Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 47)

31.01.2026, Kulturforum am Hafen, Buxtehude: HEADLIGHT

Mein erstes Country-Konzert

Norman war zusammen mit Timo (R.I.P.) das kreative Zentrum der Streetpunk’n’Roll-Band SMALL TOWN RIOT, aber auch schon immer Vollblutmusiker, der an allen möglichen Stilen handgemachter Musik nicht nur Freude findet, sondern diese auch spielt. Eine ganze Weile war er als Mitglied der APPELTOWN WASHBOARD WORMS sogar jüngster Skiffle-Musiker Deutschlands. Als irgendwann gefühlt alle nach Hamburg zogen, hielt Norman als echtes Dorfkind die Stellung und trat lieber überall im Nirgendwo live auf, ob mit einem seiner Bandprojekte oder als Alleinunterhalter, statt sich stumpf auf dem Kiez zu besaufen. Mit den APPELTOWNs hatte ich ihn früher dann und wann live gesehen, mit der spektakulären Oldschool-Rock’n’Roll-Cover-Combo SPECTATORS leider nur einmal (das aber tatsächlich auf dem Kiez). Seit langem wirkt er auch als Gitarrist und Sänger bei der Country-Cover-Band HEADLIGHT mit, die Ende Januar zwei Gigs in Niedersachsen unweit von Hamburg spielte. Als ich bei Facebook zufällig Wind davon bekam, dachte ich mir kurz, dass es vielleicht nett sein könnte, da mal vorbeizuschauen. Früher hatte Timo das zumindest hin und wieder getan, was ich immer klasse fand. Hätte ich eigentlich auch mal mitkommen können. Tja…

Naja, jedenfalls dachte sich Kiki, die HEADLIGHT bereits live gesehen hatte, ähnliches, und so klügelte sie den Plan aus, noch ein paar Freundinnen und Freunde zusammenzutrommeln, ohne Norman davon zu erzählen. Von allen, die Interesse bekundet hatten, blieben neben Kiki und mir letztlich George, Leiti alias Holger und Eike übrig, außerdem hatte ich den wieder in Buxtehude lebenden Rolf akquiriert. Bei lausig kaltem Winterwetter und nach einer weiteren verkackten Partie des FCSP (während der bereits meine ersten Biere flossen) traten wir per Bahn den Weg in die sympathische Kleinstadt an der Este an und trudelten kurz vor knapp am Kulturforum ein. Jene Location ist eine wichtige, ehrenamtlich betriebene Buxtehuder Institution, um ein kulturelles Programm das ganze Jahr über abseits von Jugendzentrum, Altstadtfest oder Irish Pub anzubieten. Die Mischung aus „Kiki +1“ auf der Gästeliste, QR-Codes auf den Kauftickets ohne vorhandenem QR-Code-Leser und seitens der Veranstalter ausgedruckten Namenslisten der Kartenbesteller, die in unserem Falle aber nicht immer identisch mit den Karteninhabern waren, sorgte für leichte Konfusionen beim Einlass. Und die Bude war quasi ausverkauft, im bestuhlten Saal hatten längst alle platzgenommen. Außer uns. Damit wir zusammensitzen konnten, blieb nur noch die erste Reihe direkt an der Bühne. Also getreu dem alten Hardcore-Motto „Always first row!“ hingefläzt und am Bierchen genippt. Noch schnell eine zu dampfen blieb keine Zeit mehr, pünktlichst um 20:00 Uhr betrat das Sextett die Bühne.

Nun hatte ich also den Schlamassel: Ich saß angetrunken zwischen weiteren angetrunkenen und mitunter etwas aufgedrehten Mitgliedern unserer Delegation, mein Nikotinspiegel sank in bedenkliche Tiefen, hinter und neben uns ein Publikum, das konzentriert der Darbietung der Band lauschen wollte und dessen Altersdurchschnitt selbst wir noch deutlich messbar drückten, und fragte mich, was ich eigentlich mit Country-Musik am nicht vorhandenen Cowboy-Hut habe? Eike protzte stolz mit seiner eigens mitgebrachten Stirnleuchte („Guckt mal, ein Headlight!“), womit er sofort im Mittelpunkt stand. Die Band zeigte sich begeistert und konterte mit einer LED-Lichterkette. Norman erkannte uns nach und nach, als er durch die Noten- und Mikroständer hindurchblicke, lachte und freute sich. Was aber hatte ich denn nun also mit Country am Hut? Klar habe ich die JOHNNY-CASH-Standards in der Sammlung (und sogar ein bisschen mehr), und JOHN LEYTON, CHIP HANNA und MR. BLUE finden sich hier ebenfalls, dann wird’s aber auch schon eng. Und Ahnung habe von Country nun wirklich null.

Doch HEADLIGHT sorgten dafür, dass das völlig egal war, um den Abend genießen zu können. Als Norman zu spielen begann, wurde mir wieder bewusst, welch großartiger Musiker er ist. Er könnte wahrscheinlich auch ‘90er-Eurodance- und Schlumpftechno-Scheußlichkeiten nachspielen und dabei das Telefonbuch singen, es würde geil werden. Zusammen mit Manuela teilte er sich den Hauptgesang, mal jeweils solo, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, und nicht nur diese beiden Stimmen harmonierten perfekt miteinander. Die Backgrounds waren bestens auf die Stücke abgestimmt. Die klassische Rock-Instrumentierung mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass ergänzte Klaus am Keyboard, der die Nummern dezent begleitete. Die Rhythmusfraktion aus Volker am Tieftöner und Matthias am Schlagzeug war supertight. Zunächst offerierte man ein paar eher getragene Nummern, bis Norman die akustische gegen die E-Gitarre tauschte und die flotteren Stücke ausgepackt wurden (im weiteren Verlauf wurde die Klampfe immer mal wieder gewechselt). Das machte tierisch Laune; die in Sachen Country vorbelasteten Kiki und Eike waren in ihrem Element und kannten jeden Song, während ich vieles zum ersten Mal hörte. Aber bei Weitem nicht alles! Einiges erkannte ich beispielsweise aus dem Radio wieder und hätte ich gar nicht zwingend im Country-Bereich verortet, bei mancher Nummer dürfte es sich auch um eine genrefremde, durch den Countrywolf gedrehte gehandelt haben. Überhaupt wiesen die meisten Songs eine angenehm starke eigene Note auf. Ein Lied über Alkohol widmete man der ersten Reihe, warum auch immer!? Manuela erwies sich nicht nur als Spitzensängerin mit ebenso viel Kraft und Ausdruck wie Seele, sondern auch als Entertainerin, ferner gar als Country-Dozentin, die immer wieder ins Publikum fragte, ob es Fragen zum Stück gebe. Sie plauderte aus dem Nähkästchen, u.a. über die Schriftgröße der Setlists, und forderte das Publikum dazu auf, sich untereinander bekannt zu machen. „Blue Moon of Kentucky“, unheimlich stark von Norman gesungen, war mein persönlicher zwischenzeitlicher Höhepunkt. Nach der Hälfte des Sets gab’s eine Pause.

Geil, endlich eine schmauchen. Vorher galt es aber noch, die von Manuela prophezeite Theken-Polonaise zu überstehen, womit nichts anderes als die mordslange Schlange am Tresen gemeint war. Doch das Kulturforum-Ausschankteam war auf zack. Zeit zum Durchzählen: Einer von uns hatte die Biege gemacht, sogar schon nach zehn Minuten. Er war von seinen Körperfunktionen übermannt worden. Ok, kommt vor. Der Rest war am Start und holte Runde um Runde. Als es weiterging, sang Eike lautstark „Wagon Wheel“ mit, woraufhin die Band ihm für die Dauer des Songs ein Mikro überließ. Wäre die Bude nicht bestuhlt gewesen, wäre wohl spätestens jetzt ausgelassen getanzt worden. So aber blieb es dabei, mit dem Fuß zu wippen, unruhig auf dem Sitz hin und her zu rutschen und sich seiner Hyperaktivität darin zu ergeben, ständig Teile des Bühnenaufbaus zu befummeln (wie es zumindest einer von uns tat, was etwas kurios anzusehen war). Zugegebenermaßen erreichte unsere erste Reihe auch der eine oder andere Ordnungsruf, vor allem, wenn zwischen den Songs zu laut miteinander gequatscht wurde. Harndrang und Bierdurst trugen ihr Übriges dazu bei, Unruhe zu verursachen und unangenehm aufzufallen, aber wat willste machen? Diese zweite Hälfte des Sets jedenfalls hatte es so richtig in sich, ein Hit (und „Das kennste doch…“-Moment meinerseits) jagte den nächsten, Norman und Finn-Ole gniedelten voller Spielfreude Soli und Leads, „Valerie“ (einst bekannt gemacht von AMY WINEHOUSE) machte auch in dieser Interpretation eine tolle Figur, und erst mit der zweiten Zugabe („Aber nur, wenn ihr alle dann auch geht!“), dem unvermeidlichen „Country Roads“, endete der Abend.  Das war ‘ne Eins-A-Performance auf spielerisch höchstem Niveau von einer Band, die zudem echte Leidenschaft in die Musik legt und diese auch ihrem Publikum zu vermitteln versteht.

Als Eindruck nehme ich vor allem mit, welch breites Spektrum Country-Musik doch ist, vor allem, wenn man es mit den Genregrenzen etwas lockerer nimmt – zudem wie bereichernd es sein kann, auch in Sachen Livemusik ab und zu mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schön natürlich auch, dass Norman begeistert war, uns Kapeiken mal wiederzusehen. Zu einer echten Herausforderung wurde es dann noch, auf dem Weg zum Bahnhof noch ein paar Pilsetten für die Fahrt aufzutreiben, aber selbst das hat irgendwie noch geklappt. Danke allen, die den Arsch hochbekommen haben, an Kiki fürs Organisieren unserer kleinen Ausfahrt sowie an HEADLIGHT und das Kulturforum für den fantastischen Abend! Buxtehude – immer einen Ausflug wert!

24.01.2026, Lobusch, Hamburg: STUMBLING BOI!S + HARBOUR REBELS

Dieses Konzert mit zwei Hamburger Oi!-Bands war in mehrfacher Hinsicht ein Besonderes: Es war das erste Konzert der HARBOUR REBELS, nachdem ihr Drummer Chris wegen gesundheitlicher Probleme mehrere Monate ausgefallen war (Willkommen zurück, Chris!), zudem das erste Konzerte mit Keith als zweitem Gitarristen der HARBOUR REBELS, nachdem die Band die letzten Jahre mit Dennis als alleinigem Klampfer unterwegs war, und es war das erste Konzert der STUMBLING BOI!S, das ich zu sehen bekam – schön, dass es endlich mal geklappt hat, zumal dort nun wieder mein BOLANOW-BRAWL-Bandkollege Christian als zweiter Gitarrist eingestiegen ist. Und nicht zuletzt handelte es sich um eine Soli-Veranstaltung, um Geld für jemanden zu sammeln, der von Repressionskosten betroffen ist.

Als ich gegen Viertel nach neun oder so die Lobusch betrat, traf ich lediglich einen versprengten Haufen an, was sich innerhalb der nächsten halben Stunde aber ändern sollte: Bald war die Bude voll. Etwas überraschend machten die HARBOUR REBELS den Anfang. Man war sich noch nicht ganz sicher, wie lange Chris, dem es natürlich erst einmal noch an Live-Routine mangelte, durchhalten würde. Antwort: offenbar problemlos das ganze Set durch. Nach einem Intro aus der Konserve führte Sängerin Jule souverän durch die deutsch- und englischsprachigen, eingängigen und überwiegend pogotauglichen Songs und war auch um keine inhaltlich durchaus gehaltvolle Ansage verlegen. Einer meiner Favoriten, „Die Masken sind gefallen“, kam gleich als zweite Nummer zum Zuge, während der kurioserweise kurz die Lichtanlage ausfiel. Vorm Anti-Scholz-Song erklang wie auf der Platte das G20-Lügengelaber des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und ja sogar Ex-Bundeskanzlers, „Raus aus dem Dreck“ ist einer meiner weiteren Lieblinge dieser Band und spätestens der Ska-Punk-Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ brachte richtig Stimmung ins altehrwürdige Gemäuer. Das geniale „Trunkenbold“ gab’s als Zugabe. Die zweite Gitarre macht den Sound deutlich satter, mehr ist eben manchmal einfach mehr. Fazit: Die HARBOUR REBELS sind back – aber so was von!

„Ich verliere mich hier in der Ansage…“ (Stammling Boi! Christian)

Die STUMBLING BOI!S haben sich nicht nur um Christian verstärkt, sondern auch den Drumposten neu besetzt. Für meinen ehemaligen Bandkollegen Keith geriet der Abend zur Doppelschicht, denn auch hier spielt er Gitarre. Frontmann der Band ist Bommy, der mit schön heiserer Gesangsstimme die sich an klassischem 80s-UK-Oi! orientierenden englischsprachigen Stücken schmettert. Da Christian jedoch der Meinung ist, dass dieser zu wenig mit dem Publikum kommuniziere, übernahm kurzerhand er diese Aufgabe. Und zwar vor jedem Song. Da verwechselte er Bommy auch schon mal mit mir. Dass er die Bandkollegen meist erst fragen musste, worum es im jeweils folgenden Song überhaupt geht: geschenkt. Tat er’s nicht, wurde beispielsweise aus „Stumbling BOi!s Beat“ schnell ein „Song über Beatmusik“. Irgendwann kritisierte er seine Band sogar – von der Bühne aus durchs Mikro an mich gerichtet. Das hatte abseits der Musik bereits einen hohen Unterhaltungsfaktor; die Boi!s nahmen’s mit Humor und taten das, was sie am besten können: musizieren. Die Melodien wurden meist durch den dominanten Bass vorgegeben; keine Ahnung, ob das beabsichtigt war, kam aber sehr geil. Und zockte Keith mal ein herausstechendes Gitarrenlead, setzte es sich im Sound trotzdem durch. Wie bereits bei den HARBOUR REBELS gefiel mir der P.A.-Sound (wie meist in der Lobusch) ziemlich gut, zumal das Songmaterial der STUMBLING BOI!S – insbesondere bei den ältesten Stücken – mehr Pepp und Wucht aufwies als aus der Konserve. Auch hier macht sich die zweite Gitarre positiv bemerkbar. Am besten gefällt mir der leichte Anflug von Melancholie, den die STUMBLING BOI!S in ihren „Casual Oi!“ legen und der zur No-Bullshit-Attitüde beiträgt. Zwischen den eigenen Songs coverte man „Emergency“ von GIRLSCHOOL bzw. MOTÖRHEAD in einer sehr geilen, flotten Version, die als frenetisch geforderte Zugabe ein zweites Mal erklang und den Sack zumachte. Die Band hat mich überzeugt und ich wünsche ihr, dass sie in der aktuellen Besetzung mehr Glück hat als mit der vorherigen.

Spitzenabend bei Top-Stimmung wieder, der hoffentlich reichlich Soliknete eingebracht hat!

16.01.2026, Indra Musikclub, Hamburg: BANG! MUSTANG! + THE TYPHOONS

Mal was anderes

Nachdem ich die lokale Surfrock-Legende THE TYPHOONS nach ewiger Zeit im Rahmen eines Kinofestival-Kurzauftritts mal wieder live gesehen hatte und meine wesentlich bessere Hälfte ebenso angetan war wie ich, war eine Eintrittskarte zu diesem Konzert in ihrem Nikolausstiefel gelandet. So stand also eines der wenigen reinen Surfkonzerte auf dem Plan; ein Musikstil, der ein noch wesentlich nischigeres Dasein fristet als es beispielsweise Punkrock tut. Wohl aufgrund des in Aussicht gestellten sommerlichen Sounds zeigte der Winter sich gnädig und schwenkte auf milde Temperaturen um. Die Hamburger Schallplattenunterhalterinstitution Surfin Burt war mit Koffern voller 7“-Singles am Start und sorgte für den passenden Drumherum-Soundtrack.

Ich war gespannt, wie viele Surf-Connaisseurs es ins Indra verschlagen würde und wie viele bekannte Gesichter darunter sein würden. Letztere tendierten von Dr. Monkula und der Indra-Crew abgesehen gen null und generell blieb es luftig und übersichtlich. Dafür hatten die vielleicht um die 60 Gäste wirklich Bock auf diese Veranstaltung und bereiteten den Leipzigern BANG! MUSTANG! einen warmen Empfang. Die Sachsen haben zwei Alben draußen und sind irgendwann vom Quartett zum Trio geschrumpft, was sie aber nicht hinderte, ein ordentliches musikalisches Fass aufzumachen. Virtuosester traditioneller Surfgitarrensound, ein weit mehr als nur rhythmisch tieftönender Bassist und ein entfesselter Drummer spülten noch nicht zigmal gehörte, originelle und gewitzte Instrumental-Kompositionen an Land, abgeschmeckt mit ein paar vertrauten Klängen. Das hatte mitunter recht deftigen Punch und eine nicht ungefähre Härte, ohne dabei das Surf-Metier zu verlassen. Der P.A.-Klang war spitze und die sich in ihren Ansagen sympathisch präsentierende, ihre Schulauer Kollegen aber versehentlich in Lüneburg verortende Band spielte sich in einen Rausch. Das Publikum wusste dies zu würdigen und bekam seine geforderten Zugaben. Ein Song- bzw. Albumtitel wie „Surfin‘ NSA“ ist zudem ein Beweis für den Humor der Band. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, wenn diese sich wieder in die Hansestadt verirren sollte, und ich glaube, die auf Rhythm Bomb erschienenen Alben müssen her. Demnächst soll übrigens eine neue Platte kommen (das jüngste datiert bereits aufs Jahr 2015).

Die Lokalheroen THE TYPHOONS aus dem Wedeler Stadtteil Schulau sind ein Mann mehr, verfügen über zwei Gitarristen. Dargereicht wurde ein um die 20 Songs umfassendes Set, gespickt mit der einen oder anderen Coverversion („Bullwinkle Part II“, „Mr. Moto“), das mit seiner Dynamik zwischen schnelleren Abgehstücken und atmosphärischen „leiseren Tönen“ einen angenehmen Spannungsbogen entwickelte und die Leute zum Tanzen brachte (wobei besonders deren imitierte Surfbewegungen auf den imaginären Surfboards beeindruckend aussahen). Die Band nahm sich Zeit für einige sehr launige Ansagen, stichelte wegen des Lüneburg-Fauxpas augenzwinkernd ein wenig Richtung BANG! MUSTANG! und agierte nicht ausschließlich instrumental. Pech nur, dass ausgerechnet als Gitarrist Norbert eine französischsprachige Nummer singen wollte, sein Mikro versagte. Letztlich schnappte er sich das seines Bandkollegen und stellte Gesangstalent sowie Sprachkenntnis unter Beweis. Am Ende wurden lautstark Zugaben verlangt und THE TYPHOONS ließen sich nicht lumpen, zockten ihre Halloween-Party-kompatiblen Hits „Surfin‘ Zombies“ (unter dessen Motto auch die Veranstaltung stand) und „Barracuda“, wobei während ersterem eine Basssaite riss und kurzerhand aufs Instrument der Leipziger Kollegen ausgewichen wurde. Da die Zugaberufe noch immer noch nicht verhallten, gab’s noch den SHADOWS-Klassiker „Apache“ obendrauf, und zwar in einer unheimlich gefühlvoll gespielten Version.

Vor lauter Twang und Reverb klingelten mir die Ohren und statt im winterlichen Hamburg wähnte ich mich beinahe im Hochsommer am Sandstrand. Fazit: Hamburg braucht mehr Surf-Konzerte! Und ich hätte durchaus Bock, etwas tiefer in die Materie einzutauchen…

10.01.2026, Hafenklang (Goldener Salon), Hamburg: ARRESTED DENIAL + FLICK KNIVES

Mit „Nirgendwo angekommen“ veröffentlichten die Hamburger ARRESTED DENIAL Ende letzten Jahres ein fantastisches neues Album, das es auf der Release-Party im Goldenen Salon des Hafenklangs, einem der schönsten Konzertorte Hamburgs, gebührend zu feiern galt. Und das dachten sich viele, denn der Bums war restlos ausverkauft, Abendkasse gab es keine mehr. Und offenbar ging’s auch superpünktlich um 20:00 Uhr los, denn die erste Band KITTY COASTER, die ihren allerersten Auftritt absolvierte, habe ich komplett verpasst (sorry, aber um 20:00 Uhr ist doch gerade erst die Sportschau zu Ende…). Nachdem ich mich bei eisigen Temperaturen durch den verschneiten Weg an den Fischmarkt und ins Hafenklang gekämpft hatte, war bis zur zweiten Band aber noch etwas Zeit, Valentin und Sascha zum Album zu gratulieren, bekannte Gesichter zu begrüßen und sich ein Bierchen zu schnappen. Wenn man keine Astra/Holsten-Edel-Pferdepisse trinken will, muss man für ein Staropramen oder Jever mittlerweile 4 Öcken latzen. Für 0,3 Liter aus der Flasche. Da kann zumindest ich langsam nicht mehr gegenanverdienen. Dafür war der Eintritt fair bepreist, also erst mal genug gemeckert.

Die (mir bis dahin unbekannten und sich wohl vornehmlich aus SEWER-RATS-Mitgliedern rekrutierenden) Kölner Springmesser FLICK KNIVES boten dazu auch nicht den geringsten Anlass, denn die hatten richtig Bock und erspielten sich ihr von KITTY COASTER vermutlich gut vorgewärmtes Publikum mit äußerst souverän dargebotenem englischsprachigen Streetpunk – das volle Brett mit nicht nur zwei Klampfen, sondern sogar ‘ner Orgel. Da taute auch ich schnell auf. In den Strophen machte sich hin und wieder der Offbeat breit, beide Gitarristen wechselten sich mit dem Leadgesang ab, beim dritten Song sprang der Bassist von der Bühne und tanzte mit einem Gast aus dem Publikum. Ein paar wohldosierte Pop-Punk-Einflüsse, beispielsweise beim „Was it me, was it you“-Refrain eines Songs (sorry, keine Ahnung, wie der heißt), machten die eine oder andere Nummer noch eingängiger.  Bei einem Song vom für den 06.02. angekündigten Album bat man das Publikum erfolgreich um Unterstützung beim Chorgesang, den sie in ihrem übrigen Material aber auch so prima beherrschen. Trotz starken eigenen Materials coverte die Combo überraschend viel, bewies dabei aber Geschmack: „New Age“ (BLITZ), „To Have and to Have Not“ (BILLY BRAGG, in der LARS-FREDERIKSEN-Stromgitarrenversion), „Olympia, WA“ (RANCID) als offiziell letzten Song und als Zugabe „Stick ‘em up!“ von MASKED INTRUDER – inklusive Stagediving- und Pogo-Einlage des Orgelspielers. Astreiner Gig einer Band, die mich oft an SMALL TOWN RIOT, zumindest an deren streetpunkigere, weniger rock’n’rollige Nummern, erinnerte. Mit dem Basser schnackte ich später kurz bei ‘ner Kippe vor der Tür, evtl. geht da ja mal was zusammen mit meiner Kapelle BOLANOW BRAWL im Rheinland. So oder so bin ich aufs Album gespannt.

ARRESTED DENIAL haben sich mit Pip um einen festen Trompeter verstärkt und stellten ihren ehemaligen Bassisten (und meinen engen Freund), den im Herbst letzten Jahres traurigerweise verstorbenen Small Town Timo, kurzerhand in Form eines großen Fotoaufstellers mit auf die Bühne. Das reguläre Set umfasste eine sehr stimmige Auswahl aus neuem und von den vorausgegangenen beiden Alben bekanntem Material, dessen Melodien die Trompete nun, wenn ich nicht irre, beim überwiegenden Teil der Songs kräftig unterstützte. Und hatte Pip gerade nichts zu tun, fand er sich tanzend im Publikum wieder. Zu Timos Ehren spielten Valentin & Co. einen Block aus Timos drei Favoriten „Alles wird gut“, das von ihm geschriebene „Zeit zu gehen“, dessen Text jetzt einen besonders dicken Kloß im Hals hinterlässt, und das DARKBUSTER-Cover „Skinhead“. Dazwischen erzählte Valentin Timo-Anekdoten und verteilte dessen Lieblingsgesöff, den furchtbaren Jägermeister, im Publikum. Timo, Alter, da haste quasi posthum noch ein paar Leberhaken verteilt! Überhaupt nahm sich Valentin dem Platten-VÖ-Anlass angemessen viel Zeit für sympathische und spaßige Ansagen. Textlich gehören ARRESTED DENIAL zusammen mit der aktuellen SLIME-Inkarnation um Tex Brasket (der eine Nummer auf dem Album mitsang) und den Postpunks BRIEFBOMBE ohnehin zum Besten, was die Hansestadt zu bieten hat; mit ihrem auf der neuen Platte ausschließlich auf Deutsch dargereichten inhaltlichen Tiefgang zwischen klaren und wütenden system- und gesellschaftskritischen Aussagen sowie nachdenklicheren, persönlichen Geschichten spielen sie fast schon in ihrer eigenen Liga. All das in kleine und große Hymnen mit tanzbarem Street- und Ska-Punk sowie mitsingkompatiblen Refrains (ganz groß: Das neue „Für ein paar Stunden“) zu verpacken, ist die hohe Kunst und das, was ARRESTED DENIAL ausmacht. Die Trompete passt prima zur Offbeat-Lastigkeit vieler Songs; und immer mal wieder ertappte ich mich beim Gedanken, dass RANTANPLAN vielleicht so hätten klingen können, hätten sie den auf den ersten beiden Alben eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgt. Als der reguläre Teil des Sets durch war, fragte Valentin zu Beginn des Zugabeblocks, was man denn so hören wolle. Auf nicht ganz ernstgemeinte Antworten wie „Mexico“ oder „Wonderwall“ entgegnete er: „Na gut, wir spielen noch ’ne Stunde!“ „Move On“, von den englischsprachigen Stücken wahrscheinlich mein Favorit, bildete den Auftakt, gefolgt vom ersehnten, von anderen vielleicht auch gefürchteten ROXETTE-Medley. Die letzte fremdkomponierte Zugabe wurde als von einer ultrabösen Glatzenband stammend angekündigt, woraufhin „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ von TOCOTRONIC erklang und die Band noch mal die Lacher auf ihrer Seite hatte, bevor das eigene „Zurück“ den Liveteil des Abends besiegelte. Geile Platte, geiles Konzert mit gut aufgelegtem und zumindest in Teilen durchaus tanzfreudigem Publikum; zu von DJ Micha Punkrock aufgelegten Klassikern verhaftete ich noch ein, zwei Bierchen und machte mich dann beseelt auf den Heimweg. Mein erstes Konzert des Jahres 2026 machte Lust auf mehr.

27.12.2025, Fanräume, Hamburg: Hamburg Punk Invasion

Bitzcore-Jürgen war für seine Veranstaltungen mit Hamburger Bands aus den Bereichen Punk und Artverwandtes vom Indra in die Fanräume des FC St. Pauli umgezogen und ließ es mit gleich sieben Bands zum Jahresausklang noch mal so richtig krachen. Eigentlich war die Sause als Release-Party der Bitzcore-HH-Punk-Vinyl-Sampler geplant, doch da Jürgen den Aufwand unterschätzt hatte und die eine oder andere Unwägbarkeit hinzugekommen war, sind diese leider auf unbekannt verschoben. Dafür solle demnächst ein Sao-Paolo/Hamburg-Split-Sampler kommen – man darf gespannt sein. An Weihnachten versuchte Jürgen dann noch verzweifelt, ein Schlagzeug für den Abend zu organisieren, was zwar reichlich spät war, letztendlich aber doch noch klappte. Und nachdem unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) Taxi versuchte, aufs Heiligengeistfeld und dort vor die Tür der Fanräume zu gelangen, wissen wir jetzt auch, dass das zu Fuß oder mit dem Rad alles kein Problem ist, sich Autos aber mit zahlreichen Pollern und sonstigen Absperrungen konfrontiert sehen, sodass wir schön einmal um den Pudding kurvten…

Von den sieben Bands hatte trotz Erkältungssaison keine einzige abgesagt, sodass es vor Ort an diesem nach einigen frostigen Tagen angenehm milden Winterabend schon früh recht wuselig zuging. Der Zeitplan war eng und optimistisch, der Backline-Aufbau klappte aber rechtzeitig und G31, die den Abend eröffnen sollten, führten einen vollumfänglichen Soundcheck mit dem Soundmann durch. Die Band um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain begann pünktlich um 20:00 Uhr mit ihrem kurzen Set. Ihr mit zwei Gitarren gespielter deutschsprachiger tanzbarer Punkrock litt zunächst etwas unter dem zu leisen Gesang, was sich aber bessern sollte, sodass die Gesangsmelodien besser zur Geltung kamen. Mitra führte gewohnt expressiv und charmant durch die recht eigenständig, dabei trotzdem eingängig klingenden Songs und durfte pausieren, als der neue Bassist einen als Welturaufführung angekündigten Songs über St. Pauli kurzerhand selbst sang. Als nach 35 Minuten schon Schluss war, war das Publikum im ausverkauften Laden gut aufgewärmt, die Rufe nach einer Zugabe blieben leider ungehört.

Anschließend oblag es uns, auf die Kacke zu hauen – immerhin unser erster Stadiongig! Den Umbau zogen wir so schnell es ging durch, der eigentlich nur als Gast anwesende Klimper half freundlicherweise als Stagehand aus. Auf einen kurzen Soundcheck mussten wir bestehen, allein schon, damit die Monitore halbwegs vernünftig eingestellt sind und niemand einen Blindflug absolvieren muss. Als kleines Bonbon für einen Kumpel, der aus gesundheitlichen Gründen leider keine Konzerte mehr besuchen kann, hat Kai eine Liveübertragung der Bühnenperformance mit seinem Smartphone in eine Signal-Gruppe gestreamt. Wir beschränkten unsere Ansagen aufs Nötigste und eilten durch unser Set, bis Kai mich plötzlich dazu aufforderte, ein mir unbekanntes Lied von PISSPFÜTZE (oder so) zu covern, was dann in Form eines zweisekündigen Gitarrenriffs offenbar auch schon wieder erledigt war. Aus dem Konzept ließen wir uns trotz dieses Schabernacks nicht bringen und zogen weitestgehend ohne ganz grobe Patzer durch, was der Mob vor der Bühne mit Tanzeinlagen quittierte. Man nahm uns sehr gut an und der Gig machte Laune. Wir gingen davon aus, nur wenige Minuten überzogen zu haben, erfuhren aber später, dass für den Abend ein anderer Zeitplan als der vorher herumgeschickte galt – worüber man uns aber gar nicht informiert hatte. So hatte der Zeitplan also doch eine erste Delle bekommen.

Der Umbau, erneut mit Klimpers tatkräftiger Unterstützung (danke!), ging dafür sehr flott, sodass alsbald FREAKSTONE auf der Bühne standen, die sehr kompetenten Metalcore zockten. Das ist zwar nicht meine Mucke, kam live aber nicht nur aufgrund der kräftig growlenden, aber auch klare Töne beherrschenden Sängerin beeindruckend rüber. Die Ansagen wirkten sympathisch ungekünstelt, blieben aber sehr rar. Der Auftritt erhielt sehr viel Zuspruch des Publikums, das am Ende auch hier unerfüllt bleibende Zugabewünsche lautstark äußerte.

Auch bei PSYCH OUT ging’s ordentlich rund. Die Oldschool-Hard-/Fastcore-Band um Holli, Tommy und Shouter Lars hat einen neuen Drummer und machte 14 Songs lang Alarm, wobei man mir das Tempo diesmal stärker zu variieren schien. Das Gaspedal wurde also nicht permanent durchgedrückt, was sich positiv auf die Dynamik auswirkte. Lars sprang im Publikum herum und kitzelte noch einmal dessen Energiereserven heraus, bevor es mit den ASTRA ZOMBIES melodisch weiterging.

Die aufwändig geschminkte und kostümierte MISFITS-Coverband mit dem ebenso naheliegenden wie genialen Namen gönnte sich ein John-Carpenter-Intro aus der Konserve und ließ anschließend einige der größten Horrorpunk-Hits erklingen, die aufgrund des weiblichen Gesangs der stimmgewaltigen Frontfrau eine ganz eigene Note erhielten. Klasse Gig, der viel Spaß machte, aber ebenso schnell schon wieder vorbei zu sein schien, wie er begonnen hatte.

Anschließend war dann nicht nur bei mir der Ofen aus. Inzwischen war’s sauspät, wir mussten unser Equipment noch zurück in den Proberaum kutschieren und meine Aufmerksamkeitsspanne war erschöpft. Ein Taxi bis vor die Tür des Ladens zu lotsen, geriet zudem zu einem Abenteuer und klappte erst beim zweiten Anlauf. Generell leerten sich die Fanräume jetzt deutlich, was mir für die verbliebenen Bands SKULL HARVEST und FIRST CLASS LEG SPACE leidtat.

Alles in allem war’s eine gelungene Veranstaltung, von der ich im Vorfeld nicht geglaubt hätte, dass sie ausverkauft sein würde. Sieben Bands sind aber zu viel, zumal die letzte Band, wie ihr dem unten verlinkten Schraibfela-Video entnehmen könnt, mit satter Verspätung erst gegen 2:30 Uhr auf der Bühne stand. Mr. Schraibfela geht auch auf die schwierigen Lichtverhältnisse ein, die perfekt zu den ASTRA ZOMBIES passten, das Fotografieren (wie man meinen Schnappschüssen ansieht) und Filmen aber deutlich erschwerten.

Danke an alle, die involviert waren und zum Gelingen beigetragen haben! Das war dann auch mein letztes Konzert des Jahres 2025, laut Jürgen womöglich auch das letzte typische Bitzcore-HH-Punk-Konzert. Ma‘ kieken, wie’s mit seinen ambitionierten Vorhaben weitergeht.

P.S.: Danke insbesondere auch Flo für die Fotos unseres Gigs sowie unserem Ex-Drummer und Mercher Chrischan für seinen großartigen Einsatz!

06.12.2025, Lobusch, Hamburg: BOLANOW BRAWL + VOLKSVERRÄTER + OMA-BASHING

Im August haben wir endlich unser Album „First Shots!“ veröffentlicht. Die Konvention verlangt, dass man dann relativ zeitnah ein als Record-Release-Party deklariertes Konzert gibt, worauf wir natürlich auch Bock hatten. Erst mal war aber Urlaubssaison angesagt. Trotzdem hatten wir unsere Fühler ausgestreckt; wir dachten, dass es vielleicht passend wäre, im Monkeys oder Indra bei irgendeinem größeren Streetpunk-Act im Vorprogramm zu zocken, unseren „Release Party“-Stempel draufzupacken und uns damit ‘nen schlanken Schuh zu machen. Blöderweise war, was das betrifft, irgendwie Flaute in beiden Läden, und als dann doch mal was kam, was einigermaßen gepasst hätte, hatte man uns anscheinend nicht mehr auf dem Schirm oder es wäre aus irgendwelchen Gründen sowieso nicht gegangen. Umso schöner, dass sich dann die Gelegenheit ergab, in der Lobusch, wo ich seit zig Jahren ein- und ausgehe, aber noch nie mit BOLANOW BRAWL gespielt hatte, zu spielen. Andi, ein Freund des Hauses, hatte dort nämlich den ersten Gig seines konspirativen Cover-Projekts OMA-BASHING geplant und die Band seines Kumpels Gizmo, VOLKSVERRÄTER aus Limburg, eingeladen – eine dritte Band, die wiederum einen ganz anderen Sound spielt, kam ihm da gerade recht. Mike aus der Lobusch vermittelte den Kontakt und gänzlich unkompliziert wurde das Unterfangen besiegelt. Ein kurzer Blick in den Kalender verriet daraufhin, dass zeitgleich LOIKAEMIE, BERLINER WEISSE und OXO 86 im Docks aufspielen würden – super! 😀 Ich fühlte mich an Konzerte in der Vergangenheit erinnert, die wir zeitgleich (aber nicht zusammen!) mit Bands wie COCK SPARRER oder MOTÖRHEAD spielten. Irgendwas ist immer – so auch ein nerviger Verdauungstraktinfekt, den ich mir zugezogen hatte. Hätte das Konzert nur einen Tag früher stattgefunden, hätte ich’s absagen müssen…

Es sollte unser erster Hamburg-Gig mit dem zurückgekehrten Ole an der Lead-Klampfe werden, der zweite seit seinem Wiedereinstieg überhaupt. Wegen eines Fahrrad-Korsos auf der Straße traf der von unserem Proberaum aus gestartete Teil unserer Band mit ‘ner guten halben Stunde Verspätung (dafür ohne blut- oder gedärmverschmierte Speichen-, Fahrradhelm- und Funktionskleidungsreste am Kühlergrill) ein. Für ‘nen Soundcheck, den Mike mit uns durchführte, blieb trotzdem genügend Zeit. Das war ideal, weil Mike unseren Sound kennt – immerhin hatten wir bei ihm die Hälfte unserer Platte aufgenommen. Anschließend gab’s lecker Mampf in Form eines Kartoffel-Kokos-Currys. Und da wir gerne mal vor’m Gig eine lokale Kneipe aufsuchen, verschlug es uns in die Marktschänke, wo wir auf Freunde und Bekannte trafen, die dort ebenfalls vorglühten. Urkos Freundin Sheila hatte Geburtstag und wollte ‘ne Runde Kurze ausgeben. Christian sollte welche bestellen und fragte den Wirt, was er empfehlen könne. Dieser riet zum Marillen-Schnappo, der, wie ein späterer Blick auf die Karte verriet, der teuerste Sprit des Ladens war. Chapeau, Herr Wirt! „Is this the way to a Marillo“ singend, goss man sich den edlen Tropfen in den Schlund, während ich dankend verzichtete. Dafür begann ich bald darauf zu drängeln, denn ich wollte unbedingt pünktlich zur ersten Band zurück sein.

Das gelang mir per Punktlandung, Andi & Co. hatten gerade die Bühne betreten. OMA-BASHING ist natürlich nichts Geringeres als ein Coverprojekt der kuriosen FEHLGEBURT, genauer: ihrer 16-Song-EP „Abtreibung“ aus dem Jahre 1987, seinerzeit auf Stumpfpunkplatten (nomen est omen) erschienen und einer neuen Generation Ende der 1990er mit zwei Beiträgen auf der „Stumf Ist Trumpff“-Compilation von Teenage Rebel Records nähergebracht worden (wodurch auch ich auf die Band aufmerksam geworden war). Wat ‘ne geniale Idee, sich dieses Zeug noch mal vorzuknöpfen und als Liveset zum Besten zu geben! Die Band hielt sich möglichst originalgetreu an die Vorlagen, der Sound war live aber natürlich wesentlich besser als auf der alten Platte. Stilecht baute man den einen oder anderen Verspieler ein, wie es FEHLGEBURT wohl auch getan hätten. Andi sang sich durch Zwei- bis Viersekünder wie „Anarchie“ oder „Das geniale Lied gegen die Genmanipulation“ ebenso wie durch längere Stücke à la „Gummigas“ oder eben „Oma-Bashing“ und führte mit dem gebotenen Ernst in „die Probleme der einfachen Menschen aufgreifendes“ Material wie „Ich hasse Schnupfen“ ein, lieferte Hintergrundinformationen zu Stücken wie „Zimmermann“ oder „Antiberliner“ und versuchte sich in Fantasierussisch an den russischen Songs. Zwischendurch klagte er regelmäßig, wie anstrengend das alles sei – ja, verdammt, endlich sagt’s mal einer: So’n ganzes Set als Sänger durchzuziehen, ist harte Arbeit! Ohne Zugaben ließ man sie trotzdem nicht von der Bühne, also gab’s noch mal „Anarchie“, „Haare“ und „Oma-Bashing“. Der Publikumsandrang war groß, vor der Bühne tanzten sogar vom ersten Song an ein paar Kenner der Materie. Großartig! Von mir aus könnte jedes Konzert damit beginnen, dass Andi & Co. eine legendäre alte Punk-EP durchcovern.

VOLKSVERRÄTER bekamen bühnenumbaubedingt erst jetzt ihren Soundcheck, was den Ablauf etwas hinauszögerte. Ein paar Punks, die anscheinend nur für OMA-BASHING gekommen waren, gingen schon wieder und verpassten dadurch angepissten Oldschool-Pogo-HC-Punk mit giftigen deutschsprachigen Texten, die den politischen Rechtsruck zerpflücken, aber auch durchblicken lassen, dass man weiß, wie man Spaß hat. Die Band um den auch von SEKRETSTAU und FRONTEX bekannten Gitarristen Gizmo gönnt sich gleich zwei Sänger, die aber die meiste Zeit dasselbe und dazu auch recht ähnlich klingend keifen und brüllen. Da könnte man vielleicht etwas mehr draus machen. Der Bass hat einige coole Läufe im Angebot, Gizmo an der Klampfe schrubbt die Akkorde halbverzerrt dazu und haut immer mal wieder ‘ne simple Lead-Melodie raus. Ich glaube, das 2023 erschienene „Schräge Töne“-Tape wurde komplett durchgezockt; „Gib die Hülse her“ feierte unser Gitarrist Ole plötzlich pogend ab, nachdem er zuvor lediglich aufmerksam zugehört hatte. Instant-Lieblingssong! Mit „BWL“ gab’s ‘ne neue, bisher unveröffentlichte Nummer, nach ein paar weiteren eigenen Songs gefolgt von einem Cover-Block: „Bulle“ von HASS mit „Ganz Hamburg hasst die Bullerei“-Intro, „Scheiß drauf“ von RAPE (damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!), NOTDURFTs „Arschkriecher-Einheitsfront“ usw. – sehr coole Wahl, nur war man gefühlt mittlerweile bei Song Nummer 25 und hatte sogar noch weitere im Köcher, während die Aufmerksamkeitsspanne, auch aufgrund der vorgerückten Stunde, beim einen oder anderen langsam, aber sicher erschöpft war. Dass nicht jeder Song auf Anhieb funktionierte und noch mal begonnen wurde, ist natürlich kein Beinbruch und passt zum Charme der Band, ein wenig Straffung hätte dem Set aber meines Erachtens gutgetan. Nichtsdestotrotz macht dieser authentische, rotzige, unangepasste und völlig trendresistente Sound immer Laune, insbesondere dann, wenn sich eine Art hungrige Hektik von der Bühne aufs Publikum überträgt.

Als krönender (?) Abschluss waren wir an der Reihe, nachdem wir seit unserer Ankunft wacker versucht hatten, den richtigen Pegel zu halten (gar nicht so einfach, denn als letzte zu spielen sind wir nicht gewohnt). Auf Limburger Pogo-D-Punk folgte also englischsprachiger Streetpunk aus Hamburg. Wir spielten alle Songs des „First Shots!“-Albums plus zwei Zugaben von der alten EP – und alles, was uns am vorausgegangenen Wochenende in Lübeck noch nicht so ganz geglückt war, funktionierte hier. Wir hatten eine tollen Bühnensound und entwickelten einen Spielfluss mit nur wenigen technikbedingten Zwangspausen. Ich hatte keine Texthänger und auch, wenn aus Christian hin und wieder die Marille sprach, quatschte er keine Opern. Die Lobusch brach zwar nun nicht mehr aus allen Dämmen, aber der Gig machte verdammt viel Spaß, zumal mein Körper meine angeschlagene Gesundheit per Adrenalinausstoß weitestgehend vergessen machte. Ein Typ, den ich nie zuvor gesehen hatte, kam an die Bühne und ließ wissen, dass er aus Afrika komme, ihm unsere Musik aber super gefalle. Ein Fan mehr! 😀 Er hatte sich aber auch den richtigen Auftritt ausgesucht, denn das dürfte unser bester seit dem „Relaunch“ der Band gewesen sein. Zwar war die Oi!-/Streetpunk-Szene Hamburgs nur spärlich vertreten, da sie offenbar überwiegend brav ins Docks gepilgert war, aber das war auch kaum anders zu erwarten gewesen. Paar Plünnen haben wir trotzdem verkauft – und ich bin froh, an das Thema „Release-Party“ endlich ‘nen Haken machen zu können. Gig-Anfragen sind uns natürlich immer willkommen, also ran an den Speck, so lange wir so gut eingespielt sind 😉

Riesendank an Andi und die Lobusch-Crew samt allen Helferinnen und Helfern, beide Bands, alle, die mitgefeiert haben, sowie an Sandy, Keith und Nickel für die Unmengen Schnappschüsse unseres Auftritts!

29.11.2025, VeB, Lübeck: BOLANOW BRAWL + THE UNMARKED + 1323

Die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck hatte uns zu ‘nem Gig ins VeB eingeladen, mit THE UNMARKED aus Berlin und den Hamburger Kollegen von 1323 standen bald (THE UNMARKED) bzw. eher kurzfristig (1323) die anderen beiden Kapellen fest. Es sollte unser erstes Konzert in Lübeck seit unserem Auftritt mit THE NILZ im Jahre 2019 werden, zudem unser erster überhaupt seit Veröffentlichung unseres „First Shots!“-Albums und unser erster mit unserem zurückgekehrten Lead-Gitarristen Ole. Das VeB befindet sich auf dem „Walli“-Gelände direkt neben dem größeren Treibsand und in Bahnhofsnähe – ein gemütlicher kleiner D.I.Y.-Laden, in dem es zu fünft auf der Bühne etwas eng wird, der aber gerade für Auftritte kleinerer, keine Massen ziehenden Bands prädestiniert ist. Nebenan spielten die MONSTERS OF LIEDERMACHING, die mutmaßlich ein etwas größeres Publikum zogen…

Die Lübecker Skins versorgten uns mit einer reichhaltigen Getränkeauswahl, einer warmen Mahlzeit und für mich sogar einer „Extrawurst“ in Form eines köstlichen Risottos, nachdem ich die Frage nach etwaigen Lebensmittelunverträglichkeiten im Vorfeld recht ausführlich beantwortet und damit Aubergine, Rosenkohl und wie sie alle heißen ausgeschlossen hatte – wow, allein schon dafür besten Dank! Nachdem die Bühne aufgebaut war, wollte unsere weltbeste Fahrerin und gute Seele Sandy noch ‘nen anatolischen Imbiss aufsuchen, was wir kurzerhand mit einem Besuch des Weihnachtsmarkts verbanden. Gerüchten zufolge goss sich der eine oder andere lediglich heißen Kakao ein, was wiederum andere durch erhöhten Konsum alkoholhaltiger Heißgetränke glaubten kompensieren zu müssen und sich kaum wieder loseisen ließen, obwohl auch auf dem Walli-Gelände Glühwein ausgeschenkt wurde – herrlich bekloppt wieder.

Um kurz nach 22:00 Uhr machten 1323 dann den Auftakt mit überwiegend deutschsprachigem Hardcore-Punk der alten Schule, meist schön hektisch nach vorne peitschend, aber aufgelockert von diversen Offbeat-Parts und abwechslungsreich gehalten mit dem spanischen „La pinche soledad“, dem in doppelter Geschwindigkeit runtergeholzten CANALTERROR-Cover „Staatsfeind“ und als besonderem Bonbon „Police navidad“, das auf dem weltbekannten spanischen Weihnachtslied basiert. Gitarrist Phil und Basser Ali setzten sich Nikolausmützen auf, Drummer Andi ‘nen Bullenhelm und brüllte voller Inbrunst seine Festtagswünsche ins Mikro, während ich mich sorgte, dass unser spanisches Bandmitglied Urko einen Kulturschock erleidet. Ein grandioser Spaß. Ansonsten ging’s aber subgenretypisch eher ernst zu und nahm man in den Ansagen Bezug auf aktuelle politische Ereignisse. Weiteres bisher unveröffentlichtes Material klang vielversprechend, den Hauptgesang teilten sich der gesundheitlich angeschlagene Phil und Andi, und als geforderte Zugabe gab’s die Progrockoper „Bundeswehr“ von YACØPSÆ. Ein klasse Gig, bei dem in Sachen Raumakustik besonders der Basssound positiv hervorstach und optimal durchkam. Phil verabschiedete sich anschließend, um das Bett zu hüten (Gute Besserung und danke fürs Durchziehen!), während Ali offenbar solchen Gefallen an seiner Mütze gefunden hatte, dass er sie gar nicht mehr absetzte.

THE UNMARKED sind irgendwie typisch Berlin: Die Band vereint Angehörige verschiedenster Nationalitäten, die in der ehemaligen Mauerstadt zusammenfanden, auf Englisch miteinander kommunizieren – und natürlich über die Musik! Und die hat’s in sich: Flott gezockter Streetpunk US-amerikanischer Prägung, rau, melodisch und mit fetten Chören. Es war ihr erster Gig in der aktuellen Quartettbesetzung, und der ging ohne viel Federlesens von null auf hundert. Ohne viel Gesabbel reihten sie Song an Song, darunter ein THE-GC5-Cover. Zusammen erzeugten beide Gitarren einen fetten Sound, den die Rhythmusfraktion arschtretend nach vorne blies und der von Sänger Johns kratzigem Organ durchdrungen wurde. Pures Adrenalin und ein verdammt beeindruckender Auftritt einer Band, von der man mit Sicherheit noch einiges hören wird. Gemeinsame Gigs sind bereits angedacht!

Das konnten wir natürlich nicht toppen, aber darum geht’s ja zum Glück auch nicht. Uns als letzte Band zu platzieren, kann durchaus so’ne Sache sein – irgendwo zwischen optimistisch und grob fahrlässig –, wir sind’s bisher kaum gewohnt. Zudem haben wir in Flensburg unser Banner im Suff verloren, dafür hat Christian eine programmierbare Leuchtreklame besorgt. Banner 2.0. Digitalisierung – da sind wir ganz vorne mit dabei… Wir zockten die zwölf Songs unseres Albums in an die Livesituation angepasster Reihenfolge durch, hatten aber Schwierigkeiten, einen echten Spielfluss zu entwickeln. Offenbar hatten wir den Line-Check vorschnell mit „Passt schon!“ beschieden. Das hatte zur Konsequenz, dass Christian während des Sets bemerkte, seine Gitarre auf der monitorlosen, aber bis auf den Gesang auch nicht über eine P.A. abgenommenen Bühne nicht richtig herauszuhören und ständig nachzujustieren versuchte. Bis es wirklich besser wurde, dauerte es aber einige Songs. Die Zwangspausen versuchten wir mit dem üblichen Blödsinngequatsche zu überbrücken, während Raoul an den Drums schon den nächsten Song anzählte. Wie aus einem Guss wirkte das wohl eher nicht und üblicher Kleinkram wie mal ein Texthänger kam hinzu. Die zweite Hälfte flutschte aber besser, Spielrauschgefühl kam auf und als nach Zugaben gerufen wurden, spielten wir noch zwei Stücke der alten EP. Insofern war’s ‘ne ideale Generalprobe für unsere Record-Release-Party kommenden Samstag in der Hamburger Lobusch.

Ein geiler Abend war’s so oder so! Danke an die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck, 1323, THE UNMARKED sowie das VeB samt allen Besucherinnen und Besuchern! Und nicht zuletzt danke an Sandy für die Schnappschüsse unseres Auftritts.

09.11.2025, Metropolis-Kino, Hamburg: THE TYPHOONS

Im Rahmen des großartigen „Monster machen mobil“-Filmfestivals, das im Hamburger Metropolis satte vier Tage lang stattfand, gab es am Sonntag im Vorprogramm des vergnüglichen mexikanischen Batgirl-Rip-Off-Trash-Heulers „Draculas Tochter und Professor Satanas“ anstelle einer Trailer-Show einen Live-Auftritt der lokalen Surf-Rock’n’Roll-Legende THE TYPHOONS (aus Schulau bei Wedel bei Hamburg). Die hatte ich vor etlichen Jahren mal in der Wedeler Villa live gesehen und als überaus kompetent abgespeichert, seither aber nicht mehr das Vergnügen gehabt.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange die spielen würden oder wie das im opulenten, nicht vollständig, aber durchaus großzügig gefüllten Kinosaal klingen würde, und ließ mich einfach überraschen. Nach einer launigen Ansage und dem Versprechen an die furchtlos die erste Reihe besetzenden Gäste, einen Hörschaden davonzutragen, ließ es die mit zwei Gitarren spielende Band ordentlich krachen – und siehe bzw. höre da: Der Sound war perfekt! So kam der klassische, (bis auf Zwischenrufe des Bassers) instrumentale ‘60s-Surf-Sound mit ordentlich Reverb und Twang optimal zur Geltung und stimmte auf das pulpige Filmvergnügen ein. Nach einer Handvoll Songs suggerierte man, auch noch Zugaben spielen zu können, was dankend angenommen wurde. Ich glaube, das rasante „Barracuda“ bildete nach einer guten halben Stunde den Schlusspunkt eines klasse Auftritts in besonderem Ambiente – und das am Sonntagmittag! Verrückt.

20.09.2025, St.-Johannis-Harvestehude-Kirche, Hamburg: WUCAN

Einmal jährlich lassen sich Hamburgs Kirchen besondere Abende einfallen, das Ganze nennt sich dann „Nacht der Kirchen“. Mit Kirche und Religion habe ich ja nun weiß Gott nichts am Hut, durch einen Artikel im Rock Hard wurde ich aber hellhörig: Die St.-Johannis-Harvestehude-Kirche wurde zur „Metal Church“, Organisator Daniel Wagner hatte ein entsprechendes Programm zusammengestellt. Den „Psychedelic Instrumental Stoner Rock“ von VALEA VIILOR schenkte ich mir, ebenso die laut Plan gerade einmal viertelstündige Lesung der HOLY-MOSES-Frontgrunzerin und Psychotherapeutin Sabina Classen aus ihrer jüngst erschienenen Biographie. Auch für den Bildervortrag „Metal-Symbolik und Kirchenkunst“ waren lediglich 15 Minuten angesetzt. Eine interessante Erfahrung wäre sicherlich ein halbstündiges düsteres Kirchenorgelspiel gewesen, aber ich traf mit meiner Liebsten erst um 21:00 Uhr zum Podiumsgespräch über Inklusion und Festival-Seelsorge mit Wheels of Steel, Rock-Hard-Herausgeber Holger Stratmann und Sabina, die die Runde moderierte, ein, die immerhin eine Dreiviertelstunde ging.

Darin schien man zunächst aber erörtern zu wollen, wie antikirchlich bzw. antichristlich Metal eigentlich ist und was die Gründe dafür sind. Alle Teilnehmenden inklusive Stratmann schienen dieses Thema kleinzureden, ja regelrecht beiseiteschieben zu wollen. Das sei ja nur ein verschwindend kleiner Teil, in erster Linie ein Klischee und wenn, dann vor allem Provokation und juveniles Aufbegehren gegen Autoritäten, als die die Kirche empfunden worden sei. Auf Black Metal wurde überhaupt nicht eingegangen. Das war enttäuschend oberflächlich und eine vertane Chance, dieses eigentlich hochinteressante Thema zu diskutieren und zu vertiefen. Weder wurde diskutiert, wie sehr sich viele nichtreligiöse Metal-Bands in ihren Texten bei der christlichen Mythologie bedienen, noch wurde Kritik an Kirche oder Religion laut.

Offenbar sollte es ja aber auch etwas ganz anderes gehen. Passend zur Berichterstattung in einer der jüngeren Rock-Hard-Ausgaben vermittelten Wheels Of Steel Einblicke in ihre konstruktive und anscheinend sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit Festivals, um beispielsweise Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern einen möglichst angenehmen Festivalgenuss zu ermöglichen. In diesem Zuge wurde auch ein auf dem Wacken Open Air gedrehter Imagefilm der alsterarbeit gGmbH gezeigt. Als recht aufschlussreich habe ich auch die Erfahrungsberichte und Anekdoten aus der psychologischen Betreuung akut hilfsbedürftiger Festival-Besucherinnen und -besucher empfunden. Das begrüße ich alles sehr und ziehe meinen Hut vor der Arbeit, die in diesen Bereichen geleistet wird.

Dann aber der Hauptgrund unseres Erscheinens: WUCAN aus Dresden, angekündigt als „Heavy Flute Rock“, spielen eine sehr eigene Mischung aus proggy ‘70er-Hard-, Kraut- und sogar Ostrock, Schlaghosenmusik also, mit der man mich normalerweise (Ausnahmen bestätigen die Regel) jagen kann. WUCAN gelingt es aber irgendwie, dass dieser kauzige Stilmix frisch und interessant klingt, kein reines Retro-Spektakel ist. Das liegt nicht zuletzt an Sängerin Francis, die eine solche expressionistische, jugendliche Energie in ihren fantastischen Gesang legt, dass man ihr einfach zusehen und -hören muss, und natürlich an einer wahnsinnigen Spielfreude des Quartetts, das – und da schließt sich der Kreis dann doch zu meinen Hörgewohnheiten – auch vor diversen Metal-Riffs nicht Halt macht. Man konnte, was viele auch taten, einfach auf den Kirchenbänken sitzenbleiben, um sich die mit Lichteffekten aufgepeppte Show anzusehen, oder aber, wie u.a. wir es bevorzugten, Stehplätze im Mittelgang einnehmen. Dort tummelten sich auch ein, zwei Fotografen sowie ein Kameramann des NDR. Das Publikum war recht gemischt; Metal-Fans trafen auf Normalos, die sich vermutlich aus interessierten Neugierigen und sicherlich auch christlichen Kirchgängern, die hier ihre Aufgeschlossenheit unter Beweis stellen oder ihre Belastungsgrenzen austesten wollten, zusammensetzten. Eine hielt es nach Konzertbeginn nicht lange auf ihrem Platz; sich die Ohren zuhaltend nahm sie Reißaus und verpasste so, wie Francis wiederholt zur zweiten Gitarre griff oder die JETHRO-TULL-Gedächtnis-Querflöte pfiff, im Vergleich zum Gig auf dem Rock-Hard-Festival aber nur selten am Theremin gestikulierte. Keine Ahnung, ob man diesmal weniger thereminhaltige Songs auf der Setlist oder aber bereits während dessen ersten Einsatzes bemerkt hatte, dass es im (für die Drums sehr guten) halligen Kirchensound völlig unterging. Auch Gitarrist Tim gab sich nicht mit nur einem Instrument zufrieden, sondern spielte nebenbei noch einen Synthesizer. Zum Programm zählten u.a. „KTNSAX“, eine unverschämt catchy Single-Auskopplung des neuen Langdrehers, und mit „Holz auf Holz“ einer der deutschsprachigen Songs der Combo. Die eine oder andere Nummer erhielt Unterstützung von der Kirchenorgel, eines der Alleinstellungsmerkmale dieses Auftritts. Ein Song mündete in ein Drumsolo. Francis führte mit knappen, charmanten, aber auch gesellschaftlich wachen Ansagen durchs Set und ließ sich mit ihren Bandkollegen nach regulärem Ende zu einer umjubelten Zugabe zurückbitten, für die das Publikum dann endlich auch den Platz direkt vor der Bühne einnahm, der offenbar aus Respekt bis dahin leergeblieben war. Der Gig dürfte an die 75 Minuten lang gewesen sein und war zugleich der Abschluss der „Nacht der Kirchen“ in der St.-Johannis-Harvestehude.

WUCAN haben gerade ihr viertes Studioalbum „Axioms“ veröffentlicht, erspielen sich immer größere Fankreise und es würde mich nicht wundern, wenn die bald durch die Decke gingen. Dann werden wir sagen können: WUCAN inner Kirche – wir waren dabei!

Die Veranstaltung in diesem ungewöhnlichen, sehr besonderen Rahmen war übrigens gratis, es gab einen Bierausschank (Qualitätspils zum fairen Kurs) und, zumindest während unserer Anwesenheit, wurde auf jegliche Missionierung verzichtet. Die Metal-Szene, wie ich sie in Hamburg beispielsweise aus dem Bambi galore kenne, blieb zwar größtenteils fern, aber wenn Kirche, dann gerne so: Als überkonfessionelles bzw. nichtreligiöses Veranstaltungszentrum für Kultur, Gespräch, Musik. Und Bier.

P.S.: Das „Hamburg-Journal“ berichtete am nächsten Abend (und machte aus Sabina „Sabine“):
Beitrag in der ARD-Mediathek

09.08.2025, Gaußplatz, Hamburg: MALAKOV + 16.08.2025, Balduintreppe, Hamburg: HOBBY AUF’M DORF auf’m ELBDISHARMONIE-Festival

In aller Kürze: Nach einem aufregenden Fußballspiel des AFC, das 4:4 endete, hatte ich mich noch auf ein Bierchen auf den Gaußplatz mitschnacken lassen, wo gerade die Vorbereitungen der 3×60-Sause liefen: Drei Bewohner feierten ihren 60. Geburtstag, weshalb gallonenweise Freibier kredenzt und drei Bands auf die Open-Air-Bühne eingeladen wurden: HOBBY AUF’M DORF, BOMBE und, als einzige auswärtige Band, MALAKOV aus Braunschweig und Gelsenkirchen. Es war gerade erst mit dem Soundcheck begonnen worden und nach dem Pils musste ich erst mal wieder los. Am Abend dinierte ich mit meiner wesentlich besseren Hälfte erst einmal in einem nahegelegenen Burger-Restaurant, woraufhin wir gemeinsam wieder den Platz aufsuchten. Dort waren die ersten beiden Bands gerade durch (womit ich HOBBY AUF’M DORF zum wiederholten Male verpasst hatte), aber immerhin standen MALAKOV noch auf dem Plan. Die sahen wir somit zum dritten Mal, alle drei Male an exakt diesem Ort und zuletzt erst vor wenigen Wochen auf dem Gaußfest. Der HC-Punk mit durchdacht klingenden deutschen Texten drückte wie gewohnt gern aufs Gaspedal und war dann fast am geilsten, wenngleich die Band, wie aufgrund des sehr guten Sounds herauszuhören war, beim schnellen Zusammenspiel ein, zwei Mal aus der Kurve zu fliegen drohte. Fast am geilsten, weil der memorabelste Song mit seinem hypnotisch-repetitiv vorgetragenen „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“ und seinem irgendwie psychedelischen Einschlag im die Lead-Gitarre stärker herausfordernden Stil unser persönlicher Höhepunkt des Gigs war. Zwischendurch gab’s eine Kümmerling-Trinkpause mit den Geburtstagskindern und am Schluss wurde Jubilar Tauber auf die Bühne geholt, der den letzten Song sang. Die Stimmung war natürlich gut, wenngleich es aufgrund des etwas privateren Rahmens nicht so voll wie auf den Gaußfesten war, und das Wetter spielte erfreulicherweise wieder mit – in diesem Sommer ja keine Selbstverständlichkeit. Anschließend waren wir allerdings so müde und kaputt von einer anstrengenden Woche und einem ereignisreichen Samstag, dass wir uns nach Hause verdünnisierten.

Elbdisharmonie-2025-FlyerBereits zum 14. Mal fand das ELBDISHARMONIE-Gratis-Soli-Open-Air an der Balduintreppe in Hafennähe statt, dessen Einnahmen stets einem guten Zweck zugutekommen. Da war ich ja ewig nicht mehr. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann nicht mehr so recht von der Bandauswahl überzeugt gewesen war und das Festival in den Folgejahren regelmäßig während meines Sommerurlaubs über die Bühne ging, wo ich mal hier, mal dort, aber nie in Hamburg weilte. Beides war diesmal anders, nur hatte ich diesmal eigentlich gar keine Zeit. Boah ey…

Trotzdem schaffte ich’s, mich am frühen Nachmittag für eine rund einstündige Stippvisite loszueisen – und hatte Glück: HOBBY AUF’M DORF, die das Festival eröffnen sollten, hatten gerade erst angefangen. So kam ich nach mehreren verpassten Gelegenheit endlich einmal dazu, mir dieses noch frische und enorm spielfreudige Trio aus dem Bauwagen-Milieu anzusehen. Auf, hinter und vor der Balduintreppe, an der sich auch die Szenekneipen Onkel Otto und Ahoi befinden, war schon reichlich buntes Volk anwesend und je weiter man sich der Bühne näherte, desto besser und druckvoller war der Sound. Gitarristin Julia hat erst vor eineinhalb Jahren mit dem Gitarrespielen angefangen und auch der Drummer ist ganz neu an seinem Instrument, wodurch der Bassist insbesondere dann heraussticht, wenn er seinen Viersaiter wie eine Leadgitarre einsetzt. Das ist im simpel gehaltenen Oldschool-Pogopunk nicht unüblich, dem sich eben auch HOBBY AUF’M DORF von Mid- bis Uptempo und mit deutschsprachigen Texten verschrieben haben. Julia ist mit ihrer kratzigen Stimme für den Gesang prädestiniert, teilt sich diesen aber vor allem mit dem Basser. Beim Sauflied gegen Ende sang auch der Drummer mit. Vorm Anti-Autobahn-Song gab’s ‘ne Umweltschutzansage Julias, die auch um den Erhalt des „Völli“-Waldgebiets erfolgreich mitgekämpft hatte und in solchen Fragen generell engagiert ist. Die Band machte einen sehr souveränen Eindruck auf der Bühne und kam so sympathisch wie authentisch rüber, weshalb sie folgerichtig zu ‘ner Zugabe genötigt wurde. Kurzerhand spielte man „Blutrausch“ noch einmal, weil er beim ersten Versuch wohl nicht ganz rund gelaufen war. Vielversprechende junge Band, die schön kräftige Chöre wie beim Erkennungssong „Hobby auf’m Dorf“ von mir aus gern öfter einsetzen dürfte und die ich bestimmt bald mal wiedersehen werde.

Zwischen den insgesamt sieben Acts unterschiedlicher Musikrichtungen (also beileibe nicht nur klassischer Punk) wurde auf der Treppe wieder vom CLUB27, teils freestyle, gerappt, zudem Bands angesagt und Informationen zu Sinn und Zweck des Festivals vermittelt. Ein ganz klein wenig Zeit hatte ich noch, sodass ich den BOLZEN-HÖXTER-Soundcheck noch mitbekam. Die laut Festivalinfo „Anarcho-Pop-Punk“-Band sah mit ihren albernen Perücken und ihrer Instrumentenwahl irgendwie anstrengend aus, die erste Nummer klang dann aber gar nicht verkehrt. Sahen auch andere so, beispielsweise die beiden, die mich beim Fotografieren links und rechts unterhakten und Ringelreihen mit mir tanzten – dankenswerterweise in beide Richtungen, sodass mir nicht schwindelig wurde… Dann musste ich aber los und verpasste u.a. POOLHEAD, deren Surfsound ich mir unter anderen Umständen gern gegeben hätte, die auf Platte gar nicht uninteressant klingenden Folkpunks GRIPS UND SCHADEN und SLACKERS-Mitglied VIC RUGGIERO, der, so erzählte man mr anschließend, zahlreiche populäre Songs auf Zuruf gecovert habe, bevor UDO BUTTER & DAS TEAM mit einem wilden Stilmix den endgültigen Abriss besorgt hätten. Ich sollte mir das ELBDISHARMONIE wohl mal wieder vormerken…

ELBDISHARMONIE im Netz:
https://elbdisharmonie.de/

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