Günnis Reviews

Autor: Günni (page 1 of 85)

Gerald Fricke / Frank Schäfer – Das Campus-Wörterbuch

Klugscheißerhumor

„Das Campus-Wörterbuch“, 1998 gut 100 Seiten stark im Eichborn-Verlag erschienen, steht in der Tradition vom späteren Rock- und Metal-Literaten Frank Schäfer in Koautorschaft mit Kollegen wie Gerald Fricke verfasster „lexikalischer Werke“, die sich vielmehr der humoristischen, persiflierenden Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Themenkomplex verschrieben haben. „Unter Mitarbeit einiger Fachgelehrter“, also inklusive einigen Gastbeiträgen, knöpfen sich Fricke und Schäfer den kompletten universitären Wortschatz „von Abitur bis Zwangsexmatrikulation“ vor und grasen damit einen allein schon aufgrund seines elitären Vokabulars sehr dankbaren Bereich ab. Und selbst, wenn man wie der Verfasser dieser Zeilen bereits im fünften Semester ist, wird man noch nicht ohne Weiteres alle hochtrabend klingenden Begriffe korrekt zuzuordnen wissen. Da hilft dieses Taschenbuch, das sprachlich zwischen wissenschaftlichem Duktus und deftiger Polemik fast alles auseinandernimmt, was mit Unis und dem Studierendendasein zu tun hat. Beides wird kräftig aufs Korn genommen, manchmal vielleicht etwas sehr selbstverliebt in die Fähigkeit zur eigenen akademisch verschwurbelten Schreibe und nicht immer unter Rücksichtnahme auf die Rezipierenden, die mitunter nur Bahnhof verstehen, wenn es allzu Insiderwissen-voraussetzungsreich wird.

Stand des Buchs ist indes 1997 und seitdem hat sich doch einiges geändert. Da „Das Campus-Wörterbuch“ jedoch auch immer wieder Bezug auf historische Ereignisse oder Personalien nimmt, vermittelt es einen durchaus aufschlussreichen Eindruck von der Vergangenheit – und davon, was sich anscheinend nie ändert. Manch einer bekommt ganz schön sein Fett weg und auch die Beurteilung der unterschiedlichen deutschen Universitätsstädte dürfte aufgrund ihres bisweilen beißenden Spotts nicht vorbehaltlos auf Gegenliebe stoßen. Kein Buch zum Durchackern am Stück, sondern zum immer mal wieder Hervorholen und sich alphabetisch Vorarbeiten, flankiert von einem Vorwort, einem – natürlich – Literaturverzeichnis sowie, als besondere Pointe, einem vernichtenden Gutachten dieser „Diplomarbeit“ durch Prof. Dr. Hanno Hackmann, eventuell bekannt aus Dietrich Schwanitz’ „Der Campus“-Roman.

Ralph Valenteano – Das Lächeln der Liebe. Der siebenstufige Pfad zu einer erleuchteten Beziehung

„Was ist das Geheimnis einer erfüllenden Beziehung? Begleiten Sie die unglückliche Beziehungswaise Mali dabei, wie sie ihre Antwort auf diese Frage aller Fragen findet. Hilfe erfährt sie dabei von dem erleuchteten Beziehungsweisen Malik, dem einst von Buddha und Jesus die ,Kunst des Herzens’ und das Wissen um den ,siebenstufigen Pfad zu einer erleuchteten Beziehung’ gelehrt wurden.“ (Klappentext)

Der Musiker und Verfasser von Büchern „zu mystischen und spirituellen Themen“ (Wikipedia) Ralph Valenteano veröffentlichte im Jahre 2011 über den Darmstädter Schirner-Verlag dieses 80-seitige Büchlein mit Lettern großzügigen Formats, das angereichert wurde mit iStock-Illustrationen, die an fernöstlichen Buddhismus gemahnen sollen, aber vielmehr an all diese bis unter die Decke mit überteuertem, überflüssigem Krempel vollgepackten, penetrant nach Räucherstäbchen müffelnden Esoterik-Läden erinnern. In Form eines kitschigen Märchens, in dem die hübsche Mali, die stets an die falschen Partner gerät, auf den weisen Heiler Malik trifft, der sie an die Hand nimmt und lehrt, wird die universelle Botschaft vermittelt, dass man erst einmal sich selbst finden muss, bevor andere einen lieben können. Diese simple Formel ist sicherlich nur allzu wahr. Um keine ungesunden emotionalen Abhängigkeiten zu entwickeln und jedes Mal aufs Neue denselben Mist durchzumachen, sollte man sich darüber bewusst werden, welche eigenen Charakterzüge, Fehler und unverarbeiteten Verletzungen bis hin zu Traumata einem die jeweils falschen Partnerinnen oder Partner eigentlich widerspiegeln, und daraufhin in seiner eigenen Seele mal kräftig entrümpeln, aufräumen und feucht durchwischen, um mit sich selbst im Reinen zu sein und dadurch Partnerinnen oder Partner kennenlernen zu können, die dies auch sind und mit denen eine erfüllende Beziehung auf Augenhöhe möglich wird, in der man sich gegenseitig ergänzt statt sich herabzuziehen.

So weit, so gut. Die Besserwisserei des Allwissenheit für sich beanspruchenden Malik in diesem Büchlein ist jedoch ebenso befremdlich wie die undifferenzierte Aufforderung zur Vergebung. Natürlich kann man unaufgeräumten Ex-Partner(inne)n, mit denen man chaotische und turbulente oder schmerzhafte Zeiten hinter sich hat, verzeihen, ist man erst einmal mit sich selbst im Reinen und sich darüber bewusst, wie und weshalb man diese Partnerschaft heraufbeschworen und was man für seinen weiteren Lebensweg an Lehren daraus gezogen hat. Mit keiner Silbe geht Valenteano jedoch darauf ein, dass sich mitnichten alles vergeben lässt, schon gar nicht, wenn etwas vorgefallen ist, was seinerseits Traumata o.ä. ausgelöst hat. Auch esoterischer Humbug wie „Alle Menschen sind auf der geistigen Ebene miteinander verbunden“ ist abzulehnen. Das wäre ja furchtbar! Dieses Büchlein propagiert ferner unverbesserlichen Optimismus – als müsse man nur fest genug an etwas glauben, damit es in Erfüllung geht. Auf komplexere, weitergehende Fragen jedoch weiß auch Valenteano keine Antwort und wirft stattdessen munter mit Jesus- und Buddha-Zitaten um sich und bringt auch noch Gott ins Spiel. Diese verquaste Vermengung religiöser Konnotationen mit esoterischem Geschwurbel ist ärgerlich, aber letztlich typisch für diese Klientel in ihrer Erklärung psychologischer Phänomene mittels übernatürlicher „Mächte“.

So hilfreich es sein mag, innerhalb einer auf Effizienz, Konkurrenzkampf und Technologiegläubigkeit ausgerichteten Welt zu sich selbst zu finden, sein persönliches emotionales Gleichgewicht auszutarieren und sich eine gewisse Spiritualität zu wahren, so kontraproduktiv ist es, einfache Wahrheiten esoterisch aufzuladen und bedeutungsschwanger mit Begriffen wie „Erleuchtung“ u.ä. um sich zu werfen, um eine weltfremde Klientel entsprechend zu bedienen, statt an den gesunden Menschenverstand zu appellieren.

06.03.2020, Villa, Wedel: EUPHORIE + HARBOUR REBELS + BOLANOW BRAWL + BACKPAIN

Bei einem solch reizvollen Gig-Angebot unterbrechen wir dann doch gern mal unsere Aufnahmen, denen unsere Proben weichen mussten, proben wenigstens ein, zwei Mal das Set und begeben uns frohen Mutes nach Wedel, wo wir vor einigen Jahren schon mal zur Audienz gebeten hatten. Erfolgreich beanspruchten wir auch diesmal, den Opener zu machen. Der Soundcheck lief super (mit der Ausnahme, dass Christian ein Kabel schrottete und sich Ersatz leihen musste), HARBOUR-REBELS-Drummer Chris griff tatkräftig beim Anbringen des Banners unter die Arme und die frisch zubereitete Kürbissuppe+ (mit diversen Gemüseeinlagen) inklusive Baguette mundete vorzüglich – Kompliment an die Küche! Unsere Tradition, auf wenigstens eine Bierlänge den Veranstaltungsort zu verlassen und ein einheimisches Lokal aufzusuchen, verschlug uns diesmal in die Bahnhofskneipe „Holsteiner“, wo Astra vom Fass leer war und wir daher unsere Knollen bei Beschallung mit fragwürdigen Gangsta-Rap-Videos auslutschten.

Gegen 21:30 Uhr zockten wir vor rund 50 Leuten unser Set durch, das mit „Cliché“ eine Live-Premiere enthielt. Der neue Song verfügt über die bisher einzige deutsche Textzeile unserer Bandgeschichte, nämlich der perfekt mit dem Titel korrespondierenden „Heute gehen wir saufen – Punkrock, Fußball, Oi!“. Wie im Prinzip auch alles andere flutschte das Ding anstandslos. Zwischen den Songs fiel auf, dass gefühlt die Hälfte unseres Programms vom Hafengeburtstag inspiriert ist (dem Hamburger wohlgemerkt, nicht dem Wedeler oder gar dem Buxtehuder), und für jeden debilen Gag forderte Christian von Raoul einen Schlagzeugtusch ein. Keith wiederum dankte mir jedes Verlassen der Bühne zugunsten der Tanzfläche, die ich an diesem Abend ständig mit ihm (statt wie sonst mit Ole) aneinanderrasselte. War ‘ne willkommene Abwechslung, mal wieder live zu spielen – nur für ‘ne Zugabe erschien uns der Mob vor der Bühne noch etwas zu müde, weshalb wir ihm diese ersparten.

Die HARBOUR REBELS, jene erst vor wenigen Jahren gegründete Hamburger Streetpunk-Band um Ex-FAST-SLUTS-Bassistin Jule am Gesang und Mitgliedern von HEIAMANN, INSIDE JOB etc., belegten den mittleren Slot. Vornehmlich deutschsprachige, eingängige Songs mit viel Melodie und Hooks, knackigen Refrains und Jules fantastischer Stimme decken neben szenetypischen Themen (mein Favorit: „Trunkenbold“!) auch ernstere, unerfreulichere Bereiche ab, womit man sich angenehm von rein diverse Klischees bedienenden oder mit „unpolitischer“ Laissez-faire-Haltung kokettierenden Langweilern absetzt. Die Band ist schon verdammt weit rumgekommen (ich sag‘ nur: Asien-Tour) und äußerst konzertfreudig, sodass sie auch bestens eingespielt ist und alles sitzt wie ‘ne Eins. Geschmack bewies man auch bei der Cover-Version „Skinhead Times“ von THE OPPRESSED. Spitzenband und ein klasse Auftritt, der zurecht abgefeiert wurde!

Headliner des Abends waren somit die Münchner EUPHORIE, die nach der „Euphorie im Blut“-EP jüngst mit „Mittelfinger“ ein Hit-Album im guten alten unbekümmerten Oi!-Schraddel-Punk-Stil mit kräftiger Leck-mich-Attitüde abgeliefert haben. Ihre Heimatstadt verorten manche nach Bayern, für manch Hamburger oder Schleswig-Holsteiner hingegen ist das längst Norditalien. Aus Sicherheitsgründen und in Ermangelung von paranoiden Deutschen weggehamsterter Desinfektionsmittel arbeitete ich bereits den ganzen Abend daran, möglichen Corona-Infektionen mit der Alkoholkeule zu begegnen und meinen Körper von innen heraus bestmöglich vorbeugend zu desinfizieren. Das schien sehr gut zu funktionieren, ich fühlte mich mopsfidel und dazu in der Lage, die bestens auf den Punkt kommenden deutschsprachigen Alltagshymnen des Trios tanzend zu begleiten. Der EUPHORIE-Gig avancierte zur perfekten Party; obwohl die drei bereits einige Tourtermine in den Knochen hatten, gaben sie sich keine Blöße und hauten kräftig auf die Kacke. Sauber!

Doch anstatt das einfach mal als Höhepunkt des Abends stehenzulassen, setzte Wedel noch einen drauf: Die Oldschool-Hardcore/Hardcore-Punk-Combo BACKPAIN hatte sich spontan entschlossen, im Anschluss ans reguläre Programm noch einen kurzen Gig anzuhängen. Dieser wurde der totale Abriss, der mich derart unvorbereitet traf, dass ich Fotos zu machen vergaß und mich auch ansonsten nicht mehr detailliert erinnern kann – außer, dass die Kleinstadt an der Grenze zu Hamburg einmal mehr eine unfassbar talentierte Band ausgespuckt hat, die mit verschiedenen Shouterinnen und Shoutern (u.a. LAST-LINE-OF-DEFENSE-Eloi und DERANGED-Mareike) die Scheiße noch mal so richtig zum Kochen brachte! Das war die Kirsche auf der Sahnehaube eines klasse Abends, nach dem ich aber auch froh war, noch zwei Tage Wochenende vor mir zu haben. Nicht so übrigens HARBOUR REBELS: Diese zockten direkt am nächsten Tag in den Fanräumen für den guten Zweck, die Rollstuhl-Erlebnisreisen Giambo. Und auch EUPHORIE mussten in Limburg noch mal ran. Respekt! Danke an Benny, Nelly und alle anderen in die Organisation Involvierten, natürlich an Bands und Publikum sowie an Svenja und Flo für die Schnappschüsse!

21.02.2020, Kulturpalast, Hamburg: DESTRUCTION + LEGION OF THE DAMNED + SUICIDAL ANGELS + FINAL BREATH

Die internationale Thrash-Alliance-Tour machte ungefähr auf ihrer Mitte in Hamburg Halt und ging dankenswerterweise nichts in Docks oder in die Markthalle, sondern in den Kulturpalast am Bambi Galore, dem Herzen der Hamburger Metal-Szene. Der Eintrittspreis war echt fair, das Bier bezahlbar und der Termin an einem Freitag, also stand nach einer Feierabenddönerstärkung dem Thrash-Vergnügen eigentlich nichts mehr Wege. Wir hatten uns bemüht, peinlich pünktlich zu erscheinen, um den Opener FINAL BREATH nicht zu verpassen. Aufgrund etwas widersprüchlicher Angaben bei Fratzenbuch, auf dem Kulturpalast-Internetauftritt und auf den Eintrittskarten hätten wir aber gar nicht so zu hetzen brauchen: Obwohl bereits reichlich Metal-Volk anwesend war, waren wir sehr früh dran und konnten uns in aller Seelenruhe ins Bambi begeben, wo der Merchandise der Bands aushing und auslag. Kurios: DESTRUCTION verticken gebrauchte, reichlich lädierte Drumsticks ihres Trommlers Randy Black sowie ebenfalls Gebrauchsspuren aufweisende Trommelschoner oder so. Ob die ebenfalls in der Auslage zu findenden Schlüpfer mit aufgedrucktem DESTRUCTION-Schädel auch bereits benutzt waren, traute ich mich nicht herauszufinden. Was man als Band heutzutage so alles anbieten muss, um in Zeiten eingebrochener Tonträger-Verkäufe über die Runden zu kommen… Dafür bereue ich es heute, mir nicht gleich eines der schnieken Mad-Butcher-Shirts gesichert zu haben.

Ich war etwas in Sorge, dass der Live-Auftritt der ersten Band wieder für den Soundcheck herhalten würde müssen und man die Hälfte eines vermutlich ohnehin kurzen Sets lediglich Brei serviert bekäme, doch das war unbegründet: FINAL BREATH hatten vom ersten Ton an einen verdammt guten Sound, wenn auch durch die recht lauten Kickdrums etwas basslastig. Die bereits seit Mitte der 1990er aktiven und auf vier Alben sowie eine EP zurückblickenden bayrischen Death-Thrasher setzen auf Pretiose und Atmosphäre, ließen sie doch ein langes, düsteres Intro inkl. zum Bandnamen passenden Auszügen aus Schuberts Schwanengesang erklingen (meinte meine bessere Hälfte herausgehört zu haben 😉 ). Obwohl man sich fortan vornehmlich durch Midtempo-Material walzte, bildete sich recht früh ein hübscher Moshpit, zwischendurch wurde die Band immer wieder angefeuert. Später packte man die flotter gespielten Abrissbirnen aus und sorgte für noch mehr Stimmung. Was mir von den langsameren Songs auf Platte vielleicht zu zäh oder monoton gewesen wäre, entfaltete live eine unheilvolle, leicht morbide Atmosphäre, die vom dunklen Bühnenlicht untermalt wurde. Überrascht war ich auch von der Spielzeit der Band, die mir – ohne auf die Uhr geguckt zu haben – länger erschien als meist für Opener üblich. Ein gelungener Auftritt und perfekter Einstieg in den Abend.

Nach recht kurzer Umbaupause breiteten die griechischen SUICIDAL ANGELS ihre Flügel aus, die auf ihrer jüngsten Langrille „Years of Aggression“ mit Songs wie „Born Of Hate“, „The Roof of Rats” und „D.I.V.A.” einige neue Hits untergebracht hatten und sich weiter vom SLAYER-Soundalike emanzipierten.  Von diesen schaffte es lediglich „Born Of Hate“ ins Set, das mit dem Kriegsdoppel „Endless War“/„Capital Of War“ startete und mit „Bloodbath“ zwischenzeitlich seinen Höhepunkt erreichte. Ansonsten hätte ich persönlich den einen oder anderen Song gegen etwas brutaleren Stoff ausgetauscht. Was mich aber viel mehr irritierte, war der gemessen an den anderen drei Bands gefühlt (und gehört) deutlich leisere P.A.-Sound. Oder war das Einbildung? Die Stimmung weiter anzuheizen half der Gig nichtsdestotrotz und das weiter freidrehende Publikum hatte seinen Spaß.

Unterschätzt hatte ich die Kaasköppe LEGION OF THE DAMNED. Was ich bis aufs Debüt „Malevolant Rapture“ für in der Plattensammlung weitestgehend verzichtbar hielt, entpuppte sich live als ultrafieses, tightes Abrisskommando, das mir zeitweise den Atem stocken ließ. Die Setlist der Death-Thrasher setzte sich aus Songs des aktuellen Albums „Slaves of the Shadow Realm“, u.a. dem von mir als Hit des Albums notierten „The Widows Breed“, und älteren Stücken zusammen. Zwar musste ich auf meinen Liebling „Malevolent Rapture“ verzichten, entdeckte mit dem Titeltrack des dritten Langdrehers „Feel The Blade“ aber einen neuen Favoriten und mit dem Signature-Tune „Legion of the Damned“ kam das Debüt dennoch zu vom dazu animierten Publikum mitgesungenen Ehren. Wenn dieser Auftritt nicht ein paar Falten aus der Fresse gezogen hat, hilft auch kein Oil of Olaz mehr: Pfeilschnell, schön fieser Würgröchelkeif-Gesang eines Sängers, der uns zu verstehen gab, uns unsere Kehlen aufschlitzen zu wollen, eine aus sackstarkem Riffing und morbider Melodie errichtete unzerstörte Gitarrenwand und ein brutales Rhythmus-Massaker. Jawoll!

Auf den Headliner DESTRUCTION hatte ich mich am meisten gefreut, feiere ich die deutschen Thrash-Pioniere doch bereits seit seligen Kindheitstagen der 1980er. Als ich erfuhr, dass sich die Band um die Urgesteine Schmier und Mike endlich wieder um einen zweiten Gitarristen verstärkt hat, freute ich mir den Arsch ab – endlich wird Mike gerade live entlastet und endlich bleibt der volle Klampfendruck auch während der geilen Soli erhalten. Der neue Mann heißt Damir Eskić, spielt außerdem bei den Schweizern GOMORRA und hat das neue Album „Born to Perish“ miteingespielt, das mir auch wieder besser als die vorausgegangenen gefällt. Nach dem wunderbar passenden BARRY-MCGUIRE-Evergreen „Eve Of Destruction“, das als Intro aus der Konserve erklang, stieg das Quartett mit dem Titeltrack des neuen Albums ein, von dem es glaube ich drei weitere Stücke in die Setlist geschafft hatten. Ansonsten gab‘ nur wenig jüngeren Stoff, dafür Klassiker wie „Tormentor“ und „Mad Butcher“, das Instrumental-Stück „Thrash Attack“, „Death Trap“ und „Life Without Sense“, zu denen längst auch die extrem lecker gereiften mittelalten „Nailed to the Cross“, „Thrash Till Death“ und „The Butcher Strikes Back“ gehören. Letzterer läutete den zwei oder drei Songs umfassenden Zugabenblock ein, ansonsten bekomme ich die Reihenfolge nicht mehr zusammen – statt mir Notizen zu machen, habe ich DESTRUCTION abgefeiert und so gut ich konnte mitgesungen, während Andere moshten, pogten, circlepitetten, wallofdeathten oder crowdsurften. Schmier führte wie gewohnt in seiner Bühnenrolle, also mit evil verstellter Stimme, durchs Set, was ich ja immer bischn albern finde, ansonsten habe ich aber absolut nichts zu meckern. Hammer-Gig, der nicht nur mich kräftig durchschüttelte und euphorisierte. DESTRUCTION in Top-Form! Nur eines noch: Nehmt mal ruhig „Under Attack“ dauerhaft ins Set, ist ein Spitzensong!

So herrlich all das auch war, eines muss ich noch loswerden: Auf wessen Mist ist das Absperrgitter vor der doch ohnehin recht hohen Bühne gewachsen? Soll das eine Sicherheitsmaßnahme wegen der ab und zu aus dem Bühnenboden schießenden Kunstnebelfontänen sein? Keine Gitter, dafür ein paar Stagediver wären Stimmung und Atmosphäre in jedem Falle noch zuträglicher gewesen. Aber uns war’s am Ende wurscht. Wir verzogen uns noch auf ein, zwei Pilsetten auf die Aftershow-Party im Bambi, wo DJ Poser 667 auflegte und Musikwünsche erfüllte. Und jetzt hab‘ ich Bock auf NECRONOMICON, die am 14. März das Bambi beehren!

07.02.2020, Villa Dunkelbunt, Hamburg: TANZPALAST EDEN + TRÜMMERRATTEN (inkl. ÄHRENGAST)

Oha, doch schon wieder Februar – Zeit also, langsam mal die Konzertwinterpause zu beenden und verschlafen aus dem Bau zu kriechen. Dies empfahl sich vor allem an diesem Freitag, an dem im leider dem Abriss geweihten experimentellen Freiraum Villa Dunkelbunt mitten in Ottensen eine der letzten Veranstaltungen stattfinden sollte: Die Partyfraktion G.A.S. & FRIENDS hatte dort eine große Soli-Sause zugunsten der Mobilisierung der Gegenaktivitäten zum geplanten Naziaufmarsch am 1. Mai in Hamburg anberaumt und rund ums Hutkassen-Konzert herum Infostände aufgebaut, eiskalte Inkognito-Profis hinterm Tresen platziert, namhafte DJs engagiert etc. pp – und das altehrwürdige Gebäude wurde nicht nur wirklich wahnsinnig schnell rappelvoll, nein, sogar die erste Band begann vollkommen Punk-untypisch wie angekündigt pünktlich wie die Maurer. Das Aufgebot beschränkte sich leider auf zwei Bands, da die BRUTALE GRUPPE 5000 von außerirdischen Echsenpollen, die per Chemtrails über ihrem konspirativen Hauptquartier verteilt wurden, außer Gefecht gesetzt worden waren.

Den Anfang machten jedenfalls die TRÜMMERRATTEN, jenes sympathische Hamburger Quartett, das sich konsequent jeglichem Leistungsanspruch verweigert und lieber dem Zwei-Akkorde-Pogo-Punk frönt. Die Ansagen waren meist länger als die Songs, der Gesang leider aufgrund der offenbar an ihre Grenzen geratenen P.A. etwas leise, aber das Gesamtpaket machte wie üblich Spaß: Mit dem Charme des genialen Dilettantismus dargereichte, plakative, radikale D-Punk-Weisen gegen Deutschland, Bullen, Nazis und den HVV, wobei der Gig in der zweiten Hälfte immer flüssiger lief. Eine Nummer überraschte gar mit einem Rockstar-Gitarrensolo – welch ein Kontrast!? Die größte Reaktion des in Teilen vergnügt vor der Bühne pogenden Publikums rief „Nicht genug“ hervor, das dann auch ich lauthals mitgrölte. Der „ÄhrenGASt“ entpuppte sich schließlich als eine Dame und einen Herrn der mir bis dato unbekannten lokalen Jazzpunk-Hoffnung HINTERM GOLFPLATZ LINKS, die sich zum fröhlichen Instrumente- und Mikro-Tausch einfanden, logen, die TRÜMMERRATTEN noch nie zuvor gesehen zu haben (zumindest bei dem Herrn dürfte es sich um ein ehemaliges Mitglied gehandelt haben), und gemeinsam das eine oder andere Ständchen zum Besten gaben – mal vom Zettel abgelesen, mal nicht, und als Höhepunkt von nicht anrufenden Veganern und Radieschen, Radieschen, überall Radieschen handelnd. Dieses Lied hätte ich gern auf Kassette überspielt.

TANZPALAST EDEN ist so was wie ein Nebenprojekt von MÜLHEIM-ASOZIAL-Leuten und hat ungefähr vor einem Jahr sein Demo ins Netz gestellt. Deutschsprachiger, stilistisch eher in den ‘90ern verwurzelter melodischer HC-Punk mit leichter Emo-Kante oder so, so würde ich das grob umreißen. Eher die ernste Schiene, nicht so witzig stumpf und selbstironisch wie das, was TRÜMMERRATTEN & Friends hier kurz zuvor noch zelebriert hatten. Die Umgewöhnung fiel mir etwas schwer, zumal der Gesang wirklich sehr unterging. Auch hier musste sich der Sänger übrigens zeitweise eines Textblatts behelfen. Je ruppiger die Songs klangen, desto besser gefielen sie mir, ein wirkliches Urteil kann ich mir anhand dieses gefühlt auch recht kurzen Gigs jedoch noch nicht bilden.

So nahm die Party also mit Musik aus der Konserve ihren weiteren Verlauf. Als der DJ dann plötzlich Hit an Hit aus meiner Jugend aneinanderreihte, musste ich das natürlich hart abfeiern. Ganz vorbei ist’s in der Villa indes noch immer nicht: Am 06.03. lockt das „allerletzte letzte Abschiedskonzert“ mit SCOOTERKIDSMUSTDIE, BRAINDEAD und MATRONE.

Ach ja, Fotos? Der (nennen wir es mal so) „Abenderöffnungsrede“ meinte ich entnommen zu haben, dass die nicht unbedingt erwünscht seien, sodass ich darauf verzichtete.

Mad-Taschenbuch Nr. 25: Angelo Torres, Tom Koch – Das Mad-Buch der Weltgeschichte

Im Jahre 1980, drei Jahre nach seinem Erscheinen in den USA, brachte es dieses Mad-Taschenbuch auch zu einer deutschen Veröffentlichung. Unterteilt in sieben jeweils eine Epoche abbildende Kapitel und eingeleitet von einem dreiseitigen Vorwort wird sich rund 160-Schwarzweißseiten lang von 3050 v. Chr. bis 1969 n. Chr. in alternativer Geschichtsschreibung geübt. Ein kurzer Text leitet in den jeweiligen Abschnitt ein, der sich pro Ereignisjahr in ein großformatiges Bild im Karikaturstil und ein paar Zeilen dazu passenden Text aufteilt, der auf Mad-typische satirische Weise bestimmte Weltereignisse aufs Korn nimmt und gern Parallelen zur Gegenwart zieht oder generell anachronistisch in Erscheinung tritt. So heißt es zum Jahr 31 v. Chr.: „Das Drama zwischen Antonius und Kleopatra findet in der Originalbesetzung statt und ist damit um viele Millionen billiger als die spätere Neuverfilmung mit Richard Burton und Elizabeth Taylor.“ Und 1001: „Leif Eriksson entdeckt Amerika, hält es aber nicht für wert, darüber zu reden.“ Oder 1626: „Die Indianer sind überzeugt, ein glänzendes Geschäft zu machen, indem sie New York den Holländern für 24 Dollar überlassen.“ Auch schön: „1894: Thomas Edison führt den ersten Film vor. Alle sind davon hell begeistert – mit Ausnahme der Filmkritiker.“ Für all die Kriege und sonstigen blutigen Wahnsinn, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, haben Zeichner Torres und Autor Koch nur Spott übrig, ansonsten mischen sich unter den Humor manch Absurdität, Seitenhiebe und Sprachwitz. Spaßiger Gesichtsunterricht nicht nur für Mad-Jünger und ein stilistisch neuer Ansatz innerhalb der Taschenbuchreihe, die hiermit eine Jubiläumsausgabe feierte, ohne dies mit auch nur einer Silbe zu erwähnen.

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 2: 1953 – 1954

„Demut vor dem Leben in all seiner Rätselhaftigkeit“ – Gary Groth über Charles M. Schulz

Wie in meinen Zeilen zum ersten Band bereits erwähnt, begann der Hamburger Carlsen-Verlag im November 2006, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte „Peanuts“-Werkausgabe zu veröffentlichen. Der zweite, erneut rund 350 Seiten starke Hardcover-Band umfasst die täglichen Comic-Strips der Jahre 1953 und 1954 inkl. aller umfangreicheren Sonntagsseiten. Drei Seiten lang führt Andreas Platthaus, Comic-Experte der in ihren Beiträgen zur politischen Meinungsbildung so beschämend reaktionären, für ihren Kulturteil aber vielgelobten F.A.Z., in diese Ausgabe ein, indem er vornehmlich auf die Besonderheiten in Schulz’ Comics dieses Zeitabschnitts hinweist und damit noch neugieriger auf sie macht, als man als Peanuts-Freund und/oder Comic-Archäologe ohnehin schon ist. Zwei Seiten lang darf ferner Gary Groth Charles M. Schulz charakterisieren und ein Index sowie eine Vorschau auf den nächsten Band komplettieren das wie gehabt auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch im Schutzumschlag.

„Ich glaube, ich bin ein geborener Außenseiter… Ich scheine einfach nirgends hineinzupassen.“ – „Vielleicht könntest du dich einer Gruppe Außenseiter anschließen…“ – „Selbst da würde ich vermutlich nicht hineinpassen…“ – Charlie Brown und Schröder im Gespräch

Der Hauptteil gehört natürlich den unkolorierten Comic-Strips und der Evolution Schulz’ Figuren, die damals noch nicht abgeschlossen war: Sie alterten noch immer, was hier zu interessanten Entwicklungen wie den zahlreichen Marotten führt, die sie immer stärker ausbilden. Dies trifft insbesondere auf Lucy zu, die – neben Charlie Brown, versteht sich – diesen Band dominiert. So wird sie in Bezug auf Lebensmittel enorm pingelig, hadert bereits mit dem Kindergarten wie Ältere mit Schule oder Arbeit und versucht 1954 ständig, die Sterne am Himmel und später Wolken und Sonnen (!) zu zählen. Außerdem kommentiert sie in schöner Regelmäßigkeit mit Unverständnis die Texte von Kinderliedern – und natürlich ist sie stolz, eine Nörgelliese zu sein, was sie für eine Art sportlicher Disziplin hält. Erfreulich ist für sie, dass sie zu lesen beginnt, wenngleich sie nun gern pseudowissenschaftlichen Nonsens von sich gibt und den die Dinge besser wissenden Charlie als Dummkopf bezeichnet, was diesem auf den Magen schlägt und woran er im weiteren Verlauf regelrecht verzweifelt. Dass er trotzdem wirklich immer im Dame-Brettspiel gegen sie verliert, macht die Sache nicht besser.

Dass Charlie ein Alter Ego seines Schöpfers ist wird im Running Gag deutlich, in dem er Comics zeichnet, deren Pointen partout nicht ankommen. Geradezu selbstreferentiell mutet es an, wenn Schulz im Mai 1953 (S. 58) Comiczeichner Charlie in die Sprechblase legt, sein Humor sei zu subtil für den gemeinen Leser. Dies und vieles andere muss der Melancholiker mit sich selbst ausmachen. Dass man als Leser(in) bei Team-Aktivitäten Charlies wie z.B. Baseballspielen die Interagierenden so gut wie nie sieht, verstärkt den Eindruck von Einsamkeit und Isolation, der zu einem seiner Markenzeichen wurde, wenn er auch längst nicht jedem Strip immanent ist. Das Lächeln seines Hundes stimmt ihn aber schnell wieder fröhlich. Snoopy läuft nach wie vor auf allen Vieren, seine von Platthaus als vermeintlichen Stilbruch gewerteten Sprechblasen im August 1953 (S. 98) interpretiere ich eher als Gedankenblasen bzw. als Lautartikulation, die für Menschen unverständlich sind, aber natürlich auf Snoopys menschliche Eigenschaften verweisen. Wie häufig er Süßigkeiten zu fressen bekommt, irritiert indes noch immer.

Lucys kleiner Bruder Linus darf im Juni 1953 (S. 74) erstmals eigene Gedanken formulieren, seine Schmusedecke debütiert am 1. Juni 1954 (S. 222). Als sie später wieder aufgegriffen wird, avanciert sie gar kurzzeitig zum Trend: Alle Jungs haben plötzlich eine! Mit Schmuddelkind Pig-Pen feiert im Juli 1954 (S. 240) eine meiner Lieblingsfiguren ihren Einstand und hat eine ganze Reihe starker Auftritte, wenngleich sie noch nicht permanent eine Schmutzwolke um sich herum erzeugt. Als auf traurige Weise visionär erweist sich ein Strip aus dem Mai 1954, in dem Kriegscomicsammler Charlie nicht weiß, ob er sich nach den Ausgaben „Der Unabhängigkeitskrieg“, „Der Krieg von 1812“, „Bürgerkriegs-Comics“, „Der Erste Weltkrieg“, „Der Zweite Weltkrieg“ und „Der Koreakrieg“ auf das nächste Heft freuen soll. Im Oktober 1953 (S. 122) verfügt eine Sonntagsseite erstmals über einen eigenen Titel („Das Kricket-Spiel“) und das Motiv Charlies erfolgloser Drachensteigversuche wird auf einer Sonntagsseite im Juni 1954 (S. 227) eingeführt. So, wie die Figuren noch altern, tun dies auch die äußeren Umstände, sprich: Es gibt Jahreszeiten. Eigenartigerweise zeichnete Schulz am 31.10.1954 keinen Halloween-Strip, obwohl das Thema in den Strips zuvor aufgegriffen wurde. Dass Schulz neben seinem reduzierten Strich auch wesentlich aufwändiger, detaillierter und realistischer zeichnen konnte, beweisen in den Strips auftauchende Objekte wie Schröders Beethoven-Büste oder auch Vögel, die mit Snoopys späterem Freund (und hier noch lange nicht herbeiflatterndem) Woodstock nicht das Geringste gemein haben.

Welchen Aufwand es bedeutet, dem eigenen Komplettismusanspruch gerecht zu werden, lässt der abschließende Kommentar der Herausgeber erahnen, die einen Einblick in die schwierige Ausgangslage gewähren und denen gar nicht genug dafür gedankt werden kann, sich dennoch auch der verschollensten Strips angekommen und sie aufwändig restauriert zu haben, sodass auch diese Ausgabe vollständig ist und sich die Rezipientinnen und Rezipienten ins comichistorische Vergnügen stürzen können.

20.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: SMALL TOWN RIOT + THE VAGEENAS + VIOLENT INSTINCT

Jetzt, da der Festtagstrubel überstanden ist und ich auf ein paar Litern Staropramen ins neue und letzte Jahr der Dekade gerutscht bin, ist es an der Zeit, endlich den Eintrag über’s letzte besuchte Konzert 2019 nachzureichen: Um die Weihnachtszeit herum öffnet das Monkeys ganz gern mal seine Pforten für gemeinnützige Veranstaltungen, diesmal unter dem Motto „Straßenklang: Von der Straße – für die Straße“ zugunsten der Obdachlosenhilfseinrichtung Alimaus. Feine Sache, vor allem, wenn sie dann auch noch mit drei musikalischen Hochkarätern aus dem Bereich des Punkrocks einhergeht. Als Opener gab’s dann auch noch ‘ne Überraschung: Der mir bisher nur von Fotos oder Videos bekannt gewesene Hamburg City Punkrock Singers AKA Monkey Choir schmetterte, anmoderiert von KAMIKAZE-KLAN-Sänger George, ’77- und Oi!-Punk-Klassiker bis hin zum „Dirty Old Town“-Traditional stimmgewaltig ins Rund, angeleitet von einer Dirigentin/Gesangslehrerin und nur vor einer dezenten Gitarre begleitet. Das hatte zwar teilweise ein bisschen was von Schulchor in der Aula, andererseits wurde der von einiger Szeneprominenz durchsetzte (mein lieber Herr) Gesangsverein offenbar mit derart motivierten und geschmackssicheren Mitgliedern besetzt und die Stücke auf die unterschiedlichen Stimmlagen hin chorgerecht inkl. vereinzelter Soloeinlagen so originell arrangiert, dass das Zuhören tatsächlich zum Genuss und das Projekt zum klasse Anheizer wurde.

Die spielfreudigen Oi!-Punks und -Skins VIOLENT INSTINCT hatte ich nun schon länger nicht mehr live gesehen, wurde also mal wieder Zeit – zumal sie seit einiger Zeit eine starke EP mit englischsprachigen Songs am Start haben, die schön ins Live-Programm integriert wurden. Durchdachte, mitsingkompatible Texte treffen auf Ohrwurmmelodien, die Kraft der zwei Klampfen und einen Ausnahmedrummer sowie natürlich Agas kraftvollen, melodischen Gesang. So ist’s jedes Mal eine Freude, diese Band live zu sehen und zu hören, die nur wenige Klischees erfüllt und gerade deshalb so wichtig für die Szene ist. Der vorletzte Song wurde um ein fantastisches Basssolo Ätzers angereichert, zum Abschluss gab’s gar eine ganz neue, bisher unveröffentlichte Nummer – und als Zugaben zwei ihrer größten Hits, „Hamburg“ und „Sei stolz“, zu denen es Gitarrist Dennis H. nicht mehr auf der Bühne hielt und er wie zuvor bereits Sängerin Aga durch die begeisterten Reihen wandelte.

THE VAGEENAS vom Niederrhein habe ich früher echt gern gehört, das dürften die „I Wanna Destroy“- und „We Are The Vageenas“-EPs sowie das „Live in Hell“-Album gewesen sein. Dann hab‘ ich die Band ums quirlige Fliegengewicht Babette irgendwie aus den Augen verloren und wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es die noch gibt. Und wie es die noch gibt! Inspiriert von wilderem ’77-Punk und sicherlich auch der ‘82er-Schule rotzkrähte die mittlerweile gut zutätowierte, aber einen unheimlich fitten Eindruck machende und kein Gramm Fett am Körper tragende Sängerin einen Hit nach dem anderen raus, wuselte, tanzte und sprang durchs Publikum, kletterte auf die Traversen und wirkte generell wie ein hyperaktiver pinker Flummi. Auch mit ihren gern mal etwas provokanten Ansagen lockte sie den Pöbel aus der Reserve, was in ausgiebigen Publikumsanimationen beim trashigen MR.-PRESIDENT-Song „I Give You My Heart“ – einem der wenigen erlaubten ‘90er-Dancefloor-Scheißdreck-Cover – mündete. Insbesondere in Kombination mit ihrem sich auch im Outfit ausdrückenden Spiel mit Girlie-Klischees ein großer Spaß – wie der ganze Gig. Anner Schießbude übrigens mittlerweile Ex-DISTRICT-Trommler Burn Harper. Geil!

Abschließend beehrten SMALL TOWN RIOT im Rahmen ihres „Reunion ja, aber nur noch seltene, ausgewählte Live-Auftritte“-Konzepts mal wieder die Hansestadt mit ihrem Melodic-Streetpunk/Punk’n’Roll – und wie so oft war im Vorfeld die Rede von viel zu wenigen Proben, von nichtexistenten, letztlich improvisierten Setlists oder Ähnlichem, was manch andere Band vielleicht aus dem Tritt bringen würde, bei SMALL TOWN RIOT aber zum guten Ton gehört und nicht zuletzt schlicht punk ist. Deshalb machte ich mir auch überhaupt keine Sorgen, und natürlich flutschten „Addicted to Authority“, „Working Class Family“ und die „Love Song Trilogy“ ebenso ohne größere Probleme durch wie „Suicidal Lifestyle“ und „Living Hell“, die das echt gut und von vielen bekannten Gesichtern besuchte Monkeys zum Tanzen und Skandieren brachten, das ruhigere „Cemetery Hall“, das für einen angenehmen Kontrast sorgte, bevor es mit „Cheers & Goodbye“, „Peer 52“ und dem lautstark eingeforderten „Timmy“ wieder auf die Omme gab, „Bad Taste in our Big Mouth“, „It’s True“ und „Take a Ride“ zwischen aggressiv, euphorisch und beschwingt mäanderten und die berüchtigte Mischung aus SLIME-Medley und -Ehrerbietung den Schlussteil einleitete, bevor „Working Class Family“ den Gig besiegelte. Besser konnte auch ich als Gast das Konzertjahr 2019 eigentlich gar nicht abschließen; Abzüge in der B-Note muss ich mir nur selbst für die Schnapsidee erteilen, mir noch die VIOLENT-INSTINCT-7“ gekauft und natürlich prompt verloren zu haben. Die dürfte sich jetzt in guter Gesellschaft mit all meinen anderen auf dem, äh, „Transportweg verschollenen“ Tonträgern befinden…

Mad-Taschenbuch Nr. 23: Don Martin – Super Mad oder Die gesammelten Abenteuer von Käpt’n Hirni

1978 war es so weit: Meine Lieblingsfigur des Mad-Stammzeichners Don Martin, Käpt’n Hirni, feierte sein Debüt im Taschenbuchformat! Die Superhelden-Persiflage um einen in seiner Kindheit und Jugend Superhelden-Comic-süchtigen grenzdebilen, ausschließlich in Soundwords monologisierenden Tunichtgut, der von seinen Eltern, der Schule, dem Arbeitsamt und schließlich seiner Vermieterin herausgeworfen wird, dessen Schicksal aber eine entscheidende Wendung nimmt, als er sich in suizidaler Absicht von einem Hochhausdach stürzt und dabei versehentlich einen Bankräuber zur Strecke bringt, beginnt mit seiner Origin Story und erstreckt sich schließlich über vier wahrhaft heldenhafte Geschichten. So muss er es mit dem infantilen Superschurken Hugo Schlonz alias Babyboy ebenso aufnehmen wie mit einem widerspenstigen Aufzug, mit Gorgonzola, der Monsterspinne und als großes Finale Baldur, dem bösen Bomber. Hierfür hat er wie aus den Mad-Taschenbüchern gewohnt 160 Schwarzweiß-Seiten zur Verfügung, die sich meist auf ein, manchmal zwei Panels beschränken, sodass Don Martins klarer karikierender Strich in den kauzigen, bizarren Zeichnungen optimal zur Geltung kommt. Brutaler Slapstick und anarchischer, respektloser bis absurder Humor geben sich die Klinke in die Hand und verschmelzen zu einer satirischen Parodie klassischer Superhelden-Topoi. Darüber hinaus wird der Film-noir-Stil aufs Korn genommen, wenn Käpt’n Hirni bedeutungsschwanger wie ein Off-Sprecher in kurzen Blocktexten zu seinen Leserinnen und Lesern spricht, jedoch von den dazugehörigen Bildern konterkariert wird, wenn sie die tatsächlichen, wenig rühmlichen Umstände und Ereignisse zeigen. Das „Käpt’n Hirni“-Konzept ist mitsamt seinen Gags ziemlich gut gealtert und ich amüsiere mich nach wie vor köstlich über die Abenteuer des Helden in seiner gepunkteten Unterhose. Käpt’n Hirni for MCU!

11.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: EXUMER + PRIPJAT + REACTORY

Zuletzt kam’s knüppeldick mit Konzerten, die ich nur ungern hätte sausen lassen, auch wenn sie auf ungünstigen Terminen lagen: Das war bei EXCITER am Sonntag und auch bei diesem Thrash-Triple auf einem Mittwoch der Fall. Da ich den Headliner EXUMER noch nie live gesehen und Bock auf PRIPJAT hatte, ergriff ich die Gelegenheit der „Winter Hostilities Tour“ beim Schopfe – zumal REACTORY und PRIPJAT namentlich und konzeptionell ideal zusammenpassen. Gespräche bei EXCITER im Bambi hatten ergeben, dass die Hamburger Metal-Szene kaum Notiz von diesem Konzert genommen hatte. Die Promotion war offenbar nicht optimal gelaufen, tatsächlich fanden sich nicht überall, wo man es erwartet hätte, Hinweise auf diese Veranstaltung. Als etwas unglücklich empfand ich es auch, den Konzertbeginn mit 20:45 Uhr anzugeben, aber nur wenige Stunden vorher per Facebook bekanntzugeben, dass er auf 20:30 Uhr vorgezogen wurde – insbesondere, wenn der Opener ohnehin lediglich 25 Minuten spielt. Pünktlich wie die Maurer schroteten REACTORY aus Berlin dann auch vor leider nur rund zehn Leuten los. Die 2010 gegründeten Nuklear-Thrasher blicken auf eine Mini-LP und zwei Alben zurück, eine neue Langrille steht bereits in den Startlöchern. Ihr Stil bewegt sich zwischen ruppig, hektisch und technisch anspruchsvoll, manchmal auch alles gleichzeitig, der Gesang ist schön giftig und ein paar Gangshouts sorgen für eine leichte Crossover-Note. Selbstbewusst spielte die Band gleich vier Songs vom noch unveröffentlichten neuen Album, die Lust auf mehr machten, und der Sänger wanderte auch mal durchs Publikum, statt nur auf der Bühne zu verharren. Ein paar mehr Hooks würden REACTORY hier und da gut zu Gesicht stehen, so oder so jedoch knallte der Gig des mit nur einer Gitarre ausgestatteten Quartetts vielleicht auch gerade wegen seiner würzigen Kürze, ganz sicher aber aufgrund des bombigen, druckvollen P.A.-Sounds gut ins Mett.

Die ein Jahr später als REACTORY in Leben gerufenen Kölner PRIPJAT mit zum Teil ukrainischen Wurzeln gehören zum geilsten, was diese Dekade an Thrash-Bands hervorgebracht hat. Als ich sie vor drei Jahren erst- und bis hierhin leider auch letztmals im Vorprogramm von PROTECTOR gesehen hatte, hatten sie mich völlig weggeblasen und mich zum Fan gemacht. Mittlerweile hat man zwei Alben draußen und nichts, aber auch gar nichts an Spielfreude eingebüßt. Das permanente Vollgas vergangener Tage wird nun von ein paar getrageneren, atmosphärischen Momenten und dem einen oder anderen weniger temporeichen Song aufgelockert. Der Fünfer holte alles aus seinen zwei Gitarren heraus und war permanent in Bewegung, der achtarmige Drummer Yannik leistete Übermenschliches und Kirill beherrschte die Doppelbelastung des Gitarrenspiels bei gleichzeitigem infernalischem Schreigesang perfekt. Das Publikum dürfte auf knapp 50 Personen angewachsen sein und bildete einen kleinen, dafür umso aktiveren Pit, der zusätzlich zur Kernschmelze beitrug, von der Band ständig gelobt wurde und dem wiederum mit gesteigertem Körpereinsatz begegnete – man schien sich gegenseitig hochzuschaukeln. Der vermeintlich letzte Song wurde von einem Sprach-Sample-Intro per Playback eingeleitet, natürlich folgte eine weitere Nummer und aufgrund der präzisen Pünktlichkeit und hohen Spielgeschwindigkeit aller hatte man sogar Zeit für einen letzten Absacker, der die Reaktormauern endgültig zum Einsturz brachte. Ein gnadenloser Gig, nach dem man sich selbst, wenn man sich nur außerhalb des Pits aufgehalten hatte, wie kräftig durchgenommen fühlte.

Als die Hessen EXUMER nach kurzer Umbaupause – so wurde beispielsweise das Drumkit um eine zweite Bassdrum erweitert – mit einem Klavierintro aus dem Playback in „The Raging Tides“ übergingen, waren einige leider bereits nach Hause gegangen, andere strichen während des Auftritts die Segel. Vermutlichen mussten sie am nächsten Morgen saufrüh raus, denn an EXUMER kann’s eigentlich nicht gelegen haben. Aber blicken wir zunächst einmal zurück: 1986 und 1987 hat die Band zwei Alben veröffentlicht, von denen sich besonders das Debüt „Possessed by Fire“ in Thrasher-Kreisen ungebrochener Beliebtheit erfreut. 2008 reaktivierte man EXUMER und veröffentlichte seitdem drei Studioalben, darunter das nun betourte „Hostile Defiance“. In der aktuellen Besetzung sind Sänger Mem von Stein und Gitarrist Ray Mensh aus der Ursuppe übriggeblieben, verstärkt um drei jüngere Mitglieder. Der durchtrainierte, bullige Glatzkopf und Frontmann Mem braucht nun keinen Bass mehr zu spielen, kann sich also voll auf sein akzentuiertes Shouting konzentrieren – scheint sein Instrument aber auch bisweilen zu vermissen, denn immer wieder setzt er zum Luftbassspiel an. Der Nachwuchs machte seine Sache sehr gut, die insgesamt dreiköpfige Saitenfraktion bereitete einen schön drückenden Soundwall. Mit dem Material seit der Reunion bin ich nicht sonderlich vertraut und freute mich daher, nun live eine Art Best Of geboten zu bekommen. Das Set lieferte einen guten Überblick über die drei jüngeren Werke, gewürzt mit ein paar Songs des „Possessed By Fire“-Debüts (das Zweitwerk „Rising From The Sea“ blieb glaube ich unberücksichtigt). Die alten Songs klingen ungestümer, die neueren kontrollierter und live wuchtiger, dafür ist aber die Hysterie aus der Stimme gewichen. Meines Erachtens hat die Band eine deutlichere Hardcore-Kante bekommen, die mich bisweilen an einen Act wie MERAUDER erinnerte. Mems Gesangsstil ist sehr eindringlich, deklamierend, in Kombination mit seiner von einigem Posing begleiteten Bühnenpräsenz ergibt das ein durchaus beeindruckendes Bild zwischen „No bullshit“ und „Don’t fuck with me“. Mir fehlen aber ein bisschen die Killer-Refrains, in denen man noch mal aufdreht, ‘ne Schippe drauflegt und damit letztlich im Ohr bleibt. Zum EXUMER-Stil scheint auch zu gehören, die meisten Songs recht abrupt enden zu lassen, was sie noch schnörkelloser und von Ballast befreit wirken lässt und mich einmal mehr an Hardcore erinnert. Alles in allem war das schon ein geiles Live-Erlebnis, das EXUMER schließlich vor einer leider arg spärlichen Kulisse bereiteten. Das hatten sie nicht verdient und tat mir echt leid. EXUMER gaben sich allerdings keine Blöße, zockten absolut souverän ihr Set durch und kamen sogar noch mal für ‘ne Zugabe aus dem Backstage zurück: Dem vom verbliebenen harten Kern frenetisch bejubelten Titeltrack des „Possessed By Fire“-Debüts! Sehr geil, Respekt!

Ob neben der eingangs erwähnten nicht optimal verlaufenen Promo auch der Umstand, dass alle drei Bands dieses Jahr schon mal in Hamburg gespielt hatten, zur überschaubaren Besucher(innen)zahl beigetragen hat und/oder evtl. gegen Jahresende gerade einfach zu viel los ist, lässt sich nur mutmaßen. Stirnrunzeln bereitet mir aber auch, dass man die beiden größten Städte Deutschlands an einem Dienstag und einem Mittwoch beehrte, statt diese auf Wochenendtermine zu setzen und die anderen Orte drumherum zu buchen. Ich will aber gar nicht meckern, denn für mich war’s eigentlich optimal: Ein Gig in der Quasi-Nachbarschaft, auf dem ich nachholen konnte, was ich dieses Jahr verpasst hatte. Ich wünsche allen drei Bands aber, dass die letzten Tourstationen besser besucht und größere Partys waren!

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