Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 47)

22.08.2026, Tipsy Apes, Hamburg: Tobsucht-Party mit TOBSUCHT + NIXDA! + FREVEL + THORSTEN FEHLT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Die seit weiß der Geier wie vielen Dekaden bestehende Buxtehuder Oldschool-Kellerpunk-Institution TOBSUCHT lud auf dem Gelände des legendären Hamburger Metal-Clubs Tipsy Apes im Süden der Hansestadt zur Umsonst-und-draußen-Party mit diversen befreundeten Bands, und wir (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) durften mitmachen.

Ich stand im Vorfeld mit TOBSUCHT-Gitarrist Tierchen in Kontakt, der die Organisation federführend am Hut hatte und unter anderem berichtete, dass die noch auf dem ersten Flyer aufgeführten ANTIMATERIE leider ausfallen, man mit einer Combo namens SPAM REPORTS (o.ä.) aber Ersatz gefunden habe. Diese sagten dann aber doch auch wieder ab, sodass „nur“ fünf Bands zum Tanze aufspielten. So 100%ig spielte das Wetter dann leider auch nicht mit. Als die herzallerliebste Jana uns behände vom Proberaum durch den zähflüssigen Verkehr zum Clubgelände chauffierte, kam noch mal ein deftiger Regenschauer runter, von dem wir hofften, es sei der letzte des Tags gewesen. Pustekuchen! Immer wieder sollte Petrus sich melden, mal nur nieselnd, hin und wieder auch doller. Einige, die ihr Erscheinen eigentlich geplant hatten, hatten daher wohl kurzfristig abgesagt, erzählte man mir – dadurch aber eine geile Sause verpasst, an der laut Zählung eines Tipsy-Apes-Silberrückens um die 140 Besucherinnen und Besucher (inklusive Bandmitgliedern) teilnahmen.

Der Eintritt war frei, das gekühlte Bierchen gab‘s mit 2,- EUR zum Taschengeldpreis, die Bratwurst brutzelte auf dem Grill und für die Bands war ein liebevoll gemachtes Catering aus Deluxe-geschmierten und -belegten Brötchen und Salaten am Start. Großartig!

Als wir eintrafen war ich erst mal von der Größe der Bühne überrascht, denn die hatte ich nach meinem bisher einzigen Besuch des Geländes irgendwie kleiner in Erinnerung. Tierchen war noch mit dem Aufbau beschäftigt; zumindest ein Teil wurde per P.A. abgenommen, die Gitarre hingegen direkt aus der Box geblasen. Unser technikversierter Drummer Mike half mit, die Kabel richtig zu verteilen usw., bis irgendwann eine bespielbare Bühne mit amtlichem Sound stand. Mit Flaschenhaltern und -öffnern an den Mikroständern war an alles gedacht. Den Soundcheck führten kurzentschlossen wir aus, da TOBSUCHT entgegen der ursprünglichen Planung nicht als erste Band spielen konnten: die Drummerin war noch verhindert und traf erst später ein. Kein Ding, eröffneten eben wir den Reigen. Mit etwas für Festivalbedingungen zurechtgestutztem Set und noch halbwegs nüchtern servierten wir unser Repertoire und waren anschließend recht zufrieden, da wir von etwaigen selbst- oder fremdverschuldeten Pannen weitestgehend verschont geblieben waren und das Wetter, das den Beginn zuvor noch weiter hinausgezögert hatte, mitspielte.

THORSTEN FEHLT, eine noch relativ junge Band mit, wie ich vor Ort feststellen durfte, meinem alten Bekannten Didi an der Klampfe, zockte dann rustikalen deutschsprachigen Punkrock mit mal ernsteren, mal eher heiteren Texten, der gut rüberkam und Laune machte. Der aufgrund einer Beinverletzung gehandicapte Basser behalf sich mit einem Stuhl. Da sind in jedem Falle kreative Köpfe aktiv und ich bin gespannt, was da noch so kommen wird. Böse Zungen behaupteten, man höre, dass Thorsten fehlt, aber mit diesem Vor Ort aufgeschnappten Gag ging ich der Band schon direkt nach dem Auftritt auf die Nerven.

FREVEL, die ich schon mehrmals gesehen hatte, auch im Rahmen gemeinsamer Konzerte, werden (bewusst) immer metallischer, ihre jüngste Veröffentlichung trägt gar den Titel „Thrash Punk Inferno“. Und übertreibt nicht: Der angriffslustige HC-Punk/Thrash-Crossover mit Tim Terrors deutsche und englische Texte herausbrüllendem, kehligem Gesang macht schwer was her und kam entsprechend gut an. Der Sound war direkt vor der Bühne am besten, wo man auch vorm Regen geschützt war (eine Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte), die Klampfe orientierte sich viel an klassischem ‘80er-Thrash-Riffing (und beherrschte auch die eine oder andere melodische Passage, die mich gar an alte METALLICA-Großtaten erinnerten), der neue Drummer rührte seine Kessel wie ein Berserker – Killer! Verdientermaßen wurden FREVEL zu einer Zugabe genötigt, derer sie gleich zwei spielten: „No War“ und „Out Of Control“. Während ich früher RAWSIDE als einen der Haupteinflüsse ausmachte, emanzipiert man sich anscheinend immer mehr davon und findet seinen eigenen Brachialsound mitsamt filigraner Einsprengsel, der den kämpferischen Texten gut zu Gesicht (bzw. Gehör) steht.

Ich war nun gut auf Betriebstemperatur, das Bühnenprogramm hinkte dem ohnehin nur grob gesteckten Zeitplan aber weit hinterher – insbesondere die Umbaupausen dauerten länger als geplant. Irgendwann standen dann aber auch NIXDA! auf der Bühne – eine Band, die schon seit geraumer aktiv ist, mir bisher aber seltsamerweise nicht über den Weg gelaufen war. Mittlerweile war es dunkel und ein Lagerfeuer brannte, was ein Plus an Atmosphäre bedeutete. NIXDA! spielen sympathischen deutschsprachigen Punkrock zwischen von klassischem Drei-Akkorde-Songwriting bis melodiebetonten Nummern, die einem im wahrsten Sinne des Wortes Flötentöne beibringen. Den vor einiger Zeit ausgestiegenen langjährigen Sänger Hajo beerbte eine Sängerin mit guter Stimme, die eine andere Klangfarbe einbringt. Leider war die Gitarre zunächst selbst direkt vor der Bühne gar nicht zu hören und das Background-Gesangsmikro des Klampfers ausgeschaltet. Letzteres wurde korrigiert und auch die Gitarre etwas angehoben, so richtig Druck entwickelte sie aber den ganzen Gig hindurch leider nicht. Auch der Hauptgesang hätte ein paar Dezibel mehr vertragen können. Vielen war’s egal; nicht nur vor, sondern auch auf der Bühne wurde getanzt und gefeiert – denn als die Band die Kinder zum Tanz auf die Bühne bat, hatten diese offenbar nicht mehr so recht Lust, sodass die Eltern kurzerhand den Part übernahmen. Ich musste dabei an die Castingszene aus „Kein Pardon“ denken, in der ein Mädchen mit verschränkten Armen dasitzt und dessen Mutter die Nummer singen muss, haha… NIXDA! würde ich mir mit voluminöserem Sound noch mal ankieken wollen, also mal die Augen offenhalten.

Aufgrund der vorgerückten Stunde und weil sich bei Jana eine Mitfahrgelegenheit auf den Kiez bot, strich ich nun vorzeitig die Segel und verpasste damit leider TOBSUCHT, bei denen ich mich aber noch einmal ausdrücklich für diese schöne Sause bedanken möchte. Das Gleiche gilt für die gastfreundlichen Tipsy Apes und alle, die aufopferungsvoll bei Organisation und Durchführung mitgeholfen haben. Gerne mal wieder!

P.S.: Nicht zuletzt danke allen, die den Arsch hochbekommen und mitgefeiert haben sowie nicht zuletzt Jana fürs Fahren und die Schnappschüsse unseres Auftritts!

04.08.2026, Freilichtbühne, Prerow: TAN ÇAĞLAR – Der Teufel trägt Rollstuhl

Tan Çağlar, Sohn türkischer Gastarbeiter, ist ehemaliger Basketballprofi, Schauspieler (Kriminalassistent Malik Aslan im Berliner „Tatort“ und Chirurg Dr. Ilay Demir in der Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“), Mannequin, seit 2017 Comedian – und er sitzt im Rollstuhl. Nach „Rollt bei mir“ und „Geht nicht? Gibt’s nicht“ ist „Der Teufel trägt Rollstuhl“ sein drittes Programm, mit dem er durch Deutschland tourt und in diesem Zuge auch einen Abstecher ins schöne Prerow auf’m Darß machte, als meine wesentlich bessere Hälfte und ich dort gerade urlaubten. Es hat mittlerweile Tradition, dass, wann immer wir da sind, wir ein Comedy- oder Satireprogramm auf der Freiluftbühne aufsuchen, einem sehr schnuckeligen Veranstaltungsort, der deutlich kleiner sein dürfte als jene, die Çağlar für gewöhnlich bespielt. Dass trotzdem ein paar Plätze freiblieben, dürfte mit einer Terminvorverlegung zusammenhängen, die anscheinend leider nicht alle mitbekommen hatten.

Wir kannten bisher keines seiner Programme und hatten ihn als Comedian auch bisher nicht wahrgenommen, ließen uns also einfach überraschen. Çağlar wusste offenbar, dass dies womöglich auch anderen so gehen würde und ein Teil des Publikums vornehmlich deshalb anwesend sein wird, weil es „In aller Freundschaft“-Fan ist. Diesen holte er nach einem Wortwitz mit seinem Namen (stellt man den Nach- vor den Vornamen, spricht er sich kurioserweise „Scharlatan“ aus) direkt ab und bewies bereits hier einen sympathischen Mix aus ungezwungener, spontaner Plauderei und Humor. Ungefähr zwei Stunden lang (nach der Hälfte gab’s eine viertelstündige Pause) verband er die – seine – Themen Fernsehen, Behinderung, Comedy und Migrationshintergrund mit zahlreichen Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bezog auf unterschiedliche Weise immer wieder das Publikum ein und bewies ein sicheres Gespür für Pointen, die auch dann kamen, wenn man gar nicht unbedingt mit ihnen gerechnet hätte. So erweckte er den Eindruck eines persönlichen, in Teilen improvisierten Programms, innerhalb dessen er aber stets dahin zurückfand, worauf er hinauswollte.

Mit viel Selbstironie und Freude am humorvollen Vermitteln eigentlich ernster Inhalte wie Barrieren bzw. vermeintliche Barrierefreiheit und den Umgang mit Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern im Alltag nahm er genau diese aufs Korn, ohne sie (und somit sich) der Lächerlichkeit preiszugeben. Stattdessen schuf er Verständnis ohne jede Verbissenheit, sondern mit viel Offenheit, Esprit und Komik. Mit einer Dame aus dem Publikum tanzte er sogar nach der Pause auf der Bühne, die er zu einer Spezialversion von Madonnas „Like a Prayer“ und mit Pyros in beiden Händen betrat – nachdem er während der ersten Hälfte so getan hatte, als kenne er das Lied gar nicht… Von langer Hand vorbereite Gags wie dieser gingen damit einher, den Abend locker auf sich zukommen zu lassen und sich auf sein Publikum einzustellen. Zumindest wirkte es so, denn Tan Çağlar ist auf der Comedy-Bühne natürlich längst ein Profi. Das hat mir nicht zuletzt aufgrund der vielen positiven Energie ausgesprochen gut gefallen und war eine gelungene Überraschung, bei der ich tatsächlich viel zu lachen hatte.

18.07.2026, Volksparkstadion, Hamburg: Die 80er live

Ins Volksparkstadion zieht es mich ja nun normalerweise nicht unbedingt, doch an diesem Samstag wird es für ein Open-Air-Festival zweckentfremdet. Meine Liebste hat mir zum Geburtstag eine Karte für die unverwüstliche, an Evergreens reiche Radio-Musik meiner Kindheit geschenkt und begleitet mich. Während man mich mit ‘90er-Eurodance und so’nem Zeug jagen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel), habe ich im Laufe der Jahrzehnte eine ausgeprägte Schwäche für ‘80er-Wave, Synthie-Pop, Pop-Rock usw. entwickelt, der ich hin und wieder nachgeben muss. Da liegt diese Veranstaltung natürlich nicht nur logistisch nahe. Zudem scheint sich 80er zu einer eigenen Populärkulturgattung entwickelt zu haben, die zu reproduzieren unzählige Menschen ungebrochen als große Freude empfinden. Mir soll’s recht sein, besser als deutscher Säusel-Pop, Plastik-Metal, Bauerntechno oder Autotune-Hip-Hop ist’s allemal.

Um 16:00 Uhr soll‘s losgehen und jeder Act ein Best of seiner ‘80er-Hits spielen. Wir kommen mit unseren Innenraum-Tickets schon kurz nach 15:00 Uhr an und problemlos im Bereich vor der Bühne unter. Ein DJ sorgt für Stimmung, indem er einige ‘80er-Standards abfeuert. Dass er dabei ausgerechnet mit einem Modern-Talking-Song beginnt und sich damit rechtfertigt, eben jener sei in einer Abstimmung auf dem ersten Platz gelandet, halte ich für einen groben Scherz oder eine Sabotage-Aktion Dieters und Thomas‘. Das Publikum, das nach und nach ins Stadion strömt, umfasst mehrere Altersklassen von in den ‘80ern noch nicht Geborenen bis hoch zu Boomern. Einige haben sich albern kostümiert und erinnern mich damit eher ans Schlagermove-Publikum, die meisten aber tragen schlicht ein ans Wetter angepasstes, legeres Outfit. Es ist nämlich weder zu kalt noch zu heiß, dafür trocken – ideales Open-Air-Wetter also. Wir holen uns unser erstes 7-EUR-teures Pils aus HSV-Plastikbechern, schießen als Beweis dafür, das wirklich durchzuziehen, Selfies mit der Bühne im Hintergrund und harren der Dinge, die da kommen mögen. Die Spannung steigt.

Der ehemalige „Formel Eins“-Moderator Peter Illmann wird vom DJ begrüßt und führt ab jetzt durchs straffe Programm. Als erste Künstlerin kann er SANDRA ansagen, die den Reigen eröffnet und mit „(I’ll Never Be) Maria Magdalena“ in ihr Set einsteigt. Sie hat eine richtige Band dabei; mit dem superatmosphärischen „Secret Land“ folgt ein weiterer meiner Favoriten, gefolgt von „Everlasting Love“. Über „Little Girl“ hätte ich mich noch gefreut, doch der schaffte es nicht in Set. Stattdessen erklingen „Johnny Wanna Live“, „I Need Love“ und „Heaven Can Wait”, als Zugabe darf natürlich „In the Heat of the Night” nicht fehlen. Das eine oder andere Arrangement wurde verändert, zudem mit coolen Songübergängen gearbeitet, was das Material sehr lebendig erscheinen lässt. Im Hintergrund sind (wie es bei Vielen im Laufe des Abends der Fall sein wird) Auszüge der jeweiligen Videoclips zu sehen. SANDRA singt derart perfekt, dass wir uns fragen, ob da eventuell Playback im Spiel ist. Andererseits ist ‘80er-Sound-typisch sehr viel Hall auf der Stimme und vielleicht der eine oder andere weitere Effekt daraufgelegt. So oder so: Ein gelungener Auftakt, der genauso viel Spaß macht, wie ich es mir erhofft hatte – nicht zuletzt, weil zumindest hier relativ weit vorn der Sound auch wirklich stimmt. An Konfetti und Pyros mangelt es hier übrigens nicht, obwohl es noch am helllichten Tage ist. Es wird geklotzt, nicht gekleckert.

Nun also Italo-Disco mit GAZEBO. Nicht unbedingt meine favorisierte Musikrichtung. Klar, „I Like Chopin“ ist ein Hit, aber wie kann ich mir das vorstellen? Er setzt sich hinter ein Keyboard, haucht jenen und ein, zwei weitere Songs in Mikro und geht wieder? Nein. Er verzichtet konsequent auf jedes Instrument auf der Bühne, seine Musik war ohnehin stets vollelektronisch. Stattdessen schreitet er wie eine Mischung aus Gentleman und Sugar Daddy verdammt cool aussehend bis an den vorderen Rand des ins Publikum hineinragenden Stegs, steigt mit „Lunatic“ ein, spielt Luftgeige und überrascht mich mit der Information, dass das von Ryan Paris interpretierte „Dolce Vita“ von ihm geschrieben worden sei, weshalb er es jetzt zum Besten gebe. Das wusste ich nicht und ist eine genauso positive Überraschung wie das folgende „Tarzan Boy“, das ebenfalls aus seiner Feder stammt. GAZEBO haut ein Guilty Pleasure nach dem anderen raus, „I Like Chopin“ ist nun an der Reihe. Immer wieder bezieht er das Publikum mit ein und animiert es, ohne Ballermann-Stücke daraus zu machen. Anschließend kündigt Illmann GAZEBOs Meisterstück an; ein Wortspiel, denn gemeint ist „Masterpiece“, mit dem sich GAZEBO verabschiedet. Ich bin positiv überrascht, das hat richtig Laune gemacht!

Mit NIK KERSHAW wird’s britisch. Und rockig! Mit zwei Gitarren und einem fünfsaitigen Angeberbass befinden sich drei Äxte und damit eben eine vollausgewachsene Rockband auf der Bühne. Möglich, dass der Umbau deshalb länger dauerte. Der DJ überbrückt diese Umbaupausen stets mit Musik aus der Konserve, langweilig wird’s also nicht so schnell. KERSHAW eröffnet mit dem mir bis dato unbekannten „Wide Boy“, gefolgt von der großen Hit-Trinität aus „The Riddle“, „Wouldn’t It Be Good“ und „I Won’t Let the Sun Go Down on Me“. Der größte Sänger war er nie, aber er spielt eine wirklich gute Leadgitarre. Der Höhepunkt ist „I Won’t Let the Sun Go Down on Me“, bei dem der Basser richtig ranmuss und das in einer verlängerten, das Publikum einbeziehenden Version dargereicht wird. Großartig! Ich fühle mich längst pudelwohl und gut aufgehoben hier. Der „Kisscam“-Unfug, mit dem sich die Regie die Zeit bis zum nächsten Act vertreibt, ist bald vorüber, und es geht mit einem weiteren Highlight weiter.

Einer meiner liebsten ‘80er-Synthie-Pophits ist „The Great Commandment“ der deutschen CAMOUFLAGE, mit dem die einen topfitten Eindruck hinterlassende Band einsteigt und somit direkt aus dem Vollen schöpft. Ich bin ganz verzückt und bekomme Gänsehaut. Auch hier laufen die Videoclips im Hintergrund dazu und erlauben direkte Gesichtsvergleiche. Und auch hier steht eine richtige Band auf der Bühne, sogar mit echten Drums. Überraschenderweise entscheidet man sich als zweiten Song für „Suspicious Love“ aus dem Jahre 1993, der zeitlich somit etwas aus der Reihe fällt. Leider ging der Gesang hier ein wenig unter den Bässen unter, der Sänger dafür aber voll ab: Er sprang herum wie ein junger Hüpfer. Als dritte und leider schon letzte Nummer folgt „Love Is A Shield“. Schade, dass niemand mit der Mörderflöte aus dem Video auf der Bühne steht. Ich überlege kurz, ob auch mir wohl eine pinke Blümchenweste stehen würde, aber dann ist auch schon Schluss und die Zugaberufe verhallen ungehört.

Immer mal wieder lässt Illmann durchblicken, dass man im Zeitverzug sei, anscheinend hat die eine oder andere Umbaupause wesentlich länger als vorgesehen gedauert. Ich hatte das Gefühl, dass KIM WILDEs Set gekürzt wurde, um wieder ein bisschen Zeit reinzuholen – kann mir nämlich nicht vorstellen, dass man sie für nur vier Songs auf die Bühne holte. Diese zählen zwar zu ihren größten Hits, da wir auf Toilette und anschließend an einer der überteuerten Fressbuden etwas zu essen holen sind, verpassen wir aber die ersten beiden Nummern und sehen die letzten beiden eher von hinten. Fotos kann ich auch keine machen, da ich die Hände voll habe. Schade, aber besser dies passiert bei Kim als anderswo, denn die hatte ich vor wenigen Jahren ja tatsächlich schon in der Hamburger Fabrik livegesehen. Ihre Co-Sängerin ist übrigens deutlich sichtbar schwanger, da dürfte in Kürze eine Babypause anstehen.

Die folgende Pause wird dafür genutzt, Veranstalter Markus Krampe mit viel Tamtam vorzustellen. Der angepeilte Rekord „Größte 80er-Party der Welt“ wurde trotz um die 40.000 Besucherinnen und Besucher nicht geknackt, letztes Jahr in Gelsenkirchen seien’s mehr gewesen. Als er bekannt gibt, wen er fürs nächste Jahr verpflichtet habe, gibt’s einige „Ohs“ und „Ahs“ zu hören, bei Verkündigung der Teilnahme Dieter Bohlens aber auch Buhrufe und Pfiffe. Zurecht, denn ‘80er-Pop schön und gut – dessen Karikatur brauche ich aber nicht.

Eine echte, tourende Band sind auch ALPHAVILLE, die nun als nächstes Highlight folgen. Und auch sie schmuggeln eine jüngere Nummer ins Set, auf „Big in Japan“ folgt „Carry Your Flag“. Weiter geht’s mit „Sounds Like a Melody“, gesanglich stark variiert – vielleicht nicht unbedingt zum Besten. Dafür wird aber richtig dick aufgefahren, mit Background-Sängerinnen und allem Pipapo, und mittendrin Sänger Marian Gold, der richtig Bock hat, auch mal einen Spruch gegen die AfD raushaut und voller Inbrunst zum großen Finale übergeht: „Forever Young“, für mich eine der ‘80er-Pop-Hymnen schlechthin, in einer verlängerten Version – ganz groß und doch so schnell auch schon wieder vorbei.

Aber es geht ja noch weiter: Die britische CUTTING CREW ist vor allem für ihren Megahit „(I Just) Died In Your Arms“ bekannt, aus dem Debütalbum wurden aber auch weitere Singles ausgekoppelt. So beispielsweise „One for the Mockingbird“, mit dem der Sänger und der Gitarrist zusammen mit der Showband des Abends ihr Set eröffnen – ein Good-Time-Rocker, den kaum jemand kennt. Weshalb man „The One I Love / Play With Fire“ von R.E.M. covert, wenn man fünf Studioalben veröffentlicht hat, erschließt sich mir ebenso wenig wie in einem 20- bis 30-minütigen Slot ein einen Solospot für den Gitarristen unterzubringen. Damit dürften aber zumindest die vielen Trägerinnen und Träger von Hardrock- und Metal-Shirts auf ihre Kosten kommen, die man vielleicht nicht unbedingt auf einer solchen Veranstaltung erwartet hätte. Das Solo ist dann auch pures Gefühl, richtig gut – Michael Schenker wäre stolz gewesen. Die weiteren Songs sind die Schnulze „I’ve Been in Love Before“ und natürlich „(I Just) Died In Your Arms“.  Nachdem zu Beginn des Sets etwas nachgepegelt wurde, entpuppt sich die Gesangsleistung als ebenfalls sehr stark. Der Sänger bekundet zudem seine Solidarität mit der Ukraine. Illmann stellt im Anschluss die Backingband vor, die an diesem Tag bei diversen Acts mitspielt.

Während ihre Tänzerinnen schon in Pose stehen, wird noch die Gitarre gestimmt: „Busenwunder“, Ex-Pin-up-Girl und Pop-Sängerin SAMANTHA FOX kommt mit ihrem Gitarristen sowie, reichlich übertrieben, Deutschlandfahne auf die Bühne, liefert dann aber ab: Harmlos beginnend mit „Nothing’s Gonna Stop Me Now“ und der Coverversion „I Only Wanna Be With You“ (die klasse rüberkommt und mitzusingen Spaß macht) über „I Surrender (To the Spirit of the Night)“ und „Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)“ zum großen Finale, das mit einem balladesken Klavierintro eingeleitete „Touch Me (I Want Your Body)“. Ihr Gesang ist zu Beginn des Sets zu leise, wird aber wie zuvor bei CUTTING CREW rasch hochgezogen. Zu meinem persönlichen Bedauern verzichtet Sam auf mein Lieblingsstück, „Naughty Girls (Need Love Too)“ – und ich stelle gerade fest, dass sie’s irgendwie mit teilgeklammerten Songtiteln hat. Auch sie hat sich übrigens super gehalten und macht einen fitten, durchtrainierten Eindruck.

STARSHIP sind ja auch ein Phänomen: Aus dem Psychedelic Rock kommend und aus JEFFERSON AIRPLANE und JEFFERSON STARSHIP geformt, zocken die in ‘80ern plötzlich supereingängigen Pop und Rock und landen mehrere Megahits. Ich will hier und heute natürlich meinen Karaoke-Fave „We Built This City“ sowie Romantik pur mit „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ hören, mit letzterem geht’s dann auch los. Sänger Mickey Thomas kommt mit Sängerin (das dürfte Stephanie Calvert sein), die ihre Parts überaus durchdringend singt, wie es die Songs verlangen. Alles andere besorgt die Backingband. „Sara“ sowie die JEFFERSON-STARSHIP-Nummer „Jane“ runden das Set ab.

Ich muss gestehen, dass ich mit CULTURE CLUB respektive BOY GEORGE früher nicht viel anfangen konnte. Musikalisch war mir das zu seicht und „Do You Really Want to Heart Me“ zu dick aufgetragen und zu larmoyant. Dass BOY GEORGE homosexuell ist und seine Kunst immer auch ein Statement über die Musik hinaus war, er zu einer Ikone der nichtheteronormativen Bewegung wurde und unzählige Menschen dazu ermutigt haben dürfte, zu sich selbst zu stehen, erschloss sich mir damals als Kind noch nicht, und bis ich das alles – auch in Bezug auf andere Künstlerinnen und Künstler – richtig einordnen konnte, vergingen doch noch einige Jahre. Mittlerweile ziehe ich den Hut davor, und dem Charme von „Karma Chameleon“ konnte ich mich irgendwann auch nicht mehr entziehen. BOY GEORGE betritt hier zusammen mit dem Sänger Vangelis Polydorou und einer mir unbekannten Sängerin die Bühne und lässt sich zudem von der Festival-Backingband begleiten. „Church Of The Poison Mind“ entpuppt sich als angenehm lässige Mischung aus Pop, Soul und etwas Reggae und wird mit WHAM!s „I’m Your Man“ verbunden, was erstaunlich gut zusammenpasst. Die weiteren Nummern sind „Time (Clock of the Heart), „Do You Really Want to Hurt Me” in einer musikalisch ganz neuen Version und natürlich „Karma Chameleon“. BOY GEORGE legt einen superlockeren Auftritt hin, lächelt dabei unentwegt und scheint mit sich und der Welt im Reinen. Pure positive Energie.

Was ich über seine Bedeutung schrieb, trifft auch auf FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD zu, einer für die queere Community unheimlich wichtigen Band, die seinerzeit durchaus als provokant aufgefasst worden war. Meins waren sie nie so ganz; für die Songs schien man Instrumente und Samples aufeinanderzuschichten, als gäb’s kein Morgen mehr, und mir war’s generell etwas zu dick aufgetragen. Deren Sänger HOLLY JOHNSON obliegt es hier nun, mit seiner unverwechselbaren Stimme das große Finale einzuläuten. Auch er lässt sich von besagter Backingband begleiten und singt die großen FRANKIE…-Klassiker „Welcome to the Pleasuredome“, „Two Tribes“, „Relax“ und die Megaschnulze „The Power of Love“. Ein nichtsdestotrotz beeindruckender Auftritt. Seine Stimme scheint kaum gealtert, es ist mittlerweile dunkel und die Lightshow kommt voll zur Geltung, aus den Boxen dringt der typische FRANKIE…-Soundwall. Das ganze Stadion feiert den in schwarzes Leder und Nieten gewandeten HOLLY JOHNSON, und wahrscheinlich bin ich der Einzige, der lieber „Love Train“ und „Americanos“ aus dessen Solokarriere gehört hätte. Das spielt aber überhaupt keine Rolle, denn geflasht bin ich trotzdem – auch von der Pyroshow, die hier noch einmal größer als bei den vorausgegangenen Acts ausfällt. Meiner Liebsten geht’s ähnlich und gemeinsam treten wir nun, gegen 22:30 Uhr, den Rückweg an.

So hatte ich unterm Strich tatsächlich an jedem einzelnen Auftritt hier Spaß, muss den nicht selten ja auch nicht mehr ganz taufrischen Acts Respekt zollen und sehe mich darin bestätigt, welch lebendige Dekade die ‘80er auch im Mainstream-Bereich waren, wie viel Abwechslung und Kreativität sie hergaben und mit wie viel echtem Können sie allen synthetischen Einflüssen zum Trotz verbunden waren. Ich begrüße es zudem sehr, dass hier weitestmöglich auf Playback verzichtet und so authentische Live-Erlebnisse geschaffen wurden. Da stört es mich dann auch kein bisschen, dass es nicht genau wie auf Platte klingt, sondern erfreue mich an Variationen, Abweichungen, dem einen oder anderen nicht getroffenen Ton – das macht es lebendig! Nicht damit gerechnet hätte ich, wie problemlos es auch nach jedem Gang zum WC möglich war, wieder in den vordersten Bereich zu gelangen. Auch wenn es dort von Auftritt zu Auftritt immer voller wurde, kam es nie zu unangenehmem Gedrängel. Offenbar haben die Besucherinnen und Besucher solcher Veranstaltungen darauf keinen Bock und verteilen sich freiwillig übers ganz Areal. Apropos: Wir standen direkt vor einem der großen Lautsprecherriegel, da war der Sound natürlich gut. Passte etwas nicht gleich, wurde schnell nachgeregelt. Ein Stadion gleichmäßig zu beschallen, ist aber natürlich eine Herausforderung. Ich habe die Kritik vernommen, dass in einigen Sitzplatzblöcken der Sound unter aller Kanone und sogar asynchron gewesen sein soll. Ich hoffe, dass das Veranstaltungsteam sich dies zu Herzen nimmt und Abhilfe schafft oder vielleicht nächstes Mal auf den einen oder anderen besonders unattraktiven Block verzichtet. Denn natürlich soll auch, wer nicht mehr ohne Weiteres sieben bis acht Stunden im Getümmel stehen kann oder will, die Chance auf den vollen audiovisuellen Genuss erhalten.  Abgesehen von den indiskutablen Preisen fürs leibliche Wohl war’s für mich ein schönes Erlebnis und etwas Besonderes – und nicht zuletzt eine gelungene Rekontextualisierung des Volksparkstadions…

P.S.: Bessere Fotos professioneller Fotografinnen und Fotografen gibt’s an mehreren Stellen im Netz, bei Interesse einfach mal danach umgucken. Das hier sind nur meine Amateurknipsereien.

P.P.S.: Nicht unterschlagen möchte ich den Bonnie-Tyler-Tribut, auch wenn ich ihn größtenteils verpasst habe: Zwischen zwei abendlichen Acts spielte der DJ „Total Eclipse of the Heart“ und das halbe Stadion sang mit und leuchtete mit seinen Smartphones dazu.

10.07.2026, Kaufhaus mit Herz, Buchholz i.d.N.: HEADLIGHT

Kiki hatte durchblicken lassen, dass HEADLIGHT, die Country-Cover-Kapelle meines alten Kumpels Norman, im Städtchen Buchholz in der Nordheide spielen sollte, und zwar umsonst und draußen. Nachdem ich diese im Winter erstmals live gesehen hatte und sehr angetan war, sprach eigentlich nichts gegen meine Partizipation, denn in der Theorie passte alles: Ich konnte an diesem Freitag zeitig Feierabend machen, hatte in Wintermoor etwas zu erledigen, wofür ich ohnehin über Buchholz fahren musste, und wäre auf dem Rückweg pünktlich zum Konzertbeginn um 19:30 Uhr vor Ort gewesen. Durch die Umsetzung in der Praxis machte die Bahn aber einen dicken Strich. Die Sommerferien hatten begonnen, was bedeutet, dass die S-Bahn auf der gefürchteten, weil besonders störungsanfälligen Linie S3, die das niedersächsische Stade mit dem Schleswig-Holstein’schen Pinneberg verbindet und dazwischen durch ganz Hamburg gondelt, auf einem insbesondere für Berufspendler wichtigen Teilabschnitt einmal mehr für Bauarbeiten gesperrt wurde. Den Ersatzverkehr mit Bussen tut sich keine vernunftbegabte Kreatur an, also weichen alle auf die Regionalbahn aus, um zum Verkehrsknotenpunkt Harburg zu gelangen. Ausgerechnet diese musste auch ich nehmen, um nach Buchholz zu gelangen. Meine S-Bahn zum Hauptbahnhof fiel sang- und klanglos aus, ohne dass es eine entsprechende Durchsage gegeben hätte, die elektronischen Zugzielanzeiger zeigten nur Kokolores an. Reine Glückssache alles an solchen Tagen. Dank eingeplantem Puffer kam ich trotzdem rechtzeitig am Hamburger Hbf an, wo ich vom Gleiswechsel der Regionalbahn erfuhr. Ok, kein Ding. Am Bahnsteig aber bot sich mir ein Bild des Grauens: Menschenmassen, die sich in verschiedene Richtungen schoben, teils mit Kinderwagen, mit Rollatoren oder viel Gepäck. Auch hier auf den Anzeigetafeln nur Falschinformationen (besonders schön: „Bitte nicht einsteigen!“), ein perfektes Chaos.

Bis alle eingestiegen waren, verging Minute um Minute. Pünktlich würde ich hier nicht loskommen, so viel stand fest. Doch noch hatte ich Glück und konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Ha! Doch der Zug setzte sich noch lange nicht in Bewegung. Zunächst musste zigmal durchgesagt werden, dass der Türbereich freigemacht werden müsse, damit diese schließen könnten. Dann eilte das Zugpersonal hastig durch die Abteile, um die Türen manuell zwangszuschließen. Irgendwann ging’s dann endlich mit massiver Verspätung los. Am ersten Zwischenstopp versagte jedoch kurzzeitig eine dieser hochsensiblen Türen ihren Dienst, was ein weiteres Eingreifen des Personals erforderlich machte und noch mehr Verspätung erzeugte. Schnurz, denn wie ich per Durchsage erfuhr: Mein Anschlusszug, der mich von Buchholz nach Wintermoor bringen sollte, hatte ungefähr eine halbe Stunde Verspätung, wodurch ich ihn in jedem Falle noch bekommen würde…

Den Buchholzer Bahnhof hatte ich noch nie so voll gesehen wie an diesem späten Nachmittag; offenbar wollten Etliche diese an jeder Milchkanne haltende Heidebimmelbahn nutzen, um mit ihrem Reisegepäck nach Hannover zu gelangen und von dort in den Urlaub zu starten. Durchsagen am Bahnhof gab es keine, von einer Anzeigetafel ganz zu schweigen. Blicke in die HVV-App verdeutlichten aber, dass die Verspätung immer höhere Ausmaße annahm. Gut, erst mal schiffen gehen. Das einzige Bahnhofsklo war „wegen Vandalismus geschlossen“, nebenan stand aber ein vollgesifftes Dixi, in dem ich meine Duftmarke addieren konnte. Als die Bahn endlich eintrudelte, dauert es noch mal ewig, bis sich alle wie die Ölsardinen hineingezwängt hatten. Das Personal half, die Fahrgäste auf die drei Waggons aufzuteilen, bis es irgendwann mit einer einstündigen Verspätung oder so losging. Für eine rund 20-minütige Strecke wohlgemerkt! Diesmal hatte ich keinen der raren Sitzplätze, aber Lieblingsmusik auf dem Ohr und mache auf stoisch alles über sich ergehen lassenden Mönch. Wenigstens war der ganze Bums an diesem heißen Sommertag klimatisiert. Man ließ sich aber weiterhin alle Zeit, hielt irgendwo, wo die Strecke tatsächlich mal mehrgleisig wurde, um den entgegenkommenden Zug vorbeizulassen, und tuckerte dann in aller Seelenruhe weiter. Irgendwann ließ ich mich in Wintermoor ausspucken, beobachtete noch, wie das Bahnpersonal aus den Fenstern ihrer Kabuffs kletterte, um von außen irgendwo irgendwie einzugreifen (Kollabierte Fahrgäste? Defekte Türen? Reifenplatten?), aber das hatte alles nichts mehr mit mir zu tun und so genoss ich die Abwesenheit jeglicher Menschen. Irgendwann wollte ich den Rückweg antreten, um mir HEADLIGHT anzusehen, ‘n kaltes Bierchen zu zischen und ‘ne Pommes zu verknusemafatzeln. Müßig zu erwähnen, dass die ursprünglich geplante Bahn zeitlich keine Option mehr war. Mit der nächsten wäre ich so oder so zu spät gekommen, auch ohne die zehnminütige Verspätung, die nun am Bahnhof angezeigt und durchgesagt wurde. Diese waren schnell um, dann allerdings wurde zu dieser Bahn lange Zeit gar nichts mehr gesagt und nur die darauffolgende Bahn angezeigt, ganz so, als sei sie verschollen oder habe schlicht aufgegeben. Nach einer halben Stunde oder was weiß ich kam sie dann doch. Kein Sitzplatz zwar, aber auch kein so fieses Gedrängel. Mit dem Konzert hatte ich allerdings schon abgeschlossen, nun lockten nur noch Bier und Pommes.

Zurück in Buchholz stellte ich erfreut fest, dass ich lediglich die Hälfte verpasst hatte, denn ich kam pünktlich zur Pause zwischen den Sets. Allerdings spielten HEADLIGHT nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, auf einem Stadtfest oder so, sondern auf der Rampe des Sozialkaufhauses der AWO. Es gab Bier, aber keine Pommes, dafür Kekse und Blaubeeren. Und HEADLIGHT! Die spielten vor um die zwei Dutzend Menschen, von denen die einen standen und die anderen es sich auf den bereitgestellten Stühlen bequem gemacht hatten. Kiki bot mir ihren Stuhl an und so pflanzte ich mich dazu, um dem Sextett zu lauschen. Der Aufbau war diesmal insofern reduziert, als der Drummer samt seinem Kit durch einen zurückhaltendere Percussions beisteuernden Kollegen ersetzt worden war, wodurch die Performance noch etwas intimer wirkte. Auch Normans E-Gitarre blieb diesmal im Koffer, er beschränkte sich auf die akustische. So coverte man sich durch liebgewonnene und unverwüstliche Klassiker wie „Wagon Wheel“, Buddy Hollys „It’s So Easy!“, Dolly Partons „Jolene“, Del Shannons „Runaway“, Steve Goodmans „City of New Orleans” (dem „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“-Original), Tammy Wynettes „Stand By Your Man“, Johnny Cashs „Daddy Sang Bass“, CCRs „Proud Mary”, zwischendrin ein Medley inklusive Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ und als Zugabe „Save the Last Dance for Me“. Der Begriff Country wurde also eher breit ausgelegt, und wie in Buxtehude brillierten Manuela und Norman als Gesangsduo, während die Songs durch die Instrumentierung inklusive eines Keyboards eine sehr individuelle Note erhielten und dadurch gewannen. Der ideale Soundtrack zum Bierchenzisch nach einem derart stressigen, aber eigentlich herrlich sonnigen Tag. Mit Pommes wär’s perfekt gewesen! Bald darauf verabschiedete ich mich von Kiki und Norman, fuhr mit einer nur noch zehn Minuten verspäteten Bahn zurück nach Hamburg, zog mir ‘ne Pommes ‘nen Döner und bereute es trotz allem kein bisschen, das WM-Viertelfinalspiel dafür versäumt zu haben. Und ins Buchholzer AWO-Kaufhaus muss ich demnächst mal in Ruhe stöbern kommen – dann hoffentlich ohne Bahnchaos from hell…

P.S.: Unter dem Banner „Musik von der Rampe“ finden dort anscheinend öfter mal solch sympathische kleine Konzerte statt, also am besten die Augen offenhalten.

23.05.2026, Café Spunk, Braunschweig: TUKATUKAS + BOLANOW BRAWL

Dass uns außerhalb unserer kleinen Bubble niemand kennt, ist uns bewusst. Dass die TUKATUKAS von der kontinental zu Afrika, politisch aber zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion, die sich gerade auf Europa-Tour befinden, hierzulande auch nicht übermäßig populär zu sein scheinen, macht’s fürs Spunk nicht einfacher. Konnten vor der Covid-19-Pandemie kleine unkommerzielle Konzerte noch für ‘nen Fünfer oder ‘ne Hutspende durchgeführt werden und lockten manch neugierigen Gast oder eine Klientel, die im Punk-Underground schlicht überall hingeht, weil man am Wochenende nichts Besseres zu tun hat, funktioniert so etwas heutzutage, nach einer Pandemie und während diverser Kriege, zunehmender Arbeitsarbeitslosigkeit und einer davongaloppierenden Inflation, vielleicht noch in urbanen Ballungszentren (und dort vorzugsweise in selbstverwalten AZ oder auf Wagenplätzen). Nicht aber in Braunschweig. Hier muss auch ein Laden wie das Spunk, in dem die Subculture-Beat-Konzertgruppe mit viel Leidenschaft und rührendem Engagement ihre Gigs veranstaltet, im VVK 14,- und an der Abendkasse satte 19,- Öcken nehmen. Da hilft es dann auch kaum, dass die Getränkepreise deutlich unterm heutigen Durchschnitt liegen.

Und das Spunk ist ein richtig schnuckeliger Laden, pittoresk in einer ehemaligen Kleingartenkolonie (dadurch aber auch alles andere als zentral) gelegen, mit einer schicken Bühne inklusive gemauertem Schlagzeugpodest. Regelmäßig bekommen dort kleinere Bands eine Auftrittsmöglichkeit, werden aber auch größere Namen angelockt. Draußen stehen Bierzeltgarnituren und ein eigener Tresen mit Grill. Für die Bands gab’s Hotelzimmer, lecker Mampf und Getränke satt. Zudem spielte das Wetter an diesem Tag aber so was von mit, sommerliche Temperaturen und kein Wölkchen am Himmel. Aber von Anfang an: Christian kam am Samstag gerade erst aus dem Urlaub zurück. Frühestmöglicher Zeitpunkt, uns bei ihm zu treffen, war 15:30 Uhr. Dann direkt eilige Abfahrt zum Proberaum, Zeug einladen und mit Bleifuß weiter nach Braunschweig. Ich war überrascht, wie viel Krempel wir trotz vor Ort vorhandener Backline mitschleppen mussten. Zu fünft quetschten wir uns in die Karre, mit Rucksäcken und Equipment auf den Schößen. Die reinste Zumutung, aber dafür ging die Fahrt sehr flott und wir gerieten in keinen Stau. Schnell ins Hotel einchecken und weiter zum Spunk. Dort war man völlig entspannt, alles noch im Zeitplan. Beide Bands hatten genügend Zeit zum Soundchecken. Wir trafen einen Kumpel aus Hamburg, ich sogar einen alten Bekannten, der aus Frankfurt am Main kommend mit besagtem Kumpel unterwegs war. Und den Fahrer der TUKATUKAS erkannten wir auch gleich wieder: Fred, Sänger der Franzosen ANTI-CLOCKWISE. Cool.

Wir zogen weitestgehend souverän unser Set durch, niemand war zu betrunken, die Technik spielte mit, der Sound war laut und knackig, wir erzählten Unfug zwischen den Songs, ohne es zu übertreiben oder uns zu verzetteln. Alles ok so weit, möchte ich behaupten. Vor der Bühne: Rund 20 Leute, von denen weniger als die Hälfe zahlende Gäste waren. Ein ähnliches Bild anschließend bei den französisch-afrikanischen Gästen, die einen interessanten Hardcore-Punk mit Saxofon als Alleinstellungsmerkmal sowie aggressiven Vocals der voll aus sich herauskommenden Sängerin zockten. Das Tempo variierte zwischen gut nach vorne peitschend, Midtempo und groovend, die Texte, wenn ich nicht irre, zwischen Französisch und Englisch. Die Sängerin unternahm zwischendurch einen Ausflug ins Publikum und die ganze Band zeigte eine mitreißende, leidenschaftliche Performance.

Wir hatten längst in den Partymodus geschaltet und labten uns an der lokalen Bierspezialität Wolters, die mir bisher vor allem aus DAILY-TERROR-Songs bekannt war. Überrascht war ich jedoch davon, wie lange meine Bandkollegen dies taten, denn da Leadgitarrist Ole am nächsten Tag schon um 14:00 Uhr wieder zurück in Kiel (!) hatte sein müssen, ging ich davon aus, dass halbwegs zeitig die Segel gestrichen und sich im Hotel abgelegt würde. Pustekuchen.  Als ich schon glaubte, spät dran zu sein, gab’s noch Runde um Runde, bis dann doch noch das Taxi geordert wurde – jedoch nicht etwa zum Hotel, sondern zu einem Schnellrestaurant, wo die vier ihrem Fressflash nachgaben und wir anschließend einen kilometerweiten Gewaltmarsch durch die Braunschweiger Steppe absolvierten, um schließlich um halb vier am Hotel anzukommen. Wie da eine Rückfahrt um 10:00 Uhr morgens gelingen sollte, war mir schleierhaft. Als ich noch unter der Dusche stand, verzeichnete mein Telefon eine Armada hektischer Anrufe, bis man mich dann doch in Ruhe der Körperhygiene nachgehen ließ und ohne mich per Taxi zurück zum 15 km entfernten Spunk fuhr, um dort das Auto mit unserem Zeug vollzuladen und mich am Hotel wieder einzusammeln. Ohne Frühstück Bleifuß zurück nach Hamburg, wo Ole das Gefährt wechselte und direkt nach Kiel weiterbrauste. Nachdem im Proberaum wieder alles verstaut und aufgebaut worden war, konnte ich endlich nach Hause und mir etwas zu beißen besorgen.

Fazit: Erst einmal Riesenrespekt an Melli und Subculture Beat, dass sie das Konzert trotz allem durchgezogen haben – wenngleich es ein Abend war, der sich außer für den Taxifahrer und das Hotel für niemanden gelohnt haben dürfte. Zu unserer Überraschung warf der Doordeal sogar noch ‘nen Fuffi für uns ab. Dass wir trotzdem das Beste daraus gemacht und gefeiert haben, dass die Schwarte kracht, weil man so jung ja nimmer zusammenkommt, ist selbstverständlich – aber ich glaube, ich bin langsam aber sicher zu alt für den Scheiß.

Davon unabhängig: Unterstützt das Spunk und die Subculture-Beat-Veranstaltungen! Laden und Crew haben das weit mehr verdient als irgendwelche Kommerzkaschemmen, deshalb von mir auch noch mal ein extragroßes Riesendankeschön an dieser Stelle!

P.S.: Danke an Jan – erwähnten Hamburger – für die Schnappschüsse unseres Gigs!

08.05.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: SHEER TERROR (und ein bisschen SHELL-SHOCKED auf dem Affengeburtstag)

Als Teil des alternativen Hafengeburtstags wurde wie gehabt auch dieses Jahr am Störtebeker eine Bühne für Punk, Crust, Death Metal u.ä. aufgebaut. Bei mir kam aber einiges zusammen: a) war ich gesundheitlich angeschlagen, sodass sich eine wilde Party mit Vollrausch diesmal verbot, b) sollte es am nächsten Morgen in einen bitter nötigen Kurzerholungsurlaub nach Duisburg (ja, ganz recht!) gehen, weshalb sich eine wilde… ihr wisst schon, und c) hatte ich vor allem Bock auf SHEER TERROR, die im Monkeys gastierten – zumal ich mir nach dem letzten verpassten Gig der NYHC-Legende geschworen hatte, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Nach der Arbeit machte ich mich trotzdem erst mal auf dem Weg zum Hafen, um an den empfehlenswerten Veggie-Ständen, die Teil des Alternativprogramms sind, etwas zu essen und mir anschließend zumindest einen Teil des SHELL-SHOCKED-Auftritts anzusehen. Das Hamburger Quartett zockt flotten, wütenden Punk mit Street- und Hardcore-Punk-Anleihen sowie deutschen als auch englischen Texten. Der Gitarrist setzt vornehmlich auf kräftige Riffs und versieht den Sound spätestens mit seinen Soli mit einer durchaus geschmackvollen Metal-Kante. Da ich davon ausging, dass SHEER TERROR bereits um 21:00 Uhr im Monkeys spielen würden, machte ich mich nach ungefähr fünf Songs aber auch schon wieder vom mehr als gut mit allerlei bekannten Gesichtern gespickten Acker – um auf der Bahnfahrt herauszufinden, dass der Beginn um eine halbe Stunde nach hinten verschoben wurde…

Im Monkeys war man sich des ungünstigen Termins offenbar bewusst und hatte erst gar keine Supportband angeheuert. Dafür wiederum war der Laden gar nicht so schlecht besucht. Um kurz nach halb zehn ging’s mit ‘nem Dröhnintro los, in dessen Folge die ersten drei Songs ohne Pause durchgeholzt wurden. Anschließend erklärte Bandkopf Paul Bearer, dass es sich um die zweite Show überhaupt für den Basser handele – was dieser sich aber nicht anmerken ließ. Weiter ging’s mit „Heartburn in G“, das Eröffnungsstück des starken „Standing Up For Falling Down“-Albums aus dem Jahre 2014, gefolgt vom Klassiker „Twisting and Turning“, dem OLD-97‘S-Cover „Salome“ sowie „Roses“. Die beiden letztgenannten stechen insbesondere durch Pauls hier zum Zuge kommenden cleanen Gesang heraus, wobei vor allem eine Nummer wie „Roses“ dazu beiträgt, dass diese Band das gewisse Etwas hat. Jeweils nach drei, vier Songs nahm er sich zudem wie gewohnt Zeit, um etwas mit dem Publikum zu plaudern. So fand er passende Worte zur aktuellen Situation in seiner US-amerikanischen Heimat und deren Präsidenten, oder aber protzte damit, mittlerweile auf die 60 Lenze zuzugehen, aber noch immer all sein Haar, fast alle seine Zähne und sogar einige Kilo abgenommen zu haben. Seinen Humor hat er glücklicherweise nicht verloren, und so haben seine „Spoken Word“-Passagen auch immer ein bisschen was von Stand-up. Vor allem aber kommt er sehr menschlich und sympathisch rüber, wenn er ohne zu predigen dazu anregt, jeden Tag zu versuchen, ein etwas besserer Mensch zu sein. Und dass Hardcore-Bands nicht auf Tour kommen, um für Zusammenhalt zu werben, sondern um T-Shirts zu verkaufen. Ehrlich ist er nämlich auch, der Gute.

Vom für November angekündigten neuen Album spielten SHEER TERROR das bereits vorab ausgekoppelte „Squat Diddler“ in einer herrlich rauen und wütenden Version. Der Großteil des Sets bestand aber natürlich aus den Klassikern des Debüts, von denen „Just Can’t Hate Enough“ die letzte Eigenkomposition des Abends war, an die man aber direkt, also ohne vorher die Bühne zu verlassen oder sich per „We Want More!“-Rufen bitten zu lassen, das THE-CURE-Cover „Boys Don’t Cry“ anfügte. Nach einer knappen Stunde war Feierabend. Sicherlich ging’s auf SHEER-TERROR-Konzerten in der Vergangenheit schon mehr zur Sache, ein paar Leute waren aber auch an diesem Abend stets vor der Bühne in Bewegung. Andere begnügten sich damit, die Songs mitzusingen oder einfach dazustehen, mit dem Fuß zu wippen und zu genießen. Beim nächsten Mal komme ich gern wieder rum, dann hoffentlich in etwas besserem Zustand. Bleibt zu hoffen, dass diese Europa-Tour nicht eigentlich bereits als eine zum neuen Album angesetzt war, sich dieses aber verzögert hat…

28.03.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: PETER PAN SPEEDROCK + SKROETBALG

Das niederländische Powertrio PETER PAN SPEEDROCK veröffentlichte zwischen 1997 und 2016 unzählige Scheiben und gönnte sich anschließend eine fünfjährige Auszeit. Seit 2021 spielt man wieder live und irgendwann steckte mir meine wesentlich bessere Hälfte, dass sie die Combo gern mal wieder sehen würde – ich glaube, das war leider, nachdem sie uns bereits ein-, zweimal durch die Lappen gegangen war. Als ich vor zig Monaten sah, dass sie Ende März wieder das Monkeys beehren würde, sicherte ich uns kurzerhand Tickets und blockte den Termin im Kalender.

Es handelte sich um eine Art Frühkonzert, sprich: 19:00 Uhr Einlass und um 20:00 Uhr sollte es schon losgehen, damit nach hinten raus noch genügend Zeit für die ‘80/‘90er-Disco blieb. Das bedeutete, dass wir – passenderweise – nach dem Fußball etwas Geschwindigkeit an den Tag legen mussten. Nach dem Zwischenstopp an der Dönerbude eilten wir zum Monkeys, wo SKROETBALG pünktlich wie die Maurer um 20:00 Uhr loslegten, als wir noch an der Garderobe unsere Plünnen abgaben. Erst mal im Pub-Bereich die After-Döner-Zichte schmauchen und ein Monkeys Red schütten, die ebenfalls aus den Niederlanden stammende Vorband lieferte den Soundtrack dazu. Dann aber ab vor die Bühne!

Das Monkeys dürfte so gut wie ausverkauft gewesen sein, erwartungsgemäß waren MOTÖRHEAD-Shirts und -Tattoos ebenso in hoher Frequenz vertreten wie Turbojugend-Kutten. PETER PAN SPEEDROCK zählen zu jenen Bands, die in den 1990ern den Spaß am Rock’n’Roll zurückgebracht hatten und sicherlich auch SKROETBALG beeinflussten. Das Quartett zockte ziemlich schnörkellosen, verzerrten, punkigen Drei-Akkorde-Hauruckrock mit niederländischen Texten und bewies etwas schrägen Humor. Sie sangen unter anderem darüber, wie scheiße die niederländische (und mir bis dato völlig unbekannte) Discounter-Kette „Action“ sei – und dass Beck’s angeblich das beste Bier braue. Ja nee, is‘ klar. Zwischendurch holten sie jemanden auf die Bühne, der anlässlich seines 40. Geburtstags eigens aus Groningen angereist war. Als Zugabe zockte man den TURBONEGRO-Klassiker „Get It On“ in einer gefeierten Version.

Zugegebenermaßen zählen PETER PAN SPEEDROCK nicht unbedingt zu den Bands, die ich zu Hause auflege, entsprechend wenig vertraut war ich mit dem Material. Ich versprach mir aber eine energiegeladene, hochoktanige Punk-/Rock’n’Roll-Show, und exakt die bekam ich auch. Die überwiegend flott nach vorne gespielten Songs umschifften jegliche Monotonie durch immer mal wieder eingestreute Licks und Grooves, wobei die Grundlage in etwa MOTÖRHEAD in weniger bluesig, dafür umso punkiger blieb – wenn ich mich an einer Definition versuchen wollte. Vor der Bühne fand vom ersten Song an relativ harter Pogo statt, dabei durchaus mit weiblicher Beteiligung und mitunter etwas übermotiviert. Wir standen am Rande des Pits und blieben unverletzt. 😉 Die BATMOBILE-Coverversion „Transylvanian Express“ von der Split-Platte mit den Psychobillys kam zu Live-Ehren, „Gotta Get Some“ erfuhr Unterstützung durch einen Gastsänger. Ohne ihn ist die Band nur zu dritt, wobei es schon beeindruckend ist, wie Sänger und Gitarrist Piet die Doppelbelastung meistert, während die Rhythmusfraktion das Pedal immer wieder durchtritt. Bei SKROETBALG bedankte er sich, außer für deren Aussage über Beck’s… Nach ich glaube einer guten Stunde war Feierabend, aber das Monkeys blieb ziemlich voll. Auch wir blieben einfach, genossen die Arbeit des DJs und tranken dem Club eine Schneise ins Bierregal – irgendwie muss man nach so’nem Gig ja wieder runterkommen…

26.03.2026, Turtur, Hamburg: HARBOUR REBELS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Seit geraumer Zeit veranstaltet die „Krach 45“-DIY-Konzertgruppe Konzerte im Turtur auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Besondere: Diese finden stets donnerstags statt. Für viele ist das der Vizefreitag, an dem man schon mal losgehen kann, für uns unser regelmäßiger Probetermin. Um dort auch mal auftreten zu können, verlegten wir quasi die Probe ins Turtur. Krach 45 beraumte ein Konzert zusammen mit unseren Proberaumkollegen, den HARBOUR REBELS, an, sodass es ein stilistisch gemischter Abend wurde (was ich ja ohnehin ganz gerne mag). Das Turtur entpuppte sich als direkt am Kanal gelegene, schlauchförmige Mischung aus Kneipe, Pizzabäckerei und Club mit Tresen, Außenterrasse und allem Pipapo – außer einer Bühne. Diese ebenerdig herzurichten, war gerade die Beschäftigung der Krachis, als ich etwas überpünktlich vor Ort aufkreuzte und die frohe Kunde vernahm, dass es frisch zubereitete Pizza als Bandverpflegung geben würde. Außerdem weihte man mich in die Besonderheiten der Gesangseinlage ein. Diese hat den Vorteil, dass die im Rechteck angeordneten, vier unter der Decke hängenden Boxen eine Art Surround-Sound erzeugen, aber den Nachteil, dass sie leicht Rückkopplungen mit dem Gesangsmikro erzeugen. Gitarren und Bass werden nicht abgenommen, Kickdrum und Snare hingegen schon. Alright.

Zu einer Herausforderung geriet der finale Soundcheck inklusive der Gesänge, da der Teufel wie so oft im Detail steckte. Den einen oder anderen rettenden Einfall und Eisenkarls Hilfe später aber stand das Setup und wir konnten uns die Wannen mit Pizza vollschlagen. (Meine „Welcome To Hell“ war derart grandios, dass ich da irgendwann noch mal als zahlender Gast vorbeikommen muss.) Freibier gab’s zudem satt und da ich am nächsten Tag – wenn auch etwas später als üblich – noch zur Lohnarbeit musste, versuchte ich mich am stets gefährlichen Spagat zwischen Spaß, geselligem, auflockerndem Trinken und, äh, Verantwortungsbewusstsein… Angesichts unserer jeweils in nur geringer Stückzahl erhältlichen Shirts war ich beim Aufbau des Merchstands heillos überfordert und packte die Dinger gar nicht erst aus. Da müssen wir mal wieder System reinbringen. Unser anderes Zeug verkaufte sich dafür nicht schlecht. So’nen kleinen Bauchladen dabei zu haben, lohnt sich dann eben doch immer mal wieder.

Ich freute mich über die erkleckliche Anzahl Besucherinnen und Besucher, die sich an einem Donnerstagabend aufgerafft hatten, darunter eine ganze Delegation vom Gaußplatz, und ein wenig später als ursprünglich geplant zockten wir dann auch endlich – insbesondere zur Beruhigung des ungeduldigen Keith 😉 – unser 15 Songs umfassendes Set. Bei „Elbdisharmonie“ entfiel mir spontan die letzte Strophe, sodass ich die dritte einfach zweimal sang – war mir bislang auch noch nicht passiert. Einen Song spielten wir falsch an, das dürfte es an Patzern aber gewesen sein. Mit Eisenkarl an den Drums kommunizierte ich mangels eines Monitors hin und wieder per Handzeichen. Gitarrist Kai trug plötzlich eine Narrenkappe (wie mir auffiel, als ich mal zur Seite blickte), die während des Sets zudem bis zum Drummer wanderte. Irgendwie darauf zu reagieren war ich gar nicht in der Lage, ich war im Tunnel. Eine kurze Verschnauf- und Trinkpause zusätzlich habe ich uns ermogelt; sechs Nummern quasi unterbrechungsfrei durchzuzocken, ist dann vielleicht doch ein bisschen viel – man wird ja nicht jünger. Vor der Bühne einige bekannte Gesichter, aber auch welche, die uns zum ersten Mal sahen. Schöne Mischung und gute Stimmung innerhalb einer durch den zahlreichen Gebrauch von Kunstnebel sowie den leicht übersteuerten Mikrosound erzeugten ‘80er-Jahre-Atmosphäre. Hatte was!

Die HARBOUR REBELS kamen quasi frisch aus dem Studio, wo sie ihr neues Album eingespielt haben, auf das man gespannt sein darf. Hier und heute gab’s natürlich in erster Linie den bekannten Stoff, was auch einen Stilwechsel bedeutete: Statt unseres wütenden HC-Punk-Gebollers Melodien satt, zum Mitsingen anregende Singalongs und dank der seit Keith‘ Einstieg wieder zwei Gitarren ordentlich Dampf aufm Kessel. Sängerin Jules melodischer Klargesang wies zunächst dieselbe leichte Verzerrung auf wie bei uns, diese wurde mit Eisenkarls Hilfe aber nach und nach herausgeregelt. Auch ihnen unterlief ein falsch angespielter Song und auf das Olaf-Scholz-Intro aus der Konserve musste verzichtet werden (ich glaube wegen eines leeren Akkus), alles andere klang für meine Ohren aber gewohnt souverän. „Die Masken sind gefallen“, „Raus aus dem Dreck“ und als Zugabe „Trunkenbold“ – Lieblingssongs: check. Der Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ sorgte für zusätzliche Auflockerung zwischen vielen in deutscher und englischer Sprache vorgetragenen kämpferischen Songs. Die Stimmung war prächtig und einige schwangen nun auch ausgelassen das Tanzbein. Freue mich auf die neue Platte!

Am Ende war nach hinten raus sogar noch genügend Zeit, eine ganze Weile zu Klassikern aus den Konserve weiterzufeiern und trotzdem noch locker die letzte Bahn zu bekommen. In unserem Falle wurde das noch ein wenig herausfordernd, da auf dem Weg zum Bus noch jemand rückwärts aß und wir erst die richtige Haltestelle finden mussten, was letztlich aber alles gelang. Es war ein Tag bei miesem Wetter und arbeitsbedingt gedämpfter Laune bei mir, doch das Konzert und das ganze Ambiente gaben mächtig Aufwind, und am Schluss schienen fast alle irgendwie glücklich. Danke an Krach 45 und das Turtur für die Einladung und den tollen Service, an die HARBOUR REBELS für den Gig, an alle, die mit uns zusammen bereits am Donnerstag das Wochenende eingeläutet haben und nicht zuletzt an Sheila für die Schnappschüsse unseres Auftritts!

21.03.2026, T-Stube, Rendsburg: VIOLENT INSTINCT + HABGIER + BOLANOW BRAWL

Ursprünglich sollte dieses Konzert in Bad Oldesloe stattfinden, denn unter Kurort machen wir’s eigentlich nicht mehr (Scherz!), doch wurde es schließlich nach Rendsburg in die gute alte (und jüngst gerettete) T-Stube verlegt – einem wichtigen selbstverwalteten Ort für Live-Aktivitäten auf dem flachen schleswig-holstein’schen Land. Eigentlich hätte das Konzert auch mit den niederländischen CITY RIOT als Headliner aufwarten sollen, die letztlich jedoch wegen einer Doppelbuchung passen mussten. Veranstalter Sven alias „Oidesloer“ hatte also gut zu schwitzen, letztlich aber alles prima hinbekommen. Auch unser spätes Aufschlagen – aus den heillos überfüllten Hamburger Straßen auf die Autobahn zu kommen, dauerte länger als der eigentliche Teil der Strecke – schien den Zeitplan nicht sonderlich durcheinandergeworfen zu haben.

Nach sieben Jahren also ein zweites Mal BOLANOW BRAWL in der T-Stube, wo uns Sven und die Crew freundlich empfingen, uns mit der Bühne und deren Technik vertraut machten, den Soundcheck mit uns durchführten und uns mit superleckerem Mampf sowie Freigetränken verwöhnten. Als nach und nach die ersten Besucherinnen und Besucher eintrudelten, wurde draußen die Feuertonne angeheizt. VIOLENT INSTINCT waren auch längst da, deren Sängerin Aga stellte mir freundlicherweise ihr Funkmikro für den Gig zur Verfügung – besten Dank! Irgendwann zwischen 20:00 Uhr und 20:30 Uhr legten wir als erste Band los, was vor allem denjenigen zugutekam, die mit einer der letzten Bahnen wieder nach Hause wollten, mein Körper aber offenbar als etwas ungewohnt empfand – ich kam erst während des Auftritts langsam auf Touren. Wir zockten die komplette LP in an die Live-Situation angepasster Reihenfolge durch, was weitestgehend pannenfrei verlief. Der Keil, der die Bassdrum vom Wandern abhalten sollte, tat dies nur höchst unzureichend und geriet – wie die ganze Bassdrum irgendwann – zu einer potenziellen Stolperfalle für mich, brachte mich aber nicht zu Fall. Ha! Ansonsten war technisch alles ok und unsere aus Leuchtreklamen bestehende Bühnendeko leuchtete, während bei uns die Lampen angingen… Dafür warfen wir die vorgesehenen (Nicht-)Pausen zwischen den Songs übern Haufen, ohne uns aber zu verzetteln. Als Zugabe gab’s wie üblich „Total Escalation“, die Leute schienen zufrieden und wir hatten nun Feierabend. Fast. Hektisch bauten wir unsere Plünnen inklusive unseres neuen Banners ab, verstauten das Zeug in den Karren…

…und tatsächlich hatten HABGIER (nach einem Ennio-Morricone-Intro) schon angefangen, als ich nach einer Kippenlänge von draußen wieder reinkam. Die Neubrandenburger HC-Punk-Band ist auf Duo-Größe geschrumpft, sprich: Gitarristin/Sängerin in Personalunion, Basser/Background-Shouter – aber kein Drummer. Dieser kam aus der Konserve. Dem angemessen rauen Sound, perfekt abgerundet von der herrlich dreckigen Stimme der Sängerin, tat dies keinen Abbruch; für die Optik wäre ein(e) Drummer(in), der/die sich Animal-mäßig so richtig schön reinlegt, aber schon geil gewesen. Das deutschsprachige Material deckte die für diese Musik üblichen, leider nie überholt scheinenden Themen ab, und irgendwann gab’s einen „Song für alle DDR-Punks und die, die’s noch werden wollen“, nämlich eine Coverversion von SCHLEIMKEIMs „Frage der Zeit“. Die Klampfe sägte amtlich, kein Song dürfte länger als 90 Sekunden gewesen sein, und gefühlt recht flott war der Gig auch schon wieder vorbei. Hat Spaß gemacht – und klasse auch, dass die Band relativ kurzfristig hatte einspringen können.

Viel zu lange war’s her, dass ich VIOLENT INSTINCT zuletzt livegesehen hatte; eine ganze Weile hatten sich die Hamburger(innen) live auch eher rar gemacht. Drummerin Camila, mit der ich die Band bisher nie sah, war leider aus gesundheitlichen Gründen verhindert, die Band für diesen Auftritt also auf Quartettgröße geschrumpft. Einer der beiden Denisse hat kurzerhand von der Gitarre ans Schlagzeug gewechselt, man trat also mit nur einer Klampfe auf. Dadurch ging natürlich gerade während den Leadparts etwas Druck flöten, was man aber recht gut kompensiert bekam. Nachdem ich Aga kurz in Unruhe versetzt hatte, weil ich ihr Mikro so gut im Backstage abgelegt hatte, dass ich mich selbst nicht mehr erinnern konnte, wo genau (es sich dann aber doch noch anfand), gab’s 14 Songs lang deutsch- und englischsprachigen, klischeefreien Streetpunk vom Feinsten zu hören. VIOLENT INSTINCT stiegen mit „Lass dich fallen“ in ihr Set ein und setzten anschließend den Fokus verstärkt auf die jüngeren englischen Stücke, darunter auch eine unveröffentlichte Nummer. Und mit der geforderten Zugabe „Hamburg“ setzte man sogar noch einen drauf. Die Songs leben von ihren eingängigen Melodien, den klugen Texten und Agas melodischem Klargesang sowie ihrer Ausstrahlung. Nach wie vor eine großartige Band, von der ich hoffe, dass sie bald mal wieder neues Material veröffentlicht.

Nach dem Konzert ging’s betrunken mit Christian und Veranstalter Sven noch auf ein Bierchen in eine sehr anheimelnde Rendsburger Kneipe, woraufhin wir uns aber sputen mussten, noch die letzte Bahn zu kriegen. Am Bahnhof trafen wir einen anderen Sven, der auf dem Konzert gewesen war und zusammen mit uns weitertrinkenderweise zurückfuhr, bis ich irgendwann ziemlich zerschossen am Sonntag gegen 13:30 Uhr zu Hause wieder die Augen öffnete…

 

Hatte sich also mal wieder gelohnt! Danke an Sandy fürs Fahren und für die Fotos unseres Gigs, an Sheila fürs Video, an Aga fürs Mic, an Oidesloer-Sven für die Einladung und an dessen sowie das T-Stube-Team für die Gastfreundschaft mit allem Zipp und Zapp sowie nicht zuletzt allen Besucherinnen und Besuchern!

31.01.2026, Kulturforum am Hafen, Buxtehude: HEADLIGHT

Mein erstes Country-Konzert

Norman war zusammen mit Timo (R.I.P.) das kreative Zentrum der Streetpunk’n’Roll-Band SMALL TOWN RIOT, aber auch schon immer Vollblutmusiker, der an allen möglichen Stilen handgemachter Musik nicht nur Freude findet, sondern diese auch spielt. Eine ganze Weile war er als Mitglied der APPELTOWN WASHBOARD WORMS sogar jüngster Skiffle-Musiker Deutschlands. Als irgendwann gefühlt alle nach Hamburg zogen, hielt Norman als echtes Dorfkind die Stellung und trat lieber überall im Nirgendwo live auf, ob mit einem seiner Bandprojekte oder als Alleinunterhalter, statt sich stumpf auf dem Kiez zu besaufen. Mit den APPELTOWNs hatte ich ihn früher dann und wann live gesehen, mit der spektakulären Oldschool-Rock’n’Roll-Cover-Combo SPECTATORS leider nur einmal (das aber tatsächlich auf dem Kiez). Seit langem wirkt er auch als Gitarrist und Sänger bei der Country-Cover-Band HEADLIGHT mit, die Ende Januar zwei Gigs in Niedersachsen unweit von Hamburg spielte. Als ich bei Facebook zufällig Wind davon bekam, dachte ich mir kurz, dass es vielleicht nett sein könnte, da mal vorbeizuschauen. Früher hatte Timo das zumindest hin und wieder getan, was ich immer klasse fand. Hätte ich eigentlich auch mal mitkommen können. Tja…

Naja, jedenfalls dachte sich Kiki, die HEADLIGHT bereits live gesehen hatte, ähnliches, und so klügelte sie den Plan aus, noch ein paar Freundinnen und Freunde zusammenzutrommeln, ohne Norman davon zu erzählen. Von allen, die Interesse bekundet hatten, blieben neben Kiki und mir letztlich George, Leiti alias Holger und Eike übrig, außerdem hatte ich den wieder in Buxtehude lebenden Rolf akquiriert. Bei lausig kaltem Winterwetter und nach einer weiteren verkackten Partie des FCSP (während der bereits meine ersten Biere flossen) traten wir per Bahn den Weg in die sympathische Kleinstadt an der Este an und trudelten kurz vor knapp am Kulturforum ein. Jene Location ist eine wichtige, ehrenamtlich betriebene Buxtehuder Institution, um ein kulturelles Programm das ganze Jahr über abseits von Jugendzentrum, Altstadtfest oder Irish Pub anzubieten. Die Mischung aus „Kiki +1“ auf der Gästeliste, QR-Codes auf den Kauftickets ohne vorhandenem QR-Code-Leser und seitens der Veranstalter ausgedruckten Namenslisten der Kartenbesteller, die in unserem Falle aber nicht immer identisch mit den Karteninhabern waren, sorgte für leichte Konfusionen beim Einlass. Und die Bude war quasi ausverkauft, im bestuhlten Saal hatten längst alle platzgenommen. Außer uns. Damit wir zusammensitzen konnten, blieb nur noch die erste Reihe direkt an der Bühne. Also getreu dem alten Hardcore-Motto „Always first row!“ hingefläzt und am Bierchen genippt. Noch schnell eine zu dampfen blieb keine Zeit mehr, pünktlichst um 20:00 Uhr betrat das Sextett die Bühne.

Nun hatte ich also den Schlamassel: Ich saß angetrunken zwischen weiteren angetrunkenen und mitunter etwas aufgedrehten Mitgliedern unserer Delegation, mein Nikotinspiegel sank in bedenkliche Tiefen, hinter und neben uns ein Publikum, das konzentriert der Darbietung der Band lauschen wollte und dessen Altersdurchschnitt selbst wir noch deutlich messbar drückten, und fragte mich, was ich eigentlich mit Country-Musik am nicht vorhandenen Cowboy-Hut habe? Eike protzte stolz mit seiner eigens mitgebrachten Stirnleuchte („Guckt mal, ein Headlight!“), womit er sofort im Mittelpunkt stand. Die Band zeigte sich begeistert und konterte mit einer LED-Lichterkette. Norman erkannte uns nach und nach, als er durch die Noten- und Mikroständer hindurchblicke, lachte und freute sich. Was aber hatte ich denn nun also mit Country am Hut? Klar habe ich die JOHNNY-CASH-Standards in der Sammlung (und sogar ein bisschen mehr), und JOHN LEYTON, CHIP HANNA und MR. BLUE finden sich hier ebenfalls, dann wird’s aber auch schon eng. Und Ahnung habe von Country nun wirklich null.

Doch HEADLIGHT sorgten dafür, dass das völlig egal war, um den Abend genießen zu können. Als Norman zu spielen begann, wurde mir wieder bewusst, welch großartiger Musiker er ist. Er könnte wahrscheinlich auch ‘90er-Eurodance- und Schlumpftechno-Scheußlichkeiten nachspielen und dabei das Telefonbuch singen, es würde geil werden. Zusammen mit Manuela teilte er sich den Hauptgesang, mal jeweils solo, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, und nicht nur diese beiden Stimmen harmonierten perfekt miteinander. Die Backgrounds waren bestens auf die Stücke abgestimmt. Die klassische Rock-Instrumentierung mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass ergänzte Klaus am Keyboard, der die Nummern dezent begleitete. Die Rhythmusfraktion aus Volker am Tieftöner und Matthias am Schlagzeug war supertight. Zunächst offerierte man ein paar eher getragene Nummern, bis Norman die akustische gegen die E-Gitarre tauschte und die flotteren Stücke ausgepackt wurden (im weiteren Verlauf wurde die Klampfe immer mal wieder gewechselt). Das machte tierisch Laune; die in Sachen Country vorbelasteten Kiki und Eike waren in ihrem Element und kannten jeden Song, während ich vieles zum ersten Mal hörte. Aber bei Weitem nicht alles! Einiges erkannte ich beispielsweise aus dem Radio wieder und hätte ich gar nicht zwingend im Country-Bereich verortet, bei mancher Nummer dürfte es sich auch um eine genrefremde, durch den Countrywolf gedrehte gehandelt haben. Überhaupt wiesen die meisten Songs eine angenehm starke eigene Note auf. Ein Lied über Alkohol widmete man der ersten Reihe, warum auch immer!? Manuela erwies sich nicht nur als Spitzensängerin mit ebenso viel Kraft und Ausdruck wie Seele, sondern auch als Entertainerin, ferner gar als Country-Dozentin, die immer wieder ins Publikum fragte, ob es Fragen zum Stück gebe. Sie plauderte aus dem Nähkästchen, u.a. über die Schriftgröße der Setlists, und forderte das Publikum dazu auf, sich untereinander bekannt zu machen. „Blue Moon of Kentucky“, unheimlich stark von Norman gesungen, war mein persönlicher zwischenzeitlicher Höhepunkt. Nach der Hälfte des Sets gab’s eine Pause.

Geil, endlich eine schmauchen. Vorher galt es aber noch, die von Manuela prophezeite Theken-Polonaise zu überstehen, womit nichts anderes als die mordslange Schlange am Tresen gemeint war. Doch das Kulturforum-Ausschankteam war auf zack. Zeit zum Durchzählen: Einer von uns hatte die Biege gemacht, sogar schon nach zehn Minuten. Er war von seinen Körperfunktionen übermannt worden. Ok, kommt vor. Der Rest war am Start und holte Runde um Runde. Als es weiterging, sang Eike lautstark „Wagon Wheel“ mit, woraufhin die Band ihm für die Dauer des Songs ein Mikro überließ. Wäre die Bude nicht bestuhlt gewesen, wäre wohl spätestens jetzt ausgelassen getanzt worden. So aber blieb es dabei, mit dem Fuß zu wippen, unruhig auf dem Sitz hin und her zu rutschen und sich seiner Hyperaktivität darin zu ergeben, ständig Teile des Bühnenaufbaus zu befummeln (wie es zumindest einer von uns tat, was etwas kurios anzusehen war). Zugegebenermaßen erreichte unsere erste Reihe auch der eine oder andere Ordnungsruf, vor allem, wenn zwischen den Songs zu laut miteinander gequatscht wurde. Harndrang und Bierdurst trugen ihr Übriges dazu bei, Unruhe zu verursachen und unangenehm aufzufallen, aber wat willste machen? Diese zweite Hälfte des Sets jedenfalls hatte es so richtig in sich, ein Hit (und „Das kennste doch…“-Moment meinerseits) jagte den nächsten, Norman und Finn-Ole gniedelten voller Spielfreude Soli und Leads, „Valerie“ (einst bekannt gemacht von AMY WINEHOUSE) machte auch in dieser Interpretation eine tolle Figur, und erst mit der zweiten Zugabe („Aber nur, wenn ihr alle dann auch geht!“), dem unvermeidlichen „Country Roads“, endete der Abend.  Das war ‘ne Eins-A-Performance auf spielerisch höchstem Niveau von einer Band, die zudem echte Leidenschaft in die Musik legt und diese auch ihrem Publikum zu vermitteln versteht.

Als Eindruck nehme ich vor allem mit, welch breites Spektrum Country-Musik doch ist, vor allem, wenn man es mit den Genregrenzen etwas lockerer nimmt – zudem wie bereichernd es sein kann, auch in Sachen Livemusik ab und zu mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schön natürlich auch, dass Norman begeistert war, uns Kapeiken mal wiederzusehen. Zu einer echten Herausforderung wurde es dann noch, auf dem Weg zum Bahnhof noch ein paar Pilsetten für die Fahrt aufzutreiben, aber selbst das hat irgendwie noch geklappt. Danke allen, die den Arsch hochbekommen haben, an Kiki fürs Organisieren unserer kleinen Ausfahrt sowie an HEADLIGHT und das Kulturforum für den fantastischen Abend! Buxtehude – immer einen Ausflug wert!

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