Gnnis Reviews

Category: Konzertberichte (page 5 of 36)

07.04.2018, Menschenzoo, Hamburg: PRIMETIME FAILURE + ABOVE ALL GLORY + MAX YOUNG

Liebes Tagebuch, an diesem Tag war ein Sauftag mit meinen Jungs von BOLANOW BRAWL angesagt: Wir wollten uns am Nachmittag einmal außerhalb der Reihe zum Proben treffen, uns dabei bereits einige Pilsetten einwerfen und anschließend kollektiv Wendelix‘ Geburtstagsparty im Menschenzoo aufsuchen, wo neben Wendys Band zwei weitere Acts den Soundtrack zu unserem vorsätzlichen Lampenausschießen liefern sollten. Und weil ein solcher Sauftag meist mit dem Verlust von Geld, anderen Wertsachen oder Kleidung, in jedem Falle aber gesellschaftlichem Ansehen verbunden ist, erlauben wir ihn uns nur alle Jubeljahre mal. Mit bereits dem einen oder anderen Promillchen im Blut ging’s nach der Probe also zu einem Abstecher am Imbiss, in einen Irish Pub, wo noch mal draufgekippt wurde, und schließlich zum betreuten Trinken in den Menschenzoo. Dort eröffnete MAX YOUNG aus „Saarbrooklyn“ den Abend mit „akustischem Punkrock“, was bedeutete, dass der gute Mann nur mit Wanderklampfe bewaffnet als Alleinunterhalter ein paar Songs mit, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, eher persönlichen Texten schmetterte. Kann man machen, ein nettes Vorspiel.

Wendelix‘ ABOVE ALL GLORY sind ‘ne recht neue Hamburger Band im Demo-Stadium, die sich in Trio-Größe voll und ganz einer ‘90er-typischen Melange aus MelodiCore, Skate- und Pop-Punk verschrieben hat. Und dass diese nicht unbedingt zu meiner favorisierten Musikrichtung gehört, ist kein Geheimnis. Davon unabhängig tat die Band aber ihr Bestes, um eingängigste Melodien zu erzeugen. Wendelix am Bass übt sich als „sanfter Riese“ in melodischem Klargesang und ein Song wie „Hunt the Hunter“ hat schon was. Mir persönlich fehlen bei dieser Mucke aber ‘ne ordentliche Kelle Dreck, Aggression und Rotz. Wer sich daran nicht stört, findet in ABOVE ALL GLORY aber eine gediegene D.I.Y.-Live-Alternative zum ständigen Hören der abgegriffenen alten CDs der US- und Schweden-Helden, die schon lange keine kleinen Club-Gigs mehr spielen. An den Drums nimmt übrigens Ex-HIGHSCHOOL-NIGHTMARE-Benny platz und es ist schön, ihn wieder trommeln zu sehen und zu hören. Für einen Song ergriff ferner MAX YOUNG das Mikro – war das beim NOFX-Cover „Linoleum“ oder bringe ich da jetzt was durcheinander…?

Mit gleich zwei Sechsseitigen schlugen PRIMETIME FAILURE aus der Phantomstadt Bielefeld prinzipiell in eine ganz ähnliche Kerbe, verfügten aber über mehr Profil und spürbar mehr Live-Erfahrung. Musikalisch etwas rauer und rotziger, erinnerten sie mich in ihren besten Momenten sogar etwas an SMALL TOWN RIOT. Durch die beiden Gitarren eröffneten sich ihnen natürlich auch mehr Möglichkeiten, die sie zu nutzen wussten. Zu glauben, ich könnte mich daran tatsächlich gut erinnern, wäre jedoch völlig falsch: Ich weiß im Prinzip lediglich noch, die Band recht gut gefunden und Spaß gehabt zu haben und habe im Vorfeld dieser Zeilen bei Bandcamp nachgelauscht… Schließlich war Sauftag galore, wer sich erinnern kann, war nicht dabei und über den Rest des Abends bzw. der Nacht hülle ich den Mantel des Schweigens, zumal er mir ohnehin zugetragen werden musste. Nur so viel noch: DJ Starry Eyes sorgte für ’ne zünftige Aftershow-Party, die mich in Verzückung versetzte und in nicht mehr ganz so frühen Morgenstunden wurde ich noch mit ABOVE-ALL-GLORY-Benny weitertrinkend gesehen…

Der allenthalben dreitägige Kater sorgte dann zu einer der raren vernunftbetonten Bandentscheidungen, nämlich den bereits angesetzten nächsten Sauftag vorerst ersatzlos zu streichen – bis zu unserem Gig im Molotow, dazu später mehr.

17.03.2018, Kulturpalast, Hamburg: VENOM INC. + SUFFOCATION + DESASTER + NERVOSA + AETERNAM + SURVIVE + MIDNIGHT FORCE

Als ich anno dazumal nur VENOM INC. und NERVOSA in der Konzertankündigung las, wurde ich gleich nervös und hab‘ mir schnellstmöglich Karten gesichert, weil ich ahnte: Das würde eng werden. Doch statt in der muggeligen Bambi Galore fand die mit insgesamt sieben Bands auf Festivalgröße aufgeblasene Sause im neu errichteten Kulturpalast statt, der ebenerdig und für größere Veranstaltungen ausgelegt ist. Etwas Verwirrung gab’s im Vorfeld um die Uhrzeit, Facebook-Veranstaltungskalender und Kulturpalast-Internetauftritt widersprachen sich da. Letztlich sollte es um 16:30 Uhr losgehen, doch der Beginn verzögerte sich um ‘ne halbe Stunde – was leider offenbar durch Spielzeitverknappung wieder reingeholt werden solle, aber dazu später mehr. So kamen wir dann doch nicht zu spät und konnten noch in Ruhe ‘ne Merch-Runde drehen, erstaunt feststellen, dass auch Imbissverpflegung und Wacken-Tee angeboten wurden und ein erstes Bierchen zischen.

In der noch übersichtlich gefüllten Halle eröffneten MIDNIGHT FORCE, eine noch junge Band aus Schottland, die auf köstliche Weise Epic-Metal-Gedöns persiflierte: Ein um die Töne ringender (aufgrund des miesen Sounds vor der Bühne ohnehin kaum zu hörender) Sänger mit Robin-Hood-Armschützern und hübschen Schleifchen in seinen Stiefeln, der verunsichert posiert/gestikuliert und sein Mikro auch mal mit ‘nem imaginären Schwert verwechselt, ein Basser auf Socken, der gern mal Fünfe gerade sein lässt und es sich auf dem Bühnenboden bequem macht und ein Drummer, der noch während des letzten Songs sein Equipment abbaut. Nur der Gitarrist im schicken King-Diamond-Shirt hielt sich mit Späßen zurück. Haben trotzdem gut geschmunzelt.

Auch SURVIVE aus Japan sagten mir im Vorfeld so gar nichts. Die zocken ‘ne Mischung aus modernem Brachial-Thrash und Metalcore oder so und der erste Song ging direkt mal im Soundmatsch unter. Danach wurde die Akustik jedoch deutlich besser und, doch, der Endzeit-Look und heftig drückende Sound hatten was, einen gewissen Unterhaltungswert konnte man der Darbietung nicht absprechen – wenn auch die Klargesang-Parts störten und ich noch stärker davon fasziniert war, wie allen voran der Bassist dem offenbar als Ersatz eingesprungenen (weil optisch arg aus der Reihe fallenden) Drummer unablässig Signale für Einsätze, Wechsel, Fills etc. gab. An Spielzeit hatte man ihnen anscheinend locker zehn Minuten abgeknapst und so war der Gig in der mittlerweile stärker gefüllten Halle recht schnell durch.

Die Symphonic-Death-Metaller AETERNAM aus Kanada liefen bislang ebenfalls komplett unter meinem Radar, denn alles, was mit „symphonic“ zu tun hat, meide ich wie der Teufel das Weihwasser und halte ich für ziemlich überflüssig.  In diesem konkreten Fall bekam ich’s dann mit weniger stumpfem, bisweilen hörenswertem Death Metal zu tun, in dessen Hintergrund irgendwelche ach-so-symphonischen Samples aus der Konserve herumkleisterten. Der Shouter und Gitarrist war dafür motiviert bis in die Haarspitzen, wirkte recht sympathisch und dem Publikum gefiel’s offenbar.

Es folgte der erste Höhepunkt der Abends: Die drei Brasilianerinnen von NERVOSA gehören seit ihrem Debüt zu meinen Favoriten, was zeitgenössischen, fiesen Thrash Metal betrifft. Vor der Bühne wurde sich nun ordentlich gedrängelt, doch, oh Graus: Fernandas Gesang und Prikas Gitarre waren kaum zu vernehmen und es dauert eine ganze Weile, bis der Sound hörbar besser wurde. Die Band war in bester Spiellaune und Fernanda agil wie eh und je, doch nach dem großen Finale mit „Into Moshpit“, bei dem der Mob dann auch mal so richtig in Bewegung geriet, war schon wieder Schluss – nach offenbar ebenfalls nicht mehr als 25 Minuten. Aufgrund des schwachen Sounds und der knappen Spielzeit die erste kleine Enttäuschung des Abends, trotz Spitzenband.

Die Koblenzer Black-Thrasher DESASTER hatte ich bisher weniger auf dem Schirm, irgendetwas fehlte mir auf den Alben immer, so 100%ig ist’s nicht mein Sound. Nach der Bekanntgabe, dass Drummer Husky nun nicht mehr „nur“ nebenbei noch bei ASPHYX die Felle malträtiert, sondern auch der Nachfolger Makkas bei Ruhrpott’s Finest SODOM ist, war ich aber besonders auf den Gig gespannt. Und, ja: Die Band mit Bodybuilder am Gesangsmikro, Guildo Horn an der Klampfe und einem verhuschten corpsegepainteten Gespenst am Tieftöner machte ordentlich Druck, der Sound war deutlich besser als bei den südamerikanischen Kolleginnen und mittels geordnetem Chaos wurde eine Aggronummer nach der anderen gezündet und ins Publikum gespien, das nun ordentlich auf Temperatur war. Machte live echt Laune, auch wenn sich kein Song so richtig festkrallen wollte. Für die grobe Kelle aber wirklich amtlich. Husky entpuppte sich zudem wie gehofft als echtes Drum-Tier, das neben Profi-Technik auch einen brutalen Punch vorlegt und offenbar mit viel Leidenschaft bei der Sache ist. Geht absolut klar und ich freue mich auf den ersten SODOM-Gig mit ihm! Ach ja, die Spielzeit schien mir nun auch angemessen.

Auf den Co-Headliner SUFFOCATION hatten sich eine Menge Besucher gefreut, mir hingegen war er ziemlich egal – bin und bleibe einfach notorischer Death-Metal-Banause. Sicher, hier haben wir es mit US-Genre-Pionieren zu tun, für mich ist das aber weitestgehend schlicht hookbefreiter Grunzlärm. Dessen Fans allerdings feierte ihre Party, wenngleich die Circle Pits zumindest anfänglich eher noch nach gemütlichen Spaziergängen aussahen. Ab und zu kamen Stagediver und Crowdsurfer vorbei. Ich schüttete mir derweil ein Bier nach dem anderen rein, bis mich die Monotonie der Musik in eine Art Trancezustand versetzt hatte. Entspannt beobachtete ich die Musiker, anhand derer Bewegungen sich mir schließlich dann und wann der Groove der Songs erschloss und ich ekstatisch mit dem Fußballen moshte, mit dem Kopf im Takt nickte und mich für meine Lady freute, der ich zum Geburtstag eine Eintrittskarte vermacht hatte und die der Chose wesentlich mehr abgewinnen konnte als ich alter Muffel. Kurios fand ich übrigens den Bassisten, der seinen kastrierten Fünfsaiter immer wieder senkrecht auf den Boden stellte und wie einen Standbass spielte. Noch wesentlicher kurioser allerdings ist’s, dass der Zeitplan mittlerweile nicht nur ein-, sondern sogar überholt worden war, sodass SUFOCATION viel früher als veranschlagt angefangen hatten – zum Ärger manch Fans, der dadurch den Großteil des Sets verpasste. Als Death Metaller hat man’s nicht immer leicht und in der Tat ist das eher so suboptimal – wobei ich mich andererseits aber frage, womit man sich ausgerechnet in HH-Billstedt denn sonst so während eines Metal-Festivals die Zeit vertreibt, dass man gar nicht mitbekommt, wenn die Lieblingsband zum Angriff bläst.

Wie dem auch sei, nu‘ aber: VENOM! Meine ewige Leib- und Magenband neben IRON MAIDEN, SODOM und CYNDI LAUPER. Ok, es war jene Inkarnation mit dem INC. dahinter, also ohne Cronos, dafür mit den anderen beiden Gründungsmitgliedern Abaddon und Mantas sowie „Demolition Man“ Tony Dolan an Bass und Gesang, den ich schon bei ATOMKRAFT cool fand und der von 1989 bis 1992 bei VENOM verpflichtet war. Das „Prime Evil“-Album seinerzeit war ein deutlicher Fortschritt nach dem eher missglückten „Calm Before The Storm“, dem damals letzten mit Cronos. Live hatten mir VENOM INC. bereits 2016 auf dem Metal-Bash-Open-Air die Möbel geradegerückt, doch da waren sie auch noch nicht mit neuem Material am Start. Das fand ich aus der Konserve auch eher so semi, natürlich wollte ich in erster Linie die alten Schoten hören. Aber wer zur Hölle war dieser Jungspund da hinter den Nuclear Warheads? Ach wat, Abaddon ist noch mal Vater geworden und wird von einem gewissen Jeramie Kling vertreten? Hätte man das nicht umgekehrt machen können? Kleiner Scherz, große Unterschiede konnte ich keine ausmachen, es rumpelte vielleicht etwas weniger. Ging los mit „Avé Satanas“ von der neuen Platte, danach wechselten sich alte und neue Stücke ‘ne Zeitlang mehr oder weniger ab. Entweder integrierte sich der neue, durchs Double-Bass-Getrete gut auszumachende Stoff live überraschend passabel ins Set oder mir war auf meiner alkoholgepitchten Euphoriewelle mittlerweile alles egal. Zum Mitgrölen luden natürlich Klassiker wie „Welcome To Hell“, „Die Hard, „Live Like An Angel (Die Like A Devil)“, „Black Metal“ und „Countess Bathory“ ein, das „Prime Evil“-Album wurde mit „Parasite“ berücksichtigt und als Zugaben gab’s „Sons Of Satan“ und „Witching Hour“ auf die ehrfurchtsvoll gespitzten Löffel. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, bekam man die anfänglichen Soundprobleme bald in den Griff. Dolan ist immer noch ‘ne coole Sau mit klasse Bühnenausstrahlung und Mantas mit ohne Schnurri, dafür Irokesenzopf genoss sichtlich die Nähe zum Publikum, wenn er am vorderen Bühnenrand herumturnte und seine Sechssaitige fidelte. Von Stagedivern ließ man sich nicht irritieren und machte generell einen fitten, spielfreudigen Eindruck. Die Kirsche auf der Setlisthaube wäre gewesen, hätte man noch ‘nen schönen alten ATOMKRAFT-Stampfer skandiert. Dolan sieht nach wie vor wie aus vom „Mad Max II“- oder „Hügel der blutigen Augen“-Filmset entführt; in Kombination mit VENOMs Image wirkt die Band  wie eine krude Endzeit-Metal’n’Roll-Satanisten-Sekte auf mich. Als Kind der ‘80er stehe ich natürlich total auf so was, so dass ich’s ganz mit der alten Warncke-Eis-Losung halte: Zwei VENOMs sind besser als kein VENOM.

VENOM INC. hatten ‘ne ganze Weile gespielt, länger als ‘ne Stunde (wie ursprünglich geplant) – deshalb die Umstellung des Zeitplans? Mein Gesamteindruck des Festivals ist etwas durchwachsen: Den günstigen Preisen zum Trotz hätte ich’s geiler gefunden, NERVOSA, DESASTER und VENOM INC. im Bambi zu sehen, was jedoch reichlich egoistisch gewesen wäre, denn da hätten niemals alle reingepasst. Letztlich überwog aber eindeutig der Spaß und so bot sich eben die Möglichkeit, auch mal wieder ein bisschen über den musikalischen Tellerrand hinauszublicken bzw. -horchen. Ein interessanter lokaler Opener – davon gibt’s in Hamburg doch genug – wäre mir aber lieber gewesen als MIDNIGHT FORCE, NERVOSA sollten, wo auch immer sie auftreten, mind. eine Dreiviertelstunde zocken und falls die Soundprobleme an der Hallenakustik liegen, hoffe ich, dass man sie zukünftig besser gehandhabt bekommt. Ansonsten bin ich gut auf meine Kosten gekommen und hab‘ meine Soul mal wieder derbe to the Gods Rock’n’Roll downgelayt.

03.03.2018, Ackerpoolco, Hamburg: SCOOTER KIDS MUST DIE + CRACKMEIER

Mein Kumpel Martin ist erst letztes Jahr aus seiner serbischen Heimat nach Hamburg gezogen, hat flugs zusammen mit ein paar anderen Rabauken ‘ne Krachcombo gegründet und lud zur CRACKMEIER-Live-Premiere ins Eidelstedter Ackerpoolco. Da müssen andere empfehlens- und unterstützenswerte Veranstaltungen zurückstecken, denn ein solches Spektakel kann ich mir unmöglich entgehen lassen. Das Ackerpoolco war mir allerdings vollkommen unbekannt, per Bus,  Bahn und Google Maps aber bald gefunden. Der Schuppen ist ein ‘nen recht guten Eindruck machendes Jugendzentrum inkl. Skatehalle, wo bereits seit 17:00 Uhr dem halsbrecherischen Rollbrettsport gefrönt wurde. Das Ganze war wohl die Geburtstagsparty eines Einheimischen, Eintritt war frei, Dithmarscher gab’s gegen paar Kröten Spende und ein Kaminfeuer sorgte an diesem arschkalten Tag („Too old to skate“? Too cold to skate!) für Wärme. Ließ sich also ganz gut an. Den einen oder anderen CRACKMEIER, so der geschmackvolle Name des neuen Sterns am Hamburger Hardcore-Himmel, hatte ich allerdings noch nie so sichtlich nervös erlebt. 😉

Diese warteten händeringend auf ihren zweiten Gitarristen Fokko, der einfach mal ganz lässig direkt zum Auftritt (ok, zum Soundcheck) erschien. Irgendwann zwischen neun und halb zehn ging’s dann los, Sänger Jesche positionierte sich vor der Bühne, nahm erstmals im Leben seine Mütze ab (hatte ihn noch nie ohne gesehen!) und wütete, brüllte, pöbelte sich durchs Set mit seinen angepissten, deutschsprachigen Hasstiraden gegen alles mögliche Verachtenswerte. Dank der beiden Gitarren der ehemaligen KAOS-KABELJAUer Fokko und Jerome (auch bei AUS DEM RASTER) und der anpeitschenden Rhythmussektion, bestehend aus dem schön dominant abgemischten Brutalo-Bass Böllers und Martins derbem, dabei technisch einwandfreiem Drumming, gab’s ein sattes Soundbrett dazu, das die Songs weder zu trocken noch monoton klingen ließ. Für einen ersten Gig überraschend tight! Hier und da gab’s etwas Background-Mitgebrüll und ein Song wurde vornehmlich von Jerome gesungen, wenn auch ohne dritte Strophe – kenn‘ ich, so wat… Das klopfte jedenfalls alles echt gut aufs Mett und provozierte auch den einen oder anderen Freudentanz im wesentlich stärker als erwartet vertretenen Publikum. Würde gern mal mit DMF zusammen mit CRACKMEIER zocken, wird hoffentlich mal möglich sein. Ein Einstand nach Maß! Bin jetzt Fan.

THE MUTTNICKS hatten leider kurzfristig abgesagt, also ging’s nach kurzer Pause direkt mit SCOOTER KIDS MUST DIE (oder auch SCOOTER KIDS UND KAI) weiter. Hatte ich noch nie von gehört, scheinen auch noch nicht sooo lange zu existieren. Mit dem Startschuss brach jedoch die Hölle los. Hatte ich es vorher schon recht optimistisch gefunden, den Tisch mit Mischpult etc. unmittelbar an der Tanzfläche aufzubauen, wurd’s nun echt gefährlich für die Technik: Bier spritzte durch die Gegend, Buddeln zerbarsten, Körper flogen herum. Ich hielt mich aus Sicherheitsgründen im Hintergrund, wie man auch den Fotos ansieht. Befürchtete ich anfänglich noch, der Sound könnte in Richung Screamo oder so gehen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Astreiner, pfeilschneller Oldschool-Hard-/Trash-/Skatecore, hektisch und hysterisch, kurze Songs, englische Texte und ein Megahit auf Deutsch: „Ihr seit [sic!] schlau“ – doch „wir sind besoffen“. „Keine Bücher – wir wollen Bier!“ Perfekt auf den Punkt gebracht – nicht nur dieser Song, sondern der ganze Gig. Bekommt man hoffentlich auch öfter mal zu Gesicht.

Während der Zigarettenpause vor der Tür wurden die Scherben zusammengekehrt, anschließend musste ich mich erst mal wieder ‘ne Viertelstunde am Kamin aufwärmen. Mit ‘nem Bier to go ging’s in den Bus und zurück nach Altona, wo wir noch ‘nen Abstecher ins Monkeys machten, das seinen dritten Geburtstag feierte – also von einer Geburtstagsfeier auf die nächste, was perfekt passte, denn immerhin war ich ebenfalls mit einem Geburtstagskind unterwegs. Eigentlich hatten wir darauf spekuliert, dort nach dem Liveteil des Programms aufzuschlagen und gratis reinzukommen, waren dafür aber etwas zu früh am Start. So mussten wir noch jeder ‘nen Zehner für die letzten Songs der JUDGE-DREAD-Coverband latzen, aber sei’s drum: Ist ja für ‘nen guten Zweck… Die Band mit dem dicken Sänger im engen Superman-Shirt machte ihre Sache ohrenscheinlich ziemlich gut, könnte man sich wohl auch mal gezielt und abendfüllend geben. Einen Teil der Verlosung sahen wir uns noch an, ansonsten gaben wir uns im Pub-Bereich bei Mucke eines sehr geschmackssicheren DJs in angenehmer Atmosphäre den Rest, jedoch nicht ohne diverse Begrüßungen und Schnacks mit bekanntem Volk und natürlich Gratulationen ans Monkeys – auf die nächsten drei und noch viel mehr Jahre!

16.02.2018, MS Stubnitz, Hamburg: TORTENSCHLACHT + CHOLERA TARANTULA + ROSTDOCS

Geil, endlich mal wieder ‘ne schnieke Punk-Sause auf der Stubnitz und ich hatte sogar Zeit! Bischn Rahmenprogramm in Form einer Doku und ‘ne Vokü gab’s auch, also ging’s nach der Maloche und der allwöchentlichen Sporteinheit ohne Abendessen los in die HafenCity, wo das Rostocker Kultur- und Denkmalschiff zurzeit liegt.  Nach offiziellem Zeitplan waren wir dennoch spät dran, also schnell den Eintritt i.H.v. 5-10 EUR abgedrückt und gehofft, noch etwas vom Büffet zu bekommen. Das machte jedoch einen etwas traurigen Eindruck, Reis mit Tomaten- und Blumenkohl-Soße, dazu bischn grünen Salat… Und ob vorher eklatant mehr vorhanden gewesen ist, weiß ich gar nicht. Jut, zumindest Skorbut würde man wohl man nicht davon bekommen, also zu zweit vom letzten verbliebenen Teller im Vorführsaal schnabuliert, wo dann auch alsbald die Doku begann; ein rund einstündiger Film über die Historie der Stubnitz seit der Wende. Mittels Interviews mit den Stubnitz-Pionieren und zahlreichen historischen Aufnahmen wurde ein Eindruck davon vermittelt, welch Mammutprojekt es war, die Stubnitz vor der Verschrottung zu retten und kulturell nutzbar zu machen – und was sie bereits alles erlebt hat. Das ist einer dieser Fälle, in denen sich einige Idealisten buchstäblich den Arsch bis an die Grenzen zur Selbstaufgabe und bisweilen darüber hinaus aufgerissen haben, um etwas auf die Beine zu stellen – großen Respekt dafür!

Erstmals auf der Stubnitz war ich in Rostock, als sie während eines legendären DRITTE-WAHL-Konzerts aus allen Nähten platzte. Seit ein paar Jahren liegt sie dauerhaft in Hamburg, fungiert aber nach wie vor als wichtige Komponente im Rostock-Hamburg-Kulturaustausch, was sich nicht zuletzt im heutigen Bandaufgebot niederschlug: Die erste „Punkship“-Sause (weitere sollen wohl folgen) hatte gleich zwei Rostocker Combos geladen. Nachdem die ersten Dosen Pils verköstigt waren (5,0 zum Punker-Sonderpreis von einsfuffzsch), enterten die für die verhinderten SCHROTZ eingesprungenen ROSTDOCS die (ziemlich hohe) Bühne und zockten ihren deutschsprachigen Oi!-Punk mit vielen Rock’n’Roll-Anleihen und hier und da ‘nem lütten Offbeat sowie mit ordentlich Spaß inne Backen. Die obligatorische Hansa-Rostock-Hymne durfte nicht fehlen, dafür allerdings der zweite Gitarrist: Dieser betrat erst nach den ersten Songs für die Band ebenso überraschend wie fürs Publikum die Bühne und stieg mit ein – war vorher wohl noch am Deckschrubben. Die beiden Gitarristen waren dann ziemlich gut aufeinander abgestimmt und auch die Rhythmus-Abteilung auffallend talentiert. Ein gelungener Auftakt, wenn auch vor der Bühne der Gesang etwas arg leise war.

Es folgte ‘ne ziemlich lange Umbauphase, in der der Bereich vor der Bühne zum Ring umfunktioniert wurde. Cindy Clawful und ihr Partner präsentierten nämlich ‘ne astreine, athletische, brutale Wrestling-Nummer wie seinerzeit auf dem Sommerfest des Wagenplatzes Norderstedt, an deren Ende der böse Heel einen Kopf kürzer gemacht wurde – und Louis Armstrongs „What a Wonderful World“ dudelte unablässig kontrastierend dazu aus der P.A. Genau das Richtige für meinen guten schlechten Geschmack und nachdem ich mir diesmal anfänglich einen Spaß daraus gemacht hatte, den Heel anzufeuern, verfiel ich letztlich doch wieder der guten Cindy und ihrer konsequenten Durchsetzung feministischer Ideen…

Bis die Bremer HC- und Euro-Dance-Trash-Punks CHOLERA TARANTULA loslegten, war weitere Zeit vergangen und das Dosenbier-Kontingent leider erschöpft, weshalb ich nun aufs mit 3,- EUR leider immer etwas teure Gezapfte umsteigen musste. Mittlerweile war ich auch so richtig auf Betriebstemperatur und feierte die Band mit ihren giftigen deutschsprachigen Texten ab. Dürfte mein dritter CHOLERA-TARANTULA-Gig gewesen sein, mit dem Set war ich recht vertraut, „Freiheit statt Frontex“, der Sing-a-long „Bullenterror“ usw. – und am Ende die unvermeidliche ‘90s-Trash-Einlage… Allerdings hatten sie diesmal entweder gar keinen von vornherein schon gut zugelöteten Anhang dabei oder er ist mir schlicht nicht mehr aufgefallen, da ich längst in einem ähnlichen Zustand weilte. Hat mich jedenfalls ordentlich durchgeschüttelt und den Alkohol in jede Körperzelle verteilt, sodass ich mich ehrlich gesagt an den kurz vor 1:00 Uhr gestarteten Gig der Rostockerinnen TORTENSCHLACHT gar nicht mehr erinnern kann. Zumindest habe ich wohl noch ein paar ganz ordentliche Fotos gemacht, aber das ist auch die einzige überlieferte Erinnerung. Die Damen werden gewohnt charmant, ruppig und rustikal ihren aus allen drei Kehlen abwechselnd interpretierten Punkrock mit den selbstbewusst feminin-frechen Texten abgeliefert und die eine oder andere Coverversion von SCHLEIM-KEIM, DIMPLE MINDS usw. dargeboten haben und ich hatte sie ja nun bei Weitem nicht zum ersten Mal gesehen… Meine nächste Erinnerung ist aber, dass ich träumte, wohlig im vertrauten Bette zu schlummern, jedoch urplötzlich geweckt wurde und mich mit dem Kopf auf dem Tisch liegend inmitten wummernden Stumpf-Technos und völlig pleite wiederfand. Sofort wurde ich mir meiner prekären Situation bewusst: Ich muss beim letzten Absacker auf den Sitzmöbeln weggeknackt sein und mittlerweile war die Anschlussveranstaltung, irgend’ne Techno-Zappelei, in vollem Gange. Fluchend spurtete ich mit Madame, der es ganz ähnlich ergangen war, aufs Deck, um erleichtert festzustellen, dass wir uns glücklicherweise nicht auf hoher See befanden, sondern noch im vertrauten Hamburch ankerten. Der Versuch, ein Taxi für uns Süßwassermatrosen zu ordern, geriet abenteuerlich – Servicewüste Taxidienste, echt ma! Als dann aber wie aus dem Nichts eines vor dem Kutter hielt, wurde es sofort von uns gekapert und gen tatsächliches Schlafgemach geleitet…

Insgesamt ‘ne feine Angelegenheit – wenn auch mit nicht ganz so geplantem Ausgang – in nicht alltäglichem Ambiente, die hoffentlich positiv zum Kulturaustausch zwischen HH und HRO beigetragen hat, schließlich wird in der nächsten Saison der FC St. Pauli mutmaßlich wieder auf  Hansa Rostock treffen… Und bevor jemand fragt: Taxifahren ist definitiv Punkrock.

02.02.2018, Menschenzoo, Hamburg: BARETTA LOVE + ATOMIC SUNRISE + CRUDE CARESS

An diesem Freitag kam einiges zusammen: Ich sollte noch einmal im Menschenzoo auflegen, gleichzeitig lockte dort ein Konzert mit gleich drei Bands – und galt es, den Beginn der vorlesungsfreien Zeit zu feiern. Mein erstes „Deutsche Sprache und Literatur“-Semester lag quasi hinter mir und ist offenbar gar nicht so übel gelaufengelaufen – also Tassen hoch bis zum Verlust der Muttersprache! Außerdem wurde die neue P.A.-Anlage entjungfert, und zwar durch das Trio CRUDE CARESS aus Winterthur (Schweiz). Die 2014 gegründete Band zockte eine erquickende Melange aus rustikalem Oldschool-Punkrock und wüsteren HC-Punk-Eruptionen, stimmlich mal vom Basser, mal vom Drummer rau vorgetragen, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, bisweilen gar in Schwyzerdütsch. Der Zoo war noch relativ übersichtlich frequentiert, füllte sich aber nach und nach zusehends und das anwesende Volk lauschte interessiert, ohne gleich durchzudrehen. Witzig war ein Schreihals im Publikum, der jede Ansage launig kommentierte. Die Drums waren mir manchmal zu sehr uffta-uffta und die Handbremse zu angezogen, der Gitarrist währenddessen auf der Suche nach dem dritten Akkord.  Je aggressiver, flotter und kürzer die Stücke aber wurden, desto besser lief mir das Zeug rein und das sympathische Auftreten der Band, die mit ihrer Schweizer Herkunft kokettierte und kleine Lehrstunden in Schwyzerdütsch abhielt („Wisst ihr, was ein Schlägli ist? Ein Schlachanfall! Das muss doch SCHLACHANFALL heißen!!!“), trugen zur guten Stimmung bei. Der Basser kompensierte das Fehlen eines klassischen Vorturners mit zappeligen Ausflügen vor die Bühne, zupfte seine Axt auch mal kniend und gegen Ende gab’s mit „We Bite“ vonne MISFITS dann auch noch ‘nen Song, den nun wirklich jeder kannte. Ausbaufähig, aber nicht schlecht und vor allem unterhaltsam!

Durchatmen, lüften, paar Songs auflegen, paar Bierchen (und Kiezmischen…) zischen – und die Magdebürger ATOMIC SUNRISE auf der Bühne begrüßen. Die Bude war mittlerweile sehr gut gefüllt und das Quartett gab sofort kräftig Gas. Den Sound würde ich als melodischen Punk mit einigen Punk’n’Roll-Anleihen bezeichnen. Ich hörte viel THE BONES heraus, aber auch viele Melodic-US-Punk-Einflüsse. Der Sänger, der zugleich die Rhythmusklampfe bediente, erinnerte mich an ANTI-FLAG, die mehrstimmigen Chöre sind natürlich genreimmanent und der Leadgitarrero schüttelte eine eingängige Melodie nach der anderem aus dem Ärmel. Das war schon alles sehr, sehr amtlich, zumal die pure, entfesselte Spielfreude da von der Bühne drang. Die mehr am Hauruck-Punk interessierten Anwesenden hatten sich nach hinten zurückgezogenen und den Anhängern der munteren Melodei das Feld überlassen, welche nun verzückt das Tanzbein schwangen. Auch hier gab’s ‘ne Coverversion eines unzerstörbaren Klassikers, DEAD BOYS‘ „Sonic Reducer“ musste herhalten und wurde nicht nur von mir begeistert mitgesungen. Für meinen Geschmack könnte der Gesang noch etwas mehr Abwechslung und Dreck vertragen und dem Sound würde auf Dauer eine etwas individuellere Note sicherlich gut tun, aber das ist Kritik auf hohem Niveau und schon gar kein Gemecker, denn live haben ATOMIC SUNRISE richtig was gerissen!

Die Wahlberliner BARETTA LOVE sind stets gern gesehene Gäste im Menschenzoo, spielen dort wohl 1x jährlich und 2016 wurde uns mit BOLANOW BRAWL sogar das Vergnügen zuteil, mit ihnen zusammen zu zocken.  Englischsprachiger Punkrock voller Pop und Melodie, gern auch mal etwas getragener, aber immer eingängig, inbrünstig vorgetragen von drei Typen, die auf der Bühne keine Show abziehen, sondern ihre Musik leben und lieben und sich dafür den Arsch abschwitzen. Wenn der Schweiß schon den Gitarrengurt runtertropft, verleiht das BARETTA LOVE eine unheimliche Authentizität und der Funke springt sofort aufs Publikum über, das nun komplett mitging – übrigens inkl. eines Rollstuhlfahrerpärchens, das den ganzen Abend über anwesend war und seine Reifen zum Glühen brachte. Der Sänger trägt mittlerweile Irokese und seine Gitarre fast unterm Kinn, obwohl er diese quasi blind beherrscht. Die Abgewichstheit, mit der BARETTA LOVE ihr künstlerisches Handwerk beherrschen, geht schon verdammt stark in Richtung – nicht negativ gemeinter – Professionalität, da sitzt einfach alles. Feiner Gig, wenn auch auf Dauer vielleicht nicht 100%ig meine Mucke, denn ein paar mehr Ecken und Kanten dürften’s letztlich dann schon sein – und das obligatorische TOTE-HOSEN-Cover „1000 gute Gründe“ darf dann auch sehr gerne langsam mal ersetzt werden.  Gegen 1:00 Uhr wird wohl Schluss gewesen sein, aber die Nacht blieb famos – Freunde und Bekannte sowie eine Vielzahl nun auch von anderen, parallel stattgefundenen Konzerten einströmenden Menschen machten die Nacht zum Tag, das „DJing“ zum Vergnügen und die Kehle so heiser, dass ständig nachgekippt werden musste, bis Chefwirtin Iris irgendwann zum Feierabend mahnte. Eine „Absacker-Tour“ ersparte ich mir (und den anderen) diesmal – besser hätte es nicht mehr werden können.

12.01.2018, Fanräume, Hamburg: DIE DORKS + STACKHUMANS + LOSER YOUTH

Zum Jahresbeginn hat mich die Zeitfalle endgültig erwischt: Der Semesterendspurt meines Studiums fordert seinen Tribut. Den Eintrag zu meinem ersten Konzert des noch jungen Jahres, das mich in die Fanräume führte, will ich trotzdem nicht unterschlagen, auch wenn’s etwas länger dauerte. Kohle für Anti-G20-Repressionskosten sollte eingespielt werden und eigentlich waren auch AUS DEM RASTER dabei, die jedoch gerade mit ihrem Set durch waren, als ich am ziemlich gut gefüllten Ort des Geschehens aufschlug. Die LOSER YOUTH um Gitarrist, Sänger und Tausendsassa Thommy prügelte gefühlt 40 schnörkellose, rudimentäre Oldestschool-HC-Punk-Eruptionen durch die P.A., kurze, direkt auf den Punkt kommende Songs mit deutschsprachigen, bewusst provokant-plakativen Texten, garniert mit herrlich stumpfen Ansagen und schönem Bass-Gerödel, das hilft, die Stücke voneinander unterscheiden zu können. Brachte gut Stimmung in die Bude und die entspannte Attitüde der Band, die den einen oder anderen Einstieg vergeigte und bisweilen dann einfach zum nächsten Song überging, ist mal echt sympathisch.

Wesentlich brachialer gingen die STACKHUMANS aus Itzehoe im Anschluss zu Werke, die ihren für mich bisher besten Gig ablieferten. Aggressiver, krustiger HC-Punk mit bösem gutturalem Shouting in deutscher Sprache und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Fronter rüpelte sich durchs immer heftiger pogende Publikum und war irgendwann wieder barfuß, während seine Band sich durch die Songs fräste und bollerte. Leider spielte die Technik nicht ganz mit und so setzte immer wieder der Bass aus, bis der Bassist irgendwann entnervt ganz abbrach und eine Pause nötig wurde, um den Mist endlich in den Griff zu kriegen. Das unterbrach natürlich den Fluss und ich hatte meine Zweifel, ob man den Stimmungspegel danach würde halten können. Doch Pustekuchen, schon bald ging’s ebenso heftig vor der Bühne weiter, wie’s vor der Zwangspause geendet hatte. Von den Publikumsreaktionen her also das genaue Gegenteil des Lobusch-Gigs vor einigen Monaten – freut mich!

Die bayrischen DORKS um Sängerin/Gitarristin Lizal kannte ich bisher nur von vereinzelten Songs und aus Fanzine-Interviews. Dass sie mit ihrem deutschsprachigen Punkrock wohl dem „Deutschpunk“ zuzurechnen sind, hinderte sie nicht daran, als Soundcheck DIOs „Rainbow in the Dark“ anzuspielen, was nicht der einzige Ausflug ins Metallische bleiben sollte. Andere waren wesentlich vertrauter mit der Band als ich und feierten von der ersten bis zur letzten Sekunde kräftig ab, was Lizal, ihr Co-Sänger und der Rest der Bande fabrizierten. Mein persönlicher Genuss wurde jedoch empfindlich durch Lizals viel zu leise Klampfe und ihren höchstens als Flüstern zu vernehmenden Gesang gestört. Offenbar war die Anlage an ihre Grenzen gelangt oder was auch immer. Soundhexer Norman ließ nichts unversucht, das Problem auszumerzen, doch schienen ihm die Hände gebunden. Irgendwann mittendrin scheint dann doch irgendwas funktioniert zu haben und zumindest Lizals Stimme erklang endlich in voller Pracht, ihre Klampfe blieb jedoch arg unterrepräsentiert. Das ist schade, denn im Gegensatz zu den vorausgegangenen Bands leben die DORKS-Songs neben frechen Texten auch von ihren Melodien. Dem Mob vor der Bühne aber schien das alles herzlich egal und so überwog in jedem Fall der Eindruck einer zünftigen Hamburg-bayrischen Party. Ein weiterer Verweis auf klassischen Metal war das gegen Ende gezockte „Fear of the Dorks“, dem einen oder anderen vielleicht noch als „Fear of the Dark“ von IRON MAIDEN ein Begriff. Geile Scheiße und man setzte sogar noch einen drauf: Vermutlich als Tribut an die nun komplett an einem hoffentlich besseren Ort rödelnde und saufende alte MOTÖRHEAD-Besetzung entließ man mit einem „Ace of Spades“-Cover den Pöbel in die Nacht. Und aufgrund diverser Samstagmorgenverpflichtungen fiel meine sonst so obligatorische Absackertour der Vernunft zum Opfer. Sachen gibt’s…

Bleibt zu hoffen, dass ordentlich Rubel für die gute Sache und gegen die politische G20-Justiz zusammenkam und so lange weitere solch wohlfrequentierte Sausen stattfinden, wie es in diesen „schillernden Zeiten“ vonnöten ist.

15.12.2017, Menschenzoo, Hamburg: NITRO INJEKZIA + TILIDIN

Normalerweise versuche ich es ja zu vermeiden, Punk-/HC-Konzerte in der Markthalle aufzusuchen, jenem seelenlosen Klotz. Zum Studienbeginn hatte ich jedoch so’n Druckerzeugnis von der Uni bekommen, mit dem ich von Oktober bis Dezember je 1x gratis in alle möglichen Hamburger Veranstaltungsorte hineinkommen solle. Da ich allein schon zeitbedingt noch kein einziges Mal davon Gebrauch gemacht hatte, nahm ich den alljährlichen Besuch der alten UK-Punks von PETER & THE TEST TUBE BABIES zum Anlass, es zumindest einmal zu versuchen. Mir schwante schon nichts Gutes, denn dass ausgerechnet die Markthalle etwas zu verschenken hat, konnte ich kaum glauben. Also habe ich mich brav angestellt, den Wisch schließlich vorgezeigt – und mir die erwartete Abfuhr eingehandelt. „Heute nicht! Und ich habe auch keine Ahnung, wie  man so etwas vorher in Erfahrung bringen kann!“ War klar, fick dich, Drecksladen, und bevor ich bei dir 25 Tacken für’n Punk-Gig latze, müssen schon Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen. Nach einer erkältungsgeplagten, stressigen Woche mit Studium und Arbeit bis zum Exitus + üblichem Vorweihnachtsremmidemmi sowie der unspektakulärsten Firmen“weihnachtsfeier“ ever (wo ich immerhin mittels Powernapping Kraft tanken konnte, sprich: bin mal kurz weggenickt) war ich nun aber auf Trinken geeicht, zumal sich Madame selbst noch auf ihrer etwas opulenteren Weihnachtsfeier befand und sich später mit mir treffen wollte. Zumindest ‘nen Kleinen wollte ich bis dahin schon heben. Bei Hermann im Osborne bot sich die Gelegenheit, in lauschiger Atmosphäre den HSV live verlieren zu sehen, also ab auf den Kiez und die nächsten drei Bier gehoben, bekannte Gesichter gesehen – und den HSV verlieren.

Madame noch auf Weihnachtsfeier. Was nun? Im Menschenzoo sollte irgendein Konzert stattfinden, weit weniger als halb so teuer, dafür weit mehr als doppelt so angenehm wie in Markthalle. Der Plan stand. Am Eingang informierte man mich, dass ich just die kurzfristig als dritte Band aufgrund eines Ausfalls auf ihrer regulären Tour eingesprungenen FEMME KRAWALL versäumt – und damit echt was verpasst – hatte. Sei’s drum, wegen spezieller Bands war ich ohnehin nicht hier, Namen wie TILIDIN und NITRO INKEKZIA sagten mir rein gar nichts. Das machte nichts, denn bald sagte der TILIDIN-Leadsänger und -gitarrist mit alberner Weihnachtsmütze von der Bühne aus etwas, indem er seine Band vorstellte. Das Trio stammt aus Berlin, eigentlich aber von überall aus der Welt, es handelt sich um „Berlin Punkrock mit Migrationsvordergrund“ sowie „Dirty Immigrant Punk Rock’n’Roll“, nicht ganz alltäglich für ‘ne junge Band und mit diesem zum Image umfunktionierten Umstand kokettierte man dann auch in humorvollen Ansagen und Songtexten, wobei interessanterweise die Titel meist englisch, die Texte jedoch deutsch sind. Musikalisch war das ungezwungener, frecher, frischer, freier Punkrock irgendwo zwischen Punk’n’Roll, Schweinepunkröck und ’77-Anleihen, der sofort Bock auf Bewegung machte. Im überraschend gut gefüllten Zoo bildete sich sodann auch flugs eine pogende, gutgelaunte Menschentraube vor der Bühne und ich war mittendrin. Kühles Ratsherrn sorgte für den nötigen Flüssigkeits- und Mineralstoffausgleich während des Stepptanzes und gleichzeitig für einen sich weiter steigernden Spaßfaktor, sodass bereits mit Ende des klasse TILIDIN-Gigs auch meine Erinnerung fleucht.

Da es nicht nur mir so geht, ist nicht exakt überliefert, ob die hinzustoßende Herzdame noch etwas von TILIDIN gesehen hatte oder erst zu NITRO INJEKZIA auf den Plan trat. Jedenfalls war meine Freude groß, als auch sie kurzerhand zu bleiben und weiterzufeiern beschloss, was wir dann auch kräftig taten. NITRO INJEKZIA ist auch so’ne Migratentruppe in Trio-Größe, russisch und kanadisch, aber ebenfalls aus Berlin. Im Gegensatz zu TILIDIN sang man (soweit mich meine Erinnerungsfetzen nicht täuschen, mehr noch als sonst ist ab jetzt hier alles ohne Gewähr) verstärkt auf Russisch, was dem Ganzen natürlich bischn was Exotisches verlieh. Musikalisch ließ man’s richtig krachen, meist treibender Uptempo-Punkrock mit geilen Melodien, ohne dabei zu poppig o.ä. zu werden. An diesem Abend und in meiner Stimmung kam das einer Offenbarung gleich und so wurde getanzt, gefeiert und gesoffen, als gäb’s kein Morgen mehr – womit ich auch alles andere als allein war. Verdammt großartiger Gig, irgendwie auch eine perfekte Bandkombination an diesem Abend, da gibt’s mal so rein gar nix dran zu mäkeln – auch nicht am Sound, den P.A.-Hexer Norman einmal mehr brillant abgemischt hatte. NITRO INJEKZIA hätte ich eigentlich auch kennen können, das sind weder Frischlinge noch ein Untergrund-Geheimsttipp; keine Ahnung, weshalb die bisher unter meinem Radar flogen.

Zwischendurch outete sich übrigens irgendein Spacko, indem er das FREI.WILD-Shirt offenbarte, das er unter seiner Oberbekleidung trug. Tolle Provo, Digger – wenn man Spaß daran hat, flugs herauskomplimentiert zu werden (wie geschehen). Im Anschluss an den Liveteil blieben wir dann noch auf ein paar Absacker sowie etwas Powernapping, um nach dem Erwachen am Tresen den Heimweg anzutäuschen, aber doch noch im Treibeis auf die Absacker von den Absackern zu landen. In Schlangenlinien ging’s in den gar nicht mal mehr so frühen Morgenstunden schließlich in die Pofe, wo ich am nächsten Nachmittag herrlich ausgepowert und mit geleertem Arbeitsspeicher erwachte und freudig feststellte, TILIDIN-Merch mitgenommen zu haben (EP für die Sammlung und schickes Shört für die Dame). Die spontanen Partys sind eben meist die besten. An diesem Wochenende habe ich aber natürlich so gut wie gar nichts mehr von dem auf die Reihe bekommen, was ich mir so vorgenommen hatte. Danke an TILIDIN, NITRO INJEKZIA, den Menschenzoo und den Alkohol, mich derart erfolgreich vor Überarbeitung geschützt zu haben!

01.12.2017, Hamburg, Bambi Galore: NIGHT VIPER + INDIAN NIGHTMARE + GAME OVER

Am ersten Dezemberabend lockte das Billstedter Bambi mal wieder mit einem fetten Viererpaket, das ich mir keinesfalls entgehen lassen wollte. Da es mir momentan an einem Freitagabend jedoch nicht ohne weiteres möglich ist, überpünktlich zu erscheinen, verpasste ich glatt die erste Band, die US-Thrasher von EUPHORIA. Zu den Italienern von GAME OVER stand ich aber Gewehr bei Fuß und wurde im mittlerweile rauchfreien besten Metal-Club Hamburgs Zeuge, wie das Quartett, das bereits aus einigen Album-Veröffentlichungen schöpfen kann, einen satten Stiefel rüden ’80er-Thrash voller Spielfreude herunterprügelte und sowohl mich als auch das sich aus den „üblichen“ Bambi-Gängern, angereichert durch einige Punks, zusammensetzende Publikum in Verzückung und Feierlaune versetzte. Bis auf den Sänger/Bassisten sah die Band wie direkt aus der Hochzeit des Thrashs herübergebeamt aus (inkl. ausgeblichenem JUDAS-PRIEST-Shirt und Schnurri) und spielte einen punkig-schnellen, sehr aggressiven, wenig feinsinnigen, dabei technisch durchaus anspruchsvollen versierten Sound, der live noch besser als von (mir eine Idee zu modern produzierter (das neue Album „Claiming Supremacy“ muss ich mir aber erst noch anhören)) Platte knallte, Energie freisetzte und eine Spannung erzeugte, die den gesamten Abend lang gehalten werden sollte – wenn auch über weite Strecken der Sound ein wenig übersteuert wirkte und der Gesang etwas unterging. Als letzten Song coverte man ANTHRAX’ „Metal Thrashing Mad“ in einer unglaublich geilen Version mit dem EUPHORIA-Sänger am Mic, bevor man die Bühne für INDIAN NIGHTMARE räumte.

Bei jenen Berlinern, die sich ungewöhnlicherweise aus Menschen mit Migrationshintergrund aus den verschiedensten Ländern zusammensetzt, handelt es sich um eine erst 2014 gegründete Band auf dem Kriegspfad, die sich den Begriff „Metalpunksteel“ angeeignet hat und auf die sich seither Metaller und Punks gleichsam einigen können. Das Debüt-Album „Taking Back The Land“ läuft mir gut rein mit seiner wahnsinnigen Mischung aus Speed- und Thrash-Metal sowie Hardcore-Punk, die die wie kannibalistische Endzeit-Indianer in irrer Kostümierung und Maskerade aussehenden Musiker unter Zuhilfenahme einer Extraportion Hall auch live reproduzieren. Zwei Fünftel der Band waren zudem in VENOM-Leibchen gehüllt, was zusätzliche Sympathiepunkte bringt. Das Publikum drehte nun endgültig feil, vor der Bühne war kaum noch ein Durchkommen. Erweitert wurde die rasende Show durch Auftritte einer leichtbekleideten Feuerspuckerin, was in solch einer kleinen Location natürlich schnell zum sprichwörtlichen Spiel mit dem Feuer werden kann – geil, dass das trotzdem so stattfinden konnte. So heizte man dem Mob also in jederlei Hinsicht kräftig ein und verausgabte sich gut auf der Bühne, bis als letzter Donnerschlag „Riders of Doom“ erschallte, der sich wohl als so etwas wie der herausstechende Bandhit herauskristallisiert hat, bevor das Kriegsbeil wieder temporär begraben wurde. Die Gruppe Punks hatte sich einen Spaß daraus gemacht, immer wieder Wasserblasen aus einer Blubberpistole in die Luft zu schießen, was nun nicht ganz so spektakulär wie die Feuershow ausfiel, aber als witziger Kontrast fungierte, haha… Spitzenband, die es sehr ernst zu meinen scheint und das richtige Gefühl für ihren Stil mitbringt, den zu genießen jedoch ein gewisses Faible für Over-the-top-Speed-Metal-Madness inkl. spitzer Schreie, schriller Töne und Evil-Attitude-Terror-Riffs vonnöten ist. Klasse auch, dass ich endlich einen Haken hinter „Die ma live gucken“ setzen kann.

Musikalisch in gemäßigtere Fahrwasser begaben sich schließlich NIGHT VIPER aus Schweden, die dem klassischen Heavy Metal frönen, gerade ihr neues, zweites Album „Exterminator“ veröffentlicht haben und aufgrund ihrer unprätentiösen No-Bullshit-Attitüde sowie ihrer catchy Songs und ihrer erstklassigen Sängerin bestens ankommen. Die Kapelle um  Tom Sutton von THE ORDER OF ISRAFEL schüttelte Haar, die Sängerin auch mal einen Schellenkranz, zündete Konfettikanonen und hatte sichtlich Spaß am sie mit offenen Haaren und Armen empfangenden Publikum, von dem sie sich anfeuern ließ. „Nu Metal“, Elektronik, pathetischer Bombast oder anbiedernder Kitsch hatten hier nichts verloren und dennoch wirkte der klassische Stil der Band weder altbacken noch rückwärtsgewandt, sondern knackfrisch und hungrig. Allerdings fehlen mir noch ein paar mehr lupenreine Hits, sodass ich glaubte, nun guten Gewissens auch mal während des Sets eine dampfen gehen zu können und mich prompt vor der Tür festquatschte. Den Gig habe ich also nicht komplett verfolgt. Von der guten Stimmung war ich dennoch ergriffen und ließ mich mitreißen, bevor ich nach einem letzten Pilsener Urquell brav den Heimweg antrat und ein Konzert hinter mir hatte, das mehr noch als andere besonders vom speziellen Vibe zwischen Bands und Publikum lebte, mir eine verdammt gute Zeit bescherte und seine 16,- EUR Eintritt letztlich wert war.

24.11.2017, Lobusch, Hamburg: PESTARZT + ABRUPT + KANISTERKOPF

Auweia, schon wieder zwei Wochen her – aber speziell in der Vorweihnachtszeit kommt man ja zu nix, schon gar nicht zum Führen des Konzerttagebuchs. Also mal im Hinterstübchen (und den spärlichen Notizen) gekramt – wat war da los? Zunächst einmal trotz nur spärlichster Werbung in den sozialen Netzwerken eine erfreulich gefüllte Lobusch, in der sich zudem einige Freunde und gute Bekannte herumtrieben, ohne dass man sich verabredet hätte. Einer war gar auf dem falschen Gig gelandet, aber kurzerhand dageblieben. Gegen 22:30 Uhr gaben sich endlich einmal wieder KANISTERKOPF die Ehre, jenes lokale Trio, das sich dem wuchtigen Mehr-so-90s-style-Hardcore verschrieben hat. Die englischsprachigen Songs haben Schmackes und Groove, die Band verfügt über ausgefeilte Gitarrenarbeit und einen Bassisten/Sänger in Personalunion mit schön rau-räudiger Stimme sowie als vielleicht größten Trumpf mit Sympathiebolzen Herrn Lehmann über jemanden, der an seinen Kesseln den reinsten Drum-Porno anrührt! Nicht nur, dass man arschtight zusammenspielt, das Präzisionsdrumming mit seinen zahlreichen Fills und sonstigen Kabinettstückchen ist noch mal eine Klasse für sich. Ungefähr ab der Hälfte des Sets war das Publikum weichgeklopft und erwachte aus seiner Schockstarre, was sich in einem gepflegten Pogo vor der Bühne widerspiegelte. Der Gesang war zwischenzeitlich etwas leise geworden, wurde irgendwann aber nachreguliert, zwischen den Songs gab sich die Band ziemlich maulfaul – man lässt die Songs für sich sprechen. Die „Zugabe!“-Rufe am Ende wurden zunächst mit „Coole Bands spielen keine!“ quittiert; die Band ließ sich dennoch überreden und mit „Aber da wir keine coole Band sind…“ wurde der NWOBHM-Klassiker „2 Minutes To Midnight“ von IRON MAIDEN eingeleitet, das bekanntlich in einer stark dem eigenen Stil angepassten Version dargeboten wird. Alles in allem der bisher beste Gig der Band, den ich bisher gesehen habe und wie üblich gefallen mir persönlich die schneller durchgepeitschten Songs am besten, die jedoch gerade im Kontrast zu eher schleppenden Stücken, Feedback-Spielereien und Groove-Monstern ihre Wirkung entfachen.

Von ABRUPT aus Göttingen hatte ich bis dato noch überhaupt nichts gehört, doch wieder einmal sollte sich bewahrheiten, dass das rein gar nichts über die Qualitäten einer Band aussagt. Derbe kehliger, meist deutschsprachiger Gesang eines Nietenkaisers trifft auf geile, zum Teil metallisch-melodische Gitarren-Leads und bei manch Song auch eine leichte Crust-Schlagseite, stilistisch würde ich das als düsteren und garstigen Hardcore-Punk einordnen. Das entsprach schon ziemlich exakt meinem Geschmack. Gerade anfänglich war der Gesang herrlich dominant, später übte er sich gar in gutturalem tiefem Geröchel. Der beste Song war vielleicht „Deutschland von hinten“, „Who cares?“ ist ebenfalls spontan hängengeblieben. Kuriosum am Rande: Der Drummer verlor zwischendurch einen Stick und hatte offenbar kein einziges Ersatzexemplar parat. Das blieb aber auch die einzige hörbare Panne eines sehr überzeugenden Gigs, der – passend zum Bandnamen – ziemlich abrupt endete. Da hoffe ich doch, dass man die Göttinger noch öfter in Hamburg zu Gesicht (und Gehör) bekommen wird.

Bei PESTARZT hatte ich dann schon gut einen im Tee. Das betont antifaschistische Bandkollektiv aus Serbien prügelte sich durch diverse 20-Sekunden-Songs, die ebenfalls gern sehr unvermittelt endeten und zu denen der vermummte Shouter durchs Publikum sprang. Eine Zugabe wollte man nicht spielen und irgendwie war die Chose zumindest gefühlt ziemlich schnell wieder vorbei – einmal flott durchgerauscht sozusagen. Der Mob hatte seinen Spaß, die Band vermutlich auch und wer seinen Hardcore eruptiv, kurz und schmerzhaft mag, könnte mal einen Termin zur Darmspiegelung bei Dr. PESTARZT vereinbaren (evtl. vorher die Krankenkasse konsultieren).

Die „Disgigz“-Konzertgruppe hatte einen weiteren lohnenden Abend aus dem Boden gestemmt und die altehrwürdige Lobusch zum Beben gebracht. Schönes Ding – weiter so!

18.11.2017, Gängeviertel, Hamburg: F*CKING ANGRY + EAT THE BITCH + AFFE SUCHT STOCK

Die unermüdliche „Beyond Borders“-Konzertgruppe hatte vorgewarnt: Die räumlichen Kapazitäten seien begrenzt und man solle möglichst pünktlich erscheinen. Tatsächlich füllte sich an diesem Abend der jüngst renovierte Schuppen in Windeseile und relativ zeitig begann die Berliner Band mit dem seltsamen Bandnamen: Die wohl noch sehr jungen AFFE SUCHT STOCK spielten melodischen, wohl eher ‘90er-inspirierten Punkrock mit vornehmlich deutschen, kritischen Texten, für deren Interpretation sich der Drummer und die Gitarristin abwechselten, unterstützt von mehrstimmigem Background-Gesang. Mit zwei Gitarren war man relativ breit aufgestellt und zauberte manch nette Melodie hervor, wenngleich dem Gitarristen gleich beim ersten Song eine Saite riss. Die anderen drei machten zunächst ohne ihn weiter, bis er mit EAT-THE-BITCH-Tims Klampfe wiederkam und weiterfideln konnte. Nicht jeder Song war ein Kracher, doch einige Sahnestücke waren dazwischen und  die Band wirkte doch sehr charmant und bestimmt nicht unsympathisch. Am besten lief mir aber das letzte Stück rein; astreiner Hardcore mit derbem, ohrenscheinlich englischem Gesang von hinter der Schießbude wech, der irgendwie auch auf die kommende Steigerung des Härtegrads vorbereite.

So richtig proppevoll war’s dann pünktlich zu EAT THE BITCH, die m.E. bekanntlich zu den stärksten jungen und hungrigen Bands aus Hamburgs Underground zählen. Ich hatte mich irgendwo im vorderen Drittel hinter den Pogoreihen relativ mittig positioniert und empfand den Sound anfangs als gewöhnungsbedürftig, der Bass war zu laut und die Drums zu leise. Dies besserte sich im Laufe des Sets, wobei andere die Akustik offenbar ganz anders wahrgenommen haben und von zu lauter Gitarre u.ä. sprachen – evtl. sehr standpunktabhängig gewesen? Die Band hatte ihre Setlist kräftig überarbeitet, sodass sich Bekanntes mit neuem Material abwechselte. Die neuen Songs lassen hoffen, denn sie scheinen die Mischung aus desillusionierter Aggressivität, ruppiger Härte und Eingängigkeit bzw. Wiedererkennungseffekt konsequent weiterzuführen: „Nazideutschland 2.0“ z.B. ist direkt hängengeblieben. Man traute sich jedoch anscheinend auch etwas und öffnete sich für neue Einflüsse, was in einem als experimentell angekündigten Song mit Sprechgesang Ausdruck fand. Vor der Bühne ging’s ganz gut zur Sache; kein Wunder, denn Jonas Gesang zwischen Wut und Hysterie mit ihren harmonischen Einsprengseln wirkte erneut dem Wahnsinn nahe und besonders in Kombination mit Basser Manus diesmal sehr lautem, herrlich angepisstem Aggro-„Background“-Gesang knallte das bestens, während die Instrumente das gewohnte HC-Punk-Gewitter fernab von Monotonie oder moderner, kalkulierter Kantenlosigkeit erbarmungslos durchbretterten. Da ballt sich schnell einiges zusammen, das nach Entladung schreit – und schließlich findet. Zwei als Zugaben eingeplante Songs wurden ohne das ihnen normalerweise vorausgehende Ritual nahtlos ans reguläre Set gehängt, wobei der erste, das ältere „Elend“, ein bisschen vermurkst wurde und Jona am Schluss doch hörbar aus der Puste war – doch das bin ich nach einem geilen Gig auch und ist natürlich kein Makel, sondern Ausdruck dafür, dass ohne Rücksicht auf Verluste alles gegeben wurde.

F*CKING ANGRY aus der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn traten an, den Stimmungspegel zu halten oder gar zu toppen. Seit ihrem 2015er Album „Dancing in the Streets“ ist der Vierer szeneintern recht populär, und zwar zu Recht, denn die Platte ist geil. Das Live-Erlebnis übertrumpft den Hörgenuss aus der Konserve jedoch i.d.R., so auch hier: Schnörkelloser, meist schnell gespielter Oldschool-HC trifft auf unaufdringliche Melodien und wird von einer Sängerin veredelt, deren raue, schnoddrige, rotzige Stimme mich positiv ein bisschen an die unvergessene Wendy O. Williams erinnert. Die bissigen Texte sind mal in deutscher, mal in englischer Sprache verfasst und waren Teilen des Publikums durchaus bekannt. Da wurde nicht nur getanzt, sondern auch fistgeraised und mitgesungen, NOTGEMEINSCHAFT-PETER-PAN-Stemmen übernahm gar kurzerhand einen ganzen Song und empfahl sich damit als Hardcore-Shouter. „Atomstrom“ ist so was wie der Hit der Band, vermutlich aufgrund seiner Verbreitung auf CD-Beilagen und seiner hartnäckigen Ohrwum-Qualitäten – dementsprechenden Widerhall fand er seitens des Publikums. Es war eng, allen war heiß, Bierspritzer eine willkommene Abkühlung, aber die Bands waren klasse, die Atmosphäre entspannt und die euphorische Stimmung spätestens jetzt auf ihrem Siedepunkt, sodass es gern noch länger so hätte weitergehen können. Nach dem Schlusspfiff verkaufte sich die F*CKING-ANGRY-Scheibe wie geschnitten Brot. Das Plattenkaufen auf Konzerten sollte ich aber evtl. doch noch mal überdenken, denn diese war nicht die erste, die es nach einer anschließenden Kneipentour doch deutlich entfernt vom Mint-Zustand nach Hause geschafft hat (wenigstens hat sie es überhaupt geschafft) …

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