Zudem unterstützte er zusammen mit Tommy am Gesang. Letzterer fräste fiese Riffs auf seiner Klampfe, und als irgendwann der Sound nachgeregelt und damit besser wurde, war Lars so durchgeschwitzt, dass ihm ein Drumstick nach dem anderen aus den Flossen flutschte. Das tat dem Inferno aber keinen Abbruch; musikalisch härtester Stoff mit aggressiven deutschen Texten und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, Trommelfelle (in doppelter Hinsicht) oder Schöngeister. Gerade live immer wieder ein Erlebnis!

Das sind natürlich auch MUNICIPAL WASTE, die vor mittlerweile recht amtlicher Kulisse ihr ‘80s-Style-Thrash/Hardcore-Crossover-Set mit „Mind Eraser“, einem meiner Lieblingsstücke, eröffneten. Bereits ungelogen beim allerersten Takt hing der erste Mosher an der Lichttraverse unter der Saaldecke und bildete sich ein entfesselter Pit vor der Bühne, der bis zum letzten Song aktiv blieb und später einen der schönsten Circle Pits bildete, den das Monkeys je erlebt haben dürfte. Die Band machte kräftig Alarm, klang zunächst aber noch etwas dumpf (auch das besserte sich im Laufe des Auftritts). „The Thrashin‘ of the Christ“, „Beer Pressure“, „Headbanger Face Rip“, „Slime & Punishment“ und wie die einzelnen Abrissbirnen alle heißen – MUNICIPAL WASTE mischten erwartungsgemäß älteren Stoff mit Zeug der aktuellen Langrille. Zwar schienen mir auch live neuere Song gegenüber dem guten alten Hektiker-Sound leider etwas abzufallen, es überwogen jedoch die meiste Zeit Spiel- und Partyfreude sowie Adrenalinausstoß durch musikalische Aufputschmittel. Geiler Scheiß also, für mich ohnehin zeitlose Musik, wie sie heutzutage vielleicht noch dringender benötigt wird als damals Mitte der 1980er. Bei „Substitute Create“ übernahm Gitarrist Ryan Waste den Hauptgesang, sodass Tony Foresta mal durchatmen konnte, bevor dieser nach der Zugabe „The Art of Partying“ den musikalischen Teil des Abends für beendet erklärte. MUNICIPAL WASTE waren mit die Ersten, die in der „Neuzeit“ diese Variante des Crossover-Sound wieder aufgegriffen und zu neuen Ehren gebracht haben – und zumindest live weigern sie sich ziemlich eindrucksvoll, älter zu werden.  Abgenommen hat allerdings die Frequenz, in der das Publikum den Schlachtruf „MUNICIPAL WASTE is gonna FUCK YOU UP!“ skandiert – zumindest an diesem Abend.

Und der war dann doch so früh vorbei, dass man noch in aller Ruhe bei zwei, drei Bierchen runterkommen und am nächsten Tag rechtzeitig die Maloche antreten konnte…

30.05.-01.06.2019: THE NILZ + BOLANOW BRAWL Mini-Tour

Nachdem Eddie, Sänger unserer etwas verhaltensauffälligen Freunde THE NILZ, uns im letzten Herbst drei Auftrittsmöglichkeiten in Irland klargemacht hatte, versuchten wir uns zu revanchieren und eine gemeinsame Mini-Tour anzuberaumen. Das Finale im Molotow im Rahmen der Punk-Rock-Cocktail-Reihe stand recht bald, unser Abstecher nach Potsdam allerdings wurde gestrichen, da man im Archiv nur eine Woche zuvor eine fette Jubiläumsparty feierte und dort schnell einsah, einen längeren Regenerationszeitraum zu benötigen. Kein Ding, denn das teilte man uns früh genug mit und sei ihnen auch gegönnt. Für den Freitag wurden wir im VeB Lübeck fündig, der Donnerstag – Vaddertach! – gestaltete sich etwas schwieriger. Schließlich sparten wir lange Wege, indem wir in der Harburger Sauerkrautfabrik unterkamen, in Hamburgs Süden also, wo wir letztes Jahr bereits zusammen mit VIOLENT INSTINCT auf die Kacke hauen konnten. Nach vielem Hin-und-her-Geschreibe stand die ganze dreitägige Chose und nach noch mehr Geschreibe wussten wir dann auch in etwa, was wir jeweils wohin und wann mitbringen würden müssen, konkret: Wir wussten, dass wir einen Transporter mieten müssen. Dankenswerterweise erklärte sich die gute Sandy bereit, das Ding zu fahren.

Am Donnerstag holten Christian (der die irischen Gäste bei sich aufnahm und extra zwei Paletten Tuborg-Ein-Liter-Dosen besorgt hatte) und Keith THE NILZ vom Hauptbahnhof ab und führten sie zum Probebunker, wo ich mit Ole und Raoul wartete. Zusammen verstauten wir den ganzen Krempel und fuhren zur Sauerkrautfabrik, wo wir alles aufbauten, uns mit dem Soundmenschen (und er sich mit uns und unserem Equipment) vertraut machten, feste und flüssige Nahrung aufnahmen, ¾ der NILZ noch ein Nickerchen einlegten und wir irgendwann die ersten Gäste begrüßten. Unsere Hoffnung, dass aufgrund des Feiertags viele den Freitag freigenommen haben und feierwütig sowie angetrunken die SKF heimsuchen würden, erfüllte sich leider nicht – es blieb eine eher intime Runde. Die kleine, unscheinbare Bühne bescherte uns wieder einen Spitzensound, der Gig flutschte gut durch und machte Spaß. Meine nervöse Marotte, ständig das eigentlich fest genug sitzende Mikrokabel auf seinen Halt hin zu überprüfen, hatte ich mir glücklicherweise am nächsten Tag schon wieder abgewöhnt. Für die Zugabe „Fame“ verließ ich die Bühne, Platz war ja genug. Und als wir durch waren, griff ich wieder zum alkoholhaltigen Kaltgetränk und freute mich diebisch auf THE NILZ…

Gegenüber den beiden Gigs, die wir letztes Jahr gemeinsam in Irland absolviert hatten, hatte sich einiges geändert, angefangen mit der Besetzung: Chris spielt nun Bass statt Klampfe, GimpBoi wanderte dafür von den Drums an die Gitarre und Backdoor Gary ist als neuer Drummer dabei. Nach wie vor spielt man seinen typischen überdrehten Sound zwischen ’77 und HC-Punk und hat ein paar Gimmicks wie das Kerzenwachs, mit dem Eddie sich übergießt, die Masken und den Umschnalldildo am Start, dreht aber darüber hinaus nun noch weit mehr durch. GimpBoi hält es nicht lange auf der Bühne, Funktechnik sei dank kann er kabellos nicht nur durch den ganzen Saal tänzeln, sondern auch auf den Tresen klettern, sich hinter denselben begeben oder sogar raus auf die Straße rennen, um dort als maskierter Gitarrenspieler für Irritation zu sorgen. Seine an malträtierte Kreaturen gemahnenden psychopathischen Schreie, die er regelmäßig ausstößt, tragen nicht unbedingt zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz bei, passen zur NILZ-Show aber wie die Pyros zwischen Eddies Arschbacken, die der Sänger gegen Ende von Chris entflammen lässt – nachdem er sich zuvor vom Gimp hat reiten lassen und sich auf dem Fußboden wälzte. Mit solchem und artverwandtem Schabernack schlagen THE NILZ (die übrigens eine neue Split-LP mit EXISTENZ herausgebracht haben) noch stärker als zuvor in die S/M-Fetischkerbe, was Teile der SKF-Belegschaft etwas nervös werden ließ, jedoch niemanden ernsthaft zu triggern schien, sondern im Gegenteil für viel Amüsement sorgte. Grandiose Show, die mit der Zugabe „Good Head“ (TURBONEGRO-Cover) endete und die ich in diesem Ausmaß nicht erwartet hatte! Danke ans SKF-Team und den konspirativen Haufen, der diesem Warm-Up beiwohnte! Geld nahmen wir an diesem Abend keines an.

Hatte ich mich bisher in Sachen Alkohol sehr zurückgehalten, änderte sich dies am zweiten Tag. Nachmittags trafen wir uns mit den NILZ zu einem ersten Umtrunk im Chaplin’s in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs, von wo aus wir mit reichlich flüssiger Wegzehrung beladen gen Lübeck aufbrachen. Zumindest teilweise, denn Ole kam aus Kiel direkt nach Lübeck und Sandy und Raoul fuhren den Transporter mit dem ganzen Gelöt darin. Diesmal war eine dritte Band im Bunde, die Neo-Crusties OPAQUE aus Hamburg. Mit ihnen hatten wir uns geeinigt, dass wir alles an Equipment stellen und sie sich am Transporter mit ‘nem kleinen Schein beteiligen, was bestens geklappt hat. Ich war bisher weder im VeB noch im Treibsand, dem größeren Laden, der sich auf demselben „Walli“ getauften Gelände befindet, gewesen und sehr positiv überrascht von diesem in Bahnhofs- und Flussnähe gelegenen, idyllischen D.I.Y./Alternativ-Projekt, das offenbar mit viel Herzblut betrieben wird. Schriftsteller Sven Kiesche war unser Mann vor Ort. Der Gute führte die begeisterten THE NILZ übers ganze Gelände und offerierte schließlich ein veganes Curry mit Reis, das qualitativ und geschmacklich über so manch andere Bandverpflegung hinausging. Der Kühlschrank hielt zudem ein reichhaltiges Bierangebot bereit, sogar inkl. Sternburg Export! Wie geil ist das denn?! Die kleine Bühne allerdings war recht dunkel, sodass man hier und da beim Aufbau zur Taschenlampe greifen musste. Als ich als Bannerbeauftragter meiner Band mich ums Aufhängen des Fetzens kümmerte, bemerkte ich meine Verwirrung, die mir den Rest des Abends manch Streich spielen sollte. Ich verlegte sofort die Packung Kabelbinder, die Flo mir freundlicherweise geliehen hatte, und fand sie auch nicht wieder, sodass ich zum Gaffa greifen musste. Das ist nun schon die zweite Packung, die ich auf dem Gewissen habe…

OPAQUE hatten Bock, als zweite Band zu spielen, also machten wir den Anfang. Auf der engen, mittig durch einen Pfeiler getrennten Bühne versuchte ich, meine Bandmitglieder aus Platzgründen ein bisschen wegzudrängeln, wusste trotzdem nicht so recht, wo ich mich hinstellen sollte, verhaspelte die erste Ansage und stolperte irgendwann von der Bühne. Scheiß drauf, dachte ich mir, erinnerte mich an eine ähnliche Situation in Galway letztes Jahr und beschloss, einfach unten zu bleiben. Den dadurch neu gewonnenen Bewegungsradius nutzte ich voll aus und war nun ganz in meinem Element. Auf die Bühne kehrte ich hin und wieder zurück, um einen Blick auf die einzige Setlist zu werfen, die wir uns zu fünft teilen mussten – weil ich es in meiner Verwirrung versäumt hatte, die eigens angefertigten Kopien zu verteilen. „On The Run“ widmete ich der anwesenden VIP Leiti, indem ich log, der Song sei über ihn. Die Show ließ mein Adrenalin hochkochen, der Sound war 1A, das Publikum vorhanden, interessiert und begeisterungsfähig. Anschließend musste ich aber erst mal raus und abtropfen, denn drinnen wie draußen war’s mehr als nur warm und entsprechend schweißtreibend die ganze Angelegenheit. Sven drohte an, uns erneut einzuladen. Nur zu!

OPAQUE hatten dann einen schwereren Stand, denn ihr düsteres, runtergestimmtes, getragenes Neo-Crust-Geschrote passte stilistisch nur bedingt zu THE NILZ und uns. Auf der Bühne lag ein arschvoll Effektgeräte, der Shouter tigerte vor der Bühne auf und ab und brüllte guttural alle Anwesenden zusammen. Das hatte viel Atmosphäre und war technisch einwandfrei, verbreitete Schwermut und dystopische Aggression. Nach ungefähr der Hälfte verschlug es mich wieder vor die Tür, denn ich hatte immer noch nicht zu schwitzen aufgehört und wurde außerdem beim Popmusik-Quiz meiner Bandkollegen benötigt. Als OPAQUE die Waffen niedergelegt hatten, zogen sich THE NILZ ihre Masken über und bliesen zum Angriff.

Einige Showelemente haben ihren festen Platz im NILZ-Set und wiederholten sich dementsprechend, in mancherlei Hinsicht ist man aber durchaus variabel, was den Spannungs- und Unterhaltungseffekt erhöht. Den Plastikpimmel ließ man diesmal weg, GimpBoi war wieder überall zu finden und größter Aktivposten des Abends (z.B. wenn er nach draußen rannte und klampfend mit einer Gruppe ignoranter Punks pogte). Beim Reitspielchen verließ anscheinend eine Person entnervt den Saal, während die anderen sich entweder begeistert bewegten oder in Erstaunen erstarrten. Die Arschrakete zündete, vor allem aber bohrte sich der Sound herrlich spitz in die Ohren und verleitete mich zum Alkoholmissbrauch – und dazu, „Good Head“ diesmal zusammen mit Eddie zu schmettern. Ein weiterer Gig, nach dem ich gegenüber den NILZ nicht viel mehr als „Insane gig! Insane show!“ herausbekam. Zudem machten wir diesmal alle bischn Kasse am Merchstand und bekamen dank Doordeal ein paar nette Scheinchen überreicht, die die Tourkosten etwas abfederten. Der wahrscheinlich beste Abend des langen Wochenendes! Wir packten unsere weit mehr als sieben Sachen zurück in den Transporter und traten den Rückzug an, wobei ich in meiner Verwirrtheit ziemlich desorientiert war und mich zum Bahnhof führen lassen musste, vergessen hatte, noch ein Bahnbier einzupacken und am Cola-Automaten versagte, indem ich mir versehentlich eine ekelhafte Cola Light zog wie ein magersüchtiges Möchtegernmodel. Pfui!

Den NILZ hatten wir angedroht, Samstag sei Sauftag. Irgendwie war das bereits der Freitag in Lübeck, denn ich verspürte einen leichten Kater, als ich zu Christian aufbrach, um seine Karre vollzuladen. Für den letzten, lokalen Gig hatten wir den Transporter abgegeben und setzten auf den eigenen, ähem, „Fuhrpark“. Bei der Kommunikation mit dem Molotow-Team im Vorfeld war unklar geblieben, ob wir eine Bassbox würden mitnehmen müssen, was leider unseren Stauraum gesprengt hätte. Ein klärender Anruf durch Keith allerdings führte zur guten Nachricht, dass dies nicht nötig sei. Geilo! Das Konzept der Punk-Rock-Cocktail-Reihe wurde diesmal geändert: Statt ein bis zwei Bands im muggeligen Karatekeller gegen Mitternacht auftreten zu lassen, hatte man kurzerhand die sich gerade auf ausgedehnter Tour befindenden Texaner OBN III’S hinzugenommen und das Konzert ganz nach oben in die ungleich größere Skybar verlagert sowie den Beginn auf 21:00 Uhr vorgezogen – und den Eintrittspreis von 5,- auf 11,- EUR erhöht. „Punk Rock Cocktail Festival“ hieß das Ganze nun. Im Vorfeld hieß es, wir könnten das Schlagzeug des Headliners mitbenutzen. Doch nachdem wir backstage ein paar offenbar vom Tourleben gezeichnete, weil ziemlich zerschossen chillende Texaner begrüßt hatten, fanden wir eine komplett leere Bühne vor. Nach anfänglicher Verwirrung begleiteten wir Soundgenius (und Gitarrist der legendären EMILS) Olli in die Molotow-Katakomben, um das hauseigene Schlagzeug sowie eine Bassbox nach oben zu schleppen. Erstaunlicherweise wäre hier auch fast alles andere zu haben gewesen, wir hätten uns also gar nicht so den Arsch abschleppen zu brauchen. Zum dritten Mal auf unserer Mini-Tour war es nun an Raoul, ein komplettes Schlagzeug aufzubauen, was dieser in professioneller Gelassenheit tat. Wir anderen bauten den Rest auf und noch mal um, nachdem Olli ein paar gute Platzsparideen hatte. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen; die Skybar-Bühne ist schon geil, wie eigentlich der ganze Raum. Von diesem erzählte Olli mehrmals, dass es sich ja um einen recht kleinen handele – dabei war er riesig, verglichen mit den beiden vorherigen Locations. Und je näher 21:00 Uhr rückte, desto größer wurde die Sorge, dass er für unser Unterfangen überdimensioniert ist und das Konzept des Abends nicht aufgeht. Vorher aber ging’s noch in den Park Fiction, Bier und Sonne tanken. Meine Verwirrtheit meldete sich kurzzeitig noch einmal, als ich dort Small-Town-Timo von einer spektakulären NILZ-Show erzählte – ohne zu bedenken, dass er dieser Freitag in der SKF ja selbst beigewohnt hatte… Das Band-Essen im Molotow soll übrigens vorzüglich gewesen sein, nach meinem opulenten Frühstücks-Veggiedöner in Altona bei „Ach der Deniz“ (Bester! Da mach’ ich gern mal Werbung. Esst mehr Veggie-Döner!) bekam ich allerdings nur noch Flüssignahrung herunter.

Der Besucherandrang hielt sich in Grenzen. Irgendwie schien an diesem Abend der Wurm drin zu sein. Das Monkeys musste aufgrund mangelnden Publikumsinteresses das Konzert eines Seitenprojekts des GENERATORS-Sängers gar komplett absagen. Lag’s am zeitgleich stattfindenden Champions-League-Finale? Oder am endlich sommerlichen Wetter? Waren alle schon vom Freitag zu fertig? Mit meiner Befürchtung, dass die OBN III’S hier keine Sau kennt (zumindest waren sie sowohl den NILZ als auch uns vollkommen unbekannt), lag ich jedenfalls falsch, dazu später mehr. Natürlich begannen wir nicht pünktlich um 21 h, eher so gegen halb zehn, aber, hey: Es war Publikum erschienen! Das ließ die Skybar nun nicht unbedingt aus allen Nähten platzen und sah etwas versprengt aus, aber immerhin. Wir hatten mittlerweile alle ganz gut die Lampen an, irgendwann waren die Klampfen bischn out of tune, trotz längerer Stimmpause zwischendurch… Die Sonne hatte den ganzen Tag auf die Fensterfront der Skybar geknallt und die Ventilatoren auf der Bühne nützten mir nicht viel, weil ich mich auf ihr nicht lange aufhielt. Ich holte alles an Kondition raus, was noch ging, tanzte mit Kai Motherfucker in der ersten Reihe, der mich mit DISILLUSIONED-MOTHERFUCKERS-Aufklebern beklebte, die ich jedoch schnell wieder abschwitzte, und freute mich, dass meine Stimme anscheinend immer noch ganz passabel mitmachte. Wir hatten hier nichts zu verlieren und drückten das Pedal ordentlich durch. Direkt vor der Bühne war’s enorm rutschig geworden, nachdem Kai dort Bier vergossen hatte. Er stellte mir mal wieder eine Falle nach der anderen, jedoch erfolglos, denn ich war auf der Hut. Christian hatte wieder Spaß daran gefunden, absurde Gags und Blödsinn zwischen den Songs abzusondern, was mir zum Durchatmen ganz gelegen kam. Ole schwang seine Hüften wie dereinst Elvis the Pelvis und sprang zur Zugabe „Fame“ mit ins Publikum. Wir ernteten Applaus und Anerkennung. Am Ende forderte ich das Publikum auf, sich gefälligst auch THE NILZ anzuschauen und kündigte an, nach Konzertende alles kurz und klein zu saufen.

Gesagt, getan: Ohne Rücksicht auf Verluste hing ich nun am isotonischen Hopfengebräu, zunächst zwecks Wiederherstellung meiner verbrauchten Energie, dann um das Ende der dreitägigen Tour zu begießen. Zu THE NILZ waren noch ein paar Leute mehr erschienen, die Zeug(inn)en eines weiteren aufsehenerregenden Gigs wurden. Eddie ließ zwischendurch die Hosen runter und präsentierte seine Stoffvagina, die er als Schlüpfer trug, später begab er sich vor der Bühne auf alle Viere und ließ sich vom Publikum den nackten Oberkörper auspeitschen, wovon er bis in den Nackenbereich deutlich sichtbare Striemen davontrug. GimpBoi nutzte erwartungsgemäß den ganzen Saal als Bühne, kletterte auf die Barhocker vorm Tresen und folgte Kai sogar bis aufs Klo, der ihm dort erschrocken ans Bein pinkelte. THE NILZ sorgten für herrliches Chaos, für Tanz und Gejohle. Grandioses Finale, das aus Konditionsgründen diesmal allerdings ohne „Good Head“-Zugabe auskommen musste.

OBN III’S veröffentlichen seit 2010 Tonträger, haben vier Studio- und zwei Live-Alben sowie einen Sack voll Siebenzöller draußen und spielen garagigen Punkrock. Ihr müdes Herumgehänge täuschte, denn live trat die Band kräftig Arsch und drehte am Rad. Der Sänger stolzierte durchs Publikum, auch ihm war die Bühne viel zu klein. Und was soll ich sagen? Nun war die Bude fast voll. Die Fans der Band, die ich grob dem Komet-Klientel zuordnen würde, schienen nur auf sie gewartet und alles andere weitestgehend ignoriert zu haben. Ich schaute mir das Spektakel von hinten an, blieb ca. kurz nach der Hälfte aber beim Bierholen im Backstage kleben, wo ADHS-DJ Christian etliche Songs ca. 20 Sekunden lang anspielte und weitersoff. OBN III’S scheinen sich komplett auf ihren Auftritt fokussiert und vorher und nachher ihre Kräfte weitestmöglich geschont zu haben. Vielleicht steht man nur auf diese Weise längere Touren durch.

Den Abbau übernahmen wir zusammen mit den NILZ, stopften Christians Karre voll, die von der nüchternen Sandy sicher zu Keith gefahren wurde, wo wir unser Equipment ließen. Ich bedankte mich noch bei Olli für den amtlichen Sound und letztlich dann ja doch noch sehr geilen Abend und führte im Anschluss THE NILZ über den Kiez, wo wir gemeinsam die BOLANOW-BRAWL-Gage versoffen. Diese, so hatten wir im Vorfeld beschlossen, sollte nämlich komplett an die Iren gehen, die sie aber nicht annehmen wollten, also wurde alles in unsere Lieblingswährung Bier getauscht. An der gentrifizierungsbedrohten Kogge stieg eine Abschiedsparty, im Onkel Otto war leider das Staropramen alle, aber ansonsten alles beim Alten und ich quatschte alkoholisiert unsere Gäste mit ein bisschen subkultureller Hamburger Geschichte voll. Als wir den Irish Pub am Hans-Albers-Platz aufsuchten, bemerkten THE NILZ, dass nebenan im London Pub der Boxkampf einer ihrer irischen Heldinnen live übertragen wird. Also verlagerte sich unsere Gruppe kurzerhand eine Nation weiter. Ich bestellte Bier quer durch alle Sorten, wobei das Weizen irgendwie niemand anrühren wollte, sodass ich es mir reinprügelte. Anscheinend trank ich es noch tapfer aus, als der Rest schon in den Kometen weitergezogen war, zu dem ich nachkam, wo dann aber auch sehr schnell meine Erinnerung aussetzt. Als wir nach Hause kamen, war’s schon wieder hell…

Fazit: So anstrengend diese Mini-Tour zeitweise auch gewesen sein mag, sie war es wert! Natürlich hatten wir einen schweren Stand als zwei nicht allzu populäre Bands. THE NILZ sind fest in der irischen D.I.Y.-Szene verwurzelt, kennt hierzulande aber keine Sau, in meinem Irland-Bericht fürs Plastic Bomb dürften sie das erste Mal in einem deutschen Zine Erwähnung gefunden haben. Ich habe Eddie im Anschluss ein paar Fanzine-Adressen gegeben, an die er mal die Platten schicken soll. Evtl. würde sich auch ein Vertrieb für den deutschsprachigen Raum oder das europäische Festland anbieten. Wer mit so etwas Erfahrungen und daher einen Tipp hat, kann gern mal Bescheid läuten. Unsere drei Konzerte waren aber schon mal ein Anfang, auf den man aufbauen sollte. Sind auf jeden Fall klasse Leute, mit denen man was reißen kann – was wir zukünftig auch hoffentlich wieder machen werden. Bis dahin sollten wir uns aber endlich mal auf unsere Ärsche setzen und an unserem Debüt-Album arbeiten. Danke allen, die uns unterstützt haben, sowie Flo, Svenja & Co. für die Schnappschüsse unserer Gigs!

TV-Jahrbuch 1990 – Die Fernseh-Höhepunkte: Filmhits und Serien, Sport, Stars und Klassiker

ISBN: 3-927779-04-0

Nachdem die Redaktion der Kinozeitschrift „Cinema“ Ende 1988 das Buch „Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres“ herausgebracht hatte, firmierte dessen Nachfolger, das Ende 1989 erschienene „TV-Jahrbuch 1990“, unter „Video Plus“ – einem 1989 ins Leben gerufenen „Cinema“-Ableger, der sich vornehmlich dem aktuellen Heimkino-Angebot widmete. Als Verlag wurde nun nicht mehr die Kino Verlag GmbH, sondern die Video Zeitschriften Verlag GmbH angegeben. Neben den von den Sendern bestätigten Spielfilm-Höhepunkten des frei empfangbaren TV-Programms wurde der Inhalt des 188 Seiten starken Bands um TV-Serien, Sport-Großereignisse und einen Statistikteil erweitert. Außerdem war, wie bereits dem broschierten Einband zu entnehmen ist, ein weiterer TV-Sender hinzugekommen: Zu den sechs bekannten aus dem Jahr 1989 gesellte sich nun Pro7. Stallone im Allgemeinen und sein trashiger „Over The Top“ im Speziellen schienen damals zu ziehen, so schaffte sein entsprechendes Motiv es aufs Cover (nachdem er auf dem Vorgänger bereits als Rocky abgebildet war) und gilt jenem Film auch der erste Artikel.

Die Erstausgabe der „TV Spielfilm“ ließ noch bis August 1990 auf sich warten, sodass auch diese Buchveröffentlichung Sinn ergab. Die Rubriken lauteten nun „Spielfilme 1990“, „Serien 1990“, „Erotik 1990“, „Stars 1990“, „Sport 1990“ und „Statistik“, neben einem allgemeinen Editorial des Chefredakteurs Willy Loderhose jeweils von einem eigenen, die damalige Entwicklung reflektierenden Vorwort eingeleitet. Ein Jahresplaner zum Ausklappen lieferte eine tabellarische, grob kalendarische Übersicht, in welchem Monat jeweils mit welcher Ausstrahlung auf welchem Sender zu rechnen war. Tele5, Sat.1 und Pro7 allerdings konnten offenbar noch nicht so weit in die Zukunft planen und der Redaktion daher nur unvollständige Angaben übermitteln. Der Spielfilmteil bildet weiterhin das Herzstück und wurde noch einmal in die Unterkategorien „Filmhits des Jahres“ (darunter „Over The Top“, „Moonraker“ und „Barfly“), „Filmreihen“, „Filmhits im Fernsehen“ und „Filmklassiker“ unterteilt. Bis auf zwei Ausnahmen („Moonraker“ und „1900“) handelte es sich bei den „Filmhits des Jahres“ um mutmaßlich bisher selten oder noch gar nicht im Free-TV gelaufene Filme von Mitte bis Ende der 1980er.

Offenbar hatten seinerzeit auch die Privatsender das Konzept der Filmreihen für sich entdeckt. So strahlte Sat.1 gleich fünf Filme Akira Kurosawas aus und Pro7 sendete sage und schreibe 19 Filme mit Beteiligung Humphrey Bogarts – sowie neun Filme Claude Chabrols. Das ZDF widmete sich Woody Allen, den Marx Brothers, Fritz Lang, Jean-Luc Godard und Roger Corman (!), das ARD hält mit dem Neuen britischen Kino leidlich dagegen. Die meisten innerhalb dieser Reihen gezeigten Filme werden nicht ausführlich vorgestellt, sondern sind Teil einer allgemeinen, im Fließtext verfassten Abhandlung über den Aufhänger der jeweiligen Retrospektive. Die eher sinnfrei betitelte Rubrik „Filmhits im Fernsehen“ wartet erneut mit jeder Menge Filmstoff aus den vergangenen fünf 1980er-Jahren auf, lediglich neun Titel sind älter. Es finden sich u.a. Filme wie „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Der Joker“ mit Peter Maffay (seinerzeit von mir auf VHS mitgeschnitten), „Die Maske“, der mich zu Tränen rührte, sowie die kultige „House“/“House II“-Doppelbedienung, seinerzeit in umgekehrter Reihenfolge auf RTL plus gelaufen, anmoderiert und um ein Horror-Quiz ergänzt – auch diese Ausstrahlung befindet sich in meinem VHS-Archiv. Leider fehlen zum Teil die Längen- und Jahresangaben zu den Filmen. Auch bei den Klassikern, die keiner Filmreihe zugeordnet wurden, tat sich das ZDF mit Titeln wie „Ben Hur“, „La Dolce Vita“ und „Doktor Schiwago“ hervor – und RTL plus überraschte mit Ingmar Bergmans „Das Schlangenei“.

Die meisten Filmvorstellungen sind erneut mit großformatigen Szenenfotos illustriert und schwanken zwischen Inhaltsangaben (teilweise mit Spoilern), Hintergrundinformationen und oberflächlichen Kritiken. Das Durchblättern und Schwelgen in Erinnerungen macht dann auch mehr Spaß als das Lesen an sich, wobei sich auch für kundige Filmfreaks immer mal wieder ein Geheimtipp oder vergessenes Highlight finden dürfte. Vor allem drängt sich das Fazit auf, dass 1990 gerade auch durch die Dualisierung des Fernsehmarkts ein gutes TV-Jahr für Filmfreunde war – zumal die Privatsender die Filme i.d.R. noch durch lediglich eine einzige Werbepause unterbrachen.

Der Serienabschnitt kann sich ebenfalls sehen lassen: Der 1960er-Jahre „Batman“ mit Adam West erlebte auf Sat.1 seinen zweiten Frühling, David Hasselhoff durfte weiter den „Knight Rider“ geben, RTL plus bot mit „Wunderbare Jahre“ ein noch immer mit am stärksten auf dem Heimkinomarkt vermisstes Serien-Highlight sowie mit „Doctor Who“ abgefahrenen Stoff für Science-Fiction-Fans, „Alf“ kehrte im ZDF zurück und ebendort trat eine neue Enterprise-Besatzung in „Star Trek – The Next Generation“ ihren Dienst an. Die Eigenproduktion „Peter Strohm“ flimmerte in der ARD, wo auch die „Duck Tales“ ihr Zuhause fanden, usw.

Der Erotikteil wurde losgelöst vom übrigen Inhalt und somit separat behandelt, eingeleitet von einer allgemeinen Abhandlung über erotische Formate im TV, auch über Spielfilme hinaus (Stichwort: „Tutti Frutti“ & Co.). Mit lediglich drei Filmen – „Das große Fressen“, „L’Amour braque“ und „Belle de Jour“ – ist dieser Bereich jedoch arg dünn besiedelt. Anders das Kapitel „Stars 1990“, das Manfred Krug, Ulrike Folkerts, Götz George, Thomas Gottschalk, Desirée Nosbusch, Uschi Nerke, Erika Berger, Renan Demirkan, Hella von Sinnen, Karl Dall, Tom Selleck und David Hasselhoff porträtiert und Informationen zu ihren damaligen TV-Auftritt liefert. Mit den Ausblicken auf damals zukünftige Aktivitäten (Beispiel Gottschalk: „Fest steht bisher nur, dass [er] ab Juli 1990 eine 45-minütige Sendung für den privaten Fernsehsender machen wird.“ – bekanntlich wurde daraus Deutschlands erste echte Late-Night-Show auf RTL plus), die mit dem bisherigen Verlauf der Karriere verknüpft werden, ist dieser Bereich besonders lesenswert. Im Sportteil sind dann Tennis und „Italia ’90“, die Herren-Fußballweltmeisterschaft in Italien, Thema. Ein sachlicher, mit vielen Zahlen unterfütterter Hintergrundartikel zum Tennis ruft ins Gedächtnis, dass die Privatsender damals großen Anteil daran hatten, diesen Sport ins Fernsehen zu bringen, sodass 1989 so viel Tennis im deutschen TV lief wie nie zuvor. Der Ausblick auf die Fußball-WM liest sich natürlich mit besonderer Genugtuung. Der Statistikteil schließlich liefert diverse Übersichten über Marktanteile, Einschaltquoten u.ä. des Fernsehjahres 1989.

Ein Inhaltsverzeichnis, ein Index  und ein ausführliches Adressverzeichnis runden diesen Band ab, der wie sein Vorgänger auf festem, wertigem Papier gedruckt wurde und sich prima in den Regalen sowohl von TV-Nostalgiker(inne)n als auch Medienforscher(inne)n macht. Größter Wermutstropfen: Die o.g. unvollständigen Angaben dreier Privatsender.

18.-20.10.2018: Mit BOLANOW BRAWL auf Total Escalation Ireland Tour 2018 – nun auch online.

Folgender Reisebericht ist, wie bereits hier erwähnt, ursprünglich im Plastic-Bomb-Fanzine #106 erschienen. Das war im Frühjahr, mittlerweile ist die Sommerausgabe erhältlich und der Bericht damit bereit, um etliche Bilder ergänzt auch hier veröffentlicht zu werden:

Mit der Band erstmals im Ausland – ein persönlicher, streng subjektiver Reise- und Szenebericht meiner Erfahrungen und Erlebnisse in Irland als Sänger der Hamburger Streetpunk-Band Bolanow Brawl!

Die Iren haben Butter, Beer und Booze. Mit der Total Escalation Ireland Tour 2018 vom 18.-20.10.2018 brachten wir ihnen Bolanow und Brawl. Und das kam so: Seit Bandgründung dümpelten wir im Live-Sektor mehr oder weniger lokal vor uns hin, denn dass alle fünf Bandmitglieder parallel Zeit hatten, war die absolute Ausnahme. Als jedoch endlich alle ihre Aus-, Weiter- und Hochschulbildungen an irgendwelchen Bretterunis beendet hatten, kam tatsächlich etwas mehr Leben in die Bude, leider jäh unterbrochen vom Ausstieg unseres Bassisten Stulle. Dafür war mit Keith schnell Ersatz gefunden, der frischen Wind in die Band brachte und ebenso geil auf Gigs ist wie ich. So nahmen wir fast jedes lokale Angebot wahr, damit er möglichst schnell Live-Erfahrung sammelt (und den Dreck von denselben Kaschemmenböden leckt wie wir dereinst). Er, gebürtiger Dubliner, war es dann auch, der ein besonderes Ass aus dem Ärmel zog: Eine dreitägige Mini-Tour durch Irland! Wir waren Feuer und Flamme, wenngleich wir noch nie zuvor getourt, geschweige denn mit der Band im Ausland gewesen waren. Mit einer Ausnahme, als wir zunächst für BISHOPS GREEN im Hamburger Logo eröffnet und anschließend zum Wagenplatz Rondenbarg geeilt waren, um dort auf einem Festival zu zocken, hatten wir auch keine Erfahrung damit, zwei Gigs hintereinander zu spielen – wobei erwähnte Ausnahme noch am selben Abend war. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden? Noch nie. Unsere Feierwut während und nach Gigs ließ berechtigte Zweifel aufkommen, inwieweit wir dazu in der Lage sein würden, insbesondere bei mir: Manche haben ‘ne Kopf-, andere ‘ne Bauchstimme, ich hingegen scheine so was wie ‘ne Halsstimme zu haben, denn nach jedem Gig ist dieser rau und wund und ich bin heiser wie Sau. Ob ich am zweiten Tag überhaupt noch einen Ton herausbekommen würde? Immerhin hatten wir eine Gelegenheit, das auszuprobieren: Einen Tag nach einem Gig mit meiner anderen Krawallcombo DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS absolvierten wir eine Probe und es haute überraschend gut hin. Aber gleich drei Tage…?

Mithilfe seines irischen Kumpels Eddie von THE NILZ, von uns liebevoll „Eddie the Igel“ genannt, organisierte Keith die Tour, wobei Eddie versuchte, Läden ausfindig zu machen und sich Keith vornehmlich um Transport, Pennplätze etc. kümmerte und immer wieder Geld von uns für Bus & Bahn, Hostels etc. haben wollte. Am Donnerstagmorgen fanden wir uns schließlich tatsächlich in aller Frühe am Hamburger Flughafen ein, in Begleitung von vier unserer Freundinnen (lediglich eine hatte leider nicht freibekommen). Beim Check-in waren wir uns grundsätzlich einig, möglichst zusammensitzen zu wollen, trotzdem gab es bereits erste Diskussionen, wer keinesfalls vor wem sitzen wolle etc. – Klassenfahrtgefühl kam auf. Bereits vorm Betreten des Fliegers auf die Butterinsel wurde das erste Bier gekippt, in Dublin angekommen bot sich dasselbe Bild in der Airport-Bar. Vom Kiosk nebenan besorgte ich mir ein Sandwich, diese abgepackten zusammengeklappten und diagonal halbierten Toastbrote, wie man sie auch hierzulande kennt – und erlitt meinen ersten Preisschock, als man mir umgerechnet über 9 Westmark dafür abknöpfte. Alter! Per Bus ging’s weiter nach Drogheda, einer ca. 30.000 Einwohner zählenden Kleinstadt 45 Kilometer nördlich von Dublin am Fluss Boyne gelegen. Die malerische Kulisse dort lud zum Fotografieren ein; nach der Ankunft im Hotel versammelte man sich erst mal im hoteleigenen Pub, der für Halloween herausgeputzt war (immerhin stammt der Brauch ja aus Irland). Nach ein, zwei Runden Guinness & Co. klapperten wir mit einem einheimischen Jugendfreund Keith‘ Sehenswürdigkeiten wie den mumifizierten Schädel des Priesters Oliver Plunkett, der im Zuge der Religionskriege im 17. Jahrhundert sein Leben lassen musste und zu einer Art Schutzheiligem avancierte, ab. Sein Kopf befindet sich in einem Schaukasten der örtlichen Kirche. Anschließend ließen wir uns ein Lokal empfehlen und aßen dort Ziegenkäsepizzen, übertrieben große Burger und übersichtliche, dafür teure Fische.

Keith‘ Kumpel fuhr freundlicherweise unser Equipment zum Odd Mollies, einem von außen unscheinbaren Pub, der sich nach Betreten aber als riesige Bude inkl. Separee-Labyrinth, Biergarten und Konzertsaal entpuppte. Dort sollte unser erster Gig stattfinden, dort trafen wir auf Eddie und dort ließ Keith‘ Kumpel erst mal ‘ne Runde springen. Was wir jedoch nicht wussten: In Irland ist’s anscheinend absolut unüblich, dass eine Band Freigetränke bekommt (geschweige denn etwas zu essen). Ob hier nun etwas vereinbart worden war, wusste lange Zeit niemand so genau, letztlich hieß es aber: nee. Diesen Umstand hatte uns Keith, der Schlingel, vermutlich wohlweislich verschwiegen, zumal die Lebensmittel- und Bierpreise in Irland offenbar generell auf höherem Niveau angesiedelt sind als in Deutschland (dafür liegt das jährliche irische Durchschnittseinkommen aber auch 10,5 Mille über dem deutschen). Glücklicherweise zeigte sich Keith‘ Kollege verdammt spendabel, aber irgendwann wird einem das natürlich auch ein bisschen unangenehm. Unsere Ausgaben für Getränke überstiegen unsere Einnahmen dieses Abends letztlich um ein Vielfaches und zumindest auf meine Stimmung drückte das schon ein wenig. Als ich nach einem Flaschenbier für die Bühne suchte, das keine Dünnplörre ist, griff ich letztlich zu meinem bisher teuersten Paulaner:  5,50 EUR für ‘ne Buddel. Au weia! Aber der Reihe nach: Lokaler Opener waren die Jünglinge HEDCASE, ein Hard’n’Heavy-Rock-Trio mit Blues- und Boogie-Einflüssen (von dem ich froh war, dass sie überhaupt hier waren, denn auf ihrer Setlist hatten sie als Datum den 19. stehen).  Der Sound im steinernen Gewölbe des Pubs war sehr rustikal und donnerte gut, dazu passte auch das kräftige Organ des Sängers/Bassisten. Dem Drummer mit seinem engelsgleichen langen Haar, der sich zudem während des Gigs nach und nach seiner Oberbekleidung entledigte (zuerst musste das Bob-Marley-Batikshirt weichen), lagen alle Mädels zu Füßen, der Gitarrero flitzefingerte übers Griffbrett und unternahm während des AC/DC-Covers „T.N.T.“ einen Ausflug ins hauptsächlich aus den anderen beiden Bands bestehende Publikum, was ihn und seine Mitstreiter jedoch etwas aus dem Konzept brachte, sodass das sprichwörtliche Ende vom Lied einer sehr freien Improvisation glich. Eine Jam-Session ging über in ein kompetentes „Baby, Please Don’t Go“-Cover und der Drummer machte immer wieder die Gardine, wodurch er aussah wie Vetter It, ging zwischendurch zur allgemeinen Begeisterung aber auch mal zur Windmühle über. Sehr unterhaltsamer Gig – good job!

Wir belegten den Mittelslot, hatten unser Set um einen Song gekürzt und zogen dann doch noch ein paar Nasen mehr an, die sich an einem Donnerstagabend für die im Pub lärmenden Bekloppten interessierten. Mit dem P.A.-Menschen mit seinem supermodernen Digitalmischpult und seinem Tablet hatten wir den bestmöglichen Sound austariert. Noch etwas von der Getränkeversorgung angefressen, begrüßte ich Drogheda leicht überzogen arrogant mit „Hello, small town somewhere in Ireland“ (immerhin sagte ich nicht „British islands“), nachdem wir mit „Total Escalation“ gestartet waren. Doch je länger wir spielten – und je betrunkeneren Unfug vor allem Gitarrist Christian zwischen den Songs faselte, bis hin zu den sich daraus entwickelnden bandinternen Dialogen –, desto mehr Spaß machte der ganze Krempel wieder, der sich offenbar auch auf die Anwesenden übertrug. Blöderweise war mein Mikrokabel ziemlich locker, sodass es zu ein paar Aussetzern kam. Alles in allem dürfte das aber ein geglückter Warmmacher für die beiden Wochenend-Gigs gewesen sein, wenn ich im Nachhinein auch fand, über weite Strecken etwas zu aggressiv geklungen zu haben.

Bester Laune konnten wir uns nun dem Headliner widmen: Das Trio AMONGST THE WOLVES hat letztes Jahr sein Debütalbum „Hunger“ veröffentlicht (das ich vorher nicht gehört hatte) und sich einer ganz eigenen Mischung aus Punkrock und traditionellen irischen Einflüssen verschrieben. Bereits beim Soundcheck („Dirty War“) hatte ich große Ohren gemacht und der Auftritt bestätigte meine Ahnung: Komplett ohne Dudelsack, Flöte & Co. und ohne vornehmlich auf Party und Besäufnisse ausgelegt zu sein, hat die Band ihren individuellen, schwer atmosphärischen Sound zwischen getragenen, hymnischen Melodien und flotten Pogobeats gefunden (zu dem sie dann auch ihre Nebelmaschine anwarf). Der zugehackte Drummer klöppelt einen stilistisch einzigartigen Drum-Porno unter verstärktem Beckeneinsatz zusammen und die ganze Band ist unfassbar tight, perfekt aufeinander eingespielt. Mit mir haben AMONGST THE WOLVES einen Fan mehr und im euphorischen Überschwang und unter Einfluss manch Pints versicherte ich ihnen, mich dafür einzusetzen, dass sie mal nach Hamburg kommen können. Sollte sich diesbzgl. noch nichts ergeben haben: Booker, holt die Jungs nach Deutschland!

Allzu lange blieben wir dann nicht mehr im Odd Mollies, sondern packten unsere sieben Sachen zusammen und verabschiedeten uns von allen Beteiligten. Der AMONGST-Drummer gab dem mittlerweile volltrunkenen Christian noch die Adelung „You’re the drunkest German I ever met!“ mit auf den Weg, was Chriller, schlagfertig wie er ist, ungefähr zehn Minuten später mit „And you’re the most sober Irish I ever met!“ konterte. Daran gab’s dann wirklich nichts mehr zu rütteln.

Am nächsten Tag ging’s nach einem ausgiebigen Frühstück per privat gechartertem Bus einmal quer durch Irland an die Westküste nach Galway, wobei die Fahrt nach anfänglichem Herumgealbere auf den hinteren Sitzen (der eine oder andere hatte anscheinend zu viel Kakao getrunken) überraschend ruhig verlief – kein Trinkgelage, keine laut aufgedrehten Punkrock- oder Peter-Wackel-Playlists, manch einer holte stattdessen das eine oder andere Stündchen Schlaf nach oder glotzte gedankenverloren und/oder verkatert aus dem Fenster. Hatten wir in Drogheda noch strahlenden Sonnenschein gehabt, empfing uns die 80.000-Einwohner-Stadt mit Regenwetter, in dem wir ausharren mussten, bis einer der Hostel-Verantwortlichen mit den Schlüsseln um die Ecke bog. Also flugs auf die Zimmer verteilt und ab in die City, vorbei an gefühlt hundert Straßenmusikern, einen Pub ansteuern. Dieser muss irgendwie zu Keith‘ Familiendynastie gehören, denn er war nach seinem Nachnamen benannt. Dort wurde gespeist, vor allem aber getrunken und manch einer schüttete sich schon wieder ein Guinness, Ale oder sonstwas nach dem anderen rein. Ole zog sich ‘ne Schachtel Kippen für schlappe 12,- EUR – die Tabakpreise waren ihm im Vorfeld verschwiegen worden… Keith hat überall Freunde, so auch hier, diese gesellten sich dazu. In dieser Runde entstand die Idee, dass wir Tour-Kampfnamen bräuchten. Was bietet sich da besser an als die Liste von deutschen Standesämtern abgelehnter Namen? So wurde aus Ole Atomfried, aus Christian Bierstübl, Raoul hörte ab sofort auf Nelkenheini, Keith wurde Rumpelstilzchen zuteil und ich avancierte zu Störenfried. Als wir jedoch gar nicht mehr aus der Pinte herauszukommen drohten, ließen wir die Hardcore-Trinker zurück und teilten uns auf, ich sah mir die Stadt etwas genauer an. Am späten Nachmittag versammelten wir uns am Hostel, packten unsere Plünnen zusammen und suchten den Ort unseres abendlichen Gigs auf: Die Cellar Bar, deren Name echtes Understatement ist: Ebenerdig ein kombinierter Restaurant/Bar-Betrieb und unten ein relativ großer Saal mit kleiner Bühne, mit deren Aufbau gerade zwei lokale Punks begonnen hatten. Nach Shakehands und erstem Smalltalk begaben wir uns auf die Suche nach einem Supermarkt, denn wir hatten ja dazugelernt: Diesmal wollten wir uns zumindest zum Teil selbst versorgen und besorgten uns einige Kannen Bier. Der Regen hatte längst aufgehört, die Stadt erstrahlte in der Dämmerung in anheimelnder Illumination und wir kamen sogar an einer lokalen Legende vorbei, deren Namen ich leider vergessen habe. Jedenfalls sang diese inbrünstig zum Playback „Love is in the air“ und tanzte exaltiert, wie er es, so verriet man uns, offenbar schon seit Jahren zu tun pflegt und weiter an seinen Gesangsfähigkeiten feilt. Lustiger Vogel!

Dass an der Cellar Bar und auch sonst in der Stadt keinerlei Hinweise auf das heutige Konzert hingen, machte mich etwas skeptisch, zumindest per sozialen Netzwerken war aber die Werbetrommel gerührt worden. Diesmal gab’s etwas zu essen, eine Freundin der anderen Bands kredenzte Veggie-Chili. In Galway sollten wir mit Eddies Band THE NILZ und mit SHITHÄTT zusammenspielen. Als letztere damit fertig waren, ca. hundert Effektgeräte auf der Bühne zu verdrahten und zum Soundcheck bliesen, blieb uns erst mal die Spucke weg: Vollkommen irrer Postpunk-meets-Hardcore-meets-Klapse-Sound, dazu technisch verdammt versiert. Hier griff nun die Logik des Bierstüble: „Die sind uns technisch überlegen, das müssen wir durch SAUFEN wieder rausholen!“ – sprach’s und gab fortan noch mehr Gas, zeitweise mit sog. Irish handcuffs, also einem Getränk in jeder Hand. Nach und nach füllte sich die Bude und SHITHÄTT lieferten einen völlig irrsinnigen Gig, höchst beeindruckend und nicht von dieser Welt – muss man selbst gesehen und gehört haben. Holt sie am besten in die deutschen Clubs!

Dem galt es nun, norddeutschen Streetpunk entgegenzusetzen. Auf der lütten Bühne wurd’s ganz schön drängelig, trotzdem entschied ich mich, auf ihr zu bleiben, statt die Beinfreiheit vor ihr zu auszunutzen – vielleicht ein Fehler. Der Bühnensound gestaltete sich etwas problematisch, gröbere Patzer blieben aber aus. Dafür war Bierstübl wieder umso redseliger, sonderte betrunkene Litaneien ab, machte sich über die Abkürzung „IRFU“ für „Irish Rugby Football Union“ lustig, erklärte, dass „The Nilz“ auf Deutsch „Die Nillen“ heiße und was das bedeute und stimmte etwas zu oft seine Klampfe nach. Mir machte mein Mikro ab und zu einen Strich durch die Rechnung, denn es verfügte über den gefürchteten An/aus-Schalter, den unbedarfte Sänger wie ich natürlich ständig versehentlich betätigen – Faustregel: Gib Sängern nie zu viel Technik an die Hand, das geht nur schief! Meine Stimme machte dafür besser als befürchtet mit, lediglich langgezogene Vokale wie in „Where Is My Hope“ wollten nicht mehr so flutschen. Beim letzten Song „Fame“ wurd’s mir dann doch zu eng und ich begab mich auf die Tanzfläche, was ich wohl bereits vorher hätte machen sollen – allein schon, weil der Sound dort wesentlich besser war. Wir zockten exakt dasselbe Set wie am Abend zuvor und die meiste Zeit über schienen wir die Anwesenden ganz gut zu unterhalten, dennoch empfanden wir unseren Gig im Nachhinein als zu zerfasert und zu lang – weniger wäre vermutlich mehr gewesen.

Wie es besser geht, bewiesen schließlich THE NILZ, die mit Nylonstrapsen auf den Rüben die Bühne betraten. HC-Punk? ’77-Punk auf Speed und schlechten Drogen? Irgendwie so was. Herrlich hektisch durchgezockte Songs, die nicht nur Lahme zum Tanzen bringen, sondern auch Atomfried, der sich entzückt und euphorisiert vor der Bühne gehen ließ. Auch die Bühnenshow war nicht von schlechten Eltern: Eddie ließ einen Plastikpimmel aus der Hose baumeln, übergoss sich mit heißem Kerzenwachs und zündete während des letzten Songs Pyrotechnik in seinem Darmausgang. Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt angelangt, die Meute tanzte und lachte sich kaputt – und Eddies finale Einlage rief den Putzmann des Ladens auf den Plan, der auf der Tanzfläche feucht durchwischte, während sich die Band noch auf der Bühne befand, angepogt wurde und schließlich sichtlich genervt ein vorm rutschigen Fußboden warnendes Hinweisschild positionierte. Ordnung muss sein! Welch ein Ende dieses genialen Auftritts, nach dem absolut jeder ein dickes Grinsen im Gesicht spazieren trug! Müßig zu erwähnen, dass auch THE NILZ dringend diverse deutsche Clubbühnen besudeln müssen.

Bald darauf endete auch der zweite Abend, der in urbanerem Flair stattgefunden, manch nettes Gespräch mit den sympathischen Einheimischen bereitgehalten und uns mit zwei absolut wahnsinnigen irischen Bands flankiert hatte, an die ich noch lange zurückdenken werde.

Reichlich früh begab sich unsere kleine Krawalltouristengruppe am nächsten Morgen zum Bahnhof: Frühstück bei Starsucks und per Bahn zurück an die Ostküste in die irische Hauptstadt, wo wir das F***-Buddies-Festival bereits um 15:15 Uhr eröffnen sollten. Unsere Sitzplatzreservierungen liefen auf den Bandnamen, sodass auf zahlreichen Digitalanzeigen im Waggon „Bolanow Brawl“ zu lesen war. Hierzulande ist ja langweiligerweise lediglich der reservierte Streckenabschnitt angegeben, wenn die Dinger überhaupt mal funktionieren… Während der Fahrt quer über die Insel erwachte die Saitenfraktion wieder zum Leben, goss sich das erste Guinness rein und freute sich über die Rezepte, die der über Nacht zum Doktor gewordene Atomfried auf Starbucks-Servietten ausstellte: „A couple of beers to get healthy again.“ Na klar, Doc. Da absolut nichts anderes zu buchen gewesen war, verschlug es uns in Dublin in ‘ne (wieder einmal) nicht ganz billige Nobelabsteige, in der wir uns allerdings auf drei Mehrbettzimmer verteilten. In weiser Voraussicht stellte ich sofort klar, mit wem ich ein Zimmer teilen würde und mit wem nicht und bezog eine geräumige Bude mit meiner besseren Hälfte sowie Nelkenheini und dessen Swaantje. Vom Balkon aus hatte man einen klasse Ausblick über die Dächer Dublins, unmittelbar vor der Tür lag eine Art kleiner Park und nebenan ein Supermarkt – und nur unweit davon die Voodoo Lounge, eine alteingesessene Örtlichkeit für größere Musikveranstaltungen.  Dort trafen wir uns mit Eddie the Igel, der netterweise unser Equipment nach Dublin transportiert hatte. Begrüßt wurden wir von Peter, Bassist der dienstältesten irischen Punkband PARANOID VISIONS, der das von den SUBHUMANS angeführte Festival organisierte und mit seiner Band ebenfalls auftreten sollte. Der schlauchförmige Laden hat ‘ne herrlich große Bühne, ein ungewohnter Luxus – besonders nach dem vorherigen Gig… Während wir die ersten Kannen aufrissen, fanden sich nach und nach Mitglieder der anderen Bands ein, doch eine fehlte: SHITHÄTT hatten es in der Nacht zuvor wohl übertrieben, kamen erst sauspät in die Poofe und dementsprechend verzögert auf die Autobahn Richtung Dublin, die dann einfach mal dicht war. Nichts ging mehr. Eddie, der neben uns auch SHITHÄTT auf dem Festival untergebracht hatte, war verständlicherweise etwas angefressen und ich fand’s auch sauschade. Allerdings entzerrte sich durch die Schrumpfung auf „nur“ neun Bands der Zeitplan und wir brauchten erst um 15:30 Uhr auf die Bretter, nachdem wir den Soundcheck mit dem sehr fokussierten und professionellen Mischer zur allgemeinen Zufriedenheit durchgeführt hatten. So blieb wenigstens noch Zeit für ‘ne Kippe im separaten Raucherbereich, denn wie in den beiden Pubs zuvor herrschte auch hier Qualmverbot.

So sehr wir uns über die Teilnahme an diesem Ein-Tag-Indoor-Festival mit manch Legende gefreut hatten, so wenig hatten wir uns etwas vorgemacht: Wir gingen davon aus, als früher Opener, den keine Sau kennt, vor maximal drei Leuten zu spielen. Unser Set hatten wir auf sieben Songs herunterkürzen müssen, wodurch alles rausflog, was irgendwie etwas getragener ist. Zeit zum Quatschen hatten wir kaum, hier mussten wir ein Ding nach dem anderen raushauen und uns möglichst schnell von der Bühne verpissen, um Platz für die nächsten zu machen. Umso geiler, dass uns dann trotzdem weit mehr Leute von vor der Bühne beäugten als angenommen! Meine größte Sorge hatte im Vorfeld meiner Stimme gegolten, drei Tage hintereinander war ein absolutes Novum – und aufgrund des frühen Slots lagen nicht einmal 24 Stunden zwischen den Gigs. Seltsamerweise war diese jedoch weit besser in Form als in Galway, vielleicht sogar als in Drogheda. Ich erkläre mir das mit der richtigen Dosis an irischem Bier, Gelo Revoice und so was wie einem Übungs- oder Gewöhnungseffekt, vor allem aber mit der Profi-Monitoranlage der Bühne. Anscheinend macht es für mich immer noch einen großen Unterschied, wie gut ich mich selbst höre. Wir genossen die ungewohnten Platzverhältnisse, aber als Dr. Atomfried the Pelvis zum Hüftschwung ausholte, rasselten wir dennoch aneinander – das scheint ein bühnengrößenunabhängiges Phänomen zu sein. Die Uhr an der Bühnenwand tickte unerbittlich, nach „Fame“ war Schluss – unsere letzten Akkorde der Tour verhallten in den Weiten des Saals und Peter schrieb später: „Even the opening act played to a bigger crowd than some headliners at local gigs would get.“

Unser Bühnenjob war erledigt, die Arbeit aber noch nicht ganz: Hektisch bauten wir einen Merchstand auf, brachten etwas Gedöns unters Volk und anschließend unser Equipment ins Hotel, wodurch ich leider die örtlichen JOBSEEKERS und ihren, ich zitiere: Political crossover/hardcore/skate punk verpasste bzw. nur zeitweise als Hintergrundrauschen vernahm. Beinahe ebenso erging es mir mit dem Dubliner Damen-Duo VULPYNES mit seinem garagigen heavy Punkrock-Sound, dessen letzte Songs ich zumindest noch mitbekam. Gewehr bei Fuß standen Madame und ich dafür bei TERMINAL RAGE aus dem britischen Hereford, während der Rest durch die Stadt tingelte, ein paar Pubs unsicher machte und sich von Rumpelstilzchen weitere Bekannte oder Verwandte vorstellen ließ. TERMINAL RAGE spielen einen typisch britischen Stiefel irgendwo zwischen HC-Punk und Aggro-Oi!, angepisst und authentisch, oldschool as fuck wie Anfang der ‘80er. Die Songs tragen Titel wie „Casual Racist“, „Where’s Our Democracy“ und „Class Crime“ und gehen direkt ins Ohr und in den Bewegungsapparat. Genau mein Ding! Begeistert begann ich, mich am Bierausschank zu laben und zusammen mit dem mittlerweile in respektabler Anzahl vertretenen Publikum zu feiern.

Zu THE NILZ waren die anderen Brawler dann wieder am Start, Eddie goss sich Wachs über die Rübe und zündete seine Arschrakete, Ole tanzte dazu und ich amüsierte mich königlich. THE NILZ peitschten mit ihrem pfeilschnellen Sound den Mob hoch wie keine Band zuvor und wäre der Abend bereits jetzt geendet, wäre ich vermutlich schon voll befriedigt gewesen. Aber Schlag auf Schlag ging’s weiter: THE GAKK aus dem irischen Dundalk brachten mit einer Mischung aus rauem Streetpunk und Ska/Offbeat-Songs den Mob zum Tanzen, PARANOID VISIONS im Anschluss konnten aus rund zehn Alben und EPs ihr Set zusammenstellen und wurden zu ‘ner Art Geschichtsunterricht für mich: Obwohl bereits 1982 gegründet (das Debüt folgte 1987), hatte ich die Band vorher nicht wirklich auf dem Schirm. Diese Bildungslücke konnte ich jetzt schließen. Zu sechst auf der Bühne spielte man einen recht eigenständigen Mix aus klassischem Punkrock, Anarcho-Punk- und ein paar Wave-Einflüssen mit weiblich-männlichem Wechselgesang. Die Originalbesetzung war das natürlich nicht mehr, aber die Mischung aus jung und, äh, nicht mehr ganz so jung zündete. Starker Gig einer verdammt spielfreudigen Band mit viel positiver Ausstrahlung! „Ob Punker oder Glatze, alles hört MENACE“: Als ich die britische ’77-Legende das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch als Trio aufgetreten. Mittlerweile hat man sich um einen zweiten Gitarristen verstärkt, ein Zwei-Meter-Hühne, der ganz gut am Posen war und zeitweise ‘ne Sonnenbrille auf der Bühne trug. Viel wichtiger aber ist, dass er der Band zu einem schön satten Sound verhilft. Mit Drummer Noel Martin ist nur noch ein Mitglied der Originalbesetzung aus den ‘70ern übrig, aber alle vier sind älteren Semesters – und hauten kräftig auf die Kacke! Besonders gesanglich war das ‘ne große Steigerung zum Gig ehedem im Hamburger Linken Laden und ein Hit reihte sich an den nächsten: „I’m Civilised“, „Last Year’s Youth“, „C&A“ und natürlich „GLC“, bei dem’s, wenn ich meine alkoholgetrübten Erinnerungsfetzen jetzt nicht durcheinanderwürfle, zur Bühneninvasion kam. Hierbei gab ich mir endgültig den Rest, sang so gut es noch ging lauthals mit und feierte die Band, deren Outfit – dicke Wollstrickpullis – mir zusätzlichen Respekt abrang. Stilikonen bleiben eben Stilikonen!

Die SUBHUMANS als letzte Band brachten die Bude dann nicht minder zum Kochen: Frontmann Dick transpirierte und agitierte sich durch zahlreiche spröde Anarcho-Punk-Klassiker, ebenso unprätentiös wie zeitlos. Mein letztes SUBHUMANS-Konzert lag allerdings erst kurz zurück, sodass mich der Headliner-Gig diesmal fast am wenigsten interessierte. Und mittlerweile war ich nicht nur voll mit neuen Eindrücken, die meine Aufmerksamkeitsspanne beinahe komplett ausreizten, sondern auch mit köstlichem irischen Bier, will sagen: Ich kann mich an den Auftritt kaum noch erinnern. Meine Lady und moi waren inzwischen so bedient, dass wir uns auf dem kurzen Weg zum Hotel noch verloren und uns umständlich wieder zusammentelefonieren mussten. Auf dem Weg in die Koje begegneten wir noch den anderen Brawlern, bevor ich meinen Zimmergenossinnen und -genossen laut sägend den Schlaf raubte. Dafür lag ein hochkarätiges Festival hinter uns, das über den musikalischen Aspekt hinaus einen schönen Einblick in die irische Punkszene geboten hatte, mit der man vor allem im Raucherbereich auch mal nett ins Gespräch kam. Ein Typ namens IrishMJ hatte richtig geile Fotos unseres Gigs geschossen und uns zukommen lassen,  Sean Maguire spielte uns in seiner Radiosendung und für mein Durchhaltevermögen bekam ich von Keith das schöne Kompliment „professional boozer“ – wenn das nix is! Ich scheine das Inselgesöff aber generell ganz gut zu vertragen, denn selbst am nächsten Tag hielt sich mein Kater in Grenzen. Dies war nicht unbedingt bei jedem von uns der Fall, die Erkenntnis aus drei Tagen Irland aber war: Wir sind tourfähig!

Den nächsten Tag verbrachten wir mit Ausschlafen und durch Dublin Lustwandeln, bevor’s am Nachmittag mit einem mit Touris überfüllten Bus gen Flughafen und schließlich zurück nach Hamburg ging. Unsere Mini-Tour war ‘ne arschgeile Sause, die verdammt viel Spaß gemacht und uns viele neue Erfahrungen, Kontakte, Eindrücke etc. beschert hat , aber auch etwas kostspielig und für uns, die wir die deutsche Szene-Infrastruktur gewohnt sind, ungewohnt war. Keith erklärte mir, dass es in Irland leider keine unkommerziellen D.I.Y.-Läden, besetzte Häuser, Wagenplätze o.ä. gäbe. Die dortige Szene sei von ständigen Hochs und Tiefs betroffen, seit ein paar Jahren aber wieder recht lebendig, was Leuten wie Eddie the Igel, PARANOID-VISIONS-Peter und anderen, die sich um kleine Konzerte bemühen, zu verdanken sei. Fielen diese weg, würd’s sehr schnell wieder sehr ruhig werden. Manchmal mache man sich aber auch gegenseitig das Leben schwer, indem man eine überflüssige Rivalität entwickle und die Promoter sich gegenseitig Konkurrenz machten, anstatt zusammenzuarbeiten. Bleibt also zu hoffen, dass die irische Subkultur sich weiterhin prächtig entwickelt – und dass wir in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft noch mal wiederkommen dürfen.

Günni / Bolanow Brawl

P.S.: Danke an alle Fotograf(inn)en – Flo, Svenja, Sandy, IrishMJ, Ole…

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24.05.2019, Knust, Hamburg: KNOCHENFABRIK + KAMIKAZE KLAN

KNOCHENFABRIK und KAMIKAZE KLAN im Knust – so viele Ks auf einmal… Im Knust war ich schon arschlange nicht mehr; hier aber konnte ich mich schlecht verweigern, zumal KKK-Sänger George mich freundlicherweise auf die Gästeliste gesetzt hatte. Vor Ort gammelte draußen bereits eine illustre Runde herum und trank sich gegen die fallenden Temperaturen warm, aus dem angekündigten pünktlichen Beginn des Klans um 21:00 Uhr wurde aber nichts: KNOCHENFABRIK standen noch im Stau. Das kam uns aber eigentlich ganz gelegen, denn so kamen auch wir noch in den Genuss entspannten Vorglühens.

 

Für KAMIKAZE KLAN war dieser Gig ‘ne Nummer größer – auf den man sich offenbar gut vorbereitet hatte. Nicht nur, dass die Angeber sich einen Banner hatten schneidern lassen, der auf imposante Weise den Bereich von der Bühne bis zur hohen Decke fast komplett in Beschlag nahm, nein, das Quintett wusste auch die große Bühne bestens auszufüllen, ohne eingeschüchtert zu wirken oder ins andere Extrem – zu große Gesten und Rockstar-Posen – zu verfallen. Stattdessen zockte man einen energetischen, absolut souveränen Gig, der nicht nur das Interesse der bereits in hoher Anzahl erschienenen Anwesenden weckte, sondern auch immer mal wieder insbesondere junge Hüpfer(innen) zum Tanz aufforderte. Der Sound war verdammt gut, sodass manch Refrain seinen vollen Glanz entfaltete. Das deutschsprachige, auf zwei Gitarren abgestimmte, rockige Songmaterial stieß auf viele offene Ohren, die Stimmung war locker und die Klansmen topfit. George gab zwischendurch sogar einen aus, was er mit ‘nem lütten handelsüblichen Flachmann antäuschte, um schließlich dessen kanistergroßen Bruder herauszuholen und ins Publikum zu reichen. So macht man sich Freunde!

KNOCHENFABRIK um den Kölner Claus Lüer (auch ANAL, CASANOVAS SCHWULE SEITE und CHEFDENKER) bildeten nach recht kurzer Umbaupause den Kontrast: Zum Bandkonzept gehört, live immer möglichst ungeprobt zu klingen, die Ansagen sind phlegmatisch, einen Banner gibt es gar nicht erst – ihr ganze Auftreten ist pures Understatement. Seit acht Jahren hat man keinen neuen Song mehr veröffentlicht, was wohl auch überflüssig gewesen wäre: Der Pöbel will die Songs vom „Cooler Parkplatz“- und vor allem vom „Ameisenstaat“-Album, will „Grüne Haare“ und „Filmriss“. Im Vorfeld wurde gemutmaßt, ob das Knust nicht vielleicht eine Nummer zu groß für KNOFA sei, doch weit gefehlt: Kaum betrat das Trio die Bühne, war der Saal proppenvoll und ächzte unter wüstem Gedrängel und Gepoge des mittlerweile nicht selten volltrunkenen Pöbels. Hier rächte sich dann auch der schlauchförmige Aufbau des Knusts, sodass diejenigen, die halbwegs unbehelligt das Geschehen verfolgen wollten, schnell relativ weit von der Bühne entfernt standen. Dafür ging aber der Bierausschank immer noch recht flott – vielleicht auch, weil vielen satte 5,- EUR für Gezapftes im Plastikbecher schlicht zu teuer war. KNOCHENFABRIK brauchte das alles nicht zu interessieren. Claus & Co. zockten ihr Set runter, versangen sich auch mal und laberten was vom Eurovision Song Contest. Basser Hasan trug dabei ein Shirt, bei dem man sich fragte: Mit echtem Blattgold versetzte Haute Couture oder doch ein Schnäppchen aus dem Kölner H&M? Die alten Hits machten natürlich allesamt Laune, von „Schwer wie Blei“ über „Fuck Off“ und „Der nackte Golfer“ bis hin zu „Der neugierige Nachbar“, „Obdachlos & trotzdem sexy“ und „Kleingeld“. „Im Fadenkreuz“ wurde als relaxte Jazznummer (oder so) dargereicht, „Grüne Haare“ landete noch im normalen Set. Der Zugabenblock begann mit einer arschlangen „Toni Schumacher“-Version, um „Filmriss“ weiter hinauszuzögern – was sie dann auch mittels weiterer Songs taten, um die Geduld ihres Publikums auszutesten. Als es endlich soweit war, wurde die Saufhymne natürlich begeistert aus hunderten Kehlen mitgesungen. Wer übrigens nicht gerade pogte oder crowdsurfte und trotzdem auf sich aufmerksam machen wollte, erklomm in schöner Regelmäßigkeit die Bühne, um dort herumzugammeln oder Stagediving anzutäuschen und es dann doch sein zu lassen, weil offenbar niemand Bock darauf hatte, einen aufzufangen. Aber nachdem sogar auf „Filmriss“ noch eine Nummer folgte, war endgültig Schluss. Die KNOFAs verbeugten sich artig auf der Bühne und die Party war vorbei, die für uns mit ein paar Pilsetten mit den Klansmen noch ihren Ausklang fand (während George die dicken Scheine zählte).

Alles in allem ein geiler Konzertabend im rappelvollen Knust, der neben den üblichen Verdächtigen viel Jungvolk anzog, was beweist: KNOCHENFABRIK sind noch keine Altherrenband. Fickensaufenschalkeoi!

Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres

ISBN: 3-89324-037-3

Noch bevor die Redaktion der damals größten Filmzeitschrift Europas, der „Cinema“, die TV-Zeitschrift „TV Spielfilm“ ins Leben rief, brachte sie Ende 1988 ihr erstes Jahrbuch für Spielfilme heraus, die im nahenden Folgejahr innerhalb des Fernsehprogramms der damals noch übersichtlichen bundesdeutschen Senderlandschaft laufen sollten. Die Filmauswahl wurde damals langfristig geplant, die genauen Termine standen jedoch noch nicht fest. Wo zumindest der Monat bekannt war, wurde er angegeben.

Natürlich wandte sich das 196 Seiten starke Buch seinerzeit an Filmfreunde, die einen Überblick übers kommende Filmprogramm erhalten wollten. VHS-Kassetten mit Spielfilmen waren teuer, die Videorekorder liefen daher heiß, wenn sehenswerte Filme im TV liefen. Doch es ist auch in der Retrospektive interessant, sich einmal vor Augen zu führen, wie sich das Spielfilmangebot des Fernsehens damals eigentlich zusammensetzte – vor allem, wenn man wie ich damals selbst gerade begann, TV-Zeitschriften auf der Suche nach Highlights zu studieren und diese auf Videokassetten mitzuschneiden (die sich größtenteils noch immer im Privatarchiv befinden). Auf der persönlichen Ebene also durchaus ein nostalgisches Vergnügen, auf der Meta-Ebene ein aufschlussreicher Einblick in die Entwicklung des Mediums.

Aufgeteilt ist der Band in die Rubriken „Die Filme des Jahres“, „Die Klassiker“, „Retrospektiven und Reihen“ und „Filmhits“. Nicht immer wird deutlich, nach welchen Kriterien die Zuordnung der Filme in welche Rubrik stattfand. „Die Filme des Jahres“, mit denen das Buch nach einem Vorwort des Chefredakteurs Willy Loderhose eröffnet, umfasst lediglich acht Spielfilme, die die Redaktion offenbar als besonders herausragend erachtet hat und die bis dahin (wenn überhaupt) noch nicht allzu häufig im TV ausgestrahlt wurden: „2001 – Odyssee im Weltraum“, dessen Fortsetzung „2010“, „Gandhi“, „Jenseits von Afrika“, „Zurück in die Zukunft“ u.a. wurde diese Ehre zuteil. „Die Klassiker“ haben allesamt bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel, was jedoch auch auf viele „Filmhits“ zutrifft. Davon unabhängig macht es aber Spaß, Titel wiederzuentdecken, die man damals aufgrund ihrer TV-Ausstrahlungen tatsächlich erstmals gesehen hat.

Interessant ist der Bereich „Retrospektiven und Reihen“, aus dem hervorgeht, welchen Regisseuren, Schauspielern und cinematischen Phänomenen vornehmlich die Öffentlich-Rechtlichen besondere Bedeutung beimaßen, indem sie sie mit mehreren Ausstrahlungen verschiedener Filme bedachten. Allen voran findet sich hier Alfred Hitchcock, aber auch Truffaut, Cassavates und Chandler wurden ins Gedächtnis gerufen. Weitere Reihen sind personalübergreifend und wurden unter „Glasnost im sowjetischen Kino“, „Hollywood Boulevard“ und „Junges amerikanisches Kino“ zusammengefasst.

Wie aus dem „Cinema“-Magazin gewohnt, wird viel mit großformatigen Szenenfotos gearbeitet und werden die einzelnen Filme mal mehr, mal weniger ausführlich abgehandelt. I.d.R. handelt es sich mehr um Filmvorstellungen als um -kritiken. Einige Hintergrundinfos, Einordnungen und manch treffender Kommentar stellen jedoch einen Mehrwert gegenüber dem reinen Abdruck kritikloser Promotexte oder Inhaltsangaben dar. Auffällig ist bisweilen aber auch, wie selbstverständlich man immer wieder Enden und Pointen spoilerte.

Hier und da hätte das Lektorat gern etwas genauer hinsehen können; davon und von den anderen genannten Kritikpunkten weitestgehend unabhängig bietet „Spielfilme 89“ aber einen schönen Überblick über das Spielfilm-TV-Programm von vorgestern, für den man dank Bücher wie diesem keine antiquarischen TV-Zeitschriften wälzen muss. Ein solcher Überblick könnte beispielsweise von Interesse werden, möchte man das Spielfilmangebot damaliger Öffentlich-Rechtlicher mit dem der Privatsender (damals Sat.1, RTL und Tele5) vergleichen. Ein Inhaltsverzeichnis und ein Index runden das auf festem, wertigem Papier gedruckte hochformatige Nachschlagewerk im broschierten Einband ab.

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