Gnnis Reviews

Author: Günni (page 10 of 80)

09.09.2017, Menschenzoo, Hamburg: ZUNAME + HAMBURGER ABSCHAUM

Auf ihrer Deutschland-Tour unternahmen die russischen Folk-Streetpunks ZUNAME auch einen Abstecher in den Menschenzoo, wo der ehrenwerte HAMBURGER ABSCHAUM den Vornamen (höhö…) machte. Gegen 22:30 Uhr blies der siebenköpfige Lokalmatador in gewohnter Manier zum Angriff, wenn auch diesmal aufgrund der Affenhitze im Zoo unter etwas erschwerten Bedingungen. Beide Sänger schwitzten sich den Arsch ab, bewiesen aber Durchhaltevermögen und boten Hamburger Trompetenpunk-Folklore der sympathischen Sorte. Das Publikum stand dichtgedrängt und kam dank des mit zahlreichen Klassikern sowie einigen neueren Stücken gespickten Sets auf seine Kosten. Los ging’s mit dem schon länger bekannten, kürzlich jedoch endlich auf Vinyl verewigten „Hetze“, für „Rasur“ wurde die Kettensäge ausgepackt, die den Raum mit wundervollem Benzingeruch erfüllte, die AfD bekam gleich zweimal „Auf’s Maul“, mit „Lauf“ erinnerte man an die Band LABSKAUS, der „Trekker Song“ freute nicht nur Hobbybauern und „Nich‘ mein Ding“ provozierte den obligatorischen „Döp-Döp“-Chor. Die „Refugees Welcome“-Nummer vom Lampedusa-Soli-Sampler fehlte ebenso wenig wie „Ein Schritt nach vorn“, das wie der Opener auf der neuen Split-7“ vertreten ist und Gitarrist Dauxis Talent in Sachen Gitarren-Leads unter Beweis stellt, mit dem er auch den einen oder anderen Song, der vor seiner Zeit entstanden ist, etwas aufmöbelt. Gänzlich unbekannt war mir eine düstere, fast metalige Nummer, die ebenfalls gut reinlief. Einzig zwischen den Songs hatte man mit fiesen Rückkopplungen zu kämpfen, die glücklicherweise verstummten, sobald weitermusiziert wurde. Als Zugabe wurde nochmals kräftig auf die Norm geschissen, denn „Nich‘ mein Ding“ musste noch mal herhalten und alle döpten wieder kräftig mit. Erwartungsgemäß geiler Gig!

Und was erwartete uns jetzt? Russen, die einen auf Irish Folk machen und Whisky statt Wodka saufen? DROPKICK MURPHYS in der Ostblock-Variante, THE POGUES mit russischem Akzent? Alles Quatsch, ZUNAME (die man wohl am ehesten „Tsunami“ ausspricht) tanzten auch nicht ihren Namen, sondern spielten mehrstimmigen rauen Streetpunk, kraftvoll und unaufdringlich melodisch, in russischer und englischer Sprache und begleitet von einer dauerlächelnden, offenbar sehr glücklichen Dudelsackspielerin, die für den Folk-Anteil sorgte. Dieser war also weit weniger dominant, als ich es erwartet hatte und das machte auch nichts. Diese Mischung hatte es in sich, denn die Songs gingen sofort ins Ohr, der Dudelsack fügte sich gut ein und dank zweier Gitarren blieb die Saitenfraktion stets im Vordergrund und sorgte für einen satten Sound. Der Bassist und einer der Gitarristen wechselten zwischenzeitlich ihre Bühnenposition, alle drei Vorderleute sangen und der Drummer gab ‘nen kräftigen Beat vor. Zwar hatten sich nach der Vorband die Reihen ein wenig gelichtet, aber alle Dagebliebenen schienen sich einig zu sein, dass ZUNAME ordentlich Stimmung in die Bude bringen und feierten die Band entsprechend ab. Soundprobleme gab’s keine mehr, schön satt knallte die Moskauer Melange aus den Boxen. Eine Zugabe wurde ebenfalls verlangt und insgesamt dürften ZUNAME auf knapp 20 Songs gekommen sein. Klasse Band, ich freue mich auf unseren gemeinsamen Gig in Potsdam diesen Freitag!

Mad-Taschenbuch Nr. 10: Dick De Bartolo, Mort Drucker, Jack Davis – Mad in Hollywood: Das große Kino-Lachbuch

Die klassischen Mad-Hefte begannen i.d.R. mit einem mehrseitigen Comic, der einen aktuellen Kinofilm, eine Serie, eine TV-Show o.ä. persiflierte. Diese waren meist erfrischend frech und respektlos und trugen dazu bei, den typischen Mad-Humor zu prägen. Mit dem Mitte der 1970er erschienen zehnten Taschenbuch erschienen diese in Deutschland erstmal gesammelt in Buchform: Auf rund 160 Seiten werden nach einem die Zeichner Jack Davis und Mort Drucker sowie den Autoren Dick De Bartolo beleidigenden Vorwort fünf Filmgenres abgedeckt: „Seenot“ persifliert den Untergang der Titanic und ähnliche Katastrophenfilme und bezieht seinen Humor in erster Linie aus einem komplett unfähigen Kapitän, „Mord um Mitternacht“ nimmt die „Der dünne Mann“-Krimis köstlich aufs Korn, „Flug 1313“ klingt nach einem weiteren Katastrophenfilm, ist jedoch eine amüsante Abhandlung über menschlichen Opportunismus und Doppelmoral angesichts des drohenden Todes, „Dr. Krankenscheins Fluch“ ist eine „Frankenstein“-Persiflage, die es auf Mad-Scientist-Klischees abgesehen hat und „Goldene Träume, gebrochene Herzen“ parodiert kitschige Musicals, ihre Oberflächlichkeit und den immensen Druck hinter den Kulissen, dem sich die Darsteller ausgesetzt sehen. Mein humoristischer Favorit ist „Mord um Mitternacht“, inhaltlich hat es „Flug 1313“ am stärksten in sich, meinen Humor treffen jedoch alle fünf Geschichten. Nicht nur für Filmfreunde ein schöner Spaß, der sich allen Kino-Trends zum Trotz erstaunlich wenig abgenutzt hat.

02.09.2017, Lobusch, Hamburg: BOUNCING BETTYS + LIQUOR SHOP ROCKERS + CRASS DEFECTED CHARACTER

Unter dem Motto „Punks meets Disco“ feierte die mir in erster Linie vom Sehen auf Gigs etc. bekannte Julia ihren 30. Geburtstag öffentlich in der altehrwürdigen Lobusch und hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, zu diesem Anlass möglichst illustre Stimmungskapellen zu verpflichten. Fragte ich mich anfänglich noch, wo denn das ganze Partyvolk bliebe und ob es sich bei dem Typen im weiblichen Kängurukostüm wohl um BOUNCING BETTY handele, war nach den ersten paar Bierkannen die Bude ca. zur Hälfte gefüllt und CRASS DEFECTED CHARACTER gaben Gas – bzw. erst mal ein Ständchen zum Besten, natürlich für „das Julia“, und zwar auf der Melodie von Wolle Petrys „Ruhrgebiet“. Den Namen Petry wieder positiv besetzen – geglückt! Im Anschluss folgte die gewohnte Mischung aus explosivem deutschsprachigem HC-Punk, meist im Up-, seltener im Midtempo und mit Hits wie „Eine Handvoll Fick Dich“, „Protest durch Sachschaden“ oder auch „Geiz ist geil“. Der Sound war derart gut, dass nicht nur Manus Bass kräftig knatterte, sondern auch die Texte deutlich zu vernehmen waren, die größtenteils aus dem Munde des vermutlich erstmals auf seine obligatorische Mütze verzichtenden Sängers/Gitarristen des Trios kamen. Was kommt als nächstes? Manu nimmt seine Sonnenbrille ab?! Unfassbar! Es war anscheinend nicht ganz einfach, ausgelassene Stimmung in die Bude zu kriegen, so richtig traute sich kaum jemand zum gepflegten Pogo. Je öfter die Gastgeberin jedoch mit ihrem Schnapstablett die Runde machte, desto lockerer wurde die Meute.  Natürlich musste ‘ne Zugabe her und CDC beschlossen ihren Gig, wie sie ihn eröffnet hatten:  Mit ihrem Julia-Ständchen, diesmal jedoch mit vergnügt tanzendem Geburtstagskind auf der Bühne. Ein beeindruckender Gig voll kontrollierter Aggression, technischer Tightness und inhaltlicher Relevanz, dessen Tüpfelchen auf dem I „Life is too long“ mit Gastsängerin gewesen wäre, wie es in der Vergangenheit regelmäßig der Fall war – aber man kann nicht alles haben.

Die noch recht neuen, jedoch nicht mehr jungen LIQUOR SHOP ROCKERS hatte ich mittlerweile bereits zweimal gesehen, einmal davon hier in der Lobusch, und auch diesmal veranstaltete das sich aus alten Szenerecken zusammensetzende Quartett wieder ordentlich Rambazamba mit seinem derben Punk/HC-Mix. Die Jungs sowie die Dame am Bass waren bestens aufgelegt und ebenfalls mit einem klasse Sound gesegnet, der Ninas Hokus-Pokus-Fidibass fast wie ‘ne zweite Klampfe klingen ließ. Das drückte wieder einwandfrei von der Bühne und animierte zu mittlerweile vorgerückter Stunde auch den einen oder anderem mehr zum Ausdruckstanz. Schicke Shirts hat man nun am Start, von denen ich mir gleich mal eines sicherte. Eigentlich war ich nach diesem Gig auch schon bedient, weil völlig zufrieden und längst gut angeheitert, aber der Headliner scharrte bereits mit den Hufen.

Die BOUNCING BETTYS aus Limburg hatten nichts mit dem Kängurufraumann zu tun, sondern entpuppten sich als gitarrenloses Bass- und Drum-Duo, das seinen Stil „Powerdisco“ getauft hat und der Veranstaltung damit ihr Motto gab. Seit 2015 ist man anscheinend mit dieser Mischung aus Punk und analogem Disco-Sound unterwegs, der für mich ehrlich gesagt vielmehr nach Stoner Rock o.ä. klang, was ja so gar nicht meine cup of pee ist. Unterhaltsam anzusehen war’s aber allemal und der Sound immer noch erträglicher als tatsächliches Disco-Geskasper. Trinken ließ sich dazu gut und die flotteren Stücke waren mitunter gar nicht übel. Wie lange ich danach noch vor Ort war, kann ich gar nicht genau sagen, aber es war in jedem Fall ein spaßiger Abend, ‘ne gelungene Party in sehr angenehmer Atmosphäre und ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Daher: Danke an Julia, die Lobusch und die Bands!

26.08.2017, Störtebeker, Hamburg: Fünf Minuten ohne Kopf

40 Bands spielen jeweils fünf Minuten – mit der diesjährigen Ausgabe ging dieses Spektakel in die dritte Runde und erstmals war es mir vergönnt, dem beizuwohnen. Letztlich wurden’s „nur“ 35 Bands (schade, die Band mit dem illustren Namen PERIOD PAIN & THE VAGINAL FLUID hätte ich gern gesehen), der Großteil aus Hamburg, doch auch diese bedeuteten natürlich den totalen Reizüberflutungs-Overkill und stellten mich vor die Herausforderung, zu jeder Band Bier zu trinken und dennoch einen Konzertbericht zu verfassen…

Durch das Programm führten zwei Moderatoren in Frauen-/Transgenderfummeln (Putzkittel und Glitzerjacket), die mit launigen Ansagen die eine oder andere Umbaupause, die dann doch länger ausfiel als die vorausgegangene oder folgende Performance, überbrückten. Um ca. 17:10 Uhr war es bereits an BOY DIVISION, den Reigen zu eröffnen, doch mit ihren durchs Megaphon gesungenen, kaum herauszuhörenden Coverversionen kann ich nichts anfangen und ich bemerkte, wie lang fünf Minuten sein können… Das exakte Gegenteil bei UNFUG, eigentlich DER UNFUG UND SEIN KIND und identisch mit der Instrumentalfraktion der musikalisch anders verorteten SPIKE: Der knochentrockene Brachial-Hardcore mit englischen Texten ballerte gewohnt gut auf die Fontanelle.

Noch nie gehört hatte ich von FIRST CLAUS, einer neuen Hamburger Band, die flotten Punkrock mit deutschen Texten spielte. Nicht verkehrt. EISENVATER verbuchten im Anschluss die wohl längste Umbauphase des Abends, denn man steckte fleißig Effektgeräte zusammen, zog sie wieder auseinander und begab sich auf Ursachenforschung hinsichtlich der fiesen Rückkopplungen. Seine eigentlichen fünf Minuten lang spielte der eiserne Papa dann ein proggiges Metal-Instrumentalstück.
ULF, noch mal neu, immer noch Hamburg. Emo-D-Punk mit viel Melodie, durchaus eigenwilligem Sound und leichtem Pop-Appeal. Wäre mir auf Dauer vielleicht zu aufdringlich, insbesondere der Sänger mit seinem überdrehten Clean-Gesang. Dürfte so die Hamburger-Schule-Ecke sein.

I AGAINST ME ist Gerüchten zufolge die Band eines Philosophie-Professors und klang auch so, hat nicht gezündet. Am coolsten war das „Doom“-T-Shirt des Gitarristen.  Evtl. folgte nun einer dieser Fälle, in denen ich den Soundcheck mit der Performance verwechselte: Waren LOWER DESIRES lediglich eine gitarrestimmende Dame? Wenn ja, spielten TERYKY im Anschluss Sludge-Core (oder so), eigentlich nicht meine Mucke. Diese hier lebte aber von ihrer Shouterin, deren von irgendwo ganz tief unten kommenden Verbalausbrüche im Kontrast zu ihrem lieblichen Antlitz standen. Hatte was.  Evtl. waren das aber auch TERYKY. Und/oder ich hab‘ einfach eine von beiden Bands verpasst, weil die Hitze im vollen Störtebeker sowie äußerst angenehmen Temperaturen und die Menschenansammlung vor der Tür nach jedem Auftritt nach draußen lockten – weshalb sollte man auch den Abend damit verbringen, Umbauphasen zu begaffen?

BASSAKER war dann eine One-Man-Band; ein cooler Typ, der mit seinem Bass hinter’m Drumkit sitzt und dabei durchaus hörbaren Analog-Drum-&-Bass fabriziert. Schade, dass er nicht auch noch gesungen hat! G31, eine weitere neue HH-Band, schraubten mit ihrer Sängerin im Anschluss den Trash-Faktor in die Höhe: Die Dame mit der Fönfrisur hüpfte unbeholfen auf ihren Stöckelschuhen und versuchte, mittels Gestik und Mimik ‘ne Wahnsinnsshow zu liefern, was jedoch zur unfreiwillig komischen Pose geriet. Musikalisch war’s härterer D-Punk. Apropos Pose: Im Posen ist CRASS-DEFECTED-CHARACTER-Bassist Manu ganz groß, das HC-Punk-Trio dabei musikalisch aber auch topfit und textlich auf den Punkt. Geile Band!

BELKA ließen mich mit ihrem Screamo eher ratlos zurück, KRANK machten Spaß mit Oldestschool-Hardcore, Schlumpfgesang und durchs Publikum springendem Sänger und ALWAYS WANTED WAR waren mir mit ihrem HC-Punk/Screamo-Crossover soundmäßig fast schon wieder zu neu, aber der Shouter, der seine Aggressivität und Verzweiflung nicht kalkuliert, sondern schön roh und ungekünstelt artikulierte, hat’s rausgerissen. „Jurassic Park“ bleibt dennoch ein gnadenlos überbewerteter Film.

Nun wurd’s ganz bizarr: Das Duo SUNDERLANDBUTCHERWITCH! kam mit zwei menschlichen Keyboard-Haltern auf die Bühne und nur vom Tasteninstrument begleitet hauchte, flüsterte und krächzte ein Herr älteren Semesters mit Bierpulle in der einen und Mikro in der anderen Hand heiser eine traurige Nummer. [Haha, Nachtrag: Wie ich gerade erfuhr, handelte es sich bei dem Opa um niemand Geringeren als LEATHERFACE-Sänger Frank Stubbs, was meinen Beitrag in Richtung Majestätsbeleidigung rückt! 😀 Einer der Keyboard-Halter soll zudem Jens Rachut gewesen sein. Beim Song könnte es sich um „My Heart is Home“ gehandelt haben.] Bei ANTISOCIAL DISTORTION im Anschluss handelte es sich leider um keine SOCIAL-D.-Coverband mit asozialen Texten, doch der deutschsprachige, räudige und aggressive HC-Punk des auf den Bass verzichtenden Duos war auch so unterhaltsam und schönes Kontrastprogramm zur Schlachterhexe. KOUKOULOFORI hatte ich ewig nicht mehr gesehen und freute mich umso mehr, dass das Trio gleich drei Songs in den fünf Minuten unterbringen konnte. Dass es sich dabei um die ruppigen, eruptiveren Beispiele ihres Schaffens handelt, dürfte klar sein.

Die Melodic-Punks SPIKE legten fantastische fünf Minuten aufs Bühnenparkett und schienen die Energie eines gesamten Gigs in diesen Auftritt zu packen. Wie die Sängerin es schafft, ihre Flipflops bei ihren Karatekicks nicht zu verlieren, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. TESTBUNKER präsentierten stolz ihre Hello-Kitty-Klampfe und zockten ebenfalls deutschsprachigen, räudigen und aggressiven HC-Punk wie zuvor ANTISOCIAL D., CDC etc., musikalisch jedoch ausgereifter als erstgenannte und textlich extrem ungehobelt und aus dem Bauch heraus, ergo: richtig geil! Das Niveau hielten WIRRSAL spielend, die ich am Tag zuvor gerade erst im Gängeviertel gesehen hatte.  Musikalisch nicht ganz so fundamentalistisch wie TESTBUNKER, aber ebenfalls volle Punktzahl! Vor lauter Spaß hab‘ ich glatt vergessen, ein Foto zu schießen.

GERØLL spielten krachigen, etwas konfus klingenden HC-Punk, bei OIDORNO hatte ich mich draußen festgequatscht und KAPOT, mit BRUTALE-GRUPPE-5000- und CONTRA-REAL-Vincent am Bass, gingen dann strukturierter und ausgefeilter zu Werke, HH-HC-Punk, der vor Chören und kleinen Melodien nicht zurückschreckt und ansonsten angenehm flott vorprescht. Die BRUTALE GRUPPE 5000 laserpunkte schließlich gewohnt wahnsinnig das Störte, inkl. Aluhelmen, Pornobalken und Hektiker- HC vor originellem Konzept.

3000 YEN entsprechen aktuell lediglich 22,83 EUR und hatten 1994 ein post-punkiges deutschsprachiges Album veröffentlicht, das ich mir seltsamerweise nie angehört habe. Am Gesang: Alt-Punk Sir Hake. Der hatte sichtlich Spaß am Kurzgig und der Typ im „Doom“-Shirt war auch wieder dabei. Interessantes Zeug, das ich mir mal in Ruhe werde zu Gemüte führen müssen. AUS DEM RASTER hatte ich kürzlich in Norderstedt bereits als hoffnungsvolle neue HC-Punk-Band ausgemacht und ihren Sound inkl. weiblich-männlichen Wechselgesangs über die Störte-P.A. zu hören, bestätigte den Eindruck. HUFFDUFF schließlich wirkten ziemlich druff und bischn wie ‘ne analoge Variante der BRUTALEN GRUPPE 5000: Der Sänger hatte sich das Ziffernfeld eines Analogtelefons vors Gesicht gebappt und sang in einen alten Sabbelknochen. Nicht ganz so brutale Gruppe 1920?

Die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN nutzte ihre 300 Sekunden für Anti-Aging-Tipps und verbreitete dabei wie üblich jede Menge positiver Energie. Energie ist auch ein gutes Stichwort für THE MOTH, die mit doomigem Sludge (oder umgekehrt) ein Zeug spielen, das ich mir normalerweise nicht freiwillig anhöre, hier jedoch derart inbrünstig und packend interpretiert wurde, dass ich positiv überrascht und irgendwie begeistert war. Bei BOSTON CURTIS verlassen mich meine Erinnerungen: D-Beat mit jemandem von BELKA? Auf PANZERBAND jedenfalls war ich gespannt. Die Hannoveraner um Fanziner Bäppi rannten musikalisch mit ihren oftmals nur rund ‘ne Minute kurzen, geradlinigen, hassigen HC-Punk-Songs offene Türen bei mir ein, textlich angenehm direkt und betont trve, wenn auch gern mal so arg überzeichnet, was dann schon wieder parodistisch wirkt. Werde mir die Platte wohl mal in Ruhe anhören, allein schon, um Missverständnissen vorzubeugen: Aufgrund der Ansage dachte ich echt, „Deine Helden“ richtete sich generell gegen Band-Shirts…

Immer mal wieder für’n Nebenprojekt gut ist bekanntlich HAMBURGER-ABSCHAUM-Holli, dessen Fastcore/Power-Violence-Combo PSYCH OUT den totalen Abriss zelebrierte und wohlig an ehemaliges Uralt-Holli-Zeug wie HAMBURG BEBT erinnerte. Bei DIE CHARTS (welch ungooglebarer Bandname!) kam dann wieder die Dame mit ihrem Tasteninstrument zum Einsatz, diesmal offenbar eines mit Ständer und diesmal auch mit Schießbude und anderem Sänger. Wenn ich mich jetzt noch erinnern könnte, was die gemacht haben…? Dürfte gewöhnungsbedürftiger Indie-Pop oder so gewesen sein, für den ich zu jenem Zeitpunkt schon viel zu voll war, in jedem Fall aber eingängiger als SUNDERLANDBUTCHERWITCH! Auch BIJOU IGITT sah/hörte ich nun zum ersten Mal, aber mit diesem HH-Schule-/Rachut-/Emo-/Indie-Geschrammel mit seiner gekünstelten Melancholie und seinem studentisch empörten Nervgesang kann ich überhaupt nichts anfangen. Offenbar dachte ich danach, dass nun Schluss sein und bekam NO GO nur noch durch Zufall und ganz am Rande mit, konnte mich auch nicht mehr aufraffen, mich auf die Band zu konzentrieren: Mittlerweile war’s Mitternacht, ich war seit sieben Stunden hier und mein Hirn tilte vor lauter Eindrücken.

Dafür, dass ich eigentlich vom Vorabend noch gut angeschlagen war, hab‘ ich ganz gut durchgehalten. Meine Aufmerksamkeitsspanne dürfte auch ohne Party zuvor und Alkoholgenuss irgendwann die Segel gestrichen haben. Als überaus hilfreiche Krücke erwies sich die an mehreren prominenten Positionen angebrachte Running Order; vom draußen hängenden Exemplar wurden mit deutscher Pünktlichkeit alle weggestrichen, die bereits ihre fünf Minuten hatten. Das abwechslungsreiche Aufgebot hat mir manch Band nähergebracht, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte – und wann bekommt man schon mal so’ne Wundertüte für so wenig Einsatz geboten? Der Eintritt war frei, lediglich um Spende wurde gebeten. Wem’s drinnen mit zunehmendem Publikumsinteresse zu stickig wurde, konnte vor der Tür rumgammeln und die Beinahe-Punx-Picnic-Atmosphäre genießen. Ich hoffe, ich habe nicht allzu viele Fotos und Namen durcheinandergeworfen (für sachdienliche Hinweise wäre ich dankbar) und bin Feuer und Flamme, auch mit meinen beiden Stimmungskapellen mal mitzumischen. Werde diesbzgl. mal anklopfen…

Danke ans Störtebeker für diese Sause, die mit Sicherheit einen organisatorischen Kraftakt besonderen Ausmaßes bedeutete!

25.08.2017, Gängeviertel, Hamburg: KÖNIG KOBRA + WIRRSAL + FONTANELLE + OIDORNO + RACCOON RIOT

Das Gängeviertel feierte sein in dieser Form achtjähriges Bestehen allen Widerständen zum Trotz und da feierte ich natürlich mit! Das ganze Viertel war in Bewegung, an allen Ecken und Enden wurde etwas geboten, aber mich interessierte natürlich vorrangig das von Beyond Borders und der Punkbar organisierte Punk-Konzert in der Druckerei, deren Renovierung nun endlich abgeschlossen ist. Schick ist’s geworden! Vor der Bühne ist nun mehr Platz, man knallt nicht mehr so leicht gegen den Tresen, zahlreiche Spiegel lassen den Ort größer erscheinen, als er eigentlich ist, die Toiletten verdienen endlich diese Bezeichnung und es war sogar noch Platz für ein Bällebad übrig, in dem man weniger interessierte Konzertbesucher abladen kann, um sich vor der Bühne in Ruhe dem Treiben ohne Gequengel zu widmen.

Die junge Hamburger Band RACCOON RIOT machte den Anfang und zwar zu einer Uhrzeit, zu der ich unmöglich bereits vor Ort sein konnte. Ungefähr zur Hälfte des Sets sicherte ich mir jedoch wie üblich gegen einen geringen Spendenbetrag den Einlass. RACCOON RIOT sind etwas geschrumpft, wie ich hinterher erfuhr ist Heidi für die Streichereinlagen leider nicht mehr dabei. Übrig blieb ein Quartett, das recht klassischen HC-Punk britischer Prägung spielt und nun völlig schnörkellos zur Sache geht. Der Gesang war etwas leise, ansonsten passte aber alles und die Band wirkte im Zusammenspiel tighter als noch letztes Jahr, als sie erstmals im Gängeviertel live sah. Nach nominellem Ende haute man dann auch doch noch ‘ne weitere Nummer raus, was gut passte, denn das Publikum kam gerade auf Temperatur.

‘ne ebenfalls noch junge Kapelle ist OIDORNO. Die Adornos Namen durch den Oi!-Wolf drehenden Hamburger versuchen sich an „Diskurs-Oi!“, was in erster Linie einem witzigen Image dient. Musikalisch ist mir da allerdings zu wenig Pepp drin, das Zeug kickt mich noch nicht. Im Gedächtnis geblieben ist mir ein „Oi!-Verräter“ genannter Song, doch alsbald zog’s mich dann auch nach draußen, allein schon, um dem Gedränge – urplötzlich war die Bude rappelvoll – noch mal zu entkommen und noch vor dem Vollrausch in Ruhe das eine oder andere erhellende Gespräch zu führen, beispielsweise über Chili-Soßen. Letztlich doch auch ‘ne Art, dem Diskurs-Oi! zu frönen.

Mit FONTANELLE blieb man im Thema. Betont antifaschistischer Oi!-Sound mit deutschen Texten aus der Leipziger RASH-Ecke. Da war musikalisch schon mehr los, lief mir besser rein. Der prollige Gesang klang mir auf Dauer aber bischn zu gezwungen und monoton und zudem merkte ich doch wieder, dass ich diesem Sound – zumindest wenn er von Anhängern in der x-ten Generation gespielt wird – irgendwie entwachsen bin.

Ganz und gar nicht der Fall ist dies nach wie vor bei klassischem deutschsprachigem HC-Punk, der ordentlich aggressiv und flott gezockt durch die P.A. knallt. WIRRSAL beherrschen diesen Stil, wie unlängst auf ihren Lobusch-Gig hin erwähnt, absolut manierlich, kommen schnell zum Punkt und wirken authentisch. Auf der Bühne herrscht viel Aktivität, wovon man sich vor derselben schnell anstecken lässt. Zeit zum Warmwerden hatte ich ja nun genug gehabt und schaltete endgültig in den Abfeier-Modus, ohne dabei meine Mission außer Acht zu lassen: Nachdem meine Kohle zuletzt in der Lobusch nicht mehr gereicht hatte, hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal das Vinylwerk der Band mein eigen zu machen. Am Merch-Stand lag nix Wirrsaliges aus, aber direkt nach dem letzten Song konnte ich der Band ihr Ausstellungsstück noch auf der Bühne entreißen und hab’s letztlich mit Ach und Krach (und Flos Hilfe…) dann auch geschafft, das Ding sicher fortzuschaffen. Mission accomplished!

Zwischendurch wurde es übrigens für Teile des Publikums zum Sport, die Bälle aus dem neu errichteten Gängeviertel- Småland ins Publikum zu feuern, was seitens der Sicherheitsbeauftragten irgendwann mit einem Verweis der Räumlichkeiten geahndet wurde. An KÖNIG KOBRA kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, wenngleich ich anscheinend noch versucht habe, das eine oder andere Foto zu schießen. Die Selbstbeschreibung „Zusammengewürfelt aus den unterschiedlichsten Genres, vom Britpop über den Poprock bis hin zum Metalcore, entstand ein abwechslungsreiches und hörbares Gesamtwerk. Beheimatet im schönen Ruhrgebiet versuchen die Jungs nun, die Herzen ihres Publikums zu erobern“ deutet jedoch darauf hin, dass das sicher nix für Vatter sein‘ Sohn gewesen wäre.

Glückwunsch ans Gängeviertel zu acht Jahren nichtkommerzieller alternativer, Sub- und Gegenkultur! Ich freue mich schon aufs Neunjährige.

Christian Humberg – Der alte Mann und das Netz: Mein Vater entdeckt das Internet

Die sog. „Silver Surfer“, sprich: das Internet erkundende Rentner, sind für manch Spott gut, so auch in Christian Humbergs spürbar fiktiver, 320 Seiten starker Abhandlung über seinen sturen, rechthaberischen und in Sachen Computern vollkommen unbeleckten Vater Horst, dem von Humberg vorgeführten Paradebeispiel eines DAUs. Unterteilt in 18 Kapitel, Epilog und Anhang verwendet Humberg viel Zeit für eine ausführliche Charakterisierung Horsts, die Rückschlüsse dahingehend erlaubt, welcher Menschenschlag derartige DAUs wohl sein mögen, wie ihre Persönlichkeitsstruktur beschaffen sein muss, um sich so furchtbar nassforsch und uneinsichtig unbekanntem Terrain zu widmen.

Das geht mit viel Humor einher, ist häufig jedoch auch lediglich Aufhänger für recht gute Erklärungen des Autors in allgemeinverständlicher Sprache diverse Internet-Phänomene und -Themen betreffend, angefangen bei der Entwicklung des Netzes bis hin zu aktuellen Trends wie Twitter & Co. oder Phänomenen wie trashigen YouTube-Videos und deren Sternchen.  Manches ist indes auch Quatsch: Ein Verkäufer bietet angeblich an, auf einem Mac jedes beliebige Betriebssystem zu installieren und im Internetkurs der Volkshochschule (den Horst immerhin besucht) wird plötzlich Excel unterrichtet? Horst fällt auf vorgeblich von seiner Sparkasse stammenden Spam herein und fängt sich ein Virus ein, das jedoch noch nicht einmal seine Kontodaten zu phishen versucht? Sein Kumpel Jupp wird zum Bürgermeister gewählt? Na gut, dessen „Hacking“ war vielmehr das Erschleichen eines vertraulichen Cloud-Passworts in der Verwaltung. Sehr richtig ist hingegen, dass man seine vermeintlichen Krankheiten keinesfalls googlen sollte und auch Humbergs nur am Rande mit seinem eigentlichen Thema zu tun habenden Definitionen verschiedener VHS-Besuchertypen werden vermutlich der Realität entspringen.

Dass Humberg von Bundesregierungen offenbar mehr hält als Horst, zeugt andererseits von einer nicht ungefähren Naivität, fast ähnlich der, mit der sich Horst dem Internet annähert. Dass Humberg generell eher ein Leisetreter denn tatsächlicher Rebell ist, beweisen auch seine immer wieder eingestreuten Erinnerungen an seine Studentenzeit, die mit bisweilen etwas anbiederndem Humor einhergehen und letztlich arg harmlos ausgefallen sind. In erster Linie dienen  sie als längerer Abriss über die damalige Erstvernetzung seines Studentenwohnheims und gibt damit Einblicke in die Anfangszeit der flächendeckenden Verbreitung von Internetanschlüssen. Sie unterscheiden sich von den oftmals moritatischen, ihren Lerneffekt durch eine Art Moral erzielenden übrigen, in der Gegenwart verankerten Abhandlungen.

Aufgrund seines informativen Mehrwerts erscheint mir „Der alte Mann und das Netz“ recht gut für zur Selbstironie fähige ältere Semester geeignet, die nach der Lektüre selbst entscheiden könnten, ob sie die grundlegenden Dinge verstanden haben und es sich zutrauen, sich das Internet zunutze zu machen oder ob sie angesichts der beschriebenen Herausforderungen und Gefahren doch besser verzichten.

Der witzige Anhang, die „Hottipedia“ mit sehr eigenwilligen Begriffserklärungen, rundet das 2015 im Goldmann-Verlag erschienene Buch ab, das für meinen Geschmack gern noch frecher hätte ausfallen dürfen und auf seine irritierende, weil zu durchschaubare angebliche Authentizität besser ebenso verzichtet hätte wie auf manch halbgare Anekdote oder nicht zu Ende gedachte, an den Haaren herbeigezogene Konstruktion. Ein kurzweiliger Spaß ist es dank manch scharfer Beobachtung Humbergs und seiner komödiantischen Aufbereitung über weite Strecken jedoch allemal und verleiht evtl. auch manch DAU-Geschädigtem ein Gefühl der Genugtuung.

12.08.2017, Gängeviertel, Hamburg: ABSTURTZ + DR. ULRICH UNDEUTSCH + UNDENKBAR + DEUTSCHPUNK-REVOLTE

Den vielen Parallelveranstaltungen zum Trotz zog es an diesem Samstag doch einige ins Gängeviertel, die Bock auf ein kleineres D.I.Y.-Konzert hatten, das immerhin von vier Bands bestritten wurde, welche die Beyond-Borders-Veranstaltungsgruppe eingeladen hatte. Da die Druckerei noch immer renoviert wird, fand es im großen Saal der Fabrik statt, der dafür etwas überdimensioniert wirkte. DEUTSCHPUNK-REVOLTE aus Frankfurt hatten gerade angefangen, als wir eintrafen. Die Coverband in Quartettgröße bediente sich vornehmlich klassischen deutschsprachigen HC-Punk-Materials und zockte sich durch ein rund 20 Songs umfassendes Set mit Stücken von VORKRIEGSJUGEND, TOXOPLASMA, SCHLEIMKEIM, HASS, ZERSTÖRTE JUGEND („Kaiser Wilhelm“ – geil!), CANALTERROR, OHL, BUMS (scheinen generell nicht mehr als Pseudos zu gelten, was hab‘ ich verpasst…?), L’ATTENTAT, AUSBRUCH, SLIME („Tod“ – ungewöhnliche Wahl) etc., darunter leider auch „Punk und Polizei“ des unsäglichen UNTERGANGSKOMMANDOs, jedoch mit versöhnlichem Abschluss durch die HH-Hymne „Bullenwagen klaun“ und den KASSIERER-Evergreen „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Die einzelnen Songs und Originalinterpreten wurden in einem auf der Bühne drapierten aufgeklappten Aktenordner zum Nachlesen präsentiert. Weshalb das eigentlich auf der Setlist stehende „Dachau“ von A+P überblättert, sprich: nicht gespielt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Sänger hat ‘ne gute Stimme, frech und rotzig, und war auch ziemlich textsicher. Der Basser irritierte optisch etwas mit seinem halslosen Instrument. Für die offenbar noch nicht sonderlich lange zusammenspielende Band war’s bereits der zweite Gig im Gängeviertel und insgesamt war das schon recht ordentlich und unterhaltsam, wenngleich manch Liedgut in vereinfachten Versionen gespielt wurde und es hier und da noch holperte. An die Qualitäten von Coverbands wie 1982 oder VOLKSWIDERSTAND oder auch der TOTENMOND-Coverplatte kommt man noch nicht heran, aber das kann ja noch werden.

So richtig voll wurd’s auf der Bühne, als die fast in Fußballmannschaftsgröße angetretenen Chemnitzer Ska-Punks UNDENKBAR dieselbe betraten und mit zahlreichen Bläsern mit an ältere SONDASCHULE erinnernden deutschsprachigen Stücken doch einige Besucher mehr zum Tanzen animierten. Der Sänger ist ‘ne echte Rampensau und sorgte zusammen mit seiner Band für viel gute Laune. Mit IDEALs „Blaue Augen“ griff man in die Coverkiste, wegen eines Geburtstags und des Abschieds eines Bandmitglieds wurd’s um Mitternacht mit Luftballons und Wunderkerzen umso feierlicher und der Tuba-Bläser durfte noch ‘nen astreinen Rap schmettern. „Ace of Spades“ von MOTÖRHEAD war schließlich die Zugabe und der Rausschmeißer zumindest dieses Gigs, für den allein sich das Erscheinen schon gelohnt hatte – und das sage selbst ich als Ska-Punk-Muffel. Zumindest live haben UNDENKBAR den Bogen raus (aus der Konserve kenne ich sie nicht).

DR. ULRICH UNDEUTSCH konnten die Stimmung im Anschluss nicht halten. Der spröde, unmelodische deutschsprachige HC-Punk der Sachsen war ein starker Kontrast zur vorausgegangenen Ska-Punk-Party, der Gesang wirkte bemüht, letztlich aber recht monoton und ausdruckslos und irgendwie fehlte dem gesamten Band-Sound m.E. das gewisse Etwas – Wahnsinn? Aggressivität? Dreck? Musikalische Aha-Momente? Keine Ahnung, letztlich fiel man in erster Linie durch die Garderobe auf. Das Publikum reagierte zunehmend desinteressiert und als nach einer halben Stunde Schluss war, gab’s weder Applaus noch das Verlangen nach Zugaben.  Das liest sich jetzt vermutlich negativer, als es war, die Flucht ergriffen hat niemand und der eine oder andere wird auch seinen Spaß gehabt haben. So richtig damit etwas anfangen konnte ich aber nicht.

Ganz im Gegenteil zu ABSTURTZ. Die Gängeviertel-Stammgäste aus Dithmarschen ballten wieder ihre Live-Qualitäten, klangen stets nach viel mehr als nur drei Mann und insbesondere Heiner gab wieder alles an Klampfe und Mikro, haute ein Gitarren-Lead nach dem anderen raus, skandierte aus voller Kehle die kämpferischen bis pathetischen Texte und fand auch noch Zeit, wie von der Tarantel gestochen durch die Gegend zu rennen und zu posen. Die Refrains provozieren zum Mitsingen und auch zu später Stunde setzt dieser Sound jede Menge Energien frei. Schön auch, mal wieder den Klassiker „Es ist schön, ein Punk zu sein“ aus ABSTURTZ‘ Kidpunk-Zeiten zu hören bekommen zu haben. So macht sog. Deutschpunk live Spaß, so gehört aufs Mett geklopft!  Dorfpunks ham’s drauf. Ich hab‘ noch nie ‘nen schlechten ABSTURTZ-Gig gesehen und auch wenn das Publikum diesmal nicht in dreistelliger Anzahl wie zuletzt im Clubheim erschienen ist, war’s wieder der krönende Abschluss einer gelungenen Party. Trotzdem freue ich mich auf die Wiedereröffnung der bei Konzerten dieser Art wesentlich intimeren Druckerei!

04.08.2017, Hafenklang, Hamburg: TAU CROSS + KILLBITE

AMEBIX-Frontmann The Baron und VOIVOD-Drummer Away überraschten vor wenigen Jahren mit ihrer internationalen Allianz zu TAU CROSS, jener sich ferner aus Leuten von WAR//PLAGUE, MISERY und FRUSTRATION zusammensetzenden Crust-Punk/Metal-Crossover-Formation, die 2015 mit ihrem Debütalbum für einiges Aufsehen sorgte und das auch ich für außergewöhnlich gut befand. Haben sich mir die Faszination für die Crust-Urväter AMEBIX und die VOIVOD-Alben seit „Nothingface“ nie so recht erschlossen, ergänzt man sich bei TAU CROSS offenbar ideal und begeisterte mich mit einer Melange aus schneidenden Gitarren, Baron Millers charismatischem, kehligem, rauem Gesang, diversen anbiederungsfreien Ohrwürmen, einer guten Dosis Pathos und ganz viel Atmosphäre vor einem post-mittelalterlich okkulten und gleichsam kämpferischen, mehr oder weniger subversiv religions- und systemkritischen lyrischen Hintergrund.

Bisher war es mir nicht vergönnt gewesen, die Band live zu sehen, doch das Hafenklang schuf Abhilfe und so besuchte ich entgegen meiner Gewohnheiten in dieser Woche bereits das zweite Konzert, nach dem ich am nächsten Morgen zu einer Zeit raus musste, zu der normale Menschen schlafen und/oder ausnüchtern. Am Abend zuvor hatte ich erst erfahren, dass TAU CROSS ein brandneues Album veröffentlicht haben, das offenbar den Grund für die Tour darstellte. Nachdem die Bremer KILLBITE ihren schnörkel- und Solo-losen Crust-/HC-Punk-Stiefel ohne viele Ansagen vor noch überschaubarer Kulisse unprätentiös und knochentrocken durchgezockt hatten, versammelten sich zu TAU CROSS fast alle Anwesenden im Konzertsaal und sorgten für das typische Drängelambiente. Die Band wurde frenetisch begrüßt, war in bester Spiellaune und bot ein offenbar gut durchmischtes Set aus bekannten und neuen Songs, die sich zumindest live nahtlos einfügten (das neue Album zu hören habe ich bis heute noch nicht geschafft und am Merchstand hätte ich das nötige Kleingeld für die Doppel-LP ohnehin nicht übrig gehabt). The Baron singen zu sehen ist schon ein Erlebnis, man sieht im regelrecht an, wie er die Töne aus den Tiefen seines Körpers hervorholt und sehr kontrolliert ans Mikro übergibt, statt spontan draufloszubrüllen. Eine klasse Stimme, die eine über Crust-Standards weit hinausgehende Gefühlspalette abdeckt und in Kombination mit dem TAU-CROSS-Sound ihre Formvollendung erreicht. Da das Tempo der Songs häufig eher getragen ist, laden sie tatsächlich meist eher zum Fäusterecken und Headbangen denn zum entfesselten Pogo oder Moshen ein, sodass es vor der Bühne etwas gemäßigter als gewohnt zuging. Viele standen auch einfach da und sogen die Atmosphäre, die Stimmung der Songs, in sich auf. Nach einer Verschnaufpause für die Band nach Ende des regulären Sets ging’s für einen Zugabenblock zurück auf die Bühne. Meine Favoriten „Lazarus“, „Hangman‘s Hyll“ und „Prison“ wurden allesamt berücksichtigt (letzterer inkl. lautem Publikumschor), also war ich rundum befriedigt. Den allerletzten, einigen Anwesenden offenbar bekannten Song, ‘ne recht flotte Nummer, konnte ich allerdings nicht zuordnen – evtl. ein AMEBIX-Cover?

Ich hatte es mir relativ weit vorne eingerichtet und war dadurch so nah wie nie zuvor am frankokanadischen Drummer Away, dessen mit seiner Hauptband VOIVOD fabrizierten Sci-Fi-Thrash ich tatsächlich bereits in seligen ‘80er-Kindheitstagen gehört habe (bestes Album: „Killing Technology“!). So konnte ich sein Getrommel ziemlich genau beobachten und – Punkrock, kill your idols etc. hin oder her – empfand diese Situation, ihn hier im kleinen Hafenklang zu treffen, irgendwie als etwas Besonderes. So geht’s mir hin und wieder bei den ganz alten Helden und für seine Entscheidung, es mittlerweile ergraut noch mal wissen zu wollen und mit ‘ner punkigen Band ohne jegliche Starallüren durch die Clubs zu tingeln, schnellen sämtliche Daumen nach oben. Cooler Typ! Die Aussicht auf verdammt frohes Aufstehen am nächsten Morgen, an dem es per Bahn nach Berlin und anschließend mit dem Flieger in den Urlaub ging, ließ mich dann auch umgehend den Ort des Geschehens verlassen und mein Schlafgemacht aufsuchen – komisch, dass das weit weniger gut klappt, wenn am nächsten Tag die Arbeit ruft…

Frank Schäfer – Kleinstadtblues

Nach „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Verdreht“ ist „Kleinstadtblues“ Dr. phil. Frank Schäfers dritte mutmaßlich stark autobiographisch geprägte Belletristik, 2007 überraschenderweise nicht mehr im Oktober-, sondern im Maro-Verlag erschienen. Die ehemaligen Bandkollegen des literarischen Alter Egos Schäfers, Fritz alias Pfaffe alias Friedrich Pfäfflin, sind erwachsen geworden, haben Familien gegründet oder sind im Begriff, dies zu tun und hadern mit Mitte bis Ende 30 bisweilen mit ihrem (mehr oder minder) selbstgewählten Schicksal – fühlen sich jedoch noch immer miteinander verbunden. Die alte Dorf-Clique eben.

Stilistisch wählte Schäfer erneut ein abweichendes Konzept: War das jugendliche „Die Welt…“ noch eine stringent erzählte, zusammenhängende Geschichte, war das überwiegend adoleszente „Verdreht“ bereits eine losere Sammlung von Geschichten, die durch eine immer wieder eingestreute Rahmenhandlung zusammengehalten wurde. „Kleinstadtblues“ wiederum setzt sich auf rund 120 Seiten aus in sich abgeschlossenen, sich jedoch mitunter aufeinander beziehenden Kurzgeschichten zusammen. Eine juvenile sexuelle Initiationsgeschichte eröffnet den Reigen und wird abgelöst durch eine fast rührende Erinnerung an die Geburt eines Frühchens und der damit einhergehenden Probleme unter starker Berücksichtigung der psychologischen Komponente, die ein gewisses Maß an Empathie seitens des Lesers einfordert. Diese sensible Story findet ihre Fortsetzung durch das Herzstück und die längste Erzählung des Buchs, eine schonungslos offene, nicht lange um den heißen Brei herumschwurbelnde, sich Luft machende Beschreibung einer mittelschweren Beziehungskrise nach der Schwangerschaft und der Entlassung des Kinds aus dem Krankenhaus. Die Geschichte über Sexentzug und Schwierigkeiten bei der Bewältigung des nun gänzlich neuen Alltags entwickelt sich zu einer über alte Freundschaften. Ein im Suff endender Junggesellenabschied wird in allen Details beschrieben und am Ende möchte man schon gern wissen, ob es nun wirklich zusammen mit Kumpel Knüppel nach Wacken ging oder nicht. Als Klappentext wird diese Geschichte kurz angerissen, was für den Band jedoch leider wenig aussagekräftig ist.

Mein persönlicher „Kleinstadtblues“-Höhepunkt ist unterdessen die Kindheitserinnerung „Feuersalamander“, die sich aufgrund ihres klassischen Erzählstils gepaart mit direkter wörtlicher Rede zu einem unbekannten Gegenüber stilistisch interessant beinahe wie eine protokollierte und kommentierte Gesprächstherapiesitzung anfühlt. Ihr Gegenstand ist, was es mit kleinen Kindern macht, wenn ihre Eltern sie „verschicken“, beispielsweise in ein Ferienlager oder, wie in diesem Falle, in eine Kur. Die kindliche Gefühlswelt des Verlassenwerdens, die Ungewissheit, ob es jemals so wird wie zuvor (auch aufgrund noch nicht ausgeprägten Zeitgefühls), die Konfrontation mit fremden Autoritäten und das damit einhergehende Traumatisierungspotential werden in nahegehender, nachvollziehbarer Weise exakt beschrieben und dürften beim einen oder anderen Leser unschöne Erinnerungen an ähnliche Kindheitseinschnitte hervorrufen.

Erinnerungen an jugendliche Dorferfahrungen mit Stadtmädchen aus dem als Metropole empfundenen Hannover folgen weitere an die Schulzeit, diese bereits eingebettet ins alljährliche Wiedertreffen zu Weihnachten, an deren Ende das drohende Auseinanderbrechen der Clique steht, deren Mitglieder sich in immer weitere Abhängigkeiten begeben und/oder Verantwortung nicht mehr nur für sich selbst (zu) übernehmen (haben).

Ärgerlich ist, dass gleich zwei Kurzgeschichten bereits aus vorausgegangenen Buchveröffentlichungen des Autors bekannt sind: Die Bäcker-Anekdote „Heidesand“ sowie die Ehrerbietung an die dänische Band D-A-D. Diese Wiederholungen ziehen sich leider durch Schäfers schriftstellerisches Œuvre. Ziehen Autor oder Verlag womöglich nicht in Betracht, dass man mehrere seiner Werke liest? Schäfers Rock- und Metal-Affinität (mittlerweile hat er mehrere Bücher zum Thema Heavy Metal veröffentlicht und verdingt er sich als Tonträgerrezensent u.a. für die Fachpostille „Rock Hard“, seine ehemalige Band „Salem’s Law“ war im Bereich des Power Metals anzusiedeln) scheint selbstverständlich auch über D-A-D hinaus immer wieder durch, beispielsweise durch ein Dokken-Zitat, vor allem aber in einer individuellen Auslegung des Thin-Lizzy-Klassikers „Renegade“, die den Interpretationsspielraum derartiger Straßenlyrik vermittelt und aufzeigt, wie sie sich persönlichen Erfahrungen „anpasst“ – wenn es hier auch kein Happy End gibt.

Die im imaginären Giffendorf angesiedelten Erzählungen lassen vermuten, dass es Pfäfflin respektive Schäfer mit seinen Freunden ganz gut erwischt hatte. Dennoch oder gerade deshalb schwingt – wie der Titel bereits suggeriert und das Ende von „Verdreht“ vorausschickte – immer ein gewisses Maß an Melancholie mit, selbst in freudigen Momenten. „Kleinstadtblues“ hat keine Lösungen für langsam alternde, verunsicherte, eventuell auf die Midlife Crisis zusteuernde Männer und ihren Freundeskreis anzubieten, außer der Erkenntnis, dass regelmäßiges Kontakthalten geteiltes Leid vielleicht zu halbem macht und es alte Freundschaften auch deshalb zu pflegen gilt, weil sie gegenseitigen Halt vermitteln, Kontanten in sich immer wieder entscheidend ändernden Leben in einer sich immer weiter verdrehenden Welt sind – hier versinnbildlicht als lange nicht mehr existente, jedoch Fixpunkt und gemeinsame Erinnerung gebliebene Metal-Band. Gerade weil es Schäfer auch gelingt, das dörfliche bis suburbane Lebensgefühl Heranwachsender und schließlich ebendort sesshaft Werdender einzufangen und wortgewandt fühlbar zu machen, erinnert er in seinen besten Momenten fast ein wenig an Stephen King in „Es“ oder „Stand By Me“. Schäfers Lust auf Fremdwörter wurde ein weiteres Stück zurückgenommen, stattdessen fanden einige schöne Metaphern ins Buch mit seinen vielen genauen und klugen Beobachtungen. Der eine oder andere witzige Spruch und ein Semi-Insider-Gag hier und da lockern die mitnichten todtraurige, sondern wie ein guter Blues realitätsverankerte Sammlung angenehm auf; zwischen die alte deutsche Rechtschreibung schmuggelten sich wenige Flüchtigkeitsfehler.

Unterm Strich hat mich „Kleinstadtblues“ – erwartungsgemäß –auf dem richtigen Fuß erwischt und der Grund, weshalb ich es möglicherweise als weniger traurig als andere empfinde, dürfte neben dem dankenswerterweise ausbleibenden Gejammer des Autors und seiner Protagonisten sein, dass ich mir in meiner ähnlich suburbanen Sozialisation manch hier beschriebene Erinnerung und Entwicklung gewünscht hätte. Tauschen möchte ich mit Schäfers Charakteren deshalb jedoch noch lange nicht und die Lesart, dass einem durch Verzicht auf Festanstellung, Heirat und Familiengründung vieles verwehrt, aber auch erspart bleibt, ist bestimmt nicht intendiert, indes möglich.

02.08.2017, Monkeys Music Club, Hamburg: LEFTÖVER CRACK + ALL TORN UP

Dafür, dass ich die New Yorker LEFTÖVER CRACK seit langem zu meinen favorisierten Krachmachern zähle und bereits die Vorgängerband CHOKING VICTIM nach Erscheinen des einzigen Albums schwerstens abfeierte, sehe ich die Band viel zu selten live – zuletzt 2013 (!) im Hafenklang. Letztes Jahr gastierte sie gleich zweimal in Hamburg, doch beide Male musste ich passen. Äußerst unangenehm. Wenngleich der diesjährige HH-Gig auf einen Mittwoch gelegt wurde, ließ ich mir diese Gelegenheit demnach nicht nehmen. So dachten wohl viele, denn das Monkeys wurde rappelvoll. Doch der Reihe nach: An diesem wirklich warmen Augusttag hatten LÖC ihre Stadtgenossen ALL TORN UP dabei, die die Europa-Tour begleiteten. Den ersten Song verpasste ich, der zweite klang noch etwas unorthodox, doch dann gewöhnte ich mich an den hektischen oldschooligen Hardcore-Sound des Quintetts, deren exaltierter Shouter Joey seine Ansagen bisweilen gefühlt länger als die Songs gestaltete, durch sein engagiertes, anstachelndes Auftreten jedoch nicht langweilte. So betonte er u.a. die Wichtigkeit linker Freiräume, lobte die Hamburger Anti-G20-Proteste und huldigte dem FC St. Pauli, denn die Band ist offenbar Mitglied im New Yorker FCSP-Fanclub – was es nicht alles gibt… Während Scherzkekse immer mehr Luftballons aufbliesen und durch Publikum fliegen ließen, motivierte Joey selbiges, mal auf ‘nen Meter ranzukommen und preschte auch mal kräftig durch die Reihen. Er brachte den Pöbel gut in Wallung und sicherte sich den einen oder anderen kräftigen Chor. Keine Luftblase war dann auch das Songmaterial, das mir mit der Zeit immer besser reinlief. Von ALL TORN UP hatte ich zuvor noch gar nichts gehört, es existieren aber einige Tonträger – und unter den Fotos ein Video des Gigs, das ich bei YouTube gefunden habe. Eine echte Überraschung wurde es, als der Drummer das Wort ergriff und sich deutschsprachig als ein gewisser Sören aus Dithmarschen zu erkennen gab, der anscheinend vor einigen Jahren gen USA ausgewandert war – und zahlreiche alte Freunde im Publikum versammelt hatte. Aufgrund von Bassproblemen kam’s leider zu ‘ner längeren Zwangspause, doch gegen Ende gab’s u.a. noch ‘ne spanische Nummer zu hören und der letzte Song wurde dank Mithilfe des neuen LÖC-Gitarristen IRON-MAIDEN-style mit drei Klampfen intoniert. Sympathischer Auftritt und musikalisch guter Anheizer!

Stza versteckte sich noch hinter einer Box, als seine Band ohne ihn mit „Homeo-Apathy“ begann. Danach gab er sich zu erkennen und bewegte sich zu seinem Keyboard, das man ihm aufgebaut hatte und dessen Tasten er sporadisch drückte. Mit dem Bühnensound wirkte er nicht hundertprozentig zufrieden und nuschelte, wenn ich die Wortfetzen richtig zusammengesetzt habe, irgendetwas von einer Erkältung, wirkte auch allgemein irgendwie angeschlagen und etwas neben der Spur. Ob’s am Alkohol oder tatsächlich einem Infekt lag, kann ich nicht beurteilen und es war mir auch egal, denn seine Stimme war, wenn es darauf ankam, präsent, sein Gekreische ging wie gewohnt durch Mark und Bein und die Band zockte ihren archetypischen, höchst individuellen und unverkennbaren Anarcho-/HC-/Ska-Punk-/Core-/Metal-/Folk-Crossover tadellos. Der Mob frohlockte und war gut in Bewegung, die Songauswahl über jeden Zweifel erhaben, noch immer flogen Luftballons durch die Gegend und nicht nur „500 Channels“ und „Infested“ aus CHOKING-VICTIM-Zeiten ließen mich erigieren: Vom (meines Erachtens gegenüber den anderen etwas abfallenden) aktuellen Album „Constructs of the State“ goss man meinen Favoriten „The Lie of Luck“ übers Publikum aus und die ruhigeren, dafür umso tiefer an den Eiern packenden Nummern „Ya Can’t Go Home“ und „Soon We’ll Be Dead“ direkt aneinanderzureihen, erwies sich als hervorragende Idee. Weshalb nach höchstens einer Stunde Spielzeit Stza plötzlich sein unverständliches Gestammel zwischen den Songs verstummen ließ und wortlos die Bühne ver- und ein verwirrtes Publikum zurückließ, das nicht wusste, ob man nun von ihm erwartete, Zugaben zu fordern oder schlicht zu warten, weiß der Geier. Auch der Rest der Band schaute reichlich blöd aus der Wäsche, schien ebenso stehengelassen worden zu sein. Das Hin-und-her-Laufen zwischen Bühne und Backstage von Teilen der Vorband diente vermutlich Vermittlungsversuchen, doch irgendwann schlich auch die Band von der Bühne und das Licht wurde angeknipst. WTF?! Im Anschluss konnte man noch beobachten, wie sich backstage offenbar kräftig gezofft wurde, sogar Gerüchte einer spontanen Bandauflösung machten die Runde. Dem war wohl nicht so, Monkeys-Sam sprach von Tourkoller o.ä. und die Tournee wurde fortgesetzt, reichlich kurios war das aber schon. Stza war ja nun (glücklicherweise) auf der Bühne nie ein strahlender Quell der Lebensfreude, aber solch einen Abgang hatte ich nicht erwartet. Keine Ahnung, was genau da los war, angeblich war die Band auch schon vor’m Gig nicht sonderlich entspannt, hatte ihren Soundcheck deutlich überzogen usw. Doch was soll’s; sicherlich hätte ich gern noch den einen oder anderen Hit um die Ohren geschlagen bekommen, den Überraschungseffekt hatten LÖC dafür auf ihrer Seite und solch nennen wir es mal „spontane Planänderungen“ einer derart erfahrenen Band erlebt man nun weder alle Tage noch alle Abende… Punk bleibt eben unberechenbar 😀

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