Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 47)

23.05.2026, Café Spunk, Braunschweig: TUKATUKAS + BOLANOW BRAWL

Dass uns außerhalb unserer kleinen Bubble niemand kennt, ist uns bewusst. Dass die TUKATUKAS von der kontinental zu Afrika, politisch aber zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion, die sich gerade auf Europa-Tour befinden, hierzulande auch nicht übermäßig populär zu sein scheinen, macht’s fürs Spunk nicht einfacher. Konnten vor der Covid-19-Pandemie kleine unkommerzielle Konzerte noch für ‘nen Fünfer oder ‘ne Hutspende durchgeführt werden und lockten manch neugierigen Gast oder eine Klientel, die im Punk-Underground schlicht überall hingeht, weil man am Wochenende nichts Besseres zu tun hat, funktioniert so etwas heutzutage, nach einer Pandemie und während diverser Kriege, zunehmender Arbeitsarbeitslosigkeit und einer davongaloppierenden Inflation, vielleicht noch in urbanen Ballungszentren (und dort vorzugsweise in selbstverwalten AZ oder auf Wagenplätzen). Nicht aber in Braunschweig. Hier muss auch ein Laden wie das Spunk, in dem die Subculture-Beat-Konzertgruppe mit viel Leidenschaft und rührendem Engagement ihre Gigs veranstaltet, im VVK 14,- und an der Abendkasse satte 19,- Öcken nehmen. Da hilft es dann auch kaum, dass die Getränkepreise deutlich unterm heutigen Durchschnitt liegen.

Und das Spunk ist ein richtig schnuckeliger Laden, pittoresk in einer ehemaligen Kleingartenkolonie (dadurch aber auch alles andere als zentral) gelegen, mit einer schicken Bühne inklusive gemauertem Schlagzeugpodest. Regelmäßig bekommen dort kleinere Bands eine Auftrittsmöglichkeit, werden aber auch größere Namen angelockt. Draußen stehen Bierzeltgarnituren und ein eigener Tresen mit Grill. Für die Bands gab’s Hotelzimmer, lecker Mampf und Getränke satt. Zudem spielte das Wetter an diesem Tag aber so was von mit, sommerliche Temperaturen und kein Wölkchen am Himmel. Aber von Anfang an: Christian kam am Samstag gerade erst aus dem Urlaub zurück. Frühestmöglicher Zeitpunkt, uns bei ihm zu treffen, war 15:30 Uhr. Dann direkt eilige Abfahrt zum Proberaum, Zeug einladen und mit Bleifuß weiter nach Braunschweig. Ich war überrascht, wie viel Krempel wir trotz vor Ort vorhandener Backline mitschleppen mussten. Zu fünft quetschten wir uns in die Karre, mit Rucksäcken und Equipment auf den Schößen. Die reinste Zumutung, aber dafür ging die Fahrt sehr flott und wir gerieten in keinen Stau. Schnell ins Hotel einchecken und weiter zum Spunk. Dort war man völlig entspannt, alles noch im Zeitplan. Beide Bands hatten genügend Zeit zum Soundchecken. Wir trafen einen Kumpel aus Hamburg, ich sogar einen alten Bekannten, der aus Frankfurt am Main kommend mit besagtem Kumpel unterwegs war. Und den Fahrer der TUKATUKAS erkannten wir auch gleich wieder: Fred, Sänger der Franzosen ANTI-CLOCKWISE. Cool.

Wir zogen weitestgehend souverän unser Set durch, niemand war zu betrunken, die Technik spielte mit, der Sound war laut und knackig, wir erzählten Unfug zwischen den Songs, ohne es zu übertreiben oder uns zu verzetteln. Alles ok so weit, möchte ich behaupten. Vor der Bühne: Rund 20 Leute, von denen weniger als die Hälfe zahlende Gäste waren. Ein ähnliches Bild anschließend bei den französisch-afrikanischen Gästen, die einen interessanten Hardcore-Punk mit Saxofon als Alleinstellungsmerkmal sowie aggressiven Vocals der voll aus sich herauskommenden Sängerin zockten. Das Tempo variierte zwischen gut nach vorne peitschend, Midtempo und groovend, die Texte, wenn ich nicht irre, zwischen Französisch und Englisch. Die Sängerin unternahm zwischendurch einen Ausflug ins Publikum und die ganze Band zeigte eine mitreißende, leidenschaftliche Performance.

Wir hatten längst in den Partymodus geschaltet und labten uns an der lokalen Bierspezialität Wolters, die mir bisher vor allem aus DAILY-TERROR-Songs bekannt war. Überrascht war ich jedoch davon, wie lange meine Bandkollegen dies taten, denn da Leadgitarrist Ole am nächsten Tag schon um 14:00 Uhr wieder zurück in Kiel (!) hatte sein müssen, ging ich davon aus, dass halbwegs zeitig die Segel gestrichen und sich im Hotel abgelegt würde. Pustekuchen.  Als ich schon glaubte, spät dran zu sein, gab’s noch Runde um Runde, bis dann doch noch das Taxi geordert wurde – jedoch nicht etwa zum Hotel, sondern zu einem Schnellrestaurant, wo die vier ihrem Fressflash nachgaben und wir anschließend einen kilometerweiten Gewaltmarsch durch die Braunschweiger Steppe absolvierten, um schließlich um halb vier am Hotel anzukommen. Wie da eine Rückfahrt um 10:00 Uhr morgens gelingen sollte, war mir schleierhaft. Als ich noch unter der Dusche stand, verzeichnete mein Telefon eine Armada hektischer Anrufe, bis man mich dann doch in Ruhe der Körperhygiene nachgehen ließ und ohne mich per Taxi zurück zum 15 km entfernten Spunk fuhr, um dort das Auto mit unserem Zeug vollzuladen und mich am Hotel wieder einzusammeln. Ohne Frühstück Bleifuß zurück nach Hamburg, wo Ole das Gefährt wechselte und direkt nach Kiel weiterbrauste. Nachdem im Proberaum wieder alles verstaut und aufgebaut worden war, konnte ich endlich nach Hause und mir etwas zu beißen besorgen.

Fazit: Erst einmal Riesenrespekt an Melli und Subculture Beat, dass sie das Konzert trotz allem durchgezogen haben – wenngleich es ein Abend war, der sich außer für den Taxifahrer und das Hotel für niemanden gelohnt haben dürfte. Zu unserer Überraschung warf der Doordeal sogar noch ‘nen Fuffi für uns ab. Dass wir trotzdem das Beste daraus gemacht und gefeiert haben, dass die Schwarte kracht, weil man so jung ja nimmer zusammenkommt, ist selbstverständlich – aber ich glaube, ich bin langsam aber sicher zu alt für den Scheiß.

Davon unabhängig: Unterstützt das Spunk und die Subculture-Beat-Veranstaltungen! Laden und Crew haben das weit mehr verdient als irgendwelche Kommerzkaschemmen, deshalb von mir auch noch mal ein extragroßes Riesendankeschön an dieser Stelle!

P.S.: Danke an Jan – erwähnten Hamburger – für die Schnappschüsse unseres Gigs!

08.05.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: SHEER TERROR (und ein bisschen SHELL-SHOCKED auf dem Affengeburtstag)

Als Teil des alternativen Hafengeburtstags wurde wie gehabt auch dieses Jahr am Störtebeker eine Bühne für Punk, Crust, Death Metal u.ä. aufgebaut. Bei mir kam aber einiges zusammen: a) war ich gesundheitlich angeschlagen, sodass sich eine wilde Party mit Vollrausch diesmal verbot, b) sollte es am nächsten Morgen in einen bitter nötigen Kurzerholungsurlaub nach Duisburg (ja, ganz recht!) gehen, weshalb sich eine wilde… ihr wisst schon, und c) hatte ich vor allem Bock auf SHEER TERROR, die im Monkeys gastierten – zumal ich mir nach dem letzten verpassten Gig der NYHC-Legende geschworen hatte, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Nach der Arbeit machte ich mich trotzdem erst mal auf dem Weg zum Hafen, um an den empfehlenswerten Veggie-Ständen, die Teil des Alternativprogramms sind, etwas zu essen und mir anschließend zumindest einen Teil des SHELL-SHOCKED-Auftritts anzusehen. Das Hamburger Quartett zockt flotten, wütenden Punk mit Street- und Hardcore-Punk-Anleihen sowie deutschen als auch englischen Texten. Der Gitarrist setzt vornehmlich auf kräftige Riffs und versieht den Sound spätestens mit seinen Soli mit einer durchaus geschmackvollen Metal-Kante. Da ich davon ausging, dass SHEER TERROR bereits um 21:00 Uhr im Monkeys spielen würden, machte ich mich nach ungefähr fünf Songs aber auch schon wieder vom mehr als gut mit allerlei bekannten Gesichtern gespickten Acker – um auf der Bahnfahrt herauszufinden, dass der Beginn um eine halbe Stunde nach hinten verschoben wurde…

Im Monkeys war man sich des ungünstigen Termins offenbar bewusst und hatte erst gar keine Supportband angeheuert. Dafür wiederum war der Laden gar nicht so schlecht besucht. Um kurz nach halb zehn ging’s mit ‘nem Dröhnintro los, in dessen Folge die ersten drei Songs ohne Pause durchgeholzt wurden. Anschließend erklärte Bandkopf Paul Bearer, dass es sich um die zweite Show überhaupt für den Basser handele – was dieser sich aber nicht anmerken ließ. Weiter ging’s mit „Heartburn in G“, das Eröffnungsstück des starken „Standing Up For Falling Down“-Albums aus dem Jahre 2014, gefolgt vom Klassiker „Twisting and Turning“, dem OLD-97‘S-Cover „Salome“ sowie „Roses“. Die beiden letztgenannten stechen insbesondere durch Pauls hier zum Zuge kommenden cleanen Gesang heraus, wobei vor allem eine Nummer wie „Roses“ dazu beiträgt, dass diese Band das gewisse Etwas hat. Jeweils nach drei, vier Songs nahm er sich zudem wie gewohnt Zeit, um etwas mit dem Publikum zu plaudern. So fand er passende Worte zur aktuellen Situation in seiner US-amerikanischen Heimat und deren Präsidenten, oder aber protzte damit, mittlerweile auf die 60 Lenze zuzugehen, aber noch immer all sein Haar, fast alle seine Zähne und sogar einige Kilo abgenommen zu haben. Seinen Humor hat er glücklicherweise nicht verloren, und so haben seine „Spoken Word“-Passagen auch immer ein bisschen was von Stand-up. Vor allem aber kommt er sehr menschlich und sympathisch rüber, wenn er ohne zu predigen dazu anregt, jeden Tag zu versuchen, ein etwas besserer Mensch zu sein. Und dass Hardcore-Bands nicht auf Tour kommen, um für Zusammenhalt zu werben, sondern um T-Shirts zu verkaufen. Ehrlich ist er nämlich auch, der Gute.

Vom für November angekündigten neuen Album spielten SHEER TERROR das bereits vorab ausgekoppelte „Squat Diddler“ in einer herrlich rauen und wütenden Version. Der Großteil des Sets bestand aber natürlich aus den Klassikern des Debüts, von denen „Just Can’t Hate Enough“ die letzte Eigenkomposition des Abends war, an die man aber direkt, also ohne vorher die Bühne zu verlassen oder sich per „We Want More!“-Rufen bitten zu lassen, das THE-CURE-Cover „Boys Don’t Cry“ anfügte. Nach einer knappen Stunde war Feierabend. Sicherlich ging’s auf SHEER-TERROR-Konzerten in der Vergangenheit schon mehr zur Sache, ein paar Leute waren aber auch an diesem Abend stets vor der Bühne in Bewegung. Andere begnügten sich damit, die Songs mitzusingen oder einfach dazustehen, mit dem Fuß zu wippen und zu genießen. Beim nächsten Mal komme ich gern wieder rum, dann hoffentlich in etwas besserem Zustand. Bleibt zu hoffen, dass diese Europa-Tour nicht eigentlich bereits als eine zum neuen Album angesetzt war, sich dieses aber verzögert hat…

28.03.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: PETER PAN SPEEDROCK + SKROETBALG

Das niederländische Powertrio PETER PAN SPEEDROCK veröffentlichte zwischen 1997 und 2016 unzählige Scheiben und gönnte sich anschließend eine fünfjährige Auszeit. Seit 2021 spielt man wieder live und irgendwann steckte mir meine wesentlich bessere Hälfte, dass sie die Combo gern mal wieder sehen würde – ich glaube, das war leider, nachdem sie uns bereits ein-, zweimal durch die Lappen gegangen war. Als ich vor zig Monaten sah, dass sie Ende März wieder das Monkeys beehren würde, sicherte ich uns kurzerhand Tickets und blockte den Termin im Kalender.

Es handelte sich um eine Art Frühkonzert, sprich: 19:00 Uhr Einlass und um 20:00 Uhr sollte es schon losgehen, damit nach hinten raus noch genügend Zeit für die ‘80/‘90er-Disco blieb. Das bedeutete, dass wir – passenderweise – nach dem Fußball etwas Geschwindigkeit an den Tag legen mussten. Nach dem Zwischenstopp an der Dönerbude eilten wir zum Monkeys, wo SKROETBALG pünktlich wie die Maurer um 20:00 Uhr loslegten, als wir noch an der Garderobe unsere Plünnen abgaben. Erst mal im Pub-Bereich die After-Döner-Zichte schmauchen und ein Monkeys Red schütten, die ebenfalls aus den Niederlanden stammende Vorband lieferte den Soundtrack dazu. Dann aber ab vor die Bühne!

Das Monkeys dürfte so gut wie ausverkauft gewesen sein, erwartungsgemäß waren MOTÖRHEAD-Shirts und -Tattoos ebenso in hoher Frequenz vertreten wie Turbojugend-Kutten. PETER PAN SPEEDROCK zählen zu jenen Bands, die in den 1990ern den Spaß am Rock’n’Roll zurückgebracht hatten und sicherlich auch SKROETBALG beeinflussten. Das Quartett zockte ziemlich schnörkellosen, verzerrten, punkigen Drei-Akkorde-Hauruckrock mit niederländischen Texten und bewies etwas schrägen Humor. Sie sangen unter anderem darüber, wie scheiße die niederländische (und mir bis dato völlig unbekannte) Discounter-Kette „Action“ sei – und dass Beck’s angeblich das beste Bier braue. Ja nee, is‘ klar. Zwischendurch holten sie jemanden auf die Bühne, der anlässlich seines 40. Geburtstags eigens aus Groningen angereist war. Als Zugabe zockte man den TURBONEGRO-Klassiker „Get It On“ in einer gefeierten Version.

Zugegebenermaßen zählen PETER PAN SPEEDROCK nicht unbedingt zu den Bands, die ich zu Hause auflege, entsprechend wenig vertraut war ich mit dem Material. Ich versprach mir aber eine energiegeladene, hochoktanige Punk-/Rock’n’Roll-Show, und exakt die bekam ich auch. Die überwiegend flott nach vorne gespielten Songs umschifften jegliche Monotonie durch immer mal wieder eingestreute Licks und Grooves, wobei die Grundlage in etwa MOTÖRHEAD in weniger bluesig, dafür umso punkiger blieb – wenn ich mich an einer Definition versuchen wollte. Vor der Bühne fand vom ersten Song an relativ harter Pogo statt, dabei durchaus mit weiblicher Beteiligung und mitunter etwas übermotiviert. Wir standen am Rande des Pits und blieben unverletzt. 😉 Die BATMOBILE-Coverversion „Transylvanian Express“ von der Split-Platte mit den Psychobillys kam zu Live-Ehren, „Gotta Get Some“ erfuhr Unterstützung durch einen Gastsänger. Ohne ihn ist die Band nur zu dritt, wobei es schon beeindruckend ist, wie Sänger und Gitarrist Piet die Doppelbelastung meistert, während die Rhythmusfraktion das Pedal immer wieder durchtritt. Bei SKROETBALG bedankte er sich, außer für deren Aussage über Beck’s… Nach ich glaube einer guten Stunde war Feierabend, aber das Monkeys blieb ziemlich voll. Auch wir blieben einfach, genossen die Arbeit des DJs und tranken dem Club eine Schneise ins Bierregal – irgendwie muss man nach so’nem Gig ja wieder runterkommen…

26.03.2026, Turtur, Hamburg: HARBOUR REBELS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Seit geraumer Zeit veranstaltet die „Krach 45“-DIY-Konzertgruppe Konzerte im Turtur auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Besondere: Diese finden stets donnerstags statt. Für viele ist das der Vizefreitag, an dem man schon mal losgehen kann, für uns unser regelmäßiger Probetermin. Um dort auch mal auftreten zu können, verlegten wir quasi die Probe ins Turtur. Krach 45 beraumte ein Konzert zusammen mit unseren Proberaumkollegen, den HARBOUR REBELS, an, sodass es ein stilistisch gemischter Abend wurde (was ich ja ohnehin ganz gerne mag). Das Turtur entpuppte sich als direkt am Kanal gelegene, schlauchförmige Mischung aus Kneipe, Pizzabäckerei und Club mit Tresen, Außenterrasse und allem Pipapo – außer einer Bühne. Diese ebenerdig herzurichten, war gerade die Beschäftigung der Krachis, als ich etwas überpünktlich vor Ort aufkreuzte und die frohe Kunde vernahm, dass es frisch zubereitete Pizza als Bandverpflegung geben würde. Außerdem weihte man mich in die Besonderheiten der Gesangseinlage ein. Diese hat den Vorteil, dass die im Rechteck angeordneten, vier unter der Decke hängenden Boxen eine Art Surround-Sound erzeugen, aber den Nachteil, dass sie leicht Rückkopplungen mit dem Gesangsmikro erzeugen. Gitarren und Bass werden nicht abgenommen, Kickdrum und Snare hingegen schon. Alright.

Zu einer Herausforderung geriet der finale Soundcheck inklusive der Gesänge, da der Teufel wie so oft im Detail steckte. Den einen oder anderen rettenden Einfall und Eisenkarls Hilfe später aber stand das Setup und wir konnten uns die Wannen mit Pizza vollschlagen. (Meine „Welcome To Hell“ war derart grandios, dass ich da irgendwann noch mal als zahlender Gast vorbeikommen muss.) Freibier gab’s zudem satt und da ich am nächsten Tag – wenn auch etwas später als üblich – noch zur Lohnarbeit musste, versuchte ich mich am stets gefährlichen Spagat zwischen Spaß, geselligem, auflockerndem Trinken und, äh, Verantwortungsbewusstsein… Angesichts unserer jeweils in nur geringer Stückzahl erhältlichen Shirts war ich beim Aufbau des Merchstands heillos überfordert und packte die Dinger gar nicht erst aus. Da müssen wir mal wieder System reinbringen. Unser anderes Zeug verkaufte sich dafür nicht schlecht. So’nen kleinen Bauchladen dabei zu haben, lohnt sich dann eben doch immer mal wieder.

Ich freute mich über die erkleckliche Anzahl Besucherinnen und Besucher, die sich an einem Donnerstagabend aufgerafft hatten, darunter eine ganze Delegation vom Gaußplatz, und ein wenig später als ursprünglich geplant zockten wir dann auch endlich – insbesondere zur Beruhigung des ungeduldigen Keith 😉 – unser 15 Songs umfassendes Set. Bei „Elbdisharmonie“ entfiel mir spontan die letzte Strophe, sodass ich die dritte einfach zweimal sang – war mir bislang auch noch nicht passiert. Einen Song spielten wir falsch an, das dürfte es an Patzern aber gewesen sein. Mit Eisenkarl an den Drums kommunizierte ich mangels eines Monitors hin und wieder per Handzeichen. Gitarrist Kai trug plötzlich eine Narrenkappe (wie mir auffiel, als ich mal zur Seite blickte), die während des Sets zudem bis zum Drummer wanderte. Irgendwie darauf zu reagieren war ich gar nicht in der Lage, ich war im Tunnel. Eine kurze Verschnauf- und Trinkpause zusätzlich habe ich uns ermogelt; sechs Nummern quasi unterbrechungsfrei durchzuzocken, ist dann vielleicht doch ein bisschen viel – man wird ja nicht jünger. Vor der Bühne einige bekannte Gesichter, aber auch welche, die uns zum ersten Mal sahen. Schöne Mischung und gute Stimmung innerhalb einer durch den zahlreichen Gebrauch von Kunstnebel sowie den leicht übersteuerten Mikrosound erzeugten ‘80er-Jahre-Atmosphäre. Hatte was!

Die HARBOUR REBELS kamen quasi frisch aus dem Studio, wo sie ihr neues Album eingespielt haben, auf das man gespannt sein darf. Hier und heute gab’s natürlich in erster Linie den bekannten Stoff, was auch einen Stilwechsel bedeutete: Statt unseres wütenden HC-Punk-Gebollers Melodien satt, zum Mitsingen anregende Singalongs und dank der seit Keith‘ Einstieg wieder zwei Gitarren ordentlich Dampf aufm Kessel. Sängerin Jules melodischer Klargesang wies zunächst dieselbe leichte Verzerrung auf wie bei uns, diese wurde mit Eisenkarls Hilfe aber nach und nach herausgeregelt. Auch ihnen unterlief ein falsch angespielter Song und auf das Olaf-Scholz-Intro aus der Konserve musste verzichtet werden (ich glaube wegen eines leeren Akkus), alles andere klang für meine Ohren aber gewohnt souverän. „Die Masken sind gefallen“, „Raus aus dem Dreck“ und als Zugabe „Trunkenbold“ – Lieblingssongs: check. Der Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ sorgte für zusätzliche Auflockerung zwischen vielen in deutscher und englischer Sprache vorgetragenen kämpferischen Songs. Die Stimmung war prächtig und einige schwangen nun auch ausgelassen das Tanzbein. Freue mich auf die neue Platte!

Am Ende war nach hinten raus sogar noch genügend Zeit, eine ganze Weile zu Klassikern aus den Konserve weiterzufeiern und trotzdem noch locker die letzte Bahn zu bekommen. In unserem Falle wurde das noch ein wenig herausfordernd, da auf dem Weg zum Bus noch jemand rückwärts aß und wir erst die richtige Haltestelle finden mussten, was letztlich aber alles gelang. Es war ein Tag bei miesem Wetter und arbeitsbedingt gedämpfter Laune bei mir, doch das Konzert und das ganze Ambiente gaben mächtig Aufwind, und am Schluss schienen fast alle irgendwie glücklich. Danke an Krach 45 und das Turtur für die Einladung und den tollen Service, an die HARBOUR REBELS für den Gig, an alle, die mit uns zusammen bereits am Donnerstag das Wochenende eingeläutet haben und nicht zuletzt an Sheila für die Schnappschüsse unseres Auftritts!

21.03.2026, T-Stube, Rendsburg: VIOLENT INSTINCT + HABGIER + BOLANOW BRAWL

Ursprünglich sollte dieses Konzert in Bad Oldesloe stattfinden, denn unter Kurort machen wir’s eigentlich nicht mehr (Scherz!), doch wurde es schließlich nach Rendsburg in die gute alte (und jüngst gerettete) T-Stube verlegt – einem wichtigen selbstverwalteten Ort für Live-Aktivitäten auf dem flachen schleswig-holstein’schen Land. Eigentlich hätte das Konzert auch mit den niederländischen CITY RIOT als Headliner aufwarten sollen, die letztlich jedoch wegen einer Doppelbuchung passen mussten. Veranstalter Sven alias „Oidesloer“ hatte also gut zu schwitzen, letztlich aber alles prima hinbekommen. Auch unser spätes Aufschlagen – aus den heillos überfüllten Hamburger Straßen auf die Autobahn zu kommen, dauerte länger als der eigentliche Teil der Strecke – schien den Zeitplan nicht sonderlich durcheinandergeworfen zu haben.

Nach sieben Jahren also ein zweites Mal BOLANOW BRAWL in der T-Stube, wo uns Sven und die Crew freundlich empfingen, uns mit der Bühne und deren Technik vertraut machten, den Soundcheck mit uns durchführten und uns mit superleckerem Mampf sowie Freigetränken verwöhnten. Als nach und nach die ersten Besucherinnen und Besucher eintrudelten, wurde draußen die Feuertonne angeheizt. VIOLENT INSTINCT waren auch längst da, deren Sängerin Aga stellte mir freundlicherweise ihr Funkmikro für den Gig zur Verfügung – besten Dank! Irgendwann zwischen 20:00 Uhr und 20:30 Uhr legten wir als erste Band los, was vor allem denjenigen zugutekam, die mit einer der letzten Bahnen wieder nach Hause wollten, mein Körper aber offenbar als etwas ungewohnt empfand – ich kam erst während des Auftritts langsam auf Touren. Wir zockten die komplette LP in an die Live-Situation angepasster Reihenfolge durch, was weitestgehend pannenfrei verlief. Der Keil, der die Bassdrum vom Wandern abhalten sollte, tat dies nur höchst unzureichend und geriet – wie die ganze Bassdrum irgendwann – zu einer potenziellen Stolperfalle für mich, brachte mich aber nicht zu Fall. Ha! Ansonsten war technisch alles ok und unsere aus Leuchtreklamen bestehende Bühnendeko leuchtete, während bei uns die Lampen angingen… Dafür warfen wir die vorgesehenen (Nicht-)Pausen zwischen den Songs übern Haufen, ohne uns aber zu verzetteln. Als Zugabe gab’s wie üblich „Total Escalation“, die Leute schienen zufrieden und wir hatten nun Feierabend. Fast. Hektisch bauten wir unsere Plünnen inklusive unseres neuen Banners ab, verstauten das Zeug in den Karren…

…und tatsächlich hatten HABGIER (nach einem Ennio-Morricone-Intro) schon angefangen, als ich nach einer Kippenlänge von draußen wieder reinkam. Die Neubrandenburger HC-Punk-Band ist auf Duo-Größe geschrumpft, sprich: Gitarristin/Sängerin in Personalunion, Basser/Background-Shouter – aber kein Drummer. Dieser kam aus der Konserve. Dem angemessen rauen Sound, perfekt abgerundet von der herrlich dreckigen Stimme der Sängerin, tat dies keinen Abbruch; für die Optik wäre ein(e) Drummer(in), der/die sich Animal-mäßig so richtig schön reinlegt, aber schon geil gewesen. Das deutschsprachige Material deckte die für diese Musik üblichen, leider nie überholt scheinenden Themen ab, und irgendwann gab’s einen „Song für alle DDR-Punks und die, die’s noch werden wollen“, nämlich eine Coverversion von SCHLEIMKEIMs „Frage der Zeit“. Die Klampfe sägte amtlich, kein Song dürfte länger als 90 Sekunden gewesen sein, und gefühlt recht flott war der Gig auch schon wieder vorbei. Hat Spaß gemacht – und klasse auch, dass die Band relativ kurzfristig hatte einspringen können.

Viel zu lange war’s her, dass ich VIOLENT INSTINCT zuletzt livegesehen hatte; eine ganze Weile hatten sich die Hamburger(innen) live auch eher rar gemacht. Drummerin Camila, mit der ich die Band bisher nie sah, war leider aus gesundheitlichen Gründen verhindert, die Band für diesen Auftritt also auf Quartettgröße geschrumpft. Einer der beiden Denisse hat kurzerhand von der Gitarre ans Schlagzeug gewechselt, man trat also mit nur einer Klampfe auf. Dadurch ging natürlich gerade während den Leadparts etwas Druck flöten, was man aber recht gut kompensiert bekam. Nachdem ich Aga kurz in Unruhe versetzt hatte, weil ich ihr Mikro so gut im Backstage abgelegt hatte, dass ich mich selbst nicht mehr erinnern konnte, wo genau (es sich dann aber doch noch anfand), gab’s 14 Songs lang deutsch- und englischsprachigen, klischeefreien Streetpunk vom Feinsten zu hören. VIOLENT INSTINCT stiegen mit „Lass dich fallen“ in ihr Set ein und setzten anschließend den Fokus verstärkt auf die jüngeren englischen Stücke, darunter auch eine unveröffentlichte Nummer. Und mit der geforderten Zugabe „Hamburg“ setzte man sogar noch einen drauf. Die Songs leben von ihren eingängigen Melodien, den klugen Texten und Agas melodischem Klargesang sowie ihrer Ausstrahlung. Nach wie vor eine großartige Band, von der ich hoffe, dass sie bald mal wieder neues Material veröffentlicht.

Nach dem Konzert ging’s betrunken mit Christian und Veranstalter Sven noch auf ein Bierchen in eine sehr anheimelnde Rendsburger Kneipe, woraufhin wir uns aber sputen mussten, noch die letzte Bahn zu kriegen. Am Bahnhof trafen wir einen anderen Sven, der auf dem Konzert gewesen war und zusammen mit uns weitertrinkenderweise zurückfuhr, bis ich irgendwann ziemlich zerschossen am Sonntag gegen 13:30 Uhr zu Hause wieder die Augen öffnete…

 

Hatte sich also mal wieder gelohnt! Danke an Sandy fürs Fahren und für die Fotos unseres Gigs, an Sheila fürs Video, an Aga fürs Mic, an Oidesloer-Sven für die Einladung und an dessen sowie das T-Stube-Team für die Gastfreundschaft mit allem Zipp und Zapp sowie nicht zuletzt allen Besucherinnen und Besuchern!

31.01.2026, Kulturforum am Hafen, Buxtehude: HEADLIGHT

Mein erstes Country-Konzert

Norman war zusammen mit Timo (R.I.P.) das kreative Zentrum der Streetpunk’n’Roll-Band SMALL TOWN RIOT, aber auch schon immer Vollblutmusiker, der an allen möglichen Stilen handgemachter Musik nicht nur Freude findet, sondern diese auch spielt. Eine ganze Weile war er als Mitglied der APPELTOWN WASHBOARD WORMS sogar jüngster Skiffle-Musiker Deutschlands. Als irgendwann gefühlt alle nach Hamburg zogen, hielt Norman als echtes Dorfkind die Stellung und trat lieber überall im Nirgendwo live auf, ob mit einem seiner Bandprojekte oder als Alleinunterhalter, statt sich stumpf auf dem Kiez zu besaufen. Mit den APPELTOWNs hatte ich ihn früher dann und wann live gesehen, mit der spektakulären Oldschool-Rock’n’Roll-Cover-Combo SPECTATORS leider nur einmal (das aber tatsächlich auf dem Kiez). Seit langem wirkt er auch als Gitarrist und Sänger bei der Country-Cover-Band HEADLIGHT mit, die Ende Januar zwei Gigs in Niedersachsen unweit von Hamburg spielte. Als ich bei Facebook zufällig Wind davon bekam, dachte ich mir kurz, dass es vielleicht nett sein könnte, da mal vorbeizuschauen. Früher hatte Timo das zumindest hin und wieder getan, was ich immer klasse fand. Hätte ich eigentlich auch mal mitkommen können. Tja…

Naja, jedenfalls dachte sich Kiki, die HEADLIGHT bereits live gesehen hatte, ähnliches, und so klügelte sie den Plan aus, noch ein paar Freundinnen und Freunde zusammenzutrommeln, ohne Norman davon zu erzählen. Von allen, die Interesse bekundet hatten, blieben neben Kiki und mir letztlich George, Leiti alias Holger und Eike übrig, außerdem hatte ich den wieder in Buxtehude lebenden Rolf akquiriert. Bei lausig kaltem Winterwetter und nach einer weiteren verkackten Partie des FCSP (während der bereits meine ersten Biere flossen) traten wir per Bahn den Weg in die sympathische Kleinstadt an der Este an und trudelten kurz vor knapp am Kulturforum ein. Jene Location ist eine wichtige, ehrenamtlich betriebene Buxtehuder Institution, um ein kulturelles Programm das ganze Jahr über abseits von Jugendzentrum, Altstadtfest oder Irish Pub anzubieten. Die Mischung aus „Kiki +1“ auf der Gästeliste, QR-Codes auf den Kauftickets ohne vorhandenem QR-Code-Leser und seitens der Veranstalter ausgedruckten Namenslisten der Kartenbesteller, die in unserem Falle aber nicht immer identisch mit den Karteninhabern waren, sorgte für leichte Konfusionen beim Einlass. Und die Bude war quasi ausverkauft, im bestuhlten Saal hatten längst alle platzgenommen. Außer uns. Damit wir zusammensitzen konnten, blieb nur noch die erste Reihe direkt an der Bühne. Also getreu dem alten Hardcore-Motto „Always first row!“ hingefläzt und am Bierchen genippt. Noch schnell eine zu dampfen blieb keine Zeit mehr, pünktlichst um 20:00 Uhr betrat das Sextett die Bühne.

Nun hatte ich also den Schlamassel: Ich saß angetrunken zwischen weiteren angetrunkenen und mitunter etwas aufgedrehten Mitgliedern unserer Delegation, mein Nikotinspiegel sank in bedenkliche Tiefen, hinter und neben uns ein Publikum, das konzentriert der Darbietung der Band lauschen wollte und dessen Altersdurchschnitt selbst wir noch deutlich messbar drückten, und fragte mich, was ich eigentlich mit Country-Musik am nicht vorhandenen Cowboy-Hut habe? Eike protzte stolz mit seiner eigens mitgebrachten Stirnleuchte („Guckt mal, ein Headlight!“), womit er sofort im Mittelpunkt stand. Die Band zeigte sich begeistert und konterte mit einer LED-Lichterkette. Norman erkannte uns nach und nach, als er durch die Noten- und Mikroständer hindurchblicke, lachte und freute sich. Was aber hatte ich denn nun also mit Country am Hut? Klar habe ich die JOHNNY-CASH-Standards in der Sammlung (und sogar ein bisschen mehr), und JOHN LEYTON, CHIP HANNA und MR. BLUE finden sich hier ebenfalls, dann wird’s aber auch schon eng. Und Ahnung habe von Country nun wirklich null.

Doch HEADLIGHT sorgten dafür, dass das völlig egal war, um den Abend genießen zu können. Als Norman zu spielen begann, wurde mir wieder bewusst, welch großartiger Musiker er ist. Er könnte wahrscheinlich auch ‘90er-Eurodance- und Schlumpftechno-Scheußlichkeiten nachspielen und dabei das Telefonbuch singen, es würde geil werden. Zusammen mit Manuela teilte er sich den Hauptgesang, mal jeweils solo, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, und nicht nur diese beiden Stimmen harmonierten perfekt miteinander. Die Backgrounds waren bestens auf die Stücke abgestimmt. Die klassische Rock-Instrumentierung mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass ergänzte Klaus am Keyboard, der die Nummern dezent begleitete. Die Rhythmusfraktion aus Volker am Tieftöner und Matthias am Schlagzeug war supertight. Zunächst offerierte man ein paar eher getragene Nummern, bis Norman die akustische gegen die E-Gitarre tauschte und die flotteren Stücke ausgepackt wurden (im weiteren Verlauf wurde die Klampfe immer mal wieder gewechselt). Das machte tierisch Laune; die in Sachen Country vorbelasteten Kiki und Eike waren in ihrem Element und kannten jeden Song, während ich vieles zum ersten Mal hörte. Aber bei Weitem nicht alles! Einiges erkannte ich beispielsweise aus dem Radio wieder und hätte ich gar nicht zwingend im Country-Bereich verortet, bei mancher Nummer dürfte es sich auch um eine genrefremde, durch den Countrywolf gedrehte gehandelt haben. Überhaupt wiesen die meisten Songs eine angenehm starke eigene Note auf. Ein Lied über Alkohol widmete man der ersten Reihe, warum auch immer!? Manuela erwies sich nicht nur als Spitzensängerin mit ebenso viel Kraft und Ausdruck wie Seele, sondern auch als Entertainerin, ferner gar als Country-Dozentin, die immer wieder ins Publikum fragte, ob es Fragen zum Stück gebe. Sie plauderte aus dem Nähkästchen, u.a. über die Schriftgröße der Setlists, und forderte das Publikum dazu auf, sich untereinander bekannt zu machen. „Blue Moon of Kentucky“, unheimlich stark von Norman gesungen, war mein persönlicher zwischenzeitlicher Höhepunkt. Nach der Hälfte des Sets gab’s eine Pause.

Geil, endlich eine schmauchen. Vorher galt es aber noch, die von Manuela prophezeite Theken-Polonaise zu überstehen, womit nichts anderes als die mordslange Schlange am Tresen gemeint war. Doch das Kulturforum-Ausschankteam war auf zack. Zeit zum Durchzählen: Einer von uns hatte die Biege gemacht, sogar schon nach zehn Minuten. Er war von seinen Körperfunktionen übermannt worden. Ok, kommt vor. Der Rest war am Start und holte Runde um Runde. Als es weiterging, sang Eike lautstark „Wagon Wheel“ mit, woraufhin die Band ihm für die Dauer des Songs ein Mikro überließ. Wäre die Bude nicht bestuhlt gewesen, wäre wohl spätestens jetzt ausgelassen getanzt worden. So aber blieb es dabei, mit dem Fuß zu wippen, unruhig auf dem Sitz hin und her zu rutschen und sich seiner Hyperaktivität darin zu ergeben, ständig Teile des Bühnenaufbaus zu befummeln (wie es zumindest einer von uns tat, was etwas kurios anzusehen war). Zugegebenermaßen erreichte unsere erste Reihe auch der eine oder andere Ordnungsruf, vor allem, wenn zwischen den Songs zu laut miteinander gequatscht wurde. Harndrang und Bierdurst trugen ihr Übriges dazu bei, Unruhe zu verursachen und unangenehm aufzufallen, aber wat willste machen? Diese zweite Hälfte des Sets jedenfalls hatte es so richtig in sich, ein Hit (und „Das kennste doch…“-Moment meinerseits) jagte den nächsten, Norman und Finn-Ole gniedelten voller Spielfreude Soli und Leads, „Valerie“ (einst bekannt gemacht von AMY WINEHOUSE) machte auch in dieser Interpretation eine tolle Figur, und erst mit der zweiten Zugabe („Aber nur, wenn ihr alle dann auch geht!“), dem unvermeidlichen „Country Roads“, endete der Abend.  Das war ‘ne Eins-A-Performance auf spielerisch höchstem Niveau von einer Band, die zudem echte Leidenschaft in die Musik legt und diese auch ihrem Publikum zu vermitteln versteht.

Als Eindruck nehme ich vor allem mit, welch breites Spektrum Country-Musik doch ist, vor allem, wenn man es mit den Genregrenzen etwas lockerer nimmt – zudem wie bereichernd es sein kann, auch in Sachen Livemusik ab und zu mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schön natürlich auch, dass Norman begeistert war, uns Kapeiken mal wiederzusehen. Zu einer echten Herausforderung wurde es dann noch, auf dem Weg zum Bahnhof noch ein paar Pilsetten für die Fahrt aufzutreiben, aber selbst das hat irgendwie noch geklappt. Danke allen, die den Arsch hochbekommen haben, an Kiki fürs Organisieren unserer kleinen Ausfahrt sowie an HEADLIGHT und das Kulturforum für den fantastischen Abend! Buxtehude – immer einen Ausflug wert!

24.01.2026, Lobusch, Hamburg: STUMBLING BOI!S + HARBOUR REBELS

Dieses Konzert mit zwei Hamburger Oi!-Bands war in mehrfacher Hinsicht ein Besonderes: Es war das erste Konzert der HARBOUR REBELS, nachdem ihr Drummer Chris wegen gesundheitlicher Probleme mehrere Monate ausgefallen war (Willkommen zurück, Chris!), zudem das erste Konzerte mit Keith als zweitem Gitarristen der HARBOUR REBELS, nachdem die Band die letzten Jahre mit Dennis als alleinigem Klampfer unterwegs war, und es war das erste Konzert der STUMBLING BOI!S, das ich zu sehen bekam – schön, dass es endlich mal geklappt hat, zumal dort nun wieder mein BOLANOW-BRAWL-Bandkollege Christian als zweiter Gitarrist eingestiegen ist. Und nicht zuletzt handelte es sich um eine Soli-Veranstaltung, um Geld für jemanden zu sammeln, der von Repressionskosten betroffen ist.

Als ich gegen Viertel nach neun oder so die Lobusch betrat, traf ich lediglich einen versprengten Haufen an, was sich innerhalb der nächsten halben Stunde aber ändern sollte: Bald war die Bude voll. Etwas überraschend machten die HARBOUR REBELS den Anfang. Man war sich noch nicht ganz sicher, wie lange Chris, dem es natürlich erst einmal noch an Live-Routine mangelte, durchhalten würde. Antwort: offenbar problemlos das ganze Set durch. Nach einem Intro aus der Konserve führte Sängerin Jule souverän durch die deutsch- und englischsprachigen, eingängigen und überwiegend pogotauglichen Songs und war auch um keine inhaltlich durchaus gehaltvolle Ansage verlegen. Einer meiner Favoriten, „Die Masken sind gefallen“, kam gleich als zweite Nummer zum Zuge, während der kurioserweise kurz die Lichtanlage ausfiel. Vorm Anti-Scholz-Song erklang wie auf der Platte das G20-Lügengelaber des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und ja sogar Ex-Bundeskanzlers, „Raus aus dem Dreck“ ist einer meiner weiteren Lieblinge dieser Band und spätestens der Ska-Punk-Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ brachte richtig Stimmung ins altehrwürdige Gemäuer. Das geniale „Trunkenbold“ gab’s als Zugabe. Die zweite Gitarre macht den Sound deutlich satter, mehr ist eben manchmal einfach mehr. Fazit: Die HARBOUR REBELS sind back – aber so was von!

„Ich verliere mich hier in der Ansage…“ (Stammling Boi! Christian)

Die STUMBLING BOI!S haben sich nicht nur um Christian verstärkt, sondern auch den Drumposten neu besetzt. Für meinen ehemaligen Bandkollegen Keith geriet der Abend zur Doppelschicht, denn auch hier spielt er Gitarre. Frontmann der Band ist Bommy, der mit schön heiserer Gesangsstimme die sich an klassischem 80s-UK-Oi! orientierenden englischsprachigen Stücken schmettert. Da Christian jedoch der Meinung ist, dass dieser zu wenig mit dem Publikum kommuniziere, übernahm kurzerhand er diese Aufgabe. Und zwar vor jedem Song. Da verwechselte er Bommy auch schon mal mit mir. Dass er die Bandkollegen meist erst fragen musste, worum es im jeweils folgenden Song überhaupt geht: geschenkt. Tat er’s nicht, wurde beispielsweise aus „Stumbling BOi!s Beat“ schnell ein „Song über Beatmusik“. Irgendwann kritisierte er seine Band sogar – von der Bühne aus durchs Mikro an mich gerichtet. Das hatte abseits der Musik bereits einen hohen Unterhaltungsfaktor; die Boi!s nahmen’s mit Humor und taten das, was sie am besten können: musizieren. Die Melodien wurden meist durch den dominanten Bass vorgegeben; keine Ahnung, ob das beabsichtigt war, kam aber sehr geil. Und zockte Keith mal ein herausstechendes Gitarrenlead, setzte es sich im Sound trotzdem durch. Wie bereits bei den HARBOUR REBELS gefiel mir der P.A.-Sound (wie meist in der Lobusch) ziemlich gut, zumal das Songmaterial der STUMBLING BOI!S – insbesondere bei den ältesten Stücken – mehr Pepp und Wucht aufwies als aus der Konserve. Auch hier macht sich die zweite Gitarre positiv bemerkbar. Am besten gefällt mir der leichte Anflug von Melancholie, den die STUMBLING BOI!S in ihren „Casual Oi!“ legen und der zur No-Bullshit-Attitüde beiträgt. Zwischen den eigenen Songs coverte man „Emergency“ von GIRLSCHOOL bzw. MOTÖRHEAD in einer sehr geilen, flotten Version, die als frenetisch geforderte Zugabe ein zweites Mal erklang und den Sack zumachte. Die Band hat mich überzeugt und ich wünsche ihr, dass sie in der aktuellen Besetzung mehr Glück hat als mit der vorherigen.

Spitzenabend bei Top-Stimmung wieder, der hoffentlich reichlich Soliknete eingebracht hat!

16.01.2026, Indra Musikclub, Hamburg: BANG! MUSTANG! + THE TYPHOONS

Mal was anderes

Nachdem ich die lokale Surfrock-Legende THE TYPHOONS nach ewiger Zeit im Rahmen eines Kinofestival-Kurzauftritts mal wieder live gesehen hatte und meine wesentlich bessere Hälfte ebenso angetan war wie ich, war eine Eintrittskarte zu diesem Konzert in ihrem Nikolausstiefel gelandet. So stand also eines der wenigen reinen Surfkonzerte auf dem Plan; ein Musikstil, der ein noch wesentlich nischigeres Dasein fristet als es beispielsweise Punkrock tut. Wohl aufgrund des in Aussicht gestellten sommerlichen Sounds zeigte der Winter sich gnädig und schwenkte auf milde Temperaturen um. Die Hamburger Schallplattenunterhalterinstitution Surfin Burt war mit Koffern voller 7“-Singles am Start und sorgte für den passenden Drumherum-Soundtrack.

Ich war gespannt, wie viele Surf-Connaisseurs es ins Indra verschlagen würde und wie viele bekannte Gesichter darunter sein würden. Letztere tendierten von Dr. Monkula und der Indra-Crew abgesehen gen null und generell blieb es luftig und übersichtlich. Dafür hatten die vielleicht um die 60 Gäste wirklich Bock auf diese Veranstaltung und bereiteten den Leipzigern BANG! MUSTANG! einen warmen Empfang. Die Sachsen haben zwei Alben draußen und sind irgendwann vom Quartett zum Trio geschrumpft, was sie aber nicht hinderte, ein ordentliches musikalisches Fass aufzumachen. Virtuosester traditioneller Surfgitarrensound, ein weit mehr als nur rhythmisch tieftönender Bassist und ein entfesselter Drummer spülten noch nicht zigmal gehörte, originelle und gewitzte Instrumental-Kompositionen an Land, abgeschmeckt mit ein paar vertrauten Klängen. Das hatte mitunter recht deftigen Punch und eine nicht ungefähre Härte, ohne dabei das Surf-Metier zu verlassen. Der P.A.-Klang war spitze und die sich in ihren Ansagen sympathisch präsentierende, ihre Schulauer Kollegen aber versehentlich in Lüneburg verortende Band spielte sich in einen Rausch. Das Publikum wusste dies zu würdigen und bekam seine geforderten Zugaben. Ein Song- bzw. Albumtitel wie „Surfin‘ NSA“ ist zudem ein Beweis für den Humor der Band. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, wenn diese sich wieder in die Hansestadt verirren sollte, und ich glaube, die auf Rhythm Bomb erschienenen Alben müssen her. Demnächst soll übrigens eine neue Platte kommen (das jüngste datiert bereits aufs Jahr 2015).

Die Lokalheroen THE TYPHOONS aus dem Wedeler Stadtteil Schulau sind ein Mann mehr, verfügen über zwei Gitarristen. Dargereicht wurde ein um die 20 Songs umfassendes Set, gespickt mit der einen oder anderen Coverversion („Bullwinkle Part II“, „Mr. Moto“), das mit seiner Dynamik zwischen schnelleren Abgehstücken und atmosphärischen „leiseren Tönen“ einen angenehmen Spannungsbogen entwickelte und die Leute zum Tanzen brachte (wobei besonders deren imitierte Surfbewegungen auf den imaginären Surfboards beeindruckend aussahen). Die Band nahm sich Zeit für einige sehr launige Ansagen, stichelte wegen des Lüneburg-Fauxpas augenzwinkernd ein wenig Richtung BANG! MUSTANG! und agierte nicht ausschließlich instrumental. Pech nur, dass ausgerechnet als Gitarrist Norbert eine französischsprachige Nummer singen wollte, sein Mikro versagte. Letztlich schnappte er sich das seines Bandkollegen und stellte Gesangstalent sowie Sprachkenntnis unter Beweis. Am Ende wurden lautstark Zugaben verlangt und THE TYPHOONS ließen sich nicht lumpen, zockten ihre Halloween-Party-kompatiblen Hits „Surfin‘ Zombies“ (unter dessen Motto auch die Veranstaltung stand) und „Barracuda“, wobei während ersterem eine Basssaite riss und kurzerhand aufs Instrument der Leipziger Kollegen ausgewichen wurde. Da die Zugaberufe noch immer noch nicht verhallten, gab’s noch den SHADOWS-Klassiker „Apache“ obendrauf, und zwar in einer unheimlich gefühlvoll gespielten Version.

Vor lauter Twang und Reverb klingelten mir die Ohren und statt im winterlichen Hamburg wähnte ich mich beinahe im Hochsommer am Sandstrand. Fazit: Hamburg braucht mehr Surf-Konzerte! Und ich hätte durchaus Bock, etwas tiefer in die Materie einzutauchen…

10.01.2026, Hafenklang (Goldener Salon), Hamburg: ARRESTED DENIAL + FLICK KNIVES

Mit „Nirgendwo angekommen“ veröffentlichten die Hamburger ARRESTED DENIAL Ende letzten Jahres ein fantastisches neues Album, das es auf der Release-Party im Goldenen Salon des Hafenklangs, einem der schönsten Konzertorte Hamburgs, gebührend zu feiern galt. Und das dachten sich viele, denn der Bums war restlos ausverkauft, Abendkasse gab es keine mehr. Und offenbar ging’s auch superpünktlich um 20:00 Uhr los, denn die erste Band KITTY COASTER, die ihren allerersten Auftritt absolvierte, habe ich komplett verpasst (sorry, aber um 20:00 Uhr ist doch gerade erst die Sportschau zu Ende…). Nachdem ich mich bei eisigen Temperaturen durch den verschneiten Weg an den Fischmarkt und ins Hafenklang gekämpft hatte, war bis zur zweiten Band aber noch etwas Zeit, Valentin und Sascha zum Album zu gratulieren, bekannte Gesichter zu begrüßen und sich ein Bierchen zu schnappen. Wenn man keine Astra/Holsten-Edel-Pferdepisse trinken will, muss man für ein Staropramen oder Jever mittlerweile 4 Öcken latzen. Für 0,3 Liter aus der Flasche. Da kann zumindest ich langsam nicht mehr gegenanverdienen. Dafür war der Eintritt fair bepreist, also erst mal genug gemeckert.

Die (mir bis dahin unbekannten und sich wohl vornehmlich aus SEWER-RATS-Mitgliedern rekrutierenden) Kölner Springmesser FLICK KNIVES boten dazu auch nicht den geringsten Anlass, denn die hatten richtig Bock und erspielten sich ihr von KITTY COASTER vermutlich gut vorgewärmtes Publikum mit äußerst souverän dargebotenem englischsprachigen Streetpunk – das volle Brett mit nicht nur zwei Klampfen, sondern sogar ‘ner Orgel. Da taute auch ich schnell auf. In den Strophen machte sich hin und wieder der Offbeat breit, beide Gitarristen wechselten sich mit dem Leadgesang ab, beim dritten Song sprang der Bassist von der Bühne und tanzte mit einem Gast aus dem Publikum. Ein paar wohldosierte Pop-Punk-Einflüsse, beispielsweise beim „Was it me, was it you“-Refrain eines Songs (sorry, keine Ahnung, wie der heißt), machten die eine oder andere Nummer noch eingängiger.  Bei einem Song vom für den 06.02. angekündigten Album bat man das Publikum erfolgreich um Unterstützung beim Chorgesang, den sie in ihrem übrigen Material aber auch so prima beherrschen. Trotz starken eigenen Materials coverte die Combo überraschend viel, bewies dabei aber Geschmack: „New Age“ (BLITZ), „To Have and to Have Not“ (BILLY BRAGG, in der LARS-FREDERIKSEN-Stromgitarrenversion), „Olympia, WA“ (RANCID) als offiziell letzten Song und als Zugabe „Stick ‘em up!“ von MASKED INTRUDER – inklusive Stagediving- und Pogo-Einlage des Orgelspielers. Astreiner Gig einer Band, die mich oft an SMALL TOWN RIOT, zumindest an deren streetpunkigere, weniger rock’n’rollige Nummern, erinnerte. Mit dem Basser schnackte ich später kurz bei ‘ner Kippe vor der Tür, evtl. geht da ja mal was zusammen mit meiner Kapelle BOLANOW BRAWL im Rheinland. So oder so bin ich aufs Album gespannt.

ARRESTED DENIAL haben sich mit Pip um einen festen Trompeter verstärkt und stellten ihren ehemaligen Bassisten (und meinen engen Freund), den im Herbst letzten Jahres traurigerweise verstorbenen Small Town Timo, kurzerhand in Form eines großen Fotoaufstellers mit auf die Bühne. Das reguläre Set umfasste eine sehr stimmige Auswahl aus neuem und von den vorausgegangenen beiden Alben bekanntem Material, dessen Melodien die Trompete nun, wenn ich nicht irre, beim überwiegenden Teil der Songs kräftig unterstützte. Und hatte Pip gerade nichts zu tun, fand er sich tanzend im Publikum wieder. Zu Timos Ehren spielten Valentin & Co. einen Block aus Timos drei Favoriten „Alles wird gut“, das von ihm geschriebene „Zeit zu gehen“, dessen Text jetzt einen besonders dicken Kloß im Hals hinterlässt, und das DARKBUSTER-Cover „Skinhead“. Dazwischen erzählte Valentin Timo-Anekdoten und verteilte dessen Lieblingsgesöff, den furchtbaren Jägermeister, im Publikum. Timo, Alter, da haste quasi posthum noch ein paar Leberhaken verteilt! Überhaupt nahm sich Valentin dem Platten-VÖ-Anlass angemessen viel Zeit für sympathische und spaßige Ansagen. Textlich gehören ARRESTED DENIAL zusammen mit der aktuellen SLIME-Inkarnation um Tex Brasket (der eine Nummer auf dem Album mitsang) und den Postpunks BRIEFBOMBE ohnehin zum Besten, was die Hansestadt zu bieten hat; mit ihrem auf der neuen Platte ausschließlich auf Deutsch dargereichten inhaltlichen Tiefgang zwischen klaren und wütenden system- und gesellschaftskritischen Aussagen sowie nachdenklicheren, persönlichen Geschichten spielen sie fast schon in ihrer eigenen Liga. All das in kleine und große Hymnen mit tanzbarem Street- und Ska-Punk sowie mitsingkompatiblen Refrains (ganz groß: Das neue „Für ein paar Stunden“) zu verpacken, ist die hohe Kunst und das, was ARRESTED DENIAL ausmacht. Die Trompete passt prima zur Offbeat-Lastigkeit vieler Songs; und immer mal wieder ertappte ich mich beim Gedanken, dass RANTANPLAN vielleicht so hätten klingen können, hätten sie den auf den ersten beiden Alben eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgt. Als der reguläre Teil des Sets durch war, fragte Valentin zu Beginn des Zugabeblocks, was man denn so hören wolle. Auf nicht ganz ernstgemeinte Antworten wie „Mexico“ oder „Wonderwall“ entgegnete er: „Na gut, wir spielen noch ’ne Stunde!“ „Move On“, von den englischsprachigen Stücken wahrscheinlich mein Favorit, bildete den Auftakt, gefolgt vom ersehnten, von anderen vielleicht auch gefürchteten ROXETTE-Medley. Die letzte fremdkomponierte Zugabe wurde als von einer ultrabösen Glatzenband stammend angekündigt, woraufhin „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ von TOCOTRONIC erklang und die Band noch mal die Lacher auf ihrer Seite hatte, bevor das eigene „Zurück“ den Liveteil des Abends besiegelte. Geile Platte, geiles Konzert mit gut aufgelegtem und zumindest in Teilen durchaus tanzfreudigem Publikum; zu von DJ Micha Punkrock aufgelegten Klassikern verhaftete ich noch ein, zwei Bierchen und machte mich dann beseelt auf den Heimweg. Mein erstes Konzert des Jahres 2026 machte Lust auf mehr.

27.12.2025, Fanräume, Hamburg: Hamburg Punk Invasion

Bitzcore-Jürgen war für seine Veranstaltungen mit Hamburger Bands aus den Bereichen Punk und Artverwandtes vom Indra in die Fanräume des FC St. Pauli umgezogen und ließ es mit gleich sieben Bands zum Jahresausklang noch mal so richtig krachen. Eigentlich war die Sause als Release-Party der Bitzcore-HH-Punk-Vinyl-Sampler geplant, doch da Jürgen den Aufwand unterschätzt hatte und die eine oder andere Unwägbarkeit hinzugekommen war, sind diese leider auf unbekannt verschoben. Dafür solle demnächst ein Sao-Paolo/Hamburg-Split-Sampler kommen – man darf gespannt sein. An Weihnachten versuchte Jürgen dann noch verzweifelt, ein Schlagzeug für den Abend zu organisieren, was zwar reichlich spät war, letztendlich aber doch noch klappte. Und nachdem unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) Taxi versuchte, aufs Heiligengeistfeld und dort vor die Tür der Fanräume zu gelangen, wissen wir jetzt auch, dass das zu Fuß oder mit dem Rad alles kein Problem ist, sich Autos aber mit zahlreichen Pollern und sonstigen Absperrungen konfrontiert sehen, sodass wir schön einmal um den Pudding kurvten…

Von den sieben Bands hatte trotz Erkältungssaison keine einzige abgesagt, sodass es vor Ort an diesem nach einigen frostigen Tagen angenehm milden Winterabend schon früh recht wuselig zuging. Der Zeitplan war eng und optimistisch, der Backline-Aufbau klappte aber rechtzeitig und G31, die den Abend eröffnen sollten, führten einen vollumfänglichen Soundcheck mit dem Soundmann durch. Die Band um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain begann pünktlich um 20:00 Uhr mit ihrem kurzen Set. Ihr mit zwei Gitarren gespielter deutschsprachiger tanzbarer Punkrock litt zunächst etwas unter dem zu leisen Gesang, was sich aber bessern sollte, sodass die Gesangsmelodien besser zur Geltung kamen. Mitra führte gewohnt expressiv und charmant durch die recht eigenständig, dabei trotzdem eingängig klingenden Songs und durfte pausieren, als der neue Bassist einen als Welturaufführung angekündigten Songs über St. Pauli kurzerhand selbst sang. Als nach 35 Minuten schon Schluss war, war das Publikum im ausverkauften Laden gut aufgewärmt, die Rufe nach einer Zugabe blieben leider ungehört.

Anschließend oblag es uns, auf die Kacke zu hauen – immerhin unser erster Stadiongig! Den Umbau zogen wir so schnell es ging durch, der eigentlich nur als Gast anwesende Klimper half freundlicherweise als Stagehand aus. Auf einen kurzen Soundcheck mussten wir bestehen, allein schon, damit die Monitore halbwegs vernünftig eingestellt sind und niemand einen Blindflug absolvieren muss. Als kleines Bonbon für einen Kumpel, der aus gesundheitlichen Gründen leider keine Konzerte mehr besuchen kann, hat Kai eine Liveübertragung der Bühnenperformance mit seinem Smartphone in eine Signal-Gruppe gestreamt. Wir beschränkten unsere Ansagen aufs Nötigste und eilten durch unser Set, bis Kai mich plötzlich dazu aufforderte, ein mir unbekanntes Lied von PISSPFÜTZE (oder so) zu covern, was dann in Form eines zweisekündigen Gitarrenriffs offenbar auch schon wieder erledigt war. Aus dem Konzept ließen wir uns trotz dieses Schabernacks nicht bringen und zogen weitestgehend ohne ganz grobe Patzer durch, was der Mob vor der Bühne mit Tanzeinlagen quittierte. Man nahm uns sehr gut an und der Gig machte Laune. Wir gingen davon aus, nur wenige Minuten überzogen zu haben, erfuhren aber später, dass für den Abend ein anderer Zeitplan als der vorher herumgeschickte galt – worüber man uns aber gar nicht informiert hatte. So hatte der Zeitplan also doch eine erste Delle bekommen.

Der Umbau, erneut mit Klimpers tatkräftiger Unterstützung (danke!), ging dafür sehr flott, sodass alsbald FREAKSTONE auf der Bühne standen, die sehr kompetenten Metalcore zockten. Das ist zwar nicht meine Mucke, kam live aber nicht nur aufgrund der kräftig growlenden, aber auch klare Töne beherrschenden Sängerin beeindruckend rüber. Die Ansagen wirkten sympathisch ungekünstelt, blieben aber sehr rar. Der Auftritt erhielt sehr viel Zuspruch des Publikums, das am Ende auch hier unerfüllt bleibende Zugabewünsche lautstark äußerte.

Auch bei PSYCH OUT ging’s ordentlich rund. Die Oldschool-Hard-/Fastcore-Band um Holli, Tommy und Shouter Lars hat einen neuen Drummer und machte 14 Songs lang Alarm, wobei man mir das Tempo diesmal stärker zu variieren schien. Das Gaspedal wurde also nicht permanent durchgedrückt, was sich positiv auf die Dynamik auswirkte. Lars sprang im Publikum herum und kitzelte noch einmal dessen Energiereserven heraus, bevor es mit den ASTRA ZOMBIES melodisch weiterging.

Die aufwändig geschminkte und kostümierte MISFITS-Coverband mit dem ebenso naheliegenden wie genialen Namen gönnte sich ein John-Carpenter-Intro aus der Konserve und ließ anschließend einige der größten Horrorpunk-Hits erklingen, die aufgrund des weiblichen Gesangs der stimmgewaltigen Frontfrau eine ganz eigene Note erhielten. Klasse Gig, der viel Spaß machte, aber ebenso schnell schon wieder vorbei zu sein schien, wie er begonnen hatte.

Anschließend war dann nicht nur bei mir der Ofen aus. Inzwischen war’s sauspät, wir mussten unser Equipment noch zurück in den Proberaum kutschieren und meine Aufmerksamkeitsspanne war erschöpft. Ein Taxi bis vor die Tür des Ladens zu lotsen, geriet zudem zu einem Abenteuer und klappte erst beim zweiten Anlauf. Generell leerten sich die Fanräume jetzt deutlich, was mir für die verbliebenen Bands SKULL HARVEST und FIRST CLASS LEG SPACE leidtat.

Alles in allem war’s eine gelungene Veranstaltung, von der ich im Vorfeld nicht geglaubt hätte, dass sie ausverkauft sein würde. Sieben Bands sind aber zu viel, zumal die letzte Band, wie ihr dem unten verlinkten Schraibfela-Video entnehmen könnt, mit satter Verspätung erst gegen 2:30 Uhr auf der Bühne stand. Mr. Schraibfela geht auch auf die schwierigen Lichtverhältnisse ein, die perfekt zu den ASTRA ZOMBIES passten, das Fotografieren (wie man meinen Schnappschüssen ansieht) und Filmen aber deutlich erschwerten.

Danke an alle, die involviert waren und zum Gelingen beigetragen haben! Das war dann auch mein letztes Konzert des Jahres 2025, laut Jürgen womöglich auch das letzte typische Bitzcore-HH-Punk-Konzert. Ma‘ kieken, wie’s mit seinen ambitionierten Vorhaben weitergeht.

P.S.: Danke insbesondere auch Flo für die Fotos unseres Gigs sowie unserem Ex-Drummer und Mercher Chrischan für seinen großartigen Einsatz!

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