Gnnis Reviews

Author: Günni (page 3 of 80)

26.-28.07.2018, Brande-Hörnerkirchen: HEADBANGERS OPEN AIR

Auf ‘nem zünftigen Metal-Open-Air-Festival war ich seit 2016 nicht mehr gewesen und so langsam hatte mein Körper mal wieder nach einem verlangt. Vom Headbangers Open Air irgendwo auf’m Dörben hinter Elmshorn (im Garten des Organisators) hatte ich bisher nur Gutes gehört, zudem ist’s gewissermaßen gleich umme Ecke. Nach Rücksprache mit der besseren Hälfte also frühzeitig die Tickets gesichert, ein Zimmer reserviert (Zelten ertrage ich nicht mehr) und schließlich am Donnerstag, dem 26.07. unter die abgeranzten Kutten, stolz präsentierten Bierbäuche und das Spandex-und-Schnurri-Revival gemischt, um mir ‘ne Überdosis Schwermetall zu injizieren. Da ich zumindest über Kutte und Plauze selbst verfüge, sollte ich auch nicht negativ auffallen. Zunächst hieß es aber, erst mal anzukommen, und das war dank unserer Verpeiltheit gar nicht so trivial: Wir verspäteten uns bei unseren Gastgebern, nicht jedoch etwa aufgrund der Signalstörung, die auf diesem Streckenabschnitt, wie später die Rückfahrt zeigen sollte, offenbar eher die Regel denn die Ausnahme ist: Nachdem wir in Altona in die Regionalbahn gestiegen waren, hatten wir uns in unsere Lektüren vertieft und glatt den Ausstieg in Elmshorn verpasst – wer kann denn auch ahnen, dass die Bahn plötzlich so flink ist?! Also nächste Station raus, die Vermieter in Kenntnis gesetzt und dasselbe Stück wieder zurückgefahren… Unsere Gastgeber indes erwiesen sich als so cool, uns kurzerhand am Bahnhof Osterhorn mit dem Auto abzuholen, sodass wir einiges an Zeit wieder gutmachten. In der komfortablen Unterkunft also aufgrund der Affenhitze kräftig eingeschmiert, Tascheninhalte aus- und umsortiert und per Taxi zum ca. 5 km entfernten Festivalgelände.

Tag 1: Lost in Necropolis

Da es am Eröffnungstag erst um 16:00 Uhr losging, lagen wir perfekt in der Zeit. Kurze Stärkung an der Fischbrötchenbude (deren Verkäuferin nebenbei ihre aufgrund der Hitze kollabierte Mutter versorgen musste), die ersten Freunde und Bekannten aus der HH-Metal-Szene begrüßt und einen groben Überblick übers Gelände verschafft – jo, is’n gemütliches, fast schon familiäres Festival mit Besucherzahlen im unteren vierstelligen Bereich und fairen Preisen! Den Opener machten die postapokalyptischen Power-Metaller SHADOWBANE aus Hamburg, die für die Speedsters von VULTURE eingesprungen waren, welche leider hatten absagen müssen. Scheiße, ist’s wirklich schon mehr als fünf Jahre her, dass ich SHADOWBANE zuletzt gesehen hatte?! Damals, im Bambi, als Support für BLAZE BAYLEY… Mit ihren Show-Einlagen erwiesen sie sich jedenfalls als die perfekte Vorhut: Typen in ABC-Schutzanzügen (bei der Hitze…) betraten fahnenschwenkend die Bühne, hatten radioaktivgrünen Schnaps in Reagenzgläsern dabei, den sie der Band einflößten, und standen ansonsten postapokalyptisch am Bühnenrand herum. Die Band zockte derweil ihren flotten, manchmal leicht thrashigen, immer vollkommen unpeinlichen, sich dem „Happy Metal“ verweigernden Power Metal, hatte Synchronposen wie einstmals ACCEPT einstudiert, und Dieter Bohlen am Mikro überzeugte mit kräftigem Klargesang. Ein gelungener Einstieg ins Festival, zu dem die regionale Spezialität „Kirschbier“ gut mundete.

SPEED QUEEN aus Belgien ist keine amphetaminabhängige Monarchin, sondern eine belgische Speed-Metal-Hoffnung, deren im letzten Jahr veröffentlichte Mini-LP gut eingeschlagen hat. Dass der Sänger mal nicht in den höchsten Tonlagen quäkt, ist ‘ne willkommene Abwechslung zu anderen Speed-Bands. Live ließen sie’s hier ebenfalls gut krachen: Auf zweimal Hochgeschwindigkeit folgte eine Boogie-Nummer „for the girls“, wie man das Publikum wissen ließ. Dann wurde das Gaspedal wieder durchgetreten. Die Songs des Vinyls wurden mit einem sehr geilen Instrumental sowie den Coverversionen „Nice Boys Don’t Play Rock’n’Roll“ (ROSE TATTOO) und „Doctor Doctor“ (UFO) angereichert, der Stimmungspegel blieb stets gleichbleibend hoch. Neben „Kids of Rock’N Roll“ hatte es mir besonders „Fly High“ angetan und der letzte Song „Stay Drunk“ wurde mit einer der lässigsten Ansagen des Festivals angekündigt: „Stay sexy, stay drunk!“ Logen, Digger!

Wir blieben im Tempo: Die Überzeugungstäter SEAX aus Massachusetts haben seit 2012 alle zwei Jahre ein Album veröffentlicht und sich mit Haut und Haaren dem Speed Metal verschrieben, erweitert um eine gewisse HC-Punk-Kante. One, two, three, four, gib ihm! Sänger und Schönlingsblondchen Carmine kreischt dazu in den höchsten Tönen, das Background-Shouting setzt die nötigen Kontraste dazu. Ist mir persönlich manchmal bischn zu „drüber“; gern weniger Gekreische und mehr Hooks in den Riffs. Ihre Hits hat die Band aber zweifelsohne („Livin‘ Above the Law“, „Speed Metal Mania“, „Fall to the Hammer“) und live lief mir an diesem Nachmittag „Nuclear Overdose“ am besten rein – Knaller!

Den Drummer und den Gitarristen teilen sich SEAX mit ihren Nachbarn RAVAGE, die seit 1995 im Underground herumrödeln und seit einiger Zeit auf Metal Blade auch richtige Studioalben veröffentlichen. Allein schon wegen ihrer geilen Plattencover will ich sie eigentlich mögen: Auf „Return of the Spectral Rider“ schießt ein Mutant auf einem Endzeitmotorrad und mit einem Riesenhammer bewaffnet aus Castle Grayskull heraus – ich mein‘, wie geil ist das denn?! Hat aus der Konserve nur leider bisher nicht so geklappt, das Abfeiern, und auch live wähne ich mich erst mal im falschen Film: Der Sänger erweist sich als hinterletzter Poser, der, die Matte streng zurückgekämmt, zum Zopf zusammengebunden und mit Sonnenbrille auf dem Zinken, kaugummikauend (!!!) sein Set absolviert. Er wäre wohl gern ein großer klassischer Metal-Sänger, hat dafür aber einen viel zu geringen Stimmumfang. Musikalisch mäandert man irgendwo zwischen Heavy, Speed und Thrash, doch wo sind die erhabenen Melodien, wo die Killerrefrains? Den Rest gibt den belanglosen Kompositionen dann meist besagter Sänger, der stimmlich durch die Songs eiert und ständige „Wohohos“ und „Yeahyeahyeahs“ unterbringt, bis irgendwann fast alles danach klingt – auch wenn er ganz etwas anderes singt. Ich hatte die Band schon abgeschrieben, als sie plötzlich für zwei Songs mächtig Gummi gab, was zumindest musikalisch arschtrat. Und gegen Ende dann endlich der Hit der Band, bei dem sich der Sänger darauf besinnt, einfach giftig zu keifen: „The Shredder“! Eine astreine Thrash-Nummer, die für einiges entschädigte. Würden RAVAGE so oder so ähnlich dauerhaft klingen, wäre ich der Erste, der sich eines ihres Grayskull-Shirts holt – versprochen!

Der schwedische Multiinstrumentalist und Band-Tausendsassa Cederick Forsberg hat einen Narren an den ollen Hamburger Metal-Piraten RUNNING WILD gefressen und ein nach einem deren Alben BLAZON STONE benanntes Projekt gegründet, um möglichst genauso zu klingen. Die einen nennen’s Plagiat, die anderen Hommage, mir war’s bisher reichlich wumpe. Nun hat Ced eine Liveband zusammengestellt und seinem Bruder Erik das Mikro in die Hand gedrückt, der auch auf den letzten Alben gesungen hat. Optisch hat Rock’n’Rolf mit seiner Pudelfrise schon mal bischn wat mehr hergemacht als der untersetzte, kurzhaarige Moppel. Auch hat Rolf eine etwas dunklere, tiefere Stimme. Dafür scheinen BLAZON STONE aber tatsächlich die besseren RUNNING-WILD-Songs als Angelo Sassos Cheffe zu schreiben, zumindest zu bestimmten, hoffentlich überwundenen Phasen. Die fetten Chöre, die zwingend dazugehören, kamen aus der Konserve, was ich ziemlich daneben finde: Only live is live. Nichtsdestotrotz hat Ced sehr ordentliche Gitarrenarbeit geleistet, wovor ich meinen Piratenhut ziehe. Manch flott gezocktes Double-Lead versetzte dann auch wirklich in Verzückung. Auf „Branded and Exiled“ habe ich trotzdem vergeblich gewartet…

Dass es der letzte MANILLA-ROAD-Auftritt werden würde, hatte niemand geahnt. Umso glücklicher bin ich, diesem beigewohnt zu haben – schließlich war es nicht nur mein letzter, sondern auch mein erster! Aus Epic Metal mache ich mir normalerweise nicht viel. Klar haben z.B. MANOWAR ihre Hits wie „Black Wind, Fire and Steel“, aber ansonsten hat sich mir diese Band genauso wenig erschlossen wie weniger populäre Bands dieses Subgenres. IRON MAIDEN sind für mich episch, nicht aber Bands, die sich selbst diesen Stempel aufdrücken und überflüssiges Fantasy-Zeug singen. Dass die so lange vom Gros der Szene verkannten, im Untergrund stets als Geheimtipp gehandelten MANILLA ROAD aber irgendwie anders sind, hatte ich bereits während meiner ersten Phase der Beschäftigung mit ihnen erkannt. Diese liegt noch nicht lange zurück, beschränkte sich auf die zum Kult erkorenen ‘80er-Alben und förderte deren offensichtlichste Hits zutage. Einer dieser Ohrwürmer ist „Divine Victim“, zu dem wir mit leichter Verspätung zu diesem Gig stießen. Die Band um Subgenre-Mitbegründer und kauziges Urgestein Mark „The Shark“ Shelton, seit den 2000ern verstärkt um Sänger Bryan Patrick, spielte ein Co-Headliner-Set, das mich in seinen Bann zog. Shelton schien völlig in seiner eigenen Welt zu sein, einer Welt, die er mit seinem Gitarrenspiel erschuf und an der er das Publikum teilhaben ließ. Viele Stücke klangen sehr getragen, aber auch sehr wuchtig, einnehmend. Sie versetzten einen beinahe in eine Art Trance-Zustand, wenn man sich auf sie einließ. Zwischendurch verstummten seine Mitmusiker für ein Gitarrensolo Marks, obwohl bei einigen Stücken ohnehin auf jede Strophe ein Gitarrensolo folgte. Fasziniert beobachtete ich diesen alten Mann mit seiner Gitarre und was er alles mit ihr anstellte, welche Klänge er ihr entlockte. Die meisten Songs wurden von Bryan Patrick mit seiner dunklen, sonoren Stimme gesungen, andere teilte er sich mit Mark. Eine tolle Halbballade vom aktuellen Album wurde hauptsächlich von Mark gesungen, bei „Necropolis“ übernahm er die Strophen. Zum Höhepunkt des Sets avancierte „Crystal Logic“ in einer unfassbar geilen Version mit massiver Publikumsunterstützung, bei der man Gänsehaut bekam. Ohne Zugabe ließ man die Band nicht zurück auf die Straße und so beschallte noch der krönende Abschluss „Heavy Metal To The World“ das Gelände. Während dieses Auftritts hatte es endgültig bei mir Klick gemacht und ich begab mich zusammen mit vielen anderen Freaks auf die lange, staubige MANILLA ROAD, die mich demnächst zum Plattenladen führen wird.

Die seit 2012 wiedervereinten Schweden MORGANA LEFAY konnten das natürlich nicht mehr toppen. Ich habe mir aus dieser Band nie etwas gemacht und das sollte sich auch an diesem Abend nicht ändern. Für meine Ohren stinklangweiliger ‘90er-Groove-Metal zum Abgewöhnen. Nee, so gar nicht mein Ding. Doch nicht nur meine Freundin, auch große Teile der Headbanger-Fraktion empfanden das anders und hatten viel Spaß mit dem Gig. Es sei ihnen gegönnt. Nach erneutem Intro-Brimborium folgte nicht nur eine Zugabe, sondern derer drei. Uff.

Danach war’s dann stockduster, aber irgendwie immer noch nicht kälter, die Hitze stand in der Atmosphäre und wollte nicht weichen. Da wir bereits mit dem Taxi angefahren waren, wollten wir das nicht einreißen lassen und begaben uns auf einen nächtlichen Spaziergang zurück zu unserer Unterkunft, vorbei an riesigen Maisfeldern. Dass Mark Shelton zu dieser Zeit um sein Leben kämpfte oder es gar bereits verloren hatte, wussten wir noch nicht.

 

Tag 2: Rock’n’Roll Crazy Night

Erst mal war auspennen angesagt… Motiviert machten wir uns schließlich erneut zu Fuß auf den Weg zum Festivalgelände durch Dorfstraßen, in denen die wenigen Einheimischen freundlich grüßen und auch der Betreiber des örtlichen Edeka-Markts jeden Kunden persönlich bemoint. Für uns hat sich der gute Herr Boost dann sogar noch persönlich dafür eingesetzt, dass wir an der Käsetheke frisch geschmierte Frühstücksbrötchen bekommen, die wir auf dem Weg verzehrten. PSYCHOPRISM, die erste Band des Tages, ließen wir PSYCHOPRISM sein und als wir langsam aber sicher in Hörweite zum Festival gerieten, hörten wir die Texaner SYRUS zunächst beim Soundcheck und schließlich während ihrer ersten Stücke inkl. über die Felder dringenden Falsettgesangs. Im Biergarten dann erst mal ‘ne Cola gekippt und eine gedampft; anschließend ging’s vor die Bühne, um den restlichen SYRUS-Songs beizuwohnen: Progressiver US-Metal, den ich, um ihn richtig beurteilen zu können, mir mal in Ruhe anhören müsste – wobei ich mich mit diesem Stil schwertue, Ausnahmen (QUEENSRŸCHE – Operation: Mindcrime!) bestätigen die Regel. SYRUS existieren anscheinend bereits seit 1983, haben aber erst letztes Jahr ihr Debüt-Album veröffentlicht. Der Sänger fischt in den höchsten Tonsphären und seine Band gniedelt sich dazu gut einen ab. Sie wähnten sich, wie aus den Ansagen hervorging, übrigens in Hamburg – klar, die Elbmetropole ist bekannt für ihre Kuhweiden, Äcker und Getreidefelder sowie ihre Heavy-Metal-Gartenpartys! 😉

Als wir uns in der Umbaupause zum Camp unserer Bekannten begaben, erfuhren wir das Unfassbare: Mark Shelton hatte nach seinem Auftritt einen Herzinfarkt erlitten und war kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Vor unserer Ankunft hatte die Festivalleitung offenbar eine entsprechende Bekanntgabe gemacht und an diversen Verkaufstresen Spendenboxen für die Überführung der sterblichen Überreste des mit seiner Musik unsterblich gewordenen Mannes aufgestellt. Was dieser Tod bedeutet, wird mir erst im Laufe des Tages so richtig bewusst, zunächst klingt das für mich einfach nur ziemlich irreal. Überrascht war ich auch, dass er erst 60 war, denn er sah doch deutlich älter aus. Welch ein Verlust für die Musikwelt im Allgemeinen und die Metal-Szene im Speziellen. Rest in Power, Mark, and thank you for the music…

Auf der Bühne blieb’s US-metallisch, ANCIENT EMPIRE buhlten nun um unsere Gunst, eine noch relativ junge, jedoch von erfahrenen Musikern betriebene Band aus Kalifornien mit Silent Bob am Gesang. Dieser sang größtenteils in normaler Tonlage, was ich ganz angenehm fand, musikalisch wollte der Funke aber nicht auf mich überspringen, ich fand die Songs eher öde. Eine Ausnahme war „Other World“, den ich mir gleich mal notiert hatte: Ordentlich Dampf und ein Killerrefrain, der besonders live bestens zur Geltung kam. Ihren Auftritt beschloss die Band mit dem Instrumentalstück „Bound to Fail“ von ACCEPT – war das als Hommage gedacht oder habt ihr dafür echt nix eigenes?

In der folgenden Umbaupause verpassten wir anscheinend eine Ansprache des ehemaligen RUNNING-WILD-Gitarristen Preacher mit anschließender Gedenkminute zu Ehren Mark Sheltons, die spontan anberaumt worden war. Zu TRANCE fanden wir uns aber wieder vor der Bühne ein. Die Rheinland-Pfälzer, gegründet 1977 (!), gibt’s ja wie so viele alte Recken nun auch wieder. Eigentlich sitzt der deutsche MANILLA-ROAD-Drummer Neudi auch dort hinter der Schießbude, wurde aus verständlichen Gründen jedoch von Ur-Drummer Jürgen Baum ersetzt. Schön, dass das angesichts der beschissenen Situationen so schnell und anscheinend unkompliziert geklappt hat. TRANCE haben sich mit einem Jungspund am Gesang verstärkt, Nick Hollemann ist ein ziemlicher Springinsfeld und gut bei Stimme. Ein paar durchaus gefällige Melodien gaben sich mit doofem Hardrock-Gestampfe die Klinke in die Hand. „We are the Revolution“ wurde per Mitsingspielchen ausgedehnt, eine Halbballade klang ganz geil und bei „Break the Chains“ sprang Hollemann im Fotograben herum, um der ersten Reihe das Mikro hinzuhalten. Etwas später verstand ich dann auch das Glasflaschenverbot: Bei Hollemanns hohem C wären die alle gesprungen.

Bereits seit Anfang der 1980er sind auch die Schweden DESTINY aktiv, allerdings mit einigen längeren Unterbrechungen. Sie haben sich um einen Jüngling am Gesang verstärkt, der mich optisch, bis auf die Frisur, an irgendwen erinnerte – war’s der junge Joey Tempest (EUROPE)? Der Heavy/Power Metal des Quintetts war technisch gut, songschreiberisch jedoch schwach und mir insgesamt zu verhalten. Erst gegen Ende gelang es ihnen, sich langsam meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erspielen: Der vorletzte Song schien mir der „härteste“ zu sein, dem konnte ich noch am ehesten etwas abgewinnen. Und auch die letzte, auf Schwedisch gesungene Nummer für die Crew lief ganz gut rein.

Spielten leider nicht...

Spielten leider nicht…

SORCERER sparten wir uns, denn es handelte sich leider nicht um die (hörenswerten) argentinischen Power-Metaler, von denen einer mit seiner Freundin vor Ort war und fleißig Flyer für die Debüt-EP verteilte, sondern um die schwedischen „Epic-Doomer“ – und für mich gibt es kaum eine überflüssigere Metal-Spielart als diese: Lahmarschig geschrubbte Riffs zu Opern-Geträller – nee, danke. Die Zeit nutzten wir u.a., um noch mal in aller Ruhe die Verkaufsstände zu inspizieren, wobei ich einer meiner Lieblingsaktivitäten nachgehen konnte: dem Kauf von Aufnähern. Auch manch Klönschnack mit bekannten Gesichtern war nun drin. Zu den alten Hasen von TKO waren wir aber wieder am Start: Sänger Brad Sinsel hat einige verdiente Mucker von Bands wie FIFTH ANGEL und Q5 um sich geschart und präsentiert seinen sleazigen US-Hardrock/-Metal einem interessierten Publikum, das mit den drei Alben aus den Jahren 1979 (!), 1984 und 1986 vertraut sein dürfte. Ich war’s weniger, denn so ganz mein Stiefel ist das nun nicht. In erster Linie sind mir TKO aufgrund ihres geschmacklosen Frauenwegklopp-Covers der ‘84er LP in Erinnerung geblieben. Live machten sie nun jedenfalls gut Alarm, spielten technisch versiert und sololastig. Mitsingkompatible Refrains wurden von der Anhängerschaft frenetisch mitgebrüllt und die Metalfists dazu geraist. Der erste Block an ungestümeren Songs wurde von einer pathetischen, aber nicht üblen Ballade abgelöst, später bescherte ein Angeber-Gitarrensolo (inkl. schräger Version der „Ode an die Freude“) den anderen Bandmitgliedern eine verdiente Pause. Auf einige hardrockigere Stücke folgte ‘ne weitere Ballade. Schade allerdings, dass Brads Gesang nicht lautergedreht wurde, als er konditionell etwas an Stimmkraft einbüßte. Saß der ansonsten einen guten Job machende Mischer da auf seinen Ohren? Brad schien das zu bemerken und gegenanzubrüllen zu versuchen, was ihm zwischenzeitlich ‘ne hochrote Rübe und mir die Sorge bereitete, dass hier bald der nächste Senior umkippt – was zum Glück ausblieb. Dennoch: Hier hätte ich mir mehr Sensibilität seitens des P.A.-Menschen gewünscht. Insgesamt ‘ne unterhaltsame Show mit einem sich wacker schlagenden Shouter vom alten Schlag, für die man jedoch gut und gerne auf das totgenudelte „Born to be Wild“-Cover hätte verzichten können.

Nun war’s aber Zeit für mein erstes Highlight des Tages und die Band, auf die ich mich im Vorfeld mit am meisten gefreut hatte: Endlich mal wieder TANKARD live! Das Innengelände füllte sich radikal und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, eröffneten die Frankfurter Kampftrinker mit dem Titelsong ihres neuen Albums, „One Foot in the Grave“! Klassiker wie „The Morning After“ und „Zombie Attack“ ließen die Thrasher im Pit komplett durchdrehen, Dreck und Staub wurden aufgewirbelt, Körper knallten aufeinander, Brillen barsten. Jüngeres bzw. nicht ganz so altes Material wie „Not One Day Dead (But Mad One Day)“, „Rapid Fire“ oder „Minds on the Moon“ stand dem kaum nach und bewies, dass TANKARD auch heute Wert darauf legten, möglichst viele Phasen ihrer extrem umfangreichen Diskografie abzudecken. Das live immer schön groovende „Rules for Fools“ wurde als Disconummer angekündigt, „Rectifier“ als Ballade, bei „R.I.B. (Rest in Beer)“ ließ sich bestens mitgrölen, „Chemical Invasion“ legte die Geschwindigkeitslatte wieder verdammt hoch und für „A Girl Called Cerveza“ bildete sich ein amtlicher Circle Pit. Gerre rannte mit den gewohnten Hummeln im Arsch über die Bühne, machte Faxen, tanzte mit einer blonden Dame und kloppte das Mikro auf seine Fleischschürze. Seine witzigen Ansagen wurden lediglich einmal ernst, als es um Sheltons Tod ging und er das Publikum bat, sich an der Spendenaktion zu beteiligen. Mit „Freibier“ und „(Empty) Tankard“ zum Ende ging man auf Nummer sicher und irgendwann im Laufe des Gigs hatte sich auch der anfänglich leider alles andere als optimale Sound eingepegelt. Toller, schweißtreibender Auftritt der ewig jungen Frankfurter, die in dieser Besetzung nun auch schon gefühlt ewig zusammenspielen und ein ums andere Mal beweisen, welch klasse Liveband sie sind.

LOUDNESS hatten bereits im letzten Jahr das Headbangers Open Air beehrt – mir egal, ich war ja nicht da. Außerdem spielten sie diesmal ein spezielles, um nur wenige aktuelle Songs erweitertes Set aus den Alben „The Law of Devil’s Land“ (1983) und „Disillusion“ (1984). Ich muss zugeben, LOUDNESS immer ein bisschen vernachlässigt zu haben.  Mit dem Œuvre der Japaner bin ich kaum vertraut und live gesehen hatte ich sie bisher schon gar nicht. Mit einem unheimlich guten, druckvollen Sound nahmen sie mich jedoch sofort gefangen. So verzichtete ich auf das Blutmond-Schauspiel (eine seltene Mondfinsternis wäre zu beobachten gewesen, wäre man irgendwo aufs weite Feld gelaufen – vom Festivalgelände war nichts zu sehen) und beschloss, mir davon am nächsten Tag Fotos anzusehen, um den ebenso unwiederbringlichen, jedoch vermutlich nicht konservierten LOUDNESS-Gig zu genießen. Deren pervers guter Gitarrist Akira Tagasaki, Sänger Minoru Niihara mit seiner leicht heiseren Stimme und die Rhythmussektion inkl. eines Ersatzdrummers lieferten nicht einfach nur ab, sondern erzeugten eine regelrecht magische Stimmung, in der sich mir die Atmosphäre ihrer klassischen und doch exotischen Songs erschloss und mich so bald nicht mehr losließ. Das klang alles knackfrisch und nach großem Metal-Entertainment mit emotionalem Tiefgang. Die HOA-Gäste waren trotz vorgerückter Stunde und TANKARD-Gig in den Knochen bester Dinge und hielten die Stimmung permanent weit oben, die ihren Zenit bei „Rock’n’Roll Crazy Night“ erreicht gehabt haben dürfte. Gegen Ende wurde mit „Go For Broke“ ein Stück vom neuen Album gezockt, im Anschluss folgte der erste und einzige schwache Song (der Titel ist mir entfallen). „The Sun Will Rise Again“ aus dem Jahre 2014 (vom 26. (!) Studioalbum) wurde Mark Shelton gewidmet und zum Abschluss gab’s noch mal einen superben Uptempo-Kracher mit langgezogenem Outro auf die Löffel. Als Rausschmeißer aus dem Off erklang „Lo Chiamavano Trinita“ aus dem Spencer/Hill-Klopper „Die rechte und die linke Hand des Teufels“, zu diesen Klängen verließ ich völlig geflasht und schwer begeistert das Areal. Das war groß, LOUDNESS! Gäb’s von diesem Gig ein Live-Album – ich würd’s kaufen.

Zurück in unsere Pension ging’s diesmal per Taxi…

 

Tag 3: Weniger schwätze, mehr singe

…dafür am nächsten Vormittag wieder zu Fuß aufs Gelände, natürlich nicht ohne Frühstücksschlenker zum Edeka. Die Band, die bereits um 11:00 Uhr auf dem Zeltplatz ein Coverset zockte, war damit einfach zu  früh für uns dran, ebenso EXISTANCE aus dem Land der Franzosen.  Zu MILLENNIUM jedoch trudelten wir ein. Die Briten haben sich der NWOBHM verschrieben und waren 1984 mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum selbst dabei. Dann folgte allerdings die Auflösung, seit der Reunion 2015 sind jedoch zwei weitere Alben erschienen. Das Quintett spielte erdigen, kräftigen, aber etwas hüftsteifen, meist im Midtempo verharrenden NWOBHM mit angenehm kehligem Gesang und einem totalen Jungspund an der Leadgitarre, der immer sehr konzentriert dreinblickte. Altes Material wurde mit neuerem gemischt, mir war’s aber häufig zu viel Midtempo-Gestampfe. Als nominell letzten Song zockte man den Titeltrack des jüngsten Albums „Awakening“ und ließ sich im Anschluss noch zu einer überraschenden Zugabe hinreißen: „Lies All Lies“ vom selben Album, einem doch ziemlich guten, inhaltlich medienkritischen Song (auch wenn mich so etwas heutzutage immer unweigerlich an das undifferenzierte „Lügenpresse“-Geplärre der Pegidioten erinnert, soweit ist’s schon gekommen…). Insgesamt ein netter Einstieg in den letzten Festivaltag.

Then we got hit by HITTEN – die Spanier hatte ich wie so vieles auf diesem Festival gar nicht auf dem Schirm, meine Süße jedoch hatte Bock auf die Iberer und war damit nicht allein: Die Meute empfing sie mit offenen Armen und Haaren, die Band wiederum die Meute mit offenen Hemden, klassischem Twin-Guitar-lastigem Metal an der Grenze zum Speed, also mit ordentlich Hummeln in der (nicht offenen) Hose. Sehr agil stratzte man über die Bretter, übte sich im synchronen Gitarrengepose und legte eine extreme Spielfreude an den Tag. Lachende und grinsende Musiker bestimmten das Bühnenbild, besonders der Basser schien voll in seinem Element. Der Sänger fischte nicht nur nach den höchsten Tönen, sondern traf diese auch mit betonter Lässigkeit. Wer auf die speedigen RIOT oder jüngere Bands wie ENFORCER & Co. steht, aber HITTEN noch nicht kennt, sollte dringend mal reinhören, was die Band seit Beginn des Jahrzehnts so veröffentlicht hat. Die letzten Schlaffalten haben sie uns jedenfalls mit Nachdruck weggebügelt. Ich werde beizeiten ihr bisheriges Schaffen mal in Ruhe goutieren.

Mein lieber Scholli: Die Briten WITCHFYNDE haben sich bereits 1973 gegründet, in den glorreichen ’80ern vier Alben veröffentlicht und sind seit ihrer Reunion 1999 wieder mit neuem Material am Start und hier und da live anzutreffen. Wir wurden Zeugen eines supersympathischen Auftritts: Luther Beltz, Sänger der Okkult-NWOBHMer wusste mit tollem Klargesang in normaler Stimmlage zu gefallen und sorgte mit Mimik, Gestik und Kostüm für ein bisschen Theatralik. Zudem gerierte sich die gesamte Band als perfekte Gentlemen, die ihr Publikum stets fest im Griff hatten. Die regste Publikumsbeteiligung dürfte bei der Halbballade „Leaving Nadir“ zu verzeichnen gewesen sein, wobei generell manch Refrain ausschließlich von den textsicheren Worshippern vor der Bühne gesungen wurde. Das Songmaterial bewegte sich zwischen den Polen „unverkennbarer NWOMBH-Vibe“ und „getragen britisch-doomig“ und hätte für meinen Geschmack dann und wann etwas mehr Pfeffer vertragen können, wurde jedoch auch nie belanglos oder langweilig. Die Band hat definitiv etwas – u.a. erwähnten Sänger, der kurioserweise einen auf die Bühne gefeuerten Pfandbecher nutzte, um sich sein Wässerchen hineinzufüllen und aus ihm zu trinken. Und gegen Ende süppelte er einfach jemandem aus dem Publikum das Bier weg und gab nicht mal den Pfandbecher zurück, sondern speiste den Durstigen mit einer Setlist ab… Dafür gab’s in der zweiten Sethälfte Wunschkonzertblöcke, in denen Songs auf Zuruf aus dem Publikum gespielt wurden – so auch die Zugabe „Conspiracy“, die der straffe Zeitplan der Band zugestand. Zwischendurch kam übrigens der Sicherheitsbeauftragte des Festivals auf die Bühne und gab (auf Deutsch und Englisch) eine Sturmwarnung durch. Metallisiert wie ich dieses Wochenende war, schoss mir sofort Rob Halfords schneidendes Organ durch den Kopf: „Storm Warning! But there’s no fear…“ Angst hatte ich tatsächlich keine. Das gesamte Festival über hatte das Höllenfeuerlicht erbarmungslos auf uns niedergebrannt und wäre der Bereich vor der Bühne nicht großzügig überdacht gewesen, hätte ich diese Zeilen nicht mehr schreiben können, sondern wäre als Häufchen Asche zusammen mit anderem Unrat irgendwann aus dem Garten gefegt worden. Tatsächlich passte das nun aufkommende Gewitter atmosphärisch perfekt zur Untermalung des WITCHFYNDE-Gigs, der vorher etwas unter dem guten Wetter an Wirkung eingebüßt hatte. So rückte man unterm Dach einfach eine Zeitlang näher zusammen und die Band dürfte den einen oder anderen Zuschauer mehr bekommen haben. Weniger erfreut waren indes so manche Camper, denen es die Zelte entheringt und unter Wasser gesetzt hatte. Ich weiß schon, warum ich partout nicht mehr zelte…

Die Ruhrpott-Thrasher DARKNESS, obwohl mit drei Alben in den ’80ern am Start, besetzten stets die zweite Reihe hinter den „Big Teutonic Four“ SODOM, DESTRUCTION, KREATOR und TANKARD, lösten sich Anfang der ’90er auf, kamen 2016 aber mit neuem Sänger und dem neuen Album „The Gasoline Solution“ zurück. In dezimierter Besetzung – der Bassist war leider ausgefallen – machte die Band um Gitarrist Meik (der mich optisch stark an Phil Kettner von LÄÄZ ROCKIT erinnerte) das Beste aus den widrigen Umständen und gab unter dem Motto „No more discussion!“ einfach Gas. Unter das ’80er-Material, von dem mein Favorit „Faded Pictures“ dem verstorbenen Sänger Olli gewidmet wurde und das mit „Staatsfeind“ meinen zweiten Alltime-DARKNESS-Höhepunkt enthielt, mischten sich Songs vom neuen Langdreher – und alles klang wie aus einem Guss. Wer den TANKARD-Pit halbwegs überstanden hatte, fand sich auch hier wieder moshend vor der Bühne ein und verausgabte sich nach allen Regeln der Kunst. „Burial at Sea“ wurde um ein Mitsingspielchen ergänzt, „Tinkerbell Must Die“, der Opener des aktuellen Albums, knallte unbarmherzig, der Klassiker „Iron Force“ hielt das Aggressionslevel und der junge „This Bullet Is For You“ stand dem in nichts nach. Meiks Stimme, die einzelne Textzeilen sang, bildete einen geilen Kontrast zu Leadsänger Lees tieferem Organ, welcher es sich übrigens nicht nehmen ließ, mitten im Set ein Selfie mit dem Drummer zu knipsen… Alles in allem ’ne schöne Abrissbirne staatsfeindlichen, auch textlich radikalen Aggro-Thrashs, der heutzutage unbedingt benötigt wird! Bin aufs nächste Album gespannt, das in den Startlöchern steht.

Auf dem Areal machte ein Besucher mit Rauch gefüllte Seifenblasen, die beim Platzen Rauchwolken von sich gaben, was es jeweils wie kleine Explosionen aussehen ließ – aber das nur am Rande. Bei METAL INQUISITOR, jener Koblenzer Institution zur Bewahrung des echten und wahren Metals seit 1998, war’s noch zu keinem Aha-Erlebnis gekommen, als ich mich mal durch einige Songs gehört hatte. Nun live mit ihnen konfrontiert, fiel mir auch wieder ein, weshalb: Unheimlich präziser Edelstahl, dem ein paar wirklich große, zu den flotten echtmetallischen Strophen passende Refrains gut zu Gesicht stünden. Technisch ist das nah an der Perfektion, aber mir fehlt die Magie. Dafür war Sänger El Rojo mit sehr viel Spaß bei der Sache, suchte auch immer wieder die Kommunikation mit dem Publikum, beschloss jedoch irgendwann: „Weniger schwätze, mehr singe!“ Nachdem er die Fans gebeten hatte, die Band trotz des dafür etwas ungeeinigten Bandnamens mehr anzufeuern („METAL INQUISITOR lässt sich natürlich nicht so gut brüllen wie „Priest!“, „Priest!“, „Priest!“), avancierte zum Running Gag, aus einer Vielzahl Kehlen „Priest!“, „Priest!“, „Priest!“ zu skandieren – genau mein Humor. Mit fortschreitender Spielzeit wurden die Songs meines Erachtens auch stärker. „Call The Banners“ entpuppte sich als veritabler Hit und auch „Daze Of Avalon“, das El Rojo von einem unheimlich heiseren, dennoch hysterisch den Titel brüllenden Fan in der ersten Reihe ansagen ließ, packte mich. So wurd’s eine nach hinten raus noch wirklich lohnende Angelegenheit.

Inquisitoren haben früher keinen Metal gespielt, sondern Mädels wie die von GIRLSCHOOL verfolgt. Diese sollte ich nun auch endlich mal live sehen, All-Girl-NWOBHM since 1978, bis auf Jackie Chambers an der zweiten Axt in Originalbesetzung! Mit „Demolition Boys“ und „C’mon Let’s Go“ stiegen sie mit altbekannten Klassikern ein, wurden im Anschluss aber ein bisschen langweilig, als sie drohten, im Midtemposumpf zu versinken. Der MOTÖRHEAD-Tribut „Take It Like a Band“ vom 2015er-Album riss es dann jedoch wieder raus, das Ding ist im unverkennbaren Stil Lemmys & Co. geschrieben und komponiert und haut gut auf die Kacke. Je schneller GIRLSCHOOL spielen, desto besser gefallen sie mir, „Race With The Devil“ und „Emergency“ sind natürlich über jeden Zweifel erhaben. Auf dem Gelände war’s mittlerweile übrigens proppevoll und die Stimmung absolut großartig, was die Band mit „Take It All Away“ vom Debüt als Zugabe quittierte. Und ich wurde zwischendurch in ein nettes Spiel verwickelt: „Wie gut kennst du deine Kutte?“ Da tippt einem jemand von hinten auf einen Rückenaufnäher und man muss erraten, welcher es ist. Bei Maiden lag ich richtig, auf Cro-Mags kam ich aber nicht…

Auf ANVIL hatte ich mich im Vorfeld sehr gefreut, hatte ich ihre bisher einzige Show, auf der ich zugegen war (damals im Knust), doch als extrem unterhaltsam in Erinnerung. Das kanadische Trio um Sänger und Gitarrist Lips, dem der famose Dokumentarfilm „The Story of Anvil“ einen zweiten Frühling beschert hat, ist inzwischen natürlich weiter gealtert – schon seit 1981 spielt man im Metal-Zirkus mit –, jedoch glücklicherweise keinen Deut reifer geworden. Dies beweist Lips bereits beim ersten Song, dem Instrumental-Klassiker „March of the Crabs“: Der wieder eingesetzte Regen hatte die Leute eng unterm Vordach zusammengetrieben, Bewegungsfreiheit gab’s keine mehr. Trotzdem sprang er direkt ins Publikum, machte seine Ansage durch den Tonabnehmer seiner Klampfe und griff in die Saiten. Zurück auf der Bühne ging’s mit „666“ klassisch weiter, mit dem Feelgood-Rocker „Ooh Baby“ griff man sogar aufs Debütalbum zurück. „Badass Rock’n’Roll“ markierte das erste Stück neueren Datums und „Winged Assassin“ wurde von einem wahnsinnigen Basssolo des enthemmt herumspringenden neuen Bassisten Chris Robertson eingeleitet. Vor „Free as the Wind“ gab Lips eine schöne Lemmy-Anekdote zum Besten und im Vorfeld zu „This is Thirteen“, jener schön wuchtigen Doom-Nummer, gleichzeitig Titeltrack des seinerzeitigen Comeback-Albums (das ich übrigens sehr empfehlen kann), sprach er über den Anvil-Film und was er für die Band bedeutete, aber auch, wer von den Mitwirkenden mittlerweile leider bereits verstorben sei. Während „Mothra“, einem weiteren unkaputtbaren Klassiker, duellierte er sich mit Robertson und packte den Vibrator aus, mit dem er auf den Saiten solierte, sang auch wieder durch den Tonabnehmer, ständig schelmisch grinsend. So geriet der Song fast zu einer Art Theateraufführung – innerhalb einer Freakshow, die ein ANVIL-Gig auch immer irgendwie ist. Dazu trägt auch Robertson bei, permanent körpergroovend und irre Grimassen schneidend, womit er an Scrat aus „Ice Age“ erinnert. Einmal hakte er sich gar bei Lips unter und tanzte mit ihm Ringelreigen. „Bitch in the Box“ stammt vom neuen Album „Pounding the Pavement“, „Swing Thing“ ist lediglich ein Alibisong für ein ausgiebiges Drumsolo Rob Reiners, „the best Heavy Metal drummer in the world!“ Und, beim Metal-Gott: Wenn jemand eines spielen darf, dann er! „Metal on Metal“ besiegelte den Klassikerreigen mit einem nicht minder ausgiebigen Mitsingpart. Damit war der offizielle Teil beendet und mein Fazit lautete: Geiler Gig, hochgradig unterhaltsam, von charismatischen, schwer sympathischen Musikern. Aber auch: ANVIL haben noch bessere Songs im Repertoire, gerade aus der Phase zwischen den Klassiker-Alben und dem erfolgreichen Comeback werden sehr viele Hochkaräter unterschlagen. Und wie bei so vielen Bands habe ich auch bei ANVIL das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, aus den jeweils drei letzten Alben lediglich eines, dafür mit höherer Hitdichte, zu machen. Die Zugabe „Running“ stimmte mich dann aber endgültig versöhnlich!

Dass der Festivalabschluss viel mehr als nur ein Nachgesang, stattdessen eine Lehrstunde in Sachen Metal werden würde, stand von vornherein fest: Die fünfte Inkarnation der New Yorker Heavy/Speed-Metal-Legende RIOT (est. 1975!), die sich seit dem Tod des letzten verbliebenen Originalmitglieds, Mark Reale, RIOT V nennt, hatte mich vor zwei Jahren auf dem Rock Hard Festival positiv überrascht und trat heute mit einem Spezialset an, das das Klassikeralbum „Thundersteel“ aufgrund seines 30-jährigen Jubiläums besonders berücksichtigen sollte. Es begann bereits zu kribbeln, als die Bühne mit dem Artwork des neuen Albums „Armor of Light“ versehen wurde – bei dem ich mich allerdings abermals fragte, was der Robbenfetisch der Band im Allgemeinen und das Artwork mit einem Bodybuilder mit Robbenkopf, Streitaxt und Schutzschild im Speziellen soll (RIOT zeichnen tatsächlich für einige der hässlichsten Metal-Plattencover überhaupt verantwortlich) … Um ja nichts zu verpassen, zogen wir uns den kompletten Aufbau inkl. Linecheck etc. rein, bis es mit dem Opener der neuen Langrille endlich losging: „Victory“. Bereits „Flight of the Warrior“ sang ich dann inbrünstig mit, weitere meiner Faves wurden mit „Outlaw“ und „Johnny’s Back“ sowie „Take Me Back“ innerhalb des auch einige Überraschungen in Form selten gespielter Songs von weniger populären Alben offenbarenden Sets berücksichtigt. So kam beispielsweise von „Born in America“ „Heavy Metal Machine“ zum Zuge, danach mit „Road Racin‘“ sogar ein Stück von 1979! Lange Zeit wurde das Gaspedal permanent durchgetreten, bis man ein paar Midtempo-Stücke und sogar eine Powerballade einstreute. Maximal fünf Songs von insgesamt um die 20 dürften es vom neuen Album gewesen sein, „Set the World Alight“ war leider nicht darunter.  Doch wie auch immer: Was RIOT V da ablieferten, war ein Musterbeispiel an technischer Perfektionen, an Tightness und Energie. Schade nur, dass Mike Flyntz‘ Gitarre während seiner Soli zu leise war. Die Band drückte das gesamte Festival durch ihre Saiten wie Eier durch einen Eierschneider, übrig blieb eine fein filetierte Masse, die zum Schlussdrittel aus „Swords and Tequila“, „Warrior“ und „Thundersteel“ noch einmal richtig auf ihre Kosten kam und noch lange später „Shine on, shine on, Warrior“ spontan auf dem Gelände anstimmte. Todd Michael Hall ist einer der besten aktuellen Metal-Sänger und während sich seine Bandkollegen zunehmend am Tequila verlustierten, entledigte sich Hall irgendwann seines Oberteils und stellte offen zur Schau, dass er nicht nur mit Gesangstalent und Musikgeschmack gesegnet ist, sondern zu allem Überfluss auch noch mit einem Adonis-Körper. Es ist einfach ungerecht verteilt! RIOT V sind eine perfekte Liveband und bildeten den nicht minder perfekten Abschluss dieses Festivals.

Das ganze Headbangers Open Air war für mich wie eine Reise in die ‘80er, allem voran natürlich aufgrund der Bandauswahl: Auch jüngere Bands hatten sich allesamt traditionellen Stilen verschrieben und jegliche musikalischen Entwicklungen ab den 1990ern ignoriert (ok, mit Ausnahme MORGANA LEFAYs). Dementsprechend gestalteten sich natürlich auch die Besucher, die sich hauptsächlich aus echten Musikfreaks zusammensetzten und kaum Event-Publikum aufwiesen. Zahlreiche Mitglieder der auftretenden Bands mischten sich nach ihren Gigs als Fans unters Volk, vor allem der SEAX-Sänger, der ständig mit ‘ner anderen Perle im Arm oder auch mal volltrunken angetroffen wurde. Party hard! Das Gelände ist schön übersichtlich, in Sachen Verpflegung dürfte für jeden etwas dabei gewesen sein und die Preise sind überwiegend bezahlbar. Der Trinkwasserspender erwies sich besonders angesichts der Hitze als häufig frequentierte Möglichkeit, seinen Flüssigkeitshaushalt gratis und ohne Alkohol auszugleichen. Einziger Kritikpunkt: Die Bierbecher waren im Innenbereich an der Bühne selten wirklich voll, meist einen Schluck unterm Eichstrich. Wenn die Becher schon lediglich 0,3 Liter fassen, fällt das durchaus ins Gewicht. In Sachen Suff so richtig krachen lassen haben wir’s aber ohnehin nicht, zu unattraktiv erschien  die Vorstellung, verkatert dort herumzuhängen und die Bands nur noch als Lärmbelästigung zu empfinden. Selbst am letzten Abend siegte irgendwann die Vernunft und wir seilten uns ab, als ein Bekannter volltrunken eine junge Dame im Arnold-Schwarzenegger-T-Shirt (!) zum Armdrücken herausforderte – es wäre sicher noch eine extrem lustige Nacht geworden, aber wir mussten bereits morgens die Pension räumen…

Mehr als deutlich wurde wieder einmal, welch großer Unterschied zwischen dem Nebenbeihören von Studioaufnahmen und dem Live-Erlebnis besteht: Ein unterhaltsamer Gig lässt über manch songschreiberische Schwäche hinweghören, manch Song zündet erst live so richtig, das eine oder andere in der Diskografie versteckte Juwel offenbart sich. Und Trüffelschweinen wie mir bietet sich die Gelegenheit, die eine oder andere Band überhaupt erst zu entdecken, was insbesondere hier auf dem HOA der Fall war. Ich hoffe, dass all diese Aspekte durch meinen Konzertbericht veranschaulicht wurden. Ein Jammer ist es jedoch, dass dieses sympathische, wohlorganisierte Festival vom Tod Mark „The Shark“ Sheltons überschattet wurde… Davon unabhängig behalte ich es mir vor, wiederzukommen. Die bereits für nächste Jahr bereits bestätigten MANDATOR beispielsweise würden mich sehr reizen…

P.S.: Ich habe leider kein Programmheft mehr abbekommen. Falls jemand eines übrig hat und es mir vermachen würde, schreibt mir bitte eine Mail an guenni@pissedandproud.org – danke!

Mad-Taschenbuch Nr. 18: Al Jaffee – Mads großes Monster-Buch

Mad-Stammzeichner Al Jaffees dritter Auftritt im Taschenbuchformat erschien 1974 im US-amerikanischen Original, 1978 in seiner deutschen Übersetzung. Der Titel suggeriert, dass es sich um eine Sammlung von Horrorgeschichten handeln würde, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Zumindest bemühte man sich aber, möglichst schwarzhumorige Cartoons Jaffees auf den rund 160 Schwarzweiß-Seiten abzubilden. Diese teilen sich in 20 unterschiedlich lange Kapitel auf, aufgelockert durch „Kurz-Knüller“ genannte Einseiter. Die Kaptitel wurden jeweils mit „Die grausige Geschichte (würg!)…“ übertitelt und nehmen mal Monster-Klischees parodistisch aufs Korn, sind häufig jedoch auch typisch alberne, überzeichnete Cartoons mit mal besserem, mal schlechterem, jedoch stets pointiertem Ausgang für die Figuren. Nicht wenige kommen dabei ganz ohne Sprechblasen aus, was das Durchblättern natürlich beschleunigt. An die Qualitäten von tatsächlichen Jaffee-Specials zu einem bestimmten Themengebiet oder gar seinen „klugen Antworten auf dumme Fragen“ kommt diese Ausgabe nicht heran, ein kurzweiliges Vergnügen ist’s jedoch allemal – vorausgesetzt, man kann mit Jaffees bisweilen hintergründigem, meist jedoch betont absurdem Humor etwas anfangen.

Cinema-Sonderband Nr. 4: Sex im Kino – Höhepunkte des erotischen Films

Der vierte Sonderband der Filmzeitschrift „Cinema“ dürfte aufs Jahr 1982 datieren und widmet sich in Heftform 84 Seiten lang der Erotik auf der Leinwand. Und wenn mir so etwas für 2,- EUR auf einer Comic-Börse (!) in die Finger fällt, nehme ich’s natürlich mit. Nach einer angenehm kritischen zweiseitigen Einführung bietet das Heft einen fast 30-seitigen Streifzug durchs Erotikfilmgenre, der auf abwechselnd farbigen und schwarzweißen Doppelseiten großformatige Bilder mit jeweils kurzen Begleittexten bietet, dabei tatsächlich viele Facetten des Genres abdeckt und dessen Variantenreichtum eindrucksvoll illustriert, jedoch vor allem etwas fürs Auge ist. Jürgen Menningen führt anschließend eine Art Wurzelbehandlung durch, jedoch der angenehmen Art: Er referiert 15 Seiten lang (unterbrochen von einem furchtbar unerotischen Belmondo/Bisset-Poster in der Heftmitte) „von den Anfängen des Sittenfilms“, was sich spannend liest und mit historischem Material illustriert wurde. Alexandre Alexandre bekommt dann noch fünf Seiten, um ausschließlich über den „ersten Sexfilm“, Richard Oswalds „Moral und Sinnlichkeit“, zu berichten und damit speziell auf die Dialektik von Sex- und Aufklärungsfilm sowie auf die Themen Prüderie, Doppelmoral und Zensur einzugehen. Der Rest des Hefts ist dann wiederum in erster Linie dem visuellen Genuss gewidmet, indem der Informationsgehalt zugunsten spärlich kommentierter Seiten voll Fotos von „Stars der Leinwand ohne Hüllen von A-Z“ zurückgestellt wird. Ironischerweise wird die alphabetische Sortierung nach Ursula Andress und Brigitte Bardot bereits aufgegeben, was jedoch nichts an der Qualität der häufig wahrlich erotischen, ästhetischen Setfotos diverser – ausschließlich weiblicher – Erotikfilm-Ikonen ändert, was einen reizvollen Überblick über die damals noch aktuellen Protagonistinnen verschafft – der jedoch durchaus im Kontrast zu den häufig genrekritischen vorausgegangenen Texten steht. Dieser Sonderband ist ein gewagter Spagat zwischen seriöser Information und „Tittenheftchen“: Wer ausschließlich nackte Tatsachen sehen will, wird den redaktionellen Teil als störende Alibi-Texte abtun und wer vor allem an Hintergrundinformationen interessiert ist, dürfte es als Mogelpackung empfunden haben, eine Publikation dieses Bild-Text-Verhältnisses erworben zu haben. Wen allerdings beide Aspekte reizen, der findet in diesem Heft eine interessantes Zeitdokument, dessen Textteil auf einige wissenswerte Aspekte verweist und dessen Bilder nicht nur die eine oder andere Schauspielerin ins Gedächtnis rufen, sondern auch Lust auf den einen oder anderen ihrer Spielfilme machen, die in Zeiten nur einen Mausklick entfernter Gratis-Pornographie so herrlich anachronistisch wirken, jedoch neben viel fragwürdigem Unfug, himmelschreiendem Sexismus und antiquierten Geschlechterbildern nicht nur erforschenswerte Reflektionen des Sittenbilds ihrer Zeit – oder dessen Antithese – sind, sondern auch mit manch Qualitätsbeitrag beweisen, dass das Genre des explizit nichtpornographischen Erotikfilms auch heute noch zurecht parallel existiert – wenngleich es seine Hochzeiten längst hinter sich hat.

Auf Grundlage dieses Magazins entstanden offenbar jährliche Sonderbände zum Thema und schließlich das 1992 veröffentlichte großformatige Buch „Die Geschichte des erotischen Films“ im festen Einband.

Kati Rickenbach – Filmriss

Die schweizerische Comiczeichnerin und Illustratorin Kati Rickenbach ist Mitherausgeberin des Comicmagazins „Strapazin“ und veröffentlichte 2007 auf ihr Engagement für die Comicserie „Zyri“ im „Züritipp“-Stadtmagazin hin ihre erste Graphic Novel „Filmriss“ im Verlag Edition Moderne. Auf rund 80 in Graustufen gehaltenen, handgeletterten Seiten zwischen festen Einbanddeckeln erzählt sie die Geschichte der jungen Erwachsenen Lela, die nach einer Party mit einem Knutschfleck aufwacht, sich jedoch an nichts erinnern kann und versucht, die Ereignisse der letzten Nacht zu rekonstruieren. Die Leserinnen und Leser folgen ihr dabei auf eine Reise durch Partys und Flirts, ungesunde zwischenmenschliche Beziehungen, Verunsicherung und Wut bis hin zu Wahnsinn und Verzweiflung. Eine Attraktion des Bands ist der verschachtelte Erzählstil mit seinen vielen Perspektivwechseln und Rückblenden, der zu einer spannenden Geschichten heranwächst, die letztlich alle Handlungsfäden zusammenführt – weshalb über diese hier nicht mehr verraten werden soll. Im karikierenden, eigenwilligen, aber nicht uncharmanten Funny-Stil kann die ironische bis sarkastische Leichtigkeit der blocktextfreien Zeichnungen und Dialoge nicht übertünchen, dass hier ins Gegenteil verkehrt wird, was gemeinhin als Inbegriff von jugendlichem/adoleszentem Spaß, als sorgenarmes Freizeitvergnügen gilt. Das starre Grid-Korsett mit je acht Panels pro Seite wirkt wie die Grenze einer Realität, der die Figuren ohne Aussicht auf Erfolg zu entkommen versuchen. Ein Spiegelbild einer Generation? Das weiß ich nicht. Ich würde es Rickenbach aber vorbehaltlos abkaufen, wenn das, was sie hier verarbeitet, ausnahmslos auf realen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, weshalb einem das Lachen insbesondere zum Ende hin gleich mehrmals im Halse stecken bleibt. Beachtlich ist zudem, wie es ihr gelingt, all dies auf lediglich 80 Seiten komprimiert wiederzugeben. Ein hoffnungsvoll stimmendes Debüt über Hoffnungslosigkeit aus der Perspektive eines gesellschaftlichen Mikrokosmos, der damit zu kämpfen hat, sich damit abzufinden.

Isabel Kreitz – Deutschland. Ein Bilderbuch

Da hat man wirklich etwas in der Hand: Auf rund 110 gebundenen Seiten in mattem, festem Papier zwischen großformatigen Hardcover-Deckeln erstreckt sich der Comicband der Hamburgerin Isabel Kreitz, der 2011 im Dumont-Verlag veröffentlicht wurde. 52 Geschichten auf je einer Doppelseite bilden „prägende Ereignisse deutscher Nachkriegsgeschichte“ (Zitat: Einband) zwischen 1949 und 2008 ab, wobei die linke Seite jeweils kurze, prägnante Erläuterungen enthält und die rechte Seite Kreitz’ naturalistischem, doch unverkennbarem, begeisterndem Zeichenstil vorbehalten ist. Aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Tragödien rekrutieren sich ihre meist satirisch, ironisch oder sarkastisch erzählten Geschichten, für die sie dem Volk aufs Maul geschaut hat und es versteht, durchaus hintersinnig deutsche Befindlichkeiten zu Papier zu bringen. Beginnend mit Thomas Manns erstem Besuch Nachkriegsdeutschlands über die deutsche Teilung, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, die „Spiegel“-Affäre, JFKs Berlin-Auftritt und die Einführung des Farbfernsehens bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung, den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern, den Abzug der Roten Armee, der „Love Parade“, der Einführung des Euros und der Finanzkrise bietet „Deutschland. Ein Bilderbuch“ ein buntes Potpourri an Erinnerungen. Drei, vier mal kommt sie dabei komplett ohne Sprache aus, teilweise arbeitet sie mit Collagen statt klassischem Panel-Aufbau, Fotomontagen und gezeichnete Bildzitate von Personen, Plakaten, Zeitschriften und Werbung sorgen für Zeitkolorit und Authentizität. Manch Handlung wirkt durch eine Vielzahl an Sprechblasen unruhig und verwirrend, zwingt dadurch in der Rezeption zu intensiverer Auseinandersetzung. Die Leserinnen und Leser werden auf Mikroebenen geleitet; einzelne Dialoge oder Momente vor dem Hintergrund größerer Ereignisse stehen im Mittelpunkt der Geschichtchen, die häufig, jedoch nicht immer den richtigen Ton treffend ausgefallen sind (was natürlich genau genommen ohnehin sehr subjektiv ist). Die Farbgebung wird tendenziell immer bunter und freundlicher, was zwei Interpretationsmöglichkeiten zulässt: Die Visualisierung des Vergangenheits-/Gegenwartcharakters, bei der sich der graue Schleier der belasteten deutschen Vergangenheit immer stärker lichtet, oder aber das Aufgreifen der Materialästhetik alten Foto- und Filmmaterials im Vergleich zu jüngeren technischen Möglichkeiten.

Einen vollumfänglichen Überblick über die deutsche Geschichte bietet Kreitz jedoch keinesfalls. Die Relevanz wird auf formaler Ebene nicht differenziert, jeder Geschichte wird gleichviel Platz eingeräumt. Diverse wichtige Ereignisse werden lediglich angedeutet (der Sieg der DDR-Fußballnationalmannschaft gegen die der BRD 1974, die Wende), andere hingegen gar gänzlich ausgespart (die Erschießung Benno Ohnesorgs, der PLO-Terror 1972, der Fußball-WM-Titel 1990, der Neonazi-Terror u.v.m.). Zudem verwendet Frau Kreitz „Deutschland“ offenbar synonym zu „BRD“, denn lange Zeit scheint die DDR in ihrem Buch überhaupt nicht mehr zu existieren, findet lediglich hier und da noch einmal am Rande statt. Damit wird sie dem Titel ihres Buchs leider in keiner Weise gerecht und ignoriert sie die Entwicklungen und Ereignisse im sozialistischen deutschen Staat zwischen Mauerbau und Wende. Damit legt sie die Missinterpretation nahe, dass dort die Zeit stehengeblieben sei, während in der BRD der Fortschritt vorangeschritten sei. Zudem delegitimiert sie die Existenz der DDR, macht sie unbedeutend und unsichtbar, wenn sich ihr Deutschland-Bild bis 1989 lediglich bis an die Ostgrenze der Nato erstreckt. Damit zeichnet Isabel Kreitz trotz aller guten Ansätze und unbestreitbaren Qualitäten ihres Bands leider lediglich ein Zerrbild deutscher Realität, das jedoch, ganz wie manch eine ihrer Geschichtchen, tiefe Einblicke in die deutsch-deutschen Beziehungen gewährt – wenn auch unfreiwillig.

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic

Henseler/Buddenberg zum Dritten: Nach „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ erarbeiteten sie im Jahre 2012 einen dritten Lehrcomic zur deutsch-deutschen Geschichte, indem sie die populärste Geschichte um einen Fluchttunnel von West- nach Ostberlin aufgriffen und, im Gegensatz zu den Franzosen Jouvray und Brachet in „Fluchttunnel nach West-Berlin“, weitestgehend realitätsgetreu abbildeten. Ihr Comic wurde zunächst im Rahmen der von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Ausstellung „Tunnel 57“ im Tunnel der Berliner U-Bahnstation Bernauer Straße ausgestellt und erschien 2013 und 2014 in zwei Auflagen als Buch mit zahlreichen weiterführenden Informationen, Interviews, Lehrmaterialien etc., 2016 schließlich als 34-seitige reine Comicbroschüre im Christoph-Links-Verlag. Die letztgenannte Ausgabe liegt mir vor. Wie „Berlin – Geteilte Stadt“ ist sie als Bildungscomic insbesondere auf junge Leser und den pädagogischen Einsatz ausgerichtet.

Erzählt werden die Ereignisse aus Sicht des Tunnelbauers Joachim Neumann, der zusammen mit anderen Fluchthelfern im Jahre 1964 insgesamt 57 Menschen nach beinahe unmenschlichem Aufwand zur Republikflucht von Ost- nach Westberlin verhalf und hier als Erzähler auftritt. Zunächst wird der Plan inkl. fünf federführender Durchführer vorgestellt, wobei auch deren Motive zur Sprache kommen. Ein in Graustufen gehaltener naturalistischer, detail- und schattierungsarmer Zeichenstil kommt zum Einsatz, comictypische Gestaltungselemente wie Bewegungslinien, Soundwords oder Sprechblasen finden sich kaum, erläuternder, dokumentarischer Blocktext überwiegt. Wie gewohnt tritt die künstlerische Expression hinter die Zweckmäßigkeit zurück. Planzeichnungen und Übersichtskarten verstärken den dokumentarischen Eindruck; die Integration realer Personen, deren Comic-Äquivalente sich sogar an Originalfotos orientieren, Zeitkolorit in Form zeitgenössischer Produkte, Marken und Entwicklungen und viele recht realgetreue Bildzitate, für die Fotos in Comicform gebracht wurden, dienen ebenso als weitere Authentisierungsmittel wie abgebildete Original-Zeitungsschlagzeilen.

Dass die Geschichte eigentlich die vier großen literarischen Motive Liebe, Lüge, Verrat und Tod enthält, interessierte das Autoren/Zeichner-Team hingegen weniger. Extrem straff und verdichtet werden die Ereignisse lange Zeit sehr sachlich und nüchtern geschildert und auf Charakterisierungen der Figuren weitestgehend verzichtet. An klassischer Spannungsdramaturgie versucht man sich lediglich auf den Seiten 22-25, als sich die Stasi einschaltet und es zum verhängnisvollen Schusswechsel kommt, bei dem der Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben kommt. Hierauf wird dann auch detailliert eingegangen, der Fokus des Endes liegt eindeutig hierauf. Nach einer beinahe kriminalistischen Aufarbeitung des Falls – Fluchthelfer Zobel schoss auf Schultz, welcher jedoch erst von einem Querschläger eines Kameraden tödlich verletzt wurde, was die DDR-Führung bewusst verschwieg, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren – findet Erwähnung, dass Zobel dies nie verarbeitet hat und bis zu seinem Tod im Glauben gelassen wurde, einen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Damit werden die Schattenseiten dieses Unterfangens herausgestellt, dem – wie ebenfalls erwähnt wird – bereits mehrere ähnliche Tunnelbauten vorausgegangen waren. Dies ist wichtig für die Einordnung dieser allzu oft einseitig zu einer klassischen Erfolgsgeschichte verklärt wiedergegeben Ereignisse, die nur mit breiter Unterstützung Kalter Krieger der BRD möglich wurden: Geheimdienste, Medien und Polizei förderten die Aktion aus ideologischen Gründen zur Schwächung der DDR. Dieser viel zu selten Beachtung findende Umstand wird jedoch leider lediglich angedeutet. Das ist schade, verhindert es doch, dass „Tunnel 57“ tatsächlich zumindest zum Einstieg in die Thematik als niedrigschwelliges Lehrmaterial für junge Schüler vollumfänglich gut geeignet wäre. Hintergründe zur Teilung Deutschlands und zum Mauerbau müssten sich indes so oder so anderweitig beschafft werden…

Olivier Jouvray / Nicolas Brachet – Fluchttunnel nach West-Berlin

Auch Frankreich trug einen Stein zum Wende-Comic-Mosaik bei: Autor Olivier Jouvray und Zeichner Nicolas Brachet veröffentlichten 2014, also pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Maueröffnung, ihre Graphic Novel im Delcourt-Verlag, die noch im selben Jahr von Annika Wisnieswki ins Deutsche übersetzt und im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums vom Avant-Verlag als rund 60-seitiger, großformatiger und vollfarbiger Hardcover-Band verlegt wurde. Damit ist „Fluchttunnel nach West-Berlin“ der bisher einzige mir bekannte ausländische Beitrag zum Themenkomplex. Jouvray und Brachet zeigen sich fasziniert vom raffiniert ausgeklügelten und mit viel Hirnschmalz und Muskelkraft realisierten Tunnelbau von West- nach Ostberlin, durch den 1964 57 Menschen die Flucht aus der DDR gelang. Dieses Ereignis inspirierte sie zu einer Geschichte, in der Kunststudent Tobias seine jüngere Schwester Hanna zu sich in die BRD holen möchte und in seinem Freund Mathias jemanden findet, der sich nach anfänglichem Desinteresse bereiterklärt, ihm zusammen mit zahlreichen weiteren freiwilligen Helfern dabei zu helfen, weil er sich in Hanna nach einem persönlichen Kennenlernen verguckt hat.

Es handelt sich also um so etwas wie eine halbfiktionale Geschichte, weshalb es im Paratext „inspiriert von wahren Ereignissen“ heißt. Diese wird in in vielen Blau- und Grautönen kolorierten, von mir als sehr hochwertig empfundenen naturalistischen Zeichnungen in abwechslungsreich gestalteten Panel Grids erzählt. Aufregung wird durch starke farbliche Kontraste illustriert. Die Grautöne kommen meist zur Darstellung der DDR zum Einsatz und folgen damit einer Stereotypisierung; die von sehr düster zu sehr hell verlaufende Farbgebung ist Teil der Farbdramaturgie. Auf Blocktext wird weitestgehend ebenso verzichtet wie in der an Handletterungen angelehnten Schriftart auf Groß- und Kleinschreibung, der eigenwillige Font bildet lediglich sämtliche „e“ und „i“ in ihren kleinen Buchstaben ab. Einige Bilder sind stark von authentischen Fotos inspiriert und wurden entsprechend zeichnerisch nachgestellt. Dies suggeriert jedoch eine Authentizität, die Jouvray und Brachet nie erreichen:

Nach den ersten drei Seiten beginnt eine Rückblende, die die Entstehung des Vorhabens aufzeigt und komplett frei erfunden ist. Zurück in der Gegenwart des Comics sind es vor allem Auslassungen, die „Fluchttunnel nach West-Berlin“ an Realismus einbüßen lassen. Auch losgelöst von jeglichem Authentizitätsanspruch wirft die Geschichte Fragen auf: Bereits die Fluchtgründe bleiben bis auf einige Anspielungen im Dunkeln. Sehr tendenziös wird die DDR als „Hölle“ bezeichnet. Es mag sein, dass sie es für einige war. Echte Gründe dafür, diese mit dem Tunnelbau verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen, bleiben jedoch nebulös. Nicht minder unklar ist, weshalb Tobias’ und Hannas Vater als überzeugter Sozialist plötzlich so mir nichts, dir nichts alles zurücklässt und ebenfalls flieht – weshalb und wovor? Ausgelassen werden entscheidende historische Hintergründe: Tunnelbauer wie Reinhard Furrer kann man möglicherweise noch als politische Idealisten einordnen, persönliche Gründe spielten jedenfalls – anders als in diesem Comic – eine untergeordnete Rolle. Jouvray und Brachet dichten stattdessen eine flache Fluchtromantik dazu und verklären die Ereignisse damit. Mit Mathias haben sie eine Klischeefigur erschaffen, die aus Liebe vom Bad Boy zum Good Boy avanciert. Dass der Tunnelbau einer von mehreren war und von der BRD bewusst als Waffe im Kalten Krieg eingesetzt wurde, wird mit keiner Silbe erwähnt: BRD-Medien und -Geheimdienste hatten die Aktion finanziert, u.a. um Mitgliedern der reaktionären CDU zur Flucht zu verhelfen.

Den größten Fauxpas leisten sich die Autoren, indem sie den Tod des Grenzsoldaten Egon Schultz verschweigen. Dieser war, nachdem die Stasi die Fluchtversuche entdeckt hatte, bei einem Schusswechsel umgekommen. Obwohl Fluchthelfer Christian Zobel ihn lediglich angeschossen hatte – Schultz starb daraufhin durch Querschläger seiner Kameraden –, wurde Zobel im Glauben gelassen, für Schultz’ Tod verantwortlich zu sein und seines Lebens nicht mehr froh. Zu Lebzeiten erfuhr er nicht mehr, was sich nach dem Untergang der DDR herausstellte: dass die DDR-Führung dies absichtlich verschwiegen hatte, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren. All dies waren die unmittelbaren Folgen dieser fragwürdigen Tunnelflucht, an der ich daher nichts Heldenhaftes finden und sie schon gar nicht als einseitige Erfolgsgeschichte einordnen kann, wie es die beiden Franzosen hier tun. In einem TV-Interview berufen sie sich immer wieder auf die wahren geschichtlichen Ereignisse, geben an, Fiktion und Dokumentation miteinander zu vermischen, betonen aber auch, dass es wichtig sei, zu zeigen, was passieren hätte können – dieses widersprüchliche Geschwurbel kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass sie durch ihren Verzicht auf entscheidende historische Zusammenhänge auf ganzer Linie versagt haben. Jouvray und Brachet haben – im Prinzip ähnlich der SED, lediglich unter veränderten Vorzeichen – einen Beitrag zur Geschichtsklitterung geliefert, der die wahren Ereignisse auf unzulässige Weise verharmlost und ihnen in keiner Weise gerecht wird.

Zudem ist es ein Unding, anzunehmen, eine solche Geschichte auf nicht einmal 60 Comicseiten adäquat abbilden zu können. Das ist alles sehr schade, denn eigentlich wollte ich „Fluchttunnel nach West-Berlin“ mögen – aufgrund seines Zeichenstils, aufgrund des schönen Hardcover-Bands, den man gern in den Händen hält. So jedoch muss ich ausdrücklich vor diesem Comic warnen.

21.07.2018, Gängeviertel, Hamburg: Hannes‘ und Günnis Birthday Disaster mit LAST LINE OF DEFENSE + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + LIQUOR SHOP ROCKERS + THEM FALLS

Hannes‘ und meine Geburtstagsparty im Gängeviertel, die dritte… Bei der ersten Ausgabe war ja alles noch ganz entspannt für mich: Hannes hatte sich um alles gekümmert und ich brauchte mich nur mit meiner Band auf die Bretter zu wuchten. Beim zweiten Mal hatte ich schon bischn mehr umme Ohren, zudem war’s alles andere als einfach, meine Kapelle zusammenzubekommen: Eisenkarl fiel aus, weshalb wir kurzfristig Pulvertoastie Holler als Interimsbassisten anlernen mussten, Kais Teilnahme stand schließlich auch auf der Kippe und ich hatte mir zu allem Überfluss auch noch derbe einen aufgesackt. In der Ausweich-Örtlichkeit aufgrund der Gängeviertel-Renovierung lief letztlich – warum auch immer – aber doch alles glatt. Dieses Jahr war ich nun involviert wie nie zuvor und vornehmlich damit beschäftigt, das Band-Aufgebot zusammenzustellen. Und das gestaltete sich alles andere als einfach: CRACKMEIER standen eigentlich schon fest, allein schon, weil deren Drummer Martin dann auch gleich seinen Geburtstag hätte mitfeiern können – fielen dann aber doch flach, weil einer der Gitarristen lediglich am Freitag, nicht aber Samstag gekonnt hätte. Außerdem fehlte eine Art Headliner. Ich hab‘ Gott, Satan und die Welt gefragt, doch jedes Mal war irgendjemand unabkömmlich. Dennoch ist’s mir irgendwie gelungen, dann doch gleich drei mehr oder weniger lokale Acts zusammenzutrommeln und damit ein verdammt schlagkräftiges Line-Up aufzufahren. Dass die alle aus der Nähe kommen und LAST LINE OF DEFENSE in Kürze ohnehin schon wieder im Gängeviertel auftreten – geschenkt. Der Vorteil nämlich war, dass es ein Treffen mit Freunden und guten Bekannten wurde.

Doch, oh Graus, nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrs hätte ich gewarnt sein müssen: In der Woche entwickelte Kai eine derart hartnäckige Rückenmuskelblockade, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und im Krankenhaus behandelt werden musste. Es sah verdammt schlecht aus. Und damit nicht genug: Eisenk(r)alle zertrümmerte sich am Donnerstag eine Fingerkuppe. Irgendjemand hatte unsere Voodoo-Puppen mal wieder im vollen Würgegriff… Der schmerz- und furchtlose Kalle meldete zwar Vollzug und war nach kurzer Behandlung wieder zu allem bereit, doch als mir Kai am Freitagmorgen mitteilte, dass es bei ihm wohl nichts werden würde, suchte ich halbherzig und erfolglos nach möglichem kurzfristigsten Ersatz, war jedoch bald mit meinem Latein am Ende. Gänzlich unverhofft meldete er sich am Freitagabend noch einmal und berichtete, dass sein Schmerzmittelcocktail endlich angeschlagen habe und er mittels Seniorengymnastik gerade ganz langsam zum zumindest gebückten Gang zurückfände. Damit war unser Gig auf dem letzten Drücker gerettet. Respekt an Kai, den alten Wemmser und zukünftigen Ausgleichssportler – solch eine Aufregung brauche ich aber echt nicht noch mal… Am frühen Nachmittag war übrigens noch bekannt geworden, dass sich der LAST-LINE-OF-DEFENSE-Gitarrist seine Achillessehne geschrotet hat und mit Hocker auf die Bühne muss. Die LIQUOR SHOP ROCKERS wiederum hatten Meniskus + Ischias + Grippe anzubieten und THEM-FALLS-Gitarrist/-Schreihals Stülpo klagte über Verrotzung. Die Veranstaltung wurde kurzerhand in „Hannes‘ und Günnis Invaliden Birthday Disaster“ umgetauft, glücklicherweise würde mit LLOD-Eloi ein Sanitäter anwesend sein…

Die Equipmentfrage klärte sich dafür umso unkomplizierter: Jeder brachte bischn was mit, THEM FALLS dankenswerterweise die Boxen, nur LAST LINE OF DEFENSE blieben außen vor, weil die arbeitsbedingt ohnehin erst später kommen konnten – was somit zu keinem Problem wurde. Wir baten die drei anderen Bands um 17:00 Uhr zum Gängeviertel, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass alle derart pünktlich sein würden, denn das Equipment-Puzzle wollte ja erst noch zusammengesetzt werden. Doch falsch gedacht: Als ich mit Dr. Tentakel und Kalle vorfuhr, waren THEM FALLS und LIQUOR SHOP ROCKERS bereits vor Ort und hatten den Großteil bereits aufgebaut. Vorbildlich! Also ersma die große Hallo-Runde, Bier kaltstellen, das erste köpfen, dem regen Treiben zusehen, Merch-Plünnen auseinanderfriemeln – und die Kür vor der Pflicht: übers Buffet hermachen. Hannes‘ Bruder Martin hatte Salade de pâtes kredenzt, mit hohem Gemüseanteil für die Volksgesundheit und Tofuwürfeln fürs Tierwohl, dazu Baguette und Crème d’ail gereicht. Dekorativ hatte Hannes zudem reichlich Obst dazugelegt. Noch bevor mich jemand hätte bitten können, den Vorkoster zu machen, genoss ich bereits die Haute Cuisine und vergab  Feinschmecker-Sterne. Davor war mir der wegen absoluten Schleppverbots ohne Umweg über den Proberaum direkt ins Gänge4tel gekommene Kai bereits über den Weg „gelaufen“, als er, gestützt von seinen beiden Pflegerinnen, seine Krücken wegwarf, euphorisch „Kann wieder gehen!“ ausstieß und sich mit einem großen Satz strategisch direkt am Tresen positionierte – auf einem rückenfreundlich gepolsterten Barhocker, versteht sich. Mit sich führte er Geschenke, für die sich meine werten Motherfuckers nicht hatten lumpen lassen: Ein nur leicht manipuliertes Bandfoto mit persönlicher Widmung sowie ein endstylishes Skeletor-T-Shirt. Boah, wie geil – werde ich auf dem HOA einweihen!

Beim Soundcheck war ich dann froh, dass nicht wir, sondern THEM FALLS auf der Bühne standen: Der zog sich nämlich arg, weil es Probleme mit dem Gesang auf den Monitoren gab. Insbesondere der Bassist und Co-Brüller konnte sich partout so gut wie gar nicht hören und durch die x-maligen Versuche liefen beide Sänger Gefahr, bereits zu diesem Zeitpunkt heiser zu werden. Wir hätten vermutlich schon längst „Scheiß drauf!“ gesagt, doch THEM FALLS, die an diesem Abend ihre Live-Premiere absolvieren sollten, wollten verständlicherweise das Optimum herausholen und hielten tapfer durch, bis nach reichlich Knöpfchengedrehe und Mikrowechseln – sowie einem zwischenzeitlichen Stromausfall! – endlich alles annehmbar klang. Der Song, den sie dafür immer wieder angespielt hatten, war für alle Anwesenden mittlerweile zum Ohrwurm geworden. Gegen 20:00 Uhr wurde die Bude dann offiziell geöffnet, nun wurd’s spannend: RAZORS + RESTMENSCH im Menschenzoo, weitere Konzis im Störtebeker und in den St.-Pauli-Fanräumen – wie viele würden sich bei tropischen Temperaturen ins Gängeviertel verirren?

Oh, so einige. THEM FALLS konnten pünktlich um kurz nach 9 anfangen, ohne dabei vor leerer Kulisse zu stehen, im Gegenteil: Ihr Live-Debüt stieß auf reges Interesse und offene Ohren. Das aus den Trümmern von RODHA hervorgegangene Trio spielt Sludge-Metal mit kehligem Gesang und fetten Effektkoffern, an der Gitarre mein Tätowierer Stülpo, der für fast alle Abziehbildchen auf mir verantwortlich zeichnet, und an der Schießbude ebenfalls ein alter Bekannter: Lynn, der parallel bei UPPER CRUST singt und damit zum dritten Mal in Folge auf Hannes‘ und meinen Geburtstagspartys auf der Bühne stand! Die Aufregung merkte man der überaus konzentriert auftretenden Band nicht an, sehr souverän zog sie ihren Stiefel durch und erfüllte das Gängeviertel mit verdammt schweren Sounds und düsterer Atmosphäre. Im April haben THEM FALLS ihre ersten Aufnahmen auf Bandcamp veröffentlicht, was mir völlig entfallen war, weshalb ich sie hier nachreiche: https://themfalls.bandcamp.com/releases Schönes Ding und ich bin ein bisschen stolz, dass wir die ersten waren, bei denen sie zum gediegenen Schwof aufspielten. Und danke auch an Lynn für die beiden Röhrchen Gelo Revoice!

Eigentlich wollten wir als Zweite spielen, ließen aufgrund der angeschlagenen Gesundheit ihres Drummers Toni aber den LIQUOR SHOP ROCKERS aus Altona den Vortritt. Die Bude war mittlerweile voll, die Temperaturen waren weiter gestiegen und spätestens jetzt wurde die ganze Nummer hier auch für mich zum Saunaabend mit Hopfenaufguss. Weste, Nina, Needlz und Toni verfügen zusammen über ungefähr 150 Jahre Live-Erfahrung in anderen illustren Combos und haben sich vor einiger Zeit zusammengetan, um kräftegebündelt wieder derbe auf die Kacke zu hauen. Die HC-Sozialisation des einen oder anderen Bandmitglieds lässt sich nicht verleugnen und schimmert in ihrem Stil immer wieder stark durch. Ein brachiales Gebräu aus HC-Punk, Streetpunk und klassischem Punkrock, mal frech, mal prollig, nie leise oder subtil, sondern immer mit dem Kopf durch die Wand, vereint gegen den Rest der Welt. Fuck-you-Attitüde trifft auf juvenile Spielfreude trifft auf abgezockte Erfahrung. Needlz scheint an seiner Klampfe oftmals förmlich zu explodieren, Ninas Bass klingt nicht selten fast wie ‘ne zweite Gitarre, Weste hält gern gleich beide Mittelfinger lässig dirigierend in die Luft und Toni hält die Chose präzise und mit entschlossenem Punch zusammen. Das ist die grobe Kelle, die dennoch manch sich festkrallende Melodie offenbart und echt mal auf Vinyl gehört. Folgerichtig stehen demnächst Studioaufnahmen an – hoffentlich bleibt ihnen das Dreckige, Urwüchsige, Ungezähmte erhalten!

Wäre ich als Gast hier gewesen, hätte ich mich längst gehengelassen und heillos betrunken. Es galt ja aber noch einen Job zu erledigen. Paar Bierchen gekrallt, rauf auf die Bühne, Line-Check und ab dafür: „Pogromstimmung“, „Tales of Terror“ und „Menschenzoo“ ohne Tüdelüd hintereinander wech, zum zweiten Mal überhaupt die „Spaltaxt“ kreisen gelassen, geschwitzt wie ein Schwein, nachgekippt, zehn weitere Songs durchgeprügelt, Danksagungen, tschüß. So in etwa fühlte sich der Gig an, der wie im Rausch an mir vorbeizog. Ich weiß nicht, ob ich es THEM FALLS zu verdanken habe, aber ich hatte einen  astreinen Gesangssound auf den Monitoren. Alles lief weitestgehend glatt, sodass es zu keinen Zwangspausen kam. Kai hielt sich wacker und Kalle schien die funktionsunfähige Fingerkuppe tatsächlich nicht zu beeinträchtigen. Pokerface Dr. Tentakel hielt zudem die Drumzügel fest in der Hand, haderte lediglich mit der Enge in der Schlagzeugbucht, die seines Erachtens gegen geltende Mindeststandards zur artgerechten Drummerhaltung verstoßen. Klar hatten sich ein paar Fehler eingeschlichen, aber nichts Gravierendes, keine Texthänger o.ä. Nach ‘ner Band wie LIQUOR SHOP ROCKERS auf die Bühne zu müssen, hielt ich für keine dankbare Aufgabe, aber offenbar hatten viele auch Bock auf uns, waren neugierig oder blieben  aus Höflichkeit, weil ich Geburtstag hatte 😉 Nee, das war schon unseren Ansprüchen genügend abgeliefert und die Resonanz war sehr positiv. Allerdings hörte ich danach bis spät in die Nacht hinein überhaupt nicht mehr zu schwitzen auf und goss mir zum Ausgleich ein Bierchen nach dem anderen rein.

Manch einen schien der Abend ähnlich geschlaucht zu haben, ausgerechnet zum Headliner war leider eine deutliche Publikumsabwanderung zu vernehmen. Für eine lauschige Oldschool-Hardcore-Show mit den jüngst wiedervereinten Wedelern LAST LINE OF DEFENSE mangelte es aber noch lange nicht an Menschenmaterial. Ich war besonders gespannt, denn nachdem ich früher diversen LLOD-Gigs beigewohnt hatte, hatte es sich seit der Reunion noch nicht ergeben. Mit ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel und neuem Gitarristen hat man nichts an Durchschlagskraft eingebüßt. Der Gitarrist musste wie erwähnt den Gig sitzend verbringen, was Shouter Eloi mit erhöhtem Laufpensum vor der Bühne wettmachte. Die Songs der überaus geschätzten EP sowie Material, das es nicht auf sie geschafft hatte, wurden neben jüngeren Stücken und einigen Coverversionen von Bands wie WARZONE oder NEGATIVE APPROACH zum Besten gegeben. Als mir Eloi mit zunehmender Freude das Mikro zum Mitsingen hinhielt, war ich mal mehr, mal weniger textsicher und wurde mir schlagartig bewusst, wie lange ich mir all die Klassiker – ob bandeigen oder weltweit populär – eigentlich nicht mehr gedrückt hatte… Aber so oder so ging mir das Herz auf; astreine Nummer, großartige Songs, ein ebenso genialer wie bescheidener Frontmann und ein sympathisches  Auftreten, was die Band für unzählige weitere Shows qualifiziert, von denen ich hoffentlich so viele wie möglich werde mitnehmen können. Dieser schnörkellose US-Hardcore-Sound der alten Schule in Kombination mit Spaß am Schreiben richtiger Songs, die auch mal länger als 90 Sekunden gehen, hatte echt auf den Hamburger D.I.Y-Bühnen gefehlt. Speziellen Dank an dieser Stelle noch mal an Drummer Wallace, der mir (passend zum Skeletor-Shirt) ein altes MOTU-Magazin und eine Sid-Vicious-Actionfigur geschenkt hat. Nein, wir sind nicht nerdig – wer behauptet so was nur?!

Im Anschluss machten meine liebe Freundin, die während unseres Gigs wieder Fotos geschossen (s.o.) und sogar ein paar Videos gedreht hatte, und ich uns noch (mal) übers Büffet her, das ich Gierschlund mir am liebsten auch noch für Zuhause eingepackt hätte. Und dann war da ja noch die Spendenaktion, zu der wir zugunsten der Mittelmeer-Seenotrettung aufgerufen hatten. Zwischendurch hatte Martin mir bereits mitgeteilt, welch sensationell hohe Summe sich angesammelt hatte. Letztlich wurden’s sage und schreibe knapp 470,- EUR. Unsere paar Taler an Merch-Einnahmen haben wir noch draufgepackt und ich hab‘ aufgerundet auf 500,- EUR, die an den Sea-Watch e.V. gingen. Deshalb ein ganz großes DANKESCHÖN an alle Spender, generell an alle, die mit uns gefeiert haben, an sämtliche, ausnahmslos geilen Bands und natürlich an Hannes, der die Organisation vor Ort übernommen und einen zuverlässigen Stab verdammt fähiger Helferinnen und Helfer vom Sternekoch über den Soundmann bis zur Thekencrew zusammengetrommelt hatte, ohne die an diesem Abend Dunkeltuten gewesen wäre und denen ebenfalls mein tiefster Dank gilt – und zum Besen griff er am Schluss höchstpersönlich, während wir unser Equipment zusammensammelten, ins Taxi stopften und irgendwann gen Altona aufbrachen.

DAS nenne ich mal eine Geburtstagsparty, die mich nun wirklich für alle Komplikationen im Vorfeld entschädigt  hat – nächstes Jahr wieder, oder was?! (Dann gern etwas weniger aufregend, man wird ja nicht jünger…)

Susanne Buddenberg / Thomas Henseler – Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten

Wie die Wende-Comics „Grenzfall“ und „Treibsand“ wurde auch der Comic-Band „Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten“ mit Bundesmitteln von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur subventioniert. Es handelt sich nach „Grenzfall“ um das zweite Werk zum Thema aus den Federn Susanne Buddenbergs und Thomas Henselers. Das rund 100-seitige Buch erschien 2012 im Avant-Verlag.

Noch zielgerichteter als „Grenzfall“ wurde „Berlin – Geteilte Stadt“ als Unterrichtsmaterial konzipiert. Erzählt werden fünf Geschichten, chronologisch von Mauerbau bis Mauerfall sortiert, von denen es im Paratext heißt, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhten. Das Autoren-Team hat Zeitzeugen befragt und ihre Geschichten nachgezeichnet. In „Wie der Mauerbau fast mein Abitur verhindert hätte“ berichtet Regina Zywietz, wie sie vorm Mauerbau im Osten Berlins lebte, jedoch im Westen zur Schule ging – und wie ihre Lehrer ihr nach dem Mauerbau zur Flucht in den Westen verhalfen. Ursula Malchow erzählt in „Das Krankenhaus an der Mauer“ von ihrer Arbeit im Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße, also unmittelbar an der Berliner Mauer. Dort wurden u.a. verletzte Flüchtlinge behandelt, Querschläger aus den Schusswaffen der Grenzschützer schlugen ins Mauerwerk ein. Der Ostberliner Ernst Mundt wollte die Mauer überqueren, wurde jedoch 1961 das fünfte Todesopfer an der Mauer. In „Mit der Seilbahn über die Mauer“ gelingt Familie Holzapfel eine spektakuläre Flucht in den Westen. Detlef Matthes beschreibt in „Die andere Seite“ sein damaliges Hobby, die Grenzanlagen (verbotenerweise) zu fotografieren sowie seine Verhaftung im Rahmen einer Jugendrevolte vor dem Hintergrund des „Concert for Berlin“ 1987, das in Westberlin in unmittelbarer Nähe der Mauer stattfand. Aufgrund der zahlreichen Fotoaufnahmen, die bei ihm gefunden wurden, hielt man ihn für einen Spion. Im Zuge der Amnestie für politische Gefangene kam er vorzeitig frei, stellte einen Ausreiseantrag und durfte die DDR auf offiziellem Wege verlassen. Und Jan Hildebrandt lässt in „Mein 18. Geburtstag“ schließlich eben jenen am 9. November 1989 Revue passieren, an dem er plötzlich von der Maueröffnung erfuhr und einen unvorhergesehenen Ausflug nach Westberlin unternahm.

Lediglich der Einband wurde zum Teil farbig gestaltet, der Inhalt ist, wie in „drüben!“ und „Grenzfall“, in Schwarzweiß gehalten. Der Zeichenstil ist gewohnt naturalistisch, die Panelstruktur sehr strikt – erneut soll keine künstlerische Expression vom Inhalt ablenken. Jede Geschichte wird mit einem prominent auf ihrer ersten Seite platzierten, einzelnen charakteristischen Gegenstand eingeführt, ihren Abschluss bildet jeweils eine Lexikon-ähnliche Doppelseite mit Erläuterungen. Sprechblasen werden wenig eingesetzt, es dominieren Off-Erzählungen im Blocktext. In die Zeichnungen wurden authentische Fotos eingebettet und Bildzitate (nachgezeichnetes Fotomaterial) verwendet, diverse topographische Karten vermitteln intertextuell Wissen. Zudem finden sich weitere Authentisierungsmittel in Form von Zeitungsartikeln und historischen Dokumenten sowie paratextuell (neben dem eingangs erwähnten Verweis auf wahre Begebenheiten) Angaben zu Fotoquellen, ein Literaturverzeichnis sowie Danksagungen an Zeitzeugen und Fachberater. All dies kann jedoch über die Subjektivität der Auswahl nicht hinwegtäuschen, die es vermeidet, detaillierter auf die Gründe des Mauerbaus und den besonderen Status der innerdeutschen Grenze als jene große Grenzen zwischen den Systemen und den weltweit größten Militärbündnissen, der Nato und des Warschauer Pakts im Kalten Krieg, einzugehen. Dazu gesellen sich Ungenauigkeiten wie die der idealtypischen Darstellung des „Mauerspechts“ in „Mein 18. Geburtstag“, die so nicht stattgefunden haben kann. „Berlin – Geteilte Stadt“ bleibt sehr einseitig und beschränkt, seine fünf Geschichten suggerieren mehr Perspektiven, als der Comic letztlich bietet. Wenig comickünstlerisch bewegt sich der Band irgendwo zwischen politischer Aufklärung und Propaganda und wirkt in seiner Abstraktion mehr wie ein Lehrbuch für Kinder denn wie ein spannendes Stück Zeitgeschichte auch für ein erwachsenes Publikum.

Dennoch fühle ich mich von „Berlin – Geteilte Stadt“ eingeladen, Berlin einmal als Museum zu erkunden – hier greift das pädagogische Verfahren der Spurensuche. Damit geht das Konzept Buddenbergs und Henselers auf, dass ihr Comic auch als historischer Stadtführer nutzbar sein soll: Sie hatten Wert darauf gelegt, dass die authentischen Orte der Geschichten noch soweit erhalten sind, dass die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse noch gut nachvollziehbar sind. Zudem sollten sie relativ nahe beieinander liegen und gut zu erreichen sein. So bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch eine junge Generation anregt, sich selbst auf die Suche zu begeben und dabei vielleicht auf Fragen zu stoßen, die Buddenberg und Henseler nicht beantworten.

Max Mönch / Alexander Lahl / Kitty Kahane – Treibsand

„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.

Im Gegensatz zu anderen staatlich geförderten Comics erzählt „Treibsand“ eine fiktionale Geschichte: die des als Auslandskorrespondent für eine große New Yorker Tageszeitung arbeitenden US-Amerikaners Tom Sandman, der, 1989 gerade vom Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China zurückgekehrt, von seinem antikommunistischen Vorgesetzten Raymond Burnes nach Berlin geschickt wird, um über die aktuellen Vorgänge dort zu berichten. Tom wird von heftigen Zahnschmerzen geplagt, hat jedoch Angst, einen Zahnarzt aufzusuchen. Zudem trennt sich seine Freundin Mary von ihm. Dafür erlebt Sandman hautnah die Entwicklungen mit, die schließlich zur Öffnung der Berliner Mauer führen.

Der kaum räumliche Tiefe erzeugende, reduzierte, geradezu naive Zeichenstil wurde von einer regelrechten Sauklaue verbrochen und bleibt bis zum Ende gewöhnungsbedürftig; der Hang, Wortspiele und Redewendungen zu visualisieren, nervt in seinem bemühten Witz. Sandmans zahnschmerzbedingte Fieberträume kommen ohne Panel Grid aus, seine Notizzettel werden immer wieder abgebildet und in die Handlung integriert, ein handschriftliches Glossar mit Begriffserläuterungen im Anhang soll ebenfalls den Anschein eines Notizbuchauszugs erwecken. Soweit zu den gestalterischen Besonderheiten des in 14 Kapitel inkl. eines Prologs aufgeteilten Buchs, das im Paratext um eine Danksagung der Autoren ergänzt wird.

Inhaltlich bildet der blocktextlastige „Treibsand“ eine Außenperspektive auf einen politischen Prozess aus der Sicht eines fiktionalen Erzählers ab, der seine Erinnerungen in der Vergangenheitsform mit den Leserinnen und Lesern teilt. Ausgehend von seinem Bericht über den „Tank Man“, jenen Chinesen, der sich auf dem Tian’anmen-Platz den Panzern der Staatsmacht entgegengestellt hatte und damit zur Widerstands-Ikone geworden war, widmet man sich den letzten Zügen der DDR-Historie und stellt die DDR ausschließlich negativ als diktatorischen Unrechtsstaat dar. Die Ereignisse des 9. November 1989 werden stark überspitzt bis verfälschend derart dargestellt, dass Egon Krenz habe zeigen wollen, dass er „die Hosen anhat“ und auf „die Regierung geschissen“ habe, während das SED-Zentralkomitee von den Folgen nichts mitbekommen habe, weil es in seiner Sitzung fast kollektiv eingeschlafen sei (die Geschichte vom „schnarchenden Staat“). Vermengt wird der geschichtliche Hintergrund mit der fiktionalen Geschichte um einen Grenzsoldaten, der gezwungen war, seine eigene Schwester zu verraten, indem er unter Druck deren Fluchtpläne beichtete.  Diese Schwester wiederum wird Sandmans neue Lebensgefährtin und schließlich Ehefrau.

Mönch und Lahl vermischen Fiktion mit Satire, belegte mit sehr interpretierter Geschichtsüberlieferung, einer seifigen Liebesgeschichte und einem Familiendrama – und verheben sich dabei. Das ist einfach zu viel. Positiv ist jedoch die durchklingende Kritik an Presse und Gesellschaft, die auch große, komplexe Zusammenhänge am liebsten in Form auf Einzelschicksale heruntergebrochener Geschichten veröffentlichen bzw. konsumieren, zu werten. Darüber hinaus weigert sich „Treibsand“, eine Erfolgsgeschichte zu sein. Es gibt kein Happy End, eine Katharsis bleibt aus. Während der Grenzöffnung liegt Tom Sandman im Koma, sodass den Rezipientinnen und Rezipienten Bilder jubelnder Menschenmassen und ähnlich fröhliche Szenen bewusst vorenthalten werden. Dies stört die Erwartungshaltung des Publikums. Und auch nach dem Untergang der DDR ist nichts gut geworden: Das Geschwisterpaar bleibt gespalten und Sandmans Ehe zerbricht. Auch nach dem Ende der DDR können sich ihre Opfer nicht von den erfahrenen/erlittenen Einflüssen der Politik auf ihr Privatleben befreien, sind sie unfähig, sie zu überwinden, wider besseres Wissen. Damit legt „Treibsand“ seinen Fokus auf Wunden, die niemals verheilen und sensibilisiert für dauerhafte Schäden, die politische Systeme anrichten können. Das fatalistische Ende wurde dann auch erst gar nicht mehr gezeichnet, sondern lediglich in Form eines Epilogs aufgeschrieben. Liest man Comics analog zu Spielfilmen, entsteht hier der Eindruck eines Voice-overs aus dem Off. Dadurch wird der negative Eindruck von der DDR noch einmal verstärkt, wobei ich die einseitige Schuldzuweisung durchaus kritisch sehe. Der Kalte Krieg findet in „Treibsand“ lediglich am Rande statt und eine andere Perspektive auf diese Zeit – z.B. jener Menschen, die individuelle Freiheit in gewissem Maße gegen die Freiheit von Existenzängsten bereitwillig eingetauscht haben und überwiegend positiv auf die DDR zurückblicken – fehlt völlig und erscheint mir innerhalb dieses Themenkomplexes generell unterrepräsentiert – obgleich meines Erachtens nicht minder interessant.

Doch so oder so: Nostalgie oder Ostalgie sind mittels „Treibsand“ nicht möglich. Mönch und Lahl gehen sogar einen Schritt weiter und verweigern sich nicht nur eines möglicherweise verklärenden Blicks zurück (der im Diskurs um DDR-Erinnerungen so häufig und gern kritisiert wird), sondern führen diese Haltung konsequent weiter: Auch Mauerfall– oder Wende-Nostalgie sucht man hier vergeblich. Die Autoren deuten damit an, dass der 9. November 1989 kein Tag X war, ab dem schlagartig alles gut wurde und jubelnde Menschenmassen plötzlich ein sorgenfreies Leben genießen konnten. Und das ist trotz all meiner geäußerten Kritikpunkte an diesem Buch richtig und wichtig.

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