Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 23 of 37)

02.08.2014, Rondenbarg, Hamburg: RONDENBARG OPEN AIR

rondenbarg open air 2014Auf dem Rondenbarg Open Air waren wir für 23:15 Uhr angesetzt und als wir ankamen, spielten gerade die BICAHUNAS dreckigen, rotzigen Punk mit weiblichem Gesang. Wir machten uns mit dem Backstage, dessen Funktion die Kneipe des Wagenplatzes übernahm, vertraut, klärten alles Nötige, sackten unsere Verzehrbons ein und begrüßten Freunde und Bekannte. Organisator Norman guckte leicht verdutzt drein, als wir ihm eröffneten, dass wir eigentlich fünf Gesangsmikros bräuchten, weil jeder bei uns irgendwie mitträllert. Vier wurden’s dann immerhin, wofür Norman sein eigenes Mikro aus dem Mischturm hergeben und wir somit von der hohen Bühne aus in Zeichensprache während des Soundchecks miteinander kommunizieren mussten. Dieser wurde trotzdem erfolgreich durchgeführt, wenn es auch etwas problematisch wurde, meinen eigenen Gesang auf meinem Monitor dominant zu bekommen. Egal, mit leichter Verspätung betrat dann HAMBURGER-ABSCHAUM-Gitarrero Holli die Bühne, den wir als Ansager herangezogen hatten, da Ben Becker leider keine Zeit hatte. Wie geplant brüllte er etwas von einer weltberühmten Band ins Mikro, deren Namen er dann aber von einem zerknüllten Zettel ablesen musste, den er umständlich aus seiner Hosentasche hervorkramte und zudem erst noch seine Lesebrille aufsetzen musste, nur um ihn dann doch falsch auszusprechen. Selbstironie können wir nämlich auch, wovon auch unser erster unbescheidener Song „We Rule OK“ zeugt, jenes OXYMORON-Cover, das sich seit diversen Gigs auf oberster Position der Setlist findet. Da es sich um ein Open Air handelte, bekam ich gut Luft auf der Bühne und so machten sich bei allen von uns nur relativ wenig erschöpfungsbedingte Ausfallerscheinungen bemerkbar – glaube ich zumindest. Bassist Stulle übte sich in Tierstimmenimitationen und Ole sprang irgendwann von der Bühne mit seiner Klampfe ins Publikum. Meine Ansagen während beider Gigs des Tages hätte man aber gut als „Gestammelte Werke“ zusammenfassen können… Die Publikumsresonanz war für die Konstellation Bauwagenplatz + vorgerückte Stunde + kein Geballer echt ok und ’ne Zugabe wurde uns ebenfalls abverlangt, so dass das KACKSCHLACHT-Cover „Arbeit/Saufen“ noch einmal zu Ehren kam. Es hat arschviel Spaß gemacht, zumal die Aufregung vorm Logo-Gig abgefallen war, wir das Adrenalin von dort aber mitgenommen hatten. So feierten wir dann auch noch lange weiter, waren viel zu aufgedreht, uns WWK konzentriert anzugucken und hoffen im Nachhinein, nicht zuviel beim Getränke-Bon-Kassen-Kneipentresen-Barzahlungs-System durcheinander gebracht zu haben… Unser Dank gilt Norman, der als Mann für alles einen super Job gemacht und sich prima gekümmert hat! Doppel-Eskalation erfolgreich ausgeführt!

02.08.2014, Logo, Hamburg: BISHOPS GREEN + BOLANOW BRAWL

bishops greenWir hatten uns gefreut, mit BOLANOW BRAWL kurzfristig noch ins Samstags-Billing des zweitägigen Rondenbarg-Open-Airs reingerutscht zu sein. Doch wenige Tage vorher ereilte uns eine Anfrage, ob wir nicht die kanadischen Streetpunkt-Senkrechtstarter BISHOPS GREEN auf dem Hamburg-Abstecher ihrer Europa-Tour im Logo als Vorband supporten könnten. Darauf hatten wir natürlich auch Bock und so reifte kurzentschlossen ein wahnsinniger Plan: Wir spielen einfach beide Gigs! So fanden wir uns also pünktlich im Logo ein, jenem Club in der Nähe des Bahnhofs Dammtor, in dem ich früher unzähligen Punk- und Oi!-Konzerten beigewohnt hatte und den ich seither in bester Erinnerung habe. Dass ich nach längerer Abwesenheit nun direkt mit meiner eigenen Band dort auf den Brettern stehen würde, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Doch unverhofft kommt oft und nachdem wir den sich als überaus entspannte Zeitgenossen herausstellenden BISHOPS GREEN beim Soundcheck zuschauten, zauberte uns der superfreundliche Mixer ebenfalls in aller Ruhe einen erstklassigen Bühnen- und vermutlich auch P.A.-Sound zurecht. Bis zum Konzertbeginn war noch etwas Zeit und so konnte man sich in Ruhe umsehen, die bekannten Gesichter im langsam eintrudelnden Publikum begrüßen und sich über die Backstage-Lebensmittel und -Getränke hermachen. Bei mir war sie dann doch wieder präsent, diese Aufgeregtheit, wie sie vorm allerersten Gig am extremsten, zuletzt für unsere Kneipen- und D.I.Y-Club-Konzerte aber beinahe gänzlich verschwunden war. Das lag natürlich daran, dass dieser Gig bisher derjenige im bisher professionellsten Rahmen für mich wurde und wir hier auch vor einem dann doch noch mal etwas anders zusammengesetzten Publikum spielten, sprich: hier kannte uns noch keine Sau und der Auftritt würde zu einer Art Visitenkarte für weitere Konzerte dieser Art werden. Um Punkt 21:00 Uhr ging’s los und erfreulicherweise hatten sich trotz des geilen Wetters reichlich Interessierte vor der Bühne eingefunden. Das Logo hat seine diversen Auflagen zu erfüllen und so muss auch sichergestellt sein, dass ein Konzert rechtzeitig wieder beendet ist. Wir hatten also nicht unbedingt Zeit zu verlieren, beschränkten unser Zwischengeplänkel auf das Wesentliche und zogen durch, um unser komplettes Set unterbringen zu können. Das klappte eigentlich soweit ganz gut, die Bilanz lautet ein Verspieler der Jungs und ein Versinger, den ich mir geleistet habe. Auf dem Kriegsfuß stand ich aber mit der Setlist, für die ich diesmal besonders kreativ sein wollte, einen ausgefallenen Font wählte – und mich prompt gleich 2x bei meinen Ansagen in der Zeile vertat! Mann, Mann, Mann… ’ne kleine Herausforderung war auch die Affenhitze in der schwarzen Box, die das Logo ist und sich vermutlich den ganzen Tag lang schön unter der Sonnenbestrahlung aufgeheizt hatte. Das Publikum nahm uns positiv auf und nach dem abschließenden „Where Is My Hope“ nahmen wir noch schnell ein paar warme Worte entgegen, bauten in Windeseile unser Zeug ab, wünschten BISHOPS GREEN mit ihrem gesundheitlich etwas angeschlagenen Sänger viel Glück, ließen uns von ihnen für bescheuert erklären, jetzt noch einen Gig spielen zu wollen und fanden uns mit Sack und Pack von außen vor der Backstage-Tür des Logos wieder, wo wir noch den ersten Song der Kanadier hörten, bis uns zwei Taxen zum Rondenbarg chauffierten. Danke an alle, die diesen Gig ermöglicht haben, an BISHOPS GREEN und natürlich das Publikum, das uns so gar nicht auf dem Zettel hatte, uns aber trotzdem seine Aufmerksamkeit schenkte – das hatten wir so nicht erwartet!

25.07.2014, Cobra Bar, Hamburg: SMALL TOWN RIOT

small town riot + resolutions, cobra bar, 25.07.2014SMALL TOWN RIOT kostenlos inner Cobra Bar, das bedeutete für uns, die SKINNY BITCH in der Astra-Stube links liegen zu lassen und nach Ende des VIOLENT-INSTINCT-Gigs unversehens auf den Kiez zu latschen, um dem Spektakel beizuwohnen. Obwohl dort am Wochenende eigentlich immer einiges los ist, bot sich uns diesmal doch ein ungewohntes Bild: Auf der Straße vor der Kneipe wimmelte es nur so von alten Bekannten, darunter einige, die man doch länger nicht mehr gesehen hatte. Bei immer noch bestem Wetter machte man es sich mit ’nem Pilsken bequem und tauschte sich aus – auch, als die Hannoveraner von RESOLUTIONS mit ihrem Set begannen. Deshalb kann ich zu denen auch überhaupt nichts sagen, doch mit Startschuss zum Gig meiner alten Kumpels SMALL TOWN RIOT hielt uns nichts mehr draußen und wir verwandelten die Cobra Bar in das reinste Schweißbad. Auf engstem Raum türmten sich die Menschen, während die Band die leichte Erhöhung als Bühne nutzte und einen Hit nach dem anderen raushaute. In bester Feierlaune unterstützten wir Timo, Norman & Co., deren Songs mich schon so lange begleiteten. Hier und da war mal ein Gesangsmikro etwas leise, ansonsten war ausreichend Druck auf dem Kessel und wurde ohnehin vom Publikum mitgesungen, so gut es ging. Trotz des wenigen Platzes versuchten wir uns in der ersten Reihe erfolgreich an ein wenig Pogo, wenn wir nicht gerade mit den Armen in der Luft skandierten. Und ohne Zugabe ließen wir die Band natürlich nicht von der Bühne. Ein astreiner Gig, bei dem mir lediglich der eine oder andere Hit aus dem großen musikalischen Fundus fehlte, beispielsweise „Timmy“, der lautstark gefordert wurde. Im Anschluss wurde auf der Straße noch ein wenig weiter gefeiert, bevor die Vernunft mich in die Bahn nach Hause zwang.

25.07.2014, Astra-Stube, Hamburg: VIOLENT INSTINCT

violent instinct + skinny bitch @astra-stube, hamburg, 25.07.2014

Die Hamburger Oi!-Punk-Band VIOLENT INSTINCT rief und mein Kumpel Stulle und ich kamen. In der gemütlichen Astra-Stube löhnten wir ‘nen Fünfer und zogen uns die Combo um Sängerin Aga rein, die im Vorprogramm von SKINNY BITCH zockten. VIOLENT INSTINCT mussten mit einem Ersatz-Bassisten antreten, weil der eigentliche Zupfer der tiefen vier Saiten unpässlich war. Der Mann machte seine Sache aber gut, wie der Rest der Band auch. Wie üblich gab’s melodiösen Punk um die Löffel, getragen von Agas Stimme, die des Singens auch wirklich mächtig ist. Beim glockenklaren Sound in der Stube fiel mir dann und wann auf, dass eine zweite Gitarre dem Sound der Band vielleicht ganz gut tun und gerade in den melodischen Parts für noch mehr Druck sorgen würde. Die kleine Butze war ganz gut gefüllt und beim obligatorischen „Solidarity“-Cover drängelte ich mich diesmal nach vorne und durfte ein bisschen mitträllern. Zuvor gab’s auch ich glaube mindestens zwei neue Songs, die sich ebenfalls hören lassen konnten. Schöner Auftritt, der gut ankam und doch einige der üblichen Verdächtigen anzog, so dass man sich gut aufgehoben fühlte. Aufgrund unseres enggesteckten Terminkalenders konnten wir uns SKINNY BITCH leider nicht ansehen, da wir direkt, diesmal mit IN-VINO-VERITAS-Ladde im Schlepptau, zur Cobra-Bar auf dem Kiez eilen mussten, wo SMALL TOWN RIOT einen kostenlosen Gig spielten. Dazu später mehr…

19.07.2014, Cortina Bob, Berlin-Kreuzberg: Ruhrpottsause mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + DRUNKEN DISASTER + DEAD BASTARDS

ruhrpottause berlin 2014

Ruhrpottsause in Berlin mit DMF als Hamburger Band? Klingt komisch, ist aber so. Das liegt daran, dass Veranstalter Tristan zwar in Kreuzberg wohnt, eigentlich aber aus Hagen kommt. Um seinen Geburtstag endlich einmal nachzufeiern, bat er kurzerhand die Hagener Bands DRUNKEN DISASTER und DEAD BASTARDS in seine Wahlheimat, außerdem uns, da sein alter Kumpel Kai ebenfalls aus Hagen kommt, aber seit geraumer Zeit in Hamburg wohnt und dort mit mir die DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS ins Leben rief. So viel also zum Hintergrund dieses denkwürdigen Abends. Denkwürdig deshalb, weil ich das erste Mal in Berlin auftreten durfte, und dann auch noch gleich im ehrwürdigen Cortina Bob mitten in Kreuzberg – das ist schon echt geile Scheiße. Nun wären wir nicht die DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS, wenn nicht ständig etwas schiefgehen würde, so auch diesmal: Drummer Chrischan hat sich das Handgelenk verletzt und kann zurzeit nicht trommeln. Deshalb einen Gig abzusagen, ist was für Pussys und außerdem einfach nicht drin, also hat unser zweiter Terrorklampfer Eisenkarl innerhalb von zwei Proben versucht, sich die Drumparts draufzutun. Immerhin hat er Chrischan ja schon einmal vertreten und mit nur einer Gitarre sind wir früher ohnehin immer und seitdem auch dann und wann noch mal aufgetreten. Natürlich sind zwei Proben dafür viel zu wenig, andererseits geht es um ein Konzert im Dunstkreis der KWW („Kameradschaft Wiederaufbau Wehringhausen“), die Chaos und Imperfektion nicht nur gewohnt ist, sondern geradezu zelebriert und einfordert. Erst mal begann aber alles ganz flauschig, das Fahrgeld wurde superpünktlich überwiesen und an einem verdammt heißen Sommer-Samstag, der zudem auf Stefs Geburtstag fiel, konnten wir uns zusammen mit dem kurzentschlossenen zukünftigen Armdrückweltmeister Martin N. in einen klimatisierten Fernbus lümmeln, der uns zielstrebig und fast pünktlich schließlich an einem ZOB in Berlin erbrach. Die letzten Kilometer per Taxi wurden ebenfalls bezahlt, das Equipment von den DEAD BASTARDS, die tags zuvor in Hamburg gastierten, transportiert und erst mal locker vor ‘ner urigen Kreuzberger Kneipe gegrillt. Da bot sich bereits ein schönes Bild, die Straße mitten im Wohngebiet voll buntem Pöbel und die Bierbuddeln kreisten bereits in Hochfrequenz. Irgendwann ging’s dann zwei Straßen weiter zum eigentlichen Ort des Geschehens, wo man alle Zeit der Welt hatte, mit jeder Band einen ausgiebigen Soundcheck zu absolvieren sowie sich über das Backstage-Essen herzumachen. Letzteres erwies sich zunächst als gar nicht so einfach, denn für den leckeren Tofu-Chili-Eintopf konnte ich mir zwar den einzigen tiefen Teller sichern, ein Löffel war jedoch nicht aufzufinden und so durfte ich mir reichlich dumme Sprüche der vom Aasgrillen längst gesättigten Omnivoren anhören, bis mir das Ohr blutete. Letztendlich wurde aber auch ich satt und konnte mit vollem Magen den Soundcheck über mich ergehen lassen, den ein sehr besonnener, sympathischer Berliner mit uns durchführte, irgendwann aber auch Gefahr lief, die Geduld zu verlieren, als über die PA plötzlich ein nicht verschwinden wollendes Geknistere ertönte. Am Ende stellte sich heraus, dass die vom Thekenpersonal angeschalteten Ventilatoren daran schuld sind… Vorm Laden, der ein bisschen schummriges Sexkino-Ambiente versprühte (nicht, dass ich jemals in einem gewesen wäre), tummelten sich hauptsächlich Ruhrpottler aus dem reisefreudigen Umfeld der KWW, aber auch einheimisches Volk. Angesichts des Kaiserwetters ließ sich nicht jeder bei der ersten Aufforderung überreden, ins Innere zu kommen, aber als wir zu lärmen begannen, füllte es sich ordentlich. Darauf, den Abend zu eröffnen, hatten wir bestanden, nachdem wir bei unserem letzten gemeinsamen Gig mit DRUNKEN DISASTER kurzerhand nach ganz hinten durchgereicht worden waren. Das passiert uns nicht noch einmal! Und so nahm das Unheil seinen Lauf – bei gefühlten 100 °C, aufgrund derer wir uns erstmals in der Bandgeschichte unserer Klamotten entledigten (zumindest obenrum). Wir peitschten einen Song nach dem anderen durch und als alte Freejazzer gelang die eine oder andere überraschende Variation: Hier fehlte mal dieser oder jener Part, dort ‘ne Strophe… Um für zusätzliche Spannung zu sorgen, brachte ich zudem die Setlist durcheinander. Das Publikum wusste unsere Experimentierfreudigkeit zu schätzen, tosender Beifall wurde uns ob unserer Improvisation und Spontaneität zuteil. Ok, das war gelogen. Statt „Pissing off…“ sang ich freudscher Weise „Kissing off“ und musste mitten in der Strophe darüber lachen. Das musste ich auch, als RAZORS-Sänger Danker, der gerade in der Hauptstadt weilte und unseren Gig mitnahm, mir im Anschluss eröffnete, er habe uns schon so und so oft live gesehen, aber noch nie in Komplettbesetzung. Wenigstens konnte er meine Frage bejahen, ob denn wenigstens ich jedes Mal dabeigewesen wäre, bevor ich vor dem drohenden Hitzetod vor die Tür floh. Dort wehte mittlerweile ein angenehmes Sommerlüftchen, das ebenso zur Kühlung verhalf wie das Astra, das zu den Standardgesöffen im Cortina Bob gehört und mich wie zu Hause fühlen ließ. DRUNKEN DISASTER hatten zwar auch mit dem temporären Verlust eines Bandmitglieds – nämlich dem Sänger – zu kämpfen, kompensierten das aber anscheinend recht problemlos und zockten ein klasse Set melodischen HC-Punks, technisch auf den Punkt, gut funktionierende mehrstimmige Chöre, inkl. kompetent vorgetragenem NOFX-Cover „Linoleum“. Die Jungs ham’s drauf! Schlussendlich wurde ich dann erstmals Zeuge eines Gigs der DEAD BASTARDS, die aus JEDEN SONNTAG hervorgegangen waren, mit denen wir damals in Ennepetal zusammenspielten. Das ist jetzt ein anderer Stil, durchaus treffend als „Melodic Hardcore Punk n Roll“ bezeichnet. Abwechslungsreich wird da in englischer Sprache kräftig vom Leder gezogen, die Songs besitzen Melodie, Rotz und Wiedererkennungswert – und kicken live! Der größte Hit dürfte aufgrund der bekannten Melodie bis jetzt „We Hate The World“ (zur Melodie von „We Are The World“) sein und bei heftigen Irgendwas-Core-Ausbrüchen zu fortgeschrittener Stunde schwang nicht nur ich Tanzbein und Murmel. Die sich unter die Pottler gemischt habenden Berliner haben’s wohl ebenso positiv aufgefasst wie das „Stammpublikum“, das war ‘ne runde Sache und hatte doch Ecken und Kanten. Nun war der offizielle Teil vorbei und es gab noch Verwirrung um Tristans Freibier-Vorräte, letztlich wurden aber alle noch mit Bier vom Fass versorgt. Während der Rest der Bande noch vor Ort bleiben wollte, zog es Martin N. und mich vor die Tür, Kreuzberg erkunden! Quasi umme Ecke war das Wild at Heart und von dort aus zogen wir zu Fuß durch die belebten Straßen des Stadtteils, auf denen sich die Menschen tummelten, feierten, das Leben genossen. An einem Eck-Kiosk nötigte eine kurdische Familie Martin – warum auch immer – zum Vergleich im Armdrücken, welcher sich überreden ließ… und tatsächlich überraschend gegen das etwas zu sehr von sich überzeugte Familienoberhaupt gewann. Auch seine Söhne konnten nichts gegen Martins bislang geschlummert habendes Talent ausrichten, die letzten kniffen schließlich. Reichlich erheitert ob dieses ungeahnten Intermezzos verabschiedeten wir uns schließlich und kamen nach einer Weile am nächsten Zwischenstopp an, der Punk-Kneipe Trinkteufel, von der ich schon viel gehört hatte. Der Laden ist ja richtig nobel, ich hatte ihn mir wesentlich rustikaler vorgestellt. Der DJ ging auf meine Wünsche ein, das Bierchen schmeckte und nach einer Weile fragten wir dann auch, warum hier an einem Samstagabend gar nicht mal so viel los sei. Die Antwort war eine dicke Party im SO 36, wohin es uns natürlich als nächstes verschlug. Vorbei am Coretex fanden wir uns im altehrwürdigen Gebäude ein, in dem sich reichlich buntes Volk tummelte und ich sogar Bekannte aus Hamburg traf. Die weiteren Details verschwimmen allmählich, jedenfalls begaben wir uns auf einen Absacker noch in irgendeine Kneipe, die Martin wärmstens empfohlen worden war. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich in Kreuzberg war, aber so sehr umgesehen hatte ich mich in der Vergangenheit dort nicht. Nun will ich gern bald wieder hin, am liebsten natürlich mit einer meiner Bands im Gepäck – Auftrittsmöglichkeiten gibt’s dort ja genug. Im Nachhinein noch einmal danke an Tristan & Co., das Cortina Bob, die KWW, die Berliner und die Busfahrer, die uns auch sicher in der klimatisierten High-Tech-Kutsche zurück in die Hansestadt brachten. Und mit DRUNKEN DISASTER und den DEAD BASTARDS müssen wir unbedingt mal in Hamburg was machen – ein Konzert z.B…

12.07.2014, Alte Meierei, Kiel: SLÖA KNIVAR + BOLANOW BRAWL + REASONIST + LEBEN

rotten sprotten sommerfest 2014Dass wir mit BOLANOW BRAWL mal in Kiel spielen, war überfällig – kommen doch immerhin 3/5 der Band zumindest ursprünglich aus Kiel. Endlich war es soweit und die Jungs und Mädels von Rotten Sprotten Entertainment hatten uns zu ihrem Sommerfest in der Alten Meierei eingeladen! Leider mussten die eigentlich ebenfalls eingeplanten Braunschweiger KACKSCHLACHT kurzfristig absagen. Das war besonders bedauerlich, da sich unser Gitarrist Ole schon wochenlang auf den Song „Arbeit/Saufen“ gefreut hatte. Damit er nicht vollends in Depressionen verfällt, reifte auf der Hinfahrt der Gedanke, das Ding kurzerhand zu covern. Von der Alten Meierei hatte ich schon viel gehört, konnte mich aber nicht erinnern, jemals dort gewesen zu sein. Der selbstverwaltete Laden entpuppte sich als wunderbarer Ort für unkommerzielle Punk-Konzerte und verfügt neben ‘ner Menge Ambiente nicht nur über eine amtliche Bühne, sondern auch reichlich Platz vor selbiger. Im Backstage wartete neben Getränken auch viel Knabberkram auf uns, zu essen gab’s aber vor allem Wraps und köstliches Chili – klasse! Die übliche Wartezeit vorm Konzertbeginn verbrachten wir damit, backstage den KACKSCHLACHT-Song einzuproben (und den Text herauszuhören – quasi ein Ding der Unmöglichkeit). Auf die anderen Bands mag das etwas befremdlich gewirkt haben, schließlich wussten sie nicht, was wir da überhaupt treiben. Bei herrlichem Wetter wurde außerdem draußen gekickert und gequatscht sowie das eine oder andere alkoholhaltige Getränk verhaftet, der Beginn verzögerte sich doch um einige Zeit nach hinten. Unser bis dato hübschestes Groupie Ladde war zwischenzeitlich auch aus Hamburg nachgereist und kämpfte mit dem Alkohol und der tickenden Uhr, schließlich musste er die letzte Bahn kriegen und konnte sich unseren Gig leider tatsächlich nicht komplett ansehen. LEBEN machten sodann den Anfang, ‘ne relativ neue Band aus Schleswig, die sich New-School-Hardcore mit reichlich tiefen Gitarrenwänden und Gebrüll verschrieben hat. Das war sehr kompetent vorgetragen, sah echt anstrengend aus und klang für meine Ohren auch so, ist eben nicht so meine Mucke. Die Jungs wollen’s aber wissen und hängen sich voll rein – Respekt! Wer mit dieser Mucke mehr anfangen kann als ich Banause, sollte die im Auge behalten. Respekt bekundete auch das aufmerksam der Darbietung folgende Publikum, das sich mittlerweile im Saal versammelt hatte. Diesmal hatten wir übrigens tatsächlich daran gedacht, unser Banner mitzunehmen und selbiges noch vorm Gig an der Bühnenwand angebracht. Da wir keiner anderen Band zumuten wollten, vor unserem Logo zu spielen, haben wir es umständlich hochgerollt und mittels Gaffa fixiert – mit dem schönen Effekt, dass sich das Ding mitten im LEBEN-Set verselbständigte und wie auf Knopfdruck abrollte… Nach dem Gig begab ich mich nach draußen, um ein paar Leute zu begrüßen und weiter das Wetter zu genießen – und verpasste dadurch glatt komplett den REASONIST-Auftritt. Die Band aus Hamburg und Leipzig spielt nach eigenen Angaben Fastcore und war einfach zu faaaast für mich. Ich geh aber mal davon aus, dass sich früher oder später auch in Hamburg die Gelegenheit ergeben wird. Nun waren wir an der Reihe und spielten unser bewährtes Set. Da sich das Publikum artig ans Rauchverbot hielt, war die Luft ausnahmsweise einmal nicht wie die eines fremden Planeten mit lebensfeindlicher Atmosphäre, den man nur mit Sauerstoffgerät betreten würde, und mir ging nicht so schnell die Puste aus. Zeit zum Luftholen hatte ich, als der gute Casi, seines Zeichens Rotten Sprotte und Ex-Krakeeler der BOLANOW-BRAWL-Vorgänger CRAKEELS, den alten CRAKEELS-Kracher „Fame“ interpretierte und ich mir das ganze mal aus Publikumssicht anschauen durfte. Direkt im Anschluss schlug die Stunde unseres KACKSCHLACHT-Tributs, dessen Ansage länger war als der Song selbst. Allgemein sabbelte ich diesmal viel mehr als sonst zwischen den Songs und probierte mich im OI-POLLOI-Style. 😉 Den „Arbeit/Saufen“-Text bzw. das, was ich von ihm verstanden zu haben glaubte, las ich vom Zettel ab, den Refrain konnte ich mir aber gerade noch merken: „Ihr arbeitet zu viel und sauft zu wenig!“ Das Publikum hielt tapfer bis zum Ende durch und nicht mit positiver Resonanz hinterm Berg, so dass wir glaube ich tatsächlich ‘ne Duftmarke in Kiel hinterlassen konnten. Was anschließend die schwedischen Hardcore-Punks SLÖA KNIVAR um Shouterin Patricia abfackelten, war aber noch mal von ‘nem ganz anderen Stern! Das nur mit dem Allernötigsten bekleidete Energiebündel röhrte nicht nur in bester WENDY-O.-WILLIAMS-Manier zu den rauen, aber auch mit dem einen oder anderen kleinen Melodiebogen versehen Songs, sondern lieferte akrobatische Kunststückchen, bei denen nur vom Zusehen schon meine morschen Knochen zu knirschen begannen. Eine unglaubliche Show, fast schon mehr Sport als Punk, aggressiv, intensiv und sympathisch! Zudem klasse Leute, soweit ich das nach ein paar kurzen Klönschnacks beurteilen kann. Nun war der musikalische Teil des Abends also vorbei, doch draußen wurden fleißig Cocktails geschlürft, gekickert, gesabbelt und rumgehangen. 4/5 unserer Band machten sich nach kurzer Zeit auf, halb Kiel leerzutrinken und landeten u.a. in einem Irish Pub, der diese Bezeichnung auch wirklich mal verdient: Keine deutsche Spießerkneipe, die einen auf irisch macht, sondern ein Riesenladen voll ausgelassen zu einem Evergreens-schmetternden Alleinunterhalter tanzendem Publikum. Wir setzten unsere überraschend überreicht bekommene Gage unmittelbar in irisches und britisches Bier vom Fass um und ich feierte jeden einzelnen Song lauthals ab. Unterkühlte Norddeutsche?! Nicht im Kieler Pub! Der Rest des Abends mit dem einen oder anderen Spaziergang durch Kiel ist nicht sonderlich spektakulär; er endete damit, dass Ole und ich den Wirt einer anderen Spelunke in den frühen Morgenstunden nötigten, einen Elvis-Song nach dem anderen anzuschmeißen und obwohl nicht mehr viel ging, versuchte ich mich zumindest weiter in Stimmübungen… Nach ein paar Stunden Schlaf mit anschließendem Frühstück sprangen wir noch kurzentschlossen in die Ostsee, bevor’s nach Hamburg zurückging und man abends Zeuge werden durfte, wie die DFB-Elf den vierten Weltmeistertitel holte. In Kiel geht nicht viel? Von wegen! Danke an die Rotten Sprotten für die Einladung und alles Drumherum und ich kann es kaum erwarten, dieser interessanten Stadt einen weiteren Besuch abzustatten!

05.07.2014, B5, Hamburg: BIG BANDERS + FISCHMARKT

fischmarkt

Nachdem ich den vorherigen Abend bis 4:00 Uhr morgens im Kraken (ex-Skorbut) verbracht hatte, wollte ich an diesem Samstag eigentlich einfach nur Fußball gucken auf dem Heiligengeistfeld und sonst nüscht. Als ich in der Halbzeit aufbrach, um mir etwas zu essen zu holen, brachen allerdings die Wolken, so dass ich mich vor dem unangenehmen Platterregen in einem Hauseingang unterstellte und meine Falafel knabberte. Wie es der Zufall so will, liefen mir prompt zwei Bekannte über den Weg, die mich dann doch noch zum Wohlwillstraßenfest mitschnackten. Ich hatte davon gehört, jedoch keine Ahnung, wo diese Straße überhaupt sein soll. Die Aussicht auf ein Konzert einer ominösen Hamburger Band namens FISCHMARKT allerdings machte mich neugierig. Erst einmal dort angekommen, wusste ich natürlich Bescheid, zog mich aber erst einmal in die „Kleine Pause“ zurück, um das Fußballspiel zu Ende zu sehen. Argentinien gewann erwartungsgemäß 1:0 gegen Belgien; ob meines richtigen Tippspieltipps war ich glücklich und suchte das B5 auf, in das das Konzert regenbedingt von der Open-Air-Bühne verlegt wurde. Dort sah ich noch einige Songs der BIG BANDERS, die äußerst angenehmen und vor allem kirmesfreien Ska zockten und bei Saunatemperaturen für gute Stimmung im linken Polit-/Infoladen sorgten. FISCHMARKT entpuppte sich als Band aus dem St.-Pauli-Skins-Umfeld und ich erkannte Henning am Bass wieder, der auch bei den OI! SLUTS den Viersaiter zupft. Und der Sänger kam mir auch bekannt vor – irgendwann kam ich drauf : Das war doch der Herr, der während des OI!SLUTS-Gigs in Bergedorf einen Song als Gastsänger zum Besten geben durfte. Hier allerdings zog er so richtig vom Leder; schon der erste Song des mit zwei Gitarren angetretenen Quintetts, „Urlaub in Barmbek“, erwies sich als Volltreffer! Die weiteren Songs behandelten auf eine solch herrlich unverkrampfte Weise proletarische Themen wie Fußball, Saufen und Way of Life, als wäre es das Normalste der Welt, in einem Laden wie dem B5 lauthals „Skinheads!“ und „Hooligans!“ herauszubrüllen. Das war erfrischender und offen antifaschistischer Proll-Oi! aus dem Herzen, dem Stadion und der Kneipe, der mich schnell auf seine Seite zog. Die beiden Gitarristen sorgten für ordentliche Grundriffs, die kleinen Melodien stammten oftmals in erster Linie vom Bass. Das Schlagzeug beschränkte sich zumeist auf rudimentäre Takte und konzentrierte sich aufs Wesentliche, was der Mucke aber den typischen Wumms Früh-‘80er-Oi!-Punks verlieh. Der reichlich vertretene Anhang vergnügte sich ausgelassen und als TESTOSTERON-Sänger Markus sich für eine Handvoll Songs auf die improvisierte Bühne begab und Stücke seiner alten Kombo zusammen mit der Band schmetterte, gab’s gar kein Halten mehr. Das war auf seine Weise richtig gut, hat mich positiv überrascht und mir an diesem längst wieder trockenen, sonnigen Nachmittag ordentlich den Scheitel geradegezogen. Die Band werd‘ ich im Auge behalten und ich glaube, ein Gig zusammen mit den EIGHT BALLS und/oder IN VINO VERITAS würde wie die Faust aufs Auge passen!

20.06.2014, Hockenheimring, Hockenheim: SOULFLY + LIMP BIZKIT + BÖHSE ONKELZ

böhse onkelz hockenheimring 2014

Gerade hatte die frohe Kunde die Runde gemacht, uns’ Schumi wäre aus dem Koma erwacht und da ich am Wochenende eh noch nichts vorhatte, machte ich mich flugs auf den Weg zum Hockenheimring, in der Hoffnung, ihn wieder seine Runden ziehen sehen zu können. Doch statt Rennsportfreunden, Boxenludern und Champagnerduschen erwartete mich dort ein gemischtes Rockfestivalpublikum, Bier statt Nuttenbrause, Max Cavalera mit SOUFLY, der durstige Fred mit WIMP MISTSHIT und plötzlich standen auch noch die ONKELZ auf der Bühne!

Nee, ganz schlechter Einstieg und total unlustig. Ich fang besser noch mal an:

Günni in Gefahr

So ähnlich, nämlich „Raab in Gefahr“, lautete eine Rubrik des Entertainers Stefan Raab aus seiner TV-Sendung „TV Total“, die aus jener Phase seiner Karriere stammen dürfte, als er sich in erster Linie als Komödiant verstand, ihm mit seiner Sendung tatsächlich noch so etwas wie gelungene Fernseh-Satire gelang und er noch nicht zum Pro7-Aushängeschild aufgebauscht worden war, das fragwürdige Sportveranstaltungen und andere Wettbewerbe durchmoderierte oder gleich selbst mitbestritt und in seiner Omnipräsenz noch mehr nervte als Campino. Zu der Zeit, als er „TV Total“ in eine beinah tägliche Late-Night-Show umfunktionierte und langsam kacke wurde, wurde ich jedenfalls unregelmäßig Zeuge, wie er sich leichtsinnig in diverse riskante Situationen begab und Gefahr lief, nicht unbeschadet aus ihnen herauszukommen. Dieses Motto schien mir passend für mein Unterfangen, völlig auf mich allein gestellt zum Hockenheimring zu pilgern, wo die BÖHSEN ONKELZ neun Jahre nach ihrer natürlich unwiderruflichen, endgültigen, in Stein gemeißelten Auflösung ihr Reunion-Konzert zelebrieren sollten. Und das kam so: Vor neun Jahren war ich selbst auf dem zweitägigen Abschiedsfestival „Vaja con tioz“ zugegen, um Abschied von meiner Jugend zu nehmen, die ich zu großen Teilen gerade auch mit dieser Band verband. Sie war, zusammen mit NIRVANA seinerzeit, ab der ersten Hälfte der 1990er, was gleichbedeutend mit meiner Pubertät war, meine Initialzündung für Subkultur, für Punk, für harte Musik mit Aussage jenseits des Metals, den ich zuvor bereits im zarten Kindesalter konsumiert hatte und der von wenigen Ausnahmen abgesehen in den 1990ern doch stark an Bedeutung für mich verloren hatte. 1994 hatte ich ein Konzertticket für NIRVANA, das ich nie einlösen konnte, weil Kurt Cobain sich erschossen hatte, bevor ich ihn über seine Musik überhaupt erst richtig kennenlernen konnte. Das holte ich zwar in Windeseile nach, doch blieb erst mal nur eine „große“ Band, die noch unter den Lebenden weilte, der ich eine derart große persönliche Bedeutung beimaß. Die Initialzündung äußerte sich konkret so, dass auf beide genannten SLIME und anderer ’80s-Hardcore-Punk folgte, TERRORGRUPPE, WIZO und andere ’90er-„Deutschpunk“-Acts sich auch bald in meinem Tapedeck einfanden, die SEX PISTOLS, THE CLASH und anderer Briten-Punk êbenfalls sowie natürlich der europäische Oi!-Punk in diversen Facetten. Ein Widerspruch war das für mich nie, denn entgegen anderen Behauptungen und dem über die meisten Massenmedien kolportierten Bild waren die ONKELZ damals klar antifaschistisch verortet, halfen mir durch die schwierige Phase der Juvenilität, verkörperten für mich eine authentische Rebellion über Kampfparolen und sarkastische Texte hinaus. Sie lehrten mich, mich kritisch mit den Medien auseinanderzusetzen und wurden durch ihre damals zeitgenössischen Texte zu einer Art moralischer Instanz. Dass es stets spannend blieb, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, war einerseits natürlich in der Ablehnung, die der Band und ihren Fans aus breiten bürgerlichen Kreisen entgegenschlug, begründet sowie in dem anrüchigen Mythos, der sie umgab, ihrer trotz beachtlicher Größe Außenreiterrolle, die sie ausfüllten und kultivierten und dem damit verbundenen Umstand, dass man verlässliche Informationen in der Zeit eines kaum ausgeprägten Internets sich selbst beschaffen mussten, was zu einer hochinteressanten Zeitreise in ihre Vergangenheit wurde. Fleißig sammelte ich Pressberichte und die spärlichen TV-Auftritte, organisierte mir Live-Bootlegs und versuchte, Demo-Texte herauszuhören und mitzuschreiben – heute unvorstellbar. Andererseits trugen die Onkelz mit ihrem ihnen eigenen, eigentlichen Mittel bei: ihrer Musik. Die war nämlich ein Füllhorn verschiedenster Stile, Attitüden, Subkulturen und spiegelte in ihrem Abwechslungsreichtum ein gutes Stück weit auch die Geschichte der Subkulturen in Deutschland wieder. Grob lässt es sich wie folgt zusammenfassen: Als unbedarfte Punkband aus schlechtem Hause in Frankfurt Demo-Tapes eingeschrammelt, als Skinheads eine musikalisch überraschend hochwertige Oi!-Scheibe eingespielt, auf die ein weiteres Album und eine Mini-LP folgen sollten, ab 1987 nach dem Ausstieg aus der Skinheadszene aufgrund derer zunehmenden Politisierung gen rechtsaußen ganz dem deutschsprachigen, harten Metal (damals ein Novum) verschrieben, mit dem sie sogar deutsche Hardrock- und Metal-Redakteure verschreckten, die erstmals akustisch verstanden, worüber in diesem Musikgenre so alles gesungen wird, und ab 1991 dann mit ihrem individuellen Stil unterwegs, einem wilden Ritt durch sämtliche Sparten der Rockmusik, stets versehen mit dem unverkennbaren ONKELZ-Siegel, textlich gereift zu eher nachdenklichen, reflektierten Künstlern – die trotzdem noch immer gut den Saufproll geben konnten, ihn nicht verleugneten. Die „Heilige Lieder“ schoss 1992 ohne jegliche PR und Airplay durch die Decke bzw. in die Charts und rief den vermutlich größten Shitstorm hervor, den eine deutsche Band je über sich ergehen lassen musste. Während in Deutschland feige Neonazis und ihre Mitläufer Asylantenheime in Brand steckten, wurden Schuldige gesucht. Eine Band wie die ONKELZ wurden gleichsam durch ihre Chartpositionierung als Indiz für den Rechtsruck der Gesellschaft wie als Mitverantwortliche für selbigen herangezogen und in einem Atemzug mit Bands wie STÖRKRAFT genannt, die durch die ungeahnte Medienpräsenz plötzlich ebenfalls schwindelerregende Verkaufszahlen erzielten – und mit denen die Band lange Jahre nach Abkehr von der Skinheadszene überhaupt nichts mehr zu tun hatte, längst für ganz etwas anderes einstand bzw. einzustehen versuchte, was man sie partout nicht lassen wollte. Dabei waren die Kampagnen nicht nur schlampig – wenn überhaupt – recherchiert und strotzten nur so vor inhaltlichen Fehlern, sie waren auch noch von Grund auf verlogen. Der Musikindustrie, damals noch nicht von illegalen Downloads etc. geplagt, ging nämlich kräftig der Arsch auf Grundeis, als eine Band ihre längst durchkalkulierten Verkaufsstrategien durchkreuzte und sich dort feist breit machte, wo eigentlich nie Platz für diese und ähnliche (ehemalige) Underground-Acts hätte sein sollen, sofern es nicht mit dem Branchen-Konglomerat abgesprochen und von ihm abgesegnet gewesen war. Die „Heilige Lieder“ aber entpuppte sich als vielleicht bestes deutschsprachiges Album aus dem härteren Rockbereich (die Punk-Erzeugnisse einmal ausgeklammert) und die ONKELZ wurden endgültig zur Kultband. Doch wie das mit jugendlichem Eifer oft so ist, er lässt irgendwann nach und andere Dinge werden interessanter. Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz wurden die ONKELZ-Alben aus meiner damaligen Sicht schwächer und interessierte ich mich als Post-Grunge-Punkrocker zunehmend für den eigenen Subkultur-Underground. Über die „Viva los tioz“, die 1998 erschien, sagte Drummer Pe einmal sinngemäß in einem Interview: „Das Ding war im Kasten und ich dachte, das war’s, jetzt haben wir’s verbockt. Doch es wurde unser bis dahin erfolgreichstes Album.“ Die ONKELZ experimentierten mit elektronischen Klängen, was in Ordnung war, doch noch etwas anderes war für mich neu: Es hatten sich schwächere Songs eingeschlichen, Skip-Tasten-Kandidaten, Durchschnitt. Diese wurden aber wettgemacht durch die großen Hits des Albums, „Terpentin“ war ein großartiger Mitgröler, „Der Platz neben mir“ ein ans Herz gehendes, in zwei Parts unterteiltes Stück Trauerbewältigung und mit „Bin ich nur glücklich, wenn ich es schmerzt“ war ein in seiner tragischen Melancholie unermessliches, neues Lieblingsstück für mich dabei. In den folgenden zwei Jahren passierte viel in meinem Leben, das Erscheinen des nächsten ONKELZ-Albums „Ein böses Märchen aus 1000 finsteren Märchen“ verkam zur Randnotiz. Ich hatte es mir gar nicht erst gekauft, sondern nur bei einem Kumpel angehört, wo es allgemein durchfiel. Zu negativ und partyuntauglich erschien es uns, zudem musikalisch nicht hart genug. Die Platte hatte uns schlicht nicht mehr gekickt und konnte schon gar nicht bestehen gegen als das geile Punk-, Oi!-, Ska- und HC-Zeug, das wir uns regelmäßig reinfuhren. Eine Fehleinschätzung, die ich erst Jahre später revidieren sollte. Jedenfalls verfolgte ich nicht mehr, was die Band trieb, strafte den nächsten Longplayer „Dopamin“ mit völliger Ignoranz und merkte erst wieder auf, als sie ihr Abschiedsalbum veröffentlichte. Da kam es langsam wieder, das alte Kribbeln. Ich besorgte mir die Platten, stellte fest, dass sich erwartungsgemäß einiges an Durchschnitt auf ihnen befand, wurde aber dafür von anderen Songs umso mehr überzeugt. Sie konnten es also doch noch. Mein inneres Bedürfnis stieg, doch noch dem Abschiedskonzert beizuwohnen. Ich besorgte mir und einem überredeten Kumpel Karten per eBay, organisierte ein Mitfahrgelegenheit und fand mich schließlich bei einem Rekord wieder: dem größten Open-Air-Festival Deutschlands. Neben Bands wie ROSE TATTOO und MOTÖRHEAD spielten die ONKELZ zwei verschiedene Sets an zwei Abenden und lieferten einen grandiosen Querschnitt ihres Schaffens. Als am Ende die Melodie des Instrumentals „Adioz“ erklang, war ich ergriffen und mir wurde bewusst, dass ich wirklich an etwas Besonderem teilgenommen hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.

Die ONKELZ, längst zum vielleicht größten deutschen Independent-Act gereift (nach zahlreichen Verarschungen durch diverse Plattenlabels hatte man über Jahre eine eigene riesige Infrastruktur aufgebaut, die weitestgehende Unabhängigkeit brachte), versuchten, so ehrenvoll wie möglich abzutreten. Das gelang jedoch nur bedingt; fortan störte manch Negativmeldung die heile ONKELZ-Welt: Bandkopf Weidner gab zu Protokoll, nachdem er 110.000 Leute (seit Beginn der ’90er hatte sich die Gefolgschaft immer weiter potenziert) zum betont allerallerallerletzten Konzert in den tiefsten Osten gelockt hatte, dass er gern doch noch im Anschluss auf dem verschissenen „Rock am Ring“ gespielt hätte – was zum Glück nichts wurde und eine Fan-Verarsche sondergleichen dargestellt hätte. Die Veröffentlichung der sündhaft teuren DVD-Box des Festival-Spektakels geriet zum mittelschweren Flop für mich, da vermutlich aus rechtlichen Gründen zu viele Songs fehlten und all die anderen Bands mit zuwenig Spielzeit abgefrühstückt wurden. Gekauft hab ich mir das Ding ebenso wenig wie verzichtbare Best-of-Veröffentlichungen und Neueinspielungen (außer die der „Onkelz wie wir“, die ist geil). Im Rahmen der Bandauflösung zerstritten sich Gitarrist Gonzo und Weidner und beschädigten damit den Mythos der verschworenen Einheit, die seit Bandgründung ohne einen einzigen Besetzungswechsel (!) ausgekommen war. Gonzo brachte langweilige Soloplatten heraus, die niemand hören wollte, Weidner machte als „Der W“ Karriere, stieß damit bei vielen ONKELZ-Fans aber auf taube Ohren. Wirklich schlimm stand es aber um Sänger und Band-Sorgenkind Kevin: Als er im Drogenrausch einen schweren Autounfall verursachte, feige abhaute, in Kauf nahm, dass seine Opfer im Wrack verbrannten (sie konnten schwerverletzt gerettet werden), die Schuld auf jemand anderen zu schieben versuchte und vor Gericht eine Posse nicht von dieser Welt aufführte, hatten die anderen Ex-ONKELZ endgültig die Schnauze voll, verkündeten, dass Kevins Drogenabhängigkeit der wahre Grund für die Auflösung der Band gewesen wäre, man nun nicht mehr bereit sei, ihn zu decken und kündigten ihm die Freundschaft. Das hatte gesessen. Der lange so gehegte Mythos schien endgültig zerstört und zwei Menschen hätten fast ihr Leben verloren. Das Projekt BÖHSE ONKELZ war also nur deshalb nicht an den eigenen Ansprüchen gescheitert, weil man gerade rechtzeitig die Band aufgelöst hatte, bevor ohnehin alles auseinandergebrochen wäre, doch ein fader Beigeschmack blieb. All die besungenen hohen Ideale schienen an Wert verloren zu haben. Gonzo bekleckerte sich nicht mit Ruhm, als er auf den rollenden „Deutschrock“-Zug aufzuspringen versuchte und statt seines langweiligen US-Rocks plötzlich mit deutschsprachigen, furchtbarerweise auch noch selbst gesungenen Alben Fuß ausgerechnet in der Branche zu fassen versuchte, die nach Auflösung der Band schnellstmöglich an „Nachfolgern“ bastelte und Kackbands wie FREI.WILD hypte, um aus dem „Erbe der Onkelz“ Profit zu schlagen. Nachahmer-Bands schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden mit Plattenverträgen umworben, ganz Dreiste wie bereits erwähnte Norditaliener erwiesen sich zudem als tatsächlich rechte Ratten, die mit Nationalismus kokettieren und nicht nur Musik und Texte (wie üblich eher schlecht als recht), sondern auch die Geschichte der ONKELZ zu kopieren versuchten und damit die Dümmsten unter den ONKELZ-Fans anzulocken. Von all dieser Scheiße brauchte es nicht das Geringste, schließlich hatte sich die Band aufgelöst und nicht ihre Platten, die nach wie vor anhörbar und erhältlich waren! Gonzo jedoch entblödete sich nicht, seine Soloscheiben auf dem FREI.WILD-Label zu veröffentlichen und sogar ein gemeinsames Projekt mit ihnen (und zu allem Überfluss den KASTELRUTHER SPACKEN) zu bestreiten – während Stephan Weidner genervt von ONKELZ-Kopien gegen eben jene textete. Drummer Pe, BAD-RELIGION-Fan und bekannt für seine Melodic-Punk-Vorliebe, veröffentlichte derweil ein punkiges Soloalbum, das mich jedoch auch nicht hinterm Ofen hervorlocken konnte. Und was machte Kevin? Der kam zunächst in den Knast, dann in Therapie – und dann zurück in den Proberaum, wo er mit anderen Musikern überraschend ebenfalls ein Solo-Ding startete. Er spielte einige Konzerte mit ONKELZ-Nummern und gründete seine eigene Band VERITAS MAXIMUS, gab an wieder clean und fit zu sein und es noch einmal wissen zu wollen. Erste Gerüchte über eine zumindest nicht mehr unmöglich scheinende ONKELZ-Reunion begannen zu kursieren.

Schließlich war es soweit und die ONKELZ zeigten unter dem Motto „Nichts ist für die Ewigkeit“ (ein Songtitel des „Es ist soweit“-Albums) verstärkte Präsenz in der Öffentlichkeit, sammelten ohne Angabe eines Grunds E-Mail-Adressen von interessierten und räumten diesen schließlich das Vorkaufsrecht für Karten für das Reunion-Konzert am Hockenheimring ein. Ratzfatz war der Server dicht und alle Karten weg, viele guckten in die Röhre. Kurzerhand beschloss man ein Zusatzkonzert am darauffolgenden Tag und auch dafür gingen die Karten weg wie kaltes Bier. Zusätzlich stampfte man in Frankfurt ein „Public Viewing“ aus dem Boden, wo sich ein paar weitere tausend Fans das Konzert dank Live-Übertragung ansehen konnten. Meine damalige Freundin ich hatten kurzerhand beschlossen, uns ebenfalls um Karten zu bemühen; Neugierde und Abenteuerlust sowie die Chance auf einen weiteren unvergesslichen gemeinsamen Abend überwogen alle Zweifel und Skepsis. Zunächst gingen wir leer aus – bis sich eine Verwandte bei ihr meldete und uns zwei Karten verkaufte. Also stand dem Konzertvergnügen nichts mehr im Wege. Nichts mehr? Nun ja, abgesehen davon, dass wir uns weder um An- und Abreise, noch um eine Übernachtungsmöglichkeit gekümmert und uns zudem wenige Wochen vor dem Konzert getrennt hatten und keinerlei Lust mehr verspürten, dort gemeinsam aufzutauchen. Frei nach Otto Waalkes waren sie da also wieder, meine drei Probleme: Keine Fahrmöglichkeit, kein Pennplatz und keine Ahnung, wie es weitergehen soll…

Dennoch war mein Entschluss ungebrochen, dem Konzert beiwohnen zu wollen, denn ich ahnte, dass mir ansonsten etwas Großes, Geschichtsträchtiges entgehen würde. Sämtliche Pensionen und Hotels im Umkreis waren natürlich längst ausgebucht, das Camping war zu teuer und außerdem hatte ich null Bock darauf, denn Zelten ist bekanntlich Hippiekacke. Die Nacht nach dem Konzert würde ich mir schon irgendwie um die Ohren schlagen und am nächsten Morgen abreisen, aber wie hinkommen? Meine Freunde aus der Punkszene brauchte ich gar nicht erst zu fragen, von denen wollte niemand hin. Auf mitfahrgelegenheit.de fand sich auch nichts. Also konsultierte ich das ONKELZ-Forum, Abteilung „Mitfahrgelegenheiten“ – und überlegte, wie ich mein Gesuch formulieren solle. Mir graute es vor der Vorstellung, etliche Stunden mit FREI.WILD-Bauern oder angebräunten Vollpfosten eingepfercht in einer Blechkiste auf der Autobahn zu verbringen. Ja, ich konnte mich nicht ganz von der allgemeinen Paranoia und dem Alarmismus ggü. dem ONKELZ-Publikum freisprechen. „Mitfahrgelegenheit gesucht, bitte keine FREI.WILD-Fans oder Faschoprolls“ wollte ich dann aber doch nicht schreiben, denn wer wusste, ob ich dadurch nicht gerade jene Klientel auf den Plan rief oder schlicht verarscht und gar nicht erst mitgenommen werden würde? Also formulierte ich mein Gesuch neutral und beschloss, im Falle eines Falles das ganze als Milieustudie zu betrachten. Letztlich gelang es mir, eine Mitfahrgelegenheit für die Hinfahrt zu finden: Zwei Fans wollten sich einen Wagen mieten und runterfahren. Sie hatten Karten für den Samstag, reisten aber bereits Freitag an, um möglichst viel von den Eindrücken und den Partys mitzunehmen. Länger als nötig zu bleiben, war für mich aber keine Option, als buchte ich für die Rückfahrt einen günstigen Fernbus, der mich samstagmorgens um 6:10 Uhr von Heidelberg zurück nach Hamburg bringen sollte, ohne dass ich umsteigen müsste. Während der langen Fahrt könnte ich pennen, dachte ich mir, ich müsse nur zusehen, rechtzeitig von Hockenheim nach Heidelberg zu kommen, ebenfalls per Bus.

Gespannt wartete ich Freitag um 10:00 Uhr am Hauptbahnhof auf meinen „Chauffeur“ und die weiteren Mitfahrer – und wurde direkt positiv überrascht: Keine Spur von den befürchteten Doofnüssen, sondern sympathische junge Menschen, St.-Pauli-Fans, Critical-Mass-Fahrradaktivisten etc., zudem ausgestattet mit herrlichem Humor. Sofort verstand sich der zusammengewürfelte Haufen gut, wurden reichlich Anekdoten ausgetauscht und hatte man ‘ne Menge Spaß, ohne sich bereits auf der Hinfahrt besaufen zu müssen. Und Zwischendurch war sogar die Gelegenheit, etwas Schlaf nach- bzw. vorzuholen, ein erquickendes Nickerchen ließ Kraft tanken. Hier und da lauerten baustellenbedingte Staus auf unser Quintett, aber wir lagen trotzdem gut in der Zeit, denn niemand von uns hegte ein sonderliches Interesse an den Vorbands. Ohnehin war ganz sicher niemand wegen der LIMP BIZKIT oder SOULFLY dort, denn diese wurden erst im Nachhinein bekanntgegeben. Fred Durst und seine Kapelle kann ich ohnehin nicht leiden und SOULFLY hab ich zwar live als durchaus geil, weil ordentlich wuchtig und brutal in Erinnerung, doch für Plattenkäufe hat’s nie gereicht (im Gegensatz zu anderen Cavalera-Projekten wie NAILBOMB und CAVALERA CONSPIRACY, von den alten SEPULTURA ganz zu schweigen) und so waren mir die Brasilianer an diesem Tag herzlich egal. Unsere Fahrt führte auf Wunsch der beiden weiteren Mitfahrer über Darmstadt, wo sie an ihrem Schlafplatz bei einer Freundin ihr Gepäck abluden. Was man über die Attraktivität jener hessischen Stadt mit ihren Planquadraten und Straßennamen wie „E6“ so hört, scheint wahr zu sein, oder wie es mein Mitfahrer ausdrückte: „Viel schön ist Darmstadt wenig.“ Dafür befand sich direkt um die Ecke ein Imbiss, wo ich mir mittels einer großen Käsepizza erfolgreich eine Grundlage für den Abend schuf. Nach kurzer Wegzehrung ging’s auf zum Endspurt gen Hockenheim, wo die Parkplatzsuche auf dem Obi-Parkplatz endete (der Fahrer und sein Kumpel hatten ebenfalls kein Camping- oder Parkticket und beabsichtigten, im Auto zu pennen) und wir uns ein erstes Bierchen genehmigten, „Astra vom Blech“. Zu Fuß traten wir den ausgeschilderten Weg zum Hockenheimring an, vor und hinter uns zahlreiche Musikfreunde mit dem gleichen Plan. Der Weg führte zunächst durch eine pittoreske Parkanlage und schließlich an den Camping-Plätzen vorbei. Diese waren abgezäunt uns sahen genauso aus wie Rock-Festival-Camping i.d.R. aussieht. Zahlreiche Fans haben nämlich beschlossen, aus dem Ereignis kurzerhand eine Art Festival zu machen, waren zum Teil bereits Mittwoch angereist und hegten keinerlei Absichten, vor Sonntag das Areal wieder zu verlassen. Unangenehm auf fiel ein Zelt, an dem die Reichskriegsflagge hing. Dass bei solch Massenveranstaltungen – pro Tag dürften um die 90.000 Karten verkauft worden sein – auch der eine oder andere Spacken auftaucht, wird sich nicht verhindern lassen. Dass die Flagge hängen bleibt, dürfte jedoch ein Zeichen falsch verstandener Toleranz sein. Was würde mich noch alles erwarten?

Nach einem längeren Fußmarsch kamen wir schließlich am Hockenheimring an, wo ein Biergarten, Merch-Stände etc. eingerichtet waren. Unser Fahrer und sein Kumpel setzten sich in den Biergarten ab, hatten ja erst Tickets für den nächsten Tag. Mit den anderen beiden begab ich mich durch die erste Schleuse – und nun wurd’s spannend. Ich hatte meinen Rucksack dabei, den ich ja schlecht im Auto lassen konnte, wenn ich die Rückfahrt per Bus antrete. Beim Filzen fragte ich, ob es irgendwo ‘ne Möglichkeit gebe, das Ding abzugeben. Der Sicherheitsmensch sagte mir, ich solle da und da hin, da wär‘ noch so’ne Schleuse und auch ein Container, wo ich mein Gepäck loswerden könne. Die beiden Mitgereisten steuerten den ersten Bierstand hinter der Schleuse an, wo wir uns gleich wieder treffen wollten. Während meiner Suche nach der „Garderobe“ wurde mir jedoch nach und nach bewusst, dass man mich zur Eingangsschleuse auf der gegenüberliegenden Seite geschickt hatte und ich in etwa den halben Ring durchqueren musste, um dort anzukommen. Irgendwann endlich vor Ort, wunderte ich mich schon darüber, wie wenig dort los war. Also auch durch diese Schleuse durch und zum Container. Dort allerdings eröffnete man mir, dass man mitnichten eine Garderobe, sondern zuständig zur Verwahrung gefährlicher Gegenstände wäre, die beim Filzen entdeckt worden wären – und ich meinen Rucksack daher dort nicht abgeben könne. Die Kollegin jedoch schien mir helfen zu wollen, fragte, ob ich nicht vielleicht gefährliche Gegenstände dabeihätte und warf noch einen prüfenden Blick in meinen Rucksack. Sie fand meinen Deoroller und präsentierte ihn triumphierend dem Kollegen. Das Ding ist schließlich aus Glas und das könnte ich ja werfen und jemanden damit verletzten. Das allerdings hatte zur Folge, dass ich trotzdem nicht meinen Rucksack, sondern lediglich meinen Deoroller abgeben konnte bzw. musste. Das war nun wirklich reichlich kleinkariert, andererseits war man sehr freundlich, zeigte Verständnis und bat mich, mich ans ONKELZ-Management zu wenden, um Verbesserungsvorschläge loszuwerden, beispielsweise eben den, Garderoben am Konzertort zu errichten. Darauf verzichtete ich für den Moment und wollte mit meinem immerhin um das Gewicht eines Deorollers erleichterten Rucksack zurück durch die Schleuse zum Bierstand. Das ließ man mich nicht, denn raus und wieder reingehen war nicht gestattet. Ich musste auch nur noch ein wenig über den Ring laufen, dann war ich schon im Innenraum – mit Rucksack, ohne Mitfahrer. Glücklicherweise war ich schlau genug, nur das Nötigste eingepackt zu haben, so dass es letztlich auch egal war, ob ich das Ding nun auf dem Rücken hatte oder nicht. Dass ich nicht mehr zum Bierstand zurückkam, erwies sich als Glück, denn während ich zum Getümmel schlenderte, vernahm ich plötzlich die Töne von „Hier sind die Onkelz“! Das erklärte auch, warum am Einlass so wenig losgewesen war. In meiner miesen Vorbereitung auf dieses Großereignis hatte sich eine völlig falsche Uhrzeit in meinem Hinterstübchen festgesetzt. Statt wie vermutet um 22:00 Uhr begannen die ONKELZ bereits um 21:00 Uhr! Es folgte „Mutier mit mir“, den ich auf meinen letzten Metern bereits mitsingen konnte. Durch meine mir eigene Verpeiltheit habe ich zwar die vieldiskutierte, wahnsinnige Ansage Ben Beckers verpasst (natürlich postkonzertal auf Youtube angeschaut), dafür teilt aber wohl kaum jemand die besondere Stimmung und die Eindrücke, kurz vor der Abenddämmerung über einen menschenleeren Hockenheimring zu latschen, dabei trotzdem die ONKELZ mit einem ihrer schönsten Liebeslieder live zu hören und schließlich „um die Ecke“ auf eine zwei- bis dreistellige Menschenmasse und die größte europäische Open-Air-Bühne zu treffen! Rechtzeitig zum Mitgröler „Finde die Wahrheit“ kam ich am linken Rand des Geschehens an, und drängelte mich flugs zu einem der im Publikum verteilten großen Bierstände durch, von dem aus ich perfekte Sicht auf die linke Videowand hatte, aber auch Einblick auf die Bühne. Dicht hinter mir tobte jedoch der Bauernpogo, also noch ein paar Meter nach vorn – perfekt. Während ich mein Gezapftes genoss, stimmten die Onkelz die Unity-Hymne „Kinder dieser Zeit“ vom Abschiedsalbum an: „Wir sind schwarze Schafe, Kriminelle, Huren, Rocker und Rebellen, Randfiguren, Außenseiter, Straßenkids, Schallwellenreiter, Junkies, Träumer, Punks und Spinner, wir sind Verlierer und Gewinner, Kinder dieser Zeit, die ihr Schicksal vereint“ … Das tonnenschwere, bitterböse „Der Preis des Lebens“ über Gevatter Tod persönlich war die erste gelungene Überraschung der Setlist. Mit „Nr. 1“ begab man sich kurz zurück zu Songs aus der Ära nach 2000, bevor mit „Koma – Eine Nacht die niemals endet“ erstmals das „E.I.N.S.“-Album bedient wurde. Überraschend stürmte mittendrin MOSES PELHAM die Bühne, der vor einiger Zeit den Refrain für sein eigenes Stück „Für die Ewigkeit“ adaptiert hatte, so dass eine Mischversion aus beiden Songs live dargeboten wurde. Dass Moses P. vom ehemaligen RÖDELHEIM-HARTREIM-PROJEKT ein Kumpel der Band ist, ist bekannt, dennoch stieß seine Darbietung auf ein geteiltes Echo, manch Mittelfinger wurde in die Luft gereckt. Meins ist es auch nicht, aber auch mit seinem Intermezzo blieb der Song stark – insbesondere, wenn er mithilfe eines Orchesters arrangiert wird. Ja, die Band hatte tatsächlich ein Orchester mit auf der Bühne sitzen, das aus den Songs jedoch kein verwässerten Möchtegern-Klassik-Stücke machte, sondern sie mal subtil, mal klanggewaltig verfeinerte. „Immer auf der Suche“ hieß es anschließend und die besungene „gute Zeit“ dürfe der Großteil der Anwesenden gehabt haben. Über den Mutmacher „Wenn du wirklich willst“ gelangte man schließlich zum überdimensionalen Gassenhauer „Wir ham’ noch lange nicht genug“, ein Song der insbesondere dadurch mit Sinn gefüllt wurde, dass ein sichtlich aufgekratzter und euphorischer Stephan Weidner immer wieder seiner Begeisterung Ausdruck verlieh und versicherte: „Wir bleiben!“ Von diesem Song an folgte ein Knaller auf den nächsten, denn wenn Kevin „Hast du Sehnsucht nach der Nadel“ vom „Es ist soweit“-Album zum Besten gibt, weiß jeder, dass er ganz genau weiß, wovon er singt und wie ich da mit meinem Bierchen stand und ihn fragen hörte „Willst du was erleben, was noch nicht geschehen ist? Suchst du jemanden zum Reden, der gar nicht bei Dir ist? Hast du Sehnsucht nach der Nadel, nach ’ner kleinen Injektion?“ lief es mir nicht nur kalt die Kehle, sondern ebenso den Rücken herunter – was das anschließende „Der Himmel kann warten“ noch verstärkte. Erstgenannter Song ist ein harter Riffer aus der Metal-Phase, letzterer eine sanfte Ballade, die Jahre später entstand, und doch passen beide Songs perfekt zueinander. Mit „Terpentin“ kam wieder ordentlich Bewegung in die Bude bzw. auf den Ring, bevor’s mit „Nur die Besten sterben jung“ wieder melancholisch wurde. Das schon zu Lebzeiten der Band ewig nicht mehr live gespielte „Paradies“ war ein schönes Geschenk für mich als besonderen Fan der „Es ist soweit“-Scheibe und im Anschluss gab man mit „Dunkler Ort“ wieder moderneren Klängen den Vorzug. 16 Songs waren nun schon gespielt, unterbrochen durch diverse freudige Ansagen. Während das Orchester das Instrumentalstück „Panamericana“ intonierte, gönnte sich die Band eine kurze Pause und kam zurück mit der Folkrock-Nummer „Wieder mal ’nen Tag verschenkt“, mitgesungen aus tausenden heiseren Kehlen, von denen ich nur eine war. Unfassbar, wie lange mich dieser Song nun schon begleitet und wie vertraut das in ihm beschriebene Gefühl doch ist. Um den Gänsehautfaktor auf die Spitze zu treiben, blieb man bei den folkigen Klängen und spielte „Ich bin in dir“ von der „Heilige Lieder“. Zu diesem Song hatte ich mit meinem ersten Mädchen gefummelt, doch entfaltet er erst sein ganzes Potential, wenn er textsicher vom größten Chor der Welt mitgesungen wird. Wer da cool bleiben kann, muss ein Eisklotz sein. „Hörst Du diese Lieder? Böhse Onkelz, immer wieder. Sie sind ein Teil von meinem Leben. Sie sind ein Teil von mir, sie sind für Dich, ich schenk‘ sie Dir – mehr kann und will ich Dir nicht geben. Weißt du wirklich, wer ich bin, wie ich denke, wie ich fühle? Liebst du mich, weil ich es bin oder weil ich Dich belüge?“ und „Die Gedanken malen Bilder, doch ich finde keinen Rahmen. Der Wind spricht zu mir, er wünscht mir Glück, er flüstert meinen Namen.“ Nachdenklich-philosophisch und melancholisch ging es auch weiter, denn die Band zog sämtliche Register und toppte mit eingangs erwähntem „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ sogar noch das Vorausgegangene. Welch ein Song, welch vertonte tiefe Emotionen und wie passend für all die Momente innerer Zerrissenheit. Übrigens hatten sich die Fans um mich herum als recht nette Zeitgenossen entpuppt, mit denen man auch gut den einen oder anderen Klönschnack halten konnte, doch während dieses Songs musste ich mir Ruhe erbitten. Überhaupt, das Publikum: Was ich von meinem Standort aus sah, war die erwartet wilde Mischung aus „typischem Festival-Publikum“ (was auch immer das genau sein mag), Metal- und Rockfans und Leuten, die ansonsten wahrscheinlich öfter ins Fußballstadion als auf Konzerte gehen, dazwischen Subkultur aus den Bereichen Metal-, Rocker/Biker-, Punk und Oi!. Gesprochen wurden Dialekte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und der einen oder anderen Gruppe gelang auch ein durchaus passabler Pogo-Pit, der immer ordentlich Staub auf dem furztrockenen Gelände aufwirbelte. Die überwiegende Mehrheit trug ONKELZ-Shirts, was auch nicht anders zu erwarten war. Zumindest dort, wo ich es mir bequem gemacht hatte, war alles prima und ich fühlte mich längst pudelwohl. Der „Melancholie-Block“ fand seinen Abschluss in „Nicht ist für immer da“, der mit seinem aufbauenden Text die gute Laune nach dem tränendrüsenmassierenden Stück zuvor wieder steigen ließ und in eine weitere „Panamericana“-Pause mündete. „Die Firma“ ließ schließlich wieder alle Fäuste in die Höhe schnellen, auf das politkritische Anarcho-Stück „Macht für den, der sie nicht will“ folgte passenderweise „Lüge“, was meiner Euphorie einen weiteren Schub versetzte, da dieser Song meines Wissens vorher noch nie in einem ONKELZ-Liveset auftauchte und bei „Erinnerungen“ wurd’s natürlich noch mal richtig feierlich. Sollte es das gewesen sein? Natürlich nicht. Auch wenn natürlich noch eine zweistellige Anzahl an Hits fehlte, gibt es Standards, die getreu ungeschriebener Gesetze immer dabei sind. Den letzten Block läutete „Feuer“ ein und durch die Pyroshow wurde es noch heißer, als es ohnehin schon war. Und endlich war es soweit: Der Song, auf den so viele so lange gewartet hatten. Der Song, der anlässlich der gerade stattfindenden WM perfekt passte. Der Song, weshalb ich mir auch zum ONKELZ-Gig meine Mexico-Fußi-Trikotage übergestreift hatte: „Señoritas im Arm, Tequila lauwarm, vom Durchfall geplagt und von Fliegen gejagt. Im Land der Kakteen werden wir, du wirst seh’n, wieder Weltmeister, Weltmeister sein!“ Ursprünglich geschrieben zur WM 1986 in Mexico, hatte es erst vier Jahre später geklappt, doch während wirklich jeder diese selbstironische Fußballnummer mitsang, die sich im Laufe der Jahre nicht nur zur inoffiziellen ONKELZ-Hymne mausern, sondern allgemeines Kulturgut werden sollte, arbeitete das DFB-Team erfolgreich am nächsten Titel. Mit „Kirche“ wurde dann auch noch der Wunsch eines meiner Konzert-Nachbarn erfüllt, „Auf gute Freunde“ ließ auch nicht länger auf sich warten und den Song, von dem ich mich schon die ganze Zeit über fragte, wann er denn endlich kommen würde – schließlich steht die Reunion unter seinem Motto –, hob man sich bis ganz zum Schluss auf: „Nichts ist für die Ewigkeit“! „Glaubst du alles, was ich sage? Glaubst du, du weißt wer ich bin? Stellst du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind? Die Ironie, mit der wir spielen, die ihr so schwer versteht, der Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war, nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da. Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts Besseres verdient – habt ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt?“ Das war’s. Nach 29 Songs und drei Stunden (!) war Schluss. Und was hätte man nicht noch alles im Repertoire gehabt?! „Der nette Mann“, „Heute trinken wir richtig“, „Onkelz wie wir“, „Kneipenterroristen“, „So sind wir“, „10 Jahre“, „Nekrophil“, „Heilige Lieder“, „Buch der Erinnerung“, „Gehasst, verdammt, vergöttert“, „Scheißegal“, „Lieber stehend sterben“, „Fahrt zur Hölle“, „Wenn wir einmal Engel sind“, „Danke für nichts“, „Danket dem Herrn“, „Onkelz 2000“, „Keine Amnestie für MTV“, „Narben“ und, und, und… Doch ich war sehr zufrieden mit der Setlist und damit, dass man manch selbstbeweihräuchernden Gassenhauer, mit dem man auf Nummer sicher gegangen wäre, zugunsten vieler nachdenklicherer Songs ausgelassen hatte. Wirklich schmerzlich vermisst hatte ich eigentlich nur „Nie wieder“, jenen Song, mit dem für mich alles seinen Anfang genommen hatte. Die ONKELZ verließen die Bühne, klatschten mit den Fans ab, während das Orchester das kongeniale Instrumental „Baja“ spielte.

Langsam brach die Meute geordnet zum Rückzug auf, andere, so auch ich, warteten bis zum Ende des Songs. Bei noch immer hochsommerlichen Temperaturen verließ ich schließlich auch das Gelände, holte mir meinen gefährlichen Deoroller zurück und musste leider feststellen, dass der Biergarten entweder schon geschlossen oder man uns woanders entlanggeschleust hatte. Dann wurde es etwas chaotisch: Ich befand mich inmitten der Menschenmassen, die sich nun durch die engen Straßen des Örtchens (mehr ist es wirklich nicht, trotz millionenschwerer Rennstrecke – unglaublich!?) Hockenheim zwängten. Übereifrige rissen in der Mitte der Straße postierte Absperrgitter, die die Straße in zwei Bahnen teilte, nieder, deren Sinn sich mir allerdings auch nicht erschloss. Die einen suchten ihren Campingplatz und versuchten, die Richtung herauszufinden, in die sie gehen mussten, andere suchten ihre Shuttle-Busse, derer es wohl spezielle pro Campingplatz gab, wieder andere mussten zum Bahnhof etc. Was für ein Bild: Hockenheimer Straßen überfüllt mit ONKELZ-Fans, überfragte Sicherheitsdienste, die wenigen Taxis permanent ausgebucht, die wenigen Streifenwagen der örtlichen Polizei (mehr gab es dort anscheinend nicht!?) wurden zu hochfrequentierten Auskunftszentralen. Mein Plan war, zunächst einmal den Bahnhof aufzusuchen, um mich mit den Wegen und Entfernungen vertraut zu machen. Es gelang mir sogar, auf einen originalen Hockenheimer zu treffen (das muss mir in solch einer Situation erst mal einer nachmachen!), der mir den Weg wies. In meiner mir eigenen Verpeiltheit (da war sie wieder) vergaß ich, rechtzeitig abzubiegen und latschte erst einmal in die falsche Richtung. Als ich schließlich schon aus Hockenheim raus war, gab ich auf, fragte erneut und siehe da… Nun wusste ich also Bescheid, konnte anderen völlig Abgekämpften auf meinem Rückweg vom Bahnhof in die, äh, „City“ selbst den Weg erklären und also endlich gemütlich den Abend ausklingen lassen (klingt besser als „Nacht um die Ohren schlagen“). Ich besorgte mir ein paar Kannen Cola als Energielieferanten und tingelte durch die wenigen Kneipen. Die meisten Fans waren längst wieder auf ihren Camping-Plätzen, die anderen verteilten sich auf die wenigen Lokalitäten. Dort bekam man aber immerhin noch etwas geboten: Kam man vom gut vorbereiteten und dadurch schnell seine Kundschaft bedienenden Döner-Mann, konnte man in einer Art Bistro das laufende WM-Spiel verfolgen. Nachdem ich der Katerstimmung in der Bahnhofskneipe, dessen Getränke- und Speisevorräte zuneige zu gehen drohten, entkommen war, suchte aber einen anderen Laden auf. Ehrlich gesagt habe ich vergessen, ob das ein Italiener, Spanier, Mittel- oder Südamerikaner war, er war jedenfalls recht groß und eher ein Restaurant als eine Kneipe. Dort liefen bis in die frühen Morgenstunden die ONKELZ aus der Konserve und versammelten sich Hans und Franz (und Franziska), mancher bereits mit bedenklicher Schlagseite und zum Leidwesen der tüchtigen, resoluten Wirtin auf Stühlen stehend Luftgitarre spielend. Ich holte mir ein Bier, ergatterte einen Sitzplatz, beobachtete das Treiben und kam mit einem Paar ins Gespräch, das eigens aus Österreich angereist war und gar nicht fassen konnte, wie unglaublich klein Hockenheim doch ist. Irgendwann hatte die Wirtin die Faxen dicke, stellte die Stühle hoch und ging in den verdienten Feierabend. Ich begab mich zurück zum Bahnhof, lernte eine Gruppe aus Bayreuth kennen, die mich sogar gratis auf ihrem Ticket bis Heidelberg mitnehmen konnte. Der ÖPNV machte es noch ein wenig spannend, als der Bus zehn Minuten zu spät eintraf, brachte uns aber trotzdem zum Heidelberger Bahnhof, wo ich in den ebenfalls leicht verspäteten Fernbus gen Hamburg stieg.

Es war mittlerweile kurz nach sechs und ich döste ein wenig vor mich hin. Der Bus war nicht einmal voll besetzt, ca. die Hälfte der Reisenden kam vom Konzert. In Frankfurt stiegen zwei Eintracht-Hools mit Migrationshintergrund ein, die ebenfalls nach Hamburg wollten. Die hatten sich mit Bier und Jägermeister ausgestattet, zwitscherten sich einen und hatten schräg hinter mir Platz genommen. Dadurch bekam ich ihre unfassbar witzigen Gespräche mit, wenn ich nicht gerade mehr schlecht als recht im traumlosen Dämmerschlaf verweilte. Diese beiden Typen sorgten für ein nicht von der Hand zu weisendes Unterhaltungsprogramm mit ihrem herrlichen hessischen Akzent und nutzten jeden Busstopp, um Nachschub an Alkoholika zu besorgen. Nicht so der Hit war, dass Fahrer Christian uns an einer Raststätte für seine halbstündige Pflichtpause des Busses verwies, aber auch die brachte ich rum. Lustigerweise musste Christian nach jedem Zwischenhalt sein Sprüchlein aufsagen, in dem er sich nicht nur vorstellte, sondern sich auch dafür entschuldigte, dass man einen Ersatzbus nehmen musste, der nun nicht über WLAN verfügt, dass wir mit Verspätung unterwegs sind und später auch noch, dass das Klo mittlerweile aussehe wie Sau. Auf den Zwischenruf der Frankfurter, ob er denn Bier habe, reagierte er mit „Bier haben wir leider auch nicht“, musste selbst lachen und versicherte uns, dass das die frustrierendsten Ansagen wären, die er jemals machen musste. Ich hab mich köstlich amüsiert. Die beiden, von denen sich der eine als Berufsmasseur entpuppte, kamen dann auch noch mit einer Sozialpädagogin ins Gespräch, die hinter mir saß. In Göttingen stiegen ein paar aufgehübschte Muttis zu und stießen mit Dosensekt an. Da die beiden Frankfurter gerade wieder auf Biersuche waren, versicherte ihnen mein Sitznachbar von vorne, dass hinten zwar noch ein paar Plätze frei wären, sie dort aber ganz bestimmt nicht sitzen wollen würden. Mittlerweile begann ich schon laut zu lachen. Fahrer Christian sagte fleißig weiter sein Sprüchlein auf und musste sich aufgrund der Verspätung sogar vorzeitig von uns verabschieden und an einem Rastplatz den Fahrerwechsel vollziehen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, vorher kurzerhand einen falschen Rastplatz anzufahren – natürlich nicht unquittiert mit spaßigen Sprüchen von hinten. Herrlich! Irgendwann in Hamburg angekommen, erhoben sich alle von den Sitzen und während die Frankfurter noch darüber berieten, ob sie ihren Müll nicht schlicht auf der Rückbank zurücklassen sollten, trafen sich kurz meine wissenden Blicke mit denen der Sozialpädagogin, die nun auch nicht mehr an sich halten konnte und zusammen mit mir in Gelächter ob der skurrilen Fahrt ausbrach. Nun hatte ich nur noch die letzten Meter vor mir und fiel schließlich geschafft ins Bett, um rechtzeitig zum Spiel Deutschlands gegen Ghanas wieder aufzuwachen und Zeuge zu werden, wie es auch für Jogis Jungs nicht ganz so rund läuft, wenn ich bischn inne Seile hänge.

Fazit: Ja, es war abenteuerlich. Aber es hat alles erstaunlich gut geklappt und ich habe keine Sekunde bereut. Ich habe interessante Leute kennen gelernt, vor allem aber ein großartiges Konzert gesehen und unheimlich viele Eindrücke mitgenommen. Nachts in den Straßen sah ich sie dann zwar, die hässlichen FREI.WILD-T-Shirts und sogar zwei Kapeiken in „Thor Steinar“-Naziklamotte, letztere sind angesichts der unfassbaren Menschenmengen aber sicherlich im Promille-Bereich anzusiedeln gewesen (ausnahmsweise nicht auf den Alkohol bezogen, wobei man natürlich reichlich naturbesoffen sein muss, um sich solche Scheiße überzuziehen). In Gefahr, um meinen Anfangs-Aufhänger wieder aufzugreifen, befand ich mich zu keinem Zeitpunkt, Streitereien oder gar Schlägereien habe ich keine einzige mitbekommen, niemand hat mich angepöbelt oder mir irgendwie das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein. Auch die Polizei bestätigte anschließend, ich zitiere: „Das war der friedlichste Einsatz, den wir je bei solch einer Großveranstaltung hier hatten!“ Ob das nun auf die große Toleranz des ONKELZ-Publikums (worauf es sich viel einbildet) oder schlicht auf dessen Gleichgültigkeit zurückzuführen ist, vermag ich allerdings nicht abschließend zu beurteilen. Dass man sich vor ihm in Acht nehmen müsste, kann ich aber keinesfalls bestätigen. Die Band machte einen guten, fitten Eindruck, lebte ehrliche Spielfreude auf der Bühne aus und war sichtlich ergriffen, was die überschwänglichen Ansagen widerspiegelten. Kevin bedankte sich zwischenzeitlich bei seinen Therapeuten und bläute den Fans ein, die Finger von harten Drogen zu lassen. Warten wir ab, was da noch kommen wird. Kevin hat mit seiner neuen Band ein Soloalbum veröffentlicht, das ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gehört habe. In Video-Statements im Internet wirkt er voller Energie, teilt aber auch gut aus in Richtung der Presse, die übrigens zur ONKELZ-Reunion kurzerhand nicht eingeladen worden war. Das bedeutet, es wurden keine separaten Pressetickets zur Verfügung gestellt. Wie nicht anders zu erwarten war, rauschte es wieder im Blätterwald und sog sich manch fragwürdiger Journalist dieses und jenes aus den Fingern. Irgendwie ist fast alles wieder so früher, manche Dinge scheinen sich eben nie zu ändern. Ich werde das weiter beobachten, auch zukünftig immer mal wieder über den Tellerrand hinausschauen und mir meine eigene Meinung bilden – in Fällen wie diesen auch gern persönlich vor Ort. „Mach’s gut, du schöne Zeit, auf Wiedersehen…“

14.06.2014, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2014

gaußfest_2014

Einmal jährlich steigt auf dem Hamburger Gaußplatz das Gaußfest bestehend aus zwei Tagen Open-Air-Festival und anschließendem Fußballturnier „Zappacup“. Nachdem man uns im letzten Jahr bereits eingeplant hatte, wir aber verletzungsbedingt schweren Herzens absagen mussten, sollte diesmal alles klappen. Nachdem am Freitag bereits die erste Sause über die Bühne gegangen war, sollten wir den Samstag eröffnen. Da Freitag jedoch anscheinend einiges schief gelaufen und es aufgrund technischer Probleme zu massiven Verzögerungen gekommen war (die schließlich die Anwohner auf den Plan riefen), bat man uns um einen superpünktlichen Beginn, statt der kommunizierten 18:00 Uhr sollten wir spätestens um 17:45 Uhr die ersten Akkorde peitschen. Das war eigentlich nicht so das Problem, denn das Publikum war bei bestem Wetter zahlreich vorhanden und lümmelte sich in der Sonne. Ein ganz anderer Schnack jedoch ist dessen Motivation zu einer derart frühen Tageszeit, wenn es häufig noch fertig vom Vortag und/oder noch nicht betrunken genug ist, um uns nicht nur zu ertragen, sondern sich auch zu irgendwelchen Reaktionen provozieren zu lassen. Ach wat, so schlimm war’s gar nicht, die ersten Hartgesottenen trauten sich tatsächlich vor die Bühne, darunter ein Mädel mit beeindruckenden Kung-Fu-Künsten, die sowieso jeden weiteren Bastard in sekundenschnelle von der, äh, „Tanzfläche“ gekickt hätte. Der Gig lief problemlos, wir spielten das volle Set und im Anschluss gab’s auch den positiven Zuspruch. Nach getaner „Arbeit“ konnten wir uns ins Vergnügen stürzen, mussten uns aber auch um den Abtransport des Equipments etc. kümmern, weshalb ich THEMOROL größtenteils und THE INSERTS komplett verpasste. Wieder am Start zu mittlerweile fortgeschrittener Stunde war ich bei den kongenialen YARD BOMB um Shouter Rolf, die einmal mehr mit ihrem Oldschool-US-Hardcore-Set zu begeistern wussten und darüber hinaus viel von ihrem Charisma und Humor profitieren. Einwandfreier Gig, wie immer geil! Vor zwei Wochen waren es zwei RESTMENSCHen, die uns zum Elb-Tsunami-Festival geladen hatten, jetzt spielten sie mit ihrer De-facto-NEUE-KATASTROPHEN-Nachfolge-Band selbst „umsonst & draußen“. Erstmals bekam ich die Gelegenheit, mir die Band mal anzuschauen und was ich da im allgemeinen Trubel vernahm, war deutschsprachiger Punkrock mit beißend sarkastischen Texten von einem gewissen Niveau, ohne in verklausulierten Studentenpunk abzudriften. Interessanter, überzeugender Auftritt und ich glaub, die muss ich mal im Auge behalten. Mittlerweile war’s dunkel geworden, aber ein Blick auf die Uhr verriet den Veranstaltern, dass es noch verdammt früh war und ein Blick ins Programm wiederum offenbarte gähnende Leere: Da kam nix mehr. Gar nix mehr? Vier von fünf Motherfuckern waren noch verfügbar und halfen dem nun viel zu früh mit allem durchgewesenen Gaußfestverwaltungsapparat aus der Patsche und machten nicht nur den Opener, sondern auch den Rausschmeißer, indem sie ohne mittlerweile verhinderte zweite Terrorklampfe erneut die Bühne erklommen und ihre schlimmsten Weisen noch einmal ins nun deutlich angestacheltere Publikum rotzten. Aus vier geplanten Songs wurden sechs oder sieben und trotz unseres Alkoholpegels klappte das auch noch erstaunlich gut. Dann war aber endgültig Feierabend und ich verließ das Gelände, um zu sehen, wie England sich von Italien die Fritten aus dem Fett nehmen ließ. Auch wenn ich leider nicht schon am Freitag vor Ort sein konnte, war das Gaußfest wieder ‘ne verdammt geile Angelegenheit mit vielen lässigen Leuten, lecker Bier, schmackhaftem Essen und nicht zuletzt geilen Bands und bleibt somit jährlicher Pflichttermin – unabhängig davon, ob wir auf oder „nur“ vor der Bühne stehen. Danke an Zappa, Norman, Wurzel & Co. sowie an RESTMENSCH, über deren Equipment wir den Zugaben-Gig spielen durften!

24.05.2014, Hamburg-Veddel: ELB-TSUNAMI-FESTIVAL

elb-tsunami 2014Zum vierten Mal in Folge veranstalteten die Jungs von NEUE KATASTROPHEN respektive RESTMENSCH das ELB-TSUNAMI-Open-Air-Festival an der Veddeler Peutebahn auf der Elbinsel Wilhelmsburg, wobei man sich diesmal auf einen Tag beschränkte. Das Konzept, nur Bands aus Hamburg oder unmittelbarer Umgebung auftreten zu lassen, musste diesmal leicht aufgeweicht werden, da die britischen Thrash-Metal-Veteranen VIRUS ins Billing rutschten. Dafür nimmt man so’ne kleine Kursabweichung doch gern in Kauf! Nach wie vor ist das Festival für Besucher komplett gratis und Verpflegung gibt’s zu überaus fairen Preisen – besser geht’s eigentlich gar nicht. Umso geiler, dass wir diesmal mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS selbst nicht nur als Gäste dabei waren, sondern auch auf der Bühne standen! Den Opener KOUKOULOFORI verpasste ich zeitbedingt und von PARADOCKS bekam ich nur noch den Schluss mit, der u.a. aus ‘nem kompetent dargebotenen SCHLEIMKEIM-Cover bestand. Die TRÜMMERRATTEN folgten, anscheinend handelt es sich um eine noch junge Nachwuchsband. Die Jungs und das Mädel an den Drums begannen etwas holprig, steigerten sich jedoch schnell und zockten prima deutschsprachigen Punk, textlich am Puls der Zeit mit Bezügen zur momentanen Situation in Hamburg und dementsprechend angebrachtem Gewettere gegen Scholz und Konsorten. Der Hit allerdings war für mich der Song übers Schwarzfahren mit dem HVV. Jemand im Rattenkostüm tanzte ausgelassen bei herrlichstem Kaiserwetter vor der Bühne und kam bestimmt gut ins Schwitzen. Generell mangelte es nicht an interessiertem Publikum und ich hatte schon zu diesem frühen Zeitpunkt so richtig Spaß inne Backen! Nach den TRÜMMERRATTEN sollten wir ran, 18:15 Uhr war unsere Zeit, ‘ne Viertelstunde Umbauzeit war vorgesehen, die dank der perfekten Organisation mit stets bereitstehender zweiter Backline hinter der Bühne dicke ausreichte – und weil die vorherigen Bands anscheinend recht schnell ihre Sets durchgezockt und ihre halbstündigen Spielzeiten gar nicht ausgenutzt hatten, konnten wir’s sowohl locker angehen lassen als auch schon um 18:00 Uhr beginnen. Ein kurzer Soundcheck erwies sich als völlig ausreichend auf der großen, professionellen Bühne. Die Mikros waren allesamt kabellose Funkmikros, vornehm geht die Welt zugrunde! Ein Novum für mich, noch nie so’n Dingen vorher inner Hand gehabt – aber ist schon geil… Von Anfang an schien man Bock auf unsere Mucke zu haben, wenn auch viele ob der gleißenden Sonne lieber vom Schatten aus etwas entfernt von der Bühne ihren Blick auf selbige richteten. Ein paar Leute fanden sich dennoch vorne ein, schwangen die Gliedmaßen und grölten mit. Die Resonanz nach jedem Song war klasse und unser Sound dank des fähigen Verantwortlichen anscheinend auch sehr ordentlich. Großer Wermutstropfen indes, dass wir ohne Mike an der zweiten Gitarre auftreten mussten, dem die aktuellen privaten Umstände leider, aber verständlicherweise keine Teilnahme ermöglichten. Wo die zweite Klampfe überall fehlt, hören wir selbst aber vermutlich wesentlich stärker als der Pöbel heraus und wir haben letztlich das Beste draus gemacht. „Victim of Socialisation“ flog aus diversen Gründen – einer davon war die vermutete knappe Spielzeit – diesmal aus dem Set, dafür forderten die Pulvertoasties ihr „Waffelvibe“ und der Rest noch einmal „Elbdisharmonie“ als Zugabe. Damit endete unser Gig, mit dem wir zufrieden sein konnten. Der eine oder andere Verhacker war zwar wieder dabei, die groben Klöpse aber blieben aus. Trotzdem kann ich’s kaum erwarten, wieder in kompletter Besetzung zu spielen! Die LOSER YOUTH nach uns machte ihrem Namen keinerlei Ehre und bescherte der Veddel schnörkellosen, angepissten, aggressiven Hardcore-Punk mit deutschen Texten, vorgetragen von hysterischem Gesang. Gefällt! Dass es der Prophet im eigenen Lande nicht immer leicht hat, bewiesen danach ARRESTED DENIAL, jene Hamburger Streetpunk-Combo um Ex-THIS-BELIEF-Shouter Valentin, die nach allgemein abgefeiertem (und ja wirklich geilem) zweiten Album und erfolgreicher Balkan-Tour eigentlich das heimische Publikum zum Ausrasten bringen müsste, jedoch eher aus sicherer Entfernung beäugt wurde – trotz fähigem neuen Bassisten (nach SMALL-TOWN-RIOT-Timos mehrmonatigem Gastspiel) und einen makellosen Gig inkl. SMEGMA-Cover und manch anderer Auflockerung. Nicht falsch verstehen, der Mob war ja trotzdem da und es hat ihm ganz bestimmt auch gefallen, nur hätte man das auch gern der Band gegenüber stärker zum Ausdruck bringen dürfen. Und wo war eigentlich das rotbärtige Groupie? CONTRA REAL übernahmen und die mag ich ja, weil ich es zum einen immer faszinierend finde, wenn jemand Schlagzeug spielt und gleichzeitig singt und mir zum anderen die Kombination aus Hektik und eingängigen, fast hymnischen Refrains zusagt. Das Trio mit weiblicher Röhre und deutschen Kampftexten geht immer gut in Arme und Beine und ich sach mal: Wenn heutzutage Antifa-Parolen-Punk, dann so! Dann wurd’s ein bisschen traurig, weil der letzte Auftritt der Hamburger/Holsteiner Oldschool-Hardcore-Genialisten INSIDE JOB anstand. Da hat man doch tatsächlich wegen irgendwelcher Nebensächlichkeiten wie musikalischem Talent beschlossen, sich einfach so aufzulösen, glücklicherweise weder sang- noch klanglos, sondern mit einem krachenden Gewitter auf dem Elb-Tsunami! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah ich demnach ein letztes Mal die Herren mit vollem Körpereinsatz kurzknackige HC-Eruptionen raushämmern, was der Pöbel ihnen mit Mehreinsatz dankte. Mit INSIDE JOB hatte Hamburg ganz sicher eine der besten Bands dieser Subsubgattung anzubieten und es ist ein Jammer, dass es das gewesen sein soll. Auch mit PROBLEM KID soll schon wieder Schluss sein, jenem vielversprechenden Seitenprojekt mit Shouterin und INSIDE-JOBbern. Wie ich die Leute kenne bzw. einschätze, wird man sich aber schnell wieder zur einen oder anderen Krawallcombo zusammenfinden und ordentlich auf die Kacke hauen. Gut so! Meine Freundin hat mir netterweise noch ‘ne 7“ und das Fanzine vom Sänger besorgt, denn „niemals geht man so ganz, irgendwas von euch bleibt hier“, wusste seinerzeit so ähnlich schon Schlager-Shouterin Gitte. Bevor’s jetzt aber pathetisch wird, schnell ein paar Worte zu den RAZORS. Wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, war während INSIDE JOB so’n bischn Regen ausgebrochen, wie in Hamburg üblich, doch ein Großteil des Publikums erwies sich als Süßwassermatrosen und floh in die Trinkhalle (nenn‘ ich jetzt einfach mal so). Die HH-Altpunks RAZORS traten dann im Strömenden auf, erfreuten sich jedoch ungebrochener Beliebtheit und legten auch eine wirklich mitreißende Nummer aufs Parkett. So mancher aus der Band ist immer noch verdammt, ja, fast beneidenswert fit und vor allem – und das ist das Wichtigste – immer noch mit vollem Eifer bei der Sache, so dass man anscheinend sehr gerne mal auch solche Gigs einfach aus Spaß am Punkrock spielt, statt größere Gagen abzugreifen oder sich auf seinen Pionierstatus einen runterzuholen. Das Wetter trieb diverse Leute zusätzlich auf die Bühne und irgendwie hatte das alles den Anschein eines großen Familien- oder Freundestreffens, pünktlich zur untergehenden Sonne. Geil! THE ELIMINATORS sind nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Surfband, heißen (oder hießen?) eigentlich JOHNNY BLACKHEART & THE ELIMINATORS und bestehen aus einem in Deutschland gestrandeten Ex-GENERATOR(S) sowie dem umtriebigen Rolf (YARD BOMB, THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL-TOWN-RIOT), der sich extra etwas Haupthaar wachsen lief, um nicht mehr mit mir verwechselt zu werden (und natürlich weiteren Leuten). Ich glaub, die Band liegt immer mal auf Eis und wird dann zwischenzeitlich wieder reaktiviert und so anscheinend auch diesmal. Ferner glaub ich, die diesmal – weiß der Geier, warum – erst zum allerersten Mal live gesehen zu haben und was ich zu sehen und hören bekam, kickte mich hart, denn das war richtig geiler Oldschool-Rotz-HC-Punk US-amerikanischer Prägung. Auch deren 7“ wanderte dank der Lady in meinen Besitz über und, verdammt, das würd ich gern noch mal sehen, wenn ich nüchterner und fitter bin! Beides war ich erst recht nicht mehr bei VIRUS und der enorme Publikumszuspruch hat mich dann doch überrascht. Die Alben „Pray For War“ und „Force Recon“ hatte ich zwar irgendwann mal gehört, zu Begeisterungsstürmen konnte mich aber allgemein kein britischer Thrash Metal so richtig hinreißen – da hatten seinerzeit die Deutschen und die Amis einfach die Nase vorn. Als alter Thrasher hatte ich nach Punk in seinen unterschiedlichsten Variationen jetzt aber auch so richtig Bock auf ‘ne ordentliche Dosis fiesen Geriffes und da kamen mir Virus gerade recht. Und ich war nicht der einzige, der so dachte, denn es wurde richtiggehend voll und eng da vorne. VIRUS begrüßten ihr Publikum mit der Information, keine Punk- oder HC-Band zu sein, sondern Thrash zu zelebrieren, und ab ging’s. Der bärtige Glatzkopf an Leadklampfe und Gesang blickte grimmig drein und entfachte als einziges Urmitglied mit seinen drei neuen Mitstreitern ein wahres Thrash-Feuerwerk mit aggressivem Riffing, donnernden Drums, wütendem Gekeife und hin und wieder geilem Doppel-Lead-Metal-Gefiedel, das live in dieser Kombination so richtig knallte, dem zweiten Gitarristen mit den Wuschelhaaren gerade auch ob des durchdrehenden Mobs augenscheinlich viel Spaß machte und mir als mittlerweile gut alkoholisiertem, äh, „Bangmoshpoger“ manch Lädierung durch andere sich anscheinend nicht mehr ganz unter Kontrolle habende, von der Mucke Aufgestachelte einbrachte. Es hat sich aber gelohnt, denn VIRUS war nicht nur das Tüpfelchen auf dem I, sondern der krönende Abschluss eines arschgeilen, stilistisch abwechslungsreichen Festivals, auf dem mich wirklich JEDE Band, die ich sah und hörte, überzeugte und es erscheint mir fast unverständlich, dass bei so einer Sause für umme nicht schlichtweg jeder Hamburger, der mit dieser Musik und Kultur etwas anfangen kann, anzutreffen war! Ich verneige mich in Ehrfurcht vor allen, die das ELB-TSUNAMI ermöglicht haben, bedanke mich noch mal höflich für die Einladung (und das Freibier satt!), und würde mich freuen, nächstes Jahr mit BOLANOW BRAWL dabei zu sein!

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