Günnis Reviews

Monat: Oktober 2022

19.10.2022, Fabrik, Hamburg: KIM WILDE

Mit KIM WILDE verbinde ich allem voran natürlich das fantastische, selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahre 1981 mit seinen unverwüstlichen New-Wave-Hits, gefolgt vom sehr angenehmen Pop-Album „Close“, das gerade chartete, als ich mich so richtig für Musik zu interessieren begann. „You Came“ war auf meinem allerersten selbstzusammengestellten Mix-Tape, „Never Trust A Stranger“ auf einem der nächsten. Das zweite Album „Select“ (1982) schlug mit mehreren Songs noch in eine ähnliche Kerbe wie das Debüt, bevor sich die Britin stärker in Richtung Pop orientierte. Nach „Closer“ verlor ich ihre Karriere aus den Augen, die sie Mitte der 1990ern beendete, um Fernsehgärtnerin zu werden. Rund zehn Jahre später gelang ihr mit u.a. mit Hilfe NENAs ein Comeback.

Als ich noch vor Pandemieausbruch verstärkt Lust bekommen, mir den einen oder anderen Pop-/Rock-Act aus meiner Kindheit mal live zu geben und Karten für PET SHOP BOYS und GIANNA NANNINI erworben hatte, war auch KIM WILDEs Gig in der Großen Freiheit darunter. Vom Kartenkauf bis zum tatsächlichen Konzert musste ich dann ca. zweieinhalb Jahre warten, die Gründe sind bekannt. Es sollte eine Greatest-Hits-Tour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum werden – gut, dann eben zum 42. Das Konzert wurde in die Fabrik verlegt, was mir sehr entgegenkam. Rappelvoll wurd’s, eine Vorband war nicht eingeplant. Bierchen geholt, zu ‘nem halbwegs akzeptablen Platz im unbestuhlten Saal gedrängelt und nur kurz der Dinge geharrt, die da kommen mochten, denn ziemlich pünktlich betraten erst die Band inklusive Background-Sängerin und Tänzerin Scarlett Wilde (Kims Nichte) und schließlich die mittlerweile 62-jährige Kim die Bühne. Da wurd’s relativ eng, denn hinten, wo normalerweise ein Schlagzeug steht, erhielt der Keyboarder seinen Platz; links und rechts von ihm waren zwei Drumsets aufgebaut, was mir etwas übertrieben erschien – zumal ich das rechte erst relativ spät entdeckte, weil es aufgrund der Fabrik-Architektur weitestgehend unterm Gebälk verschwand. Die Saitenfraktion trat als Trio in Erscheinung: ein Bassist und zwei Gitarristen, einer von ihnen Kims Bruder und Produzent bzw. Scarletts Vater Ricky, der den Popzirkus seit Anbeginn zusammen mit seiner Schwester wuppt. Das in rot und schwarz getauchte Bühnenbild fand seine Entsprechung in Bühnenkleidung und Haarfarben, wobei Kims Dress, eine Art Mischung aus Corsage, Rüschen und Fransen, vielleicht etwas schrill geraten war…

„Rage for Love“ entpuppte sich als gutgewählter Einstieg und „Never Trust a Stranger“ folgte direkt als erster Überhit, bevor „Million Miles Away“ bewies, dass es sich offenbar lohnt, auch mal den ‘90er-Alben eine Chance zu geben – geile, schwofige Nummer! Die weitestgehend analoge Instrumentierung ließ manch Song organischer klingen als auf Platte, Kims Stimme war überraschend perfekt in Schuss und ihre Ausstrahlung fröhlich, positiv, schwer sympathisch. Scarlett sorgte neben Mehrstimmigkeit vieler Refrains für viel Bewegung und zusätzlichen Esprit auf der Bühne. Die Stimmung im Publikum war vom ersten Ton an prächtig, nur leider versperrten immer wieder hochgehaltene Smartphones und Phablets den ohnehin nicht immer ganz einfachen Blick zur Bühne. Aus Respekt vorm im Durchschnitt wohl etwas älteren Publikum wollten wir uns aber auch nicht bis in die erste Reihe durchrüpeln, als befänden wir uns auf einem Punkkonzert. Zumindest konnte ich in den Displays erkennen, dass eine Reihe wirklich guter Fotos zustande gekommen sein muss – was ich von meinen im Gedrängel reichlich unmotiviert geschossenen leider nicht behaupten kann. Daher hier ein Netzfundstück:

Nach dem tollen „Can’t Get Enough (Of Your Love)“ war das BEE-GEES-Cover „If I Can’t Have You“ Teil des ersten Konzertdrittels. Das empfand ich als etwas unspektakulär, war aber sicherlich das Beste, was aus so’ner ollen Nummer, deren Original mir bestimmt die Fußnägel hochrollen würde, herauszuholen ist. Es ging direkt über in „The Touch“ und „The Second Time“ vom „Teases & Dares“-Album und mündete in „Pop Muzik“ von M in einer sehr charmanten Interpretation, in der Kim und Scarlett sonnenbebrillt mit dem Publikum flirteten und synchron tänzelten. „Kandy Krush“ und „Birthday“ bedeuteten einen Abstecher zum rockigeren jüngsten Studioalbum „Here Come The Aliens“, „Water on Glass“ löste Megahit-Alarm aus, „Anyplace, Anywhere, Anytime“ markierte das Comeback: Eine englischsprachige NENA-Coverversion, seinerzeit zusammen mit Frau Kerner gesungen. Kurios: In der ersten Strophe versuchte sich Kim am deutschen Originaltext. „Perfect Girl“ und das wirklich gute „Love is Holy“ bewiesen einmal mehr, dass hier eben nicht nur die 1980er abgefeiert werden sollten, sondern es Kim und ihrer Band vollkommen zurecht daran gelegen war, alle Dekaden und Phasen abzudecken.

Das letzte Drittel des regulären Sets reihte dann jedoch tatsächlich mehrere ‘80er-Nummern aneinander, darunter die sensible, leise Ballade „Four Letter Word“ (ich schmolz dahin, meine Freundin verdrehte nur die Augen…), das politisch wache und hochatmosphärische „Cambodia“, dessen Chor hunderte Kehlen mitsangen, das traurige, nachdenkliche „View From a Bridge“ – und nicht zuletzt mit dem punkigen „Chequered Love“ eines meiner Lieblingsstücke. Zwischendurch hatte Kim ihre Band vorgestellt und auf die Verwandtschaftsverhältnisse aufmerksam gemacht, von ihrer musikalischen Sozialisation und ihrem Bezug zur Popmusik berichtet sowie wissen lassen, dass sie die pittoreske Hamburger Parkanlage „Planten un Blomen“ besucht habe. Ähnliches wird sie überall erzählen, aber es wirkte nicht aufgesagt, sondern von Herzen kommend – wie alles, was sie an diesem Abend auf der Bühne tat.

Das THE-SUPREMES-Cover „You Keep Me Hangin‘ On“ wurde geschickt vor den Zugabeblock platziert, der mit dem selbstreferenziellen „Pop Don’t Stop“ das dritte Stück vom Aliens-Album bot und mit Kims vermutlich größten Hits „You Came“ und „Kids in America“ einen endcoolen Konzertabend beschloss. Für „Kids…“ setzte sich Kim eine glitzernde Fantasie-Uniformmütze auf, was ihr Outfit gewissermaßen abrundete. Die Songauswahl war gut gelungen, die Dramaturgie stimmte, lediglich „Words Fall Down“ habe ich schmerzlich vermisst. Nach 23 Songs und ca. 100 Minuten schienen alle auf ihre Kosten gekommen zu sein, vom Punk mit ‘80er-Pop-Affinität über die feierlaunigen Twens, das ältere Disco-Pärchen und den Mainstream-Event-Hopper bis hin zum Rocker mit Metal-Shirt.

Auf dem Klo traf ich sogar noch – wie schon bei den PET SHOP BOYS – Captain Blitz, der anschließend am Kiosk ‘ne Runde Pils schmiss. Danke, Captain, danke, Kim, danke, Fabrik. Nun bitte mal CYNDI LAUPER nach Hamburg holen! Ich höre mich – Streaming macht’s möglich – so lange durch die mir bisher weniger geläufigen Untiefen der Wilde’schen Diskographie auf der Suche nach Hits, Hits, Hits…

Officine Grafiche Arnoldo Mondadori – Schindel-Schwinger: Kampf um Flohheim – Band 5: Schwindel-Schwinger sprengt die Spielbank

„Schindel-Schwinger: Kampf um Flohheim“ war eine von 1975 bis 1977 im Illu-Press-Verlag in Form rund 50-seitiger großformatiger Softcover-Alben erschienene Comicreihe aus der Feder Peter Schulz‘ und Michael Rybas. Die auf drei Seiten umrissene Rahmenhandlung dieser vollfarbigen Anarcho-Funnys bilden die verzweifelten Versuche Gottes, seine „Proben“, Prototypen von Geschöpfen, die es eigentlich nicht bis zur Schöpfung geschafft haben, wieder einzufangen, nachdem er diesen irren Kreuzungen aus Merkmalen verschiedenster Tiere mit den Attitüden unterschiedlichster Menschen versehentlich Leben eingehaucht und sie entkommen lassen hat. Am Tullamore-Fluss haben sie die Stadt Flohheim gegründet, wo sie aber nicht in Frieden leben können, weil Gott sowohl Petrus als Luzifer auf sie gehetzt hat. Wer sie einfängt und ihm wiederbringt, soll später einmal die Erde beherrschen dürfen.  Doch die Bewohnerinnen und Bewohner Flohheims wissen sich zu wehren.

Der namengebende Schwindel-Schwinger ist eine dieser „Proben“, ein Wesen mit Echsenkörper, Riesenfüßen, Pferdekopf, blonder Mähne und Boxhandschuhen sowie einem großen Ego. Auch andere Flohheimer werden auf einer Doppelseite zum Einstieg vorgestellt. In diesem fünften Band aus dem Jahre 1977, den ich kürzlich auf einem Flohmarkt fand, lässt Petrus Schindel-Schwinger entführen. Im Casino Santa Moneta sollen die anderen Proben um seine Freiheit spielen. Natürlich hat er entsprechende Vorkehrungen getroffen, damit dies nicht erfolgreich für die Proben ausgehen kann. Doch Luzifer will auch mitspielen, Schindel-Schwinger gelingt die Flucht und letztlich werden Petrus‘ und Luzifers Banden kräftig ausgenommen.

Ein Mikrokosmos absonderlicher Figuren mit individuellen Charaktereigenschaften, die sich mit List und Tücke fremder Invasoren erwehren müssen – das erinnert sicherlich nicht von ungefähr an Asterix und die anderen Gallier. Alleinstellungsmerkmal ist hier jedoch der freche, provokante antiklerikale Witz. Einige Seiten wurden mit amüsanten Fußnoten angereichert, auch das erinnert ein wenig an Asterix & Co. Auf Seite 13 finden sich Anspielungen auf die kubanische Revolution und in den Dialogen einige Wortwitze. Der ständig betrunkene Bürgermeister Bimmel-Beule geht als Verballhornung von Politikern durch, während die gesamte Reihe eine Parabel auf ein Leben ohne religiöse Zwänge zu sein scheint.

Und trotzdem wollte der Funke nicht 100%ig auf mich überspringen. Der unglaubliche Grund: Dieser fünfte Band ist eine dreiste Fälschung! Nachdem sich der Verlag offenbar nicht mit den Autoren Schulz und Ryba auf eine kindgerechtere Ausrichtung einigen hatte können, ließ er diesen Band mit ihnen unabgesprochen von einem italienischen Studio zeichnen und veröffentlichte das Resultat unautorisiert. Damit war das Band zwischen den Autoren und dem Verlag natürlich zerschnitten, der auf der Rückseite noch angekündigte sechste Band erschien nicht mehr und die Reihe wurde eingestellt. Zwar kenne ich die vorausgegangenen Bände nicht, doch anhand von Bildern im Netz lässt sich tatsächlich ein Unterschied in der zeichnerischen Qualität ausmachen. Im (natürlich höherwertigen) Original erinnert mich der Zeichenstil ein wenig an die Trickserie „Die Bluffers“.

Ich wollte einen launigen Comic mit Kellergeruch vom Flohmarkt – und erhielt eine unfassbare Kapriole deutscher Verlagsgeschichte…

Wolfgang Sperzel – Rast(h)aus

Nachdem Wahlhamburger und Comiczeichner Wolfgang Sperzel 1989 im Semmel-Verlach mit seinem Album „Kabelbrand im Herzschrittmacher“ debütiert hatte, folgte zwei Jahre später ebendort der Nachfolger „Rast(h)aus“. Das großformatige Softcover-Album umfasst rund 50 vollfarbige, handgeletterte Seiten mit dynamischen Panel-Grids, die vor allem eines sind: ein im Funny-Stil gezeichneter Amoklauf gegen die Hamburger Verkehrssituation.

Held des Comics ist Spoil, der mit Erfinder Tiewie und einer gelben Rüsselzwergsau in einer Wohngemeinschaft in der Schanzenstraße direkt an der Hamburger S-Bahnstation Sternschanze lebt. Echte Orte in der Schanze sind hier mühelos wiedererkennbar, die Rote Flora zierte noch die Aufschrift des einst dort untergebrachten Einzelhandels „1000 Töpfe“ – ein Stück Zeitgeschichte, drumherum jedoch Verkehrschaos, von dem Tiewie und Spoil derart genervt sind, dass sie zur Sabotage greifen. Spoil wird zu Super-Spoil, dem Rächer der Entnervten. Aus Beidem – dem ohnehin schon gegebenen Verkehrschaos und den gefährlichen Eingriffen durch die WG-Bewohner – resultieren aberwitzige Kettenreaktionen, teilweise geht’s hier zu wie in einem Jump’n’Run. Später wird sogar die Sternbrücke zerstört und entgleist ein Zug. Weitere Schauplätze sind der Feldstraßenbunker und die Reeperbahn.

Sperzel persifliert den Autofetisch männlicher Fahrer, auch die Werbebranche kriegt ihr Fett weg, ferner wird gegen BMW- und Mercedes-Konzernbosse geschossen und deren Einfluss auf eine korrupte Exekutive thematisiert, die hier ebenfalls nicht gut wegkommt. Ein Zeitreisen-Topos ergänzt den Anarcho-Comic um ein phantastisches Element. Ein wenig Eigenwerbung für sein erstes Album in die Handlung zu integrieren, ließ sich Sperzel ebenso wenig nehmen wie wahrscheinlich die diebische Freude daran, seine Aggressionen in Form dieses auf hohem Funny-Niveau gezeichneten Comics abzubauen. Schade nur, dass der Verlag auf Seitenzahlen verzichtete.

Viel zu viel überflüssiger Individualverkehr in den Innenstädten Autolobby-Deutschlands ist leider noch immer ein Problem, das man auch als Nicht-Autohasser scheiße finden kann. Jetzt würde mich nur noch interessieren, wie ausgerechnet jemand wie Sperzel später als Zeichner bei der Auto-Bild landete…?! Davon unabhängig hat mir dieser Flohmarktfund so viel Spaß gemacht, dass ich mir im Anschluss auch sein Debüt antiquarisch besorgt habe. Dazu später mehr.

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