Gnnis Reviews

Author: Günni (page 4 of 80)

17.07.2018, Menschenzoo, Hamburg: MDC + DR. KNOW + ANTIBASTARD

Wenn ich mich mal an ‘nem Dienstag auf ‘nen Gig begebe, muss das schon ein besonderer sein – wie dieser von MDC, die ich bisher stets verpasst hatte, aber unbedingt einmal live sehen wollte, bevor der mittlerweile über 60-jährige Dave Dictor seinen verdienten Ruhestand antritt. Parallel spielten die ADOLESCENTS im Hafenklang, sodass die Hoffnung bestand, dass der Menschenzoo nicht heillos überfüllt werden würde. Diese erfüllte sich trotz guten Besucherandrangs bei sehr fairen 10,- EUR Eintritt dann auch. Den Anfang machten die Berliner ANTIBASTARD aus dem Dunstkreis der Rigaer Straße. Die Bassdrum hüllten sie in eine Antifa-Flagge und gaben aggressiven HC-Punk mit englischen Texten ihres australischen Sängers zum Besten, der mir bestens reinlief. Dummerweise riss direkt nach dem ersten Song eine Saite, der Großteil des Sets flutschte aber geschmeidig durch. Der Sänger stieg von der Bühne und begab sich auf Augenhöhe mit dem Publikum, während gleich zwei Gitarristen in Kombination mit der Rhythmussektion einen grob auf der UK82-Schule fußenden Sound erzeugten, der auch mal Raum für etwas Melodie und das eine oder andere Gitarrensolo bot.  In den Texten schien man sich vorrangig über gesellschaftliche Missstände Luft zu  verschaffen, aber auch den Schicksalsschlag in Form ihres im letzten Jahr verstorbenen ehemaligen Gitarristen verarbeiteten ANTIBASTARD in einem Song. Als 14. und letzte Nummer peitschte man das MINOR-THREAT-Cover „I Don’t Wanna Hear It“ durch und besiegelte damit einen Auftritt, der auf ein starkes Debütalbum hoffen lässt!

Obwohl ich in Sachen ‘80er-Crossover und Artverwandtem eigentlich recht bewandert bin, hatte ich DR. KNOW aus Kalifornien überhaupt nicht auf dem Schirm. Das Cover der zweiten Langrille „Wreckage in Flesh“ kommt mir aber bekannt vor; gut möglich, dass ich mir die Platte mal angehört, aber als nicht geil genug erachtet hatte. In den ‘90ern war jedenfalls Funkstille, seit 2001 ist man aber wieder am Start und hat seither drei weitere Alben veröffentlicht. Nichts davon habe ich gehört, kann mich also nicht zum Live-Verhältnis  von Klassikern zu jüngerem Stoff äußern. Es klang jedenfalls alles nach ‘ner durchaus potenten Mischung aus altem US-HC und Oldschool-Thrash, wobei das Pendel mal mehr in die eine, mal in die andere Richtung ausschlug. Manches tönte dann ehrlich gesagt auch einfach wie ein überlanger HC-Song mit metallischem Gitarrensolo zwischendurch. Es waren aber auch viele musikalisch wirklich gute, treibende, arschtretende Songs darunter, die Laune machten. Auf Dauer war mir aber der Gesang etwas zu gleichförmig und nicht aggressiv genug. Kurios: Erst mitten im Set verteilte der Bassist die Setlists und unters Publikum hatte sich Jarvis Leatherby, Sänger und Bassist der kalifornischen Oldschool-Metaller NIGHT DEMON, gemischt. Während ich das hier schreibe, läuft übrigens das Debüt-Album per YouTube, ziemlich töfter HC/Früh-Crossover. Den o.g. Nachfolger hatte ich eben auch noch mal angespielt, mit dem orientierte man sich wesentlich weiter in Richtung Metal. Höre ich mir vielleicht noch mal in Ruhe an.

MDC ließen sich dann reichlich Zeit mit dem Umbau; einen Gedanken daran, dass es Leute gibt, die an einem Mittwochmorgen früh zur Maloche müssen, schienen sie nicht zu verschwenden. Irgendwann bequemten sich Mr. Dictor und seine aktuelle Gefolgschaft dann doch noch auf die Bretter und lieferten einen Auftritt, für den sich das Warten gelohnt hatte (das indes gut mit kalten Getränken und Gesprächen, u.a. über australische Spinnen mit dem ANTIBASTARD-Sänger, überbrückt wurde): Dave & Co. sind fit und haben Bock. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, sämtliche MDC-Songs auseinanderhalten zu können. Wirklich kennen und besitzen tue ich lediglich das Debüt (und die uralte Stains-Single) und davon einmal abgesehen ähneln sich gerade die älteren eruptiven, kurzen Hektik-HC-Kisten doch mitunter stark. MDC schienen mir aber einen Mix aus alten Klassikern und einigen dann auch mal etwas ruhigeren Songs vom neuen Album „Mein Trumpf“ zu spielen.  Dave sprechshoutete und pöbelte sich pointiert durch das Material, seine Klampfer unterstützen ihn dabei zeitweise durch etwas Background-/Gangshout-Gebelle und gleich vom ersten Song an brach vor der Bühne die Hölle los. Die Publikumsreaktionen vollzogen sich fortan in Wellenbewegungen: Durchdrehen, abflauen, (relative) Ruhe, wieder Durchdrehen usw. Ob’s an der Popularität der jeweiligen Songs lag oder eher konditionelle Gründe hatte, weiß ich nicht, aber inkl. ANTIBASTARD-Sänger zählte ich zwei Crowdsurfer und zu „John Wayne Was a Nazi“ war dann eher Skandieren, Fäusterecken und Mitgrölen denn Blutpogo und Akrobatik angesagt. Alles in allem hat’s ordentlich gescheppert; ich hab‘ mich riesig gefreut, MDC endlich mal live, in Farbe und dreidimensional zu sehen und da einen Haken dranmachen zu können, und fand’s auch gar nicht schlecht, das Ende der Sommersemester-Vorlesungszeit mit einem HC-Gig und manch Ratsherrn zu feiern – die Maloche habe ich dabei einfach mal gedanklich beiseitegeschoben. Selbst der verdammte ÖPNV konnte mir dann nichts mehr: Erst sollten Nachtbusse fahren, dann irgendwie doch nicht, durch die Scheiße stieg ich nicht mehr durch, bin ich halt zu Fuß gegangen und hab‘ den sommernächtlichen Spaziergang genossen. MDC statt HVV!

13.07.2018, Menschenzoo, Hamburg: VITAMIN X + TENDENCIA + SOULFORGER

Als dieses Konzert der kubanischen Ethno-Groove-Metaller TENDENCIA anberaumt wurde, hatte Menschenzoo-Booker Martin ursprünglich meine Krawallcombo gefragt, ob wir die Vorband machen könnten. Das fiel leider aufgrund beruflicher Verpflichtungen Eisenkalles flach und auch das Angebot, dort als DJ aufzulegen, musste ich ausschlagen, da ich am nächsten Tag relativ früh raus musste. Das Konzert wollte ich mir aber nicht entgehen lassen. Die norddeutschen SOULFORGER machten den Anfang im ca. halbvollen Zoo. Ihren Stil beschreibt diese Band, von der ich zuvor noch nie etwas gehört hatte und die sich anscheinend sehr rar macht, als Melodic Death Metal – anfänglich klangen sie mir jedoch angenehmerweise mehr nach alten SEPULTURA, also nach ruppigem Oldschool-Aggro-Thrash. Tatsächlich wurd’s dann zunehmend melodeathiger mit atmosphärischen bis epischen Melodiebögen, manch Blastbeat-Passage klang sogar richtiggehend angeschwärzt. Kleinere Timingprobleme hier und da änderten nichts am gelungenen Gig, der augen- und ohrenscheinlich recht gut ankam, wenngleich es sich kaum um die bevorzugte Musikrichtung der meisten Anwesenden gehandelt haben dürfte. Diese schienen diesen Blick über den Tellerrand aber durchaus wohlwollend zu goutieren.

TENDENCIA, die bereits 1995 ihr erstes Demo und mittlerweile vier Alben veröffentlicht haben, hatte ich erstmals zur Kenntnis genommen, als ich die Kuba-Reise- und Konzertberichte von COR las. Das ist schon wieder eine Weile her, mich näher mit der Band befasst hatte ich nie – ging also in jeglicher Hinsicht unvoreingenommen an ihren Gig heran. Zu sechst drängelten sich die Kubaner, die sich gerade auf Europa-Tour befanden, auf der kleinen Bühne, inkl. zusätzlichem Handtrommelspieler und einem Zottelbär von einem Shouter.  Schwerster Groove-Thrash mit folkloristischen Einlagen à la mittlere SEPULTURA oder SOULFLY walzte über das die Bude endgültig zur Sauna verwandelnde,  neugierige Publikum hinweg, das die Fläche vor der Bühne nun komplett in Anspruch nahm. Kehliges Gebrüll zu derbe schrotenden Gitarren über einer Rhythmusfraktion, die ihre doppelten Percussions gewinnbringend einzusetzen wusste und damit so richtig schön auf die Kacke haute. Enorm zum Unterhaltungsfaktor trug der in ein DRITTE-WAHL-Shirt gewandte Gitarrist bei, der offenbar als Sprachrohr der Band fungiert und extrem kommunikationsfreudig mit dem Publikum interagierte. Dies tat er auf Englisch, während der Großteil des Songmaterials auf Spanisch gebrüllt wurde. Eine Ausnahme war natürlich das SEPULTURA-Cover „Territory“, das einem das Fell über die Ohren zog, übrigens im Refrain unter Beteiligung von VIOLENT-INSTINCT-Drummer Stephan, der in der erste Reihe lauthals mitgrölte und das Mikro hingehalten bekam. Ein weiteres Cover war die sehr eigenwillige Neuinterpretation des Evergreens „Guantanamera“, begleitet von militärischen Gesten des zweiten Gitarristen. Im Antibullensong „Puta“ wurde bischn gerappt, Höhepunkt des Songs war aber ein Mitsingspiel, um, wie man uns erklärte, Bullenspitzel im Publikum von den anderen Gästen unterscheiden zu können: So galt es, immer das Gegenteil davon zu singen, was von der Bühne vorgegeben wurde, womit Bullen bereits überfordert seien.  „Say: Ja ja ja!“ – „Nein nein nein!“ schallte es durch den Menschenzoo, bis die Vorgaben derart verkompliziert wurden, dass auch ich überfordert war…  Der Bandkommunikator erwähnte seine Deutschland-Connection bestehend aus Impact Records, den DÖDELHAIEn, DRITTE WAHL usw. lobend und stellte in Aussicht, Deutsch zu lernen, um auf dem nächsten Album neben spanischen und englischen Songs und deutschsprachige Stücke unterbringen zu können, die wir dann alle verstehen würden. Daraufhin eine Stimme aus dem Publikum, ironischerweise auf Deutsch: „Wir können auch Englisch!“ Bei verdammt knackigem P.A.-Sound und bester Stimmung wurde weiter eine Brachialkeule nach der anderen durchgeholzt und am Ende ‘ne Zugabe gefordert, aus der gleich drei wurden. Anschließend posierte man gar noch für ein Foto mit dem Publikum im Hintergrund, wie ich’s eigentlich nur von großen Bühnen her kenne. TENDENCIA boten eine perfekte Kombination aus Brutalität, Spielfreude, Intensität, Exotik sowie authentisch und voller Inbrunst gespielten, geilen Songs und hinterließen so ein begeistertes, aber auch ausgepowertes Publikum, das sich alsbald über den Merch-Stand hermachte.

Mit ihrem schwerst unterhaltsamen, mitreißenden, absolut Headliner-würdigen Auftritt haben TENDENCIA den Amsterdamern VITAMIN X schon ein bisschen die Show gestohlen. Viele waren anscheinend auch gut durchgedengelt, sodass sich der Menschenzoo deutlich lichtete. Zum rabiaten, vollkommen unprätentiösen Oldschool-Hardcore, meist pfeilschnell gezockt und kurzgehalten, wurden Konfettikanonen gezündet und vor der Bühne ging’s auch rund.  Nur zog sich eben kein ganzer Pulk mehr von vorne bis zum Mischpult. VITAMIN X sind ja nun schon lange wahrlich kein Geheimtipp mehr, aber immer fest im Underground verwurzelt geblieben. Dennoch habe ich sie an diesem erstmals live gesehen, würde das aber gern viel öfter tun, denn das war nicht nur ein schöner musikalischer Kontrast zu TENDENCIA, sondern auch die gute alte Hektiker-Schule, die ich so viel lieber mag als den protzigen, schwerfälligen Brüllaffen-Core manch Mitbewerbers. VITAMIN X waren mit ihrem Set dann auch wesentlich schneller als ihre Vorgänger durch, blickten aber etwas verdutzt drein, als niemand eine Zugabe forderte. Die Luft schien den Leuten endgültig ausgegangen zu sein.

Zweifelsohne war dieser Abend einer meiner Konzert-Höhepunkte der Saison. Eine bunt gemischte Zusammenstellung im Zeichen des musikalischen Freigeists. Die 10,- EUR für den Eintritt waren bestens investiert und auch für den Abergläubischsten sollte absolut nichts darauf hingedeutet haben, dass es sich um einen Freitag den 13. handelte. Darauf einen Cuba Libre!

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Grenzfall

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, zu denen die DDR kaum Thema im Schulunterricht war. U.a. um dies zu ändern haben Bundesstiftungen wie diejenige „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ eine Reihe von Comics gefördert, die sich möglichst sachlich zumindest mit einzelnen Aspekten der DDR-Geschichte auseinandersetzen und sich effektiv als Unterrichtmaterialien einsetzen lassen sollen. Die Comicform soll dabei helfen, Berührungsängste abzubauen, niedrigschwellig jungen Lesern den Zugang zu ermöglichen und diese für die Thematik zu interessieren. Eines dieser Werke ist der rund 100-seitige broschierte Band „Grenzfall“, der im März 2011 im Avant-Verlag erschienen ist. Die Autoren und Zeichner Thomas Henseler und Susanne Buddenberg widmen sich hier der zu DDR-Zeiten oppositionellen Untergrundzeitung gleichen Namens, die es ab 1986 auf 17 in Ostberlin von der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ produzierte Ausgaben brachte. Mitherausgeber war Peter Grimm, der an diesem Buch mitgearbeitet hat und aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dabei wurden „aus dramaturgischen Gründen […] Abläufe und Personengruppen zusammengefasst“, heißt es im Vorfeld.

Nach einem kurzen Prolog gibt sich der Peter Grimm des Jahres 2011 als autodiegetischer Erzähler zu erkennen, der seine persönlichen Erinnerungen schildert. Von da an werden die narrativierenden Blocktexte in Vergangenheitsform formuliert, was den Eindruck subjektiver Erinnerungsschilderungen Grimms erzeugt. Der Comic steigt im Jahre 1982 ein und zeigt, wie der mit dem System unzufriedene Peter Grimm auf die oppositionelle Familie Havemann stößt und bald ins Visier der Staatssicherheit gerät, woraufhin er vom Abitur ausgeschlossen wird und schließlich zusammen mit anderen Oppositionellen im Schutz der Kirche die Zeitung „Grenzfall“ herausbringt. Minutiös wird die gefährliche, konspirative Vorgehensweise nachgezeichnet, bis in der Nacht vom 24. auf den 25. November die Falle der Stasi, der es gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, zuschnappte. Durch Kontakte zu BRD-Journalisten und die daraus resultierende Berichterstattung in bundesdeutschen Medien verzeichnete die Zeitung jedoch einen Popularitätsschub und zahlreiche Solidaritätsbekundungen führten zur baldigen Freilassung der inhaftierten Untergrund-Journalisten. Die Stasi hatte damit einen Pyrrhussieg errungen; die Aktion galt als wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur friedlichen Revolution, aus der schließlich 1989 die Wende hervorging.

All dies wird einerseits beinahe filmisch in Form einer spannenden Geschichte aufgearbeitet, andererseits aber auch sehr nüchtern vorgegangen: Die Zeichnungen sind schwarzweiß und naturalistisch, zahlreiche Auszüge aus Stasi-Berichten und reproduzierte Originalplakate sowie teilweise 1:1 nachgezeichnete Fotografien wurden integriert und dienen als textuelle und visuelle Authentisierungsmittel. Ein bestimmte Vokabeln erläuterndes und einordnendes Glossar sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis dienen darüber hinaus als paratextuelle Authentisierungsmittel. Damit ist „Grenzfall“ ein schönes Beispiel für sehr exaktes Arbeiten nahe an der Realität und die Verwendung sowie Verarbeitung authentischer Quellen auch über Zeitzeugen hinaus, wodurch das Buch tatsächlich seinem Bildungsanspruch gerecht wird. Ähnlich wie bei „Kinderland“ handelt es sich um eine Entwicklungsgeschichte, wohingegen der streng naturalistische, farblose Zeichenstil sich bewusst dem Inhalt unterordnet, von dem er in seiner Nüchternheit nicht ablenken will. Das macht „Grenzfall“ auf der visuellen Ebene dann auch etwas dröge, das Künstlerische muss hinter dem Aufklärerischen zurückstecken.

Anders als „Kinderland“ wurde „Grenzfall“ jedoch auch als Erfolgsgeschichte konzipiert; der Comic endet mit der Freilassung der Inhaftierten und dem Verweis auf die Revolution 1989. So sehr sich anhand der Geschichte exemplarisch die Probleme der nichtvorhandenen Pressefreiheit in der DDR abbilden lassen, so sehr hadere ich dem suggerierten nachhaltigen Erfolg. Die während der Wendezeit aufgekeimten Hoffnungen auf einen neuen, gerechteren deutschen Staat gerade auch vieler DDR-Oppositioneller zerschlugen sich bald, die DDR bekam den BRD-Kapitalismus übergestülpt und wurde durch die Treuhand und ihre Nutznießer ausgeplündert. Die Folge waren Massenarbeitslosigkeit und Existenznöte, politische Versäumnisse, für die u.a. die Kosten der Wiedervereinigung mitverantwortlich gemacht wurden. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Klimas erstarkte der Rechtsextremismus, der unschuldige Menschenleben forderte. Peter Grimms „Initiative Frieden und Menschenrechte“ ging im „Bündnis 90“ und schließlich in der Grünen Partei auf, die vom Frieden alsbald nichts mehr wissen wollte und sich willfährig am völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg beteiligte. Hatten die „Grenzfall“-Herausgeber dafür gekämpft?

Mawil – Kinderland

Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins aus als zu pubertieren beginnender Dreikäsehoch mit.

Mawils „Kinderland“ zeigt den Alltag des Ostberliner Siebtklässlers Mirco Watzke zwischen Familie, Schule – vor allem Schulpausen – und Pionierdasein im Jahr 1989 noch vor der Grenzöffnung. Er entdeckt seine Leidenschaft und sein Talent für Tischtennis, hat Ärger mit den Raufbolden der Schule und lernt im frisch an seine Schule versetzten Torsten Maslowski einen Freund kennen, der anders ist als andere: Er ist kein Pionier und lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen, seit sein Vater in die BRD abgehauen ist. Er besitzt neben einer oftmals provokanten Art auch ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen, das Mirco imponiert. Als man sich mit der Idee durchsetzt, ein Tischtennisturnier an der Schule zu veranstalten, brennt Mirco dafür – die urplötzliche Grenzöffnung wirkt da eigentlich nur wie ein Störfaktor, denn sie verhindert das Stattfinden des Turniers. Kurz nach der Grenzöffnung endet die Geschichte.

Zahlreiche Besonderheiten der DDR sind auf ganz selbstverständliche Weise in den Comic integriert, ohne näher erklärt zu werden. Ein gewisses Vorwissen erweist sich daher durchaus als nützlich, um alles zu verstehen. Manch Detail kann zudem verloren gehen oder manch Gag nicht richtig funktionieren, wenn man mit der DDR-Kultur und -Gesellschaft gänzlich unvertraut ist. Doch genau diese Detailverliebtheit ist es, die „Kinderland“ Mawils krakeligem Funny-Stil zum Trotz auszeichnet, zeichnet sie doch aus multiperspektivischer Binnenperspektive ein überraschend realitätsgetreues Bild der DDR vornehmlich aus Kindersicht nach, wie es von den damals Heranwachsenden empfunden und erlebt wurde: Ein als selbstverständlich erachtetes Leben mit allen Irrungen, Wirrungen und Einschränkungen des DDR-Alltags, das eben nicht hauptsächlich von Repression und Militarismus geprägt war, sondern von einer eigenen bzw. einer Mischkultur aus ost- und westdeutschen Elementen: Das innere Titelblatt ist alten DDR-Schulheften nachempfunden, Schüler fahren mit großen Linienbussen, Pioniere sammeln Wertstoffe und singen in falschem Englisch zu Depeche Mode mit, deren Schallplatten teuer, rar und begehrte Tauschobjekte sind, gebadet wird nackt an FKK-Stränden, kleine Geschwister fürchten sich vorm „Gespenster-Duett“ des kultgewordenen „Traumzauberbaum“-Kinderlieder-Albums mit Hörspiel-Elementen des begnadeten Komponisten Reinhard Lakomy und in Mircos Zimmer finden sich „Mosaik“-Bildergeschichten ebenso wie Pittiplatsch, Sandmännchen und ein Schlumpf. Doch 1989 kommt Mitschülerin Peggy Kachelsky nicht mehr aus den Sommerferien zurück, weil ihre Eltern „rübergemacht“ haben, die strenge Russischlehrerin gibt sich nach außen hin überzogen staatstreu, doch schaut heimlich Westfernsehen und liest neben dem „Neuen Deutschland“ den „Spiegel“, der „Sputnik“ berichtet von Glasnost und Perestroika und Mirco bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er beim Belauschen seiner Eltern aufschnappt, dass auch sie sich mit dem Gedanken an eine Übersiedlung beschäftigen. Doch so viel Veränderung auch in der Luft liegt – in der Schule nervt FDJ-Pioniergruppenratsvorsitzende Angela Werkel (als Anspielung auf Angela Merkels FDJ-Engagement) unbeirrt als linientreue Klassenstreberin und der ständig hustende, rauchende Sportlehrer verwaltet im NVA-Trainingsanzug Material und Geräte. Was wirklich gerade in der DDR vor sich geht, bekommen Mirco und seine Mitschülerinnen und Mitschüler lediglich am Rande mit und tangiert sie in ihrem Alltag nur peripher.

Mirco ist wesentlich kleiner als Gleichaltrige und zudem Brillenträger. Er wirkt dadurch schmächtig, evtl. gar entwicklungsgehemmt. Dies ist zum Verständnis der Figur von Bedeutung: verunsichert bis ängstlich, körperlich unterlegen, nach Erkennen seines Tischtennis-Talents sich in diesen Sport hineinsteigernd – weil er endlich etwas gefunden hat, in dem er besser ist als andere. Zudem stammt er aus einer religiösen Familie und sucht regelmäßig den Gottesdienst auf – in der DDR eher Ausnahme als Regel. So verunsichert er im Alltag wirkt, so verbissen steigert er sich in den Sport hinein und entwickelt sich dadurch vom Außenseiter zum beliebteren, respektierten Tischtennis-Ass. Parallel entwickeln sich erste mit der Pubertät einhergehende Herausforderungen, was der Geschichte ebenso ihren Coming-of-Age-Aspekt verleiht wie die beinahe symbolische Einleitung des Endes seiner Kindheit durch die Grenzöffnung.

Dennoch ist „Kinderland“ keine Ausreise- oder gar Fluchtgeschichte wie so viele andere Wende-Comics. Auch reflektiert „Kinderland“ weniger das politische System, klagt nicht an, ist humorvoller. Vielmehr holt es Erinnerungen jener Generation DDR-Kinder hervor, deren Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Untergang des Staats einherging, jener, die sich so häufig Jahre später auf die Suche nach ihren Wurzeln begaben (oder begeben) und ihre Kindheit zu rekonstruieren versuchen. Hierbei kann „Kinderland“ eine große Hilfe sein, nicht zuletzt, weil es – ganz wie so viele Kinder zu DDR-Zeiten – die SED-Herrschaft weder glorifiziert noch verurteilt, wenngleich „Kinderland“ natürlich viele kritische Ansätze nicht außer Acht lässt. Wie es Mawil gelungen ist, diese durch die Augen eines unpolitischen Kinds zu verarbeiten, gebührt Anerkennung. Die Rolle des Unangepassten, Rebellischen wird Torsten Maslowski zuteil, der hier jedoch vor allem ein vom Schicksal gebeutelter, unausgeglichener, von Verlustängsten geplagter Junge ist.

Formal bedient sich Mawil eines relativ starren Seitenaufbaus von meist drei Panelzeilen, während die Panels jedoch immer wieder aufgebrochen oder überlagert werden. Mimik, Körpersprache/Gestik u.ä. kommen expressiv zur Geltung, eine Erzählinstanz, begleitende bzw. erläuternde Blocktexte o.ä. fehlen komplett. Die Leserinnen und Leser sind also angehalten, die Bilder und Geschehnisse selbst einzuordnen. Überlagernde Sprechblasen drücken akustische Dominanz aus, schwer oder gar nicht lesbare Sprechblaseninhalte ihr Gegenteil. Auf dialoglose Panelfolgen treffen vor Sprechblasen voll pubertärem Geplapper nur so wimmelnde, in denen auch von Rechtschreibkonventionen abweichende Umgangssprache Einzug hält. Unkonventionell, eigentlich orthographisch verkehrt ist die vollständige Unterschlagung des „ß“ in den offenbar handgeletterten Texten. Im Kontrast zum Zeichenstil stehen naturalistische bis fotorealistische Details wie die DDR-Flagge, ein LP-Cover oder ein Porträt Honeckers.

Trotz seiner 300 Seiten liest sich Mawils „Kinderland“ rasch, denn man möchte es nicht so schnell aus der Hand legen, sind einem die Figuren erst einmal ans Herz gewachsen. Nicht nur deshalb ist „Kinderland“ unter den zahlreichen Wende-Comics bzw. Graphic Novels dieses Themenkomplexes einer meiner Favoriten – vielleicht auch aufgrund gewisser Parallelen zwischen Mircos und meiner Biographie.

30.06.2018, Gängeviertel, Hamburg: Vier Jahre Beyond Borders mit DÖDELHAIE + SPEICHELBROISS + ABSTURTZ + LOSER YOUTH + ENDSTATION CHAOS

Anlässlich ihres mittlerweile vierjährigen Bestehens gab die umtriebige Beyond-Borders-Konzertgruppe sich und allen, die Bock darauf hatten, eine Riesenparty in der Fabrique des Gängeviertels, als Headliner hatte sie sich die Duisburger DÖDELHAIE zu ihrem unfassbarerweise erst zweiten (!) Gig in Hamburg geangelt. Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Beyond-Borders-Konzert war. Wenn bereits OUT OF STEP + FIRM HAND + FAST SHIT damals von ihnen organisiert wurde, war es das, erstmals das Logo auf dem Flyer gesehen habe ich aber bei LADEHEMMUNG + ABSTURTZ + THANHEISER. Seitdem habe ich eine Vielzahl ihrer Veranstaltungen besucht und mit BOLANOW BRAWL auch selbst 2x für sie die Bühne besudelt. Beyond Borders bereichern seither die Hamburger Konzertlandschaft um Punk-, Oi!- und Hardcore-Veranstaltungen und schrecken auch vor Ausflügen in genrefremde Gefilde nicht zurück. Bei alldem haben sie stets gute Arbeit geleistet und so natürlich auch an diesem Abend, der ziemlich pünktlich mit den Erzgebirglern ENDSTATION CHAOS begann. Statt Banner aufzuhängen wurden diesmal übrigens erstmals die Bandlogos an die Wand hinterm Drumkit projiziert – Punk Rock meets Hightech! Die Sachsen spielten deutschsprachigen Punkrock mit radikalem gesellschafts-, sozial- und politkritischem Anspruch, der z.B. in „Volk halt’s Maul“ Ausdruck fand. Anfänglich war das Gitarrengeschrammel eher fürs Hintergrundrauschen zuständig, dafür die Bassläufe sehr dominant und melodiegebend, wie’s bei Oldschool-HC-Punk ja häufig Usus war. Das kam schon mal ganz gut. Im weiteren Verlauf übernahm die Gitarre jedoch immer mehr Lead-Parts, monoton klang’s dadurch nie. Der raue Gesang des Frontmanns und gute, kräftige Chöre machten unmissverständlich klar, dass Flüchtlinge willkommen sind, Bullen, Nationalisten und ähnliche unliebsame Zeitgenossen hingegen weniger und mit einem tatsächlich verdammt geilen Song gegen Nazis bewies man, dass es sich auch in ästhetischer Hinsicht lohnt, dieses Feld weiterhin künstlerisch-musikalisch zu beackern. Einige Gesangsparts übernahm der Bassist, der Drummer integrierte immer mal wieder coole Breaks in sein Spiel und der Gitarrist wurde irgendwann flügge und tingelte durchs Publikum. Gelungener Gig einer Band mit sympathischem Auftreten. Schmunzeln musste ich angesichts des Texts, den die am Merchstand positionierte LED-Leuchtbox verriet: „Endstation Merch-Chaos“. Ich kann’s mir bildlich vorstellen: „Äh, keine Ahnung, was die Platte kosten soll. Und das T-Shirt in L? Müsste ich gucken… Welches wolltest du noch mal? Ja, die Aufnäher müssten hier auch noch irgendwo sein, ich kram‘ mal in den Kisten… Wie viel hattest du mir gegeben? Finde das Wechselgeld gerade nicht…“

Was genau die LOSER YOUTH nun eigentlich verloren hat, ist nach wie vor unklar, jedenfalls sicher nicht an Lungenvolumen und dem Gespür dafür, wie man die Meute in Bewegung versetzt: Der Riesenstrauß bunter Herzchen-Luftballons, mutmaßlich alle von den Bandmitgliedern nach strengem D.I.Y.-Kodex selbstaufgeblasen, sorgte für viele Schmetter- und Kick-Moves im Publikum, während das Trio seine kurzen HC-Punk-Kracher in deutscher Sprache von der Bühne schleuderte und zwischendurch mit lakonischen Ansagen garnierte. Wie auch bei BRUTALE GRUPPE 5000, LOSER-YOUTH-Thommys anderer Baustelle, gefällt mir der Humor der Band sehr, wobei die Songtexte hier auf einem wesentlich realitätsnäheren Fundament fußen als im Falle der paranoiden BG5000-Laserpunks und keinem derart festgezurrten Konzept folgen. Der Humor generiert sich neben dem Habitus der Band vielmehr aus dem Faible, bestimmte Sachverhalte in textlich unheimlich gekürzte, prägnante Form zu bringen, auf einfache Formeln zu reduzieren, gern angereichert mit Übertreibungen und Gepöbel – also das Gegenteil von verkopftem Wischiwaschi-Punk – und ist unterschwelliger Natur, dabei längst nicht bei jedem Song vorhanden: Eine Vielzahl beschreibt auch einfach Phänomene, Entwicklungen und Missstände, zu denen es tatsächlich keiner weiteren Worte bedarf. Wo andere Bands mit 2,5- bis 3-minütigen Songs die Aufmerksamkeitsspanne ihres reizüberfluteten Publikums auf eine harte Probe stellen würden, ist bei der LOSER YOUTH oft nach dem ersten Refrain schon wieder Schluss, weshalb man innerhalb eines regulären Gigs ca. 77 Songs unterkriegen würde. Da man so viele gar nicht hat, gehen die Gigs halt nicht so lang. In seinen besten Momenten erinnert das Ganze sogar ein bisschen an die DEAD KENNEDYS zu „In God We Trust, Inc.“-Zeiten. Auch unabhängig von den Ballons geriet der Mob in Bewegung; der Typ, der sich stattdessen regungslos vor die Bühne gesetzt hatte, übergab sich dort allerdings – wenngleich er dies sicher nicht als Statement zur Band missverstanden wissen will. Bester Song: „Punk und Polizei 2“, die inoffizielle Fortsetzung eines der beschissensten D-Punk-Schlagers. Ich mag die Idee, an bekannte Songtitel einfach eine 2 anzuhängen, deshalb demnächst von DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS: „Blitzkrieg Bop 2“.

Bei ABSTURTZ hat wurde die Besetzung auf Quartettgröße erweitert und auch die Instrumentenzuordnungen wurden neu ausgewürfelt: Der Neuzugang bei den Dithmarschern sitzt an den Trommeln (und spielt technisch verdammt lässig und erstaunlich versiert aus dem Handgelenk), Hannes übernahm dafür den Bass, der bisherige Bassist die nun zweite Gitarre. Damit lässt sich noch mehr Krach und Druck erzeugen, bisher stand Sänger und Gitarrist Heiner mit seiner Klampfe ja allein auf weiter Flur – was ihn nicht abhielt, diverse Soli zu gniedeln und sich die Seele aus dem Leib zu bölken. In Sachen Intensität stand dieser ABSTURTZ-Gig den vorausgegangenen also in nichts nach, eher im Gegenteil: Durch die neue Konstellation wird Heiner etwas entlastet, wodurch er sich noch mehr aufs Wesentliche konzentrieren kann. Aus Solidarität bestellte ich mir ein Dithmarscher (statt des von mir im Gängeviertel ansonsten bevorzugten Premiums) und zog mir den großartigen, stürmischen Sound der Band mit seinen durch die Gitarren-Leads dezenten Metal-Anleihen und den Fäusteballtexten rein und sang die hymnischen Refrains mit. Die Meute drehte nun endgültig durch und feierte, was die Kondition hergab. Gegen Ende waren ABSTURTZ überrascht, noch zehn Minuten Spielzeit zu haben (lag’s an den kurzen LOSER-YOUTH-Songs?) und schöpften sofort noch mal aus dem Vollen. Die Ansage „Jetzt mal was Schnelles zum Abgehen!“ ließ mich schmunzeln – als sei das Zeug davor balladesk gewesen. Vor einem neuen Song über Flüchtlinge weihte man das Publikum in technische Details ein: „Chrischan und ich müssen jetzt auf G runterstimmen!“ Der Kid-Punk-Klassiker aus den ABSTURTZ-Anfangstagen „Es ist schön, ein Punk zu sein“ wurde mit lautem „Sha la la la la!“ erwidert und rundete den Gig perfekt ab. Auf dass die Dithmarscher-Hamburger Freundschaft uns noch viele solcher Konzerte – und bald mal ‘ne neue Platte – bescheren möge!

Aus den Oberpfälzern von SPEICHELBROISS habe ich mir hingegen nie viel gemacht. In den 2000ern waren sie eine von unendlich vielen Bands auf dem unsäglichen „Nix Gut“-Label  und spielten so’n typisches Deutschpunk-Ding mit metallischer Klampfe, dem’s mir am gewissen Etwas fehlte. Allerdings gehört meines Erachtens in jede Stadt eine Punkband, so auch nach Weiden; und ich habe Respekt davor, wie lange es die Band schon gibt – wenn ich mich nicht täusche, steht bald das 25-jährige Jubiläum ins Haus. Die Erfahrung merkte man ihnen dann auch an, das Live-Zusammenspiel klappte sehr „tight“, wie man so schön sagt. Die etwas höhere Stimmlage des rotzigen Hauptgesangs ist Geschmackssache, die Gangshouts saßen aber auf den Punkt. Das wird vermutlich eine Art Best-Of-Set durch alle vier Alben gewesen sein, mit dem man sich das Hamburger Publikum erspielte und zum Tanzen brachte. Bisweilen fühlte ich mich auch an jüngere Combos erinnert, die sich voll und ganz dem „Deutschpunk-Konzept“ verschrieben haben, was auch immer das genau sein mag. Live jedenfalls waren SPEICHELBROISS an diesem Abend völlig ok, wenn auch nicht so mitreißend wie ABSTURTZ.

Nun aber: Gute zwei Jahre nach ihrem HH-Debüt im Menschenzoo konnten es diverse verkehrstechnische Widrigkeiten im Verbund mit dunklen Mächten nicht verhindern, dass der schlimmste Schrecken seit dem Weißen Hai seine Schwanzflosse im Gängeviertel erblicken ließ, um einen zerstörerischen Sharknado zu entfachen. Das Set dürfte weitestgehend dasselbe wie damals gewesen sein, sprich: Das eingedeutschte russische Traditional „Heute Nacht“ eröffnete ein Spaßbad mit weiteren Kulthits wie „Weiter gehn“, „Radieschen auf Frischkäse“, dem Monty Python’schen „Holzfällerlied“, der Anti-Bullen-Hymne „Gerechtigkeit“, dem ebenfalls auf Deutsch adaptierten ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“, „Die letzte Schlacht“ von TON STEINE SCHERBEN und „Memmen“, einst bekannt als „Memory“ aus dem „Cats“-Musical, gesungen von Gastchanteuse Eva. Eingebettet wurde das Programm in ein Punk-Kabarett vom Gitarristen und dauergrinsenden Laberkopp Andy Kulosa, der sich die abstrusesten Geschichten um die Songs herum einfallen ließ – und damit auch wieder diesen einen Typen provozierte, der von Konzert zu Konzert durch die ganze Republik zieht, um bei jeder länger als 15-sekündigen Ansage „Halt’s Maul und spiel!“ zu brüllen. Gehört einfach dazu! Der Humor läuft mir ebenso gut rein wie der Sound mit seinen ebenfalls nicht immer ganz unmetallischen zwei Gitarren inkl. vielen eingängigen Leads. Die Stimmung erreichte erwartungsgemäß ihren Höhepunkt, ich war mittlerweile volltrunken und euphorisiert und ward lauthals die Songtexte skandierend vor der Bühne gesehen. Das war alles großes Punk-Entertainment, eben der Haifisch im Karpfenteich. Schade nur, dass wieder so viele Hits ausgespart wurden. So gab es wieder fast nichts vom unterbewerteten „Mitternacht“-Album mit seiner herrlich düsteren Atmosphäre, immer noch kein „Spiegelbild“, von „Feinde“ ganz zu schweigen. Mit diesem Set könnte man die DÖDELHAIE fast für eine Coverband halten. Da die Herren nun aber regelmäßig in Hamburg spielen werden, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass man auch mal wieder tiefer im eigenen Fundus fischen wird. Zwischendurch betrat der für diesen Abend auserkorene Konzertgruppensprecher die Bühne, um anlässlich des Jubiläums eine wohlformulierte Ansprache zu halten, die neben dem Spaß an den Gigs den Aspekt der gegenseitigen Vernetzung hervorhob – den ich nur bestätigen kann. Neben ABSTURTZ waren die Haie übrigens die mindestens zweite Band, bei der ein Brüderpaar auf der Bühne weilte: Andys Bruder Hardy an den Kesseln war gerade jugendliche 50 Lenze geworden. Glückwunsch noch mal an dieser Stelle und hoffentlich bis bald!

DJ-Sets hielten die Gäste im Anschluss noch in der Fabrique und ich glaube, eine Weile (auf die berühmten „Absacker“…) hing ich dort auch noch herum, bis wir uns ein Taxi zum Treibeis nahmen und uns dort den Rest gaben. Dass ich mich am nächsten Vormittag beim Brötchenholen noch immer betrunken fühlte, war so nicht geplant, wurde dem Anlass aber gerecht. Beyond Borders haben dick aufgefahren, es wurde eine absolut würdige Jubiläumsparty mit perfekter Stimmung, fettem P.A.-Sound, leckerem Bier und vielen fitten Gästen. Auch ich gratuliere an dieser Stelle noch mal, sage danke und drohe auch im fünften Jahr des Bestehens meine Partizipation an diversen grenzüberschreitenden Veranstaltungen an. Prost, auf euch!

Der Kollege vom SCHRAIBFELA-Video-Fanzine war übrigens auch wieder zugegen:

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten

Als der niedersächsische Radiosender FFN noch nicht endgültig zum gesichtslosen Dudelfunk verkommen war (in den ‘80ern und frühen ‘90ern hörte ich sogar keinen Sender so gern wie diesen), leistete er sich ein allsonntägliches komödiantisches, kabarettistisches Humorprogramm, das kultgewordene Frühstyxradio, in dem spätere TV-Größen wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke sich ihre Sporen verdienten. Zum festen Kreis gehörte auch Dietmar Wischmeyer, auch bekannt als „Der kleine Tierfreund“ oder eben Führer des „Logbuchs einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Der Ullstein-Verlag war es, der 1997 seine Sammlung polemischer Glossen in Buchform unters bekloppte und bescheuerte Volk brachte, 59 Stück auf rund 130 Seiten. Trocken, sarkastisch und böse metzelt er sich scharfzüngig und pointiert durch eine verspießte Gesellschaft, die zahlreiche längst als normal erachtete Absonderlichkeiten, nervige Schikanen und dummdreiste Auswüchse gebar, und knöpft sich insbesondere diejenigen vor, die diese befeuern und bedienen oder sich als ihre Nutznießer erweisen: die tumbe breite Masse ebenso wie vorsätzliche Volksverblöder, elitäre Klüngel und privilegierte Minderheiten. Oder genauer: Anwohner, Karnevalfeiernde, Kinder, Beamte, Gaffer, Lindenstraße-Glotzer, „Funsportler“, Rentner, Kellner, Jäger, Bauarbeiter, … Dabei geht er ohne Rücksicht auf Verluste oder Kollateralschäden vor und fächert seine beobachtete Alltagserfahrungen suggerierenden „Logbuch-Einträge“ derart breit, dass beinahe alles und jeder sein Fett wegbekommt. Wischmeyer prangert an und schärft den Blick dafür, was man uns antut, was die Menschen sich selbst antun und wie diejenigen, die da nicht mitmachen wollen, darunter leiden müssen. Dabei findet er durchaus originelle Themen und überrascht mit seinem Blickwinkel auf diese, suhlt sich aber auch gern in Klischees, wenn er Altbekanntes und bereits zuhauf Persifliertes aufgreift. Dass bei all dem auch Phänomene ausgewählt werden, die doch eigentlich gar nicht nerven, gehört vermutlich zum Konzept, soll ich mich doch beim Lesegenuss wahrscheinlich auch selbst hin und wieder ertappt fühlen. Wischmeyers Freude am Umgang mit und Formen von Sprache ist allgegenwärtig, selten wurden Hass und Verachtung derart geschliffen formuliert, ohne auf Reiz- und Schimpfwörter zu verzichten – manch Formulierung wirkt indes dennoch etwas umständlich erzwungen und sein Stil droht sich etwas abzunutzen, liest man zu viele Kapitel unmittelbar nacheinander. Um sicherzugehen, auch wirklich und überall anzuecken, pfeift er zudem auf jegliche politische Korrektheit. So sind Schwarze für ihn recht penetrant nach wie vor Neger und widmet sich konsequenterweise auch ein Kapitel der „Political Correctness“, für die, da muss ich ihm widersprechen es eben doch einen deutschen Begriff gibt – s.o. Als besonders bemerkenswert erachte ich jedoch dessen Inhalt, wenn er sich sprachliche Neuschöpfungen und erzwungene Modifikationen verknöpft und ganz richtig feststellt: „In Lübeck schon brannte das Asylbewerberheim sicherlich genauso gut, wie es das Asylantenheim getan hätte.“ Und widersprechen kann ihm auch niemand, der die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre mitbekommen hat, wenn er jenes Kapitel mit dem Ratschlag schließt: „Drum seid lustig und seid froh, ihr Hottentotten, Kaffern und Kanaken, und gebt Obacht, wenn sie euch die neuen schönen Namen geben, denn dann geht’s euch ganz gewiß recht bald an den Kragen.“ Weder er noch ich positionieren sich damit ernsthaft gegen nicht- oder zumindest weniger diskriminierende Sprache, sondern gegen eine politische Korrektheit, die mittels Euphemismen und schönem Schein dieselbe Menschenverachtung verschleiert, die ohne sie auch für die Bekloppten und Bescheuerten leichter auszumachen wäre. Entrückte pseudophilosophische Kommentare seines Alter Egos Kassowarth von Sondermühlen sowie einige Illustrationen in Form von Fotos runden Wischmeyers erstes Logbuch ab, das mittlerweile immer wieder neu aufgelegt wurde und gleich mehrere Fortsetzungen fand. Für die Bekloppten und Bescheuerten ist das nichts. Für isoliert lebende Freunde von Sprache und Satire ist’s ein vergnügliches Beispiel für den Versuch, bissige Polemik bis an die Grenze zum Zynismus auszureizen. Für diejenigen, die ständig mit den Bekloppten und Bescheuerten konfrontiert werden, handelt es sich hingegen um irgendetwas zwischen Ventil zur Frust- und Wutabfuhr und einer witzigen, hämischen Form des Sich-verstanden-Wähnens fernab jeglicher Verständnispädagogik: Wie einer dieser laut polternden Kumpel, die man nicht ständig um sich haben möchte, mit denen man aber einfach ab und zu mal einen trinken gehen und den Trümmertango tanzen muss. In einem Punkt muss ich Wischmeyer aber korrigieren: Glasflaschen gehörten noch nie in den gelben Sack!

Flix – Da war mal was… Erinnerungen an hier und drüben

„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel verfügt über seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein Wende-Comic, der sich stilistisch wie inhaltlich wohltuend von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!

27.06.2018, Hafenklang, Hamburg: HARD-ONS + BOLANOW BRAWL

Mittwoch, der 27.06.2018, war ein geschichtsträchtiger Tag. Nein, nicht etwa, weil wir zusammen mit den HARD-ONS im Hafenklang spielten, sondern weil die deutsche Herrenfußballnationalmannschaft erstmals in ihrer Historie die Vorrunde einer Weltmeisterschaft nicht überstand. Der blamablen 0:2-Niederlage gegen Südkorea wohnte ich nach der Maloche bei Hermann im Osborne bei, von wo aus ich mich anschließend auf den Weg zum Hafenklang begab, wo sich die australische Punkrock-Legende bereits beim Aufbau befand. Nach kurzer Zeit trafen auch meine Mitstreiter ein, die mich diesmal freundlicherweise vom Equipmentschleppen befreit hatten, da die HARD-ONS bis auf eine Gitarrenbox die komplette Backline stellten und es somit endlich einmal wieder nur einen Bruchteil unseres Gelöts zu wuchten und zu transportieren galt. Die Aussies befanden sich mittlerweile beim Soundcheck und ihr offenbar koreanischstämmiger Bassist ließ keine Gelegenheit aus, seiner Freude über den Spielausgang Ausdruck zu verleihen. Mein Shirt des mexikanischen Teams, das ich während der Partie getragen hatte, hatte ich eigentlich längst gegen ein Punkshirt ausgetauscht, wechselte daraufhin jedoch noch einmal zurück, um ihn daran zu erinnern, wie Südkorea gegen die Mittelamerikaner gespielt hatte… Im Hafenklang lief die Organisation sehr entspannt und gleichzeitig professionell ab, unser Soundcheck stand alsbald an und als sowohl der Mischer mit dem Klang der P.A. als auch wir mit unserem Bühnensound zufrieden waren, konnten wir zum wirklichen wichtigen Teil des Abends übergehen: dem Catering. Im Goldenen Salon kredenzte uns der Koch raffiniert gewürzte Vleischbällchen mit von Curry geküsstem, gegartem Blumenkohl, einer frischen Salatkreation der Saison und gekochtem Reis, dazu frisches Brot mit köstlichem Dip. Während ich mir die Plauze vollschlug, hatte ein Teil meiner Band bereits wieder ignoranterweise im Vorfeld Fremdspeisen konsumiert, blieb also mehr für mich. Auf dieser Grundlage schmeckten dann auch die Getränke des Sponsors Jever ausnehmend gut, von uns aus konnte es also losgehen.

Es blieb natürlich noch genügend Zeit, an der Elbe herumzuhängen (wo Keith‘ Freundin ein schniekes Gruppenfoto schoss) und diejenigen bekannten Gesichter freudig zu begrüßen, die sich an diesem sonnigen Mittwoch zum „Bergfest“ aufgerafft hatten. Und diese waren glücklicherweise nicht allein, nach und nach fanden weitere Freunde der Punkmusique ihren Weg zum Hafenklang. Um Punkt 21:15 Uhr begannen wir vor etwa der Hälfte der zahlenden Gäste, die sich später die HARD-ONS reinzogen,  mit unserem Set, das sich die letzten Gigs bewährt hatte. Mein Monitorsound war gut, der der Jungs offenbar auch, denn das Zusammenspiel funktionierte einwandfrei und da es mitten in der Woche war, war auch noch niemand übermäßig betrunken… Allerdings hatte ich die Hafenklang-Bühne von unseren vorausgegangenen Gigs dort irgendwie größer in Erinnerung, indes hat Christian seitdem auch an Körperfülle zugelegt – daran wird’s gelegen haben. Jedenfalls hatte ich die ganze Zeit etwas Sorge, die Bierpullen mit meinem Mikrokabel umzurocken, eine Bühnenüberschwemmung wie zuletzt im Molotow blieb aber aus. Zu unserer Freude befand sich im Publikum auch eine Handvoll Leute, die sich über Mitwippen hinaus zur Musik bewegte und sogar Anstalten unternahm mitzusingen. So wurd’s ein wieder mal sehr angenehmer Gig, den wir zudem nicht durchhetzen mussten, sondern der Zeit für kurze Verschnaufpausen, alberne Ansagen und Instrumentenstimmexzesse bot. Bei „Red Lips“ allerdings entfiel mir eine Strophe, sodass ich eine andere einfach doppelt sang – kommt vor. Dafür klangen unsere Background-Chöre besser aufeinander abgestimmt und harmonischer als zuletzt. Das HARD-ONS-Publikum zeigte sich empfänglich für Hamburger Streetpunk und ich mich nach einem überstürzten Abbau – Teile der Band mussten dringend los – für weiteres kaltes Jever und schließlich die HARD-ONS themselves.

Die HARD-ONS gibt’s mit einigen Unterbrechungen bereits seit 1981, mittlerweile ist auch Sänger Keish zurückgekehrt. Dieser konzentriert sich nun ausschließlich auf den Gesang, an den Drums sitzt ein neues Bandmitglied – man ist nun also zu viert. Musikalisch bewegt sich das Schaffen der Band zwischen ramoneskem Punkrock mit reichlich Surf-Pop-Einflüssen, einigen Prisen HÜSKER DÜ u.ä. sowie hartem Metal-Riffing und wer nicht glauben kann, dass das irgendwie zusammenpasst, hätte gut daran getan, sich diese Show anzusehen. Diese Kombination ermöglicht es der Band, eben nicht so zu klingen, als würde sie ein bestimmtes Rezept endlos neu auftischen und immer „den gleichen Song“ wieder und wieder zu spielen, sondern einen variablen, abwechslungsreichen Mix zu zocken, der den Musikern sowohl die Gelegenheit bietet, ihr technisches Können und ihre Offenheit Einflüssen gegenüber zur Schau zu stellen als auch Keish Pausen einzuräumen, wenn der Rest der HARD-ONS sich gerade durch feiste Metal-Instrumentals gniedelt. Auch der Drummer verschaffte sich übrigens später eine solche Pause, als er sich für eine kurze Auszeit hinter sein Kit legte… Ansonsten tänzelte Keish lässig hinter seinem Mikro und sang sich kräftehaushaltend durchs Set, das nämlich verdammt ausführlich ausgefallen war, inkl. „Wünsch dir was“-Abschnitt, in dem man auf Zuruf aus dem Publikum den einen oder anderen geforderten Song darbot. Fans der HARD-ONS dürften jedenfalls voll auf ihre Kosten (i.H.v. 15,- EUR AK) gekommen sein. Ich persönlich empfand nun gerade vom Pop-Punk-Material nicht jeden Song als unbedingt zwingend, es überwog jedoch der Eindruck sehr eingängigen Materials mit viel Variantenreichtum, auf die Bühne gebracht von einer lockeren, extrem spielfreudigen Band, die immer wieder für Überraschungen und Späßchen gut war, zudem augenscheinlich mit ausreichend Augenzwinkern und leichtem Hang zur Selbstironie gesegnet ist. Ich konnte das gesamte, bestimmt über 90-minütige Set allerdings nicht komplett konzentriert verfolgen, sondern verbachte einige Zeit auch in unserer Merch-Ecke. Deutlich wurde unterdessen, dass die HARD-ONS gegenüber ihren Popularitätsspitzen seinerzeit stark eingebüßt haben, denn ins Hafenklang hätten an diesem Abend trotz guter Stimmung im Publikum noch locker doppelt so viele Leute gepasst. Fakt ist aber auch: Es war nun mal ein verdammter Mittwoch.

Ich flößte mir noch diverse Jeverchen ein, hielt ‘nen Klönschnack mit dem Bassisten nach dem Gig und ging als Letzter, nachdem sich Christian und Keith längst verabschiedet hatten. Das ist der Vorteil, wenn man am nächsten Tag erst um 10:00 Uhr in der Uni sein muss… Danke an Fab und das Hafenklang inkl. Crew, an alle, die sich bereits von unseren akustischen Signalen angezogen fühlten und an Swaantje für die Fotos unseres Gigs – sowie an die Jever-Brauerei! Prost!

Mit diesem Auftritt haben wir übrigens unser Quartett an HH-Gigs in diesem Frühjahr/Sommer abgeschlossen. Wir konnten beweisen, dass wir wieder ready and loaded sind; Neu-Basser Keith konnte Live-Erfahrung sammeln und die Luft diverser relevanter Hamburger Bühnen schnuppern. Weiter geht’s voraussichtlich am 08.09. in der Rotenburger Villa, bis dahin schrauben wir an neuen Songs, machen Urlaub, gucken Fußball, betrinken uns und besuchen schlimme Festivals.

22.06.2018, Hafenklang, Hamburg: SUBHUMANS + EAT THE BITCH

Die 1980 gegründeten SUBHUMANS touren seit geraumer wieder in schöner Regelmäßigkeit, bisher hatte es bei mir aber irgendwie nie gepasst. Das war an diesem Freitagabend endlich anders, zumal das Hafenklang auch mit der Wahl der Vorband Geschmack bewiesen hatte. Die alten britischen Anarcho-Punks haben sich ihren Anspruch an Bodenständigkeit und den D.I.Y.-Ethos bewahrt und achten stets auf faire Eintrittspreise, was die Entscheidung Pro-Konzertbesuch zusätzlich vereinfachte. Für EAT THE BITCH war’s der erste Gig im Hafenklang und der wurde bravourös gemeistert: Sängerin Jona schrie Zeter & Mordio, dass einem das Adrenalin durch die Adern schoss, und holte alles aus ihrer Stimme heraus, immer wieder unterstützt von den Backgrounds der Saitenfraktion und angetrieben von Lindas schnellem Punkdrumming. Wie immer Hamburger Hardcore-Punk mit jeder Menge Widerhaken, geil angepissten deutschen Texten und hohem Aggressionslevel. Eine echte Überraschung war das brandneue Stück „Fucking Fighter“, ebenso hart wie eingängig und – auf Englisch! So’n 100%iges Heimspiel war’s für EAT THE BITCH aber nicht, größeren Teilen des SUBHUMANS-Publikums dürften sie noch gänzlich unbekannt gewesen sein. Diesen wurde auf jeden Fall kräftig der Scheitel mit der Axt gezogen und eine Gruppe Jünglinge, die ein paar Songs lang interessiert vom Rand des Saals aus lauschte, zog’s irgendwann zum Pogo in die Mitte – Publikum erspielt! Der Sound klang anders als im Menschenzoo oder Gängeviertel, für meine Ohren aber nicht verkehrt, bischn differenzierter, weniger Soundwall. Lediglich die Stand-Tom schien mir nicht richtig abgenommen worden zu sein, das fiel mir aber erst beim letzten Song auf. Geiler Gig, während dessen ich mich aber erst mal warmtrinken musste.

Am Merch-Stand gab’s übrigens selbstgeklöppelte SUBHUMANS-Pullover zu erstehen, was meine Freundin Flo zu der Vermutung veranlasste, die Band treffe sich nicht nur regelmäßig zur Probe, sondern auch 1x wöchentlich zur Häkelgruppe. Evtl. auch eine Idee für die Menschenzoo-St.-Pauli-Siebdruckgedöns-Merch-Manufaktur, lieber Kai? Die SUBHUMANS weisen meines Wissens noch immer große Schnittmengen mit der ‘80er-Jahre-Besetzung auf, allen voran natürlich durch Sänger Dick. Sie zählen zur ersten Generation Anarcho-Punks und klingen grob wie ‘ne Mischung aus flotten CRASS und klassischerem UK-Punk. Das ist nicht der Sound, den ich mir ständig geben kann oder den ich beim Spazieren vor mich hin pfeife, aber die Zusammenstellung der legendären ersten vier EPs und das Debüt-Album „The Day The Country Died“ stehen natürlich in der Sammlung.  Ebenso unprätentiös wie die Songs klingen gibt sich auch die Band auf der Bühne. Dicks Vocals grenzen oftmals an agitativen Sprechgesang und die einfach gehaltenen Songs klingen irgendwie rustikal bis spröde, doch man bleibt an ihnen hängen wie an einem Holzsplitter, der sich schließlich ins Fleisch bohrt. Das Hafenklang ging gut ab, fast bis in die letzte Reihe vorm Mischpult war Bewegung in der Bude, es war eng, schwitzig und die Stimmung wurde immer euphorischer, je mehr Klassiker Dick, Bruce & Co. raushauten. Doch ebenso viel wie das Songmaterial zählte die Attitüde der Band, ihre von der Bühne wirkende Authentizität, an der nichts gekünstelt oder aufgesetzt wirkt – bei dieser Musik spielt Glaubwürdigkeit eine entscheidende Rolle und der drahtige Schmalhans Dick mit Sehhilfe und im Unterhemd, extrem transpirierend und dabei ebensolche Spielfreude ausstrahlend, verkörperte diese mit jeder herausgepressten Textzeile. Die SUBHUMANS müssen nichts heraushängen lassen, müssen weder auf besonders aggro, politisch oder schlau machen, sie sind einfach, wie sie sind. Das bedeutete dann auch gleich mehrere Zugabenblöcke, bis die Band an ihre konditionellen Grenzen gestoßen sein dürften. SUBHUMANS sind alles andere als Altherren-Punk, sondern treten definitiv noch kräftig Arsch. Eine schöne Erfahrung und ein erstklassiges Konzert!

15. + 16.06.2018, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2018

Der Gaußplatz feierte letztes Jahr sein 25-jähriges Jubiläum mit einem üppigen Gaußfest, das auch dieses Jahr wieder zur festen Planung gehörte. Bei bestem Freiluftwetter eröffneten statt der leider kurzfristig ausgefallenen EAT THE BITCH die vom Namen her erst mal nach Schlager klingenden PETRI MEETS PAULI aus HH-Bergedorf den Reigen um 19:00 Uhr. Punk’n’Roll meets ’77 meets Garage oder so mit ziemlich fähiger Sängerin, die ab und zu pausieren oder Backgrounds singen durfte, wenn einer der Gitarristen den Hauptgesang übernahm. Dieser entschuldigte sich auch jedes Mal, wenn er sich verspielt hatte, schien das Gaußfest-Publikum demnach für ein sehr audiophiles, kritisches zu halten. Gespickt war das Set mit zahlreichen Coverversionen: Die erste, die ich erkannte, war „Somebody’s Gonna Get Their Head Kicked in Tonight“ vonne YOUTH BRIGADE. Auf einen sehr gelungenen langsamen Song, der ausschließlich von der Dame gesungen wurde, folgte „Blitzkrieg Bop“ – eigentlich totgecovert, hier aber durch den männlich-weiblichen Wechselgesang doch ziemlich geil. Für eine Jam-Session oder so etwas Ähnliches setzte sie sich entspannt auf den Bühnenrand und konterte schließlich mit einer extrem rotzigen „Under My Thumb“-Version. Ein CHEFDENKER-Medley bestehend aus „Immer in Gefahr“ und „Die Welt in 2-3 Minuten“ gewann ebenfalls an der Gesangskonstellation: Der erste Part wurde vom Gitarristen gesungen, der zweite von der Sängerin. Die männlichen Bandmitglieder hatten sich übrigens in Frauenklamotten gezwängt, lediglich der Bassist blieb unverkleidet – meinte man, seine langen Haare würden genügen…? Ein ausgedehnter Zugabenblock bestand aus weiblich gesungenem „Rebel Yell“, einem DICTATORS-Cover sowie RANCIDs „Wars End“, während dem ich mich aber bereits auf dem Weg in die angrenzende Sportbar befand, um mir die WM-Vorrundenbegegnung zwischen den Lokalrivalen Portugal und Spanien anzusehen, die mich dann so richtig fertigmachte. Stimmungsmäßig hatte dann auch die Bar zunächst ggü. dem Gaußplatz die Nase vorn, bestand die eine Hälfte des Publikums doch aus Portugiesen – und die andere aus Spaniern… Cooler PETRI-MEETS-PAULI-Auftritt jedenfalls, hat Laune gemacht und kam augenscheinlich auch gut an.

Als ich zurückkam, hatte ich DUEKER aus Braunschweig verpasst, dafür lärmten gerade vor größer gewordenem Publikum die schottischen HAPPY SPASTICS mit dreckigem Crustpunk. Der Shouter war dermaßen dürr und ausgemergelt, dass ich ihm am liebsten einen der Veggie-Hot-Dogs ausgegeben hätte, an denen ich mich zuvor bereits gestärkt hatte. Was’n da los?! Gut durchs Set grunzen, röcheln und brüllen konnte er sich trotzdem und sprang auch von der Bühne, um vor selbiger mit dem Publikum zu tänzeln.

Der absolute Höhepunkt folgte dann im Anschluss: Die HELSINKI BLOCKHEADS, die nicht etwa aus Finnland, sondern wie DUEKER aus Braunschweig stammen, brannten ein buntes Feuerwerk an Coverversionen vornehmlich alter britischer Oi!-Punk-Klassiker ab. Zwei Sänger sorgten für stimmliche Abwechslung und die Instrumentalfraktion peitschte die Songs flott gespielt nach vorn sowie direkt in meine offenen Ohren, sodass auch ich mich nun tänzerisch verausgabte und beinahe jeden Song frenetisch mitsang. Völlig geniales Brett und hochgradiger Partygarant, dieser Gig. Der musikalische Teil des Abends fand keinen leisen Ausklang, sondern knockte alle mit mehreren Fistfuls of Punk aus.

Am nächsten Tag ließ ich’s locker angehen, sah mir noch in Ruhe Fußball an, ging etwas essen und nahm meine Freundin mit auf den Gaußplatz. Aufgrund der vorgerückten Stunde hatten wir die Schweizer Combos BUTTER und BLACK WIND verpasst, was im Falle der letzteren schon etwas schmerzt, denn man berichtete mir, dass sich diese fulminant durch die Metal-Geschichte gecovert hätten. Zu ART OF TIN TOYS waren wir aber pünktlich und gefühlt standen locker doppelt so viele Besucher wie am Vortag bereit, um sich die wiedervereinten Altpunks um Sir Hake zu geben. Den Gesang teilte sich Hake mit einer Sängerin und dem Bassisten. Das kam zeitweise ganz gut, geriet bisweilen aber zu einer Geduldsprobe, z.B. wenn die Sängerin zu einer Solonummer ansetzte, die sich als ausufernde und leider verdammt langweilige Ballade entpuppte. Je punkrotziger ART OF TIN TOYS spielten, desto besser gefielen sie mir, wobei insgeheim natürlich viele auf „Walfänger“, den größten Hit der Band, lauerten. Als es soweit war, wurden einige Besucher auf die Bühne gebeten, u.a. durfte Platzbewohner Esso das Stück mitträllern – und ihm taten es hunderte Kehlen vor der Bühne gleich. Man muss ihnen lassen, dass sie es geschafft hatten, die Stimmung auf den Höhepunkt zu treiben. Anschließend dämmerte es und viel e zogen sich wieder zurück, einige dürften eigens für diesen Auftritt gekommen gewesen sein.

Wer nicht mehr da war, verpasste „Manchester’s most dangerous band“. WADEYE zockten High-energy-Ska-Punk grob Richtung OPERATION IVY, aber eben in britisch, treibend und aggressiv, hatten aber auch mit einem nicht ganz optimalen Sound zu kämpfen. Das klang alles bischn sehr trocken und die Gitarre etwas dünn. Dafür knallte der Bass gut und ging durchs Mark.  Ich fand’s geil.

Wer glaubte, dass es das gewesen sei, sah sich getäuscht: Offenbar hatte sich noch ein blinder Passagier in Manchester mit in den Flieger geschmuggelt und nutzte die Zeit des Bühnenabbaus, um mit seiner Akustikklampfe in Singer-Songwriter-Manier Working-Class-folkiges Liedgut zu schmettern. Schnoddriger englischer Humor traf auf gefühlvolle, bluesige Songs. Umjubelter Höhepunkt war der Song „I’m an Asshole“, der etwas aus der Reihe fiel, aber dem soeben beschriebenen Humor am nächsten kam. „Let’s get drunk and naked!“, schlug er anschließend vor, musste jedoch noch ein paar Zugaben liefern, bevor er von der Bühne gelassen wurde. Vor dieser hatte sich allein schon deshalb eine Menschentraube gebildet, um sich vorm leichten Sommerregen zu schützen, und diese feuerte den Freak breit grinsend an. Schön bizarrer Abschluss des Festivals, das am nächsten Tag mit dem Zappa-Cup getauften traditionellen Fußballturnier noch weiterging (allerdings ohne mich).

Den wichtigsten Faktor aber habe ich bisher fast komplett unerwähnt gelassen, und dieser sind natürlich die Leute, die diese Sause alljährlich möglich machen, diejenigen, die gekühltes Bier für 1 € raushauen, die an den Essensständen ausharren, die sich um den Sound und die Bandbetreuung kümmern und damit die Grundlage dafür schaffen, dass sich die lokale Szene mit netten Menschen von außerhalb zwei, drei Tage lange vermischt und man in antikommerzieller Wohlfühlatmosphäre miteinander feiern kann. Da stellt man sich dann gern auch nach dem letzten verklungenen Live-Ton ans Lagerfeuer auf ein paar letzte Pilsetten…

Schade nur, dass Olax dieses Jahr nicht mehr dabei sein konnte. R.I.P.

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