Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 5 of 40)

18.-20.10.2018: Mit BOLANOW BRAWL auf Total Escalation Ireland Tour 2018 – nun auch online.

Folgender Reisebericht ist, wie bereits hier erwähnt, ursprünglich im Plastic-Bomb-Fanzine #106 erschienen. Das war im Frühjahr, mittlerweile ist die Sommerausgabe erhältlich und der Bericht damit bereit, um etliche Bilder ergänzt auch hier veröffentlicht zu werden:

Mit der Band erstmals im Ausland – ein persönlicher, streng subjektiver Reise- und Szenebericht meiner Erfahrungen und Erlebnisse in Irland als Sänger der Hamburger Streetpunk-Band Bolanow Brawl!

Die Iren haben Butter, Beer und Booze. Mit der Total Escalation Ireland Tour 2018 vom 18.-20.10.2018 brachten wir ihnen Bolanow und Brawl. Und das kam so: Seit Bandgründung dümpelten wir im Live-Sektor mehr oder weniger lokal vor uns hin, denn dass alle fünf Bandmitglieder parallel Zeit hatten, war die absolute Ausnahme. Als jedoch endlich alle ihre Aus-, Weiter- und Hochschulbildungen an irgendwelchen Bretterunis beendet hatten, kam tatsächlich etwas mehr Leben in die Bude, leider jäh unterbrochen vom Ausstieg unseres Bassisten Stulle. Dafür war mit Keith schnell Ersatz gefunden, der frischen Wind in die Band brachte und ebenso geil auf Gigs ist wie ich. So nahmen wir fast jedes lokale Angebot wahr, damit er möglichst schnell Live-Erfahrung sammelt (und den Dreck von denselben Kaschemmenböden leckt wie wir dereinst). Er, gebürtiger Dubliner, war es dann auch, der ein besonderes Ass aus dem Ärmel zog: Eine dreitägige Mini-Tour durch Irland! Wir waren Feuer und Flamme, wenngleich wir noch nie zuvor getourt, geschweige denn mit der Band im Ausland gewesen waren. Mit einer Ausnahme, als wir zunächst für BISHOPS GREEN im Hamburger Logo eröffnet und anschließend zum Wagenplatz Rondenbarg geeilt waren, um dort auf einem Festival zu zocken, hatten wir auch keine Erfahrung damit, zwei Gigs hintereinander zu spielen – wobei erwähnte Ausnahme noch am selben Abend war. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden? Noch nie. Unsere Feierwut während und nach Gigs ließ berechtigte Zweifel aufkommen, inwieweit wir dazu in der Lage sein würden, insbesondere bei mir: Manche haben ‘ne Kopf-, andere ‘ne Bauchstimme, ich hingegen scheine so was wie ‘ne Halsstimme zu haben, denn nach jedem Gig ist dieser rau und wund und ich bin heiser wie Sau. Ob ich am zweiten Tag überhaupt noch einen Ton herausbekommen würde? Immerhin hatten wir eine Gelegenheit, das auszuprobieren: Einen Tag nach einem Gig mit meiner anderen Krawallcombo DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS absolvierten wir eine Probe und es haute überraschend gut hin. Aber gleich drei Tage…?

Mithilfe seines irischen Kumpels Eddie von THE NILZ, von uns liebevoll „Eddie the Igel“ genannt, organisierte Keith die Tour, wobei Eddie versuchte, Läden ausfindig zu machen und sich Keith vornehmlich um Transport, Pennplätze etc. kümmerte und immer wieder Geld von uns für Bus & Bahn, Hostels etc. haben wollte. Am Donnerstagmorgen fanden wir uns schließlich tatsächlich in aller Frühe am Hamburger Flughafen ein, in Begleitung von vier unserer Freundinnen (lediglich eine hatte leider nicht freibekommen). Beim Check-in waren wir uns grundsätzlich einig, möglichst zusammensitzen zu wollen, trotzdem gab es bereits erste Diskussionen, wer keinesfalls vor wem sitzen wolle etc. – Klassenfahrtgefühl kam auf. Bereits vorm Betreten des Fliegers auf die Butterinsel wurde das erste Bier gekippt, in Dublin angekommen bot sich dasselbe Bild in der Airport-Bar. Vom Kiosk nebenan besorgte ich mir ein Sandwich, diese abgepackten zusammengeklappten und diagonal halbierten Toastbrote, wie man sie auch hierzulande kennt – und erlitt meinen ersten Preisschock, als man mir umgerechnet über 9 Westmark dafür abknöpfte. Alter! Per Bus ging’s weiter nach Drogheda, einer ca. 30.000 Einwohner zählenden Kleinstadt 45 Kilometer nördlich von Dublin am Fluss Boyne gelegen. Die malerische Kulisse dort lud zum Fotografieren ein; nach der Ankunft im Hotel versammelte man sich erst mal im hoteleigenen Pub, der für Halloween herausgeputzt war (immerhin stammt der Brauch ja aus Irland). Nach ein, zwei Runden Guinness & Co. klapperten wir mit einem einheimischen Jugendfreund Keith‘ Sehenswürdigkeiten wie den mumifizierten Schädel des Priesters Oliver Plunkett, der im Zuge der Religionskriege im 17. Jahrhundert sein Leben lassen musste und zu einer Art Schutzheiligem avancierte, ab. Sein Kopf befindet sich in einem Schaukasten der örtlichen Kirche. Anschließend ließen wir uns ein Lokal empfehlen und aßen dort Ziegenkäsepizzen, übertrieben große Burger und übersichtliche, dafür teure Fische.

Keith‘ Kumpel fuhr freundlicherweise unser Equipment zum Odd Mollies, einem von außen unscheinbaren Pub, der sich nach Betreten aber als riesige Bude inkl. Separee-Labyrinth, Biergarten und Konzertsaal entpuppte. Dort sollte unser erster Gig stattfinden, dort trafen wir auf Eddie und dort ließ Keith‘ Kumpel erst mal ‘ne Runde springen. Was wir jedoch nicht wussten: In Irland ist’s anscheinend absolut unüblich, dass eine Band Freigetränke bekommt (geschweige denn etwas zu essen). Ob hier nun etwas vereinbart worden war, wusste lange Zeit niemand so genau, letztlich hieß es aber: nee. Diesen Umstand hatte uns Keith, der Schlingel, vermutlich wohlweislich verschwiegen, zumal die Lebensmittel- und Bierpreise in Irland offenbar generell auf höherem Niveau angesiedelt sind als in Deutschland (dafür liegt das jährliche irische Durchschnittseinkommen aber auch 10,5 Mille über dem deutschen). Glücklicherweise zeigte sich Keith‘ Kollege verdammt spendabel, aber irgendwann wird einem das natürlich auch ein bisschen unangenehm. Unsere Ausgaben für Getränke überstiegen unsere Einnahmen dieses Abends letztlich um ein Vielfaches und zumindest auf meine Stimmung drückte das schon ein wenig. Als ich nach einem Flaschenbier für die Bühne suchte, das keine Dünnplörre ist, griff ich letztlich zu meinem bisher teuersten Paulaner:  5,50 EUR für ‘ne Buddel. Au weia! Aber der Reihe nach: Lokaler Opener waren die Jünglinge HEDCASE, ein Hard’n’Heavy-Rock-Trio mit Blues- und Boogie-Einflüssen (von dem ich froh war, dass sie überhaupt hier waren, denn auf ihrer Setlist hatten sie als Datum den 19. stehen).  Der Sound im steinernen Gewölbe des Pubs war sehr rustikal und donnerte gut, dazu passte auch das kräftige Organ des Sängers/Bassisten. Dem Drummer mit seinem engelsgleichen langen Haar, der sich zudem während des Gigs nach und nach seiner Oberbekleidung entledigte (zuerst musste das Bob-Marley-Batikshirt weichen), lagen alle Mädels zu Füßen, der Gitarrero flitzefingerte übers Griffbrett und unternahm während des AC/DC-Covers „T.N.T.“ einen Ausflug ins hauptsächlich aus den anderen beiden Bands bestehende Publikum, was ihn und seine Mitstreiter jedoch etwas aus dem Konzept brachte, sodass das sprichwörtliche Ende vom Lied einer sehr freien Improvisation glich. Eine Jam-Session ging über in ein kompetentes „Baby, Please Don’t Go“-Cover und der Drummer machte immer wieder die Gardine, wodurch er aussah wie Vetter It, ging zwischendurch zur allgemeinen Begeisterung aber auch mal zur Windmühle über. Sehr unterhaltsamer Gig – good job!

Wir belegten den Mittelslot, hatten unser Set um einen Song gekürzt und zogen dann doch noch ein paar Nasen mehr an, die sich an einem Donnerstagabend für die im Pub lärmenden Bekloppten interessierten. Mit dem P.A.-Menschen mit seinem supermodernen Digitalmischpult und seinem Tablet hatten wir den bestmöglichen Sound austariert. Noch etwas von der Getränkeversorgung angefressen, begrüßte ich Drogheda leicht überzogen arrogant mit „Hello, small town somewhere in Ireland“ (immerhin sagte ich nicht „British islands“), nachdem wir mit „Total Escalation“ gestartet waren. Doch je länger wir spielten – und je betrunkeneren Unfug vor allem Gitarrist Christian zwischen den Songs faselte, bis hin zu den sich daraus entwickelnden bandinternen Dialogen –, desto mehr Spaß machte der ganze Krempel wieder, der sich offenbar auch auf die Anwesenden übertrug. Blöderweise war mein Mikrokabel ziemlich locker, sodass es zu ein paar Aussetzern kam. Alles in allem dürfte das aber ein geglückter Warmmacher für die beiden Wochenend-Gigs gewesen sein, wenn ich im Nachhinein auch fand, über weite Strecken etwas zu aggressiv geklungen zu haben.

Bester Laune konnten wir uns nun dem Headliner widmen: Das Trio AMONGST THE WOLVES hat letztes Jahr sein Debütalbum „Hunger“ veröffentlicht (das ich vorher nicht gehört hatte) und sich einer ganz eigenen Mischung aus Punkrock und traditionellen irischen Einflüssen verschrieben. Bereits beim Soundcheck („Dirty War“) hatte ich große Ohren gemacht und der Auftritt bestätigte meine Ahnung: Komplett ohne Dudelsack, Flöte & Co. und ohne vornehmlich auf Party und Besäufnisse ausgelegt zu sein, hat die Band ihren individuellen, schwer atmosphärischen Sound zwischen getragenen, hymnischen Melodien und flotten Pogobeats gefunden (zu dem sie dann auch ihre Nebelmaschine anwarf). Der zugehackte Drummer klöppelt einen stilistisch einzigartigen Drum-Porno unter verstärktem Beckeneinsatz zusammen und die ganze Band ist unfassbar tight, perfekt aufeinander eingespielt. Mit mir haben AMONGST THE WOLVES einen Fan mehr und im euphorischen Überschwang und unter Einfluss manch Pints versicherte ich ihnen, mich dafür einzusetzen, dass sie mal nach Hamburg kommen können. Sollte sich diesbzgl. noch nichts ergeben haben: Booker, holt die Jungs nach Deutschland!

Allzu lange blieben wir dann nicht mehr im Odd Mollies, sondern packten unsere sieben Sachen zusammen und verabschiedeten uns von allen Beteiligten. Der AMONGST-Drummer gab dem mittlerweile volltrunkenen Christian noch die Adelung „You’re the drunkest German I ever met!“ mit auf den Weg, was Chriller, schlagfertig wie er ist, ungefähr zehn Minuten später mit „And you’re the most sober Irish I ever met!“ konterte. Daran gab’s dann wirklich nichts mehr zu rütteln.

Am nächsten Tag ging’s nach einem ausgiebigen Frühstück per privat gechartertem Bus einmal quer durch Irland an die Westküste nach Galway, wobei die Fahrt nach anfänglichem Herumgealbere auf den hinteren Sitzen (der eine oder andere hatte anscheinend zu viel Kakao getrunken) überraschend ruhig verlief – kein Trinkgelage, keine laut aufgedrehten Punkrock- oder Peter-Wackel-Playlists, manch einer holte stattdessen das eine oder andere Stündchen Schlaf nach oder glotzte gedankenverloren und/oder verkatert aus dem Fenster. Hatten wir in Drogheda noch strahlenden Sonnenschein gehabt, empfing uns die 80.000-Einwohner-Stadt mit Regenwetter, in dem wir ausharren mussten, bis einer der Hostel-Verantwortlichen mit den Schlüsseln um die Ecke bog. Also flugs auf die Zimmer verteilt und ab in die City, vorbei an gefühlt hundert Straßenmusikern, einen Pub ansteuern. Dieser muss irgendwie zu Keith‘ Familiendynastie gehören, denn er war nach seinem Nachnamen benannt. Dort wurde gespeist, vor allem aber getrunken und manch einer schüttete sich schon wieder ein Guinness, Ale oder sonstwas nach dem anderen rein. Ole zog sich ‘ne Schachtel Kippen für schlappe 12,- EUR – die Tabakpreise waren ihm im Vorfeld verschwiegen worden… Keith hat überall Freunde, so auch hier, diese gesellten sich dazu. In dieser Runde entstand die Idee, dass wir Tour-Kampfnamen bräuchten. Was bietet sich da besser an als die Liste von deutschen Standesämtern abgelehnter Namen? So wurde aus Ole Atomfried, aus Christian Bierstübl, Raoul hörte ab sofort auf Nelkenheini, Keith wurde Rumpelstilzchen zuteil und ich avancierte zu Störenfried. Als wir jedoch gar nicht mehr aus der Pinte herauszukommen drohten, ließen wir die Hardcore-Trinker zurück und teilten uns auf, ich sah mir die Stadt etwas genauer an. Am späten Nachmittag versammelten wir uns am Hostel, packten unsere Plünnen zusammen und suchten den Ort unseres abendlichen Gigs auf: Die Cellar Bar, deren Name echtes Understatement ist: Ebenerdig ein kombinierter Restaurant/Bar-Betrieb und unten ein relativ großer Saal mit kleiner Bühne, mit deren Aufbau gerade zwei lokale Punks begonnen hatten. Nach Shakehands und erstem Smalltalk begaben wir uns auf die Suche nach einem Supermarkt, denn wir hatten ja dazugelernt: Diesmal wollten wir uns zumindest zum Teil selbst versorgen und besorgten uns einige Kannen Bier. Der Regen hatte längst aufgehört, die Stadt erstrahlte in der Dämmerung in anheimelnder Illumination und wir kamen sogar an einer lokalen Legende vorbei, deren Namen ich leider vergessen habe. Jedenfalls sang diese inbrünstig zum Playback „Love is in the air“ und tanzte exaltiert, wie er es, so verriet man uns, offenbar schon seit Jahren zu tun pflegt und weiter an seinen Gesangsfähigkeiten feilt. Lustiger Vogel!

Dass an der Cellar Bar und auch sonst in der Stadt keinerlei Hinweise auf das heutige Konzert hingen, machte mich etwas skeptisch, zumindest per sozialen Netzwerken war aber die Werbetrommel gerührt worden. Diesmal gab’s etwas zu essen, eine Freundin der anderen Bands kredenzte Veggie-Chili. In Galway sollten wir mit Eddies Band THE NILZ und mit SHITHÄTT zusammenspielen. Als letztere damit fertig waren, ca. hundert Effektgeräte auf der Bühne zu verdrahten und zum Soundcheck bliesen, blieb uns erst mal die Spucke weg: Vollkommen irrer Postpunk-meets-Hardcore-meets-Klapse-Sound, dazu technisch verdammt versiert. Hier griff nun die Logik des Bierstüble: „Die sind uns technisch überlegen, das müssen wir durch SAUFEN wieder rausholen!“ – sprach’s und gab fortan noch mehr Gas, zeitweise mit sog. Irish handcuffs, also einem Getränk in jeder Hand. Nach und nach füllte sich die Bude und SHITHÄTT lieferten einen völlig irrsinnigen Gig, höchst beeindruckend und nicht von dieser Welt – muss man selbst gesehen und gehört haben. Holt sie am besten in die deutschen Clubs!

Dem galt es nun, norddeutschen Streetpunk entgegenzusetzen. Auf der lütten Bühne wurd’s ganz schön drängelig, trotzdem entschied ich mich, auf ihr zu bleiben, statt die Beinfreiheit vor ihr zu auszunutzen – vielleicht ein Fehler. Der Bühnensound gestaltete sich etwas problematisch, gröbere Patzer blieben aber aus. Dafür war Bierstübl wieder umso redseliger, sonderte betrunkene Litaneien ab, machte sich über die Abkürzung „IRFU“ für „Irish Rugby Football Union“ lustig, erklärte, dass „The Nilz“ auf Deutsch „Die Nillen“ heiße und was das bedeute und stimmte etwas zu oft seine Klampfe nach. Mir machte mein Mikro ab und zu einen Strich durch die Rechnung, denn es verfügte über den gefürchteten An/aus-Schalter, den unbedarfte Sänger wie ich natürlich ständig versehentlich betätigen – Faustregel: Gib Sängern nie zu viel Technik an die Hand, das geht nur schief! Meine Stimme machte dafür besser als befürchtet mit, lediglich langgezogene Vokale wie in „Where Is My Hope“ wollten nicht mehr so flutschen. Beim letzten Song „Fame“ wurd’s mir dann doch zu eng und ich begab mich auf die Tanzfläche, was ich wohl bereits vorher hätte machen sollen – allein schon, weil der Sound dort wesentlich besser war. Wir zockten exakt dasselbe Set wie am Abend zuvor und die meiste Zeit über schienen wir die Anwesenden ganz gut zu unterhalten, dennoch empfanden wir unseren Gig im Nachhinein als zu zerfasert und zu lang – weniger wäre vermutlich mehr gewesen.

Wie es besser geht, bewiesen schließlich THE NILZ, die mit Nylonstrapsen auf den Rüben die Bühne betraten. HC-Punk? ’77-Punk auf Speed und schlechten Drogen? Irgendwie so was. Herrlich hektisch durchgezockte Songs, die nicht nur Lahme zum Tanzen bringen, sondern auch Atomfried, der sich entzückt und euphorisiert vor der Bühne gehen ließ. Auch die Bühnenshow war nicht von schlechten Eltern: Eddie ließ einen Plastikpimmel aus der Hose baumeln, übergoss sich mit heißem Kerzenwachs und zündete während des letzten Songs Pyrotechnik in seinem Darmausgang. Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt angelangt, die Meute tanzte und lachte sich kaputt – und Eddies finale Einlage rief den Putzmann des Ladens auf den Plan, der auf der Tanzfläche feucht durchwischte, während sich die Band noch auf der Bühne befand, angepogt wurde und schließlich sichtlich genervt ein vorm rutschigen Fußboden warnendes Hinweisschild positionierte. Ordnung muss sein! Welch ein Ende dieses genialen Auftritts, nach dem absolut jeder ein dickes Grinsen im Gesicht spazieren trug! Müßig zu erwähnen, dass auch THE NILZ dringend diverse deutsche Clubbühnen besudeln müssen.

Bald darauf endete auch der zweite Abend, der in urbanerem Flair stattgefunden, manch nettes Gespräch mit den sympathischen Einheimischen bereitgehalten und uns mit zwei absolut wahnsinnigen irischen Bands flankiert hatte, an die ich noch lange zurückdenken werde.

Reichlich früh begab sich unsere kleine Krawalltouristengruppe am nächsten Morgen zum Bahnhof: Frühstück bei Starsucks und per Bahn zurück an die Ostküste in die irische Hauptstadt, wo wir das F***-Buddies-Festival bereits um 15:15 Uhr eröffnen sollten. Unsere Sitzplatzreservierungen liefen auf den Bandnamen, sodass auf zahlreichen Digitalanzeigen im Waggon „Bolanow Brawl“ zu lesen war. Hierzulande ist ja langweiligerweise lediglich der reservierte Streckenabschnitt angegeben, wenn die Dinger überhaupt mal funktionieren… Während der Fahrt quer über die Insel erwachte die Saitenfraktion wieder zum Leben, goss sich das erste Guinness rein und freute sich über die Rezepte, die der über Nacht zum Doktor gewordene Atomfried auf Starbucks-Servietten ausstellte: „A couple of beers to get healthy again.“ Na klar, Doc. Da absolut nichts anderes zu buchen gewesen war, verschlug es uns in Dublin in ‘ne (wieder einmal) nicht ganz billige Nobelabsteige, in der wir uns allerdings auf drei Mehrbettzimmer verteilten. In weiser Voraussicht stellte ich sofort klar, mit wem ich ein Zimmer teilen würde und mit wem nicht und bezog eine geräumige Bude mit meiner besseren Hälfte sowie Nelkenheini und dessen Swaantje. Vom Balkon aus hatte man einen klasse Ausblick über die Dächer Dublins, unmittelbar vor der Tür lag eine Art kleiner Park und nebenan ein Supermarkt – und nur unweit davon die Voodoo Lounge, eine alteingesessene Örtlichkeit für größere Musikveranstaltungen.  Dort trafen wir uns mit Eddie the Igel, der netterweise unser Equipment nach Dublin transportiert hatte. Begrüßt wurden wir von Peter, Bassist der dienstältesten irischen Punkband PARANOID VISIONS, der das von den SUBHUMANS angeführte Festival organisierte und mit seiner Band ebenfalls auftreten sollte. Der schlauchförmige Laden hat ‘ne herrlich große Bühne, ein ungewohnter Luxus – besonders nach dem vorherigen Gig… Während wir die ersten Kannen aufrissen, fanden sich nach und nach Mitglieder der anderen Bands ein, doch eine fehlte: SHITHÄTT hatten es in der Nacht zuvor wohl übertrieben, kamen erst sauspät in die Poofe und dementsprechend verzögert auf die Autobahn Richtung Dublin, die dann einfach mal dicht war. Nichts ging mehr. Eddie, der neben uns auch SHITHÄTT auf dem Festival untergebracht hatte, war verständlicherweise etwas angefressen und ich fand’s auch sauschade. Allerdings entzerrte sich durch die Schrumpfung auf „nur“ neun Bands der Zeitplan und wir brauchten erst um 15:30 Uhr auf die Bretter, nachdem wir den Soundcheck mit dem sehr fokussierten und professionellen Mischer zur allgemeinen Zufriedenheit durchgeführt hatten. So blieb wenigstens noch Zeit für ‘ne Kippe im separaten Raucherbereich, denn wie in den beiden Pubs zuvor herrschte auch hier Qualmverbot.

So sehr wir uns über die Teilnahme an diesem Ein-Tag-Indoor-Festival mit manch Legende gefreut hatten, so wenig hatten wir uns etwas vorgemacht: Wir gingen davon aus, als früher Opener, den keine Sau kennt, vor maximal drei Leuten zu spielen. Unser Set hatten wir auf sieben Songs herunterkürzen müssen, wodurch alles rausflog, was irgendwie etwas getragener ist. Zeit zum Quatschen hatten wir kaum, hier mussten wir ein Ding nach dem anderen raushauen und uns möglichst schnell von der Bühne verpissen, um Platz für die nächsten zu machen. Umso geiler, dass uns dann trotzdem weit mehr Leute von vor der Bühne beäugten als angenommen! Meine größte Sorge hatte im Vorfeld meiner Stimme gegolten, drei Tage hintereinander war ein absolutes Novum – und aufgrund des frühen Slots lagen nicht einmal 24 Stunden zwischen den Gigs. Seltsamerweise war diese jedoch weit besser in Form als in Galway, vielleicht sogar als in Drogheda. Ich erkläre mir das mit der richtigen Dosis an irischem Bier, Gelo Revoice und so was wie einem Übungs- oder Gewöhnungseffekt, vor allem aber mit der Profi-Monitoranlage der Bühne. Anscheinend macht es für mich immer noch einen großen Unterschied, wie gut ich mich selbst höre. Wir genossen die ungewohnten Platzverhältnisse, aber als Dr. Atomfried the Pelvis zum Hüftschwung ausholte, rasselten wir dennoch aneinander – das scheint ein bühnengrößenunabhängiges Phänomen zu sein. Die Uhr an der Bühnenwand tickte unerbittlich, nach „Fame“ war Schluss – unsere letzten Akkorde der Tour verhallten in den Weiten des Saals und Peter schrieb später: „Even the opening act played to a bigger crowd than some headliners at local gigs would get.“

Unser Bühnenjob war erledigt, die Arbeit aber noch nicht ganz: Hektisch bauten wir einen Merchstand auf, brachten etwas Gedöns unters Volk und anschließend unser Equipment ins Hotel, wodurch ich leider die örtlichen JOBSEEKERS und ihren, ich zitiere: Political crossover/hardcore/skate punk verpasste bzw. nur zeitweise als Hintergrundrauschen vernahm. Beinahe ebenso erging es mir mit dem Dubliner Damen-Duo VULPYNES mit seinem garagigen heavy Punkrock-Sound, dessen letzte Songs ich zumindest noch mitbekam. Gewehr bei Fuß standen Madame und ich dafür bei TERMINAL RAGE aus dem britischen Hereford, während der Rest durch die Stadt tingelte, ein paar Pubs unsicher machte und sich von Rumpelstilzchen weitere Bekannte oder Verwandte vorstellen ließ. TERMINAL RAGE spielen einen typisch britischen Stiefel irgendwo zwischen HC-Punk und Aggro-Oi!, angepisst und authentisch, oldschool as fuck wie Anfang der ‘80er. Die Songs tragen Titel wie „Casual Racist“, „Where’s Our Democracy“ und „Class Crime“ und gehen direkt ins Ohr und in den Bewegungsapparat. Genau mein Ding! Begeistert begann ich, mich am Bierausschank zu laben und zusammen mit dem mittlerweile in respektabler Anzahl vertretenen Publikum zu feiern.

Zu THE NILZ waren die anderen Brawler dann wieder am Start, Eddie goss sich Wachs über die Rübe und zündete seine Arschrakete, Ole tanzte dazu und ich amüsierte mich königlich. THE NILZ peitschten mit ihrem pfeilschnellen Sound den Mob hoch wie keine Band zuvor und wäre der Abend bereits jetzt geendet, wäre ich vermutlich schon voll befriedigt gewesen. Aber Schlag auf Schlag ging’s weiter: THE GAKK aus dem irischen Dundalk brachten mit einer Mischung aus rauem Streetpunk und Ska/Offbeat-Songs den Mob zum Tanzen, PARANOID VISIONS im Anschluss konnten aus rund zehn Alben und EPs ihr Set zusammenstellen und wurden zu ‘ner Art Geschichtsunterricht für mich: Obwohl bereits 1982 gegründet (das Debüt folgte 1987), hatte ich die Band vorher nicht wirklich auf dem Schirm. Diese Bildungslücke konnte ich jetzt schließen. Zu sechst auf der Bühne spielte man einen recht eigenständigen Mix aus klassischem Punkrock, Anarcho-Punk- und ein paar Wave-Einflüssen mit weiblich-männlichem Wechselgesang. Die Originalbesetzung war das natürlich nicht mehr, aber die Mischung aus jung und, äh, nicht mehr ganz so jung zündete. Starker Gig einer verdammt spielfreudigen Band mit viel positiver Ausstrahlung! „Ob Punker oder Glatze, alles hört MENACE“: Als ich die britische ’77-Legende das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch als Trio aufgetreten. Mittlerweile hat man sich um einen zweiten Gitarristen verstärkt, ein Zwei-Meter-Hühne, der ganz gut am Posen war und zeitweise ‘ne Sonnenbrille auf der Bühne trug. Viel wichtiger aber ist, dass er der Band zu einem schön satten Sound verhilft. Mit Drummer Noel Martin ist nur noch ein Mitglied der Originalbesetzung aus den ‘70ern übrig, aber alle vier sind älteren Semesters – und hauten kräftig auf die Kacke! Besonders gesanglich war das ‘ne große Steigerung zum Gig ehedem im Hamburger Linken Laden und ein Hit reihte sich an den nächsten: „I’m Civilised“, „Last Year’s Youth“, „C&A“ und natürlich „GLC“, bei dem’s, wenn ich meine alkoholgetrübten Erinnerungsfetzen jetzt nicht durcheinanderwürfle, zur Bühneninvasion kam. Hierbei gab ich mir endgültig den Rest, sang so gut es noch ging lauthals mit und feierte die Band, deren Outfit – dicke Wollstrickpullis – mir zusätzlichen Respekt abrang. Stilikonen bleiben eben Stilikonen!

Die SUBHUMANS als letzte Band brachten die Bude dann nicht minder zum Kochen: Frontmann Dick transpirierte und agitierte sich durch zahlreiche spröde Anarcho-Punk-Klassiker, ebenso unprätentiös wie zeitlos. Mein letztes SUBHUMANS-Konzert lag allerdings erst kurz zurück, sodass mich der Headliner-Gig diesmal fast am wenigsten interessierte. Und mittlerweile war ich nicht nur voll mit neuen Eindrücken, die meine Aufmerksamkeitsspanne beinahe komplett ausreizten, sondern auch mit köstlichem irischen Bier, will sagen: Ich kann mich an den Auftritt kaum noch erinnern. Meine Lady und moi waren inzwischen so bedient, dass wir uns auf dem kurzen Weg zum Hotel noch verloren und uns umständlich wieder zusammentelefonieren mussten. Auf dem Weg in die Koje begegneten wir noch den anderen Brawlern, bevor ich meinen Zimmergenossinnen und -genossen laut sägend den Schlaf raubte. Dafür lag ein hochkarätiges Festival hinter uns, das über den musikalischen Aspekt hinaus einen schönen Einblick in die irische Punkszene geboten hatte, mit der man vor allem im Raucherbereich auch mal nett ins Gespräch kam. Ein Typ namens IrishMJ hatte richtig geile Fotos unseres Gigs geschossen und uns zukommen lassen,  Sean Maguire spielte uns in seiner Radiosendung und für mein Durchhaltevermögen bekam ich von Keith das schöne Kompliment „professional boozer“ – wenn das nix is! Ich scheine das Inselgesöff aber generell ganz gut zu vertragen, denn selbst am nächsten Tag hielt sich mein Kater in Grenzen. Dies war nicht unbedingt bei jedem von uns der Fall, die Erkenntnis aus drei Tagen Irland aber war: Wir sind tourfähig!

Den nächsten Tag verbrachten wir mit Ausschlafen und durch Dublin Lustwandeln, bevor’s am Nachmittag mit einem mit Touris überfüllten Bus gen Flughafen und schließlich zurück nach Hamburg ging. Unsere Mini-Tour war ‘ne arschgeile Sause, die verdammt viel Spaß gemacht und uns viele neue Erfahrungen, Kontakte, Eindrücke etc. beschert hat , aber auch etwas kostspielig und für uns, die wir die deutsche Szene-Infrastruktur gewohnt sind, ungewohnt war. Keith erklärte mir, dass es in Irland leider keine unkommerziellen D.I.Y.-Läden, besetzte Häuser, Wagenplätze o.ä. gäbe. Die dortige Szene sei von ständigen Hochs und Tiefs betroffen, seit ein paar Jahren aber wieder recht lebendig, was Leuten wie Eddie the Igel, PARANOID-VISIONS-Peter und anderen, die sich um kleine Konzerte bemühen, zu verdanken sei. Fielen diese weg, würd’s sehr schnell wieder sehr ruhig werden. Manchmal mache man sich aber auch gegenseitig das Leben schwer, indem man eine überflüssige Rivalität entwickle und die Promoter sich gegenseitig Konkurrenz machten, anstatt zusammenzuarbeiten. Bleibt also zu hoffen, dass die irische Subkultur sich weiterhin prächtig entwickelt – und dass wir in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft noch mal wiederkommen dürfen.

Günni / Bolanow Brawl

P.S.: Danke an alle Fotograf(inn)en – Flo, Svenja, Sandy, IrishMJ, Ole…

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24.05.2019, Knust, Hamburg: KNOCHENFABRIK + KAMIKAZE KLAN

KNOCHENFABRIK und KAMIKAZE KLAN im Knust – so viele Ks auf einmal… Im Knust war ich schon arschlange nicht mehr; hier aber konnte ich mich schlecht verweigern, zumal KKK-Sänger George mich freundlicherweise auf die Gästeliste gesetzt hatte. Vor Ort gammelte draußen bereits eine illustre Runde herum und trank sich gegen die fallenden Temperaturen warm, aus dem angekündigten pünktlichen Beginn des Klans um 21:00 Uhr wurde aber nichts: KNOCHENFABRIK standen noch im Stau. Das kam uns aber eigentlich ganz gelegen, denn so kamen auch wir noch in den Genuss entspannten Vorglühens.

 

Für KAMIKAZE KLAN war dieser Gig ‘ne Nummer größer – auf den man sich offenbar gut vorbereitet hatte. Nicht nur, dass die Angeber sich einen Banner hatten schneidern lassen, der auf imposante Weise den Bereich von der Bühne bis zur hohen Decke fast komplett in Beschlag nahm, nein, das Quintett wusste auch die große Bühne bestens auszufüllen, ohne eingeschüchtert zu wirken oder ins andere Extrem – zu große Gesten und Rockstar-Posen – zu verfallen. Stattdessen zockte man einen energetischen, absolut souveränen Gig, der nicht nur das Interesse der bereits in hoher Anzahl erschienenen Anwesenden weckte, sondern auch immer mal wieder insbesondere junge Hüpfer(innen) zum Tanz aufforderte. Der Sound war verdammt gut, sodass manch Refrain seinen vollen Glanz entfaltete. Das deutschsprachige, auf zwei Gitarren abgestimmte, rockige Songmaterial stieß auf viele offene Ohren, die Stimmung war locker und die Klansmen topfit. George gab zwischendurch sogar einen aus, was er mit ‘nem lütten handelsüblichen Flachmann antäuschte, um schließlich dessen kanistergroßen Bruder herauszuholen und ins Publikum zu reichen. So macht man sich Freunde!

KNOCHENFABRIK um den Kölner Claus Lüer (auch ANAL, CASANOVAS SCHWULE SEITE und CHEFDENKER) bildeten nach recht kurzer Umbaupause den Kontrast: Zum Bandkonzept gehört, live immer möglichst ungeprobt zu klingen, die Ansagen sind phlegmatisch, einen Banner gibt es gar nicht erst – ihr ganze Auftreten ist pures Understatement. Seit acht Jahren hat man keinen neuen Song mehr veröffentlicht, was wohl auch überflüssig gewesen wäre: Der Pöbel will die Songs vom „Cooler Parkplatz“- und vor allem vom „Ameisenstaat“-Album, will „Grüne Haare“ und „Filmriss“. Im Vorfeld wurde gemutmaßt, ob das Knust nicht vielleicht eine Nummer zu groß für KNOFA sei, doch weit gefehlt: Kaum betrat das Trio die Bühne, war der Saal proppenvoll und ächzte unter wüstem Gedrängel und Gepoge des mittlerweile nicht selten volltrunkenen Pöbels. Hier rächte sich dann auch der schlauchförmige Aufbau des Knusts, sodass diejenigen, die halbwegs unbehelligt das Geschehen verfolgen wollten, schnell relativ weit von der Bühne entfernt standen. Dafür ging aber der Bierausschank immer noch recht flott – vielleicht auch, weil vielen satte 5,- EUR für Gezapftes im Plastikbecher schlicht zu teuer war. KNOCHENFABRIK brauchte das alles nicht zu interessieren. Claus & Co. zockten ihr Set runter, versangen sich auch mal und laberten was vom Eurovision Song Contest. Basser Hasan trug dabei ein Shirt, bei dem man sich fragte: Mit echtem Blattgold versetzte Haute Couture oder doch ein Schnäppchen aus dem Kölner H&M? Die alten Hits machten natürlich allesamt Laune, von „Schwer wie Blei“ über „Fuck Off“ und „Der nackte Golfer“ bis hin zu „Der neugierige Nachbar“, „Obdachlos & trotzdem sexy“ und „Kleingeld“. „Im Fadenkreuz“ wurde als relaxte Jazznummer (oder so) dargereicht, „Grüne Haare“ landete noch im normalen Set. Der Zugabenblock begann mit einer arschlangen „Toni Schumacher“-Version, um „Filmriss“ weiter hinauszuzögern – was sie dann auch mittels weiterer Songs taten, um die Geduld ihres Publikums auszutesten. Als es endlich soweit war, wurde die Saufhymne natürlich begeistert aus hunderten Kehlen mitgesungen. Wer übrigens nicht gerade pogte oder crowdsurfte und trotzdem auf sich aufmerksam machen wollte, erklomm in schöner Regelmäßigkeit die Bühne, um dort herumzugammeln oder Stagediving anzutäuschen und es dann doch sein zu lassen, weil offenbar niemand Bock darauf hatte, einen aufzufangen. Aber nachdem sogar auf „Filmriss“ noch eine Nummer folgte, war endgültig Schluss. Die KNOFAs verbeugten sich artig auf der Bühne und die Party war vorbei, die für uns mit ein paar Pilsetten mit den Klansmen noch ihren Ausklang fand (während George die dicken Scheine zählte).

Alles in allem ein geiler Konzertabend im rappelvollen Knust, der neben den üblichen Verdächtigen viel Jungvolk anzog, was beweist: KNOCHENFABRIK sind noch keine Altherrenband. Fickensaufenschalkeoi!

18.05.2019, Goldener Salon, Hamburg: SMALL TOWN RIOT + MOMS DEMAND ACTION

Den ersten Teil der SMALL-TOWN-RIOT-Live-Reunion sowie meinen persönlichen Bezug zur Band habe ich ja bereits ausführlich auf virtuelles Papier gebracht. Natürlich ließ ich mir auch die Fortsetzung in Hamburg, den Gig im schicken Goldenen Salon mit Elbblick, nicht nehmen – zumal Stulle und seine Freundin endlich mal wieder mitzukommen angedroht hatte. Bei ihnen zogen wir uns noch die Sportschau rein (war ja letzter Spieltag) und glühten vor. Gegen 21:00 Uhr trafen wir am Veranstaltungsort ein und gesellten uns bei dem Anlass angemessenen Kaiserwetter auf die Treppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo die Band zusammen mit zahlreichen Gästen trank und entspannt sabbelte. Darunter befanden sich dann erneut einige Gesichter, die ich lange nicht mehr gesehen hatte – hatte bisweilen fast schon wieder Klassentreffen-Charakter.

Pünktlich zu den ersten Klängen der Rendsburger/Kieler MOMS DEMAND ACTION begaben wir uns nach oben in den „Salon“. Die vierköpfige Band ist aus den POWER-Trümmern hervorgegangen und zockt irgendwas zwischen Arschtritt-Rock’n’Roll, Garage-Punk und rockigem Hardcore mit gelegentlichen Orgeleinsätzen. Ein Ultra-Fan war vor der Bühne, der jeden Song inbrünstig mitbrülle, bis er vollkommen durchgeschwitzt war, hier und da kam auch etwas Bewegung in die Sache, der Großteil des Publikums aber lauschte hochinteressiert und spendete ehrlich gemeinten Applaus. Den hatten MOMS DEMAND ACTION in jedem Falle verdient, denn das war besonders in dieser Live-Situation schon wirklich geiler Scheiß. Der Sänger hat ein sehr passendes raues Organ sowie einen Hang zum Durchdrehen und auch wenn offenbar nicht jeder Songbeginn oder jedes Ende genauso geplant war, war das weit mehr als Geschrammel der immer gleichen Akkorde. Die Songs wurden nach kurzer Eingewöhnungszeit immer eingängiger, ohne ihre Kraft zu verlieren, entsprechend euphorisch war der Mob im nicht ganz ausverkauften Salon zum Ende des Sets. Außerdem hat der Gitarrist/Orgler ein Skeletor-Tattoo mit Partyhut. Klasse Live-Band, starker Gig!

Nach kurzer Abkühlung an der verrußten Hafenluft war die Erwartungshaltung an SMALL TOWN RIOT natürlich groß. Norman erzählte mir, dass sie die Zügel nach dem Kiel-Gig ziemlich hätten schleifen lassen und die Generalprobe eine Katastrophe gewesen sei. Nach alter Faustregel konnte also eigentlich nichts schiefgehen. Zumindest musikalisch tat’s das auch nicht, bereits der Opener „Addicted to Authority“ wurde gebührend gefeiert, gefolgt vom gleichsam melancholischen wie harten „Peer 52“ und dem Gangshouter „Suicidal Lifestyle“. Eine Handvoll Bekloppter war permanent am Herumspringen und Skandieren, inkl. Stulle und meiner Wenigkeit, der Rest zog es vor, das Konzert bewegungsärmer zu genießen. Während des zweiten Teils der eigentlich am Stück dargereichten „Love Song Trilogy“ riss Norman eine Saite, sodass es zu ‘ner kurzen Zwangspause kam. Er spielte daraufhin mit Andys Ersatzklampfe weiter, die wohl in Sachen Bundaufteilung oder so irgendwie vom Standard abweicht. Dass er dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten geraten wäre oder sich vergriffen hätte, kann aber niemand bestätigen, klang nach wie vor alles astrein – übrigens auch dank des echt geschliffenen, gut ballernden P.A.-Sounds. Im Gegensatz zu Kiel hatte man diesmal übrigens an den neuen Banner gedacht, ihn allerdings nicht aufgehängt… Irgendwann griff ihn sich jemand aus dem Publikum und rollte ihn mithilfe der vorderen Reihe aus, woraufhin er schließlich vor (!) der Bühne behelfsmäßig fixiert wurde – und das nicht lange unbeschadet überstand, am Ende war er in zwei Hälften gepogt worden. Einer der meines Erachtens stärksten Songs ist „Bad Taste In Our Big Mouth“ über die Situation von Punks und Antifaschisten in Russland, der von Stulles Favorit „Living Hell“ gefolgt wurde, den Cheenz sich gewünscht hatte. Die Songs der genialen „Skulls & Stripes“-EP wurden ebenso frenetisch abgefeiert wie das kongeniale OLIVER-ONIONS-Cover „Sphinx“ (aus „Plattfuß am Nil“) und das großartige SLIME-Medley. „Working Class Family“ als Zugabe passte besonders gut, weil der Großteil von Normans Verwandtschaft anwesend war. Und im Anschluss gab ANTOINE DE LA KACQUE noch ‘ne spontane Zugabe, indem er exklusive Einblicke in sein kommendes Opus magnum „HAESVAU, Aller“ gewährte. Unterm Strich also ein weiterer verdammt geiler Gig, den ich durchgeschwitzt, aber hochgradig zufrieden nach ein, zwei Absackern Richtung nächste Kneipe verließ. Timo, Norman, Andy und Herr Lehmann haben nicht nur sauber und in Topform abgeliefert, sondern auch die Relevanz unter Beweis gestellt, die ihr gemeinsames Baby auch 2019 besitzt. Mehr davon!

P.S.: Richtig geile Fotos gibt’s auf der SMALL-TOWN-RIOT-Seite bei Facebook:
https://www.facebook.com/Small-Town-Riot-109813969038547/

10. + 11.05.2019: Hafengeburtstag Hamburg

Der Hafengeburtstag macht nur deshalb so viel Spaß, weil es gleich zwei bis drei Punkrock-Bühnen gibt, auf denen man sich zwei bis drei Tage lang die absolute Gratis-Überdosis Live-Mucke drücken kann. So auch dieses Jahr. Letztes Jahr stand ich mit BOLANOW BRAWL selbst noch auf der imposanten Jolly-Roger-Bühne, unser bisher vielleicht schönster Live-Moment. Dieses Jahr war ich lediglich normaler Gast, was immerhin kein Equipment-Geschleppe oder zwanghaftes Nüchternbleiben bedeutete – hat alles seine Vor- und Nachteile. Nach einer reichlich stressigen Arbeitswoche drückte ich derbe auf die Tube, um MISTER X aus Weißrussland noch auf dem „Hafengeburtstag von unten“, also der Onkel-Otto-Bühne vorm Störtebeker, sehen zu können. Die waren letztes Jahr schon dort und ‘ne positive Überraschung, diesmal sollten sie eigentlich um 19:30 Uhr beginnen. Also schnell noch ‘nen Veggie-Döner gekrallt und unters Volk gemischt, doch Schockschwerenot: Der Zeitplan war neu ausgewürfelt worden, MISTER X hatten als erste gespielt und waren damit schon durch. Schade!

Dafür waren wir rechtzeitig für CARNE PA CANHÃO da. Laut Organisator Coyote gibt’s die Portugiesen schon ‘ne ganze Weile, befänden sich nun aber erstmals auf Tour. Auf der gegenüber den Vorjahren vergrößerten Bühne knallte das Quartett einem pfeilschnellen HC-Punk um die Ohren, teils mit Oho-Chören, teils mit Gangshouts, immer mit richtig geil schneidendem Gitarrensound. Der Sänger bellte heiser die Texte in Landessprache heraus, schmierte sich Ruß ins Gesicht, latschte dank extralangem Mikrokabel durchs Publikum und schlüpfte vor fast jedem Song in ein anderes Kostüm. Der Drummer ging mit vollem Körpereinsatz aggressiv mit und bildete das Fundament für den harten und hektischen Sound. Bei „Toxinas“ spritzte der Frontmann „Gift“ in den Mob vor der Bühne, der zwar noch nicht so ganz aus sich herauskam, aber ehrlichen Applaus spendete und eine Zugabe forderte, die er auch bekam. Perfekter Einstieg ins Open-Air-Wochenende, das sich abends und nachts noch empfindlich kühl präsentierte, dafür aber trocken blieb.

Im Laufe des Abends füllte es sich immer mehr, bereits zur nun folgenden Stumpfpunk-Band MUTTAKUCHEN war noch mal ‘ne ordentliche Schippe mehr Volk anwesend – und schwankte angesichts des dargebotenen Uffta-uffta-Gerödels zwischen Begeisterung, Belustigung und Entsetzen. Mein Bandkollege Kai jedenfalls tanzte ausgelassen vor der Bühne und war damit alles andere als allein. Flo sagte, die Texte klängen, als würden BOLANOW BRAWL sich unterhalten… Mitten im Set tauschten Sänger und Gitarrist die Positionen, nun sang der Klampfer und der Sänger schrammelte. Den Text zu „Psychiatrie“ musste man vom Zettel ablesen. Am Schluss wünschte man uns noch „viel Spaß mit den richtigen Bands!“ 

Da das Schönsaufen bei MUTTAKUCHEN noch nicht so recht funktioniert hatte, suchten wir in der Umbaupause etwas Zerstreuung vor der Jolly-Roger-Bühne, wo wir leider nur noch die letzten Töne LA GACHETTEs mitbekamen, der kanadischen Streetpunks, die wir somit dummerweise verpasst hatten. Grmpf. Ok, also wieder hoch, zu PROFIT AND MURDER. Da war dann richtig was los! Die Crust-Fraktion hatte auf diese Band gewartet und drehte am Rad. Und bekam genau das serviert: Crustcore eben. Ach ja, und Wodka, den der Shouter ausschenkte. Die Gitarren klangen wie Industriestaubsauger, der Sound war (bewusst) breiig und dumpf, die Songs monoton. Das war in seiner Konsequenz durchaus beeindruckend, aber meine Mucke wird das wohl nie so richtig werden.

Auch hier hatte das Schönsaufen also noch nicht gezündet, dafür war ich mittlerweile gut alkoholisiert und bester Laune, zumal es eine der seltenen Gelegenheiten war, außerhalb eigener Gigs zusammen mit Kai Le Rei-Motherfucker und Dr. Tentakel andere Bands zu sehen, zu fachsimpeln und Blödsinn zu verzapfen, dabei immer ‘ne Pulle griffbereit und sympathisches Volk in internationaler D.I.Y.-Subkultur-Atmosphäre um sich herum. Das fesselte geradezu an diesen Ort, weshalb wir die Jolly-Roger-Bühne an diesem Abend auch nicht mehr zu Gesicht bekommen sollten. WHAT WE FEEL lockten dann aber auch musikalisch, jenes antifaschistische russische HC-Aushängeschild, das ich zuletzt 2013 auf dieser Bühne gesehen hatte. Zwar dann und wann mit Quetschkommode ausgestattet, konzentrierte die Band sich doch vornehmlich auf ihren moshlastigen, schnörkellosen Hardcore, der sich inhaltlich viel mit der rauen Moskauer Lebensrealität beschäftigt, musikalisch aber weitestgehend frei von folkloristischen Einsprengseln ist. WHAT WE FEEL traten kräftig Arsch und setzten noch einmal jede Menge Energie frei. Authentische Band mit angemessen brutalem Sound, immer ein gern gesehener Gast in Hamburg.

Die schwedischen Riot Grrrls VICIOUS IRENE zockten dann wieder melodischeres Zeug, was für eine äußerst angenehme Nachtausklangstimmung sorgte. Meine Aufmerksamkeitsspanne war aber auch erschöpft und mein Pegel mittlerweile mehr als ordentlich, sodass meine Erinnerungen sehr lückenhaft ausfallen. Die Sängerin/Bassistin sah mit ihren langen schwarzen, im Gesicht hängenden Haaren jedenfalls aus wie der Geist aus „The Ring“, was in Kombination mit der Lightshow dem Gig zusätzliche Mystik verlieh. Und wären wir statt mit dem Taxi noch in die Kneipe zu fahren einfach vernünftigerweise direkt in die Koje gegangen, wären wir vielleicht am nächsten Tag auch etwas früher wieder am Start gewesen…

Der Kollege vom SCHRAIBFELA-Video-Fanzine war übrigens auch wieder unterwegs, hier seine gesammelten Impressionen (darunter geht’s mit dem Samstag weiter):

 

Samstag wurde erst mal ordentlich ausgepennt; wer schon mittags zu diddeln begann, musste also ohne uns auskommen. Dafür zeigte sich das Wetter nun von seiner besten Seite. Bevor wir uns wieder dem Krach hingaben, lustwandelten wir erst mal entspannt die Hafenstraße herunter, um uns anzugucken, wie belanglos der Hafengeburtstag zu weiten Teilen ohne die Punkbühnen und das Alternativprogramm wäre. Wir gerieten ins Schlepperballett-Gedrängel, was etwas nervte, gaben uns aber selbst noch bischn Tourikram hin (Slushy und gebrannte Nüsse + ein Foto mit den Bewohner(inne)n der besetzten Sesamstraße) und versuchten ansonsten, wieder halbwegs in Form zu kommen. Die schottischen MURDERBURGERS auf der Jolly-Bühne hätten sicher gut zum Wetter gepasst, waren zeitlich aber nicht mehr drin. Dafür standen wir bei der nächsten (nennen wir sie mal) Gute-Laune-Band Gewehr bei Fuß: OXO 86 aus Bernau (bei Berlin) mäandern zwischen proletarischem Oi!- und skinheadkompatiblem Ska-Punk mit Trompete, nehmen nichts bierernst – schon gar nicht sich selbst – und haben manch Partykracher auf dem Kerbholz. Los ging’s mit „Rien ne va plus“, der textlich wohl besser ans Ende gepasst hätte, aber nun mal der Titelsong der aktuellen Langrille ist. Knallersong, nach dem es Schlag auf Schlag ging; zahlreiche Hits flankierten die Oberhymne „Auf die Liebe und auf die Sehnsucht“, lauthals mitgesungen vom recht textsicheren Publikum, während wir versuchten, uns das erste Bier reinzuprügeln. Der OXO-Sound mitsamt Sänger (und gelegentlichem Orgler) Willis herrlich heiserer Berliner Schnauze erleichterte dies ungemein. Die humorige Kommunikation mit dem Publikum fiel gern auch mal länger aus, dafür wurden mehrere gut abgehangene Songs in einem Medley zusammengefasst. Dies wurde jedoch unterbrochen, die Band wirkte kurz etwas verstimmt: Hatte da jemand ‘ne Flasche auf die Bühne geschmissen? Die Laune besserte sich jedoch schnell wieder und der Gig wurde ohne weitere Zwischenfälle zu Ende gebracht – und zwar mit gleich drei Zugaben: eine davon die Folkhymne „Saus und Braus“ von GOYKO SCHMIDT („Ick hab keen Jeld un keene Olle, ick hab keen Job, bin vonne Rolle“) in einer Ska-Punk-Version; den krönenden Abschluss bildete, wie wir die Band in Erinnerung behalten sollten: „So beliebt und so bescheiden“. Knorke und bockstark!

Der Hafengeburtstag platzte nun jedoch aus allen Nähten. Menschenmassen schoben sich kreuz und quer über die Hafenstraße, wie wir feststellen mussten, als wir die Bühne wechseln und uns ‘nen Veggie-Burger einverleiben wollten. An letzteres war nicht zu denken, die ultralange Schlange verhinderte dies. Dazu die immer lauter dröhnende, endlos stumpfe Bauern-Techno-Mucke, die den Soundtrack zu den verzweifelten Versuchen bildete, die Straßenseite zu wechseln. Man watete nicht nur durch ein Menschen-, sondern auch durch ein Müll- und Scherbenmeer. Als nächsten Pflichttermin hatten wir CRACKMEIER auf der Onkel-Otto-Bühne auserkoren, zumal Shouter Jesche Geburtstag hatte. Die überraschend wiedervereinten HH-Thrasher STONE COLD BLACK um LIQUOR-SHOP-ROCKERS-Drummer Toni wären zuvor ebenfalls interessant gewesen, überschnitten sich aber leider mit OXO 86. CRACKMEIER jedenfalls hatten ‘nen guten Tag erwischt, ihr knochenharter HC-Punk zündete sofort, der Mob begann, mehr als grobmotorisch zu zucken. Eine Dame hatte nun die Bühne als ihren bevorzugten Aufenthaltsort gewählt und sprang dort die ganze herum, wenn sie nicht gerade Jesche umarmte. Drummer Martin ballerte brutal, Böller schredderte den Bass, die Klampfer Fokko und Jerome frästen fies – und Jesche wirkte völlig entfesselt, von Aufregung keine Spur. Hier gab’s musikalisch permanent auf die Fresse. Der P.A.-Sound war ebenso gnadenlos und diesmal war sogar Jeromes Mikro laut genug, als er für einen Song den Hauptgesang übernahm. Brutaler, technisch versierter HC-Punk, derbe angepisst! – Ein Gig, zu dem man nur gratulieren kann.

Nun ging’s wieder runter zur Jolly-Bühne, denn neben Jesche hatte noch ein weiterer Sänger Geburtstag: RAZORS‘ Danker feierte seinen 60. (!) mit einem Gig vor beeindruckender Kulisse, den ich mir allerdings von der Brüstung aus ansah, wo ich auf Flo wartete, die locker das halbe Set in einer der mittlerweile unmenschlich langen Kloschlangen verbrachte. Dafür war der Sound auch hier oben astrein und der Blick besser als unten im Gedrängel, kann man also ruhig mal machen. Nicht nur Danker, die ganze Band ist in Würde gealtert und topfit – wenn auch der Bassist zurzeit krankheitsbedingt von einer Dame vertreten wird.  Die HH-Punk-Urgesteine machen sich immer gut auf solchen Festivals zu vorgerückter Stunde und sind wohl so was wie ‘ne Konsens-Band, auf die sich fast alle einigen können. Der Band-Sound hat sich im Laufe der Jahre vom Oldschool-’77- zum hymnischen Streetpunk entwickelt, live gibt’s eine perfekte Mischung aus beidem – u.a. das den viel zu früh gestorbenen Wegbegleitern der Band gewidmete „Never Forget“ und schließlich natürlich die Coverversionen, dies sich die RAZORS angeeignet haben: DAVID BOWIEs „Heroes“ und COCK SPARRERs „Because You’re Young“ waren’s diesmal, das als großes Finale in „You’ll Never Walk Alone“ mündete. Das Publikum hatte zwischendurch noch „Happy Birthday“ für Danker gesungen, der zu Protokoll gab, dass 60 werden geil sei und man die Finger von Drogen lassen sollte, wolle man auch so alt werden. Das war ein sehr geiles, feierliches Konzert, in dessen direktem Anschluss sich die Stadt Hamburg auch nicht hatte lumpen lassen und Danker zu Ehren ein exorbitantes Feuerzeug zündete.

Das Massengeschiebe hatte nun seinen nervigen Höhepunkt erreicht. Also an irgendwelchen Blödköppen, die die Metalltreppe herumstehend und in die Gegend stierend blockierten und teilweise sogar ihre scheiß Fahrräder dabei hatten (!), vorbeigekämpft, dabei aufgepasst, auf keiner Bierbuddel auszurutschen, und unsere Kontaktpersonen für letzten Austausch vor TOXOPLASMA gesucht (und sogar gefunden). Daraus entstand schnell eine kleine, hübsch angesoffene und begeisterungsfähige Gruppe, mit der zusammen man sich der Drängler um einen herum mit ihren ausladenden Rucksäcken erwehren konnte (neuester Trend sind anscheinend diese wetterfesten Lederdinger, ultrasperrig, bestimmt wieder die Fahrradfraktion… Packt euren Plunder in Schließfächer und kommt mit der Bahn!). Zu einer der größten Herausforderungen wurde es, vier Bier zu holen, als TOXOPLASMA, just als ich das Gesöff in Empfang nehmen konnte, zu zocken begannen. „S.O.S.“, gefolgt von „Vakuum“, und ich mit Bierbechern in den Händen zurück zur Clique… boah ey. Wir standen relativ mittig, wo ich eigentlich guten Sound erwartete. Dass der während der ersten ein, zwei Songs noch nachjustiert wird, ist ja normal, hier allerdings wurde beim dritten Song plötzlich der Bass derbe aufgedreht, dass er alles wegdröhnte und -klackerte. Die Drums waren dagegen kaum noch zu hören. Immer mal wieder waren Steuerungsversuche des Mischers zu vernehmen, sprich: mal wurde Bass etwas leiser, dann wieder lauter als die Gitarre. Hatte der Boxhandschuhe an? Erst glasklarer Sound bei den RAZORS, nun dieser Krach. Das besserte sich leider erst zum Ende hin. Dafür war die Band gut aufgelegt. Sänger Wally dürfte das einzige Urmitglied sein, ebenfalls auf die 60 zugehend – dafür aber drahtig und agil. 60 ist eh das neue 40. TOXOPLASMA aus Neuwied spielten recht viele Songs des jüngsten Albums „Köter“, deckten aber auch die Mittelphase mit den meines Erachtens arschgeilen Platten „Gut & Böse“ und „Leben verboten“ ab, garniert mit Stücken wie „Razzia“, „Bunkerparty“ und, Überraschung, „Arschlecker“! Und dazwischen natürlich immer wieder Songs des selbstbetitelten Debütalbums von 1983, jenes unverrückbaren Meilensteins des frühen deutschen HC-Punks. Der Song „Gut und böse“ klang unabhängig vom Sound etwas seltsam, alles andere flutschte aber gut und aggro durch. Einer von vielen Höhepunkten: „Schwarz rot braun“, oder auch „Polizeistaat“, „Deutsch in Kaltland“, „Weltverbesserer“… Ich wurde heiser vom Mitbrüllen und bekam ‘nen kräftigen Adrenalinkick. TOXOPLASMA machen sich live ja eher rar, mein letzter TOXO-Gig liegt unzählige Jahre zurück (Reunion-Gig damals inner Lobusch, war dafür aber auch eines meiner geilsten Konzerterlebnisse überhaupt). Das sich ausschließlich aus Werbephrasen zusammensetzende „Platz an der Sonne“ hatte ich nicht erwartet und mich dementsprechend gefreut, großartig wären auch „Kaputte Welt“, „Zeichen der Zeit“, „Alles oder nichts“ oder auch das unterbewertete, „Schlachtrufe BRD V“-exklusive „Ohne mich“ gewesen, aber sei’s drum. Die Band freute sich, „auf der Kirmes“ zu spielen und kredenzte mit „Wir warten…“ noch einen Klassiker als Zugabe. Trotz des vermurksten Sounds mein Höhepunkt des Hafengeburtstags!

Auf leeren Bierflaschen rollten wir langsam, aber sicher zur Onkel-Otto-Bühne zurück, denn dort ergab sich noch die Möglichkeit, TOTENWALD zu erleben. Wir kamen anscheinend pünktlich zur RAMROD-Zugabe, krachiger HC-Punk aus Glasgow. Während der unheimlich langen Umbaupause – offenbar saß das Make-up der Totenwäldlerinnen noch nicht richtig – blieb noch mal viel Zeit für entspanntes Gequatsche mit Bekannten. Das war dann auch wesentlich gehaltvoller als der Auftritt der Band. Diesen szeneinternen Neo-Wave- und -Post-Punk-Hype der letzten Jahre konnte ich bisher nicht nachvollziehen, und das änderte sich auch mit den Berliner Wave-Punks TOTENWALD nicht. Mit ‘nem Gitarristen, ‘nem Bassisten und zwei Strapsmädchen mit SIGUE-SIGUE-SPUTNIK-Gedächtnisfrisuren, eine davon das Saxophon trötend, sowie Drums aus der Konserve (pah!) fabrizierte man hoffnungslos verhallte Katzenmusik, bei der der Bass sämtliche etwaig vorhandenen Nuancen wegdröhnte. Ohne den visuellen Aspekt würde sich vermutlich keine Sau für die Band interessieren, but sex sells… Kann weg! Andere waren allerdings konträrer Meinung und feierten weiter, was die Knochen noch hergaben. Witzigerweise tauchte die Tänzerin vom CRACKMEIER-Gig hier zwecks Photobombing wieder auf (s.u.).

Damit war für uns Schicht in Sachen Hafengeburtstag für dieses Jahr, an dem ich mir leider keine einzige Band auf der Sauerkrautfabrik-Bühne anschauen konnte. Die anderen Bühnen hatten dafür wieder dick aufgefahren, und noch wichtiger als der musikalische Aspekt sind Faktoren wie das Wiedersehen zahlreicher Freunde und Bekannter, die man teils lange nicht mehr gesprochen hatte, sowie das Feiern der eigenen Szene mitten im Kommerzkirmestrubel, die sich beständig als Fels in der Brandung hält. Davon abgesehen haben das Jolly Roger, Coyote & Co. einmal mehr für eine interessante, internationale und abwechslungsreiche Bandauswahl gesorgt. Ihnen und allen Helferinnen und Helfern, ob beim Bühnenaufbau, hinter den Getränkeständen oder bei der Organisation, gebührt mein Dank! Wir fanden uns noch in der Kogge ein, die ja nun leider der verfickten Gentrifizierung zum Opfer fällt und in Kürze den Hotel- und Gastronomiebetrieb einstellen muss. In dieser Nacht aber luden zwei kompetente DJanes noch zum Feiern ein (aufs Disco-Klo mit seiner Synthetik-Mucke ging ich hingegen lediglich zum Wasserlassen). Alles in allem war’s mal wieder ‘ne feiste „Two Day Session“, wie in unserem gleichnamigen Song besungen – der übrigens, ebenso wie „Brainmelt“, nach einem Hafengeburtstag entstand…

Kollege SCHRAIBFELA war natürlich ebenfalls unermüdlich:

Der war sogar Sonntag noch unterwegs:

26.04.2019, Silbersack, Hamburg: ANTOINE DE LA KACQUE + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

An jenem Freitag wurden aus den Disillusioned die Heavily Romantic Motherfuckers, als nämlich unser Klampfer Kai Le Rei-Motherfucker seine wesentlich bessere Hälfte Ja Na Klaa mit genau diesen Worten ehelichte, und zwar, wie man munkelte, nicht nur aus steuerlichen Gründen – sondern eben auch, um eine zünftige Punkerhochzeit zu feiern! Nachdem die Frischvermählten ausgiebig mit Kronkorken beworfen worden waren, ging’s per Traktor samt Anhänger mit Mob und Brautpaar vom Standesamt zum Silbersack, wo nach nur einem bullenbedingten Zwischenstopp die Party in geschlossener Gesellschaft stieg. Diese beinhaltete zur Überraschung der Braut ein kurzes DMF-Set. Ich hatte mich extra in Schale geschmissen und mir sogar eine Krawatte umgebunden umgehängt, Kai trug eine Fliege seines Vaters – und sonst nichts! Ok, letzteres war gelogen. Wir hatten das entsprechende Equipment mitgeschleppt, aufgebaut und Kiezcurrywurst-gestärkt irgendwann mit „Pogromstimmung“ begonnen, in dessen Verlauf es verbrannt zu riechen begann. Nein, keine spontane Selbstentzündung eines verzweifelten Partygasts, sondern zack! Endstufe durch. Zumindest zur Hälfte. Mono, also über nur eine P.A.-Box, konnten wir weitermachen, was in der altehrwürdigen Spelunke ausreichte. „Spaltaxt“, „Menschenzoo“, „Ghettoromantik“ – und dann, ja dann Kais Hochzeitsgeschenk an seine Holde, eine vermotherfuckte Version „ihres“ Songs „Angel‘s Wings“ von SOCIAL DISTORTION, die wir konspirativ eingeübt hatten. Die Braut war gerührt, die Gäste schwankten zwischen begeistert und entsetzt. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, dass wir’s nicht verkackt haben. Ob der Song im herkömmlichen DMF-Liveset landen wird, müssen wir noch ausramboen [Edit: wird er]; unabhängig davon hat der Kurzgig nach langer Liveabstinenz Bock auf mehr gemacht. Erst mal müssen wir aber unsere Songs für die geplante EP neu aufnehmen, nachdem wir die alten aufgrund dann leider doch irreparabler Schäden durch technischen Ausfall während der Aufnahmen in die Tonne getreten haben, außerdem steht Nachwuchs ins Haus und wird aller Wahrscheinlichkeit nach um Aufmerksamkeit buhlen. Also bitte noch etwas Geduld…

Eigentlich sollten nun BORDERPAKI ein Akustikset darbieten. Die Kieler hatten jedoch aufgrund internen Zwists absagen müssen. Also hatte ich Kosten und Mühen gescheut und stattdessen kurzerhand die Hamburger Trinker/Songwriter-Legende ANTOINE DE LA KACQUE für einen seiner nicht minder raren Auftritte mit Bier angelockt. ANTOINE, nur mit Akustikklampfe und ein paar unübersichtlichen Notizzetteln ausgestattet, blieb mit seiner feinfühligen Ballade „Ein Engel fiel vom Himmel“ im Thema, griff in einem Atemzug Liedgut der Niveaurock-Band DIE KASSIERER sowie der Hamburg-Folkrocker ELEMENT OF CRIME auf, verbreitete Fake News über eine sympathische Kleinstadt im Hamburger Umland, kämpfte verbissen um jeden einzelnen Zuhörer (Ausdruck seiner Professionalität und der Hingabe, mit der er seiner Passion nachgeht) und verhandelte nach diversen weiteren mal fröhlichen, mal nachdenklich stimmenden Chansons das Für und Wider kommerziellen Fußballs in Form eines achtminütigen improvisierten Jams mit sich selbst: „HAESVAU Aller!“ Noch lange hallte seine Stimme in uns nach. Verschrobener Einzelgänger, Freigeist, Idealist, Romancier – das ist ANTOINE DE LA KACQUE. Danke, Digger!

Die Feierlichkeiten fanden ihren Ausklang auf Janas und Kais Balkon, wo noch bis spät in die Nacht die zahlreichen, teils weit angereisten Gratulanten aufs Brautpaar anstießen und die Hochzeitskasse austranken. So macht heiraten Spaß! Wer will als nächstes?

03.05.2019, Menschenzoo, Hamburg: MURUROA ATTÄCK + VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG + BUNKERMARIE

Letztes Mal mussten wir für MURUOA ATTÄCK noch bis nach Norderstedt fahren, diesmal brauchten wir nur auf den Kiez umme Ecke. Nach Maloche & Co. ließen wir’s betulich angehen, da eigentlich lediglich zwei Bands angekündigt waren, mit deren Beginn wir nicht vor 22:00 Uhr rechneten. Als wir gegen viertel vor eintrafen, spielten jedoch bereits BUNKERMARIE, die überraschenderweise spontan hinzugestoßen waren, stammt die Mindener Band doch aus demselben Umfeld wie die beiden anderen (und teilt sich mit MURUROA ATTÄCK einen Gitarristen). Allzu viel schienen wir noch nicht versäumt zu haben. Vor noch recht übersichtlicher Kulisse zockte das Trio treibenden HC-Punk mit einer Songlänge von meist unter zwei Minuten. Viele der Stücke begannen dafür mit längeren Instrumental-Intros, bevor die Gitarristin mit ihrer schön angepissten bis brutalen Stimme einsetzte und deutschsprachige Texte rausrotzte. Ab und zu wurd’s auch bischn melodisch, was die Angelegenheit angenehm auflockerte und den jeweiligen Songs ‘nen Extrakick verpasste. Unprätentiös und sympathisch, das gefiel!

VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG aus Witzenhausen haben jüngst eine Split-LP mit MURUROA ATTÄCK veröffentlicht – und sind bischn wat Spezielleres. Die lütte Orgel, mit der sie auf die Bühne kamen, hab‘ ich auf der Platte gar nicht ‘rausgehört. Auf ein instrumentales Intro noch ohne Orgel folgten deutschsprachige Punksongs zwischen Bauch und Kopf, die mitunter etwas sperrig klangen, häufig aber auch von der Live-Situation profitierten, weil der Sänger weit weniger anstrengend als auf der Splitscheibe klang. Die Saiteninstrumente schienen mir etwas nonkonform gestimmt, der Bass war drückend und dominant, die Orgelistin und Co-Sängerin rollte per Druck einzelner Tasten ab und zu ‘nen Klangteppich aus, griff aber auch mal zum Schellenkranz. Bei „Littfasssäule“ (o.ä.) haute sie dann aber auch doch mal ‘ne Melodie in die Tasten. Das Publikum war mittlerweile rasant angewachsen, die Band kommunizierte mit ihm auf lockere, spaßige Weise und musste auch mal ‘nen Song abbrechen und von vorn beginnen. VOLKER DAS TROPHE & DIE UNTERGÄNG wirkten erfrischend unbedarft und empfahlen sich mit ihrer etwas unkonventionellen Herangehensweise an den Punkrock, ohne dabei allzu erzwungen oder studentisch zu wirken. Sie wollen übrigens in Kürze ein Musikvideo drehen.

MURUROA ATTÄCK aus Ostwestfalen, Hannover und Hamburch treten jedes Mal in einer anderen Besetzung auf, wenn sie mir vor die Linse kommen. Wie IRON MAIDEN traten sie diesmal mit gleich drei Gitarristen an, also einem mehr als in Norderstedt. Diese Band hat’s mir besonders angetan, denn sie gehört m.E. zum Brutalsten, was deutschsprachiger HC-Punk zu bieten hat. Insbesondere live folgt auf die „Michel aus Lönneberga“-Intromelodie stets der totale Abriss. In Sachen Aggressivität und Geschwindigkeit streift manch Song die Subgenre-Grenzen und ist schon nicht mehr tanzbar, wenn bzw. weil sich der Mob schon beim Einstieg „Kaputt“ komplett verausgabt hat. Seit Mitte der 1990er ist man keinen Millimeter versöhnlicher geworden. So unscheinbar und ruhig Shouter Holger sonst auch wirken mag, auf der Bühne mutiert er zum kehlig brüllenden Derwisch mit ausgeprägtem Bewegungsdrang, der sich dank Funkmikro auch plötzlich hinter einem wiederfinden kann. Klappt ein Song, wie an diesem Abend, dann mal erst beim dritten Anlauf, schimpft er mit seiner Band, die eigentlich nicht nur für Krach, sondern auch für Präzision und kontrollierten musikalischen Amoklauf steht. Dem Drummer gelingt es sogar, selbst den schnellsten Nähmaschinentakten noch Fills unterzumogeln. Eine Trompeteneinlage des Bassisten hier und ein melodischerer Lauf da lockern das Getrümmere zudem immer mal wieder auf. Textlich gibt man sich sarkastisch und wütet gegen Politik, Gesellschaft und Alltag. Zwei Coverversionen hat man adaptiert, eine davon „Schlachtet!“ von GRAUZONE, die in der Liste meiner MURUOA-Favoriten ganz vorn dabei ist. Nach anfänglichem Durchdrehen flaute die Bewegung vor der Bühne immer mal wieder ab, um zwischenzeitlich wieder auszubrechen, bis irgendwann anscheinend keiner mehr konnte. Das Publikum stand zu größeren Teilen an die Ränder verteilt, um bei plötzlichen Pogo- oder Mosh-Eruptionen nicht im Weg zu stehen. Ohne Zugaben ließ man die Band aber nicht zurück aufs Atoll, eine von beiden war auf meinen Wunsch hin endlich das „Klimperkastenlied“, laut Holger „saustumpf“ und vermutlich daher auch in einer etwas gekürten Version dargeboten… Wie zuletzt in Norderstedt dürfte man aber alle Bandphasen abgedeckt haben, inklusive der ersten EP – übrigens alles bei astreinem Sound von P.A.-König Norman. Ich hab’s sehr genossen, mich von MURUROA ATTÄCK mal wieder musikalisch durchprügeln zu lassen und ließ den Abend befriedigt und bestimmt leicht debil grinsend am Tresen ausklingen. Spitzenkonzert (das übrigens in Konkurrenz zu ähnlich gelagerten Veranstaltungen in der Lobusch und der Flora stand und unter anderen Umständen sicherlich noch ein paar Leute mehr angezogen hätte)!

23.04.2019, Logo, Hamburg: NERVOSA + REZET

Geil, die brasilianischen Thrasherinnen mal wieder in Hamburg – und diesmal als Headliner! Da frohlockte natürlich mein Metal Heart und so sicherte ich meiner Lady und mir zwei Karten im VVK. Im gut ge-, aber nicht überfüllten Logo bekleideten die Schleswiger REZET (mit denen zusammen ich NERVOSA vor drei Jahren auch im Bambi gesehen hatte) den Support-Slot und legten saupünktlich los – was uns an diesem Dienstagabend berufsbedingt sehr entgegenkam. Ihren deutlich hörbar Oldschool-MEGADETH-beeinflussten Thrash servierten die sympathischen, in SLIME- und GG-ALLIN-Shirts gewandeten Herren ultralaut und druckvoll sowie in technisch eiskalter Perfektion, was beim vierten Song, dem großartigen „Minority Erazer“, den Mob vor der Bühne zum Durchdrehen brachte – wenngleich er recht bald wieder aus der Puste war. Für Soli stellten sich die Gitarristen gern mal auf die Monitorboxen, ein bisschen Posing darf sein. Vorm superschnellen Oldie „Have Gun, Will Travel“ wurde ein Intro vom Band eingespielt, für den letzten Song „Dead City“ legte der Sänger/Gitarrist seine Klampfe ab. Die Mischung aus Midtempo-Thrash und pfeilschnellen Attacken mundete gut und war weitaus abwechslungsreicher und aggressiver, als die (ja auch von mir) vielbemühten MEGADETH-Vergleiche vermuten lassen würden. Das neue Album „Deal With It!“ ist ziemlich stark geworden, seltsamerweise scheinen REZET den klasse Titelsong aber gar nicht gespielt zu haben…? Wie dem auch sei, REZET sind ‘ne sackstarke Liveband für Freundinnen und Freunde des etwas technischeren und dennoch frickelfreien Thrash Metals, die das Logo kräftig angeheizt hinterließen.

Das infernalische Trio NERVOSA hat sich mit seinem dritten und jüngsten Album „Downfall of Mankind“ noch etwas mehr dem Death Metal angenähert, was meines Erachtens prima passt und den Sound der Band noch etwas düsterer und brutaler macht. Fernanda, Prika und Luana machten von Beginn an unmissverständlich klar, wo der Hammer hängt, Fernanda fauchte, growlte und keifte, was die Kehle hergab, während sie parallel den Tieftöner bediente, Prika riffte zugleich hart und atmosphärisch und die eigentlich so zierliche Luana verprügelte ihr Drumkit nach allen Regeln der Kunst. Dass eine ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern bestehende Band einen solchen Sound fabriziert, es dabei überhaupt nicht nötig hat und daher auch unterlässt, mit diesem Umstand zu kokettieren und stattdessen ihre hochqualitativen, authentisch bösen und extremen Songs für sich sprechen lässt, empfinde ich als positives Zeichen der Zeit, wäre mir andererseits aber auch reichlich egal, wäre die Band für mich musikalisch irrelevant. Stattdessen trifft sie aber voll meinen Evil-Thrash-Geschmack, den ich seit den 1980ern pflege. Anfänglich hatte Fernanda ein paar Probleme mit ihrem Bass-Amp, die zusammen mit einem Techniker aber bald gelöst werden könnten. Ihrem fiesen Sound zum Trotz strotzte sie zwischen den Songs vor positiver Energie und kämpferischer Entschlossenheit, wenn sie die antirassistischen und progressiven Inhalte der Songs in ihren Ansagen anriss. Selten dürfte ein Aufruf zu mehr Toleranz derart bösartig geklungen haben wie in „Intolerance Means War“. Herrlich! Die Setlist war gut durchmischt, aktuelles Material inkl. dem portugiesischen „Guerra Santa“ kam ebenso zum Zuge wie Stoff der beiden vorausgegangenen Alben, sogar bis hin zu „Masked Betrayer“ vom 2012er Demo, bevor man nach locker 15 oder gar noch mehr Songs mit „Into Moshpit“ den Abend besiegelte. „Victim of Yourself“ hätte ich mir noch gewünscht und auf den Demosong „Invisible Oppression“ werde ich vermutlich ewig vergeblich warten müssen, ansonsten war’s aber ein Killerset, das reihenweise Kehlen durchschnitt und Köpfe rollen ließ. Die Band war bestens aufgelegt, das Publikum sorgte ebenfalls gut für Bewegung und die P.A. dröhnte dankenswerterweise nicht mehr so arg in den Ohren wie bei REZET. Am erstaunlichsten ist für mich, wie Fernanda es schafft, auf ausgiebigen Touren wie dieser jeden Abend derart in Mikro schreien zu können, ohne ihre Stimme zu verlieren. Mir soll’s recht sein und ich freue mich schon jetzt diebisch auf den nächsten NERVOSA-Gig, dann hoffentlich erneut als Headliner für den maximalen Genuss statt eines kurzen Gastspiels im Vorprogramm irgendeiner weit weniger beachtlichen Kapelle. Wenn schon „Untergang der Menschheit“, dann bitte mit diesem geilen Sound!

13.04.2019, Medusa, Kiel: SMALL TOWN RIOT + ANGORA CLUB + BOLANOW BRAWL

Meine persönliche Punk-Sozialisation ist eng mit der ursprünglich aus dem südlichen Hamburger Umland stammenden Band SMALL TOWN RIOT verbunden. Ungefähr ab dem Jahr 2000 habe ich das Entstehen der Band hautnah mitverfolgt und war eng mit den Bandmitgliedern befreundet, insbesondere mit Timo – eine Freundschaft, die bis heute hält. Auf die „DEMOlition“-Demo-CD und das Debütalbum „Some Serious Shit“ folgte 2008 der Langdreher „Selftitled“, mit dem SMALL TOWN RIOT meines Erachtens ihren Zenit erreicht hatten. Von der Covergestaltung über die Musik und Texte bis hin zur Produktion und natürlich der Straßen-Attitüde der Band stimmte da einfach alles. Supereingängiger Punkrock, beeinflusst von melodischen US-Bands, Streetpunk und Oi!, jeder Song ein Ohrwurm, dabei nicht nur aufgrund der damals drei verschiedenen Sänger extrem abwechslungsreich und von Surf/Rock’n’Roll bis Hardcore weitere Einflüsse auf völlig selbstverständliche Weise miteinander vereinend. Zusammen mit der „Skulls & Stripes“-EP und den Beiträgen zur „Let The Bombs Fall…“-Vierer-Split ein enormes Hit-Arsenal, dem 2010 mit „Suicidal Lifestyle“ sogar noch ein weiteres Top-Album zur Seite gestellt wurde, das in geänderter Besetzung nicht minder kräftig auf die Kacke haute. Irgendwann war man ausgebrannt, legte die Band auf Eis und widmete sich unterschiedlichen anderen Projekten. Nun juckte es aber wieder in den Fingern und in der Besetzung Norman (Klampfe + Gesang)/Timo (Bass + Gesang)/ Andy (zweite Klampfe)/Herr Lehmann (Drums) begann man wieder regelmäßig zu proben. Das nicht abgerissene Interesse an der Band beantwortete man dann erstmals am 13.04.2019 mit dem von East-Coast-Concerts organisierten Reunion-Gig in Kiel, zu dem man neben den Flensburgern ANGORA CLUB auch uns als Support eingeladen hatte, womit ein Traum für mich wahr wurde: Einmal mit BOLANOW BRAWL zusammen mit den alten Kollegen von SMALL TOWN RIOT zocken!

Zu Teilen per Bahn, zu Teilen mit der Karre brachen wir also in Hamburg auf und waren saupünktlich um 17:00 Uhr an der Medusa, einer schnieken Location mit professioneller Bühne und großem Backstage-Bereich. Quasi zeitgleich trafen SMALL TOWN RIOT und wenig später auch ANGORA CLUB ein. Nun musste allerdings noch unser Lead-Klampfer Ole abgeholt werden, wofür Christian bis ans andere Ende Kiels schüsseln musste, wodurch wir für den Soundcheck schon mal entfielen. Diesen übernahmen kurzerhand SMALL TOWN RIOT, die den Sound dadurch perfekt auf sich zugeschnitten bekamen, jedoch auch mit der anscheinend nicht vollständig funktionstüchtigen Monitoranlage zu kämpfen hatten. Noch hielt ich mich in Sachen Alkoholika zurück, wollte erst mal was essen. Zur Auswahl standen Chili con carne und „vegane Pampe“, die sich als wohlschmeckend und offenbar auf Kichererbsenbasis (oder so) zubereitet entpuppte und meiner von der letzten DMF-Probe noch etwas angeschlagenen Kehle guttat. ANGORA CLUB wollten gern als zweite Band auf die Bretter. Uns sollte es recht sein, umso schneller würden wir den Pflichtteil hinter uns gelassen haben und uns gehen lassen können. Anfangen sollten wir irgendwann zwischen 8 und 9, hieß es – und natürlich hielten wir 8 für völlig unrealistisch, peilten 9 an und machten uns erst mal vom Acker, um bischn den Proletarier-Stadtteil Gaarden zu erkunden, wo die Kiosks großflächig damit werben, Oettinger und Paderborner im Angebot zu haben.


Unser erster Abstecher führte uns in einen Dönerladen, in dem gerade zwei der mitgereisten Damen speisten. Eigentlich gilt dort „Bier nur außer Haus“, aber angesichts unserer durstigen Truppe wollte der gute Fleischspießbräter anscheinend nicht auf leicht verdiente Einnahmen verzichten und füllte sein Flaschenbier in neutrale Becher um, damit niemand sah, dass er uns gegen seine eiserne Regel verstoßen ließ. Weiter ging’s auf der Suche nach einer typischen Eckspelunke, die wir schnell gefunden wähnten. Kaum über die Schwelle getreten, glaubten wir, vom offenbar griechischstämmigen Gastwirt mit offenen Armen empfangen zu werden – ein Irrglaube, denn statt uns eine Runde zu zapfen, erklärte er uns, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handele und wir leider gehen müssten. Pah, dann eben in die nächste Pinte. Die befand sich direkt nebenan der Medusa; im „Holsten-Krug“ war der Tresen gesäumt mit Trinkern älteren Semesters, einer sang lautstark „Der HSV wird niemals untergehen“ oder so und sackte anschließend für ein Schläfchen auf der Theke zusammen. In der Glotze lief Fußball, Kurze 1,- €. Hier waren wir richtig. Ein paar Biere und Schnäpse wechselten die Besitzer, die Wirtin war auf zack und willig, uns abzufüllen. Es dürfte ungefähr 20 vor 9 gewesen sein, als wir zurück in der Medusa waren. Dort erwartete uns das überraschende Bild einer rappelvollen Bude und ungeduldig auf uns wartender Gäste inkl. einiger weiter angereister Freunde und Bekannte sowie hektisch auf den Beginn drängender Organisatoren. Ich hatte nie im Leben damit gerechnet, dass schon vor 9 fast alle Besucher da wären, aber in Kiel ticken die Uhren halt etwas anders.

Also schnell paar Plastikchips gegen Bandbier eingetauscht und ab auf die Bühne, um mit „Total Escalation“ das Motto des Abends vorzugeben. Wir hatte vorne links und rechts je einen Monitor, mittig, also für mich als Sänger, leider keinen. Ich ließ mich nach dem ersten Song auf den Dingern so laut wie möglich drehen, blieb für mich selbst aber weiterhin eher schemenhaft wahrnehmbar. Ich versuchte, diesmal nicht den Fehler zu machen, mich generell zu leise zu wähnen und dagegen anzubrüllen zu versuchen, was mir hoffentlich einigermaßen gelang. Davon abgesehen machte der Gig großen Spaß und flutschte gut durch. Wir kamen diesmal mit nur einer Stimmpause aus und bis auf den einen obligatorisch versemmelten Song-Beginn erlaubten wir uns keinen größeren Fauxpas. Nach den Erfahrungen in Rendsburg hatten wir unser Set um „On The Run“ erweitert und „Fame“ als potentielle Zugabe aufbewahrt, die dann auch eingefordert wurde. Im Laufe des Gigs hatte sich ein Pogomob gebildet, kurioserweise nicht vor der Bühne, sondern etwas weiter hinten und eher seitlich. Fast ein wenig vermisst habe ich das Unterfangen meiner Bandkollegen, mich öffentlich zu düpieren, meine Ansagen zu sabotieren oder Fake-News zu kolportieren, vielleicht habe ich’s aufgrund meiner Monitorlosigkeit auch schlicht nicht vernommen. Weil’s so dermaßen voll war, hatten wir darauf verzichtet, eine Merch-Ecke aufzubauen, aber trotzdem einige T-Shirts verkauft. Das‘ doch geil! Darauf erst mal wat trinken.

ANGORA CLUB sind zwar alte Hasen, aber noch ‘ne recht frische Band: 2018 gegründet, 4-Song-Demo am Start. Kuschelrock und Hasenpunk hat man sich aufs plüschige Fell geschrieben. Ich hatte zuvor nicht reingehört und befürchtete Hamburger Schule oder Artverwandtes, wurde aber positiv überrascht: Recht flotte, emotionale deutschsprachige Songs mit eher persönlichen, ernsten/ironiefreien Texten und Hardcore-Kante, technisch auf den Punkt und mit sehr souveräner Bühnenpräsenz. Nun hörte ich auch, dass der P.A.-Sound ziemlich gut war. Nicht schlecht; mich wirklich konzentriert ihrem Gig widmen konnte ich aber nicht, Smalltalk, freudige Wiedersehen mit alten Bekannten, Shirt-Verkauf etc. wussten dies zu verhindern. Zudem war der Auftritt gefühlt relativ kurz. Ich werde aber sicherlich in Hamburg noch mal die Gelegenheit bekommen, wäre doch gelacht.

Der gute Bert von East-Coast-Concerts hatte zwischenzeitlich übrigens ‘nen Kasten Bier springen lassen – ein verdammt feiner Zug! Auch das hatte dazu beigetragen, dass (nicht nur) ich zu SMALL TOWN RIOT gut auf Betriebstemperatur war. Timo hatte mir vorher schon die Setlist gezeigt, die 14 oder 15 Songs umfasste und die Erwartungshaltung steigerte. So ging’s dann mit „Addicted to Authority“ entspannt melodisch und leicht pop-punkig los, gefolgt von der Abrissbirne „Peer 52“, bei der ich meinen Verstand dann gegen die Wand warf und an diesem Abend auch nicht mehr wiederfinden sollte. Der Sound war gut und die Band bestens eingespielt – es wirkte fast, als sei sie nie weggewesen. Fröhlichere Songs, meist von Norman gesungen, gaben sich mit wütenden, von Timo aggressiv interpretierten Nummern die Klinke in die Hand, gespickt mit Hymnen à la „Working Class“ oder „Cheers & Goodbye“ – und zu meinem persönlichen Entzücken auch mit dem erhabenen OLIVER-ONIONS-Cover „Sphinx“ vom Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Tribut-Sampler. Reunion 100%ig geglückt, ich im Euphorie- und Biertaumel, Bert am DJ-Pult für die Aftershow-Party, EIGHT BALLS dröhnten aus den Boxen, das Unheil nahm seinen Lauf und die Nacht lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren. Ein Teil von uns sollte bei Ole pennen, Keith, Madame Flo und ich wollten mit der Bahn zurück nach Hamburg. Mit zwei Taxen samt Equipment sollten wir aber erst mal alle zusammen von der Medusa aus los. Das sorgte zumindest bei 3/5 unserer Band alkoholbedingt für hochgradige Verwirrung bis hin zu unangebrachtem Trotz, sodass der erschreckend nüchterne Don Raoulo alle Hände voll zu tun hatte, die Bande zusammenzuhalten. Ein Sack Flöhe wäre wohl einfacher zu hüten gewesen, letztlich trafen aber alle am Wunschort ein und unseren Krempel haben wir auch noch.

Fazit: Dass in Kiel nicht viel gehe, ist ein Gerücht – auch diesmal war’s ‘ne astreine Party, sogar mehr als das. Der Gig mit SMALL TOWN RIOT hat mir viel bedeutet und davon mal abgesehen sind Timo und Norman einfach zwei Typen, die miteinander Musik machen müssen – denn was dabei herauskommt, ist mehr als die Summe der Teile. Also danke an alle Beteiligten, an STR und ANGORA CLUB, an East-Coast-Concerts und das Medusa-Team, an Shitty Videos Galore fürs obige Live-Video sowie an alle Kieler Sprottinnen und Sprotten!

Ihren zweiten Reunion-Gig spielen SMALL TOWN RIOT am 18.05. im Goldenen Salon (Hamburg) und wir befinden uns Ende Mai auf Mini-Tour mit den irischen NILZ: 30.05. Sauerkrautfabrik (Harburg), 31.05. VeB (Lübeck), 01.06. Molotow (Hamburg, + OBN III’S). Sieht man sich?

06.04.2019, Lobusch, Hamburg: MØRDER + KAMIKAZE KLAN + NUISANCE OF MAJORITY + THEM FALLS

Kai Le Rei-Motherfucker kommt endlich unter die Haube, was natürlich Anlass für ‘ne zünftige Party in Form eines Junggesellenabschieds ist! So richtig organisiert war diesbzgl. aber nix; jemandem, der auf dem Kiez wohnt, braucht man natürlich gar nicht erst mit schwachsinnigen Verkleidungen, Einheitslook und Kurzen-Bauchladen zu kommen, und von uns hatte da selbstredend auch niemand Bock drauf. Fest stand letztlich nur, dass wir abends in die Lobusch torkeln würden, um an der „RD-Rock-Warm-up-Party“ mit vier Livebands teilzunehmen – und dass wir vorher im Osborne Fußi gucken und beginnen würden, uns volllaufen zu lassen. Böse Zungen könnten nun behaupten, wir würden schlicht das Gleiche wie jedes Wochenende tun, doch das stimmt ja schon lange nicht mehr. Seriosität ist unser zweiter Vorname geworden, Verantwortungsbewusstsein unser dritter, Kräutertee und Mineralwasser haben Schnaps und Bier den Rang abgelaufen. Bis zu diesem Tag…

Kai, schlau wie ein Fuchs, hatte ein paar Tage zuvor bereits geahnt, dass wir etwas ausgeheckt hatten und saß längst mit ‘ner Pulle Bier auf seinem Balkon, als die Dres. Tentakel und Martin sowie meine Wenigkeit bei ihm eintrudelten und sich die ersten Vasen aufrissen. Zu viert ging’s erst mal in den Silbersack, wo Betreiber Dominik ‘ne Runde springen ließ – danke, Alter! Im Osborne verfolgten wir mehr oder weniger den Bundesliga-Spieltag, erwartungsgemäß sah Kai seine Schalker verlieren – wenn auch spektakulär in allerletzter Minute. Doch seine Laune konnte das nicht vermiesen, waren doch mittlerweile nicht nur Martin Crackmeier und Eisenkarl, sondern auch sein Trainer, Pepe aus’m Pott, als Überraschungsgast hinzugestoßen. Die nicht ganz so glorreichen Sieben waren somit komplett. Nach dem Abpfiff verweilte man noch etwas im Osborne, um anschließend einen Abstecher in den Park Fiction mit Bier vom Kiosk zu wagen, wo wir auf weitere bekannte Gesichter stießen. Ein Blick auf die Uhr offenbarte schließlich, dass die Zeit drückte. Aus dem angedachten Spaziergang vom Kiez nach Altona mit Zwischenhalt in diversen Pinten wurde eine Bahnfahrt mit Druck auf der Blase und ein kurzer Besuch des Möllers. Deniz schräg gegenüber kredenzte Wegzehrung für jeden Geschmack inklusive köstlichem Veggie-Döner; unweit auf dem Gaußplatz öffnete man kurz das El Dorado, um unsere Truppe vor dem Austrocknen zu bewahren. Als wir schließlich in der altehrwürdigen Lobusch aufschlugen, mussten wir feststellen, dass man dort pünktlich wie die Maurer angefangen hatte, sodass wir nur noch die letzten beiden THEM-FALLS-Songs mitbekamen, drückenden Sludge-Metal mit kehligem Gesang und düster-doomigem Sound.

NUISANCE OF MAJORITY? Nie gehört vorher, Asche auf mein Haupt. Die Kieler sind nämlich schon arschlange am Start und spielen einen modern klingenden Mix aus schleppendem, schwerem Hardcore, Doom, Düsterpunk und treibenden Speed-Attacken. Ein Berg von einem Shouter füllte den Raum vor der Bühne aus, growlte, röchelte und brüllte, konterkariert vom melodischen, punk’n‘rolligen Gesang des Gitarristen im ZEKE-Shirt. Das war alles nicht nur technisch durchaus beeindruckend, sondern hatte auch ordentlich Wumms. Sehr geil auch der Song „Fuck Club 88“ gegen den bekackten Naziladen in Neumünster.

Zwischen dem NOM-Gig und dem des KAMIKAZE KLANs lagen diverse Getränkerunden, unsere Hirne schalteten langsam aber sicher auf Tiefflug, meine Tanzlust stieg analog dazu. Der KKK-Sound bot einen schönen Kontrast zu NOM, die Jungs sind klasse, wie jeder weiß, und Frontsau George sowieso immer motiviert bis in die Haarspitzen. Die Songs des Debütalbums entfalteten ihren rockigen Streetpunk-Glanz, der allen ernsten Themen zum Trotz eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Carpe diem und nimm verdammt noch mal nicht alles so furchtbar wichtig. Fast alle Klansmen haben Äonen an Jahren in verschiedenen grandiosen Bands hinter sich; dass sie’s mit frischem Material noch mal wissen wollen und sich leidenschaftlich hinter ihre aktuelle Band klemmen, ist überaus begrüßenswert. George positionierte sich samt Mikroständer vor der Bühne und gab die letzte Distanz zum Publikum auf, als er sich des Metallgelöts entledigte. „Durch die Hose atmen“ avancierte an diesem Abend zu meinem Lieblingssong. Also alles prima – aber kann es sein, dass das Set bischn kurz war? Und kann es sein, dass wir uns darüber auch noch unterhalten haben? Langsam wird’s kritisch mit der Erinnerung…

Unbestritten aber ist, dass MØRDER, die mich vor einiger Zeit in der Roten Flora sehr positiv überrascht hatten, auch heute wieder volles Pfund ablieferten und kräftig aufs Mett klopften. Bester, derber Neo-Crust voller Aggression und Atmosphäre. Die Besetzung der drei Herren (einer davon im zweiten ZEKE-Shirt des Abends) und zwei Damen erlaubt splitterige Gitarrenbretter, auf die Shouterin Anna eindrucksvoll growlt und keift. Das schepperte und krachte alles so schön und tight, dass ich mich zusammen mit einer Handvoll anderer Connaisseure grobmotorisch zuckend vor der Bühne wiederfand. Perfekter musikalischer Abschluss eines Abends, der daraufhin spontan bis tief in die Nacht bzw. gar bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt wurde…

So musste das Café Treibeis noch den Besuch unserer sich langsam dezimierenden Gruppe über sich ergehen lassen, im Anschluss – so weit lassen sich die Ereignisse noch rekonstruieren – starteten Kai und ich noch per Taxi auf den Kiez durch. Möglicherweise täuschte ich an, Kai nach Hause zu bringen, möglicherweise täuschte er an, nach Hause zu wollen. Wie dem auch sei: Stattdessen verschlug es uns noch entweder ins Nordlicht oder ins Onkel Otto, vielleicht auch beides. Man sagt ja, alles, was nach 2:00 Uhr passiere, sei verzichtbarer Schwachsinn. Das stimmt natürlich und ist nicht zuletzt die Schuld solcher Kapeiken wie uns. Jedenfalls weiß ich mittlerweile, weshalb sich immer alle schwören, lediglich einmal im Leben zu heiraten – mehr solcher Junggesellenabschiede sind schlicht nicht zumutbar. Fazit: Eine harte Party zarter Jungs, Kai darf dann jetzt auch heiraten. In ein paar Tagen ist’s soweit und ich wünsche Jana und ihm hier schon mal alles Liebe und Gute!

22.03.2019, Menschenzoo, Hamburg: KOMMANDO MARLIES + NITRO INJEKZIA

Nachdem ich die großangelegte Bullenkontrolle am S-Bahnhof Reeperbahn unbeschadet überstanden hatte, konnte ich die Kellertreppen in den Menschenzoo hinabschreiten, um mir mal wieder ordentlich die Lauschlappen durchpusten zu lassen. NITRO INJEKZIA hatte ich zuletzt kurz vor Weihnachten 2017 hier gesehen, hatten mich seinerzeit arg geflasht. Diesmal machten sie überraschenderweise den Opener und brachten natürlich gut Stimmung in die Bude. Das kanadisch-russische Trio mit Wohnsitz in Berlin ballerte grandiosen Uptempo-Melodic-Punk, mal mit russischem (Bassist), mal mit englischem Gesang (Drummer), letzterer hatte dazu auch ‘nen echt amtlichen Punch. Bei nahezu perfektem P.A.-Sound gab’s dann auch nix zu meckern, zumal man noch satte drei Zugaben ablieferte. Spitzen-Liveband, ohne jeden Zweifel!

Dann wurd’s spannend: Ex-PUBLIC-TOYS-Sänger Fozzie, seit geraumer Zeit in Hamburg lebend, hatte angekündigt, ein paar alte Gassenhauer zusammen mit seinem ehemaligen Bandkollegen Uwe Umbruch (aktuell bei KOMMANDO MARLIES tätig) zu schmettern. Und so kam’s auch: In Akustikversionen und mithilfe des hinzugerufen MARLIES-Drummers erklangen „Wir sind scheiße“, „Oh Fortuna“ (über einen etwas überbewerteten Düsseldorfer Fußballclub) und „Seid betroffen“ (aktueller denn je, leider). Ich fand’s großartig, Fozzie wieder das ‘90er-Zeug singen zu hören, sämtliche Rufe nach Zugaben blieben jedoch leider unerhört. Das ist jedenfalls ausbaufähig, gern mehr davon!

Nun also KOMMANDO PIMPERLE MARLIES, Gitarrist/Sänger Uwe Umbruchs neue Band nach PUBLIC TOYS, [HAPPY] REVOLVERS, HIROSHIMA MON AMOUR und HOTEL ENERGIEBALL, also der halben Rheinland/Ruhrpott-Inzucht-Connection. Am Start hat man ‘ne 7“-EP, die schon mal ‘ne glatte Eins ist. In Trio-Größe und mit (ehemaligen) BRIGADE-S- und FAHNENFLUCHT-Mitgliedern zockt das KOMMANDO melodischen Punkrock mit leichter Rock’n’Roll-Schlagseite und Gespür für eingängige Refrains, dazu deutschsprachige Texte. Der Drummer, ‘ne Mischung aus Vetter It und Zappelphilipp, drehte derbe auf und lieferte auf seinem minimalistischen Kit ein echtes Filetstück in Sachen Punk-Getrommel ab. Uwe Umbruch scheint kaum gealtert, führte mit launigen Ansagen souverän durchs Set und kündigte scherzhaft ständig an, Hardcore-Stücke zu spielen, was er jedoch schuldig blieb. Der Song „Tommy“ stach mit seiner traurigen Stimmung aus dem übrigen Material heraus, zu dem u.a. ein „Kalt wie Eis“-Cover von TEMPO zählte, das ich vom Soundtrack zum gleichnamigen Carl-Schenkel-Film kenne. Irgendwas über Berlin und Kokain gab’s auch noch, anscheinend auch ‘nen Song über Greifswald. Die Songs klingen leidenschaftlich und authentisch, das wirkt alles sehr sympathisch. Den Schulterschluss zum Publikum suchte man, indem man mehrmals mit frischen Bierkannen mit ihm anstieß. Doch auch unabhängig davon dürften KOMMANDO MARLIES gut angekommen sein; das war ein vielversprechender Gig mit starken Songs, der Lust auf mehr machte und bewies, dass Umbruch immer noch ein verdammt versierter Songwriter ist. Dann klöppelt mal ‘n schniekes Album zusammen!

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