Gnnis Reviews

Author: Günni (page 20 of 83)

THE SEX PISTOLS – THERE’LL ALWAYS BE AN ENGLAND Blu-ray/DVD

„I’m a very pretty big cunt!“

Die Scheibe zeigt ein Live-Konzert der Sex Pistols in der Brixton Academy anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“-Albums im November 2007. Es wurde unter der Regie niemand Geringeren als Julien Temples aufgezeichnet, mit dem die Band immer gut konnte und der mit ihr zuvor bereits „The Great Rock’n’Roll Swindle“ und „The Filth and the Fury“ gedreht hatte. Temple gelang es, die gespannte Stimmung vor Konzertbeginn einzufangen. Als „There’ll Always Be an England“ als Intro vom Band ertönt, singt das Publikum dann bereits lauthals mit. Temples Kameras fangen fantastische Publikumsbilder ein, Detailaufnahmen vieler Individuen in der großen Masse, und als Zuschauer begreift man, wie unverzichtbar das Publikum für ein Live-Konzert wie dieses ist, welch gewichtige Rolle es einnimmt. Die nicht mehr ganz junge Band liefert eine einwandfreie Vorstellung, scheint topfit zu sein und Johnny Rotten überrascht mit makellosen hohen Tönen und Vibrato in der Stimme. Obligatorisch ist sein nicht minder unterhaltsamer schnoddriger Humor, der sich durch den Gig zieht. Es wirkt, als habe beinahe jeder, quer durch die Subkulturen, diesem Konzert beigewohnt; ein Indikator für die massive Beeinflussung und Inspiration durch diese Band. Wer Bock auf ‘ne richtig amtliche, hochqualitative „Hochglanz“-Live-Aufnahme der Sex Pistols hat und ihnen zugesteht, auch im mittleren Alter noch die Bühne unsicher zu machen, dem sei diese Blu-ray bzw. DVD wärmstens ans Herz gelegt – zumal sich Rotten im Bonus-Material noch herrlich durch London pöbelt.

05.08.2016, Monkeys Music Club, Hamburg: THE CASUALTIES + TOTAL CHAOS + TOPNOVIL + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

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+ Disi... who?

+ Disi… who?

Am 05.08.2016 (dem Weltbiertag!) bekamen wir die einmalige Gelegenheit, den „Chaos Sound“-Abend im edlen Monkeys zu eröffnen; nachdem zunächst lediglich die US-Bands THE CASUALTIES und TOTAL CHAOS bestätigt waren, kamen sogar noch die Australier TOPNOVIL dazu – volles Programm also. Doch Hamburg wäre nicht Hamburg, hätte nicht auch an diesem Tag ein wahres Überangebot um die Gunst subkulturell interessierten Publikums gebuhlt. So feierte zeitgleich das Hafenklang sein 20-jähriges Bestehen mit einer gleich zweitägigen Party mit Mörder-Line-Up bei freiem Eintritt, lud der Rondenbarg ebenfalls für umme mit seinem allsommerlichen Open Air usw. usf. Ich sah uns als Vorvorband also schon vor leerer Kulisse den Anheizer machen, zumal ausnahmsweise sogar das Wetter mitspielte und sicherlich eher dazu einlud, sich während des lokalen Supports an der frischen Luft zu verlustieren, statt sich unsere Trümmercombo anzutun. Doch der Reihe nach: Überraschend entspannt war Monkeys-Ralf, der unser um eine Stunde verzögertes Erscheinen problemlos abnickte und vor Ort wusste ich auch, warum: Während der eine oder andere Iro- und Nietenkaiser der fremdkontinentalen Kollegen noch den Toilettenbereich zum Kosmetik- und Frisierstudio umfunktionierte, zog Soundmann Steven unseren Soundcheck in Rekordgeschwindigkeit durch, so dass mir noch genügend Zeit blieb, aufgeregt hin und her zu laufen und vorzuglühen. Für die Punkszene unfassbar diszipliniert bot sich bereits pünktlich zum Einlass ein illustres Bild vor der Tür, zahlreiches Volk hatte sich unlängst versammelt und freute sich auf den Krawallabend.

Organized chaos

Organized chaos

Zu den Klängen von seit Stefs Ausscheiden als Live-Intro benutzten „Les Rebelles“ stieß ich nicht minder pünktlich um 21:00 Uhr auf der Bühne hinzu, an der bereits der riesige THE CASUALTIES-Banner angebracht worden war. Den ausgelutschten Gag, uns daher als die Hauptband vorzustellen, ließ ich dann aber doch in der Gifttüte und wir ließen in unserem auf eine halbe Stunde gekürzten Kompaktset vornehmlich die Songs sprechen. „Victim of Socialisation“ und „Montag der 13.“ waren rausgeflogen, alles andere wurde von meinen Mit-Motherfuckers ziemlich souverän rausgepeitscht, deren Shouter (dat bin ich) sich nur einmal kurz verhaspelte und ansonsten mit dem Mikrokabel tanzte. Wir hatten einen Bombensound auf der Bühne, welch ungewohnter Luxus so’ne hochwertige Monitoranlage doch ist… Meine eingangs erwähnte Befürchtung bestätigte sich glücklicherweise nicht; wir blickten auf eine für unsere Verhältnisse (und vermutlich für die vieler als lokaler Support für drei Hochkaräter auftretenden Nachwuchsbands) stattliche Anzahl Interessierter, die sich offenbar gern unsere Auffassung von Remmidemmi in die Löffel blasen ließen und sich irgendwann sogar zu bewegen begannen! Sachen gibt’s…

Zum Sound der sympathischen Aussies von TOPNOVIL war das ein nicht zu knapper Kontrast. Ich hatte die Band vorher gar nicht auf dem Schirm, mir vorm Gig aber mal zwei Alben angehört. TOPNOVIL scheinen, grob umrissen, so etwas wie die RANCID aus Down Under zu sein, wobei es bei ihnen jedoch wesentlich homogener partykompatibel zugeht, während RANCID ja auch gern mal paar schwer melancholische Nummern oder Downer auf ihre Platten hauen. Bereits im vergangenen Jahr beehrten sie das Monkeys, Support durften seinerzeit die großartigen VIOLENT INSTINCT machen. Spätestens seitdem haben TOPNOVIL offenbar eine nicht ungefähre Fan-Basis in Hamburg, die den Gig vom ersten Akkord an zur Party machten – u.a. die berüchtigte Fucktard Crew, die kurzerhand ihr Banner über das des Headliners hängte. Die Band hatte ihre Amp-Koffer am Bühnenrand postiert und balancierte auf ihnen herum, sprang über die Bretter und zeigte generell viel Bewegungsfreude, setzte Energie frei. Der Drummer bewies ‘nen zünftigen Wumms und der Lead-Gitarrist legte feinste Melodien auf das Riff- und Rhythmusgerüst. Der Pöbel dankte es mit Ausdruckstanz und Ovationen. Ungeachtet Angry Andersons aktueller politischer Verwirrtheit coverte man ROSE TATTOOs „Nice Boys“ und ich sach ma: Wenn das heutzutage noch jemand darf, dann Australier. Dem singenden Gitarrero ging zwischendurch die Klampfe kaputt, so dass ein paar Songs mit nur einer Sechssaitigen auskommen mussten, was ihm jedoch wiederum noch mehr Bewegungsfreiheit eröffnete. Ein die Stimmung hochkochender, aufpeitschender Auftritt einer Band, der man sowohl ihre Live-Erfahrung als auch die unbändige Spielfreude zu jeder Sekunde überdeutlich anmerkte. Respekt!

Vanessa Cetin

Vanessa Cetin

Es dürfte die etwas längere Pause bis zum TOTAL-CHAOS-Auftritt gewesen sein, als ich mich übers reichhaltige Buffet hermachte – welches mich wiederum daran erinnerte, dass das ursprünglich mal Hauptintention für mich war, eine Band zu starten 😉 An den Monkeys sind verdammt gute Köche verloren gegangen, am besten parallel ‘nen Imbiss eröffnen! Im Pub-Bereich hatte es sich übrigens VANESSA CETIN eingerichtet, die mit ihrem Akkordeon zum Schunkeln einlud. TOTAL CHAOS aus L.A. überraschten Mitte der ‘90er damit, auf dem Epitaph-Label keine US-typische Punkrock-Richtung einzuschlagen, sondern den guten alten UK-82-HC-Punk-Sound aufzugreifen und in klangtechnischem zeitgemäßem Gewand zu reanimieren. 1996 erschien mit „Anthems From the Alleyway“ indes ein Album, das deutlich Richtung Streetpunk tendierte und die weitere Entwicklung hatte ich gar nicht wirklich mitverfolgt, doch hat man offenbar auf den seitdem fünf Alben zum eigenen Härtnersound zurückgefunden, ihn verfeinert und ausgebaut. Shouter Rob Chaos scheint die Angepisstheit komplett verinnerlicht zu haben und war schließlich auf der Bühne in seinem Element, als die Band vor allem erst mal eines erzeugte: Druck, Druck, Druck! Bei perfektem Klang wurde das Monkeys von einer infernalischen Aggro-HC-Punk-Walze förmlich überrollt, die einen regelrecht an die Wand drückte. Keine Studioaufnahme kann konservieren, was hier live passierte, welche Atmosphäre hier erzeugt wurde und ihren Widerhall in entfesselten Publikumsreaktionen fand. Die zahlreichen, an den D-Beat gemahnenden Beckenschläge strapazierten Nacken und Ellenbogen, das Uptempo mit seinen sägenden Riffs ging durch Mark und Bein und das heisere Gebelle des Shouters machte keine Gefangenen. Zwischendurch sprang ein merklich angeschossener Typ auf die Bühne und okkupierte das Mikro des Claude-Oliver-Rudolph-Lookalikes am Bass, der ihn gewähren ließ. Das war ungeschliffener HC-Punk as fuck, der eine Aura der Zerstörung entfaltete und bewies, wie wichtig es ist, dass dieser Sound weiterlebt und live auf den Bühnen dieser Welt stattfindet. Danach war ich dann eigentlich auch durch.

Doch zum Entspannen blieb nicht viel Zeit, immerhin waren THE CASUALTIES aus New York City der Headliner und forderten noch einmal volle Aufmerksamkeit. Anfänglich, gegen Ende der ‘90er, mit ihrer „Chaos-Punk“ getauften räudigen und trinkfreudigen Mischung aus Street-/Oi!- und HC-Punk noch gern von elitären Polit-Punks als Dummbatzen und Iro-/Spikes-Stylo-Abziehbilder verlacht, gelang es ihnen im Laufe der Jahre mit musikalisch immer versierteren Platten, inhaltlicher Weiterentwicklung, konsequenter Punk-Attitüde und leidenschaftlichen Gigs, Respekt auch über die Szene hinaus einzufordern und zu erlangen. Die Folge ist, dass auch oder gerade erst recht 2016 ein CASUALTIES-Konzert eine große Abrissparty ist, wenngleich die ersten Publikumsreihen nicht mehr unbedingt dem Mohawk-/Spike-Einheitslook anhängen. Auch Shouter Jorge Herrera pfiff diesmal auf die Stachelrübe und sah mit seiner liegenden Matte fast aus wie ein Glam-Metaller. Doch von den Brettern ertönte natürlich der berüchtigte CASUALTIES-Sound mit seinen hektischen Highspeed-Riffs und fiesem Gekeife, aufgelockert durch die eine oder andere Lead-Melodie und Singalongs. Der Mob drehte nun endgültig durch, es ging gut zur Sache und das Monkeys brodelte, feierte die Band und sich selbst. Fragt mich bitte nicht mehr nach Details, aber ich erinnere mich, mich besonders über die alte Kamelle „Ugly Bastards“ gefreut zu haben, an eine Bühneninvasion bei „We Are All We Have“ und einen bärtigen Zottel mit Halbglatze und beachtlicher Bierplauze, der plötzlich auf der Bühne auftauchte. Nachdem mir beim Versuch, jemanden im Pit aufzuheben, ein Typ unglücklich gegen die Hand gesprungen war (was sich im ersten Moment wie ein komplizierter Trümmerbruch anfühlte, sich aber schnell als harmlose Stauchung erwies), hielt ich mich auch angesichts meines eigenen Gesamtzustands eher im Hintergrund und begab mich erst später wieder nach vorne, als die Meute zunehmend erschöpft war und sich stärker aufs Mitgrölen konzentrierte. Erst gegen halb zwei verließen die CASUALTIES die Bühne und hinterließen ein völlig ausgepowertes, aber glückliches Publikum, das an diesem Abend ‘ne echte Vollbedienung bekommen hatte.

Mit allen Bands samt Anhängen ließ sich übrigens prima auskommen, auch backstage hatten wir viel Spaß inne Backen und die Monkeys-Crew hat eine Rutsche Bier nach der anderen nachgelegt. Dafür und natürlich für diese Auftrittsmöglichkeit noch mal fetten Motherfuckers-Dank. Ein legendärer Abend! Und für die Hamburger Subkultur spricht dann ja auch irgendwie, dass sich bei einem solchen eingangs erwähnten Überangebot anscheinend doch an den verschiedenen Orten jeweils genügend Volk versammelt, so dass zumindest in dieser Nacht wohl niemand in die Röhre gucken musste.

Up the Monkeys, up the Punx!

P.S.: Danke auch an Katharina für die Fotos unseres Gigs.
Professionelle TOTAL-CHAOS- und CASUALTIES-Fotos gibt’s bei Kevin Winiker.

30.07.2016, Menschenzoo, Hamburg: IRISH HANDCUFFS + RESOLUTIONS

resolutions + irish handcuffs @menschenzoo, hamburg, 20160730

Als ich an diesem Samstag gegen 22:00 Uhr den Menschenzoo mit meinem, äh, „DJ-Equipment“ unterm Arm betrat, war ich doch erstaunt, Martin am Eingang lungern und Norman hinterm Mischpult fummeln zu sehen: Des Rätsels Lösung: Obwohl eigentlich gar kein Konzert angesagt war, fand nun spontan doch eines statt. Das (mir unbekannte) „Downpour“-Fanzine hatte kurzfristig die Releaseparty seiner vierten Ausgabe und seines „Friend or Pho“-Tonträgers in den Menschenzoo verlegt, zwei Bands spielten live zum Tanze auf und boten somit auch der aus sämtlichen Provinzen anlässlich der soundsovielten „Turbojugend-Tage“ auf den Kiez gereisten Denim-Fraktion Rock’n’Roll für’n schmalen Taler. So sei es, also Plünnen abgelegt, Darm entleert und mal gelauscht, was da so passiert. In aller Kürze:

Der Zoo war zu 50 bis 66,6 % Prozent gefüllt, als die RESOLUTIONS aus Hannover soundtechnisch ‘ne Mischung aus THE GASLIGHT ANTHEM und LEATHERFACE auffuhren. So was ist natürlich nach erstmaligem Hören immer schwer zu beurteilen; hier und da grub sich ‘ne nette Melodie ins Ohr. Insgesamt hätt’s etwas mehr arschtreten dürfen, das Midtempo war auf Dauer nicht der letzte Schrei. Dafür war‘s aber spielerisch sehr souverän, angenehm unprätentiös und alles in allem sicherlich nicht schlecht – wenn es auch etwas schwer fiel, sich nicht vom Hipster-Look des Sängers irritieren zu lassen.

In der Umbaupause durfte ich dann endlich ein paar Krawallsongs aus der Konserve durch die P.A. jagen, bevor die IRISH HANDCUFFS aus Regensburg mit ziemlich unirischem, US-lastigem Melodic-/Skate-Punk (oder so) mehr aufs Tempo drückten als ihre Kollegen zuvor. Naturgemäß stieg dadurch die Stimmung, die Songs gingen leicht ins Ohr, jedoch ähnlich schnell wieder raus, für den gut angepoppten Melodic-Kick zwischendurch war’s aber ok. Auf Dauer nervte lediglich der nölige Klargesang, da hätte ich mir mehr aggressivere, dreckigere, druckvollere Parts gewünscht. Dass der Sänger das kann, bewies er leider nur sporadisch.

Im Endeffekt beherrschen beide Bands das, was sie machen, sicherlich ziemlich gut, mir persönlich fehlten einige Ecken, Kanten und Alleinstellungsmerkmale. Gut möglich jedoch, dass sich aus der Konserve die Songs nach und nach erschließen und sich diverse Hits herauskristallisieren. Freunde des jeweiligen Subgenres könnten fündig werden. Zurück an meiner Musiksammlung, trennte ich mittels fiesem Hardcore u.ä. die Spreu vom Weizen und wer blieb, bekam im Anschluss ordentlich wat zu Tanzen. Und tatsächlich wurd’s ‘ne amtliche Party. Ich weiß nicht, wie hoch der Turbojugend-Anteil war, aber die Gäste von außerhalb fielen überwiegend positiv auf, feierten, wie es sich gehört und trugen zusammen mit vielen berüchtigten einheimischen Trunkenbolden dazu bei, dass die Nacht ganz nach meinem Geschmack verlief und sich für alle gelohnt haben dürfte. Dabei musste ich noch nicht mal TURBONEGRO auflegen – und von NASHVILLE PUSSY, den TURBO A.C.‘s, PETER PAN SPEEDROCK oder ähnlich überbewerteten Kapellen hab‘ ich immer noch nix 😛

28.07.2016, Vorland, Hamburg: BURT + UPPER CRUST

burt + upper crust @vorland, hamburg, 20160728Wilhelmsburg – Elbinsel, Migrantenhochburg und seit mittlerweile doch geraumer Zeit auch Heimat woanders weggentrifizierten subkulturellen Jelumpes. Alteingesessen ist die Honigfabrik und die Zugezogenen organisieren regelmäßig Konzerte in der Fährstraße, doch das „Vorland“, wo an diesem Abend (die nichts mit Heinz Burt zu tun habenden und auch nicht „just like Eddie“ spielenden) BURT aus dem Saarland sowie die Hamburger Nicht-Crusties UPPER CRUST auftreten sollten, war mir neu. Die Wegbeschreibung klang irgendwie wenig vertrauenserweckend, aber auch neugierig machend konspirativ: Erst mal mit dem Schienenersatzverkehr auf die Insel, vorbei an ‘nem Asylbewerberheim und einer dicken Frau mit freilaufendem, schlecht hörendem Rottweiler, zu Fuß vor bis zur Autobahn und anschließend ein Loch im Gebüsch suchen, durch das es behände zu schlüpfen gilt. Letztendlich nichts, was mich abhalten könnte und als mich näherte, schallten UPPER CRUST schon gut durch die (von einer Regenattacke durchnässten) Botanik, wodurch sie mir die letzten Meter wiesen. Das Gelände erwies sich als eine Art Kleingartenparzelle mitten im Grünen mit kleiner Bühne, Tresen etc., wo sich für einen Donnerstagabend irgendwo in Nirgendwo eine beachtliche Zahl Interessierter zusammengefunden hatte. UPPER CRUST hatten anscheinend gerade angefangen, ihren deutschsprachigen HC-Punk mit ‘80er-Hektik-/Mosh-Metal-Einflüssen runterzuzocken und mussten leider auf ihren Sänger verzichten, der krank das Bett hütete, traten also wieder in der alten Dreierbesetzung an, in der sich der Gesang vornehmlich auf Drummer Lars und Klampfer Tommy verteilt. Der Sound war recht klar und druckvoll und die Performance garstig wie eh und je. Zwischendurch riss Jörg eine Basssaite, was aber schnell geflickt werden konnte. ‘ne Zugabe gab’s auch und laut Lars habe man sich wohl den einen oder anderen Lapsus erlaubt, wovon ich aber bis auf eine Ausnahme nichts mitbekommen habe. Auch zu Dritt wieder geile Scheiße für Freunde der gröberen Kelle!

In der Umbaupause erklärte man mir, dass dieser Ort wohl hauptsächlich für Elektroveranstaltungen genutzt werde und Punk/HC-Konzerte die Ausnahme seien. Das ist zwar bedauerlich, hielt mich aber auch nicht davon ab, mir das eine oder andere Dithmarscher zum „Zahl so viel du willst“-Preis einzuverleiben und langsam auf Temperatur zu kommen. Allzu lange sollte der offizielle Teil des Abends aber nicht mehr andauern, denn die als „Highspeed-Punk“ angekündigten BURT zockten ‘ne Art Powerviolence, was in diesem Fall ultraschnelles Gedresche sekundenkurzer Songs bedeutete, deren Übergänge sich allenfalls erahnen und sich schon gar nicht auseinanderhalten lassen, abgesehen vom einen oder anderen langsam Intro oder abfedernden Mosh-Parts. Der Shouter legte eine Psychopathenfresse auf und wurde leider meist von der Gitarre übertönt. Nach maximal 20 Minuten war der Spuk auch schon vorüber, wonach sich der Witz dann wohl auch spätestens abgenutzt hätte. Wohldosiert macht mir so’n Zeug aber durchaus auch Spaß und die Vorstellung, dass so’ne Band für 15-minütige Auftritte quer durch die Republik gurkt, gefällt mir.

Der Eintritt war übrigens frei, gegen Ende des Gigs ging der Spendenhut um. Angenehmerweise wurde man im Anschluss nicht gleich fortgejagt, im Gegenteil: Eine nicht unbeträchtliche Anzahl Menschen, unter die sich auch einige Flüchtlinge gemischt hatten, blieb vor Ort, führte diverse mehr oder minder gehaltvolle Gespräche, machte sich weiter über die Getränkevorräte her und ließ sich von den Mücken zerstechen. Die Organisatoren spendierten irgendwann sogar das reichlich übriggebliebene Band-Essen, bis wir in mittelgroßer Runde schließlich eine Spelunke für ‘nen gediegenen Absacker in Wilhelmsburg-City suchten, was sich als gar nicht mal so einfach erwies. Allerdings hatte ich auch längst vergessen, dass es ja noch nicht mal Wochenende war und letztendlich kam sowie alles anders… Spitzenabend in außergewöhnlichem Ambiente – bis auf die scheiß Mücken!

23.07.2016, Alternative Jugend Parchim e.V.: PROJEKT PULVERTOASTMANN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Der Alternative Jugend Parchim e.V. veranstaltete am 23.07. eine Party auf seinem Gelände und unsere Kumpels von PROJEKT PULVERTOASTMANN hatten eingetütet, dass wir dabei sind. Der Hinweg führte durch gruselige MeckPomm’sche Dörfer, die mit NPD-Plakaten regelrecht zugekleistert waren und viel von Parchim bekamen wir schließlich gar nicht erst zu sehen, da wir quasi direkt am Stadtrand auf ein ehemaliges LPG-Grundstück einbogen, das der Verein mit viel Liebe zum Detail für seine Zwecke hergerichtet hat. Ein großzügiges Scheunen-Areal beherbergt Konzert-/Partysaal, Kneipe, Backstage-Räume etc. und wir fanden überraschend professionelle Verhältnisse vor: Die Bühne mitsamt Technik war bereits komplett aufgebaut, wir brauchten nur noch unser Zeug anzuschließen. Der heiße Sommertag ließ uns die meiste Zeit draußen bei Sternburg Export (endlich mal wieder) verweilen, ab und zu trieb uns das kalte Büffet in den Backstage-Bereich. Irgendwann traf dann auch der Soundmann ein, ein alter Indianer im LED-ZEPPELIN-Shirt. Dieser wusste, was er da tat und geriet lediglich etwas aus der Ruhe, als direkt die Sicherung rausflog, nachdem wir gemeinsam einen Song angestimmt hatten. Sobald bischn was umgesteckt worden war, hielt der Stromkreis aber auch unserem Sound stand und wir konnten uns wieder dem gemütlichen Teil solcher Tage widmen. Die Kassendame malte Wunschmotive auf die Handrücken, war mit meinem kackenden Einhorn aber überfordert – immerhin bekam ich den Kothaufen. Allzu viel Gelegenheit, sich künstlerisch zu betätigen, hatte sie indes leider nicht, denn dort im Niemandsland boxte nun nicht gerade der Papst in Nietenkutte. Dafür hatten wir einen Bombensound, der selbst PULVERTOAST-Snorre die zweite Gitarre vergessen ließ, meine Stimme war wieder voll da und aktuelle Ereignisse der letzten Zeit wie Amokläufe, geplante Morde und auf Cops zielende Heckenschützen boten reichlich Stoff für Ansagen. Zeit für eine Live-Premiere: „Ghettoromantik“, unsere Liebeserklärung an den Plattenbau, ertönte als Zugabe erstmals in Parchim und lief noch nicht 100%ig rund, ansonsten haben wir uns glaube ich aber lediglich bei „Victim of Socialisation“ die Blöße gegeben, indem ich den letzten Refrain ignoriert habe… Doch weitaus mehr nervte mich, dass ich geschwitzt habe wie ein Schwein und mein Handtuch vergessen hatte.

PROJEKT PULVERTOASTMANN sorgten dann aber dafür, dass ich mich weder entspannt unters Sauerstoffzelt noch in die Eistonne legen konnte, denn ihr aufpeitschender, aggressiver HC-Punk weckte einmal mehr verborgene Kraftreserven und so konnte man sich noch mal so richtig austoben. Eine Abrissbirne nach der anderen schwang von der Bühne und nahm keinerlei Rücksicht auf Leib und Leben. Insbesondere Shouter Snorres Kondition ringt mir Respekt ab. „Knüppel aus’m Sack“, „Meute“, „ACAB“ und wie sie alle heißen sind bekannte Hits des Debüt-Albums „Kein Frieden“ und ein, zwei neue Stücke waren auch darunter. Sauber hingeknüppelt und rausgerotzt, da gibbet ma gar nix dran zu kritisieren! Backstage stieg dann noch ‘ne kleine Party zusammen mit Einheimischen sowie mitgereisten Leuten von START A RIOT und ASIMATRIX, bis wir uns auch über die letzte Kiste Sterni des Hauses hermachten. Entsprechend originell dann auch die Aufteilung der Pennplätze: Fahrer Eisenkarl beanspruchte gleich den kompletten Matratzenstapel für sich, Dr. Tentakel zwängte sich ins Auto, ich blieb der Einfachheit halber gleich auf einem der Sofas und Kai legte sich aufs Trampolin im Garten (!), wodurch man ihn am nächsten Morgen auf kreative Weise wecken konnte. Die Rückfahrt verlief flott und unspektakulär und der Navi lotste uns dankenswerterweise um einen Megastau herum. Ein Hoch auf die moderne Technik!

So’nen kleinen Gig im Fascho-versuchten Hinterland für Leute zu spielen, die dort bleiben, sich redlich wehren und sich den Arsch aufreißen, um echte Alternativen zu bieten und die Underground-Punkrock/HC-Fahne hochzuhalten, ist echt noch mal was anderes, als stets den eigenen Kiez zu bedienen und uns ein besonderes Anliegen und Vergnügen. Unsere Anerkennung gebührt dem Alternative Jugend Parchim e.V., dem wir weiterhin viel Durchhaltevermögen und ein dickes Fell wünschen! Danke für die Einladung und Grüße an alle, die dabei waren!

22.07.2016, Hamburg, Menschenzoo: PROTESTERA + EAT THE BITCH

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Nachdem mir eine Freundin um die Weihnachtszeit herum die Hamburger HC-Punk-Band EAT THE BITCH ans Herz gelegt hatte, war ich neugierig geworden. Tatsächlich hatte ich nach Ende meiner (für meine Verhältnisse) Konzertflautenzeit ja die meisten der aktuell aktiven HH-Underground-Punkbands mind. einmal live gesehen, EAT THE BITCH waren mir bislang aber immer durchgeflutscht. Am 13.02. hätte es im Menschenzoo eigentlich soweit sein sollen, doch leider fielen sie verletzungsbedingt aus. Am 22.07. dachte ich mir dann „Jetzt oder nie!“, wenngleich mir das Datum strenggenommen schon wieder nicht ganz in den Zeitplan passte. Egal, denn mittlerweile hatte ich mich längst mit dem Material der Band befasst und hatten mich die kurz zuvor ins Netz gestellten brandneuen Aufnahmen umso neugieriger gemacht.

Der nach wochenlangem Schmuddelwetter nun sehr schwüle Freitag lud nach einem Abstecher zur Protestaktion an der Hafenstraße ein, so lange wie möglich vor dem Menschenzoo „Platte zu machen“, statt sich in den Keller an den Tresen zu begeben oder sich am Kicker zu vergnügen. Auffallend war, wie viel weibliches Publikum diese Bandkombination anzog. So wurden die ersten Ratsherrn geköpft (klingt doch gut, diese Formulierung…), bis EAT THE BITCH vor die Bühne baten, um den Schweißausstoß endgültig auf die Spitze zu treiben. Von der ersten Sekunde an gab’s derben, rauen, unprätentiösen HC-Punk ohne Umwege auf die Zwölf. Sängerin Jona singt auf den neuen Aufnahmen noch mal extremer, aggressiver als früher und dementsprechend auch auf der Bühne, angenehmerweise ohne auf ein dezentes melodisches Timbre zu verzichten, was einen zusätzlichen Wiedererkennungseffekt bewirkt. Die Texte verfügen über eine düstere, desillusionierte Note (die neue Scheibe heißt dann auch „Desillusioniert“) und unterscheiden sich generell stark von Parolengedresche oder abgegriffenen Klischees. Die sich vornehmlich mit politikbedingten Missständen auseinandersetzenden Lyrics empfinde ich mitunter als noch etwas holprig, die persönlicher geprägten sind hingegen exakt nach meinem Geschmack! Soundmann Norman zauberte einen glasklaren, differenzierten Sound, so dass Gitarre und Bass kräftig wummerten und sägten, die (ebenfalls von Damenhand bedienten) Drums druckvoll kesselten und Jonas Stimme durch Mark und Bein ging. Die zahlreich erschienenen Anwesenden dankten es mit ausgelassener Stimmung, Applaus und der eine oder andere legte trotz der Temperaturen grobmotorische Tanzschritte aufs Parkett. So geil die neuen Aufnahmen auch sind, mein Favorit bleibt „Fressen & kotzen“ vom Demo, ohne den man erschreckenderweise die Bühne verlassen wollte. Ohne Rücksicht auf den konditionellen Zustand der Band zu nehmen, mischte ich den Titel unter die „Zugabe“-Rufe. Diese wurden dann auch erhört und Jona durfte noch einmal beweisen, wie unfassbar schnell sie singen kann. Diese astreine Gänsehautnummer ist der reinste Zungenknoter. Sogar ‘ne weitere Zugabe war noch drin: „I Saw You Die“ der Hannoveraner NEUROTIC ARSEHOLES, der ebenfalls prima ins Set passte. Dumm nur, dass ich den gefühlt 100 Jahre nicht mehr gehört hatte und zwar die titelgebende Zeile prima mitsingen konnte, den Rest aber nicht und so auf phantasieenglisches „blablabla CRY!“ zurückgreifen musste, als Jona mir aufmerksamerweise das Mikro vorhielt („And I Began to Cry“ wär’s gewesen). Wie unangenehm 😀 Meine positive Erwartungshaltung wurde voll bestätigt, EAT THE BITCH reihen sich vorne in eine ganze Reihe Hamburger Underground-Band aus der Punk- und HC-Ecke ein, die dafür sorgen, dass die lokale Szene zumindest in Sachen Livemucke seit einiger Zeit wieder so viel Spaß macht!

Nach äußerst erholsamer Pause an der guten alten Frischen war es an PROTESTERA aus Göteborg, den Energielevel wieder nach oben zu peitschen. Die Anarcho-/HC-Punkband gibt’s glaube ich bereits seit Ende der ‘90er und hat meines Erachtens 2010 ‘ne deutliche Metal-Kante bekommen. Den Hauptgesang übernimmt die Bassistin, die sich jedoch häufig mit einem der beiden Gitarristen abwechselt, die Texte sind überwiegend in Landessprache gehalten. PROTESTERA verfügen über eine bissige, kämpferische Attitüde, die im Auftreten und natürlich in den Ansagen der Band zur Geltung kommt, auch ohne die Texte zu verstehen. Was ich aus der Konserve als auf Dauer etwas gleichförmig und monoton empfunden habe, kam bei diesem Live-Sound sehr kompakt und zwingender rüber, so dass auch dieser Gig gut ins Bein ging. Das hatte ich mir im Vorfeld irgendwie schablonenhafter vorgestellt, doch so kann man sich täuschen. Die Mischung aus Aggressivität, positivem Kampfgeist und musikalischer Vollbedienung zwischen hektisch, brachial und atmosphärisch lief mir an diesem Abend ausgezeichnet rein, wozu abermals die von wenigen Momenten abgesehen gute Stimmung im Menschenzoo beitrug. Aber auch andere Faktoren trugen zu meiner Euphorisierung bei – beispielhaft seien nur die kopflosen Ratsherrn genannt, aber auch meine Vorfreude auf den nächsten Abend –, so dass ich jegliche Objektivität weit von mir weise. Angesichts all dessen lud der Menschenzoo ein, noch das eine oder andere Stündchen zu verweilen, doch Pflicht und Vernunft riefen, also sieben Sachen inkl. EAT-THE-BITCH-Merch (leider kein weißes T-Shirt in meiner Größe mehr), „Feierabendbier“ und an diesem Sommerabend unnützer Jacke zusammengesammelt und zurück in den eigenen Atombunker, bevor es am nächsten Nachmittag mit DMF in den wilden Osten ging…

15.07.2016, Gängeviertel, Hamburg: Hannes‘ und Günnis Birthday Disaster mit UPPER CRUST + THRASHING PUMPGUNS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

upper crust + thrashing pumpguns + disillusioned motherfuckers @gängeviertel, hamburg, 20160715 01Als mich der gute Hannes auf dem „Metal Bash“ fragte, ob ich nicht Bock hätte, mit DMF auf seinem Geburtstag am 15.07. im Gängeviertel zu zocken, staunte ich nicht schlecht, fiel das doch auch genau auf meinen! Zwillinge, bei der Geburt getrennt? Mitnichten, dafür bin ich viel zu jung… äh… Wie auch immer, jedenfalls waren wir natürlich dabei, um gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Hannes‘ Ehrentag zu feiern, meinen zu feiern, unser ausgefallenes Konzert mit UPPER CRUST nachzuholen und endlich unseren Live-Einstand in der neuen Besetzung mit Eisenkarl am Viersaiter zu geben. Als dritte Band konnte Hannes die Hamburger Metal-Punks THRASHING PUMPGUNS verpflichten. Zwischen 18 und 19:00 Uhr fanden sich an jenem zumindest etwas sommerlicheren Freitag schließlich nach und nach die Bands ein, wobei ich mich praktischerweise direkt nach der Arbeit zum Ort des Geschehens begeben konnte, während die übrigen Motherfucker mitsamt Kais Herzdame Jana und dem Equipment per Taxi anreisten (was den Taxifahrer offenbar leicht verstörte). Shakehands, Aufbau, Soundcheck, Nudelsalat, Dithmarscher und Jever – und mich von den Bandkollegen mit Geschenken wie dem „Selbstmord-Quartett“, dem „schwarzen Hamburg-Buch“ und Bud Spencers Autobiographie überhäufen lassen! Gegen 22:00 Uhr war’s dann gut gefüllt und wir bliesen zur Live-Premiere in aktueller Vierer-Besetzung, reduziert auf nur noch eine Klampfe. Bischn ungewohnt war es nach so langer Live-Abstinenz ja schon, ein komplettes Set ohne Kippenpause oder Toilettengänge durchzuziehen, Ansagen zu machen etc… Ich war im Vorfeld plötzlich wieder aufgeregt wie vor dem ersten Gig und meine Stimme war glaube ich durch die Probe am Abend zuvor nicht 100%ig auf der Höhe, dafür kamen wir aber schneller auf den Punkt, die Pausen zwischen den Songs wurden deutlich reduziert und an den Instrumenten waren wir souveräner als oftmals früher. Einen Songauftakt haben wir verkackt, aber ansonsten lief alles ohne gröbere Schnitzer – das lässt für die Zukunft hoffen, wenngleich vielleicht noch etwas am Sound gefeilt werden muss, um maximalen Druck mit nur noch einer Gitarre zu erzeugen. Das Ziel, räudigen Hatepunk möglichst ungehobelt herauszurotzen, darf jedenfalls als erreicht betrachtet werden.

Über zwei Gitarren verfügten dann die THRASHING PUMPGUNS, die den guten alten Hektiker-HC/Punk/Metal-Crossover-Sound ins Gängeviertel trugen. Shouter Rolf hielt es nicht lange auf der Bühne und sorgte stattdessen für Bewegung im Publikum, es wurde gebangt, gemosht und erstmals an diesem Abend mit Bier gespritzt. Bei „Too Old to Skate“ wurde ein Mikro ins Publikum gereicht und ich änderte den Text kurzerhand in „Too Drunk to Fuck“ um. Auf der Bühne sah man in erster Linie Gitarrenhälse und wild umherfliegende Haare, dazu pumpte im Hintergrund der unerbittliche Pumpgun-Beat eines der härtesten Drummer Hamburgs. Geile Show einmal mehr, die in aller gebotenen Kürze ein Maximum an Songs, Riffs und Themen unterbrachte. Rufe nach Zugabe verhallten jedoch ungehört; die Pumpguns nachzuladen pflege man grundsätzlich nicht, gab Rolf zu Protokoll.

Als UPPER CRUST an Position drei durchgereicht wurden, hatte ich ja ein leicht ungutes Gefühl, da ich bereits ein, zwei Mal erlebt hatte, dass es eine etwas undankbare Aufgabe sein kann, als letzte Band des Abends im Gängeviertel ran zu müssen. Viele Leute hatten in der Vergangenheit da bereits die Segel gestrichen. Bullshit, UPPER CRUST spielten um ihr Leben und rissen alles ab! Seit Kurzem um einen Shouter verstärkt, ist viel mehr los auf der Bühne und wirken die an alte D.R.I. etc. erinnernden HC-Punk-Eruptionen mit Mosh- und Crossover-Kante noch kompakter. Da wird giftig gekeift, wild geschrubbt, gehämmert und genagelt und Basser Jörg zappelt tranceartig zu seinen Tieftönen. Der nach wie vor vollzählig anwesende Mob drehte nun richtig durch und bescherte der Band verdientes „Headliner-Feeling“, auch ich stürzte mich ins Getümmel. Das war wohlgemerkt gar nicht mal so ohne, denn der Boden war arschrutschig und einmal hätte ich beinahe eine junge Dame unter mir begraben. Die Stimmung war auf ihrem Siedepunkt, die Temperatur ebenfalls und ohne Zugabe ließ man niemanden mehr von der Bühne. UPPER CRUST zockten drei Stück und besiegelten damit einen ihrer m.E. besten Gigs!

Im Anschluss wurde weitergefeiert, bis man uns ganz Hartnäckige zusammen mit dem Unrat hinausfegte, doch nebenan hatte die Gängeviertel-Punkbar noch geöffnet, die ebenfalls ausgetrunken wurde. Es war ein wahrlich desaströses Birthday-Disaster und an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an alle Beteiligten und Verantwortlichen, insbesondere natürlich an Hannes, das gesamte Team der Gängeviertel-Konzert- und Kneipengruppe und alle Bands! Genial auch, dass manch Gesicht, das ich dort nun so gar nicht erwartet hatte, überraschenderweise auftauchte und meinen bzw. unseren Geburtstag mitfeierte. Ich kam das Wochenende gar nicht mehr aus dem Feiern heraus und zog ausnahmsweise zwei Tage durch. Außerdem danke an Jana und Bolanow-Christian für einen Großteil der Bilder. So macht Älterwerden Laune!

Weitere Fotos gibt’s dort:
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=> Upper-Crust-Facebook-Album I
=> Upper-Crust-Facebook-Album II

09.07.2016, Wohlwillstraßenfest, Hamburg: PLASTIC PROPAGANDA + DER UNFUG UND SEIN KIND

wohlwillstraßenfest 2016

Das Wohlwillstraßenfest, das sich über diverse Straßen nördlich der Reeperbahn erstreckt, ist eines der angenehmsten seiner Art. Ich weiß nicht, wie lange es bereits existiert, aber die letzten beiden Jahre habe ich als äußerst lohnend in Erinnerung: So etwas wie das weniger überfüllte Schanzenfest, zudem ohne Bullenterror oder Krawalltouristen. Straßenfest-Obligatoria wie Verzehrstände, Hüpfburgen etc. gehen dort einher mit politischem Anspruch, der sich in Form von Infoständen zu unterschiedlichen Missständen äußert, sowie einem schönen Flohmarkt, auf dem ich regelmäßig Vinyl abgreife. Auch die Angebote fürs leibliche Wohl heben sich deutlich von anderen Veranstaltungen ab und so lassen sich hier z.B. zum von Flüchtlingen hergestellten und verkauften Veggie-Döner leckere Cocktails vom True-Rebel-Stand schlürfen. Zunächst einmal führte mich die anfängliche Stippvisite meiner Begleiter in den Silbersack jedoch in regen Austausch mit Besitzer Dominik, so dass ich tatsächlich schon mittags mein erstes Astra genoss. Vom auf 12:00 Uhr ausschläferfreundlich angesetzten Straßenfest verpassten wird dadurch aber nicht viel; das Abklappern aller Flohmarktstände nahm viel Zeit in Anspruch und wurde immer wieder durch kurze Schnacks mit Bekannten unterbrochen. Das Wetter spielte – in diesem Sommer ausnahmsweise – auch mit, also sprichwörtlich alles eitel Sonnenschein (mal abgesehen von diesem einen Himmelhochjauchzendzutodebetrübt-Moment, als sich das falsche Vinyl in der richtigen Hülle befand und man so leider nicht ins Geschäft kam).

wohlwillstraßenfest,-20160709_163107Am Nachmittag gesellten wir uns zur Live-Bühne in der Paulinenstraße um die Ecke vom Jolly Roger, wo neben günstigem Getränkeausschank gegrillte Veggie-Steaks im Brötchen angeboten wurden und sich der subkulturelle Dreh- und Angelpunkt des Fests bildete. Bei der Bühne handelte es sich wie gewohnt um die Ladefläche eines Lkws, wobei das B5, vor dessen Bühnen der Liveteil letztes Jahr stattgefunden hatte, anscheinend diesmal zeitweise parallel eigene Bands auf eigener Bühne spielen ließ, u.a. war wohl von einer türkischen Ska-Band die Rede. Davon bekam ich aber nichts mit und auch die Eröffnung der Paulinenstraßen-Live-Party mit NEOPIT PILSKI (dürfte so Singer/Songwriter-Mucke gewesen sein), lief noch größtenteils an mir vorbei. Ähnliches gilt für KATARRH, die mir ebenfalls rein gar nichts sagten und ich glaube arg rustikalen HC-Punk mit kehligem Gegröle als Gesang zockten, während der Bassist kurioserweise permanent dem Publikum dem Rücken kehrte. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt schließlich DER UNFUG UND SEIN KIND, entweder umbenannt oder nur auf dem Flyer radikal gekürzt in UNFUG, einer der vielleicht Promo-faulsten Punk/HC-Bands Hamburgs. In Trio-Besetzung gab’s hier 100%ig schnörkellosen Hardcore mit größtenteils englischen Texten um die Ohren geprügelt, der an ‘90er-Groove-Zeug erinnerte, dafür aber in seiner Kompromisslosigkeit herrlich spröde und knochentrocken durchgebolzt wurde. Shouter und Gitarrist Beastar entledigte sich für den Gig seines Shirts und beschränkte die Kommunikation mit dem Publikum darauf, kurz nachzufragen, ob der Sound so ok sei. Die einzige Ansage lautete schlicht „Letzter Song, keine Zugabe!“ und war auch noch verkehrt, denn mit dem wüstesten und ich glaube einzigen deutschsprachigen Song „HC Farmsen“ folgte eine ebensolche. Schönes Ding und von mir aus gern mal öfter.

Die längeren Umbaupausen luden ein, sich zwischenzeitlich immer wieder auf Jolly Roger, Kiosk, Bier- oder Cocktail-Stand zu verteilen und zu PLASTIC PROPAGANDA kam ich dann auch tatsächlich etwas zu spät, was u.a. am zwischenzeitlichen Regenschauer lag, ganz ohne den es diesen Sommer nicht zu gehen scheint. Mit zwei Gitarren wurd’s nun für den Mischer auch etwas anspruchsvoller, was den Umständen entsprechend aber m.E. ganz gut gelöst wurde. Die Stimmung war gut, vor der Bühne tanzte eine Gruppe verkleideter Kinder und die Band dürfte die meistfotografierte des Tags gewesen sein – was nicht zuletzt an ihrem äußeren Erscheinungsbild liegen dürfte, beim dem anscheinend nur wenig dem Zufall überlassen wird. Als Hits der Neo-’77-Punks erwiesen sich während dieses meines zweiten Live-Eindrucks „Bullshit Limbo“ und „Propaganda Superpower“ (noch besser als auf Platte!). PLASTIC PROPAGANDA sind stilistisch mit ihren zwei halbclean gespielten Klampfen allein schon deshalb interessant, weil sie sich an anderen ’77-Ikonen als den SEX PISTOLS oder RAMONES orientieren, wie es so viele andere taten und tun. Auch der weiblich-männliche Wechselgesang ist fast so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Neben etwas mehr Dreck fehlt mir hier und da vielleicht noch etwas der letzte Melodie-Kick, das aber eigentlich auch nur, weil das große Potential aus jedem Akkord erklingt. Während ich das hier schreibe, läuft das Album gerade mal wieder durch und bestärkt mich ebenso wie der Gig im Vorhaben, mir PLASTIC PROPAGANDA alsbald gern wieder anzuschauen.

Mein anderes Vorhaben, nämlich rechtzeitig den Absprung zu schaffen, konnte ich in die Tat umsetzen, verzichtete auf den letzten Act WOLLE POLLE und begab mich zurück nach Hause. Wo ein Wohlwill ist, ist auch eine Straße!

02.07.2016, Hochbunker, Kiel: THE GUV’NORS + BOLANOW BRAWL + I.N.A.B.

guv'nors,-the-+-bolanow-brawl-+-i.n.a.b.-@hochbunker,-kiel,-20160702Eigentlich sollte es ein dänischer Abend mit deutschem Support werden, doch LAST SEEN LAUGHING hatten sich leider spontan aufgelöst. Micha von „Tribes of Gaarden – Subculture Concerts“ fragte daraufhin bei uns an und glücklicherweise konnten wir relativ kurzfristig einspringen. Auf einen Gig in Kiel hatten wir schon länger wieder Bock und ein besonderer Bezug ist allein schon dadurch gegeben, dass 3/5 der Band ursprünglich aus jener schleswig-holstein’schen Metropole stammen und Ole noch immer seinen Hauptwohnsitz dort hat. Während wir kurzerhand mit der Bahn anreisten, hatte Ole das Equipment bereits im Kofferraum und war pünktlich um 19:00 Uhr am Hochbunker im Kieler Arbeiter-Stadtteil Gaarden, stand jedoch erst mal am falschen, nämlich dem verschlossenen Eingang. Als wir kurz darauf eintrafen, war der schon wieder weg und seine fragenden Nachrichten und Anrufversuche erreichten uns ebensowenig wie unsere Nachfragen ihn, da man innerhalb des Bunkers tatsächlich NULL Empfang hat. Mit etwas Verspätung fand man dann aber doch noch zueinander und wuchtete das Zeug in den rustikalen Bau. Im Bunker, den unterschiedliche Veranstalter für unterschiedliche Veranstaltungen nutzen können, roch es etwas befremdlich, da irgendwelche Elektro-Hippies zuletzt mit irgendwelchen Räucherkerzen u.ä. herumhantiert hatten, anzusiedeln irgendwo zwischen Wunderbaum und alter Pisse. Doch auch daran hatten sich unsere feinen Nasen bald gewöhnt und während ich mir schon Janas schmackhaftes Veggie-Chili mit frischem Brot beim ersten (ok, zweiten) Bierchen reinschaufelte, bauten die Jungs ihr Zeug auf und suchte Raoul verzweifelt nach einer Alternative zum vor Ort vorhandenen, zu niedrigen Drumhocker. Als auch dieses Problem wegimprovisiert worden war und schließlich der emsige lokale Mischer und Bühnentechniker alles vorbereitet hatte, war noch ausreichend Zeit für einen vernünftigen Soundcheck und letztlich alles im grünen Bereich.

Langsam aber sicher trudelten auch die ersten Gäste ein und das Frankfurter Duo (!) I.N.A.B., was wohl für so viel wie „Ih, Nudel auf Boden“ (?!) steht, sollten den Abend eröffnen. Obwohl’s eigentlich nicht unsere Art ist, hatten wir diesmal andere Pläne, immerhin war EM-Viertelfinale und Jogis Kicker spielten gegen die italienische Auswahl. Also vereinbarten wir ‘ne Uhrzeit mit Micha und begaben uns auf die Suche nach einer Gaardener Kneipe, in der wir das Spiel verfolgen konnten. Im „Kieler Treff“ wurden wir fündig, der etwas übertrieben dekorierte Laden hatte ‘ne zünftige Leinwand, Holsten Export für 1,10 EUR (!!!) und ein separates Kotzbecken bei den Toiletten zu bieten. Genau das richtige Ambiente also. Wir reihten uns hinter den lokalen Sportsfreunden auf, begrüßten weitere lokale Bekannte und Konzertbesucher, stießen auf eine faire Partie an und sahen einen hochspannenden Kick – bis zur 60. Minute. Dann nämlich rissen wir uns pflichtbewusst los und noch auf dem Weg zum Bunker vernahmen wir, dass irgendetwas passiert sein musste. Ein Blick in den Smartfön verriet, dass Özil das 1:0 erzielt hatte! Halleluja! Kaum verlässt man die Spelunke, fallen die Tore… Zurück im Bunker befanden sich I.N.A.B. gerade im letzten Drittel ihres Sets: Der Drummer knüppelte und schreibrüllte sich durch die Songs, begleitet von seinem wild schrammelnden, keine Miene verziehenden Gitarristen. Das Publikum zeigte sich etwas irritiert und irgendetwas sagt mir, dass das seitens der Band durchaus einkalkuliert war. Ich finde ja, „Die abgestürzten Brieftauben“ wäre der bessere Bandname gewesen, hätte aber womöglich rechtliche Konsequenzen nach sich gezogen. So oder so war’s ein kurioses Brett, von dem ich aber aus genannten Gründen den Großteil verpasst hatte.

Szenenwechsel, nächster Act: Noch mal ordentlich mit Jever eingedeckt und auf die Bretter. Die trotz des EM-Spiels in angenehmer Anzahl erschienen Kieler sammelten sich brav in den hinteren beiden Dritteln des „Saals“, vorne blieb Platz für Aerobic und Ausdruckstanz. Dieser wurde vereinzelt genutzt, während wir uns spieltechnisch so gut wie keine Blöße gaben. Die zunehmende Routiniertheit äußert sich zunehmend in der Lockerheit und Souveränität auf der Bühne, von der Ole diesmal gleich zweimal sprang, um mit seinen Soli anzugeben. Zwischendurch wurde eine Fußball-Ansage Stulles missverstanden, so dass man uns für HSV-Fans hielt, was wir stante pede richtigstellten und den guten alten AFC-Schlachtruf durchs Kieler Gemäuer skandierten. Ansonsten wurde wieder munter durch- und übereinandergequatscht, was man hinterher nach einigem fast schon beschämenden Lob als einzigen Kritikpunkt uns gegenüber äußerte. In Folge dessen denke ich über Knebelmöglichkeiten bestimmter Bandkollegen nach… Zwangsgeknebelt fühlte ich mich dann und wann, denn mein Mikrokabel hatte offenbar einen Wackelkontakt entwickelt und verschluckte die eine oder andere Silbe – egal. Etwas nordisch unterkühlt fielen bisweilen die Reaktionen zwischen den Songs aus, Kieler können ganz schön ruhig und maulfaul sein – dafür verließ aber niemand den Raum oder warf mit Kuhdung. Der eine oder andere wollte dann auch tatsächlich noch ’ne Zugabe, doch unser Pulver war verschossen und außerdem waren zur längst vorgerückten Stunde nun auch langsam mal die Dänen dran. Noch während des Abbaus kolportierte der aus Hamburg angereiste und in letzter Zeit verdächtig nüchterne IN-VINO-VERITAS-Ladde etwas von „7:6 nach Elfmeterschießen“ und ich wusste noch nicht so recht, ob ich das glauben sollte. Das Letzte, was ich kurz vor’m Gig per App-Ticker mitbekommen hatte, war der Ausgleich nach Handelfmeter für Italien. Doch er sollte Recht behalten; wie genau das Ergebnis zustande gekommen war, wusste ich da aber noch nicht! Für den Moment war’s mir auch egal und ich freute mich, dass der historische Sieg – erstmals in einem Turnier gegen Italien – endlich geglückt war!

Die fünfköpfigen GUV’NORS spielten schließlich als Headliner gut abgehangenen Oi!- und Streetpunk der klassischen Sorte mit schönem Rock’n’Roll-Einschlag, der manch Besucher zum Tanzen animierte und ich feierte ausgelassen mit. Die Band aus Aarhus hat zwei Studio-Langdreher sowie eine Vielzahl an 7-Zöllern und Splits am Start; das Set war gespickt mit englischsprachigen Hits wie „40, Fat and Finished“ und anderen amtlichen Kalibern der melodischen Muse mit viel Oldschool-Attitüde, eingängigen Refrains und tighter Darbietung, gecovert wurde kollegialerweise auch ein LAST-SEEN-LAUGHING-Stück. Die sympathisch unprätentiöse Band bildete einen klasse Abschluss des offiziellen Teil des Abends, bevor wir nach reiflichen Überlegungen, Diskussionen und Abwägungen beschlossen, uns zu verabschieden und auch unsere Schlafmöglichkeiten nicht wahrzunehmen, um uns in die „Pumpe“ abzusetzen. Bei ihr handelt es sich um eine Art Alternative-Disco, wo diesmal auf zwei verschiedenen „Floors“ sowohl eine Oldschool-Reggae- als auch eine ’80s-Gothic/-Wave-Party stattfanden, zwischen denen wir im weiteren Verlauf sprichwörtlich hin- und herschwankten. Und obwohl ich solch Disco-Gedöns eigentlich nicht sonderlich viel abgewinnen kann, machte selbst das irgendwie Spaß. Die Einheimischen sorgten für eine entspannte Stimmung, was meinen positiven Eindruck von Kiel erneut bestätigte. Das allgemeine Chaos, das diese Form der Nachtgestaltung für manch einen nach sich zog, behalte ich an dieser Stelle jedoch für mich. Nur so viel: Während ich am nächsten Nachmittag längst wieder zurück in Hamburg war, wachte ein Gitarrist gerade erst mit Mörderschädel in Kiel auf… Zuhause schaute ich mir dann genüsslich das Spiel ab der 60. Minute an und staunte nicht schlecht über das kuriose Elfmeterschießen. Vermutlich war es gut, dass ich das nicht live mitansehen musste, bin ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste – und außerdem hab’ ich dadurch ‘ne coole Antwort parat, sollte man mich irgendwann fragen: „Und wo warst DU, als Deutschland Italien besiegte?“

Danke an alle, die zu diesem Abend beigetragen haben, insbesondere Micha, Jana und das ganze „Tribes of Gaarden“-Team, die das Ding gut geschaukelt haben! Wir kommen gern wieder, Kiel!

P.S.: Danke auch an Bützi für die Fotos unseres Gigs!

24.06.2016, Bambi Galore, Hamburg: PROTECTOR + PRIPJAT + SKULLED + EMPIRESFALL + RAYDER

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„Thrash Overdose“ im Bambi mit PROTECTOR als Headliner, also nix wie hin. Da der gute Flo aber gleich fünf Bands durch den Abend peitschte, begann der Tanztee bereits so früh, dass ich RAYDER verpasste: Die Hamburger Speedster hatten ihren ersten Gig und unbestätigten Gerüchten zufolge soll der sehr ordentlich gewesen sein. Ich hoffe, ich bekomme die auch noch zu Gesicht, bevor sie sich in TWYX umbenennen. Bei den zweiten Lokalmatadoren EMPIRESFALL war ich aber rechtzeitig vor der Bühne. So konnte ich dann auch die Herren, die ich gerade erst bei den Tipsy Apes gesehen hatte, diesmal wesentlich aufmerksamer verfolgen. Der aggressive, raubeinige Thrash lief mir prima rein und wurde gebührend gefeiert. Zwar würde ich mir den einen oder anderen Refrain etwas ausgearbeiteter wünschen, aber davon unabhängig war das bei von der Örtlichkeit gewohntem Spitzensound ein für mich perfekter Einstieg in den Abend. Gegen Ende des Sets ließ man den Höhepunkt von der Leine: „Psychopath“ – welch geile Abrissbirne! Zugaben wurden gefordert und die Band hätte auch gern eine gespielt, doch Flo sah sich aufgrund des engen Zeitplans gezwungen, dem einen Riegel vorzuschieben.

Nach den üblichen Sabbelpausen an der Frischen durften die Bremer Thrasher SKULLED ran, die 2014 ihr Debüt-Album „Chaos Through Order“ veröffentlicht haben. Was aus der Konserve bisweilen etwas modern klingt, tendierte live stark in Richtung Hektiker-Crossover-Sound der ‘80er-Schule und machte trotz zeitweise etwas lichter gewordenem Publikum (Durchschnaufen nach den Lokalheroen, Kraft sammeln für die Haupt-Acts) viel Spaß. Die Band kann wat, so einiges sogar, wenn auch vielleicht noch das gewisse Etwas fehlt, der Schuss Wahnsinn, das Quäntchen Genialität…?

Wahnsinn zuhauf lieferten dann die Kölner mit ukrainischem Hintergrund PRIPJAT, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte. Eine spätere kurze Recherche ergab, dass ich mal ein, zwei Kritiken ihres Debüts „Sons of Tschernobyl“ gelesen, aber anscheinend nie reingehört hatte. Das rächte sich live! Die nach einer ukrainischen Geisterstadt in der Nähe Tschernobyls benannte Band drehte auf, als sei’s der letzte Gig vorm Strahlentod und hackte sich in Höchstgeschwindigkeit durch ein Inferno, das das abartig hohe Geschrei des Sängers um eine apokalyptische Hysterie ergänzte. Klar, dass das Publikum da eskalierte und die nicht zu knappe Bühnen-Action mit reichlich Matteschütteln und ‘nem kleinen Pit quittierte. Nach und nach entledigten sich Super-GAU-Citys Söhne ob der Affenhitze ihrer Kleidung, der zweite Gitarrist hatte öfter mal mit der Bühnentechnik zu kämpfen („Bühne kaputt!“), doch beides änderte nichts am permanenten Vollgas und der Hyperaktivität der Band, die ansteckend wirkte. PRIPJAT greifen den nuklearen Sound diverser ‘80er-Thrasher auf und haben als Ukrainer einen derartigen persönlichen Bezug dazu, dass es fast schon beängstigend authentisch wirkt.

Nachdem das Bambi fast einer Kernschmelze anheimgefallen war, nahm jeder die letzte Pause dankbar an – und manch einer wird sich gefragt haben, ob PROTECTOR das noch würden toppen können. Von 1986 bis 1993 versorgten die Wolfsburger das geneigte Publikum mit Brutalo-Thrash mit immer stärker hervortretender Death-Kante, bevor erst mal Schluss war. Anfang des Jahrzehnts reanimierte Original-Shouter Martin Missy die Band bzw. baute sie mit schwedischen Musikern mit Segen der übrigen Originalmitglieder neu auf und veröffentlichte seitdem zwei ordentliche Thrash-Alben. Und da ich PROTECTOR noch nie live gesehen hatte, waren sie der Hauptgrund meines Erscheinens. Mit dem superben „Xenophobia“ vom aktuellen Langdreher „Cursed and Coronated“ stieg man ein und wütete sich durch ein Set, das das neue Material ebenso berücksichtigte wie das alte Zeug, aufgelockert durch das MOTÖRHEAD-Cover „Overkill“. Missy hat’s zweifelsohne immer noch drauf und seine Mitmusikanten sind alles andere als von schlechten Eltern, so dass auch dieser im Vergleich mit PRIPJAT düsterer, schwerer wirkende Gig auf durchgehend hohem Niveau Laune machte und mit Befriedigung erfüllte. Ich freue mich ja über jede kompetente Thrash-Band, die wirklich etwas zu sagen hat – und PROTECTOR gehören definitiv dazu. Die Stimmung war auch hier bestens, der Sound nach wie vor prima, das Bier kalt und der Abend aber ausnahmsweise einmal nicht zu früh zu Ende, denn noch eine weitere Ballercombo wäre mir an diesem Abend dann tatsächlich zu viel des Guten gewesen. Danke an jede einzelne Band sowie an Flo & Co. für diese Überdosis, die ich mir mit dem größten Vergnügen gedrückt habe!

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