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Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic

Henseler/Buddenberg zum Dritten: Nach „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ erarbeiteten sie im Jahre 2012 einen dritten Lehrcomic zur deutsch-deutschen Geschichte, indem sie die populärste Geschichte um einen Fluchttunnel von West- nach Ostberlin aufgriffen und, im Gegensatz zu den Franzosen Jouvray und Brachet in „Fluchttunnel nach West-Berlin“, weitestgehend realitätsgetreu abbildeten. Ihr Comic wurde zunächst im Rahmen der von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Ausstellung „Tunnel 57“ im Tunnel der Berliner U-Bahnstation Bernauer Straße ausgestellt und erschien 2013 und 2014 in zwei Auflagen als Buch mit zahlreichen weiterführenden Informationen, Interviews, Lehrmaterialien etc., 2016 schließlich als 34-seitige reine Comicbroschüre im Christoph-Links-Verlag. Die letztgenannte Ausgabe liegt mir vor. Wie „Berlin – Geteilte Stadt“ ist sie als Bildungscomic insbesondere auf junge Leser und den pädagogischen Einsatz ausgerichtet.

Erzählt werden die Ereignisse aus Sicht des Tunnelbauers Joachim Neumann, der zusammen mit anderen Fluchthelfern im Jahre 1964 insgesamt 57 Menschen nach beinahe unmenschlichem Aufwand zur Republikflucht von Ost- nach Westberlin verhalf und hier als Erzähler auftritt. Zunächst wird der Plan inkl. fünf federführender Durchführer vorgestellt, wobei auch deren Motive zur Sprache kommen. Ein in Graustufen gehaltener naturalistischer, detail- und schattierungsarmer Zeichenstil kommt zum Einsatz, comictypische Gestaltungselemente wie Bewegungslinien, Soundwords oder Sprechblasen finden sich kaum, erläuternder, dokumentarischer Blocktext überwiegt. Wie gewohnt tritt die künstlerische Expression hinter die Zweckmäßigkeit zurück. Planzeichnungen und Übersichtskarten verstärken den dokumentarischen Eindruck; die Integration realer Personen, deren Comic-Äquivalente sich sogar an Originalfotos orientieren, Zeitkolorit in Form zeitgenössischer Produkte, Marken und Entwicklungen und viele recht realgetreue Bildzitate, für die Fotos in Comicform gebracht wurden, dienen ebenso als weitere Authentisierungsmittel wie abgebildete Original-Zeitungsschlagzeilen.

Dass die Geschichte eigentlich die vier großen literarischen Motive Liebe, Lüge, Verrat und Tod enthält, interessierte das Autoren/Zeichner-Team hingegen weniger. Extrem straff und verdichtet werden die Ereignisse lange Zeit sehr sachlich und nüchtern geschildert und auf Charakterisierungen der Figuren weitestgehend verzichtet. An klassischer Spannungsdramaturgie versucht man sich lediglich auf den Seiten 22-25, als sich die Stasi einschaltet und es zum verhängnisvollen Schusswechsel kommt, bei dem der Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben kommt. Hierauf wird dann auch detailliert eingegangen, der Fokus des Endes liegt eindeutig hierauf. Nach einer beinahe kriminalistischen Aufarbeitung des Falls – Fluchthelfer Zobel schoss auf Schultz, welcher jedoch erst von einem Querschläger eines Kameraden tödlich verletzt wurde, was die DDR-Führung bewusst verschwieg, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren – findet Erwähnung, dass Zobel dies nie verarbeitet hat und bis zu seinem Tod im Glauben gelassen wurde, einen Menschen auf dem Gewissen zu haben. Damit werden die Schattenseiten dieses Unterfangens herausgestellt, dem – wie ebenfalls erwähnt wird – bereits mehrere ähnliche Tunnelbauten vorausgegangen waren. Dies ist wichtig für die Einordnung dieser allzu oft einseitig zu einer klassischen Erfolgsgeschichte verklärt wiedergegeben Ereignisse, die nur mit breiter Unterstützung Kalter Krieger der BRD möglich wurden: Geheimdienste, Medien und Polizei förderten die Aktion aus ideologischen Gründen zur Schwächung der DDR. Dieser viel zu selten Beachtung findende Umstand wird jedoch leider lediglich angedeutet. Das ist schade, verhindert es doch, dass „Tunnel 57“ tatsächlich zumindest zum Einstieg in die Thematik als niedrigschwelliges Lehrmaterial für junge Schüler vollumfänglich gut geeignet wäre. Hintergründe zur Teilung Deutschlands und zum Mauerbau müssten sich indes so oder so anderweitig beschafft werden…

Olivier Jouvray / Nicolas Brachet – Fluchttunnel nach West-Berlin

Auch Frankreich trug einen Stein zum Wende-Comic-Mosaik bei: Autor Olivier Jouvray und Zeichner Nicolas Brachet veröffentlichten 2014, also pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Maueröffnung, ihre Graphic Novel im Delcourt-Verlag, die noch im selben Jahr von Annika Wisnieswki ins Deutsche übersetzt und im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums vom Avant-Verlag als rund 60-seitiger, großformatiger und vollfarbiger Hardcover-Band verlegt wurde. Damit ist „Fluchttunnel nach West-Berlin“ der bisher einzige mir bekannte ausländische Beitrag zum Themenkomplex. Jouvray und Brachet zeigen sich fasziniert vom raffiniert ausgeklügelten und mit viel Hirnschmalz und Muskelkraft realisierten Tunnelbau von West- nach Ostberlin, durch den 1964 57 Menschen die Flucht aus der DDR gelang. Dieses Ereignis inspirierte sie zu einer Geschichte, in der Kunststudent Tobias seine jüngere Schwester Hanna zu sich in die BRD holen möchte und in seinem Freund Mathias jemanden findet, der sich nach anfänglichem Desinteresse bereiterklärt, ihm zusammen mit zahlreichen weiteren freiwilligen Helfern dabei zu helfen, weil er sich in Hanna nach einem persönlichen Kennenlernen verguckt hat.

Es handelt sich also um so etwas wie eine halbfiktionale Geschichte, weshalb es im Paratext „inspiriert von wahren Ereignissen“ heißt. Diese wird in in vielen Blau- und Grautönen kolorierten, von mir als sehr hochwertig empfundenen naturalistischen Zeichnungen in abwechslungsreich gestalteten Panel Grids erzählt. Aufregung wird durch starke farbliche Kontraste illustriert. Die Grautöne kommen meist zur Darstellung der DDR zum Einsatz und folgen damit einer Stereotypisierung; die von sehr düster zu sehr hell verlaufende Farbgebung ist Teil der Farbdramaturgie. Auf Blocktext wird weitestgehend ebenso verzichtet wie in der an Handletterungen angelehnten Schriftart auf Groß- und Kleinschreibung, der eigenwillige Font bildet lediglich sämtliche „e“ und „i“ in ihren kleinen Buchstaben ab. Einige Bilder sind stark von authentischen Fotos inspiriert und wurden entsprechend zeichnerisch nachgestellt. Dies suggeriert jedoch eine Authentizität, die Jouvray und Brachet nie erreichen:

Nach den ersten drei Seiten beginnt eine Rückblende, die die Entstehung des Vorhabens aufzeigt und komplett frei erfunden ist. Zurück in der Gegenwart des Comics sind es vor allem Auslassungen, die „Fluchttunnel nach West-Berlin“ an Realismus einbüßen lassen. Auch losgelöst von jeglichem Authentizitätsanspruch wirft die Geschichte Fragen auf: Bereits die Fluchtgründe bleiben bis auf einige Anspielungen im Dunkeln. Sehr tendenziös wird die DDR als „Hölle“ bezeichnet. Es mag sein, dass sie es für einige war. Echte Gründe dafür, diese mit dem Tunnelbau verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen, bleiben jedoch nebulös. Nicht minder unklar ist, weshalb Tobias’ und Hannas Vater als überzeugter Sozialist plötzlich so mir nichts, dir nichts alles zurücklässt und ebenfalls flieht – weshalb und wovor? Ausgelassen werden entscheidende historische Hintergründe: Tunnelbauer wie Reinhard Furrer kann man möglicherweise noch als politische Idealisten einordnen, persönliche Gründe spielten jedenfalls – anders als in diesem Comic – eine untergeordnete Rolle. Jouvray und Brachet dichten stattdessen eine flache Fluchtromantik dazu und verklären die Ereignisse damit. Mit Mathias haben sie eine Klischeefigur erschaffen, die aus Liebe vom Bad Boy zum Good Boy avanciert. Dass der Tunnelbau einer von mehreren war und von der BRD bewusst als Waffe im Kalten Krieg eingesetzt wurde, wird mit keiner Silbe erwähnt: BRD-Medien und -Geheimdienste hatten die Aktion finanziert, u.a. um Mitgliedern der reaktionären CDU zur Flucht zu verhelfen.

Den größten Fauxpas leisten sich die Autoren, indem sie den Tod des Grenzsoldaten Egon Schultz verschweigen. Dieser war, nachdem die Stasi die Fluchtversuche entdeckt hatte, bei einem Schusswechsel umgekommen. Obwohl Fluchthelfer Christian Zobel ihn lediglich angeschossen hatte – Schultz starb daraufhin durch Querschläger seiner Kameraden –, wurde Zobel im Glauben gelassen, für Schultz’ Tod verantwortlich zu sein und seines Lebens nicht mehr froh. Zu Lebzeiten erfuhr er nicht mehr, was sich nach dem Untergang der DDR herausstellte: dass die DDR-Führung dies absichtlich verschwiegen hatte, um Egon Schultz zu einem Märtyrer zu stilisieren und dessen Tod ideologisch und politisch zu instrumentalisieren. All dies waren die unmittelbaren Folgen dieser fragwürdigen Tunnelflucht, an der ich daher nichts Heldenhaftes finden und sie schon gar nicht als einseitige Erfolgsgeschichte einordnen kann, wie es die beiden Franzosen hier tun. In einem TV-Interview berufen sie sich immer wieder auf die wahren geschichtlichen Ereignisse, geben an, Fiktion und Dokumentation miteinander zu vermischen, betonen aber auch, dass es wichtig sei, zu zeigen, was passieren hätte können – dieses widersprüchliche Geschwurbel kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass sie durch ihren Verzicht auf entscheidende historische Zusammenhänge auf ganzer Linie versagt haben. Jouvray und Brachet haben – im Prinzip ähnlich der SED, lediglich unter veränderten Vorzeichen – einen Beitrag zur Geschichtsklitterung geliefert, der die wahren Ereignisse auf unzulässige Weise verharmlost und ihnen in keiner Weise gerecht wird.

Zudem ist es ein Unding, anzunehmen, eine solche Geschichte auf nicht einmal 60 Comicseiten adäquat abbilden zu können. Das ist alles sehr schade, denn eigentlich wollte ich „Fluchttunnel nach West-Berlin“ mögen – aufgrund seines Zeichenstils, aufgrund des schönen Hardcover-Bands, den man gern in den Händen hält. So jedoch muss ich ausdrücklich vor diesem Comic warnen.

Susanne Buddenberg / Thomas Henseler – Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten

Wie die Wende-Comics „Grenzfall“ und „Treibsand“ wurde auch der Comic-Band „Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten“ mit Bundesmitteln von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur subventioniert. Es handelt sich nach „Grenzfall“ um das zweite Werk zum Thema aus den Federn Susanne Buddenbergs und Thomas Henselers. Das rund 100-seitige Buch erschien 2012 im Avant-Verlag.

Noch zielgerichteter als „Grenzfall“ wurde „Berlin – Geteilte Stadt“ als Unterrichtsmaterial konzipiert. Erzählt werden fünf Geschichten, chronologisch von Mauerbau bis Mauerfall sortiert, von denen es im Paratext heißt, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhten. Das Autoren-Team hat Zeitzeugen befragt und ihre Geschichten nachgezeichnet. In „Wie der Mauerbau fast mein Abitur verhindert hätte“ berichtet Regina Zywietz, wie sie vorm Mauerbau im Osten Berlins lebte, jedoch im Westen zur Schule ging – und wie ihre Lehrer ihr nach dem Mauerbau zur Flucht in den Westen verhalfen. Ursula Malchow erzählt in „Das Krankenhaus an der Mauer“ von ihrer Arbeit im Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße, also unmittelbar an der Berliner Mauer. Dort wurden u.a. verletzte Flüchtlinge behandelt, Querschläger aus den Schusswaffen der Grenzschützer schlugen ins Mauerwerk ein. Der Ostberliner Ernst Mundt wollte die Mauer überqueren, wurde jedoch 1961 das fünfte Todesopfer an der Mauer. In „Mit der Seilbahn über die Mauer“ gelingt Familie Holzapfel eine spektakuläre Flucht in den Westen. Detlef Matthes beschreibt in „Die andere Seite“ sein damaliges Hobby, die Grenzanlagen (verbotenerweise) zu fotografieren sowie seine Verhaftung im Rahmen einer Jugendrevolte vor dem Hintergrund des „Concert for Berlin“ 1987, das in Westberlin in unmittelbarer Nähe der Mauer stattfand. Aufgrund der zahlreichen Fotoaufnahmen, die bei ihm gefunden wurden, hielt man ihn für einen Spion. Im Zuge der Amnestie für politische Gefangene kam er vorzeitig frei, stellte einen Ausreiseantrag und durfte die DDR auf offiziellem Wege verlassen. Und Jan Hildebrandt lässt in „Mein 18. Geburtstag“ schließlich eben jenen am 9. November 1989 Revue passieren, an dem er plötzlich von der Maueröffnung erfuhr und einen unvorhergesehenen Ausflug nach Westberlin unternahm.

Lediglich der Einband wurde zum Teil farbig gestaltet, der Inhalt ist, wie in „drüben!“ und „Grenzfall“, in Schwarzweiß gehalten. Der Zeichenstil ist gewohnt naturalistisch, die Panelstruktur sehr strikt – erneut soll keine künstlerische Expression vom Inhalt ablenken. Jede Geschichte wird mit einem prominent auf ihrer ersten Seite platzierten, einzelnen charakteristischen Gegenstand eingeführt, ihren Abschluss bildet jeweils eine Lexikon-ähnliche Doppelseite mit Erläuterungen. Sprechblasen werden wenig eingesetzt, es dominieren Off-Erzählungen im Blocktext. In die Zeichnungen wurden authentische Fotos eingebettet und Bildzitate (nachgezeichnetes Fotomaterial) verwendet, diverse topographische Karten vermitteln intertextuell Wissen. Zudem finden sich weitere Authentisierungsmittel in Form von Zeitungsartikeln und historischen Dokumenten sowie paratextuell (neben dem eingangs erwähnten Verweis auf wahre Begebenheiten) Angaben zu Fotoquellen, ein Literaturverzeichnis sowie Danksagungen an Zeitzeugen und Fachberater. All dies kann jedoch über die Subjektivität der Auswahl nicht hinwegtäuschen, die es vermeidet, detaillierter auf die Gründe des Mauerbaus und den besonderen Status der innerdeutschen Grenze als jene große Grenzen zwischen den Systemen und den weltweit größten Militärbündnissen, der Nato und des Warschauer Pakts im Kalten Krieg, einzugehen. Dazu gesellen sich Ungenauigkeiten wie die der idealtypischen Darstellung des „Mauerspechts“ in „Mein 18. Geburtstag“, die so nicht stattgefunden haben kann. „Berlin – Geteilte Stadt“ bleibt sehr einseitig und beschränkt, seine fünf Geschichten suggerieren mehr Perspektiven, als der Comic letztlich bietet. Wenig comickünstlerisch bewegt sich der Band irgendwo zwischen politischer Aufklärung und Propaganda und wirkt in seiner Abstraktion mehr wie ein Lehrbuch für Kinder denn wie ein spannendes Stück Zeitgeschichte auch für ein erwachsenes Publikum.

Dennoch fühle ich mich von „Berlin – Geteilte Stadt“ eingeladen, Berlin einmal als Museum zu erkunden – hier greift das pädagogische Verfahren der Spurensuche. Damit geht das Konzept Buddenbergs und Henselers auf, dass ihr Comic auch als historischer Stadtführer nutzbar sein soll: Sie hatten Wert darauf gelegt, dass die authentischen Orte der Geschichten noch soweit erhalten sind, dass die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse noch gut nachvollziehbar sind. Zudem sollten sie relativ nahe beieinander liegen und gut zu erreichen sein. So bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch eine junge Generation anregt, sich selbst auf die Suche zu begeben und dabei vielleicht auf Fragen zu stoßen, die Buddenberg und Henseler nicht beantworten.

Max Mönch / Alexander Lahl / Kitty Kahane – Treibsand

„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.

Im Gegensatz zu anderen staatlich geförderten Comics erzählt „Treibsand“ eine fiktionale Geschichte: die des als Auslandskorrespondent für eine große New Yorker Tageszeitung arbeitenden US-Amerikaners Tom Sandman, der, 1989 gerade vom Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China zurückgekehrt, von seinem antikommunistischen Vorgesetzten Raymond Burnes nach Berlin geschickt wird, um über die aktuellen Vorgänge dort zu berichten. Tom wird von heftigen Zahnschmerzen geplagt, hat jedoch Angst, einen Zahnarzt aufzusuchen. Zudem trennt sich seine Freundin Mary von ihm. Dafür erlebt Sandman hautnah die Entwicklungen mit, die schließlich zur Öffnung der Berliner Mauer führen.

Der kaum räumliche Tiefe erzeugende, reduzierte, geradezu naive Zeichenstil wurde von einer regelrechten Sauklaue verbrochen und bleibt bis zum Ende gewöhnungsbedürftig; der Hang, Wortspiele und Redewendungen zu visualisieren, nervt in seinem bemühten Witz. Sandmans zahnschmerzbedingte Fieberträume kommen ohne Panel Grid aus, seine Notizzettel werden immer wieder abgebildet und in die Handlung integriert, ein handschriftliches Glossar mit Begriffserläuterungen im Anhang soll ebenfalls den Anschein eines Notizbuchauszugs erwecken. Soweit zu den gestalterischen Besonderheiten des in 14 Kapitel inkl. eines Prologs aufgeteilten Buchs, das im Paratext um eine Danksagung der Autoren ergänzt wird.

Inhaltlich bildet der blocktextlastige „Treibsand“ eine Außenperspektive auf einen politischen Prozess aus der Sicht eines fiktionalen Erzählers ab, der seine Erinnerungen in der Vergangenheitsform mit den Leserinnen und Lesern teilt. Ausgehend von seinem Bericht über den „Tank Man“, jenen Chinesen, der sich auf dem Tian’anmen-Platz den Panzern der Staatsmacht entgegengestellt hatte und damit zur Widerstands-Ikone geworden war, widmet man sich den letzten Zügen der DDR-Historie und stellt die DDR ausschließlich negativ als diktatorischen Unrechtsstaat dar. Die Ereignisse des 9. November 1989 werden stark überspitzt bis verfälschend derart dargestellt, dass Egon Krenz habe zeigen wollen, dass er „die Hosen anhat“ und auf „die Regierung geschissen“ habe, während das SED-Zentralkomitee von den Folgen nichts mitbekommen habe, weil es in seiner Sitzung fast kollektiv eingeschlafen sei (die Geschichte vom „schnarchenden Staat“). Vermengt wird der geschichtliche Hintergrund mit der fiktionalen Geschichte um einen Grenzsoldaten, der gezwungen war, seine eigene Schwester zu verraten, indem er unter Druck deren Fluchtpläne beichtete.  Diese Schwester wiederum wird Sandmans neue Lebensgefährtin und schließlich Ehefrau.

Mönch und Lahl vermischen Fiktion mit Satire, belegte mit sehr interpretierter Geschichtsüberlieferung, einer seifigen Liebesgeschichte und einem Familiendrama – und verheben sich dabei. Das ist einfach zu viel. Positiv ist jedoch die durchklingende Kritik an Presse und Gesellschaft, die auch große, komplexe Zusammenhänge am liebsten in Form auf Einzelschicksale heruntergebrochener Geschichten veröffentlichen bzw. konsumieren, zu werten. Darüber hinaus weigert sich „Treibsand“, eine Erfolgsgeschichte zu sein. Es gibt kein Happy End, eine Katharsis bleibt aus. Während der Grenzöffnung liegt Tom Sandman im Koma, sodass den Rezipientinnen und Rezipienten Bilder jubelnder Menschenmassen und ähnlich fröhliche Szenen bewusst vorenthalten werden. Dies stört die Erwartungshaltung des Publikums. Und auch nach dem Untergang der DDR ist nichts gut geworden: Das Geschwisterpaar bleibt gespalten und Sandmans Ehe zerbricht. Auch nach dem Ende der DDR können sich ihre Opfer nicht von den erfahrenen/erlittenen Einflüssen der Politik auf ihr Privatleben befreien, sind sie unfähig, sie zu überwinden, wider besseres Wissen. Damit legt „Treibsand“ seinen Fokus auf Wunden, die niemals verheilen und sensibilisiert für dauerhafte Schäden, die politische Systeme anrichten können. Das fatalistische Ende wurde dann auch erst gar nicht mehr gezeichnet, sondern lediglich in Form eines Epilogs aufgeschrieben. Liest man Comics analog zu Spielfilmen, entsteht hier der Eindruck eines Voice-overs aus dem Off. Dadurch wird der negative Eindruck von der DDR noch einmal verstärkt, wobei ich die einseitige Schuldzuweisung durchaus kritisch sehe. Der Kalte Krieg findet in „Treibsand“ lediglich am Rande statt und eine andere Perspektive auf diese Zeit – z.B. jener Menschen, die individuelle Freiheit in gewissem Maße gegen die Freiheit von Existenzängsten bereitwillig eingetauscht haben und überwiegend positiv auf die DDR zurückblicken – fehlt völlig und erscheint mir innerhalb dieses Themenkomplexes generell unterrepräsentiert – obgleich meines Erachtens nicht minder interessant.

Doch so oder so: Nostalgie oder Ostalgie sind mittels „Treibsand“ nicht möglich. Mönch und Lahl gehen sogar einen Schritt weiter und verweigern sich nicht nur eines möglicherweise verklärenden Blicks zurück (der im Diskurs um DDR-Erinnerungen so häufig und gern kritisiert wird), sondern führen diese Haltung konsequent weiter: Auch Mauerfall– oder Wende-Nostalgie sucht man hier vergeblich. Die Autoren deuten damit an, dass der 9. November 1989 kein Tag X war, ab dem schlagartig alles gut wurde und jubelnde Menschenmassen plötzlich ein sorgenfreies Leben genießen konnten. Und das ist trotz all meiner geäußerten Kritikpunkte an diesem Buch richtig und wichtig.

Thomas Henseler / Susanne Buddenberg – Grenzfall

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, zu denen die DDR kaum Thema im Schulunterricht war. U.a. um dies zu ändern haben Bundesstiftungen wie diejenige „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ eine Reihe von Comics gefördert, die sich möglichst sachlich zumindest mit einzelnen Aspekten der DDR-Geschichte auseinandersetzen und sich effektiv als Unterrichtmaterialien einsetzen lassen sollen. Die Comicform soll dabei helfen, Berührungsängste abzubauen, niedrigschwellig jungen Lesern den Zugang zu ermöglichen und diese für die Thematik zu interessieren. Eines dieser Werke ist der rund 100-seitige broschierte Band „Grenzfall“, der im März 2011 im Avant-Verlag erschienen ist. Die Autoren und Zeichner Thomas Henseler und Susanne Buddenberg widmen sich hier der zu DDR-Zeiten oppositionellen Untergrundzeitung gleichen Namens, die es ab 1986 auf 17 in Ostberlin von der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ produzierte Ausgaben brachte. Mitherausgeber war Peter Grimm, der an diesem Buch mitgearbeitet hat und aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dabei wurden „aus dramaturgischen Gründen […] Abläufe und Personengruppen zusammengefasst“, heißt es im Vorfeld.

Nach einem kurzen Prolog gibt sich der Peter Grimm des Jahres 2011 als autodiegetischer Erzähler zu erkennen, der seine persönlichen Erinnerungen schildert. Von da an werden die narrativierenden Blocktexte in Vergangenheitsform formuliert, was den Eindruck subjektiver Erinnerungsschilderungen Grimms erzeugt. Der Comic steigt im Jahre 1982 ein und zeigt, wie der mit dem System unzufriedene Peter Grimm auf die oppositionelle Familie Havemann stößt und bald ins Visier der Staatssicherheit gerät, woraufhin er vom Abitur ausgeschlossen wird und schließlich zusammen mit anderen Oppositionellen im Schutz der Kirche die Zeitung „Grenzfall“ herausbringt. Minutiös wird die gefährliche, konspirative Vorgehensweise nachgezeichnet, bis in der Nacht vom 24. auf den 25. November die Falle der Stasi, der es gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen, zuschnappte. Durch Kontakte zu BRD-Journalisten und die daraus resultierende Berichterstattung in bundesdeutschen Medien verzeichnete die Zeitung jedoch einen Popularitätsschub und zahlreiche Solidaritätsbekundungen führten zur baldigen Freilassung der inhaftierten Untergrund-Journalisten. Die Stasi hatte damit einen Pyrrhussieg errungen; die Aktion galt als wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur friedlichen Revolution, aus der schließlich 1989 die Wende hervorging.

All dies wird einerseits beinahe filmisch in Form einer spannenden Geschichte aufgearbeitet, andererseits aber auch sehr nüchtern vorgegangen: Die Zeichnungen sind schwarzweiß und naturalistisch, zahlreiche Auszüge aus Stasi-Berichten und reproduzierte Originalplakate sowie teilweise 1:1 nachgezeichnete Fotografien wurden integriert und dienen als textuelle und visuelle Authentisierungsmittel. Ein bestimmte Vokabeln erläuterndes und einordnendes Glossar sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis dienen darüber hinaus als paratextuelle Authentisierungsmittel. Damit ist „Grenzfall“ ein schönes Beispiel für sehr exaktes Arbeiten nahe an der Realität und die Verwendung sowie Verarbeitung authentischer Quellen auch über Zeitzeugen hinaus, wodurch das Buch tatsächlich seinem Bildungsanspruch gerecht wird. Ähnlich wie bei „Kinderland“ handelt es sich um eine Entwicklungsgeschichte, wohingegen der streng naturalistische, farblose Zeichenstil sich bewusst dem Inhalt unterordnet, von dem er in seiner Nüchternheit nicht ablenken will. Das macht „Grenzfall“ auf der visuellen Ebene dann auch etwas dröge, das Künstlerische muss hinter dem Aufklärerischen zurückstecken.

Anders als „Kinderland“ wurde „Grenzfall“ jedoch auch als Erfolgsgeschichte konzipiert; der Comic endet mit der Freilassung der Inhaftierten und dem Verweis auf die Revolution 1989. So sehr sich anhand der Geschichte exemplarisch die Probleme der nichtvorhandenen Pressefreiheit in der DDR abbilden lassen, so sehr hadere ich dem suggerierten nachhaltigen Erfolg. Die während der Wendezeit aufgekeimten Hoffnungen auf einen neuen, gerechteren deutschen Staat gerade auch vieler DDR-Oppositioneller zerschlugen sich bald, die DDR bekam den BRD-Kapitalismus übergestülpt und wurde durch die Treuhand und ihre Nutznießer ausgeplündert. Die Folge waren Massenarbeitslosigkeit und Existenznöte, politische Versäumnisse, für die u.a. die Kosten der Wiedervereinigung mitverantwortlich gemacht wurden. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Klimas erstarkte der Rechtsextremismus, der unschuldige Menschenleben forderte. Peter Grimms „Initiative Frieden und Menschenrechte“ ging im „Bündnis 90“ und schließlich in der Grünen Partei auf, die vom Frieden alsbald nichts mehr wissen wollte und sich willfährig am völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg beteiligte. Hatten die „Grenzfall“-Herausgeber dafür gekämpft?

Mawil – Kinderland

Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins aus als zu pubertieren beginnender Dreikäsehoch mit.

Mawils „Kinderland“ zeigt den Alltag des Ostberliner Siebtklässlers Mirco Watzke zwischen Familie, Schule – vor allem Schulpausen – und Pionierdasein im Jahr 1989 noch vor der Grenzöffnung. Er entdeckt seine Leidenschaft und sein Talent für Tischtennis, hat Ärger mit den Raufbolden der Schule und lernt im frisch an seine Schule versetzten Torsten Maslowski einen Freund kennen, der anders ist als andere: Er ist kein Pionier und lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen, seit sein Vater in die BRD abgehauen ist. Er besitzt neben einer oftmals provokanten Art auch ein gehöriges Maß an Durchsetzungsvermögen, das Mirco imponiert. Als man sich mit der Idee durchsetzt, ein Tischtennisturnier an der Schule zu veranstalten, brennt Mirco dafür – die urplötzliche Grenzöffnung wirkt da eigentlich nur wie ein Störfaktor, denn sie verhindert das Stattfinden des Turniers. Kurz nach der Grenzöffnung endet die Geschichte.

Zahlreiche Besonderheiten der DDR sind auf ganz selbstverständliche Weise in den Comic integriert, ohne näher erklärt zu werden. Ein gewisses Vorwissen erweist sich daher durchaus als nützlich, um alles zu verstehen. Manch Detail kann zudem verloren gehen oder manch Gag nicht richtig funktionieren, wenn man mit der DDR-Kultur und -Gesellschaft gänzlich unvertraut ist. Doch genau diese Detailverliebtheit ist es, die „Kinderland“ Mawils krakeligem Funny-Stil zum Trotz auszeichnet, zeichnet sie doch aus multiperspektivischer Binnenperspektive ein überraschend realitätsgetreues Bild der DDR vornehmlich aus Kindersicht nach, wie es von den damals Heranwachsenden empfunden und erlebt wurde: Ein als selbstverständlich erachtetes Leben mit allen Irrungen, Wirrungen und Einschränkungen des DDR-Alltags, das eben nicht hauptsächlich von Repression und Militarismus geprägt war, sondern von einer eigenen bzw. einer Mischkultur aus ost- und westdeutschen Elementen: Das innere Titelblatt ist alten DDR-Schulheften nachempfunden, Schüler fahren mit großen Linienbussen, Pioniere sammeln Wertstoffe und singen in falschem Englisch zu Depeche Mode mit, deren Schallplatten teuer, rar und begehrte Tauschobjekte sind, gebadet wird nackt an FKK-Stränden, kleine Geschwister fürchten sich vorm „Gespenster-Duett“ des kultgewordenen „Traumzauberbaum“-Kinderlieder-Albums mit Hörspiel-Elementen des begnadeten Komponisten Reinhard Lakomy und in Mircos Zimmer finden sich „Mosaik“-Bildergeschichten ebenso wie Pittiplatsch, Sandmännchen und ein Schlumpf. Doch 1989 kommt Mitschülerin Peggy Kachelsky nicht mehr aus den Sommerferien zurück, weil ihre Eltern „rübergemacht“ haben, die strenge Russischlehrerin gibt sich nach außen hin überzogen staatstreu, doch schaut heimlich Westfernsehen und liest neben dem „Neuen Deutschland“ den „Spiegel“, der „Sputnik“ berichtet von Glasnost und Perestroika und Mirco bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er beim Belauschen seiner Eltern aufschnappt, dass auch sie sich mit dem Gedanken an eine Übersiedlung beschäftigen. Doch so viel Veränderung auch in der Luft liegt – in der Schule nervt FDJ-Pioniergruppenratsvorsitzende Angela Werkel (als Anspielung auf Angela Merkels FDJ-Engagement) unbeirrt als linientreue Klassenstreberin und der ständig hustende, rauchende Sportlehrer verwaltet im NVA-Trainingsanzug Material und Geräte. Was wirklich gerade in der DDR vor sich geht, bekommen Mirco und seine Mitschülerinnen und Mitschüler lediglich am Rande mit und tangiert sie in ihrem Alltag nur peripher.

Mirco ist wesentlich kleiner als Gleichaltrige und zudem Brillenträger. Er wirkt dadurch schmächtig, evtl. gar entwicklungsgehemmt. Dies ist zum Verständnis der Figur von Bedeutung: verunsichert bis ängstlich, körperlich unterlegen, nach Erkennen seines Tischtennis-Talents sich in diesen Sport hineinsteigernd – weil er endlich etwas gefunden hat, in dem er besser ist als andere. Zudem stammt er aus einer religiösen Familie und sucht regelmäßig den Gottesdienst auf – in der DDR eher Ausnahme als Regel. So verunsichert er im Alltag wirkt, so verbissen steigert er sich in den Sport hinein und entwickelt sich dadurch vom Außenseiter zum beliebteren, respektierten Tischtennis-Ass. Parallel entwickeln sich erste mit der Pubertät einhergehende Herausforderungen, was der Geschichte ebenso ihren Coming-of-Age-Aspekt verleiht wie die beinahe symbolische Einleitung des Endes seiner Kindheit durch die Grenzöffnung.

Dennoch ist „Kinderland“ keine Ausreise- oder gar Fluchtgeschichte wie so viele andere Wende-Comics. Auch reflektiert „Kinderland“ weniger das politische System, klagt nicht an, ist humorvoller. Vielmehr holt es Erinnerungen jener Generation DDR-Kinder hervor, deren Prozess des Erwachsenwerdens mit dem Untergang des Staats einherging, jener, die sich so häufig Jahre später auf die Suche nach ihren Wurzeln begaben (oder begeben) und ihre Kindheit zu rekonstruieren versuchen. Hierbei kann „Kinderland“ eine große Hilfe sein, nicht zuletzt, weil es – ganz wie so viele Kinder zu DDR-Zeiten – die SED-Herrschaft weder glorifiziert noch verurteilt, wenngleich „Kinderland“ natürlich viele kritische Ansätze nicht außer Acht lässt. Wie es Mawil gelungen ist, diese durch die Augen eines unpolitischen Kinds zu verarbeiten, gebührt Anerkennung. Die Rolle des Unangepassten, Rebellischen wird Torsten Maslowski zuteil, der hier jedoch vor allem ein vom Schicksal gebeutelter, unausgeglichener, von Verlustängsten geplagter Junge ist.

Formal bedient sich Mawil eines relativ starren Seitenaufbaus von meist drei Panelzeilen, während die Panels jedoch immer wieder aufgebrochen oder überlagert werden. Mimik, Körpersprache/Gestik u.ä. kommen expressiv zur Geltung, eine Erzählinstanz, begleitende bzw. erläuternde Blocktexte o.ä. fehlen komplett. Die Leserinnen und Leser sind also angehalten, die Bilder und Geschehnisse selbst einzuordnen. Überlagernde Sprechblasen drücken akustische Dominanz aus, schwer oder gar nicht lesbare Sprechblaseninhalte ihr Gegenteil. Auf dialoglose Panelfolgen treffen vor Sprechblasen voll pubertärem Geplapper nur so wimmelnde, in denen auch von Rechtschreibkonventionen abweichende Umgangssprache Einzug hält. Unkonventionell, eigentlich orthographisch verkehrt ist die vollständige Unterschlagung des „ß“ in den offenbar handgeletterten Texten. Im Kontrast zum Zeichenstil stehen naturalistische bis fotorealistische Details wie die DDR-Flagge, ein LP-Cover oder ein Porträt Honeckers.

Trotz seiner 300 Seiten liest sich Mawils „Kinderland“ rasch, denn man möchte es nicht so schnell aus der Hand legen, sind einem die Figuren erst einmal ans Herz gewachsen. Nicht nur deshalb ist „Kinderland“ unter den zahlreichen Wende-Comics bzw. Graphic Novels dieses Themenkomplexes einer meiner Favoriten – vielleicht auch aufgrund gewisser Parallelen zwischen Mircos und meiner Biographie.

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten

Als der niedersächsische Radiosender FFN noch nicht endgültig zum gesichtslosen Dudelfunk verkommen war (in den ‘80ern und frühen ‘90ern hörte ich sogar keinen Sender so gern wie diesen), leistete er sich ein allsonntägliches komödiantisches, kabarettistisches Humorprogramm, das kultgewordene Frühstyxradio, in dem spätere TV-Größen wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke sich ihre Sporen verdienten. Zum festen Kreis gehörte auch Dietmar Wischmeyer, auch bekannt als „Der kleine Tierfreund“ oder eben Führer des „Logbuchs einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Der Ullstein-Verlag war es, der 1997 seine Sammlung polemischer Glossen in Buchform unters bekloppte und bescheuerte Volk brachte, 59 Stück auf rund 130 Seiten. Trocken, sarkastisch und böse metzelt er sich scharfzüngig und pointiert durch eine verspießte Gesellschaft, die zahlreiche längst als normal erachtete Absonderlichkeiten, nervige Schikanen und dummdreiste Auswüchse gebar, und knöpft sich insbesondere diejenigen vor, die diese befeuern und bedienen oder sich als ihre Nutznießer erweisen: die tumbe breite Masse ebenso wie vorsätzliche Volksverblöder, elitäre Klüngel und privilegierte Minderheiten. Oder genauer: Anwohner, Karnevalfeiernde, Kinder, Beamte, Gaffer, Lindenstraße-Glotzer, „Funsportler“, Rentner, Kellner, Jäger, Bauarbeiter, … Dabei geht er ohne Rücksicht auf Verluste oder Kollateralschäden vor und fächert seine beobachtete Alltagserfahrungen suggerierenden „Logbuch-Einträge“ derart breit, dass beinahe alles und jeder sein Fett wegbekommt. Wischmeyer prangert an und schärft den Blick dafür, was man uns antut, was die Menschen sich selbst antun und wie diejenigen, die da nicht mitmachen wollen, darunter leiden müssen. Dabei findet er durchaus originelle Themen und überrascht mit seinem Blickwinkel auf diese, suhlt sich aber auch gern in Klischees, wenn er Altbekanntes und bereits zuhauf Persifliertes aufgreift. Dass bei all dem auch Phänomene ausgewählt werden, die doch eigentlich gar nicht nerven, gehört vermutlich zum Konzept, soll ich mich doch beim Lesegenuss wahrscheinlich auch selbst hin und wieder ertappt fühlen. Wischmeyers Freude am Umgang mit und Formen von Sprache ist allgegenwärtig, selten wurden Hass und Verachtung derart geschliffen formuliert, ohne auf Reiz- und Schimpfwörter zu verzichten – manch Formulierung wirkt indes dennoch etwas umständlich erzwungen und sein Stil droht sich etwas abzunutzen, liest man zu viele Kapitel unmittelbar nacheinander. Um sicherzugehen, auch wirklich und überall anzuecken, pfeift er zudem auf jegliche politische Korrektheit. So sind Schwarze für ihn recht penetrant nach wie vor Neger und widmet sich konsequenterweise auch ein Kapitel der „Political Correctness“, für die, da muss ich ihm widersprechen es eben doch einen deutschen Begriff gibt – s.o. Als besonders bemerkenswert erachte ich jedoch dessen Inhalt, wenn er sich sprachliche Neuschöpfungen und erzwungene Modifikationen verknöpft und ganz richtig feststellt: „In Lübeck schon brannte das Asylbewerberheim sicherlich genauso gut, wie es das Asylantenheim getan hätte.“ Und widersprechen kann ihm auch niemand, der die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre mitbekommen hat, wenn er jenes Kapitel mit dem Ratschlag schließt: „Drum seid lustig und seid froh, ihr Hottentotten, Kaffern und Kanaken, und gebt Obacht, wenn sie euch die neuen schönen Namen geben, denn dann geht’s euch ganz gewiß recht bald an den Kragen.“ Weder er noch ich positionieren sich damit ernsthaft gegen nicht- oder zumindest weniger diskriminierende Sprache, sondern gegen eine politische Korrektheit, die mittels Euphemismen und schönem Schein dieselbe Menschenverachtung verschleiert, die ohne sie auch für die Bekloppten und Bescheuerten leichter auszumachen wäre. Entrückte pseudophilosophische Kommentare seines Alter Egos Kassowarth von Sondermühlen sowie einige Illustrationen in Form von Fotos runden Wischmeyers erstes Logbuch ab, das mittlerweile immer wieder neu aufgelegt wurde und gleich mehrere Fortsetzungen fand. Für die Bekloppten und Bescheuerten ist das nichts. Für isoliert lebende Freunde von Sprache und Satire ist’s ein vergnügliches Beispiel für den Versuch, bissige Polemik bis an die Grenze zum Zynismus auszureizen. Für diejenigen, die ständig mit den Bekloppten und Bescheuerten konfrontiert werden, handelt es sich hingegen um irgendetwas zwischen Ventil zur Frust- und Wutabfuhr und einer witzigen, hämischen Form des Sich-verstanden-Wähnens fernab jeglicher Verständnispädagogik: Wie einer dieser laut polternden Kumpel, die man nicht ständig um sich haben möchte, mit denen man aber einfach ab und zu mal einen trinken gehen und den Trümmertango tanzen muss. In einem Punkt muss ich Wischmeyer aber korrigieren: Glasflaschen gehörten noch nie in den gelben Sack!

Flix – Da war mal was… Erinnerungen an hier und drüben

„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel verfügt über seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein Wende-Comic, der sich stilistisch wie inhaltlich wohltuend von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!

Christian Eichler – Fußball. Weltmeisterschaften Tag für Tag – Spieler, Tore und Geschichten

„Bilder aus 50 Jahren Weltmeisterschaft“, verlautbart der golden schimmernde, ballrunde Aufkleber, der auf meinem Exemplar dieses rund 400 Seiten starken, auf hochqualitativem Papier gedruckten Cofeetable-Books prangt und dabei Teile von Stefan Reuters und Pierre Littbarskis Armen während ihres Jubels über Andreas Brehmes Siegtreffer im WM-Finale 1990 in Rom verdeckt. Das Buch im Panorama-Format erschien2005 anlässlich der bevorstehenden hiesigen Herrenfußballweltmeisterschaft im Münchener Knesebeck-Verlag. Was der Aufkleber noch verschweigt, offenbart sich beim Aufblättern: Neben zahlreichen Bildern enthält der Band auch Texte des Autors Christian Eichler, Mitglied der ausgezeichneten Sportredaktion der ansonsten häufig politisch so fragwürdigen F.A.Z. Es handelt sich um Eichlers zweite Veröffentlichung in Buchform, im Jahre 2002 erschien bereits sein (mir unbekanntes) „Lexikon der Fußballmythen“.

Nach einem sechsseitigen Vorwort zur Geschichte des Fußballs und seiner Weltmeisterschaften steigt Eichler mit dem 1954er Turnier in der Schweiz ein, das Deutschland seinen ersten Weltmeistertitel bescheren soilte. Für jeden Tag eines Jahres wird eine Doppelseite aufgewendet, von denen die erste knapp über das Turnier informiert und die zweite die Spielergebnisse präsentiert. Die jeweiligen (gerade in der Vergangenheit meist sehr künstlerischen) offiziellen Plakatmotive werden ebenso abgebildet wie die jeweiligen Maskottchen (beispielsweise Tip und Tap von der WM in der BRD 1974). Größten Anteil am Buch haben dann aber die vollflächigen historischen Fotos aus verschiedensten chronologisch angeordneten WM-Partien, anfangs noch schwarzweiß und jeweils auf der linken Hälfte jeder Doppelseite um eine Bildunterschrift (bzw. Bildnebenschrift) ergänzt. Unter überflüssigen gestrichelten Linien, die dem Buch den Anstrich eines Kalenders mit Raum für Notizen verleihen sollen, nimmt Eichler jeweils im Fließtext Bezug auf die jeweilige Begegnung und weiß so einige bemerkenswerte, kuriose, allgemein bekannte oder auch in Vergessenheit geratene, anrührende und tragische Geschichten aus knapp 50 Jahren WM-Geschichte zu erzählen – oft durch eine weitere, kleine Fotografie am linken Seitenrand ergänzt. In Zeiten riesiger hochauflösender Bildersammlungen, permanent im World Wide Web verfügbar, locken diese briefmarkengroßen Fotos natürlich niemanden mehr hinterm Ofen hervor, die großflächigen Bilder jedoch sind schöne Beispiele für das geschickte Handwerk der Sportfotografie. Sie kombinieren sich perfekt mit Eichlers wunderbar formulierten Texten, die viel Leidenschaft für Sportberichterstattung sowie Gefühl für besondere Momente und ihren jeweiligen Zauber speziell in Bezug auf Fußballweltmeisterschaften erkennen lassen und dazu beitragen, vergangene Turniere nachzuempfinden oder sich die Ereignisse wieder ins Gedächtnis zu rufen sowie einladen, zu schmunzeln, den Kopf zu schütteln, zu staunen oder in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. In seiner Anekdotensammlung kommt mir lediglich die WM 1990, die bei mir immer einen ganz besonderen Stellenwert genießen wird, etwas zu schlecht weg. Das Turnier in Japan und Südkorea 2002 ist das letzte von Eichler hier behandelte. Eichlers Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beweist Mut zur Lücke, ist eine bewusst subjektive Auswahl kleinerer und größerer Momente – die sich keinesfalls vornehmlich auf die deutsche(n) Mannschaft(en) konzentriert, sie stattdessen gleichberechtigt zu den internationalen Teams behandelt. Es lässt den besonderen Geist von Weltmeisterschaften, der sich aus dieser eigenartigen Mischung aus kollektiven und individuellen emotionalen Erinnerungen sowie internationalem Flair und interkulturellen Begegnungen speist (oder speisen sollte), aufleben, zitiert bisweilen sogar auf elegante Weise Fußballphilosophen, macht Lust darauf, es entgegen seines Kalenderkonzepts am Stück durchzublättern und ist als Vorbereitung auf die nächste WM oder ihr Begleiter hervorragend geeignet – für stumpfe „Party-Patrioten“ hingegen nicht. Seinem Erscheinungsjahr ist geschuldet, dass von Deutschlands gekaufter WM, jüngeren Fifa-Skandalen und hirnrissigen Vergaben an Katar, die seither ihren Schatten über das größte Fußballturnier legen, noch keine Rede ist.

Ich würde gern mehr von Eichler lesen.

Simon Schwartz – drüben!

2009, zum 20-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, erschien Simon Schwartz’ Diplomabschlussarbeit an der HAW Hamburg, der 120 Seiten starke Comicband „drüben!“, im Avant-Verlag. Der 1982 in Erfurt geborene und in Berlin aufgewachsene Schwartz hat sich für sein Buch intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und beschreibt, wie und warum seine Eltern einst einen Ausreiseantrag in der DDR stellten, was damit verbunden war und wie sie schließlich zu dritt 1984 in die BRD übersiedeln konnten.

Den besonderen inhaltlichen Reiz des Werks machen einerseits die über weite Strecken wertungsfreien, unaufgeregten Beschreibungen der Werdegänge seiner Eltern und sogar Großeltern aus, die die jeweiligen Beweggründe gerade auch für ein Leben in der DDR verständlich machen. So fanden mit Vater und Mutter Schwartz ein zunächst sehr regierungstreuer junger Mann und eine aufgeschlossenere junge Frau mit Westkontakten zueinander. Andererseits sind es die bewusst aus kindlich-naiver Sichtweise geschilderten Beobachtungen und Erinnerungen des kleinen Simon, welche im Kontrast zu den von zahlreichen Abwägungen und von Rationalität geprägten Entscheidungen seiner Familie stehen, aus denen sich der Charme des Buchs speist. Letztlich ausschlaggebend für die Ausreiseentscheidung der Eltern wurde die massive Remilitarisierung der DDR und die an Simons Vater adressierte Erwartung, den Afghanistankrieg der UdSSR gegenüber Schülern zu rechtfertigen – eine Gewissensentscheidung also. Doch auch gewissermaßen nebenbei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in den DDR-Alltag und seine Besonderheiten – zu deren negativen Auswüchsen die Schikanen zählen, denen sich seine Eltern nach ihrem Ausreiseantrag ausgesetzt sahen.

Leider verfällt dann auch Schwartz in seinem ohnehin in Graustufen gehaltenen Zeichnungen in eine Art Schwarzweißmalerei, wenn er seinem Inhalt zu mehr Ausdruck verhelfen will, indem er mit negativen Konnotationen arbeitet und DDR-Systemtreue ausschließlich mit unfreundlichen, brüllenden Beamten und sozialistischen Plattenbauten illustriert. Das wäre gar nicht nötig gewesen und verleiht seinem Buch einen tendenziösen Anstrich, der sich indes mit den negativ behafteten Erinnerungen seiner Eltern erklären lässt. Überwiegend dominiert ein zeichnerischer Stil irgendwo zwischen naturalistisch und cartoonhaft, mit klarem Strich in aufgeräumten Panels, die von ihrem Vierer-Grid immer mal wieder abweichen und die Gestaltung dadurch auflockern. Etwas schwer tut sich Schwartz noch mit den Proportionen seiner Figuren, dennoch gelingt es ihm, ihnen Leben und Emotion einzuhauchen. Die Zeitsprünge erfordern ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, halten die Erzählung aber durchaus spannend, sodass man geneigt ist, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Dazu, dass Schwartz’ Familie wie im Comic beschrieben so gut in der BRD aufgenommen wurde, möchte man ihr gratulieren, denn leider erging es nicht allen so: Andere Ausgereiste wurden im Westen von Behörden und Staatsschutz gegängelt, weil man ihnen misstraute, gar für „Spione“ hielt, oder von der Kriegsgeneration und ihren Nachkommen als „von den Russen kommend“ verunglimpft und gesellschaftlich ausgegrenzt. Der Kalte Krieg wurde auf beiden Seiten gekämpft. Dies ist jedoch gar nicht Thema von „drüben!“, das dank seiner subjektiven Sicht und seiner Beschränkung auf das Schicksal einer einzelnen Familie das größere Ganze begreifbarer zu machen hilft und auf anrührende Weise nachvollziehbar macht, wie der Wettstreit der Systeme auf deutschem Nachkriegsboden Familien entzweien konnte – auch über den Untergang der DDR hinaus.

Ergänzt wird der Softcover-Band (zumindest in der mir vorliegenden erweiterten sechsten Auflage) von einem Interview mit Schwartz und zwei seiner Kurzgeschichten.

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