Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 2 of 37)

03.05.2019, Menschenzoo, Hamburg: MURUROA ATTÄCK + VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG + BUNKERMARIE

Letztes Mal mussten wir für MURUOA ATTÄCK noch bis nach Norderstedt fahren, diesmal brauchten wir nur auf den Kiez umme Ecke. Nach Maloche & Co. ließen wir’s betulich angehen, da eigentlich lediglich zwei Bands angekündigt waren, mit deren Beginn wir nicht vor 22:00 Uhr rechneten. Als wir gegen viertel vor eintrafen, spielten jedoch bereits BUNKERMARIE, die überraschenderweise spontan hinzugestoßen waren, stammt die Mindener Band doch aus demselben Umfeld wie die beiden anderen (und teilt sich mit MURUROA ATTÄCK einen Gitarristen). Allzu viel schienen wir noch nicht versäumt zu haben. Vor noch recht übersichtlicher Kulisse zockte das Trio treibenden HC-Punk mit einer Songlänge von meist unter zwei Minuten. Viele der Stücke begannen dafür mit längeren Instrumental-Intros, bevor die Gitarristin mit ihrer schön angepissten bis brutalen Stimme einsetzte und deutschsprachige Texte rausrotzte. Ab und zu wurd’s auch bischn melodisch, was die Angelegenheit angenehm auflockerte und den jeweiligen Songs ‘nen Extrakick verpasste. Unprätentiös und sympathisch, das gefiel!

VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG aus Witzenhausen haben jüngst eine Split-LP mit MURUROA ATTÄCK veröffentlicht – und sind bischn wat Spezielleres. Die lütte Orgel, mit der sie auf die Bühne kamen, hab‘ ich auf der Platte gar nicht ‘rausgehört. Auf ein instrumentales Intro noch ohne Orgel folgten deutschsprachige Punksongs zwischen Bauch und Kopf, die mitunter etwas sperrig klangen, häufig aber auch von der Live-Situation profitierten, weil der Sänger weit weniger anstrengend als auf der Splitscheibe klang. Die Saiteninstrumente schienen mir etwas nonkonform gestimmt, der Bass war drückend und dominant, die Orgelistin und Co-Sängerin rollte per Druck einzelner Tasten ab und zu ‘nen Klangteppich aus, griff aber auch mal zum Schellenkranz. Bei „Littfasssäule“ (o.ä.) haute sie dann aber auch doch mal ‘ne Melodie in die Tasten. Das Publikum war mittlerweile rasant angewachsen, die Band kommunizierte mit ihm auf lockere, spaßige Weise und musste auch mal ‘nen Song abbrechen und von vorn beginnen. VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG wirkten erfrischend unbedarft und empfahlen sich mit ihrer etwas unkonventionellen Herangehensweise an den Punkrock, ohne dabei allzu erzwungen oder studentisch zu wirken. Sie wollen übrigens in Kürze ein Musikvideo drehen.

MURUROA ATTÄCK aus Ostwestfalen, Hannover und Hamburch treten jedes Mal in einer anderen Besetzung auf, wenn sie mir vor die Linse kommen. Wie IRON MAIDEN traten sie diesmal mit gleich drei Gitarristen an, also einem mehr als in Norderstedt. Diese Band hat’s mir besonders angetan, denn sie gehört m.E. zum Brutalsten, was deutschsprachiger HC-Punk zu bieten hat. Insbesondere live folgt auf die „Michel aus Lönneberga“-Intromelodie stets der totale Abriss. In Sachen Aggressivität und Geschwindigkeit streift manch Song die Subgenre-Grenzen und ist schon nicht mehr tanzbar, wenn bzw. weil sich der Mob schon beim Einstieg „Kaputt“ komplett verausgabt hat. Seit Mitte der 1990er ist man keinen Millimeter versöhnlicher geworden. So unscheinbar und ruhig Shouter Holger sonst auch wirken mag, auf der Bühne mutiert er zum kehlig brüllenden Derwisch mit ausgeprägtem Bewegungsdrang, der sich dank Funkmikro auch plötzlich hinter einem wiederfinden kann. Klappt ein Song, wie an diesem Abend, dann mal erst beim dritten Anlauf, schimpft er mit seiner Band, die eigentlich nicht nur für Krach, sondern auch für Präzision und kontrollierten musikalischen Amoklauf steht. Dem Drummer gelingt es sogar, selbst den schnellsten Nähmaschinentakten noch Fills unterzumogeln. Eine Trompeteneinlage des Bassisten hier und ein melodischerer Lauf da lockern das Getrümmere zudem immer mal wieder auf. Textlich gibt man sich sarkastisch und wütet gegen Politik, Gesellschaft und Alltag. Zwei Coverversionen hat man adaptiert, eine davon „Schlachtet!“ von GRAUZONE, die in der Liste meiner MURUOA-Favoriten ganz vorn dabei ist. Nach anfänglichem Durchdrehen flaute die Bewegung vor der Bühne immer mal wieder ab, um zwischenzeitlich wieder auszubrechen, bis irgendwann anscheinend keiner mehr konnte. Das Publikum stand zu größeren Teilen an die Ränder verteilt, um bei plötzlichen Pogo- oder Mosh-Eruptionen nicht im Weg zu stehen. Ohne Zugaben ließ man die Band aber nicht zurück aufs Atoll, eine von beiden war auf meinen Wunsch hin endlich das „Klimperkastenlied“, laut Holger „saustumpf“ und vermutlich daher auch in einer etwas gekürten Version dargeboten… Wie zuletzt in Norderstedt dürfte man aber alle Bandphasen abgedeckt haben, inklusive der ersten EP – übrigens alles bei astreinem Sound von P.A.-König Norman. Ich hab’s sehr genossen, mich von MURUROA ATTÄCK mal wieder musikalisch durchprügeln zu lassen und ließ den Abend befriedigt und bestimmt leicht debil grinsend am Tresen ausklingen. Spitzenkonzert (das übrigens in Konkurrenz zu ähnlich gelagerten Veranstaltungen in der Lobusch und der Flora stand und unter anderen Umständen sicherlich noch ein paar Leute mehr angezogen hätte)!

23.04.2019, Logo, Hamburg: NERVOSA + REZET

Geil, die brasilianischen Thrasherinnen mal wieder in Hamburg – und diesmal als Headliner! Da frohlockte natürlich mein Metal Heart und so sicherte ich meiner Lady und mir zwei Karten im VVK. Im gut ge-, aber nicht überfüllten Logo bekleideten die Schleswiger REZET (mit denen zusammen ich NERVOSA vor drei Jahren auch im Bambi gesehen hatte) den Support-Slot und legten saupünktlich los – was uns an diesem Dienstagabend berufsbedingt sehr entgegenkam. Ihren deutlich hörbar Oldschool-MEGADETH-beeinflussten Thrash servierten die sympathischen, in SLIME- und GG-ALLIN-Shirts gewandeten Herren ultralaut und druckvoll sowie in technisch eiskalter Perfektion, was beim vierten Song, dem großartigen „Minority Erazer“, den Mob vor der Bühne zum Durchdrehen brachte – wenngleich er recht bald wieder aus der Puste war. Für Soli stellten sich die Gitarristen gern mal auf die Monitorboxen, ein bisschen Posing darf sein. Vorm superschnellen Oldie „Have Gun, Will Travel“ wurde ein Intro vom Band eingespielt, für den letzten Song „Dead City“ legte der Sänger/Gitarrist seine Klampfe ab. Die Mischung aus Midtempo-Thrash und pfeilschnellen Attacken mundete gut und war weitaus abwechslungsreicher und aggressiver, als die (ja auch von mir) vielbemühten MEGADETH-Vergleiche vermuten lassen würden. Das neue Album „Deal With It!“ ist ziemlich stark geworden, seltsamerweise scheinen REZET den klasse Titelsong aber gar nicht gespielt zu haben…? Wie dem auch sei, REZET sind ‘ne sackstarke Liveband für Freundinnen und Freunde des etwas technischeren und dennoch frickelfreien Thrash Metals, die das Logo kräftig angeheizt hinterließen.

Das infernalische Trio NERVOSA hat sich mit seinem dritten und jüngsten Album „Downfall of Mankind“ noch etwas mehr dem Death Metal angenähert, was meines Erachtens prima passt und den Sound der Band noch etwas düsterer und brutaler macht. Fernanda, Prika und Luana machten von Beginn an unmissverständlich klar, wo der Hammer hängt, Fernanda fauchte, growlte und keifte, was die Kehle hergab, während sie parallel den Tieftöner bediente, Prika riffte zugleich hart und atmosphärisch und die eigentlich so zierliche Luana verprügelte ihr Drumkit nach allen Regeln der Kunst. Dass eine ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern bestehende Band einen solchen Sound fabriziert, es dabei überhaupt nicht nötig hat und daher auch unterlässt, mit diesem Umstand zu kokettieren und stattdessen ihre hochqualitativen, authentisch bösen und extremen Songs für sich sprechen lässt, empfinde ich als positives Zeichen der Zeit, wäre mir andererseits aber auch reichlich egal, wäre die Band für mich musikalisch irrelevant. Stattdessen trifft sie aber voll meinen Evil-Thrash-Geschmack, den ich seit den 1980ern pflege. Anfänglich hatte Fernanda ein paar Probleme mit ihrem Bass-Amp, die zusammen mit einem Techniker aber bald gelöst werden könnten. Ihrem fiesen Sound zum Trotz strotzte sie zwischen den Songs vor positiver Energie und kämpferischer Entschlossenheit, wenn sie die antirassistischen und progressiven Inhalte der Songs in ihren Ansagen anriss. Selten dürfte ein Aufruf zu mehr Toleranz derart bösartig geklungen haben wie in „Intolerance Means War“. Herrlich! Die Setlist war gut durchmischt, aktuelles Material inkl. dem portugiesischen „Guerra Santa“ kam ebenso zum Zuge wie Stoff der beiden vorausgegangenen Alben, sogar bis hin zu „Masked Betrayer“ vom 2012er Demo, bevor man nach locker 15 oder gar noch mehr Songs mit „Into Moshpit“ den Abend besiegelte. „Victim of Yourself“ hätte ich mir noch gewünscht und auf den Demosong „Invisible Oppression“ werde ich vermutlich ewig vergeblich warten müssen, ansonsten war’s aber ein Killerset, das reihenweise Kehlen durchschnitt und Köpfe rollen ließ. Die Band war bestens aufgelegt, das Publikum sorgte ebenfalls gut für Bewegung und die P.A. dröhnte dankenswerterweise nicht mehr so arg in den Ohren wie bei REZET. Am erstaunlichsten ist für mich, wie Fernanda es schafft, auf ausgiebigen Touren wie dieser jeden Abend derart in Mikro schreien zu können, ohne ihre Stimme zu verlieren. Mir soll’s recht sein und ich freue mich schon jetzt diebisch auf den nächsten NERVOSA-Gig, dann hoffentlich erneut als Headliner für den maximalen Genuss statt eines kurzen Gastspiels im Vorprogramm irgendeiner weit weniger beachtlichen Kapelle. Wenn schon „Untergang der Menschheit“, dann bitte mit diesem geilen Sound!

13.04.2019, Medusa, Kiel: SMALL TOWN RIOT + ANGORA CLUB + BOLANOW BRAWL

Meine persönliche Punk-Sozialisation ist eng mit der ursprünglich aus dem südlichen Hamburger Umland stammenden Band SMALL TOWN RIOT verbunden. Ungefähr ab dem Jahr 2000 habe ich das Entstehen der Band hautnah mitverfolgt und war eng mit den Bandmitgliedern befreundet, insbesondere mit Timo – eine Freundschaft, die bis heute hält. Auf die „DEMOlition“-Demo-CD und das Debütalbum „Some Serious Shit“ folgte 2008 der Langdreher „Selftitled“, mit dem SMALL TOWN RIOT meines Erachtens ihren Zenit erreicht hatten. Von der Covergestaltung über die Musik und Texte bis hin zur Produktion und natürlich der Straßen-Attitüde der Band stimmte da einfach alles. Supereingängiger Punkrock, beeinflusst von melodischen US-Bands, Streetpunk und Oi!, jeder Song ein Ohrwurm, dabei nicht nur aufgrund der damals drei verschiedenen Sänger extrem abwechslungsreich und von Surf/Rock’n’Roll bis Hardcore weitere Einflüsse auf völlig selbstverständliche Weise miteinander vereinend. Zusammen mit der „Skulls & Stripes“-EP und den Beiträgen zur „Let The Bombs Fall…“-Vierer-Split ein enormes Hit-Arsenal, dem 2010 mit „Suicidal Lifestyle“ sogar noch ein weiteres Top-Album zur Seite gestellt wurde, das in geänderter Besetzung nicht minder kräftig auf die Kacke haute. Irgendwann war man ausgebrannt, legte die Band auf Eis und widmete sich unterschiedlichen anderen Projekten. Nun juckte es aber wieder in den Fingern und in der Besetzung Norman (Klampfe + Gesang)/Timo (Bass + Gesang)/ Andy (zweite Klampfe)/Herr Lehmann (Drums) begann man wieder regelmäßig zu proben. Das nicht abgerissene Interesse an der Band beantwortete man dann erstmals am 13.04.2019 mit dem von East-Coast-Concerts organisierten Reunion-Gig in Kiel, zu dem man neben den Flensburgern ANGORA CLUB auch uns als Support eingeladen hatte, womit ein Traum für mich wahr wurde: Einmal mit BOLANOW BRAWL zusammen mit den alten Kollegen von SMALL TOWN RIOT zocken!

Zu Teilen per Bahn, zu Teilen mit der Karre brachen wir also in Hamburg auf und waren saupünktlich um 17:00 Uhr an der Medusa, einer schnieken Location mit professioneller Bühne und großem Backstage-Bereich. Quasi zeitgleich trafen SMALL TOWN RIOT und wenig später auch ANGORA CLUB ein. Nun musste allerdings noch unser Lead-Klampfer Ole abgeholt werden, wofür Christian bis ans andere Ende Kiels schüsseln musste, wodurch wir für den Soundcheck schon mal entfielen. Diesen übernahmen kurzerhand SMALL TOWN RIOT, die den Sound dadurch perfekt auf sich zugeschnitten bekamen, jedoch auch mit der anscheinend nicht vollständig funktionstüchtigen Monitoranlage zu kämpfen hatten. Noch hielt ich mich in Sachen Alkoholika zurück, wollte erst mal was essen. Zur Auswahl standen Chili con carne und „vegane Pampe“, die sich als wohlschmeckend und offenbar auf Kichererbsenbasis (oder so) zubereitet entpuppte und meiner von der letzten DMF-Probe noch etwas angeschlagenen Kehle guttat. ANGORA CLUB wollten gern als zweite Band auf die Bretter. Uns sollte es recht sein, umso schneller würden wir den Pflichtteil hinter uns gelassen haben und uns gehen lassen können. Anfangen sollten wir irgendwann zwischen 8 und 9, hieß es – und natürlich hielten wir 8 für völlig unrealistisch, peilten 9 an und machten uns erst mal vom Acker, um bischn den Proletarier-Stadtteil Gaarden zu erkunden, wo die Kiosks großflächig damit werben, Oettinger und Paderborner im Angebot zu haben.


Unser erster Abstecher führte uns in einen Dönerladen, in dem gerade zwei der mitgereisten Damen speisten. Eigentlich gilt dort „Bier nur außer Haus“, aber angesichts unserer durstigen Truppe wollte der gute Fleischspießbräter anscheinend nicht auf leicht verdiente Einnahmen verzichten und füllte sein Flaschenbier in neutrale Becher um, damit niemand sah, dass er uns gegen seine eiserne Regel verstoßen ließ. Weiter ging’s auf der Suche nach einer typischen Eckspelunke, die wir schnell gefunden wähnten. Kaum über die Schwelle getreten, glaubten wir, vom offenbar griechischstämmigen Gastwirt mit offenen Armen empfangen zu werden – ein Irrglaube, denn statt uns eine Runde zu zapfen, erklärte er uns, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handele und wir leider gehen müssten. Pah, dann eben in die nächste Pinte. Die befand sich direkt nebenan der Medusa; im „Holsten-Krug“ war der Tresen gesäumt mit Trinkern älteren Semesters, einer sang lautstark „Der HSV wird niemals untergehen“ oder so und sackte anschließend für ein Schläfchen auf der Theke zusammen. In der Glotze lief Fußball, Kurze 1,- €. Hier waren wir richtig. Ein paar Biere und Schnäpse wechselten die Besitzer, die Wirtin war auf zack und willig, uns abzufüllen. Es dürfte ungefähr 20 vor 9 gewesen sein, als wir zurück in der Medusa waren. Dort erwartete uns das überraschende Bild einer rappelvollen Bude und ungeduldig auf uns wartender Gäste inkl. einiger weiter angereister Freunde und Bekannte sowie hektisch auf den Beginn drängender Organisatoren. Ich hatte nie im Leben damit gerechnet, dass schon vor 9 fast alle Besucher da wären, aber in Kiel ticken die Uhren halt etwas anders.

Also schnell paar Plastikchips gegen Bandbier eingetauscht und ab auf die Bühne, um mit „Total Escalation“ das Motto des Abends vorzugeben. Wir hatte vorne links und rechts je einen Monitor, mittig, also für mich als Sänger, leider keinen. Ich ließ mich nach dem ersten Song auf den Dingern so laut wie möglich drehen, blieb für mich selbst aber weiterhin eher schemenhaft wahrnehmbar. Ich versuchte, diesmal nicht den Fehler zu machen, mich generell zu leise zu wähnen und dagegen anzubrüllen zu versuchen, was mir hoffentlich einigermaßen gelang. Davon abgesehen machte der Gig großen Spaß und flutschte gut durch. Wir kamen diesmal mit nur einer Stimmpause aus und bis auf den einen obligatorisch versemmelten Song-Beginn erlaubten wir uns keinen größeren Fauxpas. Nach den Erfahrungen in Rendsburg hatten wir unser Set um „On The Run“ erweitert und „Fame“ als potentielle Zugabe aufbewahrt, die dann auch eingefordert wurde. Im Laufe des Gigs hatte sich ein Pogomob gebildet, kurioserweise nicht vor der Bühne, sondern etwas weiter hinten und eher seitlich. Fast ein wenig vermisst habe ich das Unterfangen meiner Bandkollegen, mich öffentlich zu düpieren, meine Ansagen zu sabotieren oder Fake-News zu kolportieren, vielleicht habe ich’s aufgrund meiner Monitorlosigkeit auch schlicht nicht vernommen. Weil’s so dermaßen voll war, hatten wir darauf verzichtet, eine Merch-Ecke aufzubauen, aber trotzdem einige T-Shirts verkauft. Das‘ doch geil! Darauf erst mal wat trinken.

ANGORA CLUB sind zwar alte Hasen, aber noch ‘ne recht frische Band: 2018 gegründet, 4-Song-Demo am Start. Kuschelrock und Hasenpunk hat man sich aufs plüschige Fell geschrieben. Ich hatte zuvor nicht reingehört und befürchtete Hamburger Schule oder Artverwandtes, wurde aber positiv überrascht: Recht flotte, emotionale deutschsprachige Songs mit eher persönlichen, ernsten/ironiefreien Texten und Hardcore-Kante, technisch auf den Punkt und mit sehr souveräner Bühnenpräsenz. Nun hörte ich auch, dass der P.A.-Sound ziemlich gut war. Nicht schlecht; mich wirklich konzentriert ihrem Gig widmen konnte ich aber nicht, Smalltalk, freudige Wiedersehen mit alten Bekannten, Shirt-Verkauf etc. wussten dies zu verhindern. Zudem war der Auftritt gefühlt relativ kurz. Ich werde aber sicherlich in Hamburg noch mal die Gelegenheit bekommen, wäre doch gelacht.

Der gute Bert von East-Coast-Concerts hatte zwischenzeitlich übrigens ‘nen Kasten Bier springen lassen – ein verdammt feiner Zug! Auch das hatte dazu beigetragen, dass (nicht nur) ich zu SMALL TOWN RIOT gut auf Betriebstemperatur war. Timo hatte mir vorher schon die Setlist gezeigt, die 14 oder 15 Songs umfasste und die Erwartungshaltung steigerte. So ging’s dann mit „Addicted to Authority“ entspannt melodisch und leicht pop-punkig los, gefolgt von der Abrissbirne „Peer 52“, bei der ich meinen Verstand dann gegen die Wand warf und an diesem Abend auch nicht mehr wiederfinden sollte. Der Sound war gut und die Band bestens eingespielt – es wirkte fast, als sei sie nie weggewesen. Fröhlichere Songs, meist von Norman gesungen, gaben sich mit wütenden, von Timo aggressiv interpretierten Nummern die Klinke in die Hand, gespickt mit Hymnen à la „Working Class“ oder „Cheers & Goodbye“ – und zu meinem persönlichen Entzücken auch mit dem erhabenen OLIVER-ONIONS-Cover „Sphinx“ vom Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Tribut-Sampler. Reunion 100%ig geglückt, ich im Euphorie- und Biertaumel, Bert am DJ-Pult für die Aftershow-Party, EIGHT BALLS dröhnten aus den Boxen, das Unheil nahm seinen Lauf und die Nacht lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren. Ein Teil von uns sollte bei Ole pennen, Keith, Madame Flo und ich wollten mit der Bahn zurück nach Hamburg. Mit zwei Taxen samt Equipment sollten wir aber erst mal alle zusammen von der Medusa aus los. Das sorgte zumindest bei 3/5 unserer Band alkoholbedingt für hochgradige Verwirrung bis hin zu unangebrachtem Trotz, sodass der erschreckend nüchterne Don Raoulo alle Hände voll zu tun hatte, die Bande zusammenzuhalten. Ein Sack Flöhe wäre wohl einfacher zu hüten gewesen, letztlich trafen aber alle am Wunschort ein und unseren Krempel haben wir auch noch.

Fazit: Dass in Kiel nicht viel gehe, ist ein Gerücht – auch diesmal war’s ‘ne astreine Party, sogar mehr als das. Der Gig mit SMALL TOWN RIOT hat mir viel bedeutet und davon mal abgesehen sind Timo und Norman einfach zwei Typen, die miteinander Musik machen müssen – denn was dabei herauskommt, ist mehr als die Summe der Teile. Also danke an alle Beteiligten, an STR und ANGORA CLUB, an East-Coast-Concerts und das Medusa-Team, an Shitty Videos Galore fürs obige Live-Video sowie an alle Kieler Sprottinnen und Sprotten!

Ihren zweiten Reunion-Gig spielen SMALL TOWN RIOT am 18.05. im Goldenen Salon (Hamburg) und wir befinden uns Ende Mai auf Mini-Tour mit den irischen NILZ: 30.05. Sauerkrautfabrik (Harburg), 31.05. VeB (Lübeck), 01.06. Molotow (Hamburg, + OBN III’S). Sieht man sich?

06.04.2019, Lobusch, Hamburg: MØRDER + KAMIKAZE KLAN + NUISANCE OF MAJORITY + THEM FALLS

Kai Le Rei-Motherfucker kommt endlich unter die Haube, was natürlich Anlass für ‘ne zünftige Party in Form eines Junggesellenabschieds ist! So richtig organisiert war diesbzgl. aber nix; jemandem, der auf dem Kiez wohnt, braucht man natürlich gar nicht erst mit schwachsinnigen Verkleidungen, Einheitslook und Kurzen-Bauchladen zu kommen, und von uns hatte da selbstredend auch niemand Bock drauf. Fest stand letztlich nur, dass wir abends in die Lobusch torkeln würden, um an der „RD-Rock-Warm-up-Party“ mit vier Livebands teilzunehmen – und dass wir vorher im Osborne Fußi gucken und beginnen würden, uns volllaufen zu lassen. Böse Zungen könnten nun behaupten, wir würden schlicht das Gleiche wie jedes Wochenende tun, doch das stimmt ja schon lange nicht mehr. Seriosität ist unser zweiter Vorname geworden, Verantwortungsbewusstsein unser dritter, Kräutertee und Mineralwasser haben Schnaps und Bier den Rang abgelaufen. Bis zu diesem Tag…

Kai, schlau wie ein Fuchs, hatte ein paar Tage zuvor bereits geahnt, dass wir etwas ausgeheckt hatten und saß längst mit ‘ner Pulle Bier auf seinem Balkon, als die Dres. Tentakel und Martin sowie meine Wenigkeit bei ihm eintrudelten und sich die ersten Vasen aufrissen. Zu viert ging’s erst mal in den Silbersack, wo Betreiber Dominik ‘ne Runde springen ließ – danke, Alter! Im Osborne verfolgten wir mehr oder weniger den Bundesliga-Spieltag, erwartungsgemäß sah Kai seine Schalker verlieren – wenn auch spektakulär in allerletzter Minute. Doch seine Laune konnte das nicht vermiesen, waren doch mittlerweile nicht nur Martin Crackmeier und Eisenkarl, sondern auch sein Trainer, Pepe aus’m Pott, als Überraschungsgast hinzugestoßen. Die nicht ganz so glorreichen Sieben waren somit komplett. Nach dem Abpfiff verweilte man noch etwas im Osborne, um anschließend einen Abstecher in den Park Fiction mit Bier vom Kiosk zu wagen, wo wir auf weitere bekannte Gesichter stießen. Ein Blick auf die Uhr offenbarte schließlich, dass die Zeit drückte. Aus dem angedachten Spaziergang vom Kiez nach Altona mit Zwischenhalt in diversen Pinten wurde eine Bahnfahrt mit Druck auf der Blase und ein kurzer Besuch des Möllers. Deniz schräg gegenüber kredenzte Wegzehrung für jeden Geschmack inklusive köstlichem Veggie-Döner; unweit auf dem Gaußplatz öffnete man kurz das El Dorado, um unsere Truppe vor dem Austrocknen zu bewahren. Als wir schließlich in der altehrwürdigen Lobusch aufschlugen, mussten wir feststellen, dass man dort pünktlich wie die Maurer angefangen hatte, sodass wir nur noch die letzten beiden THEM-FALLS-Songs mitbekamen, drückenden Sludge-Metal mit kehligem Gesang und düster-doomigem Sound.

NUISANCE OF MAJORITY? Nie gehört vorher, Asche auf mein Haupt. Die Kieler sind nämlich schon arschlange am Start und spielen einen modern klingenden Mix aus schleppendem, schwerem Hardcore, Doom, Düsterpunk und treibenden Speed-Attacken. Ein Berg von einem Shouter füllte den Raum vor der Bühne aus, growlte, röchelte und brüllte, konterkariert vom melodischen, punk’n‘rolligen Gesang des Gitarristen im ZEKE-Shirt. Das war alles nicht nur technisch durchaus beeindruckend, sondern hatte auch ordentlich Wumms. Sehr geil auch der Song „Fuck Club 88“ gegen den bekackten Naziladen in Neumünster.

Zwischen dem NOM-Gig und dem des KAMIKAZE KLANs lagen diverse Getränkerunden, unsere Hirne schalteten langsam aber sicher auf Tiefflug, meine Tanzlust stieg analog dazu. Der KKK-Sound bot einen schönen Kontrast zu NOM, die Jungs sind klasse, wie jeder weiß, und Frontsau George sowieso immer motiviert bis in die Haarspitzen. Die Songs des Debütalbums entfalteten ihren rockigen Streetpunk-Glanz, der allen ernsten Themen zum Trotz eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Carpe diem und nimm verdammt noch mal nicht alles so furchtbar wichtig. Fast alle Klansmen haben Äonen an Jahren in verschiedenen grandiosen Bands hinter sich; dass sie’s mit frischem Material noch mal wissen wollen und sich leidenschaftlich hinter ihre aktuelle Band klemmen, ist überaus begrüßenswert. George positionierte sich samt Mikroständer vor der Bühne und gab die letzte Distanz zum Publikum auf, als er sich des Metallgelöts entledigte. „Durch die Hose atmen“ avancierte an diesem Abend zu meinem Lieblingssong. Also alles prima – aber kann es sein, dass das Set bischn kurz war? Und kann es sein, dass wir uns darüber auch noch unterhalten haben? Langsam wird’s kritisch mit der Erinnerung…

Unbestritten aber ist, dass MØRDER, die mich vor einiger Zeit in der Roten Flora sehr positiv überrascht hatten, auch heute wieder volles Pfund ablieferten und kräftig aufs Mett klopften. Bester, derber Neo-Crust voller Aggression und Atmosphäre. Die Besetzung der drei Herren (einer davon im zweiten ZEKE-Shirt des Abends) und zwei Damen erlaubt splitterige Gitarrenbretter, auf die Shouterin Anna eindrucksvoll growlt und keift. Das schepperte und krachte alles so schön und tight, dass ich mich zusammen mit einer Handvoll anderer Connaisseure grobmotorisch zuckend vor der Bühne wiederfand. Perfekter musikalischer Abschluss eines Abends, der daraufhin spontan bis tief in die Nacht bzw. gar bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt wurde…

So musste das Café Treibeis noch den Besuch unserer sich langsam dezimierenden Gruppe über sich ergehen lassen, im Anschluss – so weit lassen sich die Ereignisse noch rekonstruieren – starteten Kai und ich noch per Taxi auf den Kiez durch. Möglicherweise täuschte ich an, Kai nach Hause zu bringen, möglicherweise täuschte er an, nach Hause zu wollen. Wie dem auch sei: Stattdessen verschlug es uns noch entweder ins Nordlicht oder ins Onkel Otto, vielleicht auch beides. Man sagt ja, alles, was nach 2:00 Uhr passiere, sei verzichtbarer Schwachsinn. Das stimmt natürlich und ist nicht zuletzt die Schuld solcher Kapeiken wie uns. Jedenfalls weiß ich mittlerweile, weshalb sich immer alle schwören, lediglich einmal im Leben zu heiraten – mehr solcher Junggesellenabschiede sind schlicht nicht zumutbar. Fazit: Eine harte Party zarter Jungs, Kai darf dann jetzt auch heiraten. In ein paar Tagen ist’s soweit und ich wünsche Jana und ihm hier schon mal alles Liebe und Gute!

22.03.2019, Menschenzoo, Hamburg: KOMMANDO MARLIES + NITRO INJEKZIA

Nachdem ich die großangelegte Bullenkontrolle am S-Bahnhof Reeperbahn unbeschadet überstanden hatte, konnte ich die Kellertreppen in den Menschenzoo hinabschreiten, um mir mal wieder ordentlich die Lauschlappen durchpusten zu lassen. NITRO INJEKZIA hatte ich zuletzt kurz vor Weihnachten 2017 hier gesehen, hatten mich seinerzeit arg geflasht. Diesmal machten sie überraschenderweise den Opener und brachten natürlich gut Stimmung in die Bude. Das kanadisch-russische Trio mit Wohnsitz in Berlin ballerte grandiosen Uptempo-Melodic-Punk, mal mit russischem (Bassist), mal mit englischem Gesang (Drummer), letzterer hatte dazu auch ‘nen echt amtlichen Punch. Bei nahezu perfektem P.A.-Sound gab’s dann auch nix zu meckern, zumal man noch satte drei Zugaben ablieferte. Spitzen-Liveband, ohne jeden Zweifel!

Dann wurd’s spannend: Ex-PUBLIC-TOYS-Sänger Fozzie, seit geraumer Zeit in Hamburg lebend, hatte angekündigt, ein paar alte Gassenhauer zusammen mit seinem ehemaligen Bandkollegen Uwe Umbruch (aktuell bei KOMMANDO MARLIES tätig) zu schmettern. Und so kam’s auch: In Akustikversionen und mithilfe des hinzugerufen MARLIES-Drummers erklangen „Wir sind scheiße“, „Oh Fortuna“ (über einen etwas überbewerteten Düsseldorfer Fußballclub) und „Seid betroffen“ (aktueller denn je, leider). Ich fand’s großartig, Fozzie wieder das ‘90er-Zeug singen zu hören, sämtliche Rufe nach Zugaben blieben jedoch leider unerhört. Das ist jedenfalls ausbaufähig, gern mehr davon!

Nun also KOMMANDO PIMPERLE MARLIES, Gitarrist/Sänger Uwe Umbruchs neue Band nach PUBLIC TOYS, [HAPPY] REVOLVERS, HIROSHIMA MON AMOUR und HOTEL ENERGIEBALL, also der halben Rheinland/Ruhrpott-Inzucht-Connection. Am Start hat man ‘ne 7“-EP, die schon mal ‘ne glatte Eins ist. In Trio-Größe und mit (ehemaligen) BRIGADE-S- und FAHNENFLUCHT-Mitgliedern zockt das KOMMANDO melodischen Punkrock mit leichter Rock’n’Roll-Schlagseite und Gespür für eingängige Refrains, dazu deutschsprachige Texte. Der Drummer, ‘ne Mischung aus Vetter It und Zappelphilipp, drehte derbe auf und lieferte auf seinem minimalistischen Kit ein echtes Filetstück in Sachen Punk-Getrommel ab. Uwe Umbruch scheint kaum gealtert, führte mit launigen Ansagen souverän durchs Set und kündigte scherzhaft ständig an, Hardcore-Stücke zu spielen, was er jedoch schuldig blieb. Der Song „Tommy“ stach mit seiner traurigen Stimmung aus dem übrigen Material heraus, zu dem u.a. ein „Kalt wie Eis“-Cover von TEMPO zählte, das ich vom Soundtrack zum gleichnamigen Carl-Schenkel-Film kenne. Irgendwas über Berlin und Kokain gab’s auch noch, anscheinend auch ‘nen Song über Greifswald. Die Songs klingen leidenschaftlich und authentisch, das wirkt alles sehr sympathisch. Den Schulterschluss zum Publikum suchte man, indem man mehrmals mit frischen Bierkannen mit ihm anstieß. Doch auch unabhängig davon dürften KOMMANDO MARLIES gut angekommen sein; das war ein vielversprechender Gig mit starken Songs, der Lust auf mehr machte und bewies, dass Umbruch immer noch ein verdammt versierter Songwriter ist. Dann klöppelt mal ‘n schniekes Album zusammen!

16.03.2019, T-Stube, Rendsburg: THE SPARTANICS + BOLANOW BRAWL

Die Winterpause ist vorbei, der erste BOLANOW BRAWL des Jahres sollte im schleswig-holstein’schen Rendsburg stattfinden. Doof nur: Niemand hatte Bock zu fahren. Also wurde kurzerhand ein Trolley geordert, am Samstagnachmittag mit allem Gedöns vollgepackt und bondagemäßig eingewickelt und verschnürt. Im seit Tagen anhaltenden strömenden Regen schoben wir das Vehikel zum Bahnhof, inkl. ein paar Zwangspausen, wenn dieser Turmbau zu Babel einzustürzen drohte. Als wir beim Überqueren einer Ampel an einer vielbefahrenen Kreuzung am Kantstein hängenblieben, schafften wir’s in letzter Sekunde mit vereinten Kräften, der Zermalmung unter Autoreifen zu entkommen. Die Fahrt an sich war dann sehr entspannt, in RD angekommen platterte es aber genauso wie zuvor in der Hansestadt. Aufgrund mangelnder Ortskenntnisse drehte unser Tross den einen oder anderen überflüssigen Schlenker, verbog die Trolley-Achse in einem Schlagloch und schob das Ding durch den Matsch, bevor er völlig durchnässt an der T-Stube eintraf.

Die Organisatoren Hajo & Co. zeigten sich ob der Wahl unserer Anreise und der damit verbundenen Strapazen überrascht und offerierten erst mal erfrischendes Pils, mit dem Backstage-Kühlschrank bis zum Rand gefüllt war. Also Klamotten auf die Heizung und die geschundenen Körper auf die Sofas verteilt – und beraten, wie wir Experten hier überhaupt wieder wegkommen. Nachdem die Leipziger Streetpunks THE SPARTANICS eingetroffen waren, ging man sogleich auf Tuchfühlung und tauschte sich fachmännisch aus. Im letzten Jahr hatten diese Irren satte 53 Konzerte gespielt, da können wir nicht mithalten… Respekt! Soundchecks, lecker Risotto einwerfen etc., auf das Übliche folgte ein kleiner Ausflug: Ein Spaziergang, um mal bischn was von der Stadt zu sehen, mit anschließender Einkehr ins „Charleston“, einer sehr geräumigen Kneipe, deren Interieur sich in einem seltsamen Gestaltungs-Crossover aus Wikinger- und Löwenbildchen zusammensetzt. Die Getränke waren fair bepreist und so kippten wir uns einen hinter die Binde, bevor’s in die T-Stube zurückging. Der Beginn verzögerte sich noch bis ca. 22:30 Uhr, eigentlich kein Problem, wenngleich ich ahnte, dass es später sehr eng werden würde, noch etwas von den Leipziger Kollegen mitzubekommen – aufgrund des eher suboptimalen Bahnfahrplans planten Ole, Flo und ich, den Zug um 23:57 Uhr zu nehmen…

Unser Gig lief recht rund; dass wir urlaubsbedingt ein paar Wochen lang nicht mehr alle zusammen hatten proben können, dürfte man uns kaum angemerkt haben. Mich durch unhaltbare Behauptungen wie angeblichen McDonald’s-Fraß-Konsum in Misskredit zu bringen, hatten die geschätzten Bandkollegen bereits im Vorfeld erledigt, auf der Bühne hielten sie sich diesmal überraschenderweise zurück. Fürs Publikum waren wir ziemlich neu, man lauschte interessiert, ohne gleich durchzudrehen. Wir rechneten nicht unbedingt mit Zugabenforderungen und integrierten den zehnten und letzten Song ins normale Set, als plötzlich alle noch was hören wollten. Geprobt hatten wir aber leider nichts weiter und einfach irgendwas noch mal zu spielen war uns zu doof, weshalb wir klanglos die Bühne verließen – um die Erkenntnis reicher, zumindest für Konzerte mit nur einer weiteren Band uns doch mal wieder ein, zwei Stücke mehr draufzuschaffen.

Im Zuge der Umbaupause verstauten wir schnellstmöglich unser ganzes Gelöt im Technikkabuff hinter der Bühne, machten noch überraschend guten Umsatz am Merch-Bauchladen und dann, ja dann… musste ich in den sauren Apfel beißen und tun, was ich eigentlich hasse: Noch während des ersten Songs der SPARTANICS meine sieben Sachen packen und zusammen mit Flo zum Bahnhof eilen, dort noch auf Ole treffend, mit dem wir den ersten Teil der Strecke gemeinsam zurücklegten. Das ist echt ärgerlich, da ich die Leipziger liebend gern gesehen/gehört hätte. Christian, Raoul und Keith sowie Sandy blieben vor Ort, zogen sich die Band rein und feierten noch eine gute Party, während Flo und ich schließlich in die verdammte AKN umstiegen, wo ich Blut und Wasser schwitzte, weil jener Bummelzug an jeder Milchkanne hält, aber keine Toilette aufweist. Zudem stieg nach wenigen Stationen ein ganzer Pulk Wichtigtuer vom Wachpersonal ein, der unablässig die Reihen hoch und runter patrouillierte. Wat ‘ne nervige Scheiße!  Dafür waren wir allerdings wie geplant um kurz nach 2:00 Uhr wieder in Hamburg und konnten uns sogar noch ‘nen Absacker inner Spelunke genehmigen.

Fazit: T-Stube top, THE SPARTANICS top, Trolley naja, Wetter und AKN Flop. Bleibt die Hoffnung, dass die umtriebigen Leipziger demnächst mal wieder in der Nähe zocken oder – noch besser – es zu ‘nem weiteren gemeinsamen Gig kommt. Und: Wir brauchen ‘nen Fahrer (m/w/d). Wer schon immer mal ‘ne Affenbande mitsamt Equipment durch die Gegend kutschieren und dabei nüchtern bleiben wollte, darf gern mit uns in Kontakt treten…

Danke an Hajo & Co., ans Rendsburger Publikum – und natürlich an Flo für die Schnappschüsse!

02.03.2019, Fanräume, Hamburg: F*CKING ANGRY + NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + FLO UND PAUL UND FLO + EAT THE BITCH

Länger nicht mehr auf Konzerten gewesen… Das lag aber keinesfalls an einem etwaigen mangelnden Angebot, sondern hatte schlicht Zeitgründe. Als die französischen ANTI-CLOCKWISE ihre Tour beendeten und den Hamburger LIQUOR SHOP ROCKERS den gemeinsam genutzten Gitarristen Needlz zurückbrachten, nutzte man die Gelegenheit für den Tourabschluss-Gig in der Gaußplatz-Kneipe El Dorado. Das war aber am 06.02. und somit an einem Mittwoch, und eigentlich wollte ich auch nur kurz was abholen, sodass ich lediglich ein paar Songs und eine Bierlänge lang Zeuge davon wurde, wie verfickt tight die LIQUOR SHOP ROCKERS mittlerweile geworden ist – und wie gut der Sound in jenem gemütlichen Lädchen war! Sogar noch enger wurd’s am 16.02., als das El Brujito sein Zehnjähriges feierte (Gratulation!) und HEMO & THE OTHER folklastige Stimmungsmusik zur Beschallung des Jubiläums ablieferten und die Besucher(innen) zum Tanzen brachten. So’n richtiger Punk-Gig, zu dem man speziell wegen der Bands hingeht, musste jedoch bis zum 02.03. warten.

Eine feste Hamburger Institution sind die Konzerte in den Fanräumen des Millerntorstadions geworden. Auch diesmal gelang es wieder, ein hochkarätiges Line-up zusammenzustellen und so für eine großartige (Soli-)Party zu sorgen! Von Anfang an war die Bude rappelvoll, EAT THE BITCH spielten ihren ersten Gig mit Bassneuzugang Bommy vor beeindruckender Kulisse. Live-Premiere hatte auch der Song „Trump vor Angst“. Seltsam mutete die Illumination an, die voll ins Publikum leuchtete, Gitarrist Tim dafür im Dunkeln stehen ließ. Auch der P.A.-Sound war noch nicht so geil, hätte mehr Druck vertragen können. Dafür war die Band aber gut aufgelegt und lieferte das erwartete, gewohnt hochklassige HC-Punk-Brett, das von seinen Riffs und seiner hurtigen Rhythmus-Arbeit genauso lebt wie vom unverkennbaren Gesang Jonas und ihren Texten. Lässig tänzelte sie auf und vor der Bühne, wodurch sie eine Souveränität ausstrahlte, die bei einem ersten Gig in neuer Besetzung nicht selbstverständlich ist. Und anstatt sich verrückt zu machen, setzte Bommy sein Pokerface auf und zog durch. Vom einen Refrain, in dem er sich laut eigener Aussage fies verspielt habe, hatte wohl niemand etwas mitbekommen, stattdessen gesellten sich Teile des Publikums zum ausgelassenen Pogo vor der Bühne. Live-Feuertaufe bestanden!

Auf dem Flyer komplett übersehen hatte ich die Mainzer mit dem Antinamen „FLO UND PAUL UND FLO“, offenbar ‘ne neue, noch recht junge Band. In Trio-Größe mit singendem Drummer und mehrstimmigen Chören schmetterte man deutschsprachigen Punkrock mit auf witzig und ironisch gebürsteten Texten. „China – Reich der Mitte“ kam ziemlich gut, insgesamt wirkte der Auftritt aber etwas zu sehr wie ‘ne Persiflage auf mich, wie es sie in Form anderer Bands ja mittlerweile doch einige gibt. Müsste ich mir noch mal ansehen/-hören, um das wirklich beurteilen zu können. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja. Der Sound jedenfalls war plötzlich voll gut, ich jedoch schon bischn schusselig und so hab‘ ich ganz vergessen, Fotos zu machen…

Aufgrund ‘ner Unterhaltung kam ich etwas zu spät von der frischen Luft zur NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN zurück, die ersten Songs waren bereits gespielt. Jedenfalls bekamen die „Helikopter-Eltern“ wieder ihr Fett weg, „Kleben und kleben lassen“ erinnerte an OZ, die „Kleine Motivationshilfe“ ging raus an diejenigen, die den Arsch hochkriegen und auch mal dahingehen, wo’s wehtun könnte, aber natürlich wurde auch älteres Material berücksichtigt, „Kellerkinder“ und wie sie alle heißen. Stemmen sprach von seiner Liebe zur ersten WEEZER-Platte und wie gewohnt noch so einiges andere, wobei ich im Gewusel diesmal viel zu abgelenkt war, um alles detailliert aufzunehmen. Zumal während der Songs nicht nur einmal echt gut Alarm war, herrlich ausgelassene Stimmung vor und auf der Bühne, grinsende Gesichter überall, schlicht eine große Party, die im Kontrast zu manch mitunter etwas verkopften Songs des neuen Albums stand.  Mittlerweise sind die Anti-Ager aber auch ‘ne Band, über die ich mich bereits mehrfach ausführlich ausgelassen habe, deshalb gleich weiter zur nächsten Krawallcombo, die ich erst zum zweiten Mal live sah:

F*CKING ANGRY aus Bonn rissen alles ab! Genialer, treibender Hardcore-Punk der alten Schule mit aktuellen deutschen wie englischen Texten, vorgetragen von der rauen, heiseren, charismatischen Stimme der Sängerin Beckx. Zwei Gitarren (an einer Dominik von CANALTERROR/MOLOTOW SODA) plus Rhythmusfraktion rissen das Tor zur Hölle auf, das Publikum hielt das Euphorisierungslevel und verausgabte sich weiterhin nach Kräften. Ich spritzte mit Bier und gesellte mich dazwischen, Beckx mischte sich unter die ersten Reihen, bis ihr Stemmen irgendwann das Mikro für seinen Gastbeitrag abnahm, und für „Aluhut“ stieß Kem Trail von BRUTALE GRUPPE 5000 zum Duett dazu. Sogar der moderne HH-Punk-Klassiker „Bullenwagen klau’n“ wurde noch improvisiert intoniert – absolut irrer Gig, ständig passierte irgendwas und wer nicht durch die Gegend sprang, lag sich gefühlt glückselig in den Armen. Besser hätte man den Abend nicht beenden können, das war echt die Kirsche auf der Sahnehaube und hat wieder mal bewiesen, dass F*CKING ANGRY zurzeit eine der verfickt geilsten HC-Punk-Bands der Republik sind. Die neue 7“-EP legte ich mir noch am Merchstand zu, ließ sie aber später im Onkel Otto liegen, was ja nun echt abzusehen war – insofern: selbst schuld… Erstes Konzert nach längerer Abstinenz, das besser nicht hätte sein können. Und gleich wieder voll aufgedreht. Das fordert natürlich seinen Tribut, denn so ganz abgeklungen wie erhofft war die Erkältung (oder was auch immer das für ‘ne hartnäckige Scheiße war) dann doch noch nicht und der Kater demnach umso schlimmer. War’s aber wert!

18.-20.10.2018: BOLANOW BRAWL Total Escalation Ireland Tour 2018


Aufmerksame Leserinnen und Leser sowie sonstige Stalker meines Konzerttagebuchs werden evtl. eine klaffende Lücke bemerkt haben: Über die kleine Irland-Tour meiner Streetsauf-Kapelle BOLANOW BRAWL stand hier bislang nüscht. Der Grund: Ich konnte meine Notizen erfolgreich in die kommende Ausgabe des PLASTIC-BOMB-Fanzines schmuggeln, die ab dem 15. Februar an den Bahnhofskiosken ausliegen sollte.

Neben meinen gesammelten Erinnerungen gibt’s von und über Karl Nagel, PASCOW, MILLENCOLIN etc. zu lesen, darüber hinaus liebgewonnene Kolumnen, haufenweise Reviews, ebenso ausufernde wie meinungsfreudige Vorwörter usw. usf. Viel Szenestoff für wenig Kohle, also mach das Internetz mal aus und hol dir die Printgazette!

Edit: Nun auch mit massig Fotos hier verfügbar:

18.-20.10.2018: Mit BOLANOW BRAWL auf Total Escalation Ireland Tour 2018 – nun auch online.

02.02.2019, Südpol, Hamburg: FRONT + BRUTALE GRUPPE 5000 + KOFFER + AUS DEM RASTER

Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin

Im Hammerbrooker Club „Südpol“, so ließ ich mir sagen, finden normalerweise Techno-Partys statt. Nun etablierte eine findige Gruppe dort unter dem Namen „Punk am Pol“ auch eine Punk-und-Artverwandtes-Konzertreihe, die erst kürzlich debütierte, jedoch leider ohne mich. Dort soll schon ganz gut was losgewesen sein; was im Rahmen der zweiten Auflage an diesem Samstagabend abging, übertraf jedoch alle Erwartungen. Schon zum Zeitpunkt meines Eintreffens war der mittelgroße Club im Gewerbegebiet unweit der S-Bahn-Station ordentlich gefüllt, während der ersten Band AUS DEM RASTER aber wurd’s richtig rappelvoll. Als ich vor einiger Zeit gehört hatte, dass die Gitarrenfraktion die Norderstedter verlassen hat, fürchtete ich, dass es das schon wieder gewesen sein könnte. Umso erfreulicher, dass man sich offenbar flugs neu aufstellen konnte. Mit zwei Gitarristen, ‘nem Shouter und ‘ner Sängerin tummelt man sich nun wieder zu sechst auf der Bühne und ballert HC-punkige deutschsprachige Songs mit kritischen, teils sarkastischen Texten raus. Größtes Wiedererkennungsmerkmal dürfte der männlich-weibliche Wechselgesang sein, zumal die Sängerin häufig eine schöne melodische Note einbringt. Die professionelle Bühne bot genug Platz für alle Bandmitglieder, der P.A.-Sound war makellos und der Gitarrist auf der rechten (von mir aus gesehen linken) Bühnenseite derart gut aufgelegt und mitteilungsfreudig, dass er beim nächsten Mal ein eigenes Mikro bekommen sollte. Ohne Zugabe ließ man das Sixpack nicht gehen. Gelungener Einstieg, der Bock gemacht hat – und dazu führte, dass alle drei Flaschenbiersorten ungefähr zur Hälfte des Sets ausverkauft waren und es „nur“ noch Gezapftes vom Fass gab, das in zwei Sorten angeboten wurde. Wann erlebt man so was schon? Der Biervorrat wurde übrigens nach einiger Zeit wieder aufgefüllt; ob dafür jemand zur Tanke musste, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eigentlich hätten nun OI!RONIE spielen sollen, die jedoch kurzfristig hatten absagen müssen. In den mir bis dahin unbekannten KOFFER aus Berlin hatte man glücklicherweise Ersatz gefunden. Das Trio scheint tief in den ‘80ern verwurzelt und zockt ‘nen etwas monotonen, minimalistischen Sound mit halbverzerrter und mit ordentlich Hall versehener Klampfe, dazu ein hochhängender, melodischerer Bass und deutsche Texte, im Ergebnis bischn wavig, das. Das hatte was, zumal sich die Band im Laufe ihres Sets steigerte, mal schneller, mal atmosphärischer wurde. Die Zugabe wurde im ersten Ansatz vergurkt, daher wiederholt und erwies sich als schön flotte Schrammelnummer. Das Publikum war längst in Wallung gekommen und hatte einen bewegungsfreudigen Pit vor der Bühne gebildet.

Noch lange nicht durch ist für mich der Witz der BRUTALEn GRUPPE 5000, handelt es sich doch vielmehr um die nicht nur adäquate, sondern auch tanzbare Antwort auf all die paranoiden, dabei geistig leider meist reichlich eingeschränkten Verschwörungstheorie-Aluhutträger, die, seit sie sich dann doch mal an dieses Internet herangetraut haben, für Kopfschütteln und Erheiterung gleichermaßen sorgen. Doch die Hamburger Laser-Punks haben mehr zu bieten, als sich Alufolie um die Rüben zu wickeln und Antigesichtserkennungsbrillen zu tragen, nämlich betont wahnsinnigen HC-Punk mit Mini-Orgel als zusätzlichem Instrument, manch Textinhalt, der über Parodien auf die Doofenfraktion hinausgeht und herrlich wirre Ansagen. Ach ja, das „Nervous Breakdown“-Cover mit deutschem Text nicht zu vergessen. Das hab‘ ich aber ja alles schon mal so oder so ähnlich zu Protokoll gegeben. Neu war vor allem, dass echt die Luft brannte und sich im mittlerweile heillosen Gedrängel Stagediving und Crowdsurfing die Klinke in die Hand gaben. Grandioser Auftritt, grandioses Publikum, perfektes Entertainment aus der Welt von übermorgen!

Dieses Level konnten FRONT aus dem Rhein-Main-Gebiet leider nicht halten. Teilweise die alte Alufolie der BG5k auftragend, teilweise mit eigenen Masken versuchte man sich nach einer elendig langen Umbaupause (während der sich die Reihen deutlich lichteten) an Uralt-NDW-Punk (scheint sich sogar nach ‘ner ollen Kapelle aus jener Zeit benannt zu haben…?). Dadurch klangen sie wie alte ABWÄRTS in irgendwie nicht so gut, auf mich wirkte das alles bischn einschläfernd. Also betrank ich mich schlimm und versuchte, paar wenige Notizen anzufertigen. Wenn ich diese richtig interpretiere, folgte auf den nominell letzten Song ein Zugabenblock, für den der Bass plötzlich hochgedreht wurde, in den sich eine dann doch noch ganz gute Punknummer eingeschlichen hatte und der von einem arg miesen „Computerstaat“-Cover besiegelt wurde. Nee, mit FRONT wurde ich nicht warm. Nichtsdestotrotz war ich völlig euphorisiert vom zweiten „Punk im Pol“ und bin’s immer noch – da geht einiges, weiter so und hoffentlich bis bald!

19.01.2019, Fanräume, Hamburg: „G20 einreißen“ mit THE DETECTORS + GLEICHLAUFSCHWANKUNG + ZWAKKELMANN + IN SCHERBEN

Geld für von Repression betroffene Anti-G20-Aktivistinnen und -Aktivisten zu sammeln, ist immer eine gute Sache, am meisten Spaß macht sie in Form von Solidaritätskonzerten bzw., wie in diesem Falle, -festivals. In die Fanräume des FC St. Pauli luden daher bereits am Freitag NIXDA, ABBRUCH, KONNY und P.O.P., was noch ohne Madame und mich über die Bühne ging und wohl ‘ne bestens besuchte, astreine Party war – gratuliere! Den Samstag eröffnete bereits um 16:00 Uhr Punk-Literat Jan Off mit einer Lesung. Als wir relativ pünktlich aufkreuzten waren wir jedoch erst die zahlenden Gäste Nummer 2 und 3, und obwohl sich noch ein paar weitere Nasen dorthin verirrten, blieb’s arg überschaubar – obwohl Jan normalerweise bei Lesungen in Hamburg die Bude spielend vollmacht. Er machte sich aber nicht sonderlich viel draus und las diverse launige kurze Texte aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Etwas mehr dürfte er sich aber schon vom Nachmittag versprochen haben und so mutete seine Lesung dann auch radikal gekürzt an. Vermutlich wäre es besser gewesen, die Lesung vom Festival zu trennen und separat zu bewerben oder aber den Musik-Acts direkt vorzuschalten, ohne (sogar mehr als) zwei Stunden Leerlauf bis zum Konzerteinlass (in denen wir nach Hause fuhren und Sportschau glotzten).

Nach unserer Rückkehr eröffnete die junge Hamburger Band IN SCHERBEN den Reigen mit deutschsprachigem Trompeten-Punkrock inkl. üblicher gesellschaftskritischer Inhalte (mit offenbar gleich mehreren Anti-Nazi-Songs), wirkte dabei aber etwas zahm auf mich. Wenn der Sänger und Gitarrist in Personalunion sich mal an so etwas wie Gitarren-Leads versuchte, statt die Melodien dem durchaus fähigen, laut meiner besser hörenden Hälfte aber nicht immer ganz einsatz- und taktsicheren Trompeter zu überlassen, ließ es aufhorchen, doch kamen diese recht selten zum Einsatz. Dafür spielte der Drummer kein Uffta-Uffta, sondern wirbelte ordentlich herum. Als eine Ballade angekündigt wurde, holten Teile des Publikums ihre Feuerzeuge rum (um sie im Takt zu schwenken, nicht etwa um die Band anzuzünden), jedoch handelte es sich lediglich um ein Intro. Teile ihres Publikums saßen die meiste Zeit über am Rand auf dem Fußboden und gegen Ende gab’s noch ‘ne englischsprachige Coverversion, die ich aber nicht erkannt habe. Ich glaube, würde die Band etwas ungestümer zur Sache gehen und der Sänger mehr aus sich herauskommen, würden mir IN SCHERBEN besser gefallen. Immerhin ist der Song „Nix Neues“ bei mir als hervorstechend im Gedächtnis geblieben, textlich wie musikalisch. Sie verabschiedeten sich übrigens, um direkt im Anschluss einen weiteren Gig in der Roten Flora zu spielen – am Elan mangelt’s ihnen also schon mal nicht.

Draußen waren übrigens ein Glühweinstand und ein Foodtruck mit erlesenen tierfreundlichen Speisen aufgebaut worden – super Sache, das! Drinnen im mittlerweile gut gefüllten Saal vergaß ZWAKKELMANN, sich seiner langen Unterhose zu entledigen und betrat nicht, wie von mir erwartet, als Alleinunterhalter die Bühne, sondern zusammen mit einer aus Bassist und Drummer bestehenden Rhythmussektion. Der ehemalige SCHLIESSMUSKEL- und DIE-KINSKIS-Sänger Schlaffke aus dem NRW-Kaff Hamminkeln spielt als ZWAKKELMANN eine ureigene Mischung aus ramoneskem Punkrock, 60’s-Sound und Lofi-Chansons mit deutschen Texten, in denen er mit seinem Verlierer-Image und einiger Ruhrpott-Folklore kokettiert. Und tatsächlich hatte ich ihn bisher bei all seinen Hamburg-Abstechern verpasst… Im ersten Song freute er sich noch inhaltlich darüber, dass sowohl er als auch wir alle da sind, wenngleich der eine oder andere, der mit ZWAKKELMANN nichts so recht anzufangen wusste und lieber Hardcore oder gar diese widerliche „Hamburger Schule“ hört, den Raum verließ. Alle anderen freuten sich über Schlager wie „Dusselige Q“, „Ja, vielleicht bin ich asozial“, über feinsinnige Beobachtungen wie „Menschen bei der Nahrungsaufnahme“ oder selbstkritische Erkenntnisse à la „Disco-Zwakkelmann (ein bisschen langweilig)“, die es mir besonders angetan hat. Ich stehe generell auf diesen Ruhrpott-Charme und -Humor, ebenso auf die alten ÄRZTE, von denen der Jahrhunderthit „Zu spät“ interpretiert wurde. Vermisst habe ich jedoch „Ich will ‘nen Film mit Bud Spencer und Terence Hill“, „Mein Nachbar hängt schon wieder an der Flasche“, „Augenfick“ und „Tomatenrotes Haar“, wahrscheinlich der kurzen Spielzeit geschuldet. Von mir aus können ZWAKKELMANN gern mal für ‘nen längeren Headliner-Gig nach HH kommen…

Die nächste Umbaupause gestaltete sich etwas langwieriger, immerhin musste für GLEICHLAUFSCHWANKUNG ähnlich viel Personal wie bei ‘ner Ska-Kapelle auf der Bühne (und dem Mischpult) untergebracht werden. Der quer über den Osten der Republik verteilte (Torgau, Halle, Leipzig, Potsdam) volkseigene Klangbetrieb um Schlemihl- und Saalepower-Records-Betreiber Geralf und seine Frau Tanja Trash verspricht schlimmsten Ostzonen-Fun-Punk-Trash – und hielt Wort. Wie auf ‘ner Hochzeit wurde mit Reis (und Konfetti) um sich geworfen, teils vermummte, teils in Tracht gewandete Shouter/Musiker machten sich auf und vor der Bühne breit und wechselten während des Sets mehrfach Kostüme, Kopfbedeckungen und Instrumente. Geralf stand an seiner Alleinunterhalterorgel, spielte diverse, vorzugsweise sächsische Samples ein und wachte strengen Blickes über das unkontrolliert wirkende kontrollierte Chaos. Die Anti-Oettinger-Hymne „Scheiß Bier“ eröffnete das bunte Potpourri, „Punks Understand No Fun“ fehlte ebenso wenig wie „Kleinstadtaufruhr“, der russisch-ostdeutsche Kulturaustausch „Devotchka nimm Pflasterstein“ oder die für von Arbeitslosigkeit gebeutelten strukturschwachen Regionen ausgesprochene Berufsberatung „Skindergärtnerin“. „Wir tanzen auf dem Atomeisbrecher“ und „Badehosemann“ verrieten ostdeutsche Urlaubsvorlieben. Der alten Heimat DDR erteilte man eine klare Absage und aus den Einspielern pöbelten immer wieder Mielke & Co weltfremd daher. So ganz hat man den Sound leider nicht in den Griff bekommen, denn beim männlich-weiblichen Doppelgesang ging Tanja leider in Sachen Lautstärke immer etwas unter. Das Publikum füllte man mit (leider warmem, aber ‘nem geschenkten Gaul….) Sternburg Export und Gin Tonic ab (ein Sterni floss auch meine Kehle ‘runter) und sicherte sich nicht zuletzt dadurch den Zuspruch für Aussagen wie „Gebt’s zu, ihr habt noch nie so’n geiles Live-Konzert erlebt!“. GLEICHLAUFSCHWANKUNG spielten zu vorgerückter Stunde und warfen mit Alkohol um sich, sodass Flo fürchtete, manch einer könnte den Gig nach dem Erwachen am nächsten Vormittag für einen schlimmen Traum gehalten haben. Fürwahr tat sie gut daran, mir das am nächsten Tag noch mal zu sagen, denn auch ich befand mich längst jenseits des gesunden Menschenverstands. Aber es war alles genauso real wie das SCHLEIMKEIM-Cover „Faustrecht“, garniert mit weiteren Samples, und der Zugabenblock, in dem noch mal „Punks Understand No Fun“ und „Skindergärtnerin“ zum Besten gegeben wurden, nachdem zuvor bereits „Scheiß Bier“ wiederholt worden war. GLEICHLAUFSCHWANKUNG hinterließen zugemüllte Fanräume, ein perplexes und/oder volltrunkenes Publikum und die Erkenntnis, dass man es im Osten noch immer auch mit begrenzten Mitteln zu feiern versteht. Da bekommt man glatt Bock, die alten „Saalepower“-LPs mal wieder aufzulegen.

Wesentlich unprätentiöser wirkten daraufhin THE DETECTORS aus Schleswig-Holstein auf der Bühne, dafür ließen sie’s musikalisch umso schöner krachen: Astreiner melodischer, US-beeinflusster Streetpunk mit unverwechselbarer angepisster Stimme, diversen fetten Singalong-Refrains und arschtretendem Tempo. No-Bullshit-Texte und klare Kante gibt’s obendrein. Genau das Richtige also, um sich nach dem vorausgegangenen Kabarettprogramm noch mal auszupowern, ergo zog ich die Tanzschuhe an und lebte meinen Bewegungsdrang aus. Fragt bitte nicht nach Setlist oder Details… Ich war unschlüssig, ob ich das Folgende schreiben sollte oder nicht und hatte es eigentlich auch schon wieder verworfen, aber irgendwie beschäftigt es mich dann doch so’n bischn: Seit einiger Zeit hat die Band in ihrem Logo „Anti-Fascist / Pro-Feminist / Animal-Friendly / Gay-Positive“ stehen. Das ist natürlich alles löblich, sollte doch aber eigentlich selbstverständlich sein (und betrifft natürlich nicht nur diese Band, die dient mir jetzt nur als Aufhänger). Dass es das leider nicht ist, ist mir bewusst, aber ist es nicht Wasser auf die Mühlen gerade jener Kreise, die wollen, dass all dies nicht selbstverständlich ist, es als etwas (vermeintlich) Besonderes herauszustellen? Und wäre es nicht ziemlich befremdlich, wenn ich mir mit einer meiner Bands groß „Anti-Dictatorship / Pro-Justice / Jew-Friendly / Persons-Of-Color-Positive“ oder so auf die Fahnen schriebe? Oder sind die Zeiten tatsächlich solche, in denen man auch als Punkband derartige Grundsätze plakativ hervorheben muss, um sie zu verteidigen? Und wird „Animal-Friendly“ wirklich als mehr verstanden als nur „Tierfreund“ zu sein, was der Großteil der Deutschen sicherlich von sich behaupten würde, unabhängig davon, wie viel Industrie-Aas er in sich hineinstopft? Aber das nur am Rande und als Denk-/Diskussionsanstoß, denn wie dem auch sei: THE DETECTORS sind ‘ne feste, verlässliche Größe und klasse Band, die endlich mal wiederzusehen verdammt noch mal Laune gemacht, um mittlerweile weit nach Mitternacht aber auch noch mal die Adrenalinproduktion angekurbelt hat, sodass es im Anschluss noch auf den einen oder anderen berüchtigten Absacker weiterging, bis ich schließlich völlig zerschossen den Weg in die Koje fand. Das war ein musikalisch abwechslungsreicher, teilweise die Geschmäcker spaltender Abend mit anscheinend etwas weniger Publikumszuspruch als am Vortag, der aber sicherlich ebenfalls das eine oder andere Hartgeld für den guten Zweck zusammengetragen hat. Wie so oft galt: Soliparty = beste Party!

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