Gnnis Reviews

Author: Günni (page 1 of 81)

10. + 11.05.2019: Hafengeburtstag Hamburg

Der Hafengeburtstag macht nur deshalb so viel Spaß, weil es gleich zwei bis drei Punkrock-Bühnen gibt, auf denen man sich zwei bis drei Tage lang die absolute Gratis-Überdosis Live-Mucke drücken kann. So auch dieses Jahr. Letztes Jahr stand ich mit BOLANOW BRAWL selbst noch auf der imposanten Jolly-Roger-Bühne, unser bisher vielleicht schönster Live-Moment. Dieses Jahr war ich lediglich normaler Gast, was immerhin kein Equipment-Geschleppe oder zwanghaftes Nüchternbleiben bedeutete – hat alles seine Vor- und Nachteile. Nach einer reichlich stressigen Arbeitswoche drückte ich derbe auf die Tube, um MISTER X aus Weißrussland noch auf dem „Hafengeburtstag von unten“, also der Onkel-Otto-Bühne vorm Störtebeker, sehen zu können. Die waren letztes Jahr schon dort und ‘ne positive Überraschung, diesmal sollten sie eigentlich um 19:30 Uhr beginnen. Also schnell noch ‘nen Veggie-Döner gekrallt und unters Volk gemischt, doch Schockschwerenot: Der Zeitplan war neu ausgewürfelt worden, MISTER X hatten als erste gespielt und waren damit schon durch. Schade!

Dafür waren wir rechtzeitig für CARNE PA CANHÃO da. Laut Organisator Coyote gibt’s die Portugiesen schon ‘ne ganze Weile, befänden sich nun aber erstmals auf Tour. Auf der gegenüber den Vorjahren vergrößerten Bühne knallte das Quartett einem pfeilschnellen HC-Punk um die Ohren, teils mit Oho-Chören, teils mit Gangshouts, immer mit richtig geil schneidendem Gitarrensound. Der Sänger bellte heiser die Texte in Landessprache heraus, schmierte sich Ruß ins Gesicht, latschte dank extralangem Mikrokabel durchs Publikum und schlüpfte vor fast jedem Song in ein anderes Kostüm. Der Drummer ging mit vollem Körpereinsatz aggressiv mit und bildete das Fundament für den harten und hektischen Sound. Bei „Toxinas“ spritzte der Frontmann „Gift“ in den Mob vor der Bühne, der zwar noch nicht so ganz aus sich herauskam, aber ehrlichen Applaus spendete und eine Zugabe forderte, die er auch bekam. Perfekter Einstieg ins Open-Air-Wochenende, das sich abends und nachts noch empfindlich kühl präsentierte, dafür aber trocken blieb.

Im Laufe des Abends füllte es sich immer mehr, bereits zur nun folgenden Stumpfpunk-Band MUTTAKUCHEN war noch mal ‘ne ordentliche Schippe mehr Volk anwesend – und schwankte angesichts des dargebotenen Uffta-uffta-Gerödels zwischen Begeisterung, Belustigung und Entsetzen. Mein Bandkollege Kai jedenfalls tanzte ausgelassen vor der Bühne und war damit alles andere als allein. Flo sagte, die Texte klängen, als würden BOLANOW BRAWL sich unterhalten… Mitten im Set tauschten Sänger und Gitarrist die Positionen, nun sang der Klampfer und der Sänger schrammelte. Den Text zu „Psychiatrie“ musste man vom Zettel ablesen. Am Schluss wünschte man uns noch „viel Spaß mit den richtigen Bands!“ 

Da das Schönsaufen bei MUTTAKUCHEN noch nicht so recht funktioniert hatte, suchten wir in der Umbaupause etwas Zerstreuung vor der Jolly-Roger-Bühne, wo wir leider nur noch die letzten Töne LA GACHETTEs mitbekamen, der kanadischen Streetpunks, die wir somit dummerweise verpasst hatten. Grmpf. Ok, also wieder hoch, zu PROFIT AND MURDER. Da war dann richtig was los! Die Crust-Fraktion hatte auf diese Band gewartet und drehte am Rad. Und bekam genau das serviert: Crustcore eben. Ach ja, und Wodka, den der Shouter ausschenkte. Die Gitarren klangen wie Industriestaubsauger, der Sound war (bewusst) breiig und dumpf, die Songs monoton. Das war in seiner Konsequenz durchaus beeindruckend, aber meine Mucke wird das wohl nie so richtig werden.

Auch hier hatte das Schönsaufen also noch nicht gezündet, dafür war ich mittlerweile gut alkoholisiert und bester Laune, zumal es eine der seltenen Gelegenheiten war, außerhalb eigener Gigs zusammen mit Kai Le Rei-Motherfucker und Dr. Tentakel andere Bands zu sehen, zu fachsimpeln und Blödsinn zu verzapfen, dabei immer ‘ne Pulle griffbereit und sympathisches Volk in internationaler D.I.Y.-Subkultur-Atmosphäre um sich herum. Das fesselte geradezu an diesen Ort, weshalb wir die Jolly-Roger-Bühne an diesem Abend auch nicht mehr zu Gesicht bekommen sollten. WHAT WE FEEL lockten dann aber auch musikalisch, jenes antifaschistische russische HC-Aushängeschild, das ich zuletzt 2013 auf dieser Bühne gesehen hatte. Zwar dann und wann mit Quetschkommode ausgestattet, konzentrierte die Band sich doch vornehmlich auf ihren moshlastigen, schnörkellosen Hardcore, der sich inhaltlich viel mit der rauen Moskauer Lebensrealität beschäftigt, musikalisch aber weitestgehend frei von folkloristischen Einsprengseln ist. WHAT WE FEEL traten kräftig Arsch und setzten noch einmal jede Menge Energie frei. Authentische Band mit angemessen brutalem Sound, immer ein gern gesehener Gast in Hamburg.

Die schwedischen Riot Grrrls VICIOUS IRENE zockten dann wieder melodischeres Zeug, was für eine äußerst angenehme Nachtausklangstimmung sorgte. Meine Aufmerksamkeitsspanne war aber auch erschöpft und mein Pegel mittlerweile mehr als ordentlich, sodass meine Erinnerungen sehr lückenhaft ausfallen. Die Sängerin/Bassistin sah mit ihren langen schwarzen, im Gesicht hängenden Haaren jedenfalls aus wie der Geist aus „The Ring“, was in Kombination mit der Lightshow dem Gig zusätzliche Mystik verlieh. Und wären wir statt mit dem Taxi noch in die Kneipe zu fahren einfach vernünftigerweise direkt in die Koje gegangen, wären wir vielleicht am nächsten Tag auch etwas früher wieder am Start gewesen…

Der Kollege vom SCHRAIBFELA-Video-Fanzine war übrigens auch wieder unterwegs, hier seine gesammelten Impressionen (darunter geht’s mit dem Samstag weiter):

 

Samstag wurde erst mal ordentlich ausgepennt; wer schon mittags zu diddeln begann, musste also ohne uns auskommen. Dafür zeigte sich das Wetter nun von seiner besten Seite. Bevor wir uns wieder dem Krach hingaben, lustwandelten wir erst mal entspannt die Hafenstraße herunter, um uns anzugucken, wie belanglos der Hafengeburtstag zu weiten Teilen ohne die Punkbühnen und das Alternativprogramm wäre. Wir gerieten ins Schlepperballett-Gedrängel, was etwas nervte, gaben uns aber selbst noch bischn Tourikram hin (Slushy und gebrannte Nüsse + ein Foto mit den Bewohner(inne)n der besetzten Sesamstraße) und versuchten ansonsten, wieder halbwegs in Form zu kommen. Die schottischen MURDERBURGERS auf der Jolly-Bühne hätten sicher gut zum Wetter gepasst, waren zeitlich aber nicht mehr drin. Dafür standen wir bei der nächsten (nennen wir sie mal) Gute-Laune-Band Gewehr bei Fuß: OXO 86 aus Bernau (bei Berlin) mäandern zwischen proletarischem Oi!- und skinheadkompatiblem Ska-Punk mit Trompete, nehmen nichts bierernst – schon gar nicht sich selbst – und haben manch Partykracher auf dem Kerbholz. Los ging’s mit „Rien ne va plus“, der textlich wohl besser ans Ende gepasst hätte, aber nun mal der Titelsong der aktuellen Langrille ist. Knallersong, nach dem es Schlag auf Schlag ging; zahlreiche Hits flankierten die Oberhymne „Auf die Liebe und auf die Sehnsucht“, lauthals mitgesungen vom recht textsicheren Publikum, während wir versuchten, uns das erste Bier reinzuprügeln. Der OXO-Sound mitsamt Sänger (und gelegentlichem Orgler) Willis herrlich heiserer Berliner Schnauze erleichterte dies ungemein. Die humorige Kommunikation mit dem Publikum fiel gern auch mal länger aus, dafür wurden mehrere gut abgehangene Songs in einem Medley zusammengefasst. Dies wurde jedoch unterbrochen, die Band wirkte kurz etwas verstimmt: Hatte da jemand ‘ne Flasche auf die Bühne geschmissen? Die Laune besserte sich jedoch schnell wieder und der Gig wurde ohne weitere Zwischenfälle zu Ende gebracht – und zwar mit gleich drei Zugaben: eine davon die Folkhymne „Saus und Braus“ von GOYKO SCHMIDT („Ick hab keen Jeld un keene Olle, ick hab keen Job, bin vonne Rolle“) in einer Ska-Punk-Version; den krönenden Abschluss bildete, wie wir die Band in Erinnerung behalten sollten: „So beliebt und so bescheiden“. Knorke und bockstark!

Der Hafengeburtstag platzte nun jedoch aus allen Nähten. Menschenmassen schoben sich kreuz und quer über die Hafenstraße, wie wir feststellen mussten, als wir die Bühne wechseln und uns ‘nen Veggie-Burger einverleiben wollten. An letzteres war nicht zu denken, die ultralange Schlange verhinderte dies. Dazu die immer lauter dröhnende, endlos stumpfe Bauern-Techno-Mucke, die den Soundtrack zu den verzweifelten Versuchen bildete, die Straßenseite zu wechseln. Man watete nicht nur durch ein Menschen-, sondern auch durch ein Müll- und Scherbenmeer. Als nächsten Pflichttermin hatten wir CRACKMEIER auf der Onkel-Otto-Bühne auserkoren, zumal Shouter Jesche Geburtstag hatte. Die überraschend wiedervereinten HH-Thrasher STONE COLD BLACK um LIQUOR-SHOP-ROCKERS-Drummer Toni wären zuvor ebenfalls interessant gewesen, überschnitten sich aber leider mit OXO 86. CRACKMEIER jedenfalls hatten ‘nen guten Tag erwischt, ihr knochenharter HC-Punk zündete sofort, der Mob begann, mehr als grobmotorisch zu zucken. Eine Dame hatte nun die Bühne als ihren bevorzugten Aufenthaltsort gewählt und sprang dort die ganze herum, wenn sie nicht gerade Jesche umarmte. Drummer Martin ballerte brutal, Böller schredderte den Bass, die Klampfer Fokko und Jerome frästen fies – und Jesche wirkte völlig entfesselt, von Aufregung keine Spur. Hier gab’s musikalisch permanent auf die Fresse. Der P.A.-Sound war ebenso gnadenlos und diesmal war sogar Jeromes Mikro laut genug, als er für einen Song den Hauptgesang übernahm. Brutaler, technisch versierter HC-Punk, derbe angepisst! – Ein Gig, zu dem man nur gratulieren kann.

Nun ging’s wieder runter zur Jolly-Bühne, denn neben Jesche hatte noch ein weiterer Sänger Geburtstag: RAZORS‘ Danker feierte seinen 60. (!) mit einem Gig vor beeindruckender Kulisse, den ich mir allerdings von der Brüstung aus ansah, wo ich auf Flo wartete, die locker das halbe Set in einer der mittlerweile unmenschlich langen Kloschlangen verbrachte. Dafür war der Sound auch hier oben astrein und der Blick besser als unten im Gedrängel, kann man also ruhig mal machen. Nicht nur Danker, die ganze Band ist in Würde gealtert und topfit – wenn auch der Bassist zurzeit krankheitsbedingt von einer Dame vertreten wird.  Die HH-Punk-Urgesteine machen sich immer gut auf solchen Festivals zu vorgerückter Stunde und sind wohl so was wie ‘ne Konsens-Band, auf die sich fast alle einigen können. Der Band-Sound hat sich im Laufe der Jahre vom Oldschool-’77- zum hymnischen Streetpunk entwickelt, live gibt’s eine perfekte Mischung aus beidem – u.a. das den viel zu früh gestorbenen Wegbegleitern der Band gewidmete „Never Forget“ und schließlich natürlich die Coverversionen, dies sich die RAZORS angeeignet haben: DAVID BOWIEs „Heroes“ und COCK SPARRERs „Because You’re Young“ waren’s diesmal, das als großes Finale in „You’ll Never Walk Alone“ mündete. Das Publikum hatte zwischendurch noch „Happy Birthday“ für Danker gesungen, der zu Protokoll gab, dass 60 werden geil sei und man die Finger von Drogen lassen sollte, wolle man auch so alt werden. Das war ein sehr geiles, feierliches Konzert, in dessen direktem Anschluss sich die Stadt Hamburg auch nicht hatte lumpen lassen und Danker zu Ehren ein exorbitantes Feuerzeug zündete.

Das Massengeschiebe hatte nun seinen nervigen Höhepunkt erreicht. Also an irgendwelchen Blödköppen, die die Metalltreppe herumstehend und in die Gegend stierend blockierten und teilweise sogar ihre scheiß Fahrräder dabei hatten (!), vorbeigekämpft, dabei aufgepasst, auf keiner Bierbuddel auszurutschen, und unsere Kontaktpersonen für letzten Austausch vor TOXOPLASMA gesucht (und sogar gefunden). Daraus entstand schnell eine kleine, hübsch angesoffene und begeisterungsfähige Gruppe, mit der zusammen man sich der Drängler um einen herum mit ihren ausladenden Rucksäcken erwehren konnte (neuester Trend sind anscheinend diese wetterfesten Lederdinger, ultrasperrig, bestimmt wieder die Fahrradfraktion… Packt euren Plunder in Schließfächer und kommt mit der Bahn!). Zu einer der größten Herausforderungen wurde es, vier Bier zu holen, als TOXOPLASMA, just als ich das Gesöff in Empfang nehmen konnte, zu zocken begannen. „S.O.S.“, gefolgt von „Vakuum“, und ich mit Bierbechern in den Händen zurück zur Clique… boah ey. Wir standen relativ mittig, wo ich eigentlich guten Sound erwartete. Dass der während der ersten ein, zwei Songs noch nachjustiert wird, ist ja normal, hier allerdings wurde beim dritten Song plötzlich der Bass derbe aufgedreht, dass er alles wegdröhnte und -klackerte. Die Drums waren dagegen kaum noch zu hören. Immer mal wieder waren Steuerungsversuche des Mischers zu vernehmen, sprich: mal wurde Bass etwas leiser, dann wieder lauter als die Gitarre. Hatte der Boxhandschuhe an? Erst glasklarer Sound bei den RAZORS, nun dieser Krach. Das besserte sich leider erst zum Ende hin. Dafür war die Band gut aufgelegt. Sänger Wally dürfte das einzige Urmitglied sein, ebenfalls auf die 60 zugehend – dafür aber drahtig und agil. 60 ist eh das neue 40. TOXOPLASMA aus Neuwied spielten recht viele Songs des jüngsten Albums „Köter“, deckten aber auch die Mittelphase mit den meines Erachtens arschgeilen Platten „Gut & Böse“ und „Leben verboten“ ab, garniert mit Stücken wie „Razzia“, „Bunkerparty“ und, Überraschung, „Arschlecker“! Und dazwischen natürlich immer wieder Songs des selbstbetitelten Debütalbums von 1983, jenes unverrückbaren Meilensteins des frühen deutschen HC-Punks. Der Song „Gut und böse“ klang unabhängig vom Sound etwas seltsam, alles andere flutschte aber gut und aggro durch. Einer von vielen Höhepunkten: „Schwarz rot braun“, oder auch „Polizeistaat“, „Deutsch in Kaltland“, „Weltverbesserer“… Ich wurde heiser vom Mitbrüllen und bekam ‘nen kräftigen Adrenalinkick. TOXOPLASMA machen sich live ja eher rar, mein letzter TOXO-Gig liegt unzählige Jahre zurück (Reunion-Gig damals inner Lobusch, war dafür aber auch eines meiner geilsten Konzerterlebnisse überhaupt). Das sich ausschließlich aus Werbephrasen zusammensetzende „Platz an der Sonne“ hatte ich nicht erwartet und mich dementsprechend gefreut, großartig wären auch „Kaputte Welt“, „Zeichen der Zeit“, „Alles oder nichts“ oder auch das unterbewertete, „Schlachtrufe BRD V“-exklusive „Ohne mich“ gewesen, aber sei’s drum. Die Band freute sich, „auf der Kirmes“ zu spielen und kredenzte mit „Wir warten…“ noch einen Klassiker als Zugabe. Trotz des vermurksten Sounds mein Höhepunkt des Hafengeburtstags!

Auf leeren Bierflaschen rollten wir langsam, aber sicher zur Onkel-Otto-Bühne zurück, denn dort ergab sich noch die Möglichkeit, TOTENWALD zu erleben. Wir kamen anscheinend pünktlich zur RAMROD-Zugabe, krachiger HC-Punk aus Glasgow. Während der unheimlich langen Umbaupause – offenbar saß das Make-up der Totenwäldlerinnen noch nicht richtig – blieb noch mal viel Zeit für entspanntes Gequatsche mit Bekannten. Das war dann auch wesentlich gehaltvoller als der Auftritt der Band. Diesen szeneinternen Neo-Wave- und -Post-Punk-Hype der letzten Jahre konnte ich bisher nicht nachvollziehen, und das änderte sich auch mit den Berliner Wave-Punks TOTENWALD nicht. Mit ‘nem Gitarristen, ‘nem Bassisten und zwei Strapsmädchen mit SIGUE-SIGUE-SPUTNIK-Gedächtnisfrisuren, eine davon das Saxophon trötend, sowie Drums aus der Konserve (pah!) fabrizierte man hoffnungslos verhallte Katzenmusik, bei der der Bass sämtliche etwaig vorhandenen Nuancen wegdröhnte. Ohne den visuellen Aspekt würde sich vermutlich keine Sau für die Band interessieren, but sex sells… Kann weg! Andere waren allerdings konträrer Meinung und feierten weiter, was die Knochen noch hergaben. Witzigerweise tauchte die Tänzerin vom CRACKMEIER-Gig hier zwecks Photobombing wieder auf (s.u.).

Damit war für uns Schicht in Sachen Hafengeburtstag für dieses Jahr, an dem ich mir leider keine einzige Band auf der Sauerkrautfabrik-Bühne anschauen konnte. Die anderen Bühnen hatten dafür wieder dick aufgefahren, und noch wichtiger als der musikalische Aspekt sind Faktoren wie das Wiedersehen zahlreicher Freunde und Bekannter, die man teils lange nicht mehr gesprochen hatte, sowie das Feiern der eigenen Szene mitten im Kommerzkirmestrubel, die sich beständig als Fels in der Brandung hält. Davon abgesehen haben das Jolly Roger, Coyote & Co. einmal mehr für eine interessante, internationale und abwechslungsreiche Bandauswahl gesorgt. Ihnen und allen Helferinnen und Helfern, ob beim Bühnenaufbau, hinter den Getränkeständen oder bei der Organisation, gebührt mein Dank! Wir fanden uns noch in der Kogge ein, die ja nun leider der verfickten Gentrifizierung zum Opfer fällt und in Kürze den Hotel- und Gastronomiebetrieb einstellen muss. In dieser Nacht aber luden zwei kompetente DJanes noch zum Feiern ein (aufs Disco-Klo mit seiner Synthetik-Mucke ging ich hingegen lediglich zum Wasserlassen). Alles in allem war’s mal wieder ‘ne feiste „Two Day Session“, wie in unserem gleichnamigen Song besungen – der übrigens, ebenso wie „Brainmelt“, nach einem Hafengeburtstag entstand…

Kollege SCHRAIBFELA war natürlich ebenfalls unermüdlich:

Der war sogar Sonntag noch unterwegs:

26.04.2019, Silbersack, Hamburg: ANTOINE DE LA KACQUE + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

An jenem Freitag wurden aus den Disillusioned die Heavily Romantic Motherfuckers, als nämlich unser Klampfer Kai Le Rei-Motherfucker seine wesentlich bessere Hälfte Ja Na Klaa mit genau diesen Worten ehelichte, und zwar, wie man munkelte, nicht nur aus steuerlichen Gründen – sondern eben auch, um eine zünftige Punkerhochzeit zu feiern! Nachdem die Frischvermählten ausgiebig mit Kronkorken beworfen worden waren, ging’s per Traktor samt Anhänger mit Mob und Brautpaar vom Standesamt zum Silbersack, wo nach nur einem bullenbedingten Zwischenstopp die Party in geschlossener Gesellschaft stieg. Diese beinhaltete zur Überraschung der Braut ein kurzes DMF-Set. Ich hatte mich extra in Schale geschmissen und mir sogar eine Krawatte umgebunden umgehängt, Kai trug eine Fliege seines Vaters – und sonst nichts! Ok, letzteres war gelogen. Wir hatten das entsprechende Equipment mitgeschleppt, aufgebaut und Kiezcurrywurst-gestärkt irgendwann mit „Pogromstimmung“ begonnen, in dessen Verlauf es verbrannt zu riechen begann. Nein, keine spontane Selbstentzündung eines verzweifelten Partygasts, sondern zack! Endstufe durch. Zumindest zur Hälfte. Mono, also über nur eine P.A.-Box, konnten wir weitermachen, was in der altehrwürdigen Spelunke ausreichte. „Spaltaxt“, „Menschenzoo“, „Ghettoromantik“ – und dann, ja dann Kais Hochzeitsgeschenk an seine Holde, eine vermotherfuckte Version „ihres“ Songs „Angel‘s Wings“ von SOCIAL DISTORTION, die wir konspirativ eingeübt hatten. Die Braut war gerührt, die Gäste schwankten zwischen begeistert und entsetzt. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, dass wir’s nicht verkackt haben. Ob der Song im herkömmlichen DMF-Liveset landen wird, müssen wir noch ausramboen [Edit: wird er]; unabhängig davon hat der Kurzgig nach langer Liveabstinenz Bock auf mehr gemacht. Erst mal müssen wir aber unsere Songs für die geplante EP neu aufnehmen, nachdem wir die alten aufgrund dann leider doch irreparabler Schäden durch technischen Ausfall während der Aufnahmen in die Tonne getreten haben, außerdem steht Nachwuchs ins Haus und wird aller Wahrscheinlichkeit nach um Aufmerksamkeit buhlen. Also bitte noch etwas Geduld…

Eigentlich sollten nun BORDERPAKI ein Akustikset darbieten. Die Kieler hatten jedoch aufgrund internen Zwists absagen müssen. Also hatte ich Kosten und Mühen gescheut und stattdessen kurzerhand die Hamburger Trinker/Songwriter-Legende ANTOINE DE LA KACQUE für einen seiner nicht minder raren Auftritte mit Bier angelockt. ANTOINE, nur mit Akustikklampfe und ein paar unübersichtlichen Notizzetteln ausgestattet, blieb mit seiner feinfühligen Ballade „Ein Engel fiel vom Himmel“ im Thema, griff in einem Atemzug Liedgut der Niveaurock-Band DIE KASSIERER sowie der Hamburg-Folkrocker ELEMENT OF CRIME auf, verbreitete Fake News über eine sympathische Kleinstadt im Hamburger Umland, kämpfte verbissen um jeden einzelnen Zuhörer (Ausdruck seiner Professionalität und der Hingabe, mit der er seiner Passion nachgeht) und verhandelte nach diversen weiteren mal fröhlichen, mal nachdenklich stimmenden Chansons das Für und Wider kommerziellen Fußballs in Form eines achtminütigen improvisierten Jams mit sich selbst: „HAESVAU Aller!“ Noch lange hallte seine Stimme in uns nach. Verschrobener Einzelgänger, Freigeist, Idealist, Romancier – das ist ANTOINE DE LA KACQUE. Danke, Digger!

Die Feierlichkeiten fanden ihren Ausklang auf Janas und Kais Balkon, wo noch bis spät in die Nacht die zahlreichen, teils weit angereisten Gratulanten aufs Brautpaar anstießen und die Hochzeitskasse austranken. So macht heiraten Spaß! Wer will als nächstes?

03.05.2019, Menschenzoo, Hamburg: MURUROA ATTÄCK + VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG + BUNKERMARIE

Letztes Mal mussten wir für MURUOA ATTÄCK noch bis nach Norderstedt fahren, diesmal brauchten wir nur auf den Kiez umme Ecke. Nach Maloche & Co. ließen wir’s betulich angehen, da eigentlich lediglich zwei Bands angekündigt waren, mit deren Beginn wir nicht vor 22:00 Uhr rechneten. Als wir gegen viertel vor eintrafen, spielten jedoch bereits BUNKERMARIE, die überraschenderweise spontan hinzugestoßen waren, stammt die Mindener Band doch aus demselben Umfeld wie die beiden anderen (und teilt sich mit MURUROA ATTÄCK einen Gitarristen). Allzu viel schienen wir noch nicht versäumt zu haben. Vor noch recht übersichtlicher Kulisse zockte das Trio treibenden HC-Punk mit einer Songlänge von meist unter zwei Minuten. Viele der Stücke begannen dafür mit längeren Instrumental-Intros, bevor die Gitarristin mit ihrer schön angepissten bis brutalen Stimme einsetzte und deutschsprachige Texte rausrotzte. Ab und zu wurd’s auch bischn melodisch, was die Angelegenheit angenehm auflockerte und den jeweiligen Songs ‘nen Extrakick verpasste. Unprätentiös und sympathisch, das gefiel!

VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG aus Witzenhausen haben jüngst eine Split-LP mit MURUROA ATTÄCK veröffentlicht – und sind bischn wat Spezielleres. Die lütte Orgel, mit der sie auf die Bühne kamen, hab‘ ich auf der Platte gar nicht ‘rausgehört. Auf ein instrumentales Intro noch ohne Orgel folgten deutschsprachige Punksongs zwischen Bauch und Kopf, die mitunter etwas sperrig klangen, häufig aber auch von der Live-Situation profitierten, weil der Sänger weit weniger anstrengend als auf der Splitscheibe klang. Die Saiteninstrumente schienen mir etwas nonkonform gestimmt, der Bass war drückend und dominant, die Orgelistin und Co-Sängerin rollte per Druck einzelner Tasten ab und zu ‘nen Klangteppich aus, griff aber auch mal zum Schellenkranz. Bei „Littfasssäule“ (o.ä.) haute sie dann aber auch doch mal ‘ne Melodie in die Tasten. Das Publikum war mittlerweile rasant angewachsen, die Band kommunizierte mit ihm auf lockere, spaßige Weise und musste auch mal ‘nen Song abbrechen und von vorn beginnen. VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG wirkten erfrischend unbedarft und empfahlen sich mit ihrer etwas unkonventionellen Herangehensweise an den Punkrock, ohne dabei allzu erzwungen oder studentisch zu wirken. Sie wollen übrigens in Kürze ein Musikvideo drehen.

MURUROA ATTÄCK aus Ostwestfalen, Hannover und Hamburch treten jedes Mal in einer anderen Besetzung auf, wenn sie mir vor die Linse kommen. Wie IRON MAIDEN traten sie diesmal mit gleich drei Gitarristen an, also einem mehr als in Norderstedt. Diese Band hat’s mir besonders angetan, denn sie gehört m.E. zum Brutalsten, was deutschsprachiger HC-Punk zu bieten hat. Insbesondere live folgt auf die „Michel aus Lönneberga“-Intromelodie stets der totale Abriss. In Sachen Aggressivität und Geschwindigkeit streift manch Song die Subgenre-Grenzen und ist schon nicht mehr tanzbar, wenn bzw. weil sich der Mob schon beim Einstieg „Kaputt“ komplett verausgabt hat. Seit Mitte der 1990er ist man keinen Millimeter versöhnlicher geworden. So unscheinbar und ruhig Shouter Holger sonst auch wirken mag, auf der Bühne mutiert er zum kehlig brüllenden Derwisch mit ausgeprägtem Bewegungsdrang, der sich dank Funkmikro auch plötzlich hinter einem wiederfinden kann. Klappt ein Song, wie an diesem Abend, dann mal erst beim dritten Anlauf, schimpft er mit seiner Band, die eigentlich nicht nur für Krach, sondern auch für Präzision und kontrollierten musikalischen Amoklauf steht. Dem Drummer gelingt es sogar, selbst den schnellsten Nähmaschinentakten noch Fills unterzumogeln. Eine Trompeteneinlage des Bassisten hier und ein melodischerer Lauf da lockern das Getrümmere zudem immer mal wieder auf. Textlich gibt man sich sarkastisch und wütet gegen Politik, Gesellschaft und Alltag. Zwei Coverversionen hat man adaptiert, eine davon „Schlachtet!“ von GRAUZONE, die in der Liste meiner MURUOA-Favoriten ganz vorn dabei ist. Nach anfänglichem Durchdrehen flaute die Bewegung vor der Bühne immer mal wieder ab, um zwischenzeitlich wieder auszubrechen, bis irgendwann anscheinend keiner mehr konnte. Das Publikum stand zu größeren Teilen an die Ränder verteilt, um bei plötzlichen Pogo- oder Mosh-Eruptionen nicht im Weg zu stehen. Ohne Zugaben ließ man die Band aber nicht zurück aufs Atoll, eine von beiden war auf meinen Wunsch hin endlich das „Klimperkastenlied“, laut Holger „saustumpf“ und vermutlich daher auch in einer etwas gekürten Version dargeboten… Wie zuletzt in Norderstedt dürfte man aber alle Bandphasen abgedeckt haben, inklusive der ersten EP – übrigens alles bei astreinem Sound von P.A.-König Norman. Ich hab’s sehr genossen, mich von MURUROA ATTÄCK mal wieder musikalisch durchprügeln zu lassen und ließ den Abend befriedigt und bestimmt leicht debil grinsend am Tresen ausklingen. Spitzenkonzert (das übrigens in Konkurrenz zu ähnlich gelagerten Veranstaltungen in der Lobusch und der Flora stand und unter anderen Umständen sicherlich noch ein paar Leute mehr angezogen hätte)!

23.04.2019, Logo, Hamburg: NERVOSA + REZET

Geil, die brasilianischen Thrasherinnen mal wieder in Hamburg – und diesmal als Headliner! Da frohlockte natürlich mein Metal Heart und so sicherte ich meiner Lady und mir zwei Karten im VVK. Im gut ge-, aber nicht überfüllten Logo bekleideten die Schleswiger REZET (mit denen zusammen ich NERVOSA vor drei Jahren auch im Bambi gesehen hatte) den Support-Slot und legten saupünktlich los – was uns an diesem Dienstagabend berufsbedingt sehr entgegenkam. Ihren deutlich hörbar Oldschool-MEGADETH-beeinflussten Thrash servierten die sympathischen, in SLIME- und GG-ALLIN-Shirts gewandeten Herren ultralaut und druckvoll sowie in technisch eiskalter Perfektion, was beim vierten Song, dem großartigen „Minority Erazer“, den Mob vor der Bühne zum Durchdrehen brachte – wenngleich er recht bald wieder aus der Puste war. Für Soli stellten sich die Gitarristen gern mal auf die Monitorboxen, ein bisschen Posing darf sein. Vorm superschnellen Oldie „Have Gun, Will Travel“ wurde ein Intro vom Band eingespielt, für den letzten Song „Dead City“ legte der Sänger/Gitarrist seine Klampfe ab. Die Mischung aus Midtempo-Thrash und pfeilschnellen Attacken mundete gut und war weitaus abwechslungsreicher und aggressiver, als die (ja auch von mir) vielbemühten MEGADETH-Vergleiche vermuten lassen würden. Das neue Album „Deal With It!“ ist ziemlich stark geworden, seltsamerweise scheinen REZET den klasse Titelsong aber gar nicht gespielt zu haben…? Wie dem auch sei, REZET sind ‘ne sackstarke Liveband für Freundinnen und Freunde des etwas technischeren und dennoch frickelfreien Thrash Metals, die das Logo kräftig angeheizt hinterließen.

Das infernalische Trio NERVOSA hat sich mit seinem dritten und jüngsten Album „Downfall of Mankind“ noch etwas mehr dem Death Metal angenähert, was meines Erachtens prima passt und den Sound der Band noch etwas düsterer und brutaler macht. Fernanda, Prika und Luana machten von Beginn an unmissverständlich klar, wo der Hammer hängt, Fernanda fauchte, growlte und keifte, was die Kehle hergab, während sie parallel den Tieftöner bediente, Prika riffte zugleich hart und atmosphärisch und die eigentlich so zierliche Luana verprügelte ihr Drumkit nach allen Regeln der Kunst. Dass eine ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern bestehende Band einen solchen Sound fabriziert, es dabei überhaupt nicht nötig hat und daher auch unterlässt, mit diesem Umstand zu kokettieren und stattdessen ihre hochqualitativen, authentisch bösen und extremen Songs für sich sprechen lässt, empfinde ich als positives Zeichen der Zeit, wäre mir andererseits aber auch reichlich egal, wäre die Band für mich musikalisch irrelevant. Stattdessen trifft sie aber voll meinen Evil-Thrash-Geschmack, den ich seit den 1980ern pflege. Anfänglich hatte Fernanda ein paar Probleme mit ihrem Bass-Amp, die zusammen mit einem Techniker aber bald gelöst werden könnten. Ihrem fiesen Sound zum Trotz strotzte sie zwischen den Songs vor positiver Energie und kämpferischer Entschlossenheit, wenn sie die antirassistischen und progressiven Inhalte der Songs in ihren Ansagen anriss. Selten dürfte ein Aufruf zu mehr Toleranz derart bösartig geklungen haben wie in „Intolerance Means War“. Herrlich! Die Setlist war gut durchmischt, aktuelles Material inkl. dem portugiesischen „Guerra Santa“ kam ebenso zum Zuge wie Stoff der beiden vorausgegangenen Alben, sogar bis hin zu „Masked Betrayer“ vom 2012er Demo, bevor man nach locker 15 oder gar noch mehr Songs mit „Into Moshpit“ den Abend besiegelte. „Victim of Yourself“ hätte ich mir noch gewünscht und auf den Demosong „Invisible Oppression“ werde ich vermutlich ewig vergeblich warten müssen, ansonsten war’s aber ein Killerset, das reihenweise Kehlen durchschnitt und Köpfe rollen ließ. Die Band war bestens aufgelegt, das Publikum sorgte ebenfalls gut für Bewegung und die P.A. dröhnte dankenswerterweise nicht mehr so arg in den Ohren wie bei REZET. Am erstaunlichsten ist für mich, wie Fernanda es schafft, auf ausgiebigen Touren wie dieser jeden Abend derart in Mikro schreien zu können, ohne ihre Stimme zu verlieren. Mir soll’s recht sein und ich freue mich schon jetzt diebisch auf den nächsten NERVOSA-Gig, dann hoffentlich erneut als Headliner für den maximalen Genuss statt eines kurzen Gastspiels im Vorprogramm irgendeiner weit weniger beachtlichen Kapelle. Wenn schon „Untergang der Menschheit“, dann bitte mit diesem geilen Sound!

Metal Hammer Sonderheft Legenden: BLACK SABBATH

Seit der „Metal Hammer“, immerhin Deutschlands erstes Heavy-Metal-Magazin, sich an den Springer-Verlag verkauft und in die journalistische Bedeutungslosigkeit verabschiedet hat, lese ich ihn eigentlich nicht mehr. Was ich aber mag, sind umfangreiche Specials in Postillen wie „Rock Hard“ oder „Deaf Forever“ sowie Sonderhefte zu Musikstilen oder Bands, die mich grundsätzlich interessieren, zu denen ich aber (noch?) keine dicken Schmöker wälzen möchte. Ein solcher Fall sind die britischen Metal-Pioniere, ja, gar Genre-Urväter BLACK SABBATH, in deren umfangreicher Diskographie ich immer wieder etwas Neues für mich entdecke und mit denen sich hin und wieder zu beschäftigen einfach Spaß macht. Dieses 132-seitige Sonderheft, die Nr. 2 der „Legenden“-Sonderheftreihe des Metal Hammers, kam mir daher recht, zumal es mir mein Tätowierer nach seinem Erscheinen 2015 empfohlen hatte. Nachdem es an den Kiosks vergriffen war, ließ es sich problemlos für 8,90 EUR nachbestellen und irgendwann kam ich dann auch tatsächlich zur Lektüre.

2015 war das Abschiedsalbum „13“ veröffentlicht und längst durch die Decke der Verkaufscharts gegangen, die Abschiedstour hingegen stand noch bevor. Kein schlechter Zeitpunkt für eine umfangreiche Historie und Bestandsaufnahme. Angereichert mit vielen tollen, großflächigen Fotos enthält das Heft damals aktuelle Interviews mit dem geschassten Original-Drummer Bill Ward sowie mit Bandkopf Iommi und Original-und-dann-wieder-Sänger Ozzy Osbourne, eine 15-seitige aufschlussreiche Bandgeschichte aus der Feder Frank Thiessies sowie Hintergrundinformationen und Kritiken zu jedem einzelnen Studioalbum, also auch aus der Dio- und Martin-Ära und den eher kurzen Gastspielen diverser anderer Sänger. Auch das unter dem Namen „Heaven & Hell“ veröffentlichte Comeback-Album mit Dio wird berücksichtigt. Auf Steckbriefe der Musiker der Urbesetzung folgen Fließtext-Portraits aller (!) verschiedenen BLACK-SABBATH-Mitglieder sowie von Produzenten und Managerinnen. Darüber hinaus werden Bands vorgestellt, die massiv von BLACK SABBATH beeinflusst sind, und huldigen unterschiedlichste Musiker in ein paar persönlichen Worten der Band. Anekdotensammlungen und ein „Experten-Quiz“ runden das Sonderheft ab, nicht zu vergessen das auf beiden Seiten bedruckte Poster (Bandfoto, andere Seite: Ozzy allein).

Das ist durchaus eine geballte Informationssammlung, die durchzuackern nicht nur recht erquicklich ist, sondern bestimmt auch das eine oder andere wieder ins Gedächtnis ruft bzw. erstmals denjenigen vermittelt wird, die die Entwicklung der Band weniger intensiv mitverfolgt haben. Zudem werden einem der Status der Band und die Gründe für diesen noch einmal vor Augen geführt. Schade ist, dass überhaupt nicht auf die unterschiedlichen Live-Alben eingegangen wird. Ferner begehen Redakteure wie Thiessies oder Matthias Weckmann den Fehler, im Diskographie-Teil den Leserinnen und Lesern ggü. ihren eigenen Geschmack durchdrücken zu wollen, statt zu versuchen, ein wenig sachlicher zu bleiben. Manch guter Song oder auch eindrucksvolles Plattencover bleibt dabei von ihnen unerkannt, Irrtümer hinsichtlich der Qualität bestimmter Alben werden wiedergekäut. Gerade auf den letzten Seiten des Hefts hätte man sich zudem manch Gossip verkneifen können, der „Bravo“ & Co. besser zu Gesicht gestanden hätte. Der Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung ist mitunter auch, sagen wir mal, „originell“. Alles in allem hat das Heft für mich persönlich aber seinen Zweck erfüllt und eine weitere Vertiefung der Auseinandersetzung mit der Band und ihrem Werk ermöglicht. Wer bereits alles über BLACK SABBATH weiß, braucht es sicherlich nicht; wer hingegen wie ich die Band erst langsam und nach und nach für sich entdeckt (hat), kann ja mal nach einem gebrauchten Exemplar Ausschau halten. Ich hoffe derweil, nach dem offiziellen Ende der Band doch noch einmal die beiden Tonys Iommi und Martin zusammen die Götteralben „Headless Cross“ und „Tyr“ live aufführen sehen zu können…

Das Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist eine mittelalterliche, im 13. Jahrhundert und demnach in Mittelhochdeutsch verfasste Niederschrift der Nibelungensage, welche wiederum bereits damals seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Fassungen meist mündlich überliefert wurde. Ihr Ursprung schien da schon um die 800 Jahre zurückzuliegen. Der Verfasser ist unbekannt, man munkelt jedoch, das Nibelungenlied stamme aus dem Passauer Raum. Bekannt sind die drei Handschriften A, B und C, die sich in Teilen voneinander unterscheiden. Das Heldenepos folgt in dieser rund 1.000-seitigen Reclam-Ausgabe der Handschrift B und wurde um eine neuhochdeutsche Prosaübersetzung sowie einen ausführlichen, oft hilfreichen Kommentar erweitert, beide aus der Feder Siegfried Grosses. Herausgeberin des Bands ist Ursula Schulze. Mir liegt eine Ausgabe aus dem Jahre 2018 vor, die ferner über ein Literatur- und Namenverzeichnis, ein Nachwort etc. verfügt und sich somit für die wissenschaftliche Analyse anbietet.

Die Handlung ist in zwei zusammenhängende, aufeinander aufbauende Erzählstränge aufgeteilt, die wiederum in insgesamt 39 kapitelähnliche „Âventiuren“ unterteilt sind. Der Handlungszeitraum erstreckt sich über ca. 50 Jahre, wobei passive Zeiträume weitestgehend unerwähnt bleiben und somit Zeitsprünge von z.B. 13 Jahren enthalten sind. Der Erzähler wechselt ohne festes Schema zwischen Erzählung und Dialog und wendet eine bestimmte Formel an, die das Nibelungenlied in Strophen aus jeweils vier Versen strukturiert, wobei die ersten und letzten beiden Verse jeweils Paarreime bilden.

Der erste Erzählstrang berichtet von Kriemhilds erster Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod, der zweite erzählt ausführlich Kriemhilds Rache: Der junge Held und Drachentöter Siegfried (alias Sigurd) aus Xanten am Niederrhein tötete einen Drachen, badete in seinem Blut und wurde dadurch unverwundbar – außer an einer Stelle zwischen seinen Schulterblättern, wo sich ein Lindenblatt auf seinen Körper gelegt hatte. Mit einer Tarnkappe kann er sich zudem unsichtbar machen. Durch die Eroberung des Nibelungenschatzes ist er überaus vermögend. Er begibt sich an den Königshof nach Worms, wo er Kriemhild, König Gunthers Schwester, ehelichen möchte. Gunther verspricht ihm Kriemhild, wenn er ihm zuvor behilflich ist, die übermenschlich starke Brunhild, Königin von Island, zu erobern. Dafür muss er sie im Kampf besiegen. Es kommt zur Vasallenlist und zum Brautwerbungsbetrug: Siegfried gibt sich als Gunthers Gefolgsmann aus und macht sich unsichtbar, um Gunther tatkräftig zum Sieg zu verhelfen. Auch in Brunhilds und Gunthers Hochzeitsnacht muss er noch mal ran, indem er Gunther dabei hilft, die unwillige Brunhild zu vergewaltigen. Zudem stiehlt er Brunhilds Gürtel und Ring. Brunhild ist nun endgültig eine besiegte Frau – die jedoch damit hadert, dass Kriemhild, die nun mit Siegfried verheiratet ist, einen Vasallen Gunthers und damit unter ihrem Stand geheiratet habe (schließlich weiß sie nichts von der Vasallenlist). Das kann Kriemhild nicht auf sich sitzen lassen; es kommt zum Königinnenstreit, in dessen Zuge Kriemhild ihre Widersacherin öffentlich düpiert. Der undurchsichtige und listige Hagen von Tronje, Gunthers und Brunhilds Vasall, empfiehlt daraufhin, Siegfried zu ermorden, nachdem er mit viel Tücke Kriemhild das Geheimnis abringen konnte, wo sich die verwundbare Stelle ihres Gatten befindet. Auf einem fingierten Jagdausflug ersticht er schließlich den Drachentöter hinterrücks. Zwar leugnet er die Tat zunächst gegenüber Kriemhild, doch diese sinnt auf Rache. Vorsichtshalber versenkt Hagen den Nibelungenschatz im Rhein, damit Kriemhild keinen Zugriff mehr auf ihn hat. Nach 13 Jahren der Trauer heiratet sie den Hunnenkönig Etzel und lädt ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher auf ihren ungarischen Königshof ein, wohlwissend, dass sie in Hagens Pläne eingeweiht waren – und dass der Verräter ihre Brüder begleiten würde. Dort kommt es nach einem anfänglichen vorsichtigen Abtasten zu einem unfassbaren Gemetzel, das kaum jemand überlebt, kein Krieger, keine Frau, kein Kind…

Soweit die grobe Inhaltsangabe dieses Fantasy-Splatter-Epos. Aber wie liest es sich denn nun? Zunächst einmal gar nicht, denn Mittelhochdeutsch wirkt aus heutiger Sicht wie eine Fremdsprache, man müsste ständig mit dem Wörterbuch dasitzen und Vokabeln übersetzen. Hat man bei 2.376 Strophen natürlich keinen Bock drauf, außer man ist ein unverbesserlicher Mittelalter-Freak. Glücklicherweise gibt es ja die neuhochdeutsche Übersetzung. Bei dieser reimt sich nichts mehr, was die Strophenform recht gewöhnungsbedürftig macht. Zudem versucht sie sich daran, einen schwülstigen mittelalterlichen Duktus aufrechtzuerhalten, wodurch die Sprache geschwollen und überkitschig wirkt. Das entbehrt auch nicht einer unfreiwilligen Komik, wenn etwa der sterbende Siegfried, der gerade ein Schwert zwischen die Schultern gejagt bekommen hat, spricht: „Die Tat wäre besser unterblieben.“ Die Âventiuren-Aufteilung erscheint eher inkohärent, die Einhaltung der syntaktischen Formel ist im Original wichtiger als der Inhalt, womit auch die Übersetzung zu kämpfen hat, und die Zeitsprünge sind mitunter krass. Zwar brach das Nibelungenlied stilistisch mit ein paar Dichtungsparadigmen, mit dem Holzhammer in Form geklopft wirkt es mitunter dennoch. Und in heutigen Zeiten, in denen zu erschlagen werden droht, wer TV- oder VoD-Serienverläufe spoilert, irritieren die zahlreichen Vorausdeutungen, die regelmäßig spätere Entwicklungen vorwegnehmen, doch arg.

Das höfische Leben, seine Etikette und seine Figuren werden stark idealisiert, was irgendwann zu nerven beginnt. Auch Siggi, der sich bis zu seiner Ermordung eigentlich permanent selbst unlauter verhalten hat, wird man nicht müde, als ach so kühnen, stolzen Oberhelden zu bezeichnen – was die Lesart erschwert, dass es sich bei ihm einen zwar gutaussehenden und starken Mann, aber auch um einen einfältigen Deppen handelt (wie sie als Interpretationsmöglichkeit im Zuge des ÄdL-Seminars mal erwähnt wurde). Stattdessen scheint sogar sein Tiermassaker, u.a. an einem Bären, glorifiziert zu werden, was ausgerechnet im Zuge des fingierten Jagdausflugs geschieht, wodurch man Hagen fast Applaus zu spenden geneigt ist, statt Siegfrieds Tod zu bedauern – dramaturgisch denkbar schlecht gelöst. Daran, dass es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt, wird man während jener Jagd dann auch dadurch erinnert, dass die Recken auf einen Löwen treffen…

Richtige Sympathieträger gibt es hier im Prinzip generell keine, so richtig sauber tickt eigentlich niemand. Gunthers Motivation für seinen Verrat, also seine Erteilung der Erlaubnis zum Mord an Siegfried, bleibt bis zum Ende nicht wirklich nachvollziehbar und bildet damit eine Leerstelle der Handlung. Doch statt sich einzelnen Figuren tiefer zu widmen und ihnen mehr Charakter zu verleihen (dies gelingt am ehesten noch bei Kriemhild und Hagen), werden nach und nach – insbesondere im zweiten Teil – viel zu viele Figuren eingeführt, sodass man schnell den Überblick zu verlieren droht (fallen sie nicht gerade durch ihre Namen besonders auf, so nannte man Etzels Bruder doch tatsächlich Blödel!). Dafür weiß die Suspense im zweiten Teil bei der Reise zu Kriemhild zu gefallen, bevor im letzten Drittel fast nur noch gesplattert, verstümmelt und in Blut gebadet wird. Da werden wahrlich keine Gefangenen mehr gemacht, sogar – Achtung, Spoiler! – Kriemhild muss dran glauben, vermutlich aus sexistischen Gründen (so genau ist das alles nicht mehr nachvollziehbar). Apropos Sexismus: Der ist hier harsch. Lügende, zickige Königinnen, sich positiv konnotiert lesende Prügelstrafen, die unproblematisiert formulierte Aussage, Frauen müssten „erzogen“ werden und dergleichen mehr zeichnen ein fragwürdiges Geschlechterbild. Andererseits werden seitenlang die ach so edlen Klamotten beschrieben, als handele es sich beim Erzähler um G.M. Kretschmer.

Was das Nibelungenlied (nicht nur) für Historiker(innen) interessant macht, ist der reale geschichtliche Hintergrund. So hat es die verschiedenen Königshäuser offenbar wirklich gegeben, die zum Teil eben untergegangen sind oder sich in kriegerischen Handlungen befanden. Reale Ereignisse vermengen sich hier mit Dichtung, alten Sagen und Mystifizierung, was das „Auseinanderklabüstern“ für geschichtlich Interessierte zu einer spannenden Angelegenheit machen kann. Und natürlich sagt das Nibelungenlied viel über das höfische Treiben und damalige Wertvorstellungen aus, weshalb seine Moral auch sein dürfte: Vorsicht bei Verstößen gegen höfische Regeln, denn sie können tödliche Kettenreaktionen auslösen und ganze Königshäuser auslöschen. Durchaus bedeutender Stoff also, mit dem sich auseinanderzusetzen manch Bildungslücke schließt, dessen Lesegenuss sich jedoch aus den beschriebenen Gründen in Grenzen hält. Die ideologische Fehldeutung des Nibelungenlieds nach seiner Wiederentdeckung ist wiederum ein eigenes beschämendes Kapitel im Umgang mit dem deutschen literarischen Erbe – gut, dass dieses überwunden ist.

13.04.2019, Medusa, Kiel: SMALL TOWN RIOT + ANGORA CLUB + BOLANOW BRAWL

Meine persönliche Punk-Sozialisation ist eng mit der ursprünglich aus dem südlichen Hamburger Umland stammenden Band SMALL TOWN RIOT verbunden. Ungefähr ab dem Jahr 2000 habe ich das Entstehen der Band hautnah mitverfolgt und war eng mit den Bandmitgliedern befreundet, insbesondere mit Timo – eine Freundschaft, die bis heute hält. Auf die „DEMOlition“-Demo-CD und das Debütalbum „Some Serious Shit“ folgte 2008 der Langdreher „Selftitled“, mit dem SMALL TOWN RIOT meines Erachtens ihren Zenit erreicht hatten. Von der Covergestaltung über die Musik und Texte bis hin zur Produktion und natürlich der Straßen-Attitüde der Band stimmte da einfach alles. Supereingängiger Punkrock, beeinflusst von melodischen US-Bands, Streetpunk und Oi!, jeder Song ein Ohrwurm, dabei nicht nur aufgrund der damals drei verschiedenen Sänger extrem abwechslungsreich und von Surf/Rock’n’Roll bis Hardcore weitere Einflüsse auf völlig selbstverständliche Weise miteinander vereinend. Zusammen mit der „Skulls & Stripes“-EP und den Beiträgen zur „Let The Bombs Fall…“-Vierer-Split ein enormes Hit-Arsenal, dem 2010 mit „Suicidal Lifestyle“ sogar noch ein weiteres Top-Album zur Seite gestellt wurde, das in geänderter Besetzung nicht minder kräftig auf die Kacke haute. Irgendwann war man ausgebrannt, legte die Band auf Eis und widmete sich unterschiedlichen anderen Projekten. Nun juckte es aber wieder in den Fingern und in der Besetzung Norman (Klampfe + Gesang)/Timo (Bass + Gesang)/ Andy (zweite Klampfe)/Herr Lehmann (Drums) begann man wieder regelmäßig zu proben. Das nicht abgerissene Interesse an der Band beantwortete man dann erstmals am 13.04.2019 mit dem von East-Coast-Concerts organisierten Reunion-Gig in Kiel, zu dem man neben den Flensburgern ANGORA CLUB auch uns als Support eingeladen hatte, womit ein Traum für mich wahr wurde: Einmal mit BOLANOW BRAWL zusammen mit den alten Kollegen von SMALL TOWN RIOT zocken!

Zu Teilen per Bahn, zu Teilen mit der Karre brachen wir also in Hamburg auf und waren saupünktlich um 17:00 Uhr an der Medusa, einer schnieken Location mit professioneller Bühne und großem Backstage-Bereich. Quasi zeitgleich trafen SMALL TOWN RIOT und wenig später auch ANGORA CLUB ein. Nun musste allerdings noch unser Lead-Klampfer Ole abgeholt werden, wofür Christian bis ans andere Ende Kiels schüsseln musste, wodurch wir für den Soundcheck schon mal entfielen. Diesen übernahmen kurzerhand SMALL TOWN RIOT, die den Sound dadurch perfekt auf sich zugeschnitten bekamen, jedoch auch mit der anscheinend nicht vollständig funktionstüchtigen Monitoranlage zu kämpfen hatten. Noch hielt ich mich in Sachen Alkoholika zurück, wollte erst mal was essen. Zur Auswahl standen Chili con carne und „vegane Pampe“, die sich als wohlschmeckend und offenbar auf Kichererbsenbasis (oder so) zubereitet entpuppte und meiner von der letzten DMF-Probe noch etwas angeschlagenen Kehle guttat. ANGORA CLUB wollten gern als zweite Band auf die Bretter. Uns sollte es recht sein, umso schneller würden wir den Pflichtteil hinter uns gelassen haben und uns gehen lassen können. Anfangen sollten wir irgendwann zwischen 8 und 9, hieß es – und natürlich hielten wir 8 für völlig unrealistisch, peilten 9 an und machten uns erst mal vom Acker, um bischn den Proletarier-Stadtteil Gaarden zu erkunden, wo die Kiosks großflächig damit werben, Oettinger und Paderborner im Angebot zu haben.


Unser erster Abstecher führte uns in einen Dönerladen, in dem gerade zwei der mitgereisten Damen speisten. Eigentlich gilt dort „Bier nur außer Haus“, aber angesichts unserer durstigen Truppe wollte der gute Fleischspießbräter anscheinend nicht auf leicht verdiente Einnahmen verzichten und füllte sein Flaschenbier in neutrale Becher um, damit niemand sah, dass er uns gegen seine eiserne Regel verstoßen ließ. Weiter ging’s auf der Suche nach einer typischen Eckspelunke, die wir schnell gefunden wähnten. Kaum über die Schwelle getreten, glaubten wir, vom offenbar griechischstämmigen Gastwirt mit offenen Armen empfangen zu werden – ein Irrglaube, denn statt uns eine Runde zu zapfen, erklärte er uns, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handele und wir leider gehen müssten. Pah, dann eben in die nächste Pinte. Die befand sich direkt nebenan der Medusa; im „Holsten-Krug“ war der Tresen gesäumt mit Trinkern älteren Semesters, einer sang lautstark „Der HSV wird niemals untergehen“ oder so und sackte anschließend für ein Schläfchen auf der Theke zusammen. In der Glotze lief Fußball, Kurze 1,- €. Hier waren wir richtig. Ein paar Biere und Schnäpse wechselten die Besitzer, die Wirtin war auf zack und willig, uns abzufüllen. Es dürfte ungefähr 20 vor 9 gewesen sein, als wir zurück in der Medusa waren. Dort erwartete uns das überraschende Bild einer rappelvollen Bude und ungeduldig auf uns wartender Gäste inkl. einiger weiter angereister Freunde und Bekannte sowie hektisch auf den Beginn drängender Organisatoren. Ich hatte nie im Leben damit gerechnet, dass schon vor 9 fast alle Besucher da wären, aber in Kiel ticken die Uhren halt etwas anders.

Also schnell paar Plastikchips gegen Bandbier eingetauscht und ab auf die Bühne, um mit „Total Escalation“ das Motto des Abends vorzugeben. Wir hatte vorne links und rechts je einen Monitor, mittig, also für mich als Sänger, leider keinen. Ich ließ mich nach dem ersten Song auf den Dingern so laut wie möglich drehen, blieb für mich selbst aber weiterhin eher schemenhaft wahrnehmbar. Ich versuchte, diesmal nicht den Fehler zu machen, mich generell zu leise zu wähnen und dagegen anzubrüllen zu versuchen, was mir hoffentlich einigermaßen gelang. Davon abgesehen machte der Gig großen Spaß und flutschte gut durch. Wir kamen diesmal mit nur einer Stimmpause aus und bis auf den einen obligatorisch versemmelten Song-Beginn erlaubten wir uns keinen größeren Fauxpas. Nach den Erfahrungen in Rendsburg hatten wir unser Set um „On The Run“ erweitert und „Fame“ als potentielle Zugabe aufbewahrt, die dann auch eingefordert wurde. Im Laufe des Gigs hatte sich ein Pogomob gebildet, kurioserweise nicht vor der Bühne, sondern etwas weiter hinten und eher seitlich. Fast ein wenig vermisst habe ich das Unterfangen meiner Bandkollegen, mich öffentlich zu düpieren, meine Ansagen zu sabotieren oder Fake-News zu kolportieren, vielleicht habe ich’s aufgrund meiner Monitorlosigkeit auch schlicht nicht vernommen. Weil’s so dermaßen voll war, hatten wir darauf verzichtet, eine Merch-Ecke aufzubauen, aber trotzdem einige T-Shirts verkauft. Das‘ doch geil! Darauf erst mal wat trinken.

ANGORA CLUB sind zwar alte Hasen, aber noch ‘ne recht frische Band: 2018 gegründet, 4-Song-Demo am Start. Kuschelrock und Hasenpunk hat man sich aufs plüschige Fell geschrieben. Ich hatte zuvor nicht reingehört und befürchtete Hamburger Schule oder Artverwandtes, wurde aber positiv überrascht: Recht flotte, emotionale deutschsprachige Songs mit eher persönlichen, ernsten/ironiefreien Texten und Hardcore-Kante, technisch auf den Punkt und mit sehr souveräner Bühnenpräsenz. Nun hörte ich auch, dass der P.A.-Sound ziemlich gut war. Nicht schlecht; mich wirklich konzentriert ihrem Gig widmen konnte ich aber nicht, Smalltalk, freudige Wiedersehen mit alten Bekannten, Shirt-Verkauf etc. wussten dies zu verhindern. Zudem war der Auftritt gefühlt relativ kurz. Ich werde aber sicherlich in Hamburg noch mal die Gelegenheit bekommen, wäre doch gelacht.

Der gute Bert von East-Coast-Concerts hatte zwischenzeitlich übrigens ‘nen Kasten Bier springen lassen – ein verdammt feiner Zug! Auch das hatte dazu beigetragen, dass (nicht nur) ich zu SMALL TOWN RIOT gut auf Betriebstemperatur war. Timo hatte mir vorher schon die Setlist gezeigt, die 14 oder 15 Songs umfasste und die Erwartungshaltung steigerte. So ging’s dann mit „Addicted to Authority“ entspannt melodisch und leicht pop-punkig los, gefolgt von der Abrissbirne „Peer 52“, bei der ich meinen Verstand dann gegen die Wand warf und an diesem Abend auch nicht mehr wiederfinden sollte. Der Sound war gut und die Band bestens eingespielt – es wirkte fast, als sei sie nie weggewesen. Fröhlichere Songs, meist von Norman gesungen, gaben sich mit wütenden, von Timo aggressiv interpretierten Nummern die Klinke in die Hand, gespickt mit Hymnen à la „Working Class“ oder „Cheers & Goodbye“ – und zu meinem persönlichen Entzücken auch mit dem erhabenen OLIVER-ONIONS-Cover „Sphinx“ vom Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Tribut-Sampler. Reunion 100%ig geglückt, ich im Euphorie- und Biertaumel, Bert am DJ-Pult für die Aftershow-Party, EIGHT BALLS dröhnten aus den Boxen, das Unheil nahm seinen Lauf und die Nacht lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren. Ein Teil von uns sollte bei Ole pennen, Keith, Madame Flo und ich wollten mit der Bahn zurück nach Hamburg. Mit zwei Taxen samt Equipment sollten wir aber erst mal alle zusammen von der Medusa aus los. Das sorgte zumindest bei 3/5 unserer Band alkoholbedingt für hochgradige Verwirrung bis hin zu unangebrachtem Trotz, sodass der erschreckend nüchterne Don Raoulo alle Hände voll zu tun hatte, die Bande zusammenzuhalten. Ein Sack Flöhe wäre wohl einfacher zu hüten gewesen, letztlich trafen aber alle am Wunschort ein und unseren Krempel haben wir auch noch.

Fazit: Dass in Kiel nicht viel gehe, ist ein Gerücht – auch diesmal war’s ‘ne astreine Party, sogar mehr als das. Der Gig mit SMALL TOWN RIOT hat mir viel bedeutet und davon mal abgesehen sind Timo und Norman einfach zwei Typen, die miteinander Musik machen müssen – denn was dabei herauskommt, ist mehr als die Summe der Teile. Also danke an alle Beteiligten, an STR und ANGORA CLUB, an East-Coast-Concerts und das Medusa-Team, an Shitty Videos Galore fürs obige Live-Video sowie an alle Kieler Sprottinnen und Sprotten!

Ihren zweiten Reunion-Gig spielen SMALL TOWN RIOT am 18.05. im Goldenen Salon (Hamburg) und wir befinden uns Ende Mai auf Mini-Tour mit den irischen NILZ: 30.05. Sauerkrautfabrik (Harburg), 31.05. VeB (Lübeck), 01.06. Molotow (Hamburg, + OBN III’S). Sieht man sich?

06.04.2019, Lobusch, Hamburg: MØRDER + KAMIKAZE KLAN + NUISANCE OF MAJORITY + THEM FALLS

Kai Le Rei-Motherfucker kommt endlich unter die Haube, was natürlich Anlass für ‘ne zünftige Party in Form eines Junggesellenabschieds ist! So richtig organisiert war diesbzgl. aber nix; jemandem, der auf dem Kiez wohnt, braucht man natürlich gar nicht erst mit schwachsinnigen Verkleidungen, Einheitslook und Kurzen-Bauchladen zu kommen, und von uns hatte da selbstredend auch niemand Bock drauf. Fest stand letztlich nur, dass wir abends in die Lobusch torkeln würden, um an der „RD-Rock-Warm-up-Party“ mit vier Livebands teilzunehmen – und dass wir vorher im Osborne Fußi gucken und beginnen würden, uns volllaufen zu lassen. Böse Zungen könnten nun behaupten, wir würden schlicht das Gleiche wie jedes Wochenende tun, doch das stimmt ja schon lange nicht mehr. Seriosität ist unser zweiter Vorname geworden, Verantwortungsbewusstsein unser dritter, Kräutertee und Mineralwasser haben Schnaps und Bier den Rang abgelaufen. Bis zu diesem Tag…

Kai, schlau wie ein Fuchs, hatte ein paar Tage zuvor bereits geahnt, dass wir etwas ausgeheckt hatten und saß längst mit ‘ner Pulle Bier auf seinem Balkon, als die Dres. Tentakel und Martin sowie meine Wenigkeit bei ihm eintrudelten und sich die ersten Vasen aufrissen. Zu viert ging’s erst mal in den Silbersack, wo Betreiber Dominik ‘ne Runde springen ließ – danke, Alter! Im Osborne verfolgten wir mehr oder weniger den Bundesliga-Spieltag, erwartungsgemäß sah Kai seine Schalker verlieren – wenn auch spektakulär in allerletzter Minute. Doch seine Laune konnte das nicht vermiesen, waren doch mittlerweile nicht nur Martin Crackmeier und Eisenkarl, sondern auch sein Trainer, Pepe aus’m Pott, als Überraschungsgast hinzugestoßen. Die nicht ganz so glorreichen Sieben waren somit komplett. Nach dem Abpfiff verweilte man noch etwas im Osborne, um anschließend einen Abstecher in den Park Fiction mit Bier vom Kiosk zu wagen, wo wir auf weitere bekannte Gesichter stießen. Ein Blick auf die Uhr offenbarte schließlich, dass die Zeit drückte. Aus dem angedachten Spaziergang vom Kiez nach Altona mit Zwischenhalt in diversen Pinten wurde eine Bahnfahrt mit Druck auf der Blase und ein kurzer Besuch des Möllers. Deniz schräg gegenüber kredenzte Wegzehrung für jeden Geschmack inklusive köstlichem Veggie-Döner; unweit auf dem Gaußplatz öffnete man kurz das El Dorado, um unsere Truppe vor dem Austrocknen zu bewahren. Als wir schließlich in der altehrwürdigen Lobusch aufschlugen, mussten wir feststellen, dass man dort pünktlich wie die Maurer angefangen hatte, sodass wir nur noch die letzten beiden THEM-FALLS-Songs mitbekamen, drückenden Sludge-Metal mit kehligem Gesang und düster-doomigem Sound.

NUISANCE OF MAJORITY? Nie gehört vorher, Asche auf mein Haupt. Die Kieler sind nämlich schon arschlange am Start und spielen einen modern klingenden Mix aus schleppendem, schwerem Hardcore, Doom, Düsterpunk und treibenden Speed-Attacken. Ein Berg von einem Shouter füllte den Raum vor der Bühne aus, growlte, röchelte und brüllte, konterkariert vom melodischen, punk’n‘rolligen Gesang des Gitarristen im ZEKE-Shirt. Das war alles nicht nur technisch durchaus beeindruckend, sondern hatte auch ordentlich Wumms. Sehr geil auch der Song „Fuck Club 88“ gegen den bekackten Naziladen in Neumünster.

Zwischen dem NOM-Gig und dem des KAMIKAZE KLANs lagen diverse Getränkerunden, unsere Hirne schalteten langsam aber sicher auf Tiefflug, meine Tanzlust stieg analog dazu. Der KKK-Sound bot einen schönen Kontrast zu NOM, die Jungs sind klasse, wie jeder weiß, und Frontsau George sowieso immer motiviert bis in die Haarspitzen. Die Songs des Debütalbums entfalteten ihren rockigen Streetpunk-Glanz, der allen ernsten Themen zum Trotz eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Carpe diem und nimm verdammt noch mal nicht alles so furchtbar wichtig. Fast alle Klansmen haben Äonen an Jahren in verschiedenen grandiosen Bands hinter sich; dass sie’s mit frischem Material noch mal wissen wollen und sich leidenschaftlich hinter ihre aktuelle Band klemmen, ist überaus begrüßenswert. George positionierte sich samt Mikroständer vor der Bühne und gab die letzte Distanz zum Publikum auf, als er sich des Metallgelöts entledigte. „Durch die Hose atmen“ avancierte an diesem Abend zu meinem Lieblingssong. Also alles prima – aber kann es sein, dass das Set bischn kurz war? Und kann es sein, dass wir uns darüber auch noch unterhalten haben? Langsam wird’s kritisch mit der Erinnerung…

Unbestritten aber ist, dass MØRDER, die mich vor einiger Zeit in der Roten Flora sehr positiv überrascht hatten, auch heute wieder volles Pfund ablieferten und kräftig aufs Mett klopften. Bester, derber Neo-Crust voller Aggression und Atmosphäre. Die Besetzung der drei Herren (einer davon im zweiten ZEKE-Shirt des Abends) und zwei Damen erlaubt splitterige Gitarrenbretter, auf die Shouterin Anna eindrucksvoll growlt und keift. Das schepperte und krachte alles so schön und tight, dass ich mich zusammen mit einer Handvoll anderer Connaisseure grobmotorisch zuckend vor der Bühne wiederfand. Perfekter musikalischer Abschluss eines Abends, der daraufhin spontan bis tief in die Nacht bzw. gar bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt wurde…

So musste das Café Treibeis noch den Besuch unserer sich langsam dezimierenden Gruppe über sich ergehen lassen, im Anschluss – so weit lassen sich die Ereignisse noch rekonstruieren – starteten Kai und ich noch per Taxi auf den Kiez durch. Möglicherweise täuschte ich an, Kai nach Hause zu bringen, möglicherweise täuschte er an, nach Hause zu wollen. Wie dem auch sei: Stattdessen verschlug es uns noch entweder ins Nordlicht oder ins Onkel Otto, vielleicht auch beides. Man sagt ja, alles, was nach 2:00 Uhr passiere, sei verzichtbarer Schwachsinn. Das stimmt natürlich und ist nicht zuletzt die Schuld solcher Kapeiken wie uns. Jedenfalls weiß ich mittlerweile, weshalb sich immer alle schwören, lediglich einmal im Leben zu heiraten – mehr solcher Junggesellenabschiede sind schlicht nicht zumutbar. Fazit: Eine harte Party zarter Jungs, Kai darf dann jetzt auch heiraten. In ein paar Tagen ist’s soweit und ich wünsche Jana und ihm hier schon mal alles Liebe und Gute!

22.03.2019, Menschenzoo, Hamburg: KOMMANDO MARLIES + NITRO INJEKZIA

Nachdem ich die großangelegte Bullenkontrolle am S-Bahnhof Reeperbahn unbeschadet überstanden hatte, konnte ich die Kellertreppen in den Menschenzoo hinabschreiten, um mir mal wieder ordentlich die Lauschlappen durchpusten zu lassen. NITRO INJEKZIA hatte ich zuletzt kurz vor Weihnachten 2017 hier gesehen, hatten mich seinerzeit arg geflasht. Diesmal machten sie überraschenderweise den Opener und brachten natürlich gut Stimmung in die Bude. Das kanadisch-russische Trio mit Wohnsitz in Berlin ballerte grandiosen Uptempo-Melodic-Punk, mal mit russischem (Bassist), mal mit englischem Gesang (Drummer), letzterer hatte dazu auch ‘nen echt amtlichen Punch. Bei nahezu perfektem P.A.-Sound gab’s dann auch nix zu meckern, zumal man noch satte drei Zugaben ablieferte. Spitzen-Liveband, ohne jeden Zweifel!

Dann wurd’s spannend: Ex-PUBLIC-TOYS-Sänger Fozzie, seit geraumer Zeit in Hamburg lebend, hatte angekündigt, ein paar alte Gassenhauer zusammen mit seinem ehemaligen Bandkollegen Uwe Umbruch (aktuell bei KOMMANDO MARLIES tätig) zu schmettern. Und so kam’s auch: In Akustikversionen und mithilfe des hinzugerufen MARLIES-Drummers erklangen „Wir sind scheiße“, „Oh Fortuna“ (über einen etwas überbewerteten Düsseldorfer Fußballclub) und „Seid betroffen“ (aktueller denn je, leider). Ich fand’s großartig, Fozzie wieder das ‘90er-Zeug singen zu hören, sämtliche Rufe nach Zugaben blieben jedoch leider unerhört. Das ist jedenfalls ausbaufähig, gern mehr davon!

Nun also KOMMANDO PIMPERLE MARLIES, Gitarrist/Sänger Uwe Umbruchs neue Band nach PUBLIC TOYS, [HAPPY] REVOLVERS, HIROSHIMA MON AMOUR und HOTEL ENERGIEBALL, also der halben Rheinland/Ruhrpott-Inzucht-Connection. Am Start hat man ‘ne 7“-EP, die schon mal ‘ne glatte Eins ist. In Trio-Größe und mit (ehemaligen) BRIGADE-S- und FAHNENFLUCHT-Mitgliedern zockt das KOMMANDO melodischen Punkrock mit leichter Rock’n’Roll-Schlagseite und Gespür für eingängige Refrains, dazu deutschsprachige Texte. Der Drummer, ‘ne Mischung aus Vetter It und Zappelphilipp, drehte derbe auf und lieferte auf seinem minimalistischen Kit ein echtes Filetstück in Sachen Punk-Getrommel ab. Uwe Umbruch scheint kaum gealtert, führte mit launigen Ansagen souverän durchs Set und kündigte scherzhaft ständig an, Hardcore-Stücke zu spielen, was er jedoch schuldig blieb. Der Song „Tommy“ stach mit seiner traurigen Stimmung aus dem übrigen Material heraus, zu dem u.a. ein „Kalt wie Eis“-Cover von TEMPO zählte, das ich vom Soundtrack zum gleichnamigen Carl-Schenkel-Film kenne. Irgendwas über Berlin und Kokain gab’s auch noch, anscheinend auch ‘nen Song über Greifswald. Die Songs klingen leidenschaftlich und authentisch, das wirkt alles sehr sympathisch. Den Schulterschluss zum Publikum suchte man, indem man mehrmals mit frischen Bierkannen mit ihm anstieß. Doch auch unabhängig davon dürften KOMMANDO MARLIES gut angekommen sein; das war ein vielversprechender Gig mit starken Songs, der Lust auf mehr machte und bewies, dass Umbruch immer noch ein verdammt versierter Songwriter ist. Dann klöppelt mal ‘n schniekes Album zusammen!

Mad-Taschenbuch Nr. 20: Antonio Prohias – Die neuesten Abenteuer von Spion & Spion

„Spion & Spion“ zum Dritten: 1978 wurden die beiden Spitznasen fürs deutsche „Mad“ abermals im Taschenbuchformat aufeinander losgelassen. 160 je zwei oder auch nur ein Panel umfassende (leider wieder unnummerierte) Seiten lang heißt es in den mehrseitigen Geschichten diesmal stets „Der Trick mit…“, worauf eine Alliteration wie „…der ruchlosen Revolte“ oder „…dem trügerischen Treffen“ folgt. Wie üblich sind sich die eineiigen Zwillinge spinnefeind, weshalb sie sich gegenseitig nach dem Leben trachten und sich ausgeklügelte Fallen stellen. Es gibt nur Schwarz und Weiß, ganz wie im Gut-und-Böse-Denken des Kalten Kriegs, den Prohias persifliert, ohne seine Figuren bestimmten politischen oder ideologischen Lagern zuzuordnen. Zu sagen haben sie sich auch weiterhin nichts, die Zeiten von Dialog und Diplomatie sind für die Spione längst vorbei. Man lässt die Waffen sprechen. In einem kurzen Vorwort erfährt man in diesem Band ein wenig zum Autor, nämlich dass er ehemaliger Karikaturist einer kubanischen Tageszeitung sei, der in die USA emigriert sei und nun zeige, dass „es im schmutzigen Kampf der Spione weder Moral noch Sieger gibt.“ Dieser politkritische Aspekt wiederum wird diejenigen eher sekundär interessieren, die sich an Prohias’ Geschick erfreuen, wortlose Geschichten zu erzählen und dabei eine originelle bis herrlich absurde Idee nach der anderen auszutüfteln, die meist Kettenreaktionen, Explosionen und Gewalt nach sich ziehen. Die Titelseiten der einzelnen Kurzgeschichten weisen in jeweils nur einem Panel einen von der eigentlichen Geschichte losgelösten Gag auf, was deren Dichte in diesem Büchlein erhöht. Schwarzweißdenken für Freunde überzeichneter, abstrakter Kriegsführung, die genau wissen, dass sich weder der eine noch der andere Spion jemals unterkriegen lässt und bald wieder in wessen Auftrag auch immer seinem Erzfeind gegenübersteht.

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