Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 1 of 35)

02.03.2019, Fanräume, Hamburg: F*CKING ANGRY + NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + FLO UND PAUL UND FLO + EAT THE BITCH

Länger nicht mehr auf Konzerten gewesen… Das lag aber keinesfalls an einem etwaigen mangelnden Angebot, sondern hatte schlicht Zeitgründe. Als die französischen ANTI-CLOCKWISE ihre Tour beendeten und den Hamburger LIQUOR SHOP ROCKERS den gemeinsam genutzten Gitarristen Needlz zurückbrachten, nutzte man die Gelegenheit für den Tourabschluss-Gig in der Gaußplatz-Kneipe El Dorado. Das war aber am 06.02. und somit an einem Mittwoch, und eigentlich wollte ich auch nur kurz was abholen, sodass ich lediglich ein paar Songs und eine Bierlänge lang Zeuge davon wurde, wie verfickt tight die LIQUOR SHOP ROCKERS mittlerweile geworden ist – und wie gut der Sound in jenem gemütlichen Lädchen war! Sogar noch enger wurd’s am 16.02., als das El Brujito sein Zehnjähriges feierte (Gratulation!) und HEMO & THE OTHER folklastige Stimmungsmusik zur Beschallung des Jubiläums ablieferten und die Besucher(innen) zum Tanzen brachten. So’n richtiger Punk-Gig, zu dem man speziell wegen der Bands hingeht, musste jedoch bis zum 02.03. warten.

Eine feste Hamburger Institution sind die Konzerte in den Fanräumen des Millerntorstadions geworden. Auch diesmal gelang es wieder, ein hochkarätiges Line-up zusammenzustellen und so für eine großartige (Soli-)Party zu sorgen! Von Anfang an war die Bude rappelvoll, EAT THE BITCH spielten ihren ersten Gig mit Bassneuzugang Bommy vor beeindruckender Kulisse. Live-Premiere hatte auch der Song „Trump vor Angst“. Seltsam mutete die Illumination an, die voll ins Publikum leuchtete, Gitarrist Tim dafür im Dunkeln stehen ließ. Auch der P.A.-Sound war noch nicht so geil, hätte mehr Druck vertragen können. Dafür war die Band aber gut aufgelegt und lieferte das erwartete, gewohnt hochklassige HC-Punk-Brett, das von seinen Riffs und seiner hurtigen Rhythmus-Arbeit genauso lebt wie vom unverkennbaren Gesang Jonas und ihren Texten. Lässig tänzelte sie auf und vor der Bühne, wodurch sie eine Souveränität ausstrahlte, die bei einem ersten Gig in neuer Besetzung nicht selbstverständlich ist. Und anstatt sich verrückt zu machen, setzte Bommy sein Pokerface auf und zog durch. Vom einen Refrain, in dem er sich laut eigener Aussage fies verspielt habe, hatte wohl niemand etwas mitbekommen, stattdessen gesellten sich Teile des Publikums zum ausgelassenen Pogo vor der Bühne. Live-Feuertaufe bestanden!

Auf dem Flyer komplett übersehen hatte ich die Mainzer mit dem Antinamen „FLO UND PAUL UND FLO“, offenbar ‘ne neue, noch recht junge Band. In Trio-Größe mit singendem Drummer und mehrstimmigen Chören schmetterte man deutschsprachigen Punkrock mit auf witzig und ironisch gebürsteten Texten. „China – Reich der Mitte“ kam ziemlich gut, insgesamt wirkte der Auftritt aber etwas zu sehr wie ‘ne Persiflage auf mich, wie es sie in Form anderer Bands ja mittlerweile doch einige gibt. Müsste ich mir noch mal ansehen/-hören, um das wirklich beurteilen zu können. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja. Der Sound jedenfalls war plötzlich voll gut, ich jedoch schon bischn schusselig und so hab‘ ich ganz vergessen, Fotos zu machen…

Aufgrund ‘ner Unterhaltung kam ich etwas zu spät von der frischen Luft zur NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN zurück, die ersten Songs waren bereits gespielt. Jedenfalls bekamen die „Helikopter-Eltern“ wieder ihr Fett weg, „Kleben und kleben lassen“ erinnerte an OZ, die „Kleine Motivationshilfe“ ging raus an diejenigen, die den Arsch hochkriegen und auch mal dahingehen, wo’s wehtun könnte, aber natürlich wurde auch älteres Material berücksichtigt, „Kellerkinder“ und wie sie alle heißen. Stemmen sprach von seiner Liebe zur ersten WEEZER-Platte und wie gewohnt noch so einiges andere, wobei ich im Gewusel diesmal viel zu abgelenkt war, um alles detailliert aufzunehmen. Zumal während der Songs nicht nur einmal echt gut Alarm war, herrlich ausgelassene Stimmung vor und auf der Bühne, grinsende Gesichter überall, schlicht eine große Party, die im Kontrast zu manch mitunter etwas verkopften Songs des neuen Albums stand.  Mittlerweise sind die Anti-Ager aber auch ‘ne Band, über die ich mich bereits mehrfach ausführlich ausgelassen habe, deshalb gleich weiter zur nächsten Krawallcombo, die ich erst zum zweiten Mal live sah:

F*CKING ANGRY aus Bonn rissen alles ab! Genialer, treibender Hardcore-Punk der alten Schule mit aktuellen deutschen wie englischen Texten, vorgetragen von der rauen, heiseren, charismatischen Stimme der Sängerin Beckx. Zwei Gitarren (an einer Dominik von CANALTERROR/MOLOTOW SODA) plus Rhythmusfraktion rissen das Tor zur Hölle auf, das Publikum hielt das Euphorisierungslevel und verausgabte sich weiterhin nach Kräften. Ich spritzte mit Bier und gesellte mich dazwischen, Beckx mischte sich unter die ersten Reihen, bis ihr Stemmen irgendwann das Mikro für seinen Gastbeitrag abnahm, und für „Aluhut“ stieß Kem Trail von BRUTALE GRUPPE 5000 zum Duett dazu. Sogar der moderne HH-Punk-Klassiker „Bullenwagen klau’n“ wurde noch improvisiert intoniert – absolut irrer Gig, ständig passierte irgendwas und wer nicht durch die Gegend sprang, lag sich gefühlt glückselig in den Armen. Besser hätte man den Abend nicht beenden können, das war echt die Kirsche auf der Sahnehaube und hat wieder mal bewiesen, dass F*CKING ANGRY zurzeit eine der verfickt geilsten HC-Punk-Bands der Republik sind. Die neue 7“-EP legte ich mir noch am Merchstand zu, ließ sie aber später im Onkel Otto liegen, was ja nun echt abzusehen war – insofern: selbst schuld… Erstes Konzert nach längerer Abstinenz, das besser nicht hätte sein können. Und gleich wieder voll aufgedreht. Das fordert natürlich seinen Tribut, denn so ganz abgeklungen wie erhofft war die Erkältung (oder was auch immer das für ‘ne hartnäckige Scheiße war) dann doch noch nicht und der Kater demnach umso schlimmer. War’s aber wert!

18.-20.10.2018: BOLANOW BRAWL Total Escalation Ireland Tour 2018


Aufmerksame Leserinnen und Leser sowie sonstige Stalker meines Konzerttagebuchs werden evtl. eine klaffende Lücke bemerkt haben: Über die kleine Irland-Tour meiner Streetsauf-Kapelle BOLANOW BRAWL stand hier bislang nüscht. Der Grund: Ich konnte meine Notizen erfolgreich in die kommende Ausgabe des PLASTIC-BOMB-Fanzines schmuggeln, die ab dem 15. Februar an den Bahnhofskiosken ausliegen sollte.

Neben meinen gesammelten Erinnerungen gibt’s von und über Karl Nagel, PASCOW, MILLENCOLIN etc. zu lesen, darüber hinaus liebgewonnene Kolumnen, haufenweise Reviews, ebenso ausufernde wie meinungsfreudige Vorwörter usw. usf. Viel Szenestoff für wenig Kohle, also mach das Internetz mal aus und hol dir die Printgazette!

02.02.2019, Südpol, Hamburg: FRONT + BRUTALE GRUPPE 5000 + KOFFER + AUS DEM RASTER

Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin

Im Hammerbrooker Club „Südpol“, so ließ ich mir sagen, finden normalerweise Techno-Partys statt. Nun etablierte eine findige Gruppe dort unter dem Namen „Punk am Pol“ auch eine Punk-und-Artverwandtes-Konzertreihe, die erst kürzlich debütierte, jedoch leider ohne mich. Dort soll schon ganz gut was losgewesen sein; was im Rahmen der zweiten Auflage an diesem Samstagabend abging, übertraf jedoch alle Erwartungen. Schon zum Zeitpunkt meines Eintreffens war der mittelgroße Club im Gewerbegebiet unweit der S-Bahn-Station ordentlich gefüllt, während der ersten Band AUS DEM RASTER aber wurd’s richtig rappelvoll. Als ich vor einiger Zeit gehört hatte, dass die Gitarrenfraktion die Norderstedter verlassen hat, fürchtete ich, dass es das schon wieder gewesen sein könnte. Umso erfreulicher, dass man sich offenbar flugs neu aufstellen konnte. Mit zwei Gitarristen, ‘nem Shouter und ‘ner Sängerin tummelt man sich nun wieder zu sechst auf der Bühne und ballert HC-punkige deutschsprachige Songs mit kritischen, teils sarkastischen Texten raus. Größtes Wiedererkennungsmerkmal dürfte der männlich-weibliche Wechselgesang sein, zumal die Sängerin häufig eine schöne melodische Note einbringt. Die professionelle Bühne bot genug Platz für alle Bandmitglieder, der P.A.-Sound war makellos und der Gitarrist auf der rechten (von mir aus gesehen linken) Bühnenseite derart gut aufgelegt und mitteilungsfreudig, dass er beim nächsten Mal ein eigenes Mikro bekommen sollte. Ohne Zugabe ließ man das Sixpack nicht gehen. Gelungener Einstieg, der Bock gemacht hat – und dazu führte, dass alle drei Flaschenbiersorten ungefähr zur Hälfte des Sets ausverkauft waren und es „nur“ noch Gezapftes vom Fass gab, das in zwei Sorten angeboten wurde. Wann erlebt man so was schon? Der Biervorrat wurde übrigens nach einiger Zeit wieder aufgefüllt; ob dafür jemand zur Tanke musste, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eigentlich hätten nun OI!RONIE spielen sollen, die jedoch kurzfristig hatten absagen müssen. In den mir bis dahin unbekannten KOFFER aus Berlin hatte man glücklicherweise Ersatz gefunden. Das Trio scheint tief in den ‘80ern verwurzelt und zockt ‘nen etwas monotonen, minimalistischen Sound mit halbverzerrter und mit ordentlich Hall versehener Klampfe, dazu ein hochhängender, melodischerer Bass und deutsche Texte, im Ergebnis bischn wavig, das. Das hatte was, zumal sich die Band im Laufe ihres Sets steigerte, mal schneller, mal atmosphärischer wurde. Die Zugabe wurde im ersten Ansatz vergurkt, daher wiederholt und erwies sich als schön flotte Schrammelnummer. Das Publikum war längst in Wallung gekommen und hatte einen bewegungsfreudigen Pit vor der Bühne gebildet.

Noch lange nicht durch ist für mich der Witz der BRUTALEn GRUPPE 5000, handelt es sich doch vielmehr um die nicht nur adäquate, sondern auch tanzbare Antwort auf all die paranoiden, dabei geistig leider meist reichlich eingeschränkten Verschwörungstheorie-Aluhutträger, die, seit sie sich dann doch mal an dieses Internet herangetraut haben, für Kopfschütteln und Erheiterung gleichermaßen sorgen. Doch die Hamburger Laser-Punks haben mehr zu bieten, als sich Alufolie um die Rüben zu wickeln und Antigesichtserkennungsbrillen zu tragen, nämlich betont wahnsinnigen HC-Punk mit Mini-Orgel als zusätzlichem Instrument, manch Textinhalt, der über Parodien auf die Doofenfraktion hinausgeht und herrlich wirre Ansagen. Ach ja, das „Nervous Breakdown“-Cover mit deutschem Text nicht zu vergessen. Das hab‘ ich aber ja alles schon mal so oder so ähnlich zu Protokoll gegeben. Neu war vor allem, dass echt die Luft brannte und sich im mittlerweile heillosen Gedrängel Stagediving und Crowdsurfing die Klinke in die Hand gaben. Grandioser Auftritt, grandioses Publikum, perfektes Entertainment aus der Welt von übermorgen!

Dieses Level konnten FRONT aus dem Rhein-Main-Gebiet leider nicht halten. Teilweise die alte Alufolie der BG5k auftragend, teilweise mit eigenen Masken versuchte man sich nach einer elendig langen Umbaupause (während der sich die Reihen deutlich lichteten) an Uralt-NDW-Punk (scheint sich sogar nach ‘ner ollen Kapelle aus jener Zeit benannt zu haben…?). Dadurch klangen sie wie alte ABWÄRTS in irgendwie nicht so gut, auf mich wirkte das alles bischn einschläfernd. Also betrank ich mich schlimm und versuchte, paar wenige Notizen anzufertigen. Wenn ich diese richtig interpretiere, folgte auf den nominell letzten Song ein Zugabenblock, für den der Bass plötzlich hochgedreht wurde, in den sich eine dann doch noch ganz gute Punknummer eingeschlichen hatte und der von einem arg miesen „Computerstaat“-Cover besiegelt wurde. Nee, mit FRONT wurde ich nicht warm. Nichtsdestotrotz war ich völlig euphorisiert vom zweiten „Punk im Pol“ und bin’s immer noch – da geht einiges, weiter so und hoffentlich bis bald!

19.01.2019, Fanräume, Hamburg: „G20 einreißen“ mit THE DETECTORS + GLEICHLAUFSCHWANKUNG + ZWAKKELMANN + IN SCHERBEN

Geld für von Repression betroffene Anti-G20-Aktivistinnen und -Aktivisten zu sammeln, ist immer eine gute Sache, am meisten Spaß macht sie in Form von Solidaritätskonzerten bzw., wie in diesem Falle, -festivals. In die Fanräume des FC St. Pauli luden daher bereits am Freitag NIXDA, ABBRUCH, KONNY und P.O.P., was noch ohne Madame und mich über die Bühne ging und wohl ‘ne bestens besuchte, astreine Party war – gratuliere! Den Samstag eröffnete bereits um 16:00 Uhr Punk-Literat Jan Off mit einer Lesung. Als wir relativ pünktlich aufkreuzten waren wir jedoch erst die zahlenden Gäste Nummer 2 und 3, und obwohl sich noch ein paar weitere Nasen dorthin verirrten, blieb’s arg überschaubar – obwohl Jan normalerweise bei Lesungen in Hamburg die Bude spielend vollmacht. Er machte sich aber nicht sonderlich viel draus und las diverse launige kurze Texte aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Etwas mehr dürfte er sich aber schon vom Nachmittag versprochen haben und so mutete seine Lesung dann auch radikal gekürzt an. Vermutlich wäre es besser gewesen, die Lesung vom Festival zu trennen und separat zu bewerben oder aber den Musik-Acts direkt vorzuschalten, ohne (sogar mehr als) zwei Stunden Leerlauf bis zum Konzerteinlass (in denen wir nach Hause fuhren und Sportschau glotzten).

Nach unserer Rückkehr eröffnete die junge Hamburger Band IN SCHERBEN den Reigen mit deutschsprachigem Trompeten-Punkrock inkl. üblicher gesellschaftskritischer Inhalte (mit offenbar gleich mehreren Anti-Nazi-Songs), wirkte dabei aber etwas zahm auf mich. Wenn der Sänger und Gitarrist in Personalunion sich mal an so etwas wie Gitarren-Leads versuchte, statt die Melodien dem durchaus fähigen, laut meiner besser hörenden Hälfte aber nicht immer ganz einsatz- und taktsicheren Trompeter zu überlassen, ließ es aufhorchen, doch kamen diese recht selten zum Einsatz. Dafür spielte der Drummer kein Uffta-Uffta, sondern wirbelte ordentlich herum. Als eine Ballade angekündigt wurde, holten Teile des Publikums ihre Feuerzeuge rum (um sie im Takt zu schwenken, nicht etwa um die Band anzuzünden), jedoch handelte es sich lediglich um ein Intro. Teile ihres Publikums saßen die meiste Zeit über am Rand auf dem Fußboden und gegen Ende gab’s noch ‘ne englischsprachige Coverversion, die ich aber nicht erkannt habe. Ich glaube, würde die Band etwas ungestümer zur Sache gehen und der Sänger mehr aus sich herauskommen, würden mir IN SCHERBEN besser gefallen. Immerhin ist der Song „Nix Neues“ bei mir als hervorstechend im Gedächtnis geblieben, textlich wie musikalisch. Sie verabschiedeten sich übrigens, um direkt im Anschluss einen weiteren Gig in der Roten Flora zu spielen – am Elan mangelt’s ihnen also schon mal nicht.

Draußen waren übrigens ein Glühweinstand und ein Foodtruck mit erlesenen tierfreundlichen Speisen aufgebaut worden – super Sache, das! Drinnen im mittlerweile gut gefüllten Saal vergaß ZWAKKELMANN, sich seiner langen Unterhose zu entledigen und betrat nicht, wie von mir erwartet, als Alleinunterhalter die Bühne, sondern zusammen mit einer aus Bassist und Drummer bestehenden Rhythmussektion. Der ehemalige SCHLIESSMUSKEL- und DIE-KINSKIS-Sänger Schlaffke aus dem NRW-Kaff Hamminkeln spielt als ZWAKKELMANN eine ureigene Mischung aus ramoneskem Punkrock, 60’s-Sound und Lofi-Chansons mit deutschen Texten, in denen er mit seinem Verlierer-Image und einiger Ruhrpott-Folklore kokettiert. Und tatsächlich hatte ich ihn bisher bei all seinen Hamburg-Abstechern verpasst… Im ersten Song freute er sich noch inhaltlich darüber, dass sowohl er als auch wir alle da sind, wenngleich der eine oder andere, der mit ZWAKKELMANN nichts so recht anzufangen wusste und lieber Hardcore oder gar diese widerliche „Hamburger Schule“ hört, den Raum verließ. Alle anderen freuten sich über Schlager wie „Dusselige Q“, „Ja, vielleicht bin ich asozial“, über feinsinnige Beobachtungen wie „Menschen bei der Nahrungsaufnahme“ oder selbstkritische Erkenntnisse à la „Disco-Zwakkelmann (ein bisschen langweilig)“, die es mir besonders angetan hat. Ich stehe generell auf diesen Ruhrpott-Charme und -Humor, ebenso auf die alten ÄRZTE, von denen der Jahrhunderthit „Zu spät“ interpretiert wurde. Vermisst habe ich jedoch „Ich will ‘nen Film mit Bud Spencer und Terence Hill“, „Mein Nachbar hängt schon wieder an der Flasche“, „Augenfick“ und „Tomatenrotes Haar“, wahrscheinlich der kurzen Spielzeit geschuldet. Von mir aus können ZWAKKELMANN gern mal für ‘nen längeren Headliner-Gig nach HH kommen…

Die nächste Umbaupause gestaltete sich etwas langwieriger, immerhin musste für GLEICHLAUFSCHWANKUNG ähnlich viel Personal wie bei ‘ner Ska-Kapelle auf der Bühne (und dem Mischpult) untergebracht werden. Der quer über den Osten der Republik verteilte (Torgau, Halle, Leipzig, Potsdam) volkseigene Klangbetrieb um Schlemihl- und Saalepower-Records-Betreiber Geralf und seine Frau Tanja Trash verspricht schlimmsten Ostzonen-Fun-Punk-Trash – und hielt Wort. Wie auf ‘ner Hochzeit wurde mit Reis (und Konfetti) um sich geworfen, teils vermummte, teils in Tracht gewandete Shouter/Musiker machten sich auf und vor der Bühne breit und wechselten während des Sets mehrfach Kostüme, Kopfbedeckungen und Instrumente. Geralf stand an seiner Alleinunterhalterorgel, spielte diverse, vorzugsweise sächsische Samples ein und wachte strengen Blickes über das unkontrolliert wirkende kontrollierte Chaos. Die Anti-Oettinger-Hymne „Scheiß Bier“ eröffnete das bunte Potpourri, „Punks Understand No Fun“ fehlte ebenso wenig wie „Kleinstadtaufruhr“, der russisch-ostdeutsche Kulturaustausch „Devotchka nimm Pflasterstein“ oder die für von Arbeitslosigkeit gebeutelten strukturschwachen Regionen ausgesprochene Berufsberatung „Skindergärtnerin“. „Wir tanzen auf dem Atomeisbrecher“ und „Badehosemann“ verrieten ostdeutsche Urlaubsvorlieben. Der alten Heimat DDR erteilte man eine klare Absage und aus den Einspielern pöbelten immer wieder Mielke & Co weltfremd daher. So ganz hat man den Sound leider nicht in den Griff bekommen, denn beim männlich-weiblichen Doppelgesang ging Tanja leider in Sachen Lautstärke immer etwas unter. Das Publikum füllte man mit (leider warmem, aber ‘nem geschenkten Gaul….) Sternburg Export und Gin Tonic ab (ein Sterni floss auch meine Kehle ‘runter) und sicherte sich nicht zuletzt dadurch den Zuspruch für Aussagen wie „Gebt’s zu, ihr habt noch nie so’n geiles Live-Konzert erlebt!“. GLEICHLAUFSCHWANKUNG spielten zu vorgerückter Stunde und warfen mit Alkohol um sich, sodass Flo fürchtete, manch einer könnte den Gig nach dem Erwachen am nächsten Vormittag für einen schlimmen Traum gehalten haben. Fürwahr tat sie gut daran, mir das am nächsten Tag noch mal zu sagen, denn auch ich befand mich längst jenseits des gesunden Menschenverstands. Aber es war alles genauso real wie das SCHLEIMKEIM-Cover „Faustrecht“, garniert mit weiteren Samples, und der Zugabenblock, in dem noch mal „Punks Understand No Fun“ und „Skindergärtnerin“ zum Besten gegeben wurden, nachdem zuvor bereits „Scheiß Bier“ wiederholt worden war. GLEICHLAUFSCHWANKUNG hinterließen zugemüllte Fanräume, ein perplexes und/oder volltrunkenes Publikum und die Erkenntnis, dass man es im Osten noch immer auch mit begrenzten Mitteln zu feiern versteht. Da bekommt man glatt Bock, die alten „Saalepower“-LPs mal wieder aufzulegen.

Wesentlich unprätentiöser wirkten daraufhin THE DETECTORS aus Schleswig-Holstein auf der Bühne, dafür ließen sie’s musikalisch umso schöner krachen: Astreiner melodischer, US-beeinflusster Streetpunk mit unverwechselbarer angepisster Stimme, diversen fetten Singalong-Refrains und arschtretendem Tempo. No-Bullshit-Texte und klare Kante gibt’s obendrein. Genau das Richtige also, um sich nach dem vorausgegangenen Kabarettprogramm noch mal auszupowern, ergo zog ich die Tanzschuhe an und lebte meinen Bewegungsdrang aus. Fragt bitte nicht nach Setlist oder Details… Ich war unschlüssig, ob ich das Folgende schreiben sollte oder nicht und hatte es eigentlich auch schon wieder verworfen, aber irgendwie beschäftigt es mich dann doch so’n bischn: Seit einiger Zeit hat die Band in ihrem Logo „Anti-Fascist / Pro-Feminist / Animal-Friendly / Gay-Positive“ stehen. Das ist natürlich alles löblich, sollte doch aber eigentlich selbstverständlich sein (und betrifft natürlich nicht nur diese Band, die dient mir jetzt nur als Aufhänger). Dass es das leider nicht ist, ist mir bewusst, aber ist es nicht Wasser auf die Mühlen gerade jener Kreise, die wollen, dass all dies nicht selbstverständlich ist, es als etwas (vermeintlich) Besonderes herauszustellen? Und wäre es nicht ziemlich befremdlich, wenn ich mir mit einer meiner Bands groß „Anti-Dictatorship / Pro-Justice / Jew-Friendly / Persons-Of-Color-Positive“ oder so auf die Fahnen schriebe? Oder sind die Zeiten tatsächlich solche, in denen man auch als Punkband derartige Grundsätze plakativ hervorheben muss, um sie zu verteidigen? Und wird „Animal-Friendly“ wirklich als mehr verstanden als nur „Tierfreund“ zu sein, was der Großteil der Deutschen sicherlich von sich behaupten würde, unabhängig davon, wie viel Industrie-Aas er in sich hineinstopft? Aber das nur am Rande und als Denk-/Diskussionsanstoß, denn wie dem auch sei: THE DETECTORS sind ‘ne feste, verlässliche Größe und klasse Band, die endlich mal wiederzusehen verdammt noch mal Laune gemacht, um mittlerweile weit nach Mitternacht aber auch noch mal die Adrenalinproduktion angekurbelt hat, sodass es im Anschluss noch auf den einen oder anderen berüchtigten Absacker weiterging, bis ich schließlich völlig zerschossen den Weg in die Koje fand. Das war ein musikalisch abwechslungsreicher, teilweise die Geschmäcker spaltender Abend mit anscheinend etwas weniger Publikumszuspruch als am Vortag, der aber sicherlich ebenfalls das eine oder andere Hartgeld für den guten Zweck zusammengetragen hat. Wie so oft galt: Soliparty = beste Party!

11.01.2019, Rote Flora, Hamburg: LES PÜNX + HYSTERISCHE MILFS + MØRDER

Endlich fielen mal wieder ein Anlass, frohgemut in die Flora zu schlendern, die Zeit dafür und der vorhandene Bock auf denselben Abend: Im Rahmen der „Verstrahlt“-Anti-Atomdrecksstaat-Soliparty legten im Gebäudeunteren diverse DJs auf,  vor allem aber beanspruchten die große Bühne oben drei interessente Acts für sich. Als endlich aller Lohnarbeitssoll erfüllt und die allwöchentliche Sportpflichteinheit absolviert war, ging’s in die Schanze, erst mal Dinieren – natürlich beim Veggie-Schanzendöner, der abermals nicht enttäuschte. Da könnte ich echt täglich hin. Ein Jammer, dass solche Dönerbuden in Hamburg noch immer so rar gesät sind. Als wir kurz nach 21:00 Uhr am antikapitalistischen Bollwerk eintrafen, hieß es, die erste Band würde in ca. einer halben Stunde anfangen. Pustekuchen, da konnte man locker noch ‘ne Stunde draufpacken. Dafür war der ausufernd lange Soundcheck der Bands MØRDER und LES PÜNX bereits ein Spektakel für sich – inkl. fluchendem Mischer und Stromstöße verabreichendem Mikro. Mit Premium-Bier stießen wir auf einen Premium-Abend an.

Dessen offizieller Teil startete gegen 22:00 Uhr auf der von uns ignorierten Disco-Tanzfläche und irgendwann dann tatsächlich auch oben: Die Kielerinnen und Kieler haben ihren Namen natürlich geschickt gewählt – so kann man immer von einem „Mörder-Gig“ sprechen, ganz gleich, wie MØRDER wirklich waren. Die fünfköpfige, gemischtgeschlechtliche Combo (zwei Damen, drei Herren) aus dem BONEHOUSE-Umfeld hat sich dem Neo-Crust verschrieben, also heftigem Getrümmer mit Geschrei und/oder Gegrowle, Metal-Gitarren, aber eben auch jener Prise Melodie, die für zusätzliche Atmosphäre sorgt. Die russische Frontfrau Anna überraschte mit einem kräftigen Organ, das einem die Schuhe auszieht, was sie dann wohl aufgrund der Rutschgefahr ihrer Treter auch selbst nach kurzer Zeit tat. Krasses Gekeife und Gegrowle, das keine Fragen offenlässt, ab dem vierten Song oder so dann auch noch mit mächtig Hall auf der Stimme – das kam sehr geil! In überraschend gutem, recht differenziertem Soundgewand pflügte die Rhythmussektion zudem brutal durch die (meist recht kurzen, solofreien) Songs, Klampfe 1 fräste fiese Riffs, Klampfe 2 sorgte für die Melodien. Einen Anti-Putin-Song sagte Anna mit klaren Worten an, die keine Missverständnisse aufkommen lassen, und beendet wurde das Set mit einem irren Effektgerät-Overkill. Die Band, die seit 2015 live auftritt, flog bisher unter meinem Radar. Gut, dass sich das geändert hat, denn das war tatsächlich der eingangs erwähnte Mörder-Gig!

Die HYSTERISCHEn MILFS aus Leipzig sind ein, äh, Mütterkollektiv, das zu Techno-Playback tanzt und als Vocals Sprüche, Fragen und Dialogfetzen oder schlicht Schlagwörter integriert, mit denen Mütter innerhalb dieser Gesellschaft so konfrontiert werden: „After Baby Body“, „Du gehst feiern? Und dein Kind?!“, „Alles wieder straff?“ (den merke ich mir mal als allgemeinen „Wie geht’s?“-Ersatz, kommt sicher gut), „Ganz die Mama!“ oder auch „Ist das ein deutscher Name?“ werden da aus vier Kehlen geschmettert, dass man sich manch Schmunzeln nicht verkneifen kann. Da ist echt ‘ne schöne und entlarvende Sammlung entstanden, die viel über bundesdeutsche Befindlichkeiten, Rollenklischees und Ängste aussagt. Nach und nach zogen die Damen sich bis auf die Unterwäsche aus bzw. mittels Umschnalldildo und Schwangerschaftsbauch aus Plastik auch wieder an, alles zum stampfenden Techno-Beat. Die Performance weilte allerdings lediglich einen (überlangen) Song lang, gefühlt war nach ‘ner Viertelstunde Schluss – und ich um die schöne Erkenntnis reicher, dass ich bei der Begegnung mit jungen Müttern im Freundes- und Bekanntenkreis tatsächlich gut daran tue, lieber die Klappe zu halten, statt derartigen Blödsinn abzusondern. Fürchtete ich bisher, dadurch desinteressiert zu wirken, weiß ich jetzt, wie dankbar Mütter dafür sein können. War mal was ganz anderes; originell, provokant und hintergründig, ohne lange Reden schwingen zu müssen.

An LES PÜNX aus Witzenhausen (bei Göttingen) war es dann, nach Crust und Techno mit ‘ner ordentlichen Schippe klassischen Punkrocks nachzulegen, der ganz so klassisch dann doch gar nicht war: E-Geige statt Leadgitarre, die sich überraschend gut einfügte, ohne dem Ganzen ‘nen Folk-Touch zu verleihen. Alles andere passte dann aber doch ganz gut ins „Deutschpunk“-Sujet: Songs über Bullen, Nazis, Saufen, besetzte Häuser, Ficken, „Kiddiepunk ein Leben lang“ und dazu paar wenige Akkorde und Ska-Geschrammel. Dabei ist die Band, die im Herbst 2016 ihren ersten HH-Gig absolvierte, mit einigem Humor und einem gewissem Hang zur Selbstironie ausgestattet, wirkt locker und sympathisch und hat augenscheinlich selbst sehr viel Spaß bei der Sache, der sich aufs Publikum überträgt. Letztgenanntes frönte dann auch entfesselt dem Pogo und bildete Menschenhaufen, wie ich’s schon länger nicht mehr gesehen (geschweige denn getan) hatte. Die Sängerin begrüßte den Mob mit „Hallo Berlin, das nächste Lied heißt Hamburg!“, die Hamburg-Aufenthalte (2017 folgte ein Auftritt auf dem Hafengeburtstag) scheinen bleibenden Eindruck in WIZ hinterlassen zu haben (man besingt sogar den Clochard). Der Drummer hätte für meinen Geschmack etwas mehr Punch vertragen können und auf dem Gesang lag nun doch bischn viel Hall, aber zumindest der Drumsound besserte sich im weiteren Verlauf. LES PÜNX warfen ‘ne Bullenkampfmontur ins Publikum, die Sängerin sprang selbst mal in den Pit und lieferte im Duett mit dem Geiger ‘ne schauspielerische Einlage, indem sie ihn mit einem Kinnhaken außer Gefecht setzte und er sich auf dem Bühnenboden wiederfand. Ein Song machte den Unterschied zwischen Sex und Sexismus klar, das als „Ballersong“ angekündigte Stück klang etwas sehr chaotisch, der nominell letzte Song war dafür ein echter Hit. Es folgten sogar noch zwei Zugaben, darunter ein Cover von TABLE DANCE DISCO oder so (?!). Das war alles schön oldschool und unprätentiös, machte Laune – LES PÜNX haben den Brunnentrinker-‘90er-D-Punk-Geist in die Neuzeit herübergerettet und den Live-Teil eines musikalisch extrem abwechslungsreichen Abends in der angenehmen Atmosphäre einer nicht zu vollen und drängeligen Flora besiegelt. Wir gingen dann noch das Jolly Roger austrinken und hoffen, dass die ganze Sause ordentlich was in die Anti-Atomstaat-Kassen gespült hat. „Harness the wind, the sun and the waves / We don’t need this filthy nuclear waste!”

P.S.: Fotografieren ist in der Roten Flora nach wie vor unerwünscht, daher gibt’s hier diesmal auch nix zu sehen.

28.12.2018, Molotow, Hamburg: BOLANOW BRAWL + 1323

Im Molotow hatten wir ja bereits mehrere Male Live-Erfahrung sammeln können, jeweils oben auf der großen Bühne – einmal davon im Rahmen der „Punk Rock Cocktail“-Spätkonzertreihe, die normalerweise unten im kleinen Karatekeller stattfindet, seinerzeit jedoch ausnahmsweise ins Erdgeschoss verlagert worden war. Das fand ich damals klasse; mittlerweile aber hatte ich auch Bock, mal die intimere Atmosphäre des Karatekellers von der Bühne zu spüren. Da passte es bestens, dass uns DJ Starry Eyes zum Jahresausklang noch einmal dorthin gelockt hatte. Allein zu spielen fand ich aber irgendwie doof, vor allem angesichts des großen Angebots starker Hamburger Underground-Bands. Also bemühten wir uns um eine zweite Band, was sich für die Zeit „zwischen den Jahren“ als echte Herausforderung entpuppte. Letztlich fanden wir in 1323 aber eine Combo, die mich bereits live überzeugt hatte und ich als sympathisch in Erinnerung hatte.

Dass unser gemeinsamer Gig an diesem Abend nicht das einzige Punkrock-Konzert war, ist in Hamburg längst obligatorisch, ließ mich aber wie so oft daran zweifeln, ob die Bude voll werden würde. Nach nettem Empfang, Aufbau und unkompliziertem Soundcheck machten wir uns über die Biervorräte im komfortablen Backstage-Bereich her, gingen mit unserem Besuch aus der Schweiz dinieren und fanden uns schließlich zurück auf der Sofalandschaft im Backstage, wo meine Bandkollegen eine Worst-of-Ballermann-Playliste durchnudelten – von mir abwechselnd mit peinlich berührtem Gelächter und Gesichtspalme quittiert. Gänzlich andere Reaktionen riefen dann 1323 im ca. halbgefüllten Karatekeller hervor. Nach Ausscheiden ihres Sängers auf Triogröße geschrumpft, teilten sich vornehmlich Gitarrist Phil und Drummer Andi den Gesang und ballerten ruppigen, zwischen düster und wütend pendelnden HC-Punk raus. Anfänglich war der Sound noch sehr laut und knarzig, was sich aber bald besserte. In „Geld ist euer Gott“ und anderen deutschsprachigen Songs werden Missstände aufgegriffen und Finger in klaffende Wunden einer verlausten Gesellschaft gelegt, wie es sich für diese Mucke gehört. Da 1323 aufgrund der kurzen Spielzeitvorgabe von lediglich 30 Minuten ihre Fußballsongs gestrichen hatte, blieben Auflockerung und Spaß dabei thematisch etwas auf der Strecke. Phil, der sich die Finger blutig gespielt hatte, erzählte mir später, dass er generell konsequenter einen ernsthafteren Weg mit seiner Band einschlagen möchte. Für diesen Monat haben 1323 Albumaufnahmen für den Nachfolger ihrer EP anberaumt, man darf also gespannt sein! Mit „Staatsfeind“ von CANALTERROR hatte auch eine Coverversion ins Set gefunden, mit der man natürlich nichts falsch machen kann. Davon, dass 1323 noch der Wilhelmsburger Gig vom Vortag in den Knochen steckte, war nichts zu merken, ihre halbe Stunde zogen sie voll durch und traten gut aufs Gas.

Unsere 15-minütige Umbaupause mussten wir ein wenig ausdehnen, damit der Bühnensound stimmte. Das schien sich gelohnt zu haben, denn inkl. der Monitore – auf solch kleinen Bühnen keine Selbstverständlichkeit – war der Klang einwandfrei und alles differenziert heraushörbar. Anfänglich hatte ich noch überlegt, allein schon aus Platzgründen die Bühne zu verlassen und vor ihr herumzuturnen, doch ruckzuck war der Keller voll und wurde vor der Bühne ausgelassen getanzt. Dadurch macht so’n Auftritt gleich noch mal so viel Spaß und den dürfte man uns auch angemerkt haben. Den einen oder anderen versemmelten Einsatz überspielten wir mit gewohnt blödsinnigem Gesabbel, Christian musste erst noch überredet werden, „Dirty Streets“ zu spielen und während der Zugabe „Fame“ schlitzte ich mir der Bühnenenge geschuldet die Hand an Oles Gitarrenhals auf, was dieser nicht bemerkte und sich lediglich darüber wunderte, weshalb seine Klampfe plötzlich verstimmt war. Außerdem fiel mir während der letzten beiden Songs mehrmals das Kabel aus dem Mikro; vermutlich war ich draufgelatscht gelatscht, während ich das Mikro hochriss. Solche Pannen änderten aber nichts daran, dass der Gig wie im Rausch viel zu schnell vorüberging und mächtig Bock machte. Das Rauchverbot sorgte zudem dafür, dass mich die Kondition nicht so schnell verließ wie in manch enger Qualmbude. Während wir noch abbauten, erwiesen sich 1323 als besonders kollegial, indem sie unseren Merchstand betreuten, und im Anschluss wurde mit so einigen Bekannten, die im Laufe des Abends bzw. der Nacht hinzugestoßen waren, noch kräftig weitergefeiert. Für beste Stimmung sorgte DJ Starry Eyes, der noch viele Stunden lang eine ihm eigene und kurioserweise bestens funktionierende Mischung aus Punkrock-Klassikern und ‘80er-Pop auflegte, die den Keller zum kollektiven Tanzen brachte.

Für mich war dieser unser letzter Gig im sich seinem Ende entgegenneigenden Jahr 2018 so etwas wie eine vorgezogene Silvesterparty mit den Bandkollegen (die ausgiebig vom „Zehn Schnäpse für 7,-EUR“-Angebot Gebrauch machten), denn um den eigentlichen Jahreswechsel zu feiern verschlug es mich diesmal nach Berlin. Danke ans Molotow-Team, an 1323 und DJ Starry Eyes sowie die feierwütige Meute! Die Schnappschüsse unseres Gigs stammen von Flo und sind gezeichnet von schwierigen Lichtverhältnissen. Only live is real!

22.12.2018, Sporthalle, Hamburg: HELLOWEEN – PUMPKINS UNITED

„People tell me a and b, they tell me how I have to see things that I have seen already clear. So they push me then from side to side, they’re pushing me from black to white, they’re pushing ‚til there’s nothing more to hear. But don’t push me to the maximum, shut your mouth and take it home ‚cause I decide the way things gonna be!“ („I Want Out“)

An diesem Abend war es, als fielen Halloween und Weihnachten auf einen Tag: HELLOWEEN, Hamburgs Aushängeschild in Sachen Speed- und Power Metal, luden mit dem letzten Termin ihrer vierzehnmonatigen „Pumpkins United“-Welttournee zum Heimspiel in die Sporthalle. Zu „I Want Out“-Zeiten (also 1988) hatte ich die Band kennen und lieben gelernt, die danach leider von Management-Querelen und Besetzungswechseln zerrieben wurde. Mit den letzten Alben mit Goldkehlchen Michael Kiske konnte ich schon nichts mehr anfangen und nachdem der ehemalige PINK-CREAM-69-Sänger Andi Deris nach Kiskes Abgang zur Band gestoßen war, hatte ich längst das Interesse an der Band verloren. Nun hatte man sich jedoch endlich ein Herz gefasst, alte Streitereien beigelegt und sich für eine vornehmlich aus den alten Hits bestehende Welttournee wieder mit den ehemaligen Kürbisköpfen Kiske und Kai Hansen verstärkt, sodass man sich nun zu siebt die Bühnen teilte. Da dies in der Vergangenheit stets vehement abgelehnt worden war, kam diese Form der Reunion einer Sensation gleich. Dafür legte ich auch gern meine Abneigung gegen große Hallen ab und sicherte mir und meiner besseren Hälfte rechtzeitig die natürlich leider nicht ganz günstigen Tickets. Ein befreundetes Pärchen aus Hannover stieß an diesem Vorweihnachtssamstag hinzu, mit dem wir nach ein, zwei Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt den Weg nach Alsterdorf antraten.

Das erste Bierchen gab’s noch vom Kiosk, da im Halleninneren mit gepfefferten Preisen zu rechnen war: 0,5 Liter Holstenplörre für satte 5 Teuro. An der Halle angekommen die erste negative Überraschung an diesem regnerischen Abend: Regenschirme mussten abgegeben werden, sie zählten offenbar als „gefährliche Gegenstände“. Hömma, so was könnt ihr in Hamburg nicht machen! Ansonsten gestaltete sich der Einlass in die rappelvolle Bude recht flott und unkompliziert, und bald standen wir zusammen mit weiteren Bekannten irgendwo im vorderen Hallendrittel am rechten Rand. Die untersten Tribünenreihen waren abgesperrt und reserviert, für wen oder was auch immer (evtl. spezielle Plätze für Gehbehinderte?). Um den gefühlt Hunderttausend Zuschauern über die Köpfe gucken zu können, nahmen für nach und nach diesen Bereich für uns ein, irgendwann sogar mit Erlaubnis des Sicherheitsdiensts. ROBBIE WILLIAMS‘ „Let Me Entertain You“ als Intromusik aus der Konserve war dann erst mal so richtig schön unpassend; keine Ahnung, was man sich dabei gedacht hatte. Als die Kürbisse dann aber die prächtige Bühne betraten und direkt das dreizehnminütige „Halloween“ in voller Länge darboten, war ich schon hin und weg. Wie auch beim nachfolgenden Single-Hit „Dr. Stein“ teilten Kiske und Deris sich den Gesang auf, was nicht störend ins Gewicht fiel. Zwischen den Songs liefen auf den Videos verschiedene kurze Cartoons, die mal mehr, mal weniger mit den Songs zu tun hatten und über die die Meinungen wohl geteilt waren. Ich fand’s klasse, denn gerade dieses Selbstironische und Comichafte wusste ich an den HELLOWEEN der „Keeper of the Seven Keys“-Ära immer sehr zu schätzen. Das grandiose „I’m Alive“ vom ersten „Keeper“-Album wurde dann von Kiske allein gesungen und, verdammt, Michi hat’s immer noch voll drauf, trifft die höchsten Töne und lässt sich keinerlei Ermüdungserscheinungen anmerken! Danach allerdings durfte er zwei Songs lang innehalten, denn Deris interpretierte nun zwei eigene Songs, die Ballade „If I Could Fly“ und das kitschige „Are You Metal?“ – Zeit zum Bierholen.

Bei „March Of Time“ vom zweiten „Keeper“-Dreher konnte Kiske dann endgültig sein Talent unter Beweis stellen – welch ein Song, welch eine Gesangsleistung! Wie auch schon zuvor sang ich frenetisch im Falsett bzw. dem, was meine Stimmbänder daraus machen, mit, ohne Rücksicht auf Verluste – sorry an alle Umstehenden an dieser Stelle… Für den Deris-Song „Perfect Gentleman“ gesellte sich Kiske dazu, im Duett und in dieser Liveversion und -atmosphäre klang das Ding richtig gut! Wie überhaupt die Akustik überraschend wohltönend für so’ne Riesenhalle war. Der Gesang kam ebenso gut durch wie die Rhythmusfraktion und alle drei (!) Gitarren. Das hatte ich so nicht unbedingt erwartet, obwohl es in dieser Liga eigentlich zum Standard gehören sollte. Generell gab’s die komplette audiovisuelle Vollbedienung, denn auch während der Songs wurden Videos abgespielt, Animationen und Filmausschnitte gezeigt, zeitweise Textzeilen eingeblendet… Bei mehr als einer halben Fußballmannschaft auf der Bühne weiß man da manchmal gar nicht, wo man hingucken soll, sodass ich das Fotografieren auch recht bald weitestgehend aufgab – meine Smartphone-Kamera kann diese Liveeindrücke unmöglich festhalten, kein Foto kann sie adäquat widerspiegeln.

Nun schlug die Stunde des mit zunehmendem Alter immer androgyner werdenden Kai Hansens (ausgestattet mit seiner originalen pinken Klampfe aus den ‘80ern und in Kajal getaucht), der vor Beginn der Kiske-Ära auf der selbstbetitelten Mini-LP und dem Debüt-Album in Ermangelung eines Sängers zu seinem Gitarrenspiel gesungen hatte – immer ein kleines bisschen schief, dafür charismatisch, einzigartig und längst kultgeworden. Er servierte ein heftiges Medley-Brett aus „Starlight“, „Ride The Sky“ und „Judas“, ergänzt um die kongeniale Jahrhunderthymne „Heavy Metal (Is The Law)“ in voller Länge. Alter! Deris und Kiske kontrastierten den Krawall im Anschluss mit der gemeinsam gesungenen, erhabenen Ballade „A Tale That Wasn’t Right“, die ich grundsätzlich schätze, hier aber vielleicht etwas zu viel Saft rausnahm. Das von allen Drei gesungene neue Stück „Pumpkins United“ führte dann zurück auf den Pfad der Macht. Danach hatte man sich etwas besonders Schönes einfallen lassen: Drummer Dani begann ein Schlagzeugsolo, zu dem nach einiger Zeit einer meiner alten Helden, der infolge eines Suizids viel zu früh von uns gegangenen erste HELLOWEEN-Drummer Ingo Schwichtenberg, in Bild und Ton eingespielt wurde – mit einem seiner alten Drumsolos, das nun zum Duett (oder „Battle“ oder wie auch immer man es nennen will) mit Danis Solo wurde. Eine wunderbare Geste, die entsprechend vom Publikum honoriert wurde – Ingo Schwichtenberg bleibt unvergessen!

Weiter ging’s mit der Kiske-Ära, dem schön groovenden Singalong „Livin‘ Ain’t No Crime“ und dem herrlichen relaxten „A Little Time“. Für „Waiting for the Thunder“, „Sole Survivor“ und „Power“ musste Deris gleich dreimal ran. Für mich waren das quasi komplett neue Songs, die ich nie zuvor gehört hatte, im Gegensatz zu „How Many Tears“ von „Walls of Jericho“, gesungen von Kiske, Deris und Hansen. Der ausgiebige Zugabenblock wurde von Kiskes „Eagle Fly Free“ eingeleitet, gefolgt vom nach „Halloween“ zweiten Band-Epos, „Keeper of the Seven Keys“. Nach einem Gitarrensolo Hansens bildeten „Future World“ und mein immerwährender Favorit „I Want Out“ den Kürbis auf dem Sahnehäubchen, wobei von letzterem durch Konfettiregen und riesigen Kürbisballons abgelenkt wurde – aber dies sei ihnen gegönnt.

Ja leck mich fett, dieses „Pumpkins United“-Ding hat alles in allem astrein funktioniert, zweieinhalb Stunden lang standen die Kürbisköpfe auf der Bühne und haben erstklassiges Metal-Entertainment mit viel Liebe zum Detail, gegenseitigem Respekt und dem richtigen Gespür fürs eigene Werk geliefert, sodass ich hochzufrieden und mit breitem Grinsen den Saal verließ. Das war für mich das dritte Metal-Großereignis im Dezember und vorerst das letzte, fürs allerletzte Livekonzert 2018 musste ich selbst noch mal ran – dazu später mehr.

„Look into my eyes, so many things are waiting to be done. You just need a friend, together we will sing along. I’m alive, I’m alive, I’m alive…” („I’m Alive“)

P.S.: Richtig geile Fotos gibt’s unter https://www.facebook.com/pg/arashtaheriphoto/photos/?tab=album&album_id=1935547179876448.

18.12.2018, Gruenspan, Hamburg: GEOFF TATE’S OPERATION: MINDCRIME + TILL DEATH DO US PART

„I used to trust the media to tell me the truth, tell us the truth. But now I’ve seen the payoffs everywhere I look – who do you trust when everyone’s a crook?“ („Revolution Calling“)

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Zehn-Punkte-Prog-US-Metal-Meisterwerks, dem QUEENSRŸCHE-Konzeptalbum “Operation: Mindcrime” über politische Verführung durch sinistre Demagogen, tourt der ehemalige Frontmann der Band, Geoff Tate, durch die Welt und führt es in kompletter Länge auf. An einem Dienstagabend im Dezember machte der ehemalige Frontmann der Band, der sich vor geraumer Zeit von QUEENSRŸCHE getrennt hat und mit seiner passenderweise „OPERATION: MINDCRIME“ betitelten eigenen Combo unterwegs ist, Halt im Hamburger Gruenspan. Da kribbelte es in mir, denn wenngleich Prog-Zeug eigentlich nicht mein Ding ist und ich mit vielen QUEENSRŸCHE-Songs nicht so ganz warm werde, habe ich an „Operation: Mindcrime“ doch einen Narren gefressen und halte den Langdreher für eine der besten Metal-Platten aller Zeiten. Das Ticket schlug mit unter 30 EUR zubuche, also gab’s da nicht mehr viel abzuwägen, „Shut up and take my money!“.

Nach dieser Devise hatten offenbar auch viele andere gehandelt, denn das Gruenspan war bereits zur Vorband mehr als ordentlich gefüllt: TILL DEATH DO US PART zocken Gothic-Metal, Geoffs Tochter Emily singt. Tjoa, dascha nu ma gaanich meine Baustelle, dementsprechend wenig konnte ich mit der Darbietung anfangen. Emilys Choreographien, in denen sie über die Bühne tippelt, pathetisch mit den Armen fuchtelt oder die Wahnsinnige mimt, muteten eher kurios denn showdienlich an und generell möchte ich tendenziell Reißaus nehmen, wenn ich eine Trällerelse im mittelalterlichen Rüschenrock auf der Bühne sehe. Nun ist Emily aber natürlich immerhin Geoff Tates Leibesfrucht, da gibt man der Band schon mal ’ne Chance. Singen kann sie nämlich durchaus und, siehe bzw. höre da, der letzte Song, bei dem bischn aufs Gas getreten wurde, lief mir dann doch ganz gut rein.

In der Umbaupause wurd’s dann richtig drängelig, zumindest im vorderen Bereich. Dichtgedrängt wartete man auf die „I Remember Now“-Introklänge aus dem Off, die dann endlich auch irgendwann durch die Halle schallten, gefolgt vom „Anarchy-X“-Live-Intro und dem ersten Song „Revolution Calling“. Zu diesem betrat Geoff die Bühne, augenscheinlich erstaunlich gut im Saft stehend und adrett gekleidet, nach wie vor oder mehr denn je das Charisma in Person. Und gut bei Stimme war er auch, wenngleich der Mischer insbesondere mit den nicht ganz so hohen Frequenzen offenbar noch zu kämpfen hatte und große Teile der Stimme Geoffs noch zu leise waren. Der Refrain wurde ungehindert davon aus hunderten Kehlen kräftig mitgesungen. Später ging ich mir noch ’n Bier holen und positionierte mich danach eher am Rand, wo der Sound deutlich besser klang. Entweder wurde noch mal kräftig nachgeregelt oder ausgerechnet mittig vor der Bühne war eigenartigerweise eine Art Soundloch (ich tippe aber eher auf letzteres). Geoffs Band ist übrigens an mehreren Positionen deckungsgleich mit der seiner Tochter; die Vorstellung der Mitglieder offenbarte, dass es sich um brasilianische und schottische Musiker handelt. Das Spektrum reichte dabei vom bleichgeschminkten tätowierten Goth bis zum klassischen Metal-Zottel, der das Keyboard und zeitweise die dritte (!) Gitarre übernahm. Was auf mich anfangs noch wie ein zusammengewürfelter Haufen posender Mietmusiker wirkte, wuchs im Laufe der perfekten musikalischen Darbietung für mich zu einer festen Einheit zusammen, die durchaus sympathisch mit dem Publikum kommunizierte und der Geoff bereitwillig die Bühne während ihrer Soloparts überließ. Die erste Ansage des mimisch und gestisch stets das gesamte Publikum ansprechenden, einbeziehenden Sängers gab’s erst nach „Suite Sister Mary“, für den Emily die weiblichen Gesangsparts übernahm. Im Anschluss folgte mein persönlicher Höhepunkt des Abends, „The Needle Lies“, erneut kräftig vom Publikum mitgesungen. „Eyes of a Stranger“ setzte schließlich den Schlusspunkt hinter den „Operation: Mindcrime“-Teil des Abends. Doch nach kurzer Zeit ertönte das Elektro-Intro des Nachfolgealbums „Empire“ aus der P.A. und die Band machte mit „Best I Can“ weiter, gefolgt von der Erfolgsballade „Silent Lucidity“ inkl. amüsanter Ansage, dass zu diesem Song schon Menschen beerdigt, Menschen getraut und Menschen gezeugt worden seien. Während des Songs wechselte der Lead-Gitarrist von Akustik- zu E-Klampfe und manch mittlerweile graumeliertes Pärchen im Publikum kuschelte sich eng aneinander. „Empire“, ergänzt um Geoffs Kommentar, die Revolution beginne mit gelben Westen, und „Jet City Woman“ besiegelten den Ausflug in „Empire“-Album, der live wesentlich druckvoller als die für meinen Geschmack zu glatte Albumproduktion klang, und damit nach ca. 95 Minuten den Auftritt, gegen dessen Ende Geoff die vorderen Reihen noch mit Wasser gesegnet hatte. Wie viele andere auch war ich tief beeindruckt und zehre noch immer von diesem Konzerterlebnis. Dem „Operation: Mindcrime“-Geniestreich hatte man tatsächlich alle Ehre erwiesen und Gentleman Geoff ist noch immer das gewohnte Goldkehlchen – von etwaigen Alterserscheinungen keine Spur. Das war nicht nur ganz großes Kino, sondern auch tatsächlich das erste Mal, dass ich Geoff Tate live gesehen habe – das schreit nach Wiederholung!

„I used to think that only America’s way, way was right. But now the holy dollar rules everybody’s lives – gotta make a million, doesn’t matter who dies…”  („Revolution Calling“)

08.12.2018, Goldener Salon, Hamburg: KAMIKAZE KLAN + THE GUV’NORS + TYPHOON MOTOR DUDES

2015 gründete sich der Hamburger KAMIKAZE KLAN aus den Trümmern hanseatischer Hochkaräter wie EIGHT BALLS oder SMALL TOWN RIOT; Sänger George stieß von den DOGS ON SAIL hinzu, deren drittes Album er eingesungen hatte. Im April 2018 veröffentlichte man das Debütalbum, die offizielle Release-Party ließ jedoch bis Dezember auf sich warten. Für diese hatte man sich zwei hervorragend passende Bands ausgesucht, um mit ihnen die Bühne zu teilen.

Die erste waren die TYPHOON MOTOR DUDES, alte Kieler Recken, die ich seit einer Ewigkeit nicht mehr live gesehen hatte. Das Quartett hat sich arschtretendem Punk’n’Roll verschrieben, dargereicht mit zwei Gitarren und englischen Texten. Hatten die nicht mal ‘nen Sänger, so’n langhaarigen, der gern durchs Publikum stromerte? So zumindest hatte ich sie in Erinnerung. Nun sang halt einer der Gitarristen, neben älteren Songs auch brandneues Material wie „The One Who Knows It All“ über notorische Besserwisser, später einen weiteren, verdammt geilen, „Billy Horizon“ oder so. Ein paar Leute im etwa halbvollen Salon versetzte man in Bewegung, gab Fußballprognosen ab und sorgte vor allem für gute Laune und ebensolche Musik. Schön, die DUDES mal wiedergesehen zu haben!

Die dänischen GUV’NORS hatte ich vom gemeinsamen Gig in Kiel noch in bester Erinnerung, natürlich bestätigte sich der positive Eindruck auch heute: Auf ein Mundharmonika-Intro des Sängers folgte englischsprachiger Streetpunk mit rockiger Schlagseite und vielen schönen Singalongs. Zwischenzeitlich griff der Sänger immer mal wieder zur Mundharmonika und veredelte manch Song mit ihr, während der langhaarige der beiden Gitarristen sich die Finger wundschrubbte und körperlich so sehr mitging, dass er bald komplett schweißgebadet war – Wahnsinnsshow, Respekt! Eine Dame in der ersten Reihe tanzte unentwegt durch, ansonsten war mal mehr, mal weniger vor der Bühne los. Ich z.B. kam an diesem kalten Winterabend ehrlich gesagt gar nicht erst aus meiner Jacke raus. Die Band dürfte jedoch den Geschmack aller getroffen haben – klasse Gig, geht absolut klar!

Irgendwie haben die beiden vorausgegangenen Bands gewissermaßen den KAMIKAZE-KLAN-Sound definiert: Punk, Rock & Roll, rockiger Streetpunk – all das findet sich im KKK-Klanggewand wieder, der einem nun live um die Ohren flog. Beim ersten Song hatte der obenrum nur in seine Jeanskutte gehüllte George noch Probleme mit dem Mikro, danach war aber alles bestens: Deutschsprachiger Punkrock mit Straßenattitüde, rockigen Riffs aus zwei Klampfen und einem supertighten Rhythmusfundament, gegossen von KANISTERKOPF-Lehmann an der Schießbude und ex-EIGHT-BALLS-Michi am Viersaiter. George hat gegenüber seiner Zeit bei DOGS ON SAIL offenbar an Stimmumfang zugelegt und lieferte ‘ne energiegeladene Asi-mit-Niveau-Performance, die dir die Falten aus der Fresse boxte. Seine Texte sind meist persönlicherer Natur, sie handeln viel von Verlust und Tod, das „Schon mal vorgegangen“-Motiv zieht sich durch gleich mehrere Songs. Damit verarbeitet George die zahlreichen bedauerlichen Todesfälle innerhalb der Szene unter Angehörigen seiner Generation, die er und wir alle irgendwie verdauen mussten. Nachdem sein DOGS-ON-SAIL-Song „Death Machine“ True-Rebel-Karsten gewidmet war, handelte ein weiteres Stück von RIOT-OF-RATS-Tobi, „Heavy Metal“ wiederum war SOFASTRAHLT-Uli zu ehren. Allen Nachrufen zum Trotz gelingt es George und dem KLAN, eine positive Lebenseinstellung zu bewahren, was sich ebenfalls in Auftreten, Ausstrahlung und natürlich in den Texten widerspiegelt, in denen man eine gesunde trotzige Haltung dem Leben und seinen Unzulänglichkeiten gegenüber einnimmt und dem ängstlichen deutschen Spießer ins Gesicht lacht respektive ihm hasserfüllt in selbiges rotzt. In diesem Zusammenhang ist inhaltlich auch Platz für etwas Gesellschaftskritik. Während des Gigs wurde ein erstes Weihnachtsgeschenk in Form einer festlich verpackten Buddel Schnaps auf die Bühne gereicht, die sogleich geköpft wurde. Später im Set kredenzte man noch einen neuen Non-Album-Song, bevor man nach getaner Arbeit die Bühne verließ. Ein Gig, mit dem die Band absolut zufrieden sein kann – ich war’s jedenfalls und den Publikumsreaktionen nach zu urteilen war ich damit nicht allein. Es war tatsächlich mein erstes Mal KAMIKAZE KLAN live und es ist geil, diese Typen (inkl. des mir bis dato unbekannten zweiten Gitarristen) wieder auf der Bühne zu sehen. Würde mich freuen, mal mit einer meiner Combos mit dem KLAN die Bühne unsicher zu machen – das riecht nach ‘ner großen Party!

04.12.2018, Markthalle, Hamburg: EXODUS + SODOM + DEATH ANGEL + SUICIDAL ANGELS

„Spielen heute nicht irgendwo KREATOR?“ – Tom Angelripper

Die letzten SODOM-Gigs in Hamburg hatte ich ebenso verpasst wie EXODUS seit der Rückkehr ihres Shouters Zetro – ich war also dermaßen unterthrasht, dass ich mir ein Ticket für dieses offenbar von MTV gesponsorte (weil unter „MTV Headbangers Ball Tour“ firmierende) Konzertereignis besorgte und auch die Liebste dafür begeistern konnte. Interessanterweise hatte ich alle vier Bands schon mal in unterschiedlichen Konstellationen in der Markthalle gesehen und glaubte, eigentlich auf die passend zur Vorweihnachtszeit eingeladenen griechischen und US-amerikanischen Engel verzichten zu können, zumal es sich um einen Dienstag handelte und ich am nächsten Tag ein Referat über eher unmetallisches Liedgut, nämlich das Nibelungenlied, hätte halten sollen. Entgehen lassen wollte ich mir natürlich trotzdem nichts und traf mich mit der besseren Hälfte um 18:00 Uhr an der Markthalle.

SUICIDAL ANGELS gaben pünktlich ab 18:30 Uhr dem Affen Zucker. Die Griechen gewinnen sicher keinen Originalitätspreis und klingen in ihren schwächeren Momenten nach SLAYER-Ausschussware, haben aber auch eine beachtliche Anzahl schön ruppiger Aggro-Thrasher unter den Flügeln, die sie auch über dem Hamburger Publikum fallenließen. In Quartettbesetzung mit zwei Gitarren wurde ordentlich Druck erzeugt und Araya-like gekeift, besonders „Bloodbath“ kam sehr geil rüber. „Seed of Evil“ ist wohl so was wie der METALLICA-Song im Set. Für den vorletzten Song „Moshing Crew“ rief man in der schon überraschend gut gefüllten Halle zu Circle Pit und Wall of Death auf; generell gab’s ‘ne Menge Publikumsanimationen, für meinen Geschmack zu viel – und alle so yeah… Zu dieser Mucke passt’s meines Erachtens besser, wenn man auf die Bühne kommt, unprätentiös sein Set runterrotzt und wieder geht, statt zu versuchen, aktuellen KREATOR & Co. nachzueifern. Aber der Gig war durchaus ein guter Anheizer, nur die Drums waren bis auf Snare und Becken zu leise. Nach 40 Minuten war Schluss, was zehn mehr sind, als manch anderem Opener zugestanden werden.

Mit den Bay-Area-Thrashern DEATH ANGEL bin ich nicht allzu vertraut, habe lediglich den (allerdings sehr geilen!) ersten Langdreher im Schrank. In jüngere Platten hatte ich mitunter mal reingehört, konnte allerdings nicht viel damit anfangen. Ihren Markthallen-Gig vor einigen Jahren im KREATOR-Vorprogramm hatte ich aber vor allem aufgrund des Energielevels in guter Erinnerung. Auch heute lieferten sie einen Einstand nach Maß und konzentrierten sich zu meiner Freude auf ein Oldschool-Set mit vornehmlich altem Material – eine Art Motto, das sich durch den gesamten Abend ziehen sollte. Ergänzt wurde die Auswahl von „Thrown to the Wolves“, einem bockstarken, nicht ganz so alten Song, der besonders live stets oberfett ins Mett knallt, diesmal mit arschlangen Screams des Sängers Mark. Überhaupt, Mark O.: Welch ein unfuckingfassbares Energiebündel, dieser Typ!? Würde ich stimmlich auch nur einmal rauszuhauen versuchen, was er an diesem Abend ablieferte, ich wäre wochenlang heiser. Ständig war sein Mikroständer in der Luft, er peste über die Bühne und drehte völlig am Rad. Der Bassist hingegen entpuppte sich als Oberposer, der ständig mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigte und anschließend den Schumidaumen machte. Eigentlich vom obersten Regal war auch die dargebotene „Kill as One“-Version, leider durch ein überflüssiges Mitsingspielchen arg gedehnt. Was soll das? Spart euch lieber die Zeit und spielt stattdessen ‘nen weiteren Song! So wurde bereits um 20:12 Uhr der letzte Song angekündigt. Wie auch immer, vollkommen zurecht war die mittlerweile volle Markthalle nun so richtig warmgeworden, freudig entzückt und geil auf mehr. Ein Hammerauftritt, den, würde er auf einer klassischen 45-Minuten-Langrille als Livealbum veröffentlicht, ich mir sofort zulegen würde.

„Persecution Mania“ (in Kombination mit der „Exposure of Sodomy“-EP) ist mein SODOM-Lieblingsalbum, zudem – ebenso wieder Nachfolger „Agent Orange“ – ein Meilenstein der deutschen Thrash-Historie. Dass der Gitarrist jener Großtaten, Frank Blackfire, nach einer radikalen Bandumbesetzung wieder an der Seite Tom Angelrippers musiziert, man sich außerdem um einen zweiten Klampfer verstärkt und DESASTER-Trommeltier Husky zum Kesselrühren verpflichtet hat, machte mich natürlich extrem neugierig/geil auf einen SODOM-Gig dieses Line-Ups (dessen Live-Premiere auf dem Rock-Hard-Festival ich mir immerhin im WDR hatte ansehen können). Und dann ist da ja noch die EP mit den zwei neuen Songs, die kaum Wünsche offenlassen… Nach ein paar labbrigen Pommes vom Markthallen-Frittenschmied konnten wir eine mittels zwei großer Knarrenheinz-Aufsteller mit diabolisch leuchtenden Augen ins „Persecution…“-Design versetzte Bühne erblicken, auf denen die Herren Schwarzfeuer & Co. nach einem Intro sogleich mit dem Uralt-Kultrumpler „Blasphemer“ eröffneten! Alter Fatter, damit hatte ich nun nicht gerechnet. Das ganze Set bestand nahezu ausschließlich aus Songs bis inkl. des (endlich mal wieder berücksichtigten) „Tapping The Vein“-Albums, der Schwerpunkt lag natürlich auf der Blackfire-Ära. Von „Vein“ gab’s „One Step Over The Line“, was ok ist, lieber hätte ich aber „Body Parts“ oder „Skinned Alive“ gehört – oder auch den Titelsong. Oder „The Crippler“. Egal, Songs wie „Sodomy and Lust“, „Agent Orange“ und „Tired and Red“ krachten genauso splitternd ins Fressbrett wie die beiden neuen Kanonenschläge „Partisan“ und das crustige „Conflagration“. Zu den evil Songs und der etwas übertriebenen Lightshow gesellten sich wie gewohnt kumpelhafte Ansagen Toms, die Band verteilte Bier für die ersten Reihen und Frank entledigte sich bald seines Blackfire-Shirts, um mit freiem Oberkörper zu posieren. Der obligatorischen Abrissbirne „Bombenhagel“ folgte leider kein „Ausgebombt“, dieses Doppel hätte den Gig perfekt abgerundet.  Nach einer knappen Stunde war erst mal Feierabend und ein herrlich grimmiger Oldschool-Ruhrpott-Thrash-Gig beendet, der einen gelungenen Rollback darstellte – wenn auch leider ohne Zugabe. Frank wieder zusammen mit Tom musizieren zu sehen, ist großartig, die zweite Gitarre hält den Druck permanent aufrecht und Husky hat gegen einen technischen Power-Drummer wie Makka natürlich einen schweren Stand, sorgt aber ein bisschen für so etwas wie Chris-Witchhunter-Charme. Mehr davon! Ich freue mich aufs Album. Und dass mich mitten im Set die Nachricht erreichte, dass das Seminar und damit auch das Referat am nächsten Morgen ausfalle, machte den Abend perfekt und ließ mich gleich mal noch ‘ne Pilsette ordern.

Wesentlich unprätentiöser als SODOM und ohne spezielle Lightshow bogen EXODUS direkt mit „Bonded By Blood“ um die Ecke, was nicht nur mich sofort in Ekstase versetzte. Zu meiner positiven Überraschung setzte auch diese Bay-Area-Legende fast volles Pfund auf gut abgehangenes Material und knallte einem einen Klassiker nach dem anderen vor den Latz: „Exodus“, „Fabulous Disaster“, „And Then There Were None“, „A Lesson in Violence“, „Piranha“… Eine unglaublich geile Version von „Impaler“ spaltete reihenweise Schädel, „Toxic Waltz“ wurde angekündigt, doch stattdessen METALLICAs „Motorbreath“ gezockt, bevor die (Achtung, Wortspiel) Giftwaltze tatsächlich rollte. Abgerundet wurde das Set von „Blacklist“ vom „Tempo Of The Damned“-Album (dem besten der EXODUS-„Neuzeit“) und „Body Harvest“, dem einzigen gespielten Song des aktuellen, für mich leider enttäuschenden Langdrehers „Blood In Blood Out“, der live wesentlich besser als auf Platte kam. Die letzte Nummer „Strike of the Beast“ durfte ein SUICIDAL ANGEL mitträllern, während im Pit wieder eine Wall of Death errichtet werden musste; dann war leider Schicht im Schacht. Zwischendurch fragte Drummer Tom Hunting, ob jemand bereits 1985 anwesend gewesen sei, als man hier zusammen mit VENOM aufgetreten sei (was ich leider verneinen musste, da war ich fünf und gerade parallel auf einem HC-Punk-Gig) und bedankte sich bei allen für die Erfüllung seines Lebenstraums. Leck mich am Arsch, war das ein geiler Gig! Schade nur, dass auf den eigentlichen Chefgitarristen Gary Holt wieder einmal verzichtet werden musste, weil er mit SLAYER unterwegs war (deren Jeff Hanneman er seit dessen tragischen Ableben vertritt) und dass der Gesang oftmals dann, wenn Zetro nicht gerade in spitzen Frequenzen kreischte, ziemlich leise war. Ebenso schade, dass sofort die Lichter angingen und keine Zugabe mehr folgte.

Fazit: Hamburg ließ sich nicht vom Wochentag abschrecken und sorgte für volles Haus, während die Bands, vor allem natürlich die etwas betagteren, bewiesen, dass sie nicht zum alten Eisen, sondern nach wie vor zum Edelstahl gehören. An der Energie und Ausstrahlung der Thrash-Senioren kann sich manch spießiger Sesselfurzer gleichen Alters mal ganz dicke Scheiben abschneiden. Jedoch bedeuten Thrash-Konzerte dieses Levels im Jahre 2018 anscheinend leider auch minutiös einzuhaltende Zeitpläne, kaum Raum für Spontanität oder Zugaben, keine völlig durchdrehenden Maniacs mehr wie anno dazumal, die sich im Sekundentakt von der Bühne stürzten, dafür umso mehr durchchoreographierte Mitmachspielchen mit dem Publikum. Das wollte ich aber nur mal angemerkt haben, denn von dem, was ehemalige alten Helden wie METALLICA oder MEGADETH heutzutage so veranstalten, trennen Konzertereignisse wie dieses glücklicherweise immer noch Welten.

„They spend all their time building missiles, so people die. What kind of life do you expect for us to live? We’re angered by fear, because the time is near when some lunatic will finally pull the plug. And forever after you can hear the laughter, world’s being plastered by an evil bastard. Exterminating faster, devastating plaster, fabulous disaster! Now you can see what this all means to me when the bomb comes falling… down!“ *träller*

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