Gnnis Reviews

Author: Günni (page 30 of 80)

20.06.2014, Hockenheimring, Hockenheim: SOULFLY + LIMP BIZKIT + BÖHSE ONKELZ

böhse onkelz hockenheimring 2014

Gerade hatte die frohe Kunde die Runde gemacht, uns’ Schumi wäre aus dem Koma erwacht und da ich am Wochenende eh noch nichts vorhatte, machte ich mich flugs auf den Weg zum Hockenheimring, in der Hoffnung, ihn wieder seine Runden ziehen sehen zu können. Doch statt Rennsportfreunden, Boxenludern und Champagnerduschen erwartete mich dort ein gemischtes Rockfestivalpublikum, Bier statt Nuttenbrause, Max Cavalera mit SOUFLY, der durstige Fred mit WIMP MISTSHIT und plötzlich standen auch noch die ONKELZ auf der Bühne!

Nee, ganz schlechter Einstieg und total unlustig. Ich fang besser noch mal an:

Günni in Gefahr

So ähnlich, nämlich „Raab in Gefahr“, lautete eine Rubrik des Entertainers Stefan Raab aus seiner TV-Sendung „TV Total“, die aus jener Phase seiner Karriere stammen dürfte, als er sich in erster Linie als Komödiant verstand, ihm mit seiner Sendung tatsächlich noch so etwas wie gelungene Fernseh-Satire gelang und er noch nicht zum Pro7-Aushängeschild aufgebauscht worden war, das fragwürdige Sportveranstaltungen und andere Wettbewerbe durchmoderierte oder gleich selbst mitbestritt und in seiner Omnipräsenz noch mehr nervte als Campino. Zu der Zeit, als er „TV Total“ in eine beinah tägliche Late-Night-Show umfunktionierte und langsam kacke wurde, wurde ich jedenfalls unregelmäßig Zeuge, wie er sich leichtsinnig in diverse riskante Situationen begab und Gefahr lief, nicht unbeschadet aus ihnen herauszukommen. Dieses Motto schien mir passend für mein Unterfangen, völlig auf mich allein gestellt zum Hockenheimring zu pilgern, wo die BÖHSEN ONKELZ neun Jahre nach ihrer natürlich unwiderruflichen, endgültigen, in Stein gemeißelten Auflösung ihr Reunion-Konzert zelebrieren sollten. Und das kam so: Vor neun Jahren war ich selbst auf dem zweitägigen Abschiedsfestival „Vaja con tioz“ zugegen, um Abschied von meiner Jugend zu nehmen, die ich zu großen Teilen gerade auch mit dieser Band verband. Sie war, zusammen mit NIRVANA seinerzeit, ab der ersten Hälfte der 1990er, was gleichbedeutend mit meiner Pubertät war, meine Initialzündung für Subkultur, für Punk, für harte Musik mit Aussage jenseits des Metals, den ich zuvor bereits im zarten Kindesalter konsumiert hatte und der von wenigen Ausnahmen abgesehen in den 1990ern doch stark an Bedeutung für mich verloren hatte. 1994 hatte ich ein Konzertticket für NIRVANA, das ich nie einlösen konnte, weil Kurt Cobain sich erschossen hatte, bevor ich ihn über seine Musik überhaupt erst richtig kennenlernen konnte. Das holte ich zwar in Windeseile nach, doch blieb erst mal nur eine „große“ Band, die noch unter den Lebenden weilte, der ich eine derart große persönliche Bedeutung beimaß. Die Initialzündung äußerte sich konkret so, dass auf beide genannten SLIME und anderer ’80s-Hardcore-Punk folgte, TERRORGRUPPE, WIZO und andere ’90er-„Deutschpunk“-Acts sich auch bald in meinem Tapedeck einfanden, die SEX PISTOLS, THE CLASH und anderer Briten-Punk êbenfalls sowie natürlich der europäische Oi!-Punk in diversen Facetten. Ein Widerspruch war das für mich nie, denn entgegen anderen Behauptungen und dem über die meisten Massenmedien kolportierten Bild waren die ONKELZ damals klar antifaschistisch verortet, halfen mir durch die schwierige Phase der Juvenilität, verkörperten für mich eine authentische Rebellion über Kampfparolen und sarkastische Texte hinaus. Sie lehrten mich, mich kritisch mit den Medien auseinanderzusetzen und wurden durch ihre damals zeitgenössischen Texte zu einer Art moralischer Instanz. Dass es stets spannend blieb, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, war einerseits natürlich in der Ablehnung, die der Band und ihren Fans aus breiten bürgerlichen Kreisen entgegenschlug, begründet sowie in dem anrüchigen Mythos, der sie umgab, ihrer trotz beachtlicher Größe Außenreiterrolle, die sie ausfüllten und kultivierten und dem damit verbundenen Umstand, dass man verlässliche Informationen in der Zeit eines kaum ausgeprägten Internets sich selbst beschaffen mussten, was zu einer hochinteressanten Zeitreise in ihre Vergangenheit wurde. Fleißig sammelte ich Pressberichte und die spärlichen TV-Auftritte, organisierte mir Live-Bootlegs und versuchte, Demo-Texte herauszuhören und mitzuschreiben – heute unvorstellbar. Andererseits trugen die Onkelz mit ihrem ihnen eigenen, eigentlichen Mittel bei: ihrer Musik. Die war nämlich ein Füllhorn verschiedenster Stile, Attitüden, Subkulturen und spiegelte in ihrem Abwechslungsreichtum ein gutes Stück weit auch die Geschichte der Subkulturen in Deutschland wieder. Grob lässt es sich wie folgt zusammenfassen: Als unbedarfte Punkband aus schlechtem Hause in Frankfurt Demo-Tapes eingeschrammelt, als Skinheads eine musikalisch überraschend hochwertige Oi!-Scheibe eingespielt, auf die ein weiteres Album und eine Mini-LP folgen sollten, ab 1987 nach dem Ausstieg aus der Skinheadszene aufgrund derer zunehmenden Politisierung gen rechtsaußen ganz dem deutschsprachigen, harten Metal (damals ein Novum) verschrieben, mit dem sie sogar deutsche Hardrock- und Metal-Redakteure verschreckten, die erstmals akustisch verstanden, worüber in diesem Musikgenre so alles gesungen wird, und ab 1991 dann mit ihrem individuellen Stil unterwegs, einem wilden Ritt durch sämtliche Sparten der Rockmusik, stets versehen mit dem unverkennbaren ONKELZ-Siegel, textlich gereift zu eher nachdenklichen, reflektierten Künstlern – die trotzdem noch immer gut den Saufproll geben konnten, ihn nicht verleugneten. Die „Heilige Lieder“ schoss 1992 ohne jegliche PR und Airplay durch die Decke bzw. in die Charts und rief den vermutlich größten Shitstorm hervor, den eine deutsche Band je über sich ergehen lassen musste. Während in Deutschland feige Neonazis und ihre Mitläufer Asylantenheime in Brand steckten, wurden Schuldige gesucht. Eine Band wie die ONKELZ wurden gleichsam durch ihre Chartpositionierung als Indiz für den Rechtsruck der Gesellschaft wie als Mitverantwortliche für selbigen herangezogen und in einem Atemzug mit Bands wie STÖRKRAFT genannt, die durch die ungeahnte Medienpräsenz plötzlich ebenfalls schwindelerregende Verkaufszahlen erzielten – und mit denen die Band lange Jahre nach Abkehr von der Skinheadszene überhaupt nichts mehr zu tun hatte, längst für ganz etwas anderes einstand bzw. einzustehen versuchte, was man sie partout nicht lassen wollte. Dabei waren die Kampagnen nicht nur schlampig – wenn überhaupt – recherchiert und strotzten nur so vor inhaltlichen Fehlern, sie waren auch noch von Grund auf verlogen. Der Musikindustrie, damals noch nicht von illegalen Downloads etc. geplagt, ging nämlich kräftig der Arsch auf Grundeis, als eine Band ihre längst durchkalkulierten Verkaufsstrategien durchkreuzte und sich dort feist breit machte, wo eigentlich nie Platz für diese und ähnliche (ehemalige) Underground-Acts hätte sein sollen, sofern es nicht mit dem Branchen-Konglomerat abgesprochen und von ihm abgesegnet gewesen war. Die „Heilige Lieder“ aber entpuppte sich als vielleicht bestes deutschsprachiges Album aus dem härteren Rockbereich (die Punk-Erzeugnisse einmal ausgeklammert) und die ONKELZ wurden endgültig zur Kultband. Doch wie das mit jugendlichem Eifer oft so ist, er lässt irgendwann nach und andere Dinge werden interessanter. Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz wurden die ONKELZ-Alben aus meiner damaligen Sicht schwächer und interessierte ich mich als Post-Grunge-Punkrocker zunehmend für den eigenen Subkultur-Underground. Über die „Viva los tioz“, die 1998 erschien, sagte Drummer Pe einmal sinngemäß in einem Interview: „Das Ding war im Kasten und ich dachte, das war’s, jetzt haben wir’s verbockt. Doch es wurde unser bis dahin erfolgreichstes Album.“ Die ONKELZ experimentierten mit elektronischen Klängen, was in Ordnung war, doch noch etwas anderes war für mich neu: Es hatten sich schwächere Songs eingeschlichen, Skip-Tasten-Kandidaten, Durchschnitt. Diese wurden aber wettgemacht durch die großen Hits des Albums, „Terpentin“ war ein großartiger Mitgröler, „Der Platz neben mir“ ein ans Herz gehendes, in zwei Parts unterteiltes Stück Trauerbewältigung und mit „Bin ich nur glücklich, wenn ich es schmerzt“ war ein in seiner tragischen Melancholie unermessliches, neues Lieblingsstück für mich dabei. In den folgenden zwei Jahren passierte viel in meinem Leben, das Erscheinen des nächsten ONKELZ-Albums „Ein böses Märchen aus 1000 finsteren Märchen“ verkam zur Randnotiz. Ich hatte es mir gar nicht erst gekauft, sondern nur bei einem Kumpel angehört, wo es allgemein durchfiel. Zu negativ und partyuntauglich erschien es uns, zudem musikalisch nicht hart genug. Die Platte hatte uns schlicht nicht mehr gekickt und konnte schon gar nicht bestehen gegen als das geile Punk-, Oi!-, Ska- und HC-Zeug, das wir uns regelmäßig reinfuhren. Eine Fehleinschätzung, die ich erst Jahre später revidieren sollte. Jedenfalls verfolgte ich nicht mehr, was die Band trieb, strafte den nächsten Longplayer „Dopamin“ mit völliger Ignoranz und merkte erst wieder auf, als sie ihr Abschiedsalbum veröffentlichte. Da kam es langsam wieder, das alte Kribbeln. Ich besorgte mir die Platten, stellte fest, dass sich erwartungsgemäß einiges an Durchschnitt auf ihnen befand, wurde aber dafür von anderen Songs umso mehr überzeugt. Sie konnten es also doch noch. Mein inneres Bedürfnis stieg, doch noch dem Abschiedskonzert beizuwohnen. Ich besorgte mir und einem überredeten Kumpel Karten per eBay, organisierte ein Mitfahrgelegenheit und fand mich schließlich bei einem Rekord wieder: dem größten Open-Air-Festival Deutschlands. Neben Bands wie ROSE TATTOO und MOTÖRHEAD spielten die ONKELZ zwei verschiedene Sets an zwei Abenden und lieferten einen grandiosen Querschnitt ihres Schaffens. Als am Ende die Melodie des Instrumentals „Adioz“ erklang, war ich ergriffen und mir wurde bewusst, dass ich wirklich an etwas Besonderem teilgenommen hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.

Die ONKELZ, längst zum vielleicht größten deutschen Independent-Act gereift (nach zahlreichen Verarschungen durch diverse Plattenlabels hatte man über Jahre eine eigene riesige Infrastruktur aufgebaut, die weitestgehende Unabhängigkeit brachte), versuchten, so ehrenvoll wie möglich abzutreten. Das gelang jedoch nur bedingt; fortan störte manch Negativmeldung die heile ONKELZ-Welt: Bandkopf Weidner gab zu Protokoll, nachdem er 110.000 Leute (seit Beginn der ’90er hatte sich die Gefolgschaft immer weiter potenziert) zum betont allerallerallerletzten Konzert in den tiefsten Osten gelockt hatte, dass er gern doch noch im Anschluss auf dem verschissenen „Rock am Ring“ gespielt hätte – was zum Glück nichts wurde und eine Fan-Verarsche sondergleichen dargestellt hätte. Die Veröffentlichung der sündhaft teuren DVD-Box des Festival-Spektakels geriet zum mittelschweren Flop für mich, da vermutlich aus rechtlichen Gründen zu viele Songs fehlten und all die anderen Bands mit zuwenig Spielzeit abgefrühstückt wurden. Gekauft hab ich mir das Ding ebenso wenig wie verzichtbare Best-of-Veröffentlichungen und Neueinspielungen (außer die der „Onkelz wie wir“, die ist geil). Im Rahmen der Bandauflösung zerstritten sich Gitarrist Gonzo und Weidner und beschädigten damit den Mythos der verschworenen Einheit, die seit Bandgründung ohne einen einzigen Besetzungswechsel (!) ausgekommen war. Gonzo brachte langweilige Soloplatten heraus, die niemand hören wollte, Weidner machte als „Der W“ Karriere, stieß damit bei vielen ONKELZ-Fans aber auf taube Ohren. Wirklich schlimm stand es aber um Sänger und Band-Sorgenkind Kevin: Als er im Drogenrausch einen schweren Autounfall verursachte, feige abhaute, in Kauf nahm, dass seine Opfer im Wrack verbrannten (sie konnten schwerverletzt gerettet werden), die Schuld auf jemand anderen zu schieben versuchte und vor Gericht eine Posse nicht von dieser Welt aufführte, hatten die anderen Ex-ONKELZ endgültig die Schnauze voll, verkündeten, dass Kevins Drogenabhängigkeit der wahre Grund für die Auflösung der Band gewesen wäre, man nun nicht mehr bereit sei, ihn zu decken und kündigten ihm die Freundschaft. Das hatte gesessen. Der lange so gehegte Mythos schien endgültig zerstört und zwei Menschen hätten fast ihr Leben verloren. Das Projekt BÖHSE ONKELZ war also nur deshalb nicht an den eigenen Ansprüchen gescheitert, weil man gerade rechtzeitig die Band aufgelöst hatte, bevor ohnehin alles auseinandergebrochen wäre, doch ein fader Beigeschmack blieb. All die besungenen hohen Ideale schienen an Wert verloren zu haben. Gonzo bekleckerte sich nicht mit Ruhm, als er auf den rollenden „Deutschrock“-Zug aufzuspringen versuchte und statt seines langweiligen US-Rocks plötzlich mit deutschsprachigen, furchtbarerweise auch noch selbst gesungenen Alben Fuß ausgerechnet in der Branche zu fassen versuchte, die nach Auflösung der Band schnellstmöglich an „Nachfolgern“ bastelte und Kackbands wie FREI.WILD hypte, um aus dem „Erbe der Onkelz“ Profit zu schlagen. Nachahmer-Bands schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden mit Plattenverträgen umworben, ganz Dreiste wie bereits erwähnte Norditaliener erwiesen sich zudem als tatsächlich rechte Ratten, die mit Nationalismus kokettieren und nicht nur Musik und Texte (wie üblich eher schlecht als recht), sondern auch die Geschichte der ONKELZ zu kopieren versuchten und damit die Dümmsten unter den ONKELZ-Fans anzulocken. Von all dieser Scheiße brauchte es nicht das Geringste, schließlich hatte sich die Band aufgelöst und nicht ihre Platten, die nach wie vor anhörbar und erhältlich waren! Gonzo jedoch entblödete sich nicht, seine Soloscheiben auf dem FREI.WILD-Label zu veröffentlichen und sogar ein gemeinsames Projekt mit ihnen (und zu allem Überfluss den KASTELRUTHER SPACKEN) zu bestreiten – während Stephan Weidner genervt von ONKELZ-Kopien gegen eben jene textete. Drummer Pe, BAD-RELIGION-Fan und bekannt für seine Melodic-Punk-Vorliebe, veröffentlichte derweil ein punkiges Soloalbum, das mich jedoch auch nicht hinterm Ofen hervorlocken konnte. Und was machte Kevin? Der kam zunächst in den Knast, dann in Therapie – und dann zurück in den Proberaum, wo er mit anderen Musikern überraschend ebenfalls ein Solo-Ding startete. Er spielte einige Konzerte mit ONKELZ-Nummern und gründete seine eigene Band VERITAS MAXIMUS, gab an wieder clean und fit zu sein und es noch einmal wissen zu wollen. Erste Gerüchte über eine zumindest nicht mehr unmöglich scheinende ONKELZ-Reunion begannen zu kursieren.

Schließlich war es soweit und die ONKELZ zeigten unter dem Motto „Nichts ist für die Ewigkeit“ (ein Songtitel des „Es ist soweit“-Albums) verstärkte Präsenz in der Öffentlichkeit, sammelten ohne Angabe eines Grunds E-Mail-Adressen von interessierten und räumten diesen schließlich das Vorkaufsrecht für Karten für das Reunion-Konzert am Hockenheimring ein. Ratzfatz war der Server dicht und alle Karten weg, viele guckten in die Röhre. Kurzerhand beschloss man ein Zusatzkonzert am darauffolgenden Tag und auch dafür gingen die Karten weg wie kaltes Bier. Zusätzlich stampfte man in Frankfurt ein „Public Viewing“ aus dem Boden, wo sich ein paar weitere tausend Fans das Konzert dank Live-Übertragung ansehen konnten. Meine damalige Freundin ich hatten kurzerhand beschlossen, uns ebenfalls um Karten zu bemühen; Neugierde und Abenteuerlust sowie die Chance auf einen weiteren unvergesslichen gemeinsamen Abend überwogen alle Zweifel und Skepsis. Zunächst gingen wir leer aus – bis sich eine Verwandte bei ihr meldete und uns zwei Karten verkaufte. Also stand dem Konzertvergnügen nichts mehr im Wege. Nichts mehr? Nun ja, abgesehen davon, dass wir uns weder um An- und Abreise, noch um eine Übernachtungsmöglichkeit gekümmert und uns zudem wenige Wochen vor dem Konzert getrennt hatten und keinerlei Lust mehr verspürten, dort gemeinsam aufzutauchen. Frei nach Otto Waalkes waren sie da also wieder, meine drei Probleme: Keine Fahrmöglichkeit, kein Pennplatz und keine Ahnung, wie es weitergehen soll…

Dennoch war mein Entschluss ungebrochen, dem Konzert beiwohnen zu wollen, denn ich ahnte, dass mir ansonsten etwas Großes, Geschichtsträchtiges entgehen würde. Sämtliche Pensionen und Hotels im Umkreis waren natürlich längst ausgebucht, das Camping war zu teuer und außerdem hatte ich null Bock darauf, denn Zelten ist bekanntlich Hippiekacke. Die Nacht nach dem Konzert würde ich mir schon irgendwie um die Ohren schlagen und am nächsten Morgen abreisen, aber wie hinkommen? Meine Freunde aus der Punkszene brauchte ich gar nicht erst zu fragen, von denen wollte niemand hin. Auf mitfahrgelegenheit.de fand sich auch nichts. Also konsultierte ich das ONKELZ-Forum, Abteilung „Mitfahrgelegenheiten“ – und überlegte, wie ich mein Gesuch formulieren solle. Mir graute es vor der Vorstellung, etliche Stunden mit FREI.WILD-Bauern oder angebräunten Vollpfosten eingepfercht in einer Blechkiste auf der Autobahn zu verbringen. Ja, ich konnte mich nicht ganz von der allgemeinen Paranoia und dem Alarmismus ggü. dem ONKELZ-Publikum freisprechen. „Mitfahrgelegenheit gesucht, bitte keine FREI.WILD-Fans oder Faschoprolls“ wollte ich dann aber doch nicht schreiben, denn wer wusste, ob ich dadurch nicht gerade jene Klientel auf den Plan rief oder schlicht verarscht und gar nicht erst mitgenommen werden würde? Also formulierte ich mein Gesuch neutral und beschloss, im Falle eines Falles das ganze als Milieustudie zu betrachten. Letztlich gelang es mir, eine Mitfahrgelegenheit für die Hinfahrt zu finden: Zwei Fans wollten sich einen Wagen mieten und runterfahren. Sie hatten Karten für den Samstag, reisten aber bereits Freitag an, um möglichst viel von den Eindrücken und den Partys mitzunehmen. Länger als nötig zu bleiben, war für mich aber keine Option, als buchte ich für die Rückfahrt einen günstigen Fernbus, der mich samstagmorgens um 6:10 Uhr von Heidelberg zurück nach Hamburg bringen sollte, ohne dass ich umsteigen müsste. Während der langen Fahrt könnte ich pennen, dachte ich mir, ich müsse nur zusehen, rechtzeitig von Hockenheim nach Heidelberg zu kommen, ebenfalls per Bus.

Gespannt wartete ich Freitag um 10:00 Uhr am Hauptbahnhof auf meinen „Chauffeur“ und die weiteren Mitfahrer – und wurde direkt positiv überrascht: Keine Spur von den befürchteten Doofnüssen, sondern sympathische junge Menschen, St.-Pauli-Fans, Critical-Mass-Fahrradaktivisten etc., zudem ausgestattet mit herrlichem Humor. Sofort verstand sich der zusammengewürfelte Haufen gut, wurden reichlich Anekdoten ausgetauscht und hatte man ‘ne Menge Spaß, ohne sich bereits auf der Hinfahrt besaufen zu müssen. Und Zwischendurch war sogar die Gelegenheit, etwas Schlaf nach- bzw. vorzuholen, ein erquickendes Nickerchen ließ Kraft tanken. Hier und da lauerten baustellenbedingte Staus auf unser Quintett, aber wir lagen trotzdem gut in der Zeit, denn niemand von uns hegte ein sonderliches Interesse an den Vorbands. Ohnehin war ganz sicher niemand wegen der LIMP BIZKIT oder SOULFLY dort, denn diese wurden erst im Nachhinein bekanntgegeben. Fred Durst und seine Kapelle kann ich ohnehin nicht leiden und SOULFLY hab ich zwar live als durchaus geil, weil ordentlich wuchtig und brutal in Erinnerung, doch für Plattenkäufe hat’s nie gereicht (im Gegensatz zu anderen Cavalera-Projekten wie NAILBOMB und CAVALERA CONSPIRACY, von den alten SEPULTURA ganz zu schweigen) und so waren mir die Brasilianer an diesem Tag herzlich egal. Unsere Fahrt führte auf Wunsch der beiden weiteren Mitfahrer über Darmstadt, wo sie an ihrem Schlafplatz bei einer Freundin ihr Gepäck abluden. Was man über die Attraktivität jener hessischen Stadt mit ihren Planquadraten und Straßennamen wie „E6“ so hört, scheint wahr zu sein, oder wie es mein Mitfahrer ausdrückte: „Viel schön ist Darmstadt wenig.“ Dafür befand sich direkt um die Ecke ein Imbiss, wo ich mir mittels einer großen Käsepizza erfolgreich eine Grundlage für den Abend schuf. Nach kurzer Wegzehrung ging’s auf zum Endspurt gen Hockenheim, wo die Parkplatzsuche auf dem Obi-Parkplatz endete (der Fahrer und sein Kumpel hatten ebenfalls kein Camping- oder Parkticket und beabsichtigten, im Auto zu pennen) und wir uns ein erstes Bierchen genehmigten, „Astra vom Blech“. Zu Fuß traten wir den ausgeschilderten Weg zum Hockenheimring an, vor und hinter uns zahlreiche Musikfreunde mit dem gleichen Plan. Der Weg führte zunächst durch eine pittoreske Parkanlage und schließlich an den Camping-Plätzen vorbei. Diese waren abgezäunt uns sahen genauso aus wie Rock-Festival-Camping i.d.R. aussieht. Zahlreiche Fans haben nämlich beschlossen, aus dem Ereignis kurzerhand eine Art Festival zu machen, waren zum Teil bereits Mittwoch angereist und hegten keinerlei Absichten, vor Sonntag das Areal wieder zu verlassen. Unangenehm auf fiel ein Zelt, an dem die Reichskriegsflagge hing. Dass bei solch Massenveranstaltungen – pro Tag dürften um die 90.000 Karten verkauft worden sein – auch der eine oder andere Spacken auftaucht, wird sich nicht verhindern lassen. Dass die Flagge hängen bleibt, dürfte jedoch ein Zeichen falsch verstandener Toleranz sein. Was würde mich noch alles erwarten?

Nach einem längeren Fußmarsch kamen wir schließlich am Hockenheimring an, wo ein Biergarten, Merch-Stände etc. eingerichtet waren. Unser Fahrer und sein Kumpel setzten sich in den Biergarten ab, hatten ja erst Tickets für den nächsten Tag. Mit den anderen beiden begab ich mich durch die erste Schleuse – und nun wurd’s spannend. Ich hatte meinen Rucksack dabei, den ich ja schlecht im Auto lassen konnte, wenn ich die Rückfahrt per Bus antrete. Beim Filzen fragte ich, ob es irgendwo ‘ne Möglichkeit gebe, das Ding abzugeben. Der Sicherheitsmensch sagte mir, ich solle da und da hin, da wär‘ noch so’ne Schleuse und auch ein Container, wo ich mein Gepäck loswerden könne. Die beiden Mitgereisten steuerten den ersten Bierstand hinter der Schleuse an, wo wir uns gleich wieder treffen wollten. Während meiner Suche nach der „Garderobe“ wurde mir jedoch nach und nach bewusst, dass man mich zur Eingangsschleuse auf der gegenüberliegenden Seite geschickt hatte und ich in etwa den halben Ring durchqueren musste, um dort anzukommen. Irgendwann endlich vor Ort, wunderte ich mich schon darüber, wie wenig dort los war. Also auch durch diese Schleuse durch und zum Container. Dort allerdings eröffnete man mir, dass man mitnichten eine Garderobe, sondern zuständig zur Verwahrung gefährlicher Gegenstände wäre, die beim Filzen entdeckt worden wären – und ich meinen Rucksack daher dort nicht abgeben könne. Die Kollegin jedoch schien mir helfen zu wollen, fragte, ob ich nicht vielleicht gefährliche Gegenstände dabeihätte und warf noch einen prüfenden Blick in meinen Rucksack. Sie fand meinen Deoroller und präsentierte ihn triumphierend dem Kollegen. Das Ding ist schließlich aus Glas und das könnte ich ja werfen und jemanden damit verletzten. Das allerdings hatte zur Folge, dass ich trotzdem nicht meinen Rucksack, sondern lediglich meinen Deoroller abgeben konnte bzw. musste. Das war nun wirklich reichlich kleinkariert, andererseits war man sehr freundlich, zeigte Verständnis und bat mich, mich ans ONKELZ-Management zu wenden, um Verbesserungsvorschläge loszuwerden, beispielsweise eben den, Garderoben am Konzertort zu errichten. Darauf verzichtete ich für den Moment und wollte mit meinem immerhin um das Gewicht eines Deorollers erleichterten Rucksack zurück durch die Schleuse zum Bierstand. Das ließ man mich nicht, denn raus und wieder reingehen war nicht gestattet. Ich musste auch nur noch ein wenig über den Ring laufen, dann war ich schon im Innenraum – mit Rucksack, ohne Mitfahrer. Glücklicherweise war ich schlau genug, nur das Nötigste eingepackt zu haben, so dass es letztlich auch egal war, ob ich das Ding nun auf dem Rücken hatte oder nicht. Dass ich nicht mehr zum Bierstand zurückkam, erwies sich als Glück, denn während ich zum Getümmel schlenderte, vernahm ich plötzlich die Töne von „Hier sind die Onkelz“! Das erklärte auch, warum am Einlass so wenig losgewesen war. In meiner miesen Vorbereitung auf dieses Großereignis hatte sich eine völlig falsche Uhrzeit in meinem Hinterstübchen festgesetzt. Statt wie vermutet um 22:00 Uhr begannen die ONKELZ bereits um 21:00 Uhr! Es folgte „Mutier mit mir“, den ich auf meinen letzten Metern bereits mitsingen konnte. Durch meine mir eigene Verpeiltheit habe ich zwar die vieldiskutierte, wahnsinnige Ansage Ben Beckers verpasst (natürlich postkonzertal auf Youtube angeschaut), dafür teilt aber wohl kaum jemand die besondere Stimmung und die Eindrücke, kurz vor der Abenddämmerung über einen menschenleeren Hockenheimring zu latschen, dabei trotzdem die ONKELZ mit einem ihrer schönsten Liebeslieder live zu hören und schließlich „um die Ecke“ auf eine zwei- bis dreistellige Menschenmasse und die größte europäische Open-Air-Bühne zu treffen! Rechtzeitig zum Mitgröler „Finde die Wahrheit“ kam ich am linken Rand des Geschehens an, und drängelte mich flugs zu einem der im Publikum verteilten großen Bierstände durch, von dem aus ich perfekte Sicht auf die linke Videowand hatte, aber auch Einblick auf die Bühne. Dicht hinter mir tobte jedoch der Bauernpogo, also noch ein paar Meter nach vorn – perfekt. Während ich mein Gezapftes genoss, stimmten die Onkelz die Unity-Hymne „Kinder dieser Zeit“ vom Abschiedsalbum an: „Wir sind schwarze Schafe, Kriminelle, Huren, Rocker und Rebellen, Randfiguren, Außenseiter, Straßenkids, Schallwellenreiter, Junkies, Träumer, Punks und Spinner, wir sind Verlierer und Gewinner, Kinder dieser Zeit, die ihr Schicksal vereint“ … Das tonnenschwere, bitterböse „Der Preis des Lebens“ über Gevatter Tod persönlich war die erste gelungene Überraschung der Setlist. Mit „Nr. 1“ begab man sich kurz zurück zu Songs aus der Ära nach 2000, bevor mit „Koma – Eine Nacht die niemals endet“ erstmals das „E.I.N.S.“-Album bedient wurde. Überraschend stürmte mittendrin MOSES PELHAM die Bühne, der vor einiger Zeit den Refrain für sein eigenes Stück „Für die Ewigkeit“ adaptiert hatte, so dass eine Mischversion aus beiden Songs live dargeboten wurde. Dass Moses P. vom ehemaligen RÖDELHEIM-HARTREIM-PROJEKT ein Kumpel der Band ist, ist bekannt, dennoch stieß seine Darbietung auf ein geteiltes Echo, manch Mittelfinger wurde in die Luft gereckt. Meins ist es auch nicht, aber auch mit seinem Intermezzo blieb der Song stark – insbesondere, wenn er mithilfe eines Orchesters arrangiert wird. Ja, die Band hatte tatsächlich ein Orchester mit auf der Bühne sitzen, das aus den Songs jedoch kein verwässerten Möchtegern-Klassik-Stücke machte, sondern sie mal subtil, mal klanggewaltig verfeinerte. „Immer auf der Suche“ hieß es anschließend und die besungene „gute Zeit“ dürfe der Großteil der Anwesenden gehabt haben. Über den Mutmacher „Wenn du wirklich willst“ gelangte man schließlich zum überdimensionalen Gassenhauer „Wir ham’ noch lange nicht genug“, ein Song der insbesondere dadurch mit Sinn gefüllt wurde, dass ein sichtlich aufgekratzter und euphorischer Stephan Weidner immer wieder seiner Begeisterung Ausdruck verlieh und versicherte: „Wir bleiben!“ Von diesem Song an folgte ein Knaller auf den nächsten, denn wenn Kevin „Hast du Sehnsucht nach der Nadel“ vom „Es ist soweit“-Album zum Besten gibt, weiß jeder, dass er ganz genau weiß, wovon er singt und wie ich da mit meinem Bierchen stand und ihn fragen hörte „Willst du was erleben, was noch nicht geschehen ist? Suchst du jemanden zum Reden, der gar nicht bei Dir ist? Hast du Sehnsucht nach der Nadel, nach ’ner kleinen Injektion?“ lief es mir nicht nur kalt die Kehle, sondern ebenso den Rücken herunter – was das anschließende „Der Himmel kann warten“ noch verstärkte. Erstgenannter Song ist ein harter Riffer aus der Metal-Phase, letzterer eine sanfte Ballade, die Jahre später entstand, und doch passen beide Songs perfekt zueinander. Mit „Terpentin“ kam wieder ordentlich Bewegung in die Bude bzw. auf den Ring, bevor’s mit „Nur die Besten sterben jung“ wieder melancholisch wurde. Das schon zu Lebzeiten der Band ewig nicht mehr live gespielte „Paradies“ war ein schönes Geschenk für mich als besonderen Fan der „Es ist soweit“-Scheibe und im Anschluss gab man mit „Dunkler Ort“ wieder moderneren Klängen den Vorzug. 16 Songs waren nun schon gespielt, unterbrochen durch diverse freudige Ansagen. Während das Orchester das Instrumentalstück „Panamericana“ intonierte, gönnte sich die Band eine kurze Pause und kam zurück mit der Folkrock-Nummer „Wieder mal ’nen Tag verschenkt“, mitgesungen aus tausenden heiseren Kehlen, von denen ich nur eine war. Unfassbar, wie lange mich dieser Song nun schon begleitet und wie vertraut das in ihm beschriebene Gefühl doch ist. Um den Gänsehautfaktor auf die Spitze zu treiben, blieb man bei den folkigen Klängen und spielte „Ich bin in dir“ von der „Heilige Lieder“. Zu diesem Song hatte ich mit meinem ersten Mädchen gefummelt, doch entfaltet er erst sein ganzes Potential, wenn er textsicher vom größten Chor der Welt mitgesungen wird. Wer da cool bleiben kann, muss ein Eisklotz sein. „Hörst Du diese Lieder? Böhse Onkelz, immer wieder. Sie sind ein Teil von meinem Leben. Sie sind ein Teil von mir, sie sind für Dich, ich schenk‘ sie Dir – mehr kann und will ich Dir nicht geben. Weißt du wirklich, wer ich bin, wie ich denke, wie ich fühle? Liebst du mich, weil ich es bin oder weil ich Dich belüge?“ und „Die Gedanken malen Bilder, doch ich finde keinen Rahmen. Der Wind spricht zu mir, er wünscht mir Glück, er flüstert meinen Namen.“ Nachdenklich-philosophisch und melancholisch ging es auch weiter, denn die Band zog sämtliche Register und toppte mit eingangs erwähntem „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ sogar noch das Vorausgegangene. Welch ein Song, welch vertonte tiefe Emotionen und wie passend für all die Momente innerer Zerrissenheit. Übrigens hatten sich die Fans um mich herum als recht nette Zeitgenossen entpuppt, mit denen man auch gut den einen oder anderen Klönschnack halten konnte, doch während dieses Songs musste ich mir Ruhe erbitten. Überhaupt, das Publikum: Was ich von meinem Standort aus sah, war die erwartet wilde Mischung aus „typischem Festival-Publikum“ (was auch immer das genau sein mag), Metal- und Rockfans und Leuten, die ansonsten wahrscheinlich öfter ins Fußballstadion als auf Konzerte gehen, dazwischen Subkultur aus den Bereichen Metal-, Rocker/Biker-, Punk und Oi!. Gesprochen wurden Dialekte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und der einen oder anderen Gruppe gelang auch ein durchaus passabler Pogo-Pit, der immer ordentlich Staub auf dem furztrockenen Gelände aufwirbelte. Die überwiegende Mehrheit trug ONKELZ-Shirts, was auch nicht anders zu erwarten war. Zumindest dort, wo ich es mir bequem gemacht hatte, war alles prima und ich fühlte mich längst pudelwohl. Der „Melancholie-Block“ fand seinen Abschluss in „Nicht ist für immer da“, der mit seinem aufbauenden Text die gute Laune nach dem tränendrüsenmassierenden Stück zuvor wieder steigen ließ und in eine weitere „Panamericana“-Pause mündete. „Die Firma“ ließ schließlich wieder alle Fäuste in die Höhe schnellen, auf das politkritische Anarcho-Stück „Macht für den, der sie nicht will“ folgte passenderweise „Lüge“, was meiner Euphorie einen weiteren Schub versetzte, da dieser Song meines Wissens vorher noch nie in einem ONKELZ-Liveset auftauchte und bei „Erinnerungen“ wurd’s natürlich noch mal richtig feierlich. Sollte es das gewesen sein? Natürlich nicht. Auch wenn natürlich noch eine zweistellige Anzahl an Hits fehlte, gibt es Standards, die getreu ungeschriebener Gesetze immer dabei sind. Den letzten Block läutete „Feuer“ ein und durch die Pyroshow wurde es noch heißer, als es ohnehin schon war. Und endlich war es soweit: Der Song, auf den so viele so lange gewartet hatten. Der Song, der anlässlich der gerade stattfindenden WM perfekt passte. Der Song, weshalb ich mir auch zum ONKELZ-Gig meine Mexico-Fußi-Trikotage übergestreift hatte: „Señoritas im Arm, Tequila lauwarm, vom Durchfall geplagt und von Fliegen gejagt. Im Land der Kakteen werden wir, du wirst seh’n, wieder Weltmeister, Weltmeister sein!“ Ursprünglich geschrieben zur WM 1986 in Mexico, hatte es erst vier Jahre später geklappt, doch während wirklich jeder diese selbstironische Fußballnummer mitsang, die sich im Laufe der Jahre nicht nur zur inoffiziellen ONKELZ-Hymne mausern, sondern allgemeines Kulturgut werden sollte, arbeitete das DFB-Team erfolgreich am nächsten Titel. Mit „Kirche“ wurde dann auch noch der Wunsch eines meiner Konzert-Nachbarn erfüllt, „Auf gute Freunde“ ließ auch nicht länger auf sich warten und den Song, von dem ich mich schon die ganze Zeit über fragte, wann er denn endlich kommen würde – schließlich steht die Reunion unter seinem Motto –, hob man sich bis ganz zum Schluss auf: „Nichts ist für die Ewigkeit“! „Glaubst du alles, was ich sage? Glaubst du, du weißt wer ich bin? Stellst du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind? Die Ironie, mit der wir spielen, die ihr so schwer versteht, der Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war, nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da. Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts Besseres verdient – habt ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt?“ Das war’s. Nach 29 Songs und drei Stunden (!) war Schluss. Und was hätte man nicht noch alles im Repertoire gehabt?! „Der nette Mann“, „Heute trinken wir richtig“, „Onkelz wie wir“, „Kneipenterroristen“, „So sind wir“, „10 Jahre“, „Nekrophil“, „Heilige Lieder“, „Buch der Erinnerung“, „Gehasst, verdammt, vergöttert“, „Scheißegal“, „Lieber stehend sterben“, „Fahrt zur Hölle“, „Wenn wir einmal Engel sind“, „Danke für nichts“, „Danket dem Herrn“, „Onkelz 2000“, „Keine Amnestie für MTV“, „Narben“ und, und, und… Doch ich war sehr zufrieden mit der Setlist und damit, dass man manch selbstbeweihräuchernden Gassenhauer, mit dem man auf Nummer sicher gegangen wäre, zugunsten vieler nachdenklicherer Songs ausgelassen hatte. Wirklich schmerzlich vermisst hatte ich eigentlich nur „Nie wieder“, jenen Song, mit dem für mich alles seinen Anfang genommen hatte. Die ONKELZ verließen die Bühne, klatschten mit den Fans ab, während das Orchester das kongeniale Instrumental „Baja“ spielte.

Langsam brach die Meute geordnet zum Rückzug auf, andere, so auch ich, warteten bis zum Ende des Songs. Bei noch immer hochsommerlichen Temperaturen verließ ich schließlich auch das Gelände, holte mir meinen gefährlichen Deoroller zurück und musste leider feststellen, dass der Biergarten entweder schon geschlossen oder man uns woanders entlanggeschleust hatte. Dann wurde es etwas chaotisch: Ich befand mich inmitten der Menschenmassen, die sich nun durch die engen Straßen des Örtchens (mehr ist es wirklich nicht, trotz millionenschwerer Rennstrecke – unglaublich!?) Hockenheim zwängten. Übereifrige rissen in der Mitte der Straße postierte Absperrgitter, die die Straße in zwei Bahnen teilte, nieder, deren Sinn sich mir allerdings auch nicht erschloss. Die einen suchten ihren Campingplatz und versuchten, die Richtung herauszufinden, in die sie gehen mussten, andere suchten ihre Shuttle-Busse, derer es wohl spezielle pro Campingplatz gab, wieder andere mussten zum Bahnhof etc. Was für ein Bild: Hockenheimer Straßen überfüllt mit ONKELZ-Fans, überfragte Sicherheitsdienste, die wenigen Taxis permanent ausgebucht, die wenigen Streifenwagen der örtlichen Polizei (mehr gab es dort anscheinend nicht!?) wurden zu hochfrequentierten Auskunftszentralen. Mein Plan war, zunächst einmal den Bahnhof aufzusuchen, um mich mit den Wegen und Entfernungen vertraut zu machen. Es gelang mir sogar, auf einen originalen Hockenheimer zu treffen (das muss mir in solch einer Situation erst mal einer nachmachen!), der mir den Weg wies. In meiner mir eigenen Verpeiltheit (da war sie wieder) vergaß ich, rechtzeitig abzubiegen und latschte erst einmal in die falsche Richtung. Als ich schließlich schon aus Hockenheim raus war, gab ich auf, fragte erneut und siehe da… Nun wusste ich also Bescheid, konnte anderen völlig Abgekämpften auf meinem Rückweg vom Bahnhof in die, äh, „City“ selbst den Weg erklären und also endlich gemütlich den Abend ausklingen lassen (klingt besser als „Nacht um die Ohren schlagen“). Ich besorgte mir ein paar Kannen Cola als Energielieferanten und tingelte durch die wenigen Kneipen. Die meisten Fans waren längst wieder auf ihren Camping-Plätzen, die anderen verteilten sich auf die wenigen Lokalitäten. Dort bekam man aber immerhin noch etwas geboten: Kam man vom gut vorbereiteten und dadurch schnell seine Kundschaft bedienenden Döner-Mann, konnte man in einer Art Bistro das laufende WM-Spiel verfolgen. Nachdem ich der Katerstimmung in der Bahnhofskneipe, dessen Getränke- und Speisevorräte zuneige zu gehen drohten, entkommen war, suchte aber einen anderen Laden auf. Ehrlich gesagt habe ich vergessen, ob das ein Italiener, Spanier, Mittel- oder Südamerikaner war, er war jedenfalls recht groß und eher ein Restaurant als eine Kneipe. Dort liefen bis in die frühen Morgenstunden die ONKELZ aus der Konserve und versammelten sich Hans und Franz (und Franziska), mancher bereits mit bedenklicher Schlagseite und zum Leidwesen der tüchtigen, resoluten Wirtin auf Stühlen stehend Luftgitarre spielend. Ich holte mir ein Bier, ergatterte einen Sitzplatz, beobachtete das Treiben und kam mit einem Paar ins Gespräch, das eigens aus Österreich angereist war und gar nicht fassen konnte, wie unglaublich klein Hockenheim doch ist. Irgendwann hatte die Wirtin die Faxen dicke, stellte die Stühle hoch und ging in den verdienten Feierabend. Ich begab mich zurück zum Bahnhof, lernte eine Gruppe aus Bayreuth kennen, die mich sogar gratis auf ihrem Ticket bis Heidelberg mitnehmen konnte. Der ÖPNV machte es noch ein wenig spannend, als der Bus zehn Minuten zu spät eintraf, brachte uns aber trotzdem zum Heidelberger Bahnhof, wo ich in den ebenfalls leicht verspäteten Fernbus gen Hamburg stieg.

Es war mittlerweile kurz nach sechs und ich döste ein wenig vor mich hin. Der Bus war nicht einmal voll besetzt, ca. die Hälfte der Reisenden kam vom Konzert. In Frankfurt stiegen zwei Eintracht-Hools mit Migrationshintergrund ein, die ebenfalls nach Hamburg wollten. Die hatten sich mit Bier und Jägermeister ausgestattet, zwitscherten sich einen und hatten schräg hinter mir Platz genommen. Dadurch bekam ich ihre unfassbar witzigen Gespräche mit, wenn ich nicht gerade mehr schlecht als recht im traumlosen Dämmerschlaf verweilte. Diese beiden Typen sorgten für ein nicht von der Hand zu weisendes Unterhaltungsprogramm mit ihrem herrlichen hessischen Akzent und nutzten jeden Busstopp, um Nachschub an Alkoholika zu besorgen. Nicht so der Hit war, dass Fahrer Christian uns an einer Raststätte für seine halbstündige Pflichtpause des Busses verwies, aber auch die brachte ich rum. Lustigerweise musste Christian nach jedem Zwischenhalt sein Sprüchlein aufsagen, in dem er sich nicht nur vorstellte, sondern sich auch dafür entschuldigte, dass man einen Ersatzbus nehmen musste, der nun nicht über WLAN verfügt, dass wir mit Verspätung unterwegs sind und später auch noch, dass das Klo mittlerweile aussehe wie Sau. Auf den Zwischenruf der Frankfurter, ob er denn Bier habe, reagierte er mit „Bier haben wir leider auch nicht“, musste selbst lachen und versicherte uns, dass das die frustrierendsten Ansagen wären, die er jemals machen musste. Ich hab mich köstlich amüsiert. Die beiden, von denen sich der eine als Berufsmasseur entpuppte, kamen dann auch noch mit einer Sozialpädagogin ins Gespräch, die hinter mir saß. In Göttingen stiegen ein paar aufgehübschte Muttis zu und stießen mit Dosensekt an. Da die beiden Frankfurter gerade wieder auf Biersuche waren, versicherte ihnen mein Sitznachbar von vorne, dass hinten zwar noch ein paar Plätze frei wären, sie dort aber ganz bestimmt nicht sitzen wollen würden. Mittlerweile begann ich schon laut zu lachen. Fahrer Christian sagte fleißig weiter sein Sprüchlein auf und musste sich aufgrund der Verspätung sogar vorzeitig von uns verabschieden und an einem Rastplatz den Fahrerwechsel vollziehen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, vorher kurzerhand einen falschen Rastplatz anzufahren – natürlich nicht unquittiert mit spaßigen Sprüchen von hinten. Herrlich! Irgendwann in Hamburg angekommen, erhoben sich alle von den Sitzen und während die Frankfurter noch darüber berieten, ob sie ihren Müll nicht schlicht auf der Rückbank zurücklassen sollten, trafen sich kurz meine wissenden Blicke mit denen der Sozialpädagogin, die nun auch nicht mehr an sich halten konnte und zusammen mit mir in Gelächter ob der skurrilen Fahrt ausbrach. Nun hatte ich nur noch die letzten Meter vor mir und fiel schließlich geschafft ins Bett, um rechtzeitig zum Spiel Deutschlands gegen Ghanas wieder aufzuwachen und Zeuge zu werden, wie es auch für Jogis Jungs nicht ganz so rund läuft, wenn ich bischn inne Seile hänge.

Fazit: Ja, es war abenteuerlich. Aber es hat alles erstaunlich gut geklappt und ich habe keine Sekunde bereut. Ich habe interessante Leute kennen gelernt, vor allem aber ein großartiges Konzert gesehen und unheimlich viele Eindrücke mitgenommen. Nachts in den Straßen sah ich sie dann zwar, die hässlichen FREI.WILD-T-Shirts und sogar zwei Kapeiken in „Thor Steinar“-Naziklamotte, letztere sind angesichts der unfassbaren Menschenmengen aber sicherlich im Promille-Bereich anzusiedeln gewesen (ausnahmsweise nicht auf den Alkohol bezogen, wobei man natürlich reichlich naturbesoffen sein muss, um sich solche Scheiße überzuziehen). In Gefahr, um meinen Anfangs-Aufhänger wieder aufzugreifen, befand ich mich zu keinem Zeitpunkt, Streitereien oder gar Schlägereien habe ich keine einzige mitbekommen, niemand hat mich angepöbelt oder mir irgendwie das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein. Auch die Polizei bestätigte anschließend, ich zitiere: „Das war der friedlichste Einsatz, den wir je bei solch einer Großveranstaltung hier hatten!“ Ob das nun auf die große Toleranz des ONKELZ-Publikums (worauf es sich viel einbildet) oder schlicht auf dessen Gleichgültigkeit zurückzuführen ist, vermag ich allerdings nicht abschließend zu beurteilen. Dass man sich vor ihm in Acht nehmen müsste, kann ich aber keinesfalls bestätigen. Die Band machte einen guten, fitten Eindruck, lebte ehrliche Spielfreude auf der Bühne aus und war sichtlich ergriffen, was die überschwänglichen Ansagen widerspiegelten. Kevin bedankte sich zwischenzeitlich bei seinen Therapeuten und bläute den Fans ein, die Finger von harten Drogen zu lassen. Warten wir ab, was da noch kommen wird. Kevin hat mit seiner neuen Band ein Soloalbum veröffentlicht, das ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gehört habe. In Video-Statements im Internet wirkt er voller Energie, teilt aber auch gut aus in Richtung der Presse, die übrigens zur ONKELZ-Reunion kurzerhand nicht eingeladen worden war. Das bedeutet, es wurden keine separaten Pressetickets zur Verfügung gestellt. Wie nicht anders zu erwarten war, rauschte es wieder im Blätterwald und sog sich manch fragwürdiger Journalist dieses und jenes aus den Fingern. Irgendwie ist fast alles wieder so früher, manche Dinge scheinen sich eben nie zu ändern. Ich werde das weiter beobachten, auch zukünftig immer mal wieder über den Tellerrand hinausschauen und mir meine eigene Meinung bilden – in Fällen wie diesen auch gern persönlich vor Ort. „Mach’s gut, du schöne Zeit, auf Wiedersehen…“

14.06.2014, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2014

gaußfest_2014

Einmal jährlich steigt auf dem Hamburger Gaußplatz das Gaußfest bestehend aus zwei Tagen Open-Air-Festival und anschließendem Fußballturnier „Zappacup“. Nachdem man uns im letzten Jahr bereits eingeplant hatte, wir aber verletzungsbedingt schweren Herzens absagen mussten, sollte diesmal alles klappen. Nachdem am Freitag bereits die erste Sause über die Bühne gegangen war, sollten wir den Samstag eröffnen. Da Freitag jedoch anscheinend einiges schief gelaufen und es aufgrund technischer Probleme zu massiven Verzögerungen gekommen war (die schließlich die Anwohner auf den Plan riefen), bat man uns um einen superpünktlichen Beginn, statt der kommunizierten 18:00 Uhr sollten wir spätestens um 17:45 Uhr die ersten Akkorde peitschen. Das war eigentlich nicht so das Problem, denn das Publikum war bei bestem Wetter zahlreich vorhanden und lümmelte sich in der Sonne. Ein ganz anderer Schnack jedoch ist dessen Motivation zu einer derart frühen Tageszeit, wenn es häufig noch fertig vom Vortag und/oder noch nicht betrunken genug ist, um uns nicht nur zu ertragen, sondern sich auch zu irgendwelchen Reaktionen provozieren zu lassen. Ach wat, so schlimm war’s gar nicht, die ersten Hartgesottenen trauten sich tatsächlich vor die Bühne, darunter ein Mädel mit beeindruckenden Kung-Fu-Künsten, die sowieso jeden weiteren Bastard in sekundenschnelle von der, äh, „Tanzfläche“ gekickt hätte. Der Gig lief problemlos, wir spielten das volle Set und im Anschluss gab’s auch den positiven Zuspruch. Nach getaner „Arbeit“ konnten wir uns ins Vergnügen stürzen, mussten uns aber auch um den Abtransport des Equipments etc. kümmern, weshalb ich THEMOROL größtenteils und THE INSERTS komplett verpasste. Wieder am Start zu mittlerweile fortgeschrittener Stunde war ich bei den kongenialen YARD BOMB um Shouter Rolf, die einmal mehr mit ihrem Oldschool-US-Hardcore-Set zu begeistern wussten und darüber hinaus viel von ihrem Charisma und Humor profitieren. Einwandfreier Gig, wie immer geil! Vor zwei Wochen waren es zwei RESTMENSCHen, die uns zum Elb-Tsunami-Festival geladen hatten, jetzt spielten sie mit ihrer De-facto-NEUE-KATASTROPHEN-Nachfolge-Band selbst „umsonst & draußen“. Erstmals bekam ich die Gelegenheit, mir die Band mal anzuschauen und was ich da im allgemeinen Trubel vernahm, war deutschsprachiger Punkrock mit beißend sarkastischen Texten von einem gewissen Niveau, ohne in verklausulierten Studentenpunk abzudriften. Interessanter, überzeugender Auftritt und ich glaub, die muss ich mal im Auge behalten. Mittlerweile war’s dunkel geworden, aber ein Blick auf die Uhr verriet den Veranstaltern, dass es noch verdammt früh war und ein Blick ins Programm wiederum offenbarte gähnende Leere: Da kam nix mehr. Gar nix mehr? Vier von fünf Motherfuckern waren noch verfügbar und halfen dem nun viel zu früh mit allem durchgewesenen Gaußfestverwaltungsapparat aus der Patsche und machten nicht nur den Opener, sondern auch den Rausschmeißer, indem sie ohne mittlerweile verhinderte zweite Terrorklampfe erneut die Bühne erklommen und ihre schlimmsten Weisen noch einmal ins nun deutlich angestacheltere Publikum rotzten. Aus vier geplanten Songs wurden sechs oder sieben und trotz unseres Alkoholpegels klappte das auch noch erstaunlich gut. Dann war aber endgültig Feierabend und ich verließ das Gelände, um zu sehen, wie England sich von Italien die Fritten aus dem Fett nehmen ließ. Auch wenn ich leider nicht schon am Freitag vor Ort sein konnte, war das Gaußfest wieder ‘ne verdammt geile Angelegenheit mit vielen lässigen Leuten, lecker Bier, schmackhaftem Essen und nicht zuletzt geilen Bands und bleibt somit jährlicher Pflichttermin – unabhängig davon, ob wir auf oder „nur“ vor der Bühne stehen. Danke an Zappa, Norman, Wurzel & Co. sowie an RESTMENSCH, über deren Equipment wir den Zugaben-Gig spielen durften!

Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014

fußball-wm 2014

Prolog:
Meine am 11.06.2014 (also vor Turnierbgeinn) abgegebenen Tipps der Finalbegegnungen

Achtelfinale:
49. Brasilien – Chile
50. Kolumbien – Uruguay
51. Spanien – Mexico
52. England – Elfenbeinküste
53. Frankreich – Bosnien und Herzegowina
54. Deutschland – Belgien
55. Argentinien – Ecuador
56. Russland – Portugal

Viertelfinale:
57. Brasilien – Uruguay
58. Frankreich – Deutschland
59. Mexico – England
60. Argentinien – Russland

Halbfinale:
61. Brasilien – Deutschland
62. Mexico – Argentinien

Spiel um Platz 3:
63. Brasilien – Mexico

Finale (Achtung, jetzt kommt’s):
64. Deutschland – Argentinien

Ohne richtiges Konzept habe ich ihn eigentlich nur für mich begonnen, lange immer wieder in kurzen Intervallen an ihm geschrieben, ohne wirklich Zeit dafür gehabt zu haben, irgendwann festgestellt, vielleicht doch ein bisschen weit ausgeholt zu haben und dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voller Widersprüche, Missverständnisse und Fehler steckt. Trotzdem ist er jetzt einfach mal endlich fertig, mein kleiner, gänzlich subjektiver…

Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014

1986 war doch was. Einmal abgesehen von einem für mein seinerzeit sechsjähriges Leben entscheidenden Umzug fanden sich diverse Bilder von Fußbällen und einer ulkigen Karikatur eines Mexikaners in Zeitschriften und aufgedruckt auf diversen Utensilien. Aus Duplo- und Hanuta-Naschwerk fielen einem Aufkleber diverser Fußballer entgegen. Was da genau los war, wusste ich nicht, aber es war wie so vieles andere hübsch bunt, es hatte mit Fußball zu tun, fand offenbar in Mexico statt und streckte seine Fühler bis nach Deutschland aus. In allgemeine Hysterie versetzte es die Nation im Jahr des Tschernobyl-Super-GAUs aber nicht. Später erfuhr ich, dass Deutschland im Finale Argentinien unterlag und Vize-Weltmeister wurde.

Was zwei Jahre später zuerst da war, weiß ich nicht mehr: Die Übertragung eines Spiels der in Deutschland stattfindenden Europameisterschaft oder mein Panini-Sammelalbum. Letzteres hatte neben vielen bunten Aufklebern die Folge, dass ich viele der Fratzen, die ich fein säuberlich in die dafür vorgesehenen Bereiche des Albums einklebte, im Fernseher wiedererkannte, wenn sie sich um den Ball stritten. So war ich mit der einen oder anderen Mannschaft recht gut vertraut, kannte plötzlich Menschen wie Rudi Völler, Ruud Gullit, Marco van Basten und Gary Lineker und stellte fest, dass die Spiele, von denen ich längst nicht alle sah, eine gewisse Spannung entwickelten, wenn man jeweils einem der rivalisierenden Teams seine Sympathie zukommen ließ. Ich mochte Deutschland, England, Irland, Spanien und damals noch die Niederlande, deren Gullit und van Basten fantastischen Angriffsfußball boten. Ein Viertelfinale gab es noch nicht, nach der Vorrunde ging es direkt ins Halbfinale – wo Deutschland gegen die Niederlande verlor. An den Emotionen der Spieler beider Mannschaften konnte ich ablesen, welche Bedeutung dieses Spiel gehabt hatte – und wurde Zeuge, wie sich Ronald Koeman mit Olaf Thons Trikot demonstrativ den Hintern abwischte. Spätestens jetzt war ich vertraut mit der Fußball-Rivalität zwischen Deutschland und Holland, das im Münchner Olympiastadion schließlich den Titel gegen die Sowjetunion holte. Aufgrund der nur acht beteiligten Mannschaften war die EM jedoch recht schnell vorbei und schien zunächst nicht unbedingt einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

1990 jedoch war ich wieder wie so oft zwar spät dran (und verpasste glatt das sensationelle Eröffnungsspiel, in dem der amtierende Weltmeister gegen überraschende Kameruner mit 0:1 verlor), saß dann aber doch wieder mit meinem Panini-Album vorm Fernseher. Am 08. Juni begann das Turnier, am 10. griff das deutsche Team ein und besiegte Jugoslawien fulminant mit 4:1! Das Fußballfieber hatte zwei Jahre geruht, war nun aber vollends ausgebrochen. Mehr als je zuvor rannte ich mit meinem Ball nach draußen und spielte Straßenfußball auf dem rauen Asphalt, kickte gegen Kumpels auf dem Schulhof und meldete mich gar im örtlichen Fußballverein an. Zeit für die WM hatte ich dennoch reichlich; kaum aus der Schule wurde die Glotze angestellt, wo mir ein Jürgen Klinsmann mit frisch geföhnten Haaren entgegenlächelte und vom aktuellen Status der Nationalelf berichtete, wo die allgemeine Berichterstattung, die in diversen Print-Publikationen (und seien es nur kleine Sponsorenheftchen) ihre Fortführung fand, mir auf faszinierende Weise die große weite Welt näher brachte, indem über Italien, England und Holland ebenso berichtet wurde wie über Kamerun, Argentinien und Costa Rica und alle anderen Teilnehmer der WM, welche zum gern mitgenommenen Geographie-Unterricht avancierte und zur Völkerverständigung zumindest bei mir zehnjährigem Bubi entscheidenden Beitrag leistete. Und dann waren da natürlich die Spiele. Ich sah einige der historischsten und nervenaufreibendsten Fußballschlachten, die jemals auf Rasen ausgetragen wurden: Deutschland – Holland, das die Rivalität zwischen beiden Fußballnationen auf die Spitze trieb, England – Kamerun, England – Deutschland, um nur einige zu nennen. Teilweise sah ich mir von diesen Spielen noch die auf ich glaube rund 30 Minuten zurechtgestutzten Wiederholungen am nächsten Tag an, teilweise zeichnete ich sie auf und archivierte sie auf VHS. Ich sog alles in mich auf und konnte noch Wochen später jedes einzelne Spielergebnis des Turniers aus dem Kopf wiedergeben, ebenso die Gruppen und ihre Teilnehmer sowie die Tabellen. Obwohl die favorisierten, doch so arg schwächelnden Argentinier um Superstar Diego Armando Maradona bereits in der Vorrunde aus dem Turnier zu fliegen drohten und nur mit Ach und Krach als Tabellendritter ihrer Gruppe den Einzug in die K.O.-Runde schafften, mochte ich die Mannschaft. Das lag einerseits an ihrer Exotik, an der geheimnisvollen Aura, die Maradona umgab, an den damals im direkten Vergleich blasseren Brasilianern, andererseits aber gerade auch am kämpferischen Spiel, mit dem sie es tatsächlich bis ins Finale schaffte. Großen Anteil daran hatte Ersatztorhüter Goycochea, der überraschend für den verletzten Pumpido kam und seiner Mannschaft manch Sieg im Elfmeterschießen bescherte. Nur den alles entscheiden Elfmeter, den Andi Brehme im Finale gegen ihn schoss, konnte er nicht halten, wenn er auch die richtige Ecke kannte. Deutschland wurde nach einer packenden WM Weltmeister und ich war begeistert, dass die sympathischen Jungs Klinsmann, Völler, Littbarski und Hässler, der Mittelfeld-Traumspieler Matthäus, die Abwehr-Profis Kohler, Buchwald, Bein sowie der bodenständige Torhüter Bodo Illgner und alle anderen es geschafft hatten. Der Sommer hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht und ich realisierte, dass ich Zeuge eines positiven historischen Ereignisses wurde, Monate vor der Wiedervereinigung.

Ich war zum richtiggehenden Fan der deutschen Elf geworden und begann sogar – wohlgemerkt in einem ansonsten vollkommen fußballfreien Haushalt –, die Bundesligen zu verfolgen („Anpfiff“ mit Uli Potofski!), wenngleich mich Vereinsmeierei um zusammengekaufte Mannschaften und Lokalpatriotismus nie so packten wie Länderspiele, in denen es am ehesten noch um so etwas wie „Ehre“ ging. Achtung, Outing: Aufgrund meiner Sympathien für den einen oder anderen Nationalspieler wurde ich zum Fan des 1. FC Köln, was ich zumindest einige Jahre durchhielt, wenn auch ohne jemals ins Stadion zu gehen (ok, einmal ist keinmal). Und so sehr ich die Ablehnung Kölns durch die Düsseldorfer auch verstehe, so furchtbar Kölsch im Vergleich zu Alt und Pils schmeckt und so fragwürdig manch andere Kölner Umstände sind, manchmal ertappe ich mich doch noch dabei, mit der Elf vom Rhein heimlich ein kleines bisschen zu sympathisieren. Nicht lange warten ließ damals die Pubertät mit all ihren Irrungen und Wirrungen auf sich und mein Fußballinteresse flachte doch arg ab, anderes wurde interessanter. Hinzu kam, dass mir der neue Bundestrainer Berti Vogts nicht wirklich behagte, schon gar nicht, als er manch Leistungsträger der ‘90er-Gewinner für meinen Geschmack etwas zu früh aussortierte.

Bei der EM 1992 in Schweden wurden wir noch Zweiter hinter überraschend (aufgrund des Ausschlusses Jugoslawiens) ins Turnier gerutschten Dänen, denen man den Sieg gönnte. Die WM 1994 in den USA aber geriet zum Debakel, als man im Viertelfinale gegen Bulgarien ausschied. 1996 konnten Bertis Buben noch einmal richtig auftrumpfen, als sie bei der EM in England den Gastgeber abermals in einem Halbfinale im Elfmeterschießen besiegten und damit tief traumatisierten, zu allem Überfluss auch noch Europameister wurden. 1998 in Frankreich war dann aber endgültig der Ofen aus. Ich ertappte mich, im Achtelfinale gegen Mexico beinahe mehr Sympathien für die Mittelamerikaner zu hegen und im Viertelfinale unterlag man Kroatien mit 0:3. Vogts trat ab, Ribbeck kam und ich hoffte skeptisch auf einen vernünftigen Neuanfang – der aber ausblieb. Im Gegenteil: Es wurde eigentlich erstmals so richtig schlimm. Die Deutschen schafften zwar die Qualifikation für die EM 2000 in Belgien und Holland (ausgerechnet!), flogen dort aber sang- und klanglos in der Vorrunde raus.

Der deutsche Fußball lag am Boden, wie ich es noch nie erlebt hatte. Debatten und Diskussionen wurden geführt und wenn ich mich nicht irre, war es bereits Vogts, der Nachwuchsprobleme anschnitt. In der Tat war und bin ich sehr glücklich damit, dass nicht Rugby, Basketball, Krocket oder Hallenhalma deutscher Natonalsport ist, sondern offensichtlich good old fucking Football. Umso unverständlicherweise fand ich es demnach, dass die werten Pädagogen auch mich im Sportunterricht seinerzeit mit Affentennis (Volleyball) und anderen seltsamen Formen der körperlichen Ertüchtigung quälten, statt uns einfach kicken zu lassen. Nach Ribbeck jedenfalls wurde der Wiederaufbau des deutschen Fußballs zur Chefsache erklärt, verstärkte Nachwuchsarbeit wurde fortan betrieben und fürs Training der Nationalmannschaft erstmals ein ‘90er-Weltmeister eingesetzt, niemand Geringerer als Sympathiebolzen Rudi „Tante Käthe“ Völler. Zwischenschnitt: Bei mir hatte sich einiges getan. Im Laufe der Jahr hatte ich ein starkes politisches Bewusstsein entwickelt, war – ebenso wie alle anderen Bundesbürger und leider auch Menschen ausländischer Herkunft, die zum Teil nach feigen Anschlägen in Asylbewerberheimen verbrannten – mit grassierendem Rechtsextremismus konfrontiert worden, mit einem gefühlt ewigen Kanzler, mit ausbordender Arbeitslosigkeit, Ausbeutung nicht nur der ehemaligen DDR, Antikommunismus, als soziale Marktwirtschaft getarnten Kapitaismus und was dieses Land sonst noch alles Negatives hervorgebracht hat. Längst war ich Teil der Punkszene geworden und lehnte diese Art einer Leistungsgesellschaft ebenso ab wie das kapitalistische System, quasi alle Autoritäten und selbstverständlich jedweden Nationalismus. Das hat sich bis heute kaum geändert, doch blieb mein Interesse an der Nationalmannschaft stets erhalten, wenngleich es auch Schwankungen ausgesetzt war. Einen Widerspruch habe ich darin nie gesehen, wie auch, eigentlich gibt es keinen. Doch dazu später mehr.

Zurück zu Völler: Dieser musste noch mit dem vorhandenen „Material“ arbeiten, schaffte es aber, eine respektable Mannschaft zusammenzustellen, die sich die Qualifikation für die WM 2002 in Japan und Südkorea erarbeitete. Dort siegten Rudis Racker im ersten Spiel spektakulär 8:0 über Saudi-Arabien und über die K.O.-Runde hinweg bekleckerte man sich nicht unbedingt mit Ruhm, landete aber schließlich im Finale gegen Brasilien, das mit 0:2 verloren ging. Das war zwar schade, ging aber in Ordnung und ich hatte das Gefühl, dass Völler gute Arbeit geleistet hatte. Es war mir wieder gut möglich, mich mit der deutschen Nationalmannschaft zu identifizieren; sogar an Oliver Kahn hatte ich mich gewöhnt, der als Kapitän zum besten Torhüter und allgemein besten Spieler der WM gewählt wurde. 2003, nach einem torlosen Unentschieden in der EM-Qualifikation gegen Island, geschah einer dieser Fußball-TV-Momente, die sich außerhalb des Geschehens auf dem Platz ins kollektive Bewusstsein einbrennen sollten: Von den Sportjournalisten Gerhard Delling und Waldemar Hartmann mit Kritik aufgrund des enttäuschenden Ergebnisses konfrontiert, echauffierte sich ein sichtlich aufgebrachter Völler live über die Art und Weise der negativen Äußerungen und trat an, die deutsche Journalistenzunft und das Publikum von ihrem hohen Ross herunterzuholen, mit überzogenen Erwartungshaltungen aufzuräumen und seinerseits die deutsche Überheblichkeit zu kritisieren. Er brachte auf den Punkt, was diejenigen, die die vorausgegangenen Turniere aufmerksam verfolgt hatten, längst hätten wissen müssen: Seit 1990 hatte sich der Fußball verändert, haben andere Nationalverbände gute Arbeit geleistet und war nicht nur das europäische Fußballniveau näher zusammengerückt. Weder eine Qualifikation und schon gar kein Turnier war mehr ein Selbstgänger für die Deutschen, jegliche Arroganz fehl am Platze. Ich stimmte Völler in allen Belangen zu, empfand ich doch den mittlerweile jeglicher Grundlage entbehrenden Anspruch eines dominierenden deutschen Fußballs nicht nur als unangebracht, sondern auch als unsympathisch und kontraproduktiv. Insofern war es schade, dass die deutsche Elf unter Völler bei der EM 2004 in Portugal bereits in der Vorrunde ausschied, doch war ihm kaum jemand dafür böse, man stattdessen endgültig zurück auf dem Boden der Tatsachen. Statt dem eigenen Team drückte Fußball-Deutschland in einer unvergleichlichen Welle der Sympathie kurzerhand den in der Vergangenheit i.d.R. chancenlosen Griechen, die nun vom deutschen Trainer Otto Rehagel trainiert wurden, die Daumen, die schließlich tatsächlich den Titel holten. Deutsche und Griechen kamen sich näher und erst die Mär von den „Pleitegriechen“ konnte an der ausgebauten Freundschaft wieder rütteln.

Völler trat zurück, alles wieder auf null, Neuanfang. Völlers Weltmeister-Kollege Jürgen Klinsmann übernahm, verjüngte die Mannschaft, musste zum FIFA-Konföderationen-Pokal 2005 antreten und wurde Dritter. Offenbar konnte Klinsmann nun die ersten Früchte der Nachwuchsarbeit ernten und machte zusätzlich mit unorthodoxen Methoden von sich reden. Ein Jahr später folgte die WM im eigenen Land und was bereits zuvor nicht gerade klein gewesen war, wurde nun so richtig groß. Deutschland hatte nun die ganze Welt zu Gast, das öffentliche Interesse am Turnier war groß wie selten zuvor und ich hoffte auf ein gutes Abschneiden Klinsis Kicker. Und siehe da, die Mannschaft um Michael Ballack wirkte nicht nur überaus sympathisch, sondern lieferte auch erfrischenden und erfolgreichen Offensiv-Fußball. Im Viertelfinale kam es zum Elfmeter-Krimi gegen grobe Argentinier, bevor man im Halbfinale gegen Italien ausschied. Vom „Weltmeister der Herzen“ war im Zusammenhang mit den Deutschen die Rede und was ich in Hamburg miterleben durfte, war nicht nur ein Volksfest, sondern ein Fest der Völker. In diesem geilen Sommer verschlug es mich zwar erneut nicht ins Stadion, aber ich verfolgte die Spiele so gut es ging und genoss den Trubel auf den Straßen, auf denen Menschen aus aller Herren Länder jubelnd und feiernd umherliefen und die Einheimischen mehr aus sich herauskamen, als je zuvor: Südländisches Flair herrschte, als sich alle Welt zum „Public Viewing“ getauften Rudelgucken zusammenfand, Kneipen, Biergärten und Außengastronomie bevölkerte, die Straßen belebte und tatsächlich einmal alle Vorurteile von „steifen Deutschen“ etc. Lügen strafte. Das Turnier hatte Deutschland fest im Griff und es schien ihm gut zu tun. Ich habe tolle Erinnerungen an das „Sommermärchen“ und war nicht zuletzt auch regelrecht begeistert vom Spiel der deutschen Mannschaft mit Klose, Schweinsteiger, Podolski & Co. Was 2006 in Deutschland stattgefunden hatte, war überragende Werbung für den Fußball und konnte zu Recht endlich einmal stolz machen. Das rief jedoch auch mehr als je zuvor feierwütiges Event-Publikum auf den Plan, das augenscheinlich kaum Bezug zum Sport, dafür umso mehr zum sog. „Party-Patriotismus“ hatte und mit seinem Fahnengeschwenke und dem Drang, alles Mögliche in schwarz-rot-gold schmücken zu müssen, Kritiker auf den Plan rief, die darin die Entwicklung eines neuen Nationalismus sahen. Ich verabscheute nach wie vor jegliche Versuche, die WM politisch zu missbrauchen, erst recht im Zusammenhang mit Rechtsextremismus, sah den Umgang mit den Nationalfarben aber eher entspannt. Im Gegensatz zu den Flaggen und Symbolen des Dritten Reichs hatte ich nie ein grundsätzlich Problem mit ihnen, bin mir ihrer Herkunft bewusst und reagiere nicht wie der Pawlowsche Hund auf ihr Erscheinen, interpretierte sie im Rahmen der WM zu großen Teilen als Sympathiebekundungen für die Nationalelf, auch ohne selbst mit Ihnen herumzuwedeln oder sie mir an die Backe zu schmieren. Mittlerweile war ich in sozialen Netzwerken unterwegs und wurde selbst mit dieser Kritik konfrontiert, wenn ich mich z.B. in einem Punkforum positiv zur WM äußerte. Das reichte von ernstzunehmenden, diskussionswürdigen Äußerungen über undifferenzierte Polemiken bis hin zu interessanten Phänomenen: Vornehmlich von sich selbst als „politisch links“ wahrnehmenden Mitmenschen oder einer ganz abwegigen Sektierergruppe, den sog. „Antideutschen“, erfuhr ich permanentes Miesgemache nicht nur des Spiels des deutschen Teams noch als harmloseste Unmutsbekundung. Anscheinend wurde da gern einmal zuhause gesessen und darüber gejammert und sich darüber beschwert, dass andere auf den Straßen und in den Stadien Spaß haben, wie es der typische deutsche Spießer gern mit uns Punks tat. Auf jeglichen positiven Bezug zur WM wurde mit mahnenden Worten reagiert, als wäre eine Neuauflage der ’36er-Olympiade in Gange, wurden die schlimmsten Auswüchse herbeigeunkt und dermaßen viel zusammengeheuchelt, um zu vertuschen, worum es eigentlich ging: um undifferenzierten Abneigung gegen alles „Deutsche“, die über punktypische Provokation weit hinaus ging und eine ideologische Wurzel inne hat, die seltsame Blüten trieb: den altbekannten Nationalismus, gegen den man doch zu sein vorgab. Wer den Deutschland überhöhenden Nationalismus aufgreift und ins Gegenteil verkehrt, indem er eine Nation statt sie zu überhöhen erniedrigt, einer wie auch immer gearteten „deutschen Volksgemeinschaft“ bestimmte negative Attribute zuspricht etc. ist weit davon entfernt, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, Staatsgrenzen hinter sich zu lassen und Nationalitäten wenig bis keine Bedeutung beizumessen. Wer Nationalismus, Rassismus und andere Ausgrenzungen/Diskriminierungen etc. für ein rein deutsches Problem hält, das bewältigt werden würde, indem Frankreich bis Polen reicht, hat nichts kapiert und macht gewaltige Fehler – und ist in seinem fragwürdigen Verhalten letztendlich deutscher als die deutschesten Deutschen, um diesen Duktus einmal aufzugreifen. Nun sind diese Menschen allerdings keine ernstzunehmende politische Kraft und stellen verglichen mit Neonazis, die wie so vieles andere eben auch gern einmal eine EM oder WM für ihre Zwecke zu missbrauchen versuchen, das wesentlich kleinere Übel dar. Dessen bin ich mir sehr bewusst. Zumindest ein Schmunzeln über den deutschen Gutmenschen, der ja eigentlich so gar nichts von Länderspielen und solchen Turnieren hält, aber trotzdem interessiert die WM verfolgt, um stets – aus „politischen Gründen“, versteht sich – dem jeweiligen Gegner des deutschen Teams die Daumen zu drücken, muss aber erlaubt sein. Und wenn’s ein Team aus einem Land ist, in dem die Scharia Gesetz ist – geschenkt! In diesem Zusammenhang verweise ich auf Gregor Keuschnig: „Gesinnungs-Euphoriker gestatten allen anderen das, was sie bei Deutschen missbilligen. Sie finden es gut, wenn Franzosen oder Brasilianer die Hymne mitsingen und verabscheuen es, wenn dies die Deutschen tun. Sie sehen über Gesichtsbemalungen bei Argentiniern hinweg, finden sie aber bei Deutschen gräßlich. Sie schämen sich für die biersaufenden und grölenden deutschen Fans, goutieren dies aber anderswo als lustig und originell. Gesinnungs-Euphoriker finden österreichische und englische Boulevard-Zeitungen gut, die das deutsche Fußballspiel im Weltkriegs- oder Nazi-Duktus aufbereiten. Zuhause schreiben sie Briefe, dass ihnen die “Bild” nicht in den Briefkasten gesteckt wird. Gesinnungs-Euphoriker fühlen sich besser, weil sie auf andere herabschauen. Sie sind elitär bis in die Knochen. Es gibt sie aber glücklicherweise fast nur in Deutschland. In anderen Ländern würden sie ausgelacht.“ So kritisch ich diese Gesellschaft auch beobachte und so zuwider mir auch manch Massendynamik der Deutschen ist – nach der WM 2006 wurde brav wieder abgeflaggt; Befürchtungen dahingehend, ein chauvinistisch-nationalistisches Volk durch die Weltmeisterschaft herangezüchtet zu haben, erwiesen sich als unbegründet. In Erinnerung blieben mir tolle Stimmung, ein soziales Miteinander, im Rahmen dessen Menschen miteinander ins Gespräch kamen und zueinander fanden, die sonst im jeweiligen Alltagstrott gefangen waren, und leuchtende Kinderaugen, die von den Ereignissen mindestens so ergriffen waren, wie ich es 1990 vor der heimischen Glotze war.

Unverständlicherweise trat Klinsmann nach dem Turnier zurück, um fortan die Mannschaft der USA zu trainieren, doch sein Co-Trainer Joachim Löw übernahm das Amt. Zur EM2008 in Österreich und der Schweiz war die Euphorie ungebrochen und Löw führte das Team bis ins Finale, wo es gegen die mittlerweile überragenden Spanier 0:1 unterlag. Einerseits war die Enttäuschung groß, andererseits gönnte ich es den Spaniern, die ich schon immer mochte und die ich im Prinzip schon seit 1988 auf dem Schirm hatte. Ihre Spielweise, das Tiki-Taka getaufte Kurzpassspiel, sollte die nächsten Jahre den Fußball dominieren – so auch während der WM 2010 in Südafrika, als die deutsche Mannschaft ihr Spiel weiter ausgebaut hatte und neben Spanien den besten Fußball bot. In der Luft lag eine Stimmung, dass der Titel zum Greifen nah wäre – trotz einer durchwachsenen Vorrunde, in der man Australien klar mit 4:0 besiegte, jedoch unglücklich 0:1 gegen Serbien unterlag und sich gegen Ghana schwer tat, letztlich aber das erlösende 1:0 erzielte. Der Torschütze war ein junger Deutschtürke namens Mesut Özil, der zum identitätsstiftenden Faktor für die Türken und türkischstämmigen Deutschen wurde, auch weil sich die Türkei diesmal nicht qualifiziert hatte. Er verlieh der deutschen Elf endgültig ihren integrativen Charakter, war sie doch mittlerweile ein Spiegelbild einer multikulturellen Gesellschaft und damit noch weniger als je zuvor für Rechtsextremisten und andere deutschtümelnde Immigrationfeinde als Identifikationsobjekt geeignet. Dieser Mannschaft gelang, womit sich die Politik lange Jahre so schwer getan hatte und das Turnier ging in die Geschichte als das der deutsch-türkischen Freundschaft ein. Überragend fielen das Achtel- und das Viertelfinale aus, als Deutschland erst England mit 4:1 besiegte und anschließend Argentinien unter Leitung Maradonas glatt mit 4:0 nach Hause schickte. Was sollte jetzt noch schiefgehen? Im Halbfinale traf man auf Spanien. Die junge deutsche Elf ohne ihren verletzten Kapitän Ballack, der gar nicht erst das Turnier antreten konnte und die Kapitänsbinde an Lahm abtrat, wirkte plötzlich verunsichert, schien zu viel Respekt vor dem Gegner zu haben, spielte verkrampft und unterlag schließlich nicht unverdient mit 0:1. Der Traum war aus, Deutschland wurde immerhin Dritter und Spanien gegen fiese Holländer im Finale nach Verlängerung verdienter Weltmeister.

Deutschland hatte die letzten drei Turniere gut gespielt, aber keinen einzigen Titel geholt. Trotz manch wieder lauter werdender kritischer Stimme dachte Löw nicht daran, hinzuschmeißen und verlängerte seinen Vertrag. In der Vorrunde der EM 2012 in Polen und der Ukraine bezwang Deutschland souverän Portugal, Holland und Dänemark, das Achtelfinale gegen Griechenland wurde mit 4:2 gewonnen, doch im Halbfinale wartete Angstgegner Italien und schoss in Person Marion Balotellis die Deutschen mit 1:2 aus dem Turnier. Wieder ein Halbfinale, wieder Italien, wieder Schluss. Dass Italien im Finale schließlich von eindeutig dominierenden Spaniern vorgeführt und mit 0:4 in die Schranken gewiesen wurde, war ein schwacher Trost. Lautstarke Diskussionen entbrannten: War die deutsche Mannschaft zu lieb? Fehlte ihr das Sieger-Gen, fehlten ihr echte Persönlichkeiten, hatte sie den richtigen Trainer? Hatte Löw sich verzockt? Die 2006 begonnene Euphorie bekam empfindliche Dämpfer, die Erwartungshaltung sank. Im Vorfeld der WM 2014 kochten diese Debatten wieder hoch und kaum ein selbsternannter Experte glaubte wirklich an einen Sieg der deutschen Elf in Brasilien, der Heimat des Rekord-Weltmeisters. Möglicherweise bedeutete dies einen Druckabfall für Löw und die Mannschaft, vielleicht erzeugte es auch einen „Jetzt erst recht!“-Trotz. Ich persönlich glaubte weder die Unkenrufe von sich angeblich nicht genug mit ihrer Aufgabe identifizierenden Nationalspielern, noch das fast schon beleidigende in Abrede Stellen von starken Charakteren und schon gar nicht an ein fehlendes „Sieger-Gen“ (was auch immer das überhaupt sein soll), erst recht nicht in Anbetracht der jüngsten Erfolge deutscher Vereine. Auch hielt ich mir nüchtern Löws Bilanz vor Augen, die ihn zu nicht weniger als dem erfolgreichsten deutschen Trainer machte, wenn auch ohne Titelsieg – und traute ihm zu, die richtigen Spieler mitzunehmen, ob nun mit nur einer „echten“ Sturmspitze oder mehreren. Wenn mir überhaupt etwas Sorge bereitete, dann das Verletzungspech wichtiger Spieler im Vorfeld. Ob Neuer, Lahm und Schweinsteiger rechtzeitig wirklich fit werden würden, stand auf der Kippe. Zum letzten Prä-WM-Tippspiel gegen Bertis Armenien schrieb ich: „Das (…) wurde zwar mit 6:1 deutlich gewonnen, lange Zeit aber lief man vergebens gegen die armenische Abwehr an. Meines Erachtens wurde wieder zu lange versucht, den Ball quasi ins Tor zu tragen, was gegen ein solches Abwehrbollwerk vergebene Liebesmüh ist. Zu selten traut sich jemand, einfach mal draufzuhalten, gern auch aus der zweiten Reihe. Das Spiel gewann ÜBERDEUTLICH, als die „alten Recken“ eingewechselt wurden. Mit diesen in guter Form dürfen wir m.E. auf attraktiven und erfolgreichen Fußball hoffen. Ohne sie wird’s schwer. Glückwunsch an Miroslav Klose, der Gerd Müllers Länderspieltorerekord eingestellt hat. Ganz großer Wermutstropfen: Reus hat sich verletzt und kann die WM nicht antreten.“ Da war also einerseits das gute Spielergebnis, andererseits aber meine Kritik an der Spielweise, die ich des Öfteren in Testspielen und der Qualifikation, vor allem aber auch während der verlorenen EM beobachtet hatte – und dann natürlich das Verletzungspech Reus‘. Etwas anderes aber wog viel schwerer: Seit 1990 arbeitete die FIFA beständig daran, mir die Freude an der WM zu verleiden. Im Laufe der Jahre kristallisierte sich immer mehr heraus, dass der De-facto-Monopolist FIFA über mafiaähnliche Strukturen und Vorgehensweisen verfügt, jüngstes Beispiel war die nicht zu rechtfertigende Vergabe der WM 2022 an das antidemokratische Wüstenemirat Katar. In Brasilien formten sich seit 2013 massive Proteste gegen die exorbitant hohen Kosten, die das Land bereitwillig ausgab, statt sich um sein marodes Gesundheits- und Bildungssystem zu kümmern und zu versuchen, die Armut der Bevölkerung endlich in den Griff zu bekommen. Zwangsumsiedlungen und Entrechtungen waren die Folge hoher FIFA-Auflagen, bei den Bauten der protzigen und nach der WM zumeist nutzlosen Prunkstadien starben Arbeiter etc. Die Proteste waren nicht nur verständlich, sondern auch ernstzunehmen, die Polizei Brasiliens ging überhart gegen Demonstranten vor und die Stimmung war regelrecht vergiftet – kein gutes Omen für eine friedvolle WM im Zeichen des Sportsgeists und der Völkerverständigung. Auch hierzulande riefen viele zum Boykott der WM auf, wenn auch meist ohnehin wenig an Länderspielen Interessierte und mit fraglichem Nutzen für die betroffenen Brasilianer. Dennoch: Verdenken konnte ich es ihnen nicht. Die WM-Berichterstattung war zumindest zunächst noch geprägt von Berichten über den Unmut der brasilianischen Bevölkerung und die Kombination aus FIFA-Gier, Gleichgültigkeit der brasilianischen Regierung und Brutalität der Exekutive war und ist beschämend.

Durchaus mit gemischten Gefühlen begann ich, mir die Spiele anzuschauen und hätte mir wahrlich andere Voraussetzungen gewünscht. Doch bereits als ich das Eröffnungsspiel des Gastgebers gegen Kroatien einschaltete und die jubelnden, mitfiebernden Brasilianer sah, war ich auch gedanklich schon wieder mittendrin im hochemotionalen Fußballzirkus der weltbesten Spieler. Ich wurde nach zehn Minuten direkt Zeuge historischer Ereignisse wie dem ersten Eigentor einer brasilianischen Mannschaft bei einer WM, womit auch erstmals überhaupt das erste Tor einer WM ein Eigentor wurde. Brasiliens Hoffnung Neymar glich aber aus und in der 70. Minute erschwalbte sich die Seleção einen Elfmeter, den sie zum Führungstreffer verwandelte und in der Nachspielzeit gar auf 3:1 erhöhte. Ich sah augenscheinlich unter großem Druck stehende, bisweilen verunsichert wirkende Brasilianer und die erste von mehreren Fehlentscheidungen der Unparteiischen. Diese setzten sich fort bei der zweiten Partie, als meine sympathisierten Mexikaner auf die vom deutschen Trainer Volker Finke trainierten Kameruner trafen, die Deutschland kurz vor der WM in einem Testspiel noch ein 2:2 abgerungen hatten. Hatte ich das Eröffnungsspiel noch in den eigenen vier Wänden verfolgt, begab ich mich fürs Mexico-Spiel mit einem Kumpel bei einem Bierchen in die Öffentlichkeit, um es auf dem Spielbudenplatz auf dem Hamburger Kiez zu verfolgen. Gleich zwei skandalöse Schiedsrichterentscheidungen kosteten Mexico zwei Tore, die nachweislich kein Abseits waren. Dennoch gelang den Mittelamerikanern der Sieg. Der verantwortliche Linienrichter wurde später wegen Bestechungsverdacht nicht mehr im Turnier eingesetzt. Ich will jetzt gar nicht auf jedes Spiel detailliert eingehen, aber dem Favoritensterben fielen diesmal nicht nur England (schade) und Italien (juchu!) zum Opfer, sondern auch der amtierende Weltmeister Spanien! Die erste Sensation war perfekt. Eine weitere war das tolle Abschneiden Costa Ricas, das zum wahren Geheimfavoriten anstelle der im Vorfeld als solchen behandelten, aber hinter den Erwartungen zurückbleibenden Belgier. Starke Holländer und Franzosen überzeugten in ihren ersten Spielen. Argentinien spielte effizient und erfolgreich. Und dann waren da ja noch die Deutschen… Diese bekamen Portugal als ersten Gegner zugeteilt. Portugals Star Christiano Ronaldo stand im Vorfeld auf der Kippe, war aber rechtzeitig wieder fit geworden. Kurz vor Turnierbeginn besiegten sie Irland mit einem satten 5:1. Einige stilisierten Portugal zum Angstgegner hoch und setzten auf eine deutsche Niederlage. Aber Deutschland gewann, und zwar deutlich: Mit 4:0 düpierte man Ronaldo & Co. Stürmer-Wunderkind Thomas Müller traf gleich drei Mal, einmal durch Foul-Elfmeter. Ich zitiere einfach mal meine Notizen zu den jeweiligen Spielen der deutschen Mannschaft:

Mensch, was waren die Prognosen von deutscher Seite vorsichtig und zurückhaltend. Und tatsächlich: Nach 8 Minuten akute Gefahr vor dem deutschen Tor, aber Neuer steht parat. Nach ca. 12 Minuten aber ein vielversprechender Gegenangriff der Deutschen. Ein Portugiese zupft an Götzes Trikot, hält ihn, Götze fällt – Elfmeter! Diesen Strafstoß musste man nicht geben, konnte man aber. Wie Götze später selbst zugab, eine Ermessenssache des Schiedsrichters. Thomas Müller verwandelt mit eiskalter Präzision flach unten links, der portugiesische Torwart ahnte die richtige Ecke, war aber chancenlos. In Minute 32 köpft Hummels zum verdienten 2:0 und Portugal wirkt vollkommen von der Rolle. Pepe im Laufduell gegen Müller, Müller bekommt Pepes Hand ins Gesicht, fällt und hält sich das Gesicht. Ich weiß nicht, wie viel Schauspielerei dabei war, ehrlich gesagt sah es für mich ein bisschen danach aus. Das fände ich unschön, ein hochdotierter, professioneller Weltfußballer wie Pepe jedoch muss genügend Besonnenheit besitzen, nicht danach noch den körperlichen Kontakt zum sitzenden Müller zu suchen. Müller explodiert mit einer Schimpfkanonade, die ich gern gehört hätte, und dem Schiri reicht’s längst: er stellt Pepe wegen einer Tätlichkeit vom Platz. Eine harte Entscheidung, die aber ebenfalls vertretbar ist. Das Spiel der Iberer ist daraufhin vollends zerstört. Die Deutschen spielen unbeirrt weiter, Müller staubt in der Nachspielzeit der ersten Hälfte zum 3:0 ab. In der zweiten Hälfte nimmt die klug agierende DFB-Elf das Tempo heraus, spart in der brasilianischen Hitze ihre Kräfte, beherrscht den Gegner klar und taucht immer wieder gefährlich vor dessen Kasten auf. Tatsächlich gelingt Thomas Müller sein dritter Treffer der Partie in der 78. Minute zum 4:0-Endstand – drei Tore eines Spielers im selben Spiel, das gab’s vorher nicht bei dieser WM. Und was macht eigentlich der hochgejubelte Ronaldo? Dem gelingt es, bei einem Freistoß die nur aus Lahm bestehende Ein-Mann-Mauer zu treffen und schießt gegen Ende doch noch einmal gefährlich aufs deutsche Tor, gibt Neuer dadurch jedoch lediglich eine Gelegenheit für eine Glanzparade. Ansonsten blieb Ronaldo unauffällig. Gut möglich, dass Portugal nach dem frühen Rückstand durch den Elfmeter kurzzeitig demotiviert war. Eine Nationalmannschaft aber muss so etwas schnell abschütteln und dagegenhalten. Davon war nicht sonderlich viel zu spüren, zeitweise wirkten die Portugiesen gar beleidigt und nach dem Platzverweis, als hätten sie sich aufgegeben und würden eigentlich gar nicht mehr mitspielen wollen. Das deutsche Spiel hingegen war begeisternd: Statt per überbordendem Kurzpassspiel den Ball ins Tor tragen zu wollen, wurden die Offensivkräfte durch lange Pässe geschickt, wurde geflankt und wurde geköpft. Einer stand für den anderen ein, die Deutschen scheuten kein körperbetontes Spiel und trotz des rigorosen Schiedsrichters wurde dieses i.d.R. korrekt, nämlich als fair bewertet. Meines Erachtens eine der besten Mannschaftsleistungen bisher bei dieser Weltmeisterschaft. Fairerweise muss ich aber erwähnen, dass es in Durchgang 2 durchaus auch einen Elfmeter für Portugal hätte geben können. Zu keinem Zeitpunkt jedoch machte das Spiel den Eindruck, als hätten die Portugiesen es ohne die gegen sie gerichteten Schiri-Entscheidungen beherrschen können, insofern besteht diesbzgl. kein Diskussionsbedarf.

Deutschland – Ghana 2:2
Dass es gegen Ghana kein Zuckerschlecken werden würde, hatte ich eigentlich, gerade auch gedenk des letzten Aufeinandertreffens bei einer WM, geahnt. Wer weiß, was mich geritten hatte, 3:0 auf Deutschland zu tippen – da war wohl der Wunsch Vater des Gedanken. In der ersten Hälfte ging jedenfalls nicht viel, Jogis Jungs ließen den Ghanaern viele Freiräume und waren nach vorn nicht zwingend genug, Ghana wirkte gefährlicher. Dafür ging’s dann in Durchgang zwei so richtig rund: Führung durch Götze in Minute 51, der Ausgleich nur drei Minuten später. Rund zehn Minuten später gar der Führungstreffer für die Afrikaner! Endlich reagierte Löw und stellte das deutsche Spiel durch Hereinnahmen von Klose und Schweinsteiger um. Das erwies sich als goldrichtig, denn Klose staubte zum Ausgleich und 2:2-Endstand ab. Trotzdem kämpften beide Mannschaften weiter um den Sieg und das Spiel geriet zu einem offenen Schlagabtausch, in dem die Taktik keine große Rolle mehr spielte. Beide hatten ihre Großchancen, immer wieder riskierten die Deutschen ghanaische Konter und ohne einen quasi fehlerlosen Mann wie Neuer im Tor hätte das Ganze auch in die Hose gehen können. Die Gegentreffer resultierten aus individuellen Fehlern Mustafis und Lahms, aber positiv zu bewerten ist die kämpferische Leistung der DFB-Auswahl. Das Ergebnis geht in Ordnung und das Spiel war hoffentlich eine ertragreiche Lehrstunde für die Deutschen. Fürs nächste Spiel wünsche ich mir Klose von Anfang an, gern auch Schweinsteiger.

Im letzten Gruppenspiel kam es zum mit Spannung erwarteten Duell zwischen Jürgen Klinsmann und Jogi Löw:

USA – Deutschland 0:1
Darf man den Medienberichten Glauben schenken, stand das Spiel aufgrund starken Regens kurz vor der Absage. Letztendlich wurde es aber doch pünktlich angepfiffen, Podolski und Schweinsteiger diesmal in unserer Startelf. Die Zuschauer des quasi deutsch-deutschen Duells sahen seitens der Deutschen ein taktisches, sehr kontrolliertes Spiel, in dem – aufgrund der komfortablen Ausgangssituation in der Gruppentabelle verständlicherweise – niemand ein zu hohes Risiko eingehen und womöglich einen Fehler riskieren wollte. Auch in der zweiten Hälfte hatten Jogis Jungs das Spiel souverän im Griff, zeigten im Spiel nach vorn aber ein paar Schwächen und manch etwas leichtfertig vergebene Chance. Müller machte ein sehr schönes Tor zum 0:1-Endstand, Poldi fand nicht richtig ins Spiel, Özil vertendelte den einen oder anderen Ball. Wenn die Amis gefährlich vor Neuers Tor auftauchten, waren es an einer Hand abzählbare Einzelaktionen, die jedoch mitunter dennoch richtig gefährlich wurden. Richtig spannend wurde es – wie so oft – noch einmal in der Nachspielzeit, doch Lahm ging dazwischen und machte seinen Fehler gegen Ghana wieder gut. Deutschland ist verdienter Gruppensieger und einen Nichtangriffspakt gab es definitiv nicht. Die DFB-Elf zeigte eine konzentrierte Leistung, insgesamt war das Spiel – natürlich dem Umstand geschuldet, dass es für beide Teams nicht mehr um sonderlich viel ging, ein Stück weit bestimmt auch dem Regenwetter – eher abgekühlt denn leidenschaftlich, spektakulär und mitreißend. Das lag aber auch an den für meinen Begriff etwas enttäuschenden US-Amerikanern, die ich nach dem Spiel gegen Portugal stärker eingeschätzt hatte.

Die Achtelfinals waren also erreicht, doch auch in der Vorrunde hatte sich sonst noch Bemerkenswerte getan: Allem voran natürlich die vom Schiedsrichter ungeahndete, doch im Nachhinein mit neun Pflichtspielen Sperre bestrafte Bissattacke des Uruguayers Suárez gegen den Italiener Chiellini. Zu diesem verrückten Spiel ziehe ich einmal mehr meine Notizen heran:

Um möglichst nichts davon zu verpassen, wie Italien aus dem Turnier gekickt wird, hab ich gestern extra früher Feierabend gemacht und mich kurz nach 18:00 Uhr in den Backbord-WM-Garten begeben. Bei kühlem Jever sah ich eine schwache erste Halbzeit und den ebensolchen Beginn einer zweiten, als die Italiener anscheinend schlicht das Unentschieden halten wollten, das ihnen bereits gereicht hätte. Dann aber machte Uruguay mehr Druck, prallte aber immer wieder am italienischen Abwehrgürtel ab. Italien setzte immer mal wieder Konter dagegen und zwirbelte den einen oder anderen gefährlichen Freistoß aufs Tor der Südamerikaner. Der erste richtige Aufreger der Partie war die rote Karte gegen Marchisio nach ungefähr einer Stunde, laut Dampfplauderer Rethy eine zu harte Entscheidung. Meines Erachtens jedoch die genau die richtige, denn der Italiener suchte deutlich den Stollenkontakt zum Gegenspieler statt zum Ball und zielte zumindest darauf ab, Schmerzen zu verursachen. Das ist das typische Spiel der italienischen Mannschaft, Nickligkeiten und verdeckte Fouls, selbst aber fast mehr Zeit liegend und jammernd verbringend als fußballspielend. Doch der Unparteiische stand genau daneben und machte es zum entdeckten Foul, das er entsprechend ahndete. Den Vogel aber schoss Uru Suárez ab, als er vom Schiedsrichtergespann unentdeckt seinem Gegenspieler in die Schulter biss! Diese unfassbare Tat war natürlich irrsinnig komisch und blieb folgenlos, kurze Zeit später verwandelte Uruguay sogar zum verdienten Siegtreffer! Ich freue mich über das italienische Ausscheiden, wenn es auch nicht ganz sauber war – aber es hat in jedem Falle die Richtigen getroffen.

Die Achtelfinalspiele verliefen aus meiner Sicht wie folgt:

Brasilien – Chile 4:3 n.E.
Das erste Achtelfinalspiel schaute ich mir auf dem Fan-Fest auf dem Heiligengeistfeld am Stadion des FC St. Pauli an, wo ab dem Achtelfinale jedes Spiel gezeigt wird. Zu Deutschland-Spielen ist dort natürlich kein Durchkommen, bei Spielen ohne deutsche Beteiligung ist dort jedoch Platz genug. Im Vergleich zu den vorherigen Turnieren hat man dort alles etwas verkleinert, auch herrscht weniger internationaler Flair – früher war jedes Teilnehmerland dort mit eigenen kulinarischen Angeboten etc. vertreten. All das fällt diesmal weg. Dennoch ist ein Besuch zu empfehlen, denn der Eintritt ist frei, die Technik gut und vor allem: man kann mit den Fans der jeweiligen Mannschaften feiern! Wir mischten uns unter die sympathischen Chilenen und feuerten mit ihnen bei ein paar Bierchen vom Fass die Mannschaft an, die in der 18. Minute gegen den Gastgeber und haushohen Favoriten in Rückstand gerieten (durch ein Eigentor). Doch in Minute 32 glich Chile aus und das Spiel war wieder offen! Brasilien tat sich sichtlich schwer gegen die starken Chilenen, die Stimmung auf dem Fan-Fest war prächtig! In der zweiten Halbzeit neutralisierten sich beide Mannschaften weitestgehend, von einem Neymar beispielsweise war nicht mehr viel zu sehen. Die eine oder andere brasilianische Großchance fischte der starke chilenische Torhüter raus. Nach 90 Minuten ohne Entscheidung jedoch waren beide Teams quasi stehend k.o., mussten aber in die Verlängerung. Auch diese führte zu keinem Ergebnis und mir schwante Böses fürs Elfmeterschießen: Tatsächlich gewannen es superknapp die Brasilianer, Chile haute die Kirsche am Ende gegen den Pfosten und das war’s – haarscharf, um Zentimeter, sind wir an einer Sensation vorbeigeschrammt, beinahe hätte Chile den Gastgeber aus dem Turnier gekickt! Ich hatte auf mein Herz gehört und auf Chile getippt, was ich im Nachhinein auch nicht bereue. Ebenfalls ans Herz gingen die Bilder trauernder Chilenen auf dem Fan-Fest, weinende Kinder etc… Glücklicherweise weitestgehend zurück hielten sich die Spacken, die vorher auf dem unsäglichen „Schlager Move“ die Stadt verpesteten und während des Spiels zum Fußballgucken vorbeigestolpert kamen. Pack!

Kolumbien – Uruguay 2:0
Die bei dieser WM sehr starken Kolumbianer hatten keine größeren Probleme mit Uruguay, das auf den gesperrten Beißer Suarez verzichten musste. James Rodriguez machte beide Treffer und führt damit die Torjägerliste des Turniers an. Bei Uruguay blieb Diego Forlan enttäuschend blass, dafür wurde umso mehr lamentiert und kritisiert. Nee, liebe Urus, das war nix. Kolumbien ist verdient weiter und darf sich endlich einmal über ein WM-Viertelfinale freuen. Glückwunsch!

Niederlande – Mexico 2:1
Was war das bitter! Ich hatte mir mein Mexico-Trikot übergestreift, mich wieder aufs Heiligengeistfeld begeben und natürlich unter die Mexikaner gemischt, die fast das gesamte Spiel über für tolle Stimmung sorgten, während die stumpfen Holland-Fans die meiste Zeit die Klappe hielten. Bei unerbittlicher Hitze legten die Holländer eine miese erste Halbzeit hin, spielten unnötig hart und unfair, kamen höchstens ein einziges Mal gefährlich vors mexikanische Tor und waren den flinken Mittelamerikanern deutlich unterlegen. Obwohl Holland anscheinend eine sehr defensive Taktik gewählt hatte, hatte Mexico eine Reihe guter Torchancen, umdribbelte immer wieder die Witzfiguren der Oranje-Abwehr und war physisch fitter, was sich besonders in den Laufduellen verdeutlichte. Folgerichtig hieß es kurz nach der Halbzeit 0:1 für Mexico. Langsam wachte Holland auf und suchte den Ausgleich, doch die Mexikaner standen gut und konnten sich in wirklich brenzligen Situationen auch immer wieder auf ihren überragenden Torwart Ochoa verlassen – dieser war machtlos, als Sneijder in der 88. Minute doch noch den unverdienten Ausgleich erzielte. Die falsche Entscheidung fiel in der Nachspielzeit, als der charakterlose Robben sich nach einer leichten, ganz normalen Zweikampfberührung im mexikanischen Strafraum zur Schwalbe fallen ließ (ach, was sag ich, oscarreif sprang!) und damit einen Elfmeter herausholte, den der zuvor eingewechselte Huntelaar verwandelte. Das hochspannende Spiel hatte den falschen Sieger, Holland enttäuschte und fliegt hoffentlich alsbald aus dem Turnier. Ihrem Ruf als neben den Italienern größten Unsympathen des Fußballs wurden sie jedoch wieder gerecht. Pfui!
Mexico hingegen kann erhobenen Hauptes nach Hause fliegen. Meine heimliche Lieblingsmannschaft (neben der deutschen, versteht sich) hat mir und der ganzen Welt wieder einmal viel Freude bereitet und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht bald endlich einmal mit einem Viertel- oder Halbfinale klappen sollte. „Hey Compañeros, schwenkt die Sombreros, schieß in die Luft, du lumpiger Schuft, trink mit uns auf die Revolution, du dreifach verteufelter Hurensohn!“ Prost – auf Mexico!

Costa Rica – Griechenland 6:4 n.E.
Was für ein Fußballkrimi! In einem von zahlreichen Nickligkeiten bestimmten Spiel gingen in der 52. Minute die sympathischen Mittelamerikaner verdient in Führung, hatten in der 55. Minute sogar die große Chance, zu erhöhen, doch wurde ihnen ein Handelfmeter verwehrt. Fortan versuchten sie, das Ergebnis zu halten. Das klappte die meiste Zeit auch recht gut, selbst nach der gelb-roten Karte gegen Duarte in der 66. Minute. Doch wieder diese verflixte Nachspielzeit! Sokratis machte in der 91. den Ausgleich und was Costa Rica unbedingt verhindern wollte, geschah: Das Spiel ging in die kraftraubende Verlängerung. Doch mobilisierte Costa Rica verborgene Kräfte und waren die Griechen einfach nicht totzukriegen, so dass die Nachspielzeit noch einmal richtig spannend wurde, aber ohne Entscheidung blieb. Das Elfmeterschießen war dann überraschend gut von eigentlich beiden Mannschaften, fast alle Elfer wurden sicher verwandelt. Der Grieche Gekas jedoch scheiterte am klasse Torhüter Nevas und Umana besiegelte schließlich den costa-ricanischen Sieg.
Ein historischer Sieg, denn erstmals steht Costa-Rica in einem WM-Viertelfinale. Für die Griechen wäre es auch das erste Mal gewesen. Vielleicht in vier Jahren, wenn sie ihren Fußball endlich einmal etwas modernisieren würden.

Frankreich – Nigeria 2:0
Ich habe dieses Spiel nicht sehen können, aber anscheinend hatte Frankreich in der ersten Halbzeit massive Probleme, gegen Nigeria ins Spiel zu finden und drehte erst in der zweiten Hälfte auf. Letztlich siegen die Franzosen mit 2:0 und sind relativ souverän weiter – was keine Überraschung ist.

Deutschland – Algerien 2:1 n.V.
Ich wusste, dass es kein Zuckerschlecken werden würde! Algerien stand völlig zurecht im Achtelfinale und Deutschland tut sich generell schwer mit afrikanischen Mannschaften. Dass es in den ersten 35 Minuten jedoch zu vielen Fehlern und Missverständnissen im deutschen Spiel kam, war dann doch negativ überraschend und alles andere als weltmeisterlich. Neuer musste gegen die auf jede Chance lauernden Algerianer Torhüter und Ausputzer zugleich sein, agierte oftmals weit vorm eigenen Kasten und bewies dabei viel Überblick. Die letzten zehn bis 15 Minuten der ersten Halbzeit fand Deutschland jedoch besser ins Spiel und avancierte in der zweiten Hälfte zur klar überlegenen Mannschaft – der jedoch einfach kein Tor gelingen wollte. So ging es in die kraftraubende Verlängerung, bis der eingewechselte Schürrle ENDLICH den erlösenden Führungstreffer erzielte. Özil erhöhte sogar auf 2:0 (was mein Tippergebnis gewesen wäre), doch direkt im Anschluss gab’s den algerianischen Anschlusstreffer. Dann aber war auch Schluss, Deutschland steht im Viertelfinale und muss gegen starke Franzosen ran. Über einiges wird zu reden sein, denn besonders die vielen individuellen Fehler im Mittelfeld bereiten Sorgen. Dafür überzeugten die Deutschen jedoch – wie gegen Ghana – kämpferisch und erzwangen schließlich den verdienten Sieg.

Zu einer weiteren „journalistischen Sternstunde“ kam es, als ein ZDF-Reporter unmittelbar nach dem Spiel einen völlig erschöpften, aber ob des erkämpften Siegs glücklichen Mertesacker mit überheblicher Kritik am deutschen Spiel konfrontierte, welcher darauf etwas unwirsch reagierte. Aus Mertesackers Worten wurde aber auch deutlich, dass die deutsche Mannschaft weitaus weniger auf Schönspielerei als auf Kampf und ergebnisorientiertes Spiel setzt, um keinesfalls in Schönheit zu sterben und auszuscheiden wie in den Turnieren zuvor. Was ich da heraushörte, war eine positive Aggression, die Mut machte.

Argentinien – Schweiz 1:0 n.V.
Wieder so eine knappe Kiste! Und wieder geriet ein vermeintlicher Favorit gegen einen vermeintlichen Außenseiter ins Straucheln. In der ersten Halbzeit vergaben die Schweizer zwei Großchancen, anschließend dürfte das Spiel relativ ausgeglichen gewesen sein (ich habe es nicht komplett sehen können), was aber auch bedeutet, dass Hitzfelds Taktik, argentinische Angriffe möglichst zu unterbinden, aufgegangen ist. Schließlich ging auch dieses Achtelfinale in die Verlängerung, in der die Eidgenossen sogar fitter wirkten als die Südamerikaner. Dann jedoch der Schock für die Schweiz, als Lionel Messis Genie kurz aufblitzte und er einen Traumpass auf den Mann mit dem göttlichen Namen Angel di Maria spielte. Dieser verwandelte und besiegelte das Achtelfinal-Aus der tapferen Schweizer, die jedoch ganz am Schluss noch eine riesige Chance zum Ausgleich bekamen Ottmar Hitzfeld beendet seine Trainerkarriere, verlässt mit seiner Mannschaft erhobenen Hauptes Brasilien und kann sich des Respekts der gesamten Fußballwelt sicher sein.

USA – Belgien 1:2
Tja, da war mir die Mannschaft des Klassenfeinds doch fast ans Herz gewachsen. Kein Wunder, spielten doch fast nur eigentlich Deutsche mit, die von einem Deutschen trainiert wurden, der sich von einem anderen Deutschen beraten ließ usw. Das machte das Team der USA zu so etwas wie einer B-Variante der deutschen Nationalmannschaft und Klinsi & Co. gelang es tatsächlich, den Nordamerikanern etwas Fußballkultur zu vermitteln. Kulturimperialismus mal andersherum – auch nicht schlecht. Ebenfalls nicht schlecht war die bisherige Leistung bei dieser WM und die Begegnung mit Belgien avancierte spätestens in der zweiten Halbzeit zu einer mitreißenden und spannenden Partie, in der die bisher so sparsam und nicht wirklich überzeugend gespielt habenden Belgier endlich einmal ihre fußballerische Klasse unter Beweis stellten und ihrem Ruf als „Geheimfavoriten“ gerecht wurden. Eine Torchance nach der anderen spielten sie heraus, doch Captain Spaulding im US-Tor hielt einfach ALLES, so dass auch dieses Spiel in die Verlängerung gehen musste. Endlich mit Abschlussgeschick und -glück gesegnet, machte Belgien erst das 0:1, dann das 0:2 und hielt den Sieg fest, als die USA auf 1:2 verkürzten – das scheinen sie sich von der DFB-Auswahl abgeguckt zu haben. Die USA fahren heim, brauchen sich aber keinesfalls zu schämen. Dass Belgien derart stark würde aufspielen können, hatte ich aber wirklich nicht erwartet, im Gegenteil: Ich hatte auf die USA getippt…

Nach den Viertelfinalspielen notierte ich jeweils wie folgt:

Frankreich – Deutschland 0:1
Ich hatte es geahnt, dass die deutsche Elf gegen Frankreich befreiter aufspielen würde als gegen die defensiven, arg unbequemen und schwieriger einzuschätzenden Algerianer und so köpfte der wieder genesene Hummels relativ früh zum Führungs- und Siegtreffer. Löw ließ diesmal Schweinsteiger und Khedira sowie Klose und Müller von Anfang an spielen, was meines Erachtens eine Verstärkung brachte, die auch benötigt wurde. Das Spiel blieb nämlich hochspannend und beide Mannschaften agierten auf ähnlichem, recht hohen Niveau, das allen Spielern stets „högschde“ Konzentration abverlangte. In der zwar nicht torreichen, doch mich in seiner Mischung aus Technik und Kampf begeisternden Partie hatten beide Mannschaften ihre Großchancen, beispielsweise der später für Klose eingewechselte Schürrle. Aber auch Frankreich tauchte mehrmals arg gefährlich vor dem deutschen Tor auf und kam zum Abschluss, doch Neuer gelang es, seine Glanzparaden einhändig auch noch verdammt lässig aussehen zu lassen – ich bin sehr angetan von der Leistung unseres Schlussmanns. Deutschland steht im Halbfinale und trifft dort auf den Gastgeber Brasilien!

Brasilien – Kolumbien 1:2
Der Gastgeber geht bereits in der siebten Minute in Führung, doch Koumbien hält dagegen und macht in einem harten Spiel mit vielen Fouls besonders in der zweiten Halbzeit ordentlich Druck. Ob es wirklich Abseits war, als Kolumbien den vermeintlichen Ausgleich erzielte, sei einmal dahingestellt und dass das zugegebenermaßen wunderschöne Freistoßtor des Brasilianers mit der affigen Frisur aus rund 30 Metern nach einer brasilianischen Schwalbe fiel, hinterlässt ein „Geschmäckle“… Der dann tatsächlich mal gegebene Anschlusstreffer gelang Kolumbien zu spät, so dass sie gegen die nur noch hinten drinstehenden Brasilianer nichts mehr ausrichten konnten. Mit dem verletzten Neymar und dem gelbgesperrten Kapitän Silva fehlen zwei Schlüsselspieler gegen Deutschland, was es für Brasilien nicht leichter machen wird.

Argentinien – Belgien 1:0
Exakt wie von mir erwartet stoppten die Gauchos mit einer soliden und vor allem effektiven Leistung den Siegeszug des Geheimfavoriten aus dem Land der Pommes und Pralinen. Das erinnert mich bis jetzt alles an das Auftreten Argentiniens 1990, als sie schließlich im Finale landeten…

Niederlande – Costa Rica 4:3 n.E.
Es dürften rund 80 Minuten gewesen sein, die die Holländer kein Rezept gegen den Abwehrgürtel der Mittelamerikaner fanden bzw. spätestens an deren Torhüter Navas scheiterten, wodurch das Spiel nicht sonderlich ansehnlich geriet. In der 82. Minute aber klingelte es nach einem holländischen Freistoß beinahe in Costa Ricas Kasten, als man erstmals Aluminium traf – Pfosten! In der Nachspielzeit dann zum zweiten Mal, als Navas bereits geschlagen war, aber ein costaricanischer Spieler den Ball an die Latte abfälschte. Offener Schlagabtausch dann in der Verlängerung, als die Ticos noch einmal letzte Kraftreserven mobiliserten, fast den Treffer erzielten und Sneijder im Gegenzug erneut die Latte bemühte. Besonderer Coup des holländischen Trainers van Gaal, als er zum Elfmeterschießen seinen Ersatz-Torwart einwechselte, der als Elfer-Killer bekannt ist – und die armen Schützen der Costa-Ricaner vollquatschte. Im Elfmeterschießen unterlag Costa Rica dann leider, aber erwartungsgemäß und letztlich auch verdient, denn es ist mir ein Rätsel, wie man fast 120 Minuten lang den Anschein erwecken kann, aufs Elfmeterschießen hin zu arbeiten, wenn man nur über derart unpräzise Schusskünste verfügt, dass man kaum eine Ecke vernünftig getreten bekommt. Trotzdem hat Costa Rica bei dieser WM viel Spaß und den Robben & Co. ordentlich das Leben schwer gemacht.

Das Halbfinale schließlich hielt eines der spektakulärsten Spiele einer deutschen Mannschaft bereit, ein Spiel zahlreicher Rekorde:

Brasilien – Deutschland 1:7
Aus meiner Sicht völlig unverständlich schienen sich die Brasilianer nach Ausfall ihres Stars Neymar bereits vor dem Spiel aufgegeben zu haben – dies war zumindest das Bild, das die hiesigen Medien mir vermittelten. Ich war mir nicht sicher, ob das nicht vielleicht doch ein Zerrbild oder psychologisches Täuschungsmanöver sein würde und hoffte, dass die deutschen Spieler die richtige Balance zwischen Ernstnehmen des Gegners und selbstbewusstem, angstfreiem Auftreten finden würden. Ich sah dafür reelle Chancen, da ich eine ggü. 2010 und 2012 gereifte Mannschaft erwartete. Dass es letztlich derart einfach würde, hatte ich mir jedoch in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Kurz noch ein paar Worte zur Stimmung im Stadion: Ich fand’s ja echt ok vom brasilianischen Publikum, wenn es schwache Partien fremder Mannschaften mit Pfiffen bestrafte und gute Leistungen lobte. Die deutsche Mannschaft von der ersten Minute an grundlos auszubuhen und auszupfeifen, zeugt jedoch weder von Gastfreundschaft noch von Fairplay. Brasilien begann gut, machte früh Druck und entwickelte von Anfang an Drang nach vorn. Doch die deutsche Verteidigung war stets zur Stelle und im temporeichen Auftakt entwickelte auch Deutschland ein schnelles Spiel in die brasilianische Hälfte. In der 11. Minute Ecke von rechts, Müller, 0:1! Grandios! Auf der anderen Seite grätscht Lahm im Strafraum herrlich gegen Marcelo und befördert die Kirsche ins Toraus – eine von mehreren Situationen, in denen Brasilianer unberechtigt Elfmeter fordern sollten, worauf sich der sehr gute mexikanische Schiedsrichter aber nie einließ. Auch kleinere Fouls verfolgte er konsequent, ohne das Spiel zu zerpfeifen und trug sicherlich dazu bei, dass es zu einer ziemlich fairen Partie wurde. In der 23. Minute verwandelt Klose, der wie gegen Frankreich von Anfang an spielte, zum 0:2 und stellte damit endgültig Ronaldos WM-Torschützen-Rekord ein. 16 Treffer, Glückwunsch, Miro! Deutschlands Fußball, der bereits nach dem ersten Treffer zunehmend sicherer und taktisch wie technisch auf hohem Niveau stattfand, wurde nun richtiggegend abgewichst, denn der überragende Toni Kroos machte im unmittelbaren Anschluss die Treffer 3 und 4! Wer hätte das gedacht?! Die Fußballwelt stand Kopf! Vollkommen uneigennützige Doppelpässe wenige Meter vor dem brasilianischen Kasten, ein weiteres solches Ding verwandelte Khedira zum sage und schreibe fünften Tor! Fünf Tore in 18 Minuten, und das gegen Brasilien! Ich glaube, nach dem vierten Tor kniff ich mich, um festzustellen, ob ich nicht träume. In der zweiten Hälfte kam Mertesacker für Hummels und nach knapp 60 Minuten „Joker“ Schürrle für Klose. Kommentator Rethy nervte mit seiner Überheblichkeit bereits vor der Halbzeit, als er das Ding schon gewonnen glaubte und damit durchblicken ließ, dass er es für unmöglich hält, dass auch eine andere Mannschaft fünf Tore in einer Halbzeit schießen könne. Klar war’s unwahrscheinlich, aber solch unsympathisches Gelaber schreit geradezu danach, gerächt zu werden, weshalb man es bitte unterlassen sollte. Wie dem auch sei, in der zweiten Halbzeit wollte Brasilien beweisen, nicht in Schockstarre verfallen zu sein und erhöhte überaus deutlich den Druck. Doch was die Abwehr nicht verhinderte, scheiterte spätestens am abermals überragenden Manuel Neuer. Brasiliens Fans begannen, sich auf ihren Spieler Fred einzuschießen und ihn gezielt auszupfeifen. Unschön. Wenigstens pfiffen sie unsere Jungs nicht mehr aus. Wir erinnern uns: Schürrle war eingewechselt worden und hat eigentlich immer getroffen, so auch heute: Der Wahnsinnige schenkte der Seleção auch noch Treffer 6 und 7 ein (und ich glaube, Maradona einmal laut lachen gehört zu haben). Verkehrte Welt im Stadion: Die brasilianischen Fans schlugen sich auf die Seite der Deutschen, bejubelten Schürrle und kommentierten jeden deutschen Pass euphorisch – die Höchststrafe für die brasilianische Elf. Deren Oscar verkürzte in der 90. noch auf 1:7, aber das war’s dann. Für Khedira kam nach 75 Minuten übrigens Draxler zu seinem ersten WM-Einsatz. Deutschland feiert einen Rekordsieg, demütigt den Gastgeber, stellt dessen WM-Torschützenrekord ein, beschert ihm seine höchste Niederlage und fährt den höchsten Halbfinalsieg ein – den 32,57 Millionen Zuschauer in Deutschland sahen: ein weiterer Rekord. Meine größte Respektbekundung vor dieser Leistung!!!

Niederlande – Argentinien 2:4 n.E.
Im gestrigen zweiten Halbfinalspiel wurde Deutschlands Finalgegner ermittelt. Holland konnte sich über van Persie und de Jong in der Startelf freuen, beide Einsätze schienen zuvor etwas fraglich. Das Spiel war schließlich bestimmt vom vorsichtigen Auftreten beider Mannschaften, von denen keine größere Risiken eingehen wollte. Das hatte zur Folge, dass sich beide Gegner weitestgehend neutralisierten und sich ein wenig attraktives, chancenarmes Spiel entwickelte. Messi wurde ebenso weitestgehend ausgeschaltet wie auf der anderen Seite Robben und so konsequent die Taktik auch eingehalten wurde, so viele individuelle Fehler in Form von Fehlpässen, unpräzisen Flanken etc. schlichen sich ein. Für fragwürdige Abwechslung sorgte ein Zusammenprall Mascheranos‘ und Wijnaldums in der 28. Minute, nach dem der Argentinier ins Taumeln geriet, benommen umkippte und behandelt werden musste, aber dennoch weitermachen konnte. Alles deutete auf Verlängerung, doch in der 91. Minute kam es zur vielleicht ersten wirklich gefährlichen holländischen Abschlussmöglichkeit – ohne Erfolg, Mascherano hielt im letzten Moment seinen Fuß dazwischen und verhinderte Robbens Tor. Die Verlängerung verlief zu großen Teilen wie die ersten 90 Minuten. Erneut war es eine Verletzung auf Seiten der Argentinier, die für Aufregung sorgte: Kuyt mähte Zabaleta um, welcher zunächst liegenblieb, behandelt wurde, Watte fraß und zurückkam. In den letzten fünf Minuten der Nachspielzeit bäumte sich Argentinien noch einmal auf, doch auch die Schlussoffensive verpuffte. Pech gehabt, Holland: Schon 3x gewechselt, deshalb blieb Elfmeterkiller Krul auf der Bank und musste mitansehen, wie die Nr. 1 im Oranje-Tor, Cillessen, nix hielt, vor allem aber, wie zwei Holländer verschossen. Die Rache für Costa Rica ist perfekt, Holland endlich draußen und mein bereits vor Beginn des Turniers abgegebener Final-Tipp Argentinien versus Deutschland Wirklichkeit geworden! Das freut mich, denn im Gegensatz zu manch Experten-Meinung glaube ich, dass die Argentinier uns besser liegen. Zudem habe ich sehr positive Erinnerungen an die letzten WM-Begegnungen Deutschlands gegen Argentinien, vor allem natürlich an das Finale 1990… Und ich glaube nicht, dass uns diese argentinische Elf übermäßig sorgen sollte, zudem haben wir einen Tag mehr zum Regenieren und keine Verlängerung mit Elferkrimi auf dem Buckel. Außerdem haben wir die Brasilianer auf unserer Seite. Wir können’s packen, der vierte WM-Titel ist zum Greifen nah!

Spiel um Platz 3:

Brasilien – Niederlande 0:3
Das „kleine Finale“, das Spiel um den dritten Platz, konnte ich nicht live verfolgen, aber was musste ich da erfahren? Selbst dieses Spiel, diese letzte Möglichkeit zur Wiedergutmachung vor heimischen Publikum, versemmelte der Gastgeber gegen eine holländische Elf, deren Trainer zuvor noch gegen das Verlierer-Duell geschimpft hatte. Kapitän Thiago Silva war wieder dabei und wurde gleich zu Beginn Opfer einer Fehlentscheidung: Er holte Robben noch vor dem Strafraum von den Beinen, doch der Schiri entschied auf Elfmeter. Eigentlich hätte er Silva dann auch eine Rote zeigen müssen, beließ es aber bei Gelb – eigenartige Regelauslegung. Van Persie verwandelte und Blind erhöhte nach einer guten Viertelstunde gar auf zwei Treffer. In der zweiten Halbzeit sollen sich die Brasilianer noch einmal aufgebäumt haben, jedoch ohne wirksames Rezept und ohne Erfolg. Ruppig soll es zugegangen sein, aber das kennen die Holländer ja von sich selbst. Eine weitere Fehlentscheidung brachte Brasilien um einen Elfmeter, handelte Oscar stattdessen eine gelbe Karte wegen einer vermeintlichen Schwalbe ein. In der Nachspielzeit erzielte Oranje gar noch den dritten Treffer und machte die brasilianische Blamage perfekt.

Schien die WM 2014 während der Vorrunde noch die WM der falschen Schiedsrichterentscheidungen zu werden, wurde sie in der K.O.-Runde die der vielen Verlängerungen und späten Tore. Schon vor Beginn des Turniers hatte ich auf ein Finale Deutschland – Argentinien, den Klassiker also, getippt. Vieles erinnerte mich schließlich an die gewonnene WM 1990: Kämpferische Deutsche, denen manch Sieg alles andere als geschenkt wurde und die in der Vorrunde ein Unentschieden spielten, keinesfalls überragend, aber verdammt effizient spielende Argentinier um einen hinter den Erwartungen zurückbleibenden Superstar, schwächelnde Brasilianer, ein Gastgeber, der im Halbfinale tränenreich rausflog, starke Außenseiter wie Costa Rica, ein Elfmeterkiller im argentinischen Tor… Vor dem Finale war ich aufgeregt wie lange nicht mehr und während des Spiels wurde es noch schlimmer. Meine WM-Tagebuch-Notizen:

Deutschland – Argentinien 1:0 n.V.
Welch nervenaufreibendes Finale! Ich hatte zwar auf ein deutliches 3:0 für uns getippt und gehofft, dass die Argentinier nur halb so leicht zu knacken gewesen wären wie die Brasilianer, aber befürchtet hatte ich exakt die Zitterpartie, die sie letztlich wurde. Ich wusste, wie schwer sich Jogis Jungs gegen defensiv massive Mannschaften tun und natürlich auch um Messis Gefährlichkeit. Ich fürchtete, dass einfach kein Durchkommen sein würde und ein einzelner Konter für Argentinien reichen würde. Einmal klingelte es tatsächlich in Neuers Kasten, jedoch wurde korrekt auf Abseits entschieden. Ansonsten blieb das Ding aber sauber, trotz Messis Schnelligkeit, trotz Kroos‘ unglücklicher Kopfballrückgabe, trotz kämpfender Südamerikaner. Das lag am konzentrierten Auftreten der detschen Elf, an ihrer starken – aber nicht fehlerlosen – Abwehr, an ihrem Kampfgeist. Boateng machte meines Erachtens das beste Spiel seiner Karriere und vereitelte x argentinische Chancen. Apropos Chancen: Die hatten beide Mannschaften, die größte sicherlich Deutschland, als Höwedes kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten köpfte. Aber Argentinien hatte in der Summe vielleicht sogar mehr Großchancen. Deutschland kombinierte viel und gut, das Kurzpassspiel funktionierte, doch beim Abschluss haperte es – zu harmlos für Romero flog der Ball meist aufs argentinische Tor. Kurz vor Anpfiff wurde bekannt, dass Khedira mit Wadenproblemen draußen bleiben muss und der Gladbacher Jungspund Christoph Kramer für ihn und somit zu dem besonderen Vergnügen kommt, direkt in einem WM-Finale erstmals von Anfang an zu spielen. Der spielte auch wirklich gut mit, prallte jedoch nach 17 Minuten böse mit einem Argentinier zusammen und musste behandelt werden. Zunächst spielte er weiter, doch nach ca. einer halben Stunde musste er benommen und mit Verdacht auf Gehirnerschütterung gegen Schürrle ausgetauscht werden. In der zweiten Halbzeit des temporeichen Spiels auf hohem Niveau allerdings sprang Neuer einem Argentinier mit dem Knie ins Gesicht und bewies ebenfalls Härte – ein Indiz für die durchwachsene Schiedsrichterleistung war, dass in der Situation Foul gegen Argentinien gepfiffen wurde. In der Verlängerung wurde es immer härter und der Schiri, der bereits in der ersten Halbzeit gut einen Elfmeter für Deutschland hätte geben können, verpasste es, zwei bereits gelbbelastete Argentinier nach fiesen Fouls und überhartem Einsteigen vom Platz zu stellen. Schweinsteiger trug eine blutende Platzwunde unter dem rechten Auge davon, spielte nach Behandlung aber weiter, wurde immer wieder attackiert, zeigte einen überragenden Kampfeswillen. Hummels war längst stehend k.o., Mertesacker sollte evtl. kommen, kam aber nicht. Eine bereits nach 87 Minuten vollzogene Einwechslung allerdings sollte Geschichte schreiben: Klose ging, Mario Götze kam, sah und – siegte! In der 113. Minute nahm er eine schöne Flanke von Schürrle mit der Brust an und verwandelte aus spitzem Winkel von links zum 1:0-Endstand! Endlich das erlösende Tor! Eine Zusammenarbeit zweier Eingewechselter, ein astreines Joker-Tor, das Tor zum vierten Weltmeisterschaftstitel! Deutschland ließ nichts mehr anbrennen und brachte das Ding nach Hause. Ich bin begeistert! Glückwunsch und vielen Dank für dieses Privileg, das miterlebt haben zu dürfen!

Was war sonst noch? Ein Flitzer auf dem Platz, eine Auszeichnung für Messi als bester WM-Spieler und eine für Neuer als bester WM-Torwart. Und natürlich Jubel, Trubel, Heiterkeit! Meine Arbeitgeber hatten beschlossen, dass wir im Falle eines deutschen Sieges erst um 11:00 Uhr zu arbeiten beginnen und so konnte ich nach Hause fahren und noch in Ruhe die Fernsehbilder verfolgen.

Weltmeister! Nun war es also soweit. Nach 24 Jahren habe ich erstmals als Erwachsener erleben dürfen, wie eine großartige deutsche Nationalmannschaft den Weltpokal holt, und ich musste dafür noch nicht einmal älter werden als der älteste Spieler auf dem Platz. Deutschland gab ein prima Bild in der Welt ab und dürfte die fairste Mannschaft des Turniers gewesen sein, was sie insbesondere während und nach der Partie gegen Brasilien bewies. Mit einer tollen Mannschaftsleistung, in der jeder alles zu geben bereit war, erzwang man den Erfolg, zudem den ersten WM-Titel einer europäischen Mannschaft in Südamerika. Zu sehen, wie ein Kollektiv unterschiedlichster Individuen etwas auf die Reihe bekommt und konsequent zu Ende führt, finde ich ja immer inspirierend. Wenn dies auch noch in meiner favorisierten Sportart meiner favorisierten Mannschaft gelingt, kann ich nicht umhin, einzugestehen, dass mich dies mit einer tiefen Genugtuung erfüllt. Eine mit den Jahren vor allem mental gereifte Mannschaft hat endlich die verdienten Früchte ihrer Arbeit geerntet und alle Kritiker Lügen gestraft. Zumindest in Hamburg und im Umland hatte ich das subjektive Gefühl, dass die allgemeine „Schland“-Euphorie auch insofern zurückgegangen war, dass weniger „Flagge gezeigt“ wurde als in den Jahren zuvor. Es hingen weniger Fahnen aus Fenstern oder Balkonen herab, es fuhren weniger Autos mit Fähnchen herum etc. Das „Public Viewing“-Fan-Fest auf dem Heiligengeistfeld schien man verkleinert zu haben, in jedem Falle ging der Flair vergangener Jahre etwas verloren. Wo früher Imbissbuden mit Kulinarischem aus fast allen beteiligten Ländern bereitstanden, blieben nur ein paar mickrige Pommes- und Bratwurst-Stände übrig. Eine tolle Institution finde ich es aber nach wie vor, wenn mich auch zu Spielen mit deutscher Beteiligung keine zehn Pferde dort hinbekommen. Im TV allerdings feierten die Spiele Rekord-Einschaltquoten. Das Interesse war demnach größer denn je, die „Wir werden Weltmeister!“-Überheblichkeit aber offenbar vielerorts einer Skepsis von gesund bis unnötig pessimistisch gewichen. Die Straßen waren natürlich dennoch voll von jungen Menschen, die in der Nationalmannschaft und ihren Spielern Vorbilder sehen, die von ihnen wahrscheinlich ebenso motiviert werden wie ich seinerzeit und denen ich wünsche, dass sie mehr daraus machen. Auf der überraschend gesitteten Rückfahrt per S-Bahn nach dem Finale saßen mir zwei Kids gegenüber, die noch sichtlich unter den Eindrücken des Spiels stehend auf ellenlangem Rückweg von einen „Public Viewing“ nach Stade (oder so) waren und aufgeregt mit ihren Smartphones Informationen über Christoph Kramer einholten. Ich fühlte mich an mich selbst erinnert, wie ich 1990 Zeitungen und Magazine nach weiteren Informationen durchforstete und aufmerksam die Fernsehberichterstattung verfolgte und grinste zufrieden in mich hinein. Wieder einmal war es dem Nationalsport gelungen, Menschen über Vereins-, Stadt- und Ländergrenzen hinweg zusammenzuführen, sie miteinander ins Gespräch zu bringen und aus ihrem Alltag zu reißen. Und ganz bestimmt wurden viele vornehmlich Jüngere durch das Turnier erstmals so richtig für den Fußball begeistert, was bei weiterhin guter Nachwuchsarbeit der Vereine eine neue Spielergeneration heranwachsen lassen dürfte – übrigens etwas, das in den Überlegungen WM-kritischer Besserfans, die über jeden verächtlich die Nase rümpfen, der Deutschen Elf zujubelt, ohne sich bereits seit zehn Jahren regelmäßig in der Regionalliga die Beine in den Bauch zu stehen, überhaupt nicht vorkommt. Ich hoffe, dass sich viele von dieser WM und ihrem Ausgang inspirieren lassen, etwas von der positiven Energie dauerhaft verinnerlichen und das beste daraus machen, statt den Fehler zu begehen, sich in Chauvinismus und Überheblichkeit, fragwürdigen Patriotismus o.ä. zu verrennen. In diesem Zusammenhang war ich positiv überrascht von der Kolumne Jakob Augsteins im „Spiegel“, der vorschlug, die gewonnene WM zum Anlass zu nehmen, Größe und Verantwortung zu zeigen und die verheerende, das Grundrecht auf Asyl praktisch abgeschafft habende Änderung des Grundgesetzes aus dem Jahre 1993 rückgängig zu machen. So naiv, an derartig positive politische Folgen der WM zu glauben, bin ich aber selbstverständlich nicht.

Das bringt mich zu kritischen Punkten, die ich nicht unter den Tisch kehren möchte: Wer sich so überhaupt nicht für den Sport interessiert und einfach nur stumpf seine Nationalität abfeiern möchte, weil er das Gefühl hat, es im Alltag „nicht zu dürfen“, hat ganz entschieden etwas missverstanden und kann mir mal gestohlen bleiben. Das hat nichts mit dem gernzitierten „unverkrampften“ Feiern etc. zu tun, sondern zeugt von davon, dass es an irgendetwas ganz anderem fehlt, was durch Ersatzhandlungen wie unreflektierten Nationalstolz zu kompensieren versucht wird. Dann wäre da noch das leidige Thema der Neo-Nazis. Dass diese trotz strikter Ablehnung der integrativen deutschen Elf durch ihre Führer dennoch immer wieder Bezug zur WM suchen, beim Rudelgucken auftauchen, den Fußball zum Anlass nehmen, Streit zu suchen und Gewalt auszuüben oder ihren peinlichen Mist in sozialen Netzwerk absondern, liegt an der ihrerseits gern praktizierten Mischung aus offener Provokation und grenzenloser Dummheit. Dies zu ignorieren wäre sicherlich genauso falsch wie sie zum Indikator für einen WM-bedingten Rechtsruck der Gesellschaft hochzustilisieren und damit auf ein Podest zu heben. Der Umgang von kritischer Seite mit ihnen bewegt sich zwischen seriöser, informativer Berichterstattung und hysterischer Instrumentierung zum Zwecke der Diskreditierung angefangen bei den deutschen Fans bis hin zum ganzen Turnier. Dass letzteres kontraproduktiv ist und ihnen nur in die Hände spielt, liegt auf der Hand und wenn einige geradezu auf Handlungen Rechtsextremer im Zuge der WM warten, um sie anschließend auszuschlachten und sich in ihrer negativen Haltung bestätigt zu sehen, darf ein aufrichtiger Antifaschismus als Intention zumindest angezweifelt werden, besteht vielmehr der Verdacht einer ideologischen Abhängigkeit vom Gegner. Wenn ich allerdings lese, dass Blogs, die sich kritisch mit rechtsextremen Umtrieben in Deutschland während der WM auseinandersetzen, auf Materialsuche schon einzelner dummer Twitter-Einträge annehmen müssen, um auf eine gewisse Länge zu kommen, fühle ich mich trotz des pessimistischen Grundtons der Berichterstattung ehrlich gesagt erleichtert. Das heißt jedoch natürlich nicht, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen wäre: Auf St. Pauli beispielsweise nahmen offensichtlich HSV-Schläger das WM-Finale zum Anlass eines Überfalls auf eine St.-Pauli-Kneipe. Inwieweit diese über rechtsradikale Beweggründe verfügten, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, macht letztlich jedoch kaum einen Unterscheid. Doch neben der hässlichsten Fratze der Politik, der des Rechtsextremismus, kam es wie üblich auch zu anderen Vereinnahmungsversuchen: Kanzlerin Merkel flog fröhlich auf Steuerkosten nach Brasilien, stellte den Spielern bis in die Umkleidekabine nach und ließ sich bereitwillig von und mit ihnen fotografieren. Bundespräsident und Kriegs-Fan Gauck stand ihr in kaum etwas nach und die Spieler feierten beide auch noch, anstatt sie für ihre fragwürdige Politik zu verurteilen. Auf diesen ganzen Firlefanz hätte ich gut und gern verzichten können. Ich tue mich jedoch auch schwer damit, mich einerseits durch derlei Polit-PR keinesfalls beeindrucken zu lassen, dieses Differenzierungsvermögen aber anderen abzusprechen und daher die WM grundsätzlich als die jeweils aktuelle Politik begünstigend zu verteufeln.

Technische Neuerungen gab es übrigens auch, die Torkamera und den Freistoßschaum. Während ich erstere begrüße, wirkt letztere noch etwas gewöhnungsbedürftig, insbesondere, wenn ganze Schaumberge Spieler bei Freistößen irritieren. Immerhin führt diese Maßnahme aber dank im Umgang mit der Sprühdose sehr fixen Schiedsrichtern zu keinerlei Verzögerungen, dafür aber zu manch lustigem Bild, wenn der eine oder andere Spieler das Zeug über den Stiefel gesprüht und damit zu verstehen bekommt, mit seiner Mauer zu nah am Ball zu stehen. Selbstverständlich wird nicht alles immer besser, gerade unter den Kommentatoren vermisse ich doch schmerzlich jemanden vom Kaliber eines Gerd Rubenbauer. Ob Bela Rethy, Tom Bartels oder wie die ganzen überheblichen Dampfplauderer heißen, zukünftig würde ich mir die Spiele am liebsten mit Radiokommentar ansehen.

Das Maskottchen der WM 2014 übrigens sah weniger wie ein Gürteltier aus, das es eigentlich darstellen sollte, sondern vielmehr wie ein Facepalm. Glücklicherweise erwies es sich nicht als schlechtes Omen, zumindest nicht fürs deutsche Team. Der offizielle WM-Song hingegen, „We Are One (Ole Ola)“ von Pitbull, war ein echter Ohrwurm und überhaupt hatten die jüngsten Weltmeisterschaften mit „Wavin’ Flag“ (K’naan) und „Waka Waka (This Time For Africa)“ (Shakira) wirklich hörenswerte Songs zu bieten.

Ganz schön lang ist er geworden, mein kleiner WM-Rückblick, weit ausgeholt habe ich und ich hoffe, mir nun wirklich alles von der Seele geschrieben zu haben, was ich erinnerungswürdig oder erwähnenswert fand (ist natürlich Quatsch, erfahrungsgemäß fällt mir kurz nach Veröffentlichung noch alles Mögliche ein). In zwei Jahren findet die EM in Frankreich statt, quasi nebenan. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es dann ja tatsächlich einmal ins Stadion. Und wenn nicht, auch egal, auf meine Weise dabei sein werde ich so oder so. Bis dahin werde ich vielleicht ein bisschen mehr als sonst die Bundesligen verfolgen, werde mich über den DFB aufregen und mich über die auseinandergerissenen, über drei Tage verteilten Spieltage beklagen, in die Bredouille kommen, Spielern, denen ich während der WM noch zugejubelt habe, alles Schlechte zu wünschen, wenn sie gegen eine von mir favorisierte Mannschaft spielen und vielleicht werde ich zwischendurch auch wieder die Schnauze voll haben von zusammengekauften Teams und Vereinsmeierei. Dann werde ich mich einfach an diese WM erinnern – daran, wie ich mit Freunden im Biergarten die Spiele verfolgt habe, wie ich zwischen Mexikanern, Chilenen und Argentiniern auf dem Heiligengeistfeld stand, bangte und fluchte, wie ich ständig zu spät ins Bett kam und vor allem daran, wie schön Fußball sein kann.

Franz Beckenbauer – Fußball-WM 1986 / Harry Valérien – Fußball-EM ’88 Deutschland / Harry Valérien – Fußball-WM ’90 Italien

beckenbauer, franz - fußball-wm 1986Das war ja die erste WM (Mexico!), die ich seinerzeit so am Rande mitbekam. War interessant, das alles mal nachzulesen und mir die schönen alten Bildern anzusehen, von denen das Buch sehr viele im Großformat enthält. Gut geschrieben ist’s allemal, wenn auch anscheinend nur wenige Texte wirklich von Beckenbauer stammen. Hatte ich mal für 2,- EUR aus ’ner Art Trödelladen mitgenommen und mir als Strandlektüre eingepackt.

Nachdem ich einen Schmöker über die WM ’86 gelesen hatte, griff ich zu Valériens Retrospektive der EM ’88 in Deutschland, die ich als Knirps tatsächlich über weite Strecken am Fernsehgerät verfolgt hatte. Auch dieser Band mit vielen Bildern wurde gut und unterhaltsam und vor allem fair allen Mannschaften gegenüber geschrieben und ließ mich meine Erinnerungen auffrischen. Irland hatte ja damals gegen England 1:0 gewonnen; ein geschichtsträchtiges Ereignis, das ich gar nicht mehr auf Schirm hatte. Extra Kapitel wurden interessanterweise dem Phänomen des Hooliganismus gewidmet und Gastautor Herbert Riehl-Heyse brachte einen überraschend kritischen Artikel über die möglichen Ursachen unter, an anderer Stelle jedoch wird das Thema wieder sehr oberflächlich behandelt. Interessant auch der mehrseitige Abschnitt über die Entwicklung der Europameisterschaft als regelmäßiges Turnier und die vorausgegangenen Turniere mit ihren jeweiligen Siegern und Verlierern. Dass man Ronald Koemans extrem unsportliche Geste nach dem Halbfinalspiel gegen Deutschland mit keiner Silbe erwähnt, irritiert mich jedoch sehr.

Auch diesen Schmöker hab ich vom Trödel mitgenommen und meine Lieblings-WM noch einmal Revue passieren lassen. Schön, die Erinnerungen noch einmal aufzufrischen, gerade auch in Bezug auf die anderen Mannschaften. Die Vorrunde allerdings wird relativ kurz abgefrühstückt, damit’s kein allzu dicker Wälzer wurde. Im Bericht über eines der spannendsten Länderspiele schlechthin, das Halbfinale zwischen England und Deutschland, die nervenaufreibenden Pfostenschüsse unerwähnt zu lassen, verstehe ich nicht ganz. Irritierend auch, dass die Vorstellungen der einzelnen Nationalmannschaften offenbar vor Turnierbeginn verfasst, aber ans Ende des Buches gesetzt wurden. Auffallend finde ich, wie mehrmals auf das damals noch immer hochbrisante Thema der Fußballgewalt mit Todesfällen eingegangen wird und wie hier und da Kritik laut wird, beispielsweise an der Eintrittskartenvergabe. Generell werden negative Ereignisse, Entscheidungen und Dinge recht konrekt beim Namen genannt. Statistiken etc. runden das Werk ab.

Nun bin ich bereit für die aktuelle WM.

24.05.2014, Hamburg-Veddel: ELB-TSUNAMI-FESTIVAL

elb-tsunami 2014Zum vierten Mal in Folge veranstalteten die Jungs von NEUE KATASTROPHEN respektive RESTMENSCH das ELB-TSUNAMI-Open-Air-Festival an der Veddeler Peutebahn auf der Elbinsel Wilhelmsburg, wobei man sich diesmal auf einen Tag beschränkte. Das Konzept, nur Bands aus Hamburg oder unmittelbarer Umgebung auftreten zu lassen, musste diesmal leicht aufgeweicht werden, da die britischen Thrash-Metal-Veteranen VIRUS ins Billing rutschten. Dafür nimmt man so’ne kleine Kursabweichung doch gern in Kauf! Nach wie vor ist das Festival für Besucher komplett gratis und Verpflegung gibt’s zu überaus fairen Preisen – besser geht’s eigentlich gar nicht. Umso geiler, dass wir diesmal mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS selbst nicht nur als Gäste dabei waren, sondern auch auf der Bühne standen! Den Opener KOUKOULOFORI verpasste ich zeitbedingt und von PARADOCKS bekam ich nur noch den Schluss mit, der u.a. aus ‘nem kompetent dargebotenen SCHLEIMKEIM-Cover bestand. Die TRÜMMERRATTEN folgten, anscheinend handelt es sich um eine noch junge Nachwuchsband. Die Jungs und das Mädel an den Drums begannen etwas holprig, steigerten sich jedoch schnell und zockten prima deutschsprachigen Punk, textlich am Puls der Zeit mit Bezügen zur momentanen Situation in Hamburg und dementsprechend angebrachtem Gewettere gegen Scholz und Konsorten. Der Hit allerdings war für mich der Song übers Schwarzfahren mit dem HVV. Jemand im Rattenkostüm tanzte ausgelassen bei herrlichstem Kaiserwetter vor der Bühne und kam bestimmt gut ins Schwitzen. Generell mangelte es nicht an interessiertem Publikum und ich hatte schon zu diesem frühen Zeitpunkt so richtig Spaß inne Backen! Nach den TRÜMMERRATTEN sollten wir ran, 18:15 Uhr war unsere Zeit, ‘ne Viertelstunde Umbauzeit war vorgesehen, die dank der perfekten Organisation mit stets bereitstehender zweiter Backline hinter der Bühne dicke ausreichte – und weil die vorherigen Bands anscheinend recht schnell ihre Sets durchgezockt und ihre halbstündigen Spielzeiten gar nicht ausgenutzt hatten, konnten wir’s sowohl locker angehen lassen als auch schon um 18:00 Uhr beginnen. Ein kurzer Soundcheck erwies sich als völlig ausreichend auf der großen, professionellen Bühne. Die Mikros waren allesamt kabellose Funkmikros, vornehm geht die Welt zugrunde! Ein Novum für mich, noch nie so’n Dingen vorher inner Hand gehabt – aber ist schon geil… Von Anfang an schien man Bock auf unsere Mucke zu haben, wenn auch viele ob der gleißenden Sonne lieber vom Schatten aus etwas entfernt von der Bühne ihren Blick auf selbige richteten. Ein paar Leute fanden sich dennoch vorne ein, schwangen die Gliedmaßen und grölten mit. Die Resonanz nach jedem Song war klasse und unser Sound dank des fähigen Verantwortlichen anscheinend auch sehr ordentlich. Großer Wermutstropfen indes, dass wir ohne Mike an der zweiten Gitarre auftreten mussten, dem die aktuellen privaten Umstände leider, aber verständlicherweise keine Teilnahme ermöglichten. Wo die zweite Klampfe überall fehlt, hören wir selbst aber vermutlich wesentlich stärker als der Pöbel heraus und wir haben letztlich das Beste draus gemacht. „Victim of Socialisation“ flog aus diversen Gründen – einer davon war die vermutete knappe Spielzeit – diesmal aus dem Set, dafür forderten die Pulvertoasties ihr „Waffelvibe“ und der Rest noch einmal „Elbdisharmonie“ als Zugabe. Damit endete unser Gig, mit dem wir zufrieden sein konnten. Der eine oder andere Verhacker war zwar wieder dabei, die groben Klöpse aber blieben aus. Trotzdem kann ich’s kaum erwarten, wieder in kompletter Besetzung zu spielen! Die LOSER YOUTH nach uns machte ihrem Namen keinerlei Ehre und bescherte der Veddel schnörkellosen, angepissten, aggressiven Hardcore-Punk mit deutschen Texten, vorgetragen von hysterischem Gesang. Gefällt! Dass es der Prophet im eigenen Lande nicht immer leicht hat, bewiesen danach ARRESTED DENIAL, jene Hamburger Streetpunk-Combo um Ex-THIS-BELIEF-Shouter Valentin, die nach allgemein abgefeiertem (und ja wirklich geilem) zweiten Album und erfolgreicher Balkan-Tour eigentlich das heimische Publikum zum Ausrasten bringen müsste, jedoch eher aus sicherer Entfernung beäugt wurde – trotz fähigem neuen Bassisten (nach SMALL-TOWN-RIOT-Timos mehrmonatigem Gastspiel) und einen makellosen Gig inkl. SMEGMA-Cover und manch anderer Auflockerung. Nicht falsch verstehen, der Mob war ja trotzdem da und es hat ihm ganz bestimmt auch gefallen, nur hätte man das auch gern der Band gegenüber stärker zum Ausdruck bringen dürfen. Und wo war eigentlich das rotbärtige Groupie? CONTRA REAL übernahmen und die mag ich ja, weil ich es zum einen immer faszinierend finde, wenn jemand Schlagzeug spielt und gleichzeitig singt und mir zum anderen die Kombination aus Hektik und eingängigen, fast hymnischen Refrains zusagt. Das Trio mit weiblicher Röhre und deutschen Kampftexten geht immer gut in Arme und Beine und ich sach mal: Wenn heutzutage Antifa-Parolen-Punk, dann so! Dann wurd’s ein bisschen traurig, weil der letzte Auftritt der Hamburger/Holsteiner Oldschool-Hardcore-Genialisten INSIDE JOB anstand. Da hat man doch tatsächlich wegen irgendwelcher Nebensächlichkeiten wie musikalischem Talent beschlossen, sich einfach so aufzulösen, glücklicherweise weder sang- noch klanglos, sondern mit einem krachenden Gewitter auf dem Elb-Tsunami! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah ich demnach ein letztes Mal die Herren mit vollem Körpereinsatz kurzknackige HC-Eruptionen raushämmern, was der Pöbel ihnen mit Mehreinsatz dankte. Mit INSIDE JOB hatte Hamburg ganz sicher eine der besten Bands dieser Subsubgattung anzubieten und es ist ein Jammer, dass es das gewesen sein soll. Auch mit PROBLEM KID soll schon wieder Schluss sein, jenem vielversprechenden Seitenprojekt mit Shouterin und INSIDE-JOBbern. Wie ich die Leute kenne bzw. einschätze, wird man sich aber schnell wieder zur einen oder anderen Krawallcombo zusammenfinden und ordentlich auf die Kacke hauen. Gut so! Meine Freundin hat mir netterweise noch ‘ne 7“ und das Fanzine vom Sänger besorgt, denn „niemals geht man so ganz, irgendwas von euch bleibt hier“, wusste seinerzeit so ähnlich schon Schlager-Shouterin Gitte. Bevor’s jetzt aber pathetisch wird, schnell ein paar Worte zu den RAZORS. Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, war während INSIDE JOB so’n bischn Regen ausgebrochen, wie in Hamburg üblich, doch ein Großteil des Publikums erwies sich als Süßwassermatrosen und floh in die Trinkhalle (nenn‘ ich jetzt einfach mal so). Die HH-Altpunks RAZORS traten dann im Strömenden auf, erfreuten sich jedoch ungebrochener Beliebtheit und legten auch eine wirklich mitreißende Nummer aufs Parkett. So mancher aus der Band ist immer noch verdammt, ja, fast beneidenswert fit und vor allem – und das ist das Wichtigste – immer noch mit vollem Eifer bei der Sache, so dass man anscheinend sehr gerne mal auch solche Gigs einfach aus Spaß am Punkrock spielt, statt größere Gagen abzugreifen oder sich auf seinen Pionierstatus einen runterzuholen. Das Wetter trieb diverse Leute zusätzlich auf die Bühne und irgendwie hatte das alles den Anschein eines großen Familien- oder Freundestreffens, pünktlich zur untergehenden Sonne. Geil! THE ELIMINATORS sind nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Surfband, heißen (oder hießen?) eigentlich JOHNNY BLACKHEART & THE ELIMINATORS und bestehen aus einem in Deutschland gestrandeten Ex-GENERATOR(S) sowie dem umtriebigen Rolf (YARD BOMB, THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL-TOWN-RIOT), der sich extra etwas Haupthaar wachsen lief, um nicht mehr mit mir verwechselt zu werden (und natürlich weiteren Leuten). Ich glaub, die Band liegt immer mal auf Eis und wird dann zwischenzeitlich wieder reaktiviert und so anscheinend auch diesmal. Ferner glaub ich, die diesmal – weiß der Geier, warum – erst zum allerersten Mal live gesehen zu haben und was ich zu sehen und hören bekam, kickte mich hart, denn das war richtig geiler Oldschool-Rotz-HC-Punk US-amerikanischer Prägung. Auch deren 7“ wanderte dank der Lady in meinen Besitz über und, verdammt, das würd ich gern noch mal sehen, wenn ich nüchterner und fitter bin! Beides war ich erst recht nicht mehr bei VIRUS und der enorme Publikumszuspruch hat mich dann doch überrascht. Die Alben „Pray For War“ und „Force Recon“ hatte ich zwar irgendwann mal gehört, zu Begeisterungsstürmen konnte mich aber allgemein kein britischer Thrash Metal so richtig hinreißen – da hatten seinerzeit die Deutschen und die Amis einfach die Nase vorn. Als alter Thrasher hatte ich nach Punk in seinen unterschiedlichsten Variationen jetzt aber auch so richtig Bock auf ‘ne ordentliche Dosis fiesen Geriffes und da kamen mir Virus gerade recht. Und ich war nicht der einzige, der so dachte, denn es wurde richtiggehend voll und eng da vorne. VIRUS begrüßten ihr Publikum mit der Information, keine Punk- oder HC-Band zu sein, sondern Thrash zu zelebrieren, und ab ging’s. Der bärtige Glatzkopf an Leadklampfe und Gesang blickte grimmig drein und entfachte als einziges Urmitglied mit seinen drei neuen Mitstreitern ein wahres Thrash-Feuerwerk mit aggressivem Riffing, donnernden Drums, wütendem Gekeife und hin und wieder geilem Doppel-Lead-Metal-Gefiedel, das live in dieser Kombination so richtig knallte, dem zweiten Gitarristen mit den Wuschelhaaren gerade auch ob des durchdrehenden Mobs augenscheinlich viel Spaß machte und mir als mittlerweile gut alkoholisiertem, äh, „Bangmoshpoger“ manch Lädierung durch andere sich anscheinend nicht mehr ganz unter Kontrolle habende, von der Mucke Aufgestachelte einbrachte. Es hat sich aber gelohnt, denn VIRUS war nicht nur das Tüpfelchen auf dem I, sondern der krönende Abschluss eines arschgeilen, stilistisch abwechslungsreichen Festivals, auf dem mich wirklich JEDE Band, die ich sah und hörte, überzeugte und es erscheint mir fast unverständlich, dass bei so einer Sause für umme nicht schlichtweg jeder Hamburger, der mit dieser Musik und Kultur etwas anfangen kann, anzutreffen war! Ich verneige mich in Ehrfurcht vor allen, die das ELB-TSUNAMI ermöglicht haben, bedanke mich noch mal höflich für die Einladung (und das Freibier satt!), und würde mich freuen, nächstes Jahr mit BOLANOW BRAWL dabei zu sein!

10.05.2014: Hamburger Hafengeburtstag

affengeburtstag 2014

hafengeburtstag 2014 jolly-roger-bühne

Alle Jahre wieder: Hafengeburtstag in Hamburg! Freitag keine Zeit gehabt, aber Samstag losgeeilt – allerdings erst mal ins Osbourne, um den letzten Bundesligaspieltag zu verfolgen, als andere Mannschaften noch schlechter waren als der HSV und dieser sich somit die Relegation sicherte. Dadurch leider KEIN HASS DA auf der Jolly-Roger-Bühne verpasst. Doch Karl Nagel & Co. ließen sich nicht lumpen und traten auf der dritten Punkrock-Bühne, deren Namen ich vergessen habe, direkt im Anschluss noch einmal im ganz kleinen Rahmen auf, weil eine andere Band ausgefallen war! Saucoole Aktion und schöner Gig, wenn auch zwischendurch mal der Strom weg war. BAD-BRAINS-Coversongs mit eigenwilligen Nagel’schen Texten auf deutsch, Songs die klangen wie der BAD BRAINS, aber Eigenkompositionen waren, Nagels Interaktion mit dem Publikum, einige Spielereien und eine an den Instrumenten superfitte Band, der Drummer übrigens stilvoll gekleidet im EVIL-INVADERS-Leibchen. Das alles beim Hamburg-typischen permanenten Regen irgendwo zwischen leicht und mittel, das machte Laune und war ein schöner Einstieg in den Abend. Dann ging’s zu den Lokalheroen von SMALL TOWN RIOT, die auf der großen Jolly-Roger-Bühne angenehm rau ablieferten, deren Anfang ich aber leider verpasst hatte. Dafür gab’s dort ein Wiedersehen mit so manch bekannten Gesichtern und die Stimmung war spitze. Je früher der Abend, desto mehr Platz war noch unmittelbar vor der Bühne am Absperrgitter, wo sich zu diesem Zeitpunkt manch Punks mit den Pfützen vergnügten und lustig herumsprangen. Als im Anschluss die Fun-Punks von den ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN tatsächlich nur zu zweit, also ohne Bass, auf die Bühne traten, nahm ich mir vor, sie mir vorbehaltlos anzusehen und evtl. gar meine Meinung zu revidieren. Doch ob nun mit oder ohne Konrad, das ist bis auf zwei, drei Songs einfach mehr Karnevals-Alberei als Punk und auf Dauer nur schwer erträglich – und die hörten gar nicht wieder auf. Dafür hab ich mit Holger aber einen alten Kumpan wiedergetroffen, wodurch die Beschallung klar in den Hintergrund geriet. Dann ging’s endlich mal hoch zur diesmal AFFENGEBURTSTAG genannten Parallelveranstaltung auf der Onkel-Otto-Bühne am Störtebeker. Dort sah ich glaub ich irgendwen, dann ein paar Songs lang HAMBURGER ABSCHAUM und wenn mich nicht alles täuscht, lief da zeitplanmäßig wieder bischn was durcheinander, weshalb ich mich bald wieder vor der Jolly-Roger-Bühne einfand, um kaum etwas von den Frankfurter Oi!-Punk-Veteranen STAGE BOTTLES mitzubekommen, weil ich in diverse Unterhaltungen eingebunden war und anschließend die Düsseldorfer (Ex-)Glatzen-Combo 4 PROMILLE gebührend abzufeiern, die es nun wieder gibt, wenn auch ohne Gründungsmitglied Volker, und die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Ehrlich gesagt hatte ich mir damals auch schon das dritte Album gar nicht mehr besorgt und kenne das aktuelle auch gar nicht, umso gespannter war ich, was die Band um Sängerin Melanie und den etwas kräftigeren Gitarristen, dessen Namen ich gerade nicht parat habe, heutzutage kredenzen würde. Das auch nur halbwegs objektiv zu beurteilen, fällt schwer, da ich mittlerweile doch schon sehr ordentlich angeschossen war, aber in meinem Zustand gefielen mir die ganzen alten Gassenhauer prima und wurden lauthals mitgegrölt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich noch ’ne zeitlang zu den Spaniern von SENSA YUMA, live wie immer das volle HC-Punk-Brett, vor der Onkel-Otto-Bühne rumpogte und mich ordentlich einsaute, kann gut sogar noch nach 4 PROMILLE gewesen sein. Obwohl die bereits am Vortag dort gespielt hatten, zog es sie spontan Samstag noch einmal auf die Bühne – geil! Obgleich ich beinahe traditionell am Hafengeburtstag mal wieder zu tief in die Buddel gelugt hatte, war’s abermals ein rauschendes Fest im Schmuddelregen, für das ich mich nur bei allen Beteiligten, die diese drei GEILEN Bühnen fürs Publikum komplett kostenlos organisieren, herzlich bedanken kann! Hab’s dann trotz gerade angesichts meines Zustands nicht ganz unkomplexer Bahnverbindung sogar noch nach Hause geschafft und fiel geschafft in die Koje, die 4-PROMILLE-Verse noch im Ohr. „Ich werd‘ mich ändern? Niemals mehr ändern!“

04.04.2014, Café Flop, Hamburg-Bergedorf: CURB STOMP + IN VINO VERITAS + BOLANOW BRAWL + OI!SLUTS + BIERSCHISS BRIGADE

united we stand - divided we fall @café flop, hamburg, 04.04.2014

Die Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung IN VINO VERITAS holte zum Ausgleich für ihre Ruhrpott-Gigs die Dortmunder Kollegen von CURB STOMP nach Hamburg und lud uns freundlicherweise ein, mit beiden die Bühne zu teilen. Über kurz oder lang wuchs das ganze auf satte fünf Bands an, so dass wir in die mittlere Position rutschten. Das Café Flop war uns noch in guter Erinnerung von einem pannenreichen, aber trotzdem geilen Gig, ebenfalls zusammen mit IN VINO VERITAS. Diesmal aber lief alles fast schon beängstigend glatt, außer das die Nachwuchs-Punks (und der Kurzhaarige am Mikro) von der BIERSCHISS BRIGADE vor einem ihrer ersten Gigs etwas mit dem Soundcheck zu kämpfen hatten – was wiederum die positive Folge hatte, dass wir anschließend den immer wieder angespielten Hit bereits gut mitsingen konnten. Dass im Flop diesmal auch etwas zu essen kredenzt wurde, war mir im Vorfeld gar nicht bewusst, weshalb ich mir sinnloserweise auf dem Hinweg noch einen Veggie-Burger und ’ne Portion Pommes zum ersten Bier genehmigte. Egal, was ich damit andeuten will, ist, dass die Sause diesmal echt gut durchorganisiert war und somit die BRIGADE dann auch glaub ich pünktlich loslegte. Mit dabei waren einige ebenfalls blutjunge Unterstützer, die ihre Band gut abfeierten, und ich meine auch die eine oder andere erwachsene Aufsichtsperson gesichtet zu haben… Die Band jedenfalls hatte eine Handvoll Songs gegen Nazis, Bullen etc., und als besonderer Hit entpuppte sich ein Songs gegen Bahn-Hilfssheriffs. Der Glatzkopp am Mikro wurde gesanglich immer wieder von der Rotzröhre des einen Gitarristen unterstützt, ich glaub, Gitarrero Nummer 2 war’s, der anscheinend unter dem Bühnensound litt und eher irritiert dreinblickte. War ’ne kurzweilige Angelegenheit, die Spaß gemacht hat und mit Kidpunk-Charme überzeugte. Die OI!SLUTS aus Hamburg spielen schon so manches Jahr zusammen, was man ihnen aber nicht unbedingt anhört. Die Band um Sänger Terror, der an diesem Abend auch in seinen Geburtstag reinfeierte, ist die ganz grobe, ungehobelte Oi!-Kelle, die mit rudimentärster Instrumentierung auskommt und auf die Inbrunst, mit der Terror die Texte über den Way of Life hinausbrüllt, ausgerichtet ist. Gecovert hat man „Pöbel & Gesocks“ von den BECK’S PISTOLS und ich hab’s zunächst gar nicht erkannt. Zwischenzeitlich stieg ein Kumpel der Jungs auf die Bühne und übernahm bei einem Song den Gesang, der in seiner Inbrunst Terror in nichts nachstand und superaggressiv ins Mikro brüllte, dabei aber etwas verkrampft wirkte. Die in rote Einheitsshirts mit Aufdruck „Ich würd mich ficken“ gekleideten OI!SLUTS meinen das offensichtlich alles ernst und sind ohnehin stark in der Hamburger Skinhead-Szene verwurzelt, weshalb die Authentizität in jedem Falle vorhanden ist – und das macht sie auf ihre Weise total krass. Böser Scheißdrauf-Oi!, bei dem die Expression weit vor Feinsinn und Schöngeist kommt – und damit näher am ursprünglichen Spirit sein dürfte, als manch lascher Streetpunk-Sound der vergangenen Jahre. Davon unabhängig hat es mich sehr gefreut, mit Terror, mit dem ich früher so manches Bierchen geköpft hatte, nach so langer Zeit mal ein Konzert gemeinsam zu bestreiten. Im Anschluss schlug unsere Stunde und BOLANOW BRAWL bestieg die Bühne. Ok, wir hatten unser Banner vergessen, aber ansonsten war alles knorke: Die Technik spielte mit, der Zeitplan stimmte noch immer, kein Bandmitglied war zu voll und das Publikum war nicht nur recht zahlreich vorhanden, sondern auch bereits gut drauf. Unser melodischer Streetpunk stand in gewisser Weise im Kontrast zu den vorausgegangenen Bands, wurde dankend angenommen und vom ersten Song, unserem unbescheidenen OXYMORON-Cover „We Rule Ok“, an war was los. Hat so richtig Spaß und Lust auf mehr gemacht und als wir durch waren, begann der für uns angenehmste Teil, denn es standen noch zwei hochkarätige Bands auf dem Billing. IN VINO VERITAS, die gerade ihre Aufnahmen zur bei Klabautermann Records erscheinenden EP abgeschlossen hatten, bewiesen, welch eingespieltes Team sie mittlerweile sind und lieferten einmal mehr einen in allen Belangen überzeugenden Gig ab, der gereiften, aber noch immer ausreichend ungeschliffenen und aggressiven Oi!-Punk mit manch Augenzwinkern und beachtenswerten deutschen Texten bot. Es freut mich aufrichtig für die Jungs, dass sie ihre Pechsträhne mittlerweile längst hinter sich gelassen haben und endlich mal alles so rund läuft. Chapeau, wie die Italiener sagen! 😉 Mit CURB STOMP aus Dortmund, die ebenfalls ’ne EP (in Eigenproduktion) draußen haben, hatten wir einen Headliner, dessen Mitglieder sich selbst dann noch als echt nette, umgängliche Jungs entpuppten, als man sie mit Schalke-Sprüchen nervte. Die vier Ruhrpott-Skins legten ein abendfüllendes Oi!-Punk-Brett aufs Parkett, das sich manch szenetypischen Themen widmet, ohne jemals stumpf zu wirken – weder musikalisch noch textlich. Besonders schön: Ein Song übers Ausnüchtern auf der Arbeit, der vom mittlerweile volltrunkenen BOLANOW-Ole durch mehr Gerangel als Getanze gebührend abgefeiert wurde. Das Publikum war auch diesmal auf Seite der Band und sorgte weiterhin für ’ne ordentliche Party. Nach Konzertende ging’s noch kurz mit ’nem Kasten Bier bewaffnet gemeinsam auf den Kiez, bevor mich rechtzeitig das Bett rief. Ärger gab’s meines Wissens überhaupt keinen auf dem Konzert, das unter dem Motto „United we stand – divided we fall“ ein abwechslungsreiches Line-up für vier lächerliche Euro bot und genau so ablief, wie ich es mir gewünscht hatte. Danke an IN VINO VERITAS und das Café Flop sowie ans Publikum und ich hätte große Lust, mit der einen oder anderen Band mal wieder die Bühne zu teilen.

Die Geschichte des erotischen Films

geschichte des erotischen films, dieISBN-10: 3881999418
ISBN-13: 978-3881999410

Das Buch aus dem Cinema-Verlag stammt aus dem Jahre 1992 und kommt im Großformat im festen Einband. Es gibt viele großformatige Abbildungen zu sehen, was ich bei einem derart visuellen Medium wie dem Spielfilm nicht als Kritikpunkt verstanden wissen möchte. Die Autoren spannen einen weiten Bogen und beginnen bei frühen Liebesfilmen über die Zeit der sexuellen Revolution bis hin zur Gegenwart. Das mag manch einem alles etwas zu weit hergeholt erscheinen, ich hingegen empfand diese Herangehensweise als fundiert und spannend; sie wirkte insofern inspirierend auf mich, dass ich mich nun nach Filmen aus verschiedensten Epochen umsehe. Der pornographische Film wird (glücklicherweise) weitestgehend ausgeklammert (jedoch nicht als Phänomen ignoriert), als grober Überblick über die Entwicklung vom ersten Kuss auf der Leinwand bis hin zum freizügigen Sexfilm ist das Buch meines Erachtens gut geeignet. Als irritierend empfand ich mitunter die anscheinend krass ablehnende Haltung, mit der die Autoren dem klassischen monogamen Ehegeflecht gegenüberstehen. Hier hätte ich mir doch etwas mehr Akzeptanz auch dieses Lebensentwurfs gewünscht, der mitnichten eine konträre Position zu Erotik und Sex einnehmen muss. Mein größter Kritikpunkt wären indes all die Beiträge über „Traumpaare der Leinwand“, die mir zu stark auf klassische Schmonzetten abzielen und von mir bis auf wenige Ausnahme schlicht nicht gelesen wurden. Auch hat das Lektorat ab und zu etwas übersehen. Ansonsten ein bestimmt lohnendes Buch, wenn man ins Thema eintauchen möchte, aber noch am relativ am Anfang steht.

28.03.2014, Rock’n’Roll Warehouse, Hamburg: LOST BOYZ ARMY + COTZRAIZ + VERBAL INCONTINENT + VIOLENT INSTINCT + THE HEADÄCHE

lost boyz army + cotzraiz + verbal incontinent + violent instinct + the headäche @rock'n'roll warehouse, hamburg, 28.03.2014

Die echten COTZRAIZ nach 13 Jahren endlich einmal wieder in Hamburg – ach du Scheiße, so lange ist das schon her? Selbstredend war ich seinerzeit im alten Knust dabei, COTZRAIZ waren noch ‘ne unbekannte Nummer und spielten als Vorband von PÖBEL & GESOCKS. Bogo verteilte Dosenbier zu unserer Freude und der Sound war so gut, dass man sogar die Texte gut verstehen konnte. War ‘ne schöne Nummer damals und die Debüt-LP „Heil Cotzraiz“ schlug kurz darauf in der Szene ein wie eine Bombe. Egal, Schnee von gestern, nun kamen sie mit der fantastischen LOST BOYZ ARMY im Gepäck und bekommen gleich dreifachen Hamburger Support von THE HEADÄCHE, VIOLENT INSTINCT und VERBAL INCONTINENT. Zum Rock’n’Roll Warehouse in HH-Bahrenfeld begab ich mich zusammen mit Ex-COTZRAIZer und Jetzt-DISILLUSIONED-MOTHERFUCKER Kai, dessen Gattin und Rudi aus’m Pott mit gemischten Gefühlen. Ich war dort noch nie, aber irgendwann spielten wohl GROBER KNÜPPEL dort und als Kai deshalb den Laden aufsuchte, wurde er an der Tür abgewiesen: Punks hätten dort nichts zu suchen!? Unfassbar! Das Rock’n’Roll Warehouse befindet sich anscheinend auf einem Industriegelände und noch weit vorm Eingang, nämlich an den Toren zum Parkplatz, wurde man aufgehalten und darum gebeten, seine Getränke zu leeren. „Das fängt ja gut an“, dachte ich mir, doch schnell stellte sich diese Maßnahme nicht als Schikane heraus, sondern als gute Möglichkeit, um zu verhindern, dass auf dem stärker frequentierten Gelände Flaschen, Dosen etc. herumfliegen. Gefilzt wurde hingegen überhaupt nicht und die Getränkepreise bewegten sich absolut im Rahmen, insofern alles kein Problem – ganz im Gegenteil: Die Menschen hinter Kasse, Geraderobe und Tresen erwiesen sich als vollkommen entspannte, nette Klientel; anscheinend keine Warehouse-Angestellten, sondern Mitorganisatoren und ebenso wird es bei GROBER KNÜPPEL gewesen sein, wozu ich mir meinen Teil einfach mal denke. Das Ladeninnere hat ein bisschen was von einem nostalgischen kleinen Tanzschuppen und strahlt mit seinen gepolsterten Sitzmöglichkeiten links und rechts der Tanzfläche und der Sofaecke hinten im Saal direkt Gemütlichkeit aus – von Lagerhallen“charme“ keine Spur. Das Publikum war bunt gemischt: Norddeutsche, Ruhrpöttler, Berliner etc. gaben sich die Klinke in die Hand und füllten trotz zahlreicher Konkurrenzveranstaltungen – u.a. BISHOPS GREEN im Indra – die Hütte ansehnlich. Zudem machte das Publikum einen überwiegend sympathischen Eindruck, von Stumpf-Oi!-Prolls oder durch unsägliche „Grauzonen“-Diskussionen angelockten Asis keine Spur. Den Anfang machten pünktlich THE HEADÄCHE – mit ihrem allerersten Gig! Rockabilly mit Kontrabass, vorgetragen von vier zum Teil sichtlich noch etwas nervösen Herren, und wer ist das da an den Drums? Das Trommeltier von VIOLENT INSTINCT? Der wird doch nicht…? Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Wahnsinnige hat tatsächlich drei Auftritte hintereinander durchgekesselt! Was THE HEADÄCHE da gespielt haben, konnte sich hören lassen, ich hätte mir nur die Gitarre etwas weniger verzerrt, dafür oldschoolig-cleaner gewünscht. Das interessierte Publikum spendete Applaus und bekam auch noch eine Zugabe, bevor VIOLENT INSTINCT die Bühne betraten (der Drummer konnte gleich sitzenbleiben). Frontfrau Aga ist von ihrer mehrmonatigen Abwesenheit zurück und schmettert zusammen mit ihren Kollegen wieder deutschsprachige Punkrock-Weisen mit intelligenten, durchaus persönlichen, kämpferischen Texten, die wieder entsprechend positiv aufgenommen wurden. Nun wird’s aber wirklich langsam mal Zeit für ‘ne Platte, gelle? Das ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“ fehlte ebensowenig wie die verlangte Zugabe, bevor Aga die Bühne verließ, ihre Bandkollegen aber auf selbiger verweilten. Der Grund dafür war der Kontrast zur THE-HEADÄCHE-Premiere, nämlich der LETZTE Gig des Projekt VERBAL INCONTINENT, einer Coverband, kurzweilig ins Leben gerufen während Agas Abwesenheit, damit den Bandkollegen nicht langweilig wird. So coverte man sich schön durch englische Oi!- und deutschsprachige Hardcore-Punk-Klassiker und ab hier konnte ich dann auch inbrünstig mitsingen und skandieren. Arschgeile Sache, insbesondere, wenn Briten-Oi! auf SLIME trifft. Gitarrero Dennis sang das meiste Zug und hat da ‘ne echt prädestinierte Stimme für. Nach drei Gigs wurde das Trommeltier nun auch endlich in den verdienten Feierabend entlassen, der Zeitschuh drückte auch, denn zwei weitere Bands standen auf dem Zettel. Endlich wieder Original-Cotzrock in Hamburg! Seit 2001 hat sich das Besetzungskarussell ein paar Mal gedreht, mittlerweile spielt Ätzer die Klampfe und macht damit den Inzest-Reigen der vertretenen Bands perfekt, schließlich bedient er auch den Viersaiter bei LOST BOYZ ARMY. Los ging’s mit „Stolz & stark“ über „Stadtverbot“, „Süße Träume“ und manch anderem Gassenhauer auch der anderen beiden Platten, „Was Punk ist, bestimmen wir“, „Atomkrieg jetzt“ und wie sie alle heißen. Teile des textlichen Konzepts, nämlich das provokante Verarbeiten nach vielerlei Meinung punk-untypischer Begriffe und ihre positive Besetzung und Konnotation, um Klischees infrage zu stellen, hatten sich meines Erachtens irgendwann dann doch ein bisschen abgenutzt und drohten, selbst zum Klischee zu werden. Jedoch haben COTZRAIZ auch mehr zu bieten und vermitteln live den Eindruck des absoluten Szene-Supports insofern, als man sich und die Szene, den eigenen Lebensstil etc. in kernig-frechen Hymnen reichlich selbst feiert, dabei weniger prollig als vielmehr locker-beschwingt und augenzwinkernd. Das muss auch mal sein, kann Balsam für die Seele sein und macht natürlich tierisch Laune, besonders mit ein paar Bierchen im Kopf, lädt ein zum Pogo und zum Fäusterecken, zum Mitsingen und Bierspritzen. Andere klettern schwankend auf die Bühne, annektieren das Mikro des Bassisten, während die Band sich über das Chaos freut und weiterspielt. Das Publikum geht voll mit und macht den Gig zu ‘ner großen Party. Da fällt auch schon mal ‘ne Monitorbox herunter oder ein Mikroständer um, aber im Handumdrehen wird alles wieder aufgebaut, Unterbrechungen gibt es keine. Zwei Paletten Dosenbier landen im Publikum und heizen die Stimmung weiter an. Der Bassist tauscht den Tieftöner irgendwann gegen ein Schifferklavier und nach ich weiß nicht wie vielen Hits im ‘80er-Punkrock-Stil, der sich so puristisch gibt, als wäre Heavy Metal nie erfunden worden, war dann irgendwann Sense und COTZRAIZ hinterließen der LOST BOYZ ARMY ein gut angeheitertes Publikum in Partystimmung. Die ARMY lieferte ihren Rekruten dann mit voller Kraft ein unvergleichliches, nicht nur manchmal, sondern durchgehend geiles Beispiel für Proletenpoesie, und es war so schön wie Fliegen, wieder einmal bewiesen zu bekommen, dass es auch mittlerweile lange nach Peters Trennung von den VERLORENEN JUNGS noch lange nicht vorbei ist. Nun habe ich in diesem einen Satz spaßeshalber einige Songtitel der Ruhrpott-Streetpunk-Band untergebracht, die nicht nur Songs der ersten beiden Alben, sondern auch ganz neues Material zum Besten gab und mit „Gekreuzte Hämmer“ einen DER Gänsehautsong s aus VERLORENE-JUNGS-Zeiten ins Set integrierte. Während des Gigs wurde etwas weniger gepogt, dafür die Hymnen lauthals mitgesungen, was neben den wohldosierten fröhlichen Spaß- und Trinksongs vor allem zu den persönlicheren, nachdenklicheren Texten aus Peters Feder, die viel vom alltäglichen Kampf, von auf Hochgefühle folgenden Niederlagen und Verlusten und das Immer-wieder-Aufstehen handeln und damit für ein hohes Identifikationspotential sorgen – von dem auch ich mich weder freisprechen kann noch möchte. Ein weiterer VJ-Hit, der bis zu diesem Konzert überlebt hatte, war „Stammtischstratege“, über den ich mich sehr gefreut habe. Andere Songs betonen den Wert von Freundschaften, von Individualität etc. und Peters emotionaler Interpretation seiner wohlformulierten Lyrik zuzusehen, ist ein audiovisueller Genuss, der sich nicht zuletzt aus der Authentizität der Band nährt, die keinerlei Brimborium nötig hat. Ab und zu dreht sich aber eben auch bei der Armee das Personalkarussell und so wurde es der letzte Auftritt von Gitarrist David. Diesem kann man zum gelungenen Abgang mit diesem großartigen Konzert nur gratulieren. Wenn ich mich recht entsinne, kam am Ende auch dessen Nachfolger Marius für einen Song auf die Bühne. Vielen Dank auch an Peter, der ganz überrascht war, dass ich ihm mal wieder über den Weg laufe und mir spontan einen Song gewidmet hat!? 🙂 Nach fünf Bands und ein paar Bierchen mehr kann ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnern, aber an sowat dann doch!

Fazit: Ein grandioser Konzertabend, für Hamburger Verhältnisse einfach mal wieder bischn was anderes und ein wunderbares Exempel der noch viel weiter ausbaufähigen Hamburg-Ruhrpott-Konnäktschn. Auf ein baldiges Wiedersehen!

14.03.2014, Holstenkamp, Hamburg: INBREEDING CLAN + KACKREIZ + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

inbreeding clan + kackreiz + disillusioned motherfuckers @holstenkamp, hamburg, 14.03.2014Theo feierte ihren Geburtstag und organisierte aus diesem Anlass ein Konzert auf dem Holstenkamp, wo sie zusammen mit x anderen Punks die ehemaligen Räumlichkeiten eines Pflegeheims bewohnt, die zu einer Art riesigen Punk-WG umfunktioniert wurden. Dafür liegt die ganze Chose aber auch ein bisschen dezentral, grob orientieren kann man sich am Rondenbarg, also Ecke Diebsteich da irgendwo. Pünktlich traf ich mich mit den anderen MOTHERFUCKERS am Proberaum, wo einer der Holstenkamper so nett war, unser Equipment mit einem alten Caddy abzuholen. Aufgrund der nur rudimentären Ausstattung vor Ort nahmen wir neben dem üblichen Kram Teile unserer Proberaum-P.A. mit. Bis dahin ließ sich alles ganz gut an. Einer fuhr beim Fahrer mit, wir anderen vier reisten in punk-typischer Dekadenz mit dem Taxi an. Keiner von uns Taxifahrern war schon einmal vor Ort und auch der Taxifahrer wusste nicht so ganz genau Bescheid, aber nach kurzem Fußmarsch war die „Hütte“ gefunden. Das Garagentor stand offen, das dort stehende sparsame Equipment und das vom Rondenbarg geliehene Schlagzeug zeigten an, dass hier der Gig stattfinden solle. Allerdings waren wir zunächst allein da unten und niemand gab sich uns als Ansprechpartner oder gar als Verantwortlich für das Technik-Gedöns zu erkennen. So kam es, dass den Aufbau kurzerhand wir übernahmen (dabei federführend: der sich damit glücklicherweise bestens auskennende Mike). Das hatte zur Folge, dass irgendjemand von uns immer wieder in den Wohnkomplex lief, um Kabel, wat zu trinken etc. ranzuschaffen. Dort stellte sich heraus, dass die Party bereits seit Tagen in Gang war und sich eine gewisse Katerstimmung breitgemacht hatte, die das Ganze nicht unbedingt vereinfachte. Irgendwie bekamen wir jedoch tatsächlich einen amtlichen Aufbau inkl. P.A. zusammenimprovisiert, hatten letztlich aber nur ein einziges – mein – Gesangsmikro für drei Bands. ZWECKENTFREMDUNG hatten im Vorfeld abgesagt, übrig blieben wir drei anderen, die auch allesamt vor Ort waren. An einen Beginn um 20:00 oder gar 19:00 Uhr war jedenfalls keinesfalls zu denken und bis alles stand, verstrich die eine oder andere Stunde. Langsam aber sich kamen einige Gäste zusammen, womit wir gar nicht unbedingt gerechnet hatten, da diverse Konkurrenzveranstaltungen um die Gunst des Publikums buhlten. Der Pöbel verteilte sich aber im Gebäude und lief wild durcheinander, bis wir irgendwann kurzerhand beschlossen, dass 21:30 Uhr eine gute Zeit zum Beginnen wäre und zehn Minuten vorher marktschreierisch diese Kunde durch die diversen Räumlichkeiten kolportierten. Glücklicherweise war’s auch möglich, die grelle Leuchtstoffröhre über der Bühne auszuschalten und so legten wir mit „Aktion Mutante“ los. Und siehe da, die Garage war amtlich gefüllt und der Mob sprang jauchzend und vergnügt über den Beton, hatte Bock und Spaß. Da es irgendwie außer Bier nichts zu trinken und zu essen schon gar nichts gab, hatte ich mittlerweile auch einen nicht von der Hand zu weisenden Pegel, der in Kombination mit dem Adrenalinausstoß zu einer von jeglicher Nervosität keinerlei Spur mehr aufweisenden Performance von mir führte, aber auch die Konzentration erschwerte und mich ein, zwei Mal die Texte versemmeln ließ. Vom zu großen Teilen noch volleren Publikum merkte das niemand und der Party tat’s keinen Abbruch. Seine Live-Premiere hatte unser jüngster Song „Nie der Plan“, der sich als echter Stimmbandzerfetzer herauskristallisiert, aber da muss ich ebenso durch wie das Publikum… Der geile Gig hatte für den ganzen Aufwand im Vorfeld entschädigt und nun gab ich mir richtig die Kante zu KACKREIZ, die sich als Kölner natürlich als waschechte Karnevalisten entpuppten und in abgefahrenen Kostümen schmutzige Lieder sangen, wobei es die Background-Sängerin nicht ganz leicht hatte, so ganz ohne Mikrofon. Beim geschmackvoll ausgewählten NORMAHL-Cover „Exhibitionist“ zog der Sänger/Gitarrist blank und es mich nach vorne zum Mitgrölen. Zumindest obenrum nackig machte ich mich nach diesem kurzweiligen und amüsanten Gig mit viel Asi-Charme aber erst bei INBREEDING CLAN, die ich für eine der interessantesten aktuellen Hamburger Bands halte. Wann immer die Band um Sänger Floh auftritt, kann ich nicht an mich halten, muss ich mich zwanghaft betrinken und durchdrehen. Norddeutscher Scum-Punk vom Feinsten, die beste „Ghostriders in the Sky“-Coverversion wo gibt und die Ausstrahlung atomar verstrahlter Höhlenbewohner machen die Band, die in ihrer Authentizität gar nicht auf irgendeine Theatralik setzen muss, zu etwas ganz Eigenem und Besonderem. Flohs kaputter Kloaken-Gesang, der treibende Bass und die Uffta-Drums gehen ohne Umwege direkt ins Bein und provozieren grobmotorische Eruptionen. Aus dem Konzept hab ich mich auch nicht bringen lassen, als, wie man mir erzählte, irgendeine volltrunkene Spaßbremse anscheinend der Meinung war, ich hätte ihn beim Pogo zu doll angerempelt, woraufhin er in meinem Rücken stets versuchte, mich umzustoßen – was ihm beim x-ten Anlauf schließlich gelang. Dafür hat er sich einen trotz meines Zustands gezielten Faustschlag eingefangen, woraufhin er sich nicht entblödete, mit einer Flasche auf mich losgehen zu wollen. Das unterbanden jedoch meine aufmerksamen Bandkollegen, woraufhin ich in Ruhe weiterfeiern konnte. Der Depp gab trotzdem keine Ruhe und versuchte, seinerseits Schläge zu platzieren, was ich allerdings nicht einmal wahrnahm und nach einem weiteren Einschreiten meiner Kollegen war dann auch Sense. Ab dem grandiosen INBREEDING-CLAN-Auftritt (wie schafft es Floh eigentlich, volltrunken noch so einen Auftritt abzuliefern?!) verschwimmt meine Erinnerung doch arg. Ich weiß noch, dass Leute der drei Bands miteinander jamten und damit auch zu mittlerweile weit fortgeschrittener Stunde die eigentlich so ruhige Gegend zwischen Pflegeheim und Friedhof beschallten (das Garagentor stand die gesamte Zeit weit offen – mich wundert, dass keine Bullen antrabten), ich anschließend noch den CLAN mit dummen Sprüchen nervte und irgendwann auf einem Bett sitzend einfach nach hinten umkippte und einschlief. Auch andere haben beim Gerangel bei INBREEDING CLAN leichte Blessuren davongetragen und bereits bei KACKREIZ gab es Ärger mit irgendeinem Typen, der ohne ersichtlichen Grund auf Kai losging. Überblick über irgendetwas hatte am Schluss auch niemand mehr, richtig ansprechbar war kaum noch jemand. Solche vermutlich schnapsbedingten Begleiterscheinungen werfen dann natürlich doch ihre Schatten auf einen Abend im tiefsten Untergrund, aus dem ansonsten das Beste gemacht und das Maximum herausgeholt wurde und der noch rustikaler eigentlich gar nicht hätte sein können. Dass mein altes Mikro am Ende auch noch seinen Geist aufgab, verbuche ich aber unter normalem Materialverschleiß – ebenso meine gefürchtete Kombination aus Alkohol- und Muskelkater am nächsten Tag. Das Geburtstagskind erwies sich im Nachhinein übrigens als sehr dankbar und weiß das Engagement aller Bands zu schätzen. Und gestorben ist meines Wissens auch niemand. 😉

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