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Category: Bücher (page 4 of 10)

Martin Opitz – Buch von der Deutschen Poeterey

„Martin Opitz war der Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des Barock“, weiß Wikipedia. Germanistikstudenten ist er jedoch in erster Linie als Nervensäge bekannt. Sein o. g. Buch wurde in die Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags aufgenommen und rund 220-seitig als eines der berüchtigten gelben Büchlein veröffentlicht, wobei seine o. g. Aufzeichnungen lediglich die ersten 76 Seiten ausmachen. Der übrige Teil besteht aus diversen Anhängen und Anmerkungen, die nicht Teil dieser Besprechung sein sollen. Poeterey, das bedeutet zunächst einmal Dichtkunst/Poetik, aber auch das Nachdenken über dieselbe – und ihre Lehre. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit während des 30-jährigen Kriegs mit dem Ziel der Legitimation deutscher Dichtkunst neben der damals gebräuchlichen französischen, lateinischen und griechischen sowie die Etablierung des Deutschen als Hochsprache. Opitz vertritt das Dichterbild des Poeta doctus, also eines Dichters, der sowohl über sprachliches Talent als auch über fundiertes Wissen lateinischer und griechischer Dichtung und ein daraus resultierendes Regelverständnis verfügt. Opitz schlägt eine Brücke zu mittelalterlichen deutschen Dichtern wie Walther von der Vogelweide und versucht auch damit, eine Lanze für die deutsche Poesie zu brechen. So weit, so gut.

Doch gerade im Regelverständnis liegt der Knackpunkt seines Buchs, denn bei allem Wissen, über das der belesene Opitz zweifelsohne verfügte, bei allem Kunstverständnis und hehren Zielen, stellt er ein starres Regelwerk in fragwürdiger „typisch deutscher“ Krämer-, Buchhalter- und Verwaltermanier, ja, in teutonischem Ordnungs-, Normungs- und Schubladisierungswahn auf, das heutzutage glücklicherweise längst als überholt gilt. So besteht er stur auf Reime, ja, erlaubt gar ausschließlich den Jambus und den Trochäus als Versfüße, als absolute Ausnahme vielleicht noch den Daktylus, peitscht sein Verständnis von Metrik durch und manifestiert die Ständeklausel, die den Adel als Figuren für Tragödien, deren opportune Themen er sogleich aufzählt, und den Pöbel für Komödien vorsieht und predigt von oben herab ein von Elitedenken bestimmtes Bild von der Poesie, dass es regelrecht abschreckend wirkt. Und eitler Geck, der er war, bringt er in sein gestelztes Geschwafel ohne Punkt und Komma immer wieder eigene Gedichte als typische Beispiele ein, um gleichzeitig unterwürfig vor den hohen Herren von Auftraggebern in den Staub zu fallen.

Opitz hat sein Ziel mit seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ erreicht – doch zu welchem Preis? Jahrhundertelang wurde sein Gesetzeswerk als das Maß aller Dinge betrachtet und behielt Allgemeingültigkeit, trug damit zum haltlosen, viel zu engen Kunstbegriff und weniger dem freien, kreativen Geist als vielmehr Opitz‘ Paragraphen folgenden Vorstellungen von gutem Stil bei, derer sich zu entledigen sich als Mammutaufgabe herausstellte und die bis heute in vielen Köpfen fest verankert scheinen. Nun wäre es allerdings zu kurz gefasst, Opitz dafür die Schuld zu geben, vermutlich würde auch viel zu viel von ihm verlangt, würde man von ihm im Jahre 1624 einen derartigen Weitblick erwarten. Opitz als Grundlage in Ehren zu halten, seine Doktrin jedoch infrage zu stellen und zu reformieren, hätte anderen oblegen. Auch kann man ihn wohl kaum dafür verantwortlich machen, dass heutige Germanistikstudenten innerhalb des Teilfachs „Neuere (sic!) deutsche Literatur“ sich mit seinen bisweilen kruden Axiomen im beinahe unlesbarem Originalwortlaut herumplagen müssen. Seine damals verwendete Sprache hat mit der heutigen nur noch marginal etwas zu sein, teilweise verfügen aus lediglich drei Buchstaben bestehende Wörter über nicht weniger als drei Rechtschreibfehler. Das macht die Lektüre nahezu unerträglich und der Sinn dieser Tortur darf bezweifelt werden, schließlich hätte es eine übersichtliche Zusammenfassung des Inhalts oder – als Kompromiss, wenn es denn sein muss – eine Übersetzung in verständliches, zeitgenössisches Deutsch auch getan.

So erfüllt Opitz’ „Buch von der Deutschen Poeterey“ in erster Linie den Zweck, Erstsemester, die mit einem solchen Grauen in einem Teilfach mit dem genannten Namen niemals gerechnet hätten, abzuschrecken, ja, sie gewissermaßen zu quälen, gerechtfertigt mit Authentizität und Quellentreue. Wie viel Sinnvolleres, Anregenderes, Geistvolleres hätte in dieser Zeit gelehrt oder gemeinsam erarbeitet werden können? So dringend, wie Opitz reformiert gehörte, gehört auch der Lehrplan des 21. Jahrhunderts auf den Prüfstand. Da wundert es mich dann auch fast gar nicht mehr, dass mein Exemplar dieser Schwarte trotz sorgsamen Transports und behutsamen Umgangs innerhalb kürzester Zeit Schaden nahm, beinahe, als habe eine höhere, gerechte Macht es aus der Welt schaffen wollen. Mein „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, das zweite Reclam-Büchlein des NdL-Erstsemesters, sieht hingegen noch fast aus wie neu, obgleich es mit wesentlich größerer Begeisterung gelesen wurde…

Bastian Sick – Happy Aua. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache

Vor zehn Jahren oder so wurde mir der zweite „Happy Aua“-Teil geschenkt. Als mir der Vorgänger kürzlich auf einem Flohmarkt in die Hände fiel, musste ich ihn mitnehmen – allein schon, um die Lücke im Regal zu schließen. Nach den ersten drei „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“-Spiegel-Online-Zwiebelfisch-Kolumnensammlungen, die sich – nicht immer ganz unumstritten – der deutschen Sprache und ihren Herausforderungen und Fallstricken auf humorvolle, leicht verständliche Art widmen, veröffentlichte Autor Bastian Sick 2007 ebenfalls im Verlag Kiepenheuer & Witsch einen rund 140-seitigen Bildband im Taschenbuch-Format, der aus von seinen Leserinnen und Lesern eingesandten Fundstücken besteht. Zahlreiche Schnappschüsse aus Werbeprospekten und Zeitungsannoncen, von Hinweisschildern und aus Speisekarten, von Flugblättern, aus Schaufenstern etc. bilden, meist inkl. Quellenangaben, die in zahlreiche Kapitel grob strukturierte Basis des Buchs, und eines ist ihnen allen gemein: Sie enthalten auf besonders amüsante, weil zweideutige oder schlicht besonders unglückliche Weise Rechtschreibfehler bis hin zu Stilblüten oder richtiggehenden Sprachvergewaltigungen, die Sick meist Anlass zu kurzen, witzig pointierten Kommentaren gaben. Einige sind offensichtlich mangelnden Deutschkenntnissen ausländischer Mitbürger geschuldet, andere fehlerhaften Übersetzungen, Unaufmerksamkeiten, Missverständnissen, falschen Schlussfolgerungen usw. usf., die gesamte Palette wird abgedeckt. Und nicht wenige der gesammelten Beispiele sind tatsächlich zum Brüllen komisch. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass es sich quasi ausnahmslos um Beispiele aus der Öffentlichkeit handelt, sich der oder die Verfasser sich also unwissentlich durch sie bloßstellten. Dass man darüber lacht, ist vollkommen in Ordnung, denn, wie Sick in seinem gewohnt ansprechenden Vorwort klarstellt: „Natürlich darf man das! Schließlich geht es hier […] nicht darum, einzelne Menschen vorzuführen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Es geht darum zu zeigen, wie haarsträubend komisch unsere Sprache sein kann, wie schnell ein völlig neuer Sinn entsteht, wenn man aus Nachlässigkeit oder Gedankenlosigkeit nur ein paar Buchstaben miteinander vertauscht.“ Hämisch reagiere ich allerdings dann doch, wenn es sich um Beispiele handelt, in denen aus Vermarktungsgründen wieder einmal etwas mit der Brechstange pseudoamerikanisiert werden sollte und dies einmal mehr in die Hose ging. Einzelne Fälle würden unter normalen Umständen – also außerhalb dieses humoristischen und süffisant kommentierten Rahmens – sogar richtiggehend verärgern, nämlich dann, wenn offensichtlich ist, dass der Fehler durch mehrere Instanzen ging, jedoch nie korrigiert wurde, weil er allen schlicht scheißegal war. Denn dann darf man sich als der jeweilige Adressat auch mal gering geschätzt wähnen. Ein Namensregister, in dem sich die Einsender wiederfinden, rundet das Buch ab, das auf den letzten Metern etwas arg platzverschwenderisch mit einseitig bedruckten Werbeseiten zusätzlichen Umfang suggeriert. Unterm Strich ein kurzweiliges, durchaus hintersinniges Vergnügen, im Idealfall mit Lerneffekt. Auffallend ist mit dem heutigen zeitlichen Abstand jedoch, dass die damaligen Handykameras bei Weitem nicht die heute gewohnten gestochen scharfen Bilder produzierten…

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts hemmungslose Katastrophen

Als Kleinkind wurden mir diverse Bücher vorgelesen und als Grundschüler machte ich mich selbst an eine ganze Reihe Kinderbücher, wenn ich auch hauptsächlich Comics konsumierte. Klassische Jugendliteratur hingegen habe ich kaum gelesen. Die schwedischen Vettern Sören Olsson und Anders Jacobsson, ausgebildete Lehrer, haben eine fünfzehnbändige Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung verfasst, die sein Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 erschien sie im schwedischen Original, von 1990 bis 2005 schließlich ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger. Offenbar allen gemein ist, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen, der Erzähler also gleichzeitig die Hauptfigur ist. Als ich die Bände 5 bis 9 im Tauschschrank entdeckte, offenbar ausgemustert von einer Bücherei, griff ich nach etwas Überlegung neugierig zu, nicht zuletzt aufgrund der ansprechenden bunten Einbandgestaltung. Band 5, „Berts hemmungslose Katastrophen“, 1991 bzw. 1995 erschienen, hatte ich mir nun unlängst einmal zu Gemüte geführt, denn das Thema „Coming of Age“ ist zumindest im Filmbereich oftmals ein gerngesehenes.

Die einzelnen Tagebucheinträge sind jeweils mit Datum versehen, beginnend mit dem 2. Januar. Neu ist, dass die Einträge nur noch mit Abstand von jeweils einer Woche von Bert verfasst werden, zumindest war dies laut seinen einführenden Angaben zuvor anders. Der zu Beginn noch 13-, bald jedoch 14-jährige Bert beschreibt, wie er sich in Mitschülerin Emilia verliebt und ihr näher kommt, was er mit seinen besten Freunden, dem verrückten Arne und dem schwindsüchtigen, entwicklungsverzögerten Erik, erlebt und wie er seinen Ferienjob in einer Eisdiele meistert. Dass die Texte nicht wirklich von einem 14-Jährigen bzw. wenn, dann von einem schriftstellerisch hochtalentierten verfasst wurden, wird trotz der um Jugendlichkeit bemühten Schreibweise schnell deutlich, denn dafür ist sie humoristisch zu pointiert und zu wenig naiv, zudem unschwer zu erkennen an ein Publikum gerichtet, weniger ein intimes Zwiegespräch mit sich selbst. Daraus resultiert jedoch eine gute Les- und Nachvollziehbarkeit; zielstrebig wird die Geschichte verfolgt, die sich trotz einiger Irrungen stets positiv für Bert entwickelt. Im Vordergrund stehen weniger die verwirrte pubertäre Gefühlswelt angesichts der ersten Liebesbeziehung als vielmehr eine extrem lockere Schreibe und viel mitunter ins Absurde gleitender Humor, der evtl. – das kann ich nicht beurteilen – die angepeilte Zielgruppe begeistern mag, mir persönlich jedoch zu konstruiert und unrealistisch übertrieben erscheint. Positiv fällt indes Berts Hang zur Selbstironie auf, der pubertätsgeplagten Lesern indirekt evtl. mögliche Bewältigungsformen für ihre Probleme mit auf den Weg gibt. Bert selbst scheint nicht unbedingt in einer Bilderbuchfamilie, aber generell durchaus behütet aufzuwachsen. Dass und wie er in eine zarte Beziehung zu Emilia gerät, geschieht überraschend zwischenfallsfrei und problemarm, diesbzgl. wäre sicherlich mehr drin gewesen – gerade auch, was die Interessen und Fragen der Leser betrifft. Und wovon in anderen Fällen ganze Bücher handeln, nämlich die Gründung einer Rockband, unzählige Proben und schließlich die heiß ersehnten ersten Auftritte, passiert hier scheinbar von einer Buchseite auf die andere und schon tritt die vorher mit keiner Silbe erwähnte Kapelle Berts und seiner Freunde live auf. Das scheint mir nicht nur eine vertane Chance zu sein, die Geschichte mit interessantem Gehalt zu füllen, sondern dürfte auch ein vollkommen falsches Bild vermitteln.

Wenn Erwachsene Jugendbücher schreiben und möglichst nah dran an den Protagonisten sowie am Leser sein wollen, ist das mit der Jugendsprache natürlich immer so eine Sache. Auch hier scheint sich mir manch Ausdruck eingeschlichen zu haben, der mir weniger aus dem tatsächlichen Sprachschatz der Jugend als dem, was die Autoren dafür halten, zu entspringen scheint. Möglicherweise ist dies aber auch schwedischem Lokal- und Zeitkolorit in Kombination mit der deutschen Übersetzung geschuldet. Dass Bert seine Einträge stets mit einem kurzen Reim schließt – meist „Hip hop – alles top“ –, liest sich für mich wie ein Indiz für eine Pseudo-Coolheit, die zu Bert in Anbetracht seines sonstigen Schreibstils nicht so recht passen will, evtl. aber schlicht von den Autoren als tatsächlicher Ausdruck von Wortwitz und Lässigkeit betrachtet wurde.

Das 144-seitige Buch mit seinen relativ großen Lettern wurde um einige Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdins ergänzt, die in ihrem karikierenden Stil einen visuellen Eindruck von Bert und Konsorten vermitteln. Ob es ebenso harmlos und glücklich für Bert weitergehen wird, wird vermutlich der sechste Band zeigen. Ob ich den nun unbedingt auch noch lesen muss, steht allerdings auf einem anderen Blatt…

Dennis King – Art of Modern Rock – Mini #2: Poster Girls

Poster-Sammler Dennis King ist ein internationaler Plakat-Guru. Für den zweiten Band der „Art of Modern Rock“-Posterbuchreihe hat er rund 200 subthematisch grob sortierte Plakate zusammengestellt, denen gemein ist, dass sie in irgendeiner Form Bezug nehmen auf ikonische weibliche Figuren und diese zur prominenten Illustration nutzen. Neben einigen wenigen Fotografien handelt es sich überwiegend um stilisierte Zeichnungen: Pop-Art, comichaft, karikierend, auf mythologische Vorbilder oder welche aus Filmen verweisend, mal sexy, mal gefährlich, häufig beides, Rollenbilder bestätigend, persiflierend oder negierend, an den Pin-up-Stil der 1950er angelehnt oder modern, meist kunterbunt und immer echte Hingucker, hinter denen die aufgeführten Bands – meist handelt es sich um Konzertankündigungen – nur die zweite Geige spielen. Im Mittelteil wird das knapp 200 Hochglanzseiten auf festem, wertigem Papier umfassende Buch durch ein Kurz-Interview mit Art Chantry ergänzt, das der Frage nachgeht, ob Nacktheit auf Plakaten Frauen degradiert. Doch natürlich handelt es sich hierbei um keinen Schmuddel, sondern um echte, ästhetische Kunst, die auf Plakaten von zahlreichen Garage-, Punk- und Alternative-Bands ihren Ausdruck findet und inspirierend wirkt: im Hinblick auf die Vielfältigkeit eines Motivs, auf die Gestaltungsmöglichkeiten von Postern und Flyern sowie auf die mögliche Symbiose von ikonographischer Kunst und Rock’n’Roll. Darüber hinaus bietet der Band im handlichen Taschenbuchformat natürlich einen schönen Überblick über die Höhepunkte dieser Form von Plakatkunst unter o. g. Prämisse. Ein Vorwort Kings, einige Zitate zum Thema und ein Index runden diese 2008 bei Edition Olms für den deutschsprachigen Markt lizenzierte Ausgabe ab, deren Sprache englisch ist, die jedoch meist verstummt und stattdessen die Bilder für sich sprechen lässt – weshalb es Spaß macht, sie immer mal wieder zur Hand zu nehmen und in ihr zu blättern.

Mad-Taschenbuch Nr. 15: Sergio Aragones – Total verrückt!

Mad-Stammzeichner Sergio Aragones wurde 1977 ein drittes Taschenbuch gewidmet, das im US-Original bereits 1974 erschienen war. Auf rund 160 (unnummerierten) Seiten tummeln sich zahlreiche Kurzgeschichten in Comic-Form, die erneut ohne Dia- oder Monologe auskommen und neben Aragones’ karikierendem Strich nette Pointen bieten, die jedoch für Mad-Verhältnisse etwas den Biss vermissen lassen und manchmal arg seicht ausfielen, bisweilen aber auch über gesellschaftssatirische Momente verfügen, die herausstechen, während man das Büchlein gewohnt schnell, aber kurzweilig durchgeblättert hat.

Mad-Taschenbuch Nr. 13: Atonio Prohias – Noch mehr Zündstoff von Spion & Spion

Die beliebte „Spion & Spion“-Reihe kam 1977 zum zweiten Mal in den deutschen Mad-Taschenbüchern zu Ehren. Auf (diesmal nummerierten) 160 Seiten wird sich wieder dialogfrei gegenseitig der Garaus gemacht, wobei die sich jeweils über ein paar Seiten erstreckenden Kurzgeschichten diesmal Titel bekommen haben: „Operation Volltreffer“, „Operation Rückschlag“ bis hin zu „Operation Operation“. Abgefahrene technische Kettenreaktionen scheinen mir diesmal bei den gegenseitigen Mordplänen eine noch größere Rolle zu spielen und wie üblich fällt meist derjenige selbst hinein, der dem anderen eine Grube gräbt – jedoch auch nicht immer, sodass der Ausgang nicht immer feststeht. Die Comics leben in erster Linie von ihrem Einfallsreichtum beim originellen Fallenbau, weniger von ihren Pointen. Wer der beiden namenlosen Spitzgesichter jeweils gewinnt, hält sich wie üblich die Waage. In ihrer komplett sinnbefreit anmutenden Reduzierung der Spionagetätigkeiten auf gegenseitiges Abmurksen ist „Spion & Spion“ ein amüsantes und zugleich makaber-satirisches Kind des Kalten Kriegs, das sich noch viele weitere Jahre behaupten sollte.

Mad-Taschenbuch Nr. 9: George Woodbridge, Larry Siegel – Die große Mad-Lebensfibel

Einen ungeschönten, wenig sentimentalen Blick auf das Leben (eines typischen Mad-Lesers) wirft das neunte Mad-Taschenbuch aus dem Jahre 1976, dessen Inhalt bereit s 1973 in den USA erstveröffentlicht wurde. Das rund 160 Seiten lange Konzept: Links eine großflächige Schwarzweiß-Zeichnung Woodbridges, meist eine Karikatur aus dem Alltag, rechts Larry Siegels (sehr gelungen übersetzter) Text in Strophenform, häufig mit „Schau“ im Imperativ eröffnend: „Schau, ein Baby!“, „Schau, wie du heulst!“, „Schau dich an!“ Auch Interjektionen und Inflektive treten gehäuft und meist wiederholend auf, bereits im Kaufanreiz auf der Büchrückseite: „Scheffel, scheffel, scheffel!“ Sprachlich wird also der kindgerechte Sprachstil herkömmlicher Fibeln persifliert, während es sich inhaltlich um eine absolut pessimistische, desillusorische Sicht auf Leben und Tod eines jugendlichen Versagers und erwachsenen Durchschnittsmanns handelt, der es zwar zu Job, Frau und Kindern im Laufe seiner Existenz bringt, zu dem das wirkliche Glück jedoch stets ausreichend Abstand hält. Neben der augenzwinkernden, ironischen, nicht selten auch auf z.B. Geschlechterklischees zurückgreifenden Betrachtung typischer Lebensstationen wie Kindheit, Jugend, Ehe und Alter schwingt stets Kritik an gesellschaftlichen Konventionen, die die freie Entfaltung des Individuums verhindern, mit, was „Die große Mad-Lebensfibel“ alles in allem zu einem makaber-vergnüglichen, auf den zweiten Blick jedoch durchaus auch etwas traurigen oder zumindest nachdenklich stimmenden, jedenfalls immer etwas hintersinnigen Angelegenheit macht.

Mad-Taschenbuch Nr. 5: Antonio Prohias – Spion & Spion

Seit 1961 erfreuen sich die „Spion & Spion“-Comics des Zeichners Antonio Prohias im US-amerikanischen Mad-Magazin großer Beliebtheit, fanden ebenso in den deutschen Mad-Heften Beachtung und debütierten im Taschenbuch-Format 1975: Mit dem fünften Mad-Taschenbuch kamen sie nach Don Martin, Sergio Aragones und Al Jafee zur Ehre, sich auf rund 160 (unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten in kurzen Comic-Geschichten sowie großformatigen Einzelbildern gegenseitig an den Kragen gehen zu dürfen. Es handelt sich um zwei spitznasige Gestalten, deren Aussehen an Mensch-Vogel-Hybridwesen erinnert und die sich bis auf ihre weiße bzw. schwarze Kleidung ähneln wie ein Ei dem anderen. Sie versuchen stets, sich gegenseitig zu überlisten, sich geheime Informationen abzujagen oder schlicht, den jeweils anderen auszuschalten. Dabei geht es comichaft überzeichnet gewalttätig zu und derjenige, der dem anderen eine Falle stellt, fällt meist selbst hinein – aber nicht immer, wodurch der Ausgang häufig ungewiss bleibt. Wer jeweils gewinnt, ist sehr ausgewogen und weder Figurengestaltung noch Inhalte lassen Rückschlüsse auf ihre jeweiligen Auftraggeber, ihr politisches Lager oder den konkreten Gegenstand ihrer Spionagetätigkeiten zu. „Spion & Spion“ ist die Persiflage eines Teilbereichs des Kalten Kriegs, die das Schwarzweißdenken jener Ära aufs Korn nimmt, was sich in der Farbgestaltung widerspiegelt. Eine Besonderheit ist, dass die Comics komplett ohne Dialoge, innere Monologe oder erläuternde, einordnende Texte auskommen. Dadurch muss man mitunter schon genauer hinschauen, um die Handlung zu erfassen, was dem Ganzen auch etwas Pantomimisches verleiht, was wiederum ebenfalls zur Schwarzweißgestaltung passt. Mit dem Platz ging man recht großzügig um und platzierte lediglich ein bis zwei Panels pro Seite, sodass man mit diesem Band entsprechend schnell durch ist. „Spion & Spion“ gehören zu den Ikonen der Mad-Welt, sind fest im popkulturellen Gedächtnis verhaftet und wurden später u.a. die titelgebenden Helden von Computerspielen.

Mad-Taschenbuch Nr. 1: Don Martin hat Premiere

Endlich liegt mir nun auch das erste Mad-Taschenbuch vor, bei seinem Erscheinen 1973 noch „Mad Paperback“ genannt. Es war an Stammzeichner Don Martin, dem „Meister des bebilderten Slapsticks und des schwarzen Humors“ (Wikipedia), die 73-bändige Reihe mit seinem unverkennbaren Stil zu eröffnen. 160 Schwarzweiß-Seiten lang darf man sich an seinen Comics erfreuen, derer es neun Stück ins Buch geschafft haben. In „Der Stern von Brooklyn“ macht er sich über das Showgeschäft lustig, „An einem Frühlingstag“ nimmt technischen Fortschritt und Konsum anhand einer – bzw. vieler verschiedener – Armbanduhren aufs Korn, die drei „Rauch über der Prärie“-Teile sind Western-Persiflagen, „Nancy Nett, Stewardess“ ist eine gelungene Parodie auf die Sicherheitsinstruktionen durch Flugbegleiterinnen und mein persönlicher Höhepunkt des Buchs, „Schönheit kann man kaufen“ ist eine Karikatur auf weiblichen Schönheitswahn, „Ein stinknormaler Tag“ zeigt das Privatleben eines Hunds, wenn das Herrchen länger außer Haus ist und „Lance Parkertip“ ist eine jener beliebten Film-noir-Parodien – allesamt natürlich in Martins slapsticklastigem, heillos überzeichnetem, herrlich krudem Stil und mit meist gelungenen, unvorhergesehen Pointen veredelt. Ein bisschen war damals aber schon noch der Wurm drin: Die eine gewichtige Rolle in der ersten Geschichte spielende Spinne hat lediglich sechs Beine und damit eindeutig zwei zu wenig, Hollywood wird teilweise mit „ie“ geschrieben und die Zeichnungen wurden teils sehr unsauber entkoloriert. Bemerkenswertes Detail, das es irgendwie auch in die deutsche Ausgabe geschafft hat: Das eine Domina zierende Hakenkreuz.

Mad-Taschenbuch Nr. 14: Dick de Bartolo, George Woodbridge – Mad-Buch für Freizeit & Sport

1976 in den USA, 1977 übersetzt in Deutschland erschienen, widmet sich das 14. Mad-Taschenbuch 160 Seiten lang und unterteilt in elf Kapitel beliebten Freizeitaktivitäten wie Wandern und Zelten, Segeln, Pflanzen und Blumen, Radfahren, Zeichnen und Malen, Schnorcheln, Basteln, Kegeln, Muskeltraining, Jagdsport sowie Sportfliegen, wovon typische Mad-Leser das Wenigste ernsthaft interessiert haben dürfte. Deshalb widmet sich de Bartolo in seinen Texten – in diesem Falle nicht in Comic-, sondern in Einführungs- und Anleitungsform – auch vielmehr der ironischen bis sarkastischen Verballhornung dieser Sportarten und teils abenteuerlichen Hobbys und derjenigen, die ihnen nachgehen. Pointe beinahe jeden gagreichen, mit Tücken und Klischees spielenden Kapitels ist, dass irgendwie doch alles zum Scheitern verurteilt ist. Trotz George Woodbridges witziger, großflächiger Illustrationen hat man allein den Lesestoff betreffend von diesem Büchlein länger etwas als von einem reinen Comicband, wenngleich es manchmal schwer fällt, sich auf den kleingedruckten Text zu konzentrieren, wenn darunter eine große karikierende Zeichnung um die Aufmerksamkeit buhlt. Viele echte Schmunzler sind dabei, manches wirkt heutzutage aber auch etwas abgegriffen oder überholt. Am größten ist der Lesespaß i.d.R. immer dann, wenn die jeweiligen Aktivitäten als Geldschneiderei der Freizeitindustrie oder als armselige Indizien einer Profilneurose entlarvt werden.

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