Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 20 of 35)

01.11.2014, Lobusch, Hamburg: CRASS DEFECTED CHARACTER

crass defected character @lobusch, hamburg, 01.11.2014Eine der Hamburger Nachwuchs-Hoffnungen in Sachen schnörkellosem Hardcore-Punk, nämlich CRASS DEFECTED CHARACTER, gab sich in der Lobusch die Ehre und rotzte in Trio-Größe einige harte Klopper gekonnt ins zahlreiche erschienene und sehr dankbare Publikum, von dem eine Handvoll Leute vor der Bühne ekstatisch das Tanzbein schwang. Ehrlich und direkt hieß die Devise und wenn die Jungs so weitermachen, wird man noch einiges von ihnen hören. Von den anderen beiden Bands wiederum hörte ich null komma nix, da ich mich aus privaten Gründen danach schon wieder auf den Weg machte.

25.10.2014, Gängeviertel, Hamburg: KEIN HASS DA + VIOLENT INSTINCT + THE JANE DOE INCIDENT + KIRA KANOA

kein-hass-da-soli-konzert @gängeviertel, hamburg, 25.10.2014„Wer unkommerzielle Bands beklaut, hat nichts verstanden!“, so war es auf dem Konzert-Flyer zu lesen. Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, dass es sich um ein Solidaritätskonzert zugunsten der deutschsprachigen BAD-BRAINS-Coverband KEIN HASS DA um Sänger Karl Nagel handelte, der jüngst tatsächlich Teile des Equipments gestohlen wurden. Wie immer war alles in der Gängeviertel-Druckerei auf Spendenbasis (Eintritt + Getränke), außer dass eben zwischenzeitlich noch einmal gesondert ein Hut für KEIN HASS DA rumging. Der musikalische Teil des Abends begann relativ spät mit KIRA KANOA, einer Band aus Neuruppin. Während ich noch draußen vor der Tür stand und sabbelte, begann die sich „Antifascist Hardcore-Punk“ verschrieben habende Band zu spielen und ob der superrotzigen, bösen, aggressiven Stimme hatte ich gleich das Bild eines Rotzlöffel-Punks mit Mikro in der Hand vor Augen. Doch weit gefehlt! Wer den sehr eigenwilligen, melodischen, sich aus flotteren und betont ruhigen Teilen zusammensetzenden, emotionalen HC-Punk da mit Gesang versah, entpuppte sich als zartes Mädchen, das aber aus seinem tiefsten Inneren scheinbar ohne jegliche Anstrengung ein gutes Pfund rostiger Schrauben und Nägel holte. Zum Kontrast wirkte sie ansonsten zurückhaltend und schüchtern auf der Bühne, ab und zu entfleuchte ihr ein verlegenes Lächeln. Unterstützt wurde sie gesanglich von ihren Bandkollegen und der Sound war derart gut abgemischt, dass man sogar vieles der deutschen Texte verstand, die zwar dann und wann auf plakativen Antifaschismus zurückgriffen, aber auch Kritik an gesellschaftlichen Umständen aus persönlicher, wohlformulierter, bisweilen gar düsterer Perspektive aufgriffen. Insgesamt wirkte die anscheinend 2010 gegründete Band vielleicht noch etwas unlocker, aber sie gibt sich engagiert, ist mutig genug, ihr individuelles Ding durchzuziehen und will ganz sicher auch gar nicht allen gefallen. Bei einer Handvoll Leuten vor der Bühne tat sich trotzdem etwas und es gab viele Respektsbekundungen in Form von Applaus. Ich fand’s echt gut und würd’s mir jederzeit wieder anschauen und -hören. Pause, Soundcheck, THE JANE DOE INCIDENT aus dem Schwabenländle auf der Bühne: Noch während des Soundchecks riss dem Bassisten eine Saite und irgendwie verzögerte dieser Zwischenfall den Beginn des Gigs enorm. Zunächst versuchten die anderen Bandmitglieder noch, das Publikum bei der Laune zu halten, spielten ein paar Songs an, jammten, einer der beiden Gitarristen spielte „Be All, End All“ von ANTHRAX an, aber dann hieß es auch bald: „Holt euch noch ein Bier oder am besten gleich zwei, dauert noch…“ Man tat wie geheißen, aber irgendwann ging’s dann wirklich los: Alter Vatter, die Band war nicht nur locker ein paar Dezibel lauter als die vorherige, sondern spielte ein brachiales Newschool-HC-Brett mit infernalem Gebrüll und vertrackten Songstrukturen, aber immer brutal auf die Zwölf, technisch absolut einwandfrei, ja, herausragend. Im Gegensatz zu anderen Vertretern derartiger Mucke waren die Bandmitglieder allerdings keine dichttätowierten Anabolika-Härtner und kamen zwischen den Songs sympathisch und humorvoll rüber, besonders, wenn man kein Wort ihres schwäbischen Geschwätzes verstand – aber es klingt eben so spaßig. 😀 Normalerweise kann ich mit dieser Musik nicht sonderlich viel anfangen, doch je länger der Gig andauerte, desto mehr gewöhnte ich mich an den Sound und fand ich gefallen an der Durchschlagskraft der Songs, die mit der Zeit glücklicherweise auch geradliniger und weniger verspielt wurden. Auf Dauer bischn zu monoton ist mir aber das durchgehend wahnsinnige Gebrülle, als ginge es in jeder einzelnen Silbe um Leben und Tod, Apokalypse und Wahnsinn. Das nutzt sich schnell ab und wenn ALLES der totale Terror ist, ist’s irgendwann gar nichts mehr. Klar muss solche Mucke derbe und übertrieben sein, aber ich würd mir ein bisschen mehr Natürlichkeit und Dynamik beim Geshoute/Gegrowle/whatever wünschen sowie ein kleines bisschen Augenzwinkern in den auf totale Härte getrimmten Songs. Wie auch immer, ich fand THE JANE DOE INCIDENT interessant und absolut hörenswert. Stilistisch wiederum ganz anders waren dann natürlich VIOLENT INSTINCT, die Hamburger Oi!-Punk-Band um Sängerin Aga. Wie immer klasse Songs mit ebensolchen deutschen Texten, Agas Gesang, den man auch wirklich als solchen bezeichnen kann, eingängige Melodien, coole Refrains, die zum Mitsingen animieren und ein dankbarer Mob vor der Bühne. Die neueren Songs reihen sich nahtlos ein und auch hier waren oftmals die Texte gut zu verstehen. Leider war die Gitarre anfänglich viel zu leise und der Bass zu laut abgemischt, aber auch das bekam man mit der Zeit in den Griff. Apropos Bass: den bediente wieder der Aushilfsbasser, der schon beim Gig in der Astra-Stube ranmusste. Oder ist der jetzt fest? Obwohl’s mittlerweile schon reichlich spät war, ließ man sich nicht lumpen und spielte satte drei Zugaben, darunter auch das ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“, wo ich dann wieder mitsingen durfte (was ich angesichts meiner irgendwie verschleppten Erkältung vielleicht lieber gelassen hätte, aber egal). Ich finde diese Band nach wie vor super, die Melodien können wat, die Texte haben Niveau und Anspruch und der Drummer liefert jedes Mal eine irre Show. Ich find aber auch, dass dem Gesamtsound ‘ne zweite Klampfe ganz gut täte, für noch mehr Druck auffem Kessel! Längst war’s weit nach Mitternacht, als KEIN HASS DA die Bühne erklommen. Auch hier findet sich eine immer wieder erstaunliche Perfektion an den Instrumenten, während Karl Nagel als geborener Entertainer den BAD-BRAINS-Songs durch seine ganz eigenen deutschen Texte und seine Art der Darbietung seinen persönlichen Stempel aufdrückt, ihnen einen neuen Charakter verleiht. Nagel unternahm Ausflüge ins Publikum, trat auch während der Songs in direkte Kommunikation mit ihm und ließ sich auch von anfänglichen Mikrofon-Problemen nicht aus dem Konzept bringen. Die eigenen Songs, von denen glaube ich ein, zwei eingestreut wurden, fallen kein bisschen aus der Reihe, passen perfekt ins Programm. Grandiose Musik und viel „positive mental attitude“, egal, ob gerade eine der wenigen Reggae-Nummern oder einer der Hektiker-HC-Songs gespielt wurden. Das Publikum war teilweise mittlerweile etwas müde (oder betrunken) und konnte keine ungeteilte Aufmerksamkeit mehr bieten, so dass ein dauerhafter Pogo-Mob vor der Bühne leider ausblieb, aber der Laden war immer noch ordentlich gefüllt – und das trotz mehrerer Konkurrenzveranstaltungen (ARRESTED DENIAL im Skorbut, die Rote Flora blies zur Mega-Party mit x Bands). Alles in allem ein sehr gelungener Abend, wie ich ihn mag: Ein abwechslungsreiches Programm ohne Scheuklappen, klasse Bands, die es zu entdecken gab und sympathische Gäste. Zum einen oder anderen Störtebeker-Pils wurde sich viel ausgetauscht und da bei einer solchen Mischung nicht jede Band jedem gefallen konnte, gab es reichlich Gesprächsstoff. Abschließend hoffe ich, dass genügend Kohle für KEIN HASS DA herumgekommen ist und kann dem Gängeviertel sowie allen Bands nur zu diesem Abend gratulieren.

24.10.2014, Fährstraße 105, Hamburg: AGENT ATTITUDE + SCHWACH

agent attitude + schwach @fährstraße 105, hamburg, 24.10.2014Viel zu lange war ich nicht mehr in der Fährstraße 105, wo seit einigen Jahren engagierte Punks in einem Wohnhaus in der Hamburger Migrantenhochburg Wilhelmsburg regelmäßig Punk- und HC-Konzerte veranstalten. Diesen Freitag schien die Gelegenheit günstig, also los und mir unbekannte HC-Bands reinziehen. BRUISED SHINS mussten leider kurzfristig absagen, so dass der Konzertbeginn auf eine spätere Stunde verlegt wurde. 5,- EUR Eintritt gelöhnt, länger nicht mehr gesehene Leute getroffen und viel gequatscht, dadurch glatt den Anfang von SCHWACH, „Positive Hardcore“ aus Berlin, verpasst. Nach wenigen Songs begab ich mich dann endlich in den proppevollen Konzert“saal“ und hörte engagiert vorgetragenen und in den Ansagen mit politischem Anspruch versehenen, schnörkellosen und metalfreien Hardcore. Kurze knackige Songs ohne Überraschungen, ernst und humorlos und recht schnell wieder vorbei. Dadurch kurzweilig und generell ok, würde ich mal sagen, aber irgendwie fehlte mir noch das gewisse Etwas. Aber was weiß ich schon, wenn ich a) zu spät komme und b) die Songs erstmals überhaupt höre. Der Bandname ist vermutlich als Gegenentwurf zum Bollo-Testosteron-Anabolika-HC zu verstehen…? Also doch etwas Humor! 😉 AGENT ATTITUDE aus Schweden zündeten dagegen sofort, wenn auch leider der Sänger unter den Gitarren etwas unterging. Dreckiger, schneller Hardcore mit viel Wut und Energie, der sich traute, auch mal so was wie ein Solo unterzubringen. Hat nicht nur mir richtig gut gefallen und die gelungene DEAD-BOYS-Coverversion „Sonic Reducer“ im Zugabenteil besiegelte einen richtig geilen Gig!

16.10.2014, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: DRONGOS FOR EUROPE + OMIXAH

drongos for europe + omixah @el dorado (gaußplatz), hamburg, 16.10.2014Der Gaußplatz lud mal wieder zu ‘nem feinen Donnerstags-Konzi in der platzeigenen Kneipe und reichlich Volk folgte dem Aufruf, so dass die Bude wie eigentlich immer wieder gut gefüllt war. Der Eintritt war frei, zwischendurch wurde um Spenden für die Bands gebeten. Den Anfang machten die Griechen von OMIXAH, die eine schöne Mischung aus Street- und Hardcore- bzw. Chaos-Punk spielten, mit eingängigen Chören, zwei bestens aufeinander abgestimmten Klampfen und vornehmlich englischsprachigen Texten. Das zündete auch dank der klasse Melodien sofort und machte viel Spaß, so dass die Jungs nicht ohne Zugabe davonkamen. Witziges Detail am Rande: Wenn eine fünfköpfige Band wie OMIXAH im El Dorado spielt, muss sich mindestens ein Bandmitglied vor der einzigen Tür des Ladens positionieren, die sich hinter der „Bühne“ befindet. Das hat zur Folge, dass von hinten ständig Leute an ihm vorbeilaufen – sicherlich ein eigenartiges Gefühl, wenn man’s nicht gewohnt ist, dank der Rücksichtnahme der Leute aber nie ein Problem. Nach kurzer Pause dann die DRONGOS FOR EUROPE aus England, die ein herrliches Oldschool-UK-Punk-Brett ablieferten, wo’s dann kein Halten mehr gab. Die Party erreichte ihren Höhepunkt, die Band wurde gebührend gefeiert, liefert einen energischen und perfekt auf den Punkt gebrachten Auftritt und bewies unheimliches Durchhaltevermögen, als sie eine Zugabe nach der anderen in den Mob feuerte. Zwei großartige, sympathische Bands mit bemerkenswerter DIY-Attitüde, die sich im Wagenplatz-Ambiente sichtlich wohlfühlten und hoffentlich bald wiederkommen! Der Sound war übrigens wie üblich top!

04.10.2014, Indra-Club, Hamburg: LAST SEEN LAUGHIN‘ + GRADE 2 + DÖRMPS

last seen laughing + grade 2 + dörmps @indra-club, hamburg, 04.10.2014Nachdem ich tagelang den Ohrwurm „Shout out loud – Evil Conduct Punk & Proud“ im Kopf mit mir herumschleppte, hielt ich das für ein Zeichen und entschied mich, an einem Abend diverser Hamburger Konzertmöglichkeit nach längerer Zeit mal wieder das Indra auf St. Pauli aufzusuchen, um einem Oldschool-Oi!-Konzert beizuwohnen. Leider mussten EVIL CONDUCT verletzungsbedingt spontan absagen und konnten ihr neues Album somit nicht live präsentieren. Der Eintritt würde fairerweise um 5 Öcken auf 13 Taler gesenkt und zusammen mit Jungs von IN VINO VERITAS und CURB STOMP entschied ich mich, den Abend trotzdem zu unterstützen. Und damit waren wir nicht die einzigen; der Club war zwar nicht ausverkauft, aber doch ansehnlich gefüllt. Den Anfang machten die DÖRMPS aus Dortmund, der Drummer des Trios ist gleichzeitig der Sänger und gibt deutsche Texte zwischen Freizeitgestaltung und Gesellschafskritik von sich. Die Band hat ‘ne sympathische Ausstrahlung und scheint nicht unbedingt von der dummen Sorte zu sein, für meinen persönlichen Geschmack fehlen aber ein bisschen Dreck und hier und da ein einprägsamer Singalong – so zumindest mein erster Eindruck, denn vorher hatte ich höchsten mal ‘nen Sampler-Track gehört. Mal gucken, was da noch so kommt oder wie ich’s das nächste Mal auffasse. Von GRADE 2 hatte ich zuvor schon gehört, Englands jüngste Oi!-Band, sagt man. Und tatsächlich standen da drei Jungspunde auf der Bühne, die es aber bereits faustdick hinter den Löffeln hatten und schnörkellosen, klassischen Oi!-Sound mit heiserem Gesang, kräftigen Refrains und Oldschool-Schrammel-Gitarre mit schnieken eingestreuten Melodien zu bieten hatten. Da konnte einem schon das Herz aufgehen. Gecovert wurde auch, nämlich „One Law For Them“ von den 4-SKINS, wat von RUNNIN‘ RIOT und möglicherweise noch etwas, weiß ich gar nicht mehr genau – egal. Vor der Bühne tummelten sich ein paar wenige, dafür umso tanzwütigere Gestalten, da ging’s rau zur Sache und so richtig leiden konnte man sich auch nicht unbedingt immer… aber dazu später mehr. LAST SEEN LAUGHIN‘ sagte mir erst mal gar nix – da kann man mal sehen, mit welcher Aufmerksamkeit ich die Oi!-Szene die letzten Jahre verfolgt hatte. Schon wieder ein Trio, diesmal ein dänisches, zusammengesetzt aus Leuten von THE OUTFIT, THE HOOLIES und ZERO POINT. Ok, zwei von dreien kenne ich dann doch. Was LSL da ablieferten, war rauer, fieser Oi!-Punk der aggressiveren Sorte, der weniger um Filigranes bemüht ist, sondern eher das Äquivalent zu einem hässlichen Straßenköter, der dich ankläfft, darstellt. Die englischen Songs waren dennoch alles andere als bemüht aggro, sondern klangen wunderbar natürlich und ungekünstelt, hatten ihre Chöre in den Refrains, die für Eingängigkeit sorgten und – wie übrigens alle Bands des Abends – einen druckvollen, satten Sound, in diesem Falle verstärkt durch etwas ‘80er-Hall. Ein Song wurde dann auch noch auf Dänisch vorgetragen und am Ende „Evil“ von den 4-SKINS gecovert. Da hielt es dann auch mich nicht mehr und obwohl ich angesichts des mit Scherben übersäten Bodens eigentlich keine rechte Lust hatte, ließ ich mich mitreißen und schwang doch noch einmal kurz das Tanzbein. Die Scherben kamen zustande, weil der eine oder andere gut Angeschossene nicht nur ausgelassen vor der Bühne feierte, sondern auch mal ein Glas zerklirrte und sonstwie provozieren zu müssen meinte, was bei mind. einem Gast zu gleich drei Rauswürfen führte. Und obwohl das Indra keine Drehtür hat, tauchte er immer wieder auf. Immerhin trug er stark zum Unterhaltungsfaktor bei und wirkte auch nie gefährlich. Eigenartiger fand ich da das Pärchen, das bei LSL wie aus dem Nichts nach vorn geschossen kam, einmal wüst durch die nichttanzende Menge pogte und anscheinend genauso schnell wieder des Feldes verwiesen wurde. Das ging natürlich auch nicht ohne weiteren Glasbruch vonstatten… Sämtliche Gemüter des ansonsten vollkommen friedlichen und angenehmen Abends beruhigten sich spätestens, als DJ EMPEROR nach dem Gig mit Reggae- und Ska-Klängen den Soundtrack zum gemütlichen Absacker im Biergarten oder am Tresen lieferte. Insgesamt ein gelungener Abend, trotz des bedauerlichen Ausfalls des Headliners.

02.10.2014, Lobusch, Hamburg: MOLOTOV COCKTAIL + DIS DISASTER

molotov cocktail + dis disaster @lobusch, hamburg, 02.10.2014Hardcore-Punk-Gig inner Lobusch, der recht spät begann, da sich der Laden nur gemächlich füllte. DIS DISASTER aus Berlin und Tel Aviv (aha!?) sind ‘ne anscheinend noch recht neue Combo, die sich – natürlich – dem D-Beat verschrieben, aber durchaus ihren eigenen Charakter vorzuweisen hat. Dazu tragen sowohl der Kreisch-/Schrei-Gesang bei als auch ausgedehntere Songparts, die eine wohlige, passende Endzeit-Atmosphäre entwickeln. Besonders der Drummer hat extrem Schweißtreibendes geleistet und noch bevor das Ganze irgendwie monoton hätte werden können, waren die Jungs und das Mädel auch schon durch. Nicht schlecht! MOLOTOV COCKTAIL aus den USA und Rumänien mussten das Konzert leider weiter verzögern, weil ein Teil der Anlage anscheinend im Dutt war – offensichtlich der, der auch schon während DIS DISASTER für ein fieses Pfeifen gesorgt hatte. Irgendwann funzte wieder alles und es ging ab mit HC-Punk der klassischen Sorte mit Betonung auf PUNK, möchte ich mal sagen… Die Band hat ‘ne neue Platte am Start und so oft mir der Name bisher schon untergekommen war, so habe ich sie doch bisher nie live sehen können. ‘ne gute Handvoll Leute drehte gut ab und lieferte sich eine relativ harte Tanzrevue, wobei nicht immer sonderlich Rücksicht auf andere genommen wurde. Erst als man anscheinend nicht mehr so recht konnte, fand sich auch für die Mädels Platz zu rhythmischen Bewegungen vor der Bühne. Schon ca. nach der Hälfte des Sets kündigte der Sänger den letzten Song an, doch es folgten locker noch einmal so viel. Das hat mich irgendwann ehrlich gesagt nicht mehr so 100%ig begeistert und nutzte sich mit steigender von sich Eingenommenheit des Frontmanns zunehmend ab, der letzte Kick fehlte für meine Ohren. Trotzdem war’s natürlich ein gelungenes Aufeinandertreffen diverser angenehmer Menschen und für ‘nen Fünfer Eintritt kann man ja gar nicht viel falsch machen.

20.09.2014, Alter Schlachthof, Stade: SMALL TOWN RIOT + PHLEGMATIX + KOTZE IM EINKAUFSWAGEN

Das Jugendzentrum „Alter Schlachthof“ in Stade gibt es wieder, nach diversen Umbaumaßnahmen öffnete es vor relativ kurzer Zeit wieder seine Pforten und stellt dann und wann auch etwas wirklich Interessantes auf die Beine, so z.B. dieses Konzert. Dank STR-Gästelistenplatz gab es nicht viel zu überlegen und nach anfänglicher Orientierungslosigkeit in der Schwingestadt mitsamt am Bahnhof kennengelerntem Anhang fanden wir dann auch die Örtlichkeit. Der Schuppen sieht echt nobel aus, fasst ordentlich Leute und war eigentlich schon überdimensioniert für dieses Punk-Konzert. Lokaler Opener waren KOTZE IM EINKAUFSWAGEN und was sich erst einmal nach herrlichen räudigem „Deutschpunk“ anhört, entpuppte sich als Studentenkunstprojekt von ein paar Typen mit Papiertüten überm Kopf, die unhörbare Musik fabrizierten, zu der der Sänger irgendwelches Zeug stammelte oder auch schon mal aus dem aktuellen Rewe-Prospekt vorlas. Ging gar nicht. Das genaue Gegenteil dann die PHLEGMATIX aus Lübeck, die irgendwo zwischen Street- und Hardcore-Punk anzusiedeln sind und einen richtig geilen Gig ablieferten. Der Sänger kletterte auf allem Bekletterbarem herum und machte Ausflüge ins Publikum, der Bassist sorgte lauthals für Backgroundgesang der dreckigeren Sorte und der Gitarrist ließ sich für ein paar Songs vom Fahrer ablösen, der anscheinend auch mal mitspielen wollte (?!). Zu den englischsprachigen Eigenkompositionen gesellten sich mit „Gotta Go“ ein AGNOSTIC-FRONT-Cover sowie diverse Ansagen und Kommunikationsversuche mit dem Publikum, das zwar in grundsätzlich überschaubarer Anzahl erschienen, aber fast komplett am Durchdrehen war. Sehr gute Show, geb ich mir gern wieder mal! SMALL TOWN RIOT dann hatten ein wenig mit dem Basssound zu kämpfen, aber ansonsten war alles gewohnt gut, Timo klang noch etwas angepisster als sonst und die Songs sind über jeden Zweifel erhaben. Das mittlerweile teils sehr alkoholisierte Publikum fand ebenfalls Gefallen und vor Bierlachen wurde die Tanzfläche immer rutschiger. Dank des Hartalk-Verbots füllte die Band Bier in Kurzen-Becher und gab am Bühnenrand einen aus. Gegen Ende gelang Gitarrist/Sänger Norman noch das unfreiwillige Kunststück, eine Bierbuddel von der Bühne zu kicken, die natürlich in tausend Teile zersprang. War insgesamt ein schöner Abend in mal wieder etwas anderem Ambiente, wozu allerdings auch beitrug, dass die Uhren im eher ländlichen Stade etwas anders ticken: Gleich drei Türsteher gaben auf die Meute Acht bzw. in erster Linie darauf, dass niemand seine Bierflasche mit vor die Tür nahm. .. Auffällig auch die für eine zweistellige Besucheranzahl relativ hohe Frequenz an KRAWALLBRÜDER-Shirts… Nach dem Abbau konnten wir zusammen mit STR beim Veranstalter, der gleich nebenan wohnt, komfortabel nächtigen und mehr oder weniger ausgeruht am nächsten Morgen den Rückzug antreten. Danke dafür! Auf mehr geile Konzis im Alten Schlachthof!

19.09.2014, Kraken, Hamburg: YACØPSAE + RAZORS

razors + yacøpsæ @kraken, hamburg, 19.09.2014Beide stilistisch so gegensätzlichen Bands, die aber die große Punk-Subkultur vereint, haben eine Live-Split-10“ aufgenommen und feierten an diesem Abend ihre Record-Release-Party im Kraken. Das Besondere: Zunächst traten beide nacheinander auf und spielten lediglich die Songs der neuen Platte, danach betraten erneut die RAZORS die Bühne und spielten ein ausgiebiges Set. Und so geil hatte ich die RAZORS lange nicht mehr gehört! Der Sound war astrein, Dankers im positiven Sinne nöliger Gesang wurde gut in den Gesamtklang eingelassen und ein Oldschool-’77-Punkrock-Kracher nach dem anderen herausgerotzt, die mich zu ausgiebigem klassischem Pogo veranlassten und auch die übrigen Besucher in der vollen und engen Kneipe begeisterten. Die alten Herren haben es so manch Jungspund mal wieder so richtig vorgemacht und bewiesen neben musikalischer Abgeklärtheit eine bewundernswerte Ausdauer. Vermisst habe ich lediglich das doch eigentlich obligatorische BLITZ-Cover. Die Power-Violencer von YACØPSAE fand ich persönlich wie üblich untanzbar, spielten den Laden aber alles andere als leer, im Gegenteil! Ein schweres musikalisches Brachialgewitter erschütterte den Kiez und ich bin ja immer wieder fasziniert, wie die Bandmitglieder die einzelnen Songs so sehr auseinanderhalten können, dass jeder Break, jeder Drumbeat und jedes Riff präzise zu sitzen scheinen. Beeindruckend!

19.09.2014, True Rebel Tattoo, Hamburg: SMALL-TOWN-NORMAN

true rebel tattoo reeperbahn festival walk-in 2014

Nur eine Woche später gab sich Norman erneut die Ehre, diesmal mit seinem Solo-Akustik-Programm zu Ehren des „Reeperbahn Festival Walk-In“ getauften Tags der offenen Tür des True-Rebel-Tattoo-Stores auf St. Pauli, an dem man sich bei immer noch herrlichstem Sommerwetter nicht nur günstiger als sonst tätowieren lassen, sondern sich auch den einen oder anderen Drink oder Cupcake genehmigen konnte, während Norman entspannt einen Evergreen nach dem anderen herausholte, angefangen wieder bei Rock’n’Roll-Standards über SIMON & GARFUNKEL, DIE ÄRZTE und, und, und… Zeitlose Songs, kompetent und leidenschaftlich vorgetragen von einem begnadeten Alleinunterhalter. Ich gehe einfach mal davon aus, dass er auch für diejenigen immer noch gut zu hören war, die vor der Tür rauchten und tranken, statt sich im Inneren des Ladens aufzuhalten – anders könnte ich mir das nicht erklären. Nach einer längeren Pause wurde der Gute während des zweiten Teils seines Sets auch noch Opfer seines SMALL-TOWN-RIOT-Kollegen Timo, der ihn währenddessen fütterte, abfüllte und ihm Salzstangen ins Ohr steckte…

12.09.2014, Kraken, Hamburg: THE SPECTATORS

SMALL-TOWN-RIOT-Gitarrist Norman lud mit seiner Cover-Combo in den Kraken, was meine Chance war, die Jungs endlich mal live zu Gesicht zu bekommen. Viel Gutes hatte man schon gehört über die Band, mit der Norman seiner Leidenschaft für klassischen Rock’n’Roll und andere Evergreens frönt, und natürlich wurde ich nicht enttäuscht: Die mit Kontrabass und Cajón anstelle eines Schlagzeugs instrumentierte Band coverte sich nicht nur souverän durch manch ’50s-Rock’n’Roll-Standard, sondern streute auch anderes ein wie z.B. JOHNNY CASHs „Folsom Prison Blues“, u.a. mit deutschem GUNTER-GABRIEL-Text gesungen vom Bassisten mit seiner Reibeisenstimme oder „Boys of Summer“ von EAGLE Don Henley, in dieser Version besser als das Original! Nicht nur das unterscheidet die Band von einer x-beliebigen Oldie-Gruppe, die auf Stadtfesten ihr Coverset herunterreißt – THE SPECTATORS sind mit ehrlicher Leidenschaft, punkiger Attitüde und viel musikalischem Geschick dabei, insbesondere der zweite Gitarrist Kim tat sich hervor und zauberte aus Klampfe und Effektgerät manch Überraschendes. Könnte ich mir eigentlich jeden Tag anhören und diejenigen, die die Kneipe ansehnlich füllten, werden ähnlich gedacht haben. Kurzweilig und richtig gut!

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