Gnnis Reviews

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Laurenz Werter – Simple Movie Porträt #6: Ingrid Steeger – Sie war unser Sexsymbol der 70er Jahre

Die im MPW-Verlag erschienene achtbändige „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich weiblichen Erotikfilm-Ikonen wie Laura Gemser, Gloria Guida und Traci Lords. Für die 2009 erschienene Nr. 6 verpflichtete man kino-zeit.de-Redakteur Laurenz Werter, sein Wissen über die am 1. April 1947 als Ingrid Anita Stengert geborene Ingrid Steeger zur Verfügung zu stellen, die ihre Karriere als Schauspielerin 1966 begann und in den 1970ern zum Softerotik-Filmstar wurde, bevor sie mit der Sketchreihe „Klimbim“ auch das Fernsehen eroberte.

Auch diese Ausgabe ist eine Mischung aus Bildband und Informationssammlung: Auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier tummeln sich massenweise hochqualitative erotische Fotografien der Steeger, Filmplakate, Aushangfotos und Coverabbildungen, die das Durchblättern zu einem ästhetischen Vergnügen machen und Frau Steeger in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung festhielten. Nach einem Vorwort erwartet den über die rein visuellen Reize hinaus Interessierten eine wirklich schön und respektvoll geschriebene Biographie Steegers, bevor sich Werter auch kurz ihrer langjährigen Freundin und Filmpartnerin Elisabeth Volkmann widmet (die leider viel zu früh gestorben ist und der TV-/Kinolandschaft fehlt). Herzstück auch dieses Bands ist die ausführliche Filmographie inkl. Stab- und Inhaltsangaben, die tatsächlich jeden Spielfilm mit Beteiligung Steegers, und sei es nur in einer kleinen Nebenrolle, chronologisch sortiert aufführt – von „Karriere“ über die Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich bis hin zu TV-Produktionen bis ins Jahr 2006, abgerundet von einem kurzen Abriss über den österreichischen Sexfilm-Regisseur Ernst Hofbauer. Steegers TV-Auftritten wird darüber hinaus ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch ihre Gastauftritte in TV-Serien Erwähnung finden, was als eine Art Überleitung zum ausgiebigen Abschnitt über die Sketch- und Comedy-Serie „Klimbim“ fungiert, die die Steeger endgültig ins heimische Wohnzimmer brachte und dafür sorgte, dass sie wirklich bald jeder kannte. Fast schon zuviel des Guten ist da ein kompletter Episodenguide, der jede einzelne „Klimbim“-Episode beschreibt. Und wer sich wunderte, weshalb man sich speziell Hofbauer widmete, Dietrich jedoch nicht, hatte offenbar nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut: Das Magazin schließt mit einer fünfseitigen Abhandlung zum Grenzen überschreitenden, Pionierarbeit leistenden schweizerischen Produzenten und Regisseur.

Wer sich auch nur ansatzweise für die Erotikfilm-Epoche der 1970er im Allgemeinen oder Ingrid Steegers filmisches Werk im Speziellen interessiert, bekommt hier also eine geballte Flut an Informationen. Sicher, vieles wird lediglich angerissen, dient jedoch als Orientierungshilfe und lässt sich mithilfe anderer Quellen mühelos vertiefen. Und auch ohne einen einzigen ihrer Filme gesehen zu haben, gewinnt man einen Eindruck der Filmproduktionswelt, in der sie damals agierte und darf sich manch Titel auf der Zunge zergehen lassen: Report- und Kolle’sche Aufklärungsfilme treffen auf „Bumsfallera in Kitzelhausen“, „Die goldene Banane von Graf Porno“ und „Mädchen, komm, die Liebe juckt“. Sonderlich wählerisch schien sie damals nicht gewesen zu sein, Erwin-C.-Dietrich-Produktionen wie „Ich, ein Groupie“ dürften qualitativ noch am ehesten herausstechen. Damit zeichnet dieses Heft anhand der Steeger gewissermaßen auch ein Sittenbild der damaligen Zeit nach, zwischen Freizügigkeit und Verklemmtheit, sexueller Revolution und Frauenfeindlichkeit, körperlichem Selbstbewusstsein und Ausbeutung bis hin zu schmutzigen Lolita-Phantasien älterer Männer – was nicht wirklich Thema dieses Porträts ist, sich anhand der Filme aber sicherlich gut nachvollziehen ließe und insbesondere aus heutiger Sicht eine spannende Entdeckungsreise bedeuten könnte, für die sich diese Filmographie als hilfreich erweisen dürfte.

Doch der MPW-Verlag wäre nicht er selbst, hätten sich nicht wieder zahlreiche Fehler eingeschlichen: In Bildunterschriften wird aus Steegers Dietrich-Debüt gleich mehrmals „Ich, ein Groubie“, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre, aus „Massagesalon der jungen Mädchen“ wird „[…] der unschuldigen Mädchen“ und das RTL-Dschungelcamp heißt mitnichten „Holt mich hier raus – ich bin ein Star“. Stilblüten und Flüchtigkeitsfehler finden sich doch einige, was einmal mehr darauf schließen lässt, dass MPW am falschen Ende gespart und aufs Korrekturlesen verzichtet hat. Schade, denn das hat Ingrid Steeger wirklich nicht verdient. Gar nicht wieder ein bekommt sich Werter angesichts des „Die Betthostessen“-Werbespruchs „Junge Mädchen – gut zu Vögeln“, mal mit großem, mal mit kleinem „v“ zitiert und für den anscheinend unter einem Stein gelebt habenden Autor offenbar ein grandioses, unerreichtes Wortspiel… In der Vorschau auf die nächste Ausgabe lässt sich erahnen, dass es Edwige Fenech nicht viel besser ergangen ist, hat sie doch angeblich in „Your Vice Is a Closed Room and Only I Have the Key“ mitgespielt – peinlich, peinlich… Doch dazu später mehr.

Ulf S. Graupner / Sascha Wüstefeld – Das UPgrade 1: Wunder, Würfel, Weltfestspiele

Den vorläufigen Abschluss meiner Auseinandersetzung mit Wende-Comics sollte „Das UPgrade“ bilden, ohne zu ahnen, dass es sich lediglich um den ersten Band einer auf zehn Teile angelegten Reihe handelt, die Autor Ulf S. Graupner und Co-Autor/Zeichner Sascha Wüstefeld in einem Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichen wollen und von dem bereits drei erschienen sind. Und beim mir vorliegenden, wunderschönen großformatigen, gebundenen und vollkolorierten, 64 Seiten umfassenden Band, der im März 2015 im Cross-Cult-Verlag erschienen ist, handelt es sich auch keineswegs um die Erstveröffentlichung: 2012 verlegte bereits der Zitty-Verlag die ersten beiden Bände, der dritte folgte in Eigenveröffentlichung. Im Cross-Cult-Verlag erfolgte 2015 also so etwas wie ein größer angelegter Neustart.

Der 5. Mai 1988: Ronny Knäusel, 21 Jahre jung, ausgestattet mit einem Walkman und einer FDJ-Uniform, teleportiert eine Gruppe Ausreisewilliger aus der DDR heraus. Zeitsprung, Januar 1992, Malibu, Kalifornien: Der ehemalige Surf-Rock-Star Cosmo Shleym bestellt eine Pizza zu seinem spacigen Anwesen, zerstückelt den Boten jedoch versehentlich eine viele kleine Würfel. Erneuter Zeitsprung, November 1965: Ronny Knäusels Mutter sediert ihren Mann, um Sex mit ihm zu haben und endlich schwanger zu werden. Ronny kommt am 1. August 1966 zur Welt. Sieben Jahre später hat Cosmo Shleym einen Auftritt bei den X. Ost-Berliner Weltfestspielen, ein Mordanschlag der Stasi auf ihn schlägt fehl. Der kleine Ronny weiß davon nichts, blättert an seinem Geburtstag in der Frösi und lauscht dem Jugendsender DT64. Anstelle seines Blitz-Fahrrads hätte er lieber ein Abonnement der Bildergeschichten-Zeitschrift Mosaik (für das die UPgrade-Autoren selbst gearbeitet haben und das eine Art DDR-Ersatzdroge für comicaffine Jünglinge war) als Geburtstagsgeschenk erhalten. Als er erfährt, was in Berlin los ist, teleportiert er sich dorthin und ist ganz aufgelöst, weil er sich in die Hose gekackt hat – eine Nebenwirkung des Teleportierens. Dort trifft er auch auf Frau Bellmann, seine Pionierleiterin, die jedoch plötzlich eine Waffe zieht. Doch bevor sie auf Shleym zielen kann, teleportiert sich Ronny zurück nach Hause und nimmt die Attentäterin unfreiwillig mit. Der letzte Zeitsprung führt ins Jahr 1992: Die DDR ist Geschichte; Ronny alias DER TRANSLOKAT, ihr ehemals einziger Superheld, sitzt bierbäuchig und frustriert in seiner Plattenbauparzelle und hadert mit seiner Existenz, bis er sich in suizidaler Absicht aus dem Fenster stürzt…

Außer im Prolog fehlt sein Auftreten als Superheld also komplett in diesem ersten Band, der mit dem fiesest möglichen Cliffhanger endet. Stattdessen bekommt man kurze Einblicke in verschiedene Zeitabschnitte, deren Zusammenhänge sich allenfalls erahnen lassen. Dieser erste Band ist somit nicht mehr als die Exposition eines großen Ganzen, das einem mit seinem faszinierenden, farbenprächtigen Funny-Stil die Fortsetzungen schmackhaft macht. Auf eine feste Panelstruktur wird verzichtet, der Seitenaufbau ist sehr dynamisch und seinen Inhalten untergeordnet. In den zunächst überladen wirkenden Bildern gibt es viele Details zu entdecken, die die DDR-Alltagskultur illustrieren (was manch anderem Wende-Comic abgeht) und bedeutende Momente der DDR-Historie ins Gedächtnis ruft, die durch den Kakao gezogen und mit der fiktionalen Handlung verknüpft werden. Zudem sächselt Ronny in seinen Sprechblasen stilecht, was einen weiteren starken Kontrast zum allgemeinen Bild von Superhelden bildet, den satirischen Aspekt demnach verstärkt. Wer sich ein bisschen mit der DDR auskennt – z.B. weil er selbst in ihr gelebt hat –, wird somit, wie beispielsweise auch in Mawils „Kinderland“, einiges wiedererkennen, und wer es nicht tat, dem werden authentische Einblicke bis hin zu detailgetreu nachgezeichneten Zeitschriften-Titelseiten gewährt. Der Post-Wende-Abschnitt wiederum spielt unzweideutig auf die Ernüchterung und Katerstimmung zahlreicher desillusionierter „Wende-Verlierer“ an; ein Thema, das bisher zu selten in Wende-Comics bearbeitet wurde.

Eine Art Spin-Off ist die Bonusgeschichte dieser Neuauflage: „Günnis Tubenauto“, dessen Titelseite im Stil der Computerspielreihe „Grand Theft Auto“ gestaltet wurde und von der DDR-Kinderzahnpaste „Putzi“ präsentiert wird, erzählt von meinem Namensvetter und Vater Ronnys, genauer: wie er die Geburt seines Sohns erlebte. Und damit nicht genug: Im „Aus dem ‚Skizzenbuch’ des Patienten Sascha W.“ genannten Anhang lässt sich selbstironisch kommentiert die zeichnerische Entstehung der Figuren nachvollziehen. Über die Handlung an sich lässt sich aus beschriebenen Gründen noch kein Urteil bilden, alles andere ist aber auf derart hohem Niveau, dass man den Autoren/Zeichnern und dem Verlag den nötigen langen Atem für ihr Unterfangen wünscht, die zehnbändige Reihe regelmäßig zu produzieren und zu veröffentlichen, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht schon mit dem mir noch unbekannten Band 2 eine etwas nachvollziehbarere, linearere Erzählweise präsentiert zu bekommen. Ich bin gespannt!

Mad-Taschenbuch Nr. 18: Al Jaffee – Mads großes Monster-Buch

Mad-Stammzeichner Al Jaffees dritter Auftritt im Taschenbuchformat erschien 1974 im US-amerikanischen Original, 1978 in seiner deutschen Übersetzung. Der Titel suggeriert, dass es sich um eine Sammlung von Horrorgeschichten handeln würde, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Zumindest bemühte man sich aber, möglichst schwarzhumorige Cartoons Jaffees auf den rund 160 Schwarzweiß-Seiten abzubilden. Diese teilen sich in 20 unterschiedlich lange Kapitel auf, aufgelockert durch „Kurz-Knüller“ genannte Einseiter. Die Kaptitel wurden jeweils mit „Die grausige Geschichte (würg!)…“ übertitelt und nehmen mal Monster-Klischees parodistisch aufs Korn, sind häufig jedoch auch typisch alberne, überzeichnete Cartoons mit mal besserem, mal schlechterem, jedoch stets pointiertem Ausgang für die Figuren. Nicht wenige kommen dabei ganz ohne Sprechblasen aus, was das Durchblättern natürlich beschleunigt. An die Qualitäten von tatsächlichen Jaffee-Specials zu einem bestimmten Themengebiet oder gar seinen „klugen Antworten auf dumme Fragen“ kommt diese Ausgabe nicht heran, ein kurzweiliges Vergnügen ist’s jedoch allemal – vorausgesetzt, man kann mit Jaffees bisweilen hintergründigem, meist jedoch betont absurdem Humor etwas anfangen.

Cinema-Sonderband Nr. 4: Sex im Kino – Höhepunkte des erotischen Films

Der vierte Sonderband der Filmzeitschrift „Cinema“ dürfte aufs Jahr 1982 datieren und widmet sich in Heftform 84 Seiten lang der Erotik auf der Leinwand. Und wenn mir so etwas für 2,- EUR auf einer Comic-Börse (!) in die Finger fällt, nehme ich’s natürlich mit. Nach einer angenehm kritischen zweiseitigen Einführung bietet das Heft einen fast 30-seitigen Streifzug durchs Erotikfilmgenre, der auf abwechselnd farbigen und schwarzweißen Doppelseiten großformatige Bilder mit jeweils kurzen Begleittexten bietet, dabei tatsächlich viele Facetten des Genres abdeckt und dessen Variantenreichtum eindrucksvoll illustriert, jedoch vor allem etwas fürs Auge ist. Jürgen Menningen führt anschließend eine Art Wurzelbehandlung durch, jedoch der angenehmen Art: Er referiert 15 Seiten lang (unterbrochen von einem furchtbar unerotischen Belmondo/Bisset-Poster in der Heftmitte) „von den Anfängen des Sittenfilms“, was sich spannend liest und mit historischem Material illustriert wurde. Alexandre Alexandre bekommt dann noch fünf Seiten, um ausschließlich über den „ersten Sexfilm“, Richard Oswalds „Moral und Sinnlichkeit“, zu berichten und damit speziell auf die Dialektik von Sex- und Aufklärungsfilm sowie auf die Themen Prüderie, Doppelmoral und Zensur einzugehen. Der Rest des Hefts ist dann wiederum in erster Linie dem visuellen Genuss gewidmet, indem der Informationsgehalt zugunsten spärlich kommentierter Seiten voll Fotos von „Stars der Leinwand ohne Hüllen von A-Z“ zurückgestellt wird. Ironischerweise wird die alphabetische Sortierung nach Ursula Andress und Brigitte Bardot bereits aufgegeben, was jedoch nichts an der Qualität der häufig wahrlich erotischen, ästhetischen Setfotos diverser – ausschließlich weiblicher – Erotikfilm-Ikonen ändert, was einen reizvollen Überblick über die damals noch aktuellen Protagonistinnen verschafft – der jedoch durchaus im Kontrast zu den häufig genrekritischen vorausgegangenen Texten steht. Dieser Sonderband ist ein gewagter Spagat zwischen seriöser Information und „Tittenheftchen“: Wer ausschließlich nackte Tatsachen sehen will, wird den redaktionellen Teil als störende Alibi-Texte abtun und wer vor allem an Hintergrundinformationen interessiert ist, dürfte es als Mogelpackung empfunden haben, eine Publikation dieses Bild-Text-Verhältnisses erworben zu haben. Wen allerdings beide Aspekte reizen, der findet in diesem Heft eine interessantes Zeitdokument, dessen Textteil auf einige wissenswerte Aspekte verweist und dessen Bilder nicht nur die eine oder andere Schauspielerin ins Gedächtnis rufen, sondern auch Lust auf den einen oder anderen ihrer Spielfilme machen, die in Zeiten nur einen Mausklick entfernter Gratis-Pornographie so herrlich anachronistisch wirken, jedoch neben viel fragwürdigem Unfug, himmelschreiendem Sexismus und antiquierten Geschlechterbildern nicht nur erforschenswerte Reflektionen des Sittenbilds ihrer Zeit – oder dessen Antithese – sind, sondern auch mit manch Qualitätsbeitrag beweisen, dass das Genre des explizit nichtpornographischen Erotikfilms auch heute noch zurecht parallel existiert – wenngleich es seine Hochzeiten längst hinter sich hat.

Auf Grundlage dieses Magazins entstanden offenbar jährliche Sonderbände zum Thema und schließlich das 1992 veröffentlichte großformatige Buch „Die Geschichte des erotischen Films“ im festen Einband.

Kati Rickenbach – Filmriss

Die schweizerische Comiczeichnerin und Illustratorin Kati Rickenbach ist Mitherausgeberin des Comicmagazins „Strapazin“ und veröffentlichte 2007 auf ihr Engagement für die Comicserie „Zyri“ im „Züritipp“-Stadtmagazin hin ihre erste Graphic Novel „Filmriss“ im Verlag Edition Moderne. Auf rund 80 in Graustufen gehaltenen, handgeletterten Seiten zwischen festen Einbanddeckeln erzählt sie die Geschichte der jungen Erwachsenen Lela, die nach einer Party mit einem Knutschfleck aufwacht, sich jedoch an nichts erinnern kann und versucht, die Ereignisse der letzten Nacht zu rekonstruieren. Die Leserinnen und Leser folgen ihr dabei auf eine Reise durch Partys und Flirts, ungesunde zwischenmenschliche Beziehungen, Verunsicherung und Wut bis hin zu Wahnsinn und Verzweiflung. Eine Attraktion des Bands ist der verschachtelte Erzählstil mit seinen vielen Perspektivwechseln und Rückblenden, der zu einer spannenden Geschichten heranwächst, die letztlich alle Handlungsfäden zusammenführt – weshalb über diese hier nicht mehr verraten werden soll. Im karikierenden, eigenwilligen, aber nicht uncharmanten Funny-Stil kann die ironische bis sarkastische Leichtigkeit der blocktextfreien Zeichnungen und Dialoge nicht übertünchen, dass hier ins Gegenteil verkehrt wird, was gemeinhin als Inbegriff von jugendlichem/adoleszentem Spaß, als sorgenarmes Freizeitvergnügen gilt. Das starre Grid-Korsett mit je acht Panels pro Seite wirkt wie die Grenze einer Realität, der die Figuren ohne Aussicht auf Erfolg zu entkommen versuchen. Ein Spiegelbild einer Generation? Das weiß ich nicht. Ich würde es Rickenbach aber vorbehaltlos abkaufen, wenn das, was sie hier verarbeitet, ausnahmslos auf realen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, weshalb einem das Lachen insbesondere zum Ende hin gleich mehrmals im Halse stecken bleibt. Beachtlich ist zudem, wie es ihr gelingt, all dies auf lediglich 80 Seiten komprimiert wiederzugeben. Ein hoffnungsvoll stimmendes Debüt über Hoffnungslosigkeit aus der Perspektive eines gesellschaftlichen Mikrokosmos, der damit zu kämpfen hat, sich damit abzufinden.

Isabel Kreitz – Deutschland. Ein Bilderbuch

Da hat man wirklich etwas in der Hand: Auf rund 110 gebundenen Seiten in mattem, festem Papier zwischen großformatigen Hardcover-Deckeln erstreckt sich der Comicband der Hamburgerin Isabel Kreitz, der 2011 im Dumont-Verlag veröffentlicht wurde. 52 Geschichten auf je einer Doppelseite bilden „prägende Ereignisse deutscher Nachkriegsgeschichte“ (Zitat: Einband) zwischen 1949 und 2008 ab, wobei die linke Seite jeweils kurze, prägnante Erläuterungen enthält und die rechte Seite Kreitz’ naturalistischem, doch unverkennbarem, begeisterndem Zeichenstil vorbehalten ist. Aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Tragödien rekrutieren sich ihre meist satirisch, ironisch oder sarkastisch erzählten Geschichten, für die sie dem Volk aufs Maul geschaut hat und es versteht, durchaus hintersinnig deutsche Befindlichkeiten zu Papier zu bringen. Beginnend mit Thomas Manns erstem Besuch Nachkriegsdeutschlands über die deutsche Teilung, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, die „Spiegel“-Affäre, JFKs Berlin-Auftritt und die Einführung des Farbfernsehens bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung, den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern, den Abzug der Roten Armee, der „Love Parade“, der Einführung des Euros und der Finanzkrise bietet „Deutschland. Ein Bilderbuch“ ein buntes Potpourri an Erinnerungen. Drei, vier mal kommt sie dabei komplett ohne Sprache aus, teilweise arbeitet sie mit Collagen statt klassischem Panel-Aufbau, Fotomontagen und gezeichnete Bildzitate von Personen, Plakaten, Zeitschriften und Werbung sorgen für Zeitkolorit und Authentizität. Manch Handlung wirkt durch eine Vielzahl an Sprechblasen unruhig und verwirrend, zwingt dadurch in der Rezeption zu intensiverer Auseinandersetzung. Die Leserinnen und Leser werden auf Mikroebenen geleitet; einzelne Dialoge oder Momente vor dem Hintergrund größerer Ereignisse stehen im Mittelpunkt der Geschichtchen, die häufig, jedoch nicht immer den richtigen Ton treffend ausgefallen sind (was natürlich genau genommen ohnehin sehr subjektiv ist). Die Farbgebung wird tendenziell immer bunter und freundlicher, was zwei Interpretationsmöglichkeiten zulässt: Die Visualisierung des Vergangenheits-/Gegenwartcharakters, bei der sich der graue Schleier der belasteten deutschen Vergangenheit immer stärker lichtet, oder aber das Aufgreifen der Materialästhetik alten Foto- und Filmmaterials im Vergleich zu jüngeren technischen Möglichkeiten.

Einen vollumfänglichen Überblick über die deutsche Geschichte bietet Kreitz jedoch keinesfalls. Die Relevanz wird auf formaler Ebene nicht differenziert, jeder Geschichte wird gleichviel Platz eingeräumt. Diverse wichtige Ereignisse werden lediglich angedeutet (der Sieg der DDR-Fußballnationalmannschaft gegen die der BRD 1974, die Wende), andere hingegen gar gänzlich ausgespart (die Erschießung Benno Ohnesorgs, der PLO-Terror 1972, der Fußball-WM-Titel 1990, der Neonazi-Terror u.v.m.). Zudem verwendet Frau Kreitz „Deutschland“ offenbar synonym zu „BRD“, denn lange Zeit scheint die DDR in ihrem Buch überhaupt nicht mehr zu existieren, findet lediglich hier und da noch einmal am Rande statt. Damit wird sie dem Titel ihres Buchs leider in keiner Weise gerecht und ignoriert sie die Entwicklungen und Ereignisse im sozialistischen deutschen Staat zwischen Mauerbau und Wende. Damit legt sie die Missinterpretation nahe, dass dort die Zeit stehengeblieben sei, während in der BRD der Fortschritt vorangeschritten sei. Zudem delegitimiert sie die Existenz der DDR, macht sie unbedeutend und unsichtbar, wenn sich ihr Deutschland-Bild bis 1989 lediglich bis an die Ostgrenze der Nato erstreckt. Damit zeichnet Isabel Kreitz trotz aller guten Ansätze und unbestreitbaren Qualitäten ihres Bands leider lediglich ein Zerrbild deutscher Realität, das jedoch, ganz wie manch eine ihrer Geschichtchen, tiefe Einblicke in die deutsch-deutschen Beziehungen gewährt – wenn auch unfreiwillig.

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic

Henseler/Buddenberg zum Dritten: Nach „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ erarbeiteten sie im Jahre 2012 einen dritten Lehrcomic zur deutsch-deutschen Geschichte, indem sie die populärste Geschichte um einen Fluchttunnel von West- nach Ostberlin aufgriffen und, im Gegensatz zu den Franzosen Jouvray und Brachet in „Fluchttunnel nach West-Berlin“, weitestgehend realitätsgetreu abbildeten. Ihr Comic wurde zunächst im Rahmen der von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Ausstellung „Tunnel 57“ im Tunnel der Berliner U-Bahnstation Bernauer Straße ausgestellt und erschien 2013 und 2014 in zwei Auflagen als Buch mit zahlreichen weiterführenden Informationen, Interviews, Lehrmaterialien etc., 2016 schließlich als 34-seitige reine Comicbroschüre im Christoph-Links-Verlag. Die letztgenannte Ausgabe liegt mir vor. Wie „Berlin – Geteilte Stadt“ ist sie als Bildungscomic insbesondere auf junge Leser und den pädagogischen Einsatz ausgerichtet.

Erzählt werden die Ereignisse aus Sicht des Tunnelbauers Joachim Neumann, der zusammen mit anderen Fluchthelfern im Jahre 1964 insgesamt 57 Menschen nach beinahe unmenschlichem Aufwand zur Republikflucht von Ost- nach Westberlin verhalf und hier als Erzähler auftritt. Zunächst wird der Plan inkl. fünf federführender Durchführer vorgestellt, wobei auch deren Motive zur Sprache kommen. Ein in Graustufen gehaltener naturalistischer, detail- und schattierungsarmer Zeichenstil kommt zum Einsatz, comictypische Gestaltungselemente wie Bewegungslinien, Soundwords oder Sprechblasen finden sich kaum, erläuternder, dokumentarischer Blocktext überwiegt. Wie gewohnt tritt die künstlerische Expression hinter die Zweckmäßigkeit zurück. Planzeichnungen und Übersichtskarten verstärken den dokumentarischen Eindruck; die Integration realer Personen, deren Comic-Äquivalente sich sogar an Originalfotos orientieren, Zeitkolorit in Form zeitgenössischer Produkte, Marken und Entwicklungen und viele recht realgetreue Bildzitate, für die Fotos in Comicform gebracht wurden, dienen ebenso als weitere Authentisierungsmittel wie abgebildete Original-Zeitungsschlagzeilen.

Dass die Geschichte eigentlich die vier großen literarischen Motive Liebe, Lüge, Verrat und Tod enthält, interessierte das Autoren/Zeichner-Team hingegen weniger. Extrem straff und verdichtet werden die Ereignisse lange Zeit sehr sachlich und nüchtern geschildert und auf Charakterisierungen der Figuren weitestgehend verzichtet. An klassischer Spannungsdramaturgie versucht man sich lediglich auf den Seiten 22-25, als sich die Stasi einschaltet und es zum verhängnisvollen Schusswechsel kommt, bei dem der Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben kommt. Hierauf wird dann auch detailliert eingegangen, der Fokus des Endes liegt eindeutig hierauf. Nach einer beinahe kriminalistischen Aufarbeitung des Falls – Fluchthelfer Zobel schoss auf Schultz, welcher jedoch erst von einem Querschläger eines Kameraden tödlich verletzt wurde, was die DDR-Führung bewusst verschwieg, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren – findet Erwähnung, dass Zobel dies nie verarbeitet hat und bis zu seinem Tod im Glauben gelassen wurde, einen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Damit werden die Schattenseiten dieses Unterfangens herausgestellt, dem – wie ebenfalls erwähnt wird – bereits mehrere ähnliche Tunnelbauten vorausgegangen waren. Dies ist wichtig für die Einordnung dieser allzu oft einseitig zu einer klassischen Erfolgsgeschichte verklärt wiedergegeben Ereignisse, die nur mit breiter Unterstützung Kalter Krieger der BRD möglich wurden: Geheimdienste, Medien und Polizei förderten die Aktion aus ideologischen Gründen zur Schwächung der DDR. Dieser viel zu selten Beachtung findende Umstand wird jedoch leider lediglich angedeutet. Das ist schade, verhindert es doch, dass „Tunnel 57“ tatsächlich zumindest zum Einstieg in die Thematik als niedrigschwelliges Lehrmaterial für junge Schüler vollumfänglich gut geeignet wäre. Hintergründe zur Teilung Deutschlands und zum Mauerbau müssten sich indes so oder so anderweitig beschafft werden…

Olivier Jouvray / Nicolas Brachet – Fluchttunnel nach West-Berlin

Auch Frankreich trug einen Stein zum Wende-Comic-Mosaik bei: Autor Olivier Jouvray und Zeichner Nicolas Brachet veröffentlichten 2014, also pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Maueröffnung, ihre Graphic Novel im Delcourt-Verlag, die noch im selben Jahr von Annika Wisnieswki ins Deutsche übersetzt und im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums vom Avant-Verlag als rund 60-seitiger, großformatiger und vollfarbiger Hardcover-Band verlegt wurde. Damit ist „Fluchttunnel nach West-Berlin“ der bisher einzige mir bekannte ausländische Beitrag zum Themenkomplex. Jouvray und Brachet zeigen sich fasziniert vom raffiniert ausgeklügelten und mit viel Hirnschmalz und Muskelkraft realisierten Tunnelbau von West- nach Ostberlin, durch den 1964 57 Menschen die Flucht aus der DDR gelang. Dieses Ereignis inspirierte sie zu einer Geschichte, in der Kunststudent Tobias seine jüngere Schwester Hanna zu sich in die BRD holen möchte und in seinem Freund Mathias jemanden findet, der sich nach anfänglichem Desinteresse bereiterklärt, ihm zusammen mit zahlreichen weiteren freiwilligen Helfern dabei zu helfen, weil er sich in Hanna nach einem persönlichen Kennenlernen verguckt hat.

Es handelt sich also um so etwas wie eine halbfiktionale Geschichte, weshalb es im Paratext „inspiriert von wahren Ereignissen“ heißt. Diese wird in in vielen Blau- und Grautönen kolorierten, von mir als sehr hochwertig empfundenen naturalistischen Zeichnungen in abwechslungsreich gestalteten Panel Grids erzählt. Aufregung wird durch starke farbliche Kontraste illustriert. Die Grautöne kommen meist zur Darstellung der DDR zum Einsatz und folgen damit einer Stereotypisierung; die von sehr düster zu sehr hell verlaufende Farbgebung ist Teil der Farbdramaturgie. Auf Blocktext wird weitestgehend ebenso verzichtet wie in der an Handletterungen angelehnten Schriftart auf Groß- und Kleinschreibung, der eigenwillige Font bildet lediglich sämtliche „e“ und „i“ in ihren kleinen Buchstaben ab. Einige Bilder sind stark von authentischen Fotos inspiriert und wurden entsprechend zeichnerisch nachgestellt. Dies suggeriert jedoch eine Authentizität, die Jouvray und Brachet nie erreichen:

Nach den ersten drei Seiten beginnt eine Rückblende, die die Entstehung des Vorhabens aufzeigt und komplett frei erfunden ist. Zurück in der Gegenwart des Comics sind es vor allem Auslassungen, die „Fluchttunnel nach West-Berlin“ an Realismus einbüßen lassen. Auch losgelöst von jeglichem Authentizitätsanspruch wirft die Geschichte Fragen auf: Bereits die Fluchtgründe bleiben bis auf einige Anspielungen im Dunkeln. Sehr tendenziös wird die DDR als „Hölle“ bezeichnet. Es mag sein, dass sie es für einige war. Echte Gründe dafür, diese mit dem Tunnelbau verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen, bleiben jedoch nebulös. Nicht minder unklar ist, weshalb Tobias’ und Hannas Vater als überzeugter Sozialist plötzlich so mir nichts, dir nichts alles zurücklässt und ebenfalls flieht – weshalb und wovor? Ausgelassen werden entscheidende historische Hintergründe: Tunnelbauer wie Reinhard Furrer kann man möglicherweise noch als politische Idealisten einordnen, persönliche Gründe spielten jedenfalls – anders als in diesem Comic – eine untergeordnete Rolle. Jouvray und Brachet dichten stattdessen eine flache Fluchtromantik dazu und verklären die Ereignisse damit. Mit Mathias haben sie eine Klischeefigur erschaffen, die aus Liebe vom Bad Boy zum Good Boy avanciert. Dass der Tunnelbau einer von mehreren war und von der BRD bewusst als Waffe im Kalten Krieg eingesetzt wurde, wird mit keiner Silbe erwähnt: BRD-Medien und -Geheimdienste hatten die Aktion finanziert, u.a. um Mitgliedern der reaktionären CDU zur Flucht zu verhelfen.

Den größten Fauxpas leisten sich die Autoren, indem sie den Tod des Grenzsoldaten Egon Schultz verschweigen. Dieser war, nachdem die Stasi die Fluchtversuche entdeckt hatte, bei einem Schusswechsel umgekommen. Obwohl Fluchthelfer Christian Zobel ihn lediglich angeschossen hatte – Schultz starb daraufhin durch Querschläger seiner Kameraden –, wurde Zobel im Glauben gelassen, für Schultz’ Tod verantwortlich zu sein und seines Lebens nicht mehr froh. Zu Lebzeiten erfuhr er nicht mehr, was sich nach dem Untergang der DDR herausstellte: dass die DDR-Führung dies absichtlich verschwiegen hatte, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren. All dies waren die unmittelbaren Folgen dieser fragwürdigen Tunnelflucht, an der ich daher nichts Heldenhaftes finden und sie schon gar nicht als einseitige Erfolgsgeschichte einordnen kann, wie es die beiden Franzosen hier tun. In einem TV-Interview berufen sie sich immer wieder auf die wahren geschichtlichen Ereignisse, geben an, Fiktion und Dokumentation miteinander zu vermischen, betonen aber auch, dass es wichtig sei, zu zeigen, was passieren hätte können – dieses widersprüchliche Geschwurbel kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass sie durch ihren Verzicht auf entscheidende historische Zusammenhänge auf ganzer Linie versagt haben. Jouvray und Brachet haben – im Prinzip ähnlich der SED, lediglich unter veränderten Vorzeichen – einen Beitrag zur Geschichtsklitterung geliefert, der die wahren Ereignisse auf unzulässige Weise verharmlost und ihnen in keiner Weise gerecht wird.

Zudem ist es ein Unding, anzunehmen, eine solche Geschichte auf nicht einmal 60 Comicseiten adäquat abbilden zu können. Das ist alles sehr schade, denn eigentlich wollte ich „Fluchttunnel nach West-Berlin“ mögen – aufgrund seines Zeichenstils, aufgrund des schönen Hardcover-Bands, den man gern in den Händen hält. So jedoch muss ich ausdrücklich vor diesem Comic warnen.

Susanne Buddenberg / Thomas Henseler – Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten

Wie die Wende-Comics „Grenzfall“ und „Treibsand“ wurde auch der Comic-Band „Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten“ mit Bundesmitteln von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur subventioniert. Es handelt sich nach „Grenzfall“ um das zweite Werk zum Thema aus den Federn Susanne Buddenbergs und Thomas Henselers. Das rund 100-seitige Buch erschien 2012 im Avant-Verlag.

Noch zielgerichteter als „Grenzfall“ wurde „Berlin – Geteilte Stadt“ als Unterrichtsmaterial konzipiert. Erzählt werden fünf Geschichten, chronologisch von Mauerbau bis Mauerfall sortiert, von denen es im Paratext heißt, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhten. Das Autoren-Team hat Zeitzeugen befragt und ihre Geschichten nachgezeichnet. In „Wie der Mauerbau fast mein Abitur verhindert hätte“ berichtet Regina Zywietz, wie sie vorm Mauerbau im Osten Berlins lebte, jedoch im Westen zur Schule ging – und wie ihre Lehrer ihr nach dem Mauerbau zur Flucht in den Westen verhalfen. Ursula Malchow erzählt in „Das Krankenhaus an der Mauer“ von ihrer Arbeit im Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße, also unmittelbar an der Berliner Mauer. Dort wurden u.a. verletzte Flüchtlinge behandelt, Querschläger aus den Schusswaffen der Grenzschützer schlugen ins Mauerwerk ein. Der Ostberliner Ernst Mundt wollte die Mauer überqueren, wurde jedoch 1961 das fünfte Todesopfer an der Mauer. In „Mit der Seilbahn über die Mauer“ gelingt Familie Holzapfel eine spektakuläre Flucht in den Westen. Detlef Matthes beschreibt in „Die andere Seite“ sein damaliges Hobby, die Grenzanlagen (verbotenerweise) zu fotografieren sowie seine Verhaftung im Rahmen einer Jugendrevolte vor dem Hintergrund des „Concert for Berlin“ 1987, das in Westberlin in unmittelbarer Nähe der Mauer stattfand. Aufgrund der zahlreichen Fotoaufnahmen, die bei ihm gefunden wurden, hielt man ihn für einen Spion. Im Zuge der Amnestie für politische Gefangene kam er vorzeitig frei, stellte einen Ausreiseantrag und durfte die DDR auf offiziellem Wege verlassen. Und Jan Hildebrandt lässt in „Mein 18. Geburtstag“ schließlich eben jenen am 9. November 1989 Revue passieren, an dem er plötzlich von der Maueröffnung erfuhr und einen unvorhergesehenen Ausflug nach Westberlin unternahm.

Lediglich der Einband wurde zum Teil farbig gestaltet, der Inhalt ist, wie in „drüben!“ und „Grenzfall“, in Schwarzweiß gehalten. Der Zeichenstil ist gewohnt naturalistisch, die Panelstruktur sehr strikt – erneut soll keine künstlerische Expression vom Inhalt ablenken. Jede Geschichte wird mit einem prominent auf ihrer ersten Seite platzierten, einzelnen charakteristischen Gegenstand eingeführt, ihren Abschluss bildet jeweils eine Lexikon-ähnliche Doppelseite mit Erläuterungen. Sprechblasen werden wenig eingesetzt, es dominieren Off-Erzählungen im Blocktext. In die Zeichnungen wurden authentische Fotos eingebettet und Bildzitate (nachgezeichnetes Fotomaterial) verwendet, diverse topographische Karten vermitteln intertextuell Wissen. Zudem finden sich weitere Authentisierungsmittel in Form von Zeitungsartikeln und historischen Dokumenten sowie paratextuell (neben dem eingangs erwähnten Verweis auf wahre Begebenheiten) Angaben zu Fotoquellen, ein Literaturverzeichnis sowie Danksagungen an Zeitzeugen und Fachberater. All dies kann jedoch über die Subjektivität der Auswahl nicht hinwegtäuschen, die es vermeidet, detaillierter auf die Gründe des Mauerbaus und den besonderen Status der innerdeutschen Grenze als jene große Grenzen zwischen den Systemen und den weltweit größten Militärbündnissen, der Nato und des Warschauer Pakts im Kalten Krieg, einzugehen. Dazu gesellen sich Ungenauigkeiten wie die der idealtypischen Darstellung des „Mauerspechts“ in „Mein 18. Geburtstag“, die so nicht stattgefunden haben kann. „Berlin – Geteilte Stadt“ bleibt sehr einseitig und beschränkt, seine fünf Geschichten suggerieren mehr Perspektiven, als der Comic letztlich bietet. Wenig comickünstlerisch bewegt sich der Band irgendwo zwischen politischer Aufklärung und Propaganda und wirkt in seiner Abstraktion mehr wie ein Lehrbuch für Kinder denn wie ein spannendes Stück Zeitgeschichte auch für ein erwachsenes Publikum.

Dennoch fühle ich mich von „Berlin – Geteilte Stadt“ eingeladen, Berlin einmal als Museum zu erkunden – hier greift das pädagogische Verfahren der Spurensuche. Damit geht das Konzept Buddenbergs und Henselers auf, dass ihr Comic auch als historischer Stadtführer nutzbar sein soll: Sie hatten Wert darauf gelegt, dass die authentischen Orte der Geschichten noch soweit erhalten sind, dass die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse noch gut nachvollziehbar sind. Zudem sollten sie relativ nahe beieinander liegen und gut zu erreichen sein. So bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch eine junge Generation anregt, sich selbst auf die Suche zu begeben und dabei vielleicht auf Fragen zu stoßen, die Buddenberg und Henseler nicht beantworten.

Max Mönch / Alexander Lahl / Kitty Kahane – Treibsand

„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.

Im Gegensatz zu anderen staatlich geförderten Comics erzählt „Treibsand“ eine fiktionale Geschichte: die des als Auslandskorrespondent für eine große New Yorker Tageszeitung arbeitenden US-Amerikaners Tom Sandman, der, 1989 gerade vom Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China zurückgekehrt, von seinem antikommunistischen Vorgesetzten Raymond Burnes nach Berlin geschickt wird, um über die aktuellen Vorgänge dort zu berichten. Tom wird von heftigen Zahnschmerzen geplagt, hat jedoch Angst, einen Zahnarzt aufzusuchen. Zudem trennt sich seine Freundin Mary von ihm. Dafür erlebt Sandman hautnah die Entwicklungen mit, die schließlich zur Öffnung der Berliner Mauer führen.

Der kaum räumliche Tiefe erzeugende, reduzierte, geradezu naive Zeichenstil wurde von einer regelrechten Sauklaue verbrochen und bleibt bis zum Ende gewöhnungsbedürftig; der Hang, Wortspiele und Redewendungen zu visualisieren, nervt in seinem bemühten Witz. Sandmans zahnschmerzbedingte Fieberträume kommen ohne Panel Grid aus, seine Notizzettel werden immer wieder abgebildet und in die Handlung integriert, ein handschriftliches Glossar mit Begriffserläuterungen im Anhang soll ebenfalls den Anschein eines Notizbuchauszugs erwecken. Soweit zu den gestalterischen Besonderheiten des in 14 Kapitel inkl. eines Prologs aufgeteilten Buchs, das im Paratext um eine Danksagung der Autoren ergänzt wird.

Inhaltlich bildet der blocktextlastige „Treibsand“ eine Außenperspektive auf einen politischen Prozess aus der Sicht eines fiktionalen Erzählers ab, der seine Erinnerungen in der Vergangenheitsform mit den Leserinnen und Lesern teilt. Ausgehend von seinem Bericht über den „Tank Man“, jenen Chinesen, der sich auf dem Tian’anmen-Platz den Panzern der Staatsmacht entgegengestellt hatte und damit zur Widerstands-Ikone geworden war, widmet man sich den letzten Zügen der DDR-Historie und stellt die DDR ausschließlich negativ als diktatorischen Unrechtsstaat dar. Die Ereignisse des 9. November 1989 werden stark überspitzt bis verfälschend derart dargestellt, dass Egon Krenz habe zeigen wollen, dass er „die Hosen anhat“ und auf „die Regierung geschissen“ habe, während das SED-Zentralkomitee von den Folgen nichts mitbekommen habe, weil es in seiner Sitzung fast kollektiv eingeschlafen sei (die Geschichte vom „schnarchenden Staat“). Vermengt wird der geschichtliche Hintergrund mit der fiktionalen Geschichte um einen Grenzsoldaten, der gezwungen war, seine eigene Schwester zu verraten, indem er unter Druck deren Fluchtpläne beichtete.  Diese Schwester wiederum wird Sandmans neue Lebensgefährtin und schließlich Ehefrau.

Mönch und Lahl vermischen Fiktion mit Satire, belegte mit sehr interpretierter Geschichtsüberlieferung, einer seifigen Liebesgeschichte und einem Familiendrama – und verheben sich dabei. Das ist einfach zu viel. Positiv ist jedoch die durchklingende Kritik an Presse und Gesellschaft, die auch große, komplexe Zusammenhänge am liebsten in Form auf Einzelschicksale heruntergebrochener Geschichten veröffentlichen bzw. konsumieren, zu werten. Darüber hinaus weigert sich „Treibsand“, eine Erfolgsgeschichte zu sein. Es gibt kein Happy End, eine Katharsis bleibt aus. Während der Grenzöffnung liegt Tom Sandman im Koma, sodass den Rezipientinnen und Rezipienten Bilder jubelnder Menschenmassen und ähnlich fröhliche Szenen bewusst vorenthalten werden. Dies stört die Erwartungshaltung des Publikums. Und auch nach dem Untergang der DDR ist nichts gut geworden: Das Geschwisterpaar bleibt gespalten und Sandmans Ehe zerbricht. Auch nach dem Ende der DDR können sich ihre Opfer nicht von den erfahrenen/erlittenen Einflüssen der Politik auf ihr Privatleben befreien, sind sie unfähig, sie zu überwinden, wider besseres Wissen. Damit legt „Treibsand“ seinen Fokus auf Wunden, die niemals verheilen und sensibilisiert für dauerhafte Schäden, die politische Systeme anrichten können. Das fatalistische Ende wurde dann auch erst gar nicht mehr gezeichnet, sondern lediglich in Form eines Epilogs aufgeschrieben. Liest man Comics analog zu Spielfilmen, entsteht hier der Eindruck eines Voice-overs aus dem Off. Dadurch wird der negative Eindruck von der DDR noch einmal verstärkt, wobei ich die einseitige Schuldzuweisung durchaus kritisch sehe. Der Kalte Krieg findet in „Treibsand“ lediglich am Rande statt und eine andere Perspektive auf diese Zeit – z.B. jener Menschen, die individuelle Freiheit in gewissem Maße gegen die Freiheit von Existenzängsten bereitwillig eingetauscht haben und überwiegend positiv auf die DDR zurückblicken – fehlt völlig und erscheint mir innerhalb dieses Themenkomplexes generell unterrepräsentiert – obgleich meines Erachtens nicht minder interessant.

Doch so oder so: Nostalgie oder Ostalgie sind mittels „Treibsand“ nicht möglich. Mönch und Lahl gehen sogar einen Schritt weiter und verweigern sich nicht nur eines möglicherweise verklärenden Blicks zurück (der im Diskurs um DDR-Erinnerungen so häufig und gern kritisiert wird), sondern führen diese Haltung konsequent weiter: Auch Mauerfall– oder Wende-Nostalgie sucht man hier vergeblich. Die Autoren deuten damit an, dass der 9. November 1989 kein Tag X war, ab dem schlagartig alles gut wurde und jubelnde Menschenmassen plötzlich ein sorgenfreies Leben genießen konnten. Und das ist trotz all meiner geäußerten Kritikpunkte an diesem Buch richtig und wichtig.

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