Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 1 of 31)

06.10.2017, Villa, Rotenburg: RESTMENSCH + ANGEBRACHTE PANIK + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Eigentlich hätte eine Mini-Tour daraus werden sollen: Freitag in Rotenburg und Samstag zusammen mit KILLBITE und RESTMENSCH in Rostock. Als wir kurz vor Toreschluss erfuhren, dass in Rostock zeitgleich ein Konzert stattfindet, von dem die Bagehl-Veranstalter vermuteten, dass es das ganze Publikum ziehen würde und sie dieses auch selbst gern besuchen würden, war kurzzeitig ein Nachmittags-Konzert im Gespräch, worauf wir letztlich in gegenseitigem Einvernehmen und vor dem Hintergrund des Rotenburg-Gigs dann doch lieber verzichteten – aufgeschoben ist natürlich nicht aufgehoben!

Nichtsdestotrotz hatte uns der gute KILLBITE-Ballo in der Rotenburger Villa untergebracht, die ich einst bereits mit BOLANOW BRAWL bespaßen durfte und auf die ich mich aufgrund der positiven Erfahrungen besonders freute. Doch warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? Einen Tag vorher war Xavier (nicht Naidoo, sondern der Orkan – egal, beide scheiße) über Deutschland hinweggefegt und hatte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen: Zerstörung, Tote, Verkehrschaos. So wurde schon mal nichts aus dem Plan, dass Eisenkarl und Tentakel mit dem Wohnmobil anreisen und wir übrigen inkl. Jana und dem österreichischen Matjesmädchen Lisa mit der Bahn loseiern, denn die Bahnstrecke war gesperrt. Also erklärte sich Jana dankenswerterweise bereit, ihre alte Schüssel nicht nur zur Verfügung zu stellen, sondern auch höchstpersönlich zu steuern, wenn auch mit einem etwas mulmigen Gefühl und der Befürchtung, irgendwo auf der Autobahn liegenzubleiben. Dies passierte zwar nicht, doch musste zunächst einmal Eisenkarl Starthilfe geben. Durch heillos verstopfte Straßen quälten wir uns dann durch den Hamburger Feierabend- und Wochenendverkehr und konnten nicht einmal auf den Elbtunnel ausweichen, da dieser ebenfalls gesperrt war. Endlich raus aus der Hanse- und Bullenstadt ging’s auf besagte Autobahn, auf der wir prompt in zähflüssigsten Verkehr und Stau gerieten, sodass wir uns nur quälend langsam gen Rotenburg a.d. Wümme fortbewegen konnten. In jenem Bremer Vorort endlich angekommen, ging das Chaos direkt weiter, denn aufgrund einer Kirmes war die halbe Stadt abgesperrt, wovon unsere Navis natürlich nichts wussten. So kurvten wir ein paarmal durch den Kreisverkehr, bis wir ENDLICH zur Villa gelangten. Boah ey!

Dort nahmen uns Einheimische sowie die RESTMENSCHen in Empfang. Beim Einchecken erfuhren wir dann, dass unser Veranstalter und Mann vor Ort ebenfalls noch gar nicht da ist, weil er einen Autounfall hatte – ein Laster war ihm hinten reingefahren. Zum Glück ist dem guten Mann aber nichts weiter passiert und er konnte später dazustoßen. Um uns eine Mahlzeit zu kredenzen, hatte man improvisiert und uns Veggie-Dürüms vom örtlichen Döner-Restaurant besorgt, was ‘ne sehr feine Sache war. Mein Magen dankte es und zwischen Aufbau und Soundcheck begann ich mit der Druckbetankung, denn natürlich waren wir arschspät dran. ANGEBRACHTE PANIK aus Bremen wähnte ich als lokalen Opener, doch die Panikmacher favorisierten selbstbewusst die mittlere Spielposition für sich (RESTMENSCH waren als Headliner eh gesetzt), was uns nur entgegenkam. Der Sound-Maestro zauberte uns einen vernünftigen Klang und hatte sogar bischn Hall für die Gesänge parat, was immer sehr angenehm, aber nicht selbstverständlich ist. Ferner berichtete man uns, dass aufgrund einer Konkurrenzveranstaltung weniger Gäste als gedacht anwesend seien. Ein paar Hamburger, die sich angekündigt hatten, mussten aufgrund besagter Bahnstreckensperrung ebenfalls passen, aber ich war mit dem Publikumszuspruch eigentlich ganz zufrieden.

Denn als wir wesentlich später als geplant endlich zu schrammeln, scheppern, brüllen und hassen begannen, zeigte sich der Mob nicht nur interessiert, sondern sogar tanzfreudig. Relativ unfallfrei zockten wir unser leicht gekürztes Set durch, abgesehen von ein paar Rumplern, meinem Tritt aufs Mikrokabel, was mir das Ding fast aus der Hand riss und ähnlich üblichen Sperenzien, bis Kai unmittelbar vorm letzten Song die E-Saite seines Besens riss. „Ghettoromantik“ wollten wir aber schon noch gern spielen und so zog er ‘ne neue auf, während ich die Zeit mit Bullshit-Gesabbel überbrückte. Nach allen Widrigkeiten hatten wir endlich abgeliefert und konnten nun zum entspannten Teil des Abends übergehen.

Dies bedeutete, sich den deutschsprachigen Punk von ANGEBRACHTE PANIK um die Ohren schlagen zu lassen. Stilistisch etwas eigen und gewöhnungsbedürftig mit seinen funkigen Einlagen und Sprech-Passagen, textlich ambitioniert, wütend und ziemlich undoof gegen Nationalismus, sexistische Geschlechterrollenklischees und ähnliche Unappetitlichkeiten wetternd und meines Erachtens immer dann am stärksten, wenn die Sängerin und Bassistin in Personalunion so richtig schön giftig singkeift. Den Gesang teilt sie sich übrigens mit dem Gitarristen. Die meiste Zeit verbrachte ich glaube ich hinterm Merch-Stand, doch von dort aus hatte man noch gute Sicht und guten Sound. Da fiel mir auch die liebevoll gestaltete CD der Band auf, die anstelle einer normalen Plastikschachtel in Stoff gehüllt wurde. Weiß gar nicht, warum ich mir die nicht mitgenommen habe. Musikalisch ist das nicht 100%ig meine Schiene und hier und da vielleicht noch etwas überambitioniert, aber die selbstbewusste und kritische Attitüde kam gut rüber. Interessante Band.

Was dann geschah, erfüllte einerseits all meine Erwartungen und doch wieder nicht: RESTMENSCH prügelten gewohnt souverän ihren herrlichen ‘80er-HC-D-Punk durch und ließen das Adrenalin fließen, taten dies nach relativ kurzer Zeit jedoch in erster Linie nur noch für uns andere beiden Bands, die wir die Hamburger kräftig abfeierten, sowie einen versprengten Haufen Einheimischer. Ey Rotenburger, was war los? Müsst ihr alle so früh ins Bett? Aufmerksamkeitsspanne nach zwei Bands bereits ausgereizt? Hat das Haake-Beck zu sehr reingeknallt? Falls ihr das lest und wissen wollt, was ihr verpasst habt, konsultiert gern einen meiner anderen RESTMENSCH-Konzertberichte oder hört euch das Album „Die Erde ist eine Scheiße“ an.  Die AP-Sängerin ergriff zwischen zwei Songs das Mikro und tat kund, dass sie es bedauerlich fände, dass sie an diesem Abend die einzige Frau auf der Bühne gewesen sei und machte auf das Ungleichverhältnis zwischen den Geschlechtern aufmerksam.  Dabei war das Publikum – als es denn noch in stärkerer Anzahl da war – ziemlich gut gemischt und ich vermute einfach mal, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Frauenanteil in Bands derart gestiegen ist, dass Mädels auch auf der Bühne nicht weiter derart unterrepräsentiert sind. Bei RESTMENSCH konnte ich mich jedenfalls schön austoben und anschließend oben im Kneipenbereich auf den Sofas entspannen, bis man uns in unser nahegelegenes Schlafgemach geleitete, eine luxuriöse Wohnung mit reichlich Betten und eigenem Zimmer für uns. Seltsamerweise wollte dort niemand mehr mit mir Aftershow-Party feiern und/oder meine TV-Melodien- oder Surf-Musik-Sammlung hören. Also öffnete ich mir ein letztes Bier und verabschiedete mich nach nur einem Schluck von den Banausen, indem ich spontan wegknackte und den anderen scheinbar den Schlaf raubte, indem ich paar dicke Äste sägte, durchs Gebäude auf der Suche nach dem Klo – bzw. dem Weg zurück – schlich und angeblich gar Zwiebel- und Krautsalat-bedingter Flatulenz freien Lauf ließ. Ich weise sämtliche Vorwürfe natürlich entschieden zurück.

Am nächsten Morgen weckte man mich offenbar aus Rache zu nachtschlafender Zeit. Ich kapitulierte und begab mich ebenfalls zurück zur Villa, wo wir unser Zeug einluden, nachdem ich den armen Veranstalter aus den Federn klingeln musste. Eine Katze lief umher und ließ sich streicheln, Kalle suchte einen Bäcker und kam mit Fladenbrot, Käse und Knobiwurst vom Dönerman zurück und die Rückfahrt gestaltete sich unspektakulär, dank Konterbier (und natürlich Janas besonnener Fahrweise auf nun freieren Straßen) erträglich. Nur Kai wirkte irgendwie unausgeschlafen…

Danke ans Villa-Team für alles, an Ballo für die Vermittlung, an HH-Martin, der’s tatsächlich bis nach ROW geschafft hatte, die Bands, die Leute vor der Bühne und Jana + Lisa fürs Fahren, DJing, Fotografieren und Merch-Stand-Betreuung!

22.09.2017, Lobusch, Hamburg: THE MAD MOISELLES + THE SOUL INVADERS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Pott-Export Mäggi blies zur Geburtstagsfeier in der Lobusch und hatte all seine Lieblingsbands eingeladen. Weil aber weder die DIE AMIGOS noch DIE FLIPPERS und leider auch nicht BRUNNER & BRUNNER konnten, sprangen wir stattdessen zusammen mit zwei Bands aus seiner alten Heimat ein. Diesmal war’s nicht ich, der im Vorfeld mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, sondern Dr. Tentakel kroch auf allen Achten und war ein erbarmungswürdig vergripptes Häufchen Elend. Dazu aber ein tapferes und so verzichteten wir auf die letzten Proben und versorgten ihn stattdessen mit schlauen Tipps („Iss mal ‘nen Apfel!“), Freitag stand er Gewehr bei Fuß.  Gegen 22:30 Uhr ging’s mit „Pogromstimmung“ los und elf weitere Songs folgten, von denen wir „Ghettoromantik“ spontan etwas umstrukturierten, ähem… Obwohl’s in der Lobusch keine Monitore mehr gibt, konnte ich den Sound über die P.A. gut vernehmen und der klang gar nicht übel – zumindest so lange mein Mikro nicht plötzlich leiser wurde oder zwischendurch gar ganz ausfiel. Hrmpf.  Auch das Publikum war diesmal seltsam reserviert, dafür aber ungefähr in der von mir in etwa vermuteten Stärke aufgeschlagen – wenn Mäggi auch mit mehr gerechnet hatte. Hinterher konnten wir uns aber ein Lob abholen, wie schnell unsere Songs mittlerweile geworden seien – klar, wir mussten uns ja auch beeilen, schließlich musste das Tentakelchen schnellstens zurück ins Lazarett.

THE SOUL INVADERS aus Hagen traten anschließend kräftig Arsch mittels flottem englischsprachigem Oldschool-Punkrock, mal rockiger, mal melodischer, mal Richtung Rock’n’Roll oder Garage, aber immer 100 % nach vorn. Teile des Publikums tauten nun etwas auf und feierten die vor allem vom Sänger inbrünstig transportiere Punkrock-Show. Das hatte Stil, Druck und Qualität und war in jedem Fall der beste SOUL-INVADERS-Gig, dem ich bisher beigewohnt habe. Die Soundprobleme hatten hier anscheinend auch ein Ende und der coolen Abgewichstheit, mit der die SOUL INVADERS ihr Set durchzockten, merkte man die langjährige Live-Erfahrung zu jeder Sekunde an. Der Sänger, der als Ritual unmittelbar vor jedem Gig noch mal aufs Scheißhaus geht, hatte offenbar guten Stuhlgang… Ohne Zugabe ging’s nicht zur Aftershow-Party und damit hatte der Abend seinen musikalischen Zenit erreicht.

THE MAD MOISELLES stammen ebenfalls aus Hagen, dürften aber bei weitem noch nicht so lange unterwegs wie die Kollegen sein. Musikalisch fährt man ganz grob ‘ne ähnliche Schiene, englischsprachiger Punkrock der alten Schule eben, etwas ruppiger und aggressiver, angepisster und grundsätzlich echt nicht verkehrt, musikalisch ‘ne ehrenwerte, wohlklingende Angelegenheit. Nach ein paar Minuten jedoch verweigerte das Quintett den Dienst und verlangte mehr Bier – bis dahin absolut verständlich. Doch auch mit neuen Kannen ausgestattet tat sich erst mal nix und der Sänger lümmelte auf dem Bühnenboden herum. Irgendwann ging’s dann nach ‘nem verbalen Arschtritt des Drummers weiter, woraufhin der Sänger sich offenbar genötigt fühlte, ‘ne besonders ausgefallene Show hinzulegen: Er mimte den Besoffski und saß, kroch oder lag mehr auf der Bühne herum, als dass er sich in der Senkrechten befand. So richtig authentisch wirkte das nur leider nicht, was aber wiederum ganz gut war, da die Texte anscheinend saßen und gesanglich alles gepasst zu haben schien. Gute Songs und Performance aller Beteiligten also mit seltsamer, übertriebener Show-Einlage, deren Sinn sich mir nicht erschloss und die irgendwie bizarr und einfach drüber war.

Das war’s dann auch mit dem öffentlichen Teil  der Geburtstagssause Señor Mäggies, der nur einen Tag später mit den SOUL INVADERS im privaten Kreise auf dem Gaußplatz weiterfeiern sollte – je oller, je doller. Glückwunsch noch mal und danke darüber hinaus an seine Helfer und das Lobusch-Team (insbesondere Sonja fürs Überwachen unseres eigentlich nur zu repräsentativen Zwecken aufgebauten Merch-Stands) sowie an Meisterkoch Olax fürs leibliche Wohl über Kaltgetränke hinaus und last but noch least an Jana und Flo für die Schnappschüsse unseres Gigs!

15.09.2017, Archiv, Potsdam: ZUNAME + BOLANOW BRAWL

Nach mehreren Anläufen hatte es an diesem Spätestsommerabend endlich mit dem Archiv geklappt: Die Brigada-Caoz-/Ready-To-Fight-Shows-Konzertgruppe war so freundlich wie mutig, uns als Support für die russischen Folk-Streetpunks ZUNAME zu buchen, die sich auf Deutschland-Tour befanden und erst am Wochenende zuvor in Hamburg gezockt hatten. Wodka meets Whisky sozusagen, das passte doch. Ich will hier gar nicht lange mit meinen fast schon obligatorischen Ausführungen zu meinem Gesundheitszustand langweilen; natürlich hatte ich mir auch vor diesem Gig ‘nen Röchelhusten eingefangen, aber dank pharmazeutischer Erzeugnisse rechtzeitig weitestgehend in den Griff bekommen. Die Hinfahrt gestaltete sich unspektakulär; am meisten zu schaffen machte uns eigentlich der Hamburger Freitagnachmittagsverkehr – die Potsdamer Sackgasse, in die uns der Navi leitete, konnte uns da nicht mehr schocken. Vor Ort nahm man uns freundlich in Empfang und versorgte uns mit Sternburg Export sowie weiteren Bier-Spezialitäten. Im geräumigen Backstage-Bereich standen Knabbergebäck, Handtücher und Pfeffi bereit und man führte uns durch das ehemals besetzte, schon mal geräumte, doch unlängst rebesetzte wieder legalisierte Gebäude. Das Archiv ist eine riesige Bude mit räumlich abgetrenntem Kneipenbereich, langen Gängen und rustikalem Charme, dabei pikobello sauber und aufgeräumt. Kein Vergleich also zu den engen, drängeligen HH-D.I.Y-Clubs.

Das Konzert war für etwas später angesetzt worden, da der eine oder andere Besucher und Helfer an der vorher stattfindenden Demo für bezahlbaren Wohnraum teilnahm. Letztlich wurden es mit 21:00 Uhr Einlass und 22:20 Uhr Konzertbeginn aber gewohnte Zeiten. Vorher soundcheckten wir auf der „kleinen“, ebenerdigen Bühne, wo der kompetente Soundchef den üblichen Lautstärkekrieg unserer Saitenfraktion resolut unterband. Danke! Anschließend konnte ich in Ruhe unseren kleinen Merch-Bauchladen aufbauen, der sogar frequentiert wurde (hätte ich das gewusst, hätte ich Wechselgeld eingepackt), bis es plötzlich doch hektisch wurde: Zehn Minuten früher als von mir anhand einer komplexen Konzertbeginnformel errechnet komplimentierte man uns auf die Bühne; meine Band stand Gewehr bei Fuß und rief panisch nach mir, als ich noch einen provisorischen Toilettengang für angebracht hielt – wir waren hier schließlich nicht bei GG Allin. Also ohne viel Federlesen 1, 2, 3, 4, „Total Escalation“ und elf weitere Kamellen, angekündigt als Buxtehuder Rock-Oper in zwölf Akten auf den Spuren von The Who. Bei „Where Is My Hope“ – ausgerechnet einem der Oldies – erwischte mich ein kurzer Blackout, ein Gitarrensolo sprang über die Klinge und der eine oder anderen Ton hatte etwas Schlagseite, alles in allem schlugen wir uns aber wohl recht ordentlich. Teile der Band waren jedoch dem Gerücht aufgesessen, dass genereller Zeitmangel herrsche und hasteten dadurch ungewohnt eilig durchs Set. Dies verhinderte indes das normalerweise zwischen die Songs verteilte Stand-Up-Programm aus alten Witzen à la Fips Asmussen und gegenseitigen Beleidigungen und sorgte dafür, dass man mich ausnahmsweise einmal nicht zu düpieren versuchte. Ganz am Ende rief sogar einer „Zugabe“ – wir taten aber so, als hätten wir es nicht vernommen.

Die russischen Celtic-Folk-Streetpunks ZUNAME hatte ich bereits in Hamburg ausgekundschaftet und für unbedingt abfeierungswert befunden. Auch diesmal gab’s wieder ordentlich was fürs Geld, ein sattes Set von ca. 20 Stücken wurde durchgepeitscht und Gitarrist Dimik spielte sich beinahe ‘nen Fingerkrampf. Der kehlige, raue, doch melodische bis hymnische Streetpunk mit seinen Dudelsack-Einsätzen, -Soli und -Leads der stets fröhlichen Marina kam auch ins Potsdam bestens an, sorgte für ‘nen vollen Saal und eine Traube Tanzwütiger und zog auch mich weg vom Merch-Stand. Nach ‘ner Zugabe war irgendwann Schluss und alle waren glücklich – außer ich, denn mein bevorzugtes Shirt-Motiv gab’s nicht mehr in meiner Größe (nein, nicht XXXL) …

Backstage kümmerte sich Ole um den deutsch-russischen Kulturaustausch, indem er gemeinsam mit den Moskauern die trinkkulturellen Unterschiede erörterte und auf einem staubigen Spiegel skizzierte, vor dem etwas später noch streng wissenschaftlich übers Saufen doziert und über die korrekte Anwendung entsprechender Formeln debattiert wurde. Als die Veranstalter das nicht mehr verantworten konnten, begleitete man uns zu einem Gelände, wo für beide Bands komfortable Schlafgemächer bereitstanden, man Flo und mir sogar ein Einzelzimmer zur Verfügung stellte und wir auf Zombies, mit Bananen kämpfende Russen und weitere Bizarrerien trafen. Ein kleiner Wermutstopfen für eine zünftige After-Show-Party war, dass man zum Getränkeholen in den sich ebenfalls auf dem Gelände befindenden Club verwies, wo sich die absurde Plastikmusik in ohrenbetäubender Lautstärke auflegenden Veranstalter unwissend stellten und nichts von der Absprache wissen wollten, dass man mit Band-Bändchen aus dem Archiv keinen Eintritt berappen müsse, nur um an den Tresen zu gelangen. Aber sei’s drum, war hoffentlich für’n guten Zweck. An jedes gesprochene Wort in der Küche der Unterkunft kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es wurde viel gesabbelt, gelacht und weitergetrunken, bis irgendwann nichts mehr ging. Die letzte Bastion dürften Flo und ich gewesen sein, bis auch wir uns irgendwann ablegten und ich am nächsten Morgen zunächst nicht aus der Pofe kam. So ließ ich den anderen den Vortritt beim reichhaltigen Frühstücksbuffet inkl. selbstgemachter Brotaufstriche, frischem Grünzeug etc. – glücklicherweise ließ man genug für mich übrig! Beim Gruppenfoto mit der ganzen Crew war ich dann leider Zähneputzen, aber auch Stulle fehlte, da er sich mit seiner schwangeren Freundin bereits nach dem Gig abgesetzt und an diesem Tag einen weiteren Termin wahrzunehmen hatte.

Bis uns unsere Fahrerin auf ihrem Weg von Erfurt nach Hamburg abholen sollte, hatten wir noch ein paar Stunden Zeit, die wir – von Brigada Caoz mit einem Kinderstadtplan ausgestattet – bei bestem Wetter für einen ausgiebigen Spaziergang durch die Hauptverkehrsstraßen der Stadt nutzten, bis wir uns auf dem Zeppifest in der Zeppelinstraße einfanden, wo’s Konterbierchen zu sübbeln und die ersten beiden Bands zu hören gab. Meine Freunde vom PROJEKT PULVERTOASTMANN verpasste ich aber, so viel Zeit hatten wir dann doch nicht mehr. In eine Band wie KRUSTENBOXER mit der Beschreibung „Anti-Crust-GeOi!e“ o.ä. hätte ich dann eigentlich aber schon gern noch reingehört…

Als uns unsere Fahrerin mit ihrer fantastischen Frisur an der Unterkunft einsammelte, war diese schon wieder blitzblank gewienert – Respekt! Die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle und mit einigen von Studio Braun und dem Gelaber meiner Bandkollegen provozierten Lachflashs, bis Hamburg uns zu vorgerückter Stunde zurückhatte. ZUNAME bezeichneten Potsdam im Nachhinein als den Höhepunkt ihrer Tour, was sicherlich mit dem großartigen Job zu tun haben dürfte, den die Veranstalter geleistet haben. Angefangen beim warmherzigen Empfang über das schmackhafte Essen bis hin zur Abrissparty fühlten wir uns jederzeit bestens aufgehoben und sprechen an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten unseren Dank aus! Die sind mit viel Hingabe bei der Sache, was sich nicht zuletzt in zahlreichen Details äußert, die ich hier nicht alle aufführen kann. Äußerst angenehm ist es auch, dass man im Archiv offenbar den Merch-Stand auch mal alleinlassen kann, ohne Fünf-Finger-Discounter befürchten zu müssen. Noch vor Ort lud man uns zum Open-Air-Festival am 18. und 19.05.2018 ein, was wir bereits zugesagt haben. Ein Wiedersehen ist also lediglich eine Frage der Zeit. Fazit: Wer braucht Berlin, wenn er Potsdam haben kann?

P.S.: Danke auch an Flo für die Fotos unseres Gigs!

09.09.2017, Menschenzoo, Hamburg: ZUNAME + HAMBURGER ABSCHAUM

Auf ihrer Deutschland-Tour unternahmen die russischen Folk-Streetpunks ZUNAME auch einen Abstecher in den Menschenzoo, wo der ehrenwerte HAMBURGER ABSCHAUM den Vornamen (höhö…) machte. Gegen 22:30 Uhr blies der siebenköpfige Lokalmatador in gewohnter Manier zum Angriff, wenn auch diesmal aufgrund der Affenhitze im Zoo unter etwas erschwerten Bedingungen. Beide Sänger schwitzten sich den Arsch ab, bewiesen aber Durchhaltevermögen und boten Hamburger Trompetenpunk-Folklore der sympathischen Sorte. Das Publikum stand dichtgedrängt und kam dank des mit zahlreichen Klassikern sowie einigen neueren Stücken gespickten Sets auf seine Kosten. Los ging’s mit dem schon länger bekannten, kürzlich jedoch endlich auf Vinyl verewigten „Hetze“, für „Rasur“ wurde die Kettensäge ausgepackt, die den Raum mit wundervollem Benzingeruch erfüllte, die AfD bekam gleich zweimal „Auf’s Maul“, mit „Lauf“ erinnerte man an die Band LABSKAUS, der „Trekker Song“ freute nicht nur Hobbybauern und „Nich‘ mein Ding“ provozierte den obligatorischen „Döp-Döp“-Chor. Die „Refugees Welcome“-Nummer vom Lampedusa-Soli-Sampler fehlte ebenso wenig wie „Ein Schritt nach vorn“, das wie der Opener auf der neuen Split-7“ vertreten ist und Gitarrist Dauxis Talent in Sachen Gitarren-Leads unter Beweis stellt, mit dem er auch den einen oder anderen Song, der vor seiner Zeit entstanden ist, etwas aufmöbelt. Gänzlich unbekannt war mir eine düstere, fast metalige Nummer, die ebenfalls gut reinlief. Einzig zwischen den Songs hatte man mit fiesen Rückkopplungen zu kämpfen, die glücklicherweise verstummten, sobald weitermusiziert wurde. Als Zugabe wurde nochmals kräftig auf die Norm geschissen, denn „Nich‘ mein Ding“ musste noch mal herhalten und alle döpten wieder kräftig mit. Erwartungsgemäß geiler Gig!

Und was erwartete uns jetzt? Russen, die einen auf Irish Folk machen und Whisky statt Wodka saufen? DROPKICK MURPHYS in der Ostblock-Variante, THE POGUES mit russischem Akzent? Alles Quatsch, ZUNAME (die man wohl am ehesten „Tsunami“ ausspricht) tanzten auch nicht ihren Namen, sondern spielten mehrstimmigen rauen Streetpunk, kraftvoll und unaufdringlich melodisch, in russischer und englischer Sprache und begleitet von einer dauerlächelnden, offenbar sehr glücklichen Dudelsackspielerin, die für den Folk-Anteil sorgte. Dieser war also weit weniger dominant, als ich es erwartet hatte und das machte auch nichts. Diese Mischung hatte es in sich, denn die Songs gingen sofort ins Ohr, der Dudelsack fügte sich gut ein und dank zweier Gitarren blieb die Saitenfraktion stets im Vordergrund und sorgte für einen satten Sound. Der Bassist und einer der Gitarristen wechselten zwischenzeitlich ihre Bühnenposition, alle drei Vorderleute sangen und der Drummer gab ‘nen kräftigen Beat vor. Zwar hatten sich nach der Vorband die Reihen ein wenig gelichtet, aber alle Dagebliebenen schienen sich einig zu sein, dass ZUNAME ordentlich Stimmung in die Bude bringen und feierten die Band entsprechend ab. Soundprobleme gab’s keine mehr, schön satt knallte die Moskauer Melange aus den Boxen. Eine Zugabe wurde ebenfalls verlangt und insgesamt dürften ZUNAME auf knapp 20 Songs gekommen sein. Klasse Band, ich freue mich auf unseren gemeinsamen Gig in Potsdam diesen Freitag!

02.09.2017, Lobusch, Hamburg: BOUNCING BETTYS + LIQUOR SHOP ROCKERS + CRASS DEFECTED CHARACTER

Unter dem Motto „Punks meets Disco“ feierte die mir in erster Linie vom Sehen auf Gigs etc. bekannte Julia ihren 30. Geburtstag öffentlich in der altehrwürdigen Lobusch und hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, zu diesem Anlass möglichst illustre Stimmungskapellen zu verpflichten. Fragte ich mich anfänglich noch, wo denn das ganze Partyvolk bliebe und ob es sich bei dem Typen im weiblichen Kängurukostüm wohl um BOUNCING BETTY handele, war nach den ersten paar Bierkannen die Bude ca. zur Hälfte gefüllt und CRASS DEFECTED CHARACTER gaben Gas – bzw. erst mal ein Ständchen zum Besten, natürlich für „das Julia“, und zwar auf der Melodie von Wolle Petrys „Ruhrgebiet“. Den Namen Petry wieder positiv besetzen – geglückt! Im Anschluss folgte die gewohnte Mischung aus explosivem deutschsprachigem HC-Punk, meist im Up-, seltener im Midtempo und mit Hits wie „Eine Handvoll Fick Dich“, „Protest durch Sachschaden“ oder auch „Geiz ist geil“. Der Sound war derart gut, dass nicht nur Manus Bass kräftig knatterte, sondern auch die Texte deutlich zu vernehmen waren, die größtenteils aus dem Munde des vermutlich erstmals auf seine obligatorische Mütze verzichtenden Sängers/Gitarristen des Trios kamen. Was kommt als nächstes? Manu nimmt seine Sonnenbrille ab?! Unfassbar! Es war anscheinend nicht ganz einfach, ausgelassene Stimmung in die Bude zu kriegen, so richtig traute sich kaum jemand zum gepflegten Pogo. Je öfter die Gastgeberin jedoch mit ihrem Schnapstablett die Runde machte, desto lockerer wurde die Meute.  Natürlich musste ‘ne Zugabe her und CDC beschlossen ihren Gig, wie sie ihn eröffnet hatten:  Mit ihrem Julia-Ständchen, diesmal jedoch mit vergnügt tanzendem Geburtstagskind auf der Bühne. Ein beeindruckender Gig voll kontrollierter Aggression, technischer Tightness und inhaltlicher Relevanz, dessen Tüpfelchen auf dem I „Life is too long“ mit Gastsängerin gewesen wäre, wie es in der Vergangenheit regelmäßig der Fall war – aber man kann nicht alles haben.

Die noch recht neuen, jedoch nicht mehr jungen LIQUOR SHOP ROCKERS hatte ich mittlerweile bereits zweimal gesehen, einmal davon hier in der Lobusch, und auch diesmal veranstaltete das sich aus alten Szenerecken zusammensetzende Quartett wieder ordentlich Rambazamba mit seinem derben Punk/HC-Mix. Die Jungs sowie die Dame am Bass waren bestens aufgelegt und ebenfalls mit einem klasse Sound gesegnet, der Ninas Hokus-Pokus-Fidibass fast wie ‘ne zweite Klampfe klingen ließ. Das drückte wieder einwandfrei von der Bühne und animierte zu mittlerweile vorgerückter Stunde auch den einen oder anderem mehr zum Ausdruckstanz. Schicke Shirts hat man nun am Start, von denen ich mir gleich mal eines sicherte. Eigentlich war ich nach diesem Gig auch schon bedient, weil völlig zufrieden und längst gut angeheitert, aber der Headliner scharrte bereits mit den Hufen.

Die BOUNCING BETTYS aus Limburg hatten nichts mit dem Kängurufraumann zu tun, sondern entpuppten sich als gitarrenloses Bass- und Drum-Duo, das seinen Stil „Powerdisco“ getauft hat und der Veranstaltung damit ihr Motto gab. Seit 2015 ist man anscheinend mit dieser Mischung aus Punk und analogem Disco-Sound unterwegs, der für mich ehrlich gesagt vielmehr nach Stoner Rock o.ä. klang, was ja so gar nicht meine cup of pee ist. Unterhaltsam anzusehen war’s aber allemal und der Sound immer noch erträglicher als tatsächliches Disco-Geskasper. Trinken ließ sich dazu gut und die flotteren Stücke waren mitunter gar nicht übel. Wie lange ich danach noch vor Ort war, kann ich gar nicht genau sagen, aber es war in jedem Fall ein spaßiger Abend, ‘ne gelungene Party in sehr angenehmer Atmosphäre und ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Daher: Danke an Julia, die Lobusch und die Bands!

26.08.2017, Störtebeker, Hamburg: Fünf Minuten ohne Kopf

40 Bands spielen jeweils fünf Minuten – mit der diesjährigen Ausgabe ging dieses Spektakel in die dritte Runde und erstmals war es mir vergönnt, dem beizuwohnen. Letztlich wurden’s „nur“ 35 Bands (schade, die Band mit dem illustren Namen PERIOD PAIN & THE VAGINAL FLUID hätte ich gern gesehen), der Großteil aus Hamburg, doch auch diese bedeuteten natürlich den totalen Reizüberflutungs-Overkill und stellten mich vor die Herausforderung, zu jeder Band Bier zu trinken und dennoch einen Konzertbericht zu verfassen…

Durch das Programm führten zwei Moderatoren in Frauen-/Transgenderfummeln (Putzkittel und Glitzerjacket), die mit launigen Ansagen die eine oder andere Umbaupause, die dann doch länger ausfiel als die vorausgegangene oder folgende Performance, überbrückten. Um ca. 17:10 Uhr war es bereits an BOY DIVISION, den Reigen zu eröffnen, doch mit ihren durchs Megaphon gesungenen, kaum herauszuhörenden Coverversionen kann ich nichts anfangen und ich bemerkte, wie lang fünf Minuten sein können… Das exakte Gegenteil bei UNFUG, eigentlich DER UNFUG UND SEIN KIND und identisch mit der Instrumentalfraktion der musikalisch anders verorteten SPIKE: Der knochentrockene Brachial-Hardcore mit englischen Texten ballerte gewohnt gut auf die Fontanelle.

Noch nie gehört hatte ich von FIRST CLAUS, einer neuen Hamburger Band, die flotten Punkrock mit deutschen Texten spielte. Nicht verkehrt. EISENVATER verbuchten im Anschluss die wohl längste Umbauphase des Abends, denn man steckte fleißig Effektgeräte zusammen, zog sie wieder auseinander und begab sich auf Ursachenforschung hinsichtlich der fiesen Rückkopplungen. Seine eigentlichen fünf Minuten lang spielte der eiserne Papa dann ein proggiges Metal-Instrumentalstück.
ULF, noch mal neu, immer noch Hamburg. Emo-D-Punk mit viel Melodie, durchaus eigenwilligem Sound und leichtem Pop-Appeal. Wäre mir auf Dauer vielleicht zu aufdringlich, insbesondere der Sänger mit seinem überdrehten Clean-Gesang. Dürfte so die Hamburger-Schule-Ecke sein.

I AGAINST ME ist Gerüchten zufolge die Band eines Philosophie-Professors und klang auch so, hat nicht gezündet. Am coolsten war das „Doom“-T-Shirt des Gitarristen.  Evtl. folgte nun einer dieser Fälle, in denen ich den Soundcheck mit der Performance verwechselte: Waren LOWER DESIRES lediglich eine gitarrestimmende Dame? Wenn ja, spielten TERYKY im Anschluss Sludge-Core (oder so), eigentlich nicht meine Mucke. Diese hier lebte aber von ihrer Shouterin, deren von irgendwo ganz tief unten kommenden Verbalausbrüche im Kontrast zu ihrem lieblichen Antlitz standen. Hatte was.  Evtl. waren das aber auch TERYKY. Und/oder ich hab‘ einfach eine von beiden Bands verpasst, weil die Hitze im vollen Störtebeker sowie äußerst angenehmen Temperaturen und die Menschenansammlung vor der Tür nach jedem Auftritt nach draußen lockten – weshalb sollte man auch den Abend damit verbringen, Umbauphasen zu begaffen?

BASSAKER war dann eine One-Man-Band; ein cooler Typ, der mit seinem Bass hinter’m Drumkit sitzt und dabei durchaus hörbaren Analog-Drum-&-Bass fabriziert. Schade, dass er nicht auch noch gesungen hat! G31, eine weitere neue HH-Band, schraubten mit ihrer Sängerin im Anschluss den Trash-Faktor in die Höhe: Die Dame mit der Fönfrisur hüpfte unbeholfen auf ihren Stöckelschuhen und versuchte, mittels Gestik und Mimik ‘ne Wahnsinnsshow zu liefern, was jedoch zur unfreiwillig komischen Pose geriet. Musikalisch war’s härterer D-Punk. Apropos Pose: Im Posen ist CRASS-DEFECTED-CHARACTER-Bassist Manu ganz groß, das HC-Punk-Trio dabei musikalisch aber auch topfit und textlich auf den Punkt. Geile Band!

BELKA ließen mich mit ihrem Screamo eher ratlos zurück, KRANK machten Spaß mit Oldestschool-Hardcore, Schlumpfgesang und durchs Publikum springendem Sänger und ALWAYS WANTED WAR waren mir mit ihrem HC-Punk/Screamo-Crossover soundmäßig fast schon wieder zu neu, aber der Shouter, der seine Aggressivität und Verzweiflung nicht kalkuliert, sondern schön roh und ungekünstelt artikulierte, hat’s rausgerissen. „Jurassic Park“ bleibt dennoch ein gnadenlos überbewerteter Film.

Nun wurd’s ganz bizarr: Das Duo SUNDERLANDBUTCHERWITCH! kam mit zwei menschlichen Keyboard-Haltern auf die Bühne und nur vom Tasteninstrument begleitet hauchte, flüsterte und krächzte ein Herr älteren Semesters mit Bierpulle in der einen und Mikro in der anderen Hand heiser eine traurige Nummer. [Haha, Nachtrag: Wie ich gerade erfuhr, handelte es sich bei dem Opa um niemand Geringeren als LEATHERFACE-Sänger Frank Stubbs, was meinen Beitrag in Richtung Majestätsbeleidigung rückt! 😀 Einer der Keyboard-Halter soll zudem Jens Rachut gewesen sein. Beim Song könnte es sich um „My Heart is Home“ gehandelt haben.] Bei ANTISOCIAL DISTORTION im Anschluss handelte es sich leider um keine SOCIAL-D.-Coverband mit asozialen Texten, doch der deutschsprachige, räudige und aggressive HC-Punk des auf den Bass verzichtenden Duos war auch so unterhaltsam und schönes Kontrastprogramm zur Schlachterhexe. KOUKOULOFORI hatte ich ewig nicht mehr gesehen und freute mich umso mehr, dass das Trio gleich drei Songs in den fünf Minuten unterbringen konnte. Dass es sich dabei um die ruppigen, eruptiveren Beispiele ihres Schaffens handelt, dürfte klar sein.

Die Melodic-Punks SPIKE legten fantastische fünf Minuten aufs Bühnenparkett und schienen die Energie eines gesamten Gigs in diesen Auftritt zu packen. Wie die Sängerin es schafft, ihre Flipflops bei ihren Karatekicks nicht zu verlieren, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. TESTBUNKER präsentierten stolz ihre Hello-Kitty-Klampfe und zockten ebenfalls deutschsprachigen, räudigen und aggressiven HC-Punk wie zuvor ANTISOCIAL D., CDC etc., musikalisch jedoch ausgereifter als erstgenannte und textlich extrem ungehobelt und aus dem Bauch heraus, ergo: richtig geil! Das Niveau hielten WIRRSAL spielend, die ich am Tag zuvor gerade erst im Gängeviertel gesehen hatte.  Musikalisch nicht ganz so fundamentalistisch wie TESTBUNKER, aber ebenfalls volle Punktzahl! Vor lauter Spaß hab‘ ich glatt vergessen, ein Foto zu schießen.

GERØLL spielten krachigen, etwas konfus klingenden HC-Punk, bei OIDORNO hatte ich mich draußen festgequatscht und KAPOT, mit BRUTALE-GRUPPE-5000- und CONTRA-REAL-Vincent am Bass, gingen dann strukturierter und ausgefeilter zu Werke, HH-HC-Punk, der vor Chören und kleinen Melodien nicht zurückschreckt und ansonsten angenehm flott vorprescht. Die BRUTALE GRUPPE 5000 laserpunkte schließlich gewohnt wahnsinnig das Störte, inkl. Aluhelmen, Pornobalken und Hektiker- HC vor originellem Konzept.

3000 YEN entsprechen aktuell lediglich 22,83 EUR und hatten 1994 ein post-punkiges deutschsprachiges Album veröffentlicht, das ich mir seltsamerweise nie angehört habe. Am Gesang: Alt-Punk Sir Hake. Der hatte sichtlich Spaß am Kurzgig und der Typ im „Doom“-Shirt war auch wieder dabei. Interessantes Zeug, das ich mir mal in Ruhe werde zu Gemüte führen müssen. AUS DEM RASTER hatte ich kürzlich in Norderstedt bereits als hoffnungsvolle neue HC-Punk-Band ausgemacht und ihren Sound inkl. weiblich-männlichen Wechselgesangs über die Störte-P.A. zu hören, bestätigte den Eindruck. HUFFDUFF schließlich wirkten ziemlich druff und bischn wie ‘ne analoge Variante der BRUTALEN GRUPPE 5000: Der Sänger hatte sich das Ziffernfeld eines Analogtelefons vors Gesicht gebappt und sang in einen alten Sabbelknochen. Nicht ganz so brutale Gruppe 1920?

Die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN nutzte ihre 300 Sekunden für Anti-Aging-Tipps und verbreitete dabei wie üblich jede Menge positiver Energie. Energie ist auch ein gutes Stichwort für THE MOTH, die mit doomigem Sludge (oder umgekehrt) ein Zeug spielen, das ich mir normalerweise nicht freiwillig anhöre, hier jedoch derart inbrünstig und packend interpretiert wurde, dass ich positiv überrascht und irgendwie begeistert war. Bei BOSTON CURTIS verlassen mich meine Erinnerungen: D-Beat mit jemandem von BELKA? Auf PANZERBAND jedenfalls war ich gespannt. Die Hannoveraner um Fanziner Bäppi rannten musikalisch mit ihren oftmals nur rund ‘ne Minute kurzen, geradlinigen, hassigen HC-Punk-Songs offene Türen bei mir ein, textlich angenehm direkt und betont trve, wenn auch gern mal so arg überzeichnet, was dann schon wieder parodistisch wirkt. Werde mir die Platte wohl mal in Ruhe anhören, allein schon, um Missverständnissen vorzubeugen: Aufgrund der Ansage dachte ich echt, „Deine Helden“ richtete sich generell gegen Band-Shirts…

Immer mal wieder für’n Nebenprojekt gut ist bekanntlich HAMBURGER-ABSCHAUM-Holli, dessen Fastcore/Power-Violence-Combo PSYCH OUT den totalen Abriss zelebrierte und wohlig an ehemaliges Uralt-Holli-Zeug wie HAMBURG BEBT erinnerte. Bei DIE CHARTS (welch ungooglebarer Bandname!) kam dann wieder die Dame mit ihrem Tasteninstrument zum Einsatz, diesmal offenbar eines mit Ständer und diesmal auch mit Schießbude und anderem Sänger. Wenn ich mich jetzt noch erinnern könnte, was die gemacht haben…? Dürfte gewöhnungsbedürftiger Indie-Pop oder so gewesen sein, für den ich zu jenem Zeitpunkt schon viel zu voll war, in jedem Fall aber eingängiger als SUNDERLANDBUTCHERWITCH! Auch BIJOU IGITT sah/hörte ich nun zum ersten Mal, aber mit diesem HH-Schule-/Rachut-/Emo-/Indie-Geschrammel mit seiner gekünstelten Melancholie und seinem studentisch empörten Nervgesang kann ich überhaupt nichts anfangen. Offenbar dachte ich danach, dass nun Schluss sein und bekam NO GO nur noch durch Zufall und ganz am Rande mit, konnte mich auch nicht mehr aufraffen, mich auf die Band zu konzentrieren: Mittlerweile war’s Mitternacht, ich war seit sieben Stunden hier und mein Hirn tilte vor lauter Eindrücken.

Dafür, dass ich eigentlich vom Vorabend noch gut angeschlagen war, hab‘ ich ganz gut durchgehalten. Meine Aufmerksamkeitsspanne dürfte auch ohne Party zuvor und Alkoholgenuss irgendwann die Segel gestrichen haben. Als überaus hilfreiche Krücke erwies sich die an mehreren prominenten Positionen angebrachte Running Order; vom draußen hängenden Exemplar wurden mit deutscher Pünktlichkeit alle weggestrichen, die bereits ihre fünf Minuten hatten. Das abwechslungsreiche Aufgebot hat mir manch Band nähergebracht, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte – und wann bekommt man schon mal so’ne Wundertüte für so wenig Einsatz geboten? Der Eintritt war frei, lediglich um Spende wurde gebeten. Wem’s drinnen mit zunehmendem Publikumsinteresse zu stickig wurde, konnte vor der Tür rumgammeln und die Beinahe-Punx-Picnic-Atmosphäre genießen. Ich hoffe, ich habe nicht allzu viele Fotos und Namen durcheinandergeworfen (für sachdienliche Hinweise wäre ich dankbar) und bin Feuer und Flamme, auch mit meinen beiden Stimmungskapellen mal mitzumischen. Werde diesbzgl. mal anklopfen…

Danke ans Störtebeker für diese Sause, die mit Sicherheit einen organisatorischen Kraftakt besonderen Ausmaßes bedeutete!

25.08.2017, Gängeviertel, Hamburg: KÖNIG KOBRA + WIRRSAL + FONTANELLE + OIDORNO + RACCOON RIOT

Das Gängeviertel feierte sein in dieser Form achtjähriges Bestehen allen Widerständen zum Trotz und da feierte ich natürlich mit! Das ganze Viertel war in Bewegung, an allen Ecken und Enden wurde etwas geboten, aber mich interessierte natürlich vorrangig das von Beyond Borders und der Punkbar organisierte Punk-Konzert in der Druckerei, deren Renovierung nun endlich abgeschlossen ist. Schick ist’s geworden! Vor der Bühne ist nun mehr Platz, man knallt nicht mehr so leicht gegen den Tresen, zahlreiche Spiegel lassen den Ort größer erscheinen, als er eigentlich ist, die Toiletten verdienen endlich diese Bezeichnung und es war sogar noch Platz für ein Bällebad übrig, in dem man weniger interessierte Konzertbesucher abladen kann, um sich vor der Bühne in Ruhe dem Treiben ohne Gequengel zu widmen.

Die junge Hamburger Band RACCOON RIOT machte den Anfang und zwar zu einer Uhrzeit, zu der ich unmöglich bereits vor Ort sein konnte. Ungefähr zur Hälfte des Sets sicherte ich mir jedoch wie üblich gegen einen geringen Spendenbetrag den Einlass. RACCOON RIOT sind etwas geschrumpft, wie ich hinterher erfuhr ist Heidi für die Streichereinlagen leider nicht mehr dabei. Übrig blieb ein Quartett, das recht klassischen HC-Punk britischer Prägung spielt und nun völlig schnörkellos zur Sache geht. Der Gesang war etwas leise, ansonsten passte aber alles und die Band wirkte im Zusammenspiel tighter als noch letztes Jahr, als sie erstmals im Gängeviertel live sah. Nach nominellem Ende haute man dann auch doch noch ‘ne weitere Nummer raus, was gut passte, denn das Publikum kam gerade auf Temperatur.

‘ne ebenfalls noch junge Kapelle ist OIDORNO. Die Adornos Namen durch den Oi!-Wolf drehenden Hamburger versuchen sich an „Diskurs-Oi!“, was in erster Linie einem witzigen Image dient. Musikalisch ist mir da allerdings zu wenig Pepp drin, das Zeug kickt mich noch nicht. Im Gedächtnis geblieben ist mir ein „Oi!-Verräter“ genannter Song, doch alsbald zog’s mich dann auch nach draußen, allein schon, um dem Gedränge – urplötzlich war die Bude rappelvoll – noch mal zu entkommen und noch vor dem Vollrausch in Ruhe das eine oder andere erhellende Gespräch zu führen, beispielsweise über Chili-Soßen. Letztlich doch auch ‘ne Art, dem Diskurs-Oi! zu frönen.

Mit FONTANELLE blieb man im Thema. Betont antifaschistischer Oi!-Sound mit deutschen Texten aus der Leipziger RASH-Ecke. Da war musikalisch schon mehr los, lief mir besser rein. Der prollige Gesang klang mir auf Dauer aber bischn zu gezwungen und monoton und zudem merkte ich doch wieder, dass ich diesem Sound – zumindest wenn er von Anhängern in der x-ten Generation gespielt wird – irgendwie entwachsen bin.

Ganz und gar nicht der Fall ist dies nach wie vor bei klassischem deutschsprachigem HC-Punk, der ordentlich aggressiv und flott gezockt durch die P.A. knallt. WIRRSAL beherrschen diesen Stil, wie unlängst auf ihren Lobusch-Gig hin erwähnt, absolut manierlich, kommen schnell zum Punkt und wirken authentisch. Auf der Bühne herrscht viel Aktivität, wovon man sich vor derselben schnell anstecken lässt. Zeit zum Warmwerden hatte ich ja nun genug gehabt und schaltete endgültig in den Abfeier-Modus, ohne dabei meine Mission außer Acht zu lassen: Nachdem meine Kohle zuletzt in der Lobusch nicht mehr gereicht hatte, hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal das Vinylwerk der Band mein eigen zu machen. Am Merch-Stand lag nix Wirrsaliges aus, aber direkt nach dem letzten Song konnte ich der Band ihr Ausstellungsstück noch auf der Bühne entreißen und hab’s letztlich mit Ach und Krach (und Flos Hilfe…) dann auch geschafft, das Ding sicher fortzuschaffen. Mission accomplished!

Zwischendurch wurde es übrigens für Teile des Publikums zum Sport, die Bälle aus dem neu errichteten Gängeviertel- Småland ins Publikum zu feuern, was seitens der Sicherheitsbeauftragten irgendwann mit einem Verweis der Räumlichkeiten geahndet wurde. An KÖNIG KOBRA kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, wenngleich ich anscheinend noch versucht habe, das eine oder andere Foto zu schießen. Die Selbstbeschreibung „Zusammengewürfelt aus den unterschiedlichsten Genres, vom Britpop über den Poprock bis hin zum Metalcore, entstand ein abwechslungsreiches und hörbares Gesamtwerk. Beheimatet im schönen Ruhrgebiet versuchen die Jungs nun, die Herzen ihres Publikums zu erobern“ deutet jedoch darauf hin, dass das sicher nix für Vatter sein‘ Sohn gewesen wäre.

Glückwunsch ans Gängeviertel zu acht Jahren nichtkommerzieller alternativer, Sub- und Gegenkultur! Ich freue mich schon aufs Neunjährige.

12.08.2017, Gängeviertel, Hamburg: ABSTURTZ + DR. ULRICH UNDEUTSCH + UNDENKBAR + DEUTSCHPUNK-REVOLTE

Den vielen Parallelveranstaltungen zum Trotz zog es an diesem Samstag doch einige ins Gängeviertel, die Bock auf ein kleineres D.I.Y.-Konzert hatten, das immerhin von vier Bands bestritten wurde, welche die Beyond-Borders-Veranstaltungsgruppe eingeladen hatte. Da die Druckerei noch immer renoviert wird, fand es im großen Saal der Fabrik statt, der dafür etwas überdimensioniert wirkte. DEUTSCHPUNK-REVOLTE aus Frankfurt hatten gerade angefangen, als wir eintrafen. Die Coverband in Quartettgröße bediente sich vornehmlich klassischen deutschsprachigen HC-Punk-Materials und zockte sich durch ein rund 20 Songs umfassendes Set mit Stücken von VORKRIEGSJUGEND, TOXOPLASMA, SCHLEIMKEIM, HASS, ZERSTÖRTE JUGEND („Kaiser Wilhelm“ – geil!), CANALTERROR, OHL, BUMS (scheinen generell nicht mehr als Pseudos zu gelten, was hab‘ ich verpasst…?), L’ATTENTAT, AUSBRUCH, SLIME („Tod“ – ungewöhnliche Wahl) etc., darunter leider auch „Punk und Polizei“ des unsäglichen UNTERGANGSKOMMANDOs, jedoch mit versöhnlichem Abschluss durch die HH-Hymne „Bullenwagen klaun“ und den KASSIERER-Evergreen „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Die einzelnen Songs und Originalinterpreten wurden in einem auf der Bühne drapierten aufgeklappten Aktenordner zum Nachlesen präsentiert. Weshalb das eigentlich auf der Setlist stehende „Dachau“ von A+P überblättert, sprich: nicht gespielt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Sänger hat ‘ne gute Stimme, frech und rotzig, und war auch ziemlich textsicher. Der Basser irritierte optisch etwas mit seinem halslosen Instrument. Für die offenbar noch nicht sonderlich lange zusammenspielende Band war’s bereits der zweite Gig im Gängeviertel und insgesamt war das schon recht ordentlich und unterhaltsam, wenngleich manch Liedgut in vereinfachten Versionen gespielt wurde und es hier und da noch holperte. An die Qualitäten von Coverbands wie 1982 oder VOLKSWIDERSTAND oder auch der TOTENMOND-Coverplatte kommt man noch nicht heran, aber das kann ja noch werden.

So richtig voll wurd’s auf der Bühne, als die fast in Fußballmannschaftsgröße angetretenen Chemnitzer Ska-Punks UNDENKBAR dieselbe betraten und mit zahlreichen Bläsern mit an ältere SONDASCHULE erinnernden deutschsprachigen Stücken doch einige Besucher mehr zum Tanzen animierten. Der Sänger ist ‘ne echte Rampensau und sorgte zusammen mit seiner Band für viel gute Laune. Mit IDEALs „Blaue Augen“ griff man in die Coverkiste, wegen eines Geburtstags und des Abschieds eines Bandmitglieds wurd’s um Mitternacht mit Luftballons und Wunderkerzen umso feierlicher und der Tuba-Bläser durfte noch ‘nen astreinen Rap schmettern. „Ace of Spades“ von MOTÖRHEAD war schließlich die Zugabe und der Rausschmeißer zumindest dieses Gigs, für den allein sich das Erscheinen schon gelohnt hatte – und das sage selbst ich als Ska-Punk-Muffel. Zumindest live haben UNDENKBAR den Bogen raus (aus der Konserve kenne ich sie nicht).

DR. ULRICH UNDEUTSCH konnten die Stimmung im Anschluss nicht halten. Der spröde, unmelodische deutschsprachige HC-Punk der Sachsen war ein starker Kontrast zur vorausgegangenen Ska-Punk-Party, der Gesang wirkte bemüht, letztlich aber recht monoton und ausdruckslos und irgendwie fehlte dem gesamten Band-Sound m.E. das gewisse Etwas – Wahnsinn? Aggressivität? Dreck? Musikalische Aha-Momente? Keine Ahnung, letztlich fiel man in erster Linie durch die Garderobe auf. Das Publikum reagierte zunehmend desinteressiert und als nach einer halben Stunde Schluss war, gab’s weder Applaus noch das Verlangen nach Zugaben.  Das liest sich jetzt vermutlich negativer, als es war, die Flucht ergriffen hat niemand und der eine oder andere wird auch seinen Spaß gehabt haben. So richtig damit etwas anfangen konnte ich aber nicht.

Ganz im Gegenteil zu ABSTURTZ. Die Gängeviertel-Stammgäste aus Dithmarschen ballten wieder ihre Live-Qualitäten, klangen stets nach viel mehr als nur drei Mann und insbesondere Heiner gab wieder alles an Klampfe und Mikro, haute ein Gitarren-Lead nach dem anderen raus, skandierte aus voller Kehle die kämpferischen bis pathetischen Texte und fand auch noch Zeit, wie von der Tarantel gestochen durch die Gegend zu rennen und zu posen. Die Refrains provozieren zum Mitsingen und auch zu später Stunde setzt dieser Sound jede Menge Energien frei. Schön auch, mal wieder den Klassiker „Es ist schön, ein Punk zu sein“ aus ABSTURTZ‘ Kidpunk-Zeiten zu hören bekommen zu haben. So macht sog. Deutschpunk live Spaß, so gehört aufs Mett geklopft!  Dorfpunks ham’s drauf. Ich hab‘ noch nie ‘nen schlechten ABSTURTZ-Gig gesehen und auch wenn das Publikum diesmal nicht in dreistelliger Anzahl wie zuletzt im Clubheim erschienen ist, war’s wieder der krönende Abschluss einer gelungenen Party. Trotzdem freue ich mich auf die Wiedereröffnung der bei Konzerten dieser Art wesentlich intimeren Druckerei!

04.08.2017, Hafenklang, Hamburg: TAU CROSS + KILLBITE

AMEBIX-Frontmann The Baron und VOIVOD-Drummer Away überraschten vor wenigen Jahren mit ihrer internationalen Allianz zu TAU CROSS, jener sich ferner aus Leuten von WAR//PLAGUE, MISERY und FRUSTRATION zusammensetzenden Crust-Punk/Metal-Crossover-Formation, die 2015 mit ihrem Debütalbum für einiges Aufsehen sorgte und das auch ich für außergewöhnlich gut befand. Haben sich mir die Faszination für die Crust-Urväter AMEBIX und die VOIVOD-Alben seit „Nothingface“ nie so recht erschlossen, ergänzt man sich bei TAU CROSS offenbar ideal und begeisterte mich mit einer Melange aus schneidenden Gitarren, Baron Millers charismatischem, kehligem, rauem Gesang, diversen anbiederungsfreien Ohrwürmen, einer guten Dosis Pathos und ganz viel Atmosphäre vor einem post-mittelalterlich okkulten und gleichsam kämpferischen, mehr oder weniger subversiv religions- und systemkritischen lyrischen Hintergrund.

Bisher war es mir nicht vergönnt gewesen, die Band live zu sehen, doch das Hafenklang schuf Abhilfe und so besuchte ich entgegen meiner Gewohnheiten in dieser Woche bereits das zweite Konzert, nach dem ich am nächsten Morgen zu einer Zeit raus musste, zu der normale Menschen schlafen und/oder ausnüchtern. Am Abend zuvor hatte ich erst erfahren, dass TAU CROSS ein brandneues Album veröffentlicht haben, das offenbar den Grund für die Tour darstellte. Nachdem die Bremer KILLBITE ihren schnörkel- und Solo-losen Crust-/HC-Punk-Stiefel ohne viele Ansagen vor noch überschaubarer Kulisse unprätentiös und knochentrocken durchgezockt hatten, versammelten sich zu TAU CROSS fast alle Anwesenden im Konzertsaal und sorgten für das typische Drängelambiente. Die Band wurde frenetisch begrüßt, war in bester Spiellaune und bot ein offenbar gut durchmischtes Set aus bekannten und neuen Songs, die sich zumindest live nahtlos einfügten (das neue Album zu hören habe ich bis heute noch nicht geschafft und am Merchstand hätte ich das nötige Kleingeld für die Doppel-LP ohnehin nicht übrig gehabt). The Baron singen zu sehen ist schon ein Erlebnis, man sieht im regelrecht an, wie er die Töne aus den Tiefen seines Körpers hervorholt und sehr kontrolliert ans Mikro übergibt, statt spontan draufloszubrüllen. Eine klasse Stimme, die eine über Crust-Standards weit hinausgehende Gefühlspalette abdeckt und in Kombination mit dem TAU-CROSS-Sound ihre Formvollendung erreicht. Da das Tempo der Songs häufig eher getragen ist, laden sie tatsächlich meist eher zum Fäusterecken und Headbangen denn zum entfesselten Pogo oder Moshen ein, sodass es vor der Bühne etwas gemäßigter als gewohnt zuging. Viele standen auch einfach da und sogen die Atmosphäre, die Stimmung der Songs, in sich auf. Nach einer Verschnaufpause für die Band nach Ende des regulären Sets ging’s für einen Zugabenblock zurück auf die Bühne. Meine Favoriten „Lazarus“, „Hangman‘s Hyll“ und „Prison“ wurden allesamt berücksichtigt (letzterer inkl. lautem Publikumschor), also war ich rundum befriedigt. Den allerletzten, einigen Anwesenden offenbar bekannten Song, ‘ne recht flotte Nummer, konnte ich allerdings nicht zuordnen – evtl. ein AMEBIX-Cover?

Ich hatte es mir relativ weit vorne eingerichtet und war dadurch so nah wie nie zuvor am frankokanadischen Drummer Away, dessen mit seiner Hauptband VOIVOD fabrizierten Sci-Fi-Thrash ich tatsächlich bereits in seligen ‘80er-Kindheitstagen gehört habe (bestes Album: „Killing Technology“!). So konnte ich sein Getrommel ziemlich genau beobachten und – Punkrock, kill your idols etc. hin oder her – empfand diese Situation, ihn hier im kleinen Hafenklang zu treffen, irgendwie als etwas Besonderes. So geht’s mir hin und wieder bei den ganz alten Helden und für seine Entscheidung, es mittlerweile ergraut noch mal wissen zu wollen und mit ‘ner punkigen Band ohne jegliche Starallüren durch die Clubs zu tingeln, schnellen sämtliche Daumen nach oben. Cooler Typ! Die Aussicht auf verdammt frohes Aufstehen am nächsten Morgen, an dem es per Bahn nach Berlin und anschließend mit dem Flieger in den Urlaub ging, ließ mich dann auch umgehend den Ort des Geschehens verlassen und mein Schlafgemacht aufsuchen – komisch, dass das weit weniger gut klappt, wenn am nächsten Tag die Arbeit ruft…

02.08.2017, Monkeys Music Club, Hamburg: LEFTÖVER CRACK + ALL TORN UP

Dafür, dass ich die New Yorker LEFTÖVER CRACK seit langem zu meinen favorisierten Krachmachern zähle und bereits die Vorgängerband CHOKING VICTIM nach Erscheinen des einzigen Albums schwerstens abfeierte, sehe ich die Band viel zu selten live – zuletzt 2013 (!) im Hafenklang. Letztes Jahr gastierte sie gleich zweimal in Hamburg, doch beide Male musste ich passen. Äußerst unangenehm. Wenngleich der diesjährige HH-Gig auf einen Mittwoch gelegt wurde, ließ ich mir diese Gelegenheit demnach nicht nehmen. So dachten wohl viele, denn das Monkeys wurde rappelvoll. Doch der Reihe nach: An diesem wirklich warmen Augusttag hatten LÖC ihre Stadtgenossen ALL TORN UP dabei, die die Europa-Tour begleiteten. Den ersten Song verpasste ich, der zweite klang noch etwas unorthodox, doch dann gewöhnte ich mich an den hektischen oldschooligen Hardcore-Sound des Quintetts, deren exaltierter Shouter Joey seine Ansagen bisweilen gefühlt länger als die Songs gestaltete, durch sein engagiertes, anstachelndes Auftreten jedoch nicht langweilte. So betonte er u.a. die Wichtigkeit linker Freiräume, lobte die Hamburger Anti-G20-Proteste und huldigte dem FC St. Pauli, denn die Band ist offenbar Mitglied im New Yorker FCSP-Fanclub – was es nicht alles gibt… Während Scherzkekse immer mehr Luftballons aufbliesen und durch Publikum fliegen ließen, motivierte Joey selbiges, mal auf ‘nen Meter ranzukommen und preschte auch mal kräftig durch die Reihen. Er brachte den Pöbel gut in Wallung und sicherte sich den einen oder anderen kräftigen Chor. Keine Luftblase war dann auch das Songmaterial, das mir mit der Zeit immer besser reinlief. Von ALL TORN UP hatte ich zuvor noch gar nichts gehört, es existieren aber einige Tonträger – und unter den Fotos ein Video des Gigs, das ich bei YouTube gefunden habe. Eine echte Überraschung wurde es, als der Drummer das Wort ergriff und sich deutschsprachig als ein gewisser Sören aus Dithmarschen zu erkennen gab, der anscheinend vor einigen Jahren gen USA ausgewandert war – und zahlreiche alte Freunde im Publikum versammelt hatte. Aufgrund von Bassproblemen kam’s leider zu ‘ner längeren Zwangspause, doch gegen Ende gab’s u.a. noch ‘ne spanische Nummer zu hören und der letzte Song wurde dank Mithilfe des neuen LÖC-Gitarristen IRON-MAIDEN-style mit drei Klampfen intoniert. Sympathischer Auftritt und musikalisch guter Anheizer!

Stza versteckte sich noch hinter einer Box, als seine Band ohne ihn mit „Homeo-Apathy“ begann. Danach gab er sich zu erkennen und bewegte sich zu seinem Keyboard, das man ihm aufgebaut hatte und dessen Tasten er sporadisch drückte. Mit dem Bühnensound wirkte er nicht hundertprozentig zufrieden und nuschelte, wenn ich die Wortfetzen richtig zusammengesetzt habe, irgendetwas von einer Erkältung, wirkte auch allgemein irgendwie angeschlagen und etwas neben der Spur. Ob’s am Alkohol oder tatsächlich einem Infekt lag, kann ich nicht beurteilen und es war mir auch egal, denn seine Stimme war, wenn es darauf ankam, präsent, sein Gekreische ging wie gewohnt durch Mark und Bein und die Band zockte ihren archetypischen, höchst individuellen und unverkennbaren Anarcho-/HC-/Ska-Punk-/Core-/Metal-/Folk-Crossover tadellos. Der Mob frohlockte und war gut in Bewegung, die Songauswahl über jeden Zweifel erhaben, noch immer flogen Luftballons durch die Gegend und nicht nur „500 Channels“ und „Infested“ aus CHOKING-VICTIM-Zeiten ließen mich erigieren: Vom (meines Erachtens gegenüber den anderen etwas abfallenden) aktuellen Album „Constructs of the State“ goss man meinen Favoriten „The Lie of Luck“ übers Publikum aus und die ruhigeren, dafür umso tiefer an den Eiern packenden Nummern „Ya Can’t Go Home“ und „Soon We’ll Be Dead“ direkt aneinanderzureihen, erwies sich als hervorragende Idee. Weshalb nach höchstens einer Stunde Spielzeit Stza plötzlich sein unverständliches Gestammel zwischen den Songs verstummen ließ und wortlos die Bühne ver- und ein verwirrtes Publikum zurückließ, das nicht wusste, ob man nun von ihm erwartete, Zugaben zu fordern oder schlicht zu warten, weiß der Geier. Auch der Rest der Band schaute reichlich blöd aus der Wäsche, schien ebenso stehengelassen worden zu sein. Das Hin-und-her-Laufen zwischen Bühne und Backstage von Teilen der Vorband diente vermutlich Vermittlungsversuchen, doch irgendwann schlich auch die Band von der Bühne und das Licht wurde angeknipst. WTF?! Im Anschluss konnte man noch beobachten, wie sich backstage offenbar kräftig gezofft wurde, sogar Gerüchte einer spontanen Bandauflösung machten die Runde. Dem war wohl nicht so, Monkeys-Sam sprach von Tourkoller o.ä. und die Tournee wurde fortgesetzt, reichlich kurios war das aber schon. Stza war ja nun (glücklicherweise) auf der Bühne nie ein strahlender Quell der Lebensfreude, aber solch einen Abgang hatte ich nicht erwartet. Keine Ahnung, was genau da los war, angeblich war die Band auch schon vor’m Gig nicht sonderlich entspannt, hatte ihren Soundcheck deutlich überzogen usw. Doch was soll’s; sicherlich hätte ich gern noch den einen oder anderen Hit um die Ohren geschlagen bekommen, den Überraschungseffekt hatten LÖC dafür auf ihrer Seite und solch nennen wir es mal „spontane Planänderungen“ einer derart erfahrenen Band erlebt man nun weder alle Tage noch alle Abende… Punk bleibt eben unberechenbar 😀

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