Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 10 of 37)

13.04.2017, Silbersack, Hamburg: TURBOBOOST

Manchmal kann der Kiez doch noch wat! Aber der Reihe nach: Am letzten Abend vorm langen Oster-Wochenende stand eigentlich ‘ne DMF-Probe auf dem Plan. Kai jedoch gab zu verstehen, dass er unabkömmlich sei, weil er einen Gastauftritt im Silbersack habe – mit einem Flöten-Solo. Kurzerhand wurde also die Probe gestrichen und sich stattdessen im Silbersack, jener alteingesessenen Arbeiterkneipe auf dem Kiez, versammelt. Dort tummelten sich bereits angetrunkene Waliser, die irgendwann die Jukebox für sich entdeckten – und wenn ‘ne Gruppe Briten lautstark „Down Under“ oder „Look Back In Anger“ intoniert, muss ich natürlich mitsingen. Beste Stimmung also schon mal, die noch getoppt wurde, als das Kölner Kollektiv TURBOBOOST sich in der eigens für sie freigeschaufelten Ecke aufbaute und sich in eigenwilliger Instrumentierung – Melodica (so’n Miniklavier zum Reinpusten), Cajon, Akustik- und E-Klampfe etc. – quer durch die Populärmusikgeschichte coverte. Ob „My Sharona“, „How Bizarre“, „D.I.S.C.O.“, „Everything Counts“ oder „The Trooper“ – nichts war vor der Verwurstung durch die Kölner sicher, die sich schließlich sogar an Melodien aus TV-Serien und -Shows sowie Videospiel-Themen vergriffen und exotische Samba-Rhythmen ebenso beherrschten wie den Rock’n’Roll! Der Hauptsänger hatte ein kleines Drum-Becken an seinem Mikroständer montiert, das er regelmäßig zielsicher schlug, woraufhin Dr. Tentakel mutmaßte, dass das auch etwas für unsere Band sei – schließlich könne ich dann jeden Beckenschlag exakt dort verorten, wo ich ihn gern hätte. Eine exzellente Idee, über die es nachzudenken gilt. Kai saß derweil mit seiner Flöte im Publikum und harrte seines Einsatzes, den er endlich bei „Hardcore Vibes“ bekam und ein Solo flötete, das in die Musikgeschichte eingehen wird. Reihenweise flogen ihm die Herzen aus dem Publikum zu und die Band staunte, wie man ihr die Show stahl, während die Feuilletonisten im Geiste schon über ihren dieses Ereignis angemessen würdigenden Artikeln grübelten. Der aufgeheizten Stimmung musste die Band Tribut zollen, indem sie sich zu einer Reihe Zugaben verdonnern ließ, bevor Sense war. Nur Kai musste noch bis tief in die Nacht ein Autogramm nach dem anderen geben.

Fazit: Keine Probe, Kai bringt uns stattdessen jetzt Flötentöne bei und macht in Pop-Rave, viel länger in der Spelunke herumgehangen und mehr Bier verköstigt als geplant und trotzdem jede Menge Spaß gehabt. „TURBOBOOST – HARTE BAND“ – vielleicht auch bald in deiner Kneipe?

08.04.2017, Fanräume, Hamburg: ABSTURTZ + DEVIL’S DAY OFF + PROJEKT PULVERTOASTMANN + ZERO TASTE

Solikonzert für G20-Gipfel-kritische Aktivitäten – da mutet es fast schon ironisch an, wenn sich der Beginn verzögert, weil ABSTURTZ mit der Bassbox im Anti-G20-Demo-bedingten Stau stehen. Also erst mal draußen platznehmen, paar Getränke schlürfen und sich von grausamer Musik der anliegenden „Dom“-Kirmes beschallen lassen. Gegen 21:30 Uhr konnte dann das Leipziger Trio von ZERO TASTE seine Geschmacklosigkeit unter Beweis stellen, das sich melodischem deutschsprachigem Punkrock verschrieben hat, der mich mit seiner hohen Stimme bisweilen an die FUCKIN‘ FACES oder, gerade auch hinsichtlich der gern mal augenzwinkernden Texte, die LOKALMATADORE erinnerte. Zu Songs über Tattoos, gesichtslose Menschen sowie kleinere und größere Katastrophen gesellte sich ein eingedeutschtes CCR-Cover (dessen Original ich nicht erkannt habe), manch Melodie entwickelte tatsächlich Ohrwurmcharakter und beim recht klaren Sound ließen sich die Refrains auch textlich gut heraushören. Die Band kokettierte mit ihrem sächsischen Akzent und lockerte den anfänglich noch etwas steifen Haufen mit viel Humor und ‘ner Buddel Pfeffi auf, die DMF-Kai in Kurzenbechern ausschenken durfte, welche wiederum im Zuge eines seiner gefürchteten Konzert-Stör-Moves schließlich über der Band ausgeschüttet wurden – in geleertem Zustand, versteht sich. Zugabe-Gejohle vom Band (!) läutete zwei letzte Songs ein, einer davon „Wir wehren uns“ der FUCKIN‘ FACES. Äußerst sympathischer Gig mit viel Spaß inne Backen im Zuge der Völkerverständigung.

Es folgten schon wieder PROJEKT PULVERTOASTMANN, die sowieso immer gut sind, diesmal aufgrund der angeschossenen Kniescheibe ihres Drummers jedoch mit widrigen Umständen zu kämpfen hatten. Drummer – die Achillesferse jeder Band. Der PULVERTOAST-Schlagwerker jedoch ist offenbar aus echtem Schrot und Korn und trommelte einfach mal einfüßig, verzichtete also auf die Double-Bass-Parts.  Das verstand er so gut zu kaschieren, dass ich kaum einen Unterschied vernahm. Shouter Snorre wütete sich diesmal nicht durchs Publikum, das für einige Action vor der Bühne sorgte, jedoch auch für einigen Glasbruch. Evtl. sollte man die Taktik, mit Bierbuddeln in den Flossen dem Pogo zu frönen, doch noch mal überdenken? Andererseits lässt sich dadurch so herrlich mit Bier herumspritzen, ich verstehe das gut. Geiler Gig mit der üblichen Zugabe „Anders“, gelöste Stimmung und Bewegungseifer auch beim Verfasser dieser Zeilen. So’n PULVERTOAST passt eben immer in‘ hohlen Zahn.

Nachdem der verschossen war, betrat das Quintett DEVIL’S DAY OFF die Bühne. DEVIL’S what? Nie von gehört, obwohl aus Hamburg. Irgendwo zwischen Punk’n’Roll und Schweinerock zog man angelsächsisch vom Leder, was sich in meinen Ohren oftmals recht schnell abnutzt, hier aber durch den einen oder anderen wohldosierten Hit aufgewertet wurde, durchaus Laune machte und manch Anwesendem ins Bein ging. IGGY & THE STOOGES wurden gegen Ende gecovert und die die Poser-Ecke komplett aussparende Live-Attitüde wusste ebenfalls zu gefallen.

Bereits 1:00 Uhr dürfte es gewesen sein, als die (passend zum ausgeschenkten Pils) Dithmarscher Dorfpunks ABSTURTZ zeigten, wie viel Energie man auch zu dieser Zeit noch transportieren kann. Die einst als Kidpunk-Projekt gestartete Band um die Brüder Heiner und Hannes riss ihren hyperaktiven, vollkehligen D-Punk-Stiefel inkl. metallischen Gitarren-Leads und Mitgröl-Refrains herrlich aufgekratzt herunter, wobei ich Heiner immer wieder Respekt zollen muss, wie er seiner Klampfe einen derart vollen Sound entlockt, durchs Publikum springt und die Texte rausrotzt, als wär’s das Selbstverständlichste auffe Welt. Der Kerl erledigt quasi drei Jobs gleichzeitig und live sind ABSTURTZ mit ihrer authentischen Spielfreude sowieso immer ‘ne verlässliche Bank. Geile Sause ohne Ausfälle, anscheinend rund 120 zahlende Gäste und somit wohl für alle ein lohnenswerter Abend – am meisten Spaß allerdings dürfte der graumelierte Herr gehabt haben, der jeweils in der ersten Reihe seinem modernen Ausdruckstanz unbeirrt nachging und den Bands die Show zu stehlen drohte.

31.03.2017, Molotow, Hamburg: Punk-Rock-Cocktail-Festival bzw. YARD BOMB

In jüngster Zeit setzt das Molotow wieder verstärkt auf „kleine“ Punk-Konzerte für ‘nen schmalen Taler und rief zu diesem Zwecke die „Punk Rock Cocktail“-Reihe ins Leben, die an diesem Abend mit gleich fünf Bands auf beiden Bühnen – oben im Club und unten im Keller – für 6 Taler aufwartete. Aufgrund des STIFF-LITTLE-FINGERS-Konzerts wurde der Beginn auf 00:00 Uhr gelegt und während eine Band spielte, konnte die nächste auf der jeweils anderen Bühne bereits aufbauen. Als ich aus der Markthalle kommend eintraf, waren RESTMENSCH leider schon durch und auch zu ROBINSON KRAUSE kann ich nicht viel sagen, da ich die meiste Zeit mit Quatschen beschäftigt war und das neue MOLOTOW erkundete. Die ganze Szenerie verteilte sich nicht nur auf das Areal vor den beiden Bühnen und die mehreren Bar-Bereiche, sondern auch in den geräumigen Innenhof – wodurch sich das Publikum jedoch auch bisweilen ziemlich zerfaserte. Gewehr bei Fuß stand ich bei den wiedervereinigten YARD BOMB im Keller, die mit neuem Drummer wieder mit Oldschool-HC à la BLACK FLAG & Co. durchstarten und weder an Durchschlagskraft noch an Entertainment-Qualitäten eingebüßt haben. Frontsau Rolf und die anderen Bomber brachten den Keller zum Ausrasten, wovon auch ich mich anstecken ließ und die müden Knochen mobilisierte. Astreiner Gig – gut, dass die Band wieder am Start ist. Mit LITBARSKI konnte ich im Anschluss nicht mehr so viel anfangen, was jedoch auch gut mit meiner mittlerweile ausgereizten Aufmerksamkeitsspanne zusammenhängen kann. Darüber hinaus nahm die Ablenkung nicht gerade ab, als sich der Bar-Bereich mehr und mehr mit bekannten Nachtschwärmer-Gesichtern füllte, sodass ich nach diesem langen Konzertabend auf MOLOCH verzichtete und auf die letzten Absacker privat einkehrte. Auf jeden Fall ‘ne unterstützenswerte Angelegenheit, diese Molotow-Cocktails, und ich freue mich auf unseren BOLANOW BRAWL dort am 17.06.!

31.03.2017, Markthalle, Hamburg: STIFF LITTLE FINGERS

Wenn eine Punkband der ersten Stunde zu ihrem 40-jährigen Jubiläum nach Hamburg kommt, kann man auch ruhig mal ein paar mehr Worte zu ihr verlieren: Was die nordirischen STIFF LITTLE FINGERS auf ihren ersten drei Studioalben und auf der Liveplatte „Hanx!“ veröffentlichten, gehört für mich unumstößlich zum Besten, was klassischer Punkrock zu bieten hat. Mit Erscheinen des vierten Albums „Now Then…“ änderte man seinen Stil allerdings hin zu belangloser Rockmusik, womit mein Interesse an der Band schlagartig erlosch. In spätere Scheiben (Ausnahme: Das „Live and Loud“-Album) hörte ich gar nicht mehr erst rein und der Artikel über einen SLF-Gig zusammen mit SPRINGTOIFEL in den ’90ern, bei dem sich die Punk-Legende als arrogante Rockstars aufgeführt haben soll, trug sein Übriges dazu bei. Was seitdem immer mal wieder unter dem Namen STIFF LITTLE FINGERS Platten veröffentlichte oder für beachtliches Salär durch die Lande tingelte, brachte ich kaum noch mit den Klassikern in Verbindung und wurde mit Ignoranz gestraft. Dies änderte sich erst wieder mit einem sympathischen Interview in einem Fanzine vor einiger Zeit und als SLF letztes Jahr im Knust gastieren, flammte mein Interesse durchaus auf – bis ich mich zu einem Konzertbesuch durchrang, dauerte es allerdings noch etwas und auch diesmal machte man es mir nicht unbedingt leicht: Markthalle, Ticket 30 Euro, keine Vorband – zack! Das’ mal ’ne Ansage… Nach einigem Abwägen machte ich mich dennoch auf den Weg und war gespannt, was mich erwarten würde. Karten waren an der Abendkasse noch problemlos zu bekommen – würde die Markthalle überhaupt gefüllt werden? Sie wurde es (wenn auch sicherlich nicht ausverkauft), erwartungsgemäß mit Publikum mittleren Alters, jedoch auch einigen jüngeren Gesichtern, das sich ab 21:00 Uhr erwartungsfroh im großen Saal versammelte und zunächst einen Glamrock-Heuler nach dem anderen aus der Konserve über sich ergehen lassen musste, bis endlich „Go For It“ als Intro erklang und die Nordiren gegen 21:30 Uhr die Bühne betraten.

„Breakout“ zündete bei mir noch nicht so richtig und halte ich nicht für einen geeigneten Opener, doch direkt mit dem zweiten Song „Straw Dogs“ richteten sich beim ersten Stimmenüberschlag Jakes meine Nackenhaare auf – Gänsehaut! Sie haben’s immer noch drauf, Jake Burns singt fantastisch (wenn auch nicht mehr so rau und aggressiv wie auf den frühen Platten, aber darauf war ich dank des „Live and Loud“-Albums eingestellt und das steht dem Sound durchaus gut zu Gesicht) und bescherte man mir eine zweistündige Welle der Euphorie. Trotz Markthalle gab’s am Sound nix zu mäkeln und die Band wirkte gut aufgelegt und sympathisch. Jake nahm sich zwischen den Songs die Zeit, Anekdoten zum Besten zu geben, auf die Inhalte einzugehen oder den Bassisten zu verarschen. Vornehmlich bestand das Set aus den alten Hits, jedoch angereichert mit einigen Stücken neueren Datums, die sich gut einfügten und Lust machten, sich mit auch mal mit den jüngeren Alben zu beschäftigen. „My Dark Places“ hat laut Jake seine Depressionen zum Inhalt, „Each Dollar A Bullet“ den Nordirland-Konflikt und „Strummerville“ widmete man dem viel zu früh verstorbenen Joe Strummer. Tatsächlich dachte ich mir etwas wehmütig, dass THE CLASH sicherlich noch zu ähnlichen Leistungen fähig wären, würde Joe noch leben. „Nobody’s Hero“, „Barbed Wire Love“, „Roots, Radicals, Rockers & Reggae“, „Wasted Life“, „Tin Soldier”, „Suspect Device” – ein Kracher nach dem anderen, den ich mitskandierte, bis ich heiser war. Als Zugaben gab’s dann noch die Vollbedienung mit dem zum eigenen Song gemachten BOB-MARLEY-&-THE-WAILERS-Cover „Johnny Was“, „Gotta Getaway“ und – natürlich – „Alternative Ulster“.  Für eine solche Hitdichte würde manch Band töten (was SLF allerdings mit so manch Vertretern der ganz alten Garde gemein haben und deren Relevanz immer wieder unterstreicht). Von Altherren-Schunkel-Rock jedenfalls keine Spur.

Vor der Bühne fand natürlich kein Blutpogo statt, aber die Meute war gut in Bewegung, die Mädels an den Zapfhähnen flott bei der Sache und der Chor der Anwesenden stimmgewaltig. Keine Frage, das war eines meiner schönsten Markthallen-Konzerte überhaupt und ein heißer Anwärter auf das beste Konzert 2017. Und was macht man in solch berauschtem Zustand? Man fährt auf den Kiez ins Molotow zum „Punkrock Cocktail“-Spätfestival… dazu später mehr.

25.03.2017, Rondenbarg, Hamburg: STEF-UND-FRÁNK-TRIBUT: PROJEKT PULVERTOASTMANN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Nachdem unser Ex-Bassist Stef Anfang Februar für alle überraschend an einem Herzinfarkt gestorben und damit seinem alten Kumpel Fránk gefolgt war, der nur kurz zuvor das Zeitliche gesegnet hatte, waren Entsetzen und Trauer groß. Schnell reifte der Gedanke, auf dem Rondenbarg, wo beide lange Zeit gelebt und auch zusammen Mucke gemacht hatten, einen Tribut-Abend in Form eines Konzerts zusammen mit PROJEKT PULVERTOASTMANN zu veranstalten. Das Ganze sollte mehr den Charakter einer Privatveranstaltung als eines über die üblichen Kanäle beworbenen Konzerts haben, weshalb fast ausschließlich Mund-zu-Mund-Propaganda betrieben wurde.

Vor unserem Auftritt erklang noch mal die von Stef gesungene „Les Rebelles“-Version aus der Konserve, mitgeschnitten von Norman während unseres ersten Gigs überhaupt auf eben diesem Gelände. Norman war es auch, der sich um Aufbau und den groben Sound gekümmert hatte, bevor er zu einer anderen Verpflichtung eilen und die Verantwortung an Robert übergeben musste, der sich nun des Mischpults annahm. Unser Set wurde von zwei neuen Songs flankiert und so ging’s los mit „Pogromstimmung“, zum ersten Mal live. Das Ding lief rund und allgemein waren die üblichen Pannen überschaubar: Während ich „Elbdisharmonie“ ankündigte, war eigentlich „Aktion Mutante“ an der Reihe, auch Eisenkarl verrutschte in der Setlist und spielte sein „Victim of Socialisation“-Bassintro vor „Elbdisharmonie“, bei „Victim…“ ordnete ich die Strophen neu an (hat aber keine Sau gemerkt) und der eine oder andere Verhacker blieb auch nicht aus, aber ansonsten flutschte es und wurde begrölt und betanzt. Dass Dr. Tentakel vergrippt war und bereits ‘ne HAMBURGER-ABSCHAUM-Probe auf’m Buckel hatte, merkte man ihm nicht an und meine vor wichtigen Gigs obligatorische Erkältung hatte ich auf den Punk(t) genau mit Voodoo in den Griff bekommen. Zwischendurch wurden ein paar Worte zum Anlass verloren und auf die Gefallenen getrunken. Mit der Liebeserklärung an den Plattenbau „Ghettoromantik“, dem zweiten Neuling, wollten wir unseren Gig abschließen, doch eine Wiederholung von „Elbdisharmonie“ wurde beharrlich gefordert, so dass auch jene olle Kamelle noch mal durchgepeitscht wurde.

Teile der PULVERTOASTIES hatten früher, zu SCHÖNES-GLATTES-FELL-Zeiten, Mucke mit Stef und Fránk gemacht und uns verbindet eine mittlerweile auch schon recht lange Band-Freundschaft. Shouter Snorre war der erste, der uns wegen dieses Tribut-Abends angesprochen hatte, zu dem sie nun ihren musikalischen Teil beitrugen.  Wie gehabt zog man mittels herrlich aggressivem HC-Punk den Anwesenden die Ohren lang , Snorre rempelte sich durch die Reihen und verausgabte sich stimmlich wie körperlich, während der mittlerweile nicht mehr ganz so neue Drummer mit Schmackes den zerstörerischen Sound antrieb. Immer wieder ein Vergnügen! Das melancholische „Sturm“ wurde Stef und Fránk gewidmet und laut Snorre seinerzeit sogar für letzteren geschrieben. Zu früh sollte schon Schluss sein, was ich zunächst gar nicht richtig realisiert hatte, dann aber lautstark in den Ruf nach Zugaben einstimmte und so noch in den Genuss von „Anders“ inkl. ausgedehnten Mitsing-Parts kam, für die die Background-Mikros im Publikum landeten.

Snorre hatte natürlich vollkommen recht, wenn er in seinen Worten zum Anlass mutmaßte, die beiden würden jetzt mit einem fetten Grinsen irgendwo sitzen, einen trinken, einen rauchen und beobachten, welches Brimborium hier für sie veranstaltet wird. Von uns Motherfuckern aus hätte es ruhig noch etwas mehr sein können, in Absprache mit dem Rondenbarg einigten wir uns aber auf diesen Rahmen, der für jeden in Ordnung gewesen sein sollte – abgesehen von einer besonders penetranten Nervensäge, über die ich mich nicht weiter auslassen möchte, um ihr keine unnötige Bedeutung beizumessen. Den einen oder anderen gerade aus Stefs Freundeskreis habe ich vermisst, aber die werden ihre Gründe gehabt haben. Danke an den Rondenbarg und die PULVERTOASTIES, an Norman für Aufbau und Robert fürs finale Mischen, an Chefkoch René fürs reichhaltige Büffet, die Kneipiers für Veltins und Holsten und alle, die auf diese Weise noch einmal mit uns Abschied genommen haben.  Da haste blöd geguckt, alter Schneckenschlürfer, wa?! Santé!

14.03.2017, Monkeys Music Club, Hamburg: THE SELECTER

Die 1979 im englischen Coventry gegründeten THE SELECTER waren in der mächtigen Two-Tone-Troika bestehend aus MADNESS, THE SPECIALS und eben jenen schon immer meine Favoriten; besondere Songs aus der zweiten Reihe wie „Bomb Scare“ oder „Washed Up And Left For Dead“ gehen nicht nur in die Beine, sondern auch ans Herz. Doch obwohl seit Anfang der 1990er wieder aktiv, war es mir nie vergönnt, sie einmal live zu sehen. Letztes Jahr gastierten sie im Monkeys, was jedoch mit einer Bowling-Veranstaltung verbunden war und dementsprechend satt erhöhter Eintritt fällig wurde, weshalb ich mich weiter in Verzicht übte. Dies änderte sich, als die Band im Zuge ihrer Deutschland-Tour erneut dem Monkeys einen Besuch abstattete, diesmal ohne Bowling, ohne Vorbands, just pure SELECTER – und wesentlich bezahlbarer.

Vor Ort zog sich erst mal eine lange Schlange zur Kasse, wie ich es beim Monkeys noch nicht erlebt hatte. Dies schien sowohl mit dem hohen Besucherandrang als auch einem Soundcheck-Länge-bedingt etwas späteren Einlass zusammenzuhängen. So verzögerte sich auch der Konzertbeginn um eine halbe Stunde auf 21:30 Uhr. In ihrem rund eineinhalbstündigen Set konzentrierte sich das Oktett (inkl. Bläser und Orgelspieler) auf ihre beiden Klassikeralben sowie das aktuelle Album „Subculture“. Natürlich ist die aktuelle Besetzung weit davon entfernt, original zu sein – Originalmitglied Neol Davies ist sogar mit einer eigenen THE-SELECTER-Variante unterwegs –, dafür jedoch überaus versiert an den Instrumenten. Bei perfektem Monkeys-Sound saß jeder Ton und transportierte den Geist der alten Songs originalgetreu. Und dann ist da natürlich Pauline Black, jene in Würde gealterte Grand Dame des Two Tone, die noch immer über ihre einzigartige, durchdringende Stimme verfügt und mit ihrem ebenso resoluten wie charmanten Auftritten, gewandet in feinen Zwirn, die Herzen des auch an diesem Dienstagabend die Hütte vollmachenden Publikums im Sturm eroberte. Welch eine Ausstrahlung!

Black kommunizierte und scherzte mit dem Publikum, lobte die in der ersten Reihe tanzenden Mädels, animierte zum Mitsingen, tanzte mit ihrem für die männlichen Gesangseinlagen zuständigen Sidekick Gaps, schüttelte den Schellenkranz und nahm einen Blumenstrauß entgegen, den der alte Charmeur Sam ihr mitten im Set überreichte. 😉  Es wurde im gemischten Publikum viel das Tanzbein geschwungen und geschwitzt, zu den Eigenkompositionen gesellten sich die klassischen Cover „Train to Skaville“ und „Carry Go Bring Home“ sowie das James-Bond-Thema, „Too Much Pressure“ wurde passenderweise um einen „Pressure Drop“-Part erweitert.  Der Skandalsong „Celebrate The Bullet“, der seinerzeit zum Split führte, fehlte ebenso wenig wie das frenetisch bejubelte und in einer interessanten Phrasierungsvariante interpretierte „On My Radio“. Der kleinere der beiden Bläser tauschte sein ihn beinahe überhöhendes Rieseninstrument zwischenzeitlich gegen eine Flöte und ohne Zugaben (u.a. einem Medley klassischer Hits) ging’s nicht in die Koje. Meine beiden eingangs erwähnten Zweite-Reihe-Hits fehlten zwar, mit ihnen hatte ich aber ohnehin nicht gerechnet. Songauswahl und Schwerpunkt gingen auch so vollkommen klar.

Wenn ich mal mitten in der Woche zu einem Konzert tigere, muss es etwas Besonderes sein – und das war es! Ein weiteres „Must-See“, hinter das ich einen Haken setzen kann. Auf dass Mrs. Black & Co. der Musiklandschaft noch lange in dieser bestechenden Form erhalten bleiben mögen. Und vielleicht sollte ich doch mal in die bisher mit Ignoranz gestraften „neuen“ Alben ab den ‘90ern reinhören…

P.S.: Neben meinen wackeligen Amateurschnapsschüssen aus dem sich stetig in Bewegung befindenden Publikum gibt’s bei Kevin Winiker fantastische Profi-Fotos.

11.03.2017, Gängeviertel, Hamburg: NASTY JEANS + SELBSTBEDIENUNG + DONKANAILLE + TORTENSCHLACHT

Eigentlich sollten die Rostockerinnen von TORTENSCHLACHT, auf einer Mini-Tour aus Köln kommend, an diesem Abend in Kiel spielen, doch wegen der Absage des Hauptacts fiel das Konzert flach. Auf der kurzfristigen Suche nach einem Ersatz-Gig konnte ich sie jedoch erfolgreich an die BeyondBorders-Konzertgruppe vermitteln, die sich spontan und unkompliziert bereiterklärte, TORTENSCHLACHT als Opener fürs Konzert im Gängeviertel aufzunehmen. Somit ging’s dann auch relativ früh gegen 21:15 Uhr oder so los und die Technik meinte es zunächst nicht sonderlich gut mit den Mädels: Erst funktionierte Shiftys Mikro nicht, dann war der Gesang allgemein zu leise, Rückkopplungen quietschten und pfiffen durch die P.A. und dann riss Gitarristin Biene auch noch die E-Saite. Ersatz war jedoch bald dank des kollegialen Verhaltens der anderen Bands gefunden und so konnte es mit charmantem, etwas rumpeligem deutschsprachigen Punk weitergehen, dessen provokante Texte sich das Trio auf seine Ostsee-Kodderschnauzen gerecht aufteilt und der immer mal wieder mit gediegenen Bassläufen oder auch dem Einsatz halbcleanen Klampfensounds hervorsticht. Die Heiserkeit vom Vortags-Gig hörte man ihnen nur während der Ansagen an und Shiftys melodischer Background-Gesang war die Sahnehaube auf manch Tortensong. Chaotisch wurd’s beim SCHLEIMKEIM-Cover „In der Kneipe zur trockenen Kehle“, bei dem kurzerhand das Publikum die Mikros annektierte, sich mit der Originalstruktur des Songs jedoch als nicht gänzlich vertraut erwies. Lustig war’s allemal und aus dem anfänglichen Bauernpogo entwickelte sich im Laufe des Gigs dann auch doch noch positive, ausgelassene Stimmung. Daumen hoch!

Die weiteren drei Bands kannte ich wiederum überhaupt nicht. DONKANAILLE stammen ebenfalls aus MeckPomm, genauer: aus Gadebusch, bestehen seit 2012 und haben mit „Honig & Stacheldraht“ ein Album am Start. Der Sound des Quartetts klang wie ‘ne Mischung aus D-Punk und Hardcore und erinnerte mich zeitweise grob an die EMILS abzüglich deren Metal-Einflusses. Textlich gibt man sich kritisch und bissig und klang live rauer, aggressiver und bischn mehr auf dicke Hose als auf dem Album, was der Band ganz gut zu Gesicht stand. Aggressive Backgrounds sorgten für zusätzlichen Kick und der Rollifahrer, der den Gesang eines der Songs übernahm, ebenso für Abwechslung wie die Gesangseinlage eines Freundes der Band. Mittlerweile hatte sich der Laden noch weiter gefüllt und die Stimmung weiter gelockert, vor der Bühne war immer was los und der Sänger mischte sich unters Publikum. Guter, sehr souveräner Gig, dem es in den Midtempo-Parts etwas an Hooks und ansonsten vielleicht ein wenig an individueller Note mangelte, mit Engagement, Spielvermögen und Attitüde aber zu überzeugen wusste.

SELBSTBEDIENUNG aus Aargau hätten zu den Pechvögeln des Abends werden können, als direkt beim ersten Song die Bassanlage den Dienst versagte und eine gefühlt stundenlange Reparationspause einläutete. Auf vielen anderen Konzerten hätte sich die Butze sicherlich schnell spürbar geleert, doch nicht hier: Die Leute ließen sich die Laune nicht verderben, tranken weiter und beobachteten die schwitzende Technik-Crew bei ihren Versuchen, der Lage wieder Herr zu werden. Letztendlich sind besonders fieser Weise wohl gleich zwei Komponenten in‘ Dutt gegangen, was die Sache verkomplizierte. Als der Tieftöner irgendwann endlich wieder lief, wurde erst mal ein Bass-Solo gefordert und die Band konnte – ab nun störungsfrei – weitermachen. Offenbar wären die Eidgenossen lieber Hamburger, so oft, wie sie St. Pauli besangen. Fürchtete ich zunächst nervigen Schunkel-Fun-Punk, steigerte sich das Trio schnell mit flotteren, raueren Songs auch ernsterer Natur, die auf viel Publikumsresonanz stießen. Bei drei Alben kann die 2007 gegründete Band aus dem Vollen schöpfen und spielte auch recht lang. Zum eigenen Material gesellte sich ein Medley aus „Antifa Hooligans“, „God Save The Queen“ und „Das Herz von St. Pauli“, doch war mittlerweile meine Aufmerksamkeitsspanne leicht erschöpft, weshalb vieles doch ziemlich an mir vorbeirauschte, so kurzweilig die Schweizer auch unterhielten.

Jener reduzierten Aufmerksamkeitsspanne kam dann die Hamburg-Lübeck-Connection NASTY JEANS entgegen: Schnelle, kurze, eruptive Punk-/Oldestschool-HC-Songs ohne Intros, Intermezzi, Outros oder sonstige Schnörkel, immer direkt von Null auf 100 und geschultert von einer kleinen, zunächst unscheinbar wirkenden Sängerin, die mit einer kräftigen Rotzröhre überraschte. Das war genau das Richtige zur mittlerweile reichlich fortgeschrittenen Stunde und wurde entsprechend vom noch keine Ermüdungserscheinungen zeigenden Publikum gefeiert. Geiler Abschluss eines etwas pannenreichen, nichtsdestotrotz lohnenden Abends, der neben musikalischer Abwechslung das gewohnte Gängeviertel-Flair bot und mal wieder Laune machte – wie üblich bei Eintritt in selbst zu definierender Höhe auf Spendenbasis. Danke an BeyondBorders und alle Mitverantwortlichen!

11.02.2017, Gängeviertel, Hamburg: CHOLERA TARANTULA + EAT THE BITCH + STACKHUMANS

Drei Wochenenden hintereinander ins Gängeviertel? Logen, Aller. Diesmal lud die PunkbAR wieder in den kleineren Valentinskamp, der in Nullkommanix gewohnt voll war, sodass die STACKHUMANS aus Itzehoe vor amtlicher Kulisse den musikalischen Teil des Abends eröffnen konnten. Die Vier bretterten einen deutschsprachigen Hardcore-Punk, als befänden wir uns noch immer Anfang der 1980er. Prinzipiell ja meine Kragenweite, sowat, wenn auch in dieser Ausführung noch arg rudimentär. Die Band steht aber auch noch am Anfang und hat erst jüngst ihr Demo veröffentlicht. Textlich gibt man sich genretypisch radikal, gesellschaftskritisch und angepisst und verzichtet auf sprachliche Extravaganzen, wählt in Songs wie „Kotze über Deutschland“, „Extrem aber angenehm“ oder „Fickt euch!“ den jeweils direktestmöglichen Weg. Dabei holpert’s manchmal ebenfalls noch, dafür wirkt das alles aber ungekünstelt und authentisch. Mit „Itzetot“, einem Wortspiel, das mich an KAOS KABELJAUs „Todstedt“ erinnert, besang man die Heimat, zu der man offenbar ein ambivalentes Verhältnis hegt und bei „TV“ überraschte der Shouter am Ende mit spitzen Schreien. Noch erstaunlicher fand ich es aber, dass er in MINOR-THREAT-Leibchen gekleidet und mit X-Malereien auf dem Handrücken einen Song wie „Saufen to the max“ schmetterte – ist mir da irgendeine Ironieebene entgangen?

Gänzlich unironisch folgten EAT THE BITCH mit einem Heimspiel. Wenn mich nicht alles täuscht, begann man direkt mit einem nagelneuen Song, der noch nicht 100%ig rund lief, aber Bock auf mehr machte. Das folgte dann in Form eines Sets bestehend aus Songs des „Friss das!“-Demos und des „Desillusioniert“-Albums, das erwartungsgemäß gut knallte und von Sängerin Jonas aggressivem Gesang mit seinen melodischen Farbtupfern sowie ihrer zusätzlich anstachelnden ausdrucksstarken Mimik getragen wurde, zeitweise gesanglich unterstützt von Gitarrist Tim. Mit Freude nahm ich zur Kenntnis, dass mein Lieblingslied „Fressen & Kotzen“ wieder ins reguläre Set aufgenommen wurde und der neue Bassist sich offenbar bestens in die Band integriert hat. Unterbrochen wurde die Performance des textlich gut durchdachten, von negativer Weltsicht geprägten deutschsprachigen HC-Punks von einem laut Band uralten Stück (aus ANAESTHETIC-Zeiten?), das man nach langer Zeit mal wieder spielen wollte, jedoch so gar nicht hinhaute und kurzerhand abgebrochen wurde. Mit ARRESTED-DENIAL/COCK-UPS-Sascha wurde ich Zeuge dieser kleinen Panne und wir waren uns einig, dass es extrem sympathisch ist, dass auch mal anderen Bands ein solches Malheur passiert, haha. Dafür zog ein weiterer neuer, kämpferischer Fuck-You-Song (hieß der „Untergehen“?) mühelos die Veggiewurst vom Teller, da stimmte alles! Ohne Zugaben ging’s nicht von der Bühne und diesmal war ich beim Klassiker „I Saw You Die“ der NEUROTIC ARSEHOLES textlich auch auf der sicheren Seite, als ich kurz mitträllern durfte. 😉 Die Meute vor der Bühne lebte sich wie bereits zuvor kräftig beim Pogo aus, hier und ging mal was zu Bruch, nicht weiter wild – als zunehmend etwas nervig erwiesen sich lediglich vereinzelte Gestalten, die meinten, dabei ihren Rucksack aufbehalten zu müssen oder sich völlig unkoordiniert in erster Linie von der menschlichen „Bande“ um sie herum durch die Gegend stoßen ließen, weil sie regelmäßig in sie hineintorkelten. Die Folgen des Soli-Schnaps-Saufens, mit dessen Erlösen das „War In Your Head“-Festival im Mai mitfinanziert werden soll. 😀

An CHOLERA TARANTULA aus Bremen war es, den Abend zu beschließen und da mir die Band völlig unbekannt war, hatte ich auch nichts erwartet. Wie so oft in solchen Fällen wurde ich positiv überrascht. Grob würde ich den Stil als Anarcho-Punk mit recht eingängigen Refrains beschreiben. Das gehobene Grundtempo eskalierte immer mal wieder in Hektikausbrüche, z.B. beim genialen „Vergiftet“. Besonderheit ist sicherlich der gerade in den Strophen cleane Gesang des sehr souveränen, ab und zu einen irren Blick aufsetzenden Frontmanns, der den Songs trotzdem nichts von ihrer Wucht nimmt. „Freiheit statt Frontex“, der sich mit der unsäglichen europäischen Abschottungspolitik auseinandersetzt, und „Stop Eating Animals“, der wohl keiner weiteren Erläuterung bedarf, hießen weitere Songs, deren parolenhafte Refrains sich mühelos mitskandieren ließen. Noch einfacher machte es einem „Bullenterror“, der nur aus diesem einen Wort bestand und zudem ein echter Ohrwurm sowie offensichtlich großer Publikumsliebling ist. Kann man machen! An den Instrumenten waren CHOLERA TARANTULA überaus fit, da saß quasi jeder Akkord. Was mir erst im Nachhinein beim Hören ihres aufs Jahr 2013 datierenden Albums „Vergiftet“ auffiel: Lyrisch gibt man sich doch tatsächlich linguistischer Sinnbefreitheit in Form des „mensch statt man“-Neusprechs hin, wenn auch ohne es konsequent durchzuziehen. So redet (oder singt) doch kein Mensch ernsthaft! Im letzten Drittel wirkte es schließlich, als habe man den „Politteil“ nun abgehakt und verwandelte sich in eine Cover-Band, die mit „La Bamba“ Ritchie Valens Tribut zollte, um sich dann jedoch in Medley-Form Schlechtst of the Neunziger vorzuknöpfen und debile Geschmacklosigkeiten wie „Boom boom boom boom, I want you in my room“ oder „Herz an Herz, hörst du mich? S.O.S., ich liebe dich“ durchs Gängeviertel zu prügeln – zur besonderen Freude der vielen anwesenden jungen Mädels, offenbar allesamt ‘90er-geschädigt. Argh! Alles in allem aber war’s mir wieder ein außerordentliches Vergnügen und der eine oder andere Soli-Rubel dürfte locker zusammengesoffen worden sein.

06.02.2017, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: ANTI-CLOCKWISE + YALLAH

So ein Montag ist oft schon hart genug. Wenn man dann noch erfährt, dass es einen Kumpel dahingerafft hat, wird er noch beschissener. Ex-DMF-Basser Stef war am Wochenende plötzlich und unerwartet einem Herzinfarkt in seiner französischen Heimat zum Opfer gefallen. Spontan beschlossen wir vier verbliebenen Motherfucker daher, das Gaußplatz-Konzert seiner französisch-hamburgischen Freunde von ANTI-CLOCKWISE zusammen mit den Landsmännern von YALLAH aufzusuchen. Die meisten dort wussten längst Bescheid, andere noch nicht. Einige fanden tröstende Worte oder Gesten und unsere Stimmung puschten wir mit Bier. Wir hatten die Idee, noch vor YALLAHs Gig ein, zwei DMF-Songs, die Stef mit in die Band gebracht hatte, zu zocken. ANTI-CLOCKWISE-Fred vermittelte, dass wir das kurzerhand über YALLAHs Equipment tun konnten und so spielten wir nach einer kurzen Ansage zum Wie und Warum „Les Rebelles“ von BERURIER NOIR. Mehr als den Refrain am Schluss bekam ich aber nicht heraus, denn das Ding hatte Stef früher immer gesungen und ich kann kein Französisch, auch keiner der anwesenden Franzosen war textsicher genug. So steht man als Sänger schön blöd da. Anders dann bei „Cop Killing Day“, das Stef von seiner vorherigen Band SCHÖNES GLATTES FELL mitgebracht hatte, von der nur eine Woche zuvor bereits jemand das Zeitliche gesegnet hatte. Hat dann auch wirklich noch mal Spaß gemacht und war wahrscheinlich das Beste, das wir an diesem Abend tun konnten. Während unseres Auftritts ging dann wohl eine SMS ein, dass nun auch die letzten lebenserhaltenen Maßnahmen abgeschaltet worden seien. Bon voyage, Stef…

YALLAH traten dann in Trio-Formation mit, wenn ich mich nicht verzählt habe, 17 HC-Punks-Songs in Landessprache an, die mal vom Gitarristen, mal vom Bassisten gesungen wurden und ihren eigenen Stil mit Wiedererkennungseffekt hatten. Zeitweise ging das fast in Richtung Streetpunk, nur eben doppelt so schnell gespielt. Griffige Refrains ließen uns das eine oder andere Mal die Fäuste recken und auf Fantasie-Französisch mitgrölen. Den schwer schuftenden Drummer tauften wir Hans Guck-in-die-Luft, denn sein trotz allem irgendwie teilnahmslos bis verwundert wirkendes Gesicht reckte er i.d.R. gen Raumdecke oder sonst wohin, während der Ärmste zwischen seinem Mikro und der Mauer hinter ihm schrecklich eingeklemmt wirkte – was an seinem rasanten Power-Drumming indes nichts änderte. Drummer beobachten kommt sowieso meistens gut. Spitzen-Liveband jedenfalls, die von der gerade für einen Montag echt gut besuchten Platzkneipe zu Recht bejubelt wurde. Also LP eingesackt und das ANTI-CLOCKWISE-Album, das ich aus unerfindlichen immer noch nicht hatte, auch gleich mitgenommen.

Der totale Abriss folgte dann mit ANTI-CLOCKWISE. Ich verabschiedete mich von Kalle und Tentakel und blieb vor Ort, denn meine Vorsätze, nicht allzu lange zu bleiben, hatte ich längst mit Jever heruntergespült. Die international besetzte Band scheint mir live immer härter zu werden und diesmal war auch Freds asoziales Reibeisenorgan schön in den Vordergrund gemischt worden, so dass die HC-Punk-Songs ihr volles Aggressionspotential entfalteten. Nun wurde auch getanzt, mit Bier gespritzt, englische Textpassagen mitgebrüllt (gern auch direkt in die Bandmikros) und die Sau rausgelassen. Freds Frage nach der besten Punkband beantwortete ich wahrheitsgemäß mit THE CLASH, was die Band jedoch mit dem MOTÖRHEAD-Cover „Iron Fist“ erwiderte. Auch nichts gegen einzuwenden. Drei Zugaben wurden ANTI-CLOCKWISE abverlangt und eine davon dürfte THE ADICTS‘ „Viva la Revolution“ gewesen sein, wofür Freds Mikro dann auch direkt im Publikum rumging.

Aufs Trübsal scheißen und einen Abend feiern, wie er Stef gefallen hätte, das war die Devise. Mit der letzten Bahn trottete ich schließlich nach Hause und ließ schön meine Platten in ihr liegen – wie gewonnen, so zerronnen. Die Gewissheit, dass Stef tot ist und weder in Frankreich noch in Hamburg noch einmal glücklich werden wird, realisierte ich erst langsam nach und nach so richtig. Die nächsten Tage waren hart und bestimmt von Gedanken an die gemeinsame Zeit. Schon heute ist seine Beerdigung in Frankreich und niemand von uns hat es derart kurzfristig geschafft, ihr beizuwohnen. Dennoch wird jeder von uns auf seine Weise von Stef Abschied nehmen oder hat es bereits getan und ein Teil davon war ganz sicher dieser Abend, der sich stärker noch als andere Konzerte im Langzeitgedächtnis festsetzen wird. Zudem war dies der Abend, an dem wir es uns gegenseitig mit Handschlag schworen, es noch ein paar Jahre zu machen. Der Gaußplatz-Schwur – wer ihn bricht, ist des Todes! Danke an ANTI-CLOCKWISE, YALLAH und die Gaußbande für die Unterstützung sowie an Katharina, die unseren kleinen Tribut per Video festhielt:

04.02.2017, Gängeviertel-Fabrik, Hamburg: P.I.Y. PUNKROCK-KARAOKE

Punk-Karaoke, die Dritte: Diesmal hatte das Dresdner Trio Halt im Gängeviertel gemacht und die überaus gut frequentierte Fabrik zum Kochen gebracht. Das kann man fast wörtlich nehmen, denn die Temperaturen bewegten sich gen Siedepunkt und die Band mit ihrem von einer Pause unterbrochenen ca. vierstündigen Set schien irgendwann nur noch aus Schweiß und Instrumenten zu bestehen. Der mitgereiste Texteherausgeber machte mit SLIMEs „Deutschland“ den Anfang und diesmal gab’s auch keinerlei Berührungsängste seitens der Gäste; Schlag auf Schlag folgte eine Top-Performance auf die nächste, wofür man stets mit einem Pfeffi belohnt wurde. Meinst einzeln, bisweilen aber auch zu zweit oder zu mehreren gab’s ein buntes Potpourri quer durch die Stilrichtungen, von MOTÖRHEADs „Ace of Spades“ über WIZOs „Quadrat im Kreis“, „Fight for your Right (to Party)“ vonne BEASTIE BOYS und LOIKAEMIEs „Good Night White Pride“ bis hin zu „Anarchy in the U.K.“ von den SEX PISTOLS, THE CLASHs „Should I Stay or Should I Go“ und AUFBRUCHs „Abend in der Stadt“ – und vielem mehr. Der ehemalige ARRESTED-DENIAL-Basser gab „Basket Case“ zum Besten (woraufhin man den Shouter einer lokalen Hatepunk-Combo beobachten konnte, wie er jenen Pop-Punk-Klassiker angetrunken inbrünstig abfeierte…), irgendwer bog mit ‘nem Song um die Ecke, den anscheinend keine Sau kannte (war das evtl. „Lederhosentyp“ von HANS-A-PLAST?), TURBONEGROs „All My Friends Are Dead“ brachte die Bude ebenso zum Wackeln wie das unvermeidliche „Gotta Go“ der AGNOSTIC FRONT, EAT-THE-BITCH-Jona adaptierte einen THE-DISTILLERS-Song und gegen Ende lagen sich alle bei der PENNYWISE’schen „Bro Hymn“ in den Armen.  Ich ließ mich auch nicht lumpen und rotzte SLIMEs „Alptraum“ raus, nach der Pause musste KNOCHENFABRIKs „Filmriss“ dran glauben (dafür dann doch aufs Textblatt schielen zu müssen, ist mir natürlich äußerst unangenehm).

Die Stimmung war absolut fantastisch, den einzelnen Sängerinnen und Sängern wurde frenetisch gehuldigt, es wurde getanzt und mit Bier gespritzt. Manch einer sprang von den Brettern und sang/grölte/kreischte inmitten des Publikums, andere enterten die Bühne und sangen einfach mit. Auch die Band war von der Anzahl hervorragender Karaoke-Sänger beeindruckt, wobei es natürlich auch immer amüsant ist, wenn etwas schiefgeht oder jemand textlich und/oder stimmlich völlig neben der Spur liegt. Auch das gab es vereinzelt, doch ausgelacht wurde niemand. Überraschenderweise nicht dazu zählte ein schon zu Beginn heillos betrunkener Punk, der dadurch seinem GG-ALLIN-Song nur noch mehr Authentizität verlieh. Mit steigender Promillezahl reifte in mir die Idee, „Boys Don’t Cry“ in der SHEER-TERROR-Version zu growlen, wovon ich glücklicherweise dann doch Abstand nahm. Leider hat eine junge Dame diesen Song dann irgendwann völlig versaut, was zu meinem einzigen „Das hat das Lied nicht verdient!“-Moment führte.

Als gegen 1:45 Uhr Feierabend war, waren längst nicht alle drangekommen, es hätte wahrscheinlich noch eine ganze Weile so weitergehen können. Respekt an die Band für ihre musikalische Vielseitigkeit und ihr Durchhaltevermögen und danke an alle Beteiligten – insbesondere die BeyondBorders-Konzertgruppe – für diese göttliche Party!

Ich hab‘ kräftig Fotos gemacht und zwar nicht alle, aber doch die meisten irgendwie erwischt. Könnt ja mal schauen, wer sich hier wiedererkennt. Und wer in dieser Ehrengalerie lieber nicht auftauchen möchte, sagt mir bitte – am besten mit Dateinamen des Bilds – Bescheid, dann nehme ich’s heraus.

Nachtrag: Das Schraibfela-Fanzine hat ’n Video inkl. Interview-Passagen gedreht, das ich hier mal verlinke.

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