Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 27 of 37)

10.05.2013: Hamburger Hafengeburtstag

hafengeburtstag von unten 2013 1Geil, mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS auf dem „Hafengeburtstag von unten“ auf der Onkel-Otto-Bühne vorm Störtebeker spielen, nach Jahren als Besucher selbst aktiv für räudige Beschallung sorgen, während beim städtischen, offiziellen Teil der jährlichen Mega-Veranstaltung i.d.R. höchstens von der Jolly-Roger-Bühne erträgliche Klänge ertönen! Einmal auf der Bühne stehen und Hamburg niederpöbeln, während ahnungslose Touristen zusammen mit selbstgefälligen Einwohnern sich selbst und den Hafen feiern! Doch, oh Graus, Drummer Chrischan wurde von ‘ner fiesen Grippe heimgesucht und musste seine Teilnahme absagen. Glücklicherweise haben wir mit Iron Mike Motherfucker ein echtes Multitalent an Bord, den wir hier eigentlich erstmalig als zweiten Gitarristen einweihen wollten. So aber nahm er kurzerhand hinter der Schießbude platz, prügelte sich innerhalb von nur zwei Proben notdürftig das Programm rein und unser Gig konnte doch noch über die Bühne gehen. Nachdem am Donnerstag eine Art Aufwärmprogramm mit zwei Bands im Onkel Otto stattfand, eröffneten wir am Freitag den Reigen auf der geräumigen Open-Air-Bühne. Die Onkel-Otto-Bühne ist nicht nur für geile, meist rustikalere Mucke berüchtigt, sondern auch für ihre Zeitverschiebungen und -verzögerungen und so wunderte es uns auch wenig, dass man uns im Vorfeld keine wirkliche Anfangszeit mitteilen konnte und aus dem ursprünglich prognostizierten Start am Nachmittag letztlich 20:00 Uhr wurde. Das lag aber u.a. daran, dass eine Band (ich glaub, die DUKES OF CUMSHOWER aus Rostock) kurzfristig abgesagt hatte. War auch alles kein großes Problem, denn die Zeit ließ sich prima mit diversem Gequatsche in angenehmer Atmosphäre mit ebenso angenehmen Zeitgenossen an der Bierzeltgarnitur verbringen, zehn Getränkefreimarken pro Nase sorgten fürs Sabbelwasser, am Cocktailstand kam karibisches Flair auf (und trotz Hafengeburtstag blieb’s diesmal sogar weitestgehend trocken – das Wetter mein ich!) und kurz vorm Soundcheck wurde unfassbar leckeres veganes Gulasch mit frischem Fladenbrot kredenzt, in das ich mich hineinlegen hätte können! Kompliment an den Koch! Mit Norman kümmerte sich ein Mann um den Sound, der uns bereits vom Rondenbarg kannte, optimale Voraussetzungen also. Tatsächlich kamen wir in den Genuss des Luxus funktionierender Monitorboxen und hatten glaub ich sowohl auf als auch vor der Bühne ‘ne verdammt respektable Abmischung. Unser Set hatten wir um einen Song (die Coverversion „Les Rebelles“) leicht gekürzt und den Rest hier und da mal mehr, mal weniger improvisiert in die jetzt auch interessierte und begeisterungsfähige Meute gerotzt. Dabei fiel mir auf, wie geil so’n Open Air ist – man bekommt richtig gut Luft und hat dementsprechend mehr und länger Puste – kein Vergleich zu ’nem verqualmten kleinen Club, könnte man sich dran gewöhnen! Als kleinen Tribut an Chrischan und weil’s schließlich was zu feiern gab, haben wir nach „Aktion Mutante“ Dosenbier spendiert – genauer: ein 5-Liter-Fass Bier, das optimal geeignet war, um das Publikum mit kühlem Nass zu versorgen. Mit ordentlich Druck schoss der Gerstensaft heraus und in durstige Mäuler hinein (DUKES OF BEERSHOWER?). Den Umständen geschuldet sind wir ohne Zugabe von der Bühne runter, haben uns offensichtlich aber neue Motherfuckers erspielt und freuen uns auf den nächsten Gig wieder in regulärer Besetzung. Nichtsdestotrotz an dieser Stelle einen Riesenrespekt an Mike, ohne den wir ganz schön dumm bzw. noch dümmer als sonst aus der Wäsche geschaut hätten.

Anschließend folgte das kurzfristig für die abgesagte Band eingesprungene Duo HEINZ ALBERS UND HANS RÜHMANN, ich glaube auch aus Rostock, das mit Quetschkommode und Akustikklampfe bewaffnet Shantys und Artverwandtes zum Besten gab. Das war sehr gekonnt und sympathisch-humorvoll vorgetragen und ein schönes Kontrastprogramm. Dann wurd’s international und die Norweger KNUSTE RUTER sowie die Spanier JUVENTUD INFINITA waren an der Reihe, wovon ich aber nicht allzu viel mitbekommen habe, da ich zur Jolly-Roger-Bühne hinunterging und mir die Hamburger Punk-Pioniere RAZORS anschaute. Die legten einen energiegeladenen Set hin und hatten ihre rotzigen bis hymnischen, gern auch beides, Hits dabei. Das machte Laune, die Herrschaften wirkten locker, das Publikum hatte man aber auch schon mehr abgehen sehen, wenngleich es sehr zahlreich erschienen war. An dieser Stelle fehlt eben einfach die intime Atmosphäre kleinerer Bühnen. Ein gelungener Auftritt, mit den RAZORS ist einfach immer noch zu rechnen und der Gig machte nicht den Eindruck, als würde sich das in allzu naher Zukunft ändern. Manch Klönschnack später – mit fortschreitender Stunde füllten sich die punkrelevanten Ecken des Hafengeburtstags immer mehr – hieß es dann, sich noch WHAT WE FEEL auf der Onkel-Otto-Bühne reinzuziehen, jene Hardcore spielenden Russen, die mit eindeutiger, unmissverständlicher antifaschistischer Positionierung in einem Land Stellung beziehen, in denen Neonazis seit geraumer Zeit Morgenluft wittern und mit dem sozialen Auseinanderdriften der Gesellschaft und neuer Armut vielerorts eine Verrohung einherging, die schon viel zu viele Punks, Skinheads, Antifaschisten und generell Andersdenkende das Leben gekostet hat. Eine mutige, authentische, engagierte Band, die auf den Brettern der Hamburger Bühne permanent in Bewegung war und eine wahnsinnige positive Energie ausstrahlte, während brutaler Hardcore zu den Themen passend laut und rau aus den Boxen donnerte und zu Pogo und Mosh einlud. Bei russischen Bands mag ich es ja besonders, wenn hier und da noch ein wenig Folklore durchklingt, oder eben irgendetwas unverwechselbar Russisches, doch dafür orientiert sich diese Band zu stark an US-amerikanischen Hardcore – zumindest musikalisch, und das aber absolut gekonnt. Ein verdammt großartiger, respekteinflößender Auftritt und würdiger Abschluss des Abends.

Was ich aber nicht ganz verstanden habe, ist, weshalb offensichtlich parallel zur Onkel-Otto-Bühne an der Volxküche noch ein Soli-Konzert mit ORÄNG ÄTTÄNG und anderen Bands, die auch gut auf die Onkel-Otto-Bühne gepasst hätten, stattfand…?

04.05.2013, Honigfabrik, Hamburg: INBREEDING CLAN + ROBINSON KRAUSE + LABSKAUS + TCB + BOLANOW BRAWL

inbreeding clan + robinson krause + labskaus + tcb + bolanow brawl @honigfabrik, hamburg, 04.05.2013Eigentlich sollte das Konzert in einer zu einer Art Wohnprojekt gehörenden Lagerhalle irgendwo auf der Hamburger Elbinsel stattfinden, so richtig schön underground. Das fiel jedoch in letzter Sekunde ins Wasser, das Wohnprojekt wird aufgelöst und die Halle stand Veranstalter Tom nicht mehr zur Verfügung. Schöne Scheiße, so’ne Nachricht wenige Tage vorm Konzert. Doch genialerweise war das Wilhelmsburger Kulturzentrum Honigfabrik ausgerechnet an jenem Samstag frei, und noch genialererweise erklärte man sich dort spontan bereit, unser schmutziges Konzert in die heiligen Hallen des edlen Jazzclub-Ambientes zu verlegen. Doch damit nicht genug, man verzichtete gar auf die Mieteinnahmen, so dass der lächerliche Eintrittspreis von 2 Talern (in Worten: ZWEI!) für fünf Bands gehalten werden konnte. Außerdem wurden kurzerhand die Getränkepreise nach unten korrigiert und das Rauchen im Saal gestattet. Was für ein wahnsinniges Entgegenkommen!? Die ursprünglich eingeplante Band mit dem bescheidenen Namen GOTT war leider trotzdem verhindert, dafür sprangen aber ROBINSON KRAUSE ein. So stand einer geilen Punkrock-Party nichts mehr im Wege. Ich war lange nicht mehr in der Honigfabrik, mein letzter Besuch als Gast war Jahre her. Der 04.05. entpuppte sich als sommerlicher Frühlingstag, der zum Aufenthalt im Freien einlud. So tummelten sich bereits am Nachmittag, als wir als erste Band zum Aufbau eintrafen, zahlreiche Einwohner der Migranten-Hochburg sowie spätere Konzertbesucher und Bandmitglieder beim Grillen und Saufen im direkt an der Honigfabrik gelegenen, pittoresken Park. Meine Bandkollegen hatten am frühen Nachmittag noch einmal geprobt und sind anschließend punkertypisch per Taxi mit dem Equipment zum Veranstaltungsort, ich stieß dort dazu. Zunächst galt es, bis zum Konzertbeginn noch einige Stunden totzuschlagen, in denen es ehrlich gesagt nicht sonderlich viel zu tun gab. Also suchte man ’ne Dönerbude auf, unterhielt sich mit den netten Verantwortlichen von der Honigfabrik, begrüßte die nach und nach eintrudelnden Bands und hatte je nach Bandmitglied mal öfter, mal seltener ’ne Vase Pils am Hals. Mit Eintreffen der zweiten Gitarrenbox machten wir dann endlich den Soundcheck auf der für unsere Verhältnisse verdammt geräumigen, professionellen Bühne mit Lichtanlage und Monitorboxen für jeden einzelnen von uns – welch ein Luxus! Ich glaube, schon 22:00 Uhr war es, als wir mit BOLANOW BRAWL – unser zweites Konzert überhaupt – den musikalischen Teil des Abends eröffneten. Der Saal war für solch ein Konzert in Wilhelmsburg doch recht ordentlich gefüllt. Natürlich war dies kein Heimspiel wie unser erster Auftritt im Skorbut, wo wir die einzige Band waren und man gespannt war auf unser Live-Debüt, ja sogar einige Proberaumaufnahmen kannte und manches Mal lauthals mitsang, doch der Großteil der Zuschauer zeigte sich interessiert an unserem englischen Streetpunk, einige kamen auch nach vorne und tanzten, so soll’s sein. Mit Ertönen unseres ersten Songs „Crossed Your Plans“ legte sich bei mir ein Schalter um. Ich hatte zwar nur verdammt wenig getrunken vorher, dafür schoss sofort das Adrenalin durch meinen Körper und ich fühlte mich sauwohl auf der Bühne. Kaum noch Gedanken an möglicherweise vergessene Lyrics ohne griffbereites Textblatt und auch das Lampenfieber war quasi wie weggeblasen. Wir spielten alle elf Songs, quatschten bei den natürlich überhaupt nicht abgesprochenen Ansagen alle fröhlich durcheinander, Ole wurd’s zu eng, so dass er mit seiner Streitaxt ins Publikum sprang und ca. nach der Hälfte des Sets musste ich meinem ausgelebten Bewegungsdrang Tribut zollen und doch sehr mit der Kondition haushalten, um für anstrengende Songs wie „Brainmelt“ noch genügend Puste zu haben. Wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß auf der Bühne und genossen es, endlich mal wieder live zu spielen, müssen aber auch zugeben, im Proberaum in der Regel etwas „tighter“ zu sein, der eine oder andere Verspieler war sicherlich der langen Wartezeit geschuldet, die mit dem einen oder anderen Langeweile-Bierchen zuviel bekämpft wurde. Ich verließ ziemlich verausgabt die Bühne, genoss die Pause und freute mich auf das weitere Programm, das nun ganz entspannt konsumiert werden konnte: Die mir von ihrem Auftritt auf der letztjährigen Buxtehuder Tobsucht-Party bekannte Zweimann-Band TCB war an der Reihe, um nur mit Drums, Gitarre und Shouts ca. 30 kurze Songs zum Themenkomplex Raumfahrt und Science Fiction darzubieten, erneut geschmackvoll in Bundeswehr-Jogginganzüge gehüllt. Das war für den einen oder anderen Lacher gut und erschien mir diesmal wesentlich kurzweiliger als letztes Jahr. LABSKAUS hatte ich bereits ewig nicht mehr gesehen und meinen Spaß am räudigen deutschsprachigen Punk mit seinem Brachialgesang, und bei ROBINSON KRAUSE war dann endlich auch deutlich mehr vor der Bühne los. Mit ihrem sehr eigenständigen deutschen Punkrock haben die Krauses mich positiv überrascht, den Namen sollte man auf jeden Fall im Auge behalten, das schau ich mir auch gern noch mal konzentrierter und „bei vollem Bewusstsein“ an. Melodischer Punk mit manch knackigem Refrain trifft auf außergewöhnliche Texte – feine Sache. Zwischenzeitlich jedoch machte sich bei einigen Gästen der starke Alkoholkonsum bemerkbar und uns selbst will ich da auch gar nicht ausnehmen. Nicht jeder war noch Herr seiner Sinne und Alkoholleichen sowie kleinere Konflikte waren die Begleiterscheinungen des Exzesses. Beim INBREEDING CLAN konnte man dann aber noch mal so richtig die Sau rauslassen, Scum-Punk vom Feinsten kredenzten die Herren da hochgradig authentisch inkl. eines GG-Allin-Covers und wurden (nicht nur) von mir gebührend abgefeiert. Ebenfalls eine absolut positive Überraschung; eine weitere Band, die ich noch wesentlich öfter sehen will! Derweil kümmerten sich Tom und Co. weiter aufopferungsvoll um die Belange ihrer Schützlinge, holten Biernachschub vom Kiosk, nachdem der Backstage leergesoffen war und trugen weiter zum Gelingen der Party bei. Und am Ende war es wieder meine Lady, die mich sicher nach Hause brachte, was mir in meinem mittlerweile „etwas“ desolaten Zustand so sicherlich nicht mehr gelungen wäre. Ein denkwürdiges Konzert mit interessanten Bands unterschiedlichster Punk-Spielarten lag hinter uns, neue Kontakte wurden geknüpft, alte gepflegt und auch im zwischenmenschlichen Bereich führte der Frühling hier und da Männlein und Weiblein zusammen. Ein riesengroßes Dankeschön an Tom und die Honigfabrik und es freut mich, zu hören, dass man auch ohne finanzielle Einbußen aus der Geschichte herauskam! Das war ein spitzenmäßiges kollegiales Miteinander ganz nach meinem Gusto!

19.04.2013, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: HAMBURGER ABSCHAUM + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Nur eine Woche nach dem Rondenbarg-Kneipengig stand mit dem El Dorado auf dem Gaußplatz ein weiterer Wagenplatz auf dem Programm, auch hier nach unserem unter von uns selbstverschuldeten widrigen Umständen stattgefundenen Konzert kurz vor Silvester unser zweiter Gig, und wie auf dem Rondenbarg handelte sich wieder um eine Geburtstagsparty („Disillusioned Motherfuckers are available for childrens’ birthday parties!“) bei freiem Eintritt. Für unserem Drummer Chrischan wurde das zu einer Doppelbelastung, da er mit seiner anderen Band ebenfalls spielte, woraufhin er den Spitznamen Dr. Tentakel verpasst bekam. Aufgrund von Bemühungen um eine gute Nachbarschaft sollte es pünktlich um 20:00 Uhr losgehen, um bis 22:00 Uhr mit beiden Bands durch zu sein. Ein hehres Unterfangen, das so natürlich nicht ganz funktionierte, aber um ca. 20:30 Uhr fingen wir dann tatsächlich an. Auf dem Platz herrschte gute Stimmung, es wurde gegrillt und am Lagerfeuer getrunken, dennoch fand sich eine stattliche Anzahl Hartgesottener in der urigen Platzkneipe ein. Teilweise Bekannte/Freunde, die die zentrale Lage des Gaußplatzes nutzten, um sich erstmalig ein Bild von uns zu machen, teilweise gar bekannte Gesichter vom Auftritt sechs Tage zuvor, die wir offensichtlich nicht nachhaltig vergraulen konnten – das ließ doch schon mal gut an. Wie auch in der Rondenbarg-Kneipe befanden wir uns auf Augenhöhe mit dem Publikum, ein die Unterschiede zwischen Band und Zuschauer negierendes Ambiente also, auf engstem Raum, mehr Unmittelbarkeit geht quasi nicht. Für die frühe Stunde waren Teile der „Gäste“ bereits angenehm ausgelassen, andere beäugten unser Treiben gefühlt kritisch, wir gaben unser Bestes und hatten Spaß. Mit zunehmender Sicherheit geht mir ein solcher Gig zunehmend lockerer von der Hüfte. Ein aus meiner Sicht guter Gig mit den üblichen kleinen Verspielern und Versingern, aber diesmal ohne größere Pannen vor einem sympathischen Publikum. Nach der Umbaupause legte der HAMBURGER ABSCHAUM dann einen großartigen Party-Auftritt aufs Parkett und setzte meinen Hassgesängen viel Witz und Charme in Form seiner eingängigen Songs entgegen. Beim Kettensägeneinsatz wurde in weiser Voraussicht die Tür geöffnet, da ansonsten wohl der Erstickungstod gedroht hätte. Manch Refrain schmetterte ich begeistert mit und hatte mittlerweile genau den richtigen Pegel, um das Konzert optimal genießen zu können. Gitarrist Holli war wieder einmal Blickfang, diesmal nicht aufgrund seines Adams-, sondern seines Insektenkostüms, das bis auf kleine Schlitze am Kopf seines ganzen Körper umhüllte. In mir reifte der Gedanke, beim nächsten DMF-Gig in einem Superheldenkostüm aufzutauchen, beispielsweise dem von Wonder Woman… Dr. Tentakel meisterte die Doppelbelastung ohne erkennbare Ausfallerscheinungen, ich meinen Heimweg nach einiger Fachsimpelei hier und da ebenfalls – und hing die nächste Woche mit ’ner hartnäckigen Erkältung inne Seile… Erneut gilt es, danke zu sagen für die Einladung, Freibier und die gelungene Party, Maggie insbesondere für Organisation und Sound usw. usf. Ihr seid wahre Motherfucker!

13.04.2013, Rondenbarg, Hamburg: PROJEKT PULVERTOASTMANN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

disillusioned motherfuckers + projekt pulvertoastmann @rondenbarg, hamburg, 13.04.2013Nachdem wir mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS im Oktober des vergangenen Jahres unseren allerersten Gig in der Kneipe des Wagenplatzes Rondenbarg absolvieren durften, bekamen wir jetzt die Gelegenheit, zu zeigen, wie wir uns in der Zwischenzeit entwickelt haben; Anlass war eine Geburtstagsparty zweier Bewohner, Einlass war kostenlos, aber das Publikum wurde um ’ne kleine Spende für die Bands gebeten. Die Pulvertoasties, ehemalige MeckPommer, mittlerweile allesamt in Hamburg ansässig, waren mit von der Partie, halfen uns beim Aufbau des Equipments und erwiesen sich als überaus umgängliche und nette Zeitgenossen. Haus-und-Hof-Mischer Norman besorgte einmal mehr den Sound, René kredenzte Bockwurst mit Brot. Die gemütliche und gut beheizte Kneipe füllte sich zusehends mit Gästen und manch einer kam extra vorbei, um sich uns erstmalig anzuschauen. Bis es losgehen sollte, verging natürlich wieder manch Stunde, Gitarrero Kai und ich standen irgendwann die meiste Zeit an der provisorischen Bühne und hielten Klönschnacks mit den Gästen. Als es dann langsam einmal losgehen sollte und der Soundcheck anstand, war aber plötzlich keine Spur von Drummer Chrischan, der fortan aufwändig gesucht wurde. Irgendwann war aber auch er glücklicherweise wieder aufgetaucht und nach einer kurzen Soundeinpegelung ging’s mit unserem Intro aus der Konserve los, das nahtlos in „Tales of Terror“ überging. Wir spielten unseren kompletten Set bestehend aus zehn Songs und das Publikum ging gut mit, vereinzelt wurde das Tanzbein geschwungen und die den meisten noch unbekannten Texte mitzugrölen versucht. Auch die Pulvertoasties unterstützten uns tatkräftig und waren in der ersten Reihe anzutreffen. So machte das richtig Laune, wenn es auch nicht ganz pannenfrei ablief: „Victim of Socialisation“ wurde wieder in einer berüchtigten Grützwurst-Version dargeboten und gegen Ende besiegelte Grobian Kais Saitenriss das Schicksal des Songs endgültig. Die Zwangspause nutzte das diesmal sehr mitteilungsfreudige Publikum für manch mehr oder weniger relevante Durchsage und Holli von HAMBURGER ABSCHAUM bewies Entertainer-Qualitäten, als er mit schlechten Witzen die unfreiwillige Halbzeit überbrückte. Am Ende wurde „Elbdisharmonie“ noch einmal gefordert und dann hieß es „Bühne frei für PROJEKT PULVERTOASTMANN“, die mit einem Ersatzschlagzeuger aufwarten mussten. Gleich der erste Song klang dann auch überraschend und seltsam verhaltend, doch bereits beim zweiten stimmte alles und Shouter Snorre & Co. ließen einen deutschsprachigen Hardcore-Punk-Knaller nach dem anderen von der Leine, wovon sich für mich besonders „A.C.A.B.“ und „Freiheit“ (aufgrund des Refrains vermute ich mal, dass das Stück so heißt) hervortaten. Hochmotiviert sprang Snorre durchs Publikum und forderte energisch zu Bewegung auf, nicht ohne Erfolg. Zwischendrin lobte er diese Versammlung an bunten, schrägen Gestalten für ihre gesellschaftskritische Haltung etc., um sich im nächsten Moment wieder voll zu verausgaben. Das geht natürlich auf die Kondition, doch die Jungs hielten wacker bis zum Schluss durch und gingen ebenfalls nicht ohne Zugabe. Bezeichnenderweise riss auch ihnen zwischendurch eine Saite – ob die Kneipenluft die Saiten porös machte? Klasse Auftritt einer Band, die 110% gegeben hat und Lust macht auf mehr, z.B. aus der Konserve. ’ne schöne Plattenaufnahme darf da gerne kurzfristig kommen und ich freue mich schon auf den nächsten Gig mit PROJEKT PULVERTOASTMANN! Die anschließende Party fiel erwartungsgemäß feucht-fröhlich aus, ich traf sogar einen alten Kumpel nach längerer Zeit wieder und zusammen mit meiner Süßen, einem sofort ins Herz geschlossenen Kerl, der erschreckend viele ’80er-Metal-Texte auswendig kennt und manch anderem Freak wurde schwadroniert, gesungen und gelacht bis in die frühen Morgenstunden, bis mich meine Lady sicher zu sich nach Hause bugsierte. Danke für die Einladung, für Speis und Trank, für den geilen Sound und die äußerst gelungene Party an alle, die dazu beigetragen haben!

06.04.2013, Skorbut, Hamburg: ARRESTED DENIAL Record Release Party

skorbut 04.2013Die Hamburger Streetpunks ARRESTED DENIAL um ex-IN-VINO-VERITAS-Klampfer Sascha und ex-THIS-BELIEF-Frontmann Valentin haben mit „Our Best Record So Far“ ein vielbeachtetes zweites Album veröffentlicht, diesmal in handfester CD- und Vinyl-Auflage und mit dem „Mad Butcher“-Label im Hintergrund. Eine sehr hörenswerte, geile Platte, die es nach einem Abstecher nach Kiel am Tag zuvor nun im Hamburger Heimathafen zu feiern galt. Am Viersaiter nach Ausstieg des ursprünglichen Bassisten Thorben jetzt Timo (SMALL TOWN RIOT, HIGHSCHOOL NIGHTMARE), aber ansonsten alles beim Bewährten: Raue Punkrock-Hymnen mit Ausschlägen in Richtung Offbeat und Hardcore, Songs beider Alben inkl. einiger Coverversionen (MAYTALS, HATECLUB, DIRE STRAITS) und harmonisierende Chöre. Besonders hervor stachen für mich wieder das geniale „D-Land“ („Deutschland, du hast dich abgeschafft!“) und der Offbeat-Song, dessen Refrain lautet „The upper crust is on another track, the upper crust is coming back“, der seltsamerweise aber nicht „The Upper Crust“ heißt (sorry, hab das Booklet grad nicht zur Hand). Timo machte seine Sache als Bassist tadellos und unterstützte die Chöre nach Kräften, Für drei, vier Songs wurde er zwischenzeitlich jedoch von ex-Bassist Thorben abgelöst, der mit sichtlicher Spielfreude die Stücke zum Besten gab. Eine nette Geste von beiden Seiten, die beweist, dass zwischenmenschlich offensichtlich alles in bester Ordnung ist. Das Publikum, dass das Skorbut alles andere als leer aussehen ließ, aber auch nicht so zahlreich erschienen war, dass es drängelig geworden wäre, unterstützte die Band in den ersten paar Reihen, reckte Arme und Fäuste empor, sang Chöre und Refrains mit und bewegte sich dann und wann auch grobmotorisch. Aufgelockert wurde die Sause von Valentins trockenem Humor, und apropos trocken: Sascha wirkte diesmal überraschend nüchtern. Bewundernswert finde ich die abgewichste Unaufgeregt- und Lockerheit, mit der Valentin singt und Gitarre spielt, von Aufregung oder falschem Respekt keine Spur, dafür aber leidenschaftlich und authentisch. War – bis auf das anscheinend unvermeidliche DIRE-STRAITS-Cover „Walk of Life“ 😉 – ein schöner Gig, der anfänglich etwas mit dem Gitarrensound zu kämpfen hatte, ansonsten aber reibungslos über die Bühne ging und den sympathischen Eindruck, den ich von ARRESTED DENIAL habe, bestätigte. Die Jungs haben sich verdammt weit vorne in den lokalen Punkrock-Gefilden einsortiert und werden nun vermutlich ausziehen, auch andere Regionen zu erobern. Was gelingen wird!

15.03.2013, Skorbut, Hamburg: PESTPOCKEN

pestpockenAls ich vor etlichen Jahren zum ersten Mal von der Existenz der Gießener HC-Punks PESTPOCKEN erfuhr, geschah dies in Form der kultigen „Punk aus Hesse, ‚uff die Fresse!“-Sampler-EP, auf der die Band u.a. mit ihrem wenig pazifistischen Klopfer „Auf die Fresse“ vertreten ist. Ich besorgte mir schnell die ein, zwei EPs, die es sonst noch gab, sowie das Demo-Tape und war ziemlich begeistert. Als dann irgendwann die ersten Alben erschienen, steckte ich mittendrin in den damals grassierenden Diskussionen um Oi!- und Polit-Punk etc. und bemerkte, wie sich die Band zunehmend um ein Image bemühte, das möglicherweise nach meinem Geschmack nicht mehr ganz zum genial-kompromisslosen Aus-dem-Bauch-heraus-auf-die-Kacke-Hauen der alten Rotzhammerattacken passen wollte, und verlor ein wenig das Interesse an der Band. Später fiel mir auf, dass die Damen und Herren ab und zu die Besetzung wechselten, aber auch mit ihrem perfekten Nieten- und Stachelpunk-Styling die Öffentlichkeit zu suchen schienen und beispielsweise für den „Chaostage“-Film ihre Rüben vor die Kamera hielten. Mittlerweile hatte ich mich aber auch musikalisch generell etwas umorientiert und die PESTPOCKEN spielten für mich persönlich keine größere Rolle mehr. Die Top-Kritiken, die der jüngste Longplayer gemeinhin eingeheimst hat, sind mir aber ebenfalls nicht entgangen und als ich zum Nachholgig des ursprünglich wegen Krankheit abgesagten Gigs in meiner Hamburger Stammkneipe Skorbut tatsächlich Zeit hatte, war ich dann doch neugierig genug, um mir die Combo nach vielen Jahren mal wieder live zu geben. Ich wurde Zeuge einer Band, die schon längst nicht mehr als unbedingte „Vorzeige-Boy-and-Girl-Group des Deutschpunk“ durchgehen würde, wenngleich Frontsau Danny sich den Scheitel noch immer mit Axt und Wasserwaage zu ziehen scheint. 😉 Aber lassen wir diese unnötigen Oberflächlichkeiten und schlechten Witze, denn zunächst einmal blies mich Andrea ziemlich weg. Der Set schien mir recht stringent zweigeteilt zu sein und zunächst die Songs zu berücksichtigen, die die junge Dame schmettert – und wie sie das tat! Im gut gefüllten Skorbut stellte sie sich ohne jede Skrupel oder Berührungsängste dem gierigen Pöbel und stürzte sich runter von der kleinen Bühne in den Mob, wo sie ebenso aggressiv wie sportlich, in jedem Falle verdammt energie- und wutgeladen, druckvoll und nicht nur konditionell überzeugend Song um Song herausbrüllte, als gäbe es kein Morgen mehr. Das Publikum dankte es entsprechend und ich kann nur sagen: Respekt, die Dame! Das klang alles wie ’ne Art Mischung aus dem klassischen PESTPOCKEN-Sound und derbem Hardcore und ging recht flott zur Sache, ich fand’s auch musikalisch nicht verkehrt. Nach ca. der Hälfte des Sets trat der wesentlich hünenhaftere Danny von der Bühne und es kamen logischerweise die Songs mit vornehmlich männlichem Gesang zum Zuge. Mitten rein in den Mob, hieß sein Motto, und der Härtegrad vor der Bühne steigerte sich. Die Songs schienen sich mir jetzt mehr hin zum altbekannten PESTPOCKEN-Klopper-Sound zu bewegen, mit dem Schlagzeug in Richtung D-Punk-Uffta, aber eben diesem derbst-aggressiven Grölgesang darüber, der leider hin und wieder von Mikroausfallen gestört wurde. Auch das war ’ne sichtbar körperlich anstrengende Nummer, wenn den Mann aber auch so schnell sicher nichts umhaut. Der Pöbel fand manch Song zur lautstarken Unterstützung und die Background-Chöre von der Bühne kaschierten das streikende Mikro oft ziemlich gut. Die den Songs innewohnende Aggressivität fand in einem harten, aber fairen Geschehen vor der Bühne seine optische Entsprechung und das passte alles gut zusammen, hatte Hand und Fuß und war zu jeder Sekunde authentischer und mehr Werbung für Punkrock als manch lahmarschige Studentencombo oder gelackte trendy, ach so coole Sonstwas-Punkband. Die Message, die rüberkam, war: Keine Kompromisse, kein Rumgeeier, ehrlich und direkt auf die Zwölf. Natürlich gefällt mir das, wenn ich mir auch manch Song noch besser und möglicherweise derber vorstellen könnte, würde man den Schlagzeugbeat stärker variieren und sich generell mehr an pfeilschnellem Hardcore orientieren – denn dieser mittlerweile hier von mir oft zitierte PESTPOCKEN-Sound gefiel mir doch immer noch am besten bei den alten Kult-Stücken, von denen ich z.B. ein „Auf die Fresse“ hier schmerzlich vermisste. Ob das einem gestiegenen lyrischen Anspruch gewichen ist, den ich in Ermangelung der jüngeren Tonträger zurzeit leider nicht, äh, „überprüfen“ kann? Wie dem auch sei, so viele Jahre in diesem Metier mit soviel Nachdruck tätig zu sein und seine Energie ohne Rücksicht auf Verluste in einen solchen Auftritt zu legen, erkenne ich voll an und fand den Gig unterm Strich nicht nur interessant, sondern überraschend gut. Anschließend ging ich dann noch ’nem netten Klönschnack mit Gitarrero Chris nach, den ich flüchtig aus manch Internetdiskussion kannte und nun erstmals persönlich traf. Nie gesehen und doch gleich erkannt. 😉 Der eröffnete mir, dass er die Band in Kürze verlassen wird und ein Crust-/Metal-Punk-Projekt am Start hat, auf das er sich dann stärker konzentrieren wird. Man darf gespannt sein, ich wünsche jedenfalls viel Glück und Erfolg. Dass BOLANOW-BRAWL-Bassist Stulle das Gespräch immer wieder jäh mit schier endlosen auswendig gelernten BADESALZ-Zitaten unterbrach, gehört hier allerdings nicht hin… 😉

09.03.2013, Villa, Wedel: DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + PROBLEM KID + INSIDE JOB + TREIB.JAGD

lars-&-lars-geburtstag @villa, wedel, 09.03.2013Lars hatte mal wieder Geburtstag. Lars auch. Eine liebgewonnene Tradition ist es daher, dass beide anlässlich ihres Jahrestags 1x jährlich ein Konzert in der sympathischen Wedeler Villa organisieren. Ich war schon oft als Gast zugegen und durfte dieses Jahr mit meiner eigenen Kombo DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS ran. Da lässt man sich natürlich nicht 2x bitten und so ging’s bei winterlichen Temperaturen in das schleswig-holstein’sche Musik-Mekka, wo die Musikiniative Wedel e.V. seit Jahren hervorragende Arbeit leistet und Bands aus der Umgebung Auftrittsmöglichkeiten in einem dafür spitzenmäßig geeigneten Laden bietet. Also Leute begrüßt, paar Backstage-Bierchen gezischt, Sound gecheckt und gewartet, wie sich der Laden langsam füllte. Wir enterten dann als erste und eine von nur wenigen übrig gebliebenen Bands des ursprünglichen Billings die Bühne und zockten einen für unsere Verhältnisse rekordverdächtigen Set von zehn Songs. Dat neue Intro kam von CD und los ging’s mit dem bekannten Triple „Tales of Terror“, „Menschenzoo“ und „Elbdisharmonie“. Viele bekannte Gesichter fanden sich im Publikum, viele hatten den Weg von Hamburg auf sich genommen, um dem Ereignis beizuwohnen, was nicht selbstverständlich ist für die musikalisch verwöhnten Einwohner der Hansestadt. Der Hammer allerdings war der Besuch der Kameradschaft Wiederaufbau Wehringhausen (KWW)* aus Hagen und Umgebung mit ihrer berüchtigten „Heilanstalt“-Parole, die speziell Sechssaiter Kai zu Ehren angetreten war, denn dieser feierte ebenfalls seinen Geburtstag, wenn auch nach. Mit „Aktion Mutante“ gab’s die Rohfassung unseres jüngsten Songs um die Ohren und anstelle von „Victim of Socialisation“ spielten wir eine ziemliche Grützwurst. Der Rest lief aber gut durch, der Sound war gut und ich hatte erstmals sogar richtige Monitorboxen vor mir auf der Bühne – welch ungewohnter Luxus! Das hatte zur Folge, dass mein Mikro jedes Mal, wenn ich mich gebückt hab – also bei jedem Griff zur Bierbuddel – fiese Rückkopplungen erzeugt hat, aber da musste man durch – die Stimme will schließlich geölt sein. Ok, den einen oder anderen Anfang bzw. Schluss eines Songs haben wir bischn improvisiert, aber das kann man sich problemlos immer genau solange erlauben, wie der Pöbel die Songs kaum oder gar nicht kennt. Das zahlreich erschienene Publikum lauschte konzentriert der Darbietung, behielt sein faules Obst für sich und anschließend ging auch noch die eine oder andere Demo-CD weg, so dass die Auflage jetzt so gut wie weg ist. Ich kann ’nen dicken Haken darunter machen, in einem meiner Lieblingsläden gespielt zu haben, deshalb noch mal danke an Lars!

DER FAUSTMÖRDER, kurz ER, mit seinem menschenverachtenden Fastcore fiel leider krankheitsbedingt aus, so dass schon jetzt PROBLEM KID an der Reihe waren. Die junge Band aus dem INSIDE-JOB-Umfeld hatte ihren allerersten Auftritt und zelebrierte spielfreudigstes, geradliniges, schnörkelloses Hardcore-Konzentrat der oldschooligen Sorte, wie er sich seit einiger Zeit einer wieder enorm gestiegenen Beliebtheit erfreut. Was diese Band am offensichtlichsten von anderen Vertretern der Zunft unterscheidet, ist die Sängerin, die astrein einen frechen, angepissten Hit nach dem anderen schmetterte und sich ebenso wieder Rest der Bande für viele weitere Auftritte empfahl! Das war höchst respektabel, um nicht zu sagen: richtig geil, und peitschte auch den Mob ordentlich an, der nun etwas lockerer in Hüfte und Gliedern wurde. Unbedingt genau so weitermachen!

Eigentlich sollte auch die neue deutsche Oldschool-US-HC-Hoffnung YARD BOMB um Shouter Rolf (THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL TOWN RIOT etc.) und Wedeler Musikanten spielen, die krankheitsbedingt leider ebenfalls ausfiel. Stattdessen spielten jetzt die Hamburger INSIDE JOB, die zum Teil eben noch mit PROBLEM KID auf der Bühne standen. INSIDE JOB waren bisher jedes Mal geil und diesmal kam erschwerend hinzu, dass sie auch noch anders waren! Die Schlingel haben nämlich ein für unsere Verhältnisse schier unfassbares Arsenal an Songs und spielten heute anscheinend einfach mal ein paar andere. Der ganze Set wirkte auf mich auch noch etwas kompakter als sonst und die Band noch fitter als ohnehin schon. Gut möglich allerdings, dass alles wie immer, nur ich zu fortgeschrittener Stunde besonders angeheitert und euphorisiert war. Wie auch immer, mit dem, ich mag’s kaum schreiben, schnörkellosen, geradlinigen Superoldschool-US-Hardcore der Jungs bekam die Stimmung ein weiteres Hoch und mit seinen präzisen, direkt auf den Punkt gebrachten Eruptionen wurde bestimmt keine Aufmerksamkeitsspanne überfordert. Immerhin galt es, sich noch eine weitere Band reinzuziehen:

Den weiten Weg aus Nordtirol angereist war der very special guest und Headliner TREIB.JAGD, der mit nur einem Song in ich glaube unter 30 Sekunden alles aussagte, was es zu sagen gab, und anschließend sein „Album“ und allerlei Gedöns versteigerte. Da Kapitalisten-Lars von den Eintrittsmillionen alles in die eigene Tasche steckt, um nie mehr arbeiten zu müssen, reichte mein karges Budget leider nicht, um den Zuschlag zu erhalten, aber manch Besserverdienender konnte glücklich mit CD, Tabak und dem Rest, den ich vergessen hab, nach Hause gehen und es in den Tresor einschließen. Damit wurde ein Schlusspunkt gesetzt unter eine abermals saugeile Geburtstagsparty, bei der wir das gesamte Backstage-Bier leergesoffen und uns königlich amüsiert haben. Ein echter Motherfucker jedoch findet kein Ende und so erkoren wir uns das Skorbut auf dem Hamburger Kiez kurzerhand für unsere Aftershow-Party aus und ließen noch mal so richtig die Knorken knallen, worüber ich aber an dieser Stelle den Mantel des Vergessens ausbreite…

*) Selbstverständlich handelt es sich bei der KWW um einen sich tatsächlich als Kameradschaften bezeichnende Nazibünde karikierenden Zusammenschluss aus Punks und anderen subversiven Gestalten, nicht um 30er-Jahre-Freaks.

22.02.2013, Bambi Galore, Hamburg: BLAZE BAYLEY + SHADOWBANE

Blaze Bayley, ex-WOLFSBANE-Shouter, den meisten aber natürlich als IRON-MAIDEN-Sänger in den ’90ern bekannt, nachdem Bruce Dickinson die Band verlassen hatte, befand sich auf Tour und kam mit einem Akustik-Set in die Billstedter Bambi Galore. Was er nach seiner von der Kritik durchwachsen aufgenommenen IRON-MAIDEN-Anstellung getrieben hat, habe ich nie verfolgt und sowieso die MAIDEN-Platten ab den 1990ern erst relativ spät für mich entdeckt. So manchen Song aus der BLAZE-Ära finde ich aber große Klasse und hätte man aus den zwei Alben seinerzeit eines mit den ganzen Hits gemacht, wäre die Kritik wohl damals auch wesentlich besser ausgefallen. Unter seinem Namen hat er anschließend neue Bands gegründet und ist der Musikrichtung treu geblieben. Da sich auch meine Freundin als Fan BAYLEYs entpuppte, wurde ich neugierig auf seinen Auftritt im kleinen, sympathischen Club (in dem doch tatsächlich YARD-BOMB-/THRASHING-PUMPGUNS-Rolf an der Kasse saß), hatte mich absichtlich vorher gar nicht darüber informiert, was zu erwarten sein würde und wollte mich überraschen lassen. Natürlich hoffte ich bzw. hofften wir, dass es ein paar MAIDEN-Klassiker aus seiner Phase ins Programm schaffen würden – und wir sollten nicht enttäuscht werden!

Zunächst aber erklommen verhältnismäßig pünktlich SHADOWBANE als lokaler, nicht-akustischer Opener die Bühne, die ihren Stil als „post-apokalyptischen Power Metal“ bezeichnen und von denen ich natürlich noch nie zuvor gehört hatte. Nun zählt Power Metal nicht unbedingt zu meiner favorisierten Musikrichtung und es dürfte auch nicht allzu häufig vorkommen, dass sich eine Band dieses Stils in einen von mir frequentierten Laden verirrt – umso mehr freute ich mich auf den Gig, denn ab und zu habe ich auch einfach Spaß daran, ein Konzert aufzusuchen, mir ein Bier zu holen und mich vor die Bühne zu stellen, um mich (hoffentlich positiv) überraschen zu lassen, mir einfach mal bischn Metal um die Ohren blasen zu lassen und den Musikern zuzusehen, wie sie versuchen, das Publikum für sich zu gewinnen. Nun, ich möchte behaupten, damit alles richtig gemacht zu haben, denn die fünfköpfige Band legte mit sehr differenziertem, angenehmen Sound los und wusste gleich mit dem ersten Song durchaus zu gefallen. Die Band spielte absolut kompetent und der Sänger überzeugte mit gutklassigem, klarem, nicht zu hoch gepitschtem Gesang. Zu genretypischen Peinlichkeiten ließ man sich nicht herab und machte auch keinen auf „Manowar für Arme“ oder dergleichen. Leider war schon nach dem ersten oder zweiten Song die Fußmaschine des Drummers kaputt und hat auch nach der folgenden Reparaturzwangspause zwischendurch immer mal wieder rumgezickt. Die Band ließ sich davon aber nicht in ihrer Spielfreude trüben und nicht aus dem Konzept bringen. Die Rhythmusgitarre klang vom Riffing her teilweise leicht thrashig, was ich als sehr angenehm empfand. Die Leadgitarre zückte manch feine, nie in „Happy Metal“ abdriftende Melodei und die Songs mit ihren kräftigen Refrains klangen treibend, reif und nach alter Schule. Der Sänger bekam zwischendrin eine Verschnaufpause, als die Band ein ziemlich geiles Instrumentalstück spielte, das mir noch thrashiger als die übrigen Songs klang. Währenddessen betrat eine Typ im ABC-Schutzanzug die Szenerie und schenkte dem Publikum nach Frostschutzmittel aussehenden Schnaps oder Likör aus und der Bassist sprang auf den Tresen – gediegene Showeinlage! Ohne Zugabe durften die Jungs dann auch nicht gehen und spielten daraufhin „Bark at the Moon“ von OZZY OSBOURNE in einer Top-Version! SHADOWBANE haben mich definitiv positiv überrascht und man dürfte bestimmt, wenn ein ganzes Album draußen ist, noch weitaus mehr von den Hamburgern hören!

Den Anwesenden im nicht ausverkauften, zu höchstens zwei Dritteln gefüllten Club hat’s anscheinend ebenfalls recht gut gefallen; der Vorteil an einer Raumausnutzung wie dieser ist, dass man sich recht frei bewegen kann, ohne ständig auf irgendwelche Füße zu trampeln oder angerempelt zu werden und auch die Umbaupause angenehm im Inneren verbringen kann, ohne nach Luft japsend in die Eiseskälte nach draußen zu hechten. Diese nutzte ich für ein Pläuschchen mit Rolf. Tja, BLAZE BAYLEY – da hat er früher die großen Hallen mit IRON MAIDEN gerockt und steht jetzt im kleinen Underground-Club auf der Bühne vor nicht mal ausverkaufter Hütte. Bis dahin sollte es aber noch etwas dauern, denn erst setzte sich ein Jungspund mit einer Akustikklampfe an den linken Bühnenrand und begann, das Gerät zu stimmen und einzuspielen. Evtl. BLAZE’ Gitarrenroadie? Plötzlich begann er, unheimlich fingerfertig und versiert „The Trooper“ von IRON MAIDEN anzustimmen und die Zuschauer vor der Bühne stimmten vorsichtig den Gesang an. Der Junge auf der Bühne entpuppte sich als der 25-jährige Belgier Thomas Zwijsen, der mit seinen Gitarrenkünsten per Youtube zu Popularität gelangte und BLAZE auf seiner Tour begleitet. Ein kleines bzw. großes Gitarren-Wunderkind, das weitere IRON-MAIDEN-Klassiker aus der ersten Dickinson-Ära wie „The Evil That Men Do“, „Aces High“ und „Wasted Years“ intonierte, in Mordsgeschwindigkeit wieselflink über die Seiten shreddete und das Publikum aufforderte, die Texte zu singen – welches ihm Folge leistete. Ich glaube, zu „Run to the Hills“ war es, als eine Violinistin namens Anna zu ihm auf die Bühne kam und Dickinsons Gesangsmelodien zu z.B. „Wasted Love“ nachspielte! SO hatte ich MAIDEN-Songs bisher noch nie gehört und es wurde einmal mehr deutlich, um welch großartige Kompositionen es sich dabei handelt, die vermutlich in JEDER Instrumentierung funktionieren. Mit Akustikgitarre und Violine bekamen diese Songs eine ganz eigene Note, einen ganz eigenen Zauber – und für diese Erfahrung bin ich dankbar. Doch wie war das ganze nun einzuordnen? Ein geheimer „Special Guest“? Diese Frage erübrigte sich, als zu den Klängen von „Lord of the Flies“ BLAZE höchstpersönlich die Bühne mit Mikrophon in der Hand betrat und den Text mit seiner schönen, kräftigen, dunklen Stimme schmetterte. Die beiden waren also seine Begleitband, die quasi etliche Songs lang den Teppich für den Meister ausrollten. Älter isser geworden, klar, Glatze trägt er jetzt, aber die Stimme ist dieselbe, unverkennbar. Nun ging’s also richtig los! Leider fiel gleich während des ersten Songs plötzlich Thomas’ Gitarre aus, was im Laufe des Sets immer wieder vorkommen sollte, wovon sich allerdings ebenso wenig jemand aus der Ruhe bringen ließ wie bei SHADOWBANE von der defekten Fußmaschine. Ich glaube, gleich der zweite Song war mein ersehntes „Judgement of Heaven“, dutzende Kehlen sangen von nun an mehr und mehr laut und kehlig mit, „Futureal“ ließ auch nicht lange auf sich warten, … geil! Ich kam also tatsächlich in den Genuss, die BAYLEY-MAIDEN-Hits vom Originalsänger einmal live zu hören. BLAZE ist demnach nach wie vor bekennendes Mitglied der großen MAIDEN-Familie, und das Schöne an dieser Familie ist, dass jeder nach eigenem Gusto die Songs seiner Ära weiterverwenden darf. So kann man zu Paul Di’Anno gehen, wenn man die ganz alten Klopper hören will (was ich unbedingt noch vorhabe!) und eben zu BLAZE, der in der Mitte des Sets auch einige eigene Songs präsentierte. Und diese klangen ebenfalls höchst angenehm und interessant. BLAZE the Ace war sehr gut bei Stimme, vielleicht besser als früher bei WOLFSBANE und MAIDEN und er hat eine tolle Ausstrahlung, eine große Aura auf der Bühne. Es schien ihm völlig egal zu sein, wie viele Leute letztlich den Weg nach Billstedt gefunden hatten, er schien jeden einzelnen zu dirigieren, gab jedem das Gefühl, direkt angesprochen zu werden – auch das ist die alte MAIDEN-Schule! Zugegeben, mit den Mitmachspielchen („Und jetzt alle so yeeeeaaaahhh!“) hat er’s vielleicht ein bisschen übertrieben, andererseits brachte er dadurch ordentlich Stimmung in den etwas steifen Pöbel und auch ich „sang“ mir die Kehle heiser. Jene Stimmung war natürlich bei den bekannten Stücken am ausgelassensten, doch im geschickt zusammengestellten Set blieb auch reichlich Raum für ruhige Momente, wenn BLATZE-Glatze emotionale, nachdenkliche Ansagen machte wie z.B. zum traurigen „Russian Holiday“, dem Titelstück seiner aktuellen Akustik-EP, bei dem ich fast Pipi inne Augen bekam. Andere seiner jüngeren Songs sind ebenfalls sehr persönlicher Natur, handeln offensichtlich viel von Individualität und dem Glauben an die eigene Persönlichkeit. Das Publikum lauschte aufmerksam und war mit dieser Mischung anscheinend ebenso einverstanden wie ich. Gegen Ende des insgesamt sehr langen Programms häuften sich dann wieder die MAIDEN-Songs, „Sign of the Cross“ wurde ebenso gespielt wie „The Clansmen“, „Man on the Edge“ und sogar UFOs „Doctor Doctor“, seit langer Zeit das Intro für MAIDEN-Konzerte und seinerzeit mit BLAZE am Gesang eine Single-B-Seite. Als Zugabe gab’s dann aber ausgerechnet „The Angel and the Gambler“, einen der MAIDEN-Songs vom „Virtual XI“-Album, den ich nicht leiden kann. Glücklicherweise verzichtete man aber auf die ungefähr 1.000 Wiederholungen des profanen Refrains und sorgte mit einem wahnsinnigen Violinen-Solo im Mittelteil stattdessen für offene Münder. Klasse! Freundlich bedankte sich der Mann bei gefühlt jedem einzelnen für den Besuch des Konzerts und begab sich anschließend für Autogramme etc. hinter den Merchandise-Stand. So neigte sich ein unvergesslicher, überraschungsreicher Abend mit vielen Gänsehautmomenten dem Ende entgegen, der gerade in dieser höchst intimen Atmosphäre grandios war! Ein großes Dankeschön an Sympathiebolzen BLAZE BAYLEY, dessen Auftritte ich unbedingt weiterempfehle und dem ich es von Herzen gönnen würde, noch einmal etwas größer rauszukommen. Viel Glück und Erfolg!

19.01.2013, Lobusch, Hamburg: REACTORY + YARD BOMB + DAWN OF OBLITERATION

Zu einer ebenso ungewöhnlichen wie begrüßenswerten, weil abwechslungsreichen und jegliche Scheuklappen vermissen lassenden Zusammenstellung lud die altehrwürdige Lobusch an diesem Wochenende. Drei gute Bands für ’nen Fünfer, doch bis es endlich losging, ließ man eine Menge Zeit verstreichen – soviel, dass manch Gast alkoholbedingt schon gut angeschlagen war, als die Hamburger DAWN OF OBLITERATION mit ihrem Death Metal den Abend musikalisch eröffneten. Das war die alte räudige Schule, die mich Death-Metal-Muffel an die Anfänge des Genres in den ’80ern angenehm erinnerte und eine schöne, tief gestimmte, räudige Walze übers Publikum hinwegrollen ließ. Am meisten gespannt war ich auf YARD BOMB, die neue Band um Frontmann Rolf (THRASHING PUMPGUNS, ex-ELIMINATORS, ex-SMALL TOWN RIOT), die er zusammen mit Musikern aus der heimlichen Underground-Subkultur-Rock’n’Roll-Hauptstadt Schleswig-Holsteins, nämlich Wedel, kürzlich ins Leben rief. Was einem hier geboten wurde, war schnörkelloser, astreiner Hardcore der ganz alten, ursprünglichen BLACK-FLAG- und CIRCLE-JERKS-Schule: Kurze, präzise Songs, knackig und auf den Punkt dargeboten. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, waren’s deutsche und englische Texte gemischt, vorgetragen von einem gewohnt energiegeladenen Frontmann, der seine Songs lebt und 100%ig authentisch rüberbringt. Man fühlte sich Jahrzehnte zurückversetzt, da auch die Band den Sound tiptop beherrschte, als hätte sie nie etwas anderes gespielt. Großartig! Durchsetzt wurde der Set mit ein paar Coverversionen, von denen Black Flags „Sixpack“ auch als Zugabe noch mal gebracht wurde und der Band ausgezeichnet zu Gesicht steht. Ja, das war der alte Kult-Sound, herübergerettet in die Gegenwart. Besser geht’s eigentlich gar nicht. Ich bin begeistert! Weniger begeistert war ich hingegen von der mittlerweile trotz der kurzen Sets beider Bands schon arg fortgeschrittenen Uhrzeit, die es mir leider verbat, mehr als ich glaube zwei, höchstens drei Songs von REACTORY aus Berlin mir anzusehen, was äußerst schade ist, da der aggressive, dreckige Thrash Metal à la TOXIC HOLOCAUST und Konsorten im Prinzip genau meine Kragenweite war. Hier empfand ich allerdings erstmals den Sound als nicht ganz optimal, denn so sehr ich es mag, wenn der Gesang deutlich im Vordergrund steht, war er hier ZU dominant gemischt worden, während die Gitarre das Nachsehen hatte. Doch davon unabhängig war das, was ich zu hören bekam, richtig geiler Gossen-Thrash, absolut kompetent und glaubwürdig vorgetragen, differenzierter Sound statt chaotischem Matschechaos. Arschgeil! Bleibt nur zu hoffen, dass es weder das letzte Konzert der Band in Hamburg, noch das letzte Billing dieser Art war, denn von mir aus darf man diese Metal-Spielarten gern öfter mal zusammen mit Punk- und Hardcore-Bands auf die Bretter stellen. Das gemischte Publikum sah es offensichtlich ähnlich, denn der Laden war voll und alle Bands wurden gut angenommen. Cross it fucking over!

29.12.2012, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: CITY RATS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

city rats + disillusioned motherfuckers @el dorado, hamburg, 29.12.2012Wenn der Hamburger Gaußplatz spontan für ein Kneipenkonzert anfragt, sagt man natürlich zu – auch, wenn sich der Bassist gerade irgendwo im Exil („Urlaub“) auf einer einsamen Insel befindet, telefonisch nicht erreichbar ist und erst einen Tag vorher in hiesige Breitengrade zurückkehrt. Glücklicherweise war dieser aber Feuer und Flamme, wenngleich er seinen Rückflug verpasste und erst noch später wieder zur Verfügung stehen sollte. Dies war jedoch noch das Harmloseste in einer Kette aus Pleiten, Pech und Pannen, die uns hinsichtlich des letzten DISILLUSIONED-MOTHERFUCKERS-Gigs im Jahre 2012 das Leben erschwerten. Da man sich eigentlich in einer Art Winterpause befand und dementsprechend länger nicht mehr geprobt hatte, wollte man am Nachmittag vor dem Gig noch einmal den Set im Probebus komplett durchzocken. Unglücklicherweise geriet mein Alkoholkonsum auf einer Party in Kiel am Tage zuvor letztlich dann doch ziemlich außer Kontrolle und erwies sich die Rückfahrt in klirrender Kälte derselben Nacht als nicht ganz unkomplex und anstrengend, so dass ich viel zu spät in die Federn kam – und am nächsten Tag mit Mordskater so dermaßen verschlief, dass ich fast rekordverdächtige zwei Stunden zu spät zur Probe antrat. Nach den ersten paar Songs riss zudem eine Saite an Kais Gitarre, Ersatz befand sich nicht auf Lager und alle saitenführenden Läden hatten zu – perfekte Organisation im Hause DMF! Glücklicherweise konnte uns Wurzel, der sich auch um den Sound und allgemeinen Ablauf des Konzerts kümmerte, mit einer Ersatzgitarre aus seinem Fundus aushelfen – dafür noch einmal vielen Dank! Diese war aufgrund ihres verkürzten Halses ungewohnt in der Handhabung für Kai, sollte ihren Dienst aber tadellos verrichten. Meine alternden Knochen jedoch zollten Kälte, Bewegungsmangel etc. Tribut und die damals noch unbehandelten Lendenwirbelprobleme, die ich bereits einige Tage mit mir herumschleppte, erreichten einen neuen Höhepunkt. Normales Gehen wurde zum leichten Hinken, an schmerzfreie Bewegung war nicht zu denken und ich fand mich mit dem Gedanken ab, in der ohnehin schon engen Kneipe in den Bewegungsmöglichkeiten weiter eingeschränkt zu sein. Die Zeit bis zum Beginn nutzte ich, um etwas feste Nahrung in den Magen zu bekommen und mit Konterbieren dem Kater etwas entgegenzusetzen, was jedoch nicht so recht funktionieren wollte. Die gemütliche, beheizte Gaußplatz-Kneipe „El Dorado“ füllte sich zwischenzeitlich zusehends mit vielen Interessierten, die „zwischen den Jahren“ die Nase voll hatten von Idylle und Kitsch und sich durch die Kälte zum Ort des Geschehens schlugen. Irgendwann fiel der Startschuss und wir eröffneten für die CITY RATS aus Israel. Witzigerweise fanden zwei unserer bis dato drei Auftritte auf Bauwagenplätzen mit israelischen Bands statt – um uns eine ausgewiesene Israel-Konnektschn anzudichten, ist es aber wohl noch zu früh. 😉 Wie dem auch sei, im Publikum befanden sich viele, die uns zum ersten Mal sahen und wir gaben unser Bestes; auch das neue Stück „Montag, der 13.“ fand in den Set, wenngleich ich den Text noch vom Zettel ablesen musste. Wie gewohnt von solchen Auftrittsmöglichkeiten gibt es weder eine richtige Bühne noch Monitorboxen, was für solche Orte auch leicht überdimensioniert wäre. So stand man sich also wieder Auge in Auge gegenüber, wie es sich für eine vernünftige Hardcore-Punk-Show gehört. Die Bude war rappelvoll und es wurde somit unser bislang größter Auftritt. Mit letzten Kraftreserven brüllte ich die Texte heraus und vermied schmerzhafte Bewegungen wie z.B. Sprünge. Satan sei Dank konnte ich mich auf meine trotz aller widrigen Umstände souveränen Mitstreiter verlassen, die für eine früh abgebrochene Probe erstaunlich gut bei der Sache waren, nur kleinere Patzer schlichen sich ein wie z.B. eine etwas zusammenimprovisierte Version des Coversongs „Les Rebelles“, was aber kaum jemand bemerkt haben dürfte. Generell versicherten mir anschließend viele, dass man uns bzw. meinem verkaterten und angeschlagenen Häufchen Elend, das von meiner vorherigen Existenz noch übriggeblieben war, davon nichts oder kaum etwas angemerkt hätte und der Gig gut rüberkam, lediglich der Sound für den einen oder anderen wahlweise zu laut oder zu leise war, aber irgendwas ist ja immer und vor allem stark abhängig von der Perspektive zur Bühne. Eine Zugabe noch und: Uff, geschafft, und geschworen: Nie wieder so abschießen am Tag vorher!

Anschließend konnte ich mich endlich entspannt zurücklehnen, weiter am Konterbierchen nuckeln, das nicht mal zu einem Placebo-Effekt zu überreden war, mich von meiner aufopfernden und verständnisvollen besseren Hälfte umsorgen lassen und mir genüsslich den CITY-RATS-Auftritt reinziehen, der besten UK-’82-HC-D-Beat-Chaos-Schießmichtot-Pogo-Punk bot, der ohne Kompromisse sehr respekteinflößend vorgetragen wurde. Die Menge tobte, der Pöbel schwitzte und die Band spielte lange und ausgiebig, setzte immer noch einen drauf und unterstrich ihre seit Jahren bestehende Hamburg-Altona-Verbindung, indem sie Songs über den Fußballclub Altona 93 trällerte etc. Coverversionen fanden auch Berücksichtigung, aber ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern… (ja ja, soviel zum Thema „nicht mal Placebo-Effekt“, is‘ klar…) War’s ein deutsch gesungenes SCHLEIMKEIM-Cover? Egal. Was für eine Power, was für eine Energie! Das komplette Gegenteil davon, wie ich mich fühlte. Das machte besonders zusammen mit dem sympathischen Publikum alles großen Spaß und endlich weiß ich, weshalb die CITY RATS, die ich bisher stets schändlicherweise verpasst hatte, immer wieder nach Hamburg eingeladen werden. Summa summarum ein geiler Gig, den ich unter anderen Umständen sicherlich noch mehr hätte genießen können. Freue mich schon auf den nächsten Hamburg-Besuch der Stadtratten!

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