Gnnis Reviews

Category: Bücher (page 1 of 6)

Guy Deluchey – Ich, Tarzan. Wie er wurde, was er ist

Tarzan, „Affenmensch“ und Bewohner des afrikanischen Urwalds, wurde 1912 vom Schriftsteller Edgar Rice Burroughs erfunden und somit Protagonist von rund 30 Abenteuerromanen. Der französische Journalist Guy Deluchey ist beinharter Fan dieser fiktiven Figur und Autor dieses rund 290-seitigen, 2010 in Frankreich und übersetzt 2011 im Knesebeck-Verlag erschienen Buchs, einer Mischung aus Bildband und Filmographie. Neben Burroughs’ Büchern existieren nämlich nicht weniger als 43 Tarzan-Verfilmungen und diverse TV-Serien mit insgesamt 21 verschiedenen Tarzan-Darstellern, darunter Namen wie Johnny Weissmuller, Lex Barker, Miles O’Keeffe und Christopher Lambert. Zwischen etlichen großformatigen, raren Set- und Aushangfotos, Filmplakaten etc. schlüpft Deluchey als besonderer erzählerischer Kniff in die Rolle Tarzans und lässt ihn im großzügig gesetzten Textteil all seine Verfilmungen in chronologischer Reihenfolge nicht nur beurteilen, sondern auch interessante Anekdoten und Details von den Dreharbeiten berichten. Das ist filmgeschichtlich auch für Nicht-Tarzan-Fans überaus interessant, zumal auch sämtliche Stummfilme abgehandelt werden und der Rezipient erfährt, inwiefern die Verfilmungen von den literarischen Vorlagen abweichen – teils nämlich beträchtlich. Interessanterweise sind insbesondere die Stummfilme wesentlich vorlagengetreuer als die späteren, viel populäreren Tonfilme. Dass sich Tarzan von Liane zu Liane schwingt war beispielsweise ebenso wenig Intention Burroughs’ wie sein jodelnder Schrei – und auch Tarzans Doppelleben als Herr des Urwalds auf der einen und zivilisierter Lebemann auf der anderen Seite wurde häufig unterschlagen. Zwischendurch wird in Exkursionen auf Tarzan-Comics, -Fernsehserien, -Zeichentrickfilme und -Fanartikel eingegangen. Das liest sich alles recht gut und liefert einen schönen Überblick über das Tarzan-Universum und seine Hintergründe unter Berücksichtigung des jeweiligen Zeitgeists. Auch optisch wie haptisch macht das großformatige Buch im Hardcover-Einband einiges her. Das matte Kartonpapier ist wertig und riecht gut und unabhängig vom Text macht es insbesondere für cineastisch Interessierte Spaß, durch all die Fotos und Illustrationen zu blättern. Die Krux ist jedoch, dass das Buch von außen inkl. Rückentext den Eindruck erweckt, die gesamte Geschichte Tarzans abzudecken, während der Inhalt sich eben vornehmlich den Verfilmungen widmet. Dies könnte für Frust beim ein oder anderen Käufer sorgen, denn „Wie er wurde, was er ist“ erläutert Deluchey nicht wirklich. Zudem hätte eine sorgfältigere Qualitätskontrolle sicherlich verpixelte Bilder sowie hier und da etwas ungelenkte Formulierungen getilgt. Mit meinem Faible für Filmgeschichte und meinen Erinnerungen an die alten Weissmuller-Filme aber konnte ich viel mit diesem schönen Werk anfangen.

Mad-Taschenbuch Nr. 12: Stan Hart, Paul Coker Jr. – Das Mad-Buch der Rache

Mad-Taschenbuch-Premiere für das Texter/Zeichner-Duo Hart und Coker Jr. im 1976 erschienenen zwölften Band der Reihe, der leider ein wenig Etikettenschwindel betreibt: Zwar beginnt er in Comicform mit der amüsanten Gegenüberstellung nerviger menschengemachter Alltagssituationen und der Möglichkeit, auf diese nicht nur adäquat, sondern derart zu reagieren, dass man es hübsch zurückzahlt – gestreckt wird dieses Konzept jedoch durch weniger lustige „Du weißt, dass dir eine qualvolle Zeit bevorsteht, wenn…“-Panels und anhand sämtlicher Sternzeichen durchexerzierter, jedoch offenbar völlig willkürlicher und weitestgehend verzichtbarer Horoskop-Parodien in Form des „astrologischen Qual-Kalenders“. „Die Mad-Fibeln der süßen Rache“ greifen das Konzept in Gedichtform wieder erfreulich lustig auf, während „Die Ehrengalerie unbekannter Quäler“ sich einmal mehr menschgemachten Alltagsqualen widmet und „Qual per Post“ auf unliebsame Briefe eingeht. Das ist der typische, mal mehr, mal weniger pointenstarke Mad-Humor, wie man ihn mag, mir jedoch letztlich etwas zu viel Füllmaterial und im Endeffekt hätte man besser daran getan, den Band „Das Mad-Buch der Qual“ zu nennen. Für diese Ausgabe kehrte man im Übrigen zur alten Seitenstärke (160 Seiten) zurück.

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 15: Streit um Asterix

Der 15. Band der frankobelgischen Comic-Reihe „Asterix“ um das renitent wehrhafte gallische Dorf, das sich mithilfe eines Zaubertranks gegen die römischen Invasoren zur Wehr setzt, erschien erstmals 1970 und in der bekannten 48-seitigen Albenform in Deutschland 1973. Die Römer engagieren Destructivus, um Zwietracht bei den Galliern zu sähen und diese dadurch zu spalten, um sie – derart geschwächt – leichter bekämpfen und schließlich ihr Dorf einnehmen können. „Streit um Asterix“ bietet damit einen schönen humoristischen Exkurs in psychologische Kriegsführung (was auch Anlass für einen gelungenen Running Gag ist) sowie Entstehung und Potential von Intrigen und verfügt darüber hinaus über viele gesellschaftssatirische Momente, wenn der Umgang im Dorf untereinander aufs Korn genommen wird. Einzig schade ist es insbesondere vor diesem Hintergrund, dass es den Galliern leider nicht gelingt, entsprechend rein mit List, Tücke und Psychologie zu reagieren, sondern man einmal mehr auf den Zaubertrank zurückgreifen muss, der ihnen übermenschliche Kräfte verleiht.

Mad-Taschenbuch Nr. 11: Don Martin tanzt aus der Reihe

Einer der beliebtesten Mad-Stammzeichner war Don Martin mit seinen charakteristischen Figuren mit ihren langen Gesichtern und umgeknickten Zehen. „Er galt als Meister des bebilderten Slapsticks und des schwarzen Humors“, weiß die Wikipedia zu berichten und fasst damit treffend Martins inhaltlichen Stil zusammen. An Martin war es auch, mit „Don Martin hat Premiere“ die Mad-Taschenbuchreihe zu eröffnen, doch leider liegt mir jenes Debüt nicht vor. Für die 1976 erschienene Nummer 11 aber durfte er erneut den Stift schwingen: Er zeichnete die Abenteuer von Fester und Karbunkel, einem unternehmungslustigen, bauernschlauen, etwas kleingeratenen Schlitzohr und seinem Kumpel, einem stupiden, grobschlächtigen doch gutmütigen Simpel, der kaum mehr als Grunzlaute herausbekommt. Da beide ständig pleite sind, befinden sie sich vornehmlich auf Jobsuche, was sie in meist ungut aussehende Situationen bringt. Unterteilt in acht Kapitel verschlägt es sie in den Wilden Westen, auf den Rummelplatz in den Schrebergarten oder ins Kaufhaus, was eine Menge Gefahren mit sich bringt. Mit dem Platz ging man seitens Mad recht großzügig um und platzierte pro Seite lediglich ein Panel, so dass sich das Büchlein schnell durchblättert. Fairerweise erhöhte man die Seitenzahl von den sonst üblichen 160 dafür auf über 220. In Kombination mit den Leser beleidigendem Rückentext und Don Martin beleidigendem Vorwort ist „Don Martin tanzt aus der Reihe“ der erwartete kurzweilige Spaß, der Lust auf mehr von Martins Absurditäten macht, wenngleich er seinen Zenit hiermit noch längst nicht erreicht hatte.

Mad-Taschenbuch Nr. 10: Dick De Bartolo, Mort Drucker, Jack Davis – Mad in Hollywood: Das große Kino-Lachbuch

Die klassischen Mad-Hefte begannen i.d.R. mit einem mehrseitigen Comic, der einen aktuellen Kinofilm, eine Serie, eine TV-Show o.ä. persiflierte. Diese waren meist erfrischend frech und respektlos und trugen dazu bei, den typischen Mad-Humor zu prägen. Mit dem Mitte der 1970er erschienen zehnten Taschenbuch erschienen diese in Deutschland erstmal gesammelt in Buchform: Auf rund 160 Seiten werden nach einem die Zeichner Jack Davis und Mort Drucker sowie den Autoren Dick De Bartolo beleidigenden Vorwort fünf Filmgenres abgedeckt: „Seenot“ persifliert den Untergang der Titanic und ähnliche Katastrophenfilme und bezieht seinen Humor in erster Linie aus einem komplett unfähigen Kapitän, „Mord um Mitternacht“ nimmt die „Der dünne Mann“-Krimis köstlich aufs Korn, „Flug 1313“ klingt nach einem weiteren Katastrophenfilm, ist jedoch eine amüsante Abhandlung über menschlichen Opportunismus und Doppelmoral angesichts des drohenden Todes, „Dr. Krankenscheins Fluch“ ist eine „Frankenstein“-Persiflage, die es auf Mad-Scientist-Klischees abgesehen hat und „Goldene Träume, gebrochene Herzen“ parodiert kitschige Musicals, ihre Oberflächlichkeit und den immensen Druck hinter den Kulissen, dem sich die Darsteller ausgesetzt sehen. Mein humoristischer Favorit ist „Mord um Mitternacht“, inhaltlich hat es „Flug 1313“ am stärksten in sich, meinen Humor treffen jedoch alle fünf Geschichten. Nicht nur für Filmfreunde ein schöner Spaß, der sich allen Kino-Trends zum Trotz erstaunlich wenig abgenutzt hat.

Christian Humberg – Der alte Mann und das Netz: Mein Vater entdeckt das Internet

Die sog. „Silver Surfer“, sprich: das Internet erkundende Rentner, sind für manch Spott gut, so auch in Christian Humbergs spürbar fiktiver, 320 Seiten starker Abhandlung über seinen sturen, rechthaberischen und in Sachen Computern vollkommen unbeleckten Vater Horst, dem von Humberg vorgeführten Paradebeispiel eines DAUs. Unterteilt in 18 Kapitel, Epilog und Anhang verwendet Humberg viel Zeit für eine ausführliche Charakterisierung Horsts, die Rückschlüsse dahingehend erlaubt, welcher Menschenschlag derartige DAUs wohl sein mögen, wie ihre Persönlichkeitsstruktur beschaffen sein muss, um sich so furchtbar nassforsch und uneinsichtig unbekanntem Terrain zu widmen.

Das geht mit viel Humor einher, ist häufig jedoch auch lediglich Aufhänger für recht gute Erklärungen des Autors in allgemeinverständlicher Sprache diverse Internet-Phänomene und -Themen betreffend, angefangen bei der Entwicklung des Netzes bis hin zu aktuellen Trends wie Twitter & Co. oder Phänomenen wie trashigen YouTube-Videos und deren Sternchen.  Manches ist indes auch Quatsch: Ein Verkäufer bietet angeblich an, auf einem Mac jedes beliebige Betriebssystem zu installieren und im Internetkurs der Volkshochschule (den Horst immerhin besucht) wird plötzlich Excel unterrichtet? Horst fällt auf vorgeblich von seiner Sparkasse stammenden Spam herein und fängt sich ein Virus ein, das jedoch noch nicht einmal seine Kontodaten zu phishen versucht? Sein Kumpel Jupp wird zum Bürgermeister gewählt? Na gut, dessen „Hacking“ war vielmehr das Erschleichen eines vertraulichen Cloud-Passworts in der Verwaltung. Sehr richtig ist hingegen, dass man seine vermeintlichen Krankheiten keinesfalls googlen sollte und auch Humbergs nur am Rande mit seinem eigentlichen Thema zu tun habenden Definitionen verschiedener VHS-Besuchertypen werden vermutlich der Realität entspringen.

Dass Humberg von Bundesregierungen offenbar mehr hält als Horst, zeugt andererseits von einer nicht ungefähren Naivität, fast ähnlich der, mit der sich Horst dem Internet annähert. Dass Humberg generell eher ein Leisetreter denn tatsächlicher Rebell ist, beweisen auch seine immer wieder eingestreuten Erinnerungen an seine Studentenzeit, die mit bisweilen etwas anbiederndem Humor einhergehen und letztlich arg harmlos ausgefallen sind. In erster Linie dienen  sie als längerer Abriss über die damalige Erstvernetzung seines Studentenwohnheims und gibt damit Einblicke in die Anfangszeit der flächendeckenden Verbreitung von Internetanschlüssen. Sie unterscheiden sich von den oftmals moritatischen, ihren Lerneffekt durch eine Art Moral erzielenden übrigen, in der Gegenwart verankerten Abhandlungen.

Aufgrund seines informativen Mehrwerts erscheint mir „Der alte Mann und das Netz“ recht gut für zur Selbstironie fähige ältere Semester geeignet, die nach der Lektüre selbst entscheiden könnten, ob sie die grundlegenden Dinge verstanden haben und es sich zutrauen, sich das Internet zunutze zu machen oder ob sie angesichts der beschriebenen Herausforderungen und Gefahren doch besser verzichten.

Der witzige Anhang, die „Hottipedia“ mit sehr eigenwilligen Begriffserklärungen, rundet das 2015 im Goldmann-Verlag erschienene Buch ab, das für meinen Geschmack gern noch frecher hätte ausfallen dürfen und auf seine irritierende, weil zu durchschaubare angebliche Authentizität besser ebenso verzichtet hätte wie auf manch halbgare Anekdote oder nicht zu Ende gedachte, an den Haaren herbeigezogene Konstruktion. Ein kurzweiliger Spaß ist es dank manch scharfer Beobachtung Humbergs und seiner komödiantischen Aufbereitung über weite Strecken jedoch allemal und verleiht evtl. auch manch DAU-Geschädigtem ein Gefühl der Genugtuung.

Frank Schäfer – Kleinstadtblues

Nach „Die Welt ist eine Scheibe“ und „Verdreht“ ist „Kleinstadtblues“ Dr. phil. Frank Schäfers dritte mutmaßlich stark autobiographisch geprägte Belletristik, 2007 überraschenderweise nicht mehr im Oktober-, sondern im Maro-Verlag erschienen. Die ehemaligen Bandkollegen des literarischen Alter Egos Schäfers, Fritz alias Pfaffe alias Friedrich Pfäfflin, sind erwachsen geworden, haben Familien gegründet oder sind im Begriff, dies zu tun und hadern mit Mitte bis Ende 30 bisweilen mit ihrem (mehr oder minder) selbstgewählten Schicksal – fühlen sich jedoch noch immer miteinander verbunden. Die alte Dorf-Clique eben.

Stilistisch wählte Schäfer erneut ein abweichendes Konzept: War das jugendliche „Die Welt…“ noch eine stringent erzählte, zusammenhängende Geschichte, war das überwiegend adoleszente „Verdreht“ bereits eine losere Sammlung von Geschichten, die durch eine immer wieder eingestreute Rahmenhandlung zusammengehalten wurde. „Kleinstadtblues“ wiederum setzt sich auf rund 120 Seiten aus in sich abgeschlossenen, sich jedoch mitunter aufeinander beziehenden Kurzgeschichten zusammen. Eine juvenile sexuelle Initiationsgeschichte eröffnet den Reigen und wird abgelöst durch eine fast rührende Erinnerung an die Geburt eines Frühchens und der damit einhergehenden Probleme unter starker Berücksichtigung der psychologischen Komponente, die ein gewisses Maß an Empathie seitens des Lesers einfordert. Diese sensible Story findet ihre Fortsetzung durch das Herzstück und die längste Erzählung des Buchs, eine schonungslos offene, nicht lange um den heißen Brei herumschwurbelnde, sich Luft machende Beschreibung einer mittelschweren Beziehungskrise nach der Schwangerschaft und der Entlassung des Kinds aus dem Krankenhaus. Die Geschichte über Sexentzug und Schwierigkeiten bei der Bewältigung des nun gänzlich neuen Alltags entwickelt sich zu einer über alte Freundschaften. Ein im Suff endender Junggesellenabschied wird in allen Details beschrieben und am Ende möchte man schon gern wissen, ob es nun wirklich zusammen mit Kumpel Knüppel nach Wacken ging oder nicht. Als Klappentext wird diese Geschichte kurz angerissen, was für den Band jedoch leider wenig aussagekräftig ist.

Mein persönlicher „Kleinstadtblues“-Höhepunkt ist unterdessen die Kindheitserinnerung „Feuersalamander“, die sich aufgrund ihres klassischen Erzählstils gepaart mit direkter wörtlicher Rede zu einem unbekannten Gegenüber stilistisch interessant beinahe wie eine protokollierte und kommentierte Gesprächstherapiesitzung anfühlt. Ihr Gegenstand ist, was es mit kleinen Kindern macht, wenn ihre Eltern sie „verschicken“, beispielsweise in ein Ferienlager oder, wie in diesem Falle, in eine Kur. Die kindliche Gefühlswelt des Verlassenwerdens, die Ungewissheit, ob es jemals so wird wie zuvor (auch aufgrund noch nicht ausgeprägten Zeitgefühls), die Konfrontation mit fremden Autoritäten und das damit einhergehende Traumatisierungspotential werden in nahegehender, nachvollziehbarer Weise exakt beschrieben und dürften beim einen oder anderen Leser unschöne Erinnerungen an ähnliche Kindheitseinschnitte hervorrufen.

Erinnerungen an jugendliche Dorferfahrungen mit Stadtmädchen aus dem als Metropole empfundenen Hannover folgen weitere an die Schulzeit, diese bereits eingebettet ins alljährliche Wiedertreffen zu Weihnachten, an deren Ende das drohende Auseinanderbrechen der Clique steht, deren Mitglieder sich in immer weitere Abhängigkeiten begeben und/oder Verantwortung nicht mehr nur für sich selbst (zu) übernehmen (haben).

Ärgerlich ist, dass gleich zwei Kurzgeschichten bereits aus vorausgegangenen Buchveröffentlichungen des Autors bekannt sind: Die Bäcker-Anekdote „Heidesand“ sowie die Ehrerbietung an die dänische Band D-A-D. Diese Wiederholungen ziehen sich leider durch Schäfers schriftstellerisches Œuvre. Ziehen Autor oder Verlag womöglich nicht in Betracht, dass man mehrere seiner Werke liest? Schäfers Rock- und Metal-Affinität (mittlerweile hat er mehrere Bücher zum Thema Heavy Metal veröffentlicht und verdingt er sich als Tonträgerrezensent u.a. für die Fachpostille „Rock Hard“, seine ehemalige Band „Salem’s Law“ war im Bereich des Power Metals anzusiedeln) scheint selbstverständlich auch über D-A-D hinaus immer wieder durch, beispielsweise durch ein Dokken-Zitat, vor allem aber in einer individuellen Auslegung des Thin-Lizzy-Klassikers „Renegade“, die den Interpretationsspielraum derartiger Straßenlyrik vermittelt und aufzeigt, wie sie sich persönlichen Erfahrungen „anpasst“ – wenn es hier auch kein Happy End gibt.

Die im imaginären Giffendorf angesiedelten Erzählungen lassen vermuten, dass es Pfäfflin respektive Schäfer mit seinen Freunden ganz gut erwischt hatte. Dennoch oder gerade deshalb schwingt – wie der Titel bereits suggeriert und das Ende von „Verdreht“ vorausschickte – immer ein gewisses Maß an Melancholie mit, selbst in freudigen Momenten. „Kleinstadtblues“ hat keine Lösungen für langsam alternde, verunsicherte, eventuell auf die Midlife Crisis zusteuernde Männer und ihren Freundeskreis anzubieten, außer der Erkenntnis, dass regelmäßiges Kontakthalten geteiltes Leid vielleicht zu halbem macht und es alte Freundschaften auch deshalb zu pflegen gilt, weil sie gegenseitigen Halt vermitteln, Kontanten in sich immer wieder entscheidend ändernden Leben in einer sich immer weiter verdrehenden Welt sind – hier versinnbildlicht als lange nicht mehr existente, jedoch Fixpunkt und gemeinsame Erinnerung gebliebene Metal-Band. Gerade weil es Schäfer auch gelingt, das dörfliche bis suburbane Lebensgefühl Heranwachsender und schließlich ebendort sesshaft Werdender einzufangen und wortgewandt fühlbar zu machen, erinnert er in seinen besten Momenten fast ein wenig an Stephen King in „Es“ oder „Stand By Me“. Schäfers Lust auf Fremdwörter wurde ein weiteres Stück zurückgenommen, stattdessen fanden einige schöne Metaphern ins Buch mit seinen vielen genauen und klugen Beobachtungen. Der eine oder andere witzige Spruch und ein Semi-Insider-Gag hier und da lockern die mitnichten todtraurige, sondern wie ein guter Blues realitätsverankerte Sammlung angenehm auf; zwischen die alte deutsche Rechtschreibung schmuggelten sich wenige Flüchtigkeitsfehler.

Unterm Strich hat mich „Kleinstadtblues“ – erwartungsgemäß –auf dem richtigen Fuß erwischt und der Grund, weshalb ich es möglicherweise als weniger traurig als andere empfinde, dürfte neben dem dankenswerterweise ausbleibenden Gejammer des Autors und seiner Protagonisten sein, dass ich mir in meiner ähnlich suburbanen Sozialisation manch hier beschriebene Erinnerung und Entwicklung gewünscht hätte. Tauschen möchte ich mit Schäfers Charakteren deshalb jedoch noch lange nicht und die Lesart, dass einem durch Verzicht auf Festanstellung, Heirat und Familiengründung vieles verwehrt, aber auch erspart bleibt, ist bestimmt nicht intendiert, indes möglich.

Titus Arnu – Würste der Hölle: Übelsetzungen – Neue Sprachpannen aus aller Welt

Deutsche Sprache, schwere Sprache – um einmal einen Allgemeinplatz zu bemühen. Zu welchen Stilblüten und haarsträubenden Fehlern es kommt, wenn sich die Fallstricke des Schriftdeutschen mit Schludrigkeit und Ignoranz paaren, dokumentiert dieses rund 130 Seiten starke Buch aus dem ansonsten für seine Wörterbücher bekannten Langenscheidt-Verlag, das 2008 die Fortsetzung des Bands „Übelsetzungen: Sprachpannen aus aller Welt“ markierte. Mit Ortsangaben und meist den Namen der Einsender versehene Fotos von Hinweisschildern, Speisekarten etc. werden von Titus Arnu süffisant-humoristisch kommentiert. So wird aus einer Ferien- eine „Furienwohnung“, wird davor gewarnt, „mit dem wasserfahrzeug ins schiff zufahren“ oder Kaffee damit beworben, dass er mit „mittelmäßigem Braten“ vermischt worden sei. Gegliedert in verschiedene grobe Themengebiete sind diese zweiten „Übelsetzungen“ nicht nur ein kurzweiliger Spaß für linguistisch Interessierte oder schlicht Schadenfrohe, sondern vermitteln sie auch ein Gespür für die Herausforderungen an Übersetzungen angesichts sich schnell einschleichender, sinnentstellender Buchstabendreher oder -auslassungen sowie der Mehrdeutigkeit von Begriffen in der jeweils einen oder anderen Sprache. Da die meisten „Übelsetzungen“ aus touristischen Gebieten stammen und sich an Reisende wenden, ist dieses Büchlein auch eine ideale Urlaubslektüre – die abwischbare Oberfläche verzeiht Gepitscher am Strand oder Pool und der Inhalt schärft den Blick für kuriosen Sprachgebrauch am jeweiligen Urlaubsort.

PaTrick Bahners – Entenhausen: Die ganze Wahrheit

Wer hat sie als Kind nicht gern gelesen? Die Abenteuer der Ducks und ihrer Freunde, Bekannten und Gegner nicht nur in Entenhausen in Comicform. Duck’scher Chefzeichner für den Disney-Konzern war Mr. Carl Barks, deutsche Chef-Übersetzerin Frau Dr. Erika Fuchs, die den Dia- und Monologen sowie den Gedanken ihrer Schützlinge einen eigenen Stempel aufdrückte. Manch einen faszinierten die Entenhausener Überlieferungen auch über die Kindheit hinaus und ein paar Bildungsbürger unter ihnen wurden zu Donaldisten, um sich fortan wissenschaftlich mit Entenhausen auseinanderzusetzen. Einer von ihnen ist der ehemalige Feuilleton-Chef der FAZ, Patrick Bahners, der 2013 mit „Entenhausen: Die ganze Wahrheit“ im C.H.-Beck-Verlag seinen 208 Seiten starkes Debütband vorlegte, schick gebunden und mit integriertem Lesezeichen.

Die Prämisse der Donaldisten lautet, dass Entenhausen real sei und Barks sowie Fuchs eine Art Medien gewesen seien, die Informationen aus ihm empfangen und damit die Grundlage für die donaldistische Forschung geschaffen, das einzig wirklich authentische, unverfälschte Material überliefert hätten – im Gegensatz zu den zahlreichen weiteren Zeichnern und Textern, die außen vor bleiben müssen. Es handelt sich also nicht nur um ausgeprägtes Nerdtum, sondern auch um eine Art Pseudowissenschaft, vielmehr eine Parodie auf wissenschaftliche Arbeit, die sich der Herangehensweise tatsächlicher Wissenschaften bedient. Ihre Voraussetzungen sind die Einfalt, jene Quellen vollumfänglich zu akzeptieren und der Scharfsinn, ihre Widersprüche herauszuarbeiten, zu untersuchen und schließlich in wissenschaftlichen Einklang mit dem von Barks erschaffenen Universum zu bringen und dadurch aufzulösen.

Denn wer sich mit fiktiven Welten einmal näher auseinandergesetzt hat, wird die Ungenauigkeiten und Widersprüche kennen, die sich gern in sie einschleichen, wird über einen längeren Zeitraum, womöglich noch von mehreren mehr oder weniger unabhängig voneinander agierenden Menschen, an ihnen gearbeitet, konstruiert und geschrieben. Streng genommen beginnen die Entenhausener Widersprüche ja bereits mit den körperlichen Erscheinungsformen ihrer Bewohner, die an humanoide Enten, Hunde und Schweine erinnern, während es weiterhin sehr wohl herkömmliche Enten, Hunde und Schweine gibt – von ihren seltsamen verwandtschaftlichen Verhältnissen ganz zu schweigen. Dies greift Bahners ebenso erläuternd und sinnstiftend auf wie Detailfragen nach der tatsächlichen Anzahl der Stadtgründer und ihrer jeweiligen Geschichte, was wiederum wichtige Versatzstücke im Versuch wurden, die komplette Stadthistorie zu ergründen und zu belegen, darüber hinaus das politische System und soziale Gefüge, Auffassungen von Recht und Gesetz, Stand des Fortschritts und der Entenhausener Wissenschaft bis hin zur Religion und vielem Weiteren mehr. 115 Schwarzweiß-Bilder aus den Quellen (sprich: den Comics) helfen dabei, Bahrens zu folgen und in Kontext zu seinen Quellen setzen zu können, evtl. auch eigene Erinnerungen an die eine oder andere Bark’sche Geschichte zu wecken.

Eine der wichtigsten Fragen bleibt dabei, wo genau Entenhausen eigentlich liegt und ob auf unserer uns bekannten Erde, in einem Paralleluniversum oder gar in der Zukunft. Als Leser erfährt man vom – tatsächlich in die Tat umgesetzten – donaldistischen Unterfangen der Erstellung eines detaillierten Stadtplans (inkl. aller ehemaligen Behausungen Donald Ducks, satte 32 an der Zahl) sowie von Hans von Storchs Theorie eines Paralleluniversums, bis Bahners schließlich als seinen bis zur Drucklegung vermutlich größten donaldistischen Coup Entenhausen in einer postnuklearapokalyptische Zukunft verortet, in der Hawaii mitunter aufgrund wandernder Kontinentalarchitektonik auf dem Landwege zu erreichen ist – streng wissenschaftlich erörtert, versteht sich.

Die in sieben Kapitel aufgeteilte und um ein detailliertes Quellenverzeichnis ergänzte Arbeit Bahrens’ verdeutlicht nicht nur die Unterschiede, sondern gerade auch die vielen Parallelen zu unserer Welt, ihrer Geschichte und unserer Kultur und schafft damit einerseits ein Bewusstsein für die vielen, bei ihrer Entdeckung gerade für die jungen Comic-Rezipienten durchaus lehrreichen Anspielungen auf reale Personen und Ereignisse über die Populärkultur hinaus, nutzt diese Erkenntnisse andererseits, um sein eigenes Wissen zu prostituieren und das eine oder andere Duck’sche Detail – und Bahners geht überaus detailverliebt vor – in einen Kontext zu rücken, der vielen Comic-Lesern bisher entgangen sein dürfte. Insofern erfährt man nicht nur viel über Entenhausen, sondern auch einiges über unsere Realität.

Eine gerade heutzutage an Bedeutung gewinnende Erkenntnis dürfte dabei sein – und das ist eine weitere interessante Lesart des Buchs –, auf welche Weise sich abstruse Thesen bis hin zu Verschwörungstheorien in wissenschaftlichem Duktus begründen und scheinbar belegen lassen. Da sich Bahners dieser Sprache konsequent bedient und seine Ironie auf den ersten Blick vornehmlich gut versteckt zwischen den Zeilen einarbeitet, liest sich „Entenhausen: Die ganze Wahrheit“ nicht so leicht wie die entsprechenden Comics, auch nicht wie übliche Sekundärliteratur von Fans für Fans, sondern richtet sich eher an mit wissenschaftlicher Quellenbearbeitung und ihrer schriftlichen Ausdrucksform zumindest ansatzweise Vertraute oder eben an Neugierige, die sich davon nicht abschrecken lassen. Als seichte Unterhaltungsliteratur ist Bahners’ Werk nur bedingt geeignet, am ehesten für mit den Barks-Comics in einem Ausmaße Aufgewachsene, dass sie sich über die zahlreichen Wiedererkennungseffekte beim Lesen von Bahners’ Ausführungen freuen – doch gerade diese Art Vorkenntnisse sind zum Buchgenuss eben nicht erforderlich, vielmehr ein gehobenes Allgemeinbildungsniveau, das sich einem den Großteil der Anspielungen und Vergleiche Bahners’ erschließen lässt.

Ich persönlich kann mich nicht davon freisprechen, bei geschichtlichen Details, spätestens aber bei Bahners’ Spiel mit der lateinischen Sprache bisweilen mehr Bahnhof als alles andere verstanden zu haben, wenngleich seine Intention deutlich blieb – im Gegensatz zum für meinen Geschmack dann eben doch auf Dauer ermüdenden, weil sich über eine übertriebene Seitenanzahl ziehenden Fall Herrn Bläulichs, der in den Comics Kaiser von Amerika werden wollte und sich dafür auf einen Codex Raptus berief. Weit weniger totgeritten hat Bahners den guten alten Genitiv, dessen Verzicht mir nicht immer sinnvoll erschien. Bevor ich mich aber ähnlich in Details verliere wie der Autor, attestiere ich einen interessanten, horizonterweiternden Special-Interest-Ausflug als meine erste über TV-Berichte hinausgehende Konfrontation mit dem Donaldismus, der zudem Lust macht, auf eine der Barks-Werksausgaben zu sparen und chronologisch aufbereitet wieder in die postnuklearapokalyptische Welt Entenhausens mit ihren Kontinentalverschiebungen und Frau Dr. Fuchs’ hervorragenden Übersetzungen einzutauchen, nachdem der Großteil der alten Comichefte unlängst an eine neue Generation weitergegeben wurde.

Mad-Taschenbuch Nr. 8: Al Jaffee – Das Buch der dummen Sprüche

Mit dem achten Mad-Taschenbuch erschien 1975 Stammzeichner Al Jaffees zweiter Auftritt in Buchform. Diesmal durfte er sich gänzlich seinen klugen Antworten auf dumme Fragen widmen, Jaffees Stammrubrik in den Mad-Magazinen. Nach einem schönen Vorwort und einer Widmung Jaffees an sich selbst ist das Buch in 14 Kapitel (hier „Abt.“ genannt) aufgeteilt, darunter die bekannten Doppelseiter in Comicform mit verschiedenen möglichen Antworten auf dumme Fragen sowie je einer Sprechblase zum Selbstausfüllen, mehrseitigen Comics, die natürlich ebenfalls die reinsten Spruchfeuerwerke sind und für den Sprücheklopfer böse enden, sowie weiteren Variationen wie schlagfertigen Reaktionen auf vermeintlich kluge Antworten und einem selbstironischen finalen Kapitel. Rund 160 Seiten stark und meines Erachtens mit das Beste, was Mad zu bieten hatte.

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