Gnnis Reviews

Category: Tonträger (page 1 of 28)

ARRESTED DENIAL – OUR BEST RECORD SO FAR

(www.facebook.com/arresteddenial) / (www.madbutcher.net)

Den guten Valentin kenne ich noch als Brüllaffen der Newschool-Hardcore-Band THIS BELIEF, doch die ist mittlerweile Geschichte. Seine zweite große musikalische Liebe ist der Streetpunk und so gründete er eines Tages zusammen mit Sascha (ex-IN VINO VERITAS) in Hamburg zusammen mit zwei weiteren Leuten die Band ARRESTED DENIAL, die vor zwei oder drei Jahren in Eigenregie das Album „Church on Friday“ veröffentlichte (das kostenlos im Netz herunterladbar ist). Nun konnte man einen Deal mit dem Mad-Butcher-Label an Land ziehen und kredenzt die zweite Platte „Our Best Record So Far“, die schon jetzt überregionale Aufmerksamkeit nach sich zieht – und das zurecht. Zelebriert wird hier feinster US-beeinflusster Streetpunk, der inspiriert scheint von Genregrößen à la RANCID, U.S. BOMBS, SWINGIN’ UTTERS und Konsorten, dabei aber jedes Klischee behände umschifft. Mit einem herrlich rauen, angepissten, jedoch nie stumpf brüllenden Organ trägt Valentin seine in deutscher und englischer Sprache verfassten, sauber ausformulierten und gern mal für diese Musikrichtung relativ langen Texte vor, die sich ebenso kämpferisch wie nachdenklich und selbstkritisch in Bezug auf die eigene Szene geben und u. A. handeln vom eigenen Selbstverständnis, von der emotionalen Verbundenheit mit dem eingeschlagenen Lebensweg, vom Besinnen auf das, was von Bedeutung ist, aber eben auch höchst unschöne Erscheinungen thematisiert wie reaktionäre und populistische Politik (mein großer Hit der Scheibe: „D-Land“, ich zitiere: „Deutschland, du hast dich abgeschafft!“), Resignation und Zerstrittenheit, destruktive Endlos-Diskussionen sowie „Wochenend-Antifas“ und trendige Mittelklasse-Steinewerfer-Vorstadt-Kids, die nach eineinhalb Jahren ihre rebellische Phase bereits wieder aufgegeben, im Zweifelsfall aber viel verbrannte Erde hinterlassen haben. Gerade in den deutschen Texten gelingt es Valentin, manch sperrig anmutenden Vers akzentuiert auf den Punkt zu bringen, ohne gezwungen oder hektisch zu klingen. Abwechslungsreichtum wird großgeschrieben, schnelle Songs wechseln sich ab mit Midtempo-Melodien, neben gereckten Fäusten klingt auch mal ein wenig Melancholie durch, zwei Offbeat-Stücke stehen gleichberechtigt neben Hardcore-Eruptionen wie dem HATECLUB-Cover „Welcome“, das gesanglich auch gleich von HATECLUB-Ozzy unterstützt wird. Weitere prominente Unterstützung holte man sich in Form von SMEGMA-Michi, der bei „Underdog“ mitträllert. Mit „Down to Earth“ hat man sogar so etwas wie eine Ballade an Bord. Die beiden Gitarren von Sascha und Valentin wurden hervorragend aufeinander abgestimmt, ergänzen sich ideal und zelebrieren erhabene Punkrock-Melodien; die teils mehrstimmigen Refrains und Background-Chöre sorgen für zusätzliche Eingängigkeit, ohne zu „sauber“ oder poppig zu wirken. Aufgenommen, produziert, abgemischt und gemastert wurde das alles von Multitalent Valentin persönlich, der sich auch gleich noch um das (gelungene!) Artwork kümmerte, insofern kann man trotz Label noch immer von einer D.I.Y. (oder D.I.V. – „Do it, Valentin!“)-Nummer sprechen. Alles richtig gemacht, kann ich da nur konstatieren: Mit „Our Best Record So Far“ haben ARRESTED DENIAL ein sehr starkes, eigenständiges Album am Start, das frei jeglichen Bullshits ist, in dem dafür aber spürbar umso mehr Herzblut und Liebe zum Detail steckt, das manchen Hit offenbart und das zudem auch noch astrein klingt – musikalisch wie produktionstechnisch! Hamburg did it again und hat einmal mehr eine geile Band mit viel Potential am Start, das diese auch zu nutzen versteht. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht den Weg vieler Hamburger Bands geht und sich auf ihrem vorläufigen und beachteten kreativen Höhepunkt schon wieder auflöst. Erhältlich auf farbigem Vinyl (inkl. Download-Code) und auf CD, wobei man gut daran tat, den unsäglichen Bonus-Track „Walk of Life“ (einer der nervigsten DIRE-STRAITS-Songs) auf die LP zu packen und mir „nur“ die CD auszuhändigen, haha. Diese umfasst 13 Songs in 33 Minuten sowie ein sehr schniekes Booklet, das die meisten Texte in abgedruckter Form enthält. Jüngst gab es übrigens einen Besetzungswechsel – Bassist Thorben verließ die Band, für ihn kam Timo (SMALL TOWN RIOT / HIGHSCHOOL NIGHTMARE). Live durfte ich die Band bereits mehrmals auf mich wirken lassen, da wird dem ernsten Grundton der Scheibe zum Trotz gern einer gesoffen und zünftig Party gemacht – von griesgrämigen Szene-Gralshütern oder spaßfeindlichen Besserpunks also keinerlei Spur! So soll’s sein und ich freu mich schon auf den nächsten Gig. Danke für die geile Platte, Jungs! Nur eines noch: In „Soweit“ heißt es: „Euer Loblied auf die Working Class kann ich nicht ganz verstehen“ – ich weiß zwar nicht, welches „Loblied“ konkret gemeint ist, aber der selbstbewusste Umgang mit der eigenen Klassenzugehörigkeit bedeutet keinesfalls, dass es unglaublich viel Freude bereiten würde, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um über das absolute Existenzminimum hinauszukommen, sondern ist ein sich Bewusstmachen der eigenen Lage in der Gesellschaftsordnung und damit der erste Schritt zu einem solidarischen Miteinander sowie der ausgestreckte Mittelfinger in Richtung Oberschicht, deren gewünschten Konkurrenzkämpfen um „sozialen Aufstieg“ im Klassengefüge man sich aus gutem Grunde verweigert. Aber das nur am Rande. 😉
Günni

KEIN HASS DA – Die Welt erobern / Brauch’ ich nicht / Lass mich in Ruh’ 7“

(www.keinhassda.de) / (www.alligatorfarm.de)

Das geniale BAD-BRAINS-Tributprojekt KEIN HASS DA mit eigenen, deutschen Texten um ex-APPD-Strippenzieher Karl Nagel habe ich Ende letzten Jahres ja bereits gebührend abgefeiert. Freundlicherweise hat man mir jetzt noch die Vinyl-Single nachgeschickt (vielen Dank!), die der Buch+CD-Ausgabe beiliegt, wenn man sie direkt bei der Band bestellt und zwei Songs enthält, die leider nicht mehr auf die randvolle CD gepasst hatten. Klasse, dass sowas dann nicht einfach fallengelassen, sondern auf eine schicke 7“ im stabilen Pappcover gepresst wird. Das steigert den ohnehin schon hohen enormen äußeren wie inhaltlichen Wert des Gesamtpakets noch einmal zusätzlich. Ein drittes Stück gibt es auch noch, eine alternative Kurzversion des Hits „Lass mich in Ruh’“, für die auf den „Gene Machine“-Teil des Originals verzichtet wurde. „Die Welt erobern“ ist im Original „Big Takeover“ und „Brauch’ ich nicht“ war zu BAD-BRAINS-Zeiten „Don’t Need It“. Alle drei Songs fräsen sich wieder durch Nagels manischen Gesang und den breiten Gitarrensound ins Hirn und sind einfach geile, flotte Hardcore-Stücke. Auf der Record-Release-Party in Hamburg war ich übrigens auch zugegen und konnte mich erstmals seit einem der ersten Gigs erneut von den Live-Qualitäten der Band überzeugen. Karl zappelte und stolzierte umher, wirkte agiler, als mancher von uns es jemals war, mischte sich unters Publikum und hatte die ganze Zeit etwas Wahnsinniges in der Mimik. Obwohl die BAD BRAINS ja bekanntlich vor mittlerweile recht langer Zeit unterwegs waren, wirkt ein Projekt wie KEIN HASS DA heutzutage erfrischend anders und geradezu neuartig. Die Musiker sind erste Sahne und haben den Sound voll drauf, viel besser können die BAD BRAINS, die ich nie sah, auch nicht geklungen haben. Wer sich das entgehen lässt, ist doof. 1. Günni

DIE BOCKWURSCHTBUDE – UNBESCHREIBBAR / IMMER WIEDER SONNTAGS 7“

(www.bockwurschtbude.de)

In der Oder-Frankfurter BOCKWURSCHTBUDE hatte man offensichtlich sowohl Lust auf Coverversionen als auch auf die Veröffentlichung der ersten 7“ in der Bandgeschichte, so dass letztlich „Unbeschreibbar“, im Original ein kleiner, feiner DRITTE-WAHL-Song, und „Immer wieder Sonntags“, im Original ein Stimmungsschlager von CINDY & BERT, auf rundes, siebenzölliges Bildvinyl gepresst wurden. Über Sinn und Unsinn lässt sich streiten, den Songs aber hört man den Spaß, den die Musikanten beim Einspielen hatten, an und ein nettes Sammlerstück ist’s nicht zuletzt aufgrund der Limitierung auf 150 Exemplare sowieso. Ein kurzweiliges Vergnügen. 2-3. Günni

DIE GEFAHR – HIER KOMMT HAMBURG CD

(www.diegefahr.com)

Oh je, eine Fußball-CD, und dann auch noch über den HSV. 14 Songs und eine knappe Dreiviertelstunde lang besingt DIE GEFAHR ihren Lieblingsclub und ihre Heimatstadt, ohne dass auch nur einmal kritische Töne, außer natürlich gegen andere, laut würden. Das war vermutlich auch nicht Sinn dieses Konzeptalbums, hier gibt es einfach nur ein Thema und das wird wenig variiert. Absoluter Tiefpunkt ist der stumpfe Anti-Werder-Bremen-Song und ebenfalls aus der alleruntersten Schublade stammt „Täglich beten“, ein Song, in dem der FC St. Pauli auf Steine werfende, zündelnde, am Fußball desinteressierte Möchtegern-Revoluzzer reduziert wird. Wow, da ist ja selbst „Bild“ differenzierter! Das wäre so ähnlich, als würde man den HSV auf dümmliche Asis und Halbfaschos reduzieren, die besoffen und pöbelnd durch die Straßen laufen und mit allem, was optisch nicht in ihr spießbürgerliches Weltbild passt, Streit suchen. Wer sich einmal eine Hamburg’sche Hochhaussiedlung angeschaut wird, wird wohl auch kaum unterschreiben, dass es im Süden so trist wäre, wie in „Arroganz Arena“ beschrieben. Ein Anti-FC-Bayern-Song: ok; aber daraus gleich ein fragwürdiges Lied gegen eine ganze Region zu machen, ist einmal mehr diese typische Hamburger Arroganz (und das sag ich als Quasi-Hamburger). Unreflektiertes, eingebildetes Hamburg-Abgefeiere geht mir ohnehin schon länger auf den Sack. Musikalisch ist das alles gar nicht so verkehrt, hymnischer Mid-Tempo-Punkrock, der oftmals so in die grobe Richtung TOTE HOSEN o.ä. tendiert, kompetent gespielt und mit einem gewissen Gespür für Melodie. Apropos DIE TOTEN HOSEN: Eigentlich wollte man deren „Hier kommt Alex“ für diese Scheibe auf „Hier kommt Hamburg“ umtexten, in einem ihrer wenigen lichten Momente untersagten die HOSEN dieses Vorhaben jedoch. So kam es, dass eine bemüht originalgetreue „Hier kommt Alex“-Version mit Originaltext auf der CD landete, während im Booklet der ursprünglich geplante Text abgedruckt wurde. Zur gelungenen musikalischen Untermalung stellt der klare, hin und wieder angeraute Gesang leider den Kontrastpunkt dar, denn der klingt häufig leierig und schief. Im Booklet wurden einige der Texte abgedruckt, paar Grußworte und Fotos finden sich dort ebenfalls. Ich als jemand, der mit dem HSV nicht allzu viel anfangen kann, habe mich wirklich um eine halbwegs objektive Betrachtungsweise bemüht, aber das hier ist trotzdem einfach eine Scheißplatte. Günni

THE STATTMATRATZEN – EGOSHOOTER LP/CD

(www.statt-matratzen.de) / (www.aggressivepunkproduktionen.de)

Der Name dieser ausschließlich aus Mädels bestehenden Berliner Punkrockband geistert nun auch schon etwas länger durch die Szene, gemäß meiner Recherchen gab es 2008 wohl schon eine EP und dies hier müsste nun das Debüt-Album sein. Ziemlich schnörkellos und geradeaus, dabei aber spielerisch versiert, vor allem aber erfrischend frech, selbstbewusst und spürbar mit Herz bei der Sache. Die Sängerin trägt die wohltuend klischeearmen, guten deutschen Texte rotzig und klar verständlich vor und wird begleitet von rockigem, treibendem Pogo-Sound, der mir immer dann am besten gefällt, wenn er über feine Melodien verfügt, die den Songs einen recht hohen Wiedererkennungswert und Ohrwurmcharakter verleihen. Die Damen wissen, was sie wollen, nehmen es sich und lassen den Zuhörer daran teilhaben. Um mal einen hinkenden Vergleich zu bemühen, würde ich die THE STATTMATRATZEN als das fehlende Bindeglied zwischen den PARASITEN und SUPABOND bezeichnen, aber nur, um euch in etwa einen Anhaltspunkt mitzugeben. Auch die Produktion fiel wohltuend unpompös aus, ohne dabei in Lo-fi-Gefilde abzugleiten. Sprich: klasse Sound, klasse Attitüde, sympathischer Gesamteindruck – eine kleine Perle im Wust der Veröffentlichungen. Ich gratuliere! Zur Aufmachung kann ich noch nichts sagen, da mir nur eine Vorab-Version vorliegt; die Platte soll erst Ende Januar 2011 in den Handel kommen. Die LP-Version wird einen Bonus-Song enthalten, sehr löblich und praktiziertes „Save the vinyl“. 15 bzw. 16 Songs in knackigen 39 Minuten (bzw. eben paar mehr). 2. Günni

AUF BEWÄHRUNG – STURMWARNUNG CD

(www.aufbewaehrung.de) / (www.myspace.com/herdenpanik)

Vom meckpommerischen Teil der Ostsee kommen die „Baltic Rock and Roll“ spielenden AUF BEWÄHRUNG, die mit „Sturmwarnung“ ein interessantes Debüt auf einem kleinen (bandeigenen?) D.I.Y.-Label namens „Riotkids Records“ veröffentlicht haben. Der Gesang bedient sich der deutschen Sprache und die Musik fiel recht abwechslungsreich aus. Man fischt mal mehr im „Deutschpunk“- und mal mehr im Oi!-Punk-Bereich – und zwar gar nicht mal schlecht. Die Songs sind melodisch und teilweise mit schön druckvollen Chören versehen; man beherrscht seine Instrumente und versteht es, die zwei Gitarren gut einzusetzen. Lediglich der Gesang gefällt mir nicht so gut, der dürfte gern etwas dreckiger und rauer klingen. Textlich gibt man sich kritisch und kämpferisch, hört sich alles ganz vernünftig an. Der Hit des Albums ist aber „Kennst du das Lied schon?“ über Aiman Abdallah, den Moderator des Pseudo-Wissenschaftsmagazins „Galileo“ – da musste ich echt lachen, klasse Humor! Der Eröffnungssong wurde übrigens mit einem stimmigen Klavierintro versehen, andere Songs wie „Bist du? Du bist!“ sind mit ca. einer Minute Spielzeit sehr kompakt geraten. Aber was singen die da eigentlich über Mozart? „Er kämpfte gegen die Obrigkeit / ein Rebell in einer fremden Zeit“?! Hab ich irgendwas verpasst? Zuviel Falco gehört oder so? Wie dem auch sei, die Band darf von mir aus gerne weitermachen. Die CD ist übrigens auf gerade einmal 100 Exemplare limitiert und vermutlich aus Kostengründen wurde an der Aufmachung gespart: eine sehr billige Digipak-Variante, kein Booklet o.ä. Elf Songs in 32 Minuten. 2-3. Günni

DÖRMPS – Demo-CD

(www.doermps.de)

Die 2009 in der Dortmunder HirschQ gegründeten DÖRMPS habe eine vier Songs umfassende Demo-CD zusammengeklöppelt, die hörenswerten, melodischen, kraftvollen Oi!-Punk mit deutschen Texten enthält. Es geht um Fußball, Tattoos usw., und besonders hervor sticht „Bunte Arme“, eine astreine Liebeserklärung an die Hautbilder. Ein Hit! Der Gesang ist kehlig, „woho“-Chöre und so sind ebenso dabei wie fähige Musiker. Gefällt mir und sollte man im Auge behalten. Zwölf Minuten Spielzeit. 2-3. Günni

DISTILLERY’S CHILD – ACTION, HORROR & EROTIK CD

(www.myspace.com/erotik) / (www.rebellion-records.com)

Das nenne ich mal ‘ne Partyplatte, was die Herren mit ihrem Debüt hier fabriziert haben. Perfekt produziert und mit klar verständlichem, kräftigem deutschem Gesang wird in den Bereichen Punk, Oi!, Ska und Schlager gewildert, um eine feuchtfröhliche Melange zu kredenzen, die sich hauptsächlich dem Ursprung und der Lösung sämtlicher Lebensprobleme widmet, dem Alkohol. Doch auch dicke Skinheads („Der dicke Skinhead“), die fragwürdigen Fahrkünste Rechtsradikaler („Fahrschule Ian Stuart“) und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte Handwerksberufe („Robbenklopper“) sind Bestandteil des Stimmungspotpourries der Destillationskinder. Ein Song wie „Durst“ hätte dabei gut und gerne auch vor 30 bis 40 Jahren von Mike Krüger oder irgendeinem Schlagertypen geschrieben worden sein. Die Platte macht mehr Spaß als so mancher müder LOKALMATADORE-Rip-Off und dürfte so die eine oder andere Party in Schwung bringen – insofern Empfehlung für all diejenigen, die noch Platz im Regal für so etwas haben. Im Booklet gibt’s paar Fotos zu sehen und einige Texte mitzulesen. Elf Song in 33 Minuten. Ohne Wertung. Günni

KEIN HASS DA – HIRNTRAFO Buch + CD

(www.keinhassda.de) / (www.alligatorfarm.de)

kein hass da - hirntrafoDie BAD BRAINS waren eine außergewöhnliche US-amerikanische Hardcore-Band: Schwarze Rasta-Musiker, die ihre spirituellen Überzeugungen mit beißendem, rasantem HC-Punk vermengten, positive Energie ausstrahlten und ihr Programm mit vielen Reggae-Stücken auflockerten. Jene Band hat zahlreiche Musiker nachhaltig beeinflusst, noch immer gelten sie als ein Musterbeispiel für eigenständigen, originellen Hardcore. Gefallen lassen mussten sie sich allerdings die Vorwürfe, homophob und religiös verwirrt zu sein. Ebenfalls inspirieren lassen hat sich Chefzyniker, Exhibitionist, Ex-Kanzlerkandidat, Idiotenklavierspieler, Gedankenverpester und Comic-Verleger Karl Nagel (ex-MILITANT MOTHERS), der mit KEIN HASS DA das wahnsinnige Experiment wagte, BAD-BRAINS-Songs mit deutschen Texten zu versehen und auf eigene Weise zu interpretieren, ohne dabei das Konzept des Originals zu verraten oder bis zur Niveaulosigkeit zu abstrahieren. Dass dieser Versuch als gelungen bezeichnet werden kann, davon konnte ich mich vor zwei Jahren bei einem der ersten Auftritte der Band in Hamburg überzeugen. Nagel hat die Songs nicht nur gehört, sondern studiert und in sich aufgesaugt und scheint, auf der Bühne mit dem Mikro in der Hand stehend, eins geworden zu sein mit der Energie, die die Band transportierte. Mit einem mauen Abklatsch hat das nicht das Geringste zu tun und mit gemütlichem Altherren-Rock schon mal gar nicht. Nagel will’s mit seinen mittlerweile auch schon 50 Lenze noch einmal wissen und legt nun mit dem fertigen, sage und schreibe 29 Songs in 78 Minuten umfassenden Tonträger Zeugnis darüber ab, dass mich mein positiver Eindruck vom Konzert seinerzeit nicht getäuscht hat, ganz im Gegenteil: Den Musikern seiner Band gelingt es vorzüglich, das Songmaterial – egal ob HC-Punk oder Reggae – in die Gegenwart zu portieren, die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben und Nagel singt in einer Qualität mit einem Stimm-, Stimmungs- und Stilumfang, als hätte er nie etwas anderes gemacht. KEIN HASS DA haben das Erbe der BRAINS nicht besudelt oder ausgebeutet, sondern veredelt und mit einer starken eigenen Note versehen, so dass sie nie in eine arschkriecherische Huldigungs-Haltung zu verfallen drohen. Nagels Interpretationen könnten Jüngeren sogar dabei helfen, den Geist des Originals überhaupt erstmals zu begreifen und damit Lust auf die alten Scheiben aus den 1980ern zu machen. Die Texte sind frei von stumpfen Parolen und regen in ihrer Poesie, klischeefreien Spiritualität und ihrem Metapherreichtum zum Nachdenken an – z.B. über Unabhängigkeit, Konsumverhalten, Hass und Gewalt, Selbstreflexion und –bewusstsein, Verweigerung usw . Nicht alle muss man dabei unterschreiben, aber als Inspirationsquelle taugen sie hervorragend. Aus „Sailin’ On“ wird dabei „Setz’ die Segel“, aus „Sacred Love“ der „Traumvulkan“, aus „I against I“ wird „Einfach dagegen“, aus „Attitude“ der „Billigflug“ etc. Religiösen Unfug umschiffte man dabei geschickt, selbst ein „Rückkehr nach Eden“ („Return To Heaven“) ist so allgemein gehalten, dass auch Atheisten und Agnostiker nichts zu befürchten brauchen. Trotz der beachtlichen Spielzeit läuft die Scheibe hier rauf und runter und wirkt dank ihres Abwechslungsreichtums kurzweilig und trotz des Tiefgangs und Anspruchs weder aufdringlich noch nervig. Man bekommt nie den Eindruck, dass das hier zu dick aufgetragen oder zuviel des Guten wäre. Ich kenne mich nun nicht so perfekt mit dem BAD-BRAINS-Katalog aus, vermutlich sind aber von jeder Veröffentlichung Songs enthalten mit Schwerpunkt auf dem ganz alten Stoff. Vier Songs wiederum stammen komplett aus der KEIN-HASS-DA-Feder, bedienen sich aber des typischen BAD-BRAIN-Stils und fügen sich perfekt in die Veröffentlichung ein. Soweit, so genial, doch KEIN HASS DA setzen noch einen drauf: Die CD ist alternativ zusammen mit einem großformatigen, gebundenen Hartcoverbuch erhältlich, das in einem Comic die (fiktive) Bandgeschichte erzählt und die Songtexte in zahlreichen Illustration von verschiedensten Künstlern abbildet, die damit ihre eigenen Deutungen der Stücke in kleinen Kunstwerken zum Ausdruck bringen. Die Comiczeichnungen stammen übrigens von Vincent Burmeister, der auch schon mit dem Skandal-Comic „Die! Oder wir“ für Aufregung sorgte, die Story ist von Karl Nagel persönlich. Unfassbar, mit wie viel Herzblut und Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde, ich bin völlig begeistert! Das Buch ist für diejenigen, die nach Kauf der Einzel-CD angefixt wurden, auch ohne CD erhältlich. Wer das Buch direkt bei der Band bestellt, bekommt zusätzlich noch eine Vinyl-Single dazu, die drei weitere Songs enthält, die nicht mehr auf die CD gepasst haben. Diese liegt mir leider nicht vor, würde aber sehr gern von mir separat besprochen werden, wenn man sie mir denn nachschickte. Meines Erachtens ist dieses großartige Gesamtkunstwerk die momentane Referenz für den achtungsvollen, nicht rückwärtsgewandten, sondern zukunftsorientierten Umgang mit dem musikalischen Erbe „unserer Szene“ in Tribut-Form und eine, wenn nicht sogar DIE Veröffentlichung des Jahres! 1. Günni

FATAL – GRAU IN GRAU CD

(www.myspace.com/fataloipunk) / (www.rebellion-records.com)

Auch in Bielefeld spielt man Oi!-Punk, wie ich durch das Debüt-Album der schon seit 1998 bestehenden Band FATAL erfahren habe. Das poltert musikalisch auch gleich ganz gut nach vorne los und der Sänger presst teilweise recht lange, sperrige Texte in Landessprache mittels seines derben Organs in die Songs. Diese bewegen sich irgendwo zwischen ruppigem, schnellem Oi!-Punk und Hardcore, was natürlich bei einigen Songs zu Lasten des typischen Singalong-Oi!-Charakters geht. Generell ist das hier ziemlich aggressiver Stoff, ungeschliffen und ungehobelt und mit manchmal verdammt röcheligen Chören (z.B. bei „Grau in Grau“), meine Herren… ab und an lockern ein Akustik-Intro, der Einsatz einer Mundharmonika (bei „Oi! Punk“) oder das Zurückgreifen auf den punktypischen Asi-Ska-Offbeat das Geschehen auf. Textlich deckt man mit Songs über Ficken, Saufen, Freundschaft, Way-Of-Life, Anti-PC und Fuck-You-Attitüde die übliche (wer hat da „ausgelutschte“ gerufen?!) Themenpalette ab, macht aber auch keinen Hehl aus seiner antifaschistischen Überzeugung. Wenig geschmackssicher finde ich neben Zeilen wie „Die Männer stellen sich vor ihm auf / und lachen laut er bricht worauf / sie ihn brutal zu Boden strecken / jetzt soll er sein Erbrochenes lecken“ aus dem Eröffnungsstück „Er“ über ein Nazi-Opfer diese verdammten hochnotpeinlichen Ficksongs, die Zweifel am Alter der Bandmitglieder aufkommen lassen. Ich persönlich hätte die Songauswahl etwas gekürzt, das eine oder andere rausgeschmissen und damit für ein durchgehend wütendes, homogenes Album gesorgt. In dieser Form würde ich die Platte als Durchschnitt mit zuviel austauschbaren Inhalten bezeichnen. Trotzdem ist sie mir lieber ist als vieles, was sich momentan in der Oi!-Szene so tummelt (und leider vielleicht bis auf die antifaschistische Komponente die gleichen Themen für sich beansprucht). Die Texte kann man im passend zum Albumtitel in Grautönen gestalteten Booklet in etwas augenfeindlich-kleiner Schrift nachlesen. 16 Songs in 46 Minuten. 3-. Günni

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