Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 1 of 40)

27.01.2023, Apollo, Elmshorn: S.D.I. + SCYTHE BEAST + DEHUMANISER

Die Heavy/Speed/Thrash-Metaller S.D.I. aus Osnabrück sind seit einiger Zeit wieder aktiv, nach wie vor in Triogröße, wobei die Klampfe seit der Reunion der junge Chris Friedl übernimmt. Das Comeback-Album „80s Metal Band“ hat mich zwar nicht vom Hocker gehauen, aber die Band hat ihre Hits und das irgendwie herrlich gegen den Strich gebürstete Debüt „Satans Defloration Incorporated“ aus dem Jahre 1986 genießt in Underground-Kreisen so etwas wie einen kleinen Kultstatus. Darauf, S.D.I. auch mal live zu sehen, hatte ich entsprechend Bock, zumal die Anreise nach Elmshorn von Hamburg aus kein Problem darstellt und das Apollo sich als feine Location entpuppte: ein umgebautes ehemaliges Kino in unmittelbarer Bahnhofsnähe. An der Abendkasse (15,- EUR) bekam man sogar noch ein echtes Papierticket ausgehändigt, das eingerissen wurde – oldschool!

Ziemlich pünktlich um 20:00 Uhr eröffneten DEHUMANISER den Abend, ein junges Hamburger Quartett, das bisher ein Album in Eigenregie veröffentlicht hat. Der große Saal ist mit einer guten Anlage ausgestattet, die ordentlich Wumms hat. Zwar hätte locker die vierfache Anzahl an Besucherinnen und Besuchern reingepasst, was der guten Stimmung indes keinen Abbruch hat. DEHUMANISER zockten einen Sound, den ich irgendwo zwischen NWOBHM und Thrash verorten würde. Den Gesang teilten sich der Rhythmusgitarrist und der Bassist, die ersten Nummern liefen gut rein. Im weiteren Verlauf klang man zunehmend schaumgebremst, haute als vorletzten Song aber einen waschechten Thrasher mit Schmackes raus, gefolgt von einem schön dreckigen, an MOTÖRHEAD erinnernden Stück, womit man das Publikum wieder erreichte und sich seinen verdienten Applaus abholte.

Die ursprünglich anscheinend als reines Studioprojekt gestarteten Niedersachen SCYTHE BEAST haben bereits zwei Alben draußen und spielten in Quintettgröße mit zwei Klampfen und neuem, auch bei CIRCUIT BREACH und FRANTIC DISRUPTION aktiven Sänger/Growler Gregor. Den Sound würde ich als Melodic Death älterer Schule bezeichnen (also eher mal ‘ne Thrash-Schlagseite denn IN-FLAMES-artiger Mallcore), und der konnte sich hören lassen. Stimmige Songs unter anderem über Panzer und Aluhut-Schwurbler und ein gut aufgelegter, gern mit dem Publikum kommunizierender Sänger sorgten (nach einigen Animationsversuchen) für Bewegung vor der Bühne und ließen die Bierchen munden. Hat mir gefallen und würde ich mir auch wieder angucken (sofern man sie im Billing nicht mit x gleichförmigen, monotonen Death-Metal-Bands kombiniert).

Nach einer erneut recht kurzen Umbaupause eröffneten S.D.I. ihr Set mit „80s Metal Band“, um im weiteren Verlauf insgesamt 20 Songs zu spielen, bei denen, wenn mich nicht alles täuscht, der Fokus auf den ersten beiden Alben lag. Insbesondere die flotteren Stücke stießen auf viel Gegenliebe, wobei ich mich aber auch sehr über das getragene „You’re Wrong“ gefreut habe. „Panic in Wehrmacht“ habe ihnen seinerzeit einigen Ärger eingehandelt, ließ Frontmann Reinhard Kruse wissen, der kurioserweise jede seiner Ansagen mit „So, meine lieben Freunde…“ begann.  Das Akustik-Intro „Coming Again“ zu ihrem vielleicht größten Hit, dem antifaschistischen Ohrwurm „Sign of the Wicked“, intonierte Kruse stilecht auf einer Akustikklampfe. Zwischen den Songs wurde immer mal wieder der alte Schlachtruf reanimiert, sprich: Kruse brüllte „S.D.I.!“ von der Bühne, was zig Kehlen mit „Megamosh!“ beantworteten – bis dieser Song dann tatsächlich irgendwann auch gespielt wurde. Während des ersten Set-Drittels flog spaßigerweise ein Papierfliege durchs Publikum, auch mal auf die Bühne, und immer wieder zurück, bis er irgendwann vermutlich zu zertrampelt war. Die Stimmung war ausgelassen, die Band fit, der Sound gut – das war ‘ne sehr runde Sache, bei der ich ‘ne Menge Spaß hatte: Ein unprätentiöses Metal-Konzert vor Kennerpublikum, das ‘ne ordentliche Schneise in die Bar gesoffen hat. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich nie gedacht, S.D.I. überhaupt mal live zu Gesicht zu bekommen, was dieses Konzert besonders reizvoll für mich gemacht hatte. Schade nur, dass mit „The Deal“ eines meiner Lieblingsstücke nicht gespielt wurde. Aber man kann halt nicht alles haben.

13.01.2023, Hafenklang, Hamburg: TOTAL CHAOS + SMALL TOWN RIOT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Ausgerechnet an einem Freitag, dem 13. sollte endlich unsere heimische Live-Premiere in der aktuellen Besetzung mit Holler am Bass und Eisenkarl an der Schießbude stattfinden – nach dem Festival in Schweden im letzten Sommer und dem Gig im Goldenen Salon, bei dem Holler leider kankheitsbedingt ausgefallen war und wir ohne Bass antraten. Unser Pech beschränkte sich jedoch auf eine abenteuerliche Anfahrt Hollers, der es aufgrund eines Polizeieinsatzes in seiner U-Bahn und einer anschließend gemeldeten technischen Störung des Zugs spannend machte, wann er überhaupt eintreffen würde. Klappte letztlich aber alles, wenngleich die Bahn in anderen Regionen offenbar erfolgreich verhinderte, dass Gäste, die bereits auf dem Weg waren, es überhaupt noch zu uns schafften. Mal wieder ein dickes FICK DICH an die Deutsche Kackbahn! Vor unserem Soundcheck hieß es „Mangiare!“ und ich fühlte mich mal wieder darin bestätigt, diesen ganzen Bandbums in erster Linie aus kulinarischen Gründen zu machen: Thommy von LOSER YOUTH und vom Brot-Fanzine servierte leckerstes Soja-Gulasch mit Trikolore-Spirelli, dazu Stir-Fried-Bohnen, frischen Salat, (natürlich) Brot, Dips… In diesem Schlaraffenland fraß ich mir ‘ne kugelrunde Plauze und solide Grundlage für den kommenden Umtrunk an. Feinschmecker-Dank!

Beim Soundcheck bemühten wir uns um einen guten Bühnensound, besonders der Monitore, und begrüßten anschließend neben unserem weltbesten Mercher Carlo die aufgrund des seit Tagen, wenn nicht gar Wochen andauernden Hamburger Schmuddelpisswetters i.d.R. klitschnass nach und nach eintreffenden bekannten Gesichter, die zum Teil extra aus dem Pott angereist waren.

Pünktlich um 21:00 Uhr begaben wir uns auf die Bretter und kloppten knapp 40 Minuten lang unser deutsch- und englischsprachiges Set durch, das mit dem während der Pandemie entstandenen HENRY-VALENTINO-Cover „Sunnyboy“ und dem brandneuen „Blutgrätsche“ zwei Live-Premieren enthielt. Kai hatte ‘nen neuen Amp, aber seine gute alte Flying-V dabei und untenrum gab’s glaub‘ ich auch neues Gedöns in Form von Tretminen. Soll er machen; Hauptsache, er klingt wie immer! 😛 Der Zuspruch des Mobs war von vornherein sehr erfreulich und steigerte sich von Song zu Song, vor der Bühne wurde ausgelassen getanzt und gesoffen. Ein paar Spielfehler verzieh man uns, forderte am Schluss sogar noch ‘ne Zugabe, die wir in Form des PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Krachers (also Hollers alter Band) „ACAB“ auch lieferten. Hat arschviel Spaß gemacht, wenngleich der Monitorsound gegenüber dem Soundcheck wegen Rückkopplungen relativ stark heruntergeregelt werden musste und wir deutlich merkten, dass wir noch keine Live-Routine haben – was sich dieses Jahr hoffentlich ändern wird. Nun aber hieß es erst mal, sich die anderen Bands reinzupfeifen und sich volllaufen zu lassen.

Ich hatte mir schon länger gewünscht, auch mal mit MOTHERFUCKERS im Hafenklang zocken zu können, nachdem ich mit meiner anderen Combo bereits mehrmals das Vergnügen hatte. Umso geiler, dass das mit einem der mittlerweile seltenen Auftritte meiner alten Kumpels von SMALL TOWN RIOT zusammenfiel. Diese dürften weitestgehend dasselbe Set wie im April im Bambi gespielt haben, es reihte sich jedenfalls Hit an Hit. Hymnischer bis härterer, rotziger Streetpunk’n’Roll, gern mal mit Fuß aufm Gas und unwiderstehlichen Melodien, für den ein beträchtlicher Teil des Publikums an diesem Abend erschienen war – und es vom ersten Akkord an kräftig krachen ließ: Pogo, permanent verspritztes Bier und sogar Crowdsurfing. Ich sah mir das Spektakel diesmal aus sicherer Entfernung an und grinste über beide Backen. Als mich plötzlich auch noch ein alter Jugendfreund entdeckte, den ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr gesehen hatte, war der Klassentreffencharakter (den die Band auch von der Bühne aus ansprach) perfekt. Ohne Zugabe ging’s auch hier nicht, das flotte „It’s True“ brachte Band und Publikum noch mal ins Schwitzen. Eigenen Aussagen zufolge hatte man vorher lediglich einmal geprobt, was SMALL TOWN RIOT nicht anzumerken war: Beinahe alles schien locker aus dem Handgelenk geschüttelt, als mache man jedes Wochenende nichts anderes. Chapeau!

TOTAL CHAOS aus L.A. (und Bremen) schauen regelmäßig auf Tour vorbei, sind sehr umgängliche Typen und Garanten für launige Gigs mit der ihnen eigenen Mischung aus aggressiven Hardcore-/Chaos-Punk-Eruptionen und dreckigen Streetpunk-Nummern. Bereits seit 1992 veröffentlicht die Band um Sänger Rob Chaos Alben, das jüngste datiert auf 2015. Eine echte Institution im Punkbereich also, die konsequent ihren Stiefel durchzieht, stets überaus faire Eintrittspreise aufruft und mit ihrer Attitüde beweist, dass man auch nach derart langer Zeit als gefragte Band im Punkrock-Game die Nase nicht höher als andere tragen muss. An unseren Support-Gig im Monkeys anno dazumal habe ich nur gute Erinnerungen, live gesehen hatte ich sie zuletzt 2019 im Semtex. Wurde also mal wieder Zeit! Direkt zu Beginn wurden einige HC-Punk-Geschosse gezündet (z.B. „Babylon“) und es schepperte ordentlich. „Punk No Die“ durfte natürlich nicht fehlen, aber dann, irgendwo zwischen erstem Drittel und der Hälfte des Sets, quatschte ich mich backstage fest und war überrascht, als die Band plötzlich wieder reinkam und der Gig schon vorbei war. Was ich bis dahin gesehen und gehört hatte, war jedenfalls der von TOTAL CHAOS gewohnt unprätentiöse, herrlich raue, aber nie zu spröde Punk, wie man ihn aus dem Land von Epitaph und Fat Wreck viel zu selten zu hören bekommt. Freue mich auf den nächsten Hamburg-Gig!

Eigentlich war ich langsam, aber sicher auch schon reif für die Koje, ließ mich aber noch auf eine Geburtstagsparty in die Lobusch mitschnacken – soweit ich meinen Erinnerungen trauen kann glücklicherweise ohne es noch vollends zu übertreiben. Motherfucker-Dank der Hafenklang-Crew, allen Bands und dem überaus begeisterungsfähigen Publikum für diesen Abend ganz nach meinem Geschmack!

P.S.: Zeitgleich hatte ein Konzert mit FLIEHENDE STÜRME und RESTMENSCH auf der MS Stubnitz stattgefunden, das offenbar auch gut angenommen worden war. Es freut mich, dass es in dieser Clubgröße in Hamburg offenbar wieder möglich ist, zwei Punk-Konzerte parallel stattfinden zu lassen, ohne dass eine(r) der Veranstalter(innen) in die Röhre guckt. Am nächsten Tag luden sogar BLUT & EISEN und die EMILS ins Indra, wo ich unter normalen Umständen hingegangen wäre. Diesmal lag ich in sauer, aber der nächste BLUT-&-EISEN-Gig in HH ist meiner!

P.P.S.: Danke an Dr. Martin und Hannes für die Schnappschüsse unseres Gigs!

26.11.2022, Fabrik, Hamburg: Damage Done Fest mit OXO 86 + NORMAHL + EMILS + THE OFFENDERS + HERZBLUT

An diesem Samstag sollte ich mein letztes Konzertticket aus der pandemiebedingten Shutdown-Zeit einlösen. Dieses kleine Indoor-Festival hatte eigentlich schon 2020 stattfinden sollen, wurde dann erfolglos auf 2021 verschoben und – leck mich fett! – fand nun ganz wirklich und ohne jede Covid-19-Auflage statt. Auf meinem VVK-Ticket von damals standen mit TROOPERS statt OXO 86 und EMSCHERKURVE 77 statt THE OFFENDERS noch ganz andere Bands, und gerade jene beiden mal wieder live zu sehen, wäre schön gewesen. Andererseits hielt es manch Beobachter seit jeher für eher unwahrscheinlich, dass die TROOPERS sich tatsächlich würden aufraffen können, und insgeheim war’s mir ehrlich gesagt so’n bischn egal, denn Hauptgrund meines Erscheinens waren – ohne Flachs – NORMAHL. Die Schwaben waren eine der ersten Punkbands, die ich als Kiddie gehört hatte, nicht wenige Songs der bereits Ende der 1970er gegründeten Band sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Mir ist klar, dass die auch einigen Stuss rausgehauen haben, vom unsäglichen Funpunk-Album bis hin zu Schlagerpunk… Neben den alten HC-Punk-Krachern konnte ich aber durchaus auch etwas mit der rockigeren, ein breitergefächertes Publikum ansprechenden Ausrichtung von Platten wie „Blumen im Müll“ oder „Auszeit“ (mit Abstrichen) anfangen. Wer sonst hat jemals so geil Reinhard Meys „Diplomatenjagd“ gecovert?! Am geilsten aber sind die Alben mit Best-of-Charakter: der ‘85er-Totalabriss „Live in Switzerland“ (quasi das Beste der Frühphase), der anarchosozialistische Politpunk pur und live auf der „Lebendig II – Ernst ist das Leben…“, auf der man einen nach dem anderen raushaut und auch ohne Aggrogesang oder sonderliche musikalische Brutalität unheimlich viel Druck und Energie erzeugt, sowie die „Das ist Punk“ betitelte Zusammenstellung der Klassiker in Neuaufnahmen, wodurch das Songmaterial wie aus einem Guss und glücklicherweise kein Stück überproduziert klingt. Letztere zog ich mir vorm Konzert noch mal rein, wodurch meine Vorfreude stieg. (Noch ein Geheimtipp für Freunde von No-Budget-Filmen:  der Spielfilm „Jong’r“ mit NORMAHL-Mitgliedern!) NORMAHL haben sich zwar beileibe auch in diesen Breitengraden nicht rar gemacht, aber irgendwie hatte es nie sollen sein. Entweder gab’s Terminüberschneidungen oder, so meine ich mich zu erinnern, hatte ich damals schlicht keine Kohle übrig, denn in den ganz kleinen Underground-Clubs, die ich irgendwann bevorzugt aufsuchte, spielten sie eher nicht. Bei den Alben ab den 2000ern bin ich dann doch musikalisch auch weitestgehend raus, weshalb mich die Tourneen dazu seinerzeit nicht so reizten. Es musste also erst der November 2022 kommen, damit ich diese Band erstmals livesehen würde.

Bereits um 18:00 Uhr sollte das Festival in der Altonaer Fabrik beginnen, einem der u.a. aufgrund seiner festen Verwurzelung im Stadtteil und seiner aus den architektonischen Besonderheiten resultierenden speziellen Atmosphäre sympathischeren Kommerzläden Hamburgs. Quasi auf dem Weg dorthin schlenderten meine Liebste und ich noch über den Weihnachtsmarkt in Altona und glühten mit Glühwein vor. Dieser zählt zwar nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgetränken, aber nachdem 2020 öffentlicher Glühweingenuss fast schon etwas Subversives an sich hatte und 2021 jede Glühbude eingezäunt und nur nach Angabe der eigenen Personalien, Impfnachweis etc. zu betreten gestattet war, war es tatsächlich irgendwie anheimelnd und gemütlich, sich die Plörre wie unter präpandemischen Bedingungen hinter die Binde zu gießen. Man wird ja so demütig… nicht zuletzt allerdings angesichts der Preise für den Mampf, der da so angeboten wird. Eigentlich ja nett, vielleicht mal anderes Straßenessen als das ganze übrige Jahr zu bekommen, nur gibt’s da leider für unter 8,- EUR kaum noch etwas. Da kannste ja kaum noch gegenanverdienen… also doch wieder zur Dönerbude, Börek, 3 Euro, bitte, danke.

Der Einlass in die Fabrik verzögerte sich etwas, vor den Türen tummelten sich neben einigen bekannten Gesichtern auch etliche nie gesehene. Offenbar zog das Festival auch zahlreiche Gelegenheitskonzertgänger(innen) und Punks von außerhalb an. Einem schon vor Konzertbeginn rotzevollen Iroträger im „Unantastbar“-Shirt wurde der Einlass verwehrt, vermutlich weil er der Security zu breit war. Der Eckkiosk bot für die Zeit vor der ersten Band und zwischen den weiteren eine günstige Alternative zu den überhöhten Bierpreisen im Fabrikinneren, wo man für 0,4-L-Becher Carlsberg schlappe 4,70 EUR aufrief. Jesses… Dafür konnte man an der Garderobe seine Plünnen abgeben und sich die ganze Sause auch auf dem Geländer lehnend von der Empore aus betrachten, was mal was anderes, bei einem Opener wie HERZBLUT aber trotzdem kein reines Vergnügen ist. Die Berliner, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte, spielen angepunkten Midtempo-Deutschrock, den sie vollmundig Punkrock nennen, doch dafür fehlen – u.a. – Rotz und Dreck. Fast jeder Song wurde mit einem unpassenden Moshpart angereichert, bei dem der Drummer auf sein Chinabecken eindrosch. Gegen Ende wurde bei „Du bist Bulle“ (oder so) mal bischn Gas gegeben, ansonsten war gefühlt jeder zweite Song gegen Nazis oder mit Pathos der eher unangenehmen Sorte versehen.  Zur totalen Harmlosigkeit dieser Band passte die Konfettikanone, die gezündet wurde. HERZBLUT wirkten auf mich wie ein Retortenprodukt, aufgesetzt und unauthentisch. Nun wird es sich bestimmt dennoch um eine echte Band handeln, mir erscheint das aber alles zu kalkuliert und auf möglichst niemandem wehtuende Massentauglichkeit getrimmt.

Meine Laune stieg erst wieder bei den Berlinerischen Italienern THE OFFENDERS, die ich ebenfalls bisher jedes Mal verpasst hatte. Offenbar angefangen als Ska-Punk-Band, zockte man in der Fabrik in Quartettgröße englischsprachigen melodischen Streetpunk mit feinen Melodien und immer wieder einer Mandoline anstelle einer Leadgitarre, was der Musik einen unaufdringlichen Folkpunk-Touch verlieh. THE OFFENDERS coverten „I Fought The Law“ und ich war zufrieden. Sollte mich mal mit deren Œuvre in Ruhe auseinandersetzen.

Etwas überrascht war ich, dass sie noch vor den Lokalheroen EMILS aufgetreten waren, die nun ein gut eingestimmtes Publikum vorfanden. Die mittlerweile nicht mehr ganz taufrischen EMILS sind in Sachen deutschsprachigem Hardcore-Punk der End-‘80er-Schule nach wie vor un-fucking-schlagbar, wie sie heute erneut wie auf jedem ihrer Gigs, denen ich seit der Reunion beiwohnte, unter Beweis stellten. Die Band ist perfekt eingespielt, topfit, hungrig und mit spürbarem Bock bei der Sache, Shouter Ille ein Meister der Mimik und Gesten und Aktivposten, der hier trotz Absperrgitter vor der Bühne ständig den Kontakt zu den Fans suchte und zusammen mit den ersten Reihen sang. Wenn ich mich recht entsinne, sprang er auch übers Gitter und unternahm einen Ausflug ins Publikum. Ich liebe diese Band und grölte fast alles begeistert mit. Das Absperrgitter hatte den Vorteil, dass ich mich bequem anlehnen und der Band zuglotzen konnte, während sich hinter mir zunehmend ausgetobt wurde. Aufgrund einer immer noch nicht ganz auskurierten Handverletzung (auf die ich vielleicht doch mal jemanden vom Fach draufschauen lassen sollte…?) hielt ich mich diesbezüglich diesmal zurück, was angesichts von Knallern wie „Viel zu langsam“, „Wer frisst wen?“, „Wir müssen draußen bleiben“, „Kampfsignal“, „Kirche nein“, dem markerschütternden „Krieg und Frieden“ und wie sie alle heißen, nicht leichtfiel. Fest zum Set gehören auch das BUTTOCKS-Cover „Nein nein nein“ und mittlerweile offenbar auch das Medley aus SLIME-Klassikern, das endgültig alle zum Ausrasten brachte. Zwischendurch aber – hört, hört! – gab’s mit „Hopp, hopp“ (keine Ahnung, ob der wirklich so heißt) noch ‘ne brandneue Nummer, die genauso geil wie der Rest klang und Hoffnung auf neues Studiomaterial dieser so bescheidenen Band macht, die nie einen Merchstand aufbaut und kein einziges T-Shirt im Angebot hat, von anderem Klimbim ganz zu schweigen. Den Gitarristen sprach ich darauf nach dem Gig an, denn gerade die „Wer frisst wen?“ und „Es geht uns gut“-Covermotive schreien eigentlich danach, auf T-Shirts gedruckt zu werden, aber den EMILS scheint tatsächlich jeglicher kommerzielle Antrieb zu fehlen. Statt Faulheit vermutlich eine heutzutage selten gewordene Form punkiger Integrität – Chapeau!

Mittlerweile war ich längst dazu übergegangen, meinen Fuffi hauptsächlich am Carlsberg-Stand zu versaufen, war gut angetrunken und euphorisiert – was sich mit dem NORMAHL-Gig potenzierte. Ich hatte so sehr gehofft, dass sich die Band in guter Form präsentieren würde, offenbar völlig unbegründet: Ohne jede Preziose betrat Lars im RAMONES-Shirt die Bühne, an der Klampfe Mick Scheuerle, der seit Anfang der 1990er dabei ist. War das am Viersaiter echt Fast-Urmitglied Manny Rutzen? Sah bischn jung dafür aus…? Hinter der Schießbude jedenfalls der erst 2019 hinzugestoßene Scobo. Es ging unmittelbar mit einem meiner Lieblingssongs, dem dystopischen „Am Tage X“, los, gefolgt von „Komm, erzähl mir über Punk“ und „Weiße Mäuse“. Zwischendurch wunderte sich Lars augenzwinkernd darüber, in Hamburg backstage ausgerechnet Bremer Bier gereicht zu bekommen, woraufhin jemand auf die Bühne lief und ihm offenbar ein süddeutsches Helles überreichte. Ich war sofort wieder im Skandier- und Mitsingmodus und fand mich kurze Zeit später dann doch mitten im Tanzmob vor der Bühne wieder. „Keine Überdosis Deutschland“ erklang, während ich an meiner Bierüberdosis arbeitete. „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader wurde gecovert, ich konnte etwas durchatmen. „Schlägerpolizist“, „Aufrecht“, „Deutsche Waffen“, „Trümmertango“ und „Geh wie ein Tiger“ – wat war das geil, ich war wieder 17. Den „Biervampir“ musste man über sich ergehen lassen, auch wegen seines seltsam gedrosselt wirkenden Tempos eher ein Fremdkörper im hitgespickten Set. Dann schon lieber „Wein, Weiber und Gesang“, „Fahneneid“ und natürlich „Fraggles“, gerne auch die („Sag doch bitte, bitte, bitte, bitte…“) „Drecksau“. DAILY TERROR zollte man mit einem gelungenen „Kleine Biere“-Cover auf sehr sympathische Weise Tribut. Meine Biere waren eher so mittel, in labbrigen Einwegpappbechern umso schneller leer, wenn sie im Pogomob zerquetscht wurden, nicht minder schnell leer, wenn ich sie mir wegen der großen Öffnung und eben jener Quetschgefahr umso rascher hinter die Schrankwand nagelte. Wie immer bedankten sich NORMAHL überaus freundlich mit „Danke“ („…für euer gutes Geld für dieses Scheißkonzert“) beim Publikum. Ob’s dann noch ‘ne Zugabe gab oder das schon das Ende eines etwaigen Zugabenblocks war, weiß ich nun nicht mehr. Was ich weiß: Das war ein arschgeiler Gig, den ich in dieser Qualität nicht erwartet hatte, der fast durchgängig Riesenspaß gemacht hat und dank dem ich nun endlich, während vermutlich fast alle anderen denken: „Wat willer, ‘n NORMAHL-Gig halt, spielen doch ständig irgendwo immer die gleichen ollen Kamellen“, einen fetten Haken auch an diese Band meiner Jugend machen kann.

Der Rest des Festivals war nun eigentlich vollkommen wumpe – wenngleich ich wusste, dass die Kirsche auf der Sahnehaube folgen sollte: Jede Menge Bernauer Bierchansons vom neuen Headliner OXO 86, der so leichtes Spiel wie selten gehabt haben dürfte, traf er doch auf eine fertig betrunkene und feierwütige Meute, die er nur noch mitzunehmen brauchten. Sänger, Rampensau und Entertainer Willi stieg sofort aufs Absperrgitter und hängte sich ins Publikum, um seiner heiseren Ostberliner Schnauze Unterstützung angedeihen zu lassen und sämtliche Grenzen zum Pöbel einzureißen. Oi!-, Street- und Ska-Punk, Punk-, Skinhead- und partykompatibel, mal mit, mal ohne Trompete, aber immer mit jeder Menge Spaß inne Backen, Selbstironie und Witz in den proletarischen Texten. Ich zollte meiner mittlerweile ausgeprägten Breitseite Tribut und begab mich nach kurzer Zeit des Herumgeschubstwerdens an den Rand des Geschehens, schüttete rein, was noch ging, haute die letzten Penunsen auf den Kopp und erfreute mich sowohl an der Band als auch an daran, wie sich andere an ihr in einer angenehm vollen, aber nicht überfüllten Fabrik erfreuten. Zwischendrin unternahm Willi Crowdsurfing auf einem echten Surfbrett, an mehr kann ich mich dann aber auch echt nicht mehr erinnern – außer dass OXO 86 sich den Headliner-Status für solche und andere Veranstaltungen in all den Jahren redlich erkämpft und verdient haben. Teile meiner Fotos illustrieren sehr gut meinen Zustand und meine Sicht zum Zeitpunkt ihres Entstehens.

Pleite, völlig durch, aber glücklich trat ich den Rückweg von diesem – vom Opener abgesehen – hochkarätigen „Deutsch- meets Streetpunk“-Festival an, das mir u.a. einmal mehr vor Augen führte, wie recht …BUT ALIVE seinerzeit hatten: Irgendwas bleibt immer 17…

24.11.2022, Kulturpalast, Hamburg: VIO-LENCE + XENTRIX + WHIPLASH + ARTILLERY

Dieses warum auch immer als „MTV Headbangers Ball“-Tour angekündigte Thrash-Paket war offenbar bereits seit ca. zwei Jahren angekündigt, musste aber pandemiebedingt verschoben werden. Trotzdem hatte ich erst relativ kurzfristig überhaupt davon Wind bekommen und nicht zuletzt, da ich donnerstags eigentlich mit meiner eigenen Trümmercombo probe, stellte mich der Termin vor Probleme. Andererseits hätte ich vor noch nicht allzu langer Zeit nie geglaubt, mal die Gelegenheit zu bekommen, Bands wie WHIPLASH oder VIO-LENCE livesehen zu können. Headliner VIO-LENCE schaffen es mit dieser Tour erstmals überhaupt nach Europa, die Briten XENTRIX seien seit 1992 nicht mehr auf dem europäischen Festland gewesen, WHIPLASH aus New York seit 1996 nicht mehr, wie ich im Deaf-Forever-Forum las. Kurzentschlossen fuhr ich an jenem Tage also direkt aus dem Büro nach Billstedt und verfolgte eine Ein-Bier-pro-Band-plus-Pre-und-Aftershow-Pils-Strategie, die sicherstellte, dass ich’s Freitag auch wieder rechtzeitig und unzerschossen zum Brötchengeber schaffen würde.

Ein Schnäppchen war’s mit 40 Flocken Eintritt nun nicht gerade, aber auch kein überteuerter Wucher. Noch mal 25 Taler für’n cooles Shirt – beispielsweise das mit dem göttlichen Motiv des ersten WHIPLASH-Albums – sind dann aber auch bei mir heutzutage nicht mehr drin, sorry. Dafür hält man im Kulturpalast die Getränkepreise angenehm zivil, segelte ansonsten aber an diesem Donnerstagabend auf halbmast: Die Garderobe war gar nicht und lediglich ein einziger Bierstand besetzt worden. Dabei war der Besucher(innen)andrang beachtlich und die Bude zwar nicht ausverkauft, aber sehr ordentlich gefüllt. ARTILLERY machten den Anfang. Obwohl ich eigentlich eine gewisse Affinität zu Dänen-Metal habe und mir die Band sympathisch ist, bin ich nie so richtig mit ihrem Stil warm geworden. Michael Stützer & Co. spielen heutzutage melodischen Thrash mit Power-Metal-Gesang, womit ich mich auch bei anderen Bands schwertue. Gerade im Gesangsbereich wies man diese Tendenz schon immer auf, was mir den Zugang erschwerte. Als Opener hatten ARTILLERY auch gar nicht allzu viel Spielzeit, gezockt wurden wohl lediglich sieben Stücke. Die meisten stammten von den Klassikeralben und, klar, „Khomaniac“ beispielsweise gefällt auch mir, war aber zunächst recht schwer erkennbar, weil vor der Bühne Schlagzeug und Bass dominierten und beide Gitarren im Mix eher untergingen. Im letzten Drittel ließ mich „Terror Squad“ hellhörig werden, ein weiterer Bandklassiker, der hier ganz gut rüberkam. Vermisst habe ich tatsächlich „Time Has Come“, den Eröffnungssong des Debüts, denn der läuft mir ebenfalls sehr gut rein. Klar sind ARTILLERY im Jahre 2022 allein schon durch die ganzen Besetzungswechsel eine ganz andere Band als in den ‘80ern, aber mit der ungestümen Energie des „Terror Squad“-Albums hätte ich sicherlich mehr mit diesem Gig anfangen können.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich noch gar kein Abendessen hatte, also ging’s schnell noch mal zum Bahnhof. Mit Börek ausgestattet eilte ich zurück, denn WHIPLASH, deren ‘80er-Œuvre mehr meine Kragenweite ist, wollte ich keinesfalls verpassen. Die ersten beiden Nummern, „Last Man Alive“ und „Killing on Monroe Street“, bekam ich leider nur in der Schlange am Bierstand außerhalb des Saals mit, eilte dann aber flugs nach vorn. Mit „The Burning of Atlanta“ zockte das Trio einen meiner Lieblingssongs, doch leider war der Sound noch schwächer als zuvor bei ARTILLERY:  Die Drums ballerten alles weg, vom Bass war nur Geknarze zu vernehmen und von Tony Portaros Gitarre anscheinend nur das, was vom Bühnensound gerade noch so an die Publikumsohren gelangte. Ich begab mich nach hinten, wo der Sound etwas besser, die Saitenfraktion aber noch immer zu leise war. Eigentlich hatte ich’s mir abgewöhnt, auf Konzerten die Mischer vollzulabern, als ich an den Reglern aber einen Bekannten entdeckte, klage ich mein Ohrenleid. Glücklicherweise bekam man im weiteren Verlauf des Gigs den Sound in den Griff, sodass zumindest hinten auf Mischpulthöhe alles ok war und ich Stoff wie „Walk The Plank“, „Stage Dive“ (wenn auch ohne Stagediving), „Spit on Your Grave“ und „Power Thrashing Death“ genießen konnte. Die Songauswahl fiel also angenehm „Power & Pain“-lastig aus, jenes Debüt hatte einfach den geilsten, punkig-dreckigen Thrash-Sound. Tonys Stimme klingt noch genauso giftig wie zu jenen Tagen und auch die aktuell rekrutierte Rhythmussektion hat das richtige Gefühl für diese Musik. Als Vertretung für den verhinderten nominellen Bassisten Dank DeLong fungiert mit Will Winton von THANATOIC DESIRE ein echter Aktivposten auf der Bühne; Drummer auf dieser Tour ist Charlie Zeleny, ein wahres Tier hinter der Schießbude, der zwischendurch auch mit einem kurzen, aber dafür umso heftigeren Drumsolo verblüffte. Stilistische Verirrungen der 1990er blieben glücklicherweise außen vor, erst der ‘98er-Langdreher „Thrashback“ hielt wieder für Livematerial her. Tony griff sich übrigens zwischendurch seine Kamera und filmte die ersten Publikumsreihen, um das Video später auf Facebook zu veröffentlichen. Musikalisch war dieser WHIPLASH-Gig eine Offenbarung für mich und ich war total glücklich, diese Band endlich einmal live gesehen zu haben.

Von XENTRIX habe ich lediglich das Zweitwerk „For Whose Advantage“ in der Sammlung, das mir aber ausgesprochen gut gefällt und mich an eine Mischung aus SACRED REICH zu „The American Way“- und METALLICA zu „…and Justice for All“-Zeiten erinnert. Auch XENTRIX hatten in den 1990ern einen Stilwechsel hin zu bekacktem Groove-Metal vollzogen, bevor sie sich vorerst aufgelöst hatten. 2019 folgte mit dem neuen Studioalbum „Bury The Pain“ eine Rückbesinnung zum Thrash mit neuem Rhythmusgitarristen/Sänger Jay Walsh. Wenige Tage vor diesem Gig erschien mit „Seven Words“ gar ein brandneues Album – doch weder von diesem noch von „Bury The Pain“ bekam man etwas zu hören, da Originalsänger und -gitarrist Chris Astley für Walsh einsprang, der lieber bei seiner Familie bleiben wollte, da seine Frau das zweite Kind erwartete. Somit gab’s lediglich Material der ersten beiden Alben zu hören, wobei diese sich in der Setlist die Waage gehalten haben dürften. Der technische Thrash mit seinen mitunter etwas komplexeren Strukturen klang vom ersten Song an großartig, die Soundprobleme gehörten endgültig der Vergangenheit an. Nach dem dritten Song ertönte Kriegssound aus der Konserve als Intro, bevor Chris mit seinem kräftigen, kehligen Organ und den an James Hetfield erinnernden Phrasierungen weiter sichtlich spielfreudig durch den Gig führte und die Zeit auf der Bühne offenbar sehr genoss. Ich nutzte das Konzert für die Stimulation meiner Nackenmuskulatur und war schwer beeindruckt von der puren Energie, die XENTRIX auf die Bühne brachten und vor allem die Songs des Debüts in weit besserem Lichte erstrahlen bzw. Sound erklingen ließen. Höhepunkte: „Balance of Power“, „Kept in the Dark“ und „No Compromise“! Ich bin aber auch aufs neue Album gespannt, in das ich noch nicht reingehört habe.

Im Prinzip war ich bereits vollends befriedigt, doch der Headliner kam ja erst noch: Die wiedervereinten Amis VIO-LENCE, deren Debüt „Eternal Nightmare“ ein echtes Kultalbum ist. Die drei Alben aus den ‘80ern und ‘90ern spielte noch Robb Flynn mit der Band ein, bevor er MACHINE HEAD gründete und damit ungleich erfolgreicher wurde. Insbesondere „Eternal Nightmare“ ist eine vom Wahnsinn geprägte Geschwindigkeitsorgie und so avancierte auch der Gig zum erwarteten hektischen Gehacke. Das Debüt dürfte nahezu komplett gespielt worden sein, ergänzt um einige Songs vom etwas zugänglicheren Zweitgeborenen „Oppressing the Masses“ und der diesjährigen Comeback-EP „Let the World Burn“. Die Fans reagierten mit fast permanenten Circle Pits, gerieten lediglich gegen Setmitte etwas außer Puste. Der mittlerweile glatzköpfige Sänger Sean Killing war ganz in seinem Element und pflegte im zugeknöpften, aufnäherbewehrten Kragenhemd (das er auf jedem Foto trägt – wie viele hat er davon?!) seine diabolische Aura. VIO-LENCE ist kontrollierter Abriss mit sich manchmal vielleicht etwas sehr ähnelnden Songs, dafür aber herrlich kompromisslosem, konsequentem Stil und viel good, friendly, violent fun. Das von Killing offenbar erwartete kollektive Durchdrehen des Publikums zum letzten Song „World in a World“ blieb jedoch aus, dafür war es dann doch schon zu erschöpft. Wer seine Riffs gern in einem Affenzahn frisch aufgeschnitten serviert bekommt und sich in eine Art Rauschzustand thrashen lassen möchte, ist bei VIO-LENCE richtig.

Mit der Rückfahrt klappte dann alles wie am Schnürchen. Es war eine verdammt gute Entscheidung, dieses Konzert zu besuchen.

Nachtrag/Korrektur: Es handelte sich anscheinend um die erste europäische Whiplash-Tour seit 1996. Seither waren sie aber für mindestens einen Festivalgig in deutschen Landen.

04.11.2022, Hamburg, Lobusch: CRASS DEFECTED CHARACTER + HARBOUR REBELS

Kürzlich hatte ja ein Soli-Konzertabend für die Lobusch im Goldenen Salon stattgefunden, in dessen Rahmen ausschließlich Bands auf der Bühne standen, die ihren Proberaum in der Lobusch haben. Nun folgte sozusagen der kleine Bruder dieser Veranstaltung kurzerhand in der Lobusch selbst, denn auch CRASS DEFECTED CHARACTER und die HARBOUR REBELS proben im Lobuschkeller, teilen sich sogar den Drummer – und an diesem Abend auch Gitarrist Janosch, der den in Musikerrente gegangenen Benny bei HARBOUR REBELS vertrat. Zukünftig möchte man jedoch lediglich zu viert weitermachen, also wie zu Beginn der Band ohne zweiten Gitarristen.

Als Besucher(in) konnte man sich den Eintrittspreis zwischen 5,- und 7,- EUR selbst aussuchen; der bei unserem Erscheinen noch eher übersichtlich gefüllte Konzert- und Kneipenraum wurde rasch voller und bot eine ansehnliche Kulisse, als das Hardcore-Punk-Trio CDC sein Set eröffnete. Gespielt wurden die Hits des einzigen Albums und des Demos, darunter sowohl schnelle Pogokracher als auch melodischeres Midtempo-Material, das zum Mitsingen einlädt. Das ergibt eine schön dynamische Mischung, deren Höhepunkte für mich die nachdenklichen Stücke „Wollt ihr?“, „Wenn die Fahnen wieder wehen“ und das als Zugabe gespielte „An der Zeit“ sind. Rotzig-trotziges wie „Eine Handvoll Fick Dich“, das selbstreferenzielle „CDC“, mit dem der Abend eröffnet wurde, oder auch der alte Live-Favorit „Protest durch Sachschaden“ laufen aber genauso gut rein wie das gekühlte Jever vom Tresen. Ich glaube, ungefähr zur Hälfte des Gigs hatte sich ein – interessanterweise vornehmlich weiblicher – Tanzpit vor der Bühne gebildet und feierte die mal mit dreckigerer, heiserer Stimme von Bassist Manu und mal etwas melodischer und klarer von Gitarrist Janosch gesungenen Songs kräftig ab. Drummer Chris prügelte sich präzise mit Pokerface durch ganze Potpourri und Manu behielt wie immer auch im abgedunkelten Saal seine Sonnenbrille auf. Schön, CDC mal wieder gesehen zu haben, war ja nun doch schon wieder bischn länger her.

Bei Weitem nicht so lang war’s her, dass ich zuletzt den HARBOUR REBELS live beigewohnt hatte. Diesmal also mit Janosch an der zweiten Klampfe, der sichtlich Bock hatte und sich – zumindest für meine tauben Ohren – keinerlei Blöße gab. Generell war die Stimmung auf und vor der Bühne bestens. Jule ist die perfekte Frontfrau für eine solche Band und führte mit gewohnt launigen Ansagen durchs Set, während, wenn mich nicht alles täuscht, vom ersten Song an vor der Bühne getanzt wurde. Diesmal ließ auch ich mich nicht lange bitten und gesellte mich dazu. Mittlerweile war ich betrunken genug, um mich im Nachhinein nicht mehr zu Setlist-Details äußern zu können, aber so weit ich mich erinnere wurden die bekannten deutsch- und englischsprachigen Hits um neue englische Songs vom noch unveröffentlichten zweiten Album erweitert, wofür die eine oder andere Coverversion aus dem Liveset weichen musste. Das klang alles sehr vielversprechend, man darf also erwartungsvoll gespannt sein. Melodischer Oi!-Punk mit Singalongs, einer kräftigen weiblichen Stimme, unverkrampfter, aber unmissverständlicher Haltung, einem hohen Unterhaltungsfaktor und Ambitionen für mehr, was sie zumindest schon mal bis aufs Billing des Rebellion-Festivals 2023 in Blackpool gebracht hat. Glückwunsch, weiter so und, an alle Verantwortlichen und Beteiligten: Danke für die geile Lobusch-Party, nach deren Bühnenprogramm man gar nicht mal so schnell nach Hause wollte und sich vor Ort noch amtlich die Festplatten defragmentierte…

19.10.2022, Fabrik, Hamburg: KIM WILDE

Mit KIM WILDE verbinde ich allem voran natürlich das fantastische, selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahre 1981 mit seinen unverwüstlichen New-Wave-Hits, gefolgt vom sehr angenehmen Pop-Album „Close“, das gerade chartete, als ich mich so richtig für Musik zu interessieren begann. „You Came“ war auf meinem allerersten selbstzusammengestellten Mix-Tape, „Never Trust A Stranger“ auf einem der nächsten. Das zweite Album „Select“ (1982) schlug mit mehreren Songs noch in eine ähnliche Kerbe wie das Debüt, bevor sich die Britin stärker in Richtung Pop orientierte. Nach „Closer“ verlor ich ihre Karriere aus den Augen, die sie Mitte der 1990ern beendete, um Fernsehgärtnerin zu werden. Rund zehn Jahre später gelang ihr mit u.a. mit Hilfe NENAs ein Comeback.

Als ich noch vor Pandemieausbruch verstärkt Lust bekommen, mir den einen oder anderen Pop-/Rock-Act aus meiner Kindheit mal live zu geben und Karten für PET SHOP BOYS und GIANNA NANNINI erworben hatte, war auch KIM WILDEs Gig in der Großen Freiheit darunter. Vom Kartenkauf bis zum tatsächlichen Konzert musste ich dann ca. zweieinhalb Jahre warten, die Gründe sind bekannt. Es sollte eine Greatest-Hits-Tour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum werden – gut, dann eben zum 42. Das Konzert wurde in die Fabrik verlegt, was mir sehr entgegenkam. Rappelvoll wurd’s, eine Vorband war nicht eingeplant. Bierchen geholt, zu ‘nem halbwegs akzeptablen Platz im unbestuhlten Saal gedrängelt und nur kurz der Dinge geharrt, die da kommen mochten, denn ziemlich pünktlich betraten erst die Band inklusive Background-Sängerin und Tänzerin Scarlett Wilde (Kims Nichte) und schließlich die mittlerweile 62-jährige Kim die Bühne. Da wurd’s relativ eng, denn hinten, wo normalerweise ein Schlagzeug steht, erhielt der Keyboarder seinen Platz; links und rechts von ihm waren zwei Drumsets aufgebaut, was mir etwas übertrieben erschien – zumal ich das rechte erst relativ spät entdeckte, weil es aufgrund der Fabrik-Architektur weitestgehend unterm Gebälk verschwand. Die Saitenfraktion trat als Trio in Erscheinung: ein Bassist und zwei Gitarristen, einer von ihnen Kims Bruder und Produzent bzw. Scarletts Vater Ricky, der den Popzirkus seit Anbeginn zusammen mit seiner Schwester wuppt. Das in rot und schwarz getauchte Bühnenbild fand seine Entsprechung in Bühnenkleidung und Haarfarben, wobei Kims Dress, eine Art Mischung aus Corsage, Rüschen und Fransen, vielleicht etwas schrill geraten war…

„Rage for Love“ entpuppte sich als gutgewählter Einstieg und „Never Trust a Stranger“ folgte direkt als erster Überhit, bevor „Million Miles Away“ bewies, dass es sich offenbar lohnt, auch mal den ‘90er-Alben eine Chance zu geben – geile, schwofige Nummer! Die weitestgehend analoge Instrumentierung ließ manch Song organischer klingen als auf Platte, Kims Stimme war überraschend perfekt in Schuss und ihre Ausstrahlung fröhlich, positiv, schwer sympathisch. Scarlett sorgte neben Mehrstimmigkeit vieler Refrains für viel Bewegung und zusätzlichen Esprit auf der Bühne. Die Stimmung im Publikum war vom ersten Ton an prächtig, nur leider versperrten immer wieder hochgehaltene Smartphones und Phablets den ohnehin nicht immer ganz einfachen Blick zur Bühne. Aus Respekt vorm im Durchschnitt wohl etwas älteren Publikum wollten wir uns aber auch nicht bis in die erste Reihe durchrüpeln, als befänden wir uns auf einem Punkkonzert. Zumindest konnte ich in den Displays erkennen, dass eine Reihe wirklich guter Fotos zustande gekommen sein muss – was ich von meinen im Gedrängel reichlich unmotiviert geschossenen leider nicht behaupten kann. Daher hier ein Netzfundstück:

Nach dem tollen „Can’t Get Enough (Of Your Love)“ war das BEE-GEES-Cover „If I Can’t Have You“ Teil des ersten Konzertdrittels. Das empfand ich als etwas unspektakulär, war aber sicherlich das Beste, was aus so’ner ollen Nummer, deren Original mir bestimmt die Fußnägel hochrollen würde, herauszuholen ist. Es ging direkt über in „The Touch“ und „The Second Time“ vom „Teases & Dares“-Album und mündete in „Pop Muzik“ von M in einer sehr charmanten Interpretation, in der Kim und Scarlett sonnenbebrillt mit dem Publikum flirteten und synchron tänzelten. „Kandy Krush“ und „Birthday“ bedeuteten einen Abstecher zum rockigeren jüngsten Studioalbum „Here Come The Aliens“, „Water on Glass“ löste Megahit-Alarm aus, „Anyplace, Anywhere, Anytime“ markierte das Comeback: Eine englischsprachige NENA-Coverversion, seinerzeit zusammen mit Frau Kerner gesungen. Kurios: In der ersten Strophe versuchte sich Kim am deutschen Originaltext. „Perfect Girl“ und das wirklich gute „Love is Holy“ bewiesen einmal mehr, dass hier eben nicht nur die 1980er abgefeiert werden sollten, sondern es Kim und ihrer Band vollkommen zurecht daran gelegen war, alle Dekaden und Phasen abzudecken.

Das letzte Drittel des regulären Sets reihte dann jedoch tatsächlich mehrere ‘80er-Nummern aneinander, darunter die sensible, leise Ballade „Four Letter Word“ (ich schmolz dahin, meine Freundin verdrehte nur die Augen…), das politisch wache und hochatmosphärische „Cambodia“, dessen Chor hunderte Kehlen mitsangen, das traurige, nachdenkliche „View From a Bridge“ – und nicht zuletzt mit dem punkigen „Chequered Love“ eines meiner Lieblingsstücke. Zwischendurch hatte Kim ihre Band vorgestellt und auf die Verwandtschaftsverhältnisse aufmerksam gemacht, von ihrer musikalischen Sozialisation und ihrem Bezug zur Popmusik berichtet sowie wissen lassen, dass sie die pittoreske Hamburger Parkanlage „Planten un Blomen“ besucht habe. Ähnliches wird sie überall erzählen, aber es wirkte nicht aufgesagt, sondern von Herzen kommend – wie alles, was sie an diesem Abend auf der Bühne tat.

Das THE-SUPREMES-Cover „You Keep Me Hangin‘ On“ wurde geschickt vor den Zugabeblock platziert, der mit dem selbstreferenziellen „Pop Don’t Stop“ das dritte Stück vom Aliens-Album bot und mit Kims vermutlich größten Hits „You Came“ und „Kids in America“ einen endcoolen Konzertabend beschloss. Für „Kids…“ setzte sich Kim eine glitzernde Fantasie-Uniformmütze auf, was ihr Outfit gewissermaßen abrundete. Die Songauswahl war gut gelungen, die Dramaturgie stimmte, lediglich „Words Fall Down“ habe ich schmerzlich vermisst. Nach 23 Songs und ca. 100 Minuten schienen alle auf ihre Kosten gekommen zu sein, vom Punk mit ‘80er-Pop-Affinität über die feierlaunigen Twens, das ältere Disco-Pärchen und den Mainstream-Event-Hopper bis hin zum Rocker mit Metal-Shirt.

Auf dem Klo traf ich sogar noch – wie schon bei den PET SHOP BOYS – Captain Blitz, der anschließend am Kiosk ‘ne Runde Pils schmiss. Danke, Captain, danke, Kim, danke, Fabrik. Nun bitte mal CYNDI LAUPER nach Hamburg holen! Ich höre mich – Streaming macht’s möglich – so lange durch die mir bisher weniger geläufigen Untiefen der Wilde’schen Diskographie auf der Suche nach Hits, Hits, Hits…

24.09.2022, Schanzenviertel, Hamburg: Schanzenfest 2022

Nach fünf Jahren wurde erstmals wieder das selbstorganisierte, unangemeldete Schanzenfest gefeiert. Das bedeutet: Anwohner(innen)-Flohmarkt (der diesmal aber recht klein ausfiel), Infostände zu gesellschaftlichen und politischen Themen, Verzehrstände, Soundsystems und eine Bühne für Musik- und Redebeiträge, ohne Standgebühren und ohne von Stadtfest zu Stadtfest tingelnde Profihändlerinnen und -händler. Spenden werden gesammelt und die Gewinne mehrerer Stände guten Zwecken wie beispielsweise der Seenotrettung zugeführt. Das Motto lautete diesmal „Antifa por la vida“, man solidarisierte sich mit von Repression betroffenem antifaschistischen Widerstand im Allgemeinen und den Leidtragenden des „Antifa Ost“-Verfahrens, u.a. Lina, im Speziellen. Details zum Selbstverständnis des Schanzenfests lassen sich im offiziellen Blog nachlesen. Ich tingelte verkatert vom Vortag am frühen Nachmittag Richtung Schanze, fand auf den paar Flohmarktständen, an denen ich vorbeikam, nix für mich, suchte und fand aber schließlich die Bühne, auf der u.a. einige interessante Punkbands spielen sollten. Den HARDCHOR hatte ich verpasst, BETON DE ROUGE ebenfalls, aber SPARCLUB soundcheckten gerade. Das noch junge, weibliche Gitarre/Drums-Duo hatte ‘nen guten Sound mit schön bollerigen Drums, die den fehlenden, eiskalt weggesparten Bass zuweilen vergessen ließen. Die punkigen Riffs gingen gut ins Ohr, der oftmals zweistimmige Gesang auch. Die meisten Song waren auf Deutsch, später kamen ein paar englischsprachige hinzu. Mir hat’s gefallen, wenngleich sich gerade zum Ende hin doch bemerkbar machte, dass sich einige Songs sehr ähneln. Dafür übertrugen sich der Spaß an der Musik und die positive Ausstrahlung aufs trotz etwas Nieselregens gut gelaunte Publikum. Nach knapp 40 Minuten verließen SPARCLUB unter verdientem Applaus die Bühne. Fotos gibt’s übrigens weder von diesem noch von den weiteren Gigs, da seitens der Organisation darum gebeten wurde.

Mittlerweile war ich beim Konterbier angelangt, hatte meinen ebenfalls noch leicht verschallerten Bandkollegen Holler getroffen und konnte mich von KRATZER anbrüllen lassen. Überaus kompetenter Neo-Crust aus Hamburg, der schön böse ballerte und damit denjenigen Passantinnen und Passanten, die sich zum Wochenend-Shopping in die Straße verirrt hatten, einen wunderbaren Kontrast boten. Der Shouter hatte die Bühne verlassen, nutzte den Raum vor ihr gut aus und schaffte es tatsächlich, einige Anwesende zum Tanzen zu bewegen. Andere machten sich einen Spaß daraus, über sein Mikrokabel zu springen oder spritzten/spuckten mit Bier herum. Herrlich.

Auf diesen rund 45-minütigen Gig folgte ein 20-minütiger Wutausbruch TIÃOs, genauer: derer Shouterin/Gitarristin. Der Trend geht zum Duo, auch hier lediglich Drums, kein Bass. Aufgrund der kurzen Spielzeit habe ich dieses HC-Brett nicht komplett gesehen bzw. gehört; als ich vom Pinkeln zurückkam, war’s schon wieder vorbei. Es folgte ein großartiger Redebeitrag zum „Fall Lina“, der sehr gut aufdröselte, was da gerade im Osten vor sich geht. Solche Beiträge gab es zwischen allen Bands, wobei ich aus unterschiedlichen Gründen nicht alle mitbekam. Sie sollen wohl in Kürze größtenteils in o.g. Blog nachzulesen sein.

Mit DUNKLE STRASSEN folgte ein weiteres Duo: E-Drums aus der Konverse, Schrammelklampfe, Samples und Geschrei – da war ich musikalisch raus, sorry. Stattdessen spazierte ich noch mal ein wenig durchs Viertel. Als ich zurückkam, beendete gerade die Transgender-Künstlerin GÉRALDINE SCHABRAQUE ihr Chanson-Set, bevor die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN adrenalingeladen die Bühne erklomm und direkt mit der an hiesige Verhältnisse angepassten AGNOSTIC-FRONT-Nummer „HH Polizeistadt“ einstieg. Eigentlich erzählt Sänger/Gitarrist Stemmen ja ganz gerne mal bischn was auf der Bühne, was zu den NPP-Gigs schlicht dazugehört. Adrenalinausstoßbedingt schien er sich diesmal etwas zu verhaspeln und ließ lieber wieder die grobe musikalische Kelle sprechen. Vor der Bühne hatte sich inzwischen ein großer Pogomob gebildet, vereinzelte Bengalos erhellten den mittlerweile dunklen Abend. Ich bekomm’s nicht mehr ganz zusammen, aber „HH Polizeistadt“ wurde erst noch mal und am Schluss sogar ein drittes Mal, diesmal zusammen mit Ex-Sänger Sibbe, gezockt, auch ‘nen anderen Song gab’s mindestens zweimal zu hören. Der Gig wirkte punkig-chaotisch, passte damit zur vorgerückten Stunde sowie meinem persönlichen Zustand und wurde von den feierwütigen Besucherinnen und Besuchern gnadenlos abgefeiert.

Bei den JESUS SKINS war die aufgekratzte Menge anschließend in guten Händen, bereitwillig ließ sie sich das Oi!-Evangelium in Form von Songs wie „77 heißt Grüß Gott“, „Skinheads in der Kirche“, „3 Könige“ oder auch „Saufen beim Fußball“ andrehen. Die JESUS SKINS sind gewissermaßen ein Projekt, bei dem jeder mal mitmachen darf, mittlerweile sitzt Paul von DER UNFUG UND SEIN KIND und SPIKE an der Schießbude und Band-Tausendsassa Ritchy spielt Klampfe. Laut meinem Konzerttagebuch habe ich es elf (!) Jahre (!!) lang geschafft, den JESUS SKINS live zu entkommen, vielleicht, weil der Witz im Prinzip ja schon länger auserzählt ist. Aber, Alter: Alkoholisiert auf dem Schanzenfest ist das schon noch ‘ne Ansage! Und tatsächlich waren mir die meisten Texte noch geläufig, sodass ich mit ausgebreiteten Armen kräftig mitsingen konnte. „77 heißt Grüß Gott“ wurde als Zugabe noch mal dargereicht, bevor die Messe gelesen war und ein in meiner lückenhaften Erinnerung sehr guter Redebeitrag zur aktuellen Situation im Iran das Schanzenfest mit ernsten, aber auch kämpferischen Worten beendete.

23.09.2022, Monkeys Music Club, Hamburg: SPERRZONE + THE SOUL INVADERS

Der gute Maggie feierte seinen Fuffzichsten im Monkeys mit zwei befreundeten Bands, und zwar ausgerechnet an einem Abend, an dem man sich vor Konzerten in Hamburg kaum retten konnte. Das änderte aber nichts an einer gelungenen Party mit ordentlichem Besucherinnen- und Besucherzuspruch, allein schon, weil Maggies alte Heimat Hagen massiv vertreten war. Als wir eintrafen, beendete gerade ein Singer/Songwriter sein Set, der überraschend den Abend eröffnet hatte. SPERRZONE aus dem sächsischen Torgau begannen dann mit gut abgehangenem Midtempo-Punkrock mit deutschen Texten, die sowohl von einem der beiden Gitarristen als auch vom Bassisten geschmettert wurden. Man wechselte sich ab oder spielte sich gegenseitig die Bälle zu, die Gesangsharmonien saßen und korrespondierten auch gut mit den Backgrounds. Zwischendurch wurde „Little Old Wine Drinker Me“ in punkiger Version gecovert, es folgten weitere englischsprachige Songs, die dann auch mehr Schmackes hatten. „Nobody’s Hero“ der STIFF LITTLE FINGERS bot man in einer Offbeat-Version dar, eine JOHNNY-CASH-Nummer wurde verpunkt und mit VANILLA MUFFINS‘ „For What I Fight With You?“ schloss das Quartett den regulären Teil seines dann doch recht fremdkompositionsreichen Sets. Das Publikum forderte eine Zugabe, die es in Form des umjubelten STRASSENJUNGS-Covers „Ich brauch meinen Suff“ erhielt. SPERRZONE wirkten mit ihrer positiven Ausstrahlung und ebensolchen Aussagen sehr sympathisch, und an der Basslautstärke ließ sich ablesen, wer offenbar Kopf der Band ist. 😉

Die Hagener THE SOUL INVADERS stimmten ein Geburtstagsständchen für Maggie an und hauten danach so richtig auf die Kacke, wobei Sänger Böhme möglicherweise sogar noch etwas wahnsinniger als während meines letzten beigewohnten SOUL-INVADERS-Gigs im Jahre 2017 wirkte. Gut, mal war er nicht vorbereitet und wusste nicht, welcher Song kommt, mal ging’s der Band ähnlich, aber hatte man sich erst mal auf das jeweilige Stück geeinigt, wurde ein Inferno aus Punk, Rock’n’Roll und Garage entfacht, das dazu einlud, sein Hirn an die Wand zu werfen. Hier und da war auch kleine ‘ne MISFITS-Schlagseite herauszuhören. Ein von Böhme gehasster Song entpuppte sich für meine Ohren als vielleicht beste Nummer, aber das Hit-Niveau war generell hoch. Immer mal wieder wurde er vom aus Hagen mitgereisten Sänger der MAD MOISELLES unterstützt, der sich auf der Bühne ebenfalls sichtlich wohlfühlte (und bereits bei „Ich brauch meinen Suff“ während des SPERRZONE-Gigs das Mikro geentert hatte). Böhme nahm sich zwischendurch die Zeit, die Bandmitglieder namentlich vorzustellen, preschte im nächsten Moment aber schon wieder wild über die Bretter. Natürlich mussten auch hier Zugaben her; auf eine relativ neue, als Schmusesong angekündigte mit leichter Postpunk-Tendenz folgte noch eine Schunkelnummer. Herausragendes Punkrock-Entertainment einer grenzgenialen Liveband!

Danke, Maggie, für die geile Sause und die Getränkemarken! Nochmals Herzlichen und auf die nächsten Fuffzich!

16.09.2022: Hamburger Hafengeburtstag/Affengeburtstag

Erster Hafengeburtstag seit 2019, vom Mai in den September verlegt. Also lecker Spätsommer? Nix da: Hamburger Schietwetter! Zudem abgespecktes Programm, weil ohne die famose Jolly-Roger-Bühne. Dass ich mich am Freitag trotzdem auf den Weg durch den Regen machte, lag zum einen am DIY-Alternativprogramm auf der „Hafengeburtstag von unten“- alias Affengeburtstag-Bühne vorm Störtebeker und zum anderen daran, dass sich mir die Gelegenheit bot, gratis dann doch mal wieder EXTRABREIT zu sehen. Die spielen zwar, so glaube ich zumindest, immer mal wieder auf Stadtteilfesten und sowat, habe sie dort selbst mal gesehen – doch das ist gefühlt hundert Jahre her. In den letzten Jahren waren mir EXTRABREIT medial immer mal wieder über den Weg gelaufen, wenn ich mich mit ‘80er-Retrospektiven und artverwandten Formaten beschäftigt hatte. In diesem Kontext hatte ich auch meine Plattensammlung ein wenig erweitert und so letztlich richtig Bock bekommen, mir die Hagener aus heutiger Perspektive endlich mal wieder live zu geben, zumal sie auch studiotechnisch weiter aktiv sind, vor zwei Jahren das Album „Auf Ex! (weiter breiter)“ veröffentlicht haben. Als ich hörte, dass sie auf der Bühne des Radiosenders Rock-Antenne zocken würden, wusste ich, was zu tun war.

Also Landungsbrücken raus, einmal über die gesamte Veranstaltungsmeile latschen, die gegenüber 2019 noch mal gestiegenen Preise an den kommerziellen Verzehrbuden bestaunen und bei den Anarchos nahe der Balduintreppe ‘nen köstlichsten Veggie-Döner inhalieren. Und natürlich die Rock-Antenne-Bühne suchen, die ich in all den Jahren zuvor geflissentlich ignoriert hatte. Diese befand sich am anderen Ende der Meile, wo ich dann auch überraschend auf Kai Motherfucker samt Nachwuchs traf, die lässig an Balustrade lehnten, während OHRENFEINDT gerade schweinerockten. Nach zwei Sterni trennten sich unsere Wege jedoch schon wieder und ich ging hoch vors Störtebeker. Dort war ‘ne Menge los, CRACKMEIER waren just durch und INFERNO PERSONALE aus Bremen gerade beim Soundcheck. Die Band ist mit Mitgliedern aus Kolumbien, Argentinien, Italien und Deutschland international besetzt und hat letztes Jahr ihr Demotape veröffentlicht. Voll auf die Zwölf gab’s dann krachenden D-Beat-HC-Punk mit dem für diese Bühne anscheinend üblichen geil schrotenden Gitarrensound und reichlich Tempo, dazu zum Namen passendes infernales Gebrüll am Mikro. Die Klampfe hatte immer mal wieder winzig kurze Aussetzer, was am etwas zu locker sitzenden Kabel zu liegen schien, aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel. Großartiger Gig, der leider schon nach maximal 20 Minuten vorüber war.

Während sich im Hintergrund ein Arbeiterliederchor (!) langsam mit der Bühne vertraut machte, verabschiedete ich mich langsam in Richtung Rock-Antenne-Bühne, denn um 22:00 Uhr sollten EXTRABREIT anfangen. Fünf Minuten vorher war ich vor Ort, konnte mich problemlos ziemlich weit nach vorne durchschlängeln und traf dort auf eine Gruppe Punks, die bereits vor mir dorthin aufgebrochen war. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, ich hatte ‘nen Vorratssterni in der Hand und pinkeln konnte man links von der Bühne ans Elbufer. Eigentlich gute Voraussetzungen, hätte nur nicht offenbar gerade erst der todlangeweile Soundcheck durch die Bühnencrew begonnen, der sich endlos zu ziehen schien. In dieser Zeit hätten INFERNO PERSONALE ihr Set locker noch zweimal spielen können und tatsächlich verpasste ich in dieser Zeit nicht nur besagten Chor, sondern leider auch die HARBOUR REBELS.

Als es endlich, endlich losging, war ich längst betrunken und in einer Scheißegalstimmung, die mich das teure Bierstandpils kaufen ließ. Die Gruppe Punks war schon längst wieder abgezogen, als EXTRABREIT mit dem gleichnamigen Song eine Art Best-of-Set eröffneten, aus dem ich längst nicht alle Nummern kannte. Weiter ging’s mit „Her mit den Abenteuern“, „Geisterbahn fahrn“ und „Glück und Geld“, bevor mit „Kleptomanie“ eine meiner Lieblingsnummern folgte (obwohl ich schon Schweißausbrüche bekomme, wenn ich ‘ne einzelne Zwiebel im Supermarkt mitgehen lasse, weil ich keinen Bock habe, ein ganzes Netz zu kaufen…). Zwei Songs später der große Klassiker „Polizisten“, inhaltlich eine der stärksten EXTRABREIT-Nummern. Allerspätestens jetzt war mir auch alles egal, euphorisiert vertrank ich mein letztes Geld und lauschte andächtig mehreren mal rockigeren, mal tanzbareren, mal bluesigeren Songs, die mir nicht sonderlich geläufig waren, bis mich das HILDEGARD-KNEF-Cover „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ins Jahr 1992 zurückversetzte, als das Stück im Radio rauf und runter lief und ich zwölfjähriger Bengel einen Narren an ihm gefressen hatte. Die ja irgendwie melancholische Stimmung des Songs verdoppelte sich durch den nostalgischen Effekt, den er in mir auslöste.

Weiteren Anlass zum Feiern boten neben dem HANS-ALBERS-Cover „Flieger, grüß mir die Sonne“, ohne das bis heute vermutlich keine NDW-Party auskommt, das vielleicht punkigste EXTRABREIT-Stück „3-D“, mit dem ich gar nicht unbedingt gerechnet hatte, und natürlich „Hart wie Marmelade“. Tschüs, das war’s, die Band verließ die Bühne. Es folgte das übliche Spiel: Zugaberufe, die nach ‘ner Zigarettenlänge erhört wurden, woraufhin Sänger Kai Havaii endlich von den kleinen Mädchen aus der Vorstadt berichten konnte, die heute Nasenringe aus Phosphor tragen. Für den Rausschmeißer, das eingedeutschte LOU-REED-Vehikel „Junge, wir können so heiß sein“, betrat ein befreundeter Musiker die Bühne, der an der Mundharmonika unterstützte. So wurde die Stimmung, die bei den vorausgegangenen Songs tatsächlich zu Pogo und ähnlichem Ausdruckstanz geführt hatte, wieder ein gutes Stück weit heruntergekocht, bevor man das Publikum in die Nacht entließ.

EXTRABREIT machten einen musikalisch topfitten Eindruck und Kai Havaii scheint derselbe drahtige Typ wie eh und je zu sein. Klar war das ein professionell und vermutlich entsprechend routiniert durchgeführtes Rockkonzert mit Ü40-Zielgruppe. Punk- und NDW-Klänge, textliche Provokationen und organisiertes Chaos sind längst im gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten, eingängigen Stil der Band aufgegangen, den sie selbst schlicht als Deutschrock bezeichnet (und entweder bewusst ignoriert oder nicht mitbekommen hat, welche Konnotation dieser Begriff zuweilen annimmt, sobald er mit bestimmten Bands assoziiert wird). Spaß gemacht hat’s aber allemal, die Band wirkt sympathisch, hat ihre großen Hits und ein abwechslungsreiches Programm vorzuweisen. Für umme kann man das auf jeden Fall mal mitnehmen. Man verwies noch auf ein Konzert in der Markthalle, das offenbar am 30. Dezember stattfindet und Teil einer traditionellen „Weihnachts-Blitztournee“ ist.

Extrabreit schlenderte ich zurück zur Affengeburtstagsbühne und feierte noch die Bremer(innen) CATAPHILES ab, die sich den Gitarristen mit INFERNO PERSONALE teilen: Wavelastiger Post-/Goth-Punk mit, wie ich in dem Moment fand, geilen ‘80er-Synthie-Melodien, halligem Gesang sowie einer Nebelmaschine, die die halbe Straße einhüllte. Die Band ist noch jung, in Kürze soll wohl ein Album auf Sabotage Records kommen. Mal die Augen nach offenhalten.

Gegen 1:00 Uhr war fürs Erste Feierabend, ab Samstagnachmittag spielten noch Bands wie KONG FUSS, THRASHING PUMPGUNS, ECHOES, STRACH und KID KNORKE & BETTY BLUESCREEN – doch da musste ich passen. Schön, dass diese Bühne wieder eine echte Alternative zum offiziellen und „kommerziellen“ (relativiert sich, weil die Gigs alle gratis sind) Hafengeburtstagsprogramm bot. Vielleicht schaffe ich’s nächstes Mal auch wieder, mehr davon zu sehen.

09.09.2022, Goldener Salon, Hamburg: ORÄNGÄTTÄNG + SHITSHOW + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

„Lobusch goes Hafenklang“, lautete das Motto: Ein paar im selbstverwalteten Wohn-/Veranstaltungs-/Proberaum-Komplex in der Lobuschstraße probende Bands sollten unentgeltlich im zum Hafenklang gehörenden Goldenen Salon auftreten, um das Minus, das die Covid-19-Pandemie-bedingten Schließungsphasen in die Kasse gerissen hatten, etwas abzufedern. Zusammen mit der Lobusch-Hausband JAUCHENPUMPE sollten’s derer vier werden, krankheitsbedingt blieben die o.g. drei übrig. Zusätzlich wurde eine liebevoll gestaltete Tombola mit etlichen kuriosen bis verdammt töften Gewinnen anberaumt, die auf viel Zuspruch stieß; diverse Merch-Stände rundeten das Ambiente ab. Jede Band durfte sich ‘ne XXL-Pizza beim Bringdienst aussuchen und bekam Freibier sowie zusätzliche Getränkemarken. Eigentlich alles knorke, bis auf den Umstand, dass unser Basser Holler sich die Seuche eingefangen hatte und wir daher ohne ihn auftreten mussten…

Schon am Nachmittag hatten sich meine Bandkollegen zusammen mit Teilen der Veranstalter auf den Weg gemacht, um das Equipment rüberzuwuchten und aufzubauen. Eisenkarl bastelte das Schlagzeug zurecht und trommelte sich sowie das Instrument so lange warm, bis der Sound stimmte. Ich stieß etwas später direkt von der Lohnarbeit kommend hinzu und musste diese erst mal mit ein paar Bierchen abschütteln. Der Einlass war mit 19:00 Uhr relativ früh terminiert und wurde offenbar ernstgenommen, denn überraschend schnell füllten sich der direkt an der Elbe gelegene Vorplatz und der Club.

Damit Drummer Vic, den sich SHITSHOW und ORÄNGÄTTÄNG teilen, nicht zwischen seinen Gigs pausieren muss und wir nicht als letzte Band ranmüssen, machten wir um Punkt 21:00 Uhr den Anfang. Unabhängig von Hollers Ausfall hatten wir geplant, mit unserem ehemaligen Drummer Dr. Tentakel, der in den verdienten Ruhestand gegangen war, die ersten zwei Songs zu zocken, damit er sich noch einmal vor einheimischem Publikum verabschieden kann. Für „Tales of Terror“ und „Elbdisharmonie“ wechselte also Eisenkarl an den Bass, danach wieder an die Drums und wir spielten ohne Bass weiter. Dieses Kuddelmuddel versuchte ich den Anwesenden von der Bühne aus zu erklären. Tatsächlich klappte es wie intendiert: Tentakel zockte noch mal die alten Schoten und heimste sichtlich gerührt Szenenapplaus ein. Danke, Doc!

Um den fehlenden Bass zu kompensieren, improvisierten wir im Anschluss ein wenig: Wir doppelten die tiefen Gitarrenfrequenzen, um akustisch so etwas wie einen Tieftonteppich zu suggerieren, Bass-Intro-Parts spielte Kai auf der Klampfe, Soloparts und Background-Gesang entfielen zwangsläufig. Gemessen an den Umständen funktionierte das passabel, wenn ich auch die Bühne als unangenehm leer empfand. Dass unser erst zweiter Gig seit der langen Zwangspause in einem derart gut gefüllten Saal stattfand, machte mich auch glatt wieder ein bisschen nervös. Ich kam mir jedenfalls hüftsteifer als zuletzt vor, versemmelte den letzten „Montag, der 13.“-Refrain und verschüttete ein Bier, woraufhin mir jemand tatsächlich einen Putzlappen auf die Bühne warf. Dafür stießen wir mit unserem herben Sound auf offene Ohren, erhielten Zuspruch (sowie Beleidigungen aus dem engeren Bekanntenkreis :D) und spielten zum Dank am Ende auch ohne Holler „ACAB“, jene hektisch gesungene Nummer seiner derzeit inaktiven Band PROJEKT PULVERTOASTMANN, die keinerlei Luftholen gestattet. Alles in allem dürften wir uns recht achtbar aus der Affäre gezogen haben. Krischan drehte freundlicherweise ein Video von uns und packte es auf YouTube, wo es gleich mal mit ‘ner Altersprüfung versehen wurde…

Bühne frei für Hamburgs derzeit heißesten Scheiß: Über die aus den Trümmern von SORT OF SOBER entstandenen SHITSHOW spricht man nur in Superlativen, umso gespannter war ich auf den Auftritt. Das Quartett aus Marta (ex-SORT OF SOBER, Bass), Vic (u.a. ORÄNGÄTTÄNG, Drums), Krischan (ex-SORT OF SOBER/ORÄNGÄTTÄNG, Gitarre) und Julia (Gesang) spielt ziemlich mitreißenden Punkrock der ‘77er-Schule mit ordentlich Dampf unterm Kessel, Rotz in der Stimme und Hitfaktor, sodass es nicht zuletzt aufgrund der entfesselten Bühnenshow wenig verwunderlich war, dass vor der Bühne kollektiv am Rad gedreht und ekstatisch getanzt wurde. Das eigene Material wurde mit Coverversionen von DEAD MOON und NEW ORDER (ja, „Blue Monday“!) angereichert. Die meisten Songs sind knackig kurz und bilden fettfreie Filetstücke des Rotzlöffelpunks. Bitte dranbleiben, nicht auswimpen und nicht schon nach der zweiten 7“ wieder auflösen! Die pressfrische Debüt-7“ hatte ich mir ungehört schon vorher eingesteckt und es nicht bereut. Coolste Sau des Abends war in jedem Falle Gitarrist Krischan, der von der Bühne aus verkünden konnte, bei der Tombola eine Lederjacke und damit einen der Hauptgewinne eingesackt zu haben, den er dann auch gleich stolz auf der Bühne trug.

ORÄNGÄTTÄNG sind diejenigen dieses Abends, die schon am längsten existieren, sodass die meisten gewusst haben dürften, was sie erwartet: Wie vom Affen gebissener HC-Punk mit Schrammel-Ecken und T(h)rash-Kanten, englischen Texten und seit einiger Zeit gern auch Crossdressing (das ist keine Salatsoße, sondern bedeutet, dass die drei Herren sich in Damenkleidung/-perücken/-schminke präsentieren) sowie diesmal auch einer Extraportion Bühnennebel. Dieser muss mitverantwortlich sein für die nebulösen Erinnerungen, die ich an den Gig habe… Dem Trio gelang es, das Stimmungslevel hochzuhalten, hin und wieder ließ auch ich mich in den Tanzmob schubsen. Details zum Auftritt bitte woanders erfragen; ich erinnere mich neben der exaltierten Bühnenshow noch an einen gut durchpeitschenden Sound, durch den jedoch gerade zum Ende hin der Gesang immer schwerer durchkam – was sich beim SCHLEIMKEIM-Cover natürlich relativierte, das hat jede und jeder mitgesungen. ORÄNGÄTTÄNG sind live ‘ne sichere Bank und Stimmungsgarant!

Ich blieb noch, bis es kein Bier mehr gab, und wankte dann mit meiner Liebsten nach Hause. Das war die bis jetzt vielleicht beste Party des Jahres – danke allen, die sie ermöglicht haben! Es freut mich insbesondere, dass derart viele dem Aufruf gefolgt sind und sich bei Eintritt auf Spendenbasis solidarisch mit der Lobusch und dem Ethos dahinter gezeigt haben.

Wir spielen nächste Woche Donnerstag. 22.09. noch im Viertelzimmer Münzviertel zusammen mit SOCIAL EXPERIMENT aus Schottland, bevor wir unsere Live-Aktivitäten in Hamburg für den Rest des Jahres wieder zurückschrauben.

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