Gnnis Reviews

Author: Günni (page 3 of 83)

Das Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist eine mittelalterliche, im 13. Jahrhundert und demnach in Mittelhochdeutsch verfasste Niederschrift der Nibelungensage, welche wiederum bereits damals seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Fassungen meist mündlich überliefert wurde. Ihr Ursprung schien da schon um die 800 Jahre zurückzuliegen. Der Verfasser ist unbekannt, man munkelt jedoch, das Nibelungenlied stamme aus dem Passauer Raum. Bekannt sind die drei Handschriften A, B und C, die sich in Teilen voneinander unterscheiden. Das Heldenepos folgt in dieser rund 1.000-seitigen Reclam-Ausgabe der Handschrift B und wurde um eine neuhochdeutsche Prosaübersetzung sowie einen ausführlichen, oft hilfreichen Kommentar erweitert, beide aus der Feder Siegfried Grosses. Herausgeberin des Bands ist Ursula Schulze. Mir liegt eine Ausgabe aus dem Jahre 2018 vor, die ferner über ein Literatur- und Namenverzeichnis, ein Nachwort etc. verfügt und sich somit für die wissenschaftliche Analyse anbietet.

Die Handlung ist in zwei zusammenhängende, aufeinander aufbauende Erzählstränge aufgeteilt, die wiederum in insgesamt 39 kapitelähnliche „Âventiuren“ unterteilt sind. Der Handlungszeitraum erstreckt sich über ca. 50 Jahre, wobei passive Zeiträume weitestgehend unerwähnt bleiben und somit Zeitsprünge von z.B. 13 Jahren enthalten sind. Der Erzähler wechselt ohne festes Schema zwischen Erzählung und Dialog und wendet eine bestimmte Formel an, die das Nibelungenlied in Strophen aus jeweils vier Versen strukturiert, wobei die ersten und letzten beiden Verse jeweils Paarreime bilden.

Der erste Erzählstrang berichtet von Kriemhilds erster Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod, der zweite erzählt ausführlich Kriemhilds Rache: Der junge Held und Drachentöter Siegfried (alias Sigurd) aus Xanten am Niederrhein tötete einen Drachen, badete in seinem Blut und wurde dadurch unverwundbar – außer an einer Stelle zwischen seinen Schulterblättern, wo sich ein Lindenblatt auf seinen Körper gelegt hatte. Mit einer Tarnkappe kann er sich zudem unsichtbar machen. Durch die Eroberung des Nibelungenschatzes ist er überaus vermögend. Er begibt sich an den Königshof nach Worms, wo er Kriemhild, König Gunthers Schwester, ehelichen möchte. Gunther verspricht ihm Kriemhild, wenn er ihm zuvor behilflich ist, die übermenschlich starke Brunhild, Königin von Island, zu erobern. Dafür muss er sie im Kampf besiegen. Es kommt zur Vasallenlist und zum Brautwerbungsbetrug: Siegfried gibt sich als Gunthers Gefolgsmann aus und macht sich unsichtbar, um Gunther tatkräftig zum Sieg zu verhelfen. Auch in Brunhilds und Gunthers Hochzeitsnacht muss er noch mal ran, indem er Gunther dabei hilft, die unwillige Brunhild zu vergewaltigen. Zudem stiehlt er Brunhilds Gürtel und Ring. Brunhild ist nun endgültig eine besiegte Frau – die jedoch damit hadert, dass Kriemhild, die nun mit Siegfried verheiratet ist, einen Vasallen Gunthers und damit unter ihrem Stand geheiratet habe (schließlich weiß sie nichts von der Vasallenlist). Das kann Kriemhild nicht auf sich sitzen lassen; es kommt zum Königinnenstreit, in dessen Zuge Kriemhild ihre Widersacherin öffentlich düpiert. Der undurchsichtige und listige Hagen von Tronje, Gunthers und Brunhilds Vasall, empfiehlt daraufhin, Siegfried zu ermorden, nachdem er mit viel Tücke Kriemhild das Geheimnis abringen konnte, wo sich die verwundbare Stelle ihres Gatten befindet. Auf einem fingierten Jagdausflug ersticht er schließlich den Drachentöter hinterrücks. Zwar leugnet er die Tat zunächst gegenüber Kriemhild, doch diese sinnt auf Rache. Vorsichtshalber versenkt Hagen den Nibelungenschatz im Rhein, damit Kriemhild keinen Zugriff mehr auf ihn hat. Nach 13 Jahren der Trauer heiratet sie den Hunnenkönig Etzel und lädt ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher auf ihren ungarischen Königshof ein, wohlwissend, dass sie in Hagens Pläne eingeweiht waren – und dass der Verräter ihre Brüder begleiten würde. Dort kommt es nach einem anfänglichen vorsichtigen Abtasten zu einem unfassbaren Gemetzel, das kaum jemand überlebt, kein Krieger, keine Frau, kein Kind…

Soweit die grobe Inhaltsangabe dieses Fantasy-Splatter-Epos. Aber wie liest es sich denn nun? Zunächst einmal gar nicht, denn Mittelhochdeutsch wirkt aus heutiger Sicht wie eine Fremdsprache, man müsste ständig mit dem Wörterbuch dasitzen und Vokabeln übersetzen. Hat man bei 2.376 Strophen natürlich keinen Bock drauf, außer man ist ein unverbesserlicher Mittelalter-Freak. Glücklicherweise gibt es ja die neuhochdeutsche Übersetzung. Bei dieser reimt sich nichts mehr, was die Strophenform recht gewöhnungsbedürftig macht. Zudem versucht sie sich daran, einen schwülstigen mittelalterlichen Duktus aufrechtzuerhalten, wodurch die Sprache geschwollen und überkitschig wirkt. Das entbehrt auch nicht einer unfreiwilligen Komik, wenn etwa der sterbende Siegfried, der gerade ein Schwert zwischen die Schultern gejagt bekommen hat, spricht: „Die Tat wäre besser unterblieben.“ Die Âventiuren-Aufteilung erscheint eher inkohärent, die Einhaltung der syntaktischen Formel ist im Original wichtiger als der Inhalt, womit auch die Übersetzung zu kämpfen hat, und die Zeitsprünge sind mitunter krass. Zwar brach das Nibelungenlied stilistisch mit ein paar Dichtungsparadigmen, mit dem Holzhammer in Form geklopft wirkt es mitunter dennoch. Und in heutigen Zeiten, in denen zu erschlagen werden droht, wer TV- oder VoD-Serienverläufe spoilert, irritieren die zahlreichen Vorausdeutungen, die regelmäßig spätere Entwicklungen vorwegnehmen, doch arg.

Das höfische Leben, seine Etikette und seine Figuren werden stark idealisiert, was irgendwann zu nerven beginnt. Auch Siggi, der sich bis zu seiner Ermordung eigentlich permanent selbst unlauter verhalten hat, wird man nicht müde, als ach so kühnen, stolzen Oberhelden zu bezeichnen – was die Lesart erschwert, dass es sich bei ihm einen zwar gutaussehenden und starken Mann, aber auch um einen einfältigen Deppen handelt (wie sie als Interpretationsmöglichkeit im Zuge des ÄdL-Seminars mal erwähnt wurde). Stattdessen scheint sogar sein Tiermassaker, u.a. an einem Bären, glorifiziert zu werden, was ausgerechnet im Zuge des fingierten Jagdausflugs geschieht, wodurch man Hagen fast Applaus zu spenden geneigt ist, statt Siegfrieds Tod zu bedauern – dramaturgisch denkbar schlecht gelöst. Daran, dass es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt, wird man während jener Jagd dann auch dadurch erinnert, dass die Recken auf einen Löwen treffen…

Richtige Sympathieträger gibt es hier im Prinzip generell keine, so richtig sauber tickt eigentlich niemand. Gunthers Motivation für seinen Verrat, also seine Erteilung der Erlaubnis zum Mord an Siegfried, bleibt bis zum Ende nicht wirklich nachvollziehbar und bildet damit eine Leerstelle der Handlung. Doch statt sich einzelnen Figuren tiefer zu widmen und ihnen mehr Charakter zu verleihen (dies gelingt am ehesten noch bei Kriemhild und Hagen), werden nach und nach – insbesondere im zweiten Teil – viel zu viele Figuren eingeführt, sodass man schnell den Überblick zu verlieren droht (fallen sie nicht gerade durch ihre Namen besonders auf, so nannte man Etzels Bruder doch tatsächlich Blödel!). Dafür weiß die Suspense im zweiten Teil bei der Reise zu Kriemhild zu gefallen, bevor im letzten Drittel fast nur noch gesplattert, verstümmelt und in Blut gebadet wird. Da werden wahrlich keine Gefangenen mehr gemacht, sogar – Achtung, Spoiler! – Kriemhild muss dran glauben, vermutlich aus sexistischen Gründen (so genau ist das alles nicht mehr nachvollziehbar). Apropos Sexismus: Der ist hier harsch. Lügende, zickige Königinnen, sich positiv konnotiert lesende Prügelstrafen, die unproblematisiert formulierte Aussage, Frauen müssten „erzogen“ werden und dergleichen mehr zeichnen ein fragwürdiges Geschlechterbild. Andererseits werden seitenlang die ach so edlen Klamotten beschrieben, als handele es sich beim Erzähler um G.M. Kretschmer.

Was das Nibelungenlied (nicht nur) für Historiker(innen) interessant macht, ist der reale geschichtliche Hintergrund. So hat es die verschiedenen Königshäuser offenbar wirklich gegeben, die zum Teil eben untergegangen sind oder sich in kriegerischen Handlungen befanden. Reale Ereignisse vermengen sich hier mit Dichtung, alten Sagen und Mystifizierung, was das „Auseinanderklabüstern“ für geschichtlich Interessierte zu einer spannenden Angelegenheit machen kann. Und natürlich sagt das Nibelungenlied viel über das höfische Treiben und damalige Wertvorstellungen aus, weshalb seine Moral auch sein dürfte: Vorsicht bei Verstößen gegen höfische Regeln, denn sie können tödliche Kettenreaktionen auslösen und ganze Königshäuser auslöschen. Durchaus bedeutender Stoff also, mit dem sich auseinanderzusetzen manch Bildungslücke schließt, dessen Lesegenuss sich jedoch aus den beschriebenen Gründen in Grenzen hält. Die ideologische Fehldeutung des Nibelungenlieds nach seiner Wiederentdeckung ist wiederum ein eigenes beschämendes Kapitel im Umgang mit dem deutschen literarischen Erbe – gut, dass dieses überwunden ist.

13.04.2019, Medusa, Kiel: SMALL TOWN RIOT + ANGORA CLUB + BOLANOW BRAWL

Meine persönliche Punk-Sozialisation ist eng mit der ursprünglich aus dem südlichen Hamburger Umland stammenden Band SMALL TOWN RIOT verbunden. Ungefähr ab dem Jahr 2000 habe ich das Entstehen der Band hautnah mitverfolgt und war eng mit den Bandmitgliedern befreundet, insbesondere mit Timo – eine Freundschaft, die bis heute hält. Auf die „DEMOlition“-Demo-CD und das Debütalbum „Some Serious Shit“ folgte 2008 der Langdreher „Selftitled“, mit dem SMALL TOWN RIOT meines Erachtens ihren Zenit erreicht hatten. Von der Covergestaltung über die Musik und Texte bis hin zur Produktion und natürlich der Straßen-Attitüde der Band stimmte da einfach alles. Supereingängiger Punkrock, beeinflusst von melodischen US-Bands, Streetpunk und Oi!, jeder Song ein Ohrwurm, dabei nicht nur aufgrund der damals drei verschiedenen Sänger extrem abwechslungsreich und von Surf/Rock’n’Roll bis Hardcore weitere Einflüsse auf völlig selbstverständliche Weise miteinander vereinend. Zusammen mit der „Skulls & Stripes“-EP und den Beiträgen zur „Let The Bombs Fall…“-Vierer-Split ein enormes Hit-Arsenal, dem 2010 mit „Suicidal Lifestyle“ sogar noch ein weiteres Top-Album zur Seite gestellt wurde, das in geänderter Besetzung nicht minder kräftig auf die Kacke haute. Irgendwann war man ausgebrannt, legte die Band auf Eis und widmete sich unterschiedlichen anderen Projekten. Nun juckte es aber wieder in den Fingern und in der Besetzung Norman (Klampfe + Gesang)/Timo (Bass + Gesang)/ Andy (zweite Klampfe)/Herr Lehmann (Drums) begann man wieder regelmäßig zu proben. Das nicht abgerissene Interesse an der Band beantwortete man dann erstmals am 13.04.2019 mit dem von East-Coast-Concerts organisierten Reunion-Gig in Kiel, zu dem man neben den Flensburgern ANGORA CLUB auch uns als Support eingeladen hatte, womit ein Traum für mich wahr wurde: Einmal mit BOLANOW BRAWL zusammen mit den alten Kollegen von SMALL TOWN RIOT zocken!

Zu Teilen per Bahn, zu Teilen mit der Karre brachen wir also in Hamburg auf und waren saupünktlich um 17:00 Uhr an der Medusa, einer schnieken Location mit professioneller Bühne und großem Backstage-Bereich. Quasi zeitgleich trafen SMALL TOWN RIOT und wenig später auch ANGORA CLUB ein. Nun musste allerdings noch unser Lead-Klampfer Ole abgeholt werden, wofür Christian bis ans andere Ende Kiels schüsseln musste, wodurch wir für den Soundcheck schon mal entfielen. Diesen übernahmen kurzerhand SMALL TOWN RIOT, die den Sound dadurch perfekt auf sich zugeschnitten bekamen, jedoch auch mit der anscheinend nicht vollständig funktionstüchtigen Monitoranlage zu kämpfen hatten. Noch hielt ich mich in Sachen Alkoholika zurück, wollte erst mal was essen. Zur Auswahl standen Chili con carne und „vegane Pampe“, die sich als wohlschmeckend und offenbar auf Kichererbsenbasis (oder so) zubereitet entpuppte und meiner von der letzten DMF-Probe noch etwas angeschlagenen Kehle guttat. ANGORA CLUB wollten gern als zweite Band auf die Bretter. Uns sollte es recht sein, umso schneller würden wir den Pflichtteil hinter uns gelassen haben und uns gehen lassen können. Anfangen sollten wir irgendwann zwischen 8 und 9, hieß es – und natürlich hielten wir 8 für völlig unrealistisch, peilten 9 an und machten uns erst mal vom Acker, um bischn den Proletarier-Stadtteil Gaarden zu erkunden, wo die Kiosks großflächig damit werben, Oettinger und Paderborner im Angebot zu haben.


Unser erster Abstecher führte uns in einen Dönerladen, in dem gerade zwei der mitgereisten Damen speisten. Eigentlich gilt dort „Bier nur außer Haus“, aber angesichts unserer durstigen Truppe wollte der gute Fleischspießbräter anscheinend nicht auf leicht verdiente Einnahmen verzichten und füllte sein Flaschenbier in neutrale Becher um, damit niemand sah, dass er uns gegen seine eiserne Regel verstoßen ließ. Weiter ging’s auf der Suche nach einer typischen Eckspelunke, die wir schnell gefunden wähnten. Kaum über die Schwelle getreten, glaubten wir, vom offenbar griechischstämmigen Gastwirt mit offenen Armen empfangen zu werden – ein Irrglaube, denn statt uns eine Runde zu zapfen, erklärte er uns, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handele und wir leider gehen müssten. Pah, dann eben in die nächste Pinte. Die befand sich direkt nebenan der Medusa; im „Holsten-Krug“ war der Tresen gesäumt mit Trinkern älteren Semesters, einer sang lautstark „Der HSV wird niemals untergehen“ oder so und sackte anschließend für ein Schläfchen auf der Theke zusammen. In der Glotze lief Fußball, Kurze 1,- €. Hier waren wir richtig. Ein paar Biere und Schnäpse wechselten die Besitzer, die Wirtin war auf zack und willig, uns abzufüllen. Es dürfte ungefähr 20 vor 9 gewesen sein, als wir zurück in der Medusa waren. Dort erwartete uns das überraschende Bild einer rappelvollen Bude und ungeduldig auf uns wartender Gäste inkl. einiger weiter angereister Freunde und Bekannte sowie hektisch auf den Beginn drängender Organisatoren. Ich hatte nie im Leben damit gerechnet, dass schon vor 9 fast alle Besucher da wären, aber in Kiel ticken die Uhren halt etwas anders.

Also schnell paar Plastikchips gegen Bandbier eingetauscht und ab auf die Bühne, um mit „Total Escalation“ das Motto des Abends vorzugeben. Wir hatte vorne links und rechts je einen Monitor, mittig, also für mich als Sänger, leider keinen. Ich ließ mich nach dem ersten Song auf den Dingern so laut wie möglich drehen, blieb für mich selbst aber weiterhin eher schemenhaft wahrnehmbar. Ich versuchte, diesmal nicht den Fehler zu machen, mich generell zu leise zu wähnen und dagegen anzubrüllen zu versuchen, was mir hoffentlich einigermaßen gelang. Davon abgesehen machte der Gig großen Spaß und flutschte gut durch. Wir kamen diesmal mit nur einer Stimmpause aus und bis auf den einen obligatorisch versemmelten Song-Beginn erlaubten wir uns keinen größeren Fauxpas. Nach den Erfahrungen in Rendsburg hatten wir unser Set um „On The Run“ erweitert und „Fame“ als potentielle Zugabe aufbewahrt, die dann auch eingefordert wurde. Im Laufe des Gigs hatte sich ein Pogomob gebildet, kurioserweise nicht vor der Bühne, sondern etwas weiter hinten und eher seitlich. Fast ein wenig vermisst habe ich das Unterfangen meiner Bandkollegen, mich öffentlich zu düpieren, meine Ansagen zu sabotieren oder Fake-News zu kolportieren, vielleicht habe ich’s aufgrund meiner Monitorlosigkeit auch schlicht nicht vernommen. Weil’s so dermaßen voll war, hatten wir darauf verzichtet, eine Merch-Ecke aufzubauen, aber trotzdem einige T-Shirts verkauft. Das‘ doch geil! Darauf erst mal wat trinken.

ANGORA CLUB sind zwar alte Hasen, aber noch ‘ne recht frische Band: 2018 gegründet, 4-Song-Demo am Start. Kuschelrock und Hasenpunk hat man sich aufs plüschige Fell geschrieben. Ich hatte zuvor nicht reingehört und befürchtete Hamburger Schule oder Artverwandtes, wurde aber positiv überrascht: Recht flotte, emotionale deutschsprachige Songs mit eher persönlichen, ernsten/ironiefreien Texten und Hardcore-Kante, technisch auf den Punkt und mit sehr souveräner Bühnenpräsenz. Nun hörte ich auch, dass der P.A.-Sound ziemlich gut war. Nicht schlecht; mich wirklich konzentriert ihrem Gig widmen konnte ich aber nicht, Smalltalk, freudige Wiedersehen mit alten Bekannten, Shirt-Verkauf etc. wussten dies zu verhindern. Zudem war der Auftritt gefühlt relativ kurz. Ich werde aber sicherlich in Hamburg noch mal die Gelegenheit bekommen, wäre doch gelacht.

Der gute Bert von East-Coast-Concerts hatte zwischenzeitlich übrigens ‘nen Kasten Bier springen lassen – ein verdammt feiner Zug! Auch das hatte dazu beigetragen, dass (nicht nur) ich zu SMALL TOWN RIOT gut auf Betriebstemperatur war. Timo hatte mir vorher schon die Setlist gezeigt, die 14 oder 15 Songs umfasste und die Erwartungshaltung steigerte. So ging’s dann mit „Addicted to Authority“ entspannt melodisch und leicht pop-punkig los, gefolgt von der Abrissbirne „Peer 52“, bei der ich meinen Verstand dann gegen die Wand warf und an diesem Abend auch nicht mehr wiederfinden sollte. Der Sound war gut und die Band bestens eingespielt – es wirkte fast, als sei sie nie weggewesen. Fröhlichere Songs, meist von Norman gesungen, gaben sich mit wütenden, von Timo aggressiv interpretierten Nummern die Klinke in die Hand, gespickt mit Hymnen à la „Working Class“ oder „Cheers & Goodbye“ – und zu meinem persönlichen Entzücken auch mit dem erhabenen OLIVER-ONIONS-Cover „Sphinx“ vom Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Tribut-Sampler. Reunion 100%ig geglückt, ich im Euphorie- und Biertaumel, Bert am DJ-Pult für die Aftershow-Party, EIGHT BALLS dröhnten aus den Boxen, das Unheil nahm seinen Lauf und die Nacht lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren. Ein Teil von uns sollte bei Ole pennen, Keith, Madame Flo und ich wollten mit der Bahn zurück nach Hamburg. Mit zwei Taxen samt Equipment sollten wir aber erst mal alle zusammen von der Medusa aus los. Das sorgte zumindest bei 3/5 unserer Band alkoholbedingt für hochgradige Verwirrung bis hin zu unangebrachtem Trotz, sodass der erschreckend nüchterne Don Raoulo alle Hände voll zu tun hatte, die Bande zusammenzuhalten. Ein Sack Flöhe wäre wohl einfacher zu hüten gewesen, letztlich trafen aber alle am Wunschort ein und unseren Krempel haben wir auch noch.

Fazit: Dass in Kiel nicht viel gehe, ist ein Gerücht – auch diesmal war’s ‘ne astreine Party, sogar mehr als das. Der Gig mit SMALL TOWN RIOT hat mir viel bedeutet und davon mal abgesehen sind Timo und Norman einfach zwei Typen, die miteinander Musik machen müssen – denn was dabei herauskommt, ist mehr als die Summe der Teile. Also danke an alle Beteiligten, an STR und ANGORA CLUB, an East-Coast-Concerts und das Medusa-Team, an Shitty Videos Galore fürs obige Live-Video sowie an alle Kieler Sprottinnen und Sprotten!

Ihren zweiten Reunion-Gig spielen SMALL TOWN RIOT am 18.05. im Goldenen Salon (Hamburg) und wir befinden uns Ende Mai auf Mini-Tour mit den irischen NILZ: 30.05. Sauerkrautfabrik (Harburg), 31.05. VeB (Lübeck), 01.06. Molotow (Hamburg, + OBN III’S). Sieht man sich?

06.04.2019, Lobusch, Hamburg: MØRDER + KAMIKAZE KLAN + NUISANCE OF MAJORITY + THEM FALLS

Kai Le Rei-Motherfucker kommt endlich unter die Haube, was natürlich Anlass für ‘ne zünftige Party in Form eines Junggesellenabschieds ist! So richtig organisiert war diesbzgl. aber nix; jemandem, der auf dem Kiez wohnt, braucht man natürlich gar nicht erst mit schwachsinnigen Verkleidungen, Einheitslook und Kurzen-Bauchladen zu kommen, und von uns hatte da selbstredend auch niemand Bock drauf. Fest stand letztlich nur, dass wir abends in die Lobusch torkeln würden, um an der „RD-Rock-Warm-up-Party“ mit vier Livebands teilzunehmen – und dass wir vorher im Osborne Fußi gucken und beginnen würden, uns volllaufen zu lassen. Böse Zungen könnten nun behaupten, wir würden schlicht das Gleiche wie jedes Wochenende tun, doch das stimmt ja schon lange nicht mehr. Seriosität ist unser zweiter Vorname geworden, Verantwortungsbewusstsein unser dritter, Kräutertee und Mineralwasser haben Schnaps und Bier den Rang abgelaufen. Bis zu diesem Tag…

Kai, schlau wie ein Fuchs, hatte ein paar Tage zuvor bereits geahnt, dass wir etwas ausgeheckt hatten und saß längst mit ‘ner Pulle Bier auf seinem Balkon, als die Dres. Tentakel und Martin sowie meine Wenigkeit bei ihm eintrudelten und sich die ersten Vasen aufrissen. Zu viert ging’s erst mal in den Silbersack, wo Betreiber Dominik ‘ne Runde springen ließ – danke, Alter! Im Osborne verfolgten wir mehr oder weniger den Bundesliga-Spieltag, erwartungsgemäß sah Kai seine Schalker verlieren – wenn auch spektakulär in allerletzter Minute. Doch seine Laune konnte das nicht vermiesen, waren doch mittlerweile nicht nur Martin Crackmeier und Eisenkarl, sondern auch sein Trainer, Pepe aus’m Pott, als Überraschungsgast hinzugestoßen. Die nicht ganz so glorreichen Sieben waren somit komplett. Nach dem Abpfiff verweilte man noch etwas im Osborne, um anschließend einen Abstecher in den Park Fiction mit Bier vom Kiosk zu wagen, wo wir auf weitere bekannte Gesichter stießen. Ein Blick auf die Uhr offenbarte schließlich, dass die Zeit drückte. Aus dem angedachten Spaziergang vom Kiez nach Altona mit Zwischenhalt in diversen Pinten wurde eine Bahnfahrt mit Druck auf der Blase und ein kurzer Besuch des Möllers. Deniz schräg gegenüber kredenzte Wegzehrung für jeden Geschmack inklusive köstlichem Veggie-Döner; unweit auf dem Gaußplatz öffnete man kurz das El Dorado, um unsere Truppe vor dem Austrocknen zu bewahren. Als wir schließlich in der altehrwürdigen Lobusch aufschlugen, mussten wir feststellen, dass man dort pünktlich wie die Maurer angefangen hatte, sodass wir nur noch die letzten beiden THEM-FALLS-Songs mitbekamen, drückenden Sludge-Metal mit kehligem Gesang und düster-doomigem Sound.

NUISANCE OF MAJORITY? Nie gehört vorher, Asche auf mein Haupt. Die Kieler sind nämlich schon arschlange am Start und spielen einen modern klingenden Mix aus schleppendem, schwerem Hardcore, Doom, Düsterpunk und treibenden Speed-Attacken. Ein Berg von einem Shouter füllte den Raum vor der Bühne aus, growlte, röchelte und brüllte, konterkariert vom melodischen, punk’n‘rolligen Gesang des Gitarristen im ZEKE-Shirt. Das war alles nicht nur technisch durchaus beeindruckend, sondern hatte auch ordentlich Wumms. Sehr geil auch der Song „Fuck Club 88“ gegen den bekackten Naziladen in Neumünster.

Zwischen dem NOM-Gig und dem des KAMIKAZE KLANs lagen diverse Getränkerunden, unsere Hirne schalteten langsam aber sicher auf Tiefflug, meine Tanzlust stieg analog dazu. Der KKK-Sound bot einen schönen Kontrast zu NOM, die Jungs sind klasse, wie jeder weiß, und Frontsau George sowieso immer motiviert bis in die Haarspitzen. Die Songs des Debütalbums entfalteten ihren rockigen Streetpunk-Glanz, der allen ernsten Themen zum Trotz eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Carpe diem und nimm verdammt noch mal nicht alles so furchtbar wichtig. Fast alle Klansmen haben Äonen an Jahren in verschiedenen grandiosen Bands hinter sich; dass sie’s mit frischem Material noch mal wissen wollen und sich leidenschaftlich hinter ihre aktuelle Band klemmen, ist überaus begrüßenswert. George positionierte sich samt Mikroständer vor der Bühne und gab die letzte Distanz zum Publikum auf, als er sich des Metallgelöts entledigte. „Durch die Hose atmen“ avancierte an diesem Abend zu meinem Lieblingssong. Also alles prima – aber kann es sein, dass das Set bischn kurz war? Und kann es sein, dass wir uns darüber auch noch unterhalten haben? Langsam wird’s kritisch mit der Erinnerung…

Unbestritten aber ist, dass MØRDER, die mich vor einiger Zeit in der Roten Flora sehr positiv überrascht hatten, auch heute wieder volles Pfund ablieferten und kräftig aufs Mett klopften. Bester, derber Neo-Crust voller Aggression und Atmosphäre. Die Besetzung der drei Herren (einer davon im zweiten ZEKE-Shirt des Abends) und zwei Damen erlaubt splitterige Gitarrenbretter, auf die Shouterin Anna eindrucksvoll growlt und keift. Das schepperte und krachte alles so schön und tight, dass ich mich zusammen mit einer Handvoll anderer Connaisseure grobmotorisch zuckend vor der Bühne wiederfand. Perfekter musikalischer Abschluss eines Abends, der daraufhin spontan bis tief in die Nacht bzw. gar bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt wurde…

So musste das Café Treibeis noch den Besuch unserer sich langsam dezimierenden Gruppe über sich ergehen lassen, im Anschluss – so weit lassen sich die Ereignisse noch rekonstruieren – starteten Kai und ich noch per Taxi auf den Kiez durch. Möglicherweise täuschte ich an, Kai nach Hause zu bringen, möglicherweise täuschte er an, nach Hause zu wollen. Wie dem auch sei: Stattdessen verschlug es uns noch entweder ins Nordlicht oder ins Onkel Otto, vielleicht auch beides. Man sagt ja, alles, was nach 2:00 Uhr passiere, sei verzichtbarer Schwachsinn. Das stimmt natürlich und ist nicht zuletzt die Schuld solcher Kapeiken wie uns. Jedenfalls weiß ich mittlerweile, weshalb sich immer alle schwören, lediglich einmal im Leben zu heiraten – mehr solcher Junggesellenabschiede sind schlicht nicht zumutbar. Fazit: Eine harte Party zarter Jungs, Kai darf dann jetzt auch heiraten. In ein paar Tagen ist’s soweit und ich wünsche Jana und ihm hier schon mal alles Liebe und Gute!

22.03.2019, Menschenzoo, Hamburg: KOMMANDO MARLIES + NITRO INJEKZIA

Nachdem ich die großangelegte Bullenkontrolle am S-Bahnhof Reeperbahn unbeschadet überstanden hatte, konnte ich die Kellertreppen in den Menschenzoo hinabschreiten, um mir mal wieder ordentlich die Lauschlappen durchpusten zu lassen. NITRO INJEKZIA hatte ich zuletzt kurz vor Weihnachten 2017 hier gesehen, hatten mich seinerzeit arg geflasht. Diesmal machten sie überraschenderweise den Opener und brachten natürlich gut Stimmung in die Bude. Das kanadisch-russische Trio mit Wohnsitz in Berlin ballerte grandiosen Uptempo-Melodic-Punk, mal mit russischem (Bassist), mal mit englischem Gesang (Drummer), letzterer hatte dazu auch ‘nen echt amtlichen Punch. Bei nahezu perfektem P.A.-Sound gab’s dann auch nix zu meckern, zumal man noch satte drei Zugaben ablieferte. Spitzen-Liveband, ohne jeden Zweifel!

Dann wurd’s spannend: Ex-PUBLIC-TOYS-Sänger Fozzie, seit geraumer Zeit in Hamburg lebend, hatte angekündigt, ein paar alte Gassenhauer zusammen mit seinem ehemaligen Bandkollegen Uwe Umbruch (aktuell bei KOMMANDO MARLIES tätig) zu schmettern. Und so kam’s auch: In Akustikversionen und mithilfe des hinzugerufen MARLIES-Drummers erklangen „Wir sind scheiße“, „Oh Fortuna“ (über einen etwas überbewerteten Düsseldorfer Fußballclub) und „Seid betroffen“ (aktueller denn je, leider). Ich fand’s großartig, Fozzie wieder das ‘90er-Zeug singen zu hören, sämtliche Rufe nach Zugaben blieben jedoch leider unerhört. Das ist jedenfalls ausbaufähig, gern mehr davon!

Nun also KOMMANDO PIMPERLE MARLIES, Gitarrist/Sänger Uwe Umbruchs neue Band nach PUBLIC TOYS, [HAPPY] REVOLVERS, HIROSHIMA MON AMOUR und HOTEL ENERGIEBALL, also der halben Rheinland/Ruhrpott-Inzucht-Connection. Am Start hat man ‘ne 7“-EP, die schon mal ‘ne glatte Eins ist. In Trio-Größe und mit (ehemaligen) BRIGADE-S- und FAHNENFLUCHT-Mitgliedern zockt das KOMMANDO melodischen Punkrock mit leichter Rock’n’Roll-Schlagseite und Gespür für eingängige Refrains, dazu deutschsprachige Texte. Der Drummer, ‘ne Mischung aus Vetter It und Zappelphilipp, drehte derbe auf und lieferte auf seinem minimalistischen Kit ein echtes Filetstück in Sachen Punk-Getrommel ab. Uwe Umbruch scheint kaum gealtert, führte mit launigen Ansagen souverän durchs Set und kündigte scherzhaft ständig an, Hardcore-Stücke zu spielen, was er jedoch schuldig blieb. Der Song „Tommy“ stach mit seiner traurigen Stimmung aus dem übrigen Material heraus, zu dem u.a. ein „Kalt wie Eis“-Cover von TEMPO zählte, das ich vom Soundtrack zum gleichnamigen Carl-Schenkel-Film kenne. Irgendwas über Berlin und Kokain gab’s auch noch, anscheinend auch ‘nen Song über Greifswald. Die Songs klingen leidenschaftlich und authentisch, das wirkt alles sehr sympathisch. Den Schulterschluss zum Publikum suchte man, indem man mehrmals mit frischen Bierkannen mit ihm anstieß. Doch auch unabhängig davon dürften KOMMANDO MARLIES gut angekommen sein; das war ein vielversprechender Gig mit starken Songs, der Lust auf mehr machte und bewies, dass Umbruch immer noch ein verdammt versierter Songwriter ist. Dann klöppelt mal ‘n schniekes Album zusammen!

Mad-Taschenbuch Nr. 20: Antonio Prohias – Die neuesten Abenteuer von Spion & Spion

„Spion & Spion“ zum Dritten: 1978 wurden die beiden Spitznasen fürs deutsche „Mad“ abermals im Taschenbuchformat aufeinander losgelassen. 160 je zwei oder auch nur ein Panel umfassende (leider wieder unnummerierte) Seiten lang heißt es in den mehrseitigen Geschichten diesmal stets „Der Trick mit…“, worauf eine Alliteration wie „…der ruchlosen Revolte“ oder „…dem trügerischen Treffen“ folgt. Wie üblich sind sich die eineiigen Zwillinge spinnefeind, weshalb sie sich gegenseitig nach dem Leben trachten und sich ausgeklügelte Fallen stellen. Es gibt nur Schwarz und Weiß, ganz wie im Gut-und-Böse-Denken des Kalten Kriegs, den Prohias persifliert, ohne seine Figuren bestimmten politischen oder ideologischen Lagern zuzuordnen. Zu sagen haben sie sich auch weiterhin nichts, die Zeiten von Dialog und Diplomatie sind für die Spione längst vorbei. Man lässt die Waffen sprechen. In einem kurzen Vorwort erfährt man in diesem Band ein wenig zum Autor, nämlich dass er ehemaliger Karikaturist einer kubanischen Tageszeitung sei, der in die USA emigriert sei und nun zeige, dass „es im schmutzigen Kampf der Spione weder Moral noch Sieger gibt.“ Dieser politkritische Aspekt wiederum wird diejenigen eher sekundär interessieren, die sich an Prohias’ Geschick erfreuen, wortlose Geschichten zu erzählen und dabei eine originelle bis herrlich absurde Idee nach der anderen auszutüfteln, die meist Kettenreaktionen, Explosionen und Gewalt nach sich ziehen. Die Titelseiten der einzelnen Kurzgeschichten weisen in jeweils nur einem Panel einen von der eigentlichen Geschichte losgelösten Gag auf, was deren Dichte in diesem Büchlein erhöht. Schwarzweißdenken für Freunde überzeichneter, abstrakter Kriegsführung, die genau wissen, dass sich weder der eine noch der andere Spion jemals unterkriegen lässt und bald wieder in wessen Auftrag auch immer seinem Erzfeind gegenübersteht.

16.03.2019, T-Stube, Rendsburg: THE SPARTANICS + BOLANOW BRAWL

Die Winterpause ist vorbei, der erste BOLANOW BRAWL des Jahres sollte im schleswig-holstein’schen Rendsburg stattfinden. Doof nur: Niemand hatte Bock zu fahren. Also wurde kurzerhand ein Trolley geordert, am Samstagnachmittag mit allem Gedöns vollgepackt und bondagemäßig eingewickelt und verschnürt. Im seit Tagen anhaltenden strömenden Regen schoben wir das Vehikel zum Bahnhof, inkl. ein paar Zwangspausen, wenn dieser Turmbau zu Babel einzustürzen drohte. Als wir beim Überqueren einer Ampel an einer vielbefahrenen Kreuzung am Kantstein hängenblieben, schafften wir’s in letzter Sekunde mit vereinten Kräften, der Zermalmung unter Autoreifen zu entkommen. Die Fahrt an sich war dann sehr entspannt, in RD angekommen platterte es aber genauso wie zuvor in der Hansestadt. Aufgrund mangelnder Ortskenntnisse drehte unser Tross den einen oder anderen überflüssigen Schlenker, verbog die Trolley-Achse in einem Schlagloch und schob das Ding durch den Matsch, bevor er völlig durchnässt an der T-Stube eintraf.

Die Organisatoren Hajo & Co. zeigten sich ob der Wahl unserer Anreise und der damit verbundenen Strapazen überrascht und offerierten erst mal erfrischendes Pils, mit dem Backstage-Kühlschrank bis zum Rand gefüllt war. Also Klamotten auf die Heizung und die geschundenen Körper auf die Sofas verteilt – und beraten, wie wir Experten hier überhaupt wieder wegkommen. Nachdem die Leipziger Streetpunks THE SPARTANICS eingetroffen waren, ging man sogleich auf Tuchfühlung und tauschte sich fachmännisch aus. Im letzten Jahr hatten diese Irren satte 53 Konzerte gespielt, da können wir nicht mithalten… Respekt! Soundchecks, lecker Risotto einwerfen etc., auf das Übliche folgte ein kleiner Ausflug: Ein Spaziergang, um mal bischn was von der Stadt zu sehen, mit anschließender Einkehr ins „Charleston“, einer sehr geräumigen Kneipe, deren Interieur sich in einem seltsamen Gestaltungs-Crossover aus Wikinger- und Löwenbildchen zusammensetzt. Die Getränke waren fair bepreist und so kippten wir uns einen hinter die Binde, bevor’s in die T-Stube zurückging. Der Beginn verzögerte sich noch bis ca. 22:30 Uhr, eigentlich kein Problem, wenngleich ich ahnte, dass es später sehr eng werden würde, noch etwas von den Leipziger Kollegen mitzubekommen – aufgrund des eher suboptimalen Bahnfahrplans planten Ole, Flo und ich, den Zug um 23:57 Uhr zu nehmen…

Unser Gig lief recht rund; dass wir urlaubsbedingt ein paar Wochen lang nicht mehr alle zusammen hatten proben können, dürfte man uns kaum angemerkt haben. Mich durch unhaltbare Behauptungen wie angeblichen McDonald’s-Fraß-Konsum in Misskredit zu bringen, hatten die geschätzten Bandkollegen bereits im Vorfeld erledigt, auf der Bühne hielten sie sich diesmal überraschenderweise zurück. Fürs Publikum waren wir ziemlich neu, man lauschte interessiert, ohne gleich durchzudrehen. Wir rechneten nicht unbedingt mit Zugabenforderungen und integrierten den zehnten und letzten Song ins normale Set, als plötzlich alle noch was hören wollten. Geprobt hatten wir aber leider nichts weiter und einfach irgendwas noch mal zu spielen war uns zu doof, weshalb wir klanglos die Bühne verließen – um die Erkenntnis reicher, zumindest für Konzerte mit nur einer weiteren Band uns doch mal wieder ein, zwei Stücke mehr draufzuschaffen.

Im Zuge der Umbaupause verstauten wir schnellstmöglich unser ganzes Gelöt im Technikkabuff hinter der Bühne, machten noch überraschend guten Umsatz am Merch-Bauchladen und dann, ja dann… musste ich in den sauren Apfel beißen und tun, was ich eigentlich hasse: Noch während des ersten Songs der SPARTANICS meine sieben Sachen packen und zusammen mit Flo zum Bahnhof eilen, dort noch auf Ole treffend, mit dem wir den ersten Teil der Strecke gemeinsam zurücklegten. Das ist echt ärgerlich, da ich die Leipziger liebend gern gesehen/gehört hätte. Christian, Raoul und Keith sowie Sandy blieben vor Ort, zogen sich die Band rein und feierten noch eine gute Party, während Flo und ich schließlich in die verdammte AKN umstiegen, wo ich Blut und Wasser schwitzte, weil jener Bummelzug an jeder Milchkanne hält, aber keine Toilette aufweist. Zudem stieg nach wenigen Stationen ein ganzer Pulk Wichtigtuer vom Wachpersonal ein, der unablässig die Reihen hoch und runter patrouillierte. Wat ‘ne nervige Scheiße!  Dafür waren wir allerdings wie geplant um kurz nach 2:00 Uhr wieder in Hamburg und konnten uns sogar noch ‘nen Absacker inner Spelunke genehmigen.

Fazit: T-Stube top, THE SPARTANICS top, Trolley naja, Wetter und AKN Flop. Bleibt die Hoffnung, dass die umtriebigen Leipziger demnächst mal wieder in der Nähe zocken oder – noch besser – es zu ‘nem weiteren gemeinsamen Gig kommt. Und: Wir brauchen ‘nen Fahrer (m/w/d). Wer schon immer mal ‘ne Affenbande mitsamt Equipment durch die Gegend kutschieren und dabei nüchtern bleiben wollte, darf gern mit uns in Kontakt treten…

Danke an Hajo & Co., ans Rendsburger Publikum – und natürlich an Flo für die Schnappschüsse!

02.03.2019, Fanräume, Hamburg: F*CKING ANGRY + NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + FLO UND PAUL UND FLO + EAT THE BITCH

Länger nicht mehr auf Konzerten gewesen… Das lag aber keinesfalls an einem etwaigen mangelnden Angebot, sondern hatte schlicht Zeitgründe. Als die französischen ANTI-CLOCKWISE ihre Tour beendeten und den Hamburger LIQUOR SHOP ROCKERS den gemeinsam genutzten Gitarristen Needlz zurückbrachten, nutzte man die Gelegenheit für den Tourabschluss-Gig in der Gaußplatz-Kneipe El Dorado. Das war aber am 06.02. und somit an einem Mittwoch, und eigentlich wollte ich auch nur kurz was abholen, sodass ich lediglich ein paar Songs und eine Bierlänge lang Zeuge davon wurde, wie verfickt tight die LIQUOR SHOP ROCKERS mittlerweile geworden ist – und wie gut der Sound in jenem gemütlichen Lädchen war! Sogar noch enger wurd’s am 16.02., als das El Brujito sein Zehnjähriges feierte (Gratulation!) und HEMO & THE OTHER folklastige Stimmungsmusik zur Beschallung des Jubiläums ablieferten und die Besucher(innen) zum Tanzen brachten. So’n richtiger Punk-Gig, zu dem man speziell wegen der Bands hingeht, musste jedoch bis zum 02.03. warten.

Eine feste Hamburger Institution sind die Konzerte in den Fanräumen des Millerntorstadions geworden. Auch diesmal gelang es wieder, ein hochkarätiges Line-up zusammenzustellen und so für eine großartige (Soli-)Party zu sorgen! Von Anfang an war die Bude rappelvoll, EAT THE BITCH spielten ihren ersten Gig mit Bassneuzugang Bommy vor beeindruckender Kulisse. Live-Premiere hatte auch der Song „Trump vor Angst“. Seltsam mutete die Illumination an, die voll ins Publikum leuchtete, Gitarrist Tim dafür im Dunkeln stehen ließ. Auch der P.A.-Sound war noch nicht so geil, hätte mehr Druck vertragen können. Dafür war die Band aber gut aufgelegt und lieferte das erwartete, gewohnt hochklassige HC-Punk-Brett, das von seinen Riffs und seiner hurtigen Rhythmus-Arbeit genauso lebt wie vom unverkennbaren Gesang Jonas und ihren Texten. Lässig tänzelte sie auf und vor der Bühne, wodurch sie eine Souveränität ausstrahlte, die bei einem ersten Gig in neuer Besetzung nicht selbstverständlich ist. Und anstatt sich verrückt zu machen, setzte Bommy sein Pokerface auf und zog durch. Vom einen Refrain, in dem er sich laut eigener Aussage fies verspielt habe, hatte wohl niemand etwas mitbekommen, stattdessen gesellten sich Teile des Publikums zum ausgelassenen Pogo vor der Bühne. Live-Feuertaufe bestanden!

Auf dem Flyer komplett übersehen hatte ich die Mainzer mit dem Antinamen „FLO UND PAUL UND FLO“, offenbar ‘ne neue, noch recht junge Band. In Trio-Größe mit singendem Drummer und mehrstimmigen Chören schmetterte man deutschsprachigen Punkrock mit auf witzig und ironisch gebürsteten Texten. „China – Reich der Mitte“ kam ziemlich gut, insgesamt wirkte der Auftritt aber etwas zu sehr wie ‘ne Persiflage auf mich, wie es sie in Form anderer Bands ja mittlerweile doch einige gibt. Müsste ich mir noch mal ansehen/-hören, um das wirklich beurteilen zu können. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja. Der Sound jedenfalls war plötzlich voll gut, ich jedoch schon bischn schusselig und so hab‘ ich ganz vergessen, Fotos zu machen…

Aufgrund ‘ner Unterhaltung kam ich etwas zu spät von der frischen Luft zur NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN zurück, die ersten Songs waren bereits gespielt. Jedenfalls bekamen die „Helikopter-Eltern“ wieder ihr Fett weg, „Kleben und kleben lassen“ erinnerte an OZ, die „Kleine Motivationshilfe“ ging raus an diejenigen, die den Arsch hochkriegen und auch mal dahingehen, wo’s wehtun könnte, aber natürlich wurde auch älteres Material berücksichtigt, „Kellerkinder“ und wie sie alle heißen. Stemmen sprach von seiner Liebe zur ersten WEEZER-Platte und wie gewohnt noch so einiges andere, wobei ich im Gewusel diesmal viel zu abgelenkt war, um alles detailliert aufzunehmen. Zumal während der Songs nicht nur einmal echt gut Alarm war, herrlich ausgelassene Stimmung vor und auf der Bühne, grinsende Gesichter überall, schlicht eine große Party, die im Kontrast zu manch mitunter etwas verkopften Songs des neuen Albums stand.  Mittlerweise sind die Anti-Ager aber auch ‘ne Band, über die ich mich bereits mehrfach ausführlich ausgelassen habe, deshalb gleich weiter zur nächsten Krawallcombo, die ich erst zum zweiten Mal live sah:

F*CKING ANGRY aus Bonn rissen alles ab! Genialer, treibender Hardcore-Punk der alten Schule mit aktuellen deutschen wie englischen Texten, vorgetragen von der rauen, heiseren, charismatischen Stimme der Sängerin Beckx. Zwei Gitarren (an einer Dominik von CANALTERROR/MOLOTOW SODA) plus Rhythmusfraktion rissen das Tor zur Hölle auf, das Publikum hielt das Euphorisierungslevel und verausgabte sich weiterhin nach Kräften. Ich spritzte mit Bier und gesellte mich dazwischen, Beckx mischte sich unter die ersten Reihen, bis ihr Stemmen irgendwann das Mikro für seinen Gastbeitrag abnahm, und für „Aluhut“ stieß Kem Trail von BRUTALE GRUPPE 5000 zum Duett dazu. Sogar der moderne HH-Punk-Klassiker „Bullenwagen klau’n“ wurde noch improvisiert intoniert – absolut irrer Gig, ständig passierte irgendwas und wer nicht durch die Gegend sprang, lag sich gefühlt glückselig in den Armen. Besser hätte man den Abend nicht beenden können, das war echt die Kirsche auf der Sahnehaube und hat wieder mal bewiesen, dass F*CKING ANGRY zurzeit eine der verfickt geilsten HC-Punk-Bands der Republik sind. Die neue 7“-EP legte ich mir noch am Merchstand zu, ließ sie aber später im Onkel Otto liegen, was ja nun echt abzusehen war – insofern: selbst schuld… Erstes Konzert nach längerer Abstinenz, das besser nicht hätte sein können. Und gleich wieder voll aufgedreht. Das fordert natürlich seinen Tribut, denn so ganz abgeklungen wie erhofft war die Erkältung (oder was auch immer das für ‘ne hartnäckige Scheiße war) dann doch noch nicht und der Kater demnach umso schlimmer. War’s aber wert!

TERRORGRUPPE – SÜNDIGE SÄUGLINGE HINTER KLOSTERMAUERN …ZUR LUST VERDAMMT DVD+Audio-CD

„Großer Parteitag, Reden zum Gähnen / Deshalb fließt das Bier in Strömen / Dann nach Haus im neuen Wagen / Landet man im Straßengraben / Keine Airbags für die CSU / Und FDP und CDU / Auch die SPD dazu / Keine Airbags für die CSU!“

Die TERRORGRUPPE trat Mitte der ‘90er u.a. auf den Plan, um der grassierenden Humorlosigkeit und politischen Korrektheit insbesondere der Hardcore-Szene etwas entgegenzusetzen. Obwohl die Gründungsmitglieder Archi „MC“ Motherfucker und Johnny Bottrop aus Bands wie INFERNO und HOSTAGES OF AYATOLLAH und somit selbst aus der HC-Punkszene stammten, verschrieben sie sich einem melodischeren, eingängigerem Stil, der starke Einflüsse des Orange-County-Punks aufwies – damals fast so etwas wie ein Novum unter deutschsprachigen Bands.

Sie konnten durchaus guten Gewissens als „Funpunk“ bezeichnet werden – jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, nicht wie andere Bands dieses Bereichs sinnentleerte, auf ein jugendliches Mainstream-Publikum hin ausgerichtete inhaltsarme Songtexte zu verarbeiten, sondern verstärkt relevante Themen mittels Sarkasmus, Ironie und gespieltem Zynismus aufzubereiten und zu provokanten Songs zu formen, gepaart mit in Teilen der damaligen HC-Szene verpönten Themen wie Alkohol-/Drogenkonsum, Hedonismus und Sexualität. Die Band selbst bevorzuge allerdings die Bezeichnung „Aggropop“, womit man sich bereits ein Stück weit der Punk-Polizei zu entziehen versuchte. Die ersten Alben und 7-Zöller sind zu absoluten Klassikern des Genres gereift, die Konzerte waren anarchische Punk-Partys und die extrem humorvolle, selbstironische Band für jeden Unfug zu haben, ohne auch nur ansatzweise in Richtung Ballermann-Publikum zu schielen. In guter Erinnerung sind auch die zahlreichen TV-Auftritte der Band, u.a. in diversen Ausgaben unsäglicher Nachmittags-Talkshows, in denen sich seinerzeit auch gern andere Punkbands oder deren Mitglieder tummelten. So wie die Privatsender ihre skurrilen Gäste zum Quotemachen nutzten, so nutzten die Bands wiederum dieses Medium, um die jeweiligen Formate zu verarschen und/oder Nachwuchs für die Szene zu rekrutieren und damit das Land zu verderben. All das waren echte Lichtblicke in den düsteren 1990ern, die mit dazu beitrugen, dass auch ich mich der Szene anschloss.

Als die TERRORGRUPPE 1998 mit dem „Keiner hilft euch“-Album dann doch versuchte, sich größere Publikumskreise zu erspielen und dafür ihren Sound anpasste, hatte ich den Eindruck, dass man dann doch zu glatt geworden sei und verlor die Band aus den Augen – zumal sie ihre Wirkung als eine von vielen Einstiegsdrogen getan hatte und ich längst tiefer im Untergrund wühlte. Mit ihrem gelungenen Beitrag zum (sehr geilen) Soundtrack des (grottenschlechten) Films „Oi! Warning“ nahm ich sie noch einmal positiv wahr, bevor sie sich 2005 auflöste (um sich 2013 neu zu formieren).

Ein Mammutprojekt war der Dokumentarfilm „Sündige Säuglinge hinter Klostermauern …zur Lust verdammt“ der Regisseurin Nanny Karius, dessen Titel eine Anlehnung an reißerische alte Exploitation-Filmtitel ist und anscheinend  mehrere Jahre Arbeit in Anspruch nahm, bevor er 2013 noch vor der Reunion in DVD-Form veröffentlicht wurde. Er dröselt rund zwei Stunden lang streng chronologisch die Band-Geschichte auf und vermengt historische Aufnahmen unterschiedlicher Quellen (Privat- und Amateuraufnahmen, TV) mit Interviews/Statements aktueller und ehemaliger Bandmitglieder sowie unterschiedlicher zeitweiliger Weggefährten der Band wie den BEATSTEAKS, MUFF POTTER, RADIO DEAD ONES oder auch Karl Nagel, Wolfgang Wendland und Bela B.  Zwar führt eine Off-Sprecherin durch den Film, vor allem aber hangelt man sich von Anekdote zu Anekdote, wobei gilt, je absurder oder bizarrer, desto relevanter. Und das ist auch gut so, denn das Letzte, was zur TERRORGRUPPE gepasst hätte, wäre eine staubtrockene Bandbiographie.

Die TERRORGRUPPE stand für den nichts und niemanden und am wenigsten sich selbst erstnehmenden, rotzfrechen Teil der Punkszene, half bei ihrer Verjüngung, verhob sich irgendwann etwas am Ausflug in kommerziellere Gefilde – und macht immer noch Spaß. Ihre alten Songs avancierten zu Evergreens, damals Überhörtes bietet Entdeckungspotential. So wenig ich einst mit einer Nummer wie „Neulich Nacht“ anfangen konnte, so sehr muss ich heute über sie schmunzeln.  Dank Bands wie TERRORGRUPPE und ihrem damaligen Semi-Erfolg fand der Spaß in großen Anteilen in die Szene zurück und durfte man mitunter das Gefühl haben, tatsächlich noch mal ein bisschen so etwas wie einer Bewegung anzugehören. Dieses Gefühl fängt „Sündige Säuglinge hinter Klostermauern …zur Lust verdammt“ bestens an, zeigt aber auch, woran sich die Geister damals (wie heute) schieden und woran es der Band mangelt(e). Wer mit der teilweise clownesken Sunnyboy-Attitüde nichts anzufangen wusste, war bei den Berlinern dann doch eher falsch und sah sich anderweitig um. Ich für meinen Teil feiere Songs wie „Keine Airbags für die CSU“, „Gestorben auf dem Weg zur Arbeit“, „Sabine“ oder „Schöner Strand“, nicht zu vergessen die Chaostage-’95-Hymne „Wochenendticket“ bis heute.

Bonusmaterial gibt’s übrigens auch noch en masse in Form von Live-Videos unterschiedlichster Qualität und einer Audio-CD mit rarem Songmaterial. Schöner, kurzweiliger und extrem unterhaltsamer D-Punk-Geschichtsunterricht!

18.-20.10.2018: BOLANOW BRAWL Total Escalation Ireland Tour 2018


Aufmerksame Leserinnen und Leser sowie sonstige Stalker meines Konzerttagebuchs werden evtl. eine klaffende Lücke bemerkt haben: Über die kleine Irland-Tour meiner Streetsauf-Kapelle BOLANOW BRAWL stand hier bislang nüscht. Der Grund: Ich konnte meine Notizen erfolgreich in die kommende Ausgabe des PLASTIC-BOMB-Fanzines schmuggeln, die ab dem 15. Februar an den Bahnhofskiosken ausliegen sollte.

Neben meinen gesammelten Erinnerungen gibt’s von und über Karl Nagel, PASCOW, MILLENCOLIN etc. zu lesen, darüber hinaus liebgewonnene Kolumnen, haufenweise Reviews, ebenso ausufernde wie meinungsfreudige Vorwörter usw. usf. Viel Szenestoff für wenig Kohle, also mach das Internetz mal aus und hol dir die Printgazette!

Edit: Nun auch mit massig Fotos hier verfügbar:

18.-20.10.2018: Mit BOLANOW BRAWL auf Total Escalation Ireland Tour 2018 – nun auch online.

02.02.2019, Südpol, Hamburg: FRONT + BRUTALE GRUPPE 5000 + KOFFER + AUS DEM RASTER

Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin

Im Hammerbrooker Club „Südpol“, so ließ ich mir sagen, finden normalerweise Techno-Partys statt. Nun etablierte eine findige Gruppe dort unter dem Namen „Punk am Pol“ auch eine Punk-und-Artverwandtes-Konzertreihe, die erst kürzlich debütierte, jedoch leider ohne mich. Dort soll schon ganz gut was losgewesen sein; was im Rahmen der zweiten Auflage an diesem Samstagabend abging, übertraf jedoch alle Erwartungen. Schon zum Zeitpunkt meines Eintreffens war der mittelgroße Club im Gewerbegebiet unweit der S-Bahn-Station ordentlich gefüllt, während der ersten Band AUS DEM RASTER aber wurd’s richtig rappelvoll. Als ich vor einiger Zeit gehört hatte, dass die Gitarrenfraktion die Norderstedter verlassen hat, fürchtete ich, dass es das schon wieder gewesen sein könnte. Umso erfreulicher, dass man sich offenbar flugs neu aufstellen konnte. Mit zwei Gitarristen, ‘nem Shouter und ‘ner Sängerin tummelt man sich nun wieder zu sechst auf der Bühne und ballert HC-punkige deutschsprachige Songs mit kritischen, teils sarkastischen Texten raus. Größtes Wiedererkennungsmerkmal dürfte der männlich-weibliche Wechselgesang sein, zumal die Sängerin häufig eine schöne melodische Note einbringt. Die professionelle Bühne bot genug Platz für alle Bandmitglieder, der P.A.-Sound war makellos und der Gitarrist auf der rechten (von mir aus gesehen linken) Bühnenseite derart gut aufgelegt und mitteilungsfreudig, dass er beim nächsten Mal ein eigenes Mikro bekommen sollte. Ohne Zugabe ließ man das Sixpack nicht gehen. Gelungener Einstieg, der Bock gemacht hat – und dazu führte, dass alle drei Flaschenbiersorten ungefähr zur Hälfte des Sets ausverkauft waren und es „nur“ noch Gezapftes vom Fass gab, das in zwei Sorten angeboten wurde. Wann erlebt man so was schon? Der Biervorrat wurde übrigens nach einiger Zeit wieder aufgefüllt; ob dafür jemand zur Tanke musste, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eigentlich hätten nun OI!RONIE spielen sollen, die jedoch kurzfristig hatten absagen müssen. In den mir bis dahin unbekannten KOFFER aus Berlin hatte man glücklicherweise Ersatz gefunden. Das Trio scheint tief in den ‘80ern verwurzelt und zockt ‘nen etwas monotonen, minimalistischen Sound mit halbverzerrter und mit ordentlich Hall versehener Klampfe, dazu ein hochhängender, melodischerer Bass und deutsche Texte, im Ergebnis bischn wavig, das. Das hatte was, zumal sich die Band im Laufe ihres Sets steigerte, mal schneller, mal atmosphärischer wurde. Die Zugabe wurde im ersten Ansatz vergurkt, daher wiederholt und erwies sich als schön flotte Schrammelnummer. Das Publikum war längst in Wallung gekommen und hatte einen bewegungsfreudigen Pit vor der Bühne gebildet.

Noch lange nicht durch ist für mich der Witz der BRUTALEn GRUPPE 5000, handelt es sich doch vielmehr um die nicht nur adäquate, sondern auch tanzbare Antwort auf all die paranoiden, dabei geistig leider meist reichlich eingeschränkten Verschwörungstheorie-Aluhutträger, die, seit sie sich dann doch mal an dieses Internet herangetraut haben, für Kopfschütteln und Erheiterung gleichermaßen sorgen. Doch die Hamburger Laser-Punks haben mehr zu bieten, als sich Alufolie um die Rüben zu wickeln und Antigesichtserkennungsbrillen zu tragen, nämlich betont wahnsinnigen HC-Punk mit Mini-Orgel als zusätzlichem Instrument, manch Textinhalt, der über Parodien auf die Doofenfraktion hinausgeht und herrlich wirre Ansagen. Ach ja, das „Nervous Breakdown“-Cover mit deutschem Text nicht zu vergessen. Das hab‘ ich aber ja alles schon mal so oder so ähnlich zu Protokoll gegeben. Neu war vor allem, dass echt die Luft brannte und sich im mittlerweile heillosen Gedrängel Stagediving und Crowdsurfing die Klinke in die Hand gaben. Grandioser Auftritt, grandioses Publikum, perfektes Entertainment aus der Welt von übermorgen!

Dieses Level konnten FRONT aus dem Rhein-Main-Gebiet leider nicht halten. Teilweise die alte Alufolie der BG5k auftragend, teilweise mit eigenen Masken versuchte man sich nach einer elendig langen Umbaupause (während der sich die Reihen deutlich lichteten) an Uralt-NDW-Punk (scheint sich sogar nach ‘ner ollen Kapelle aus jener Zeit benannt zu haben…?). Dadurch klangen sie wie alte ABWÄRTS in irgendwie nicht so gut, auf mich wirkte das alles bischn einschläfernd. Also betrank ich mich schlimm und versuchte, paar wenige Notizen anzufertigen. Wenn ich diese richtig interpretiere, folgte auf den nominell letzten Song ein Zugabenblock, für den der Bass plötzlich hochgedreht wurde, in den sich eine dann doch noch ganz gute Punknummer eingeschlichen hatte und der von einem arg miesen „Computerstaat“-Cover besiegelt wurde. Nee, mit FRONT wurde ich nicht warm. Nichtsdestotrotz war ich völlig euphorisiert vom zweiten „Punk im Pol“ und bin’s immer noch – da geht einiges, weiter so und hoffentlich bis bald!

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