Gnnis Reviews

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Simon Schwartz – drüben!

2009, zum 20-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, erschien Simon Schwartz’ Diplomabschlussarbeit an der HAW Hamburg, der 120 Seiten starke Comicband „drüben!“, im Avant-Verlag. Der 1982 in Erfurt geborene und in Berlin aufgewachsene Schwartz hat sich für sein Buch intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und beschreibt, wie und warum seine Eltern einst einen Ausreiseantrag in der DDR stellten, was damit verbunden war und wie sie schließlich zu dritt 1984 in die BRD übersiedeln konnten.

Den besonderen inhaltlichen Reiz des Werks machen einerseits die über weite Strecken wertungsfreien, unaufgeregten Beschreibungen der Werdegänge seiner Eltern und sogar Großeltern aus, die die jeweiligen Beweggründe gerade auch für ein Leben in der DDR verständlich machen. So fanden mit Vater und Mutter Schwartz ein zunächst sehr regierungstreuer junger Mann und eine aufgeschlossenere junge Frau mit Westkontakten zueinander. Andererseits sind es die bewusst aus kindlich-naiver Sichtweise geschilderten Beobachtungen und Erinnerungen des kleinen Simon, welche im Kontrast zu den von zahlreichen Abwägungen und von Rationalität geprägten Entscheidungen seiner Familie stehen, aus denen sich der Charme des Buchs speist. Letztlich ausschlaggebend für die Ausreiseentscheidung der Eltern wurde die massive Remilitarisierung der DDR und die an Simons Vater adressierte Erwartung, den Afghanistankrieg der UdSSR gegenüber Schülern zu rechtfertigen – eine Gewissensentscheidung also. Doch auch gewissermaßen nebenbei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in den DDR-Alltag und seine Besonderheiten – zu deren negativen Auswüchsen die Schikanen zählen, denen sich seine Eltern nach ihrem Ausreiseantrag ausgesetzt sahen.

Leider verfällt dann auch Schwartz in seinem ohnehin in Graustufen gehaltenen Zeichnungen in eine Art Schwarzweißmalerei, wenn er seinem Inhalt zu mehr Ausdruck verhelfen will, indem er mit negativen Konnotationen arbeitet und DDR-Systemtreue ausschließlich mit unfreundlichen, brüllenden Beamten und sozialistischen Plattenbauten illustriert. Das wäre gar nicht nötig gewesen und verleiht seinem Buch einen tendenziösen Anstrich, der sich indes mit den negativ behafteten Erinnerungen seiner Eltern erklären lässt. Überwiegend dominiert ein zeichnerischer Stil irgendwo zwischen naturalistisch und cartoonhaft, mit klarem Strich in aufgeräumten Panels, die von ihrem Vierer-Grid immer mal wieder abweichen und die Gestaltung dadurch auflockern. Etwas schwer tut sich Schwartz noch mit den Proportionen seiner Figuren, dennoch gelingt es ihm, ihnen Leben und Emotion einzuhauchen. Die Zeitsprünge erfordern ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, halten die Erzählung aber durchaus spannend, sodass man geneigt ist, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Dazu, dass Schwartz’ Familie wie im Comic beschrieben so gut in der BRD aufgenommen wurde, möchte man ihr gratulieren, denn leider erging es nicht allen so: Andere Ausreisende wurden im Westen von Behörden und Staatsschutz gegängelt, weil man ihnen misstraute, gar für „Spione“ hielt, oder von der Kriegsgeneration und ihren Nachkommen als „von den Russen kommend“ verunglimpft und gesellschaftlich ausgegrenzt. Der Kalte Krieg wurde auf beiden Seiten gekämpft. Dies ist jedoch gar nicht Thema von „drüben!“, das dank seiner subjektiven Sicht und seiner Beschränkung auf das Schicksal einer einzelnen Familie das größere Ganze begreifbarer zu machen hilft und auf anrührende Weise nachvollziehbar macht, wie der Wettstreit der Systeme auf deutschem Nachkriegsboden Familien entzweien konnte – auch über den Untergang der DDR hinaus.

Ergänzt wird der Softcover-Band (zumindest in der mir vorliegenden erweiterten sechsten Auflage) von einem Interview mit Schwartz und zwei seiner Kurzgeschichten.

Andreas Hock – Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache

Der ehemalige Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung Andreas Hock veröffentlichte 2014 nach seinem Trash-Debüt, genauer: einer Biographie über die idiotischen neureichen Prolls Carmen und Robert Geissen, einem Buch über Panini-Bilder sowie einem Begleitband zur Nerd-Sitcom „Big Bang Theory“ im Jahre 2014 die sich mit dem Verfall der deutschen Sprache auseinandersetzende, rund 190 Seiten umfassende Polemik „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ im Riva-Verlag. Zwischendurch gab es jedoch bereits ein Werk namens „Like mich am Arsch – wie unsere Gesellschaft durch Smartphones, Computerspiele und soziale Netzwerke vereinsamt und verblödet“, dessen Titel Hocks konservativen Kulturpessimismus bereits erahnen lässt.

So schlägt er mit seinem in zahlreiche kurze Kapitel unterteilten, zum Bestseller avancierten Buch dann auch voll in diese Kerbe: Jedes Kapitel ist – nach einem Vorwort Dr. Hellmuth Karaseks, das vermuten lässt, er habe das Buch gar nicht gelesen – mit einem angenommenen Grund für Hocks im Titel aufgestellte These überschrieben, von „Weil uns schon am Anfang der Spaß verging“ über „Weil Disney mehr Bumm! war als Dürrenmatt“ bis hin zu „Weil wir zu zwitschern begannen“. Dahinter verbergen sich neben zumindest teilweise durchaus zutreffender Kritik an Schulsystem und Lehrplänen sowie einigen interessanten, bisweilen jedoch sicherlich auch strittigen Ausflügen in die Historie der Sprachentwicklung u.ä. vor allem exemplarisch herangezogene Beispiele für Vergewaltigungen der deutschen Sprache: durch Beamtendeutsch, Politikerrhetorik und von zum Teil sogar falschen Anglizismen durchsetztes Vokabular der Werbe-Branche und der Wirtschaft mit ihren „Managern“ im Allgemeinen, wovon auch ich ein (Klage-)Lied singen kann – sitzt man doch im von Halbwissen und Jugendwahn bestimmten marktschreierischen „Marketing“ ebenso häufig wie im ebensolchen Entscheidungs- und Führungsbereich von Unternehmen dem Irrglauben auf, Amerikanisierung sei „cool“ sowie Ausdruck von Modernität und Innovation. So stolpert man von einer missglückten, sinnbefreiten „denglischen“ Floskel zur nächsten über die Stolpersteine der Sprachdurchmischung, dass es nur noch peinliche Schaumschlägerei ist.

Doch all das ist nicht neu und wurde zu Recht schon häufig kritisiert – ob in ähnlichen Büchern oder in anderen Medien. An den charmanten Witz eines Bastian Sick reicht Hock jedoch kaum heran, auch scheint er keinen Bildungsauftrag zu verfolgen: Wo Sick freundlich erklärt, wie man es besser bzw. richtig mache, bleibt Hock polemisch und wenig konstruktiv. Das wäre vielleicht gar nicht so schlimm, würde er nicht immer wieder sein arg konservatives Weltbild durchklingen lassen, das beispielsweise zu einer fürchterlich pauschalen, viel zu undifferenzierten Abwatschung der sog. ‘68er führt. Die Antwort darauf, wo das Problem bei aller angebrachten Kritik am „Gendering“ bei der Verwendung von Doppelformen à la „Leserinnen und Leser“ liegen soll, bleibt er schuldig, mit wenig deutschen Begriffen wie „Dokutainment“ oder „Genre“ hat Hock hingegen keinerlei Berührungsängste, was wie ein Widerspruch zu manch Kapitel erscheint und ihn einer ähnlichen Wischiwaschi-Einstellung wie derjenigen, die er kritisiert, verdächtig macht – und dass er auch die vernünftigen Aspekte der jüngsten Rechtschreibreformen pauschal niedermacht, entbehrt nun wirklich jeglicher Sachlichkeit. Seine eigene Orthographie ist indes auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Insbesondere die Trennung von Haupt- und Nebensätzen durch satzabschließende Punkte stößt mir immer wieder auf, die mir einer fragwürdigen Journalismusschule zu entspringen scheint, in der lange Sätze pauschal als Teufelswerk diskreditiert werden.

Dass Begriffe wie „absegnen“ oder „abnicken“ aus dem von Hock in erster Linie wegen dessen Bürokratiesprache vorgeführten DDR-Deutsch kämen, wage ich einfach mal zu bezweifeln, doch das ist natürlich ein Detail. Weshalb sich „selbst ein sprachlich hochbegabter Schüler kaum“ von Kafka „wach küssen“ lassen könne, erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht. Ich halte diese Behauptung für ausgemachten Quatsch, Hocks vermutlich verquerem Geschmack entsprungen. Blogs als „neumodischen Unsinn“ abzutun, ist wiederum eine bodenlose Unverschämtheit und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die das Netz um lesenswerte, bisweilen ausführlichere und besser recherchierte, weil keinerlei Print-Beschränkungen unterliegenden, Inhalte erweitern. Sieht da ein konservativer Print-Journalist evtl. seine Felle davonschwimmen?

Abschließend bleibt anzumerken, dass Hocks Battle gegen Gangsta-Rap bischn lame ist, da wäre mehr gegangen. Immerhin gelingt ihm aber ein versöhnlicher Abschluss, wenn er im letzten, wie ein Anhang wirkenden Kapitel altertümliche, aus dem Sprachgebrauch beinahe oder bereits komplett verschwundene Begriff in Umgangs- und Jugendsprachsätze integriert, was mich dann doch ziemlich schmunzeln ließ. Letztendlich ist Hocks Pamphlet als polemischer, in harschem Ton verfasster Überblick über die schlimmsten Sprachpanscher durchaus gut zu gebrauchen. Dass zwischenzeitlich immer wieder bedenkliche Fortschrittsfeindlichkeit, politischer Konservatismus und wutbürgerliche Ignoranz durchscheinen, ist jedoch befremdlich – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Hock aus dem Bereich der bürgerlichen Presse und der Klatschschreiber stammt sowie als CSU-Pressereferent tätig war und damit zur allgemeinen Verblödung sicherlich selbst seinen Anteil geleistet hat.

Mad-Taschenbuch Nr. 17: Don Martin kocht was aus

1978 erschein der bereits vierte Don-Martin-Band innerhalb der Mad-Taschenbuch-Reihe. Wie gehabt wurden rund 160 Schwarzweiß-Seiten mit Martins Comic-Strips gefüllt, wobei sich hier kurze, zum Teil dialogfreie Gags mit einer recht langen „Der Glöckner von Notre Dame“-Parodie, die leider überproportional viel Blocktext enthält, ebenso abwechseln wie mit immer wieder eingestreuten Episoden der Telenovela-Persiflage „Die Feinbein-Saga“, die es auf je ein bis vier Seiten bringen. Gewohnterweise dominieren Martins abgedrehter Zeichenstil, Slapstick mit extra vielen Onomatopoetika (Lautmalereien) und anarchische, schwarzhumorige oder satirische Pointen. Und wie so oft ist man auch mit diesem Büchlein recht schnell durch: Selten schaffen es ganze zwei Panels auf eine Seite, meist wird einem einzelnen großzügigerweise eine ganze Seite zur Verfügung gestellt. Ein somit wieder etwas sehr kurzweiliger, jedoch ungeachtet dessen gelungener Spaß zwischen trashigem Klamauk, Haudrauf-Humor und Hintersinn.

E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Wenn man ein Germanistik-Studium begonnen hat und zunächst einmal mit Martin Opitz konfrontiert wird, können einem durchaus Zweifel kommen. Eine regelrechte Wohltat ist es hingegen, wenn man sich im Anschluss dem „Sandmann“ widmen darf, jener schauerromantischen Kurzgeschichte aus dem 1816 veröffentlichten Zyklus „Nachtstücke“ des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, handelt es sich doch um eine einigen altertümlichen Begriffen zum Trotz problemlos lesbare Mischung aus Horror, Science-Fiction und Psycho-Thriller, gepaart mit einer gehörigen Portion Wahnsinn und etwas schwarzem Humor.

Zu Kindheitszeiten wurde Nathanael traumatisiert, als er heimlich seinen Vater dabei beobachtete, wie dieser mit dem Advokaten Coppelius alchemistische Experimente durchführte. Dabei wurde Nathanael entdeckt und von Coppelius misshandelt. Bei einem weiteren Experiment starb Nathanaels Vater gar durch eine Explosion. Seither bringt er Coppelius mit dem Sandmann aus dem Märchen in Verbindung, das ihm zum Einschlafen vorgelesen wurde. Als Erwachsener Mann ist er mit der mit beiden Beinen fest im Leben stehenden Clara verlobt. Als er auf den Wetterglashändler Coppola trifft, gerät Nathanaels Welt jedoch erneut ins Wanken: Er glaubt, in ihm Coppelius wiederzuerkennen und verrennt sich in diese fixe Idee, das alte Trauma bricht wieder auf. Von Clara entfremdet er sich und verliebt sich stattdessen in Olimpia, die Tochter seines Professors Spalanzani – die sich als lebloser Roboter entpuppt. Nach einem stationären Aufenthalt in der Irrenanstalt wird Nathanael als geheilt entlassen, doch ein Wiedersehen mit Coppola nimmt kein gutes Ende.

„Der Sandmann“ verbindet den Horror eines Kindheitstraumas und den daraus resultierenden Wahnsinn mit früher Science-Fiction um einen Androiden, der zur Reflektionsfläche des beziehungsunfähigen, narzisstischen Nathanaels wird. Olimpia widerspricht Nathanael nie, scheint ihn in seinen Ansichten eher zu bestärken – was er nie bemerkt. Mit seinen Schauerelementen, starken Gefühlswallungen und unbewussten Ängsten ist er ein typisches Kind der Epoche der Romantik, wiederkehrende Motive sind die Augen als Wahrnehmungsorgan und metaphorischer Spiegel der Seele, Feuer, Teufel und Schwärze als Höllensymbolik, diabolisches Lachen, Lärm, die puppenähnliche Dissoziation menschlicher Körper und schließlich der Tod. In den Personen Coppelius und Coppola, die für Nathanaels eins sind, findet die Traumatisierung Nathanaels Ausdruck, die immer wieder hochkommt, die er emotional ein ums andere Mal durchlebt.

In seinem Aufbau nimmt „Der Sandmann“ eine Ausnahmestellung ein und wurde damit zu einem beliebten Studienobjekt für Germanistiklehrende und die Literaturforschung: Die Erzählung beginnt mit drei aufeinanderfolgenden Briefen: Nathanael wendet sich an seinen Jugendfreund Lothar, sendet den Brief jedoch irrtümlich an Clara, seine Verlobte und Schwester Lothars, die ihm schriftlich antwortet. Der dritte Brief ist ein weiterer Nathanaels an Lothar. Erst dann meldet sich der Erzähler zu Wort, der Nathanael als einen alten Freund bezeichnet und sich als ein Autor zu erkennen gibt, der den Leser direkt anspricht. Bei ihm handelt es sich um einen hetero- und extradiegetischen Erzähler mit Nullfokalisierung, also jemanden, der selbst eigentlich nicht Teil der Handlung ist und alles über Nathanael zu wissen scheint. Dennoch nimmt er zwischenzeitlich eine interne Fokalisierung an, wenn er in bestimmten Momenten lediglich über Nathanaels subjektive Sichtweise verfügt, wird also vom allwissenden Erzähler zu einem, der nur über den Wissensstand (einer) der Figuren verfügt. Dabei könnte es sich um einen Kniff Hoffmanns gehandelt haben, um auf die Parallelen zwischen dem Erzähler und Nathanael hinzuweisen: Beide sind Dichter, Nathanael jedoch ein erfolgloser. In beiden glüht eine „innere Glut“, beide projizieren Bilder aus ihrem Inneren nach außen, und romantischen Dichtern sagt man ohnehin nach, an der Grenze zum Wahnsinn zu leben. Doch der Erzähler gießt seinen Wahnsinn als Autor in Form, ist Herr seines Stoffs und kann ihn dadurch verarbeiten – was der Geisteskranke nicht kann. Insofern handelt es sich bei Nathanael evtl. um ein Alter Ego des Erzählers, einen Teil seiner selbst, den er mit dem Tod Nathanaels sterben lassen möchte. Zweifelsohne jedenfalls ist Nathanael jemand, mit dem sich der Erzähler stark identifiziert, was auch sein kaum vorhandenes Interesse an den geistig gesunden Figuren seiner Erzählung verdeutlicht.

Meine Ausgabe aus der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags bildet die Geschichte auf 47 Seiten ab; es folgt ein fünfseitiger Teil mit Anmerkungen, der vor allem heutzutage nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert. Sechsseitige Literaturhinweise bieten einen Überblick über Ausgaben, Quellen sowie begleitende und vertiefende Literatur. Ein ausführliches siebzehnseitiges Nachwort ordnet Hoffmanns Erzählung ein und liefert erste Interpretationsansätze. Für schlanke 2,- EUR kommt man bereits in den Genuss – und für diesen muss man nun wirklich kein Germanistik-Student, nicht einmal sonderlich interessiert an tiefergehender Auseinandersetzung mit Literatur sein, sondern einfach nur Lust auf eine gelungene, klassische und einflussreiche Schauermär haben.

Frank Schäfer – Was soll der Lärm? Rock-Kritiken

2005, zwischen seiner Anekdoten-Sammlung „Pünschel gibt Stoff“ und dem Sammelband „Soundtrack eines Sommers“, für den er als Herausgeber fungierte, veröffentlichte Frank Schäfer im Reiffer-Verlag seine knapp 100 Seiten starke und rund 40 Kapitel umfassende Sammlung an Plattenkritiken und vereinzelt eingestreuten Konzertberichten im praktischen Taschenbuchformat, die zuvor bereits im „Rolling Stone“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „jungen Welt“ verstreut abgedruckt wurden. Vorangestellt wurde ein Vorwort, dass ebenso anschaulich wie amüsant von einer typischen Lesung zum Thema Heavy Metal zu berichten weiß. Von Neil Young über Motörhead und Turbonegro zu Type O Negative, von einer Richard-Hell-Anthologie über Lynard Skynard, Gary Moore und  Bad Religion zu Gluecifer/Hellacopters/Backyard Babies, von Metallica zu The Darkness und zurück zu Motörhead – Schäfer rezensiert, was innerhalb dieser Stilbreite so zwischen 2002 und 2004 an Tonträgern veröffentlicht wurde und gibt sich nicht mit den paar Zeilen, die für gewöhnlich in einschlägigen Postillen zur Verfügung stehen, zufrieden, sondern nutzt die Möglichkeit, gern mal über mehrere Seiten hinweg über das Werk, den oder die Künstler und/oder ihre Bedeutung zu philosophieren. Und dies sei ihm ausdrücklich gestattet, denn der Mann kann nicht nur schreiben, was er in diversen vorausgegangenen Veröffentlichungen bereits bewiesen hat, sondern bringt zudem sowohl die nötige Musikleidenschaft als auch ein nicht ungefähres Fachwissen mit. Als ehemaliger Gitarrist geht er oft insbesondere aufs jeweilige Geklampfe ein, was seine Kritiken lebens- und techniknaher als manch oberflächliche Meinungsbekundung der schreibenden Laienzunft erscheinen lässt und möglicherweise auch sein Faible für, nun ja, Gitarrenmusik erklärt, die eben auch mir vielleicht ewig fremdbleibende Genres wie Southern- oder Blues Rock einschließt. Zum durchaus immer mal wieder streitbaren Neil Young findet er ein schönes Fazit, und lässt er durchblicken, dass Motörhead-Scheiben (damals) neueren Datums immerhin zur Hälfte etwas taugen und es eben richtig Spaß machen kann, die jeweiligen Höhepunkte zu entdecken, möchte man ihm ebenso zustimmen wie seiner Erkenntnis, zeitgenössische Rockalben seien häufig zu lang. Allerspätestens wenn er zu einem persönlich besuchten The-Strokes-Konzert auf den Punkt bringt, was gute Gigs ausmacht und konstatieren muss, „das hier war tausendundeine Nacht, aber doch kein Rock’n’Roll! Dazu fehlte einfach die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte“, spricht er mir so dermaßen aus der Seele, dass ich weiß: Wir speisen grundsätzlich im selben Restaurant. Da darf er dann auch mal Slamdancing mit Crowdsurfing verwechseln. In Bezug auf Black Sabbath vertritt er allerdings eine sehr exklusive Einzelmeinung und Bruce Springsteens „I’m On Fire“ ist sicher vieles, aber keine „breitbeinig-tumbe Proletennummer“. Klar hat auch jeder so seine Lieblinge unter den großen, in Ehre ergrauten Rockstimmen und Schäfers ist Glenn Hughes, aber muss man deshalb wirklich jede Belanglosigkeit – dann auch noch so offensichtlich – noch irgendwie schönzureden versuchen? Ja, es sind durchaus auch diese kleineren Stolpersteine und Meinungsverschiedenheiten, an denen man sich herrlich reiben kann – ein allgemein abnickungsfähiges Konsenswerk wollte Schäfer sicher – glücklicherweise! – nicht verfassen. Auch wenn die besprochenen Alben inzwischen bereits älter und Schäfers geteilte Informationen über ihre Interpreten mittlerweile überholt sein mögen – die Kritiken bleiben auf ihre eigene Weise zeitlos. Sie ermöglichen die eine oder andere neue Perspektive auf diese oder jene Platte, aufs jeweilige Phänomen, auf die Rezeption. Sie inspirieren und machen bisweilen neugierig, der eine oder andere Titel landet als Suchbegriff in YouTube oder Spotify, der eine oder andere Semi- oder eigentlich dann doch Gar-nicht-Klassiker wird wieder hervorgekramt, der eigene Höreindruck mit Schäfers postuliertem Empfinden abgeglichen. Und wer jemals daran gezweifelt hat, dass Plattenkritiken entpragmatisiert und, ja, poetisch sein können, findet in Schäfer seinen Meister.

Mad-Taschenbuch Nr. 16: Dave Berg – Mad-Reporter Dave Berg sieht sich um

1977 widmete sich die Mad-Taschenbuch-Reihe zum zweiten Mal rund 160 Seiten lang Dave Bergs in satirischen kurzen Comics festgehaltenen Alltagsbeobachtungen, diesmal kapitelweise gebündelt in unterschiedliche Schwerpunkte wie „Abt. Kleinbürgertum – Rund um das Kind“, „Abt. Jugend-Stil – Rund um die Teenager“, „Abt. Altblütig – Rund um die Eltern“ oder „Abt. Weltscherz – Rund um die Welt“. So werden Irrsinn und Wahnwitz des Alltags aufs Korn genommen, zumeist innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, gern Generationenkonflikte und Kommunikationsprobleme betonend. Dabei gehen die Pointen auf Kosten aller Generationen und spiegeln wie üblich den damaligen Zeitgeist mit allen Widersprüchlichkeiten wieder, der süffisant persifliert wird. Der halbrealistische Zeichenstil ist gewohnt einladend, der Humor nie zu abgedreht, sondern in der Realität verwurzelt und ein besonderes Augenmerk verdient einmal Herbert Feuersteins Übersetzung inkl. der typischen Mad-Nachnamen: Zum obligatorischen Feinbein gesellen sich Zuffnik, Fröhn und Ödmann. Leider wurde mit dem Platz wieder recht großzügig umgegangen, sodass bei lediglich einem Panel pro Seite das Buch schnell durch ist.

Peter Osteried / Martin Hentschel – Simple Movie Porträt #3: Gloria Guida und die italienischen sexy Comedies

In der achtbändigen „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich der MPW-Verlag, beginnend mit Laura Gemser, weiblichen Erotikfilm-Ikonen vergangener Jahrzehnte oder auch, wie im Falle des zweitens Bands über die „Schulmädchen-Report“-Filme, einer bestimmten Filmreihe. Das dritte 84-seitige Heft, schätzungsweise aus dem Jahre 2007 oder 2008, ist eine Art Zwitter: Von der italienischen Schauspielerin und „Miss Teenage 1974“ Gloria Guida ausgehend, spannt man einen Bogen über durch sie mitinitiierten „Flotte Teens“-Filmreihe hin zum Italo-Sex-Klamauk, der Commedia Sexy all’ Italiana. Es geht also mitnichten lediglich um nackte Haut, sondern um alte Kinophänomene, die aus der durch die sexuellen Revolution ermöglichten Lust an der Freizügigkeit und den daraus resultierenden Gewinnmöglichkeiten in den 1970ern noch vor der Legalisierung von Pornographie entstanden und im Jahre 2018 vielfach in Vergessenheit geraten sind oder schlicht als längst völlig irrelevant gelten, weil die jederzeit gratis per Klick erhältliche Pornographie den Erotikfilm alter Schule längst überflüssig gemacht habe. Dass es sich dabei um ein durchaus faszinierendes Kapitel Populärkultur zwischen Kunst und Kommerz handelt, dessen Bedeutung gerade in der Retrospektive und gerade in Zeiten US-Kino-diktierter Prüderie sich einem ganz neu erschließen kann, wird dabei gern übersehen. Insofern darf man aus cineastischer und europhiler Sicht dankbar sein, dass sich jemand dieser Nischenthemen annimmt, zumal sich Guidas Schaffen eben nicht auf Klamauk beschränkte, sondern sie auch in durchaus ernstzunehmenden Erotikdramen Hauptrollen be- bzw. entkleidete.

Der Band versucht einen Spagat zwischen Bildband und Informationssammlung, der über weite Stecken recht gut gelingt: Zwischen vielen wundervollen Fotografien Guidas und zahlreichen Filmplakaten, Aushangfotos, Coverabbildungen von Heimkinoveröffentlichungen etc. auf wertigem Hochglanzpapier, die für manch einen sicherlich bereits Kaufanreiz genug gewesen sein dürften, versammeln sich nach einem Vorwort Osterieds eine kurz und bündig gehaltene Biographie der blonden Schönheit, eine ausführliche Filmographie inkl. Stab- und kurzen Inhaltsangaben, mittlerweile sicherlich hier und da überholten Informationen zu Veröffentlichungen, und meist knapp gehaltenen, mitunter nicht ganz treffenden Kurzkritiken (Di Leos „Avere vent’anni“ wurde offenbar missverstanden). Auf acht Seiten widmet man sich der „Flotte Teens“-Erotikkomödienreihe und bringt nebenbei Licht ins Titelwirrwarr (viele Filme zählen gar nicht zur Reihe, wurden aufgrund des Erfolgs der „flotten Teens“ jedoch im deutschsprachigen Raum als solche vermarktet). Einen Fauxpas leistet man sich, als man Guidas Ehemann und Schauspielkollegen Johnny Dorelli vorstellt, dies jedoch mit Fotos Alvaro Vitalis illustriert und somit den Eindruck erweckt, Guida sei mit jenem Backpfeifengesicht liiert.

Die Geister scheiden werden sich vermutlich an Hentschels 14-seitiger Abhandlung über italienische Sexklamotten, da diese doch arg aus Fan-Sicht geschrieben wurde. Das finde ich grundsätzlich nicht unsympathisch und angenehmer als eine bloße Auflistung (die es als netten Bonus am Ende des Kapitel dennoch gibt); wer sich jedoch auf Hentschels Überschwang hin mit diesen Film eindeckt, wird womöglich überrascht davon, wie stumpfsinnig und unlustig dieses Subgenre doch oftmals war. Über die Übersicht inkl. zahlreicher Coverabbildungen freue ich mich nichtsdestotrotz und ich muss zugeben, auf den einen oder anderen genannten Titel neugierig geworden zu sein. Ein Interview mit der „MIG Filmgroup“, die sich deutschsprachigen DVD-Veröffentlichungen aus diesem Bereich gewidmet hat, sowie eines mit Uwe Schier, der seinerzeit maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, diese Filme in deutsche Kinos zu bringen, runden diesen Band ebenso ab wie ein Überblick über weitere Erotik-Darstellerinnen aus der Hochzeit des italienischen Kinos, inkl. ergänzender Angaben und manch eigenartiger Information wie „Sie ist Hobby-Archäologin“ zur 1992 verstorbenen Marisa Mell. Am Ende bekommt man noch etwas MIG-Werbung mit auf den Weg.

Alles in allem eignet sich dieser Porträtband recht gut für den Einstieg in die behandelten Themengebiete. Er wurde mit sichtbarer Liebe zum Detail gestaltet, hält die Erinnerung an jene Kino-Epoche und ihre Protagonistinnen aufrecht und macht neugierig darauf, den eigenen filmischen Horizont zu erweitern, (Sub-)Genres für sich zu entdecken, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie einzuordnen und zu bewerten. Zudem fasst er sich gut an und es macht schlicht Spaß, in ihm zu blättern – ein haptisches Erlebnis, das keine Webseite bieten kann. Wie so oft im MPW-Verlag handelt es sich jedoch um eine lediglich semiprofessionelle Veröffentlichung, der ein aufmerksameres Lektorat gut getan hätte – und wie immer finde ich es schade, dass in dieser Hinsicht am falschen Ende gespart wurde.

Martin Opitz – Buch von der Deutschen Poeterey

„Martin Opitz war der Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des Barock“, weiß Wikipedia. Germanistikstudenten ist er jedoch in erster Linie als Nervensäge bekannt. Sein o. g. Buch wurde in die Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags aufgenommen und rund 220-seitig als eines der berüchtigten gelben Büchlein veröffentlicht, wobei seine o. g. Aufzeichnungen lediglich die ersten 76 Seiten ausmachen. Der übrige Teil besteht aus diversen Anhängen und Anmerkungen, die nicht Teil dieser Besprechung sein sollen. Poeterey, das bedeutet zunächst einmal Dichtkunst/Poetik, aber auch das Nachdenken über dieselbe – und ihre Lehre. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit während des 30-jährigen Kriegs mit dem Ziel der Legitimation deutscher Dichtkunst neben der damals gebräuchlichen französischen, lateinischen und griechischen sowie die Etablierung des Deutschen als Hochsprache. Opitz vertritt das Dichterbild des Poeta doctus, also eines Dichters, der sowohl über sprachliches Talent als auch über fundiertes Wissen lateinischer und griechischer Dichtung und ein daraus resultierendes Regelverständnis verfügt. Opitz schlägt eine Brücke zu mittelalterlichen deutschen Dichtern wie Walther von der Vogelweide und versucht auch damit, eine Lanze für die deutsche Poesie zu brechen. So weit, so gut.

Doch gerade im Regelverständnis liegt der Knackpunkt seines Buchs, denn bei allem Wissen, über das der belesene Opitz zweifelsohne verfügte, bei allem Kunstverständnis und hehren Zielen, stellt er ein starres Regelwerk in fragwürdiger „typisch deutscher“ Krämer-, Buchhalter- und Verwaltermanier, ja, in teutonischem Ordnungs-, Normungs- und Schubladisierungswahn auf, das heutzutage glücklicherweise längst als überholt gilt. So besteht er stur auf Reime, ja, erlaubt gar ausschließlich den Jambus und den Trochäus als Versfüße, als absolute Ausnahme vielleicht noch den Daktylus, peitscht sein Verständnis von Metrik durch und manifestiert die Ständeklausel, die den Adel als Figuren für Tragödien, deren opportune Themen er sogleich aufzählt, und den Pöbel für Komödien vorsieht und predigt von oben herab ein von Elitedenken bestimmtes Bild von der Poesie, dass es regelrecht abschreckend wirkt. Und eitler Geck, der er war, bringt er in sein gestelztes Geschwafel ohne Punkt und Komma immer wieder eigene Gedichte als typische Beispiele ein, um gleichzeitig unterwürfig vor den hohen Herren von Auftraggebern in den Staub zu fallen.

Opitz hat sein Ziel mit seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ erreicht – doch zu welchem Preis? Jahrhundertelang wurde sein Gesetzeswerk als das Maß aller Dinge betrachtet und behielt Allgemeingültigkeit, trug damit zum haltlosen, viel zu engen Kunstbegriff und weniger dem freien, kreativen Geist als vielmehr Opitz‘ Paragraphen folgenden Vorstellungen von gutem Stil bei, derer sich zu entledigen sich als Mammutaufgabe herausstellte und die bis heute in vielen Köpfen fest verankert scheinen. Nun wäre es allerdings zu kurz gefasst, Opitz dafür die Schuld zu geben, vermutlich würde auch viel zu viel von ihm verlangt, würde man von ihm im Jahre 1624 einen derartigen Weitblick erwarten. Opitz als Grundlage in Ehren zu halten, seine Doktrin jedoch infrage zu stellen und zu reformieren, hätte anderen oblegen. Auch kann man ihn wohl kaum dafür verantwortlich machen, dass heutige Germanistikstudenten innerhalb des Teilfachs „Neuere (sic!) deutsche Literatur“ sich mit seinen bisweilen kruden Axiomen im beinahe unlesbarem Originalwortlaut herumplagen müssen. Seine damals verwendete Sprache hat mit der heutigen nur noch marginal etwas zu sein, teilweise verfügen aus lediglich drei Buchstaben bestehende Wörter über nicht weniger als drei Rechtschreibfehler. Das macht die Lektüre nahezu unerträglich und der Sinn dieser Tortur darf bezweifelt werden, schließlich hätte es eine übersichtliche Zusammenfassung des Inhalts oder – als Kompromiss, wenn es denn sein muss – eine Übersetzung in verständliches, zeitgenössisches Deutsch auch getan.

So erfüllt Opitz’ „Buch von der Deutschen Poeterey“ in erster Linie den Zweck, Erstsemester, die mit einem solchen Grauen in einem Teilfach mit dem genannten Namen niemals gerechnet hätten, abzuschrecken, ja, sie gewissermaßen zu quälen, gerechtfertigt mit Authentizität und Quellentreue. Wie viel Sinnvolleres, Anregenderes, Geistvolleres hätte in dieser Zeit gelehrt oder gemeinsam erarbeitet werden können? So dringend, wie Opitz reformiert gehörte, gehört auch der Lehrplan des 21. Jahrhunderts auf den Prüfstand. Da wundert es mich dann auch fast gar nicht mehr, dass mein Exemplar dieser Schwarte trotz sorgsamen Transports und behutsamen Umgangs innerhalb kürzester Zeit Schaden nahm, beinahe, als habe eine höhere, gerechte Macht es aus der Welt schaffen wollen. Mein „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, das zweite Reclam-Büchlein des NdL-Erstsemesters, sieht hingegen noch fast aus wie neu, obgleich es mit wesentlich größerer Begeisterung gelesen wurde…

Bastian Sick – Happy Aua. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache

Vor zehn Jahren oder so wurde mir der zweite „Happy Aua“-Teil geschenkt. Als mir der Vorgänger kürzlich auf einem Flohmarkt in die Hände fiel, musste ich ihn mitnehmen – allein schon, um die Lücke im Regal zu schließen. Nach den ersten drei „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“-Spiegel-Online-Zwiebelfisch-Kolumnensammlungen, die sich – nicht immer ganz unumstritten – der deutschen Sprache und ihren Herausforderungen und Fallstricken auf humorvolle, leicht verständliche Art widmen, veröffentlichte Autor Bastian Sick 2007 ebenfalls im Verlag Kiepenheuer & Witsch einen rund 140-seitigen Bildband im Taschenbuch-Format, der aus von seinen Leserinnen und Lesern eingesandten Fundstücken besteht. Zahlreiche Schnappschüsse aus Werbeprospekten und Zeitungsannoncen, von Hinweisschildern und aus Speisekarten, von Flugblättern, aus Schaufenstern etc. bilden, meist inkl. Quellenangaben, die in zahlreiche Kapitel grob strukturierte Basis des Buchs, und eines ist ihnen allen gemein: Sie enthalten auf besonders amüsante, weil zweideutige oder schlicht besonders unglückliche Weise Rechtschreibfehler bis hin zu Stilblüten oder richtiggehenden Sprachvergewaltigungen, die Sick meist Anlass zu kurzen, witzig pointierten Kommentaren gaben. Einige sind offensichtlich mangelnden Deutschkenntnissen ausländischer Mitbürger geschuldet, andere fehlerhaften Übersetzungen, Unaufmerksamkeiten, Missverständnissen, falschen Schlussfolgerungen usw. usf., die gesamte Palette wird abgedeckt. Und nicht wenige der gesammelten Beispiele sind tatsächlich zum Brüllen komisch. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass es sich quasi ausnahmslos um Beispiele aus der Öffentlichkeit handelt, sich der oder die Verfasser sich also unwissentlich durch sie bloßstellten. Dass man darüber lacht, ist vollkommen in Ordnung, denn, wie Sick in seinem gewohnt ansprechenden Vorwort klarstellt: „Natürlich darf man das! Schließlich geht es hier […] nicht darum, einzelne Menschen vorzuführen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Es geht darum zu zeigen, wie haarsträubend komisch unsere Sprache sein kann, wie schnell ein völlig neuer Sinn entsteht, wenn man aus Nachlässigkeit oder Gedankenlosigkeit nur ein paar Buchstaben miteinander vertauscht.“ Hämisch reagiere ich allerdings dann doch, wenn es sich um Beispiele handelt, in denen aus Vermarktungsgründen wieder einmal etwas mit der Brechstange pseudoamerikanisiert werden sollte und dies einmal mehr in die Hose ging. Einzelne Fälle würden unter normalen Umständen – also außerhalb dieses humoristischen und süffisant kommentierten Rahmens – sogar richtiggehend verärgern, nämlich dann, wenn offensichtlich ist, dass der Fehler durch mehrere Instanzen ging, jedoch nie korrigiert wurde, weil er allen schlicht scheißegal war. Denn dann darf man sich als der jeweilige Adressat auch mal gering geschätzt wähnen. Ein Namensregister, in dem sich die Einsender wiederfinden, rundet das Buch ab, das auf den letzten Metern etwas arg platzverschwenderisch mit einseitig bedruckten Werbeseiten zusätzlichen Umfang suggeriert. Unterm Strich ein kurzweiliges, durchaus hintersinniges Vergnügen, im Idealfall mit Lerneffekt. Auffallend ist mit dem heutigen zeitlichen Abstand jedoch, dass die damaligen Handykameras bei Weitem nicht die heute gewohnten gestochen scharfen Bilder produzierten…

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts hemmungslose Katastrophen

Als Kleinkind wurden mir diverse Bücher vorgelesen und als Grundschüler machte ich mich selbst an eine ganze Reihe Kinderbücher, wenn ich auch hauptsächlich Comics konsumierte. Klassische Jugendliteratur hingegen habe ich kaum gelesen. Die schwedischen Vettern Sören Olsson und Anders Jacobsson, ausgebildete Lehrer, haben eine fünfzehnbändige Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung verfasst, die sein Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 erschien sie im schwedischen Original, von 1990 bis 2005 schließlich ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger. Offenbar allen gemein ist, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen, der Erzähler also gleichzeitig die Hauptfigur ist. Als ich die Bände 5 bis 9 im Tauschschrank entdeckte, offenbar ausgemustert von einer Bücherei, griff ich nach etwas Überlegung neugierig zu, nicht zuletzt aufgrund der ansprechenden bunten Einbandgestaltung. Band 5, „Berts hemmungslose Katastrophen“, 1991 bzw. 1995 erschienen, hatte ich mir nun unlängst einmal zu Gemüte geführt, denn das Thema „Coming of Age“ ist zumindest im Filmbereich oftmals ein gerngesehenes.

Die einzelnen Tagebucheinträge sind jeweils mit Datum versehen, beginnend mit dem 2. Januar. Neu ist, dass die Einträge nur noch mit Abstand von jeweils einer Woche von Bert verfasst werden, zumindest war dies laut seinen einführenden Angaben zuvor anders. Der zu Beginn noch 13-, bald jedoch 14-jährige Bert beschreibt, wie er sich in Mitschülerin Emilia verliebt und ihr näher kommt, was er mit seinen besten Freunden, dem verrückten Arne und dem schwindsüchtigen, entwicklungsverzögerten Erik, erlebt und wie er seinen Ferienjob in einer Eisdiele meistert. Dass die Texte nicht wirklich von einem 14-Jährigen bzw. wenn, dann von einem schriftstellerisch hochtalentierten verfasst wurden, wird trotz der um Jugendlichkeit bemühten Schreibweise schnell deutlich, denn dafür ist sie humoristisch zu pointiert und zu wenig naiv, zudem unschwer zu erkennen an ein Publikum gerichtet, weniger ein intimes Zwiegespräch mit sich selbst. Daraus resultiert jedoch eine gute Les- und Nachvollziehbarkeit; zielstrebig wird die Geschichte verfolgt, die sich trotz einiger Irrungen stets positiv für Bert entwickelt. Im Vordergrund stehen weniger die verwirrte pubertäre Gefühlswelt angesichts der ersten Liebesbeziehung als vielmehr eine extrem lockere Schreibe und viel mitunter ins Absurde gleitender Humor, der evtl. – das kann ich nicht beurteilen – die angepeilte Zielgruppe begeistern mag, mir persönlich jedoch zu konstruiert und unrealistisch übertrieben erscheint. Positiv fällt indes Berts Hang zur Selbstironie auf, der pubertätsgeplagten Lesern indirekt evtl. mögliche Bewältigungsformen für ihre Probleme mit auf den Weg gibt. Bert selbst scheint nicht unbedingt in einer Bilderbuchfamilie, aber generell durchaus behütet aufzuwachsen. Dass und wie er in eine zarte Beziehung zu Emilia gerät, geschieht überraschend zwischenfallsfrei und problemarm, diesbzgl. wäre sicherlich mehr drin gewesen – gerade auch, was die Interessen und Fragen der Leser betrifft. Und wovon in anderen Fällen ganze Bücher handeln, nämlich die Gründung einer Rockband, unzählige Proben und schließlich die heiß ersehnten ersten Auftritte, passiert hier scheinbar von einer Buchseite auf die andere und schon tritt die vorher mit keiner Silbe erwähnte Kapelle Berts und seiner Freunde live auf. Das scheint mir nicht nur eine vertane Chance zu sein, die Geschichte mit interessantem Gehalt zu füllen, sondern dürfte auch ein vollkommen falsches Bild vermitteln.

Wenn Erwachsene Jugendbücher schreiben und möglichst nah dran an den Protagonisten sowie am Leser sein wollen, ist das mit der Jugendsprache natürlich immer so eine Sache. Auch hier scheint sich mir manch Ausdruck eingeschlichen zu haben, der mir weniger aus dem tatsächlichen Sprachschatz der Jugend als dem, was die Autoren dafür halten, zu entspringen scheint. Möglicherweise ist dies aber auch schwedischem Lokal- und Zeitkolorit in Kombination mit der deutschen Übersetzung geschuldet. Dass Bert seine Einträge stets mit einem kurzen Reim schließt – meist „Hip hop – alles top“ –, liest sich für mich wie ein Indiz für eine Pseudo-Coolheit, die zu Bert in Anbetracht seines sonstigen Schreibstils nicht so recht passen will, evtl. aber schlicht von den Autoren als tatsächlicher Ausdruck von Wortwitz und Lässigkeit betrachtet wurde.

Das 144-seitige Buch mit seinen relativ großen Lettern wurde um einige Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdins ergänzt, die in ihrem karikierenden Stil einen visuellen Eindruck von Bert und Konsorten vermitteln. Ob es ebenso harmlos und glücklich für Bert weitergehen wird, wird vermutlich der sechste Band zeigen. Ob ich den nun unbedingt auch noch lesen muss, steht allerdings auf einem anderen Blatt…

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