Gnnis Reviews

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20.06.2014, Hockenheimring, Hockenheim: SOULFLY + LIMP BIZKIT + BÖHSE ONKELZ

böhse onkelz hockenheimring 2014

Gerade hatte die frohe Kunde die Runde gemacht, uns’ Schumi wäre aus dem Koma erwacht und da ich am Wochenende eh noch nichts vorhatte, machte ich mich flugs auf den Weg zum Hockenheimring, in der Hoffnung, ihn wieder seine Runden ziehen sehen zu können. Doch statt Rennsportfreunden, Boxenludern und Champagnerduschen erwartete mich dort ein gemischtes Rockfestivalpublikum, Bier statt Nuttenbrause, Max Cavalera mit SOUFLY, der durstige Fred mit WIMP MISTSHIT und plötzlich standen auch noch die ONKELZ auf der Bühne!

Nee, ganz schlechter Einstieg und total unlustig. Ich fang besser noch mal an:

Günni in Gefahr

So ähnlich, nämlich „Raab in Gefahr“, lautete eine Rubrik des Entertainers Stefan Raab aus seiner TV-Sendung „TV Total“, die aus jener Phase seiner Karriere stammen dürfte, als er sich in erster Linie als Komödiant verstand, ihm mit seiner Sendung tatsächlich noch so etwas wie gelungene Fernseh-Satire gelang und er noch nicht zum Pro7-Aushängeschild aufgebauscht worden war, das fragwürdige Sportveranstaltungen und andere Wettbewerbe durchmoderierte oder gleich selbst mitbestritt und in seiner Omnipräsenz noch mehr nervte als Campino. Zu der Zeit, als er „TV Total“ in eine beinah tägliche Late-Night-Show umfunktionierte und langsam kacke wurde, wurde ich jedenfalls unregelmäßig Zeuge, wie er sich leichtsinnig in diverse riskante Situationen begab und Gefahr lief, nicht unbeschadet aus ihnen herauszukommen. Dieses Motto schien mir passend für mein Unterfangen, völlig auf mich allein gestellt zum Hockenheimring zu pilgern, wo die BÖHSEN ONKELZ neun Jahre nach ihrer natürlich unwiderruflichen, endgültigen, in Stein gemeißelten Auflösung ihr Reunion-Konzert zelebrieren sollten. Und das kam so: Vor neun Jahren war ich selbst auf dem zweitägigen Abschiedsfestival „Vaja con tioz“ zugegen, um Abschied von meiner Jugend zu nehmen, die ich zu großen Teilen gerade auch mit dieser Band verband. Sie war, zusammen mit NIRVANA seinerzeit, ab der ersten Hälfte der 1990er, was gleichbedeutend mit meiner Pubertät war, meine Initialzündung für Subkultur, für Punk, für harte Musik mit Aussage jenseits des Metals, den ich zuvor bereits im zarten Kindesalter konsumiert hatte und der von wenigen Ausnahmen abgesehen in den 1990ern doch stark an Bedeutung für mich verloren hatte. 1994 hatte ich ein Konzertticket für NIRVANA, das ich nie einlösen konnte, weil Kurt Cobain sich erschossen hatte, bevor ich ihn über seine Musik überhaupt erst richtig kennenlernen konnte. Das holte ich zwar in Windeseile nach, doch blieb erst mal nur eine „große“ Band, die noch unter den Lebenden weilte, der ich eine derart große persönliche Bedeutung beimaß. Die Initialzündung äußerte sich konkret so, dass auf beide genannten SLIME und anderer ’80s-Hardcore-Punk folgte, TERRORGRUPPE, WIZO und andere ’90er-„Deutschpunk“-Acts sich auch bald in meinem Tapedeck einfanden, die SEX PISTOLS, THE CLASH und anderer Briten-Punk êbenfalls sowie natürlich der europäische Oi!-Punk in diversen Facetten. Ein Widerspruch war das für mich nie, denn entgegen anderen Behauptungen und dem über die meisten Massenmedien kolportierten Bild waren die ONKELZ damals klar antifaschistisch verortet, halfen mir durch die schwierige Phase der Juvenilität, verkörperten für mich eine authentische Rebellion über Kampfparolen und sarkastische Texte hinaus. Sie lehrten mich, mich kritisch mit den Medien auseinanderzusetzen und wurden durch ihre damals zeitgenössischen Texte zu einer Art moralischer Instanz. Dass es stets spannend blieb, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, war einerseits natürlich in der Ablehnung, die der Band und ihren Fans aus breiten bürgerlichen Kreisen entgegenschlug, begründet sowie in dem anrüchigen Mythos, der sie umgab, ihrer trotz beachtlicher Größe Außenreiterrolle, die sie ausfüllten und kultivierten und dem damit verbundenen Umstand, dass man verlässliche Informationen in der Zeit eines kaum ausgeprägten Internets sich selbst beschaffen mussten, was zu einer hochinteressanten Zeitreise in ihre Vergangenheit wurde. Fleißig sammelte ich Pressberichte und die spärlichen TV-Auftritte, organisierte mir Live-Bootlegs und versuchte, Demo-Texte herauszuhören und mitzuschreiben – heute unvorstellbar. Andererseits trugen die Onkelz mit ihrem ihnen eigenen, eigentlichen Mittel bei: ihrer Musik. Die war nämlich ein Füllhorn verschiedenster Stile, Attitüden, Subkulturen und spiegelte in ihrem Abwechslungsreichtum ein gutes Stück weit auch die Geschichte der Subkulturen in Deutschland wieder. Grob lässt es sich wie folgt zusammenfassen: Als unbedarfte Punkband aus schlechtem Hause in Frankfurt Demo-Tapes eingeschrammelt, als Skinheads eine musikalisch überraschend hochwertige Oi!-Scheibe eingespielt, auf die ein weiteres Album und eine Mini-LP folgen sollten, ab 1987 nach dem Ausstieg aus der Skinheadszene aufgrund derer zunehmenden Politisierung gen rechtsaußen ganz dem deutschsprachigen, harten Metal (damals ein Novum) verschrieben, mit dem sie sogar deutsche Hardrock- und Metal-Redakteure verschreckten, die erstmals akustisch verstanden, worüber in diesem Musikgenre so alles gesungen wird, und ab 1991 dann mit ihrem individuellen Stil unterwegs, einem wilden Ritt durch sämtliche Sparten der Rockmusik, stets versehen mit dem unverkennbaren ONKELZ-Siegel, textlich gereift zu eher nachdenklichen, reflektierten Künstlern – die trotzdem noch immer gut den Saufproll geben konnten, ihn nicht verleugneten. Die „Heilige Lieder“ schoss 1992 ohne jegliche PR und Airplay durch die Decke bzw. in die Charts und rief den vermutlich größten Shitstorm hervor, den eine deutsche Band je über sich ergehen lassen musste. Während in Deutschland feige Neonazis und ihre Mitläufer Asylantenheime in Brand steckten, wurden Schuldige gesucht. Eine Band wie die ONKELZ wurden gleichsam durch ihre Chartpositionierung als Indiz für den Rechtsruck der Gesellschaft wie als Mitverantwortliche für selbigen herangezogen und in einem Atemzug mit Bands wie STÖRKRAFT genannt, die durch die ungeahnte Medienpräsenz plötzlich ebenfalls schwindelerregende Verkaufszahlen erzielten – und mit denen die Band lange Jahre nach Abkehr von der Skinheadszene überhaupt nichts mehr zu tun hatte, längst für ganz etwas anderes einstand bzw. einzustehen versuchte, was man sie partout nicht lassen wollte. Dabei waren die Kampagnen nicht nur schlampig – wenn überhaupt – recherchiert und strotzten nur so vor inhaltlichen Fehlern, sie waren auch noch von Grund auf verlogen. Der Musikindustrie, damals noch nicht von illegalen Downloads etc. geplagt, ging nämlich kräftig der Arsch auf Grundeis, als eine Band ihre längst durchkalkulierten Verkaufsstrategien durchkreuzte und sich dort feist breit machte, wo eigentlich nie Platz für diese und ähnliche (ehemalige) Underground-Acts hätte sein sollen, sofern es nicht mit dem Branchen-Konglomerat abgesprochen und von ihm abgesegnet gewesen war. Die „Heilige Lieder“ aber entpuppte sich als vielleicht bestes deutschsprachiges Album aus dem härteren Rockbereich (die Punk-Erzeugnisse einmal ausgeklammert) und die ONKELZ wurden endgültig zur Kultband. Doch wie das mit jugendlichem Eifer oft so ist, er lässt irgendwann nach und andere Dinge werden interessanter. Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz wurden die ONKELZ-Alben aus meiner damaligen Sicht schwächer und interessierte ich mich als Post-Grunge-Punkrocker zunehmend für den eigenen Subkultur-Underground. Über die „Viva los tioz“, die 1998 erschien, sagte Drummer Pe einmal sinngemäß in einem Interview: „Das Ding war im Kasten und ich dachte, das war’s, jetzt haben wir’s verbockt. Doch es wurde unser bis dahin erfolgreichstes Album.“ Die ONKELZ experimentierten mit elektronischen Klängen, was in Ordnung war, doch noch etwas anderes war für mich neu: Es hatten sich schwächere Songs eingeschlichen, Skip-Tasten-Kandidaten, Durchschnitt. Diese wurden aber wettgemacht durch die großen Hits des Albums, „Terpentin“ war ein großartiger Mitgröler, „Der Platz neben mir“ ein ans Herz gehendes, in zwei Parts unterteiltes Stück Trauerbewältigung und mit „Bin ich nur glücklich, wenn ich es schmerzt“ war ein in seiner tragischen Melancholie unermessliches, neues Lieblingsstück für mich dabei. In den folgenden zwei Jahren passierte viel in meinem Leben, das Erscheinen des nächsten ONKELZ-Albums „Ein böses Märchen aus 1000 finsteren Märchen“ verkam zur Randnotiz. Ich hatte es mir gar nicht erst gekauft, sondern nur bei einem Kumpel angehört, wo es allgemein durchfiel. Zu negativ und partyuntauglich erschien es uns, zudem musikalisch nicht hart genug. Die Platte hatte uns schlicht nicht mehr gekickt und konnte schon gar nicht bestehen gegen als das geile Punk-, Oi!-, Ska- und HC-Zeug, das wir uns regelmäßig reinfuhren. Eine Fehleinschätzung, die ich erst Jahre später revidieren sollte. Jedenfalls verfolgte ich nicht mehr, was die Band trieb, strafte den nächsten Longplayer „Dopamin“ mit völliger Ignoranz und merkte erst wieder auf, als sie ihr Abschiedsalbum veröffentlichte. Da kam es langsam wieder, das alte Kribbeln. Ich besorgte mir die Platten, stellte fest, dass sich erwartungsgemäß einiges an Durchschnitt auf ihnen befand, wurde aber dafür von anderen Songs umso mehr überzeugt. Sie konnten es also doch noch. Mein inneres Bedürfnis stieg, doch noch dem Abschiedskonzert beizuwohnen. Ich besorgte mir und einem überredeten Kumpel Karten per eBay, organisierte ein Mitfahrgelegenheit und fand mich schließlich bei einem Rekord wieder: dem größten Open-Air-Festival Deutschlands. Neben Bands wie ROSE TATTOO und MOTÖRHEAD spielten die ONKELZ zwei verschiedene Sets an zwei Abenden und lieferten einen grandiosen Querschnitt ihres Schaffens. Als am Ende die Melodie des Instrumentals „Adioz“ erklang, war ich ergriffen und mir wurde bewusst, dass ich wirklich an etwas Besonderem teilgenommen hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.

Die ONKELZ, längst zum vielleicht größten deutschen Independent-Act gereift (nach zahlreichen Verarschungen durch diverse Plattenlabels hatte man über Jahre eine eigene riesige Infrastruktur aufgebaut, die weitestgehende Unabhängigkeit brachte), versuchten, so ehrenvoll wie möglich abzutreten. Das gelang jedoch nur bedingt; fortan störte manch Negativmeldung die heile ONKELZ-Welt: Bandkopf Weidner gab zu Protokoll, nachdem er 110.000 Leute (seit Beginn der ’90er hatte sich die Gefolgschaft immer weiter potenziert) zum betont allerallerallerletzten Konzert in den tiefsten Osten gelockt hatte, dass er gern doch noch im Anschluss auf dem verschissenen „Rock am Ring“ gespielt hätte – was zum Glück nichts wurde und eine Fan-Verarsche sondergleichen dargestellt hätte. Die Veröffentlichung der sündhaft teuren DVD-Box des Festival-Spektakels geriet zum mittelschweren Flop für mich, da vermutlich aus rechtlichen Gründen zu viele Songs fehlten und all die anderen Bands mit zuwenig Spielzeit abgefrühstückt wurden. Gekauft hab ich mir das Ding ebenso wenig wie verzichtbare Best-of-Veröffentlichungen und Neueinspielungen (außer die der „Onkelz wie wir“, die ist geil). Im Rahmen der Bandauflösung zerstritten sich Gitarrist Gonzo und Weidner und beschädigten damit den Mythos der verschworenen Einheit, die seit Bandgründung ohne einen einzigen Besetzungswechsel (!) ausgekommen war. Gonzo brachte langweilige Soloplatten heraus, die niemand hören wollte, Weidner machte als „Der W“ Karriere, stieß damit bei vielen ONKELZ-Fans aber auf taube Ohren. Wirklich schlimm stand es aber um Sänger und Band-Sorgenkind Kevin: Als er im Drogenrausch einen schweren Autounfall verursachte, feige abhaute, in Kauf nahm, dass seine Opfer im Wrack verbrannten (sie konnten schwerverletzt gerettet werden), die Schuld auf jemand anderen zu schieben versuchte und vor Gericht eine Posse nicht von dieser Welt aufführte, hatten die anderen Ex-ONKELZ endgültig die Schnauze voll, verkündeten, dass Kevins Drogenabhängigkeit der wahre Grund für die Auflösung der Band gewesen wäre, man nun nicht mehr bereit sei, ihn zu decken und kündigten ihm die Freundschaft. Das hatte gesessen. Der lange so gehegte Mythos schien endgültig zerstört und zwei Menschen hätten fast ihr Leben verloren. Das Projekt BÖHSE ONKELZ war also nur deshalb nicht an den eigenen Ansprüchen gescheitert, weil man gerade rechtzeitig die Band aufgelöst hatte, bevor ohnehin alles auseinandergebrochen wäre, doch ein fader Beigeschmack blieb. All die besungenen hohen Ideale schienen an Wert verloren zu haben. Gonzo bekleckerte sich nicht mit Ruhm, als er auf den rollenden „Deutschrock“-Zug aufzuspringen versuchte und statt seines langweiligen US-Rocks plötzlich mit deutschsprachigen, furchtbarerweise auch noch selbst gesungenen Alben Fuß ausgerechnet in der Branche zu fassen versuchte, die nach Auflösung der Band schnellstmöglich an „Nachfolgern“ bastelte und Kackbands wie FREI.WILD hypte, um aus dem „Erbe der Onkelz“ Profit zu schlagen. Nachahmer-Bands schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden mit Plattenverträgen umworben, ganz Dreiste wie bereits erwähnte Norditaliener erwiesen sich zudem als tatsächlich rechte Ratten, die mit Nationalismus kokettieren und nicht nur Musik und Texte (wie üblich eher schlecht als recht), sondern auch die Geschichte der ONKELZ zu kopieren versuchten und damit die Dümmsten unter den ONKELZ-Fans anzulocken. Von all dieser Scheiße brauchte es nicht das Geringste, schließlich hatte sich die Band aufgelöst und nicht ihre Platten, die nach wie vor anhörbar und erhältlich waren! Gonzo jedoch entblödete sich nicht, seine Soloscheiben auf dem FREI.WILD-Label zu veröffentlichen und sogar ein gemeinsames Projekt mit ihnen (und zu allem Überfluss den KASTELRUTHER SPACKEN) zu bestreiten – während Stephan Weidner genervt von ONKELZ-Kopien gegen eben jene textete. Drummer Pe, BAD-RELIGION-Fan und bekannt für seine Melodic-Punk-Vorliebe, veröffentlichte derweil ein punkiges Soloalbum, das mich jedoch auch nicht hinterm Ofen hervorlocken konnte. Und was machte Kevin? Der kam zunächst in den Knast, dann in Therapie – und dann zurück in den Proberaum, wo er mit anderen Musikern überraschend ebenfalls ein Solo-Ding startete. Er spielte einige Konzerte mit ONKELZ-Nummern und gründete seine eigene Band VERITAS MAXIMUS, gab an wieder clean und fit zu sein und es noch einmal wissen zu wollen. Erste Gerüchte über eine zumindest nicht mehr unmöglich scheinende ONKELZ-Reunion begannen zu kursieren.

Schließlich war es soweit und die ONKELZ zeigten unter dem Motto „Nichts ist für die Ewigkeit“ (ein Songtitel des „Es ist soweit“-Albums) verstärkte Präsenz in der Öffentlichkeit, sammelten ohne Angabe eines Grunds E-Mail-Adressen von interessierten und räumten diesen schließlich das Vorkaufsrecht für Karten für das Reunion-Konzert am Hockenheimring ein. Ratzfatz war der Server dicht und alle Karten weg, viele guckten in die Röhre. Kurzerhand beschloss man ein Zusatzkonzert am darauffolgenden Tag und auch dafür gingen die Karten weg wie kaltes Bier. Zusätzlich stampfte man in Frankfurt ein „Public Viewing“ aus dem Boden, wo sich ein paar weitere tausend Fans das Konzert dank Live-Übertragung ansehen konnten. Meine damalige Freundin ich hatten kurzerhand beschlossen, uns ebenfalls um Karten zu bemühen; Neugierde und Abenteuerlust sowie die Chance auf einen weiteren unvergesslichen gemeinsamen Abend überwogen alle Zweifel und Skepsis. Zunächst gingen wir leer aus – bis sich eine Verwandte bei ihr meldete und uns zwei Karten verkaufte. Also stand dem Konzertvergnügen nichts mehr im Wege. Nichts mehr? Nun ja, abgesehen davon, dass wir uns weder um An- und Abreise, noch um eine Übernachtungsmöglichkeit gekümmert und uns zudem wenige Wochen vor dem Konzert getrennt hatten und keinerlei Lust mehr verspürten, dort gemeinsam aufzutauchen. Frei nach Otto Waalkes waren sie da also wieder, meine drei Probleme: Keine Fahrmöglichkeit, kein Pennplatz und keine Ahnung, wie es weitergehen soll…

Dennoch war mein Entschluss ungebrochen, dem Konzert beiwohnen zu wollen, denn ich ahnte, dass mir ansonsten etwas Großes, Geschichtsträchtiges entgehen würde. Sämtliche Pensionen und Hotels im Umkreis waren natürlich längst ausgebucht, das Camping war zu teuer und außerdem hatte ich null Bock darauf, denn Zelten ist bekanntlich Hippiekacke. Die Nacht nach dem Konzert würde ich mir schon irgendwie um die Ohren schlagen und am nächsten Morgen abreisen, aber wie hinkommen? Meine Freunde aus der Punkszene brauchte ich gar nicht erst zu fragen, von denen wollte niemand hin. Auf mitfahrgelegenheit.de fand sich auch nichts. Also konsultierte ich das ONKELZ-Forum, Abteilung „Mitfahrgelegenheiten“ – und überlegte, wie ich mein Gesuch formulieren solle. Mir graute es vor der Vorstellung, etliche Stunden mit FREI.WILD-Bauern oder angebräunten Vollpfosten eingepfercht in einer Blechkiste auf der Autobahn zu verbringen. Ja, ich konnte mich nicht ganz von der allgemeinen Paranoia und dem Alarmismus ggü. dem ONKELZ-Publikum freisprechen. „Mitfahrgelegenheit gesucht, bitte keine FREI.WILD-Fans oder Faschoprolls“ wollte ich dann aber doch nicht schreiben, denn wer wusste, ob ich dadurch nicht gerade jene Klientel auf den Plan rief oder schlicht verarscht und gar nicht erst mitgenommen werden würde? Also formulierte ich mein Gesuch neutral und beschloss, im Falle eines Falles das ganze als Milieustudie zu betrachten. Letztlich gelang es mir, eine Mitfahrgelegenheit für die Hinfahrt zu finden: Zwei Fans wollten sich einen Wagen mieten und runterfahren. Sie hatten Karten für den Samstag, reisten aber bereits Freitag an, um möglichst viel von den Eindrücken und den Partys mitzunehmen. Länger als nötig zu bleiben, war für mich aber keine Option, als buchte ich für die Rückfahrt einen günstigen Fernbus, der mich samstagmorgens um 6:10 Uhr von Heidelberg zurück nach Hamburg bringen sollte, ohne dass ich umsteigen müsste. Während der langen Fahrt könnte ich pennen, dachte ich mir, ich müsse nur zusehen, rechtzeitig von Hockenheim nach Heidelberg zu kommen, ebenfalls per Bus.

Gespannt wartete ich Freitag um 10:00 Uhr am Hauptbahnhof auf meinen „Chauffeur“ und die weiteren Mitfahrer – und wurde direkt positiv überrascht: Keine Spur von den befürchteten Doofnüssen, sondern sympathische junge Menschen, St.-Pauli-Fans, Critical-Mass-Fahrradaktivisten etc., zudem ausgestattet mit herrlichem Humor. Sofort verstand sich der zusammengewürfelte Haufen gut, wurden reichlich Anekdoten ausgetauscht und hatte man ‘ne Menge Spaß, ohne sich bereits auf der Hinfahrt besaufen zu müssen. Und Zwischendurch war sogar die Gelegenheit, etwas Schlaf nach- bzw. vorzuholen, ein erquickendes Nickerchen ließ Kraft tanken. Hier und da lauerten baustellenbedingte Staus auf unser Quintett, aber wir lagen trotzdem gut in der Zeit, denn niemand von uns hegte ein sonderliches Interesse an den Vorbands. Ohnehin war ganz sicher niemand wegen der LIMP BIZKIT oder SOULFLY dort, denn diese wurden erst im Nachhinein bekanntgegeben. Fred Durst und seine Kapelle kann ich ohnehin nicht leiden und SOULFLY hab ich zwar live als durchaus geil, weil ordentlich wuchtig und brutal in Erinnerung, doch für Plattenkäufe hat’s nie gereicht (im Gegensatz zu anderen Cavalera-Projekten wie NAILBOMB und CAVALERA CONSPIRACY, von den alten SEPULTURA ganz zu schweigen) und so waren mir die Brasilianer an diesem Tag herzlich egal. Unsere Fahrt führte auf Wunsch der beiden weiteren Mitfahrer über Darmstadt, wo sie an ihrem Schlafplatz bei einer Freundin ihr Gepäck abluden. Was man über die Attraktivität jener hessischen Stadt mit ihren Planquadraten und Straßennamen wie „E6“ so hört, scheint wahr zu sein, oder wie es mein Mitfahrer ausdrückte: „Viel schön ist Darmstadt wenig.“ Dafür befand sich direkt um die Ecke ein Imbiss, wo ich mir mittels einer großen Käsepizza erfolgreich eine Grundlage für den Abend schuf. Nach kurzer Wegzehrung ging’s auf zum Endspurt gen Hockenheim, wo die Parkplatzsuche auf dem Obi-Parkplatz endete (der Fahrer und sein Kumpel hatten ebenfalls kein Camping- oder Parkticket und beabsichtigten, im Auto zu pennen) und wir uns ein erstes Bierchen genehmigten, „Astra vom Blech“. Zu Fuß traten wir den ausgeschilderten Weg zum Hockenheimring an, vor und hinter uns zahlreiche Musikfreunde mit dem gleichen Plan. Der Weg führte zunächst durch eine pittoreske Parkanlage und schließlich an den Camping-Plätzen vorbei. Diese waren abgezäunt uns sahen genauso aus wie Rock-Festival-Camping i.d.R. aussieht. Zahlreiche Fans haben nämlich beschlossen, aus dem Ereignis kurzerhand eine Art Festival zu machen, waren zum Teil bereits Mittwoch angereist und hegten keinerlei Absichten, vor Sonntag das Areal wieder zu verlassen. Unangenehm auf fiel ein Zelt, an dem die Reichskriegsflagge hing. Dass bei solch Massenveranstaltungen – pro Tag dürften um die 90.000 Karten verkauft worden sein – auch der eine oder andere Spacken auftaucht, wird sich nicht verhindern lassen. Dass die Flagge hängen bleibt, dürfte jedoch ein Zeichen falsch verstandener Toleranz sein. Was würde mich noch alles erwarten?

Nach einem längeren Fußmarsch kamen wir schließlich am Hockenheimring an, wo ein Biergarten, Merch-Stände etc. eingerichtet waren. Unser Fahrer und sein Kumpel setzten sich in den Biergarten ab, hatten ja erst Tickets für den nächsten Tag. Mit den anderen beiden begab ich mich durch die erste Schleuse – und nun wurd’s spannend. Ich hatte meinen Rucksack dabei, den ich ja schlecht im Auto lassen konnte, wenn ich die Rückfahrt per Bus antrete. Beim Filzen fragte ich, ob es irgendwo ‘ne Möglichkeit gebe, das Ding abzugeben. Der Sicherheitsmensch sagte mir, ich solle da und da hin, da wär‘ noch so’ne Schleuse und auch ein Container, wo ich mein Gepäck loswerden könne. Die beiden Mitgereisten steuerten den ersten Bierstand hinter der Schleuse an, wo wir uns gleich wieder treffen wollten. Während meiner Suche nach der „Garderobe“ wurde mir jedoch nach und nach bewusst, dass man mich zur Eingangsschleuse auf der gegenüberliegenden Seite geschickt hatte und ich in etwa den halben Ring durchqueren musste, um dort anzukommen. Irgendwann endlich vor Ort, wunderte ich mich schon darüber, wie wenig dort los war. Also auch durch diese Schleuse durch und zum Container. Dort allerdings eröffnete man mir, dass man mitnichten eine Garderobe, sondern zuständig zur Verwahrung gefährlicher Gegenstände wäre, die beim Filzen entdeckt worden wären – und ich meinen Rucksack daher dort nicht abgeben könne. Die Kollegin jedoch schien mir helfen zu wollen, fragte, ob ich nicht vielleicht gefährliche Gegenstände dabeihätte und warf noch einen prüfenden Blick in meinen Rucksack. Sie fand meinen Deoroller und präsentierte ihn triumphierend dem Kollegen. Das Ding ist schließlich aus Glas und das könnte ich ja werfen und jemanden damit verletzten. Das allerdings hatte zur Folge, dass ich trotzdem nicht meinen Rucksack, sondern lediglich meinen Deoroller abgeben konnte bzw. musste. Das war nun wirklich reichlich kleinkariert, andererseits war man sehr freundlich, zeigte Verständnis und bat mich, mich ans ONKELZ-Management zu wenden, um Verbesserungsvorschläge loszuwerden, beispielsweise eben den, Garderoben am Konzertort zu errichten. Darauf verzichtete ich für den Moment und wollte mit meinem immerhin um das Gewicht eines Deorollers erleichterten Rucksack zurück durch die Schleuse zum Bierstand. Das ließ man mich nicht, denn raus und wieder reingehen war nicht gestattet. Ich musste auch nur noch ein wenig über den Ring laufen, dann war ich schon im Innenraum – mit Rucksack, ohne Mitfahrer. Glücklicherweise war ich schlau genug, nur das Nötigste eingepackt zu haben, so dass es letztlich auch egal war, ob ich das Ding nun auf dem Rücken hatte oder nicht. Dass ich nicht mehr zum Bierstand zurückkam, erwies sich als Glück, denn während ich zum Getümmel schlenderte, vernahm ich plötzlich die Töne von „Hier sind die Onkelz“! Das erklärte auch, warum am Einlass so wenig losgewesen war. In meiner miesen Vorbereitung auf dieses Großereignis hatte sich eine völlig falsche Uhrzeit in meinem Hinterstübchen festgesetzt. Statt wie vermutet um 22:00 Uhr begannen die ONKELZ bereits um 21:00 Uhr! Es folgte „Mutier mit mir“, den ich auf meinen letzten Metern bereits mitsingen konnte. Durch meine mir eigene Verpeiltheit habe ich zwar die vieldiskutierte, wahnsinnige Ansage Ben Beckers verpasst (natürlich postkonzertal auf Youtube angeschaut), dafür teilt aber wohl kaum jemand die besondere Stimmung und die Eindrücke, kurz vor der Abenddämmerung über einen menschenleeren Hockenheimring zu latschen, dabei trotzdem die ONKELZ mit einem ihrer schönsten Liebeslieder live zu hören und schließlich „um die Ecke“ auf eine zwei- bis dreistellige Menschenmasse und die größte europäische Open-Air-Bühne zu treffen! Rechtzeitig zum Mitgröler „Finde die Wahrheit“ kam ich am linken Rand des Geschehens an, und drängelte mich flugs zu einem der im Publikum verteilten großen Bierstände durch, von dem aus ich perfekte Sicht auf die linke Videowand hatte, aber auch Einblick auf die Bühne. Dicht hinter mir tobte jedoch der Bauernpogo, also noch ein paar Meter nach vorn – perfekt. Während ich mein Gezapftes genoss, stimmten die Onkelz die Unity-Hymne „Kinder dieser Zeit“ vom Abschiedsalbum an: „Wir sind schwarze Schafe, Kriminelle, Huren, Rocker und Rebellen, Randfiguren, Außenseiter, Straßenkids, Schallwellenreiter, Junkies, Träumer, Punks und Spinner, wir sind Verlierer und Gewinner, Kinder dieser Zeit, die ihr Schicksal vereint“ … Das tonnenschwere, bitterböse „Der Preis des Lebens“ über Gevatter Tod persönlich war die erste gelungene Überraschung der Setlist. Mit „Nr. 1“ begab man sich kurz zurück zu Songs aus der Ära nach 2000, bevor mit „Koma – Eine Nacht die niemals endet“ erstmals das „E.I.N.S.“-Album bedient wurde. Überraschend stürmte mittendrin MOSES PELHAM die Bühne, der vor einiger Zeit den Refrain für sein eigenes Stück „Für die Ewigkeit“ adaptiert hatte, so dass eine Mischversion aus beiden Songs live dargeboten wurde. Dass Moses P. vom ehemaligen RÖDELHEIM-HARTREIM-PROJEKT ein Kumpel der Band ist, ist bekannt, dennoch stieß seine Darbietung auf ein geteiltes Echo, manch Mittelfinger wurde in die Luft gereckt. Meins ist es auch nicht, aber auch mit seinem Intermezzo blieb der Song stark – insbesondere, wenn er mithilfe eines Orchesters arrangiert wird. Ja, die Band hatte tatsächlich ein Orchester mit auf der Bühne sitzen, das aus den Songs jedoch kein verwässerten Möchtegern-Klassik-Stücke machte, sondern sie mal subtil, mal klanggewaltig verfeinerte. „Immer auf der Suche“ hieß es anschließend und die besungene „gute Zeit“ dürfe der Großteil der Anwesenden gehabt haben. Über den Mutmacher „Wenn du wirklich willst“ gelangte man schließlich zum überdimensionalen Gassenhauer „Wir ham’ noch lange nicht genug“, ein Song der insbesondere dadurch mit Sinn gefüllt wurde, dass ein sichtlich aufgekratzter und euphorischer Stephan Weidner immer wieder seiner Begeisterung Ausdruck verlieh und versicherte: „Wir bleiben!“ Von diesem Song an folgte ein Knaller auf den nächsten, denn wenn Kevin „Hast du Sehnsucht nach der Nadel“ vom „Es ist soweit“-Album zum Besten gibt, weiß jeder, dass er ganz genau weiß, wovon er singt und wie ich da mit meinem Bierchen stand und ihn fragen hörte „Willst du was erleben, was noch nicht geschehen ist? Suchst du jemanden zum Reden, der gar nicht bei Dir ist? Hast du Sehnsucht nach der Nadel, nach ’ner kleinen Injektion?“ lief es mir nicht nur kalt die Kehle, sondern ebenso den Rücken herunter – was das anschließende „Der Himmel kann warten“ noch verstärkte. Erstgenannter Song ist ein harter Riffer aus der Metal-Phase, letzterer eine sanfte Ballade, die Jahre später entstand, und doch passen beide Songs perfekt zueinander. Mit „Terpentin“ kam wieder ordentlich Bewegung in die Bude bzw. auf den Ring, bevor’s mit „Nur die Besten sterben jung“ wieder melancholisch wurde. Das schon zu Lebzeiten der Band ewig nicht mehr live gespielte „Paradies“ war ein schönes Geschenk für mich als besonderen Fan der „Es ist soweit“-Scheibe und im Anschluss gab man mit „Dunkler Ort“ wieder moderneren Klängen den Vorzug. 16 Songs waren nun schon gespielt, unterbrochen durch diverse freudige Ansagen. Während das Orchester das Instrumentalstück „Panamericana“ intonierte, gönnte sich die Band eine kurze Pause und kam zurück mit der Folkrock-Nummer „Wieder mal ’nen Tag verschenkt“, mitgesungen aus tausenden heiseren Kehlen, von denen ich nur eine war. Unfassbar, wie lange mich dieser Song nun schon begleitet und wie vertraut das in ihm beschriebene Gefühl doch ist. Um den Gänsehautfaktor auf die Spitze zu treiben, blieb man bei den folkigen Klängen und spielte „Ich bin in dir“ von der „Heilige Lieder“. Zu diesem Song hatte ich mit meinem ersten Mädchen gefummelt, doch entfaltet er erst sein ganzes Potential, wenn er textsicher vom größten Chor der Welt mitgesungen wird. Wer da cool bleiben kann, muss ein Eisklotz sein. „Hörst Du diese Lieder? Böhse Onkelz, immer wieder. Sie sind ein Teil von meinem Leben. Sie sind ein Teil von mir, sie sind für Dich, ich schenk‘ sie Dir – mehr kann und will ich Dir nicht geben. Weißt du wirklich, wer ich bin, wie ich denke, wie ich fühle? Liebst du mich, weil ich es bin oder weil ich Dich belüge?“ und „Die Gedanken malen Bilder, doch ich finde keinen Rahmen. Der Wind spricht zu mir, er wünscht mir Glück, er flüstert meinen Namen.“ Nachdenklich-philosophisch und melancholisch ging es auch weiter, denn die Band zog sämtliche Register und toppte mit eingangs erwähntem „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ sogar noch das Vorausgegangene. Welch ein Song, welch vertonte tiefe Emotionen und wie passend für all die Momente innerer Zerrissenheit. Übrigens hatten sich die Fans um mich herum als recht nette Zeitgenossen entpuppt, mit denen man auch gut den einen oder anderen Klönschnack halten konnte, doch während dieses Songs musste ich mir Ruhe erbitten. Überhaupt, das Publikum: Was ich von meinem Standort aus sah, war die erwartet wilde Mischung aus „typischem Festival-Publikum“ (was auch immer das genau sein mag), Metal- und Rockfans und Leuten, die ansonsten wahrscheinlich öfter ins Fußballstadion als auf Konzerte gehen, dazwischen Subkultur aus den Bereichen Metal-, Rocker/Biker-, Punk und Oi!. Gesprochen wurden Dialekte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und der einen oder anderen Gruppe gelang auch ein durchaus passabler Pogo-Pit, der immer ordentlich Staub auf dem furztrockenen Gelände aufwirbelte. Die überwiegende Mehrheit trug ONKELZ-Shirts, was auch nicht anders zu erwarten war. Zumindest dort, wo ich es mir bequem gemacht hatte, war alles prima und ich fühlte mich längst pudelwohl. Der „Melancholie-Block“ fand seinen Abschluss in „Nicht ist für immer da“, der mit seinem aufbauenden Text die gute Laune nach dem tränendrüsenmassierenden Stück zuvor wieder steigen ließ und in eine weitere „Panamericana“-Pause mündete. „Die Firma“ ließ schließlich wieder alle Fäuste in die Höhe schnellen, auf das politkritische Anarcho-Stück „Macht für den, der sie nicht will“ folgte passenderweise „Lüge“, was meiner Euphorie einen weiteren Schub versetzte, da dieser Song meines Wissens vorher noch nie in einem ONKELZ-Liveset auftauchte und bei „Erinnerungen“ wurd’s natürlich noch mal richtig feierlich. Sollte es das gewesen sein? Natürlich nicht. Auch wenn natürlich noch eine zweistellige Anzahl an Hits fehlte, gibt es Standards, die getreu ungeschriebener Gesetze immer dabei sind. Den letzten Block läutete „Feuer“ ein und durch die Pyroshow wurde es noch heißer, als es ohnehin schon war. Und endlich war es soweit: Der Song, auf den so viele so lange gewartet hatten. Der Song, der anlässlich der gerade stattfindenden WM perfekt passte. Der Song, weshalb ich mir auch zum ONKELZ-Gig meine Mexico-Fußi-Trikotage übergestreift hatte: „Señoritas im Arm, Tequila lauwarm, vom Durchfall geplagt und von Fliegen gejagt. Im Land der Kakteen werden wir, du wirst seh’n, wieder Weltmeister, Weltmeister sein!“ Ursprünglich geschrieben zur WM 1986 in Mexico, hatte es erst vier Jahre später geklappt, doch während wirklich jeder diese selbstironische Fußballnummer mitsang, die sich im Laufe der Jahre nicht nur zur inoffiziellen ONKELZ-Hymne mausern, sondern allgemeines Kulturgut werden sollte, arbeitete das DFB-Team erfolgreich am nächsten Titel. Mit „Kirche“ wurde dann auch noch der Wunsch eines meiner Konzert-Nachbarn erfüllt, „Auf gute Freunde“ ließ auch nicht länger auf sich warten und den Song, von dem ich mich schon die ganze Zeit über fragte, wann er denn endlich kommen würde – schließlich steht die Reunion unter seinem Motto –, hob man sich bis ganz zum Schluss auf: „Nichts ist für die Ewigkeit“! „Glaubst du alles, was ich sage? Glaubst du, du weißt wer ich bin? Stellst du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind? Die Ironie, mit der wir spielen, die ihr so schwer versteht, der Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war, nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da. Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts Besseres verdient – habt ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt?“ Das war’s. Nach 29 Songs und drei Stunden (!) war Schluss. Und was hätte man nicht noch alles im Repertoire gehabt?! „Der nette Mann“, „Heute trinken wir richtig“, „Onkelz wie wir“, „Kneipenterroristen“, „So sind wir“, „10 Jahre“, „Nekrophil“, „Heilige Lieder“, „Buch der Erinnerung“, „Gehasst, verdammt, vergöttert“, „Scheißegal“, „Lieber stehend sterben“, „Fahrt zur Hölle“, „Wenn wir einmal Engel sind“, „Danke für nichts“, „Danket dem Herrn“, „Onkelz 2000“, „Keine Amnestie für MTV“, „Narben“ und, und, und… Doch ich war sehr zufrieden mit der Setlist und damit, dass man manch selbstbeweihräuchernden Gassenhauer, mit dem man auf Nummer sicher gegangen wäre, zugunsten vieler nachdenklicherer Songs ausgelassen hatte. Wirklich schmerzlich vermisst hatte ich eigentlich nur „Nie wieder“, jenen Song, mit dem für mich alles seinen Anfang genommen hatte. Die ONKELZ verließen die Bühne, klatschten mit den Fans ab, während das Orchester das kongeniale Instrumental „Baja“ spielte.

Langsam brach die Meute geordnet zum Rückzug auf, andere, so auch ich, warteten bis zum Ende des Songs. Bei noch immer hochsommerlichen Temperaturen verließ ich schließlich auch das Gelände, holte mir meinen gefährlichen Deoroller zurück und musste leider feststellen, dass der Biergarten entweder schon geschlossen oder man uns woanders entlanggeschleust hatte. Dann wurde es etwas chaotisch: Ich befand mich inmitten der Menschenmassen, die sich nun durch die engen Straßen des Örtchens (mehr ist es wirklich nicht, trotz millionenschwerer Rennstrecke – unglaublich!?) Hockenheim zwängten. Übereifrige rissen in der Mitte der Straße postierte Absperrgitter, die die Straße in zwei Bahnen teilte, nieder, deren Sinn sich mir allerdings auch nicht erschloss. Die einen suchten ihren Campingplatz und versuchten, die Richtung herauszufinden, in die sie gehen mussten, andere suchten ihre Shuttle-Busse, derer es wohl spezielle pro Campingplatz gab, wieder andere mussten zum Bahnhof etc. Was für ein Bild: Hockenheimer Straßen überfüllt mit ONKELZ-Fans, überfragte Sicherheitsdienste, die wenigen Taxis permanent ausgebucht, die wenigen Streifenwagen der örtlichen Polizei (mehr gab es dort anscheinend nicht!?) wurden zu hochfrequentierten Auskunftszentralen. Mein Plan war, zunächst einmal den Bahnhof aufzusuchen, um mich mit den Wegen und Entfernungen vertraut zu machen. Es gelang mir sogar, auf einen originalen Hockenheimer zu treffen (das muss mir in solch einer Situation erst mal einer nachmachen!), der mir den Weg wies. In meiner mir eigenen Verpeiltheit (da war sie wieder) vergaß ich, rechtzeitig abzubiegen und latschte erst einmal in die falsche Richtung. Als ich schließlich schon aus Hockenheim raus war, gab ich auf, fragte erneut und siehe da… Nun wusste ich also Bescheid, konnte anderen völlig Abgekämpften auf meinem Rückweg vom Bahnhof in die, äh, „City“ selbst den Weg erklären und also endlich gemütlich den Abend ausklingen lassen (klingt besser als „Nacht um die Ohren schlagen“). Ich besorgte mir ein paar Kannen Cola als Energielieferanten und tingelte durch die wenigen Kneipen. Die meisten Fans waren längst wieder auf ihren Camping-Plätzen, die anderen verteilten sich auf die wenigen Lokalitäten. Dort bekam man aber immerhin noch etwas geboten: Kam man vom gut vorbereiteten und dadurch schnell seine Kundschaft bedienenden Döner-Mann, konnte man in einer Art Bistro das laufende WM-Spiel verfolgen. Nachdem ich der Katerstimmung in der Bahnhofskneipe, dessen Getränke- und Speisevorräte zuneige zu gehen drohten, entkommen war, suchte aber einen anderen Laden auf. Ehrlich gesagt habe ich vergessen, ob das ein Italiener, Spanier, Mittel- oder Südamerikaner war, er war jedenfalls recht groß und eher ein Restaurant als eine Kneipe. Dort liefen bis in die frühen Morgenstunden die ONKELZ aus der Konserve und versammelten sich Hans und Franz (und Franziska), mancher bereits mit bedenklicher Schlagseite und zum Leidwesen der tüchtigen, resoluten Wirtin auf Stühlen stehend Luftgitarre spielend. Ich holte mir ein Bier, ergatterte einen Sitzplatz, beobachtete das Treiben und kam mit einem Paar ins Gespräch, das eigens aus Österreich angereist war und gar nicht fassen konnte, wie unglaublich klein Hockenheim doch ist. Irgendwann hatte die Wirtin die Faxen dicke, stellte die Stühle hoch und ging in den verdienten Feierabend. Ich begab mich zurück zum Bahnhof, lernte eine Gruppe aus Bayreuth kennen, die mich sogar gratis auf ihrem Ticket bis Heidelberg mitnehmen konnte. Der ÖPNV machte es noch ein wenig spannend, als der Bus zehn Minuten zu spät eintraf, brachte uns aber trotzdem zum Heidelberger Bahnhof, wo ich in den ebenfalls leicht verspäteten Fernbus gen Hamburg stieg.

Es war mittlerweile kurz nach sechs und ich döste ein wenig vor mich hin. Der Bus war nicht einmal voll besetzt, ca. die Hälfte der Reisenden kam vom Konzert. In Frankfurt stiegen zwei Eintracht-Hools mit Migrationshintergrund ein, die ebenfalls nach Hamburg wollten. Die hatten sich mit Bier und Jägermeister ausgestattet, zwitscherten sich einen und hatten schräg hinter mir Platz genommen. Dadurch bekam ich ihre unfassbar witzigen Gespräche mit, wenn ich nicht gerade mehr schlecht als recht im traumlosen Dämmerschlaf verweilte. Diese beiden Typen sorgten für ein nicht von der Hand zu weisendes Unterhaltungsprogramm mit ihrem herrlichen hessischen Akzent und nutzten jeden Busstopp, um Nachschub an Alkoholika zu besorgen. Nicht so der Hit war, dass Fahrer Christian uns an einer Raststätte für seine halbstündige Pflichtpause des Busses verwies, aber auch die brachte ich rum. Lustigerweise musste Christian nach jedem Zwischenhalt sein Sprüchlein aufsagen, in dem er sich nicht nur vorstellte, sondern sich auch dafür entschuldigte, dass man einen Ersatzbus nehmen musste, der nun nicht über WLAN verfügt, dass wir mit Verspätung unterwegs sind und später auch noch, dass das Klo mittlerweile aussehe wie Sau. Auf den Zwischenruf der Frankfurter, ob er denn Bier habe, reagierte er mit „Bier haben wir leider auch nicht“, musste selbst lachen und versicherte uns, dass das die frustrierendsten Ansagen wären, die er jemals machen musste. Ich hab mich köstlich amüsiert. Die beiden, von denen sich der eine als Berufsmasseur entpuppte, kamen dann auch noch mit einer Sozialpädagogin ins Gespräch, die hinter mir saß. In Göttingen stiegen ein paar aufgehübschte Muttis zu und stießen mit Dosensekt an. Da die beiden Frankfurter gerade wieder auf Biersuche waren, versicherte ihnen mein Sitznachbar von vorne, dass hinten zwar noch ein paar Plätze frei wären, sie dort aber ganz bestimmt nicht sitzen wollen würden. Mittlerweile begann ich schon laut zu lachen. Fahrer Christian sagte fleißig weiter sein Sprüchlein auf und musste sich aufgrund der Verspätung sogar vorzeitig von uns verabschieden und an einem Rastplatz den Fahrerwechsel vollziehen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, vorher kurzerhand einen falschen Rastplatz anzufahren – natürlich nicht unquittiert mit spaßigen Sprüchen von hinten. Herrlich! Irgendwann in Hamburg angekommen, erhoben sich alle von den Sitzen und während die Frankfurter noch darüber berieten, ob sie ihren Müll nicht schlicht auf der Rückbank zurücklassen sollten, trafen sich kurz meine wissenden Blicke mit denen der Sozialpädagogin, die nun auch nicht mehr an sich halten konnte und zusammen mit mir in Gelächter ob der skurrilen Fahrt ausbrach. Nun hatte ich nur noch die letzten Meter vor mir und fiel schließlich geschafft ins Bett, um rechtzeitig zum Spiel Deutschlands gegen Ghanas wieder aufzuwachen und Zeuge zu werden, wie es auch für Jogis Jungs nicht ganz so rund läuft, wenn ich bischn inne Seile hänge.

Fazit: Ja, es war abenteuerlich. Aber es hat alles erstaunlich gut geklappt und ich habe keine Sekunde bereut. Ich habe interessante Leute kennen gelernt, vor allem aber ein großartiges Konzert gesehen und unheimlich viele Eindrücke mitgenommen. Nachts in den Straßen sah ich sie dann zwar, die hässlichen FREI.WILD-T-Shirts und sogar zwei Kapeiken in „Thor Steinar“-Naziklamotte, letztere sind angesichts der unfassbaren Menschenmengen aber sicherlich im Promille-Bereich anzusiedeln gewesen (ausnahmsweise nicht auf den Alkohol bezogen, wobei man natürlich reichlich naturbesoffen sein muss, um sich solche Scheiße überzuziehen). In Gefahr, um meinen Anfangs-Aufhänger wieder aufzugreifen, befand ich mich zu keinem Zeitpunkt, Streitereien oder gar Schlägereien habe ich keine einzige mitbekommen, niemand hat mich angepöbelt oder mir irgendwie das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein. Auch die Polizei bestätigte anschließend, ich zitiere: „Das war der friedlichste Einsatz, den wir je bei solch einer Großveranstaltung hier hatten!“ Ob das nun auf die große Toleranz des ONKELZ-Publikums (worauf es sich viel einbildet) oder schlicht auf dessen Gleichgültigkeit zurückzuführen ist, vermag ich allerdings nicht abschließend zu beurteilen. Dass man sich vor ihm in Acht nehmen müsste, kann ich aber keinesfalls bestätigen. Die Band machte einen guten, fitten Eindruck, lebte ehrliche Spielfreude auf der Bühne aus und war sichtlich ergriffen, was die überschwänglichen Ansagen widerspiegelten. Kevin bedankte sich zwischenzeitlich bei seinen Therapeuten und bläute den Fans ein, die Finger von harten Drogen zu lassen. Warten wir ab, was da noch kommen wird. Kevin hat mit seiner neuen Band ein Soloalbum veröffentlicht, das ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gehört habe. In Video-Statements im Internet wirkt er voller Energie, teilt aber auch gut aus in Richtung der Presse, die übrigens zur ONKELZ-Reunion kurzerhand nicht eingeladen worden war. Das bedeutet, es wurden keine separaten Pressetickets zur Verfügung gestellt. Wie nicht anders zu erwarten war, rauschte es wieder im Blätterwald und sog sich manch fragwürdiger Journalist dieses und jenes aus den Fingern. Irgendwie ist fast alles wieder so früher, manche Dinge scheinen sich eben nie zu ändern. Ich werde das weiter beobachten, auch zukünftig immer mal wieder über den Tellerrand hinausschauen und mir meine eigene Meinung bilden – in Fällen wie diesen auch gern persönlich vor Ort. „Mach’s gut, du schöne Zeit, auf Wiedersehen…“

14.06.2014, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2014

gaußfest_2014

Einmal jährlich steigt auf dem Hamburger Gaußplatz das Gaußfest bestehend aus zwei Tagen Open-Air-Festival und anschließendem Fußballturnier „Zappacup“. Nachdem man uns im letzten Jahr bereits eingeplant hatte, wir aber verletzungsbedingt schweren Herzens absagen mussten, sollte diesmal alles klappen. Nachdem am Freitag bereits die erste Sause über die Bühne gegangen war, sollten wir den Samstag eröffnen. Da Freitag jedoch anscheinend einiges schief gelaufen und es aufgrund technischer Probleme zu massiven Verzögerungen gekommen war (die schließlich die Anwohner auf den Plan riefen), bat man uns um einen superpünktlichen Beginn, statt der kommunizierten 18:00 Uhr sollten wir spätestens um 17:45 Uhr die ersten Akkorde peitschen. Das war eigentlich nicht so das Problem, denn das Publikum war bei bestem Wetter zahlreich vorhanden und lümmelte sich in der Sonne. Ein ganz anderer Schnack jedoch ist dessen Motivation zu einer derart frühen Tageszeit, wenn es häufig noch fertig vom Vortag und/oder noch nicht betrunken genug ist, um uns nicht nur zu ertragen, sondern sich auch zu irgendwelchen Reaktionen provozieren zu lassen. Ach wat, so schlimm war’s gar nicht, die ersten Hartgesottenen trauten sich tatsächlich vor die Bühne, darunter ein Mädel mit beeindruckenden Kung-Fu-Künsten, die sowieso jeden weiteren Bastard in sekundenschnelle von der, äh, „Tanzfläche“ gekickt hätte. Der Gig lief problemlos, wir spielten das volle Set und im Anschluss gab’s auch den positiven Zuspruch. Nach getaner „Arbeit“ konnten wir uns ins Vergnügen stürzen, mussten uns aber auch um den Abtransport des Equipments etc. kümmern, weshalb ich THEMOROL größtenteils und THE INSERTS komplett verpasste. Wieder am Start zu mittlerweile fortgeschrittener Stunde war ich bei den kongenialen YARD BOMB um Shouter Rolf, die einmal mehr mit ihrem Oldschool-US-Hardcore-Set zu begeistern wussten und darüber hinaus viel von ihrem Charisma und Humor profitieren. Einwandfreier Gig, wie immer geil! Vor zwei Wochen waren es zwei RESTMENSCHen, die uns zum Elb-Tsunami-Festival geladen hatten, jetzt spielten sie mit ihrer De-facto-NEUE-KATASTROPHEN-Nachfolge-Band selbst „umsonst & draußen“. Erstmals bekam ich die Gelegenheit, mir die Band mal anzuschauen und was ich da im allgemeinen Trubel vernahm, war deutschsprachiger Punkrock mit beißend sarkastischen Texten von einem gewissen Niveau, ohne in verklausulierten Studentenpunk abzudriften. Interessanter, überzeugender Auftritt und ich glaub, die muss ich mal im Auge behalten. Mittlerweile war’s dunkel geworden, aber ein Blick auf die Uhr verriet den Veranstaltern, dass es noch verdammt früh war und ein Blick ins Programm wiederum offenbarte gähnende Leere: Da kam nix mehr. Gar nix mehr? Vier von fünf Motherfuckern waren noch verfügbar und halfen dem nun viel zu früh mit allem durchgewesenen Gaußfestverwaltungsapparat aus der Patsche und machten nicht nur den Opener, sondern auch den Rausschmeißer, indem sie ohne mittlerweile verhinderte zweite Terrorklampfe erneut die Bühne erklommen und ihre schlimmsten Weisen noch einmal ins nun deutlich angestacheltere Publikum rotzten. Aus vier geplanten Songs wurden sechs oder sieben und trotz unseres Alkoholpegels klappte das auch noch erstaunlich gut. Dann war aber endgültig Feierabend und ich verließ das Gelände, um zu sehen, wie England sich von Italien die Fritten aus dem Fett nehmen ließ. Auch wenn ich leider nicht schon am Freitag vor Ort sein konnte, war das Gaußfest wieder ‘ne verdammt geile Angelegenheit mit vielen lässigen Leuten, lecker Bier, schmackhaftem Essen und nicht zuletzt geilen Bands und bleibt somit jährlicher Pflichttermin – unabhängig davon, ob wir auf oder „nur“ vor der Bühne stehen. Danke an Zappa, Norman, Wurzel & Co. sowie an RESTMENSCH, über deren Equipment wir den Zugaben-Gig spielen durften!

24.05.2014, Hamburg-Veddel: ELB-TSUNAMI-FESTIVAL

elb-tsunami 2014Zum vierten Mal in Folge veranstalteten die Jungs von NEUE KATASTROPHEN respektive RESTMENSCH das ELB-TSUNAMI-Open-Air-Festival an der Veddeler Peutebahn auf der Elbinsel Wilhelmsburg, wobei man sich diesmal auf einen Tag beschränkte. Das Konzept, nur Bands aus Hamburg oder unmittelbarer Umgebung auftreten zu lassen, musste diesmal leicht aufgeweicht werden, da die britischen Thrash-Metal-Veteranen VIRUS ins Billing rutschten. Dafür nimmt man so’ne kleine Kursabweichung doch gern in Kauf! Nach wie vor ist das Festival für Besucher komplett gratis und Verpflegung gibt’s zu überaus fairen Preisen – besser geht’s eigentlich gar nicht. Umso geiler, dass wir diesmal mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS selbst nicht nur als Gäste dabei waren, sondern auch auf der Bühne standen! Den Opener KOUKOULOFORI verpasste ich zeitbedingt und von PARADOCKS bekam ich nur noch den Schluss mit, der u.a. aus ‘nem kompetent dargebotenen SCHLEIMKEIM-Cover bestand. Die TRÜMMERRATTEN folgten, anscheinend handelt es sich um eine noch junge Nachwuchsband. Die Jungs und das Mädel an den Drums begannen etwas holprig, steigerten sich jedoch schnell und zockten prima deutschsprachigen Punk, textlich am Puls der Zeit mit Bezügen zur momentanen Situation in Hamburg und dementsprechend angebrachtem Gewettere gegen Scholz und Konsorten. Der Hit allerdings war für mich der Song übers Schwarzfahren mit dem HVV. Jemand im Rattenkostüm tanzte ausgelassen bei herrlichstem Kaiserwetter vor der Bühne und kam bestimmt gut ins Schwitzen. Generell mangelte es nicht an interessiertem Publikum und ich hatte schon zu diesem frühen Zeitpunkt so richtig Spaß inne Backen! Nach den TRÜMMERRATTEN sollten wir ran, 18:15 Uhr war unsere Zeit, ‘ne Viertelstunde Umbauzeit war vorgesehen, die dank der perfekten Organisation mit stets bereitstehender zweiter Backline hinter der Bühne dicke ausreichte – und weil die vorherigen Bands anscheinend recht schnell ihre Sets durchgezockt und ihre halbstündigen Spielzeiten gar nicht ausgenutzt hatten, konnten wir’s sowohl locker angehen lassen als auch schon um 18:00 Uhr beginnen. Ein kurzer Soundcheck erwies sich als völlig ausreichend auf der großen, professionellen Bühne. Die Mikros waren allesamt kabellose Funkmikros, vornehm geht die Welt zugrunde! Ein Novum für mich, noch nie so’n Dingen vorher inner Hand gehabt – aber ist schon geil… Von Anfang an schien man Bock auf unsere Mucke zu haben, wenn auch viele ob der gleißenden Sonne lieber vom Schatten aus etwas entfernt von der Bühne ihren Blick auf selbige richteten. Ein paar Leute fanden sich dennoch vorne ein, schwangen die Gliedmaßen und grölten mit. Die Resonanz nach jedem Song war klasse und unser Sound dank des fähigen Verantwortlichen anscheinend auch sehr ordentlich. Großer Wermutstropfen indes, dass wir ohne Mike an der zweiten Gitarre auftreten mussten, dem die aktuellen privaten Umstände leider, aber verständlicherweise keine Teilnahme ermöglichten. Wo die zweite Klampfe überall fehlt, hören wir selbst aber vermutlich wesentlich stärker als der Pöbel heraus und wir haben letztlich das Beste draus gemacht. „Victim of Socialisation“ flog aus diversen Gründen – einer davon war die vermutete knappe Spielzeit – diesmal aus dem Set, dafür forderten die Pulvertoasties ihr „Waffelvibe“ und der Rest noch einmal „Elbdisharmonie“ als Zugabe. Damit endete unser Gig, mit dem wir zufrieden sein konnten. Der eine oder andere Verhacker war zwar wieder dabei, die groben Klöpse aber blieben aus. Trotzdem kann ich’s kaum erwarten, wieder in kompletter Besetzung zu spielen! Die LOSER YOUTH nach uns machte ihrem Namen keinerlei Ehre und bescherte der Veddel schnörkellosen, angepissten, aggressiven Hardcore-Punk mit deutschen Texten, vorgetragen von hysterischem Gesang. Gefällt! Dass es der Prophet im eigenen Lande nicht immer leicht hat, bewiesen danach ARRESTED DENIAL, jene Hamburger Streetpunk-Combo um Ex-THIS-BELIEF-Shouter Valentin, die nach allgemein abgefeiertem (und ja wirklich geilem) zweiten Album und erfolgreicher Balkan-Tour eigentlich das heimische Publikum zum Ausrasten bringen müsste, jedoch eher aus sicherer Entfernung beäugt wurde – trotz fähigem neuen Bassisten (nach SMALL-TOWN-RIOT-Timos mehrmonatigem Gastspiel) und einen makellosen Gig inkl. SMEGMA-Cover und manch anderer Auflockerung. Nicht falsch verstehen, der Mob war ja trotzdem da und es hat ihm ganz bestimmt auch gefallen, nur hätte man das auch gern der Band gegenüber stärker zum Ausdruck bringen dürfen. Und wo war eigentlich das rotbärtige Groupie? CONTRA REAL übernahmen und die mag ich ja, weil ich es zum einen immer faszinierend finde, wenn jemand Schlagzeug spielt und gleichzeitig singt und mir zum anderen die Kombination aus Hektik und eingängigen, fast hymnischen Refrains zusagt. Das Trio mit weiblicher Röhre und deutschen Kampftexten geht immer gut in Arme und Beine und ich sach mal: Wenn heutzutage Antifa-Parolen-Punk, dann so! Dann wurd’s ein bisschen traurig, weil der letzte Auftritt der Hamburger/Holsteiner Oldschool-Hardcore-Genialisten INSIDE JOB anstand. Da hat man doch tatsächlich wegen irgendwelcher Nebensächlichkeiten wie musikalischem Talent beschlossen, sich einfach so aufzulösen, glücklicherweise weder sang- noch klanglos, sondern mit einem krachenden Gewitter auf dem Elb-Tsunami! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah ich demnach ein letztes Mal die Herren mit vollem Körpereinsatz kurzknackige HC-Eruptionen raushämmern, was der Pöbel ihnen mit Mehreinsatz dankte. Mit INSIDE JOB hatte Hamburg ganz sicher eine der besten Bands dieser Subsubgattung anzubieten und es ist ein Jammer, dass es das gewesen sein soll. Auch mit PROBLEM KID soll schon wieder Schluss sein, jenem vielversprechenden Seitenprojekt mit Shouterin und INSIDE-JOBbern. Wie ich die Leute kenne bzw. einschätze, wird man sich aber schnell wieder zur einen oder anderen Krawallcombo zusammenfinden und ordentlich auf die Kacke hauen. Gut so! Meine Freundin hat mir netterweise noch ‘ne 7“ und das Fanzine vom Sänger besorgt, denn „niemals geht man so ganz, irgendwas von euch bleibt hier“, wusste seinerzeit so ähnlich schon Schlager-Shouterin Gitte. Bevor’s jetzt aber pathetisch wird, schnell ein paar Worte zu den RAZORS. Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, war während INSIDE JOB so’n bischn Regen ausgebrochen, wie in Hamburg üblich, doch ein Großteil des Publikums erwies sich als Süßwassermatrosen und floh in die Trinkhalle (nenn‘ ich jetzt einfach mal so). Die HH-Altpunks RAZORS traten dann im Strömenden auf, erfreuten sich jedoch ungebrochener Beliebtheit und legten auch eine wirklich mitreißende Nummer aufs Parkett. So mancher aus der Band ist immer noch verdammt, ja, fast beneidenswert fit und vor allem – und das ist das Wichtigste – immer noch mit vollem Eifer bei der Sache, so dass man anscheinend sehr gerne mal auch solche Gigs einfach aus Spaß am Punkrock spielt, statt größere Gagen abzugreifen oder sich auf seinen Pionierstatus einen runterzuholen. Das Wetter trieb diverse Leute zusätzlich auf die Bühne und irgendwie hatte das alles den Anschein eines großen Familien- oder Freundestreffens, pünktlich zur untergehenden Sonne. Geil! THE ELIMINATORS sind nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Surfband, heißen (oder hießen?) eigentlich JOHNNY BLACKHEART & THE ELIMINATORS und bestehen aus einem in Deutschland gestrandeten Ex-GENERATOR(S) sowie dem umtriebigen Rolf (YARD BOMB, THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL-TOWN-RIOT), der sich extra etwas Haupthaar wachsen lief, um nicht mehr mit mir verwechselt zu werden (und natürlich weiteren Leuten). Ich glaub, die Band liegt immer mal auf Eis und wird dann zwischenzeitlich wieder reaktiviert und so anscheinend auch diesmal. Ferner glaub ich, die diesmal – weiß der Geier, warum – erst zum allerersten Mal live gesehen zu haben und was ich zu sehen und hören bekam, kickte mich hart, denn das war richtig geiler Oldschool-Rotz-HC-Punk US-amerikanischer Prägung. Auch deren 7“ wanderte dank der Lady in meinen Besitz über und, verdammt, das würd ich gern noch mal sehen, wenn ich nüchterner und fitter bin! Beides war ich erst recht nicht mehr bei VIRUS und der enorme Publikumszuspruch hat mich dann doch überrascht. Die Alben „Pray For War“ und „Force Recon“ hatte ich zwar irgendwann mal gehört, zu Begeisterungsstürmen konnte mich aber allgemein kein britischer Thrash Metal so richtig hinreißen – da hatten seinerzeit die Deutschen und die Amis einfach die Nase vorn. Als alter Thrasher hatte ich nach Punk in seinen unterschiedlichsten Variationen jetzt aber auch so richtig Bock auf ‘ne ordentliche Dosis fiesen Geriffes und da kamen mir Virus gerade recht. Und ich war nicht der einzige, der so dachte, denn es wurde richtiggehend voll und eng da vorne. VIRUS begrüßten ihr Publikum mit der Information, keine Punk- oder HC-Band zu sein, sondern Thrash zu zelebrieren, und ab ging’s. Der bärtige Glatzkopf an Leadklampfe und Gesang blickte grimmig drein und entfachte als einziges Urmitglied mit seinen drei neuen Mitstreitern ein wahres Thrash-Feuerwerk mit aggressivem Riffing, donnernden Drums, wütendem Gekeife und hin und wieder geilem Doppel-Lead-Metal-Gefiedel, das live in dieser Kombination so richtig knallte, dem zweiten Gitarristen mit den Wuschelhaaren gerade auch ob des durchdrehenden Mobs augenscheinlich viel Spaß machte und mir als mittlerweile gut alkoholisiertem, äh, „Bangmoshpoger“ manch Lädierung durch andere sich anscheinend nicht mehr ganz unter Kontrolle habende, von der Mucke Aufgestachelte einbrachte. Es hat sich aber gelohnt, denn VIRUS war nicht nur das Tüpfelchen auf dem I, sondern der krönende Abschluss eines arschgeilen, stilistisch abwechslungsreichen Festivals, auf dem mich wirklich JEDE Band, die ich sah und hörte, überzeugte und es erscheint mir fast unverständlich, dass bei so einer Sause für umme nicht schlichtweg jeder Hamburger, der mit dieser Musik und Kultur etwas anfangen kann, anzutreffen war! Ich verneige mich in Ehrfurcht vor allen, die das ELB-TSUNAMI ermöglicht haben, bedanke mich noch mal höflich für die Einladung (und das Freibier satt!), und würde mich freuen, nächstes Jahr mit BOLANOW BRAWL dabei zu sein!

10.05.2014: Hamburger Hafengeburtstag

affengeburtstag 2014

hafengeburtstag 2014 jolly-roger-bühne

Alle Jahre wieder: Hafengeburtstag in Hamburg! Freitag keine Zeit gehabt, aber Samstag losgeeilt – allerdings erst mal ins Osbourne, um den letzten Bundesligaspieltag zu verfolgen, als andere Mannschaften noch schlechter waren als der HSV und dieser sich somit die Relegation sicherte. Dadurch leider KEIN HASS DA auf der Jolly-Roger-Bühne verpasst. Doch Karl Nagel & Co. ließen sich nicht lumpen und traten auf der dritten Punkrock-Bühne, deren Namen ich vergessen habe, direkt im Anschluss noch einmal im ganz kleinen Rahmen auf, weil eine andere Band ausgefallen war! Saucoole Aktion und schöner Gig, wenn auch zwischendurch mal der Strom weg war. BAD-BRAINS-Coversongs mit eigenwilligen Nagel’schen Texten auf deutsch, Songs die klangen wie der BAD BRAINS, aber Eigenkompositionen waren, Nagels Interaktion mit dem Publikum, einige Spielereien und eine an den Instrumenten superfitte Band, der Drummer übrigens stilvoll gekleidet im EVIL-INVADERS-Leibchen. Das alles beim Hamburg-typischen permanenten Regen irgendwo zwischen leicht und mittel, das machte Laune und war ein schöner Einstieg in den Abend. Dann ging’s zu den Lokalheroen von SMALL TOWN RIOT, die auf der großen Jolly-Roger-Bühne angenehm rau ablieferten, deren Anfang ich aber leider verpasst hatte. Dafür gab’s dort ein Wiedersehen mit so manch bekannten Gesichtern und die Stimmung war spitze. Je früher der Abend, desto mehr Platz war noch unmittelbar vor der Bühne am Absperrgitter, wo sich zu diesem Zeitpunkt manch Punks mit den Pfützen vergnügten und lustig herumsprangen. Als im Anschluss die Fun-Punks von den ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN tatsächlich nur zu zweit, also ohne Bass, auf die Bühne traten, nahm ich mir vor, sie mir vorbehaltlos anzusehen und evtl. gar meine Meinung zu revidieren. Doch ob nun mit oder ohne Konrad, das ist bis auf zwei, drei Songs einfach mehr Karnevals-Alberei als Punk und auf Dauer nur schwer erträglich – und die hörten gar nicht wieder auf. Dafür hab ich mit Holger aber einen alten Kumpan wiedergetroffen, wodurch die Beschallung klar in den Hintergrund geriet. Dann ging’s endlich mal hoch zur diesmal AFFENGEBURTSTAG genannten Parallelveranstaltung auf der Onkel-Otto-Bühne am Störtebeker. Dort sah ich glaub ich irgendwen, dann ein paar Songs lang HAMBURGER ABSCHAUM und wenn mich nicht alles täuscht, lief da zeitplanmäßig wieder bischn was durcheinander, weshalb ich mich bald wieder vor der Jolly-Roger-Bühne einfand, um kaum etwas von den Frankfurter Oi!-Punk-Veteranen STAGE BOTTLES mitzubekommen, weil ich in diverse Unterhaltungen eingebunden war und anschließend die Düsseldorfer (Ex-)Glatzen-Combo 4 PROMILLE gebührend abzufeiern, die es nun wieder gibt, wenn auch ohne Gründungsmitglied Volker, und die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Ehrlich gesagt hatte ich mir damals auch schon das dritte Album gar nicht mehr besorgt und kenne das aktuelle auch gar nicht, umso gespannter war ich, was die Band um Sängerin Melanie und den etwas kräftigeren Gitarristen, dessen Namen ich gerade nicht parat habe, heutzutage kredenzen würde. Das auch nur halbwegs objektiv zu beurteilen, fällt schwer, da ich mittlerweile doch schon sehr ordentlich angeschossen war, aber in meinem Zustand gefielen mir die ganzen alten Gassenhauer prima und wurden lauthals mitgegrölt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich noch ’ne zeitlang zu den Spaniern von SENSA YUMA, live wie immer das volle HC-Punk-Brett, vor der Onkel-Otto-Bühne rumpogte und mich ordentlich einsaute, kann gut sogar noch nach 4 PROMILLE gewesen sein. Obwohl die bereits am Vortag dort gespielt hatten, zog es sie spontan Samstag noch einmal auf die Bühne – geil! Obgleich ich beinahe traditionell am Hafengeburtstag mal wieder zu tief in die Buddel gelugt hatte, war’s abermals ein rauschendes Fest im Schmuddelregen, für das ich mich nur bei allen Beteiligten, die diese drei GEILEN Bühnen fürs Publikum komplett kostenlos organisieren, herzlich bedanken kann! Hab’s dann trotz gerade angesichts meines Zustands nicht ganz unkomplexer Bahnverbindung sogar noch nach Hause geschafft und fiel geschafft in die Koje, die 4-PROMILLE-Verse noch im Ohr. „Ich werd‘ mich ändern? Niemals mehr ändern!“

04.04.2014, Café Flop, Hamburg-Bergedorf: CURB STOMP + IN VINO VERITAS + BOLANOW BRAWL + OI!SLUTS + BIERSCHISS BRIGADE

united we stand - divided we fall @café flop, hamburg, 04.04.2014

Die Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung IN VINO VERITAS holte zum Ausgleich für ihre Ruhrpott-Gigs die Dortmunder Kollegen von CURB STOMP nach Hamburg und lud uns freundlicherweise ein, mit beiden die Bühne zu teilen. Über kurz oder lang wuchs das ganze auf satte fünf Bands an, so dass wir in die mittlere Position rutschten. Das Café Flop war uns noch in guter Erinnerung von einem pannenreichen, aber trotzdem geilen Gig, ebenfalls zusammen mit IN VINO VERITAS. Diesmal aber lief alles fast schon beängstigend glatt, außer das die Nachwuchs-Punks (und der Kurzhaarige am Mikro) von der BIERSCHISS BRIGADE vor einem ihrer ersten Gigs etwas mit dem Soundcheck zu kämpfen hatten – was wiederum die positive Folge hatte, dass wir anschließend den immer wieder angespielten Hit bereits gut mitsingen konnten. Dass im Flop diesmal auch etwas zu essen kredenzt wurde, war mir im Vorfeld gar nicht bewusst, weshalb ich mir sinnloserweise auf dem Hinweg noch einen Veggie-Burger und ’ne Portion Pommes zum ersten Bier genehmigte. Egal, was ich damit andeuten will, ist, dass die Sause diesmal echt gut durchorganisiert war und somit die BRIGADE dann auch glaub ich pünktlich loslegte. Mit dabei waren einige ebenfalls blutjunge Unterstützer, die ihre Band gut abfeierten, und ich meine auch die eine oder andere erwachsene Aufsichtsperson gesichtet zu haben… Die Band jedenfalls hatte eine Handvoll Songs gegen Nazis, Bullen etc., und als besonderer Hit entpuppte sich ein Songs gegen Bahn-Hilfssheriffs. Der Glatzkopp am Mikro wurde gesanglich immer wieder von der Rotzröhre des einen Gitarristen unterstützt, ich glaub, Gitarrero Nummer 2 war’s, der anscheinend unter dem Bühnensound litt und eher irritiert dreinblickte. War ’ne kurzweilige Angelegenheit, die Spaß gemacht hat und mit Kidpunk-Charme überzeugte. Die OI!SLUTS aus Hamburg spielen schon so manches Jahr zusammen, was man ihnen aber nicht unbedingt anhört. Die Band um Sänger Terror, der an diesem Abend auch in seinen Geburtstag reinfeierte, ist die ganz grobe, ungehobelte Oi!-Kelle, die mit rudimentärster Instrumentierung auskommt und auf die Inbrunst, mit der Terror die Texte über den Way of Life hinausbrüllt, ausgerichtet ist. Gecovert hat man „Pöbel & Gesocks“ von den BECK’S PISTOLS und ich hab’s zunächst gar nicht erkannt. Zwischenzeitlich stieg ein Kumpel der Jungs auf die Bühne und übernahm bei einem Song den Gesang, der in seiner Inbrunst Terror in nichts nachstand und superaggressiv ins Mikro brüllte, dabei aber etwas verkrampft wirkte. Die in rote Einheitsshirts mit Aufdruck „Ich würd mich ficken“ gekleideten OI!SLUTS meinen das offensichtlich alles ernst und sind ohnehin stark in der Hamburger Skinhead-Szene verwurzelt, weshalb die Authentizität in jedem Falle vorhanden ist – und das macht sie auf ihre Weise total krass. Böser Scheißdrauf-Oi!, bei dem die Expression weit vor Feinsinn und Schöngeist kommt – und damit näher am ursprünglichen Spirit sein dürfte, als manch lascher Streetpunk-Sound der vergangenen Jahre. Davon unabhängig hat es mich sehr gefreut, mit Terror, mit dem ich früher so manches Bierchen geköpft hatte, nach so langer Zeit mal ein Konzert gemeinsam zu bestreiten. Im Anschluss schlug unsere Stunde und BOLANOW BRAWL bestieg die Bühne. Ok, wir hatten unser Banner vergessen, aber ansonsten war alles knorke: Die Technik spielte mit, der Zeitplan stimmte noch immer, kein Bandmitglied war zu voll und das Publikum war nicht nur recht zahlreich vorhanden, sondern auch bereits gut drauf. Unser melodischer Streetpunk stand in gewisser Weise im Kontrast zu den vorausgegangenen Bands, wurde dankend angenommen und vom ersten Song, unserem unbescheidenen OXYMORON-Cover „We Rule Ok“, an war was los. Hat so richtig Spaß und Lust auf mehr gemacht und als wir durch waren, begann der für uns angenehmste Teil, denn es standen noch zwei hochkarätige Bands auf dem Billing. IN VINO VERITAS, die gerade ihre Aufnahmen zur bei Klabautermann Records erscheinenden EP abgeschlossen hatten, bewiesen, welch eingespieltes Team sie mittlerweile sind und lieferten einmal mehr einen in allen Belangen überzeugenden Gig ab, der gereiften, aber noch immer ausreichend ungeschliffenen und aggressiven Oi!-Punk mit manch Augenzwinkern und beachtenswerten deutschen Texten bot. Es freut mich aufrichtig für die Jungs, dass sie ihre Pechsträhne mittlerweile längst hinter sich gelassen haben und endlich mal alles so rund läuft. Chapeau, wie die Italiener sagen! 😉 Mit CURB STOMP aus Dortmund, die ebenfalls ’ne EP (in Eigenproduktion) draußen haben, hatten wir einen Headliner, dessen Mitglieder sich selbst dann noch als echt nette, umgängliche Jungs entpuppten, als man sie mit Schalke-Sprüchen nervte. Die vier Ruhrpott-Skins legten ein abendfüllendes Oi!-Punk-Brett aufs Parkett, das sich manch szenetypischen Themen widmet, ohne jemals stumpf zu wirken – weder musikalisch noch textlich. Besonders schön: Ein Song übers Ausnüchtern auf der Arbeit, der vom mittlerweile volltrunkenen BOLANOW-Ole durch mehr Gerangel als Getanze gebührend abgefeiert wurde. Das Publikum war auch diesmal auf Seite der Band und sorgte weiterhin für ’ne ordentliche Party. Nach Konzertende ging’s noch kurz mit ’nem Kasten Bier bewaffnet gemeinsam auf den Kiez, bevor mich rechtzeitig das Bett rief. Ärger gab’s meines Wissens überhaupt keinen auf dem Konzert, das unter dem Motto „United we stand – divided we fall“ ein abwechslungsreiches Line-up für vier lächerliche Euro bot und genau so ablief, wie ich es mir gewünscht hatte. Danke an IN VINO VERITAS und das Café Flop sowie ans Publikum und ich hätte große Lust, mit der einen oder anderen Band mal wieder die Bühne zu teilen.

28.03.2014, Rock’n’Roll Warehouse, Hamburg: LOST BOYZ ARMY + COTZRAIZ + VERBAL INCONTINENT + VIOLENT INSTINCT + THE HEADÄCHE

lost boyz army + cotzraiz + verbal incontinent + violent instinct + the headäche @rock'n'roll warehouse, hamburg, 28.03.2014

Die echten COTZRAIZ nach 13 Jahren endlich einmal wieder in Hamburg – ach du Scheiße, so lange ist das schon her? Selbstredend war ich seinerzeit im alten Knust dabei, COTZRAIZ waren noch ‘ne unbekannte Nummer und spielten als Vorband von PÖBEL & GESOCKS. Bogo verteilte Dosenbier zu unserer Freude und der Sound war so gut, dass man sogar die Texte gut verstehen konnte. War ‘ne schöne Nummer damals und die Debüt-LP „Heil Cotzraiz“ schlug kurz darauf in der Szene ein wie eine Bombe. Egal, Schnee von gestern, nun kamen sie mit der fantastischen LOST BOYZ ARMY im Gepäck und bekommen gleich dreifachen Hamburger Support von THE HEADÄCHE, VIOLENT INSTINCT und VERBAL INCONTINENT. Zum Rock’n’Roll Warehouse in HH-Bahrenfeld begab ich mich zusammen mit Ex-COTZRAIZer und Jetzt-DISILLUSIONED-MOTHERFUCKER Kai, dessen Gattin und Rudi aus’m Pott mit gemischten Gefühlen. Ich war dort noch nie, aber irgendwann spielten wohl GROBER KNÜPPEL dort und als Kai deshalb den Laden aufsuchte, wurde er an der Tür abgewiesen: Punks hätten dort nichts zu suchen!? Unfassbar! Das Rock’n’Roll Warehouse befindet sich anscheinend auf einem Industriegelände und noch weit vorm Eingang, nämlich an den Toren zum Parkplatz, wurde man aufgehalten und darum gebeten, seine Getränke zu leeren. „Das fängt ja gut an“, dachte ich mir, doch schnell stellte sich diese Maßnahme nicht als Schikane heraus, sondern als gute Möglichkeit, um zu verhindern, dass auf dem stärker frequentierten Gelände Flaschen, Dosen etc. herumfliegen. Gefilzt wurde hingegen überhaupt nicht und die Getränkepreise bewegten sich absolut im Rahmen, insofern alles kein Problem – ganz im Gegenteil: Die Menschen hinter Kasse, Geraderobe und Tresen erwiesen sich als vollkommen entspannte, nette Klientel; anscheinend keine Warehouse-Angestellten, sondern Mitorganisatoren und ebenso wird es bei GROBER KNÜPPEL gewesen sein, wozu ich mir meinen Teil einfach mal denke. Das Ladeninnere hat ein bisschen was von einem nostalgischen kleinen Tanzschuppen und strahlt mit seinen gepolsterten Sitzmöglichkeiten links und rechts der Tanzfläche und der Sofaecke hinten im Saal direkt Gemütlichkeit aus – von Lagerhallen“charme“ keine Spur. Das Publikum war bunt gemischt: Norddeutsche, Ruhrpöttler, Berliner etc. gaben sich die Klinke in die Hand und füllten trotz zahlreicher Konkurrenzveranstaltungen – u.a. BISHOPS GREEN im Indra – die Hütte ansehnlich. Zudem machte das Publikum einen überwiegend sympathischen Eindruck, von Stumpf-Oi!-Prolls oder durch unsägliche „Grauzonen“-Diskussionen angelockten Asis keine Spur. Den Anfang machten pünktlich THE HEADÄCHE – mit ihrem allerersten Gig! Rockabilly mit Kontrabass, vorgetragen von vier zum Teil sichtlich noch etwas nervösen Herren, und wer ist das da an den Drums? Das Trommeltier von VIOLENT INSTINCT? Der wird doch nicht…? Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Wahnsinnige hat tatsächlich drei Auftritte hintereinander durchgekesselt! Was THE HEADÄCHE da gespielt haben, konnte sich hören lassen, ich hätte mir nur die Gitarre etwas weniger verzerrt, dafür oldschoolig-cleaner gewünscht. Das interessierte Publikum spendete Applaus und bekam auch noch eine Zugabe, bevor VIOLENT INSTINCT die Bühne betraten (der Drummer konnte gleich sitzenbleiben). Frontfrau Aga ist von ihrer mehrmonatigen Abwesenheit zurück und schmettert zusammen mit ihren Kollegen wieder deutschsprachige Punkrock-Weisen mit intelligenten, durchaus persönlichen, kämpferischen Texten, die wieder entsprechend positiv aufgenommen wurden. Nun wird’s aber wirklich langsam mal Zeit für ‘ne Platte, gelle? Das ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“ fehlte ebensowenig wie die verlangte Zugabe, bevor Aga die Bühne verließ, ihre Bandkollegen aber auf selbiger verweilten. Der Grund dafür war der Kontrast zur THE-HEADÄCHE-Premiere, nämlich der LETZTE Gig des Projekt VERBAL INCONTINENT, einer Coverband, kurzweilig ins Leben gerufen während Agas Abwesenheit, damit den Bandkollegen nicht langweilig wird. So coverte man sich schön durch englische Oi!- und deutschsprachige Hardcore-Punk-Klassiker und ab hier konnte ich dann auch inbrünstig mitsingen und skandieren. Arschgeile Sache, insbesondere, wenn Briten-Oi! auf SLIME trifft. Gitarrero Dennis sang das meiste Zug und hat da ‘ne echt prädestinierte Stimme für. Nach drei Gigs wurde das Trommeltier nun auch endlich in den verdienten Feierabend entlassen, der Zeitschuh drückte auch, denn zwei weitere Bands standen auf dem Zettel. Endlich wieder Original-Cotzrock in Hamburg! Seit 2001 hat sich das Besetzungskarussell ein paar Mal gedreht, mittlerweile spielt Ätzer die Klampfe und macht damit den Inzest-Reigen der vertretenen Bands perfekt, schließlich bedient er auch den Viersaiter bei LOST BOYZ ARMY. Los ging’s mit „Stolz & stark“ über „Stadtverbot“, „Süße Träume“ und manch anderem Gassenhauer auch der anderen beiden Platten, „Was Punk ist, bestimmen wir“, „Atomkrieg jetzt“ und wie sie alle heißen. Teile des textlichen Konzepts, nämlich das provokante Verarbeiten nach vielerlei Meinung punk-untypischer Begriffe und ihre positive Besetzung und Konnotation, um Klischees infrage zu stellen, hatten sich meines Erachtens irgendwann dann doch ein bisschen abgenutzt und drohten, selbst zum Klischee zu werden. Jedoch haben COTZRAIZ auch mehr zu bieten und vermitteln live den Eindruck des absoluten Szene-Supports insofern, als man sich und die Szene, den eigenen Lebensstil etc. in kernig-frechen Hymnen reichlich selbst feiert, dabei weniger prollig als vielmehr locker-beschwingt und augenzwinkernd. Das muss auch mal sein, kann Balsam für die Seele sein und macht natürlich tierisch Laune, besonders mit ein paar Bierchen im Kopf, lädt ein zum Pogo und zum Fäusterecken, zum Mitsingen und Bierspritzen. Andere klettern schwankend auf die Bühne, annektieren das Mikro des Bassisten, während die Band sich über das Chaos freut und weiterspielt. Das Publikum geht voll mit und macht den Gig zu ‘ner großen Party. Da fällt auch schon mal ‘ne Monitorbox herunter oder ein Mikroständer um, aber im Handumdrehen wird alles wieder aufgebaut, Unterbrechungen gibt es keine. Zwei Paletten Dosenbier landen im Publikum und heizen die Stimmung weiter an. Der Bassist tauscht den Tieftöner irgendwann gegen ein Schifferklavier und nach ich weiß nicht wie vielen Hits im ‘80er-Punkrock-Stil, der sich so puristisch gibt, als wäre Heavy Metal nie erfunden worden, war dann irgendwann Sense und COTZRAIZ hinterließen der LOST BOYZ ARMY ein gut angeheitertes Publikum in Partystimmung. Die ARMY lieferte ihren Rekruten dann mit voller Kraft ein unvergleichliches, nicht nur manchmal, sondern durchgehend geiles Beispiel für Proletenpoesie, und es war so schön wie Fliegen, wieder einmal bewiesen zu bekommen, dass es auch mittlerweile lange nach Peters Trennung von den VERLORENEN JUNGS noch lange nicht vorbei ist. Nun habe ich in diesem einen Satz spaßeshalber einige Songtitel der Ruhrpott-Streetpunk-Band untergebracht, die nicht nur Songs der ersten beiden Alben, sondern auch ganz neues Material zum Besten gab und mit „Gekreuzte Hämmer“ einen DER Gänsehautsong s aus VERLORENE-JUNGS-Zeiten ins Set integrierte. Während des Gigs wurde etwas weniger gepogt, dafür die Hymnen lauthals mitgesungen, was neben den wohldosierten fröhlichen Spaß- und Trinksongs vor allem zu den persönlicheren, nachdenklicheren Texten aus Peters Feder, die viel vom alltäglichen Kampf, von auf Hochgefühle folgenden Niederlagen und Verlusten und das Immer-wieder-Aufstehen handeln und damit für ein hohes Identifikationspotential sorgen – von dem auch ich mich weder freisprechen kann noch möchte. Ein weiterer VJ-Hit, der bis zu diesem Konzert überlebt hatte, war „Stammtischstratege“, über den ich mich sehr gefreut habe. Andere Songs betonen den Wert von Freundschaften, von Individualität etc. und Peters emotionaler Interpretation seiner wohlformulierten Lyrik zuzusehen, ist ein audiovisueller Genuss, der sich nicht zuletzt aus der Authentizität der Band nährt, die keinerlei Brimborium nötig hat. Ab und zu dreht sich aber eben auch bei der Armee das Personalkarussell und so wurde es der letzte Auftritt von Gitarrist David. Diesem kann man zum gelungenen Abgang mit diesem großartigen Konzert nur gratulieren. Wenn ich mich recht entsinne, kam am Ende auch dessen Nachfolger Marius für einen Song auf die Bühne. Vielen Dank auch an Peter, der ganz überrascht war, dass ich ihm mal wieder über den Weg laufe und mir spontan einen Song gewidmet hat!? 🙂 Nach fünf Bands und ein paar Bierchen mehr kann ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnern, aber an sowat dann doch!

Fazit: Ein grandioser Konzertabend, für Hamburger Verhältnisse einfach mal wieder bischn was anderes und ein wunderbares Exempel der noch viel weiter ausbaufähigen Hamburg-Ruhrpott-Konnäktschn. Auf ein baldiges Wiedersehen!

14.03.2014, Holstenkamp, Hamburg: INBREEDING CLAN + KACKREIZ + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

inbreeding clan + kackreiz + disillusioned motherfuckers @holstenkamp, hamburg, 14.03.2014Theo feierte ihren Geburtstag und organisierte aus diesem Anlass ein Konzert auf dem Holstenkamp, wo sie zusammen mit x anderen Punks die ehemaligen Räumlichkeiten eines Pflegeheims bewohnt, die zu einer Art riesigen Punk-WG umfunktioniert wurden. Dafür liegt die ganze Chose aber auch ein bisschen dezentral, grob orientieren kann man sich am Rondenbarg, also Ecke Diebsteich da irgendwo. Pünktlich traf ich mich mit den anderen MOTHERFUCKERS am Proberaum, wo einer der Holstenkamper so nett war, unser Equipment mit einem alten Caddy abzuholen. Aufgrund der nur rudimentären Ausstattung vor Ort nahmen wir neben dem üblichen Kram Teile unserer Proberaum-P.A. mit. Bis dahin ließ sich alles ganz gut an. Einer fuhr beim Fahrer mit, wir anderen vier reisten in punk-typischer Dekadenz mit dem Taxi an. Keiner von uns Taxifahrern war schon einmal vor Ort und auch der Taxifahrer wusste nicht so ganz genau Bescheid, aber nach kurzem Fußmarsch war die „Hütte“ gefunden. Das Garagentor stand offen, das dort stehende sparsame Equipment und das vom Rondenbarg geliehene Schlagzeug zeigten an, dass hier der Gig stattfinden solle. Allerdings waren wir zunächst allein da unten und niemand gab sich uns als Ansprechpartner oder gar als Verantwortlich für das Technik-Gedöns zu erkennen. So kam es, dass den Aufbau kurzerhand wir übernahmen (dabei federführend: der sich damit glücklicherweise bestens auskennende Mike). Das hatte zur Folge, dass irgendjemand von uns immer wieder in den Wohnkomplex lief, um Kabel, wat zu trinken etc. ranzuschaffen. Dort stellte sich heraus, dass die Party bereits seit Tagen in Gang war und sich eine gewisse Katerstimmung breitgemacht hatte, die das Ganze nicht unbedingt vereinfachte. Irgendwie bekamen wir jedoch tatsächlich einen amtlichen Aufbau inkl. P.A. zusammenimprovisiert, hatten letztlich aber nur ein einziges – mein – Gesangsmikro für drei Bands. ZWECKENTFREMDUNG hatten im Vorfeld abgesagt, übrig blieben wir drei anderen, die auch allesamt vor Ort waren. An einen Beginn um 20:00 oder gar 19:00 Uhr war jedenfalls keinesfalls zu denken und bis alles stand, verstrich die eine oder andere Stunde. Langsam aber sich kamen einige Gäste zusammen, womit wir gar nicht unbedingt gerechnet hatten, da diverse Konkurrenzveranstaltungen um die Gunst des Publikums buhlten. Der Pöbel verteilte sich aber im Gebäude und lief wild durcheinander, bis wir irgendwann kurzerhand beschlossen, dass 21:30 Uhr eine gute Zeit zum Beginnen wäre und zehn Minuten vorher marktschreierisch diese Kunde durch die diversen Räumlichkeiten kolportierten. Glücklicherweise war’s auch möglich, die grelle Leuchtstoffröhre über der Bühne auszuschalten und so legten wir mit „Aktion Mutante“ los. Und siehe da, die Garage war amtlich gefüllt und der Mob sprang jauchzend und vergnügt über den Beton, hatte Bock und Spaß. Da es irgendwie außer Bier nichts zu trinken und zu essen schon gar nichts gab, hatte ich mittlerweile auch einen nicht von der Hand zu weisenden Pegel, der in Kombination mit dem Adrenalinausstoß zu einer von jeglicher Nervosität keinerlei Spur mehr aufweisenden Performance von mir führte, aber auch die Konzentration erschwerte und mich ein, zwei Mal die Texte versemmeln ließ. Vom zu großen Teilen noch volleren Publikum merkte das niemand und der Party tat’s keinen Abbruch. Seine Live-Premiere hatte unser jüngster Song „Nie der Plan“, der sich als echter Stimmbandzerfetzer herauskristallisiert, aber da muss ich ebenso durch wie das Publikum… Der geile Gig hatte für den ganzen Aufwand im Vorfeld entschädigt und nun gab ich mir richtig die Kante zu KACKREIZ, die sich als Kölner natürlich als waschechte Karnevalisten entpuppten und in abgefahrenen Kostümen schmutzige Lieder sangen, wobei es die Background-Sängerin nicht ganz leicht hatte, so ganz ohne Mikrofon. Beim geschmackvoll ausgewählten NORMAHL-Cover „Exhibitionist“ zog der Sänger/Gitarrist blank und es mich nach vorne zum Mitgrölen. Zumindest obenrum nackig machte ich mich nach diesem kurzweiligen und amüsanten Gig mit viel Asi-Charme aber erst bei INBREEDING CLAN, die ich für eine der interessantesten aktuellen Hamburger Bands halte. Wann immer die Band um Sänger Floh auftritt, kann ich nicht an mich halten, muss ich mich zwanghaft betrinken und durchdrehen. Norddeutscher Scum-Punk vom Feinsten, die beste „Ghostriders in the Sky“-Coverversion wo gibt und die Ausstrahlung atomar verstrahlter Höhlenbewohner machen die Band, die in ihrer Authentizität gar nicht auf irgendeine Theatralik setzen muss, zu etwas ganz Eigenem und Besonderem. Flohs kaputter Kloaken-Gesang, der treibende Bass und die Uffta-Drums gehen ohne Umwege direkt ins Bein und provozieren grobmotorische Eruptionen. Aus dem Konzept hab ich mich auch nicht bringen lassen, als, wie man mir erzählte, irgendeine volltrunkene Spaßbremse anscheinend der Meinung war, ich hätte ihn beim Pogo zu doll angerempelt, woraufhin er in meinem Rücken stets versuchte, mich umzustoßen – was ihm beim x-ten Anlauf schließlich gelang. Dafür hat er sich einen trotz meines Zustands gezielten Faustschlag eingefangen, woraufhin er sich nicht entblödete, mit einer Flasche auf mich losgehen zu wollen. Das unterbanden jedoch meine aufmerksamen Bandkollegen, woraufhin ich in Ruhe weiterfeiern konnte. Der Depp gab trotzdem keine Ruhe und versuchte, seinerseits Schläge zu platzieren, was ich allerdings nicht einmal wahrnahm und nach einem weiteren Einschreiten meiner Kollegen war dann auch Sense. Ab dem grandiosen INBREEDING-CLAN-Auftritt (wie schafft es Floh eigentlich, volltrunken noch so einen Auftritt abzuliefern?!) verschwimmt meine Erinnerung doch arg. Ich weiß noch, dass Leute der drei Bands miteinander jamten und damit auch zu mittlerweile weit fortgeschrittener Stunde die eigentlich so ruhige Gegend zwischen Pflegeheim und Friedhof beschallten (das Garagentor stand die gesamte Zeit weit offen – mich wundert, dass keine Bullen antrabten), ich anschließend noch den CLAN mit dummen Sprüchen nervte und irgendwann auf einem Bett sitzend einfach nach hinten umkippte und einschlief. Auch andere haben beim Gerangel bei INBREEDING CLAN leichte Blessuren davongetragen und bereits bei KACKREIZ gab es Ärger mit irgendeinem Typen, der ohne ersichtlichen Grund auf Kai losging. Überblick über irgendetwas hatte am Schluss auch niemand mehr, richtig ansprechbar war kaum noch jemand. Solche vermutlich schnapsbedingten Begleiterscheinungen werfen dann natürlich doch ihre Schatten auf einen Abend im tiefsten Untergrund, aus dem ansonsten das Beste gemacht und das Maximum herausgeholt wurde und der noch rustikaler eigentlich gar nicht hätte sein können. Dass mein altes Mikro am Ende auch noch seinen Geist aufgab, verbuche ich aber unter normalem Materialverschleiß – ebenso meine gefürchtete Kombination aus Alkohol- und Muskelkater am nächsten Tag. Das Geburtstagskind erwies sich im Nachhinein übrigens als sehr dankbar und weiß das Engagement aller Bands zu schätzen. Und gestorben ist meines Wissens auch niemand. 😉

08.03.2014, Villa, Wedel: DOGS ON SAIL + FIRM HAND + BOLANOW BRAWL

dogs on sail + firm hand + bolanow brawl @villa, wedel, 08.03.2014

Dass schon wieder ein Jahr rum ist, merkt man i.d.R. daran, dass die Wedeler Namensvettern Lars und Lars das Frühjahr mit ihrer Geburtstagsparty einläuten, einer festen Institution im Wedeler Veranstaltungskalender. Wie üblich findet die Sause in Form eines Punk/HC-Konzerts in der für solche Unterfangen prädestinierten Villa statt, die u.a. durch unmittelbare Bahnhofsnähe glänzt und dadurch auch zum attraktiven Ausflugsziel vieler Hamburger wird, denen man ja sonst gern eine gewisse Reisefaulheit selbst nur über Stadtteilgrenzen hinweg nachsagt. Zu meiner besonderen Freude durfte ich erneut nicht nur als Gast, sondern als Akteur mit von der Partie sein, diesmal in meiner Funktion als Sänger von BOLANOW BRAWL. Nach den ersten Freigetränken und der Verköstigung deliziösen Chili con Veggie-Carnes begannen wir ich glaube gegen 21:30 Uhr und, ja, in den vergangenen Jahren dürfte die Villa etwas voller gewesen sein. Doch auch so konnten wir uns über mangelnde Resonanz nicht beklagen. Die vielleicht 50, 60 Männ- und Weiblein sahen unseren ersten Wiedergutmach-Gig nach der alkoholbedingten Vollkatastrophe im Skorbut und damit eine Band, die sich nach eben jenen Erfahrungen ein klein wenig, naja, „seriöser“ darstellte und konzentrierter als zuletzt. Das resultierte in einem weitestgehend fehlerfreien Gig, der auf der Bühne genauso viel Spaß machte wie hoffentlich davor, wo manch einer Tanzbeine schwang, skandierte oder wenigstens grobmotorisch zuckte. Die Setlist wurde umgekrempelt, ganz bescheiden begannen wir mit Oxymorons „We Rule Ok“, das sich nun seinen festen Platz im Set gesichert hat, und präsentierten mit „Man on the Run“ ein brandneues Stück. Als eigentlich nicht geplante Zugabe gab’s noch einmal „Total Escalation“ und dann war der Drops gelutscht. Der fähige und sehr entgegenkommende Mischer dürfte uns einen guten Sound zurechtgefriemelt haben, denn der Soundcheck lief gut und auch die folgenden beiden Bands klangen klasse. Nun konnten auch wir also so richtig zu feiern beginnen und zogen uns FIRM HAND rein, eine Hamburger Nachwuchs-Hardcore-Combo mit sehr fitten Musikern, zwei zünftigen Gitarren und einem engagierten, aggressiven Shouter. Einer der Höhepunkte des Sets war die THIS-BELIEF-Coverversion „Justice“, dargeboten zusammen mit Ex-THIS-BELIEF-Frontmann Valentin. Ein absolut überzeugender Gig, wenn auch in manche Ohren so’n knochentrockener, schnörkelloser Hardcore-Sound nicht ganz so glatt reingeht wie melodischeres Zeug und das Publikum sich vermutlich deshalb in erster Linie in rhythmischem Kopfnicken und interessiertem Anschauen/Zuhören übte. Die famosen DOGS ON SAIL waren im Vorfeld eine meiner Wunschbands für das Konzert und ich hab mich sehr darauf gefreut, einmal mit ihnen zusammenspielen zu können. Die sympathischen Hamburger Streuner haben mittlerweile 2,5 geile Platten draußen und den Sängerwechsel unbeschadet überstanden. George ist ein charismatischer und sicherer Frontmann, der mit die Band mit Street-Credibility versieht und sich voll reinhängt, den hymnischen Punkrock-Songs seinen eigenen Stempel aufdrückt. Insofern ist es mir absolut unverständlich, weshalb offenbar ein Teil des Publikums nach FIRM HAND bereits gegangen war und die Verbliebenen überwiegend die von uns propagierte totale Eskalation verweigerten!? Mir jedenfalls war nach Party zumute und so feierte ich jeden Song gebührend ab, inkl. des KIM-WILDE-Covers „Kids in America“, das nun nicht mehr Drummer Flo, sondern ebenfalls George ins Mikro schmettert. Klasse Songs und klasse Gig einer Band, der ich etwas mehr Publikumsresonanz gewünscht hätte. Aber auch so war’s mal wieder ein überaus gelungener Abend, der wie üblich in einer feuchtfröhlichen Rückfahrt per S-Bahn mündete, während der der HVV-Knigge in mancherlei Hinsicht ignoriert wurde. Danke an Lars, Claudia, Lars und die Villa – bis nächstes Jahr!

24.02.2014, MarX, Hamburg: ENFORCER + SKULL FIST + VANDERBUYST + GENGIS KHAN

enforcer + skull fist + vanderbuyst + gengis khan @marx, hamburg, 20140224Ein Montagabend im Zeichen des Metals. Bandprobe abgesagt, pünktlich Feierabend gemacht und auf zur Markthalle (bzw. deren kleiner Schwester, dem MarX), leider allein – niemand in meinem Freundeskreis ist so irre, an einem Montagabend ein solches Konzert aufzusuchen. Egal, vorgenommen, nüchtern zu bleiben und den Bands, ähm, „interessiert zu folgen“, was bei Metal-Shows eigentlich immer ganz gut klappt. Kutten wohin das Auge blickt, entspannte Leute, und ein pünktlicher Start von GENGIS KHAN. CSU-Bonze Leslie Mandoki zu feuern war längst überfällig, die musikalisch etwas härtere Ausrichtung stand der Band auch nicht schlecht zu Gesicht und besonders der Drummer lieferte eine geile Show, ließ die Sticks kreisen, warf sie hoch, fing sie wieder auf und durfte die Chose durch ein gelungenes Drum-Solo auflockern. Das Songmaterial erschien mir trotz allem aber eher unspektakulär und auf den alten Smashhit „Dsching, Dsching, Dschingis Khaaan, hey Reiter, ho Reiter…“ musste ich ganz verzichten. Oder hab ich da was verwechselt? Im Ernst: Italo-Metal der okayen Sorte.

VANDERBUYST kannte ich schon live, spielen partytauglichen Hardrock/Metal mit ‘70s-Vibe. Machen live immer Laune, zumindest dann, wenn die Kaasköppe bischn härter zur Sache gehen. Die Bude war mittlerweile voll, die Band wurde sehr gut angenommen, aber mir gelüstete es nach mehr Speed.

Die Kanadier SKULL FIST scheinen voll und ganz für ihre Musik zu leben und veröffentlichen Platten mit geilen gezeichneten Covern mit so’nem Totenwasserkopp druff und spielen einen interessanten atmosphärischen Oldschool-(Speed-)Metal-Sound. Der Sänger agiert in den höheren Tonlagen und manch hochmelodische Akkordfolge schmeichelt sich zu hymnenartigen Refrains ein. Das kommt irgendwie gut und war ehrlich gesagt der Hauptgrund für mich, dieses Konzert zu besuchen. Da die als einzige aber keinen eigenen Banner dabei hatten, hielt nicht nur ich die Jungs auf der Bühne aufgrund der Ähnlichkeit des Sounds zunächst für ENFORCER, deren Banner von der Bühne prangte. Ließ sich aber auch schlecht heraushören, denn der Livesound war zunächst für den Allerwertesten: Gesang zu leise, die Tiefen haben alles überdröhnt – und zwar total verzerrt. Wurde später aber besser und die Band war supergeil! Grandiose Show, feinster Street Speed Metal mit Hymnencharakter. Die Band steigerte sich voll rein, setzte Unmengen Energie frei, sprang in den feiernden Mob, ließ sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen tragen. Auch das Publikum setzte immer wieder zum Crowdsurfen an, manch Brille wurde von der Nase gefegt, einer dürfte sich auch verletzt haben. Die Stimmung blieb aber positiv und friedlich. SKULL FIST mussten folgerichtig für ’ne Zugabe ran und haben mich vollends überzeugt!

skull fist live @marx, hamburg, 24.03.2014

Skull Fist live – da wird auch schon mal über den Kopf des Publikums hinweg soliert

Die Schweden von ENFORCER bildeten dann den krönenden Abschluss und waren ’ne glatte Eins, unfassbar intensiver Speed Metal, wahnsinnige Konditionsleistung der Band, viel geiler als auf Platte, Energie pur! Und dann coverten sie auch noch „Countess Bathory“ von VENOM… Gab zwei Zugaben und war der absolute Oberhammer! „Katana“, „Live For Tonight“, „Satan“ ein energisch vorgetragener Kracher nach dem anderen, Adrenalin pur, 100%ig authentische Darbietung. Ich wusste, dass ENFORCER gut sein würden, ich kannte die ersten beiden Alben und war vertraut mit dem schnörkellosen, melodischen Oldschool-Speed-Ansatz der Truppe um den blonden Frontmann, aber einen solchen Orkan hatte ich nicht erwartet. Schwer beeindruckt und tatsächlich quasi-nüchtern ging’s ins Bett, während ich noch darüber grübelte, woher diese Band ihre Energie auf einer solchen Tour nehmen, während ich nach nur einem Gig mit einer meiner Combos eigentlich schon ein Fall für die Reha bin…

08.02.2014, Lobusch, Hamburg: OI POLLOI + HAMBURGER ABSCHAUM

oi polloi + hamburger abschaum @lobusch, hamburg, 08.02.2014Endlich mal wieder die schottischen Anarchos von OI POLLOI, und dann auch noch zusammen mit dem HAMBURGER ABSCHAUM, der nun endlich sein Album draußen hat – das klingt nach ‘ner geilen Party! Dank BOLANOW-BRAWL-Gesangsaufnahmen schon gut angeheitert, kam ich reichlich spät und hatte Glück, überhaupt noch in die rappelvolle Lobusch hineingelassen zu werden. Dort gab der ABSCHAUM gerade sein eigens für den Soli-Sampler für die Lampedusa-Flüchtlinge eingespielten Song zum Besten, der zum Fäusterecken und Mitgrölen einlädt und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, folgte das mittlerweile hinlänglich bekannte Programm mit all seinen Hits, das entsprechend gefeiert wurde. Die Lobusch glich allerdings mittlerweile einer Sauna, worunter meine Kondition litt. Ein paar Bieraufgüsse später standen OI POLLOI auf den Brettern und wie einen guten Wein hätte ich die altbekannte Show mit den längst zu Klassikern gewordenen Ansagen und Show-Elementen – wie immer vorgetragen in höchst respektablem Deutsch! – genießen können, wäre der raue, schnelle Hardcore-Punk der Band nicht derart aufpeitschend gewesen, dass ich mich wider alle Vernunft in den Pogo-Mob stürzte und angesichts meines desolaten Zustands vermutlich mehr herumstolperte, als, äh, tänzerische Akzente zu setzen. Ein nasser Sack wäre Fred Astaire dagegen gewesen. Ächzend und keuchend fand ich irgendwann in der Nacht dann glücklicherweise noch den Weg nach Hause. Irgendwie ganz schön anstrengend alles, aber manchmal siegt die Abenteuerlust eben doch noch vor der Altersweisheit.

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