Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 30 of 37)

11./12.05.2012: Hamburger Hafengeburtstag

Nach Feierabend ging’s direkt zum Hamburger Hafengeburtstag, wo für gewöhnlich von „offizieller Seite“ auf der Jolly-Roger-Bühne ein paar interessante Acts auftreten, aber auch die inoffizielle Mini-Bühne am Störtebeker in der Hafenstraße den DIY-Ethos hochhält, Getränke zu fairen Preisen feilbietet, sogar eigenhändig Cocktails mixt und viel idealistischen Krach zu bieten hat. Paar Leute treffen, bischn rumgucken, wat futtern – was man halt so macht. Das Wetter spielte mit und war angenehm trocken, das Publikum war dies selbstverständlich nicht und obwohl schon ordentlich Leute auf den Beinen waren, traf ich nicht allzu viele bekannte Gesichter und vielen stand irgendwie Lustlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Keine Ahnung, ob’s am frühen Zeitpunkt lag, ob man eine stressige Woche in den Knochen hatte oder was auch immer, so richtig prall war die Stimmung jedenfalls noch nicht. Ich hielt mich hauptsächlich an die Störtebeker-Bühne, wo allerdings nie jemand wusste, wer wann spielen würde, geschweige denn, wer denn da gerade auf der Bühne stünde. Interessant war eine Punk-Band mit recht cooler Sängerin/Gitarristin; das war sehr hörenswert, was da fabriziert wurde. Der eigentliche Grund meines Erscheinens aber war CLUSTER BOMB UNIT, jene schwäbische D-Beat/Crust/HC-/Raw-Punk/Whatever-Combo, von der ich mich akustisch mal so richtig verprügeln lassen wollte. Nach einem minutenlangen Intro mit Kriegssoundkulisse aus der Konserve ging’s dann auch exakt wie erwartet ab und Oliver an den Drums brüllte im Duett oder abwechselnd mit Frontfrau Julia, während der Rest der Band koordinierten, hammerharten Krach absonderte. Ein heftiges Brett, ergänzt von einigen weiteren Soundsamples etc. Das Publikum lauschte dem Treiben wohlwollend und soweit ich das mitbekomme habe durchaus erfreut, zum Asphaltpogo traute sich aber niemand so recht. Drummer/Shouter Oliver kotzte sich über das lahmarschige Publikum aus, was prima zur wuterfüllten Darbietung passte. Der kleine Mitgrölhit „Wut“ war natürlich auch im Set und gefällt mir mit seinem superaggressiven Drumming immer noch mit am besten. Spießig und vernunftbetont wie ich an diesem Abend noch war, ließ ich die letzten ein, zwei Songs oder so sausen, um noch eine verhältnismäßig frühe Bahn nach Hause zu bekommen. CBU hatte ich schon lange auf dem „gerne mal live“-Zettel und ich konnte glücklich meinen Haken danebensetzen. Schönes, brutales Ding.

Am nächsten Tag begann ich entgegen sonstiger Gewohnheiten bereits um 13:00 Uhr zu saufen, denn der straffe Zeitplan sah zunächst eine Bandprobe und einen anschließenden Besuch auf dem Hafengeburtstag vor, um erst diverse Bands auf der Jolly-Roger-Bühne zu verfolgen und später weitere Auftritte am Störtebeker mitzunehmen. Es begann mit den SEWER RATS, Punkabilly aus Köln. In jedem Falle nett anzuhören, wenn auch erst einmal recht harmlos und poppig. Zum Ende hin steigerten sich die Kölner aber deutlich und packten einige Ohrwurm-Melodien aus, die für beste Laune sorgen, die – verglichen mit dem Vortag – anscheinend auch alle anderen ohnehin schon hatten. Es herrschte allgemeine Euphorie und Partylaune, das alkoholhaltige kühle Nass floss die Kehle runter und lockerte den ausgemergelten, alternden Körper ebenso wie die Zunge. An der Störtebeker-Bühne herrschte wieder die allgemeine Verwirrung darüber, wer wann spielen würde und wer aktuell gerade lärmt, im Laufe des Nachmittags und Abends waren jedenfalls diverse dissonante und atonale Klänge zu vernehmen, teilweise mit brachialer Vehemenz und damit energiegeladen-charmant vorgetragen, teilweise aber auch eher zum Weghören. Auf der Jolly-Bühne folgten die TICKING BOMBS aus Schweden. Skinhead-Streetpunk von der Stange, absolut vorhersehbar und schon x-mal gehört. Live am frühen Abend unter freiem Himmel direkt an der Hamburger Elbe natürlich perfekt, um ein paar Pils dabei zu verhaften, aber nichts, was mich jetzt besonders geflasht hätte und dringend auf den Einkaufszettel wandern würde. Mein persönlicher Höhepunkt des Abends sollten einmal mehr die EMILS werden, die sich für ihren dritten Gig, den ich seit ihrer Reunion sehen sollte, wohl keinen Ort mit mehr Credibility als die Hafenstraße aussuchen konnten. Da jedoch abermals niemand wusste, wann die überhaupt spielen würden, mischte man sich eben unters Volk vor der Bühne, laberte mit diversen bekannten Fratzen, trank und hörte sich an, was sonst noch so alles von der Bühne schallte. Was das jetzt im Einzelnen war, weiß ich aber beim besten Willen nicht mehr. Die Stimmung jedenfalls war auf ihrem Höhepunkt, glückliche und besoffene Gesichter überall und alle hatten Bock auf einen Abend in sympathischer Runde bei Punkrock und Bier. Als die EMILS endlich anfingen, muss ich bereits verdammt voll gewesen sein, aber auch nüchtern wäre der Auftritt der reinste Genuss gewesen. Der Set wurde für den Auftritt zurechtgestutzt, komplexere Songs wurden gestrichen und damit eine spitzenmäßige, festivaltaugliche, ultrakompakte Songauswahl ausschließlich aus großartigen gottverdammten Hits bestehend präsentiert, dass mich nichts mehr hielt und ich bedingungslos alles abfeierte und dabei so ekstatisch zuckte, dass ich es noch Tage später in den Nackenwirbeln spürte. Über die Qualitäten der EMILS und ihren deutschsprachigen Hardcore-Punk habe ich in jüngerer Vergangenheit bereits reichlich Worte verloren, deshalb genug davon, nur noch soviel: Ein perfekter, großartiger Gig, der mich so dermaßen durchschüttelte, dass der Alkohol die Kontrolle über jede einzelne Pore meines Körpers übernahm und mein Gehirn nur noch auf Durchdrehen programmiert war. Nach diesem absoluten Positivbeispiel für hamburgischen Altherrenpunk ging’s direkt die Treppe runter zur Jolly-Bühne, wo sich mit RAZZIA eine noch ältere Hamburger Punk-Legende an einem Gig in Originalbesetzung versuchte. Eigentlich hatte man doch aber mit dem ganzen HC-Punk-Ding von früher nichts mehr zu tun und ich erinnere mich nur zu gut an ein Interview mit Original-Sänger Rajas vor einiger Zeit, in dem er sich negativ und abfällig darüber ausließ, dass Punks zu öffentlichen Straßenfesten billiges, selbst mitgebrachtes Bier trinken, statt die überteuerte Plörre an den Ständen zu kaufen – und ihn als Kirmes-Veranstaltungsheini o.ä. damit arm zu machen drohten… oder irgendsoeine Scheiße jedenfalls. Dementsprechend skeptisch war ich und als ich dann sah und hörte, wie man ohne einen Funken Energie oder Authentizität den alten Klassiker „Arsch im Sarge“ verunstaltete, hatte ich nur noch den gestreckten Mittelfinger für diese Farce übrig, wollte mir aber die Laune nicht verderben lassen und zog schnell wieder von dannen – in die nächste Kneipe, wo die Party weiterging und die Nacht in einem meiner schlimmsten Abstürze seit Jahren endete. Doch darüber hülle ich den Mantel des Schweigens und Vergessens.

10.03.2012, Villa, Wedel: ABOUT FACE + THIS BELIEF + LAST LINE OF DEFENSE

Wieder einmal ein Hardcore-Konzi mit lokalen Bands in der sympathischen Wedeler Villa und wieder einmal anlässlich Lars‘ und Lars‘ Geburtstags. Das Besondere diesmal war jedoch zugleich ein etwas trauriger Anlass: Alle drei Bands sollten ihr jeweils letztes Konzert spielen und galten eigentlich schon als aufgelöst. Nun wollte man es aber noch mal so richtig krachen lassen und sich auch für die Nachwelt verewigen, weshalb die Gigs mit Kameras festgehalten wurden.

Das Publikum ließ sich trotz zweier Konkurrenzveranstaltungen in Hamburg nicht lumpen und erschien so zahlreich, dass die Villa restlos ausverkauft war – Derartiges hatte ich dort noch nie erlebt. Nicht unbedingt wenige und zum Teil von weit her Angereiste konnten nicht mehr hineingelassen werden, was verständlicherweise zu enttäuschten Mienen führte. Ich kam glücklicherweise rechtzeitig, also flugs die zu vernachlässigenden 4,- EUR Eintritt gelöhnt, den Freibierstempel abgeholt (danke, Lars!) und hinein ins Vergnügen. Die im Original-Line-Up zu diesem Anlass reformierten ABOUT FACE machten den Anfang mit ihrer Mischung aus rasantem, gern aber auch eher im Midtempo-Bereich angesiedeltem, punkigem Hardcore und brachten den rappelvollen Saal auf Temperatur. Da ich von der Band nichts von Konserve kenne und mich auch an kein Konzert erinnern kann, fehlte mir natürlich der Bezug, weshalb ich das Geschehen vom Rande aus beäugte und Zeuge eines guten Gigs einer sympathisch wirkenden Band wurde.

THIS BELIEF betraten zum geschmackvoll gewählten Intro, dem „Cannibal Holocaust“-Titelthema des italienischen Komponisten Riz Ortolani, die Bühne und hatten ihr zweites Album „Reputation For Nothing“ im Gepäck, das die Auflösung der Band umso bedauerlicher erscheinen lässt. Ihr aggressiver Newschool-Hardcore mit Metaleinschlag, aber auch zwischenzeitlichen Streetpunk-Versatzstücken wurde unerbittlich in die Meute gebolzt und Shouter Valentin gab ebenso alles wie der Rest der Gruppe, der mit zwei Gitarren eine breite Krachwand auffuhr. Das kam nicht nur klasse an, das hatte auch Klasse und machte unmissverständlich klar, dass man sich zwischen gehypten Metalcore-Bands und anderen modernen Szeneauswüchsen nicht nur nicht zu verstecken braucht, sondern mit seiner Authentizität und sympathischen D.I.Y.-Attitüde als Gesamtpaket so manche Brüllaffencombo locker in die Tasche steckt. Die SMEGMA-Coverversion „Die Jungs von nebenan“ bewies wie immer Humor und Selbstironie. Ein zu Recht umjubelter Gig, der der beste gewesen sein dürfte, den ich bisher von THIS BELIEF zu sehen bekam. Obligatorisch, dass ich die neue, auf nur 100 Exemplare limitierte CD gleich mitnahm.

Die Wedeler Lokalheroen LAST LINE OF DEFENSE bürgen seit jeher für die volle Kelle Oldschool-Street-Hardcore und ließen wie zu erwarten war die Sau raus. Energiebündel Eloi am Mikrophon muss das Publikum vor heimischer Kulisse nicht lange, genau genommen: gar nicht bitten und LLOD feierten zusammen mit dem ausgelassenen Pöbel einen wahrhaft ehrenvollen Abschiedsgig. Schlag auf Schlag reihte sich Hit an Hit, angereichert mit der einen oder anderen Coverversion wie z.B. dem unvermeidlichen „Porno-Nazi“ von SCHLIMME AUGENWURST. In diesem Zusammenhang schmerzlich vermisst habe ich leider „Tied Down“ von NEGATIVE APPROACH, das durch den Standard „Crucified“ von IRON CROSS ersetzt wurde. Zwischenzeitlich verteilte man Luftschlangen zum Sprühen aus der Dose, was zu einer weiteren Erhöhung des Spaßfaktors führte. Die flotten, energisch vorgetragenen Songs mit ihren griffigen, zum Fäusterecken und Mitgrölen einladenden Songs weisen trotz selbstgewählter Beschränkung auf das Wesentliche einen hohen Wiedererkennungswert auf, was bei Weitem nicht jeder diesen oder einen ähnlichen Stil spielenden Gruppe gelingt. Ein weiterer Gig, der glücklicherweise festgehalten wurde, so dass sich nachfolgende Generationen ein Bild davon machen können, welch großartige HC-Band die schleswig-holstein’sche Kleinstadt da hervorgebracht hatte. Diese Lücke zu füllen wird schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Der Sound war stets wie in der Villa üblich top, das Publikum umgänglich, trotz Gedrängels rücksichtsvoll und rekrutierte sich aus unterschiedlichen subkulturellen Bereichen, wobei man respektvoll miteinander umging. Einige alte Bekannte und Szenehasen waren anzutreffen und manch Klönschnack trug seinen Teil zum Gelingen des Abends bei. Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle die aus meiner Sicht als Gast gelungene Organisation und das lockere, nette Villa-Personal, das es immer wieder vollbringt, dass man sich willkommen und gut aufgehoben fühlt – wofür sich die etwas längere Anreise aus meiner sympathischen Kleinstadt doch immer wieder und vor allem mehr als in den nächsten Kommerztempel lohnt. Es würde mich freuen, wenn sowohl THIS BELIEF als auch LAST LINE OF DEFENSE sich zukünftig vielleicht doch dann und wann wieder zusammenraufen und für sporadische Gigs zu haben wären, wofür sich der alljährliche Doppellarsgeburtstag natürlich anbieten würde.

13.01./11.02.2012, Hasenschaukel/Skorbut, Hamburg: DOGS ON SAIL

Am Freitag, dem 13.01.2012, luden die Punkrocker DOGS ON SAIL zu einem kostenlosen Unplugged-Gig in die schicke Hamburger Kiezkneipe Hasenschaukel, um mit ihrem neuen Sänger George einen Vorgeschmack aufs kommende zweite Album zu bieten. Dass das englischsprachige, melodische Midtempo-Material der DOGS mit gelegentlicher Hardcore-Kante auch ohne Stromgitarre funktioniert, bewiesen sie bereits in der Vergangenheit, so auch an jenem Tag. Die eingestreuten neuen Songs klangen vielversprechend und die Umarrangements funktionierten prima, außer vielleicht beim Hit „I Don’t No“, der mir in der stark verlangsamten Form zu kraftlos klang. Es fanden sich einige Interessierte ein, so dass es recht eng bzw. gemütlich wurde. Bewegt wurde sich auch ein bisschen, mitgesungen ebenfalls, vor allem natürlich bei den Coverversionen „New England“ von BILLY BRAGG, „Kids in America“ von KIM WILDE und der „Bro Hymn“ von PENNYWISE. Hat Spaß gemacht, wie eigentlich immer, und weckte die Neugier auf die neue Scheibe.

Diese stellte man – jetzt verstromt – am Samstag, dem 11.02.2012 im Hamburger Skorbut vor. Die Hunde riefen, der Pöbel folgte und als nach den ersten drei Songs endlich der Sound vernünftig abgemischt wurde und man Jörgs famoses Gitarrenspiel nicht nur sehen, sondern auch hören konnte, nahm die Release-Party ihren Lauf. Neues und altes Zeug, interessiert vom Publikum aufgenommen und teilweise sehr ordentlich betanzt, dargeboten vom bis auf eine kleine Ausnahme sehr souveränen neuen Sänger George, der die undankbare Aufgabe hat, in die Fußstapfen von Rampensau und Ex-Sänger Stulle zu treten und sich an ihm messen lassen zu müssen. Das bedeutet weniger Kaspereien, aber dafür eine für diese Musik prädestinierte, raue Stimme von jemanden, der zum Punkrock-Sänger geboren ist und seine Erfahrung mit einfließen lässt, so dass er souverän seinen Job meistert. Textsicher und mit dem richtigen Gespür für Betonungen etc. drückt er den alten Songs seinen Stempel auf und geht in den neuen, ich glaube etwas chorlastigeren auf, die er mit sichtlicher Freude dem Publikum um die Ohren rotzt. Dieses bedankte sich mit mal mehr, mal weniger Gefühlsregungen; etwas unverständlich war mir, weshalb sich der Platz vor der Bühne ca. zu Beginn des letzten Drittels sichtbar lichtete. Wurde die Aufmerksamkeitsspanne des verwöhnten Hamburger Publikums etwa überstrapaziert? Vielleicht war es aber auch einfach das Ambiente der engen, verrauchten Kneipe, das einige frische Luft schnappen oder sich Plätze am Tresen, der Quelle des zu fairen Preisen dargebotenen Nasses, zu sichern. Die Anzahl der Coverversionen wurde etwas zurückgeschraubt, aber bei der „Bro Hymn“ gingen wieder zahlreiche Arme hoch und wurde zum Chor angestimmt. Unterm Strich ein für meinen Geschmack sehr schöner Gig, in dessen Anschluss ich mir für einen lächerlichen Fünfer das neue D.I.Y.-Werk „Low“ mitnahm, das wie die neuen Songs live im CD-Player natürlich erst recht sofort zündet und neue, kämpferische Ohrwürmer bereithält. Lediglich die Spielzeit ist mit nicht einmal einer halben Stunden viel zu kurz, gemessen am Potential der Band. Immer wieder angenehm, wie sie ohne erzwungen wirkende Provokationen, ohne skandalträchtiges Image und ohne peinlichen Promo-Overkill oder was man sonst heutzutage gemeinhin so veranstaltet, um Aufmerksamkeit zu erregen, ihr Ding durchziehen, das den Augenmerk darauf richtet, worauf es wirklich ankommt. Einfach geilen Punkrock!

31.12.2011, Skorbut, Hamburg: SS-KALIERT

Da ich eigentlich Winterschlaf halte und mich mit meiner Filmsammlung in mein urgemütliches Zuhause mümmle, war, was Konzerte betrifft, bei mir zuletzt nicht so viel los. Silvester ließ ich mich dann aber doch vom allgemeinen Ausgehwahn anstecken und wohnte dem SS-KALIERT-Gig im Hamburger Skorbut bei. Hatte nach dem ersten Album den weiteren Werdegang der Krawalleros nicht mehr großartig verfolgt, doch die Band war überraschend, beinahe erschreckend gut. Der stark Punkcore-beeinflusste Sound vergangener Zeiten schien mir mehr hardcorigem Getrümmer gewichen, auch die Attitüde der Jungs scheint sich dahingehend entwickelt zu haben – was ihr gut zu Gesicht steht. Der Auftritt war jedenfalls überaus energetisch und mitreißend, gutes Set aus neueren und älteren Stücken, die ich noch kannte. Deutlich gereifte Band, die ordentlich losbrettert und spielerisch längst auf einem recht hohen Niveau angelangt ist, ohne die Aggressivität dabei zu vernachlässigen. SS-KALIERT wurden gut aufgenommen und verteilten musikalische Arschtritte, um rechtzeitig zum Jahreswechsel um Mitternacht durch zu sein. Das Publikum erschien zahlreich und war ebenfalls angenehmer Natur. Kein Haarspray-Poser-Punk-Getue, weder auf, noch vor der Bühne, sondern ehrlicher, harter Sound für eine gerechte Meute der Freunde der härteren Gangart.

09.12.2011, Goldener Salon, Hamburg: EMILS + POPPERKLOPPER + GRøLBÜDELS

Die wieder vereinten EMILS waren der Hauptgrund meines Erscheinens, nachdem sie mich vor wenigen Monaten bereits im Molotow in höchstem Maße überzeugt hatten. Das ’nen Zehner kostende Dreierpack eröffneten die lokalen Grølbüdels. Deutschsprachiger Midtempo-Punkrock mit dem ersten SMALL-TOWN-RIOT-Basser David an einer der Gitarren. Mir fehlt bei dieser Band der Dreck, der Schmutz, die Straße… die Texte wirken dazu passend teilweise sehr verkopft. Aber auch die Grølbüdels haben ihre kleinen Hits, die Laune machen und das Publikum gut auf das kommende Inferno vorbereiten. Sehr schön auch die DAILY-TERROR-Coververion „Klartext“. Und perfekt aufeinander eingespielt ist man, das muss man ihnen lassen.

Die EMILS legten dann ein ähnlich grandioses Brett auf die Bretter wie kürzlich im Molotow. Genialer HC-Punk, mal mehr, mal weniger metallisch, intelligent, hart, trotzdem ohrwurmtauglich, einfach vor allem mit ihrer Best-Of-Setlist genial. Der einzelne Gitarrist hat wieder Krach gemacht für drei, der Drummer hielt punktgenau alle zusammen und beherrschte alle Tempowechsel etc. der komplexeren Songs auf dem Effeff. Der Sänger wie immer mit ein paar spaßigen Sprüchen auf den Lippen, kein einstudiertes Gelaber. Beim gekreischten „Krieg und Frieden“ wurde ihm nach eigenem Bekunden kurz schwindelig; ich bin mir sicher, dem einen oder anderem im Publikum auch. Eine Spitze gegen die anwesenden Skins konnte er sich ebenso wenig verkneifen wie Anspielungen auf das Alter der Bandmitglieder („Hätten wir damals gewusst, dass wir heute noch hier stehen und spielen, hätten wir langsamere Songs geschrieben!“), die Songs selbst wurden inbrünstig gesungen, gebrüllt und gekreischt und genau so von einigen tanzbeinschwingenden Menschen aufgenommen, doch auch der Rest schien begeistert. Das Bier spritzte, der Schweiß floss, die Kehlen wurden heisergebrüllt. Genauso solche Gigs alter Helden meiner Jugend haben mir längere Zeit gefehlt. Bleibt also zu hoffen, dass die EMILS von nun an in hübscher Regelmäßigkeit wieder für ein altes Publikum spielen und sich dabei ein neues, jüngeres erkämpfen. Molotow und Goldener Salon gingen genau in diese Richtung.

Nach ich glaube drei Zugaben, darunter das BUTTOCKS-Cover „Nein nein nein“, war Schluss und die POPPERKLOPPER erklommen die Bühne. Ich hab mir die ersten beiden Songs angehört und bin dann los, um meine Mandelentzündung auszukurieren. Bis zu diesem Zeitpunkt ein sehr angenehmes Konzert in einem nicht ganz billigen, aber sympathischen Laden, der große Publikumsresonanz genoss. Es freut mich, dass so eine Bandkonstellation noch immer ein relativ großes und gut gemischtes Publikum anspricht.

03.12.2011, Störtebeker, Hamburg: CONTRAREAL + AFFENMESSERKAMPF + SPECIAL EDUCATION

Viele waren noch erledigt vom LOIKAEMIE-Konzert des Vortags bzw. der After-Show-Party und zogen es vor, zu Hause zu bleiben. Das Störtebeker war trotzdem gut gefüllt. Ich kam leider etwas zu spät und verpasste den Anfang von CONTRAREAL, der zu zwei Dritteln aus Mädels bestehenden Hamburger HC-Punk-Band, wegen der ich in erster Linie erschienen war. Wie üblich legte das Trio einen klasse Gig hin und rotzte seine kritischen Texte inkl. der einen oder anderen Coverversion wuterfüllt heraus. Die Schlagzeugerin, die bei den meisten Songs auch noch den Gesang übernimmt, bewältigte ihre schweißtreibende Doppelbelastung wieder souverän, wovor ich erneut meinen Hut ziehen muss. Das Publikum hingegen zeigte sich durchaus interessiert, aber bewegungsresistent und allgemein reaktionsarm, was mich ziemlich irritierte. Zu verwöhnt? Zu nüchtern? Fehlten irgendwelche „Anheizer“ in den ersten Reihen, die den Vortänzer machen und den restlichen Pöbel mitreißen? Ich weiß es nicht, fand’s für die Band aber schade. Nichtsdestotrotz ein feiner Auftritt, wenn ich auch die Rudi-Carrell-Coverversion „Wann gibt’s mal wieder richtig Riot“ mittlerweile dann doch etwas sehr albern finde. 😉

AFFENMESSERKAMPF aus Schleswig-Holstein waren mir bis dato unbekannt und spielten kurze HC-Punk-Songs mit deutschen Texten so ein bisschen Richtung KNOCHENFABRIK/CHEFDENKER oder so, aber eigentlich auch anders, was weiß denn ich. Was ich so rausgehört hatte – der Sound war wieder sehr gut – klang humorvoll, dazu passend gab man sich auf der Bühne zu selbstironischen Späßen aufgelegt. Sehr unterhaltsamer, kurzweiliger Gig, musikalisch einwandfrei. Ging gut ab!

SPECIAL EDUCATION waren dann sozusagen der „Headliner“, eine sechsköpfige israelische HC-Punk/Crust-Band mit männlich/weiblichem Wechselgeröhre und -geschimpfe, denen die Bühne natürlich etwas eng wurde. Der eine Gitarrist stellte sich daher kurzerhand ins Publikum, ins selbige sprang der aufgedrehte Sänger ganz gerne mal und heizte den mittlerweile eingesetzten Pogo zusätzlich an, unterstrich außerdem die Aggressivität des dargebotenen Materials. Mir hat’s gefallen, wenn man an den Gitarren statt hauptsächlich Krach zu produzieren ein wenig nach Metal-Manier riffte und die Songs akzentuiert statt breiig spielte. Das hatte wirklich was, vor allem in Verbindung mit dem hochmotivierten Einsatz des Gesangsduos. Irgendwann nutzte sich das aber auch ab, zumal alles recht ähnlich klang. Allerdings schien man seinen Hamburger Gig so lange wie möglich ausreizen zu wollen, so dass Song auf Song folgte, bis mein Interesse doch ziemlich nachgelassen hatte. Den Laden leergespielt haben sie aber nicht, war also alles in allem noch im grünen Bereich. Letztlich erneut ein lohnender Abend im Störtebeker.

25.11.2011, Störtebeker, Hamburg: THEMOROL + DEFECT DEFECT + AUTISTIC YOUTH

Wieder ein Fünf-Euro-Konzi im sympathischen Störtebeker. Wie eigentlich immer gut gefüllt, der Laden. THEMOROL machten den Anfang, ’ne lokale Combo irgendwo zwischen Punk/Post-Punk und Hardcore. Ziemlich eigenständiger Sound, der dann bei mir punktete, wenn es ordentlich zur Sache ging und Tempo und Aggressivität anzogen. Der Rest war nicht so meins; ich muss aber zugestehen, dass die Jungs ihre Instrumente beherrschen. DEFECT DEFECT aus den USA allerdings begeisterten dann mit schnörkellosem Oldschool-Hardcore, voll auf die Zwölf. Der Sänger sah aus wie ein Nerd und gab sich betont tuntig, amüsante Bühnenshow. Am Ende wurde noch ein Klassiker gecovert, ich glaube es war „Right Side Of My Mind“ vonne ANGRY SAMOANS. Sehr geiler Gig voller Energie, lohnt absolut! AUTISTIC YOUTH hab ich dann leider verpasst, weil ich los musste.

19.11.2011, Linker Laden, Hamburg: EIGHT BALLS

Die EIGHT BALLS baten mal wieder zum Tanz zu erhabenem Oi!-Punk, der zum besten in dieser Richtung gehört, was Deutschland zurzeit zu bieten hat. Diesmal stieg die Party im Linken Laden mit seinem Wohnzimmerambiente, der eigentlich zu klein für so ein Konzert ist, so dass sich erwartungsgemäß das Publikum fast schon übereinanderstapelte, als ich leider aufgrund des überraschend pünktlichen Beginns etwas zu spät eintraf und Gassenhauer wie „Alles für die Firma“ und „Scheißeschmeißer“ verpasste. Alles andere ist aber genauso gut und glücklicherweise funktionierte auch der Ventilator wieder, so dass man nicht sofort wie der „Incredible Melting Man“ zu einem Haufen Grütze zerfloss. Alle Hits im Gepäck, zwei, drei Zugaben und Schluss. Großartig wie immer! Mal wieder mit dabei übrigens Aushilfs-Gitarrero und Quasi-Eight-Ball Ladde (IN VINO VERITAS), der diesmal nicht Mücke, sondern Eike an der Klampfe vertrat und seinen Job wie immer ausgezeichnet erledigte. Und so feierten letztlich St. Paulianer, HSVer und Rostocker einträchtig zusammen – manchmal klappt’s eben doch noch mit der vielbeschworenen Unity. Die schmalen 4 Taler Eintritt jedenfalls waren perfekt investiert. „Auf die Knie, Beine breit, es ist wieder Eight-Balls-Zeit! Erst anal und dann oral, wir sind die Kings of Asozial!“

12.11.2011, Störtebeker, Hamburg: THE ABOUT:BLANKS + CUT MY SKIN + irgend’ne Exotencombo

Auf diesen Abend hatte ich mich im Vorfeld sehr gefreut. Weniger wegen der Bands, vielmehr wegen des sympathischen Orts. Ich war schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr im Störtebeker mit seinen unschlagbar günstigen Getränkepreisen und seinem stimmigen Ambiente und so wurd’s verdammt noch mal wieder Zeit. Und ich wurde nicht enttäuscht, denn den Anfang machte eine was die Nationalitäten der Bandmitglieder betrifft bunt zusammengewürfelte Band, die aber anscheinend, wie man mir sagte, „hauptsächlich“ aus Südamerika käme. Das war ganz astreiner, superwütender HC-Punk, vorgetragen in Landessprache von einer Ein-Meter-Fuffzich-Sängerin mit unfassbar derbem Organ. Kurze, brutale Songs, dazwischen mindestens doppelt so lange monoton heruntergebetete Ansagen vom Gitarristen. Dadurch bekam das Ganze etwas ein wenig unfreiwillig Komisches, aber ansonsten war’s absolut top und eine wahre Aggressions-Explosion! Ich war verzückt und das sympathische Publikum schien meinen positiven Eindruck zu teilen. Leider weiß ich den Namen der Band nicht, da die gar nicht mit auf dem Flyer stand und ich es auch verpeilt hab, ihn in Erfahrung zu bringen. Ach ja, der Bassist hatte wohl mit ‘ner fiesen Entzündung an der Hand zu kämpfen und kroch auf dem Zahnfleisch, was ihn aber nicht davon abhielt, irgendwann mitsamt Bass ins Publikum zu springen – das ist Einsatz!

Ordentlich euphorisiert ließ ich mich anschließend auf ganzer Linie von THE ABOUT:BLANKS aus Berlin mit ihrem energiegeladenen ’77-Punkrock marke England zum fröhlichen Pogo einladen. Rotzige, geradlinige Songs, Alarmgesang , ordentlich Feuer im Arsch – wat willste mehr? Vielleicht die eine oder andere Coverversion eines Klassikers der PISTOLS oder THE CLASH, ok… aber man kann bekanntlich nicht alles haben. Der Laden war übrigens mittlerweile gerammelt voll und der Sound war von Anfang so dermaßen laut, dass mir tatsächlich so’n bischn die Ohren klingelten – gehört dazu!

CUT MY SKIN stand ich eher skeptisch gegenüber, nachdem ich ein paar Mal gehört hatte, dass Sängerin Patti, die ich noch aus früheren SCATTERGUN-Zeiten kannte, in politischen Fragen gern mal übers Ziel hinaus bzw. in die eigenen Reihen schießen soll. Hab mich auch nie mit der Band befasst, kannte höchstens ein, zwei Songs von Samplern. Doch drauf geschissen, denn was da an völlig geilem Midtempo-UK-Punkrock auf der Bühne zelebriert wurde, hat mich schnell überzeugt und positiv überrascht. Tolle Melodien und Singalongs, klasse Stimme, Sängerin mit viel „Credibility“ – die Band hatte zu 100% das richtige Gefühl für diese Mucke und wurde dementsprechend sehr gut vom Publikum angenommen. Ja, auch dieser Auftritt war geil. Drei Bands – drei absolut sehens- und hörenswerte Gigs. Und das alles im Störtebeker – großartig!

05.11.2011, Lobusch, Hamburg: WICKED CITY + DEAD CLASS + INSIDE JOB

Eine Woche später, gleicher Ort, gleicher Preis:

Ich kenne Stonerrock und finde ihn langweilig, ich kenne Punk und finde ihn aufregend – aber was zur Hölle soll „Stonerpunk“ sein? Langweilig-aufregendes?! Die Australier WICKED CITY belegten ihre Mucke mit diesem Etikett und, naja, was zunächst noch interessant, weil ungewohnt klang, nutzte sich recht schnell ab und trieb mich zum Quatschen vor die Pforten.

DEAD CLASS aus Irland mit ihrem flotten und spritzigen Punkrock machten da schon wesentlich mehr Spaß, wenn’s auch stellenweise arg poppig wurde. Scheißegal, der Funke sprang aufs Publikum über und die mittlerweile wieder überaus anständig gefüllte Lobusch feierte einen guten Gig. DEAD CLASS hatten Stunden vorher übrigens bereits an anderer Stelle in Hamburg einen Gig, zeigten aber keinerlei Ermüdungserscheinungen. Respekt!

Den Rausschmeißer besorgten dann die Hamburger INSIDE JOB, die ich mittlerweile nun schon öfter gesehen hatte und daher wusste, mich erwartete: Absolut geradliniger 80er-Retro-Hardcore à la CIRCLE JERKS und Konsorten mit einem wild posenden Sänger, der sich für kaum etwas zu schade ist und sich auch gern mal auf dem Fußboden wälzt. Wie immer sehr überzeugend und kurzweilig und wie immer mit einigen schönen Coverversionen von BLACK FLAG, NEGATIVE APPROACH und sowat gespickt. Die Überraschung war aber das BODY-COUNT-Cover „Copkiller“ im Oldschool-Soundgewand. Arschgeil! Das Publikum reagierte wie häufig bei solchen Shows sehr wohlwollend, aber insofern verhalten, als nun keine Circle Pits o.ä. durch den engen Laden tobten. Aber auch so immer wieder klasse, meine Empfehlung!

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