Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 38)

26.09.2020, Hafenstraße um und bei, Hamburg: Diverse Bands, u.a. NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + KACKSCHLACHT + SCOOTER KIDS MUST DIE + LOSER YOUTH + MILEY SILENCE

Mein drittes Konzert/Festival in Pandemiezeiten. Diesmal war zwischen Balduintreppe und Park Fiction ein Gratis-D.I.Y.-Festival mit vornehmlich Hamburger Bands konspirativ aufgezogen und darauf geachtet worden, dass die frohe Kunde nicht viral geht, damit’s übersichtlich und sicher bleibt. Das scheint auch gut geklappt zu haben, die Mund-zu-Mund-Propaganda hatte die richtigen Leute angezogen. Meist war zu beobachten, dass, wer sich in gebührendem Abstand oder in Kleingruppen am Rand aufhielt, auf seine Maske verzichtete, und wer sich den Bühnen näherte, setzte sie auf. Getanzt wurde nicht, mitgesungen auch eher weniger. Im Vordergrund stand der Solidaritätsgedanke, andere zu gefährden oder das Konzept zu sabotieren, hatte niemand Bock drauf. Das ist löblich und spricht für die Szene, führt aber auch dazu, dass es – so neugierig ich auf die Sause und ihren Ablauf auch war – gar nicht so viel zu berichten gibt, außer natürlich zur Musik:

MILEY SILENCE bestehen aus drei Damen und einem Herrn, die an der Balduintreppe um 15:00 Uhr den Anfang machten. Rustikaler, roher Hardcore-Punk mit wütender weiblicher Stimme bei leider erschwerten Soundbedingungen: Die Gitarre war so gut wie gar nicht zu hören, der Bass dafür umso lauter – und hat irgendwann dann auch noch dermaßen viel Crunch bekommen, dass er alles weggeknarzte. Hingeknarzt zur Balduintreppe hatten sich während des maximal halbstündigen Gigs die Mitglieder unserer Beergroup, der allgemeine Umtrunk war schnell im Gange.

Um eine Umbaupause zu vermeiden, spielten LOSER YOUTH auf der Pavillon-Bühne in der Kehre bei glücklicherweise weitaus besserem Sound. Das Trio trat sogar mit (irgendwann rutschenden) Masken auf und Thommy läutete, passend zu den Lebkuchen in den Supermärkten, mit seinem geschmackvollen Pulli die Weihnachtssaison ein. Kurze deutschsprachige Songs mit überdrehtem Gesang, SHOCKS-und-Konsorten-inspirierter Mucke und unorthodoxen Enden, inhaltlich gegen dieses und jenes, u.a. Bullen und Abwasch, aber immer für Punk und mit reichlich Spass inne Backen. Hat wie immer Laune gemacht.

SCOOTER KIDS MUST DIE spielten anschließend auf der dritten provisorischen Bühne nahe des Park Fiction ihren Skate-Hardcore-Stiefel, mussten jedoch mit der von der Balduintreppe herübergeschleppten Anlage Vorlieb nehmen, sprich: leise Gitarre, lauter Knarzbass. Dieser Art von Musik bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu lauschen fühlt sich noch mal komischer an als ohnehin schon; nichtsdestotrotz waren reichlich Besucherinnen und Besucher zusammengekommen und sahen ‘nen astreinen Straßengig mit sympathischen Ansagen und gegen Ende dem Hit „Ihr seit [sic] schlau“. Oldschool-HC mit guten Songs und viel Attitüde.

An der Balduintreppe gab’s dann irgendeine Performance, aber wir zogen’s vor, im Park Fiction zu pausieren und uns weiter einen reinzuorgeln. Damit begann der durchwachsenere Teil des Festivals, denn es begann zu regnen – zunächst schwach, aber beständig, und irgendwann hatte es sich halt so richtig eingeregnet (nicht zu verwechseln mit eingenässt) –, was zu HH-Punk wie Arsch auf Eimer passt, so ganz ohne Unterstellmöglichkeit aber irgendwann doch zu nerven beginnt, außerdem konnte ich mit der nächsten Band, deren Name mir entfallen ist, auch so gar nichts anfangen. Dies änderte sich bei den Braunschweigern KACKSCHLACHT, das Brüder-Duo tischte gut einen auf und wusste mit betont einfach gehaltenem, aber dadurch ohne Umschweife zur Sachen kommendem (nennen wir es ruhig) Deutschpunk zu gefallen. Ich weiß, die halbe Welt hat die schon mal live gesehen, für mich aber war’s tatsächlich das erste Mal und ich habe auch etwas gebraucht, um das zu schnallen, denn auf dem Amp stand „Raketenhund“.

Mit zunehmendem Pegel verlor ich zunehmend den Überblick, sodass ich mich glücklich schätzte, dass alle Bands nun auf der Pavillonbühne zockten, aber die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN erkannte ich dann doch schon noch. Sie dürfte in jedem Falle mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass sich bei diesem mittlerweile echt miesen Wetter noch derart viele Menschen fröhlich unter freiem Himmel versammelten, um den Spagat zwischen Feierlaune und Hygienekonzept zu wagen. Die Anti-Ager spielten ein knackiges Set mit Fokus auf aggressiveren, flotteren Stücken, was für uns der krönende Abschluss des Festivals wurde. Ich glaube, irgendjemand spielte im Anschluss noch, aber die Grenzen meiner Aufmerksamkeitsspanne waren ausgereizt, außerdem war ich klitschnass und voll.

Fazit: Geile Sache; großes Dankeschön an alle Mitverantwortlichen, die sich hierfür den Arsch aufgerissen haben. Zugleich aber, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Punk- und HC-Konzerte fühlen sich unter diesen Auflagen gewöhnungsbedürftig bis schräg an und ein ganz entscheidender Faktor fehlt nun mal: Das unberechenbare, enthemmte Publikum. Nun kannste halt echt nur noch doof davorstehen und dich besaufen. Nee, ganz so isses natürlich nicht: Mal wieder unter Leute kommen, Freunde und Bekannte treffen und von Angesicht zu Angesicht (aus 1,5 m Abstand) sprechen usw. – das ist schon viel wert und Veranstaltungen wie diese fungieren diesbezüglich als Anziehungspunkt. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Statement-Faktor, der mit solchen Konzerten einhergeht. D.I.Y.-Punk’s not dead!

12.09.2020, Cruise Inn, Hamburg: LOIKAEMIE + HARBOUR REBELS

Eigentlich sollten beide Bands an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Monkeys Music Club zusammenspielen. Pandemiebedingt stemmte die Monkeys-Crew dann den Kraftakt, daraus eine Open-Air-Veranstaltung unter Einhaltung der Anti-Corona-Regeln auf dem abgelegen Cruise-Inn-Gelände in Steinwerder am Hafen zu machen. Das bedeutete wohl ‘ne Menge Abgekaspere mit den Behörden, bis es endlich das Ok gab, die Nummer für 800 Besucher(innen) durchzuziehen. Es sollte nach meinem Besuch des ARRESTED-DENIAL-Gigs vorm Monkeys mein zweites Konzert in Corona-Zeiten werden, wobei die Neugier, wie das gelöst wurde, wie es funktionieren und sich anfühlen würde, fast die Vorfreude auf die Musik überwog. Die wiedervereinten LOIKAEMIE hatte ich früher gefühlt etliche Male live gesehen, war dem irgendwann aber etwas entwachsen und fand andere Musik spannender. Nichtsdestotrotz habe ich die Band immer geschätzt und ziehe meinen Hut davor, was sie für die antifaschistische Skinhead-Szene geleistet hat. Und mit den HARBOUR REBELS hatte ich mit einer meiner Kapellen auf meinem letzten Konzert vor dem Shutdown noch zusammengespielt und dabei noch dumme Witze über die Corona-Panik gerissen. Nur eine Woche später sah die Situation schon ganz anders aus…

Nun sah man sich also unter völlig veränderten Umständen wieder. Zu dritt machten wir uns per Bus und Bahn auf den Weg von Altona nach Steinwerder, was problemlos funktionierte und mich wohlig an alte abenteuerliche Zeiten erinnerte, in denen ich ebenfalls mit ‘nem Wegbier in der Kralle abseitige, unbekannte Konzertorte aufsuchte. Gegen 18:00 Uhr am Cruise Inn angekommen, das mit dem Containerschiff hinter der Bühne ein imposantes, atmosphärisches Panorama bot, wurde ich jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als ein Security-Chef sich eilig versichern ließ, dass wir auch alle richtige Mundnasenschutzmasken dabeihaben, denn irgendwelche Tücher u.ä. seien nicht gestattet. Kaum hatten wir das Gelände betreten, zog der Himmel zu und ein Wolkenbruch ergoss sich über uns. Doch ein Sicherheitsbediensteter reagierte prompt und verkaufte uns Regenponchos für Stück zwei Euro, unter denen wir fortan ausharrten und am Fassbier (0,5 l für 5,- EUR) nippten. Pünktlich zu den um kurz vor 19:00 Uhr zockenden HARBOUR REBELS zeigte sich das Wetter jedoch von seiner angenehm spätsommerlichen Seite. Zuvor hatte man als Besucher(in) bereits zähneknirschend manch absurd anmutende Auflage befolgen müssen, auf deren Einhaltung das bisweilen etwas überambitioniert wirkende Sicherheitspersonal penibel Acht gab: An die Merch-, Fress- und Saufstände sowie zum Klowagen durfte man auf den dafür vorgesehenen Wegen, unterwegs stehenbleiben war jedoch nicht gestattet, schon gar nicht, sich mit jemandem außerhalb seines fest zugewiesenen Sitzplatzes zu unterhalten – auch nicht bei beständig wehender Hamburger Elbhafenbrise mit Maske auf der Schnauze unter Einhaltung des Mindestabstands. Das ist schon etwas befremdlich. Andere wurden aufgefordert, sich innerhalb ihrer Sitzreihe nicht gegenüber-, sondern nebeneinander zu stellen, wenn sie sich unterhielten. Ständig wurden Menschen auseinandergetrieben oder über Umwege geleitet. Was man sich unter normalen Umständen niemals hätte gefallen lassen, wurde hier akzeptiert und notgedrungen hingenommen. Der Treffen-und-Klönschnack-mit-Gleichgesinnten-Charakter, den solche Konzerte normalerweise haben, litt natürlich darunter.

Zurück zur Musik: HARBOUR REBELS hatten einen klasse Sound und durch die großen Videobildschirme links und rechts an der Bühne wirkte es, als befände man sich auf einem wer weiß wie großen Festival – nur eben mit dem Unterschied, dass vor der Bühne keinerlei Action abging. Wenigstens hielt es kaum jemanden auf den Sitzen und bestand der Sicherheitsdienst nicht darauf, dass man sich auf seine vier Buchstaben zu pflanzen habe. Sängerin Jule und ihre Bandkollegen zockten überaus souverän ihr Set aus deutsch- und englischsprachigen Streetpunk-Songs, von denen erfreulich viele weit mehr als gewohnte Klischeeaussagen transportieren: Textlich ist man am Puls der Zeit und teilt gut begründet gegen Politiker, Autoritäten und mieses Gesindel aus, hat aber auch das obligatorische Sauflied am Start und als letzte Nummer das THE-OPPRESSED-Cover „Skinhead Times“, das mir mit Jules Stimme sogar besser als das Original gefällt. Generell passt ihr kräftiger, melodischer Gesang bestens zum Sound der Band. Lediglich die eine oder andere Ansage war etwas leise und dadurch schwer zu vernehmen. Ansonsten ein klasse Auftritt, Chapeau!

Zwischenzeitlich war auch der vierte im Bunde unserer Konzertdelegation eingetroffen, mit dem ich mir ganz gut einen reingoss und Revue passieren ließ, was eigentlich die letzten Monate so alles passiert ist – wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und so ein Austausch tat verdammt gut. Den Soundtrack dazu boten nach der einmal mehr mit geschmackvoller Musik vom DJ unterlegten Umbaupause also die Plauener LOIKAEMIE in Quartettgröße, die ein ordentliches Best-of-Set bei leider etwas widrigen Soundbedingungen hinlegten. Das Snare-Mikro war entweder zu leise oder defekt, jedenfalls war die Snare kaum vernehmbar, wodurch gerade den schrammeligeren Songs der Kick, die Durchschlagskraft, abging. Zudem fiel uns nun auf, wie leise die P.A. eigentlich war, gefühlt konnte man sich fast in Zimmerlautstärke miteinander unterhalten. Aber ich bin taub, ich will Krach! Zumal sich dort nun auch wirklich keine Nachbar(inne)n befanden, die an erhöhter Lautstärke Anstoß hätten nehmen können. Sei’s drum, die Songauswahl war gut und gerade gitarrenmelodiebetontere Songs wie „Unsere Szene“ oder „Alles was er will“ gehen mir nach wie vor genau wie diverse schöne Singalongs bestens in Ohr, „Rock’n’Roller Johnny“, „Wir sind geil, wir sind schön…“ und „Uns’re Freunde“ sind großartige Hits vom starken „III“-Album, das mit einem Bein im Hardcore stehende „Good Night White Pride“ gilt seit seiner Veröffentlichung zurecht als Hymne einer subszenenübergreifenden Haltung und wurde mit geschwenkten Fahnen präsentiert – und das Lied von der Trinkfestigkeit dürfte auch nach wie vor jeder im Ohr haben. Die Band machte einen gut eingespielten Eindruck, Sänger/Gitarrist Thomas hielt seine Ansagen meist knapp und erlaubte sich nur einen unfreiwillig komischen Versprecher. Die meisten dürften ihren Spaß gehabt haben, die Stimmung wirkte gelöst. Zugaben allerdings gab’s keine und sofort nach Verklingen des letzten Akkords wurde das Areal geleert.

Ein, zwei Besucher sind im Laufe des Abends wohl kräftig mit der Security aneinandergeraten und wurde rausgeschmissen, und gegen Ende gab’s anscheinend noch ‘ne kurze Hauerei im Publikum. Ansonsten ging das für mein Empfinden aber alles überraschend reibungslos und diszipliniert über die Bühne. Das Open-Air-Festival-Gefühl überwog während des Gigs die meiste Zeit, erst wenn ich mich vom Platz wegbewegte und mir die Maske überziehen musste, wurde mir wieder so richtig bewusst, wie wenig hier eigentlich so war, wie man es bis vor ‘nem halben Jahr noch kannte. Gut funktioniert hat der Bierausschank, der auch bei höherem Andrang angenehm flott ging und für den ordentliche Mehrweg-Festivalbecher zum Einsatz kamen, die sich an ihren Henkeln so zusammenstecken ließen, dass man auch ohne Monsterpranken vier auf einmal transportieren konnte, ohne die Hälfte zu verschütten. Mein Dank gilt Sam und Ralf vom Monkeys sowie ihrem Team, die allen Widerständen zum Trotz dieses Konzert durchgezogen haben und damit ein, wie ich finde, bei allen einzugehenden Kompromissen wichtiges Zeichen gesetzt haben. All diese Kompromisse in Kauf zu nehmen ist aber auch ein nicht zu verachtender Akt der Solidarität des Publikums, denn unbeschwerte Party sieht natürlich anders aus.

Das Monkeys & Co. gehören nun jedenfalls zu denen, die gezeigt haben, dass etwas geht und auch, wie es geht. Nun dürften die damit verbundenen Auflagen gern auf den Prüfstand und auf ihre Sinnhaftigkeit abgeklopft werden. Andererseits ist die Open-Air-Saison hierzulande nun auch vorbei. Ich bin gespannt, wie’s weitergeht und hoffe weiterhin das Beste…

14.08.2020, Monkeys Music Club, Hamburg: ARRESTED DENIAL

Mein erster Eintrag hier seit Langem – Covid-19 sei Dank. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Das dachten sich auch die Organisatorinnen und Organisatoren der „Solidary Punk Rock Days“, die vom 6 bis 9. August ein Programm unter Berücksichtigung der Corona-Auflagen auf die Beine gestellt hatten. Ich hatte keine Karten und eigentlich auch keine Teilnahme geplant, auf Kai Motherfuckers Anruf hin verschlug es mich am frühen Samstagabend dann aber doch auf den Lattenplatz vorm Knust, wo man auch außerhalb des eingezäunten Gebiets, in dem kleine Grüppchen an Bierzeltgarnituren platzgenommen hatten, Blicke auf die kleine Bühne bzw. den Bildschirm, auf dem das Spektakel übertragen wurde, erhaschen und sich den Sound als Hintergrundbeschallung zu ein, zwei Wochenendbierchen geben konnte. Die Bremer Funpunks DIE MIMMIS machten den Anfang und coverten u.a. SLIMEs „A.C.A.B.“ mit deutschem Text, gefolgt von Hamburgs dienstältester Punkband: Die RAZORS zockten ihren ersten Gig mit ihrem neuen Gitarristen Stoffel von YACØPSÆ, der den ausgestiegenen Witte ersetzt. Stoffel schrubbte sich absolut souverän durchs gewohnt hitgespickte Set und die ganze Band freute sich ebenso sichtlich über den Gig wie das Publikum, soweit ich das von außen beobachten konnte. Das abschließende WONK-UNIT-Akustikset schenkten wir uns aber.

 

„Nicht links, nicht rechts, nur Gestell“

Das erste Konzert, an dem ich wieder als zahlender Gast teilnahm, wurde schließlich der ARRESTED-DENIAL-Freiluftauftritt auf dem Parkplatz des Monkeys Music Clubs, für den Madame und ich uns rechtzeitig Karten des auf 80 Exemplare begrenzten Kontingents sichern hatten können – bei anderen Monkeys-Veranstaltungen dieser Art waren wir bisher leer ausgegangen, mit Spontaneität kommt man in diesen Zeiten nicht mehr weit. Das Spektakel war Teil der „SOS – SAVE OUR SOUNDS“-Solidaritätskampagne, die Gäste nahmen an weit genug auseinandergestellten Tischen platz und Getränke konnten von dort aus direkt beim Personal geordert werden. Pogo, Circle Pit und Wall of Death entfielen, leider auch die avisierte Vorgruppe LAST LINE OF DEFENSE, da ansonsten die Veranstaltung so lange gedauert hätte, dass sich irgendwelche Nachbarinnen und Nachbarn in ihrer Abendruhe gestört gefühlt hätten…

Doch erfreulicherweise bedeutete dieser Gig nicht nur endlich mal wieder Livemucke, sondern auch ein Wiedersehen mit vielen Bekannten, die man aufgrund der ansonsten brachliegenden Konzertsituation schon länger nicht mehr gesehen hatte. Die Zeit bis zum Beginn verging also wie im Fluge. Da die Bassposition bei ARRESTED DENIAL nach wie vor vakant ist, war kurzerhand Martin Shitler am Viersaiter eingesprungen, der seinen Job sehr ordentlich verrichtete und zum heiteren Sidekick Valentins avancierte. Letzterer begrüßte den Gaußplatz, zählte 22.000 Leute und konstatierte: „Bei uns tanzt eh nie jemand, wir sind viel zu langsam!“. Für die Band war’s also wie immer. Sie bekam einen schön knackigen, dreckigen Sound gemischt, der lediglich bei Martins Background-Gesang etwas schwächelte – welcher aber ohnehin eher schräg klang. Mit viel Humor spielte man sich durch ein kurzweiliges Set und kommunizierte anekdotenreich mit den sich zwischenzeitlich auf einem angrenzenden Dach eingefundenen Gaußplatzbewohner(inne)n und -freund(inn)en. Neben dem TOCOTRONIC-Cover „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ schmetterte man auch die Hardcore-Nummer „Welcome“ von HATECLUB, für welche Eloi von LAST LINE OF DEFENSE, der trotz der Absage erschienen war, das Mikro übernahm – und davon überrascht wurde, dass das Stück plötzlich in den Klassiker „Hate The State“ seiner eigenen Band überging. „Wir sind die SMEGMA des Hardcore!“, gab Valentin anschließend zu verstehen, sodass in diesem Zuge gewissermaßen auch einer dritten Band Tribut gezollt wurde. Martin wirkte im Konzertverlauf zunehmend derangiert, kam aber auch immer mehr aus sich heraus und machte sich u.a. über Valentins Mundharmonikagestell lustig, das für einen Song des Sets zum Einsatz kam. Und als Valentin sah, dass sich Ex-Bassist Timo zwischenzeitlich unters Publikum gemischt hatte, bat er ihn spontan zum ROXETTE-Medley aus „Dressed For Success“ und „Sleeping In My Car“ auf die Bühne. Klasse Schlusspunkt eines Gigs mit hohem Unterhaltungsfaktor, der bei idealen Wetterbedingungen, Musik von DJ Fozzy und Monkeys Red vom Fass noch angenehm ausklang. Danach ging’s erst mal zwei Wochen in den Urlaub, weshalb ich erst jetzt dazu kam, meiner selbstauferlegten Chronistenpflicht nachzukommen.

Bleibt zu hoffen, dass wir uns in nicht allzu ferner Zukunft mit einem Lächeln an den Ausnahmezustand, der zu dieser Art der Konzertimprovisation zwang, erinnern werden, weil er längst wieder der Vergangenheit angehören wird – wenngleich ich diesbezüglich doch arge Zweifel habe…

06.03.2020, Villa, Wedel: EUPHORIE + HARBOUR REBELS + BOLANOW BRAWL + BACKPAIN

Bei einem solch reizvollen Gig-Angebot unterbrechen wir dann doch gern mal unsere Aufnahmen, denen unsere Proben weichen mussten, proben wenigstens ein, zwei Mal das Set und begeben uns frohen Mutes nach Wedel, wo wir vor einigen Jahren schon mal zur Audienz gebeten hatten. Erfolgreich beanspruchten wir auch diesmal, den Opener zu machen. Der Soundcheck lief super (mit der Ausnahme, dass Christian ein Kabel schrottete und sich Ersatz leihen musste), HARBOUR-REBELS-Drummer Chris griff tatkräftig beim Anbringen des Banners unter die Arme und die frisch zubereitete Kürbissuppe+ (mit diversen Gemüseeinlagen) inklusive Baguette mundete vorzüglich – Kompliment an die Küche! Unsere Tradition, auf wenigstens eine Bierlänge den Veranstaltungsort zu verlassen und ein einheimisches Lokal aufzusuchen, verschlug uns diesmal in die Bahnhofskneipe „Holsteiner“, wo Astra vom Fass leer war und wir daher unsere Knollen bei Beschallung mit fragwürdigen Gangsta-Rap-Videos auslutschten.

Gegen 21:30 Uhr zockten wir vor rund 50 Leuten unser Set durch, das mit „Cliché“ eine Live-Premiere enthielt. Der neue Song verfügt über die bisher einzige deutsche Textzeile unserer Bandgeschichte, nämlich der perfekt mit dem Titel korrespondierenden „Heute gehen wir saufen – Punkrock, Fußball, Oi!“. Wie im Prinzip auch alles andere flutschte das Ding anstandslos. Zwischen den Songs fiel auf, dass gefühlt die Hälfte unseres Programms vom Hafengeburtstag inspiriert ist (dem Hamburger wohlgemerkt, nicht dem Wedeler oder gar dem Buxtehuder), und für jeden debilen Gag forderte Christian von Raoul einen Schlagzeugtusch ein. Keith wiederum dankte mir jedes Verlassen der Bühne zugunsten der Tanzfläche, die ich an diesem Abend ständig mit ihm (statt wie sonst mit Ole) aneinanderrasselte. War ‘ne willkommene Abwechslung, mal wieder live zu spielen – nur für ‘ne Zugabe erschien uns der Mob vor der Bühne noch etwas zu müde, weshalb wir ihm diese ersparten.

Die HARBOUR REBELS, jene erst vor wenigen Jahren gegründete Hamburger Streetpunk-Band um Ex-FAST-SLUTS-Bassistin Jule am Gesang und Mitgliedern von HEIAMANN, INSIDE JOB etc., belegten den mittleren Slot. Vornehmlich deutschsprachige, eingängige Songs mit viel Melodie und Hooks, knackigen Refrains und Jules fantastischer Stimme decken neben szenetypischen Themen (mein Favorit: „Trunkenbold“!) auch ernstere, unerfreulichere Bereiche ab, womit man sich angenehm von rein diverse Klischees bedienenden oder mit „unpolitischer“ Laissez-faire-Haltung kokettierenden Langweilern absetzt. Die Band ist schon verdammt weit rumgekommen (ich sag‘ nur: Asien-Tour) und äußerst konzertfreudig, sodass sie auch bestens eingespielt ist und alles sitzt wie ‘ne Eins. Geschmack bewies man auch bei der Cover-Version „Skinhead Times“ von THE OPPRESSED. Spitzenband und ein klasse Auftritt, der zurecht abgefeiert wurde!

Headliner des Abends waren somit die Münchner EUPHORIE, die nach der „Euphorie im Blut“-EP jüngst mit „Mittelfinger“ ein Hit-Album im guten alten unbekümmerten Oi!-Schraddel-Punk-Stil mit kräftiger Leck-mich-Attitüde abgeliefert haben. Ihre Heimatstadt verorten manche nach Bayern, für manch Hamburger oder Schleswig-Holsteiner hingegen ist das längst Norditalien. Aus Sicherheitsgründen und in Ermangelung von paranoiden Deutschen weggehamsterter Desinfektionsmittel arbeitete ich bereits den ganzen Abend daran, möglichen Corona-Infektionen mit der Alkoholkeule zu begegnen und meinen Körper von innen heraus bestmöglich vorbeugend zu desinfizieren. Das schien sehr gut zu funktionieren, ich fühlte mich mopsfidel und dazu in der Lage, die bestens auf den Punkt kommenden deutschsprachigen Alltagshymnen des Trios tanzend zu begleiten. Der EUPHORIE-Gig avancierte zur perfekten Party; obwohl die drei bereits einige Tourtermine in den Knochen hatten, gaben sie sich keine Blöße und hauten kräftig auf die Kacke. Sauber!

Doch anstatt das einfach mal als Höhepunkt des Abends stehenzulassen, setzte Wedel noch einen drauf: Die Oldschool-Hardcore/Hardcore-Punk-Combo BACKPAIN hatte sich spontan entschlossen, im Anschluss ans reguläre Programm noch einen kurzen Gig anzuhängen. Dieser wurde der totale Abriss, der mich derart unvorbereitet traf, dass ich Fotos zu machen vergaß und mich auch ansonsten nicht mehr detailliert erinnern kann – außer, dass die Kleinstadt an der Grenze zu Hamburg einmal mehr eine unfassbar talentierte Band ausgespuckt hat, die mit verschiedenen Shouterinnen und Shoutern (u.a. LAST-LINE-OF-DEFENSE-Eloi und DERANGED-Mareike) die Scheiße noch mal so richtig zum Kochen brachte! Das war die Kirsche auf der Sahnehaube eines klasse Abends, nach dem ich aber auch froh war, noch zwei Tage Wochenende vor mir zu haben. Nicht so übrigens HARBOUR REBELS: Diese zockten direkt am nächsten Tag in den Fanräumen für den guten Zweck, die Rollstuhl-Erlebnisreisen Giambo. Und auch EUPHORIE mussten in Limburg noch mal ran. Respekt! Danke an Benny, Nelly und alle anderen in die Organisation Involvierten, natürlich an Bands und Publikum sowie an Svenja und Flo für die Schnappschüsse!

21.02.2020, Kulturpalast, Hamburg: DESTRUCTION + LEGION OF THE DAMNED + SUICIDAL ANGELS + FINAL BREATH

Die internationale Thrash-Alliance-Tour machte ungefähr auf ihrer Mitte in Hamburg Halt und ging dankenswerterweise nichts in Docks oder in die Markthalle, sondern in den Kulturpalast am Bambi Galore, dem Herzen der Hamburger Metal-Szene. Der Eintrittspreis war echt fair, das Bier bezahlbar und der Termin an einem Freitag, also stand nach einer Feierabenddönerstärkung dem Thrash-Vergnügen eigentlich nichts mehr Wege. Wir hatten uns bemüht, peinlich pünktlich zu erscheinen, um den Opener FINAL BREATH nicht zu verpassen. Aufgrund etwas widersprüchlicher Angaben bei Fratzenbuch, auf dem Kulturpalast-Internetauftritt und auf den Eintrittskarten hätten wir aber gar nicht so zu hetzen brauchen: Obwohl bereits reichlich Metal-Volk anwesend war, waren wir sehr früh dran und konnten uns in aller Seelenruhe ins Bambi begeben, wo der Merchandise der Bands aushing und auslag. Kurios: DESTRUCTION verticken gebrauchte, reichlich lädierte Drumsticks ihres Trommlers Randy Black sowie ebenfalls Gebrauchsspuren aufweisende Trommelschoner oder so. Ob die ebenfalls in der Auslage zu findenden Schlüpfer mit aufgedrucktem DESTRUCTION-Schädel auch bereits benutzt waren, traute ich mich nicht herauszufinden. Was man als Band heutzutage so alles anbieten muss, um in Zeiten eingebrochener Tonträger-Verkäufe über die Runden zu kommen… Dafür bereue ich es heute, mir nicht gleich eines der schnieken Mad-Butcher-Shirts gesichert zu haben.

Ich war etwas in Sorge, dass der Live-Auftritt der ersten Band wieder für den Soundcheck herhalten würde müssen und man die Hälfte eines vermutlich ohnehin kurzen Sets lediglich Brei serviert bekäme, doch das war unbegründet: FINAL BREATH hatten vom ersten Ton an einen verdammt guten Sound, wenn auch durch die recht lauten Kickdrums etwas basslastig. Die bereits seit Mitte der 1990er aktiven und auf vier Alben sowie eine EP zurückblickenden bayrischen Death-Thrasher setzen auf Pretiose und Atmosphäre, ließen sie doch ein langes, düsteres Intro inkl. zum Bandnamen passenden Auszügen aus Schuberts Schwanengesang erklingen (meinte meine bessere Hälfte herausgehört zu haben 😉 ). Obwohl man sich fortan vornehmlich durch Midtempo-Material walzte, bildete sich recht früh ein hübscher Moshpit, zwischendurch wurde die Band immer wieder angefeuert. Später packte man die flotter gespielten Abrissbirnen aus und sorgte für noch mehr Stimmung. Was mir von den langsameren Songs auf Platte vielleicht zu zäh oder monoton gewesen wäre, entfaltete live eine unheilvolle, leicht morbide Atmosphäre, die vom dunklen Bühnenlicht untermalt wurde. Überrascht war ich auch von der Spielzeit der Band, die mir – ohne auf die Uhr geguckt zu haben – länger erschien als meist für Opener üblich. Ein gelungener Auftritt und perfekter Einstieg in den Abend.

Nach recht kurzer Umbaupause breiteten die griechischen SUICIDAL ANGELS ihre Flügel aus, die auf ihrer jüngsten Langrille „Years of Aggression“ mit Songs wie „Born Of Hate“, „The Roof of Rats” und „D.I.V.A.” einige neue Hits untergebracht hatten und sich weiter vom SLAYER-Soundalike emanzipierten.  Von diesen schaffte es lediglich „Born Of Hate“ ins Set, das mit dem Kriegsdoppel „Endless War“/„Capital Of War“ startete und mit „Bloodbath“ zwischenzeitlich seinen Höhepunkt erreichte. Ansonsten hätte ich persönlich den einen oder anderen Song gegen etwas brutaleren Stoff ausgetauscht. Was mich aber viel mehr irritierte, war der gemessen an den anderen drei Bands gefühlt (und gehört) deutlich leisere P.A.-Sound. Oder war das Einbildung? Die Stimmung weiter anzuheizen half der Gig nichtsdestotrotz und das weiter freidrehende Publikum hatte seinen Spaß.

Unterschätzt hatte ich die Kaasköppe LEGION OF THE DAMNED. Was ich bis aufs Debüt „Malevolant Rapture“ für in der Plattensammlung weitestgehend verzichtbar hielt, entpuppte sich live als ultrafieses, tightes Abrisskommando, das mir zeitweise den Atem stocken ließ. Die Setlist der Death-Thrasher setzte sich aus Songs des aktuellen Albums „Slaves of the Shadow Realm“, u.a. dem von mir als Hit des Albums notierten „The Widows Breed“, und älteren Stücken zusammen. Zwar musste ich auf meinen Liebling „Malevolent Rapture“ verzichten, entdeckte mit dem Titeltrack des dritten Langdrehers „Feel The Blade“ aber einen neuen Favoriten und mit dem Signature-Tune „Legion of the Damned“ kam das Debüt dennoch zu vom dazu animierten Publikum mitgesungenen Ehren. Wenn dieser Auftritt nicht ein paar Falten aus der Fresse gezogen hat, hilft auch kein Oil of Olaz mehr: Pfeilschnell, schön fieser Würgröchelkeif-Gesang eines Sängers, der uns zu verstehen gab, uns unsere Kehlen aufschlitzen zu wollen, eine aus sackstarkem Riffing und morbider Melodie errichtete unzerstörte Gitarrenwand und ein brutales Rhythmus-Massaker. Jawoll!

Auf den Headliner DESTRUCTION hatte ich mich am meisten gefreut, feiere ich die deutschen Thrash-Pioniere doch bereits seit seligen Kindheitstagen der 1980er. Als ich erfuhr, dass sich die Band um die Urgesteine Schmier und Mike endlich wieder um einen zweiten Gitarristen verstärkt hat, freute ich mir den Arsch ab – endlich wird Mike gerade live entlastet und endlich bleibt der volle Klampfendruck auch während der geilen Soli erhalten. Der neue Mann heißt Damir Eskić, spielt außerdem bei den Schweizern GOMORRA und hat das neue Album „Born to Perish“ miteingespielt, das mir auch wieder besser als die vorausgegangenen gefällt. Nach dem wunderbar passenden BARRY-MCGUIRE-Evergreen „Eve Of Destruction“, das als Intro aus der Konserve erklang, stieg das Quartett mit dem Titeltrack des neuen Albums ein, von dem es glaube ich drei weitere Stücke in die Setlist geschafft hatten. Ansonsten gab‘ nur wenig jüngeren Stoff, dafür Klassiker wie „Tormentor“ und „Mad Butcher“, das Instrumental-Stück „Thrash Attack“, „Death Trap“ und „Life Without Sense“, zu denen längst auch die extrem lecker gereiften mittelalten „Nailed to the Cross“, „Thrash Till Death“ und „The Butcher Strikes Back“ gehören. Letzterer läutete den zwei oder drei Songs umfassenden Zugabenblock ein, ansonsten bekomme ich die Reihenfolge nicht mehr zusammen – statt mir Notizen zu machen, habe ich DESTRUCTION abgefeiert und so gut ich konnte mitgesungen, während Andere moshten, pogten, circlepitetten, wallofdeathten oder crowdsurften. Schmier führte wie gewohnt in seiner Bühnenrolle, also mit evil verstellter Stimme, durchs Set, was ich ja immer bischn albern finde, ansonsten habe ich aber absolut nichts zu meckern. Hammer-Gig, der nicht nur mich kräftig durchschüttelte und euphorisierte. DESTRUCTION in Top-Form! Nur eines noch: Nehmt mal ruhig „Under Attack“ dauerhaft ins Set, ist ein Spitzensong!

So herrlich all das auch war, eines muss ich noch loswerden: Auf wessen Mist ist das Absperrgitter vor der doch ohnehin recht hohen Bühne gewachsen? Soll das eine Sicherheitsmaßnahme wegen der ab und zu aus dem Bühnenboden schießenden Kunstnebelfontänen sein? Keine Gitter, dafür ein paar Stagediver wären Stimmung und Atmosphäre in jedem Falle noch zuträglicher gewesen. Aber uns war’s am Ende wurscht. Wir verzogen uns noch auf ein, zwei Pilsetten auf die Aftershow-Party im Bambi, wo DJ Poser 667 auflegte und Musikwünsche erfüllte. Und jetzt hab‘ ich Bock auf NECRONOMICON, die am 14. März das Bambi beehren!

07.02.2020, Villa Dunkelbunt, Hamburg: TANZPALAST EDEN + TRÜMMERRATTEN (inkl. ÄHRENGAST)

Oha, doch schon wieder Februar – Zeit also, langsam mal die Konzertwinterpause zu beenden und verschlafen aus dem Bau zu kriechen. Dies empfahl sich vor allem an diesem Freitag, an dem im leider dem Abriss geweihten experimentellen Freiraum Villa Dunkelbunt mitten in Ottensen eine der letzten Veranstaltungen stattfinden sollte: Die Partyfraktion G.A.S. & FRIENDS hatte dort eine große Soli-Sause zugunsten der Mobilisierung der Gegenaktivitäten zum geplanten Naziaufmarsch am 1. Mai in Hamburg anberaumt und rund ums Hutkassen-Konzert herum Infostände aufgebaut, eiskalte Inkognito-Profis hinterm Tresen platziert, namhafte DJs engagiert etc. pp – und das altehrwürdige Gebäude wurde nicht nur wirklich wahnsinnig schnell rappelvoll, nein, sogar die erste Band begann vollkommen Punk-untypisch wie angekündigt pünktlich wie die Maurer. Das Aufgebot beschränkte sich leider auf zwei Bands, da die BRUTALE GRUPPE 5000 von außerirdischen Echsenpollen, die per Chemtrails über ihrem konspirativen Hauptquartier verteilt wurden, außer Gefecht gesetzt worden waren.

Den Anfang machten jedenfalls die TRÜMMERRATTEN, jenes sympathische Hamburger Quartett, das sich konsequent jeglichem Leistungsanspruch verweigert und lieber dem Zwei-Akkorde-Pogo-Punk frönt. Die Ansagen waren meist länger als die Songs, der Gesang leider aufgrund der offenbar an ihre Grenzen geratenen P.A. etwas leise, aber das Gesamtpaket machte wie üblich Spaß: Mit dem Charme des genialen Dilettantismus dargereichte, plakative, radikale D-Punk-Weisen gegen Deutschland, Bullen, Nazis und den HVV, wobei der Gig in der zweiten Hälfte immer flüssiger lief. Eine Nummer überraschte gar mit einem Rockstar-Gitarrensolo – welch ein Kontrast!? Die größte Reaktion des in Teilen vergnügt vor der Bühne pogenden Publikums rief „Nicht genug“ hervor, das dann auch ich lauthals mitgrölte. Der „ÄhrenGASt“ entpuppte sich schließlich als eine Dame und einen Herrn der mir bis dato unbekannten lokalen Jazzpunk-Hoffnung HINTERM GOLFPLATZ LINKS, die sich zum fröhlichen Instrumente- und Mikro-Tausch einfanden, logen, die TRÜMMERRATTEN noch nie zuvor gesehen zu haben (zumindest bei dem Herrn dürfte es sich um ein ehemaliges Mitglied gehandelt haben), und gemeinsam das eine oder andere Ständchen zum Besten gaben – mal vom Zettel abgelesen, mal nicht, und als Höhepunkt von nicht anrufenden Veganern und Radieschen, Radieschen, überall Radieschen handelnd. Dieses Lied hätte ich gern auf Kassette überspielt.

TANZPALAST EDEN ist so was wie ein Nebenprojekt von MÜLHEIM-ASOZIAL-Leuten und hat ungefähr vor einem Jahr sein Demo ins Netz gestellt. Deutschsprachiger, stilistisch eher in den ‘90ern verwurzelter melodischer HC-Punk mit leichter Emo-Kante oder so, so würde ich das grob umreißen. Eher die ernste Schiene, nicht so witzig stumpf und selbstironisch wie das, was TRÜMMERRATTEN & Friends hier kurz zuvor noch zelebriert hatten. Die Umgewöhnung fiel mir etwas schwer, zumal der Gesang wirklich sehr unterging. Auch hier musste sich der Sänger übrigens zeitweise eines Textblatts behelfen. Je ruppiger die Songs klangen, desto besser gefielen sie mir, ein wirkliches Urteil kann ich mir anhand dieses gefühlt auch recht kurzen Gigs jedoch noch nicht bilden.

So nahm die Party also mit Musik aus der Konserve ihren weiteren Verlauf. Als der DJ dann plötzlich Hit an Hit aus meiner Jugend aneinanderreihte, musste ich das natürlich hart abfeiern. Ganz vorbei ist’s in der Villa indes noch immer nicht: Am 06.03. lockt das „allerletzte letzte Abschiedskonzert“ mit SCOOTERKIDSMUSTDIE, BRAINDEAD und MATRONE.

Ach ja, Fotos? Der (nennen wir es mal so) „Abenderöffnungsrede“ meinte ich entnommen zu haben, dass die nicht unbedingt erwünscht seien, sodass ich darauf verzichtete.

20.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: SMALL TOWN RIOT + THE VAGEENAS + VIOLENT INSTINCT

Jetzt, da der Festtagstrubel überstanden ist und ich auf ein paar Litern Staropramen ins neue und letzte Jahr der Dekade gerutscht bin, ist es an der Zeit, endlich den Eintrag über’s letzte besuchte Konzert 2019 nachzureichen: Um die Weihnachtszeit herum öffnet das Monkeys ganz gern mal seine Pforten für gemeinnützige Veranstaltungen, diesmal unter dem Motto „Straßenklang: Von der Straße – für die Straße“ zugunsten der Obdachlosenhilfseinrichtung Alimaus. Feine Sache, vor allem, wenn sie dann auch noch mit drei musikalischen Hochkarätern aus dem Bereich des Punkrocks einhergeht. Als Opener gab’s dann auch noch ‘ne Überraschung: Der mir bisher nur von Fotos oder Videos bekannt gewesene Hamburg City Punkrock Singers AKA Monkey Choir schmetterte, anmoderiert von KAMIKAZE-KLAN-Sänger George, ’77- und Oi!-Punk-Klassiker bis hin zum „Dirty Old Town“-Traditional stimmgewaltig ins Rund, angeleitet von einer Dirigentin/Gesangslehrerin und nur vor einer dezenten Gitarre begleitet. Das hatte zwar teilweise ein bisschen was von Schulchor in der Aula, andererseits wurde der von einiger Szeneprominenz durchsetzte (mein lieber Herr) Gesangsverein offenbar mit derart motivierten und geschmackssicheren Mitgliedern besetzt und die Stücke auf die unterschiedlichen Stimmlagen hin chorgerecht inkl. vereinzelter Soloeinlagen so originell arrangiert, dass das Zuhören tatsächlich zum Genuss und das Projekt zum klasse Anheizer wurde.

Die spielfreudigen Oi!-Punks und -Skins VIOLENT INSTINCT hatte ich nun schon länger nicht mehr live gesehen, wurde also mal wieder Zeit – zumal sie seit einiger Zeit eine starke EP mit englischsprachigen Songs am Start haben, die schön ins Live-Programm integriert wurden. Durchdachte, mitsingkompatible Texte treffen auf Ohrwurmmelodien, die Kraft der zwei Klampfen und einen Ausnahmedrummer sowie natürlich Agas kraftvollen, melodischen Gesang. So ist’s jedes Mal eine Freude, diese Band live zu sehen und zu hören, die nur wenige Klischees erfüllt und gerade deshalb so wichtig für die Szene ist. Der vorletzte Song wurde um ein fantastisches Basssolo Ätzers angereichert, zum Abschluss gab’s gar eine ganz neue, bisher unveröffentlichte Nummer – und als Zugaben zwei ihrer größten Hits, „Hamburg“ und „Sei stolz“, zu denen es Gitarrist Dennis H. nicht mehr auf der Bühne hielt und er wie zuvor bereits Sängerin Aga durch die begeisterten Reihen wandelte.

THE VAGEENAS vom Niederrhein habe ich früher echt gern gehört, das dürften die „I Wanna Destroy“- und „We Are The Vageenas“-EPs sowie das „Live in Hell“-Album gewesen sein. Dann hab‘ ich die Band ums quirlige Fliegengewicht Babette irgendwie aus den Augen verloren und wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es die noch gibt. Und wie es die noch gibt! Inspiriert von wilderem ’77-Punk und sicherlich auch der ‘82er-Schule rotzkrähte die mittlerweile gut zutätowierte, aber einen unheimlich fitten Eindruck machende und kein Gramm Fett am Körper tragende Sängerin einen Hit nach dem anderen raus, wuselte, tanzte und sprang durchs Publikum, kletterte auf die Traversen und wirkte generell wie ein hyperaktiver pinker Flummi. Auch mit ihren gern mal etwas provokanten Ansagen lockte sie den Pöbel aus der Reserve, was in ausgiebigen Publikumsanimationen beim trashigen MR.-PRESIDENT-Song „I Give You My Heart“ – einem der wenigen erlaubten ‘90er-Dancefloor-Scheißdreck-Cover – mündete. Insbesondere in Kombination mit ihrem sich auch im Outfit ausdrückenden Spiel mit Girlie-Klischees ein großer Spaß – wie der ganze Gig. Anner Schießbude übrigens mittlerweile Ex-DISTRICT-Trommler Burn Harper. Geil!

Abschließend beehrten SMALL TOWN RIOT im Rahmen ihres „Reunion ja, aber nur noch seltene, ausgewählte Live-Auftritte“-Konzepts mal wieder die Hansestadt mit ihrem Melodic-Streetpunk/Punk’n’Roll – und wie so oft war im Vorfeld die Rede von viel zu wenigen Proben, von nichtexistenten, letztlich improvisierten Setlists oder Ähnlichem, was manch andere Band vielleicht aus dem Tritt bringen würde, bei SMALL TOWN RIOT aber zum guten Ton gehört und nicht zuletzt schlicht punk ist. Deshalb machte ich mir auch überhaupt keine Sorgen, und natürlich flutschten „Addicted to Authority“, „Working Class Family“ und die „Love Song Trilogy“ ebenso ohne größere Probleme durch wie „Suicidal Lifestyle“ und „Living Hell“, die das echt gut und von vielen bekannten Gesichtern besuchte Monkeys zum Tanzen und Skandieren brachten, das ruhigere „Cemetery Hall“, das für einen angenehmen Kontrast sorgte, bevor es mit „Cheers & Goodbye“, „Peer 52“ und dem lautstark eingeforderten „Timmy“ wieder auf die Omme gab, „Bad Taste in our Big Mouth“, „It’s True“ und „Take a Ride“ zwischen aggressiv, euphorisch und beschwingt mäanderten und die berüchtigte Mischung aus SLIME-Medley und -Ehrerbietung den Schlussteil einleitete, bevor „Working Class Family“ den Gig besiegelte. Besser konnte auch ich als Gast das Konzertjahr 2019 eigentlich gar nicht abschließen; Abzüge in der B-Note muss ich mir nur selbst für die Schnapsidee erteilen, mir noch die VIOLENT-INSTINCT-7“ gekauft und natürlich prompt verloren zu haben. Die dürfte sich jetzt in guter Gesellschaft mit all meinen anderen auf dem, äh, „Transportweg verschollenen“ Tonträgern befinden…

11.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: EXUMER + PRIPJAT + REACTORY

Zuletzt kam’s knüppeldick mit Konzerten, die ich nur ungern hätte sausen lassen, auch wenn sie auf ungünstigen Terminen lagen: Das war bei EXCITER am Sonntag und auch bei diesem Thrash-Triple auf einem Mittwoch der Fall. Da ich den Headliner EXUMER noch nie live gesehen und Bock auf PRIPJAT hatte, ergriff ich die Gelegenheit der „Winter Hostilities Tour“ beim Schopfe – zumal REACTORY und PRIPJAT namentlich und konzeptionell ideal zusammenpassen. Gespräche bei EXCITER im Bambi hatten ergeben, dass die Hamburger Metal-Szene kaum Notiz von diesem Konzert genommen hatte. Die Promotion war offenbar nicht optimal gelaufen, tatsächlich fanden sich nicht überall, wo man es erwartet hätte, Hinweise auf diese Veranstaltung. Als etwas unglücklich empfand ich es auch, den Konzertbeginn mit 20:45 Uhr anzugeben, aber nur wenige Stunden vorher per Facebook bekanntzugeben, dass er auf 20:30 Uhr vorgezogen wurde – insbesondere, wenn der Opener ohnehin lediglich 25 Minuten spielt. Pünktlich wie die Maurer schroteten REACTORY aus Berlin dann auch vor leider nur rund zehn Leuten los. Die 2010 gegründeten Nuklear-Thrasher blicken auf eine Mini-LP und zwei Alben zurück, eine neue Langrille steht bereits in den Startlöchern. Ihr Stil bewegt sich zwischen ruppig, hektisch und technisch anspruchsvoll, manchmal auch alles gleichzeitig, der Gesang ist schön giftig und ein paar Gangshouts sorgen für eine leichte Crossover-Note. Selbstbewusst spielte die Band gleich vier Songs vom noch unveröffentlichten neuen Album, die Lust auf mehr machten, und der Sänger wanderte auch mal durchs Publikum, statt nur auf der Bühne zu verharren. Ein paar mehr Hooks würden REACTORY hier und da gut zu Gesicht stehen, so oder so jedoch knallte der Gig des mit nur einer Gitarre ausgestatteten Quartetts vielleicht auch gerade wegen seiner würzigen Kürze, ganz sicher aber aufgrund des bombigen, druckvollen P.A.-Sounds gut ins Mett.

Die ein Jahr später als REACTORY in Leben gerufenen Kölner PRIPJAT mit zum Teil ukrainischen Wurzeln gehören zum geilsten, was diese Dekade an Thrash-Bands hervorgebracht hat. Als ich sie vor drei Jahren erst- und bis hierhin leider auch letztmals im Vorprogramm von PROTECTOR gesehen hatte, hatten sie mich völlig weggeblasen und mich zum Fan gemacht. Mittlerweile hat man zwei Alben draußen und nichts, aber auch gar nichts an Spielfreude eingebüßt. Das permanente Vollgas vergangener Tage wird nun von ein paar getrageneren, atmosphärischen Momenten und dem einen oder anderen weniger temporeichen Song aufgelockert. Der Fünfer holte alles aus seinen zwei Gitarren heraus und war permanent in Bewegung, der achtarmige Drummer Yannik leistete Übermenschliches und Kirill beherrschte die Doppelbelastung des Gitarrenspiels bei gleichzeitigem infernalischem Schreigesang perfekt. Das Publikum dürfte auf knapp 50 Personen angewachsen sein und bildete einen kleinen, dafür umso aktiveren Pit, der zusätzlich zur Kernschmelze beitrug, von der Band ständig gelobt wurde und dem wiederum mit gesteigertem Körpereinsatz begegnete – man schien sich gegenseitig hochzuschaukeln. Der vermeintlich letzte Song wurde von einem Sprach-Sample-Intro per Playback eingeleitet, natürlich folgte eine weitere Nummer und aufgrund der präzisen Pünktlichkeit und hohen Spielgeschwindigkeit aller hatte man sogar Zeit für einen letzten Absacker, der die Reaktormauern endgültig zum Einsturz brachte. Ein gnadenloser Gig, nach dem man sich selbst, wenn man sich nur außerhalb des Pits aufgehalten hatte, wie kräftig durchgenommen fühlte.

Als die Hessen EXUMER nach kurzer Umbaupause – so wurde beispielsweise das Drumkit um eine zweite Bassdrum erweitert – mit einem Klavierintro aus dem Playback in „The Raging Tides“ übergingen, waren einige leider bereits nach Hause gegangen, andere strichen während des Auftritts die Segel. Vermutlichen mussten sie am nächsten Morgen saufrüh raus, denn an EXUMER kann’s eigentlich nicht gelegen haben. Aber blicken wir zunächst einmal zurück: 1986 und 1987 hat die Band zwei Alben veröffentlicht, von denen sich besonders das Debüt „Possessed by Fire“ in Thrasher-Kreisen ungebrochener Beliebtheit erfreut. 2008 reaktivierte man EXUMER und veröffentlichte seitdem drei Studioalben, darunter das nun betourte „Hostile Defiance“. In der aktuellen Besetzung sind Sänger Mem von Stein und Gitarrist Ray Mensh aus der Ursuppe übriggeblieben, verstärkt um drei jüngere Mitglieder. Der durchtrainierte, bullige Glatzkopf und Frontmann Mem braucht nun keinen Bass mehr zu spielen, kann sich also voll auf sein akzentuiertes Shouting konzentrieren – scheint sein Instrument aber auch bisweilen zu vermissen, denn immer wieder setzt er zum Luftbassspiel an. Der Nachwuchs machte seine Sache sehr gut, die insgesamt dreiköpfige Saitenfraktion bereitete einen schön drückenden Soundwall. Mit dem Material seit der Reunion bin ich nicht sonderlich vertraut und freute mich daher, nun live eine Art Best Of geboten zu bekommen. Das Set lieferte einen guten Überblick über die drei jüngeren Werke, gewürzt mit ein paar Songs des „Possessed By Fire“-Debüts (das Zweitwerk „Rising From The Sea“ blieb glaube ich unberücksichtigt). Die alten Songs klingen ungestümer, die neueren kontrollierter und live wuchtiger, dafür ist aber die Hysterie aus der Stimme gewichen. Meines Erachtens hat die Band eine deutlichere Hardcore-Kante bekommen, die mich bisweilen an einen Act wie MERAUDER erinnerte. Mems Gesangsstil ist sehr eindringlich, deklamierend, in Kombination mit seiner von einigem Posing begleiteten Bühnenpräsenz ergibt das ein durchaus beeindruckendes Bild zwischen „No bullshit“ und „Don’t fuck with me“. Mir fehlen aber ein bisschen die Killer-Refrains, in denen man noch mal aufdreht, ‘ne Schippe drauflegt und damit letztlich im Ohr bleibt. Zum EXUMER-Stil scheint auch zu gehören, die meisten Songs recht abrupt enden zu lassen, was sie noch schnörkelloser und von Ballast befreit wirken lässt und mich einmal mehr an Hardcore erinnert. Alles in allem war das schon ein geiles Live-Erlebnis, das EXUMER schließlich vor einer leider arg spärlichen Kulisse bereiteten. Das hatten sie nicht verdient und tat mir echt leid. EXUMER gaben sich allerdings keine Blöße, zockten absolut souverän ihr Set durch und kamen sogar noch mal für ‘ne Zugabe aus dem Backstage zurück: Dem vom verbliebenen harten Kern frenetisch bejubelten Titeltrack des „Possessed By Fire“-Debüts! Sehr geil, Respekt!

Ob neben der eingangs erwähnten nicht optimal verlaufenen Promo auch der Umstand, dass alle drei Bands dieses Jahr schon mal in Hamburg gespielt hatten, zur überschaubaren Besucher(innen)zahl beigetragen hat und/oder evtl. gegen Jahresende gerade einfach zu viel los ist, lässt sich nur mutmaßen. Stirnrunzeln bereitet mir aber auch, dass man die beiden größten Städte Deutschlands an einem Dienstag und einem Mittwoch beehrte, statt diese auf Wochenendtermine zu setzen und die anderen Orte drumherum zu buchen. Ich will aber gar nicht meckern, denn für mich war’s eigentlich optimal: Ein Gig in der Quasi-Nachbarschaft, auf dem ich nachholen konnte, was ich dieses Jahr verpasst hatte. Ich wünsche allen drei Bands aber, dass die letzten Tourstationen besser besucht und größere Partys waren!

08.12.2019, Bambi Galore, Hamburg: EXCITER + ASOMVEL

Wer schreit, hat recht

Die kanadische Speed-Metal-Legende EXCITER zählte bisher zu den Bands, die ich stets verpasst hatte, wenn sie in hiesigen Breitengraden ein Stelldichein gab. Um das endlich einmal zu ändern, raffte ich mich tatsächlich an diesem Sonntag auf und begab mich ins Billstedter Bambi. Meine Sorge, etwas zu spät zu kommen, erwies sich als unbegründet, technische Probleme verzögerten offenbar den Beginn. Mir bereits im VVK eine Karte gesichert zu haben erwies sich hingegen als weise Voraussicht, denn zu meinem Erstaunen platzte die Bude aus allen Nähten, der Großteil der HH-Oldschool-Metalszene schien sich in Bewegung gesetzt zu haben. Als die englischen ASOMVEL, die mir bis dato noch kein Begriff waren, sich inklusive ihres Drumkits den Bühnenabschnitt vor dem EXCITER-Drumriser aufteilten, vernahmen meine verwöhnten Ohren astreinen MOTÖRHEAD-Rock’n’Roll der klassischen Ära, konsequenterweise in Triogröße dargeboten. Bassist, Sänger und Lemmy-Sound-and-Lookalike Ralph zählt offenbar erst seit 2014 zur bereits 1993 (!) gegründeten Band und ließ wehmütige Erinnerungen ans goldene MOTÖRHEAD-Zeitalter aufkommen, das ASOMVEL sich tief injiziert haben. Der blonde Drummer Jani, sogar erst seit dem vergangenen Jahr in der Band, befand sich auf einer Höhe mit seinen Kompagnons, bangte, was das Zeug hielt, und trat seine beiden transparenten Bassdrums windelweich, während Gründungsmitglied Lenny an der Klampfe kräftig rock’n’riffte und in manch Refrain gesanglich unterstützte. ASOMVEL entpuppten sich als herrlich arschtretender Opener, der manch Sonntagskater austrieb und den Mob, der dies dankbar annahm, auf Temperatur brachte. Da schmeckte sogar das Konterbier!

Der EXCITER-Merchstand sah ganz schön traurig aus, außer ‘ner Mütze, ‘nem Metall-Pin und einer Autogrammkarte für’n Zehner (wer kauft so was?) gab’s nüscht – sämtliche Shirts waren im Tourverlauf bereits ausverkauft worden! Die aktuelle Inkarnation der Band verfügt erneut nicht mehr über die Originalbesetzung, nachdem Gitarrist John Ricci letztes Jahr ausgestiegen ist. Er wurde durch den Jüngling Daniel Dekay ersetzt, der auch kurz vor Beginn den Linecheck durchführte. Alleinstellungsmerkmal der Band ist natürlich der singende und schreiende Drummer Dan Beehler. Dieser ist fit und hat Bock, wenn er auch nicht mehr ganz so markerschütternd zu kreischen in der Lage ist wie einst in den ‘80ern. Seine ungewöhnliche Doppelbelastung meistert er ansonsten tadellos, wenn er auf seinem Riser erhaben über dem willigen Fußvolk thront, das seinerseits danach giert, seine Abhandlungen über Gewalt, Metal, Hass, Krieg und Tod, unterlegt von nachdrücklich polternden Drums, schneidenden Riffs und einem das Tieftonfundament gießendem Bass, in die Lauscher gebrüllt zu bekommen. Das Trio stieg mit „Violence & Force“, dem Titelstück des zweiten Albums, fulminant ein, forderte „Stand up and Fight“ und besang die „Victims of Sacrifice“. Irgendwas zwischen 15 und 20 Songs lang bot man einen handverlesenen Querschnitt durch die ersten vier Alben, also inklusive des etwas unterbewerteten „Unveiling The Wicked“ mit dem besonders hübschen Artwork, was mich positiv überraschte. Der Mob war vom ersten Ton an gut aufgelegt und in Bewegung, und bei „Heavy Metal Maniac“ brachen schließlich alle Schranken: Die Hymne wurde lautstark aus zig gut geölten Kehlen mitgesungen, Metalhead Niko erklomm sogar die Bühne dafür und zeigte stolz seinen zum Song passenden Rückenaufnäher, nackenmuskulaturstrapazierendes Banging und munteres Moshing vor der Bühne gingen mit entfesseltem Fistraising und feuchten Bierduschen einher. Ich habe mich auch besonders über „Break Down The Walls“ gefreut, ohne das man natürlich keine Deutschland-Tour antreten darf. Das fiese „Feel The Knife“, 1985 auf einer EP erschienen, kam ebenso zum Zuge wie – Überraschung! – das Demostück „World War III“, das ich noch gar nicht kannte. Ihm vorausgegangen war das mehrmals lauthals eingeforderte „Long Live The Loud“ und eigentlich sollte dann Schluss sein. Auf die Anfeuerungsrufe des Publikums hin fasste man sich jedoch ein Herz und hatte eine weitere Überraschung in petto: Eine höchst kompetent gezockte Coverversion des MOTÖRHEAD-Gassenhauers „Iron Fist“, zu der Bassist Allan Johnson eine ausgelassen tanzende junge Dame auf die Bühne bat.

EXCITER sind eines mittlerweile ja so vieler positiver Beispiele für Reunions alter ‘80er-Kultbands, von Rip-Off, Halbherzigkeit oder eingerostetem Talent keine Spur: Wie eine gut gewetzte Axt durch einen kanadischen Forst hatte sich die Band durch ihr Set geholzt. So blickte man im Anschluss auch ausnahmslos in begeisterte Gesichter, bevor ich schnellstmöglich den Heimweg antrat – immerhin stand bereits ein Lohnarbeits-Montag mahnend am Horizont…

07.12.2019, Lobusch, Hamburg: GEWALTBEREIT + ANTIGEN + HATEHUG

ABSTURTZ lockten ins Gängeviertel, CHEFDENKER beehrten das Hafenklang, ich aber entschied mich fürs Geballer-Konzert in der Lobusch. Kurz nach 21:00 Uhr war allerdings noch kaum jemand da, sodass noch reichlich Wasser die Elbe (und Bier die Kehle) runterfloss, bis das Berliner Krachquartett HATEHUG irgendwann sein Intro in Form einer Rückkopplung in zwei Tönen erzeugte und anschließend seinen D-Beat/Crust-Punk durchholzte. Das ging relativ unterbrechungsfrei, zu Ansagen oder Kommunikation mit dem mittlerweile in beachtlicher Anzahl erschienenen Publikum ließ sich der Brüllhannes im Sega-Shirt nicht herab. Eben jenes Publikum sah sich dann auch kaum zu Reaktionen genötigt, Gespräche in der Umbaupause ergaben aber, dass die Band durchaus zu gefallen wusste. Tight, konsequent und zudem gut abgemischt war’s allemal und meine Ohren nun frei.

Von ANTIGEN hatte ich bisher lediglich das 2006 erschienene Debütalbum gehört, das mir mit seinem deutschsprachigen Punkrock nicht so gut reinlief. Ehemals in Göttingen stationiert, ist Sängerin/Bassistin Steffi mittlerweile nach Prag übergesiedelt und scheint ihre Band dort einer Neuausrichtung unterzogen zu haben. Die Texte sind nun auf Englisch und der Sound ist verglichen mit dem Debüt – was seitdem veröffentlicht wurde, kenne ich ehrlich gesagt nicht – deutlich härter und kantiger, aggressiver Hardcore-Punk mit angecrusteter Klampfe und Steffis zwischen Rotz, wütendem Geschrei und etwas Melodik mäanderndem Gesang als Alleinstellungsmerkmal. Auch wenn man aufgrund der Verhinderung des zweiten Gitarristen lediglich in Triogröße auftrat, kam das sehr gut und machte Laune, zumal der herausragende Drummer technisch einwandfrei die flotten Beats wirbelte und das Tempo wie eine gut geölte Nähmaschine hielt. U.a. meine lautstarken Forderungen nach einer Zugabe brachten die Band in die Verlegenheit, einen bereits gespielten Song zu wiederholen. „Weißer Mann“, der Hit vom Debüt, zählt heutzutage leider nicht mehr zum Set, hätte wohl auch einen Stilbruch bedeutet. Nichtsdestotrotz: Toller, überzeugender Gig, der Stimmung in die Bude brachte!

Diese erreichte ihren Höhepunkt bei GEWALTBEREIT aus Leipzig, die erst letztes Wochenende im Störtebeker gespielt hatten. Supergarstiger Hardcore-Punk mit klasse auf den Punkt kommenden deutschsprachigen Texten wie damals in den ‘80ern, pfeilschnell und stakkatoartig vom auch mal die Bühne verlassenden Frontmann geshoutet. Im Prinzip klang die Band, als würde man die Klassiker des Genres auf 77 statt 33 rpm abspielen. Gefühlt war schon nach ‘ner Viertelstunde Feierabend, was ungefähr 20 Songs bedeutet hätte und somit sogar hinkommen könnte. ‘ne Zugabe war auch noch drin, außerdem habe ich mir das Stichwort „Kaninchen“ notiert, weiß aber nicht mehr, warum. Ganz nüchtern war ich auch nicht mehr, stattdessen hochgradig euphorisiert. Scheißegal also, GEWALTBEREIT sind die Underground-Band der Stunde für alle, die die Schnauze voll von Post-Gedöns, Ironiepunk und verklausuliertem Emorock haben!

Fazit: Schön, mal wieder Zeit für ein Konzert in der Lobusch gefunden zu haben. Es handelte sich um die letzte Veranstaltung der Disgigz-Konzertgruppe in 2019, die ‘nen klasse Job gemacht und ein sehens- und hörenswertes Line-up auf die Bühne geholt sowie ‘nen schön wuchtigen Sound aus der P.A. gekitzelt hat. So kann’s nächstes Jahr gern weitergehen!

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