Gnnis Reviews

Category: Bücher (page 10 of 11)

UWE ANTON – WER FÜRCHTET SICH VOR STEPHEN KING?

(www.hannibal-verlag.de)

anton, uwe - wer fürchtet sich vor stephen king„Leben und Werk des Horror-Spezialisten“ verspricht das Cover des ca. 300 Seiten starken broschierten Buches aus dem Hannibal-Verlag. Nun, um das Leben des wohl populärsten und auflagenstärksten Autors der Phantastik, Stephen King, geht es nur am Rande, in erster Linie zeichnet Autor Uwe Anton Kings Werdegang anhand seiner Werke nach und geht dabei angenehm ins Detail. Nicht nur jeder Roman wird recht kompetent abgehandelt, sondern auch Kurzgeschichten, Comics, Sachbücher, Zusammenarbeiten mit anderen Autoren etc. pp. Dabei versucht man, in chronologischer Reihenfolge vorzugehen, verlässt diese dann und wann aber für diverse Querverweise etc., was leider zu einigen Wiederholungen führt, die so nicht hätten sein müssen. Zudem irritiert es mich, dass in zahlreichen Inhaltsangaben gespoilert wird, also Handlung und Ende vorweggenommen werden. Das mag evtl. für die Verdeutlichung der Aussage des einen oder anderen Werks unverzichtbar gewesen sein, allerdings hätte ich mir entsprechende Warnhinweise gewünscht. Ebenfalls fragwürdig finde ich Antons Kategorisierung von Kings Geschichten, die ohne übersinnliche Elemente auskommen, als „Mainstream-Literatur“, was er aber anscheinend nicht mal abwertend meint. Vielleicht hat er einfach eine eigenartige Definition des Begriffs? Einerseits betont der Autor ganz richtig den psychologischen Tiefgang von Kings Arbeiten, deren Horrorcharakteristika häufig eher nebensächlich sind und austauschbare Symbolik und Metaphern darstellen, andererseits wirddiese stringente Unterscheidung zwischen „Horror“ und „Mainstream“ vorgenommen. Das passt nicht so recht zusammen, zumal King heutzutage de facto dem Mainstream zuzurechnen ist, den er allerdings selbst mitgeprägt hat, indem er sich durch sein qualitativ hochwertiges Schaffen sein Publikum allen auch in diesem Buch beschriebenen anfänglichen Widerständen zum Trotz erkämpft hat. So liest man sich sozusagen von Buch zu Buch, bis man spätestens, als es an die Beschreibung der komplexen „Der dunkle Turm“-Saga geht, den Eindruck gewinnt, dass Antons Buch schnell fertig werden musste, bevor King schon wieder drei neue Romane veröffentlicht. Die Zusammenfassungen der „Der dunkle Turm“-Puzzlestücke wirken lieblos aneinandergereiht, ziemlich konfus und schrecken eher ab, als dass sie neugierig auf das Mammutwerk machen würden. Möglicherweise war Anton mit der abstrahierten Schilderung in Kurzform auch einfach überfordert? Leider unterstreichen die zahlreichen orthographischen Fehler den Eindruck des „Etwas mit der heißen Nadel gestrickt“-Seins, als Verlag würde ich zumindest nach so einem Ergebnis mein Geld vom Lektorat zurückfordern. Doch genug davon, denn sehr erfreulich fand ich die korrekte Einordnung des Jahrhundertwerks „Es“, für mich der beste Roman, der jemals geschrieben wurde. Hilfreich sind auch die informativen Anhänge, z.B. eine komplette Übersicht über Verfilmungen von Geschichten Kings inkl. Kurzkritiken, mit denen ich aber nicht immer d’accord gehe. Denn wer beispielsweise über John Carpenters „Christine“ allen Ernstes schreibt „Man müsste Carpenter verbieten, die Musik zu seinen Filmen zu schreiben“, dem sollte man wiederum das Schreiben über Filme verbieten. Die persönlichen Beurteilungen des Autors sind also mit Vorsicht zu genießen, wobei er sich bzgl. Kings literarischem Schaffen aber ohnehin eher zurückhält. Einige Abbildungen von Manuskriptseiten mit persönlichen Widmungen sowie einige Fotos sind auch enthalten, doch da hätte es sicherlich noch interessanteres Bildmaterial gegeben. Es wird selbstkritisch zugegeben, hiermit nur eines von etlichen Büchern über King geschaffen zu haben und ich muss konstatieren, davon kaum eines zu kennen und „Wer fürchtet sich vor Stephen King?“ daher nicht in Relation setzen zu können. Dieses hat seine Wirkung aber nicht verfehlt und mir tatsächlich wieder so viel Lust auf King’sche Literatur gemacht, dass ich mir auf die Lektüre hin gleich drei Bücher geordert habe. Somit ist dieser Führer durch Kings Lebenswerk für Einsteiger sicherlich keine schlechte Wahl.

SIEGFRIED WITTENBURG / STEFAN WOLLE – DIE SANFTE REBELLION DER BILDER

wittenburg, siegfried + wolle, stefan – die sanfte rebellion der bilderDieses Buch ist eine ziemlich unausgegorene und halbseidene Angelegenheit. Für einen Fotobildband sind der Text zu dominant und die Bildauswahl nicht interessant genug. Unverständlich ist allerdings, warum in manchen Kapiteln mit „1000 Worten“ z.B. gewisse Gebäude beschrieben werden, man ein entsprechendes Foto aber vergeblich sucht. Als ein Geschichtsbuch gleichwohl würde dieses Werk auf ganzer Linie versagen. Insofern erschließt sich mir die Intention dieser Veröffentlichung nicht ganz. Der Textteil versucht den Alltag in der DDR abzudecken und zu erklären, spinnt dabei aber weiter das Märchen vom faulen und unproduktiven DDR-Arbeiter (ein Märchen, weil die DDR zu den stärksten Industrienationen gehörte, jahrzehntelang Handelsboykotten und anderen Angriffen im Zuge des Kalten Krieges trotze und keinen „Marshall-Plan“ o.ä. zur Verfügung hatte, sondern quasi im Alleingang die aus der deutschen Kriegsschuld resultierenden Reparationsleistungen an die Sowjetunion zu leisten hatte), verwickelt sich in Widersprüche und stellt zahlreiche Behauptungen auf, ohne diese zu belegen. Richtig peinlich wird’s, wenn der Autor sich einzelne Themen wie z.B. perfekt in DDR-Wohnungen passende, genormte Möbel herauspickt und zum Anlass seiner Kritik nimmt. Wer seine persönliche Individualität unbedingt an so etwas Profanem wie Schrankwänden festzumachen versucht, soll dies gerne tun. Mir allerdings sind Menschen lieber, die sich nicht über den Besitz von Luxusgegenständen definieren und glaube fest daran, dass es wichtiger ist, was sich IM jeweiligen Schrank befindet und nicht, ob x-Tausend andere das gleiche Modell besitzen. Pseudo-Individualität lässt grüßen… Wie sieht es denn heutzutage in Deutschland aus? Richtig, die Menschen rennen scharenweise zu „Ikea“ & Co. und erstehen zu günstigen Preisen genormte Möbelstücke… ein Phänomen des Sozialismus? So ein Quatsch. Weiter geht es mit einer angeblichen „Nostalgiewelle“ in der DDR, in der „antiquarischer Kitsch“ gesammelt worden wäre. Dass es sich dabei mitnichten um etwas DDR-typisches handelt und heutzutage in Gesamtdeutschland ausgeprägter ist denn je, um entweder der Schnelllebigkeit der Zeit etwas entgegenzusetzen, weil die Vergangenheit aufgrund der ungemütlichen Gegenwart verklärt wird oder man schlicht aus ästhetischen Gründen in gewissen Bereichen aktuelle Produkte ablehnt, weiß anscheinen jeder außer den Autoren. Ebenso klar dürfte sein, dass während in der DDR diejenigen, die mangelhaft vorhandene Konsumgüter besaßen, eine gewisse Macht inne hatten und horrende Preise für z.B. Schallplatten verlangen konnten (soweit korrekt von den Autoren wiedergegeben), diese Macht in der BRD den Besitzern von Wohnraum und Produktionsmitteln zukommt, die also nicht mit Konsumgütern handeln, sondern mit elementaren Bedürfnissen des Menschen spekulieren. Letzteres, was wesentlich schwerer wiegt, wird ebenso wenig mit einer Silbe erwähnt wie die Gründe für das mangelhafte Vorhandensein gewisser Konsumgüter in der DDR – Stichwort: Kalter Krieg. Generell wird das, was der Autor an der DDR kritisiert, nie in Relation mit der BRD und in den Kontext der Vorgänge und Außeneinwirkungen des Kalten Krieges gesetzt. Trotz wirklich schöner Aufmachung des Buches mit seinem hochwertigen Papier, das zum Blättern und Stöbern geradezu einlädt, war ich gegen Ende der Lektüre fast zu glauben geneigt, die Fotos wären nur deshalb in Schwarzweiß, um ein tristeres Bild der DDR zu schaffen, als es der Realität entsprechen würde. Letztlich ist „Die sanfte Rebellion der Bilder“ eine belanglose, erschreckend subjektiv und von oben herab formulierte Mogelpackung; ein tendenziöser, verklärender, kontraproduktiver Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Erich Buchholz – Unrechtsstaat DDR? Rechtsstaat BRD? Ein Jurist antwortet. Streitbare Ansichten von Erich Buchholz

buchholz, erich - unrechtsstaat ddr - rechtsstaat brd - ein jurist antwortetHilfreich zum Bilden einer objektive(re)n Betrachtungsweise

Während Friedrichs Wolffs Buch zum gleichen Thema überwiegend sachlich verfasst wurde, vertieft Erich Buchholz einige Themenbereiche und poltert mitunter ganz gut drauf los, polemisiert etc. Ist man dann schon fast geneigt, ihn als unverbesserlichen Hardliner abzutun, überrascht er aber wieder positiv, indem er z.B. gewisse Gesetze, die u.a. ausschlaggebend für den Aufstand am 17. Juni 1953 waren, aufs Schärfste verurteilt und sauber juristische und politische Begrifflichkeiten voneinander trennt, gründlich seziert und erläutert sowie die Unterschiede zwischen beiden Rechtssystemen herausarbeitet.

Allerdings werden hier auch ellenlange Gesetzespassagen in typischem Beamtendeutsch zitiert und Buchholz selbst formuliert gern sehr verschachtelte Sätze mit zahlreichen Nebensätzen und Einschüben, was den Lesefluss etwas hemmt und das Buch nicht leichter konsumierbar macht. Für den Versuch, eine halbwegs objektive Sicht auf die DDR-„Bewältigung“ zu erlangen, ist eine Lektüre wie diese aber vermutlich unabdingbar. Nebenbei lernt man auch so einiges über deutsche Geschichte, die (immer noch) aktuelle BRD-Justiz, Völkerrecht und Politik.

Allerdings hätte ein (fähigerer) Lektor dem Buch gut getan. Und ob das Titelfoto sonderlich vorteilhaft ist, das Buchholz als zeternden Opa zeigt, sei mal dahingestellt…

Rocko Schamoni – Dorfpunks / Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse

schamoni, rocko - dorfpunksAn Schamonis Buch mochte ich den trockenen Humor, aber auch die für mich sehr gut nachvollziehbare Beschreibung seines Leidens unter der Eingeengtheit in seinem Dorf, in seiner Ausbildung, dass er sich teilweise wie in einem Gefängnis und sich selbst wie ein Fremdkörper vorkam. Und das daraus resultierende totale Schweigen, dieser Tod der Kommunikation zwischen ihm und seiner Mutter. Sehr anschaulich beschrieben und ich konnte einige Parallelen zu meiner eigenen Jugend entdecken. Überhaupt erschien mir das Buch sehr ehrlich, z.B. in Bezug auf Sex und Gewalt. Man hätte so eine Dorfpunk-Geschichte ja mit beidem großartig ausschmücken können, was er meines Erachtens aber nicht tat.

strunk, heinz - fleisch ist mein gemüseUnd bei Strunk war’s eigentlich ähnlich. Er lebte zwar in der Großstadt Hamburg, allerdings in einem sehr niedersächsisch-provinziell geprägten Teil Harburgs, der so gar nichts mit Großstadtambiente zu tun hat. Einer Gegend also, die einerseits kein richtiges Dorf ist, aber auch nicht viel damit zu tun hat, was man normalerweise mit dem Begriff „Stadt“ assoziiert. Winzige Reihenhäuser, schlechtgelaunte Spießer um einen herum, Geisteskranke (zu allem Überfluss auch noch die eigene Mutter), wenig Selbstbewusstsein und keine Ahnung, was man mit sich anfangen soll. Bis man irgendwann einfach einen Scheißjob annimmt, der einen, zeitweise sogar sehr gut, über Wasser hält, aber einen auch immer und immer wieder mit Deppen und Arschlöchern (sowohl Publikum als auch Kollegen) konfrontiert, bis man selbst fast zu so einem blöden Arsch wird. Diese ganze Tristesse, innerhalb derer die Großstadt oder einfach jede andere Art, ihr zu entkommen, unerreichbar weit entfernt zu sein scheint, hat er in einer so eindrucksvollen Mischung aus Komik und Tragik beschrieben, dass bei mir zahlreiche miese Erinnerungen an meine eigene Jugend in einem vergleichbaren Provinznest hochkamen, ich aber auch Genugtuung gefühlt habe, weil er so herrlich mit der ganzen Scheiße abrechnet. Er sitzt zu Hause, friemelt hobbymäßig an seinen eigenen Songs rum, organisiert sogar eine nicht untalentierte Sängerin, hat aber eine Art innere Blockade. Unterbewusst sieht er überhaupt keine Möglichkeit, mit seinem Kram mal an die Öffentlichkeit zu gehen oder überhaupt etwas erstmal richtig fertigzustellen. Als säße er in einer Art kraftzehrenden Käseglocke oder so was. Das kenne ich in abgewandelter Form alles selbst. Und im Allgemeinen fand ich es natürlich auch sehr schön, wie er mit diesen Musikvergewaltigern abrechnet, indem er sie als reine Handwerker und nicht mal als wirkliche Musiker skizziert und bezeichnet. Recht so! Und wer vielleicht meint, Strunk habe bei der Darstellung des Publikums übertrieben oder wäre zu hart gewesen, dem sei gesagt, dass niedersächsische Schützenfest in der Realität noch viel, viel schlimmer sind, als es die affige Band von der Festzeltbühne aus mitbekommt. Das Ende, das letzte Kapitel, fand ich etwas zu versöhnlich, als hätte er Angst vor seiner Courage bekommen und wolle ein Stück zurückrudern. Und eines hätte er wirklich nicht machen sollen: Bruce Springsteen als Dreck zu bezeichnen.

David Gilmour – Unser allerbestes Jahr

gilmour, david - unser allerbestes jahrEltern sind auch nur Menschen. Und was macht man mit einem Sohn, der nicht mehr in die Schule gehen möchte? David, der Vater, schlägt Jesse einen ungewöhnlichen Handel vor: freie Kost und Logis, aber drei Filme pro Woche. Von Truffaut über Hitchcock bis hin zu „Basic Instinct“. Nachmittage und Abende gemeinsam auf dem Sofa. Kein Kurs in Filmgeschichte, sondern viel Zeit zum Reden über falsche Freundinnen, die richtigen Fehler, verlorene und gefundene Liebe. Und darüber, wie lebenswichtig Leidenschaft ist.
Ein wahres und weises, zärtliches und urkomisches Buch über gebrochene Herzen und gelungene Beziehungen und darüber, dass Erwachsenwerden nichts mit dem Alter zu tun hat.

Bekam ich letztes Jahr geschenkt. Positiv: Das Anschauen von Filmen wird hier nicht als dämliche Zeitverschwendung dargestellt, sondern von einem leidenschaftlichen Film-Fan und -Kritiker als interessante und mitunter sogar lehrreiche Freizeitgestaltung beschrieben. Und im pubertierenden Sohn vermag man sich mitunter durchaus wiederzuerkennen, denkt man an seine eigene Jugend zurück. Darin liegt aber auch schon der Knackpunkt: Was diesem widerfährt, ist die meiste Zeit ziemlich unspektakulär. Er entspringt einer Mittelklasse-Familie, die sich gleich höchst besorgt zeigt und über jeden Scheiß mit ihm redet. Das offene Verhältnis, das er zu seinem Vater, der das Buch aus der Ich-Perspektive schreibt, hat, ist eines, von dem viele andere nur träumen können und mir persönlich viel zu weit ginge. Denke ich an meine eigene Jugend zurück, in der es wesentlich drunterer und drüberer ging, habe ich für die hier beschriebenen Problemchen nur ein müdes Lächeln übrig, und so plätschert die eigentliche Geschichte vor sich hin. Vielleicht müsste man auch selbst Vater sein, um dem Ganzen mehr abgewinnen zu können. Nichtsdestotrotz sind im Nachhinein betrachtet viele Tipps, die der Erzähler für seinen Sohn parat hat, sicherlich nicht verkehrt. Am interessantesten waren für mich aber die vielen Filmtipps, die man diesem Buch entnehmen konnte. Aufgrund des sehr einfach gehaltenen Schreibstils liest sich die Schwarte sehr schnell.

ZEPP OBERPICHLER – GITARRENBLUT

(www.801ruhrgebiet.de)

oberpichler, zepp - gitarrenblutZepp Oberpichler, einigen sicherlich bekannt von den KINSKIS, SCHLAFFKE & ZEPP oder JIMMY KEITH AND HIS SHOCKY HORRORS, ist ein auch als Autor tätiger Musik-Nerd und hat mit „Gitarrenblut“ seinen zweiten Roman veröffentlicht. Vermutlich höchst autobiographisch lässt er seinen Helden Will in loser Folge verschiedene Stationen seines Lebens Revue passieren, bei denen sich alles um Mucke und Mädchen dreht. Dabei werden Unmengen Künstler, Platten und Songs aus allen Dekaden der Rockmusik erwähnt, die für Will von Bedeutung sind und den Soundtrack seines Lebens liefern. Das erinnert stark an „High Fidelity“ von Nick Hornby, und wenn Zepp die Geschmackspolizei raushängen lässt, kratzt er gerade noch so die Kurve, nicht arrogant und von oben herab zu wirken. Zusammengehalten werden die Anekdoten von einem Anfall schlimmen Nasenblutens und der Absicht, das einer verstorbenen Freundin gewidmete Mixtape endlich fertigzustellen. Die rund 170 Seiten sind recht großzügig bedruckt und lesen sich schnell. Wer Spaß daran hat, Musik-Nerds zuzuhören, gut auf Ruhrpottcharme kann oder gerne den einen oder anderen Künstler abseits des Punkrocks für sich entdecken möchte, liegt mit „Gitarrenblut“ goldrichtig. Das herrliche, selbstironische Ende relativiert den Stellenwert von Zepps Musikgeschmack dann auch kräftig und stimmt auch diejenigen versöhnlich, die sich zwischenzeitlich evtl. mal auf den Schlips getreten gefühlt haben oder schlichtweg wenig bis gar nichts mit Musik von vor 1977 anfangen können. Kurzweiliges, sympathisches Lesevergnügen und hervorragend als Geschenk für Leute geeignet, deren musikalische Sozialisation ebenfalls in den 60ern begründet liegt. Dem Buch liegt übrigens eine Mini-CD mit vier von Zepp gesungenen Songs bei, die sich auf die Geschichte beziehen. Schade nur, dass man die Hülle so fest ins Buch geklebt hat, dass es unmöglich ist, sie zu lösen, ohne das Buch zu beschädigen. Kostenpunkt: 8,01 €. Günni

Egon Krenz – Herbst ’89

krenz, egon - herbst '89Statt einer Kurzkritik eine Diskussion zum Thema, die ich einst in einem Forum führte.

Wann das genau war, kann ich nicht mehr nachvollziehen, müsste aber der Herbst 2009 gewesen sein.

Die hell unterlegten Passagen stammen von meinem Diskussionspartner:

Egon Krenz,der noch heute vor Stasioffizieren seine wirren Selbstbetrüge als Geschichte vorträgt und erzählt, wie die Stasi dafür sorgte, dass die 89er Revolution überhaupt stattfinden konnte und so friedlich blieb?

Ich weiß so gut wie nichts über Egon Krenz, weshalb ich eben dieses Buch jetzt lese. Der letzte Beitrag über ihn, den ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sah, war so dermaßen billig und offensichtlich auf reine Polemik und Vorführung ausgerichtet, dass man meinen könnte, der Kalte Krieg wäre noch in vollem Gange, was letztendlich den entscheidenden Ausschlag dazu gab, dass ich mich dieser Lektüre annahm. Möglicherweise liegt die wahrheit wie so oft irgendwo in der mitte?

Du bezweifelst, dass die DDR-Führung zum weitestgehend friedlichen Ablauf des Umbruchs ihren Beitrag geleistet hat? (keine rhetorische, sondern ernstgemeinte Frage)

Zu seiner Ehrlichkeit und seinem Bild der Vergangenheit reicht es eigentlich zu wissen, dass er bis heute sagt, es habe in der DDR an der Grenze keinen Schießbefehl gegeben. (obwohl die etwaigen Paragraphen ja bekannt sind)

Wie bekannt ist, wurde wenige Tage vor der großen Leipziger Demo noch jedes Treffen von der Stasi und nicht zu vergessen, den Betriebskampfgruppen zusammengeknüppelt, in dermaßen brutaler Form, da ist das, was die Hamburger Polizei diesen Sommer so macht, Kindergeburtstag gegen.

Zwei Dinge haben sie dann zum Nachlassen gebracht:
1. Die schiere Größe der Demos.
2. Fehlende Rückendeckung aus Moskau. Dies verschweigt Krenz ja gern und kann sich so als friedliebender Demonstrantenfreund zeigen.

Bernd Lade sagte dazu passend:
Wenn Breshnew noch an der Macht gewesen wäre, dann hätte Krenz schießen lassen. Die Planungen dafür gab es ja.

Wie gesagt, ich lese mich gerade erst etwas intensiver in die Thematik hinein. Vielleicht schreib ich da später noch mal was zu. Von „was wäre wenn (z.B. Breshnew noch an der macht gewesen wäre)“-Spekulationen halte ich aber nicht viel. Es waren ja nicht nur personelle Faktoren, die den Zusammenbruch der UDSSR bewirkt haben, sondern auch politische und wirtschaftliche.

Dein letzter Satz ist richtig, mein Beispiel sollte nur verdeutlichen, wie wenig unabhängig die DDR-Führer in ihren Entscheidungen waren, sondern sich immer nur im jeweils vorgegebenen Freiraum entscheiden konnten.

Das stimmt natürlich, ist aber nicht Krenz anzulasten. Diesen Umstand macht er in seinem Buch, das ich mittlerweile durch habe, ebenso deutlich wie den völligen Realitätsverlust und die Paranoia des Politbüros, die letztendlich kontraproduktive Machtauf- und -verteilung und vieles andere. Gleichzeitig übernimmt er die Verantwortung, soweit es ihm möglich ist. Er beschreibt auch recht nachvollziehbar den damit einhergehenden, aus meiner Sicht quasi unmöglichen Spagat zwischen Reformwillen auf der einen und Verantwortung für den bewaffneten Machtapparat auf der anderen Seite. Im Übrigen gab es durchaus einen Befehl Honeckers, Gewalt anzuwenden, den Krenz unverzüglich abgewendet und damit seine Kompetenzen überschritten hat. Die in der DDR stationierten Sowjettruppen haben, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ihre Unterstützung angeboten, wurden aber aufgefordert, sich zurückzuhalten. Ich denke nach meinem aktuellen Kenntnisstand sehr wohl, dass er unter seiner Führung einen großen Anteil am unblutigen Verlauf der Wende hat. Das wurde ihm im Urteilstext zu seiner Verurteilung wegen Totschlags sogar höchstrichterlich bestätigt.

Ich muss sagen, ein sehr, sehr interessantes Buch. Man muss natürlich auch ein wenig zwischen den Zeilen lesen können. Aber krenz äußert sich tatsächlich sehr kritisch der DDR gegenüber, aber eben auch ggü. der westdeutschen Politik seinerzeit. Ich glaube, wer sich für das Thema interessiert, kann hier viele interessante Hintergrundinformationen aus erster Hand erfahren. Fast alles, worauf er sich bezieht und woraus er zitiert, wurde übrigens mit Quellenangaben beinhaltenden Fußnoten unterlegt, um für soviel Objektivität wie möglich zu sorgen. Man sollte allerdings etwas Grundwissen mitbringen, da Krenz direkt im Herbst ’89 einsteigt und es leider auch kein Organigramm oder ähnliches gibt, das das damalige System anschaulich mit seinen Abhängigkeiten und Zuständigkeiten skizziert.

Was den Schießbefehl an der Grenze vor dem Herbst ’89 betrifft, so äußert er sich in diesem Buch leider nicht. Spätere Aussagen erscheinen mir widersprüchlich. Es gab ja sozusagen zwei „Versionen“: einen offiziellen Paragraphen (ab 1982?) und „interne“ Handlungsaufforderungen. Wenn ich das richtig (aus zweiter oder dritter Hand) verstanden habe, sagt er, es habe zwar einen Schießbefehl gegeben, der aber nicht mit der Aufforderung zum Töten einhergegangen sei. Inwieweit ihm zu seinen Politbüro-Zeiten die internen Auslegungen bekannt waren, weiß ich nicht.

Hans Modrow – Ich wollte ein neues Deutschland

modrow, hans - ich wollte ein neues deutschlandDie Autobiographie von Hans Modrow, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR. Etwas vereinfacht kann man sagen, dass unter Modrow seinerzeit erstmals tatsächliche Demokratie in der DDR stattfand, in deren folge die DDR aufgelöst wurde.

In einem vorangestellten Interview werden ein paar grundsätzliche Fragen („Sind Sie Kommunist?“) vorab geklärt, wodurch man sich auf den eigentlichen Inhalt besser konzentrieren kann. Und dieser liest sich sehr interessant und flüssig. Aus meiner Sicht geht er zwar manchmal vielleicht etwas zu sehr ins detail des politischen Tagesgeschäfts mit seinen bürokratischen Abläufen, für andere vermutlich aber eher sogar noch zu wenig, weshalb ich glaube, dass ein gesundes Mittelmaß gefunden wurde. Apropos Politik: darum geht es natürlich hauptsächlich. Persönliches von Modrow erfährt man eher wenig und nebenbei.

Modrow beschreibt seine Sozialisation (Hitlerjugend, Kriegsgefangenschaft, Antifa-Schule) und seine Beweggründe, am Sozialismus-Experiment DDR in verantwortlicher Position teilzunehmen und immer wieder „für die Sache“ eigenem Empfinden zuwider zu handeln und sich trotz allem weiter mitverantwortlich zu machen, anschaulich und überzeugend, geht mit sich selbst ins Gericht und bezichtigt sich so z.B. des Öfteren des Opportunismus, nennt sowohl Ross und Reiter der SED als auch äußere Gründe für den Niedergang der DDR und wirkt aus meiner sicht sehr reflektiert und um Objektivität bemüht.

Inwieweit das alles mit der stattgefundenen Realität tatsächlich übereinstimmt, vermag ich nicht zu beurteilen, habe aber zum jetzigen Zeitpunkt (knapp über die Hälfte durch) auch keinen Anlass, den Wahrheitsgehalt anzuzweifeln.

So nachvollziehbar das alles auch ist, so deutlich wird für mich aus meiner heutigen Sicht, mit meinen Überzeugungen und Idealen sowie meinem geschichtlichen Wissen, dass ich (hoffentlich) bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt anlässlich bestimmter Ereignisse das System nicht mehr guten Gewissens hätte mittragen können, die Modrow zwar kritisiert, mir ehrlich gesagt aber zu leichtfertig zur „Tagesordnung“ übergeht. Aber auch ohne jedes mal seiner Meinung zu sein: Ein hochinteressantes Buch eines Politikers, den ich trotz allem für integerer halte als die gesamte CDU.

Stefan Bonner / Anne Weiss – Generation Doof. Wie blöd sind wir eigentlich?

bonner, stefan + weiss, anne - generation doofDas Buch sitzt sprichwörtlich zwischen den Stühlen. Einerseits eine durchaus unterhaltsame, sarkastische bis zynische Polemik über den heutzutage weit verbreiteten äußerst mangelhaften Grad der Allgemeinbildung (wozu Erkennen unsinniger Modetrends als eben solche und grundsätzliche Kenntnis von Manieren und angemessenem Benehmen durchaus gehören), die fehlende „Weitsicht“ in Hinblick auf den eigenen Lebensweg (womit ich lediglich die direkten Konsequenzen eigenen Handelns meine) und die unrealistischen Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten und Positionen innerhalb der Gesellschaft heutiger Jugendlicher und junger Erwachsener.

Dieser Teil gefällt durch seinen humorvollen Schreibstil, der Arroganz und Selbstgerechtigkeit durch das sich selbst Hinzuzählen der Autoren zu jener Generation zu umgehen bzw. relativieren/ironisieren versucht und unterhält mit Anekdoten – selbsterlebten oder den später harsch kritisierten Medien entnommenen. Bis hierhin kann das Buch gut als Ventil für von der „Generation Doof“ Gepeinigte oder auch als selbstironische Abhandlung für sich bewusst, aber dennoch nicht ganz freiweillig zu jener Generation Zählender fungieren.

Andererseits versuchen die Autoren, Erklärungen zu finden und Lösungen aufzuzeigen – und spätestens hier scheiden sich die Geister. Ich persönlich empfinde Einiges, z.B. die Aussagen hinsichtlich der Verhätschelung von Einzelkindern und der medialen Verblödung, als zwar keinerlei wirklich neue Erkenntnisse, aber in jedem Falle gut wiedergegeben. Insgesamt wird aber deutlich, dass die Schreiber keine tatsächlich tiefergehenden, wissenschaftlich fundierten Kenntnisse der Materie(n) haben und sie mitunter argumentativ ins Schlingern geraten (weniger schlimm) oder aber widersprüchliche bzw. objektiver Betrachtung kaum standhaltende und/oder reaktionäre Positionen vertreten (ärgerlich) – und zwar mit einem durchschimmernden Anspruch auf Allgemeingültigkeit (ebenfalls ärgerlich), der ihnen nun weiß Gott nicht zusteht:

Einerseits den „Denglisch“ genannten dümmlichen Hang zu Anglizismen zu kritisieren, ihnen dann aber immer wieder selbst zu verfallen, hätte spätestens dem Lektoren auffallen müssen. Der bemerkt aber auch so einige Rechtschreibfehler nicht und lässt die „Ludlofs“ (gemeint sind die „Ludolfs“, Protagonisten einer herzerfrischenden Doku-Soap auf DMAX) durchrutschen, die undifferenziert zusammen mit einigen anderen TV-Formaten als Beispiel für die Ausrichtung des Senders DMAX auf die „Generation Doof“ herhalten müssen.

Zum Thema Ernährung werden fragwürdige und wissenschaftlichen Erkenntnissen trotzende Standpunkte vertreten, wie der, dass „frische“ Lebensmittel grundsätzlich vitaminreicher und gesünder seien als in welcher Form auch immer konservierte, was zumindest in manchen Bereichen längst widerlegt wurde. Im Übrigen frage ich mich, welcher Alleinstehende in Vollzeit arbeitender Angehöriger der „Generation Doof“ noch über die Zeit verfügt, JEDEN Tag mit frischen Zutaten, die vorher auch noch eingekauft werden wollen, zu kochen? Ist den Autoren nicht bewusst, dass Arbeitsplatz und Berufsausübungsort längst nicht immer nah beieinander liegen und ein nicht unerheblicher Teil der Tageszeit Berufstätiger fürs Pendeln aufgebracht wird, immer weitere Entfernungen vom Arbeitsamt (wer arbeitet wie eine Behörde, bleibt „Amt“, nicht „Agentur“, basta) als akzeptabel bzw. selbstverständlich angesehen werden und sich Umzüge, z.B. in die Stadt, oft allein schon aus finanziellen Gründen ausschließen, weil immer horrendere Wuchermieten verlangt werden? Was ist mit Effizienz und Ökonomie? Alles doof? In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, was an „Cocooning“ (Modebegrif fürs Gemütlichmachen in den heimischen vier Wänden) so verkehrt/doof sein soll. Wo soll denn bei aller (teilweise zurecht) propagierten materiellen Bescheidenheit der „Generation Doof“ die Kohle herkommen, ständig auswärtigen Aktivitäten nachzugehen? Und woher sollen die Kraft und Motivation nach einer 40-Stunden-Woche plus ausgiebigen Pendelns kommen? Bestimmt nicht aus dieser halbseidenen Lektüre.

Apropos Ernährung: Mit erhobenem Zeigefinger wird die „Überfettung“ der „Generation Doof“ angeprangert, aber kein wort zum Mager- und „Gesundheits“wahn zu vieler Jugendlicher. Das ist einseitig und in der Hand der komplexbehafteten, sich über Äußerlichkeiten definierenden „Generation Doof“ vielleicht sogar gefährlich.

So viel auch richtig und für mich erfreulich zu lesen gewesen sein mag im Abschnitt über Medien und Medienkompetenz, so doof ist es in meinen Augen, ausgerechnet einen Christian Pfeiffer, der zu jenen gehört, die „Killerspiele“ für gewalttätige Kinder und Jugendliche verantwortlich machen, wohlwollend zu zitieren – insbesondere dann, wenn man selbst (glücklicherweise) deutlich von derartigem Schwachsinn abrückt.

Mit dem Kopf schütteln musste ich nicht zuletzt auch beim der Berufswelt gewidmeten Kapitel. Dort versucht man doch allen Ernstes, den Lesern weiszumachen, Anzug und Krawatte würden Kompetenz ausstrahlen und zum Berufsleben, zumindest in Agentur und Büro, unweigerlich dazugehören; ja, von ihnen sei sogar beruflicher Erfolg abhängig. Was für ein Unfug, den vermutlich nicht einmal die Junge Union oder der Arbeitgeberverband vertreten. Ich persönlich jedenfalls kenne kaum etwas Peinlicheres als in „Business Outfit“ gequetschte Jugendliche, denen man ansieht, dass sie diese Klamotte normalerweise nie anziehen. Peinlicher ist allenfalls noch, auf Augenwischerei durch Kleiderwahl hereinzufallen, wie es, ganz im Sinne der „Generation Doof“, die Autoren offensichtlich taten und tun.

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurde sogar einerseits dazu aufgerufen, sittenwidrige Einstiegsgehälter zu akzeptieren, nur um andererseits ein wesentlich höheres Gehalt trotz aller Aufrufe zur Bescheidenheit als unzureichend zur Familiengründung zu bezeichnen. Wem will man da denn nun nach der Schnauze reden? Vermutlich wirtschaftsliberalen Ausbeutern und Konsumterroristen „irgendwie“ gleichzeitig. Ich muss aber zugeben, mir in diesem Punkt nicht ganz sicher zu sein, ob es in ersterem Falle nicht doch um eine Ausbildungsvergütung ging.

Wie dem auch sei: Anscheinend gehört das Autorenteam weit mehr selbst zur „Generation Doof“, als es ihnen bewusst ist. Trotz aller Kritik bleibt aber ein passabel bis gut unterhaltendes Buch, das sich einfach ab einem gewissen Punkt zu weit aus dem Fenster lehnt und seine Kompetenz überschreitet.

Wer selbst unter den Doofen, besonders im Falle ihres massenhaften Auftretens ohne Ausweichmöglichkeit (z.B. in der Schule) gelitten hat, weiß dieses Buch vermutlich aber einfach mehr zu schätzen als die Fraktionen der getroffenen Hunde auf der einen und der elitären, realitätsfernen, politisch korrekten Pädagogen auf der anderen Seite, weshalb ich drei von fünf Sternen gebe.

Dietmar Bittrich – Achtung Gutmenschen! Warum sie uns nerven. Womit sie uns quälen. Wie wir sie loswerden.

bittrich, dietmar - achtung gutmenschen!Satirisch-polemisch wird gegen Hippies, Ökos etc. gewettert. Ist erfreulich, wenn beliebte Wohlstands-Öko-Thesen auseinandergenommen und widerlegt werden, aber billig bis ärgerlich, wenn zwischenzeitlich selbst so mancher Stammtisch unterschritten wird.

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