Gnnis Reviews

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Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Grenzfall

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, zu denen die DDR kaum Thema im Schulunterricht war. U.a. um dies zu ändern haben Bundesstiftungen wie diejenige „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ eine Reihe von Comics gefördert, die sich möglichst sachlich zumindest mit einzelnen Aspekten der DDR-Geschichte auseinandersetzen und sich effektiv als Unterrichtmaterialien einsetzen lassen sollen. Die Comicform soll dabei helfen, Berührungsängste abzubauen, niedrigschwellig jungen Lesern den Zugang zu ermöglichen und diese für die Thematik zu interessieren. Eines dieser Werke ist der rund 100-seitige broschierte Band „Grenzfall“, der im März 2011 im Avant-Verlag erschienen ist. Die Autoren und Zeichner Thomas Henseler und Susanne Buddenberg widmen sich hier der zu DDR-Zeiten oppositionellen Untergrundzeitung gleichen Namens, die es ab 1986 auf 17 in Ostberlin von der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ produzierte Ausgaben brachte. Mitherausgeber war Peter Grimm, der an diesem Buch mitgearbeitet hat und aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dabei wurden „aus dramaturgischen Gründen […] Abläufe und Personengruppen zusammengefasst“, heißt es im Vorfeld.

Nach einem kurzen Prolog gibt sich der Peter Grimm des Jahres 2011 als autodiegetischer Erzähler zu erkennen, der seine persönlichen Erinnerungen schildert. Von da an werden die narrativierenden Blocktexte in Vergangenheitsform formuliert, was den Eindruck subjektiver Erinnerungsschilderungen Grimms erzeugt. Der Comic steigt im Jahre 1982 ein und zeigt, wie der mit dem System unzufriedene Peter Grimm auf die oppositionelle Familie Havemann stößt und bald ins Visier der Staatssicherheit gerät, woraufhin er vom Abitur ausgeschlossen wird und schließlich zusammen mit anderen Oppositionellen im Schutz der Kirche die Zeitung „Grenzfall“ herausbringt. Minutiös wird die gefährliche, konspirative Vorgehensweise nachgezeichnet, bis in der Nacht vom 24. auf den 25. November die Falle der Stasi, der es gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, zuschnappte. Durch Kontakte zu BRD-Journalisten und die daraus resultierende Berichterstattung in bundesdeutschen Medien verzeichnete die Zeitung jedoch einen Popularitätsschub und zahlreiche Solidaritätsbekundungen führten zur baldigen Freilassung der inhaftierten Untergrund-Journalisten. Die Stasi hatte damit einen Pyrrhussieg errungen; die Aktion galt als wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur friedlichen Revolution, aus der schließlich 1989 die Wende hervorging.

All dies wird einerseits beinahe filmisch in Form einer spannenden Geschichte aufgearbeitet, andererseits aber auch sehr nüchtern vorgegangen: Die Zeichnungen sind schwarzweiß und naturalistisch, zahlreiche Auszüge aus Stasi-Berichten und reproduzierte Originalplakate sowie teilweise 1:1 nachgezeichnete Fotografien wurden integriert und dienen als textuelle und visuelle Authentisierungsmittel. Ein bestimmte Vokabeln erläuterndes und einordnendes Glossar sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis dienen darüber hinaus als paratextuelle Authentisierungsmittel. Damit ist „Grenzfall“ ein schönes Beispiel für sehr exaktes Arbeiten nahe an der Realität und die Verwendung sowie Verarbeitung authentischer Quellen auch über Zeitzeugen hinaus, wodurch das Buch tatsächlich seinem Bildungsanspruch gerecht wird. Ähnlich wie bei „Kinderland“ handelt es sich um eine Entwicklungsgeschichte, wohingegen der streng naturalistische, farblose Zeichenstil sich bewusst dem Inhalt unterordnet, von dem er in seiner Nüchternheit nicht ablenken will. Das macht „Grenzfall“ auf der visuellen Ebene dann auch etwas dröge, das Künstlerische muss hinter dem Aufklärerischen zurückstecken.

Anders als „Kinderland“ wurde „Grenzfall“ jedoch auch als Erfolgsgeschichte konzipiert; der Comic endet mit der Freilassung der Inhaftierten und dem Verweis auf die Revolution 1989. So sehr sich anhand der Geschichte exemplarisch die Probleme der nichtvorhandenen Pressefreiheit in der DDR abbilden lässt, so sehr hadere ich dem suggerierten nachhaltigen Erfolg. Die während der Wendezeit aufgekeimten Hoffnungen auf einen neuen, gerechteren deutschen Staat gerade auch viel DDR-Oppositioneller zerschlugen sich bald, die DDR bekam den BRD-Kapitalismus übergestülpt und wurde durch die Treuhand und ihre Nutznießer ausgeplündert. Die Folge waren Massenarbeitslosigkeit und Existenznöte, politische Versäumnisse, für die u.a. die Kosten der Wiedervereinigung mitverantwortlich gemacht wurden. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Klimas erstarkte der Rechtsextremismus, der unschuldige Menschenleben forderte. Peter Grimms „Initiative Frieden und Menschenrechte“ ging im „Bündnis 90“ und schließlich in der Grünen Partei auf, die vom Frieden alsbald nichts mehr wollte und sich willfährig am völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg beteiligte. Hatten die „Grenzfall“-Herausgeber dafür gekämpft?

Mawil – Kinderland

Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins als zu pubertieren Beginnender Dreikäsehoch mit.

Mawils „Kinderland“ zeigt den Alltag des Ostberliner Siebtklässlers Mirco Watzke zwischen Familie, Schule – vor allem Schulpausen – und Pionierdasein im Jahr 1989 noch vor der Grenzöffnung. Er entdeckt seine Leidenschaft und sein Talent für Tischtennis, hat Ärger mit den Raufbolden der Schule und lernt im frisch an seine Schule versetzten Torsten Maslowski einen Freund kennen, der anders ist als andere: Er ist kein Pionier und lebt mit seiner allein Mutter zusammen, seit sein Vater in die BRD abgehauen ist. Er besitzt neben einer oftmals provokanten Art auch ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen, das Mirco imponiert. Als man sich mit der Idee durchsetzt, ein Tischtennisturnier an der Schule zu veranstalten, brennt Mirco dafür – die urplötzliche Grenzöffnung wirkt da eigentlich nur wie ein Störfaktor, denn sie verhindert das Stattfinden des Turniers. Kurz nach der Grenzöffnung endet die Geschichte.

Zahlreiche Besonderheiten der DDR sind auf ganz selbstverständliche Weise in den Comic integriert, ohne näher erklärt zu werden. Ein gewisses Vorwissen erweist sich daher durchaus als nützlich, um alles zu verstehen. Manch Detail kann zudem verloren gehen oder manch Gag nicht richtig funktionieren, wenn man mit der DDR-Kultur und -Gesellschaft gänzlich unvertraut ist. Doch genau diese Detailverliebtheit ist es, die „Kinderland“ Mawils krakeligem Funny-Stil zum Trotz auszeichnet, zeichnet sie doch aus multiperspektivischer Binnenperspektive ein überraschend realitätsgetreues Bild der DDR vornehmlich aus Kindersicht nach, wie es von den damals Heranwachsenden empfunden und erlebt wurde: Ein als selbstverständlich erachtetes Leben mit allen Irrungen, Wirrungen und Einschränkungen des DDR-Alltags, das eben nicht hauptsächlich von Repression und Militarismus geprägt war, sondern von einer eigenen bzw. einer Mischkultur aus ost- und westdeutschen Elementen: Das innere Titelblatt ist alten DDR-Schulheften nachempfunden, Schüler fahren mit großen Linienbussen, Pioniere sammeln Wertstoffe und singen in falschem Englisch zu Depeche Mode mit, deren Schallplatten teuer, rar und begehrte Tauschobjekte sind, gebadet wird nackt an FKK-Stränden, kleine Geschwister fürchten sich vorm „Gespenster-Duett“ des kultgewordenen „Traumzauberbaum“-Kinderlieder-Albums mit Hörspiel-Elementen des begnadeten Komponisten Reinhard Lakomy und in Mirkos Zimmer finden sich „Mosaik“-Bildergeschichten ebenso wie Pittiplatsch, Sandmännchen und ein Schlumpf. Doch 1989 kommt Mitschülerin Peggy Kachelsky nicht mehr aus den Sommerferien zurück, weil ihre Eltern „rübergemacht“ haben, die strenge Russischlehrerin gibt sich nach außen hin überzogen staatstreu, doch schaut heimlich Westfernsehen und liest neben dem „Neuen Deutschland“ den „Spiegel“, der „Sputnik“ berichtet von Glasnost und Perestroika und Mirco bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er beim Belauschen seiner Eltern aufschnappt, dass auch sie sich mit dem Gedanken an eine Übersiedlung beschäftigen. Doch so viel Veränderung auch in der Luft liegt – in der Schule nervt FDJ-Pioniergruppenratsvorseitzende Angela Werkel (als Anspielung auf Angela Merkels FDJ-Engagement) unbeirrt als linientreue Klassenstreberin und der ständig hustende, rauchende Sportlehrer verwaltet im NVA-Trainingsanzug Material und Geräte. Was wirklich gerade in der DDR vor sich geht, bekommen Mirco und seine Mitschülerinnen und Mitschüler lediglich am Rande mit und tangiert sie in ihrem Alltag nur peripher.

Mirco ist wesentlich kleiner als Gleichaltrige und zudem Brillenträger. Er wirkt dadurch schmächtig, evtl. gar entwicklungsgehemmt. Dies ist zum Verständnis der Figur von Bedeutung: verunsichert bis ängstlich, körperlich unterlegen, nach Erkennen seines Tischtennis-Talents sich in diesen Sport hineinsteigernd – weil er endlich etwas gefunden hat, in dem er besser ist als andere. Zudem stammt er aus einer religiösen Familie und sucht regelmäßig den Gottesdienst auf – in der DDR eher Ausnahme als Regel. So verunsichert er im Alltag wirkt, so verbissen steigert er sich in den Sport hinein und entwickelt sich dadurch vom Außenseiter zum beliebteren, respektierten Tischtennis-Ass. Parallel entwickeln sich erste mit der Pubertät einhergehende Herausforderungen, was der Geschichte ebenso ihren Coming-of-Age-Aspekt verleiht wie die beinahe symbolische Einleitung des Endes seiner Kindheit durch die Grenzöffnung.

Dennoch ist „Kinderland“ keine Ausreise- oder gar Fluchtgeschichte wie so viele andere Wende-Comics. Auch reflektiert „Kinderland“ weniger das politische System, klagt nicht an, ist humorvoller. Vielmehr holt es Erinnerungen jener Generation DDR-Kinder hervor, deren Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Untergang des Staats einherging, jener, die sich so häufig Jahre später auf die Suche nach ihren Wurzeln begaben (oder begeben) und ihre Kindheit zu rekonstruieren versuchen. Hierbei kann „Kinderland“ eine große Hilfe sein, nicht zuletzt, weil es – ganz wie so viele Kinder zu DDR-Zeiten – die SED-Herrschaft weder glorifiziert noch verurteilt, wenngleich „Kinderland“ natürlich viele kritische Ansätze nicht außer Acht lässt. Wie es Mawil gelungen ist, diese durch die Augen eines unpolitischen Kinds zu verarbeiten, gebührt Anerkennung. Die Rolle des Unangepassten, Rebellischen wird Torsten Maslowski zuteil, der hier jedoch vor allem ein vom Schicksal gebeutelter, unausgeglichener, von Verlustängsten geplagter Junge ist.

Formal bedient sich Mawil eines relativ starren Seitenaufbaus von meist drei Panelzeilen, während die Panels jedoch immer wieder aufgebrochen oder überlagert werden. Mimik, Körpersprache/Gestik u.ä. kommen expressiv zur Geltung, eine Erzählinstanz, begleitende bzw. erläuternde Blocktexte o.ä. fehlen komplett. Die Leserinnen und Leser sind also angehalten, die Bilder und Geschehnisse selbst einzuordnen. Überlagernde Sprechblasen drücken akustische Dominanz aus, schwer oder gar nicht lesbare Sprechblaseninhalte ihr Gegenteil. Auf dialoglose Panelfolgen treffen vor Sprechblasen voll pubertärem Geplapper nur so wimmelnde, in denen auch von Rechtschreibkonventionen abweichende Umgangssprache Einzug hält. Unkonventionell, eigentlich orthographisch verkehrt ist die vollständige Unterschlagung des „ß“ in den offenbar handgeletterten Texten. Im Kontrast zum Zeichenstil stehen naturalistische bis fotorealistische Details wie die DDR-Flagge, ein LP-Cover oder ein Porträt Honeckers.

Trotz seiner 300 Seiten liest sich Mawils „Kinderland“ rasch, denn man möchte es nicht so schnell aus der Hand legen, sind einem die Figuren erst einmal ans Herz gewachsen. Nicht nur deshalb ist „Kinderland“ unter den zahlreichen Wende-Comics bzw. Graphic Novels dieses Themenkomplexes einer meiner Favoriten – vielleicht auch aufgrund gewisser Parallelen zwischen Mircos und meiner Biographie.

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten

Als der niedersächsische Radiosender FFN noch nicht endgültig zum gesichtslosen Dudelfunk verkommen war (in den ‘80ern und frühen ‘90ern hörte ich sogar keinen Sender so gern wie diesen), leistete er sich ein allsonntägliches komödiantisches, kabarettistisches Humorprogramm, das kultgewordene Frühstyxradio, in dem spätere TV-Größen wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke sich ihre Sporen verdienten. Zum festen Kreis gehörte auch Dietmar Wischmeyer, auch bekannt als „Der kleine Tierfreund“ oder eben Führer des „Logbuchs einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Der Ullstein-Verlag war es, der 1997 seine Sammlung polemischer Glossen in Buchform unters bekloppte und bescheuerte Volk brachte, 59 Stück auf rund 130 Seiten. Trocken, sarkastisch und böse metzelt er sich scharfzüngig und pointiert durch eine verspießte Gesellschaft, die zahlreiche längst als normal erachtete Absonderlichkeiten, nervige Schikanen und dummdreiste Auswüchse gebar, und knöpft sich insbesondere diejenigen vor, die diese befeuern und bedienen oder sich als ihre Nutznießer erweisen: die tumbe breite Masse ebenso wie vorsätzliche Volksverblöder, elitäre Klüngel und privilegierte Minderheiten. Oder genauer: Anwohner, Karnevalfeiernde, Kinder, Beamte, Gaffer, Lindenstraße-Glotzer, „Funsportler“, Rentner, Kellner, Jäger, Bauarbeiter, … Dabei geht er ohne Rücksicht auf Verluste oder Kollateralschäden vor und fächert seine beobachtete Alltagserfahrungen suggerierenden „Logbuch-Einträge“ derart breit, dass beinahe alles und jeder sein Fett wegbekommt. Wischmeyer prangert an und schärft den Blick dafür, was man uns antut, was die Menschen sich selbst antun und wie diejenigen, die da nicht mitmachen wollen, darunter leiden müssen. Dabei findet er durchaus originelle Themen und überrascht mit seinem Blickwinkel auf diese, suhlt sich aber auch gern in Klischees, wenn er Altbekanntes und bereits zuhauf Persifliertes aufgreift. Dass bei all dem auch Phänomene ausgewählt werden, die doch eigentlich gar nicht nerven, gehört vermutlich zum Konzept, soll ich mich doch beim Lesegenuss wahrscheinlich auch selbst hin und wieder ertappt fühlen. Wischmeyers Freude am Umgang mit und Formen von Sprache ist allgegenwärtig, selten wurden Hass und Verachtung derart geschliffen formuliert, ohne auf Reiz- und Schimpfwörter zu verzichten – manch Formulierung wirkt indes dennoch etwas umständlich erzwungen und sein Stil droht sich etwas abzunutzen, liest man zu viele Kapitel unmittelbar nacheinander. Um sicherzugehen, auch wirklich und überall anzuecken, pfeift er zudem auf jegliche politische Korrektheit. So sind Schwarze für ihn recht penetrant nach wie vor Neger und widmet sich konsequenterweise auch ein Kapitel der „Political Correctness“, für die, da muss ich ihm widersprechen es eben doch einen deutschen Begriff gibt – s.o. Als besonders bemerkenswert erachte ich jedoch dessen Inhalt, wenn er sich sprachliche Neuschöpfungen und erzwungene Modifikationen verknöpft und ganz richtig feststellt: „In Lübeck schon brannte das Asylbewerberheim sicherlich genauso gut, wie es das Asylantenheim getan hätte.“ Und widersprechen kann ihm auch niemand, der die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre mitbekommen hat, wenn er jenes Kapitel mit dem Ratschlag schließt: „Drum seid lustig und seid froh, ihr Hottentotten, Kaffern und Kanaken, und gebt Obacht, wenn sie euch die neuen schönen Namen geben, denn dann geht’s euch ganz gewiß recht bald an den Kragen.“ Weder er noch ich positionieren sich damit ernsthaft gegen nicht- oder zumindest weniger diskriminierende Sprache, sondern gegen eine politische Korrektheit, die mittels Euphemismen und schönem Schein dieselbe Menschenverachtung verschleiert, die ohne sie auch für die Bekloppten und Bescheuerten leichter auszumachen wäre. Entrückte pseudophilosophische Kommentare seines Alter Egos Kassowarth von Sondermühlen sowie einige Illustrationen in Form von Fotos runden Wischmeyers erstes Logbuch ab, das mittlerweile immer wieder neu aufgelegt wurde und gleich mehrere Fortsetzungen fand. Für die Bekloppten und Bescheuerten ist das nichts. Für isoliert lebende Freunde von Sprache und Satire ist’s ein vergnügliches Beispiel für den Versuch, bissige Polemik bis an die Grenze zum Zynismus auszureizen. Für diejenigen, die ständig mit den Bekloppten und Bescheuerten konfrontiert werden, handelt es sich hingegen um irgendetwas zwischen Ventil zur Frust- und Wutabfuhr und einer witzigen, hämischen Form des Sich-verstanden-Wähnens fernab jeglicher Verständnispädagogik: Wie einer dieser laut polternden Kumpel, die man nicht ständig um sich haben möchte, mit denen man aber einfach ab und zu mal einen trinken gehen und den Trümmertango tanzen muss. In einem Punkt muss ich Wischmeyer aber korrigieren: Glasflaschen gehörten noch nie in den gelben Sack!

Flix – Da war mal was… Erinnerungen an hier und drüben

„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel hat seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein „Wende-Comic“, der sich stilistisch wie inhaltlich wohlig von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!

Christian Eichler – Fußball. Weltmeisterschaften Tag für Tag – Spieler, Tore und Geschichten

„Bilder aus 50 Jahren Weltmeisterschaft“, verlautbart der golden schimmernde, ballrunde Aufkleber, der auf meinem Exemplar dieses rund 400 Seiten starken, auf hochqualitativem Papier gedruckten Cofeetable-Books prangt und dabei Teile von Stefan Reuters und Pierre Littbarskis Armen während ihres Jubels über Andreas Brehmes Siegtreffer im WM-Finale 1990 in Rom verdeckt. Das Buch im Panorama-Format erschien2005 anlässlich der bevorstehenden hiesigen Herrenfußballweltmeisterschaft im Münchener Knesebeck-Verlag. Was der Aufkleber noch verschweigt, offenbart sich beim Aufblättern: Neben zahlreichen Bildern enthält der Band auch Texte des Autors Christian Eichler, Mitglied der ausgezeichneten Sportredaktion der ansonsten häufig politisch so fragwürdigen F.A.Z. Es handelt sich um Eichlers zweite Veröffentlichung in Buchform, im Jahre 2002 erschien bereits sein (mir unbekanntes) „Lexikon der Fußballmythen“.

Nach einem sechsseitigen Vorwort zur Geschichte des Fußballs und seiner Weltmeisterschaften steigt Eichler mit dem 1954er Turnier in der Schweiz ein, das Deutschland seinen ersten Weltmeistertitel bescheren soilte. Für jeden Tag eines Jahres wird eine Doppelseite aufgewendet, von denen die erste knapp über das Turnier informiert und die zweite die Spielergebnisse präsentiert. Die jeweiligen (gerade in der Vergangenheit meist sehr künstlerischen) offiziellen Plakatmotive werden ebenso abgebildet wie die jeweiligen Maskottchen (beispielsweise Tip und Tap von der WM in der BRD 1974). Größten Anteil am Buch haben dann aber die vollflächigen historischen Fotos aus verschiedensten chronologisch angeordneten WM-Partien, anfangs noch schwarzweiß und jeweils auf der linken Hälfte jeder Doppelseite um eine Bildunterschrift (bzw. Bildnebenschrift) ergänzt. Unter überflüssigen gestrichelten Linien, die dem Buch den Anstrich eines Kalenders mit Raum für Notizen verleihen sollen, nimmt Eichler jeweils im Fließtext Bezug auf die jeweilige Begegnung und weiß so einige bemerkenswerte, kuriose, allgemein bekannte oder auch in Vergessenheit geratene, anrührende und tragische Geschichten aus knapp 50 Jahren WM-Geschichte zu erzählen – oft durch eine weitere, kleine Fotografie am linken Seitenrand ergänzt. In Zeiten riesiger hochauflösender Bildersammlungen, permanent im World Wide Web verfügbar, locken diese briefmarkengroßen Fotos natürlich niemanden mehr hinterm Ofen hervor, die großflächigen Bilder jedoch sind schöne Beispiele für das geschickte Handwerk der Sportfotografie. Sie kombinieren sich perfekt mit Eichlers wunderbar formulierten Texten, die viel Leidenschaft für Sportberichterstattung sowie Gefühl für besondere Momente und ihren jeweiligen Zauber speziell in Bezug auf Fußballweltmeisterschaften erkennen lassen und dazu beitragen, vergangene Turniere nachzuempfinden oder sich die Ereignisse wieder ins Gedächtnis zu rufen sowie einladen, zu schmunzeln, den Kopf zu schütteln, zu staunen oder in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. In seiner Anekdotensammlung kommt mir lediglich die WM 1990, die bei mir immer einen ganz besonderen Stellenwert genießen wird, etwas zu schlecht weg. Das Turnier in Japan und Südkorea 2002 ist das letzte von Eichler hier behandelte. Eichlers Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beweist Mut zur Lücke, ist eine bewusst subjektive Auswahl kleinerer und größerer Momente – die sich keinesfalls vornehmlich auf die deutsche(n) Mannschaft(en) konzentriert, sie stattdessen gleichberechtigt zu den internationalen Teams behandelt. Es lässt den besonderen Geist von Weltmeisterschaften, der sich aus dieser eigenartigen Mischung aus kollektiven und individuellen emotionalen Erinnerungen sowie internationalem Flair und interkulturellen Begegnungen speist (oder speisen sollte), aufleben, zitiert bisweilen sogar auf elegante Weise Fußballphilosophen, macht Lust darauf, es entgegen seines Kalenderkonzepts am Stück durchzublättern und ist als Vorbereitung auf die nächste WM oder ihr Begleiter hervorragend geeignet – für stumpfe „Party-Patrioten“ hingegen nicht. Seinem Erscheinungsjahr ist geschuldet, dass von Deutschlands gekaufter WM, jüngeren Fifa-Skandalen und hirnrissigen Vergaben an Katar, die seither ihren Schatten über das größte Fußballturnier legen, noch keine Rede ist.

Ich würde gern mehr von Eichler lesen.

Simon Schwartz – drüben!

2009, zum 20-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, erschien Simon Schwartz’ Diplomabschlussarbeit an der HAW Hamburg, der 120 Seiten starke Comicband „drüben!“, im Avant-Verlag. Der 1982 in Erfurt geborene und in Berlin aufgewachsene Schwartz hat sich für sein Buch intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und beschreibt, wie und warum seine Eltern einst einen Ausreiseantrag in der DDR stellten, was damit verbunden war und wie sie schließlich zu dritt 1984 in die BRD übersiedeln konnten.

Den besonderen inhaltlichen Reiz des Werks machen einerseits die über weite Strecken wertungsfreien, unaufgeregten Beschreibungen der Werdegänge seiner Eltern und sogar Großeltern aus, die die jeweiligen Beweggründe gerade auch für ein Leben in der DDR verständlich machen. So fanden mit Vater und Mutter Schwartz ein zunächst sehr regierungstreuer junger Mann und eine aufgeschlossenere junge Frau mit Westkontakten zueinander. Andererseits sind es die bewusst aus kindlich-naiver Sichtweise geschilderten Beobachtungen und Erinnerungen des kleinen Simon, welche im Kontrast zu den von zahlreichen Abwägungen und von Rationalität geprägten Entscheidungen seiner Familie stehen, aus denen sich der Charme des Buchs speist. Letztlich ausschlaggebend für die Ausreiseentscheidung der Eltern wurde die massive Remilitarisierung der DDR und die an Simons Vater adressierte Erwartung, den Afghanistankrieg der UdSSR gegenüber Schülern zu rechtfertigen – eine Gewissensentscheidung also. Doch auch gewissermaßen nebenbei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in den DDR-Alltag und seine Besonderheiten – zu deren negativen Auswüchsen die Schikanen zählen, denen sich seine Eltern nach ihrem Ausreiseantrag ausgesetzt sahen.

Leider verfällt dann auch Schwartz in seinem ohnehin in Graustufen gehaltenen Zeichnungen in eine Art Schwarzweißmalerei, wenn er seinem Inhalt zu mehr Ausdruck verhelfen will, indem er mit negativen Konnotationen arbeitet und DDR-Systemtreue ausschließlich mit unfreundlichen, brüllenden Beamten und sozialistischen Plattenbauten illustriert. Das wäre gar nicht nötig gewesen und verleiht seinem Buch einen tendenziösen Anstrich, der sich indes mit den negativ behafteten Erinnerungen seiner Eltern erklären lässt. Überwiegend dominiert ein zeichnerischer Stil irgendwo zwischen naturalistisch und cartoonhaft, mit klarem Strich in aufgeräumten Panels, die von ihrem Vierer-Grid immer mal wieder abweichen und die Gestaltung dadurch auflockern. Etwas schwer tut sich Schwartz noch mit den Proportionen seiner Figuren, dennoch gelingt es ihm, ihnen Leben und Emotion einzuhauchen. Die Zeitsprünge erfordern ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, halten die Erzählung aber durchaus spannend, sodass man geneigt ist, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Dazu, dass Schwartz’ Familie wie im Comic beschrieben so gut in der BRD aufgenommen wurde, möchte man ihr gratulieren, denn leider erging es nicht allen so: Andere Ausreisende wurden im Westen von Behörden und Staatsschutz gegängelt, weil man ihnen misstraute, gar für „Spione“ hielt, oder von der Kriegsgeneration und ihren Nachkommen als „von den Russen kommend“ verunglimpft und gesellschaftlich ausgegrenzt. Der Kalte Krieg wurde auf beiden Seiten gekämpft. Dies ist jedoch gar nicht Thema von „drüben!“, das dank seiner subjektiven Sicht und seiner Beschränkung auf das Schicksal einer einzelnen Familie das größere Ganze begreifbarer zu machen hilft und auf anrührende Weise nachvollziehbar macht, wie der Wettstreit der Systeme auf deutschem Nachkriegsboden Familien entzweien konnte – auch über den Untergang der DDR hinaus.

Ergänzt wird der Softcover-Band (zumindest in der mir vorliegenden erweiterten sechsten Auflage) von einem Interview mit Schwartz und zwei seiner Kurzgeschichten.

Andreas Hock – Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache

Der ehemalige Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung Andreas Hock veröffentlichte 2014 nach seinem Trash-Debüt, genauer: einer Biographie über die idiotischen neureichen Prolls Carmen und Robert Geissen, einem Buch über Panini-Bilder sowie einem Begleitband zur Nerd-Sitcom „Big Bang Theory“ im Jahre 2014 die sich mit dem Verfall der deutschen Sprache auseinandersetzende, rund 190 Seiten umfassende Polemik „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ im Riva-Verlag. Zwischendurch gab es jedoch bereits ein Werk namens „Like mich am Arsch – wie unsere Gesellschaft durch Smartphones, Computerspiele und soziale Netzwerke vereinsamt und verblödet“, dessen Titel Hocks konservativen Kulturpessimismus bereits erahnen lässt.

So schlägt er mit seinem in zahlreiche kurze Kapitel unterteilten, zum Bestseller avancierten Buch dann auch voll in diese Kerbe: Jedes Kapitel ist – nach einem Vorwort Dr. Hellmuth Karaseks, das vermuten lässt, er habe das Buch gar nicht gelesen – mit einem angenommenen Grund für Hocks im Titel aufgestellte These überschrieben, von „Weil uns schon am Anfang der Spaß verging“ über „Weil Disney mehr Bumm! war als Dürrenmatt“ bis hin zu „Weil wir zu zwitschern begannen“. Dahinter verbergen sich neben zumindest teilweise durchaus zutreffender Kritik an Schulsystem und Lehrplänen sowie einigen interessanten, bisweilen jedoch sicherlich auch strittigen Ausflügen in die Historie der Sprachentwicklung u.ä. vor allem exemplarisch herangezogene Beispiele für Vergewaltigungen der deutschen Sprache: durch Beamtendeutsch, Politikerrhetorik und von zum Teil sogar falschen Anglizismen durchsetztes Vokabular der Werbe-Branche und der Wirtschaft mit ihren „Managern“ im Allgemeinen, wovon auch ich ein (Klage-)Lied singen kann – sitzt man doch im von Halbwissen und Jugendwahn bestimmten marktschreierischen „Marketing“ ebenso häufig wie im ebensolchen Entscheidungs- und Führungsbereich von Unternehmen dem Irrglauben auf, Amerikanisierung sei „cool“ sowie Ausdruck von Modernität und Innovation. So stolpert man von einer missglückten, sinnbefreiten „denglischen“ Floskel zur nächsten über die Stolpersteine der Sprachdurchmischung, dass es nur noch peinliche Schaumschlägerei ist.

Doch all das ist nicht neu und wurde zu Recht schon häufig kritisiert – ob in ähnlichen Büchern oder in anderen Medien. An den charmanten Witz eines Bastian Sick reicht Hock jedoch kaum heran, auch scheint er keinen Bildungsauftrag zu verfolgen: Wo Sick freundlich erklärt, wie man es besser bzw. richtig mache, bleibt Hock polemisch und wenig konstruktiv. Das wäre vielleicht gar nicht so schlimm, würde er nicht immer wieder sein arg konservatives Weltbild durchklingen lassen, das beispielsweise zu einer fürchterlich pauschalen, viel zu undifferenzierten Abwatschung der sog. ‘68er führt. Die Antwort darauf, wo das Problem bei aller angebrachten Kritik am „Gendering“ bei der Verwendung von Doppelformen à la „Leserinnen und Leser“ liegen soll, bleibt er schuldig, mit wenig deutschen Begriffen wie „Dokutainment“ oder „Genre“ hat Hock hingegen keinerlei Berührungsängste, was wie ein Widerspruch zu manch Kapitel erscheint und ihn einer ähnlichen Wischiwaschi-Einstellung wie derjenigen, die er kritisiert, verdächtig macht – und dass er auch die vernünftigen Aspekte der jüngsten Rechtschreibreformen pauschal niedermacht, entbehrt nun wirklich jeglicher Sachlichkeit. Seine eigene Orthographie ist indes auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Insbesondere die Trennung von Haupt- und Nebensätzen durch satzabschließende Punkte stößt mir immer wieder auf, die mir einer fragwürdigen Journalismusschule zu entspringen scheint, in der lange Sätze pauschal als Teufelswerk diskreditiert werden.

Dass Begriffe wie „absegnen“ oder „abnicken“ aus dem von Hock in erster Linie wegen dessen Bürokratiesprache vorgeführten DDR-Deutsch kämen, wage ich einfach mal zu bezweifeln, doch das ist natürlich ein Detail. Weshalb sich „selbst ein sprachlich hochbegabter Schüler kaum“ von Kafka „wach küssen“ lassen könne, erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht. Ich halte diese Behauptung für ausgemachten Quatsch, Hocks vermutlich verquerem Geschmack entsprungen. Blogs als „neumodischen Unsinn“ abzutun, ist wiederum eine bodenlose Unverschämtheit und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die das Netz um lesenswerte, bisweilen ausführlichere und besser recherchierte, weil keinerlei Print-Beschränkungen unterliegenden, Inhalte erweitern. Sieht da ein konservativer Print-Journalist evtl. seine Felle davonschwimmen?

Abschließend bleibt anzumerken, dass Hocks Battle gegen Gangsta-Rap bischn lame ist, da wäre mehr gegangen. Immerhin gelingt ihm aber ein versöhnlicher Abschluss, wenn er im letzten, wie ein Anhang wirkenden Kapitel altertümliche, aus dem Sprachgebrauch beinahe oder bereits komplett verschwundene Begriff in Umgangs- und Jugendsprachsätze integriert, was mich dann doch ziemlich schmunzeln ließ. Letztendlich ist Hocks Pamphlet als polemischer, in harschem Ton verfasster Überblick über die schlimmsten Sprachpanscher durchaus gut zu gebrauchen. Dass zwischenzeitlich immer wieder bedenkliche Fortschrittsfeindlichkeit, politischer Konservatismus und wutbürgerliche Ignoranz durchscheinen, ist jedoch befremdlich – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Hock aus dem Bereich der bürgerlichen Presse und der Klatschschreiber stammt sowie als CSU-Pressereferent tätig war und damit zur allgemeinen Verblödung sicherlich selbst seinen Anteil geleistet hat.

Mad-Taschenbuch Nr. 17: Don Martin kocht was aus

1978 erschein der bereits vierte Don-Martin-Band innerhalb der Mad-Taschenbuch-Reihe. Wie gehabt wurden rund 160 Schwarzweiß-Seiten mit Martins Comic-Strips gefüllt, wobei sich hier kurze, zum Teil dialogfreie Gags mit einer recht langen „Der Glöckner von Notre Dame“-Parodie, die leider überproportional viel Blocktext enthält, ebenso abwechseln wie mit immer wieder eingestreuten Episoden der Telenovela-Persiflage „Die Feinbein-Saga“, die es auf je ein bis vier Seiten bringen. Gewohnterweise dominieren Martins abgedrehter Zeichenstil, Slapstick mit extra vielen Onomatopoetika (Lautmalereien) und anarchische, schwarzhumorige oder satirische Pointen. Und wie so oft ist man auch mit diesem Büchlein recht schnell durch: Selten schaffen es ganze zwei Panels auf eine Seite, meist wird einem einzelnen großzügigerweise eine ganze Seite zur Verfügung gestellt. Ein somit wieder etwas sehr kurzweiliger, jedoch ungeachtet dessen gelungener Spaß zwischen trashigem Klamauk, Haudrauf-Humor und Hintersinn.

E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Wenn man ein Germanistik-Studium begonnen hat und zunächst einmal mit Martin Opitz konfrontiert wird, können einem durchaus Zweifel kommen. Eine regelrechte Wohltat ist es hingegen, wenn man sich im Anschluss dem „Sandmann“ widmen darf, jener schauerromantischen Kurzgeschichte aus dem 1816 veröffentlichten Zyklus „Nachtstücke“ des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, handelt es sich doch um eine einigen altertümlichen Begriffen zum Trotz problemlos lesbare Mischung aus Horror, Science-Fiction und Psycho-Thriller, gepaart mit einer gehörigen Portion Wahnsinn und etwas schwarzem Humor.

Zu Kindheitszeiten wurde Nathanael traumatisiert, als er heimlich seinen Vater dabei beobachtete, wie dieser mit dem Advokaten Coppelius alchemistische Experimente durchführte. Dabei wurde Nathanael entdeckt und von Coppelius misshandelt. Bei einem weiteren Experiment starb Nathanaels Vater gar durch eine Explosion. Seither bringt er Coppelius mit dem Sandmann aus dem Märchen in Verbindung, das ihm zum Einschlafen vorgelesen wurde. Als Erwachsener Mann ist er mit der mit beiden Beinen fest im Leben stehenden Clara verlobt. Als er auf den Wetterglashändler Coppola trifft, gerät Nathanaels Welt jedoch erneut ins Wanken: Er glaubt, in ihm Coppelius wiederzuerkennen und verrennt sich in diese fixe Idee, das alte Trauma bricht wieder auf. Von Clara entfremdet er sich und verliebt sich stattdessen in Olimpia, die Tochter seines Professors Spalanzani – die sich als lebloser Roboter entpuppt. Nach einem stationären Aufenthalt in der Irrenanstalt wird Nathanael als geheilt entlassen, doch ein Wiedersehen mit Coppola nimmt kein gutes Ende.

„Der Sandmann“ verbindet den Horror eines Kindheitstraumas und den daraus resultierenden Wahnsinn mit früher Science-Fiction um einen Androiden, der zur Reflektionsfläche des beziehungsunfähigen, narzisstischen Nathanaels wird. Olimpia widerspricht Nathanael nie, scheint ihn in seinen Ansichten eher zu bestärken – was er nie bemerkt. Mit seinen Schauerelementen, starken Gefühlswallungen und unbewussten Ängsten ist er ein typisches Kind der Epoche der Romantik, wiederkehrende Motive sind die Augen als Wahrnehmungsorgan und metaphorischer Spiegel der Seele, Feuer, Teufel und Schwärze als Höllensymbolik, diabolisches Lachen, Lärm, die puppenähnliche Dissoziation menschlicher Körper und schließlich der Tod. In den Personen Coppelius und Coppola, die für Nathanaels eins sind, findet die Traumatisierung Nathanaels Ausdruck, die immer wieder hochkommt, die er emotional ein ums andere Mal durchlebt.

In seinem Aufbau nimmt „Der Sandmann“ eine Ausnahmestellung ein und wurde damit zu einem beliebten Studienobjekt für Germanistiklehrende und die Literaturforschung: Die Erzählung beginnt mit drei aufeinanderfolgenden Briefen: Nathanael wendet sich an seinen Jugendfreund Lothar, sendet den Brief jedoch irrtümlich an Clara, seine Verlobte und Schwester Lothars, die ihm schriftlich antwortet. Der dritte Brief ist ein weiterer Nathanaels an Lothar. Erst dann meldet sich der Erzähler zu Wort, der Nathanael als einen alten Freund bezeichnet und sich als ein Autor zu erkennen gibt, der den Leser direkt anspricht. Bei ihm handelt es sich um einen hetero- und extradiegetischen Erzähler mit Nullfokalisierung, also jemanden, der selbst eigentlich nicht Teil der Handlung ist und alles über Nathanael zu wissen scheint. Dennoch nimmt er zwischenzeitlich eine interne Fokalisierung an, wenn er in bestimmten Momenten lediglich über Nathanaels subjektive Sichtweise verfügt, wird also vom allwissenden Erzähler zu einem, der nur über den Wissensstand (einer) der Figuren verfügt. Dabei könnte es sich um einen Kniff Hoffmanns gehandelt haben, um auf die Parallelen zwischen dem Erzähler und Nathanael hinzuweisen: Beide sind Dichter, Nathanael jedoch ein erfolgloser. In beiden glüht eine „innere Glut“, beide projizieren Bilder aus ihrem Inneren nach außen, und romantischen Dichtern sagt man ohnehin nach, an der Grenze zum Wahnsinn zu leben. Doch der Erzähler gießt seinen Wahnsinn als Autor in Form, ist Herr seines Stoffs und kann ihn dadurch verarbeiten – was der Geisteskranke nicht kann. Insofern handelt es sich bei Nathanael evtl. um ein Alter Ego des Erzählers, einen Teil seiner selbst, den er mit dem Tod Nathanaels sterben lassen möchte. Zweifelsohne jedenfalls ist Nathanael jemand, mit dem sich der Erzähler stark identifiziert, was auch sein kaum vorhandenes Interesse an den geistig gesunden Figuren seiner Erzählung verdeutlicht.

Meine Ausgabe aus der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags bildet die Geschichte auf 47 Seiten ab; es folgt ein fünfseitiger Teil mit Anmerkungen, der vor allem heutzutage nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert. Sechsseitige Literaturhinweise bieten einen Überblick über Ausgaben, Quellen sowie begleitende und vertiefende Literatur. Ein ausführliches siebzehnseitiges Nachwort ordnet Hoffmanns Erzählung ein und liefert erste Interpretationsansätze. Für schlanke 2,- EUR kommt man bereits in den Genuss – und für diesen muss man nun wirklich kein Germanistik-Student, nicht einmal sonderlich interessiert an tiefergehender Auseinandersetzung mit Literatur sein, sondern einfach nur Lust auf eine gelungene, klassische und einflussreiche Schauermär haben.

Frank Schäfer – Was soll der Lärm? Rock-Kritiken

2005, zwischen seiner Anekdoten-Sammlung „Pünschel gibt Stoff“ und dem Sammelband „Soundtrack eines Sommers“, für den er als Herausgeber fungierte, veröffentlichte Frank Schäfer im Reiffer-Verlag seine knapp 100 Seiten starke und rund 40 Kapitel umfassende Sammlung an Plattenkritiken und vereinzelt eingestreuten Konzertberichten im praktischen Taschenbuchformat, die zuvor bereits im „Rolling Stone“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „jungen Welt“ verstreut abgedruckt wurden. Vorangestellt wurde ein Vorwort, dass ebenso anschaulich wie amüsant von einer typischen Lesung zum Thema Heavy Metal zu berichten weiß. Von Neil Young über Motörhead und Turbonegro zu Type O Negative, von einer Richard-Hell-Anthologie über Lynard Skynard, Gary Moore und  Bad Religion zu Gluecifer/Hellacopters/Backyard Babies, von Metallica zu The Darkness und zurück zu Motörhead – Schäfer rezensiert, was innerhalb dieser Stilbreite so zwischen 2002 und 2004 an Tonträgern veröffentlicht wurde und gibt sich nicht mit den paar Zeilen, die für gewöhnlich in einschlägigen Postillen zur Verfügung stehen, zufrieden, sondern nutzt die Möglichkeit, gern mal über mehrere Seiten hinweg über das Werk, den oder die Künstler und/oder ihre Bedeutung zu philosophieren. Und dies sei ihm ausdrücklich gestattet, denn der Mann kann nicht nur schreiben, was er in diversen vorausgegangenen Veröffentlichungen bereits bewiesen hat, sondern bringt zudem sowohl die nötige Musikleidenschaft als auch ein nicht ungefähres Fachwissen mit. Als ehemaliger Gitarrist geht er oft insbesondere aufs jeweilige Geklampfe ein, was seine Kritiken lebens- und techniknaher als manch oberflächliche Meinungsbekundung der schreibenden Laienzunft erscheinen lässt und möglicherweise auch sein Faible für, nun ja, Gitarrenmusik erklärt, die eben auch mir vielleicht ewig fremdbleibende Genres wie Southern- oder Blues Rock einschließt. Zum durchaus immer mal wieder streitbaren Neil Young findet er ein schönes Fazit, und lässt er durchblicken, dass Motörhead-Scheiben (damals) neueren Datums immerhin zur Hälfte etwas taugen und es eben richtig Spaß machen kann, die jeweiligen Höhepunkte zu entdecken, möchte man ihm ebenso zustimmen wie seiner Erkenntnis, zeitgenössische Rockalben seien häufig zu lang. Allerspätestens wenn er zu einem persönlich besuchten The-Strokes-Konzert auf den Punkt bringt, was gute Gigs ausmacht und konstatieren muss, „das hier war tausendundeine Nacht, aber doch kein Rock’n’Roll! Dazu fehlte einfach die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte“, spricht er mir so dermaßen aus der Seele, dass ich weiß: Wir speisen grundsätzlich im selben Restaurant. Da darf er dann auch mal Slamdancing mit Crowdsurfing verwechseln. In Bezug auf Black Sabbath vertritt er allerdings eine sehr exklusive Einzelmeinung und Bruce Springsteens „I’m On Fire“ ist sicher vieles, aber keine „breitbeinig-tumbe Proletennummer“. Klar hat auch jeder so seine Lieblinge unter den großen, in Ehre ergrauten Rockstimmen und Schäfers ist Glenn Hughes, aber muss man deshalb wirklich jede Belanglosigkeit – dann auch noch so offensichtlich – noch irgendwie schönzureden versuchen? Ja, es sind durchaus auch diese kleineren Stolpersteine und Meinungsverschiedenheiten, an denen man sich herrlich reiben kann – ein allgemein abnickungsfähiges Konsenswerk wollte Schäfer sicher – glücklicherweise! – nicht verfassen. Auch wenn die besprochenen Alben inzwischen bereits älter und Schäfers geteilte Informationen über ihre Interpreten mittlerweile überholt sein mögen – die Kritiken bleiben auf ihre eigene Weise zeitlos. Sie ermöglichen die eine oder andere neue Perspektive auf diese oder jene Platte, aufs jeweilige Phänomen, auf die Rezeption. Sie inspirieren und machen bisweilen neugierig, der eine oder andere Titel landet als Suchbegriff in YouTube oder Spotify, der eine oder andere Semi- oder eigentlich dann doch Gar-nicht-Klassiker wird wieder hervorgekramt, der eigene Höreindruck mit Schäfers postuliertem Empfinden abgeglichen. Und wer jemals daran gezweifelt hat, dass Plattenkritiken entpragmatisiert und, ja, poetisch sein können, findet in Schäfer seinen Meister.

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