Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 39)

18.06.2022, Altonale, Hamburg: NO SPORTS + DAS KARTELL + RADAU

Das offizielle und öffentliche Stadtteilfest Altonale kam für mich dieses Jahr überraschend, erst am Samstagmorgen erfuhr ich davon. Also nach dem Frühstück erst mal den riesigen Flohmarkt abgeklappert. Auf dem Platz der Republik sollten dann diverse Bands spielen, von denen man mir die Ska-Punk-Band SICK LEAVE nahelegte. Um mich mit Freundinnen und Freunden zu treffen, schlug ich dort bereits am Nachmittag auf und wurde Augen- und Ohrenzeuge der Rockband RADAU, die, irgendwo zwischen ROLF ZUCKOWSKI und RANDALE anzusiedeln, Musik speziell für Kinder macht. Die waren an diesem Tag bei bestem Open-Air-Wetter auch reichlich zugegen. RADAU transportierten kindgerechte und nicht immer 100%ig pädagogisch wertvolle, daher für die Zielgruppe umso reizvollere Botschaften in eingängigen Songs bei glasklarem Sound. Ihre Show reicherten sie mit diversen Mitmachspielen an, schlüpften in verschiedene Kostüme und brachten ihre jungen Fans dazu, sich kräftig auszupowern, während die Eltern oder Aufpasser(innen) sich in Ruhe am Bierchen laben konnten. Als ich anregte, auch in unsere Shows solche Mitmachspielchen zu integrieren, schlug Kai vor, mich als Ball ins Publikum zu werfen, woraufhin ich von dieser Idee wieder Abstand nahm. Schön zu sehen: Die jüngsten kaufen noch CDs! Zumindest von RADAU.

Anschließend tat sich ‘ne ganze Weile nix auf der Bühne, bis die Ansage kam, dass SICK LEAVE leider krankheitsbedingt kurzfristig absagen hatten müssen. So konnte DAS SKARTELL in Ruhe aufbauen und schließlich seinen deutschsprachigen, modernen Ska präsentieren. Das ist ja nicht so ganz meine Richtung, wenngleich sie mir diesmal etwas besser als einst auf dem Elbdisharmonie-Festival gefielen. Technisch ist das, was die neun Musiker da fabrizieren, alles knorke, musikalisch ist’s mir – wie bei so vielen Genrekollegen auch – hingegen meist zu fröhlich und zu clean. Mir fehlt da neben etwas Dreck der melancholische Touch (nicht nur) des Two-Tone, der erst erklang, als die Berliner als Zugabe MR. REVIEW coverten. Etlichen Besucherinnen und Besuchern gefiel’s aber und als Begleitmusik zum sonnigen, entspannten Open-Air-Umtrunk war das nun auch wirklich nicht verkehrt.

Den DAS-KARTELL-Gig hatte ich im Vorfeld übrigens genauso wenig auf dem Schirm wie den des Headliners NO SPORTS. Nachdem ich davon erfahren hatte, war klar, dass der Abend etwas länger werden würde. Die Stuttgarter zählen zu den Pionieren der deutschen Ska-Szene, das Debüt-Album „King Ska“ (1989) und die EP „Stay Rude Stay Rebel“ (1990) genießen Kultstatus. Insbesondere das Titelstück letztgenannter Veröffentlichung avancierte zu einer der Hymnen der antirassistischen Skinhead-Bewegung, auf die der Text auch eindeutig Bezug nimmt. Eben jene Szene verzieh aber auch den einen oder anderen Stilwechsel der Band nicht, die bis auf Bandkopf D. Mark Dollar zudem eine hohe Mitgliederfluktuation aufwies. Live gesehen hatte ich NO SPORTS noch nie, Ende der ‘80er/Anfang der ‘90er war ich zu jung und 2002 die Band bereits aufgelöst, um ein paar Jahre später als NU SPORTS zurückzukehren. Offenbar bereits seit 2013 ist man als NO SPORTS aber wieder aktiv, hat 2021 gar ein Comeback-Album veröffentlicht. In sechsköpfiger Besetzung mit Quetschkommode/Keyboard-Doppelbelastung für die einzige Frau in der Band und D. Mark Dollar an Gesang und Gitarre konnte man auf ein bereits gut eingetanztes, gemischtes Altona-Publikum zurückgreifen – und lieferte zu meiner Überraschung erstklassig ab. NO SPORTS ließen sich nicht lumpen und spielten ausdauernd ein recht langes Set, das mit den bekannten Hits gespickt war, „Stay Rude Stay Rebel“ nicht vermissen ließ, aber auch einen brandneuen Song beinhaltete, der ziemlich vielversprechend klang. Nicht zuletzt durchs Gesabbel und Getrinke mit dem einen oder anderen Bekannten (und vielleicht auch, weil mir die Sonne den ganzen Tag auf den Schädel gebrannt war und das Bier seine Wirkung zeigte…) war meine Aufmerksamkeitsspanne irgendwann erschöpft, will sagen: Das Konzert verfolgte ich nicht sonderlich konzentriert, nahm es aber als sehr angenehme Beschallung wahr und könnte mir vorstellen, dass das in ‘nem verschwitzten Club mindestens genauso gut gekommen wäre.

Und das alles nicht nur vollkommen unerwartet, sondern auch noch für umme mitten in Altona – das ist schon ziemlich geiler Scheiß. Nächstes Jahr dann SELECTER, MADNESS und THE SPECIALS?

14.06.2022, Stadtpark, Hamburg: GIANNA NANNINI

Ich war schon als Kind von der rauen Stimme der italienischen Rock-/Pop-Sängerin Gianna Nannini und ihrem zuweilen burschikosen Auftreten fasziniert. Ihre musikalische Bandbreite reicht von Chansons über Pop-Rock mit Elektro-/Synthie-Einflüssen bis hin zu E-Gitarre-dominiertem Hardrock und Indie-/Alternative-Einflüssen. Ich liebte – und liebe! – Songs wie „Bello E Impossibile“, „Hey Bionda“ und „Un Ragazzo Come Te“, „Hey Bionda“ war gar eine meine allerersten 7“-Singles, mir seinerzeit von meinen Eltern gekauft worden. Als Erwachsener, weit nach Abschluss der Punk- und Metal-Sozialisation und mittlerweile in der „Was gab’s denn da noch so alles?“-Kindheits- und Jugendaufarbeitungsphase gelandet, konnte ich mich dank der breiten Verfügbarkeit im Internet durch weite Teile der Nannini-Diskographie hören, fand viel Schönes und stellte fest, dass die ‘80er-Alben „Profumo“ und „Malafemmia“, flankiert von den Live-Alben „Tutto Live“ und „Giannissima“, für mich am besten, um nicht zu sagen: hervorragend funktionieren. Gianna hatte schon immer eine rebellische Ader, setzte sich für Frauenrechte ein und war fürs eine oder andere Skandälchen gut. Auch das passt also.

Wenn nicht gerade eine Pandemie wütet, findet jährlich eine Saison mit Open-Air-Konzerten im Hamburger Stadtpark statt, bei der das Programm ungefähr von Mainstream bis Indie reicht. Vor etlichen Jahren, als jüngerer Punk, lauschte ich dort mal von außen BILLY IDOL, ging mangels der nötigen Finanzen aber nicht hinein. Mein erster wirklicher Besuch ließ länger als geplant auf sich warten, denn natürlich kauften meine Liebste und ich auch dieses Ticket kurz vor Pandemieausbruch, sodass sich der Konzertbesuch um rund zwei Jahre verzögerte… Dafür spielte an diesem sonnigen Dienstag aber das Wetter perfekt mit. Das Konzertgelände ist sehr schön: ein Rund mit Verzehrbuden und Toiletten im äußersten Kreis, abgetrennt durch hohe Hecken mit zahlreichen Durchgängen, die Gedrängel vermeiden. Im Inneren zur Bühne hin immer leicht abschüssiges Gelände grob im Amphitheater-Stil, sodass gute Sicht kein Problem ist. Und auch noch mal paar Bierbuden.

Auf dem Hinweg waren uns schon zahlreiche Picknicker(innen) begegnet, die es sich vorm Gelände mit Snacks und Getränken bequem gemacht hatten – ein bisschen wie ich damals, nur war’s da schlicht Dosenbier. Der Einlass ging superflott. Um 19:00 Uhr sollte es losgehen. Wir schauten uns nach Essbarem um. Bratwurst mit Brötchen ohne Brötchen, weil diese ausgegangen waren. Hm. Vegetarisch war das auch nicht. Die Burritos sahen ganz gut aus, schlugen aber mit unverschämten 8,- EUR zu Buche, und fürs Sättigungsgefühl musste Bier nachgekippt werden. Memo: Nächstes Mal auch vorher im Park picknicken. Das Gelände war gut gefüllt, aber nicht ganz ausgefüllt – zum Glück, wie jemand am Bierstand anmerkte, bei FOREIGNER sei es zuletzt ein heilloses Gedrängel gewesen. Hier ist’s entspannt. Wir suchten uns ein Plätzchen in Bierstandnähe und warteten, bis es um 19:18 Uhr tatsächlich losging: Ein quickfideles 68-jähriges Geburtstagskind (Sie hatte an diesem Tag Geburtstag!) spurtete auf die Bühne, ihr Fanclub in den ersten Reihen war mit Partyhütchen und Luftballons ausgestattet, stimmte irgendwann zwischen zwei Songs „Happy Birthday To You“ an, überreichte Blumen und war generell die ganze Zeit ganz aus dem Häuschen. Sozusagen der Pogomob der Veranstaltung.

Gianna und ihre Band stiegen mit „L’aria sta finendo“ vom aktuellen 2019er Album „La differenza“ ein, das ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht angesagt hatte. Der Song gefällt mir, doch es sollte einer von ich glaube nur zwei brandaktuellen Songs bleiben. Der überwiegende Teil des 20 Songs umfassenden Sets ging in Richtung Best of, „Primadonna“, „Profumo“, „Ragazzo dell’Europa“ und „I maschi“ hießen die Hits, ferner natürlich „Scandalo“, „Hey Bionda“, „America“, „Latin Lover“ und „Bello E Impossibile“. Wunderbare Stücke mit großen Melodien, etwas Pathos und ganz viel Ausdruck in Giannas Stimme bei einwandfreiem Sound. „Bello…“ klang wieder näher an der Studioversion und weniger punkig als sie ihn zwischenzeitlich gemäß YouTube-Clips gespielt hatte. Die Kinderchöre schienen mir aus der Konserve zu kommen, alles andere dürfte die fünfköpfige, international besetzte Band aber live intoniert haben. Die Gitarristen wechselten je nach Song ihr Gitarre, Gianna ihre Jacke mehrmals und vermied in ihren Ansagen jedes englische Wort.

Bis auf ein paar Worte in gebrochenem Deutsch ging’s hier ausschließlich italienisch zu, was nicht nur meine Mitsingfähigkeiten arg einschränkte. Manch Refrainzeile konnte Gianna dennoch rein vom Publikum singen lassen. Dieses wies ein erhöhtes Durchschnittsalter auf, oder um es positiver zu formulieren: Es bestand aus zahlreichen seit Jahrzehnten loyalen Fans. Und darunter waren neben augenscheinlich völligen Normalos auch Rockfans mit AC/DC-Shirt, ein Metal-Shirt habe ich auch gesichtet, jedoch keine Betrunkenen, keine Rempler oder ähnliche Klientel. Verdientermaßen erhielt das Hamburger Publikum einen mehrere Songs umfassenden Zugabenblock, darunter „Nel blu, dipinto di blu“, besser bekannt als „Volaaaareeee!!! Ooohoo!!!“, einer meiner ewigen Favoriten: die herzergreifende Ballade „Meravigliosa creatura*“, und ganz am Schluss der ultimative Flashback zur Fußball-WM 1990 in Italien, der von Giorgio Moroder komponierte und von Nannini seinerzeit zusammen mit Edoardo Bennato gesungene offizielle WM-Song „Un’estate italiana“. Hach. Die Urlaubsstimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht, wenngleich wir am nächsten Tag wieder zur Maloche mussten.

Ok, kein „Un Ragazzo Come Te“, kein „Kolossal“, aber meckern kann ich über die Songauswahl nicht.  Blöd nur, dass ich ausgerechnet während „Hey Bionda“ auf dem Klo war (ähnlich wie kürzlich während „Heart“ bei den PET SHOP BOYS – offenbar pinkle ich Hits), aber wie auch immer: 68 muss das neue 42 oder so sein, jedenfalls hatte Gianna ordentlich Pfeffer im Hintern, klang ihre Stimme herrlich verraucht wie eh und je und war die ganze Band in bester Spiellaune. Großen Respekt vor dieser Frau!

Einen Absacker gab’s anschließend noch im Biergarten des Lesecafés des Parks, wo man sich aufs Konzertpublikum mit entsprechender Musik aus der Anlage und Bierbestellschnellstraße eingerichtet hatte. Für mich war’s mal wieder ein etwas anderes Konzert, das sich gelohnt hat und schlicht Spaß machte – nicht nur, weil es mir eine ‘80er-Hitdosis nach der anderen injizierte. An meine fixe Idee, Nannini mal live sehen zu wollen, kann ich jetzt ‘nen Haken machen. Und wenn’s nach mir geht, muss es nicht das letzte Mal gewesen zu sein. Ich glaube, ich werde mich die Tage mal ein wenig durch ihr Spätwerk hören…

*) Was sich wie eine fiese Beleidigung oder der Name einer Death-Metal-Band anhört, heißt übersetzt nichts anderes als „Wunderbares Wesen“.

10. + 11.06.2022, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2022

Endlich wieder Gaußfest! Das Open-Air-Festival des Wagenplatzes im Herzen Altonas mit anschließendem (traditionell ohne mich stattfindendem, weil sonntäglichem) Fußibuff hatte ich 2019 aus irgendwelchen Gründen verpasst, die vergangenen beiden Jahre war’s pandemiebedingt ausgefallen. Pünktlich zum 30-jährigen Bestehen des Platzes (Glückwunsch!) aber lud man wieder bei freiem Eintritt und Inflation, Krise und Krieg zum Trotz stabilen Preisen (Halber Liter kaltes Markenbier: ein schlapper Euro! Warme Mahlzeit: ein schlapper Euro!) zur rustikalen Punkparty. Freitag war ich erst noch mit DMF im Proberaum, wo’s bereits feuchtfröhlich zuging. Besuch war da, die Kannen kreisten. In kleiner Gruppe ging’s schließlich auf den Platz, wo mit LIQUOR SHOP ROCKERS und FRONTALANGRIFF leider gleich zwei Bands krankheitsbedingt hatten absagen müssen.

Die Berliner SPLITTIN‘ IMAGE hatten wir verpasst, über sie war nur Positives zu vernehmen. Das kolumbianische Frauentrio POLIKARPA Y SUS VICIOSAS hingegen fing gerade an und zockte begeisternden, mitreißenden Hardcore-Punk mit wechselndem Gesang in Landessprache, der zurecht schwer abgefeiert wurde. Besonders die Drummerin hatte ein sehr brutales Organ. Ich war von der Menschenmasse und den vielen bekannten Gesichtern erst einmal überfordert – zu lange war so etwas zuletzt her gewesen. Eigentlich hatte ich mir auch vorgenommen, nicht so doll zu machen, um am nächsten Tag fit und pünktlich zu erscheinen, aber das war natürlich wieder leichter gesagt als getan. Hier ‘nen Plausch, da ein Anstoßen, noch ‘n Bierchen, na klar…

Und dann folgte auf den famosen Gig der Kolumbianerinnen zu allem Überfluss das Hamburger Elektropunk-Duo KID KNORKE & BETTY BLUESCREEN, das überraschend eingesprungen war. Mit seinen Elektroklängen polarisierte es, brachte diejenigen, die ihm zusprachen, aber zum Tanzen und überzeugte nicht zuletzt mit seiner Show voller Laser und Blingbling bei mittlerweile nächtlichem Firmament. Mit meiner gewissen Schwäche für Synthiepop in Kombination mit meiner Partylaune und entsprechendem Pegel lief mir das gut rein, zumal offenbar tatsächlich viel kreative Arbeit und Liebe zum Detail dahintersteckt. Machte Laune und traf den Nerv vieler Besucherinnen und Besucher, die sich den Stock aus dem Arsch gezogen haben. Anschließend gelang mir glücklicherweise der Absprung nach Hause.

Mit nur leichtem Kater traf ich ohne meine Gruppe vom Vortag, dafür mit meiner Liebsten gegen 18:00 Uhr ein, labte mich am Kokosgemüsecurry und vernahm die irritierenden ersten Klänge des Darmstädter Folklore-Duos THE INVASION. Phoenix erinnerte mich mit seinem Auftreten an Dennis Rodman, seinen Bass spielte er wie ‘ne Gitarre und jaulte dazu in schrägen Tönen. Drummer Bubblegumtrash spielte den Beat dazu und verfiel hin und wieder in schön räudiges Geschrei. Die Performance hatte Freejazz-Charakter, manch bekannte Melodie von Paulchen Panther bis zum House of the Rising Sun wurde vergewaltigt. Immer mal wieder bahnte man sich durchs Publikum, mal einer auf dem anderen huckepack, meist jedoch Phoenix allein, der mit dem Hals seines Instruments die um die verzückt tanzenden Schmerzbefreiten herumstehenden und mal ungläubig, mal fassungslos dreinblickenden, oft aber auch debil grinsenden Schaulustigen umzumähen Gefahr lief. Am Schluss des auffallend langen Sets war reichlich Konfetti geworfen worden – und ich am meisten schockiert darüber, dass Phoenix tatsächlich zwischendurch seinen Bass immer mal wieder nachgestimmt hatte. THE INVASION seien nicht repräsentativ für unsere Musik, erklärte ein Stammgast seinem offenbar erstmals mitgekommenen, verdutzten Besuch. Das kann man so sehen.

Der Trend geht zum Duo, denn auch die französischen AL’HYENA LUNA waren nur zu zweit und damit bereits der dritte solche Act auf diesem Festival. Die Sängerin und Bassistin spielte ihr Instrument ebenfalls mehr wie eine Gitarre, dazu ein Drummer – das war’s. Der Sound: Angepisster D-Beat. Dem Bandcamp-Profil nach zu urteilen gab‘s zumindest mal einen Dritten im Bunde. Und tatsächlich fehlte mir hier ein bisschen was. Klang eben nach D-Beat mit französischen Texten, relativ unspektakulär, nichtsdestotrotz für ein Duo sehr respektabel heruntergeholzt. Sicherlich ist dieser Sound repräsentativer für unsere Musik, wenn man so will – den spektakuläreren Auftritt hatten aber THE INVASION hingelegt.

Letztlich ist das natürlich wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen, weshalb ich mir weitere solcher Gegenüberstellungen verkneife. MALAKOV aus Braunschweig und Gelsenkirchen machen mir dies leicht, da sie tatsächlich in fast schon übertriebener Quintettgröße auftraten. Auf die Ohren gab’s amtlichen deutschsprachigen Punkrock mit Tempo, Schmackes und schön kehligem Gesang. Besonders haftengeblieben ist bei mir ein Stück mit ausgedehnter ruhigerer Passage und wiederholter „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“-Aufforderung. Aus den zwei Gitarren könnten MALAKOV noch etwas mehr herausholen, würden sie seltener das Gleiche spielen, den Tagessieg verhindert das aber natürlich nicht. Der Platz war mittlerweile wieder rappelvoll und als Zugabe gab’s TOXOPLASMAs „Ordinäre Liebe“, mitgebrüllt aus vielen heiseren Kehlen. So die Digitalpunks scheinen die Herren nicht zu sein, im Netz ist kaum etwas über sie zu finden. Ich weiß auch nicht, ob’s irgendeinen Tonträger gibt. Deshalb hier einfach mal ein Video, das auf einem anderen Open Air mitgeschnitten wurde:

Mittlerweile hatte ich ganz gut einen im Tee, es dämmerte und die Vorfreude auf die als eigentlichen Tageshöhepunkt gehandelten AKRABUT aus Israel stieg. Durch seine Verbindung zu den CITY RATS pflegt der Gaußplatz schon seit etlichen Jahren eine Freundschaft zu israelischen Punks. Unter anderem aus CITY-RATS-Mitgliedern rekrutieren sich auch AKRABUT, die einen rohen HC-Punk-Stiefel mit hebräischen Texten spielen, auf ihren Platten aber besser klingen als an diesem Abend. Der Gitarrensound bestand quasi nur aus Crunch, die Drums waren sehr in den Vordergrund gemischt. So richtig abgeholt hat mich das nicht; mir war’s ‘ne Weile zu krachig, wenngleich der Drummer sehr tight durchholzte und sich der Sound nach hinten raus zu bessern schien. Die „Hiroshima Palastina“-EP macht mir dagegen richtig Spaß. Die Ansagen gab’s in englischer Sprache und bestätigten mich in meiner Ansicht, dass, wer sich im Israel-Palästina-Konflikt stramm auf eine Seite stellt, reichlich suspekt ist – gleich ob „Antideutscher“ oder Israel am liebsten als ersten aller Nationalstaaten abschaffen wollender Antisemit. Vielmehr gilt es, sich mit progressiven Kräften beider Seiten zu solidarisieren – und AKRABUT scheinen zu diesen zählen.

Dieser sehr musikfokussierte Bericht vermittelt möglicherweise einen falschen Eindruck: Beim Gaußfest geht’s nicht unbedingt hauptsächlich um die Live-Acts, im Prinzip hätte ich auch mit keiner einzigen Band etwas anfangen und trotzdem meinen Spaß haben können. Das Gaußfest ist in erster Linie eine riesige Party in meist entspannter Atmosphäre und vielen Gästen von außerhalb. Dieses Jahr gab’s so wenig Glasbruch, dass zahlreiche Mädels barfuß tanzen konnten. Ein Vertreter eines ebenfalls sein 30-jähriges Jubiläum feiernden Schweizer Platzes war vor Ort und unterhielt sich mit uns in seinem drolligen Akzent. Ein Feuerspucker sorgte zwischen den Gigs für spektakuläre Unterhaltung, indem er sich ständig fast die Fresse zu verbrennen schien, und Höppi führte sein herzallerliebstes Punkrock-Marionettenspiel auf. Im Nachhinein ist’s nur etwas schade, dass ich am Freitag so gar keinen Sinn für das opulente Büffet hatte, das in der Platzkneipe El Dorado aufgebaut worden war und mit zahlreichen Leckereien aufwartete, als befände man sich im Luxushotel… Vornehm und mit Punk-Soundtrack geht die Welt zugrunde! Auf die nächsten 30 Jahre Gaußplatz!

05.06.2022, Barclays-Arena, Hamburg: PET SHOP BOYS

Es gibt diese Momente, in denen man über eine Konzertankündigung stolpert, die so gar nichts mit Subkultur zu tun hat, aber einen Act betrifft, der einen – mal mehr, mal weniger – schon sein ganzes Leben lang begleitet und sich nicht nur mit einer Handvoll Evergreens im Langzeitgedächtnis festgesetzt hat, die man in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder hervorkramt, sondern der auch im Radio nach wie vor omnipräsent ist und sogar weiterhin regelmäßig abliefert. Das britische Synthie-Pop-Duo PET SHOP BOYS ist so ein Fall. In den 1980ern haben Neil Tennant und Chris Lowe diesen Musikstil und aufgrund ihres immensen Erfolgs die Populärkultur jener Dekade mitgeprägt und waren seitdem nie weg. Die PET SHOP BOYS entwickelten sich musikalisch weiter, modernisierten ihren Sound und landeten immer mal wieder Treffer, die auch mich erreichten. Dies gelang ihnen vor allem mit der „Agenda“-EP aus dem Jahre 2019, mit der sie sich auf ihren ‘80er-Stil zurückzubesinnen schienen.

Als ich irgendwann 2019 oder Anfang 2020 davon erfuhr, dass sie auf Tour kommen würden, unterlag ich meiner diffusen Schwäche für ‘80er-Synthie-Pop und gelang es mir gerade noch, zwei Karten für den Hamburg-Gig im Mai 2020 zu besorgen. Dann kam die Covid-19-Pandemie und die Tickets landeten auf dem Stapel unbekannt verschobener Veranstaltungen. Der Ersatztermin 2021 fiel ebenfalls dem Virus zum Opfer, aber am Pfingstsonntag ’22 sollte es tatsächlich klappen! Die einst von O2-Arena in Barclaycard-Arena umgetaufte große Halle heißt mittlerweile Barclays-Arena, aber unsere alten Tickets besaßen noch immer Gültigkeit. Nach einer kräftigen Stärkung am Imbiss ging’s per S-Bahn nach Stellingen, wo wir ob des hervorragenden Wetters auf den Shuttle-Bus pfiffen und uns in einem Pulk weiterer PET-SHOP-Hools durch Parkanlagen hindurch den Weg zur Was-auch-immer-Arena bahnten. Bald hatte ich meinen Denkfehler bemerkt, das Publikum bestünde mit Sicherheit größtenteils aus Teenies, die die Band seit den ‘80ern hören. Ähm… Angesichts der tatsächlichen Besucherinnen und Besucher witzelten wir dann, dass wir uns statt vor einer Wall of Death vor einer Wall of Mums and Dads in Acht würden nehmen müssen.

Meine letzte Vorglüh-Pilsette zischte ich in der langen Schlange am Einlass, die erstaunlich schnell voranschritt. Der Grund: Taschen und ähnliches Gedöns jagte der Sicherheitsdienst kurzerhand durch Metalldetektoren und Impfnachweise entfielen. Der halbe Liter Bier kostet in der Arena mittlerweile amtliche 6 Öcken, ‘ne Piña Colada dafür nur 50 Cent mehr – und wenn man den richtigen Bierstand erwischt, gibt’s immerhin Duckstein statt Holstenplörre. Das Publikum setzte sich augenscheinlich aus einem Mainstream-Publikum in den besten Jahren, aber auch einigen Jüngeren, der „Zumindest einmal gesehen haben und ‘nen Haken dran“-Konzerttouri-Fraktion sowie ein paar ’80s-Abkultern zusammen. Ein Typ lief mit langen Haaren, Sonnenbrille, pinkem Stirnband, ebensolcher Tigerhose und „I Love The 80s“-Shirt rum, ein anderer sprach mich auf die HC-Aufnäher auf meiner Kutte an und versicherte, eigentlich auch eher aus jener Ecke zu kommen, aber nun einmal ebenfalls auf geilen ‘80er-Scheiß zu stehen.

Der Kartenkauf lag derart lange zurück, dass ich kaum etwas übers Konzert wusste. So hoffte ich, dass die PET SHOP BOYS nicht in erster Linie ein neues Album promoten, sondern möglichst viele Klassiker spielen würden – ohne mir bewusst zu sein, dass ich ein Konzert der „Dreamworld – The Greatest Hits live”-Tour besuche, ich also jeden Klassiker zu hören bekommen werde! Dass meine Liebste und ich uns mitnichten im Innenraum aufhalten werden, sondern zwei Sitzplätze auf dem Unterrang erworben haben, wurde mir ebenso erst auf dem Hinweg wieder klar wie der Umstand, dass es keinerlei Vorgruppe geben würde. Um 20:00 Uhr sollte es losgehen, ca. zehn Minuten vorher fanden wir uns auf unseren Plätzen ein und lauschten belangloser Fahrstuhlmusik in Endlosschleife. Die Herren ließen sich bitten, der Beginn verzögerte sich um ca. zehn Minuten. Als dann „Smalltown Boy“ von BRONSKI BEAT durch die gigantische Anlage schallte, atmeten alle, die ebenfalls von der vorausgegangenen Mucke genervt waren, erleichtert auf – und, ja: Das hatte doch schon mal Atmosphäre.

Nicht nur die Ränge waren bestuhlt, auch der Innenraum, was den Unterschied zwischen den Bereichen minimierte. Und als die BOYS auf der Bühne auftauchten und direkt mit der Working-Class-Synthie-Oi!-Hymne „Suburbia“ einstiegen, hielt es niemanden mehr auf den Stühlen. Mr. Tennant und Mr. Lowe allerdings standen in ihrer spacigen Kostümierung stoisch unter zwei Straßenlaternen, Lowe natürlich hinter seinem Keyboard (mit Monitor), und zeigten keinerlei Regung, während im Hintergrund digitale Animationen flimmerten. Sollte das den Rest der Show über so bleiben?

Nun ja, dass wir die beiden kaum erkannten, da sie nicht in Ausschnitten vergrößert auf die seitlichen Videoleinwände geworfen wurden: ja. Die Show an sich wechselte ab dem dritten Song jedoch beständig, ebenso die Hintergrundanimationen, in denen sich fiebrig tanzende Elektroimpulse mit Musikvideo-Ausschnitten abwechselten. Ständig wurde unbemerkt etwas umgebaut, kamen z.B. Percussionists auf die Bühne oder wechselten Aufbauten, Hintergründe und Kostüme. Warum man auf die Vergrößerungen auf den Videoscreens verzichtete, begriff ich mit der Zeit: Es hätte von der Show abgelenkt, die genau so aussehen sollte, wie sie sich einem präsentierte. Die BOYS als Teil davon, nicht überlebensgroß über ihr stehend. Elektronische Kälte und Stoizismus, konterkariert vom tanzbaren Songmaterial mit Tennants warmer, sanfter, dennoch charismatischer Stimme und dem melancholischen Touch so vieler Stücke. Auf „Suburbia“ folgte mit „Can You Forgive Her?“ ein Höhepunkt aus den 1990ern, „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ hatte ich so gar nicht auf dem Schirm, überzeugte live aber vollends, „Where the Streets Have No Name (I Can’t Take My Eyes Off You)“ übernahm und gab den Staffelstab ans großartige „Rent“, „Se a vida é“ war einfach, ja: schön, und vor „Domino Dancing“ nahm sich Tennant etwas Zeit, um die Entstehung des Songs zu erläutern. Den Refrain ließ man ausschließlich vom Publikum singen, ebenso später die Bridge von „Always On My Mind“, jener BRENDA-LEE-Coverversion, mit der einst Elvis große Erfolge feierte und die von den PET SHOP BOYS bis an den Rande des Schlagers – aber eben wirklich nur bis dorthin! – adaptiert wurde und ich in mein Herz geschlossen habe. Duettpartnerin für „What Have I Done To Deserve This?” war Clare Uchima, die sich zu den BOYS auf die Bühne gesellte.

Songs, die ich nicht kannte oder mir nicht mehr geläufig waren, hielten sich mit meinen favorisierten Hits die Waage, „Monkey Business“ und „Dreamland“ (auch mit Uchima) vom aktuellen Album „Hotspot“ waren die jüngsten Stücke. Natürlich war die eine oder andere Nummer dazwischen, die mich nicht gleich zu Begeisterungsstürmen hinriss und ich eher unter „nett“ oder „ok“ einordnen würde, aber richtigen Mist habe ich nicht vernommen, im Gegenteil: Sehr gefreut habe ich mich über „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk”, von dem Tennant in seiner Ansage meinte, dass es in Deutschland vielleicht kaum jemand kennen würde, da das Stück in erster Linie in der britischen Heimat ein Hit gewesen sei. Tennant schnappte sich doch tatsächlich eine Akustikklampfe und begleitete sich selbst. Ein besonderer Moment zwischen all den Elektroklängen. Ausgerechnet bei „Heart“, einem meiner ewigen Favoriten (der Videoclip!) war ich pinkeln und Getränkenachschub organisieren. Letzteres ging übrigens stets sehr flott, denn bei so einem PET-SHOP-BOYS-Konzert wird offenbar wesentlich weniger gesoffen als anderswo. Erstaunlich, ich weiß. Das VILLAGE-PEOPLE-Cover „Go West“ war ebenso gesetzter Standard wie die (Nicht-nur-)LBGTQ-Hymne „It’s A Sin“, mit dem der reguläre Teil endete.

„West End Girls“ und „Being Boring“ als Zugaben besiegelten ein satte 26 Songs umfassendes Konzert, bei dem ich entweder dauergrinsend und im Takt wippend dastand oder euphorisiert mitsang – und nicht so recht verstand, weshalb es mir nicht alle in der Arena gleichtaten. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Die allgemeine Stimmung war trotzdem gelöst, fröhlich und absolut entspannt. Was da letztlich alles vom Playback kam, kann ich natürlich nicht mit Gewissheit sagen, aber Tennant sang selbst und dass man sich die Mühe machte, zeitweise zwei Percussionsets aufzubauen und zu spielen, spricht dafür, dass man versuchte, so viel wie möglich live darzubieten. Auf diese Weise gefällt mir Techno-Muffel dann so’ne Show auch. Sound, Lightshow, Songauswahl, Tennants nicht gealterte Stimme – alles knorke, mit zwei Einschränkungen: Schade, dass nichts von „Agenda“ gespielt wurde; und die Lightshow verhinderte durch ihr quasi permanentes Gegenlicht, dass Madame und moi vernünftigere Fotos schießen hätten können. Gibt Schlimmeres. Das war dann also mein erstes richtiges Konzert einer Band aus dem goldenen Pop-Zeitalter – und hoffentlich nicht mein letztes. Kann mal bitte endlich jemand Cyndi Lauper nach Hamburg holen…?!

P.S.: Im Eintrittspreis inbegriffen war ein tatsächlich durch die Bank weg überaus freundliches und bei Fragen hilfsbereites Personal, zudem dürfte es sich um einen der Hamburger Veranstaltungsorte mit den meisten und saubersten Toiletten handeln. Dass man offensichtlich ums Wohlbefinden seiner Gäste bemüht ist, relativiert dann zumindest ein Stück weit den verglichen mit anderen Veranstaltungen, die wir für gewöhnlich besuchen, recht hohen Ticketpreis…

14.05.2022, Freiraum Itzehoe: HARBOUR REBELS + BOLANOW BRAWL

Über zwei Jahre hatten wir kein Konzert mehr gegeben, doch unsere „postpandemische“ Konzertsaison sollte beginnen, wie die präpandemische endete: mit den HARBOUR REBELS. Obwohl, eigentlich sollten wir für RED BRICKS eröffnen, die ohne Sänger zurzeit jedoch aufgeschmissen sind. Dankenswerterweise sprangen HARBOUR REBELS umgehend und unkompliziert ein. Konspirativ näherten wir uns an diesem lauen Frühlingsnachmittag in Kleingruppen dem Itzehoer Freiraum, der sich etwas versteckt, weil unausgeschildert hinter Industriegebäuden auf einem ehemaligen Areal für Bahnmalocher befindet. Vor ein paar Jahren hat die Freiraum-Crew um Melissa und Dietmar im Schweiße ihres Angesichts dort alte Bahngleise aufgeschüttet und ‘ne muggelige Veranstaltungsbude etabliert, in der nun regelmäßig Subkulturelles stattfindet. Im Inneren verbindet ein schnieker Tresen den Backstage- mit dem Bühnenbereich, zu trinken gibt’s u.a. kaltes Ratsherrn (mein Lieblingspils!) und im Gartenbereich kann man sich in Liegestühle fallenlassen, aus denen man in meinem Alter nur schwer wieder hochkommt. Dass ich überhaupt zu diesem Gig hochkommen würde, stand die Woche über auf der Kippe, da mich – erstmals seit Jahren! – ausgerechnet jetzt ‘ne miese Erkältung erwischt hatte. Freitagmittag aber hatte ich entschieden, die Nummer durchzuziehen und mir mein Kamillosan-Rachenspray (Tipp!) eingepackt. Nachdem alles aufgebaut und der Sound gecheckt war, gab’s lecker Mampf vom Orientimbiss.

Wenige Falafelfürze später ließen wir unser neues Intro aus der Konserve erklingen und stiegen wie gewohnt mit „Total Escalation“ in unser Set ein. Boah, geil – endlich wieder live zocken! Ein warmes Gefühl der Euphorie überkam mich. Dass es Probleme mit der Monitoranlage gab und ich mal wieder dazu neigte, dagegen anzuschreien, mich selbst auf der Bühne kaum zu hören: geschenkt. Immerhin hielt meine Stimme größtenteils durch, offenbar klang ich schlicht rotziger als sonst. Neben unseren üblichen Songs war auch wieder „Cliché“, unsere zweitjüngste Nummer, im Set, und unser betäubungsmittelmissbrauchskritischer „Saufen ist geiler als koksen“-Song „Not My Thing“ feierte seine Livepremiere. Die wohl so knapp 30 Menschen im Publikum tanzten paar Runden, verließen aber auch in Teilen die Bude, weil es ihnen zu laut gewesen sei (?!), und lauschten vor der geöffneten Tür weiter – Kippe in der einen, Mische in der anderen Hand –, oder alberten vor der Bühne herum und schossen Selfies. Zu fünft auf derselben war’s ganz schön eng, sodass ich beim Gestikulieren immer mal wieder versehentlich in Keith‘ Bass grabschte, was die eine oder andere Unterbrechung zum Instrumentenstimmen nach sich zog. Fast alles wie früher also! Etwas gewöhnungsbedürftig hingegen das überwiegend purpurne Licht, das ab und zu kurz unvermittelt wechselte, um sich schnell wieder irgendwo zwischen rosa und lila einzupendeln. Nach zwölf Songs inklusive Zugabe war für uns Feierabend.

Diesen versüßten uns die HARBOUR REBELS mit ihrem oft deutsch-, aber auch mal englischsprachigen Streetpunk voller Ohrwurmmelodien und von Sängerin Jules kräftiger Stimme geschmetterten Mitsingrefrains, der sich thematisch zwischen der eigenen Szene, Fußball, Kritik an der Gesamtscheiße und auch Persönlicherem, Ernstem wie einem Song über Depressionen bewegt. Jule führte mit launigen Ansagen durchs Set, das von gleich drei Coverversionen – „Because You’re Young“ (COCK SPARRER), „Skinhead Times (THE OPPRESSED) und „Nich‘ mein Ding“ (HAMBURGER ABSCHAUM, Gitarrist Dennis‘ ehemalige Spielwiese) – abgerundet wurde. Nachdem Benny eine Gitarrenseite gerissen war, konnte Christian mit seiner Klampfe aushelfen, sodass eine längere Pause vermieden wurde und die gute Stimmung nicht absank. Der Laden war nach wie vor nicht gerade überfüllt, aber alle schienen ihren Spaß zu haben. Selbst beim St.-Pauli-Skinheads-Song nahm die Band entwaffnend jegliche Verbissenheit heraus, indem man ein Bandmitglied als HSVer „outete“ und man den anwesenden Hansa-Rostock-Anhänger in ein nettes Pläuschchen verwickelte. Anschließend tranken wir alle (außer Ole, der mit eigener Karre wieder nach Kiel zurück und deshalb bedauerlicherweise trockenbleiben musste) gemeinsam den Kühlschrank leer und manch einer feierte noch die erlesene Musikauswahl des nun auflegenden DJs ab, die von GIANNA NANNINI über NEW ORDER bis DRITTE WAHL reichte.

Itzehoe war ein idealer Warm-up für zukünftige Livegigs sowie eine schöne Gelegenheit, mal wieder aufs platte Land um Hamburg ‘rum herauszukommen und der Dorfpunkkultur zu frönen. Lediglich die Idee, den Merchstand im Backstage-Bereich aufzubauen, den daraufhin kaum jemand findet, wäre eventuell zu überdenken, haha… Behaltet den Freiraum e.V. ruhig mal im Auge, am 25. Mai spielen dort z.B. LOS FASTIDIOS mit ZOI!S. Danke an dieser Stelle noch mal dem Freiraum-Team sowie den HARBOUR REBELS für alles, Sandy dafür, mit gebrochenem Fuß als Fahrerin fürs Schlagzeug und zwei Fünftel unserer Band eingesprungen zu sein, sowie der Dame, die den Rest unserer HH-Delegation kurzerhand zum Itzehoer Bahnhof chauffierte, von wo aus wir feuchtfröhlich die Heimreise antraten und diverse Babytauben zu sehen bekamen…

P.S.: Nicht zuletzt danke an Ben German und Sandy für die Fotos (und Videos fürs Privatarchiv) unseres Gigs!

29.04.2022, Indra, Hamburg: RED BRICKS + THE YOUNG ONES

Bei der Hamburger Oi!-/Streetpunk-Band RED BRICKS ging alles unfassbar schnell: Letztes Jahr Bandgründung mit alten Szenehasen wie Drummer Chris (ex-HARBOUR REBELS, ex-HEIAMANN) und Gitarrist Boris (ex-VOLXSTURM); unser Bassist Keith nutzte die Zeit, in der wir mit BOLANOW BRAWL pandemiebedingt pausieren mussten, ebenfalls, um sich dort eine weitere Spielwiese zu suchen. Rasch wurden ein komplettes Album eingespielt, mit Contra Records ein Label gefunden, ein Videoclip veröffentlicht und reichlich Gigs gezockt. Die Facebook-Follower wurden vierstellig, alle Welt schien sich für diese Band zu interessieren und zu begeistern. Wofür andere Bands Jahre brauchen, fand hier innerhalb weniger Monate statt. Auch dass der andere Gitarrist Tim (FIRM HAND) aus persönlichen Gründen die Band verlassen musste, lief vollkommen geräuschlos ab, Ben German ersetzte ihn kurzerhand. Doch just, nachdem die LP „Built Over Time“ aus dem Presswerk gekommen war und die Record-Release-Party unmittelbar bevorstand, trennte man sich vom italienischen Sänger und Texteschreiber Rino. Aber selbst das haute die Band nicht um: Als temporären Ersatz gewann man Baba der singapurischen Band THE BOIS, der bereits einen Gastpart im Song „Blood Pact“ übernommen hatte, um für den Gig einzuspringen! Wohl nur möglich, weil dieser ohnehin gerade wegen eines britischen Festivalsauftritts mit THE BOIS in Europa weilte.

So ging die Sause also beinahe wie geplant im Indra, jenem Kiezclub, den der umtriebige Sam zusätzlich zum Monkeys Music Club übernommen hat, über die Bühne. Keith hatte mich freundlicherweise auf die Gästeliste gesetzt, unser gemeinsamer Bandkollege Christian hatte sich angekündigt und ein DJ-Duo legte Reggae-, Ska- und Soul-Klassiker auf – gute Voraussetzungen für einen fröhlichen Abend schon mal. Den Support übernahmen die Niederländer THE YOUNG ONES, die nach reichlich Zeit zum Vorglühen (angegeben war ein Beginn um 20:00 Uhr, doch es wurde deutlich später) im inzwischen vollen Laden als klassisches Quintett mit Sänger und zwei Gitarristen ihre Streetpunk-Attacken ritten. Sofort begannen einige mit Ausdruckstanz und Rempelrangel, andere feuerten anderweitig die Band an oder hörten schlicht interessiert zu. Zu letzteren zählte ich mich, denn ich kannte die Band, die seit 2005 vier Alben und ebenso viele EPs veröffentlicht hat, bisher nicht. Ihre Spielfreude war ansteckend und ein genialer Refrain wie z.B. von „Forever Young“ (kein Alphaville-Cover) ging direkt ins Ohr und lud zum leidenschaftlichen Mitsingen ein. Etwas unverständlich, dass der ausgelassenen Stimmung und dem verdammt guten P.A.-Sound zum Trotz niemand außer mir eine Zugabe forderte, sodass meine Worte ungehört verhallten. Klasse Liveband jedenfalls, während deren Auftritt kurioserweise der bereits gehisste RED-BRICKS-Banner von der Wand segelte.

Ein böses Omen für den Auftritt der LP-Debütanten? Weit gefehlt! Der Banner wurde wieder aufgehängt und hielt den kompletten Gig. Gastsänger Baba hatte nur wenige Proben mit RED BRICKS, niemand hatte erwarten können, dass er alle Texte auswendig kennt. Es gelang ihm aber, als Sänger mit Textständer auf der Bühne nicht albern auszusehen – ganz im Gegenteil: Wie da quasi jeder Einsatz saß und er nicht verunsichert permanent mit den Augen an den Textblättern klebte, sondern sie wie nebenbei ablas, um sie mit kräftiger, rauer Stimme selbstbewusst zu interpretieren, ringt mir eine Menge Respekt ab. RED BRICKS spielen viel in wuchtigem Midtempo gehaltenen, englischsprachigen No-Bullshit-Oi! mit Melodie und einigem Pathos, zu dem der Mob vom ersten Akkord an mitging. Anlässlich ihrer Albumveröffentlichung wurde die absolut souverän auftretende Band gefeiert wie Szenestars, was sicherlich auch als Zeichen des Zusammenhalts innerhalb der sich explizit antifaschistisch positionierenden Skinheadszene gewertet werden kann – und natürlich nicht zuletzt dafür, dass der Sound den Geschmack größerer Teile der Szene trifft. Dennoch: Der Geist von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung, gerade unter widrigen Umständen und über Ländergrenzen oder gar Kontinente hinweg, durchzog diesen Konzertabend, sei es durch das kurzfristige Einspringen eines singapurischen Sängers, sei es durch den Rückhalt durchs Publikum, den die Band auch nach der Trennung von ihrem Sänger erfuhr. Der Auftritt endete nach zehn Songs mit „Alerta Antifascista“-Chören seitens des Publikums, die Band hatte die Herausforderung mit Bravour bestanden. Ihre LPs schienen sich wie geschnitten Brot zu verkaufen und im Gartenbereich des Indras wurde fröhlich weitergetrunken, sich ausgetauscht und gefeiert, während man drinnen zu den DJs tanzte, bis die Party ins St. Pauli Eck verlagert wurde.

Dieses dann gleich auszutrinken, bis man in den frühen Morgenstunden zusammen mit dem Unrat vor die Tür gefegt wird, entsprach nicht unbedingt dem ursprünglichen Plan, aber, hey: „Built Over Time“-Record-Release-Party ist nur einmal im Leben und man muss die Feste feiern, wie sie fallen!

Vielleicht noch ein paar nachdenklichere Worte zum Schluss: Dass man sich von seinem Sänger trennt, weil man ihn für nicht mehr tragbar hält, seine Texte aber weiterhin singt bzw. singen lässt, fühlt sich irgendwie seltsam an. Letztlich ist das wohl ein Beispiel dafür, Kunst und Künstler, wenn man so will, voneinander zu trennen. Dies ist RED BRICKS offenbar geglückt, denn das Publikum hat es akzeptiert, zumal die Texte damit auch nichts zu tun hatten. RED BRICKS suchen gerade aktiv nach einem neuen Sänger, der dann sicherlich auch eigene Texte einbringen könnte. Wer Interesse hat, kann die Band über die üblichen Kanäle kontaktieren. Ich gratuliere zum Album sowie zur Release-Party und wünsche viel Glück!

23.04.2022, Bambi galore, Hamburg: MIND-THE-GAP-FEST mit EMILS + NOVOTNY TV + SMALL TOWN RIOT + DV HVND

Gierfisch und der Captain, seit Ende der 1990er Macher des Hamburger Mind-The-Gap-Fanzines, planten vor mittlerweile langer Zeit nicht nur, ein kleines Punkrock-Festival aufzuziehen, sondern auch, eigens zu diesem Zwecke die aufgelösten NOVOTNY TV aus ihren Steueroasen und Wellness-Tempeln zu locken und mittels Starkstromstößen sanft zu einer Live-Reunion zu überreden. Stattfinden sollte es im kleinen Billstedter Kellerclub Bambi galore. Doch dann kam die Pandemie dazwischen und die Sause musste aufs nächste Jahr verschoben werden. Und dann gleich noch einmal. Mit ungetrübtem Optimismus terminierte man auf Ende April ’22 und suchte sich um die NOVOTNY TV herum eine Reihe weiterer Bands, zu denen die beiden einen besonderen Bezug haben. Eigentlich sollten auch die eigens für dieses Ereignis reanimierten ANTIKÖRPER mit von der Partie sein, doch ein plötzlicher Todesfall im Familienkreis verhinderte traurigerweise die Teilnahme. Ganz üble Scheiße, mein Beileid.

Es handelte sich übrigens um mein erstes Indoor-Punkkonzert seit über zwei Jahren, zuletzt hatte ich mir Punkklänge live beim Hafenstraßen-Open-Air im September 2020 (!) um die Ohren blasen lassen. Es wurde also verfickt noch mal echt wieder Zeit! Leider musste ich dafür schweren Herzens auf die von mir hochgeschätzten DÖDELHAIE verzichten, die zeitgleich das Gängeviertel mit „linksextremer Hassmusik“ beschallten. Kaum gehen die Konzerte wieder los, hat man auch wieder die oftmals schwierige Qual der Wahl…

Vor Ort gab’s ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten, auch im Wortsinn: Der Altersdurchschnitt war erhöht, insgesamt bot sich aber das Bild einer angenehm heterogenen Mischung von grün hinter den Ohren bis Oppa mit Krückstock. DV HVND aus Hessen eröffneten den Reigen und holten die Feier zur Veröffentlichung ihres „Bollwerk“-Albums nach. Ich wüsste nicht, von der Band zuvor schon mal was gehört zu haben, aber das hier ging klar: Melodischer deutschsprachiger Punkrock mit leichtem Hang zur Melancholie, aber auch mit paar flotteren Nummern dazwischen. Stilistisch und inhaltlich wohl mehr verrauchte Kneipe denn Hörsaal bei sympathischer Ausstrahlung, aber enttäuschend wenig hessischem Dialekt in den Ansagen. Der Bass war etwas laut, insgesamt drückte der Sound aber ganz gut. Als irritierend empfand ich das UNTERGANGSKOMMANDO-Cover („Bis nichts mehr übrig bleibt“) als letztem Song, da ich diese Gruppe als weitestgehend überflüssig gespeichert hatte. Die Bude war bereits gut gefüllt, DV HVND spielten vor für den Opener eines kleinen Festivals ordentlicher Kulisse.

Einen Bewegtbildeindruck davon kann man sich dank „Shitty Videos Galore“ verschaffen:

SMALL TOWN RIOT, ursprünglich (und zu Teilen immer noch) aus der gleichen Gegend wie die unlängst gen Hamburg emigrierten Fanziner stammend, hatten sich ebenfalls zu einem ihrer raren Gigs überreden lassen und lieferten einmal mehr hymnischen bis zackigen und ruppigeren Streetpunk’n’Roll für Feinschmecker bei nunmehr perfektem Sound. Arme gingen in die Luft, es wurde fleißig skandiert und mitgesungen sowie getanzt und sich gefreut. Zwei Klampfen, die für die sich unverschämt einschmeichelnden Melodien sorgen, Timos und Normans Wechselgesang, die persönlich geprägten, großartigen Texte – mal wieder ‘ne glatte Eins! Mehr davon und Küsschen!

„Shitty Videos Galore“ war auch hier am Start:

NOVOTNY TV aus dem Münsterland hatten in der zweiten Hälfte der 1990er zwei Alben bei Nasty Vinyl veröffentlicht, die mit sarkastischen, schrägen Garage-Psych-Noise-Orgel-Trash-Punk-Krachern wie „Butterfahrt im Gazastreifen“ oder „Deutschland braucht Deutschpunk“ einen sehr individuell Stil pflegten und in der Szene bestens ankamen. Live gesehen hatte ich sie damals leider nie. Nun tummelten sich sechs Herren auf der kleinen Bambi-Bühne. Der Sänger hatte sich als Bankkaufmann verkleidet und dürfte somit der erste Künstler sein, der je im Bambi (vermutlich gar in ganz Billstedt) eine Krawattennadel trug. Links neben ihm hatte der Orgelspieler im Schneidersitz platzgenommen und machte an seinem Mini-Keyboard auf keine Miene verziehenden Autist. An den Drums wechselten sich – warum auch immer!? – der Originaldrummer und Jesus Maria Hagemann von DISMALFUCKER und diversen weitere Krachkapellen ab, manchmal unterstützte der Originaldrummer dann vorne den permanent grinsend und die immer gleichen Tanzschritte ausführenden Sänger. Es war ein kräftiges Gewusel auf der Bühne und immer wat los, das meiste davon Musik. Während ich dieser lauschte, fiel mir wieder ein, dass ich das zweite Album aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen gar nicht kenne, sodass ich bei Songs wie „Nieder mit der Popkultur“ oder „Lederjackenmann“ mehr oder weniger aufmerksam zuhörte. Mir bekanntes Material des „Tod, Pest, Verwesung“-Albums (inklusive sich perfekt einfügendem HERMANN’S-ORGIE-Cover „Moderne Musik“) hingegen lud zum fröhlichen Mitsingen/-grölen ein und war bei nach wie vor großartigem Sound ein wunderbares Beispiel für gut gealterten bzw. zeitlos gebliebenen Punk, der sich einen Dreck um Konventionen schert, ohne dabei mit blasierter Kunstkacke zu nerven.  Schönes Detail auch: Entgegen der Reihenfolge auf dem Album wurde „Invasion vom Mars“ noch vor „Kaputtsaniert“ gespielt. Da auf letztgenannten Song jedoch in „Invasion…“ Bezug genommen wird, hieß es in der entscheidenden Zeile nun: „Der Rentner aus ,Kaputtsaniert‘ – kommt noch! – der kricht die Birne abrasiert!“.  Band wie Publikum hatten allem Anschein nach einen Mordsspaß, es wurde kräftig getanzt, gepogt und gefeiert und, wenn ich mich recht entsinne, NOVOTNY TV auch zu ‘ner Zugabe genötigt. Bei „Zeit schlafen zu gehen“ wurden Feuerzeuge geschwenkt wie einst bei der KELLY FAMILY. Geiler verrückter Scheiß!

Der „Shitty Videos Galore“-Mitschnitt:

Natürlich war’s längst nicht Zeit, sich in die Pofe zu begeben: Perfekt in diese Riege nicht mehr blutjunger Bands, die noch gezielt ausgesuchte Gigs spielen, aber keine neue Musik mehr veröffentlichen, passten auch die EMILS, eine meiner favorisierten Hamburger Combos. Diese ließen sich nicht lumpen und zockten derart fehlerfrei und abgewichst, als täten sie Woche für Woche nichts anderes, ein Best-of-Set quer durch ihre HC-Punk-Diskografie (lediglich das finale „Partytime“-Album wurde ausgespart, oder?). Shouter Ille kommunizierte launig mit dem Pöbel und los ging’s mit „Viel zu langsam“, über „Kampfsignal“, „Pass dich an“, „Wer frisst wen?“, „Kirche nein“, „Neo-Nazis“, „Die Abrechnung“, „Dumm-Punk“, „Wir müssen draußen bleiben“ und wie sie alle heißen bis hin zum BUTTOCKS-Cover „Nein Nein Nein“, und als Kirsche auf der Sahnehaube wurde abschließend noch ein komplettes SLIME-Best-Of aller ‘80er-Alben in einem flott gezockten Medley verwurstet. All dieses Zeug ist bereits vor unzähligen Jahren Teil meiner subkulturellen und musikalischen DNA geworden; zu partizipieren, wie es live derart energiegeladen und mächtig zelebriert wird, geht euphorisierend in Herz, Hirn und Weichteile. Der Mob tobte sich inklusive eures Chronisten kräftig aus, immerhin ungefähr die Hälfte des Sets bekomme ich durchaus noch durchgetanzt. Ille stachelte einen zusätzlich an, indem er das Mikro ins Publikum hielt und zum Mitsingen aufforderte, was dankend angenommen wurde. Besser hätte dieses Festival nicht enden können!

Nicht CRASS, sondern die EMILS, festgehalten von „Shitty Videos Galore“:

Die DJs Starry Eyes und Hollyholetsgo legten anschließend noch auf, während ich jedoch draußen vor der Tür nach Luft japste und trunken nicht nur vom vielen Bier mit Freunden herumalberte, bis die Vernunft siegte und der ÖPNV uns nach Hause transportieren durfte.  NOTOTNY TV hatten wahnsinnigerweise noch zugesagt, am nächsten Morgen zusammen mit NIXDA! an der Hamburger Marathonstrecke ein Set zu spielen, was sie, wie ich den sozialen Netzwerken entnehmen konnte, jedoch nicht geschafft haben (NIXDA! zogen aber durch). Geiles Festival, das von mir aus gern regelmäßig einmal jährlich stattfinden dürfte. Gierfisch, Captain: Macht mal!

P.S.: Manu vom SCHRAIBFELA-Videofanzine war übrigens auch zugegen und hat der Nachwelt folgenden Clip hinterlassen:

24.03.2022, Kulturpalast, Hamburg: GEOFF TATE + DARKER HALF + SONS OF SOUNDS

Ein Traum in Infrarot

Deutschland und Hamburg haben die Pandemiezügel deutlich gelockert, sodass GEOFF TATE endlich seine ursprünglich fürs Jahr 2020 geplante Tour hierzulande antreten und ich endlich das erste Ticket von meinem Stapel der verschobenen Konzerte einlösen konnte. Es sollte mein erstes Konzert seit eineinhalb Jahren, gar mein erstes Indoor-Konzert seit gut zwei Jahren werden. Als Fan des QUEENSRŸCHE-Konzeptalbums “Operation: Mindcrime” war ich im Dezember 2018 zugegen, als deren ehemaliger Sänger GEOFF TATE im Gruenspan das komplette Album live dargeboten hatte. Das hatte mich schwer begeistert, sodass ich spontan zuschlug, als mich die frohe Kunde erreichte, Tate würde im Frühjahr 2020 mit den QUEENSRŸCHE-Alben Nummer 2 und 4, „Rage For Order“ und „Empire“, ebenso verfahren – obwohl sich mir diese bis dahin nie in Gänze erschlossen hatten. Die Neugier überwog, und natürlich die Vorfreude, Songs wie „Walk In The Shadows“ oder „Gonna Get Close To You“ einmal vom Originalsänger live zu hören zu bekommen.

Etwas verwundert, aber auch freudig überrascht war ich, dass die Tour nun endlich fast wie geplant stattfinden würde, inklusive beider Vorbands. Um auch ja nichts dem Zufall zu überlassen, war ich überpünktlich am Konzertort – einem meiner bevorzugten in Hamburg – und labte mich erst einmal in entspannter, angenehmer Atmosphäre an einem frischgezapften Duckstein an der zum Areal gehörenden Gastronomie (wo man anscheinend auch vorzüglich speisen kann). Der zweigeteilte Einlass – draußen 2G+-Kontrolle, innen Ticketverkauf bzw. -abriss – war professionell organisiert und ging flott vonstatten, wenngleich man sich angesichts meines alten Hardtickets verwundert die Augen rieb, warum auch immer.

Band of Brothers

Um pünktlich 18:40 Uhr eröffneten SONS OF SOUNDS aus Karlsruhe den musikalischen Abend. Drei der vier Bandmitglieder sind Geschwister, von denen der Gitarrist Fußballsachverstand bewies, indem er sich sein FC-St.-Pauli-Shirt übergezogen hatte und dafür zahlreiche Sympathiepunkte erntete. Und vor der Bühne: ich, mit nacktem Gesicht, sprich: unmaskiert. Das fühlte sich etwas seltsam, beinahe obszön an, als hätte ich den Saal mit offener Hose betreten. Verstohlen sah ich mich um, und tatsächlich: Ich war Teil einer großen Gruppe Gesichtsexhibitionisten, die Masken waren gefallen, und der Sicherheitsdienst machte keinerlei Anstalten, einzuschreiten. Es stimmte also: Die Maskenpflicht war ohne Wenn und Aber aufgehoben, es existierte auch keine Abstandspflicht mehr. Wie in Prä-Covid-19-Zeiten konnte ungehindert dem Konzertgenuss nachgegangen werden! Ich holte mir ein Bier und lauschte den Söhnen der Klänge, die nach ein paar durchwachseneren Platten vor ein paar Monaten mit „Soundphonia“ ein recht starkes Album veröffentlicht haben. Auf dieses schienen sie sich live vornehmlich zu konzentrieren, die Mischung aus melodischem Heavyrock und rockigem Metal mit viel positiver Energie machte Spaß. Sänger Morales entpuppte sich als Animateur vor dem Herrn, unternahm mit seinem Funkmikro Ausflüge ins Publikum und verstärkte den Bandsound beim einen oder anderen Song mit einer zweiten Gitarre. In Kombination mit Morales‘ kraftvollem und sicher die Töne treffendem Gesang und seiner theatralischen Gestik und Mimik erinnerte mich das Gesamtpaket mitunter ein wenig an DIO zu „Lock Up The Wolves“-Zeiten. Zugegeben, darauf kam ich, als der deutschsprachige Songs „Wolfskind“ angekündigt wurde. Gegen Ende stimmte er eine Ballade an und überraschte damit, wie er auch die leiseren, zerbrechlicheren Töne beherrscht, jedoch stellte sich dieser Part lediglich als Intro eines dann doch flotteren Songs heraus. SONS OF SOUNDS kamen sehr gut an und wurden entsprechend freundlich vom bereits zahlreich erschienen Publikum verabschiedet.

Männer können seine Gefühle zeigen

Den musikalischen Härtegrad steigerten nach verdammt kurzer Umbaupause die Australier DARKER HALF mit einer Melange aus Power-, Speed- und melodischem Thrash Metal. Aus vier Alben und zwei EPs hatte man ein gut funktionierendes Set zusammengestellt, das mir meist dann am besten mundete, wenn es flotter zur Sache ging. Sänger Vo spielte zugleich die Leadgitarre, für Bewegung auf der Bühne sorgten Bassist Simon Hamilton und der kahlgeschorene zweite Gitarrist Daniel Packovski. Beide waren unermüdliche Aktivposten und insbesondere Packovski untermalte sein Spiel mit einer derart emotionalen Mimik, dass es schien, als fühle er jeden angeschlagenen Ton bis ins Mark. Zudem suchte er immer wieder die Nähe zum Publikum. Das verstärkte die Wirkung der Musik auf mich, von der mir insbesondere „Falling“ im Ohr geblieben ist.  DARKER HALF sind eine astreine Liveband, die den Großteil der Anwesenden überzeugt haben dürfte. Geheimtipp!

Geoff’s Gonna Get Close

GEOFF TATE hatte ja mal den Ruf einer charakterlich nicht ganz einfachen Metal-Diva weg, doch während seinerzeit bei den Thrashern von DESTRUCTION ein Absperrgitter vor der Bühne angebracht werden musste, gab es hier keine solcher Sperenzien: Tate hatte kein Problem mit unmittelbarem Publikumskontakt und präsentierte sich, wie bereits 2018 im Gruenspan, als sonorer Gentleman. Allerdings musste man recht lange warten, bis er und seine Band die Bühne überhaupt betraten, offenbar wollte man 21:00 Uhr abwarten. Zumindest Teile des Publikums waren schon ungeduldig geworden, vereinzelte Pfiffe hallten durch den Kulturpalast. Dafür war der Jubel umso größer, als Tate mit einer gegenüber dem „Operation: Mindcrime“-Set von 2018 bis auf einen der drei (!) Gitarristen komplett ausgewechselten Band aus jungen internationalen Profimusikern erschien und direkt mit „Walk in the Shadows“ eröffnete. Und sofort war alles da: nicht nur die Bühnenpräsenz und Aura des Prog-Metal-Urgesteins, sondern auch seine Stimme. Die war bestens in Schuss. Irritierend war zunächst das E-Drum-Set, an das ich mich erst gegen Ende des Konzerts gewöhnen habe können, aber immerhin wurde es von einem Menschen aus Fleisch und Blut gespielt. Allerdings sah die Saitenfraktion wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus, und ihr Posing machte es nicht unbedingt besser: Das erinnerte mich an B-Movies aus den ‘80ern, in denen ein musikalisch ahnungsloser Regisseur eine Hardrock-Band oder das, was er dafür hielt, für ein, zwei Playback-Szenen aus Komparsen zusammencastete, in irre Klamotten steckte und beim ungelenken Bühnenacting abfilmte. Wessen Idee waren der Lederrock und die Sonnenbrille des Bassisten? Weshalb muss der eine Gitarrist ständig ach so crazy seine Zunge herausstrecken? Wer hat dem anderen Sechssaiter die zu enge Lederjacke herausgelegt?

Aber sie lieferten! Auf fast schon beängstigend perfektionistische Weise stimmte jeder Ton, spielerisch gab sich die Band keinerlei Blöße. „Walk in the Shadows“ drückt natürlich live und laut erst so richtig, und das folgende „I Dream in Infrared“ empfand ich live als wesentlich zwingender als aus der Konserve. Wenn Geoff Tate in den höchsten Tönen und mit ebenso viel Lungendruck wie Gefühl singt, liegt der Fokus ohnehin nur auf ihm. Einstieg geglückt! Das DALBELLO-Cover „Gonna Get Close To You” zählt ohnehin zu meinen Favoriten, neu bzw. für mich wiederentdeckt habe ich im weiteren Verlauf das für dieses Album ungewöhnlich schnelle und geradlinige „Surgical Strike“ sowie das ergreifend gesungene (und gepfiffene!) „I Will Remember“. Zwischendurch berichtete Geoff, dass es schon lange einer seiner Träume gewesen sei, dieses Album einmal komplett live zu performen, und davon, wie es damals von der Kritik aufgenommen worden sei: als irgendwie düster, futuristisch, grüblerisch. Mit dem Verklingen des letzten Albumtons endete dieses beeindruckend dargebotene Stück Hochkultur, das man in einer recht langen Pause zu verarbeiten Gelegenheit bekam.

Das über weite Strecken etwas luftiger und lockerer, vor allem weniger düster rockende „Empire“-Album, im Spätsommer 1990 erschienen, war ein großer kommerzieller Erfolg für QUEENSRŸCHE. Das textsicherere Publikum sang alle Refrains begeistert mit, bis noch in der ersten Hälfte plötzlich die P.A. ausfiel. Geschlossen verließen Geoff und seine Band die Bühne, während vermutlich fieberhaft an einer Problemlösung gearbeitet wurde. Nach einigen bangen Minuten ging’s glücklicherweise weiter, und weder auf die Spielfreude noch auf die Publikumsreaktionen schien der Zwischenfall spürbare Auswirkungen gehabt zu haben. Geoff griff, je nach Song, auch mal zum Schellenkranz und zum Saxophon; zwischendurch plauderte er über die Pandemie und wie er sie (mit viel Wein) überstanden habe, um mit einer amüsanten Anekdote zur Megaballade „Silent Lucidity“ überzuleiten. Nach dem letzten Song lobte er Hamburg und ging über in den Zugabenblock, der angesichts zwei durchgespielter Alben mit „Last Time In Paris“, „Take Hold Of The Flame“ und der geilsten „Queen Of The Reich“-Version, die ich jemals gehört habe, noch einmal recht üppig ausfiel. Value for money (bei ohnehin äußerst fairem Eintrittspreis)!

So endete erst gegen 23:45 Uhr eine Show, die für meinen Geschmack etwas weniger durchchoreographiert hätte sein dürfen, aber zweifelsohne über die gesamte Dauer großartige musikalische Unterhaltung bei perfektem Sound bot. GEOFF TATE in Topform – viel besser hätte meine Konzertsaison nicht eingeläutet werden können. Schwer begeistert trat ich den Rückweg an und zog mir per Mobilfon gleich noch mal das „Rage For Order“-Album rein. Ob er wohl auch einmal mit dem ersten Album und der ersten EP auf Konzerttour gehen wird…?

26.09.2020, Hafenstraße um und bei, Hamburg: Diverse Bands, u.a. NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + KACKSCHLACHT + SCOOTER KIDS MUST DIE + LOSER YOUTH + MILEY SILENCE

Mein drittes Konzert/Festival in Pandemiezeiten. Diesmal war zwischen Balduintreppe und Park Fiction ein Gratis-D.I.Y.-Festival mit vornehmlich Hamburger Bands konspirativ aufgezogen und darauf geachtet worden, dass die frohe Kunde nicht viral geht, damit’s übersichtlich und sicher bleibt. Das scheint auch gut geklappt zu haben, die Mund-zu-Mund-Propaganda hatte die richtigen Leute angezogen. Meist war zu beobachten, dass, wer sich in gebührendem Abstand oder in Kleingruppen am Rand aufhielt, auf seine Maske verzichtete, und wer sich den Bühnen näherte, setzte sie auf. Getanzt wurde nicht, mitgesungen auch eher weniger. Im Vordergrund stand der Solidaritätsgedanke, andere zu gefährden oder das Konzept zu sabotieren, hatte niemand Bock drauf. Das ist löblich und spricht für die Szene, führt aber auch dazu, dass es – so neugierig ich auf die Sause und ihren Ablauf auch war – gar nicht so viel zu berichten gibt, außer natürlich zur Musik:

MILEY SILENCE bestehen aus drei Damen und einem Herrn, die an der Balduintreppe um 15:00 Uhr den Anfang machten. Rustikaler, roher Hardcore-Punk mit wütender weiblicher Stimme bei leider erschwerten Soundbedingungen: Die Gitarre war so gut wie gar nicht zu hören, der Bass dafür umso lauter – und hat irgendwann dann auch noch dermaßen viel Crunch bekommen, dass er alles weggeknarzte. Hingeknarzt zur Balduintreppe hatten sich während des maximal halbstündigen Gigs die Mitglieder unserer Beergroup, der allgemeine Umtrunk war schnell im Gange.

Um eine Umbaupause zu vermeiden, spielten LOSER YOUTH auf der Pavillon-Bühne in der Kehre bei glücklicherweise weitaus besserem Sound. Das Trio trat sogar mit (irgendwann rutschenden) Masken auf und Thommy läutete, passend zu den Lebkuchen in den Supermärkten, mit seinem geschmackvollen Pulli die Weihnachtssaison ein. Kurze deutschsprachige Songs mit überdrehtem Gesang, SHOCKS-und-Konsorten-inspirierter Mucke und unorthodoxen Enden, inhaltlich gegen dieses und jenes, u.a. Bullen und Abwasch, aber immer für Punk und mit reichlich Spass inne Backen. Hat wie immer Laune gemacht.

SCOOTER KIDS MUST DIE spielten anschließend auf der dritten provisorischen Bühne nahe des Park Fiction ihren Skate-Hardcore-Stiefel, mussten jedoch mit der von der Balduintreppe herübergeschleppten Anlage Vorlieb nehmen, sprich: leise Gitarre, lauter Knarzbass. Dieser Art von Musik bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu lauschen fühlt sich noch mal komischer an als ohnehin schon; nichtsdestotrotz waren reichlich Besucherinnen und Besucher zusammengekommen und sahen ‘nen astreinen Straßengig mit sympathischen Ansagen und gegen Ende dem Hit „Ihr seit [sic] schlau“. Oldschool-HC mit guten Songs und viel Attitüde.

An der Balduintreppe gab’s dann irgendeine Performance, aber wir zogen’s vor, im Park Fiction zu pausieren und uns weiter einen reinzuorgeln. Damit begann der durchwachsenere Teil des Festivals, denn es begann zu regnen – zunächst schwach, aber beständig, und irgendwann hatte es sich halt so richtig eingeregnet (nicht zu verwechseln mit eingenässt) –, was zu HH-Punk wie Arsch auf Eimer passt, so ganz ohne Unterstellmöglichkeit aber irgendwann doch zu nerven beginnt, außerdem konnte ich mit der nächsten Band, deren Name mir entfallen ist, auch so gar nichts anfangen. Dies änderte sich bei den Braunschweigern KACKSCHLACHT, das Brüder-Duo tischte gut einen auf und wusste mit betont einfach gehaltenem, aber dadurch ohne Umschweife zur Sachen kommendem (nennen wir es ruhig) Deutschpunk zu gefallen. Ich weiß, die halbe Welt hat die schon mal live gesehen, für mich aber war’s tatsächlich das erste Mal und ich habe auch etwas gebraucht, um das zu schnallen, denn auf dem Amp stand „Raketenhund“.

Mit zunehmendem Pegel verlor ich zunehmend den Überblick, sodass ich mich glücklich schätzte, dass alle Bands nun auf der Pavillonbühne zockten, aber die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN erkannte ich dann doch schon noch. Sie dürfte in jedem Falle mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass sich bei diesem mittlerweile echt miesen Wetter noch derart viele Menschen fröhlich unter freiem Himmel versammelten, um den Spagat zwischen Feierlaune und Hygienekonzept zu wagen. Die Anti-Ager spielten ein knackiges Set mit Fokus auf aggressiveren, flotteren Stücken, was für uns der krönende Abschluss des Festivals wurde. Ich glaube, irgendjemand spielte im Anschluss noch, aber die Grenzen meiner Aufmerksamkeitsspanne waren ausgereizt, außerdem war ich klitschnass und voll.

Fazit: Geile Sache; großes Dankeschön an alle Mitverantwortlichen, die sich hierfür den Arsch aufgerissen haben. Zugleich aber, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Punk- und HC-Konzerte fühlen sich unter diesen Auflagen gewöhnungsbedürftig bis schräg an und ein ganz entscheidender Faktor fehlt nun mal: Das unberechenbare, enthemmte Publikum. Nun kannste halt echt nur noch doof davorstehen und dich besaufen. Nee, ganz so isses natürlich nicht: Mal wieder unter Leute kommen, Freunde und Bekannte treffen und von Angesicht zu Angesicht (aus 1,5 m Abstand) sprechen usw. – das ist schon viel wert und Veranstaltungen wie diese fungieren diesbezüglich als Anziehungspunkt. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Statement-Faktor, der mit solchen Konzerten einhergeht. D.I.Y.-Punk’s not dead!

12.09.2020, Cruise Inn, Hamburg: LOIKAEMIE + HARBOUR REBELS

Eigentlich sollten beide Bands an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Monkeys Music Club zusammenspielen. Pandemiebedingt stemmte die Monkeys-Crew dann den Kraftakt, daraus eine Open-Air-Veranstaltung unter Einhaltung der Anti-Corona-Regeln auf dem abgelegen Cruise-Inn-Gelände in Steinwerder am Hafen zu machen. Das bedeutete wohl ‘ne Menge Abgekaspere mit den Behörden, bis es endlich das Ok gab, die Nummer für 800 Besucher(innen) durchzuziehen. Es sollte nach meinem Besuch des ARRESTED-DENIAL-Gigs vorm Monkeys mein zweites Konzert in Corona-Zeiten werden, wobei die Neugier, wie das gelöst wurde, wie es funktionieren und sich anfühlen würde, fast die Vorfreude auf die Musik überwog. Die wiedervereinten LOIKAEMIE hatte ich früher gefühlt etliche Male live gesehen, war dem irgendwann aber etwas entwachsen und fand andere Musik spannender. Nichtsdestotrotz habe ich die Band immer geschätzt und ziehe meinen Hut davor, was sie für die antifaschistische Skinhead-Szene geleistet hat. Und mit den HARBOUR REBELS hatte ich mit einer meiner Kapellen auf meinem letzten Konzert vor dem Shutdown noch zusammengespielt und dabei noch dumme Witze über die Corona-Panik gerissen. Nur eine Woche später sah die Situation schon ganz anders aus…

Nun sah man sich also unter völlig veränderten Umständen wieder. Zu dritt machten wir uns per Bus und Bahn auf den Weg von Altona nach Steinwerder, was problemlos funktionierte und mich wohlig an alte abenteuerliche Zeiten erinnerte, in denen ich ebenfalls mit ‘nem Wegbier in der Kralle abseitige, unbekannte Konzertorte aufsuchte. Gegen 18:00 Uhr am Cruise Inn angekommen, das mit dem Containerschiff hinter der Bühne ein imposantes, atmosphärisches Panorama bot, wurde ich jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als ein Security-Chef sich eilig versichern ließ, dass wir auch alle richtige Mundnasenschutzmasken dabeihaben, denn irgendwelche Tücher u.ä. seien nicht gestattet. Kaum hatten wir das Gelände betreten, zog der Himmel zu und ein Wolkenbruch ergoss sich über uns. Doch ein Sicherheitsbediensteter reagierte prompt und verkaufte uns Regenponchos für Stück zwei Euro, unter denen wir fortan ausharrten und am Fassbier (0,5 l für 5,- EUR) nippten. Pünktlich zu den um kurz vor 19:00 Uhr zockenden HARBOUR REBELS zeigte sich das Wetter jedoch von seiner angenehm spätsommerlichen Seite. Zuvor hatte man als Besucher(in) bereits zähneknirschend manch absurd anmutende Auflage befolgen müssen, auf deren Einhaltung das bisweilen etwas überambitioniert wirkende Sicherheitspersonal penibel Acht gab: An die Merch-, Fress- und Saufstände sowie zum Klowagen durfte man auf den dafür vorgesehenen Wegen, unterwegs stehenbleiben war jedoch nicht gestattet, schon gar nicht, sich mit jemandem außerhalb seines fest zugewiesenen Sitzplatzes zu unterhalten – auch nicht bei beständig wehender Hamburger Elbhafenbrise mit Maske auf der Schnauze unter Einhaltung des Mindestabstands. Das ist schon etwas befremdlich. Andere wurden aufgefordert, sich innerhalb ihrer Sitzreihe nicht gegenüber-, sondern nebeneinander zu stellen, wenn sie sich unterhielten. Ständig wurden Menschen auseinandergetrieben oder über Umwege geleitet. Was man sich unter normalen Umständen niemals hätte gefallen lassen, wurde hier akzeptiert und notgedrungen hingenommen. Der Treffen-und-Klönschnack-mit-Gleichgesinnten-Charakter, den solche Konzerte normalerweise haben, litt natürlich darunter.

Zurück zur Musik: HARBOUR REBELS hatten einen klasse Sound und durch die großen Videobildschirme links und rechts an der Bühne wirkte es, als befände man sich auf einem wer weiß wie großen Festival – nur eben mit dem Unterschied, dass vor der Bühne keinerlei Action abging. Wenigstens hielt es kaum jemanden auf den Sitzen und bestand der Sicherheitsdienst nicht darauf, dass man sich auf seine vier Buchstaben zu pflanzen habe. Sängerin Jule und ihre Bandkollegen zockten überaus souverän ihr Set aus deutsch- und englischsprachigen Streetpunk-Songs, von denen erfreulich viele weit mehr als gewohnte Klischeeaussagen transportieren: Textlich ist man am Puls der Zeit und teilt gut begründet gegen Politiker, Autoritäten und mieses Gesindel aus, hat aber auch das obligatorische Sauflied am Start und als letzte Nummer das THE-OPPRESSED-Cover „Skinhead Times“, das mir mit Jules Stimme sogar besser als das Original gefällt. Generell passt ihr kräftiger, melodischer Gesang bestens zum Sound der Band. Lediglich die eine oder andere Ansage war etwas leise und dadurch schwer zu vernehmen. Ansonsten ein klasse Auftritt, Chapeau!

Zwischenzeitlich war auch der vierte im Bunde unserer Konzertdelegation eingetroffen, mit dem ich mir ganz gut einen reingoss und Revue passieren ließ, was eigentlich die letzten Monate so alles passiert ist – wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und so ein Austausch tat verdammt gut. Den Soundtrack dazu boten nach der einmal mehr mit geschmackvoller Musik vom DJ unterlegten Umbaupause also die Plauener LOIKAEMIE in Quartettgröße, die ein ordentliches Best-of-Set bei leider etwas widrigen Soundbedingungen hinlegten. Das Snare-Mikro war entweder zu leise oder defekt, jedenfalls war die Snare kaum vernehmbar, wodurch gerade den schrammeligeren Songs der Kick, die Durchschlagskraft, abging. Zudem fiel uns nun auf, wie leise die P.A. eigentlich war, gefühlt konnte man sich fast in Zimmerlautstärke miteinander unterhalten. Aber ich bin taub, ich will Krach! Zumal sich dort nun auch wirklich keine Nachbar(inne)n befanden, die an erhöhter Lautstärke Anstoß hätten nehmen können. Sei’s drum, die Songauswahl war gut und gerade gitarrenmelodiebetontere Songs wie „Unsere Szene“ oder „Alles was er will“ gehen mir nach wie vor genau wie diverse schöne Singalongs bestens in Ohr, „Rock’n’Roller Johnny“, „Wir sind geil, wir sind schön…“ und „Uns’re Freunde“ sind großartige Hits vom starken „III“-Album, das mit einem Bein im Hardcore stehende „Good Night White Pride“ gilt seit seiner Veröffentlichung zurecht als Hymne einer subszenenübergreifenden Haltung und wurde mit geschwenkten Fahnen präsentiert – und das Lied von der Trinkfestigkeit dürfte auch nach wie vor jeder im Ohr haben. Die Band machte einen gut eingespielten Eindruck, Sänger/Gitarrist Thomas hielt seine Ansagen meist knapp und erlaubte sich nur einen unfreiwillig komischen Versprecher. Die meisten dürften ihren Spaß gehabt haben, die Stimmung wirkte gelöst. Zugaben allerdings gab’s keine und sofort nach Verklingen des letzten Akkords wurde das Areal geleert.

Ein, zwei Besucher sind im Laufe des Abends wohl kräftig mit der Security aneinandergeraten und wurde rausgeschmissen, und gegen Ende gab’s anscheinend noch ‘ne kurze Hauerei im Publikum. Ansonsten ging das für mein Empfinden aber alles überraschend reibungslos und diszipliniert über die Bühne. Das Open-Air-Festival-Gefühl überwog während des Gigs die meiste Zeit, erst wenn ich mich vom Platz wegbewegte und mir die Maske überziehen musste, wurde mir wieder so richtig bewusst, wie wenig hier eigentlich so war, wie man es bis vor ‘nem halben Jahr noch kannte. Gut funktioniert hat der Bierausschank, der auch bei höherem Andrang angenehm flott ging und für den ordentliche Mehrweg-Festivalbecher zum Einsatz kamen, die sich an ihren Henkeln so zusammenstecken ließen, dass man auch ohne Monsterpranken vier auf einmal transportieren konnte, ohne die Hälfte zu verschütten. Mein Dank gilt Sam und Ralf vom Monkeys sowie ihrem Team, die allen Widerständen zum Trotz dieses Konzert durchgezogen haben und damit ein, wie ich finde, bei allen einzugehenden Kompromissen wichtiges Zeichen gesetzt haben. All diese Kompromisse in Kauf zu nehmen ist aber auch ein nicht zu verachtender Akt der Solidarität des Publikums, denn unbeschwerte Party sieht natürlich anders aus.

Das Monkeys & Co. gehören nun jedenfalls zu denen, die gezeigt haben, dass etwas geht und auch, wie es geht. Nun dürften die damit verbundenen Auflagen gern auf den Prüfstand und auf ihre Sinnhaftigkeit abgeklopft werden. Andererseits ist die Open-Air-Saison hierzulande nun auch vorbei. Ich bin gespannt, wie’s weitergeht und hoffe weiterhin das Beste…

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