Gnnis Reviews

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26.05.2017, Gängeviertel, Hamburg: War In Your Head Punkfest Vol. 4

It’s in your head, Zombie! – Der verzweifelte Versuch einer Retrospektive ohne Notizen oder lückenlose Erinnerungen

Das zweitägige War-In-Your-Head-Festival ging in die vierte Runde und erstmals war ich mit von der Partie. Das zweitägige D.I.Y.-Festival wird komplett ehrenamtlich von einem Zusammenschluss der Konzertgruppen „Punkbar“ und „Beyond Borders“ organisiert und da die Renovierung der zweiten Konzert-Location nicht rechtzeitig abgeschlossen werden konnte, verlegte man die zweite Bühne kurzerhand in den (dann doch etwas intimeren) Keller der Fabrique, was viel Hin-und-Her-Rennerei ersparte. Zunächst galt es aber, überhaupt hineinzukommen. Im Internet hatte ich etwas von 18:00 und 19:00 Uhr gelesen und dass man ja pünktlich sein solle, da sonst die Gefahr bestünde, dass das Eintrittskontingent bereits erschöpft sei. Da Murphy’s Law besagt, dass bei verspätetem Eintreffen wegen Überfüllung geschlossen ist, man, findet man sich pünktlich wie die Maurer ein, jedoch besser leichte Lektüre wie „Krieg und Frieden“ oder „Das Kapital“ mitnimmt, um die Wartezeit totzuschlagen, entschied ich mich fürs kleinere Übel und tauschte kurz vor 1900 Nachkriegszeit einen frisch gebügelten Zehner gegen ein giftgrünes Eintrittsbändchen, das mir in diesem Moment herzlich wenig half: Organisatoren, Helfer und Helfershelfer liefen nicht unbedingt tiefenentspannt durch Gebäude und das Drumherum, während für Normalsterbliche die streng bewachte Pforte verschlossen blieb. Ok, ich wollte ohnehin erst mal Dinieren und wich dem mit seiner Beschränkung auf Pommes Frites etwas mauen Essenangebot (das ist jetzt Jammern auf hohem Niveau 😉 ) zu Domino’s aus, die einem für ‘nen Fünfer ‘ne okaye Pizza ohne Extrawürste zubereiten, die den Wanst füllt. Hinuntergeschlungen werden musste diese allerdings ohne Kaltgetränk, da besagte Pforte auch den Zugang zum Tresen verwehrte. Draußen waren zwar ein Cocktail- und ein Schnapsstand aufgebaut worden, Bier gab’s allerdings lediglich in den Krallen diversen bereits sturztrunken aufschlagenden Jungvolks. Nun hätte ich mich locker jener beiden Stände bedienen und mich in Windeseile selbst in jenen Zustand befördern können, doch so sehr ich für bescheuerte Ideen zu haben bin, so skrupelbehaftet war ich noch. Und eines war sicher: Früher oder später würde ich sie ohnehin einholen.

Das Bombenwetter jedenfalls ließ einen problemlos draußen ausharren, bis es endlich die Stufen hinunter in den düsteren Keller ging, wo um ca. 20:20 Uhr STATIC MEANS eröffneten und damit die kolportierte Reihenfolge ad absurdum führten. Die Leipziger spielten englischsprachigen Post-Punk mit Keyboarderin und Sängerin in Personalunion, der eigentlich nicht so meine Mucke ist, live mit aufgekratzter, Grimassen schneidender und entfesselt zu ihrer eigenen Darbietung tanzender Frontfrau jedoch so viel Energie und Lebenswut transportierte, dass es eine Freude war, dem beizuwohnen – wenn sich auch pünktlich zum Konzertbeginn der erste Punk in einer Wandeinbuchtung neben der Bühne schlafenlegte. Reinhören unter https://staticmeans.bandcamp.com/.

Die Treppen in den großen Saal hochgehastet, wurde man Zeuge, wie MOPED aus Betzdorf so was wie schweinerockigen Punk’n’Roll zockten und durchaus einige Interessierte versammelten, die in der großen Bude jedoch noch etwas verloren aussahen. Die spielfreudige Band ließ sich von ein, zwei Leuten frenetisch abfeiern (mitgereiste Bandkumpanen? 😉 ), der Bassist unternahm Ausflüge ins Publikum und zeitweise wurde vor der Bühne mehr fotografiert und gefilmt als getanzt. Wenn’s auch nicht 100%ig meine Cup of Pee ist, hat die Band das sehr souverän geschultert und den Energiekick nahm ich gerne mit, zumal der Sound schön knackig durch die P.A. schallte. Hatte sich da eigentlich eine „Alcohol“-Coverversion (GANG GREEN) eingeschlichen? Das gibt auf jeden Fall Pluspunkte. Reinhören unter https://moped-wwhc.bandcamp.com/.

Zurück im Keller war man noch mit dem Soundcheck beschäftigt und man merkte den Bremern NEUROTIC EXISTENCE an, dass sie gesteigerten Wert auf guten Sound, insbesondere auf der Bühne, legten. Als sie schließlich zufrieden waren und loslegten, wurde auch klar, warum: Bei zwei Gitarren und abwechselndem Gesang wird Monitormatsch vermutlich schnell zur Hölle. Den Gesang teilten sich ein männlicher Shouter und Szene-Urgestein Tati (ex-LOST WORLD, ex-APOKALIPSTIX) und unerfahren dürfte in dieser noch recht frischen Band niemand sein, dafür klang das viel zu – im positiven Sinne – abgewichst. Ich war ja nie der große Crust-Punk-Experte und früher (von einigen Ausnahmen abgesehen) regelrecht gelangweilt von diesem Stil, doch dass die Band dort ihre Wurzeln hat, ist unschwer zu erkennen. Statt monotonem Geballer und Gekeife oder ödem Gedröhne gab’s aber klar strukturierte, durchdachte und -arrangierte Songs auf die Löffel, mit vielen molligen Gitarren-Leads in drückender, düsterer, desillusionierter Atmosphäre – immer wieder schön, wenn Bands sich darauf besinnen, dass es dafür weder Post-Punk noch Kiffer-Doom braucht. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster, indem ich den NEUROTIC-EXISTENCE-Sound als „Post-Crust“ bezeichne und habe noch in wohliger Erinnerung, wie die Masse erstmals so richtig in Wallung kam und sich ein kleiner, aber sehr feiner Pogo-Mob vor der Bühne bildete, an dem ich mich zumindest zeitweise beteiligte. Dass es in dem schummrigen Loch und unter ständigem Angerempeltwerden extrem schwierig wurde, halbwegs brauchbare Fotos zu knipsen, liegt in der Natur der Sache… Nur wenige Tage vorm Gig hat die Band anscheinend ihr erstes Album „Insane“ veröffentlicht, das hier komplett gehört werden kann: https://neuroticexistencepunx.bandcamp.com/

Treppe wieder rauf, durch die Tür gezwängt und direkt feinste Klänge vernommen: Die Marburger MIRROR MONKEYS waren bereits in ihr Set eingestiegen und zockten US-beeinflussten, melodischen, höchst energischen Punkrock/Streetpunk mit kräftigen Chören und Singalong-Refrains, der so richtig schön Arsch trat und bei besten Soundverhältnissen sofort ins Blut ging wie Dextro Energen. Die Songs zündeten unmittelbar, die Refrains ließen sich oft nach einem Durchlauf sicher mitbrüllen und mit der Kraft von zwei Gitarren folgte ein Hit auf den nächsten. „I wanna get hurt, I wanna get drunk…“ – all killers, no fillers! Ein echtes Original scheint mir vor allem der Sänger zu sein. Der Typ sieht aus wie ein Fachinformatiker, wird auf der Bühne aber zum Tier und liefert ’ne Wahnsinnsshow! Ich schaltete folglich in den Pogo- und Abfeier-Modus und war damit im mittlerweile gut gefüllten Saal nicht allein. Die MIRROR MONKEYS mussten noch ’ne Zugabe spielen und dürften viele positiv überrascht haben. Für mich neben NEUROTIC EXISTENCE die Gewinner des Abends, obwohl beide Bands eigentlich unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Songs des selbstbetitelten Albums kann man sich unter https://mirrormonkeys.bandcamp.com/ reinfahren, aber live ist das Ganze noch mal um einiges geiler!

Zeit zum Verschnaufen blieb im Anschluss kaum, denn DISCONFECT aus Bremen luden in den Keller. Man hat sich, der Name lässt es bereits erahnen, dem D-Beat verschrieben, jenem seinerzeit von DISCHARGE kreierten HC-Punk-Stil also, mit dem das ja immer so’ne Sache ist: So sehr ich DISCHARGE auch mag, so überflüssig finde ich viele ihrer Nachahmer. Allerdings weiß ich nicht, wann ich überhaupt zuletzt klassischen D-Beat live gehört hatte, und DISCONFECT konnten mit zwei Besonderheiten punkten, die sie aus der Masse der D-Beatles heraushebt: Zum einen wäre da der Shouter, der sich nicht stumpf durchs Set brüllt, sondern mit seinem Corpsepaint in der Visage dem Affen ordentlich Zucker gibt und hyperaktiv vor der Bühne herumtollt, zum anderen gibt es da den Gitarristen, der mit seinen Frontmann kontrastierenden geschrieenen Einzeilern unter Zuhilfenahme ’ner ordentlichen Portion Hall für Wiedererkennungseffekt und apokalyptische Atmosphäre sorgt. So war der Gig dann doch ziemlich geil, zumal auch hier der enge Keller mit mittlerweile vielen verschwitzten, nicht mehr ganz nüchternen Menschen das exakt passende Ambiente bot. Gecovert wurde der Klassiker „Fight Back!“ der großen Vorbilder, nur die Lautstärke des Shouters bekam man leider nie so ganz eingepegelt. Nachdem er anfänglich arg leise war, wurd’s mit der Zeit aber immer besser. Schönes Ding, das es auch bei Bandcamp gibt: https://disconfect.bandcamp.com/

Besonders gespannt war ich auf die Braunschweiger MORIBUND SCUM, nachdem ich Sänger/Gitarrero Rosi auf dem letztjährigen Hafengeburtstag kennengelernt hatte. Seine Band kannte ich bisher lediglich von zahlreichen Aufklebern auf dem Lobusch-Klo und war ganz überrascht, als er mir seine Kapelle nannte – für einen Crust-Sänger erfüllte er nämlich so ziemlich genau null Klischees, stattdessen konnte man sich mit ihm prima über TOTO und JOURNEY unterhalten, als wir schön angeschallert in Small-Town-Timos Bude mit ’ner gemeinsamen Bekannten bei ’nem Beutel Absackerbier herumsaßen. Nun auf der großen Fabrique-Bühne konnte ich mir ein musikalisches Bild seiner Band machen (auf die Idee, vorher mal irgendwo reinzuhören, war ich natürlich nicht gekommen). Und, alter Vatter, die Jungs können spielen! Als Crust würde ich das nicht unbedingt einordnen, eher als ’nen groben Bastard aus Death- und Thrash-Metal sowie Metal-Punk, durchaus technisch und kalkuliert, dabei trotzdem räudig, unprätentiös evil und den Metaller in mir weckend. Hatte ich in dieser Qualität wirklich nicht erwartet, wobei einmal mehr der differenzierte, druckvolle Soundmix das Optimum aus der Band herausholte. Könnten auch locker mal mit musikalisch halbwegs passenden Underground-Metal-Bands in der Bambi Galore zocken. Grüße an Rosi an dieser Stelle, wenn wir musikdiskussionstechnisch diesmal auch nicht unbedingt auf einen Nenner kamen, haha (aber das war auch an Tag 2) … Vorher reinhören hätte ich hier können: https://moribundscum.bandcamp.com/

Nie reingehört hatte ich auch in BLATOIDEA. Die Londoner Chaos-Punks und CASUALTIES-Lookalikes sind seit 2008 aktiv, hatten jedoch lange Zeit mit ihrem Drummer ziemliche Kacke am dampfen, worauf ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte – darüber wurde woanders genug geschrieben und verständlicherweise überschattete das das musikalische Œuvre der Band. Neuer Drummer, neues Glück und ein Engagement als Headliner des ersten Festivalabends. Dieser ganze Spike- und Iro-Stylo-Krempel, wo der Scheitel nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern mit der Wasserwaage gezogen wird, beeindruckt mich schon lange nicht mehr, aber was zählt, ist natürlich die Mucke. Diesbzgl. ließen die Briten wenig anbrennen und spielten sichtlich angetan von der imposanten Kulisse vor der großen Bühne einen sehr fitten Chaos-/Street-/HC-Punk-Stiefel, wie er einfach Spaß macht. Die Stimmung war ausgelassen und freundschaftlich; die Zeiten, in denen solche Bands profilierungssüchtige Nietenkaiser in Massen anziehen, scheinen vorbei, stattdessen feierten fast alle zusammen diesen gediegenen Abschluss des ersten Tags. Ich muss zugeben, mich bei mittlerweile Band Nummer 7 nicht mehr an Details erinnern zu können. Die Songs dürften etwas weniger dreckig als beispielsweise die der natürlich immer wieder gern als Vergleich herangezogenen CASUALTIES sein, dafür hier und da riffbetonter, vielleicht leicht thrashig. Werde ich bei Gelegenheit mal nachhören, möglich ist’s unter https://blatoidea.bandcamp.com/.

Nachdem ich mich nun fast permanent im Inneren aufgehalten hatte, dürstete es mich nach, klar, Bier, aber auch Freiheit und Luft und war ich wie so oft eher angestachelt denn ermattet, also ging’s mit einigen Leuten weiter ins Onkel Otto und als das schloss, sogar noch in den Park Fiction. Mit diversem Punkvolk trank ich Bier auf der Wiese, hörte D-Punk-Klassiker aus dem Ghettoblaster (oder der „Soundbar“ oder was auch immer), laberte über Gott und die Welt (woran ich mich natürlich null erinnern kann), fühlte mich wie Anfang 20 und genoss den Sonnenaufgang, ohne zu ahnen, dass es der heißeste Tag des Jahres werden sollte. An Ort und stellte pennte ich irgendwann ein und erwachte mit ’nem fiesen Sonnenbrand und ohne meine Kutte. Das kommt davon… Einmal Chaot, immer Chaot!

Nach kurzem Frischmachen und rudimentärem Frühstück ging’s direkt zum Punx Picnic am Bahnhof Altona, wo auch gleich weitergesoffen wurde, aber, wie im Jahr zuvor, alles friedlich blieb, der ursprüngliche Initiator jedoch weiterhin schmerzlich vermisst wird – R.I.P., Karsten! Irgendwann brach ich zum Gängeviertel auf, allerdings nur, um mich bald wieder Richtung Onkel Otto zu verabschieden, wo meine Kutte aufgetaucht war. Dort nahm ich das gute Stück in Empfang und traf mich mit Small-Town-Timo, mit dem ich natürlich einen hob und über den Kiez schlenderte. Erst deutlich nach 22:00 Uhr war ich wieder im Gängeviertel, bekam noch den Rest von, ich glaube, MISSSTAND mit und hatte, nachdem ich mir ja am Vortag das volle Programm in jeglicher Hinsicht gegeben hatte, gar nicht mehr so dermaßen Bock auf Live-Mucke. Stattdessen quatschte ich mich in diversen Gesprächen fest und hielt mich viel draußen auf, wo Mark zudem auf seiner Akustikklampfe für Hintergrundbeschallung sorgte. Ich kann nur hoffen, mich nicht um Kopf und Kragen gesabbelt zu haben, denn perfiderweise beherrsche ich bis zu einem gewissen Punkt souveränes Auftreten bei völliger Trunkenheit. Da fällt mir ein, dass an beiden Tagen die am Donnerstag stattgefundene Diskussionsrunde zum Thema Grauzone mit Michael Weiss im Menschenzoo häufiges Thema war. Dem einen oder anderen bot ich glaube ich an, mit ihm oder ihr gern noch mal in Ruhe darüber zu reden, bekomme das aber alles nicht mehr zusammen. Wer sich also angesprochen fühlt, kann sich gern bei mir melden 😀 Irgendwann stieß dann auch Flo hinzu, die jedoch kein Bändchen mehr bekam (ausverkauft!), sodass ich mich ohnehin weiter draußen aufhielt, bis es zur Aftershow-Disco mit Chartsmucke quer durch den Garten ging, ich wieder mal über diverse ’90er-Jahre-Geschmacksentgleisungen den Kopf schüttelte, Anderem wiederum huldigte, irgendwann selbst nach dem Kotzen kein Bier mehr herunterbekam und schließlich die Segel strich. Somit kann ich zu den Bands des zweiten Tags leider so gar nichts schreiben. Mea culpa!

Aber unabhängig davon, dass ich mich mal wieder nicht zusammenreißen konnte, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Organisatorinnen und Organisatoren sowie Respekt vor dieser bestens gewuppten Mammutaufgabe! Draußen, wo sich an beiden Tagen stets eine Vielzahl Besucher aufhielt, hatte man Dixies aufgestellt, damit nicht alles vollgeschifft wird, zu den bereits erwähnten Ständen gesellte sich einer mit vermutlich lesenswerter Literatur, Fanzines, ’ner Plattenkiste… Man konnte sich wirklich permanent pudelwohl fühlen, er herrschte echte D.I.Y.-Festival-Atmosphäre und das Wetter spielte auch noch mit (sogar etwas mehr, als mir lieb war). Der Bandauswahl merkte man an, dass sie handverlesen war und Bekanntheitsgrad oder Image eine untergeordnete Rolle spielten. So bekam man einen schönen Überblick über einen quicklebendigen Underground quer durch die Subgenres der Szene und ein Gefühl dafür, welche Bands bereit sind, die antikommerzielle D.I.Y.-Ausrichtung mitzutragen und zu unterstützen. Insofern kann ich jedem nur den Besuch solcher Veranstaltungen nahe legen, sie erweitern den Horizont und machen vor allem VERDAMMT VIEL SPASS! Up The Punx!

Vernünftige Fotos gibt’s übrigens bei Kevin Winiker Konzertfotografies Fratzenbuch:
Tag 1
Tag 2

Und Video-Fanzine-Beiträge bei SCHRAIBFELA.

21.05.2017, Gängeviertel, Hamburg: TYRANEX + PAGAN RITES + MIDNIGHT PREY + GUSTAV EISEN

Am dritten Tag meines Konzert-Marathons war’s mal wieder Zeit für Edelmetall, denn wenn Hannes in einem Anflug von Genialität und Selbstlosigkeit die schwedischen TYRANEX in die Gängeviertel-Fabrik holt, kann ich natürlich nicht verkatert in der Furzmulde abgammeln. Pünktlich um arbeitnehmerfreundliche 19:00 Uhr ging’s natürlich dann doch nicht los, kurz nach halb 8 aber eröffnete die junge lokale Band GUSTAV EISEN das dritte „Triumph of Death Ritual“ (so der Name der Veranstaltungsreihe) mit modernerem, technischem Death Metal vor einem noch recht versprengten Haufen. Applaus gab’s meinerseits für Technik und Kondition, mit der Mucke kann ich Death-Metal-Legastheniker ansonsten nicht viel anfangen. Dafür hab‘ ich mit dem Störtebeker-„Frei-Bier“ ein neues, äußerst schmackhaftes Alkfreies für mich entdecken können.

Bereits im Vorfeld für mich entdeckt hatte ich Hamburgs Underground-Speed-Metal-Sympathieträger MIDNIGHT PREY, als ich sie seinerzeit in der Bambi Galore sah. Live ist das Trio ‘ne ziemliche Bank mit seinem tief in den glorreichen ‘80ern verwurzeltem Oldschool-Speed-Geschrote mit düsterem Vibe, also ohne Falsettgesang o.ä., eher ungehobelt und roh, mit unaufdringlichen Melodien versehen und atmosphärisch. Fest zum Set gehört ein Cover des vermutlich größten MANILLA-ROAD-Hits „Necropolis“ und man beschloss den Gig mit der Abrissbirne „Street Mafia“ von der neuen „Blood Stained Streets“-Single, die ich leider mitzunehmen versäumte. Nächstes Mal!

Mit PAGAN RITES traten nun die ersten der schwedischen Gäste an. Die Band hatte ich so gar nicht auf dem Schirm, obwohl sie anscheinend bereits seit 1992 existiert. Vor dem Gig hörte ich etwas von einem kauzigen, extraordinären Sänger, der sich gerade auf Entzug befände ich Freigang genieße. Das Quartett hatte sich die Fressen wie zu Halloween angemalt und hobelte ein fieses Black-Thrash-Brett herunter, das so herrlich authentisch kaputt klang, dass man direkt dem Gehörnten dafür danken musste. Der Sänger mit seinem riesigen umgedrehten Kreuz um den Hals röchelte und spie seine blasphemischen Texte heraus, kroch auf dem Bühnenboden umher und suchte den unmittelbaren Kontakt zum mittlerweile zahlreicher versammelten Publikum. Dank des berüchtigten graumelierten Herrn, der auch diesmal in vorderster Front seinen exaltierten Tanzschritten frönte, ein Bild für die Götter (der Dunkelheit). Seine Musiker verwirrte er mit offenbar hier und da von der Setlist abweichenden Ansagen, beispielsweise als er gegen Ende „Die Priest Die“ ankündigte und anscheinend vergessen hatte, die Nummer längst gespielt zu haben. All das führte zu einem Gesamteindruck, der PAGAN RITES weit weniger aufgesetzt und gekünstelt wirken lässt als manch Subgenre-Kollegen, stattdessen sympathisches, infernalisches, unheiliges Chaos vermittelt. Geil!

TYRANEX hatte ich 2014 durch ihr zweites Album „Unable to Tame“ kennengelernt: Schwedischer Speed-/Thrash-Metal der alten Schule, der mich leicht an alte DESTRUCTION erinnert und mit einer Gitarristin und Sängerin in Personalunion  gesegnet ist, die sich mir mit ihrer genialen Stimme die Nackenhaare aufstellen lässt. Zurzeit betouren sie ihr jüngst veröffentlichtes drittes Album „Death Roll“, das den Vorgänger konsequent weiterentwickelt. Zu Songs der ersten beiden Alben gesellte sich demnach Material wie „Bloodflow“, „Berget“, „Beyond the Throes of Evil“ und eben „Death Roll“; das neu aufgenommene Demostück „Blade of the Sacrificer“ widmete man PAGAN RITES und so kam deren Sänger zu einem weiteren Stelldichein auf der Bühne. Ohne Zugabe ging’s nicht ins Bett und anschließend wurde der Merch-Stand stark frequentiert, manch einer hat einen wahren Großeinkauf getätigt. Tatsächlich kannten viele TYRANEX bisher offenbar noch gar nicht und waren ausnahmslos positiv überrascht, begeistert vom schneidenden Sound, den fräsenden Riffs und dem hektisch schnellen, doch stets punktgenauen, nie stumpfen Spiel sowie natürlich hingerissen von den beiden Metal-Damen, die sämtliche Szene-Chauvis Lügen strafen. Stärkstes Wiedererkennungsmerkmal der Band ist natürlich die Stimme, die Knochen zerschneidet wie Edelstahl ein weichgekochtes Ei. Am liebsten hätte ich mir die Combo zum Mitnehmen einpacken lassen und als Hofkapelle installiert. Hab‘ nur leider keinen Hof…

Mit ‘nem letzten Dithmarscher überbrückte ich die Zeit bis zur allerletzten Bahn nach Hause und brachte die „Death Roll“-LP (wenn schon keine Hofkapelle) sicher in ihre neue Heimat. Und schon um 7:00 Uhr nachts blökte mich mein Radiowecker mit niveaulosem Mist voll, meinte damit aber, ich solle hurtig zur Maloche. Dann doch etwas gerädert schlug ich dort pünktlich auf, aber das war’s allemal wert. Acht Bands auf drei Konzerten an drei Tagen und keine Sekunde bereut!

P.S.: An allen drei Abenden standen Mädels (mit) auf der Bühne, was heutzutage ‘ne Selbstverständlichkeit ist. Das war früher jedoch anders, da haftete dem schnell etwas „Exotisches“ an. Eine erfreuliche Entwicklung.

20.05.2017, Menschenzoo, Hamburg: THE IDIOTS + EAT THE BITCH


Verseucht, verstrahlt und angepisst

Hamburger Konzert-Marathon, Tag 2, Tatort: derselbe wie am Vortag. Diesmal war das Wetter wesentlich gnädiger, dafür der Kiez überfüllt mit feiernden HSVern, obwohl dieser die Qualifikation zur Relegation knapp verkackt hatte. Also schnell um die Ecke in den Menschenzoo, wo EAT THE BITCH den Vorturnerposten für THE IDIOTS abgegriffen hatten – im Prinzip eine geile Kombination und wenngleich EAT THE BITCH nun in letzter Zeit ein ums andere Mal zu meinem abendlichen Unterhaltungsprogramm gehörten, kommen sie mir noch immer nicht aus den Ohren raus, im Gegenteil. Soundmann Norman haderte noch mit der defekten Endstufe und hoffte, dass seine neuerliche Improvisation den Abend überstehen würde, was ohrenscheinlich der Fall war. Das Publikum ließ, wie es öfter mal im Zoo der Fall ist, zu großen Teilen bis nach 22:00 Uhr auf sich warten; doch als EAT THE BITCH schließlich zum Angriff bliesen, war die Bude ansehnlich gefüllt.

Die Band begann diesmal direkt mit meinem Favoriten „Fressen & Kotzen“ und spielte vor zum Teil gänzlich neuem Publikum, das in erster Linie hauptsächlich wegen der IDIOTS da war. Angesichts der geballten Wut und Aggression, die da von der Bühne drang, wusste es bisweilen gar nicht, wie ihm geschah und zeigte sich überrascht und beeindruckt. Insbesondere Sängerin Jona wiegt das Publikum mit eigentlich unnötiger leichter Nervosität, unschuldigem Lächeln und freundlichen bis zuckersüßen Ansagen gern in Sicherheit, um ihm dann gehörig den Hintern zu versohlen, wenn sie in den Songs in Raserei und (im positiven Sinne) Hysterie verfällt und sich die Seele aus dem Leib schreit. Ich liebe ja extreme Gesänge, weshalb sie damit offene Türen bei mir einrennt, zumal immer noch ausreichend Raum für stimmliche Variationen bleibt und – ebenso entscheidend – jeder einzelne der Songs über individuellen Wiedererkennungswert verfügt. Damit ist der ETB’sche Aggro-Sound weit entfernt von monotonem Crust-Einheitsbrei o.ä. und lässt stattdessen immer mal wieder schönen HC-Groove in den rifforientierten HC-Punk einfließen. Aber ich laufe Gefahr, mich zu wiederholen bzw. fällt mir gerade nichts mehr ein, was ich nicht schon geschrieben hätte. Jona war so viel in Bewegung, Ausflüge ins Publikum inklusive, dass meine Smartphone-Knipse nicht mehr mitkam und auf dem Großteil der Fotos nur ein verschwommenes Etwas schemenhaft wahrnehmbar ist. Der Konzertfluss wurde lediglich einmal von einem Wackelkontakt irgendwo auf dem Weg vom Gesangsmikro zum Lautsprecher gestört, aber Norman war schnell zur Stelle. Gewohnt geile Adrenalinspritze mit einem herzlichen „Fuck Off!“ als Zugabe!

Die dienstältesten Dortmunder THE IDIOTS hab‘ ich früher verdammt gern gehört, zunächst natürlich die Uralt-Klassiker zwischen Oi!- und D-Punk, später auch die metallastigeren Crossover-Alben. Live gesehen hatte ich sie aber nie, schlicht weil es sie nicht mehr gab. Dies änderte sich vor ein paar Jahren, als ein neues Album veröffentlicht und ‘ne Best Of mit neu aufgenommenen Klassikern eingespielt wurde. Gepasst hatte es bei mir live nur leider nie, sodass der heutige Abend tatsächlich zur Premiere wurde. Martin wusste im Vorfeld schon zu berichten, welch angenehm umgänglicher Typ Sir Hannes sei, neben Bassist Volker einziger Verbliebener der ‘89er-Besetzung und aufgrund seiner über die IDIOTS hinausgehenden musikalischen und Szene-Aktivitäten (wie seinem legendären Plattenladen) noch immer bzw. wieder gern gesehener Interview-Partner in den hiesigen Metal-Postillen. Nun war ich natürlich in erster Linie gespannt darauf, was der in Würde gealterte Adlige auf der Bühne noch so drauf hat. Um es vorwegzunehmen: alles! Mit Lederjacke, NVA-Deckel und keinem Gramm Fett am drahtigen Körper betrat er die Bühne und eröffnete mit „Der Idiot“ ein Oldschool-Punk-Inferno, das sich gewaschen hatte (anfänglich noch begleitet von fiesen Rückkopplungen, denen Norman jedoch bald den Garaus machte). Fürs peitschende „Nuclear War“ inkl. Verweisen auf Trump, Erdoğan und Putin während der Ansage griff er zur Gasmaske, beim genialen, den Wahnsinn der Fleischindustrie und des Konsums ihrer Erzeugnisse aufgreifenden „Fleischwolf“ vom Comeback-Album behängte er sich mit Fleisch und Wurst, die er während des Songs im Publikum verteilte, und bei „Schweine im Weltall“ war’s Zeit für die Schweinsmaske. Lederjacke und T-Shirt landeten in der Ecke und oben ohne, was irgendwann die gesamte Band war, wurden mein Lieblingssong, das geniale-stumpfe, infernalische „Der Säufer“ sowie „Tage ohne Alkohol“ angestimmt und dazu ‘ne Palette Hansa-Dosenpils ins Publikum geworfen. Von nun an spritzten regelmäßig Bierfontänen durch die Luft und besudelten Laden, Publikum und Band, die das stoisch über sich ergehen ließ und lediglich zum Handtuch griff, um die Saiten abzuwischen. Welch göttliches, „idiotisches“ Chaos zwischen Genie und Wahnsinn! Direkt vor der Bühne stolperten betrunkene Punks ungelenk durch den Pogo-Mob, von denen einer auf die Bühne fiel und sich dort offenbar schlafen legen wollte. Hannes himself latschte davon ungerührt immer wieder durch die Reihen, sang mit dem Publikum, füllte beim „Now I Wanna Be Your Dog“-Cover Bier in einen Napf und bot ihn zum Schlürfen an, „Selbstmord“ wurde ebenso durchgepeitscht wie die Fußball-Hymne „Der S04 und der BVB“, bei „Samstagnacht“ brüllte ich ebenso fast jedes Wort mit wie bei „Bayrischer Wald“ und eigentlich allen anderen, das „Mädchen mit den roten Haaren“ wurde heute zur Blauhaarigen oder zur Blondine, wenn Hannes Blickkontakt mit den entsprechenden Mädels aufnahm, „Verseucht“ ist live noch garstiger als auf LP, „Heavy Metal Psycho Punk“ bringt das subkulturübergreifende Selbstverständnis der Band auf den Punkt und zum großen Finale holte man im Zugabenteil mit dem Hektiker „EDEKA“ (was, wie wir alle wissen, Akronym von „Ein deutscher Esel kauft alles“ ist) aus, bei dem ich endgültig jede Vernunft an den Bühnenrand schmiss. „Sonderangebot! Sonderangebot! Sonderangebot bei Edeka-ha-ha!“ Nur der abschließende „Pechvogel bei den Frauen“ klang in der Originalversion irgendwie besser als in dieser neu arrangierten Fassung. Wie wär’s stattdessen mit der alten Litanei vom „Dynamo Doppelkorn“ gewesen? Der längst aus allen Poren triefende Hannes tanzte mit der als Nonne verkleideten Merchandiserin  und hinterließ ein ausgepowertes, glückliches, nach Bier, Schweiß und Qualm müffelndes Publikum. Topfit, der Mann, da gibbet mal nix! Danke an alle für dieses kreuzgeniale, geil-chaotische, dreckige und euphorisierende Konzert nach bester Oldschool-Manier, wie ich es liebe und anscheinend – Punk sei Dank – ebenfalls nie zu alt für werde. Heißer Anwärter aufs Club-Konzert des Jahres!

Und die Party war, trotz langsam eintretender Müdigkeitserscheinungen, noch nicht vorbei, denn der gute Pablo kredenzte einen ’77-Klassiker nach dem anderen vom DJ-Pult aus und erhöhte (mir zuliebe?) die CLASH-Frequenz irgendwann beträchtlich, sodass sich mit manch geschmackssicherem Mitstreiter weiterfeiern ließ. Auch nicht schlecht: Ein Typ aus Barcelona war zu Gast, eigentlich auf der Durchreise zum COCK-SPARRER-Gig in Berlin, aber so angenehm überrascht, dass er sich ebenfalls einen nach dem anderen reingoss. Ob er’s noch zu SPARRER geschafft hat, wäre interessant zu erfahren. U.A. mit ihm verging noch die eine oder andere Stunde, bis mich der beste aller möglichen Timos abholte – natürlich nicht, ohne noch ‘nen Absacker zu verhaften. Oder zwei…

19.05.2017, Menschenzoo, Hamburg: DIE SHITLERS + FAST SLUTS

Drei Tage Konzertmarathon – aber was soll man machen, wenn wieder alles so geballt kommt? Genau, in den Festival-Modus schalten und durchziehen! Startpunkt war der Menschenzoo am Freitagabend, der die FAST SLUTS und DIE SHITLERS geladen hatte. Die Damen hatte ich ja nun schon länger nicht mehr gesehen und war gespannt, welche Entwicklung sie in der Zwischenzeit gemacht haben. Natürlich eine Gute! Zwar rumpelt ihr deutschsprachiger Oi!-Punk noch immer charmant durch die P.A., doch an den Instrumenten waren deutliche Steigerungen zu vernehmen und man macht einen recht eingespielten Eindruck. Im vollen Zoo wurden zehn Songs kredenzt, die allesamt das richtige Gespür für diese Art Musik beweisen und Ohrwurmcharakter haben. Sängerin Alex stand stilecht mit Bierpulle auf der Bühne und sang sich textsicher durch Material wie „Fast Sluts“, „Roiberleiter“ oder den mittlerweile altbekannten und frenetisch mitgesungenen „Landgang“, der dann auch noch mal als Zugabe herhalten musste. Zum LOIKAEMIE-Cover „Wir sind geil, wir sind schön“ gesellten sich neue Songs übers besoffene Einpennen in der Bahn mit Überraschungsziel (dass sich dieses Themas mal jemand annimmt, war überfällig!) und Sex („Lieber selbst“, das mich etwas an das Rostocker All-Girl-Pendant TORTENSCHLACHT erinnerte), die über Humor, Selbstironie, aber auch Selbstbewusstsein und prollige Oi!-Attitüde aus weiblicher Sicht verfügen. Kurios: Alex quatschte Bassistin Jule während ihrer politischen Ansage zu „Partypatrioten“ rein, indem sie eindringlich darum bat, doch bitte ein weiteres Bier zu bekommen – dieser Kontrast symbolisiert die unterschiedlichen Pfeiler des Bandselbstverständnisses eigentlich ganz gut. 😉 Klasse Gig, schwer sympathische Band und gute Stimmung im glücklicherweise bis auf Schweißflecken und Getränke trockenen Menschenzoo, denn draußen goss es aus Kübeln und überschwemmte manch Keller.

Für die Bochumer Satire-Punks DIE SHITLERS ist Hamburg so etwas wie eine zweite Heimat geworden, ihre Zuneigung zur Metropole fand sogar Ausdruck im unvernünftig kitschigen Song „Hamburg“. Diesmal wurde wieder in klassischer Trio-Besetzung Martin/Frank/Tristan angetreten und Martin bewies seltenen Musikgeschmack, als er als erste Amtshandlung sein Smartphone ans Gesangsmikro hielt und GIANNA NANNINIs Megahit „Bello e impossibile“ abspielte – was schmerzlich bewusst machte, wie wenig textsicher man ist, wenn man am liebsten jede Zeile mitsingen würde, jedoch nicht über den Titel hinauskommt (oder aber auf Phantasie-Italienisch zurückgreifen muss). Zu Beginn des eigentlichen Auftritts gab sich per „Halt die Fresse und spiel!“-Zwischenruf direkt der Typ zu erkennen, der ihnen laut Band durch die ganze Republik hinterherreist, um sein Sprüchlein aufzusagen. Viel schockierender aber war, dass die Endstufe abgeraucht war und Hamburgs hardest working sound technician, the one and only Norman, im Schweiße seines Angesichts hinter die Bühne klettern und sich auf Fehlersuche begeben musste, während das Konzert über nur einen P.A.-Lautsprecher weiterlief. Tatsächlich gelang es ihm nach einiger Zeit, etwas zu improvisieren, sodass Songs wie „Oi! + Rap“, „Weintrinkender Idiot“ oder „Warum gehst du nicht nach Nordkorea?“ wieder in ihnen angemessener Form präsentiert werden konnten. Dass mind. die Hälfte davon musikalisch auf altbekannte Punkrock-Melodien gesungen wird, ist positiv zu bewerten, da sich so die Hitdichte entscheidend erhöht. Beim eigentlich viel interessanteren Gesabbel zwischen den Songs kommt der Humor der SHITLERS besser denn je zur Geltung, zumal die Jungs verdammt souverän und schlagfertig sind. Martin ist aber durchaus auch in der Lage, sich ordentlich auf seiner Gitarre einen abzugniedeln, das soll hier nicht unterschlagen werden. Mit erkennbarer Schlagseite auf der Bühne sah er zudem als einziger einen Rollenstuhlfahrer, der doch bitte nach vorn durchgelassen werden sollte. Diverse Versuche, eine Wall of Death zu formen, scheiterten jedoch ebenso wie die Aufteilung des Publikums in die Anhänger verschiedener Rockerclubs oder das Finden eines Nazis, den man des Clubs hätte verweisen können. Höhepunkt war Franks Verlesen einer unfassbar pathetisch und selbstbeweihräuchernden Dankesrede an Hamburg, das „SHITLERS Street Team“ und sich selbst, wie ich mittlerweile weiß inspiriert von einer sich selbst etwas arg wichtig nehmenden Band, begleitet von Martins Unterfangen, für Ruhe im Puff zu sorgen. So drohte er dem „kleinen Scheißhaufen“, dass er „dieses Konzert nich‘ in‘ Arsch machen“ werde, wie es in Hamburg gute Tradition ist und bezichtigte einen offenbar aus der Schweiz stammenden Gast, mit bayrischem Akzent dazwischenzuplappern. Der grandiose Schlusspunkt eines denkwürdigen Abends mit Bochums Punk-Geschmackspolizei, die mit sicherem Gespür Szene-Bullshit aufspürt und satirisch verarbeitet – und mit erstaunlich trockenem Humor noch immer für die eine oder andere Irritation sorgt. Ob Frank seinen Quinoa-Salat noch bekommen hat, ist allerdings nicht überliefert.

Im Anschluss bot sich dann mal wieder die Gelegenheit, DJane Eddelbüttel abzufeiern, bis die Vernunft uns aus dem Laden in die Koje trieb, ohne Exzesse bis 10:00 Uhr morgens mitzunehmen. Ausnahmsweise – schließlich sollte es am nächsten Abend bereits weitergehen…

12.05.2017, Lobusch, Hamburg: CHOLERA TARANTULA + WIRRSAL + ASIMATRIX

Wieder ein D.I.Y.-HC-Punk-Konzi, diesmal mal wieder inner Lobusch. ASIMATRIX spielen momentan eine Vielzahl an Gigs, so hatte ich sie erst kürzlich in der Flora gesehen. Da ich sie mir noch lange nicht sattgehört habe, hatte ich auch Bock auf diesen Gig, der von der relativ neuen Konzertgruppe „Disgigz“ organisiert wurde. Sängerin Juli war gesundheitlich etwas angeschlagen und sich mit den möglichen Nebenwirkungen ihres Medikaments mittels Beipackzettel vertraut zu machen, ein kurzweiliger Spaß im Vorfeld. Zugutehalten muss man dem Zeug aber, dass es offenbar wirkt, denn als die Band nach kurzem Soundcheck loslegte, klang eigentlich alles wie gewohnt – außer vielleicht das diesmal heftig polternde Schlagzeug, das etwas eigenwillig abgemischt war, dafür aber umso mehr ballerte. Großartig den apokalyptischen HC-Punk/Skacore-Bastard von Bandsound beschreiben werde ich jetzt nicht mehr, war wieder ein rabiates Brett mit herrlich angepissten weiblichen Vocals und Gebrüll von beiden Bühnenflanken. Drummer Spike hängt sich so richtig schön in die Schießbude rein und verprügelt das Ding, als habe er mehr Gliedmaßen zur Verfügung als andere. Natürlich gelang’s der Band, das Publikum aufzutauen und erste Tanzeinlagen waren zu vermelden. ASIMATRIX dürften auch an diesem Abend den einen oder anderen Freund hinzugewonnen haben.

WIRRSAL aus Hamburg und Lübeck, wie ich an diesem Abend in Erfahrung bringen konnte, hatte ich letztes Jahr erstmals im Onkel Otto gesehen, bleibenden Eindruck hatte der Gig jedoch nicht unbedingt hinterlassen. Das sollte sich heute ändern. Von null auf hundert fackelte der Vierer ein deutschsprachiges HC-Punk-Feuerwerk ab; schnelle Songs, die sich nicht vor Gitarrensoli scheuen, ein Sänger mit kräftigem Organ, der ständig in Bewegung war und kritische, direkte, wütende Texte über diesen und jenen Scheiß, in guter alter ‘80er-Tradition und mit scheppernden Becken, hier und da zusätzlich durch Midtempo-Parts oder Offbeats aufgelockert. Der Sound war top, sodass die Songs voll zur Entfaltung kamen. Auch vor der Bühne war nun noch mehr los und das Band-Vinyl nehme ich mir beim nächsten Mal mit.

Die Bremer CHOLERA TARANTULA wussten vor’n paar Wochen bereits im Gängeviertel zu gefallen und hatten diesmal (möglicherweise auch schon seinerzeit) ‘ne Gruppe feierwütiger und zum Teil schon vorm Gig gut angeschossener Münsteraner im Schlepptau. Die Band hat ihren eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungseffekt, Uptempo-Anarcho-/HC-Punk mit hektischen Ausbrüchen und deutschsprachigen Texten mit weniger gebrüllten, mehr cleanem, zeterigem Gesang und gewohnt kritischen Inhalten. Sänger Örnie fühlt sich auf der Bühne sichtlich wohl, setzt ’nen irren Blick auf, posiert und dirigiert das Publikum, das nun endgültig ’ne große Party feierte. Beim aus nicht mehr aus eben diesem einen Wort bestehenden „Bullenterror“ dürfte es gewesen sein, als kräftig auf die Bühne geklettert, mit Bier herumgespritzt und in die Mikros mitgegrölt wurde, wobei sich besonders besagte Münsteraner hervortaten. Da war ordentlich Stimmung inner Bude, die für manch eine(n) noch getoppt wurde, als man im Zugabenteil zum unvermeidlichen ’90er-Trash-Medley ansetzte und BLÜMCHENs „Herz an Herz“ verpunkte, jedoch abgebrochen durch den selbstlosen Einsatz eines Musikfreunds, der einen heftigen Stunt in Form eines Sturzes hinlegte und somit Schlimmeres verhindert konnte – zumindest fast, denn „Boom Boom Boom Boom“ vonne VENGABOYS wurde lautstark aus weiblichen Kehlen gefordert und das Unheil nahm seinen Lauf… Im Original sind beide Songs hart an der Kotzgrenze, in diesen Versionen bizarr und die eigenen, anspruchsvolleren Songs konterkarierend. Für diese Scheiße bin ich vermutlich einfach zu alt bzw. weiß ich nicht, wie viel ich noch saufen müsste, um das abzufeiern. Ansonsten aber alles im giftgrünen Bereich und ein abermals überzeugender Gig von einer Band, von der man sicherlich noch einiges erwarten kann.

Bis sich die Lobusch schließlich leerte, verging noch eine ganze Weile, es wurde weitergefeiert, -getrunken und -gequatscht, Kontakte wurden geknüpft/vertieft etc. Ein geiler Abend, an dem ich eigentlich noch den einen oder anderen Hamburger mehr erwartet hätte, doch das Konkurrenzprogramm war auch diesmal unerbittlich. Der Konzertgruppe Disgigz jedenfalls wünsche ich weiterhin ein derart gutes Händchen!

05. – 07.05.2017: Hafengeburtstag Hamburg

Hafengeburtstag! Mir eigentlich egal, wer da was feiert, denn unsereins feiert seine Szene und Subkultur abwechselnd auf zwei Bühnen: der Onkel-Otto-Bühne am Störtebeker und der großen, zum offiziellen Programm gehörenden Jolly-Roger-Bühne direkt an der Elbe. Am Freitag hatte es tagsüber aus Kübeln gepisst und mir schwante schon Übles, doch pünktlich zum Abend hatte der Wettergott ein Einsehen und schloss die Schleusen. Nach Arbeit und Sport hab‘ ich mich bei Freunden einquartiert und die frohe Kunde vernommen, dass man am Störte dem Zeitplan hinterherhinkt und KANISTERKOPF noch gar nicht begonnen haben. So konnte ich noch in Ruhe im bzw. aufgrund akuter Überfüllung am Osborne dem Sieg des FC St. Pauli beiwohnen (wo mich eine sich offenbar bereits recht blümerant fühlende Kiez-Touristin fragte, ob ich ein Nazi sei und mich über Toleranz aufklärte, danke dafür…) und kam anschließend bei kaltem, aber eben endlich trockenem Wetter fast pünktlich zu den Kanisterheads, die ich eine Woche zuvor bereits im Menschenzoo gesehen hatte. Aufgrund des Umfang, vor allem aber aufgrund meines exorbitanten Bierkonsums und der vielen während der Gigs geführten Gespräche sowie der permanenten Reizüberflutung fallen meine Schilderungen diesmal kürzer als gewohnt aus – soll sich ja auch keiner ‘nen Tag freinehmen müssen, um das hier zu lesen zu können…

KANISTERKOPF jedenfalls glänzten erneut mit wuchtigem, rauem, aggressivem ‘90s-Hardcore in Trio-Besetzung, präzise wie Sau und mit rustikalem Charme bei gleichzeitiger perfekter Instrumentenkontrolle, wobei ich diesmal verstärkt ein Ohr für die klasse Gitarrenarbeit hatte. Das verbrachialgroovte IRON-MAIDEN-Cover „2 Minutes To Midnight“ schien mir nicht unbedingt jeder der bereits zahlreich Anwesenden erkannt zu haben, ansonsten gefiel mir die Band am besten, wenn sie – na klar – aufs Gas trat. Der gute Norman, Sound- und Technikchef jener Bühne, war jedoch nicht zu beneiden, als er hektisch hin und her lief und dennoch nicht verhindern konnte, dass die Band ständig nach besserem Monitorsound verlangte und sich hin und wieder fies-krachige Störgeräusche einschlichen, di e jedoch dann und wann fast schon zum Bandsound passten. Ansonsten war der Sound vor der Bühne völlig ok und der eine oder andere neigte bereits tanzender- und moshenderweise zur Ekstase.

Dem kreativen oder allgemeinen Chaos geschuldet, war die avisierte Band-Reihenfolge schon wieder obsolet, sodass es zum bestgehüteten Geheimnis des Abends avancierte, wer jene vier Herren waren, die anschließend mittels oldschooligem US-Hektiker-Hardcore à la CIRCLE JERKS und Konsorten (oder so ähnlich, die Songs waren länger, aber bessere Vergleiche fallen mir nicht ein) die Bühne unsicher machten. Sollte der Shouter das zwischendurch dann doch kundgetan haben, muss es untergegangen sein. Ansonsten war man aber recht auskunftsfreudig und vor allem ambitioniert, wie die zahlreichen kritischen bis politisch gefärbten Ansagen und Bekundungen bewiesen. Per Ausschlussverfahren tippte ich auf die Bremer NERVOUS ASSISTANT und lag damit richtig. War nicht verkehrt, wenngleich KANISTERKOPF im direkten Vergleich mehr Druck erzeugten. Nichtsdestotrotz guter Gig ohne jede Blöße. Sämtliche Soundprobleme waren ab nun übrigens auch anscheinend gelöst.

Mittlerweile war’s dunkel geworden und die lokale Lieblings-Ruckizucki-Stimmungskapelle HAMBURGER ABSCHAUM blies durch ihre Trompete zum Angriff. Das Publikum war längst voll auf Betriebstemperatur und in Feierlaune und so wurd’s natürlich ‘ne einzige große Party. Der Stoff des „Endlich!“-Albums wurde mit ein paar neueren Songs angereichert und wurde mal nicht geblechbläsert oder im Dreimannchor geträllert, kam die gefürchtete Kettensäge zum Einsatz. An den eigenwilligen Gitarrensound muss ich mich immer erst mal gewöhnen, an die genial-mitgrölkompatiblen Texte nicht und unser Homie Dr. Tentakel an der Schießbude peitschte das Septett gut nach vorne. Doch als wäre die Bühne mit sieben Kerlen nicht schon ausgefüllt genug gewesen, kletterten nun vermehrt Teile des Publikums auf die Bretter, natürlich ohne anschließend Flachköpper Richtung Asphalt zu riskieren. Selbstlos wie er ist, wies START-A-RIOT-Thomas auf die sich daraus ergebenden Gefahren hin, indem er demonstrierte, wie schmerzhaft es sein kann, auf der Bühne in einem Schlagloch umzuknicken. Liebevoll stand ihm der offenbar gelernte Pferdemetzgerdoktor und ABSCHAUM-Sänger Frank zur Seite, der nach fachmännischer Diagnose anbot, ihn mittels besagter Kettensäge der schmerzenden Extremität zu entledigen. Ich hoffe, er ist wieder wohlauf. „Döp döp döp… Scheiß ich auf die Norm“ hallte es schon vor und auch nach jenem vielleicht größten Bandhit durch die Straßen und im Anschluss an den Gig wusste jeder, was man am HAMBURGER ABSCHAUM hat – wenn der in Spiellaune ist, ist die Party gerettet.

„ÖsLÖ PÖnKRöcK“ spielen die Norweger DANGER!MAN nach eigenem Bekunden, was sich als Mischung aus punkigem Hardcore und hardcorigem Punk mit mal mehr, mal weniger dezenter Melodie-Schlagseite entpuppte. Ein Teil feierte den sehr souveränen und selbstbewussten Gig des Vierers vor der Bühne ab, für andere dienten DANGER!MAN eher als Hintergrundmusik während des Wartens auf und Kräfteschonens für OI POLLOI. Ich war in Gesabbel vertieft, denn der günstig dargereichte Alkohol hatte manch Zunge gelöst und so tauschte man sich mit der Gott und der Welt über Gott und die Welt aus, sodass ich mir jedes weitere Wort über DANGER!MAN jetzt aus den Fingern saugen müsste. Vielleicht noch so viel: Unter http://www.dangerman.no/#releases könnt ihr euch die Veröffentlichungen gratis und offiziell herunterladen.

Die nimmermüden Schotten von OI POLLOI um Shouter Deek gelten gemeinhin als Anarcho-Punk-Band, vereinen aber eigentlich das Beste aus mehreren Sub-Genres: Oi!-Stampfer aus den Anfangstagen zählen genauso zum Repertoire wie hammerharter HC. Kombiniert mit einem unprätentiösen, klischeearmen Auftreten und Alleinstellungsmerkmalen wie Deeks nahezu perfekten Deutschkenntnissen und seinen launigen, repetitiven Ansagen („Mein kurzhaariger Freund!“, „Mein langhaariger Freund!“, „Lasst uns einen Whiskey trinken!“, „Das ist geiel!“) zählen sie seit vielen Jahren zu Publikumslieblingen und sind – außer bei politisch besonders verwirrten Hardlinern – überaus gern gesehene Gäste in den DIY-Schuppen der Republik. Und es tat gut, mal wieder die Hits von „Nuclear Waste“ über „Let The Boots Do The Talking“ bis hin zu meinem Favoriten, „System“, und wie die herrlich räudigen Grobkellen sonst noch alle heißen, um die Löffel gehauen zu bekommen. Die Örtlichkeit war dafür aber die rustikalste Hamburgs, denn der harte Asphalt vor der Bühne ist nicht wirklich eben, mitten durch die Tanzfläche verläuft ein fieser Kantstein und zu vorgeschrittener Stunde ist das Areal natürlich gespickt mit Glasscherben und anderem Unrat. Als ich übermütig wurde und mich kurzzeitig doch in den wüsten Mob stürzte, flog ich natürlich prompt in den Dreck. Ok, das war’s wert, andere sprachen im Nachhinein aber allgemein von übermäßiger Härte im Pit. Möglicherweise trafen auch einfach nur zwei Typen alkoholisierter Adrenalinschwängerung aufeinander, Rücksichtslosigkeit versus Gleichgewichtsstörungen, Hauptsache austoben 😀 Den Gig an sich hab‘ ich als astrein in meiner langsam aussetzenden Erinnerung, Deek sprang aufgekratzt und authentisch angepisst in seinem schwarzen Kapu über die Bühne und seine anscheinend ständig wechselnde Band schüttelte die Songs locker aus den Handgelenken. PULVERTOASTMANN-Holler ward übrigens häufiger auf als vor der Bühne gesehen 😀

Genug hatte ich noch lange nicht, über die Tortuga-Bar ging’s ins Onkel Otto und von dort aus noch weiter durch die Kiezgassen. Insgesamt dürfte ich mich an diesem Abend viermal betrunken haben…

„Scheiße!“, ist häufig mein erster Gedanke, wenn ich nach durchzechter Nacht erwache. Kurz abklopfen und -tasten: Noch alle Gliedmaßen dran, noch alle Zähne im Maul und im Bett oder Bettähnlichen außerhalb einer Zelle oder sonstigen geschlossenen Einrichtung befindend, Handy/Schlüssel/leeres Portemonnaie noch da. Ok, da kann man fast schon wieder La Paloma pfeifen. Das Dumme war nur, dass ein Blick auf die Uhr irgendwas zwischen 19 und 20:00 Uhr anzeigte, was Rückschlüsse dahingehend erlaubte, wie spät bzw. früh es wurde, mich über meine Kondition in Erstaunen versetzte, aber auch bedeutete, dass ich diverse Band bereits vorm Aufstehen verpasst habe. So hätte ich z.B. sehr gern CRASS DEFECTED CHARACTER die Störtebeker-Bühne eröffnen sehen. Nach ’ner Dusche und ’ner Gassirunde kam ich aber erst zu PENADAS POR LA LEY aus Bilbao gegen 21:00 Uhr an, zwei Mädels an Gitarre und Bass und ein Kerl hinter der Schießbude, die melodischen Punkrock in Landessprache zocken und bestens aufgelegt waren. Anfänglich klang’s mit nur einer Klampfe hier und da noch etwas dünn, das gab sich aber im Laufe der Zeit und war so etwas wie der Soundtrack zu meinem persönlichen Sonnenaufgang an diesem Samstag. Und mittlerweile war’s auch nicht mehr so verfickt kalt!

Irgendwann fiel mir dann ein, dass ich ja eigentlich auch endlich mal zur Jolly-Bühne runter wollte, allein schon, um zu horchen, was RUDE PRIDE aus Madrid so an klassischem Skinhead-Oi! fabrizieren. Die waren nur leider fast schon durch, dafür war die Atmosphäre angenehm, BLITZ‘ „New Age“ ist auch als Cover immer gern gehört usw. Leider war die Rhythmusgitarre kaum zu vernehmen, sodass der Sound arg dünn wurde, wenn die Leadgitarre Soli spielte.

Die ersten Bierchen schmeckten längst wieder, als das Feuerwerk das Firmament erhellte und anschließend die SPERMBIRDS zur Tat schritten, die ich nun wirklich keinesfalls hätte verpassen wollen. Mitte der 1980er bis Anfang der ‘90er gehörten die Kaiserslauterer meines Erachtens zum Besten, was Deutschland in Sachen Hardcore zu bieten hatte – in Kombination mit ihrem US-amerikanischen Sänger Lee Hollis, versteht sich. Seit geraumer Zeit sind sie wieder zusammen unterwegs, mein letzter SPERMBIRDS-Gig, seinerzeit im Hafenklang, lag aber auch schon wieder viel zu lange zurück. DAS Hitalbum schlechthin bleibt natürlich das Debüt „Something To Prove“, dessen Songs auch an diesem Abend am meisten knallten. Für meinen Geschmack wurde etwas zu viel von den anderen Alben gespielt, sodass manch Kracher auf der Strecke blieb. Den Spaß und Adrenalinkick minderte das jedoch weitaus weniger als die Atmosphäre, die natürlich nie an einen schweißtreibenden Clubgig ohne Absperrung herankommt. Dennoch ein erfreuliches Wiedersehen mit den Vögeln, von dessen aufputschender Wirkung ich profitierte, als ich wieder kein Ende fand und mir die Nacht noch im Menschenzoo um die Ohren schlug – wenngleich diesmal alles vergleichsweise zivil ausfiel.

Am nächsten Mittag bereits wurde sich aus der Koje geschält und wahnsinnigerweise direkt zur BOLANOW-BRAWL-Probe geeilt, um anschließend mit den Affen zum – na klar! – Hafengeburtstag zu pilgern, wo unsere Kumpels von ARRESTED DENIAL um 17:00 Uhr ihren Streetpunk mit gelegentlichen HC-Einlagen bis hin zu ROXETTE-Covers unters verkaterte Volk brachten. Die nun plötzlich kräftig strahlende Sonne ballerte gut auf den Pelz und lud auch den einen oder anderen dazu ein, sich noch mal vor die Tür zu trauen, wenngleich es auf dem Riesenareal schnell nach versprengtem Häuflein aussieht. Die Band, allen voran Frontsau Valentin, war gut drauf, zu dämlichen Sprüchen aufgelegt und widmete diverse Songs verschiedenen Menschen, die die Band bisher unterstützt haben. Das eine oder andere Stück der in Kürze erscheinenden neuen Platte befand sich ebenfalls im Set und der Sound ging in Ordnung. Makelloser Gig, zu dem sich gut entkatern ließ und es war insbesondere schön, Neu- bzw. Wieder-Basser Timo mal wieder auf der Bühne zu sehen! Dann allerdings strich ich die Segel, verzichtete auf die REAL MCKENZIES und erklärte den diesjährigen Hafengeburtstag für mich für beendet.

Fazit: Drei Tage Hafengeburtstag, drei Tage Ausnahmezustand. Ich vermute, die Bedeutung gerade des alternativen, auch „Affengeburtstag“ genannten nichtkommerziellen Programms am Störtebeker werde ich hier niemandem erläutern müssen. Deshalb Respekt und Danke an alle Beteiligten, die das alljährlich aus dem Boden stampfen. Einzig ärgerlich, jedoch ein Luxusproblem sind die Überschneidungen mit dem ebenfalls i.d.R. sehr interessanten Jolly-Roger-Bühnenprogramm, das auch dieses Jahr bei mir leider reichlich kurz kam. Danke auch an die Meister der Verpflegung, die an der Hafenstraße arschleckere Veggie-Döner und -Burger zubereiten und verkaufen und damit sicherstellen, dass bei allem Gesaufe auch feste Nahrung im Magen landet – wenngleich ich es bei der Plastiktechnobeschallung dort keine fünf Minuten aushalten würde. Nach dem eigentlich immer chaotisch verlaufenden Hafengeburtstag, der sowie immer anders kommt als geplant, schalte ich normalerweise wieder ein, zwei Gänge zurück, was auch bitter nötig ist – soll schließlich nicht mein Letzter gewesen sein. Abschließend noch ein großes Spezialdankeschön an Lena und Timo! You’re the best!

02.05.2017, Barclaycard Arena, Hamburg: IRON MAIDEN + SHINEDOWN

Bisher waren IRON MAIDEN mit ihrem aktuellen Album „The Book Of Souls“ hierzulande lediglich auf Festival-Tour gewesen, wobei ich leider passen musste. Die Fortsetzung der Tour führte die britische Heavy-Metal-Legende jedoch auch durch Deutschlands Hallen und der letzte zu beackernde Fleck auf der Karte wurde Hamburg. Seit ‘ner gefühlten Ewigkeit hatte ich bereits die Karten und am Dienstag konnte ich endlich den Weg zur Halle mit den ständig wechselnden Sponsorennamen antreten. Schnell noch zwei Bierchen am Kiosk geholt und mit dem Shuttle-Bus bis vor die Tür chauffieren lassen, ausgeschluckt und mal gucken bzw. hören, was SHINEDOWN so fabrizieren. Die MAIDEN-Vorbands hatte ich bisher i.d.R. mit Ignoranz gestraft und auch diesmal hat sich das frühe Betreten der Halle in erster Linie dafür gelohnt, sich zu vergegenwärtigen, was man an MAIDEN hat: Die US-Amerikaner SHINEDOWN zockten einen bemühten, bei unserer Ankunft recht lahmen Hardrock modernerer Prägung. Sie zogen zwar noch etwas an und entdeckten das Midtempo, aber außer vielen Versuchen, das Publikum zu animieren und einem Durchmarsch des Sängers bis zum Mischpult und zurück auf die Bühne blieb nichts hängen. Nach viel mehr als Höflichkeitsapplaus klangen die Reaktionen dann auch nicht, manch einer machte aber dennoch schon die Pommesgabel.

Diverse Pinkelpausen später ertönte schließlich das altbekannte, zum Intro umfunktionierte „Doctor Doctor“ von UFO aus der Konserve, wozu über die nun aktivierten Bildschirme ein animiertes, zur „The Book Of Souls“-Maya-Kult-Ästhetik passendes Video abgespielt wurde, bis Bruce Dickinson in einer Weihrauchwolke auf der Bühnenkuppel auftauchte und das „If Eternity Should Fail“-Intro sang. Seine Band stürmte im direkten Anschluss auf die ebenfalls entsprechend gestaltete Bühne und von nun an nahm die eigentliche Show in sich ständig ändernden Kulissen ihren Lauf.

„The Book Of Souls“ schien für einige ja eher eines mit sieben Siegeln zu sein, darf man den mitunter recht verhaltenen Kritiken in den Fachgazetten Glauben schenken. Mir hingegen lief und läuft es von denjenigen betont proggigen Alben der MAIDEN-Neuzeit ziemlich gut rein und so freute ich mich auf den MAIDEN’schen, auf das eigene Selbstverständnis  als noch immer aktuelle, auf ihre Neuveröffentlichungen stolze Band hindeutenden Starrsinn, die neuen Songs des Albums die Setlist dominieren zu lassen, statt auf Nummer sicher zu gehen und eine reine Klassiker-/Oldie-Show zu bieten. Wir standen relativ weit vorn auf der linken Seite, wo sich das Publikum etwas ruhiger verhielt, der Sound aber glücklicherweise von vornherein besser klang als während meines letzten MAIDEN-Besuchs in der – damals noch – „O2-World“. Ok, bei der Lautstärke fiel es mitunter schwer, die gleich drei Gitarren (plus Bass) differenziert wahrzunehmen, schwerer wog für mich aber, dass Dickinsons Mikro einige Frequenzen zu verschlucken schien und gerade bei den neueren Songs in erster Linie die hohen, helle Teile seiner Phrasierungen zu vernehmen waren.

Die auch nach wer weiß wie vielen Tourtagen überaus spielfreudig und fit wirkende Band lieferte als zweiten Song das okaye „Speed Of Light“, blieb bis dahin also in der Reihenfolge des Albums. Als echte Überraschung folgte jedoch „Wrathchild“ aus der Di’Anno-Ära (1981!) und bei „Children Of The Damned“ war der Gänsehautschauer perfekt. Mit „Death Or Glory“ blätterte man erneut im Seelenbuch, Dickinson posierte in Affenmaske und sprang wie ein aufgekratzter Schimpanse über die Bretter – was mit dazu beigetragen haben dürfte, dass der Song live noch besser als auf Platte flutschte. Ein weiterer Höhepunkt dann das überlange „The Red And The Black“, auf dessen Live-Interpretation ich im Vorfeld besonders geil gewesen war. Eine knappe Viertelstunde lang geniales Gitarrengegniedel und -gebrate inkl. „Ohoho“-Oi!-Part und wem spätestens bei Minute 10 nicht das Herz aufgeht, versteht nix von Heavy Metal. Dies verdeutlicht meines Erachtens, mit wie viel belanglosem Mist sich hiesige Metal-Redakteure die Ohren zugeschmalzt haben, wenn sie ausgerechnet bei diesem offenbar ihre Aufmerksamkeitsspanne übersteigenden Song von Langeweile und „geeignet für ‘ne Kippenpause“ schreiben. Für „The Trooper“ schlüpfte Dickinson wie gewohnt in seine Uniform und ließ den Union Jack flattern, während er „Powerslave“ unter einer mexikanischen Wrestlermaske sang. Und noch ‘ne ordentliche Kelle „Book of Souls“: „The Great Unknown“ wirkte live etwas unscheinbarer als von Platte, der Titelsong jedoch zog sämtliche Register und ließ sich Janick Gers (der sich übrigens mit seinen, nun ja, „unorthodoxen“ Bühnenbewegungen diesmal erstaunlich zurückhielt) zusätzliche eine Akustikklampfe umschnallen. Das war’s dann aber auch mit aktuellem Stoff, Zeit für eine Klassikerrunde aus dem schier unerschöpflichen Fundus. „Fear Of The Dark“ sorgte zumindest in unserem etwas hüftsteifen Teil des Publikums nicht unbedingt für inbrünstiges Mitsingen südamerikanischen Ausmaßes, hallte aber dennoch ordentlich durch die Arena und bei „Iron Maiden“ stackste Bandmaskottchen Eddie trashig über die Bühne, bis Bruce ihm sein Herz herausriss und eine riesige Eddie-Fratze von der Bühne glotzte.

Dass da noch etwas kommen würde, war klar und so wurde der Zugabenteil von „The Number Of The Beast“ eingeleitet, zu dem sich der Gehörnte überlebensgroß gesellte. Einen Zeitsprung von 18 Jahren bedeutete das vorletzte Stück „Blood Brothers“, das seinen Pathos übers Publikum verteilte und bewies, wie unpeinlich und episch eine Schunkelnummer sein kann. „Wasted Years“ war dann so etwas wie der krönende, unheimlich gut passende Abschluss, scheint sich doch auch die Band noch immer in ihren besungenen „Golden Years“ zu befinden und prügelte mir der Song ein, dass auch mir eigentlich gerade die Sonne aus dem Allerwertesten scheint – ok, kein Wunder, wenn man sich in einer riesigen Masse MAIDEN-Jünger wiederfindet und eines seiner Lieblingslieder live vom Original dargeboten bekommt. Eine Art Maya-Eddie-Ufo hob funkensprühend ab, „Always Look On The Bright Side“ ertönte als Rausschmeißer und das war’s.

Nach rund zwei Stunden entließ man eine zufriedene Menschenmenge in die Nacht, die von einem erstaunlich gut und schnell funktionierenden Shuttle-Service zum S-Bahnhof gebracht wurde. Selten war Alter so bedeutungslos wie an diesem generationenübergreifenden Abend, den Dickinson für einige klug gewählte, auf die Internationalität von Musik im Allgemeinen und der MAIDEN-Szene im Speziellen hinweisende Ansagen nutzte und damit nationalistischen Tendenzen und ähnlichem Mist eine Absage erteilte. In dieser Form dürfen IRON MAIDEN gern noch lange weitermachen – wenn so ein Riesenkommerzarenabesuch auch nichts ist, woran ich mich gewöhnen könnte und bei Bierpreisen von 4,80 EUR für einen Becher selbst ich lieber weitestgehend abstinent bleibe…

Aber, frei nach Peter Wackel: Scheiß drauf, MAIDEN ist (höchstens) einmal im Jahr!

28.04.2017, Menschenzoo, Hamburg: JUST WÄR + KANISTERKOPF

Nachdem ich im Osborne nicht nur Small-Town-Timos Geburtstag begießen, sondern auch grandiose Siege des FC St. Pauli und Schalke 04 feiern konnte, lockte der Menschenzoo mit Ex-SMALL-TOWN-RIOT-Drummer Lehmanns neuer Band KANISTERKOPF. Da es mir mittlerweile fast schon unangenehm war, die bisher jedes Mal verpasst zu haben, gab’s da nicht viel zu überlegen, zumal man mit dem Beginn freundlicherweise bis zum Abpfiff der Bundesliga-Partie gewartet hatte. Ca. 40 Leute wurden dann Augen- und Ohrenzeugen, wie jenes Trio aussichtsreich die bisher vakante Hamburger Position für 90s-Hardcore mit Metal-Kante besetzte. Der Groove wurde arschtight vom präzisen Zusammenspiel der Band gesichert, zu dem Lehmann wie eine gut geölte Maschine sein Schlagwerkfundament beitrug. Der Sänger und Bassist in Personalunion röhrte heiser die englischen Texte heraus und der Bass sorgte für Druck. Zoo-Mischer Norman zauberte zudem einen superdifferenzierten Sound, sodass es nix zu mäkeln gab. Ein dem eigenen Stil angepasstes IRON-MAIDEN-Cover, vor dem Lehmann drohte, all diejenigen des Raumes zu verweisen, die es nicht erkennen, sorgte für zusätzliche gute Laune und stimmte mich auf mein nächstes Konzert ein. Zugaben verweigerte man sich, man ist offenbar Anhänger der No-Rockstars-No-Posing-No-Encores-Schule. Wer auf diese Mucke kann, sollte KANISTERKOPF im Auge behalten.

JUST WÄR aus Tschechien zockten dann Hardcore-Punk der seit Jahrzehnten bewährten Oldschool, nicht mehr und nicht weniger. Das Zeug zündete sofort, der Sänger des Quartetts erwies sich als echter Aktivposten und dazu Pogo und Artverwandtes zu tanzen, war fast schon Pflicht. Selbstverständlich hab‘ ich die Band abgefeiert, der nach wie vor glasklare Sound lud ebenso dazu ein wie die entfesselte akustische Aggression und der antreibende Beat. Ich muss allerdings zugeben, dass JUST WÄR sicherlich keine Originalitätspreise gewinnen. Alleinstellungsmerkmale würden mir spontan keine einfallen und im Prinzip hätte dort auch eine der vielen anderen Bands stehen können, die einen ähnlichen Sound fabrizieren. Nicht falsch verstehen, hat derbe Spaß gemacht und nicht zuletzt spricht das auch für die beachtliche Größe und Internationalität der Szene. Im Nachhinein fragte ich mich aber, ob es ewig so weitergehen soll – immerhin ist es mittlerweile fast schon Tradition, mir am Wochenende ‘ne HC-Punk-Show reinzudrücken, dadurch den Kopf freipusten zu lassen und mir anschließend am besten noch den Rest zu geben. Hat das in dieser Regelmäßigkeit nicht fast schon etwas Spießiges? Der Menschenzoo-DJ verstand es an diesem Abend jedenfalls vortrefflich, den Soundtrack zum Untergang zu liefern, also wurde auch ihm entsprechend gehuldigt, bis irgendwann die Lichter ausgingen.

Fazit: Geile Party, geile Bands, geiler Laden mit lecker Ratsherrn, von dem man nicht mal Kopfschmerzen bekommt. Ich kann aber nicht versprechen, ewig so weiterzumachen. Ich glaub‘, ich brauch‘ mal Urlaub…

21.04.2017, Rote Flora, Hamburg: ASIMATRIX + 1323 + EAT THE BITCH

Noch ‘ne Soli-Nummer für G20-kritische Aktionen, diesmal in der Roten Flora – und ausgerechnet an einem Freitag, an dem sich Hamburgs Konzertveranstalter wieder einmal selbst überschlugen und in fast jeder Location musikalisch Hochkarätiges boten. Ich nahm dennoch die Gelegenheit wahr, nach einer halben Ewigkeit mal wieder die Flora aufzusuchen, die gut daran tat, das Konzert in den „kleinen Saal“ statt auf die große Bühne zu legen. War einfach muggeliger.

Stand anfangs noch zu befürchten, dass sich lediglich ein versprengter Haufen zusammenfinden würde, bot sich erfreulicherweise ein anderes Bild, als EAT THE BITCH einmal mehr unter Beweis stellten, weshalb sie zum geilsten Scheiß zählen, den der lokale HC-Punk-Untergrund derzeit zu bieten hat: Jonas Stimme geht durch Mark und Bein wie ein frisch gewetztes Messer durch sonnengeweichte Butter. Die Songstrukturen bedienen sich ebenso im hektischen Pogo-Punk wie im wuchtigen Hardcore und bündeln die Aggression zu durchdringenden Geschossen, die auf eine kalte, lebensfeindliche urbane Umwelt zielen, wie die deutschsprachigen Texte stilsicher belegen. Ob „Armutszeugnis“, „Fressen & Kotzen, „Das Getriebe“, „Spiel mir das Lied vom Krieg“ oder wie sie alle heißen, die Songs sind ideale Ventile, um Wut, Frust und Enttäuschung zu kanalisieren. Noch unveröffentlichtes Material reihte sich perfekt ein und die Band macht einen immer souveräneren und tighteren Eindruck. Den halligen Klang des Raums hatte der Mischer zudem gut im Griff und mischte EAT THE BITCH einen differenzierten, harten Sound.

1323 kannte ich bisher lediglich von Ankündigungen von mir nichtbesuchter Konzerte und erwartete schrammeligen Parolen-Punk o.ä., womit ich jedoch schön daneben lag: Die Hamburger zocken einen astreinen Uptempo-Stiefel zwischen HC-Punk, dem, was man heutzutage gern als Deutschpunk bezeichnet und hymnischem, chorlastigem Zeug, das an Street-/Oi!-Punk erinnert. Inhaltlich geht’s gegen Autoritäten, Kapitalismus, Zwänge – und um Fußball. Die Becken waren ohrenscheinlich auf extraschepperig geschraubt, die raue Stimme des Sängers lag gut in der Spur und die satten Chöre saßen. Folgerichtig tauten die Anwesenden immer weiter auf und lieferten zunehmend Tanzeinlagen (und Ähnliches) vor der (nicht vorhandenen) Bühne. Schön dreckiger, ehrlicher Punk vonne Straße zwischen Rambazamba, Rebellion, Radikalität – und Fußball.

ASIMATRIX hatten dann relativ leichtes Spiel mit der aufgeheizten, sich in bester Stimmung wogenden Masse. Glücklicherweise war Klampfer Lars nach krankheitsbedingter Pause wieder fit – so fit, dass er nicht viel auf die Empfehlung gab, besser noch nicht wieder mitzusingen und sich kurzerhand das eigentlich ersatzweise vor Bassist Tobi aufgebaute Mikrophon schnappte, um Sängerin Juli wieder tatkräftig mit infernalem Gebrüll zu unterstützen. Live kommt die eigenwillige Mischung aus giftigem Hardcore-Punk und anarchischem Ska-Core noch wesentlich brutaler und ungestümer rüber als auf der Debüt-LP, wobei sie mir diesmal allgemein noch ‘ne Ecke härter als zuletzt vorkam, was aber auch mit dem speziellen Klang in der Flora zusammengehangen haben könnte. Abgesehen davon, dass Julis Gesang anfänglich zu leise war, hatte der Mischer auch hier das Optimum herausgekitzelt. Textlich wird sich in guter No-Bullshit-Punk-Tradition über die Gesellschaft und ihre degenerativen Erscheinungen ausgekotzt, was Sound, Artwork etc. in ein angemessen düsteres Szenario betten. Auch dieser Auftritt geriet zur Party und spätestens jetzt ärgerte ich mich, aufgrund meines frisch tätowierten Tanzbeins selbiges nicht schwingen zu können. Nachdem man das Set durchgezockt hatte, wurden lautstark Zugaben gefordert und von der unheimlich spielfreudigen Band in Form von Wiederholungen geliefert, bevor ich die anschließende Drum-and-Bass-Party ignorierte und mich abseilte. Von drei ASIMATRIX-Gigs, denen ich bisher beiwohnte, war dieser der beste und die Band wirkte ebenfalls sichtlich erfreut.

Ein verdammt geiler Konzertabend also, der, obwohl kurzfristig anberaumt und starker Konkurrenz ausgesetzt, für alle ein Erfolg gewesen sein dürfte und hoffentlich den einen oder anderen Soli-Taler eingespielt hat, der benötigt wird, wenn die Wut auf die Straße getragen und unmissverständlich deutlich gemacht wird, was man von der Politik, den Vorstellungen von „Globalisierung“ und den Kriegen der G-20-Gipfelteilnehmer sowie ihrer arroganten, dekadenten und zynischen Machtdemonstration in Form ihrer Hamburger Zusammenkunft hält.

Den Wunsch der Roten Flora, keine Foto- oder Videoaufnahmen im Gebäude anzufertigen, habe ich respektiert, weshalb du diesmal auf meine verwackelten, unscharfen Schnappschüsse verzichten musst, liebes Tagebuch…

13.04.2017, Silbersack, Hamburg: TURBOBOOST

Manchmal kann der Kiez doch noch wat! Aber der Reihe nach: Am letzten Abend vorm langen Oster-Wochenende stand eigentlich ‘ne DMF-Probe auf dem Plan. Kai jedoch gab zu verstehen, dass er unabkömmlich sei, weil er einen Gastauftritt im Silbersack habe – mit einem Flöten-Solo. Kurzerhand wurde also die Probe gestrichen und sich stattdessen im Silbersack, jener alteingesessenen Arbeiterkneipe auf dem Kiez, versammelt. Dort tummelten sich bereits angetrunkene Waliser, die irgendwann die Jukebox für sich entdeckten – und wenn ‘ne Gruppe Briten lautstark „Down Under“ oder „Look Back In Anger“ intoniert, muss ich natürlich mitsingen. Beste Stimmung also schon mal, die noch getoppt wurde, als das Kölner Kollektiv TURBOBOOST sich in der eigens für sie freigeschaufelten Ecke aufbaute und sich in eigenwilliger Instrumentierung – Melodica (so’n Miniklavier zum Reinpusten), Cajon, Akustik- und E-Klampfe etc. – quer durch die Populärmusikgeschichte coverte. Ob „My Sharona“, „How Bizarre“, „D.I.S.C.O.“, „Everything Counts“ oder „The Trooper“ – nichts war vor der Verwurstung durch die Kölner sicher, die sich schließlich sogar an Melodien aus TV-Serien und -Shows sowie Videospiel-Themen vergriffen und exotische Samba-Rhythmen ebenso beherrschten wie den Rock’n’Roll! Der Hauptsänger hatte ein kleines Drum-Becken an seinem Mikroständer montiert, das er regelmäßig zielsicher schlug, woraufhin Dr. Tentakel mutmaßte, dass das auch etwas für unsere Band sei – schließlich könne ich dann jeden Beckenschlag exakt dort verorten, wo ich ihn gern hätte. Eine exzellente Idee, über die es nachzudenken gilt. Kai saß derweil mit seiner Flöte im Publikum und harrte seines Einsatzes, den er endlich bei „Hardcore Vibes“ bekam und ein Solo flötete, das in die Musikgeschichte eingehen wird. Reihenweise flogen ihm die Herzen aus dem Publikum zu und die Band staunte, wie man ihr die Show stahl, während die Feuilletonisten im Geiste schon über ihren dieses Ereignis angemessen würdigenden Artikeln grübelten. Der aufgeheizten Stimmung musste die Band Tribut zollen, indem sie sich zu einer Reihe Zugaben verdonnern ließ, bevor Sense war. Nur Kai musste noch bis tief in die Nacht ein Autogramm nach dem anderen geben.

Fazit: Keine Probe, Kai bringt uns stattdessen jetzt Flötentöne bei und macht in Pop-Rave, viel länger in der Spelunke herumgehangen und mehr Bier verköstigt als geplant und trotzdem jede Menge Spaß gehabt. „TURBOBOOST – HARTE BAND“ – vielleicht auch bald in deiner Kneipe?

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