Günnis Reviews

Monat: Oktober 2023

14.10.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: COCKNEY REJECTS + NINETEEN EIGHTY FOUR + ON THE RAMPAGE

Man mag es kaum glauben, aber ich hatte die COCKNEY REJECTS noch nie livegesehen – die (Mit-)Erfinder des Oi!-Punk, die West-Ham-Legende aus Londons East End, die mit „Stinky“ Turner & Co. personifizierte Street Credibility! Es ist ja nun nicht so, dass sie nicht seit mittlerweile doch einigen Jahren regelmäßig Station in Hamburg machen würden; einmal hätte ich sogar die Gelegenheit gehabt, mit meiner eigenen Kapelle zu eröffnen, aber es war jedes Mal etwas dazwischengekommen. Nicht so diesmal! Zumal es sich um die Abschiedsrunde der Band handeln soll, die fortan zwar weiterbestehen und vereinzelte Gigs spielen, aber nicht mehr auf Tournee gehen wolle. In meinen Plattenregalen tummeln sich ehrlich gesagt „nur“ die bescheiden „Greatest Hits Vol. I-III“ betitelten drei Alben aus den Jahren 1980 und ‘81, was danach kam, soll seinerzeit mit hardrockigeren Klängen (zeitweise gar unter dem gekürzten Namen „The Rejects“) die alten Fans vergrault haben – und habe ich mir deshalb nie angehört. Könnte ich in diesen Musikstreaming-Zeiten eigentlich locker mal nachholen. Und natürlich auch die jüngeren Alben, mit denen sie zum alten Stil zurückgefunden haben sollen.

Zumindest auf letzteres habe ich nach diesem Konzert richtig Bock, aber der Reihe nach: Im 350 Gäste fassenden, ausverkauften Monkeys hatten die Niederländer ON THE RAMPAGE bereits zu spielen begonnen, als meine bessere Hälfte und ich unsere Tickets gegen Stempel eintauschten, waren demnach ober- oder gar etwas überpünktlich auf die Bühne gegangen. Sie zockten gerade recht kompetent ein THE-CURE-Cover („A Forest“), als wir dazustießen, und peppten ansonsten ihren etwas roheren, mit heiserer Stimme vorgetragenen Streetpunk mit sehr coolen Bassläufen auf, die schon mal die Gitarre als Lead-Instrument ablösten und bei Top-P.A.-Sound viel Spaß machten. ON THE RAMPAGE haben bisher ein Album am Start, das 2020 auf Sunny Bastards und Comandante Records erschienen ist. Ihre Ansagen hielten sie auf Deutsch und über die nächste Band wussten sie zu sagen, dass sie „gar nicht so scheiße“ sei.

Gemeint waren die französischen NINETEEN EIGHTY FOUR, die bisher zwei Alben und eine Handvoll Siebenzöller anzubieten haben. Frauen in Bands sind nichts Außergewöhnliches, eine Drummerin ist aber nach wie vor die Ausnahme. Diese verpasste dem recht smoothen, melodischen Streetpunk, nun mit zwei Gitarren, mit schönen Chören angereichert und einer auf die späten Siebziger abzielenden Oldschool-Ausrichtung, einen ordentlichen Punch. Gesungen wurde – nicht selbstverständlich für französische Bands – auf Angelsächsisch und zwei Nummern, insbesondere die letztere der beiden, erinnerte mich stark an THE CLASHs „Guns of Brixton“ (und andere nicht auf fröhlich getrimmte Punk/Reggae/Ska-Crossover-Songs). Schöner Gig, der nun auch ein paar mehr Leute zum Tanzen animierte. Leider gab’s keine Zugabe.

COCKNEY REJECTS eröffneten mit „Fighting in the Streets“ und hauten anschließend einen Gassenhauer nach dem anderen ‘raus, von frühem Material wie „I’m Not a Fool“ und „Flares ’n‘ Slippers“ über quasi sämtliche Hits der ersten beiden Alben bis hin zu in kleiner Dosis eingestreuten Stücken späterer Platten. Vom ungeliebten „The Power and the Glory“ gab’s den tatsächlich hörenswerten Opener „Power & Glory“ sowie „On the Streets Again“, aufhorchen ließ mich auch der Hit „I love Being Me“, der sich, wie ich jetzt weiß, auf „East End Babylon“ befindet. War überhaupt etwas von der aktuellen Langrille „Power Grab“ dabei? So oder so: Ein Best-Of-Set, wie man es sich als Fan der Klassiker nur wünschen konnte. Über die Form der Band hatte ich die letzten Jahre nur Gutes vernommen, was sich bewahrheiten sollte: Da saß jedes Riff, und Frontmann Turner, ehemaliger Boxer und nebenbei als Boxlehrer tätig, hat sein schrilles, herrlich rotziges Punkorgan kaum eingebüßt, war zudem permanent in Bewegung: Wenn er gerade nicht sang, ging er seinem Erkennungszeichen, dem Schattenboxen, nach und trainierte seine Beinarbeit. Mein lieber Scholli, wenn ich mal in dem Alter bin, will auch noch derart fit sein. Seine Ansagen erfolgten stilecht im breiten Cockney-Slang und er interagierte mit dem Publikum, ging auf Tuchfühlung, hielt dem Pöbel des Mikro zum Mitgrölen der Refrains vor die Fratzen. Entsprechend gut was los war vor der Bühne – Pogo, gereckte Fäuste, inbrünstig skandierte Songtexte. Stimmungshöhepunkte waren „We Are The Firm“, „The Greatest Cockney Rip-Off” (das ich schon den ganzen Tag im Ohr hatte), „Police Car“ und natürlich die West-Ham-Hymne „I’m Forever Blowing Bubbles“ sowie „Oi! Oi! Oi!“, der, soweit ich mich erinnere, bis ganz zum Schluss aufgespart wurde. Die Band gab sich generell keinerlei Blöße, zockte die rüpeligen Songs, als hätten wir 1982, und ist an den entscheidenden Positionen Gesang und Gitarre originalbesetzt. Das Publikum habe ich als angenehm gefunden, gemeinsam wurde ‘ne astreine Party gefeiert. An diesem Auftritt hab‘ ich so gar nichts zu bekritteln; im Prinzip verlief er genauso, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Danke an die COCKNEY REJECTS für die musikalische Rückbesinnung, das Fitbleiben der verbliebenen Originalmitglieder und den Spaß an subkulturellen Clubshows, und danke ans Monkeys, das einmal mehr den idealen Rahmen für eine Veranstaltung wie diese bot. Würde mich freuen, die Band irgendwann noch mal sehen zu können.

Das knallgelbe „Bad Man“-Shirt vom Merch-Stand hätte ich mir vielleicht im nüchternen Zustand nicht unbedingt zugelegt, aber warum nicht mal wieder etwas Mut zur Farbe? 😀

Frank Schäfer – Woodstock ’69: Die Legende

Der Braunschweiger Frank Schäfer, Autor zahlreicher Veröffentlichungen aus den Bereichen Literatur- und Musikkritik, Populär- und Subkultur sowie autobiographisch geprägter Romane, machte sich mit dem im Jahre 2009 im österreichischen Residenz-Verlag veröffentlichten „Woodstock ‘69“ daran, ein ganz dickes Brett zu bohren: eine sich über rund 200 Taschenbuchseiten erstreckende Rekonstruktion des legendären Hippiefestivals, die sich auf eine beachtliche Zahl an Quellen stützt. Natürlich war der 1966 geborene Schäfer seinerzeit nicht selbst vor Ort. Dank seiner akribischen Quellenauswertung liest sich das in fünf Hauptkapitel unterteilte Buch jedoch mitunter, als sei er es gewesen.

So lassen sich die Vorbereitungen von der Gründung der Veranstaltungsfirma mit ihren gegensätzlichen Charakteren über fragwürdige Finanzdeals inkl. deren Hintergründe bis zu den Schwierigkeiten, ein passendes Gelände zu finden, nachlesen. Dass das Festival letztlich gar nicht in Woodstock, sondern 50 Kilometer entfernt stattfand, dürfte bereits für viele nicht unbedingt zum Allgemeinwissen zählen. Man erfährt Details zur Zusammenstellung des Line-Ups, sogar die einzelnen Gagen werden genannt. Schäfer schreibt unterhaltsam und bei aller Faktentreue spannend. Kritische Worte in Richtung der Veranstalter und deren Organisationsschwächen lassen früh erahnen, dass Schäfer nicht daran gelegen ist, den Woodstock-Mythos weiter zu nähren. Stattdessen stellt er diesen infrage, setzt sich aber auch mit von anderen kolportierter Kritik auseinander und zitiert zahlreiche Zeitzeugen. Über Schein und Wirklichkeit der u. a. von Warner Brothers finanziell gepuderten Veranstaltung heißt es beispielsweise auf S. 39:

„[…] [D]as öffentliche Bild war – und ist bis heute – ein anderes: nämlich das eines finanziellen Fiaskos. Und die Verantwortlichen taten gut daran, dieses Bild aufrechtzuerhalten, denn es verschaffte allen ein Alibi. Man konnte sich hier amüsieren, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, den Ausverkauf der Hippie-Lehre zu unterstützen. ‚Erst das‘, konstatiert Thomas Groß zu Recht, ‚machte aus dem Ereignis eine Art Lourdes des gegenkulturellen Glaubens.‘“

Einen Großteil des Buchs machen detaillierte Beschreibungen der einzelnen Auftritte aus, die weit über das hinausgehen, was man in den bekannten Dokumentarfilmen zu sehen und hören bekommt. Schäfer liefert Hintergrundinformationen, Analysen und Stimmen. Er geht auf die gesellschaftlichen und politischen Umstände angesichts des Vietnamkriegs sowie die Gründe für die Reihenfolge, in der die verschiedenen Acts die Bühne betraten, ein und zitiert ganze Songtextpassagen, stets begleitet vom Stimmungsbild der öffentlichen Berichterstattung und Beschreibungen der immer schlechter werdenden infrastrukturellen Umstände vor Ort – und wie man ihnen begegnete. CANNED HEAT und MOUNTAIN als musikalisch etwas härtere Bands sind ebenso Teil Schäfers musikhistorischer Reflektion wie THE GRATEFUL DEAD, wenn er der Frage nachgeht, weshalb ausgerechnet diese Vorzeigehippies trotz ihres Auftritts so wenig mit Woodstock in Verbindung gebracht werden. Mit CCR und THE WHO betraten wirklich gute Bands die Woodstock-Bühne, von denen mindestens letztere gar nicht so recht aufs Festival passten – wie Schäfer treffend analysiert.

Unterbrochen wird der musikalische Teil von einem Exkurs zu LSD-Papst Timothy Leary – frei von Verklärung, vielmehr fundiert und angemessen kritische Stimmen zitierend – sowie etwas, das sich bereits immer mehr angedeutet hatte: einem vielleicht recht hart anmutenden, aber gerechten Abgesang auf den Woodstock-Mythos und die Hippies, wofür Schäfer das „Westcoast-Woodstock“ Altamont Free Concert und die bereits zuvor verübten Morde durch die „Manson-Family“ heranzieht. Er zitiert verschiedene Erklärungsversuche und -ansätze und fasst die Ausschreitungen auf etlichen Festivals nach Woodstock zusammen. Anschließend geht es zurück nach Woodstock und damit zu den Sonntagsauftritten, wie jenem von CROSBY, STILL, NASH & YOUNG kurz vor der Veröffentlichung des ersten Soloalbums Neil Youngs, dem der Rock’n’Roll-Covertruppe SHA NA NA und natürlich Headliner JIMI HENDRIX‘, der – wie seine Vorgänger – erst am Montagmorgen spielte, als der Großteil des Publikums bereits wieder abgereist war! Seine Berichte zu den nicht in den bekannten Dokumentar- und Konzertfilmen enthaltenen Auftritten fußt Schäfer auf etlichen anderen Quellen bis hin zu Bootleg-Aufnahmen, aus denen er sie gewissermaßen rekonstruiert. Meist macht er zudem Angaben zum jeweiligen Bild- und/oder Ton-Veröffentlichungsstatus der einzelnen Auftritte, auch hier bis hin zu Bootlegs und YouTube-Fragmenten, was Woodstock-Archäolog(inn)en und -Sammler(innen) erfreuen dürfte (heute, also 14 Jahre später, aber wahrscheinlich nicht mehr ganz aktuell ist).

Teil des Woodstock-Mythos ist jener um JIMI HENDRIX, und auch dieser hat bei Schäfer kaum Bestand. Hendrix habe den US-Krieg gegen Vietnam sogar befürwortet und die Nationalhymne schon lange im Programm gehabt. (Schäfers Bibliographie weist übrigens zwei gesonderte Veröffentlichungen zu Hendrix auf: „A Tribute To Jimi Hendrix“, 2002 und „Being Jimi Hendrix“, 2012.) Das letzte Kapitel widmet sich der Postfestival-Rezeption und beginnt mit einer Art Pressespiegel. Außerdem wird die sicherlich nicht ganz unbedeutende Rolle der Filmcrew einzuordnen versucht. Schäfers These, und sie wird wahr sein: Der überraschend friedliche Ablauf beruht vor allem darauf, dass die Polizei draußen bleiben musste und der Sicherheitsdient sich aus eigenen, quasi subkulturellen Reihen rekrutierte – in Kombination mit einem drogensedierten Publikum. Dass Veranstalter, Publikums, Einzelinterpreten und Bands aber ein verschworener, für Love & Peace an einem Strang ziehender Haufen gewesen seien, gehört aber ins Reich der Fabel. Schlussendlich zieht er ein sich aus zahlreichen Zitaten zusammensetzendes Fazit zur Entstehung des Woodstock-Mythos, den er mit seinem Buch beeindruckend auseinandergenommen hat.

Insgesamt setzt Schäfer 240 Quellenverweise; wiederholt geht er auch über die Zitatform hinaus auf andere Literatur zum Thema sowie Szenen der Woodstock-Filme ein. Er zitiert auch sich widersprechende Aussagen und versucht, durch Abwägungen der Wahrheit näherzukommen. Für diese Kleinarbeit gebührt ihm ebenso Respekt wie für sein Geschick, daraus eine spannende Lektüre zu formen, die sich flüssig liest. Außer in jenen Momenten, in denen Schäfer seiner Schwächen für die Verwendung möglichst obskurer Wörter nachgibt. Gestolpert bin ich u.a. über lysergsauer (S. 27, = unter LSD-Einfluss), bramarbasiert (S. 76, = prahlerisch), Inaugurationsakt (ebd., = Amtseinführungsakt), Locus amoenus (S. 140, = idealisierende Naturschilderung in der Literatur), bukolisch (S. 141, = idyllisch), ausbedungen (S. 165, = zur Bedingung gemacht), decrouvierenden (S. 170, = entlarvenden) und arrondierend (S. 181, = abrundend).

Ein paar Fotos wären indes schön gewesen, insbesondere dann, wenn Schäfer Bilder wie z. B. die Plakatgestaltungen beschreibt. Die Buchmitte offeriert zumindest ein wenig Vor-Ort-Bildmaterial in Schwarzweiß. Sei’s drum, „Woodstock ‘69“ brachte mir als grundsätzlich pop- und rockkulturell interessiertem Leser, der jedoch Hippies und ihre Musik verabscheut, nicht nur den Festivalverlauf, sondern generell US-Musik der 1960er näher, wobei Schäfers subjektiver Musikgeschmack natürlich in seine Bewertungen miteinfloss. Interessanterweise schreibt er im Zusammenhang mit SHA NA NA vom Musicalfilm „Grease“ als das Ende eines ersten ‘50er-Revivals, das bereits Ende der 1960er begonnen habe – gewissermaßen also auch durch den SHA-NA-NA-Gig auf der Woodstock-Bühne.

Als überraschend hart empfand ich lediglich Schäfers JOAN-BAEZ-Schelte. Frank, wir wissen doch beide: Ohne Baez kein „Diamonds and Rust“ von JUDAS PRIEST!

Copyright © 2026 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén↑ ↑