Gnnis Reviews

Category: Tonträger K (page 1 of 2)

KEIN HASS DA – Die Welt erobern / Brauch’ ich nicht / Lass mich in Ruh’ 7“

(www.keinhassda.de) / (www.alligatorfarm.de)

Das geniale BAD-BRAINS-Tributprojekt KEIN HASS DA mit eigenen, deutschen Texten um ex-APPD-Strippenzieher Karl Nagel habe ich Ende letzten Jahres ja bereits gebührend abgefeiert. Freundlicherweise hat man mir jetzt noch die Vinyl-Single nachgeschickt (vielen Dank!), die der Buch+CD-Ausgabe beiliegt, wenn man sie direkt bei der Band bestellt und zwei Songs enthält, die leider nicht mehr auf die randvolle CD gepasst hatten. Klasse, dass sowas dann nicht einfach fallengelassen, sondern auf eine schicke 7“ im stabilen Pappcover gepresst wird. Das steigert den ohnehin schon hohen enormen äußeren wie inhaltlichen Wert des Gesamtpakets noch einmal zusätzlich. Ein drittes Stück gibt es auch noch, eine alternative Kurzversion des Hits „Lass mich in Ruh’“, für die auf den „Gene Machine“-Teil des Originals verzichtet wurde. „Die Welt erobern“ ist im Original „Big Takeover“ und „Brauch’ ich nicht“ war zu BAD-BRAINS-Zeiten „Don’t Need It“. Alle drei Songs fräsen sich wieder durch Nagels manischen Gesang und den breiten Gitarrensound ins Hirn und sind einfach geile, flotte Hardcore-Stücke. Auf der Record-Release-Party in Hamburg war ich übrigens auch zugegen und konnte mich erstmals seit einem der ersten Gigs erneut von den Live-Qualitäten der Band überzeugen. Karl zappelte und stolzierte umher, wirkte agiler, als mancher von uns es jemals war, mischte sich unters Publikum und hatte die ganze Zeit etwas Wahnsinniges in der Mimik. Obwohl die BAD BRAINS ja bekanntlich vor mittlerweile recht langer Zeit unterwegs waren, wirkt ein Projekt wie KEIN HASS DA heutzutage erfrischend anders und geradezu neuartig. Die Musiker sind erste Sahne und haben den Sound voll drauf, viel besser können die BAD BRAINS, die ich nie sah, auch nicht geklungen haben. Wer sich das entgehen lässt, ist doof. 1. Günni

KEIN HASS DA – HIRNTRAFO Buch + CD

(www.keinhassda.de) / (www.alligatorfarm.de)

kein hass da - hirntrafoDie BAD BRAINS waren eine außergewöhnliche US-amerikanische Hardcore-Band: Schwarze Rasta-Musiker, die ihre spirituellen Überzeugungen mit beißendem, rasantem HC-Punk vermengten, positive Energie ausstrahlten und ihr Programm mit vielen Reggae-Stücken auflockerten. Jene Band hat zahlreiche Musiker nachhaltig beeinflusst, noch immer gelten sie als ein Musterbeispiel für eigenständigen, originellen Hardcore. Gefallen lassen mussten sie sich allerdings die Vorwürfe, homophob und religiös verwirrt zu sein. Ebenfalls inspirieren lassen hat sich Chefzyniker, Exhibitionist, Ex-Kanzlerkandidat, Idiotenklavierspieler, Gedankenverpester und Comic-Verleger Karl Nagel (ex-MILITANT MOTHERS), der mit KEIN HASS DA das wahnsinnige Experiment wagte, BAD-BRAINS-Songs mit deutschen Texten zu versehen und auf eigene Weise zu interpretieren, ohne dabei das Konzept des Originals zu verraten oder bis zur Niveaulosigkeit zu abstrahieren. Dass dieser Versuch als gelungen bezeichnet werden kann, davon konnte ich mich vor zwei Jahren bei einem der ersten Auftritte der Band in Hamburg überzeugen. Nagel hat die Songs nicht nur gehört, sondern studiert und in sich aufgesaugt und scheint, auf der Bühne mit dem Mikro in der Hand stehend, eins geworden zu sein mit der Energie, die die Band transportierte. Mit einem mauen Abklatsch hat das nicht das Geringste zu tun und mit gemütlichem Altherren-Rock schon mal gar nicht. Nagel will’s mit seinen mittlerweile auch schon 50 Lenze noch einmal wissen und legt nun mit dem fertigen, sage und schreibe 29 Songs in 78 Minuten umfassenden Tonträger Zeugnis darüber ab, dass mich mein positiver Eindruck vom Konzert seinerzeit nicht getäuscht hat, ganz im Gegenteil: Den Musikern seiner Band gelingt es vorzüglich, das Songmaterial – egal ob HC-Punk oder Reggae – in die Gegenwart zu portieren, die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben und Nagel singt in einer Qualität mit einem Stimm-, Stimmungs- und Stilumfang, als hätte er nie etwas anderes gemacht. KEIN HASS DA haben das Erbe der BRAINS nicht besudelt oder ausgebeutet, sondern veredelt und mit einer starken eigenen Note versehen, so dass sie nie in eine arschkriecherische Huldigungs-Haltung zu verfallen drohen. Nagels Interpretationen könnten Jüngeren sogar dabei helfen, den Geist des Originals überhaupt erstmals zu begreifen und damit Lust auf die alten Scheiben aus den 1980ern zu machen. Die Texte sind frei von stumpfen Parolen und regen in ihrer Poesie, klischeefreien Spiritualität und ihrem Metapherreichtum zum Nachdenken an – z.B. über Unabhängigkeit, Konsumverhalten, Hass und Gewalt, Selbstreflexion und –bewusstsein, Verweigerung usw . Nicht alle muss man dabei unterschreiben, aber als Inspirationsquelle taugen sie hervorragend. Aus „Sailin’ On“ wird dabei „Setz’ die Segel“, aus „Sacred Love“ der „Traumvulkan“, aus „I against I“ wird „Einfach dagegen“, aus „Attitude“ der „Billigflug“ etc. Religiösen Unfug umschiffte man dabei geschickt, selbst ein „Rückkehr nach Eden“ („Return To Heaven“) ist so allgemein gehalten, dass auch Atheisten und Agnostiker nichts zu befürchten brauchen. Trotz der beachtlichen Spielzeit läuft die Scheibe hier rauf und runter und wirkt dank ihres Abwechslungsreichtums kurzweilig und trotz des Tiefgangs und Anspruchs weder aufdringlich noch nervig. Man bekommt nie den Eindruck, dass das hier zu dick aufgetragen oder zuviel des Guten wäre. Ich kenne mich nun nicht so perfekt mit dem BAD-BRAINS-Katalog aus, vermutlich sind aber von jeder Veröffentlichung Songs enthalten mit Schwerpunkt auf dem ganz alten Stoff. Vier Songs wiederum stammen komplett aus der KEIN-HASS-DA-Feder, bedienen sich aber des typischen BAD-BRAIN-Stils und fügen sich perfekt in die Veröffentlichung ein. Soweit, so genial, doch KEIN HASS DA setzen noch einen drauf: Die CD ist alternativ zusammen mit einem großformatigen, gebundenen Hartcoverbuch erhältlich, das in einem Comic die (fiktive) Bandgeschichte erzählt und die Songtexte in zahlreichen Illustration von verschiedensten Künstlern abbildet, die damit ihre eigenen Deutungen der Stücke in kleinen Kunstwerken zum Ausdruck bringen. Die Comiczeichnungen stammen übrigens von Vincent Burmeister, der auch schon mit dem Skandal-Comic „Die! Oder wir“ für Aufregung sorgte, die Story ist von Karl Nagel persönlich. Unfassbar, mit wie viel Herzblut und Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde, ich bin völlig begeistert! Das Buch ist für diejenigen, die nach Kauf der Einzel-CD angefixt wurden, auch ohne CD erhältlich. Wer das Buch direkt bei der Band bestellt, bekommt zusätzlich noch eine Vinyl-Single dazu, die drei weitere Songs enthält, die nicht mehr auf die CD gepasst haben. Diese liegt mir leider nicht vor, würde aber sehr gern von mir separat besprochen werden, wenn man sie mir denn nachschickte. Meines Erachtens ist dieses großartige Gesamtkunstwerk die momentane Referenz für den achtungsvollen, nicht rückwärtsgewandten, sondern zukunftsorientierten Umgang mit dem musikalischen Erbe „unserer Szene“ in Tribut-Form und eine, wenn nicht sogar DIE Veröffentlichung des Jahres! 1. Günni

KÄRBHOLZ – DU BIST KÖNIG, DU BIST FREI… Mini-CD

(www.bandworm.de) / (www.kaerbholz.de)

Diese Fünf-Song-CD ist das erste, was ich von KÄRBHOLZ zu hören bekomme und bin dabei wenig überrascht, dass sich die Band als einer von mittlerweile so vielen Möchtegern-ONKELZ-Clones entpuppt, die die Genreschubladen „Streetrock“ oder „Deutschrock“ für sich beanspruchen. Wenn sich Bands daran orientieren, wie fies und dreckig die Frankfurter ganz früher geklungen haben oder was sie für einen feinen Oi!-Sound noch viel früher zelebrierten, habe ich ja nichts dagegen. Doch diese Versuche, mit unterprivilegiertem Außenseiterimage, allgemein gehaltenen, pathetischen, Tiefgang vorspiegelnden Kampfestexten und Durchhalteparolen mit Grölgesang die ONKELZ auf dem Höhepunkt ihres Schaffens nachzuahmen, klingen für mich wie überflüssige, schlechte Kopien, die kein Mensch braucht. Wozu auch? Die ONKELZ haben sich zwar aufgelöst, aber die Tonträger und damit die Songs und Texte bleiben doch erhalten und lösen sich nicht plötzlich in Luft auf. „Das Leben ist hart, doch ich bin noch viel härter“, gähn… Die Texte reichen in keiner Weise an das lyrische Geschick eines Stephan Weidners heran, auch dann nicht, wenn Zeilen wie „Ich bin die Schulter, an der lehnst“ fast 1:1 vom großen Vorbild übernommen wurden. Diese CD enthält eine Auskoppelung aus dem kommenden Album, einen exklusiven Song sowie drei Livestücke plus einen Videoclip. Doch siehe da: Der Exklusivtrack „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, der die sexuelle Desorientierung und den daraus resultierenden Kindesmissbrauch von Kirchendienern aufs Korn nimmt, klingt recht eigenständig, ist textlich echt nicht schlecht und gefällt mir ganz gut! Vielleicht sollte man sich mehr auf eigene Stärken besinnen? Doch mit der eingefahrenen Schiene fährt man anscheinend ziemlich erfolgreich… Sollte sich das hingegen nur auf dieser Mini-CD für meine vorurteilsbehafteten Ohren so anhören und auf den zwei, drei Alben der Band ganz anders sein, würde mich das ebenso freuen wie überraschen. Fünf Song in 24 Minuten. 4. Günni

DIE KASSIERER – PHYSIK LP/CD

(www.kassierer.de) / (www.teenage-rebel.de)

Die mächtigen Kassierer aus Bochum haben kraft ihrer verbesserten Gehirne nach langen Jahren ein neues, sozialethisch nicht desorientierendes, künstlerisches Werk vollbracht, das sich diesmal 53 Minuten lang verstärkt naturwissenschaftlicher Themen annimmt. Nach dem physikalischen Intro geht’s gleich mit einer der berüchtigten KASSIERER-Coverversionen los, die mit „Nieder mit die Arbeit“, das eigentlich „Lied der Pennbrüder“ heißt, ein von Harry Steier in den 1920ern gesungenes Anti-Arbeitslied in Punkmontur packen und damit auf die historischen Wurzeln einer uns allen längst in Fleisch und Blut übergegangenen Lebenseinstellung verweisen. Dass Geschlechtsverkehr besser als Arbeit ist, wird in „Ich fick durch die ganze Wohnung“ deutlich, das Einblicke in Wölfis Zehn-Zimmer-Luxusappartement offenbart. Die KASSIERER-eigene Kombination aus Offbeat und Blasmusik bekommt man mit dem Ohrwurm „Ich war ein Spinner“ kredenzt. „Das Lied vom Kot“ kommt im Elektrogewand und handelt von der schlimmsten Substanz im Weltenall („Furchtbar ist nicht das Strontium und auch nicht das Plutonium“ (…) „Das ist der Kot, der Kot, das ist der Kot“), während „Radioaktiv!“ vom Alltag eines über die Radioaktivität sinnierenden Denkers berichtet. Mit „Schönes Universum“ und auch „Erfindungen“ hat man zwei der besten Sauflieder seit langem intoniert („Nobel erfand das Dynamit, Sputnik war ein Satellit, Röntgen entdeckte seinen Strahl, das ist mir aber scheißegal! Ich danke Gott, dass er den Alkohol erfunden hat…“) und mit „Verliebt in Whisky, Bier und Wein“ zudem eine großartige Mitgrölhymne parat, die hoffentlich auch live zum Besten gegebenen werden wird. Apropos Mitgrölhymnen: Derer gibt es im Vergleich zu vorausgegangenen KASSIERER-Alben insgesamt weniger, was den einen oder anderen Vollproll, der außer „Saufen!“ und „Ficken!“ ohnehin nie etwas verstanden hat, verschrecken könnte, mich aber verständlicherweise weniger stört. Eine weitere Coverversion ist das nihilistische „Mir ist alles piepe“, ein Chanson vom Österreicher Peter Igelhoff. Außerdem hat es den „Song von den brennenden Zeitfragen“ von den VIER NACHRICHTERN ebenso erwischt, wie man sich mit „Was für ein Ticker ist der Politiker?“ einmal mehr des Fundus an Georg-Kreisler-Liedern bediente, wobei Wölfis Gesang lediglich von einem Klavier begleitet wird. Gewohnt großartig. Und wenn wir schon dabei sind: Rolf Zuckowskis nervige „Weihnachtsbäckerei“ wurde für eine fiese Punknummer zum Mitschunkeln in „Wirtshauschlägerei“ umgedichtet. Davon, dass die Band während ihres Physikstudiums die Quantentheorie verstanden hat und zurecht von ihr schockiert ist, zeugt das textlich aufs Wesentliche reduzierte „Quantenphysik“. Ein weiterer Höhepunkt ist „No Future, das war gestern“, eine Art R’n’B/Hip-Hop-Stück, begleitet vom unvergleichlichen MAMBO KURT mit seiner Heimorgel! Sehr guter, kritischer Text, ungewöhnliche, aber nicht minder einfallsreiche Umsetzung. „Zitronenhai“, eine ziemlich sinn- und leider auch humorbefreite Abhandlung über die Unterwasserfauna wird vom einzigen deutschen Zitherorchester (!) begleitet, „Der Mann, der rückwärts spricht“ zu einer lieblichen Melodie von einer Frau gesungen, unterbrochen von Rückwärtssprechparts Wölfis und ein Stück wie „Im Sauerland kann man teleportieren“ ist so daneben, dass es schon wieder gut ist. Sicherlich sind einige Ergüsse wie „Drillinstructor-Song“, „Ich niese immer Scharlatan“ oder eben der „Zitronenhai“ verzichtbar, alles in allem hat die „Genitalherpes der deutschen Musikkultur“ (plattentests.de über DIE KASSIERER) aber einmal mehr ein zivilisationskritisches Zeugnis zwischen Dadaismus, Nihilismus und Hedonismus abgelegt und mir erneut bestätigt, dass sie mir von der Ruhrgebiets-Humor-Dreierachse aus KASSIERER, LOKALMATADORE und EISENPIMMEL die liebsten, weil mit ihrer Mischung aus Asitum, Nerd-Humor und Kapitalismus-/Kultur-Kritik unberechenbarsten sind. Das Cover zeigt die Band mit weißen Kitteln und physikalischem Gerät und das Booklet ist mit Fotos und allen Texten sehr durchblätternswert ausgefallen. Eine LP-Version soll es auch geben, inkl. Download-Gutschein. 21 Songs + gesprochene Grüße und Danksagungen, wobei letztere es in sich haben – und ich mich einmal mehr frage: Wie kommt man auf sowas? 2. Günni

KALTFRONT – LIVE ’88 CD

(www.kaltfront-dresden.de)

Neuauflage der ausverkauften KALTFRONT-Live-LP auf CD, die das Cottbusser Konzert vom 09.12.1988 enthält. Die Scheibe wurde mit sechs Bonustracks angereichert, der Sound nochmals nachbearbeitet und ein zwölfseitiges Booklet mit Songtexten und alten Fotos sowie einem Zitat aus einem alten Fanzine erstellt. Das sieht nicht nur gut aus, sondern kann sich auch hören lassen – die Dresdner Punk-Pioniere mit ihren durchdachten, teilweise melancholisch bis düsteren Texten wurden in der Vergangenheit von mir bereits wohlwollend besprochen und der Live-Sound dieser Scheibe ist natürlich nicht mit heutigen Maßstäben vergleichbar, aber für eine alte DDR-Aufnahme echt in Ordnung. Gefällt mir gut und ist wunderbar authentisch und von historischer Bedeutung. Herrlich auch die Coverversionen alter Punkklassiker im Zugabenteil in schönstem Fantasie-Englisch, haha. Wer an der „Zieh dich warm an“-Zusammenstellung Gefallen fand, wird auch mit dieser CD etwas anfangen können. Und wer generell an DDR-Punk interessiert ist, KALTFRONT aber bisher noch nicht kannte, sollte schnellstens mal ein Ohr riskieren. Sinnvolle Vergangenheitsaufarbeitung. 18 Songs in 67 Minuten. Ohne Wertung. Günni

KRANK – BIER, BLUT, BOLZENSCHUSSGERÄT CD

(www.radikalabnormal.com) / (www.snaylerecords.ch)

Schweizer Deutschpunk kann durchaus besser sein als deutscher Deutschpunk. Das beweisen jedenfalls KRANK, die nach einer EP und Debüt-CD, beide mir unbekannt, ihr zweites Album mit der interessanten Alliteration im Titel veröffentlichen. Ganz so krank wie durch die blutverschmierte Coverzeichnung sowie Band- und Albumnamen angedeutet gibt man sich dann zwar nicht, dafür aber durchaus eigenständig mit teils absurden, banalen aber emotionalen, teils aber auch interessanten, kritischen Texten mit sarkastischer bis depressiver Tendenz, zu denen der überdrehte Gesang gut passt. Musikalisch ist das auch nicht verkehrt, „moderner“, wütend-melodischer Punkrock ohne allzu starke Metalkante oder dergleichen, der einige kleine Hits vorzuweisen hat, die im Ohr bleiben – allen voran „Anders als wie du“ und „Lange nicht genug“. Aber auch der Opener „2000 jetzt“ bollert gut los und einen Totalausfall findet man eigentlich nicht. Textlich fallen „Sie will“ („…nur ficken“) und das sinnfreie „Bratwurst“-Lied am stärksten ab, der Rest befindet sich auf einem gewissen Niveau. Ich vermute, dass am meisten der Gesang polarisieren wird und empfehle Fans von NOVOTNY TV bis RAZZIA, der Band eine Chance zu geben. Die Liveshows sollen übrigens unter Zuhilfenahme von reichlich Kunstblut über die Bühne gehen. Eine Schweizer Mischung aus ALICE COOPER und GWAR? Das mit roten Spritzern illustrierte Booklet bietet, leider nicht ganz rechtschreibfehlerfrei, alle Texte der in rund 41 Minuten vorgetragenen, inkl. „verstecktem“ Bonusstück 15 Songs des Albums. 2-3. Günni

KEIN HALT IN FREIMANN 2CD

(www.kein-halt-in-freimann.de)

Ein Punkrock-Hörpiel?! Was es nicht alles gibt, heutzutage… „Kein Halt in Freimann“ spielt im München der Gegenwart und dreht sich um den Protagonisten Fränk, der seine Jugend längst hinter sich hat, sich aber nach wie vor der Subkultur verbunden fühlt und dementsprechend vorhat, ein Konzert der Punkband GUMBABIES aufzusuchen, während der Hörer seine Biografie und seine heutige Einstellung zur Szene kennenlernt. Im Prinzip also genau das Richtige für uns alte Säcke hier, haha. Zwar wirken die Stimmen zunächst noch etwas aufgesetzt und dadurch gewöhnungsbedürftig, aber man ist schnell drin in der Geschichte um Fränk, der einen kritischen Blick zurück auf die Szene wirft und nicht nur positive Erinnerungen mit ihr verknüpft, mittlerweile aber sehr vernunftorientiert unterwegs ist und mit stumpfen „Assel-Punks“ so gar nichts anfangen kann. Das mag besonders Jüngeren oder Hardlinern vielleicht ziemlich spießig und bieder erscheinen, mir aber kommt vieles aus eigenen Erfahrungen heraus sehr bekannt vor, was letztendlich die Identifikation mit Fränk ermöglicht. Dieser befindet sich wie gesagt auf dem Weg zu einem Konzert, auf dem es zu einem Konflikt mit einem böse abgerutschten Ex-Kumpel kommt, der später in öffentlichen Verkehrsmitteln fortgeführt wird. Insbesondere der kritische Blick zurück dürfte so manchem Hörer etwas älteren Semesters aus der Seele sprechen, für junge Chaos-Punks ist „Kein Halt in Freimann“ auch mit seinem, naja, „Showdown“ (?) aber bestimmt zu unspektakulär. Nicht zuletzt die liebevolle Machart mit vielen eingespielten Songs trug aber letztendlich dazu bei, dass mich persönlich das Hörspiel gut unterhalten hat und ich mich über eine Fortsetzung nicht beklagen würde… Schade nur, dass eine ganz besondere Spezies Punk so gar nicht berücksichtigt wurde: Was ist denn mit Leuten wie mir, die nüchtern ähnlich vernunftbetont sind wie Fränk, besoffen aber trotzdem in die U-Bahn-Mülleimer pinkeln? CD 1 enthält das 63-minütige Hörspiel, CD 2 den kompletten Soundtrack mit vielen eher unbekannten Bands wie TAXGAS, GUMBABIES, BRAINBUCKS, POCK etc. und umfasst 13 Songs in 44 Minuten. Im stilvoll aufgemachten Booklet werden alle Interpreten kurz vorgestellt und sind alle Texte abgedruckt. Günni

KOLLEKTIVER BRECHREIZ – HEILIG SCHEINT SCHEINHEILIG CD

(www.nix-gut.de) / (www.kollektiver-brechreiz.de)

Zumindest ursprünglich aus Ostdeutschland kommt diese Band, die angenehm schnörkellosen, rotzigen, flotten deutschsprachigen Punkrock spielt. Weder Dilettantismus noch die Metal-Axt regieren hier wie ja so oft heutzutage. Stattdessen werden unpeinliche, bodenständige Texte von Gossenromantik über Kritik und Verweigerung bis hin zu endzeitmäßigem Abgesang auf kantigen Punkrocksongs kredenzt, die durch die eine oder andere feine Melodie und Chöre aufgelockert werden. Der Sänger singt deutlich und aggressiv und trägt zur Authentizität des Ganzen bei. Das ist über weite Strecken richtig erfrischendes, unbekümmertes Zeug mit dem gewissen Etwas, das so vielen anderen Bands fehlt. Für Abwechslung sorgen das überraschende „Do The Halloween“, der einzige englischsprachige Song, im Horrorpunk-/Punkabilly-Gewand, der Mundharmonika-Einsatz bei „Wolfsblut“ und das Volkslied „Ich lieb’ den Frühling“, bei dem die Kinder der Bandmitglieder singen dürfen. Als Ausfall würde ich lediglich „Inkubus/Sukkubus“ bezeichnen, solche Songs würde ich dann doch lieber den KASSIERERN oder LOKALMATADOREN überlassen. Das reißen Hits wie „Enfant perdu“ oder „Mach’s gut“ aber locker wieder raus. Hervorheben möchte ich außerdem den Text von „Brennendes Herz“, Auszug: „Ich gebe keine Garantien und ich gehe, wie ich kam / erst wenn ich fort bin, merkst du, dass ich etwas mit mir nahm.“ Gefällt! Die meisten Texte sind im Booklet abgedruckt, das außerdem mit reichlich Fotos versehen wurde. 17 Songs + Intro in 49 Minuten. 2-3. Günni

DIE KURT COBAINS – DER TODESFLUCH DES ZIGEUNERKÖNIGS CD

(www.myspace.com/nebula5enterprises)

Die Band mit mittlerweile in CLUB DEJÁ VU geändertem, bescheuertem Bandnamen versucht, in eine ähnliche Kerbe wie Bands wie SUPERNICHTS und Konsorten zu schlagen und hat musikalisch auf hörbar poppigere Vertreter des deutschsprachigen Punkrocks wie z.B. WOHLSTANDSKINDER oder SCHROTTGRENZE geschielt – so würd’ ich den mir vorliegenden Tonträger mal grob umreißen. Das Songmaterial hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und wurde jetzt in D.I.Y.-Manier produziert und auf die Menschheit losgelassen. Das wird dadurch deutlich, dass die Scheibe etwas unterproduziert klingt und ich zunächst dachte, es mit dem Demo einer Schülerband zu tun zu haben. Bei genauerem Hinhören musste ich diesen Eindruck aber revidieren, denn zumindest musikalisch haben die’s mit ihren Fähigkeiten an den Instrumenten und dem Vermögen, einige feine Melodien zu kreieren, durchaus drauf. Im Gegensatz dazu steht allerdings der gewöhnungsbedürftige Gesang, der spätesten immer dann, wenn der Sänger mit seinem pubertären Organ anfängt, in höheren Frequenzen vollkommen schief herumzujaulen, nahezu unerträglich wird. Textlich bewegt man sich zwischen witzig-schräg und bemüht lustig, zwischen genial und erschreckend infantil. Ziemlich durchwachsen also, das Ganze. Glatte 1 hingegen das fette, liebevoll im Schnipsellayout illustrierte Booklet mit, ich glaube, allen Texten. Satte 21 Songs + einen versteckten Bonustrack gibt’s hier in 50 Minuten zu hören und das ist mir bei aller Kurzweiligkeit der knackigen, kompakten Songs dann doch etwas zuviel des Guten. Kommt übrigens inkl. STAHLNETZ-Coverversion „Der Seemann und die Stewardess“, inkl. weiblichem Gesang. Anspieltipp: „Mein kleines Alkoholproblem“. 3-. Günni

KOMMANDO KAP HOORN – DIE ZUKUNFT DER TIEFE CD

(www.impact-records.com) / (www.myspace.com/kommandokaphoorn)

Das KOMMANDO KAP HOORN stammt nicht etwa aus Südamerika, sondern aus Bremen und setzt sich aus Überbleibseln der Band FREE RANGE TIMEBOMB und neuen Leuten zusammen. Die Wahl des Bandnamens dürfte also weniger geographischen Ursprungs als mehr assoziativer Natur sein: Aus den deutschen Texten wird deutlich, dass man sich in dieser Gesellschaft mitunter fühlt wie an der berüchtigten Südspitze Amerikas, an dem „selbst der Teufel erfrieren“ würde, wie Charles Darwin einst konstatierte. Auf treibendem, leicht metallischem HC-Punk liegen von Hoffnungslosigkeit, Desillusion und Wut geprägte Texte, die mit „Der seltsame Baum“ etwas hippiesk starten, sich aber schnell zwischen direkten HC-Knallern und nachdenklicher, metaphorischerer Lyrik einpendeln und für Abwechslungsreichtum und Parolenfreiheit sorgen. Musik, Texte und die knackige Produktion erinnern mich noch am ehesten an DRITTE WAHL, um wenigstens mal grob die Richtung anhand eines Vergleichs vorzugeben. Im Zweifelsfall entscheidet sich die Band eher für Geradlinigkeit und Dynamik denn für filigrane Melodie, trotzdem hat es der eine oder andere Ohrwurm aufs Album geschafft. Als Beispiele seien „Asozial“ und vor allem „Raubtier Mensch“ genannt. Die CHAOS-Z-Coverversion „Alles grau“ fügt sich ebenso wie die kunstvolle, düstere Gestaltung des Booklets perfekt in das Gesamtkonzept dieses Debütalbums ein, das einen rundum positiven Eindruck hinterlässt, mit dem letzten Song „Euer Leben lang“ allerdings zumindest musikalisch einen Stilbruch begeht und sanfte Klavierklänge zu verzerrtem Sprechgesang, bedeutungsschwangere misanthropische Phrasen vortragend, ertönen lässt. Abzüge in der B-Note gibt es lediglich für die Rechtschreibfehler bei den abgedruckten Texten. Eine Vinyl-Version soll übrigens folgen! 13 Songs in 38 Minuten. 2. Günni

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