Günnis Reviews

Autor: Günni (page 1 of 109)

27.12.2025, Fanräume, Hamburg: Hamburg Punk Invasion

Bitzcore-Jürgen war für seine Veranstaltungen mit Hamburger Bands aus den Bereichen Punk und Artverwandtes vom Indra in die Fanräume des FC St. Pauli umgezogen und ließ es mit gleich sieben Bands zum Jahresausklang noch mal so richtig krachen. Eigentlich war die Sause als Release-Party der Bitzcore-HH-Punk-Vinyl-Sampler geplant, doch da Jürgen den Aufwand unterschätzt hatte und die eine oder andere Unwägbarkeit hinzugekommen war, sind diese leider auf unbekannt verschoben. Dafür solle demnächst ein Sao-Paolo/Hamburg-Split-Sampler kommen – man darf gespannt sein. An Weihnachten versuchte Jürgen dann noch verzweifelt, ein Schlagzeug für den Abend zu organisieren, was zwar reichlich spät war, letztendlich aber doch noch klappte. Und nachdem unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) Taxi versuchte, aufs Heiligengeistfeld und dort vor die Tür der Fanräume zu gelangen, wissen wir jetzt auch, dass das zu Fuß oder mit dem Rad alles kein Problem ist, sich Autos aber mit zahlreichen Pollern und sonstigen Absperrungen konfrontiert sehen, sodass wir schön einmal um den Pudding kurvten…

Von den sieben Bands hatte trotz Erkältungssaison keine einzige abgesagt, sodass es vor Ort an diesem nach einigen frostigen Tagen angenehm milden Winterabend schon früh recht wuselig zuging. Der Zeitplan war eng und optimistisch, der Backline-Aufbau klappte aber rechtzeitig und G31, die den Abend eröffnen sollten, führten einen vollumfänglichen Soundcheck mit dem Soundmann durch. Die Band um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain begann pünktlich um 20:00 Uhr mit ihrem kurzen Set. Ihr mit zwei Gitarren gespielter deutschsprachiger tanzbarer Punkrock litt zunächst etwas unter dem zu leisen Gesang, was sich aber bessern sollte, sodass die Gesangsmelodien besser zur Geltung kamen. Mitra führte gewohnt expressiv und charmant durch die recht eigenständig, dabei trotzdem eingängig klingenden Songs und durfte pausieren, als der neue Bassist einen als Welturaufführung angekündigten Songs über St. Pauli kurzerhand selbst sang. Als nach 35 Minuten schon Schluss war, war das Publikum im ausverkauften Laden gut aufgewärmt, die Rufe nach einer Zugabe blieben leider ungehört.

Anschließend oblag es uns, auf die Kacke zu hauen – immerhin unser erster Stadiongig! Den Umbau zogen wir so schnell es ging durch, der eigentlich nur als Gast anwesende Klimper half freundlicherweise als Stagehand aus. Auf einen kurzen Soundcheck mussten wir bestehen, allein schon, damit die Monitore halbwegs vernünftig eingestellt sind und niemand einen Blindflug absolvieren muss. Als kleines Bonbon für einen Kumpel, der aus gesundheitlichen Gründen leider keine Konzerte mehr besuchen kann, hat Kai eine Liveübertragung der Bühnenperformance mit seinem Smartphone in eine Signal-Gruppe gestreamt. Wir beschränkten unsere Ansagen aufs Nötigste und eilten durch unser Set, bis Kai mich plötzlich dazu aufforderte, ein mir unbekanntes Lied von PISSPFÜTZE (oder so) zu covern, was dann in Form eines zweisekündigen Gitarrenriffs offenbar auch schon wieder erledigt war. Aus dem Konzept ließen wir uns trotz dieses Schabernacks nicht bringen und zogen weitestgehend ohne ganz grobe Patzer durch, was der Mob vor der Bühne mit Tanzeinlagen quittierte. Man nahm uns sehr gut an und der Gig machte Laune. Wir gingen davon aus, nur wenige Minuten überzogen zu haben, erfuhren aber später, dass für den Abend ein anderer Zeitplan als der vorher herumgeschickte galt – worüber man uns aber gar nicht informiert hatte. So hatte der Zeitplan also doch eine erste Delle bekommen.

Der Umbau, erneut mit Klimpers tatkräftiger Unterstützung (danke!), ging dafür sehr flott, sodass alsbald FREAKSTONE auf der Bühne standen, die sehr kompetenten Metalcore zockten. Das ist zwar nicht meine Mucke, kam live aber nicht nur aufgrund der kräftig growlenden, aber auch klare Töne beherrschenden Sängerin beeindruckend rüber. Die Ansagen wirkten sympathisch ungekünstelt, blieben aber sehr rar. Der Auftritt erhielt sehr viel Zuspruch des Publikums, das am Ende auch hier unerfüllt bleibende Zugabewünsche lautstark äußerte.

Auch bei PSYCH OUT ging’s ordentlich rund. Die Oldschool-Hard-/Fastcore-Band um Holli, Tommy und Shouter Lars hat einen neuen Drummer und machte 14 Songs lang Alarm, wobei man mir das Tempo diesmal stärker zu variieren schien. Das Gaspedal wurde also nicht permanent durchgedrückt, was sich positiv auf die Dynamik auswirkte. Lars sprang im Publikum herum und kitzelte noch einmal dessen Energiereserven heraus, bevor es mit den ASTRA ZOMBIES melodisch weiterging.

Die aufwändig geschminkte und kostümierte MISFITS-Coverband mit dem ebenso naheliegenden wie genialen Namen gönnte sich ein John-Carpenter-Intro aus der Konserve und ließ anschließend einige der größten Horrorpunk-Hits erklingen, die aufgrund des weiblichen Gesangs der stimmgewaltigen Frontfrau eine ganz eigene Note erhielten. Klasse Gig, der viel Spaß machte, aber ebenso schnell schon wieder vorbei zu sein schien, wie er begonnen hatte.

Anschließend war dann nicht nur bei mir der Ofen aus. Inzwischen war’s sauspät, wir mussten unser Equipment noch zurück in den Proberaum kutschieren und meine Aufmerksamkeitsspanne war erschöpft. Ein Taxi bis vor die Tür des Ladens zu lotsen, geriet zudem zu einem Abenteuer und klappte erst beim zweiten Anlauf. Generell leerten sich die Fanräume jetzt deutlich, was mir für die verbliebenen Bands SKULL HARVEST und FIRST CLASS LEG SPACE leidtat.

Alles in allem war’s eine gelungene Veranstaltung, von der ich im Vorfeld nicht geglaubt hätte, dass sie ausverkauft sein würde. Sieben Bands sind aber zu viel, zumal die letzte Band, wie ihr dem unten verlinkten Schraibfela-Video entnehmen könnt, mit satter Verspätung erst gegen 2:30 Uhr auf der Bühne stand. Mr. Schraibfela geht auch auf die schwierigen Lichtverhältnisse ein, die perfekt zu den ASTRA ZOMBIES passten, das Fotografieren (wie man meinen Schnappschüssen ansieht) und Filmen aber deutlich erschwerten.

Danke an alle, die involviert waren und zum Gelingen beigetragen haben! Das war dann auch mein letztes Konzert des Jahres 2025, laut Jürgen womöglich auch das letzte typische Bitzcore-HH-Punk-Konzert. Ma‘ kieken, wie’s mit seinen ambitionierten Vorhaben weitergeht.

P.S.: Danke insbesondere auch Flo für die Fotos unseres Gigs sowie unserem Ex-Drummer und Mercher Chrischan für seinen großartigen Einsatz!

Mawil – Wir können ja Freunde bleiben

Nachdem es mir Mawils Wende-Comic „Kinderland“ so sehr angetan hatte, wurde es Zeit, mich endlich seinen weiteren Werken zu widmen. Der Berliner Comic-Autor und -Zeichner Mawil heißt eigentlich Markus Witzel, ist im Jahre 1976 geboren und schreibt/zeichnet gern „Supahasis“, aber auch autobiographisch – so auch in seinem 64-seitigen, unkolorierten Coming-of-age-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“, der im Jahre 2003 bei Reprodukt als Taschenbuch im Softcover erschien (wo man leider auf Seitenzahlen verzichtete). Diese Veröffentlichung verkauft sich offenbar sehr gut, mir liegt die bereits fünfte Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Ein paar Freunde haben sich zu einer Trinkrunde versammelt, wo Markus von seinen Liebesgeschichten zu erzählen beginnt. Die Trinkrunde dient fortan als Klammer, die die einzelnen als Rückblenden gezeichneten Geschichten zusammenhält. Markus‘ erste große Liebe war eine heimliche Schwärmerei während der Schulzeit, von der die Angeschwärmte gar nichts wusste. Statt wie üblich die religionsfreie Jugendweihe musste der Bedauernswerte zu DDR-Zeiten eine Kommunion über sich ergehen lassen. Anfang der 1990er befand er sich während einer Katholikenfreizeit in einer Disco, in der Nirvana lief – und er sich in ein Mädchen beim Tanzkurs verknallte, das ihm abends auf der Party anbot, Freunde zu werden… Auf der alljährlichen Fahrradtour an der Ostsee inklusive aller Widrigkeiten trifft man auf Neonazis und auf Mädels. „Geil“ heißt hier noch „schau“ und Mawil bringt perfekt zu Papier, wie sich ein geil-langweiliger improvisierter Urlaub anfühlt, wenn man jung ist und die Mädchen die einzig weiteren Jugendlichen weit und breit sind. Am letzten Tag scheint er seinen Schwarm herumzukriegen, vermasselt’s aber, weil er nicht weiß, was sie von ihm erwartet, sie aber auch nicht die Initiative ergreift. Der Klassiker, möchte man meinen.

Im nächsten Kapitel ist er weiter gereift und bezieht zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Herren Länder einen leerstehenden Plattenbau. Fortan herrscht dort ein kreatives, babylonisches Chaos, doch so richtig interessant wird’s erst, als die Spanierinnen dazustoßen. Besonders eine hat’s ihm besonders angetan. Das spanische Temperament und das, was wir Deutschen gern mal als ein bisschen verrückt erachten, bringt Mawil famos zum Ausdruck. Jedenfalls versteht er sich mit der Frau bombig, darüber hinaus will sie aber leider nichts von ihm. Ein weiterer Klassiker.

Auf den meisten Seiten arbeitet Mawil mit einer 3×3-Panelstruktur, die wann nötig jedoch aufgebrochen wird. Mawil verfügt sicherlich nicht über den anmutigsten Zeichenstil, beherrscht es aber aus dem Effeff, Emotionen zu vermitteln, indem er seinen Figuren Körpersprache und Mimik einhaucht und damit lebendig werden lässt. Zeichnerisch und textlich genial umgesetzt ist beispielsweise seine Nervosität, als er bei seiner Tanzkursbekanntschaft klingelt, um ihr zum Geburtstag einen kleinen Blumenstrauß zu überreichen. Hinzu kommt Mawils Gespür für überaus authentisch wirkende Dialoge, bei denen sich mitunter die Sprechblasen überlagern. All dies sowie der eine oder andere unkonventionelle Kniff wie eine Seite mit dem Kopf stehenden Panels, ein paar unaufdringliche wiederkehrende Gags und eine köstliche, formwollendete Selbstironie machen „Wir können ja Freunde bleiben“ zu einer (außer für den Protagonisten) sehr erfreulichen Angelegenheit – bei der man dem Handlettering allerdings durchgehen lassen muss, dass es sich konsequent dem „ß“ verweigert, als handle es sich um eine schweizerische Publikation.

Entgegen etwaigen Erwartungshaltungen besteht „Wir können ja Freunde bleiben“ letztlich jedoch aus sehr harmlosen Geschichten bar jeglichen Fremdschampotenzials, in denen sich der Protagonist nie wirklich zum Obst macht. Wie ihm dürfte es etlichen ergangen sein oder gar noch immer bei der Partnersuche unter (hier übrigens stets namenlos bleibenden) Mädchen und Frauen ergehen – und andere hätten sicherlich noch ganz andere Geschichten zu erzählen, die sie aber wohlweislich eher für sich behalten dürften…

Sanni Kentopf / Alberto Saichann – Honigfeigen

Für Panini ist diese Comic-Veröffentlichung ungewöhnlich, ist der Verlag doch nicht unbedingt für seinen Erotiksektor bekannt. Umso überraschter war ich, als mir dieser vollfarbige, 72 (leider unnummerierte) Seiten umfassende Softcover-Band aus dem Jahre 2010 im 26 cm hohen Zwischenformat antiquarisch in die Hände fiel. Geschrieben wurde er von Sanni Kentopf, einer gebürtigen Norddeutschen, die unter anderem als Tänzerin tätig ist (oder war). Die in dynamischer Panelstruktur angeordneten Zeichnungen stammen von Alberto Saichann, der einen realistischen Stil verfolgt.

„Honigfeigen“ möchte an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“ anknüpfen; so ist es unschwer zu erraten, dass es sich um jenes Buch handelt, das in der Wohngemeinschaft von Stan, Marla, Ricky, Linda und Leonie kursiert und die Bewohnerinnen ermutigt, eigene sexuelle Anekdoten miteinander zu teilen, die in Form von Rückblenden eingearbeitet sind und den eigentlichen Inhalt dieses Buchs ausmachen. Alle fünf jungen Frauen werden charakterlich auf der Innenseite des Buchdeckels kurz angerissen; die 18-jährige Ricky, die die WG gerade bezieht, führt als Erzählerin durch den Comic.

Leonie hatte einen langweiligen Sexualpartner, der erst aus sich herauskam, als sie ihm ihren Finger in den Hintern schob. Seine weiteren Wünsche mit Natursekt und Kerzenwachs waren ihr aber zu pervers. Linda ging zu einer Prostituierten in den Asia-Puff und ließ sich von dieser verwöhnen. Marla schnitt sich ein Loch ins Höschen, weil das ihre Fantasie beflügelte und sie heiß machte. Sie besuchte eine Party, wo sie auf ihren Schwarm Manni traf und sich im Wandschrank von ihm lecken ließ. Was sie nicht wusste: Sie hatte ihre Tage und Manni daraufhin ein blutverschmiertes Gesicht. Stan rieb sich Muschisaft als Lockstoff hinter die Ohren und ließ sich von Alex abschleppen. Der eröffnete ihr anschließend, sie super zu finden, dass ihr Parfum aber gar nicht gehe… Schlussendlich ist Ricky dran: Sie hat noch gar nichts zu erzählen, muss erst noch Erfahrungen sammeln. Also fährt sie zum Friseur und lässt sich eine Intimfrisur schneiden, woraufhin sie ganz geil auf den Friseur wird. Später treibt sie es mit Leonie.

In seinen Bildern ist „Honigfeigen“ recht freizügig, ohne dabei in die Vollen zu gehen. Ein softpornöser Comic, der, obwohl von einer Frau geschrieben, ganz auf ein männliches Publikum und dessen schlüpfrige Fantasien von den Vorgängen innerhalb einer weiblichen Wohngemeinschaft zugeschnitten ist. Das verwundert und geht sogar so weit, dass sich der Erotikfaktor vornehmlich aus der Zurschaustellung weiblicher Körper speist, während männliche Genitalien gar nicht erst zu sehen sind. Die Bezugnahme auf „Feuchtgebiete“ wirkt reichlich bemüht, zumal der Ekelfaktor hier wesentlich geringer ausfällt, um den Erotikgehalt nicht zu torpedieren. So liest sich „Honigfeigen“ auch weit weniger provokant, als es vielleicht gern wäre, und verweilt überwiegend dann eben doch in Erotikstandards. Diese jedoch sind in ihrer sexpositiven Ausrichtung recht ansprechend umgesetzt und gestehen ihren Protagonistinnen selbstbestimmte Abenteuer ebenso zu wie sich auszuprobieren und offen damit umzugehen.

Ein vierseitiges, mit vielen Fotos versehenes Interview mit Sanni Kentopf findet sich im Anhang.

Anne Geelhaar / Ingeborg Meyer-Rey – Köpfchen, mein Köpfchen

Jetzt mal etwas ganz anderes: Manchmal verschwimmen die Erinnerungen. War es dieses Buch, das mir meine Oma zu lesen gab, als wir 1986 umgezogen waren, kurze Zeit mit ihr zusammen in ihrer Waldhütte lebten und am Ostersonntag gerade die Leckereien versteckt wurden? Jedenfalls kam mir das Titelbild sehr vertraut vor, als ich es kürzlich zufällig in einem Tauschschrank entdeckte und einfach mal mitnahm.

Beim Lesen stellte sich heraus, dass ich dieses rund 30-seitige, im Jahre 1979 im DDR-Kinderbuchverlag erschienene Buch für die Jüngsten auf jeden Fall kannte. DDR-Kinderbücher genießen für gewöhnlich einen guten Ruf, und tatsächlich ist auch dieses unheimlich liebevoll gestaltet worden. Was in der BRD vielleicht als winziges Pixi-Heftchen vermarktet worden wäre, findet sich hier als gebundenes Buch mit altersgerecht großer Schrift und Meyer-Reys wunderschönen, großflächigen bunten Illustrationen zwischen festen Buchdeckeln. Die Geschichte der renommierten Kinder- und Drehbuchautorin Anne Geelhaar handelt in Form einer Fabel davon, wie Meister Lampe den Wolf Isegrim davon abhält, ihn zu fressen, indem er ihm drei kuriose und absurde Geschichten auftischt. Die Aussage ist klar und schlägt sich bereits im Buchtitel wieder: Klug eingesetzte Intelligenz hilft vermeintlich Schwächeren gegen vermeintlich Stärkere.

Eine zeitlose Fabel für ABC-Schützinnen und -Schützen, natürlich auch prima zum Vorlesen geeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 44: Al Jaffee – Igitt! Schon das dritte Mad-Buch zum Thema: Kluge Antworten auf dumme Fragen

In Mad-Urgeisten Al Jaffees sechstem Soloband aus dem Jahre 1980, der hierzulande 1984 veröffentlicht wurde, widmet er sich zum wiederholten Male die gewohnten 160 Schwarzweißseiten lang seiner Lieblingsbeschäftigung: der Auseinandersetzung mit (vermeintlich) dummen Fragen und den (vermeintlich) klugen Antworten auf diese.

Aufgeteilt ist das Büchlein in zwölf Kapitel, von denen einige wie gehabt je einen Dialog pro Comic-Doppelseiten enthalten und mehrere Antwortmöglichkeiten inklusive je einer Sprechblase zum Selbstausfüllen bieten. Mehr als die Hälfte der Kapitel enthalten jedoch „klassische“ Comic-Geschichtchen, in denen mehr oder weniger dumme Fragen mehr oder wenige große Rollen spielen und die nicht selten mit schwarzhumorigen Pointen enden. Und auch diesmal ließ Jaffee es sich nicht nehmen, sich im letzten Kapitel selbstironisch zu verhohnepiepeln.

Unverzichtbar – heute wahrscheinlich sogar mehr als damals.

Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 6

Vor ein paar Jahren schrieb ich nach der Lektüre meines ersten „Betty“-Bands, dass ich diese Reihe zwar nicht sammeln, aber mir eine weitere Ausgabe mitnehmen würde, sollte sie mir einmal antiquarisch und günstig über den Weg laufen. Mit der Nummer 6 der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien, geschah dies tatsächlich.

Wie gehabt dreht es sich rund 100 Seiten lang um die Prostituierte und alleinerziehende Mutter eines Sohns. Betty, so ihr Name, geht ihrem Beruf freiwillig und voller Freude nach, wie die jeweils doppelseitigen, sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids umfassenden und stets innerhalb des nichtexpliziten Softsex-Bereichs bleibenden Geschichten pointiert und humorvoll erzählen. In der Regel gibt Betty den Ton an, während die Männer mehr kleine Männeken sind und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber all das habe ich so oder ähnlich ja bereits zu Band 5 geschrieben.

Wiederkehrende Nebenfiguren sind Bettys Sohn sowie der arme Blinde, der stets um Geld für eine Nummer mit Betty bettelt. Eine Besonderheit ist die Geschichte auf den Seiten 36 und 37, in die die deutsche Übersetzung eine Anspielung bzw. einen Meta-Gag auf den Verlag Edition Bikini eingeschmuggelt hat und in der Betty sich ausnahmsweise einmal von der Männerwelt übertölpeln lässt. Aus der Reihe fällt auch die eigentlich sehr traurige Origin-Story ab Seite 66. Insgesamt überwiegt aber die frivole Kurzweil, die auf natürlich nicht ernstzunehmende Weise Sex- und Sexarbeitspositivität mit feministischer Ausrichtung aus wiederum männlich-lüsterner, sich dabei aber selbst karikierender Perspektive miteinander vermengt.

Mad-Taschenbuch Nr. 43: Antonio Prohias – Der sechste Band von Spion & Spion

Bereits zum sechsten Male murksen sich die beiden verfeindeten Spione mit den spitzen Nasen gegenseitig im Taschenbuchformat ab. Das US-Original erschien im Jahre 1982, diese deutsche Ausgabe, wie gewohnt 160 unkolorierte Seiten umfassend, folgte zwei Jahre später. Gewidmet sind die 13 neuen, „Fälle“ genannten Geschichtchen mit alliterationsfreudigen Titeln „den Spionen in aller Welt, damit sie sich ein Beispiel nehmen und sich immer nur GEGENSEITIG umbringen.“

Ins Inhaltsverzeichnis hat die Redaktion bereits den ersten kleinen Gag eingebaut. Anschließend lässt sich auf ein bis zwei Panels pro Seite verfolgen, wie die Methoden, sich gegenseitig den Garaus zu machen, immer komplizierter und absurder werden, woraus Prohias‘ dialoglose Zeichnungen ihren speziellen Reiz beziehen. Was der gute Antonio sich hier wieder an Plänen, Konstruktionen und Kettenreaktionen aus den Hirnwindungen presste, ist in seiner morbiden Kreativität aller Ehren wert. Besonders angetan haben es mir die „Fälle“, in die Tiere involviert sind, beispielsweise Möwen mit Muscheln oder Piranhas.

Kult.

06.12.2025, Lobusch, Hamburg: BOLANOW BRAWL + VOLKSVERRÄTER + OMA-BASHING

Im August haben wir endlich unser Album „First Shots!“ veröffentlicht. Die Konvention verlangt, dass man dann relativ zeitnah ein als Record-Release-Party deklariertes Konzert gibt, worauf wir natürlich auch Bock hatten. Erst mal war aber Urlaubssaison angesagt. Trotzdem hatten wir unsere Fühler ausgestreckt; wir dachten, dass es vielleicht passend wäre, im Monkeys oder Indra bei irgendeinem größeren Streetpunk-Act im Vorprogramm zu zocken, unseren „Release Party“-Stempel draufzupacken und uns damit ‘nen schlanken Schuh zu machen. Blöderweise war, was das betrifft, irgendwie Flaute in beiden Läden, und als dann doch mal was kam, was einigermaßen gepasst hätte, hatte man uns anscheinend nicht mehr auf dem Schirm oder es wäre aus irgendwelchen Gründen sowieso nicht gegangen. Umso schöner, dass sich dann die Gelegenheit ergab, in der Lobusch, wo ich seit zig Jahren ein- und ausgehe, aber noch nie mit BOLANOW BRAWL gespielt hatte, zu spielen. Andi, ein Freund des Hauses, hatte dort nämlich den ersten Gig seines konspirativen Cover-Projekts OMA-BASHING geplant und die Band seines Kumpels Gizmo, VOLKSVERRÄTER aus Limburg, eingeladen – eine dritte Band, die wiederum einen ganz anderen Sound spielt, kam ihm da gerade recht. Mike aus der Lobusch vermittelte den Kontakt und gänzlich unkompliziert wurde das Unterfangen besiegelt. Ein kurzer Blick in den Kalender verriet daraufhin, dass zeitgleich LOIKAEMIE, BERLINER WEISSE und OXO 86 im Docks aufspielen würden – super! 😀 Ich fühlte mich an Konzerte in der Vergangenheit erinnert, die wir zeitgleich (aber nicht zusammen!) mit Bands wie COCK SPARRER oder MOTÖRHEAD spielten. Irgendwas ist immer – so auch ein nerviger Verdauungstraktinfekt, den ich mir zugezogen hatte. Hätte das Konzert nur einen Tag früher stattgefunden, hätte ich’s absagen müssen…

Es sollte unser erster Hamburg-Gig mit dem zurückgekehrten Ole an der Lead-Klampfe werden, der zweite seit seinem Wiedereinstieg überhaupt. Wegen eines Fahrrad-Korsos auf der Straße traf der von unserem Proberaum aus gestartete Teil unserer Band mit ‘ner guten halben Stunde Verspätung (dafür ohne blut- oder gedärmverschmierte Speichen-, Fahrradhelm- und Funktionskleidungsreste am Kühlergrill) ein. Für ‘nen Soundcheck, den Mike mit uns durchführte, blieb trotzdem genügend Zeit. Das war ideal, weil Mike unseren Sound kennt – immerhin hatten wir bei ihm die Hälfte unserer Platte aufgenommen. Anschließend gab’s lecker Mampf in Form eines Kartoffel-Kokos-Currys. Und da wir gerne mal vor’m Gig eine lokale Kneipe aufsuchen, verschlug es uns in die Marktschänke, wo wir auf Freunde und Bekannte trafen, die dort ebenfalls vorglühten. Urkos Freundin Sheila hatte Geburtstag und wollte ‘ne Runde Kurze ausgeben. Christian sollte welche bestellen und fragte den Wirt, was er empfehlen könne. Dieser riet zum Marillen-Schnappo, der, wie ein späterer Blick auf die Karte verriet, der teuerste Sprit des Ladens war. Chapeau, Herr Wirt! „Is this the way to a Marillo“ singend, goss man sich den edlen Tropfen in den Schlund, während ich dankend verzichtete. Dafür begann ich bald darauf zu drängeln, denn ich wollte unbedingt pünktlich zur ersten Band zurück sein.

Das gelang mir per Punktlandung, Andi & Co. hatten gerade die Bühne betreten. OMA-BASHING ist natürlich nichts Geringeres als ein Coverprojekt der kuriosen FEHLGEBURT, genauer: ihrer 16-Song-EP „Abtreibung“ aus dem Jahre 1987, seinerzeit auf Stumpfpunkplatten (nomen est omen) erschienen und einer neuen Generation Ende der 1990er mit zwei Beiträgen auf der „Stumf Ist Trumpff“-Compilation von Teenage Rebel Records nähergebracht worden (wodurch auch ich auf die Band aufmerksam geworden war). Wat ‘ne geniale Idee, sich dieses Zeug noch mal vorzuknöpfen und als Liveset zum Besten zu geben! Die Band hielt sich möglichst originalgetreu an die Vorlagen, der Sound war live aber natürlich wesentlich besser als auf der alten Platte. Stilecht baute man den einen oder anderen Verspieler ein, wie es FEHLGEBURT wohl auch getan hätten. Andi sang sich durch Zwei- bis Viersekünder wie „Anarchie“ oder „Das geniale Lied gegen die Genmanipulation“ ebenso wie durch längere Stücke à la „Gummigas“ oder eben „Oma-Bashing“ und führte mit dem gebotenen Ernst in „die Probleme der einfachen Menschen aufgreifendes“ Material wie „Ich hasse Schnupfen“ ein, lieferte Hintergrundinformationen zu Stücken wie „Zimmermann“ oder „Antiberliner“ und versuchte sich in Fantasierussisch an den russischen Songs. Zwischendurch klagte er regelmäßig, wie anstrengend das alles sei – ja, verdammt, endlich sagt’s mal einer: So’n ganzes Set als Sänger durchzuziehen, ist harte Arbeit! Ohne Zugaben ließ man sie trotzdem nicht von der Bühne, also gab’s noch mal „Anarchie“, „Haare“ und „Oma-Bashing“. Der Publikumsandrang war groß, vor der Bühne tanzten sogar vom ersten Song an ein paar Kenner der Materie. Großartig! Von mir aus könnte jedes Konzert damit beginnen, dass Andi & Co. eine legendäre alte Punk-EP durchcovern.

VOLKSVERRÄTER bekamen bühnenumbaubedingt erst jetzt ihren Soundcheck, was den Ablauf etwas hinauszögerte. Ein paar Punks, die anscheinend nur für OMA-BASHING gekommen waren, gingen schon wieder und verpassten dadurch angepissten Oldschool-Pogo-HC-Punk mit giftigen deutschsprachigen Texten, die den politischen Rechtsruck zerpflücken, aber auch durchblicken lassen, dass man weiß, wie man Spaß hat. Die Band um den auch von SEKRETSTAU und FRONTEX bekannten Gitarristen Gizmo gönnt sich gleich zwei Sänger, die aber die meiste Zeit dasselbe und dazu auch recht ähnlich klingend keifen und brüllen. Da könnte man vielleicht etwas mehr draus machen. Der Bass hat einige coole Läufe im Angebot, Gizmo an der Klampfe schrubbt die Akkorde halbverzerrt dazu und haut immer mal wieder ‘ne simple Lead-Melodie raus. Ich glaube, das 2023 erschienene „Schräge Töne“-Tape wurde komplett durchgezockt; „Gib die Hülse her“ feierte unser Gitarrist Ole plötzlich pogend ab, nachdem er zuvor lediglich aufmerksam zugehört hatte. Instant-Lieblingssong! Mit „BWL“ gab’s ‘ne neue, bisher unveröffentlichte Nummer, nach ein paar weiteren eigenen Songs gefolgt von einem Cover-Block: „Bulle“ von HASS mit „Ganz Hamburg hasst die Bullerei“-Intro, „Scheiß drauf“ von RAPE (damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!), NOTDURFTs „Arschkriecher-Einheitsfront“ usw. – sehr coole Wahl, nur war man gefühlt mittlerweile bei Song Nummer 25 und hatte sogar noch weitere im Köcher, während die Aufmerksamkeitsspanne, auch aufgrund der vorgerückten Stunde, beim einen oder anderen langsam, aber sicher erschöpft war. Dass nicht jeder Song auf Anhieb funktionierte und noch mal begonnen wurde, ist natürlich kein Beinbruch und passt zum Charme der Band, ein wenig Straffung hätte dem Set aber meines Erachtens gutgetan. Nichtsdestotrotz macht dieser authentische, rotzige, unangepasste und völlig trendresistente Sound immer Laune, insbesondere dann, wenn sich eine Art hungrige Hektik von der Bühne aufs Publikum überträgt.

Als krönender (?) Abschluss waren wir an der Reihe, nachdem wir seit unserer Ankunft wacker versucht hatten, den richtigen Pegel zu halten (gar nicht so einfach, denn als letzte zu spielen sind wir nicht gewohnt). Auf Limburger Pogo-D-Punk folgte also englischsprachiger Streetpunk aus Hamburg. Wir spielten alle Songs des „First Shots!“-Albums plus zwei Zugaben von der alten EP – und alles, was uns am vorausgegangenen Wochenende in Lübeck noch nicht so ganz geglückt war, funktionierte hier. Wir hatten eine tollen Bühnensound und entwickelten einen Spielfluss mit nur wenigen technikbedingten Zwangspausen. Ich hatte keine Texthänger und auch, wenn aus Christian hin und wieder die Marille sprach, quatschte er keine Opern. Die Lobusch brach zwar nun nicht mehr aus allen Dämmen, aber der Gig machte verdammt viel Spaß, zumal mein Körper meine angeschlagene Gesundheit per Adrenalinausstoß weitestgehend vergessen machte. Ein Typ, den ich nie zuvor gesehen hatte, kam an die Bühne und ließ wissen, dass er aus Afrika komme, ihm unsere Musik aber super gefalle. Ein Fan mehr! 😀 Er hatte sich aber auch den richtigen Auftritt ausgesucht, denn das dürfte unser bester seit dem „Relaunch“ der Band gewesen sein. Zwar war die Oi!-/Streetpunk-Szene Hamburgs nur spärlich vertreten, da sie offenbar überwiegend brav ins Docks gepilgert war, aber das war auch kaum anders zu erwarten gewesen. Paar Plünnen haben wir trotzdem verkauft – und ich bin froh, an das Thema „Release-Party“ endlich ‘nen Haken machen zu können. Gig-Anfragen sind uns natürlich immer willkommen, also ran an den Speck, so lange wir so gut eingespielt sind 😉

Riesendank an Andi und die Lobusch-Crew samt allen Helferinnen und Helfern, beide Bands, alle, die mitgefeiert haben, sowie an Sandy, Keith und Nickel für die Unmengen Schnappschüsse unseres Auftritts!

29.11.2025, VeB, Lübeck: BOLANOW BRAWL + THE UNMARKED + 1323

Die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck hatte uns zu ‘nem Gig ins VeB eingeladen, mit THE UNMARKED aus Berlin und den Hamburger Kollegen von 1323 standen bald (THE UNMARKED) bzw. eher kurzfristig (1323) die anderen beiden Kapellen fest. Es sollte unser erstes Konzert in Lübeck seit unserem Auftritt mit THE NILZ im Jahre 2019 werden, zudem unser erster überhaupt seit Veröffentlichung unseres „First Shots!“-Albums und unser erster mit unserem zurückgekehrten Lead-Gitarristen Ole. Das VeB befindet sich auf dem „Walli“-Gelände direkt neben dem größeren Treibsand und in Bahnhofsnähe – ein gemütlicher kleiner D.I.Y.-Laden, in dem es zu fünft auf der Bühne etwas eng wird, der aber gerade für Auftritte kleinerer, keine Massen ziehenden Bands prädestiniert ist. Nebenan spielten die MONSTERS OF LIEDERMACHING, die mutmaßlich ein etwas größeres Publikum zogen…

Die Lübecker Skins versorgten uns mit einer reichhaltigen Getränkeauswahl, einer warmen Mahlzeit und für mich sogar einer „Extrawurst“ in Form eines köstlichen Risottos, nachdem ich die Frage nach etwaigen Lebensmittelunverträglichkeiten im Vorfeld recht ausführlich beantwortet und damit Aubergine, Rosenkohl und wie sie alle heißen ausgeschlossen hatte – wow, allein schon dafür besten Dank! Nachdem die Bühne aufgebaut war, wollte unsere weltbeste Fahrerin und gute Seele Sandy noch ‘nen anatolischen Imbiss aufsuchen, was wir kurzerhand mit einem Besuch des Weihnachtsmarkts verbanden. Gerüchten zufolge goss sich der eine oder andere lediglich heißen Kakao ein, was wiederum andere durch erhöhten Konsum alkoholhaltiger Heißgetränke glaubten kompensieren zu müssen und sich kaum wieder loseisen ließen, obwohl auch auf dem Walli-Gelände Glühwein ausgeschenkt wurde – herrlich bekloppt wieder.

Um kurz nach 22:00 Uhr machten 1323 dann den Auftakt mit überwiegend deutschsprachigem Hardcore-Punk der alten Schule, meist schön hektisch nach vorne peitschend, aber aufgelockert von diversen Offbeat-Parts und abwechslungsreich gehalten mit dem spanischen „La pinche soledad“, dem in doppelter Geschwindigkeit runtergeholzten CANALTERROR-Cover „Staatsfeind“ und als besonderem Bonbon „Police navidad“, das auf dem weltbekannten spanischen Weihnachtslied basiert. Gitarrist Phil und Basser Ali setzten sich Nikolausmützen auf, Drummer Andi ‘nen Bullenhelm und brüllte voller Inbrunst seine Festtagswünsche ins Mikro, während ich mich sorgte, dass unser spanisches Bandmitglied Urko einen Kulturschock erleidet. Ein grandioser Spaß. Ansonsten ging’s aber subgenretypisch eher ernst zu und nahm man in den Ansagen Bezug auf aktuelle politische Ereignisse. Weiteres bisher unveröffentlichtes Material klang vielversprechend, den Hauptgesang teilten sich der gesundheitlich angeschlagene Phil und Andi, und als geforderte Zugabe gab’s die Progrockoper „Bundeswehr“ von YACØPSÆ. Ein klasse Gig, bei dem in Sachen Raumakustik besonders der Basssound positiv hervorstach und optimal durchkam. Phil verabschiedete sich anschließend, um das Bett zu hüten (Gute Besserung und danke fürs Durchziehen!), während Ali offenbar solchen Gefallen an seiner Mütze gefunden hatte, dass er sie gar nicht mehr absetzte.

THE UNMARKED sind irgendwie typisch Berlin: Die Band vereint Angehörige verschiedenster Nationalitäten, die in der ehemaligen Mauerstadt zusammenfanden, auf Englisch miteinander kommunizieren – und natürlich über die Musik! Und die hat’s in sich: Flott gezockter Streetpunk US-amerikanischer Prägung, rau, melodisch und mit fetten Chören. Es war ihr erster Gig in der aktuellen Quartettbesetzung, und der ging ohne viel Federlesens von null auf hundert. Ohne viel Gesabbel reihten sie Song an Song, darunter ein THE-GC5-Cover. Zusammen erzeugten beide Gitarren einen fetten Sound, den die Rhythmusfraktion arschtretend nach vorne blies und der von Sänger Johns kratzigem Organ durchdrungen wurde. Pures Adrenalin und ein verdammt beeindruckender Auftritt einer Band, von der man mit Sicherheit noch einiges hören wird. Gemeinsame Gigs sind bereits angedacht!

Das konnten wir natürlich nicht toppen, aber darum geht’s ja zum Glück auch nicht. Uns als letzte Band zu platzieren, kann durchaus so’ne Sache sein – irgendwo zwischen optimistisch und grob fahrlässig –, wir sind’s bisher kaum gewohnt. Zudem haben wir in Flensburg unser Banner im Suff verloren, dafür hat Christian eine programmierbare Leuchtreklame besorgt. Banner 2.0. Digitalisierung – da sind wir ganz vorne mit dabei… Wir zockten die zwölf Songs unseres Albums in an die Livesituation angepasster Reihenfolge durch, hatten aber Schwierigkeiten, einen echten Spielfluss zu entwickeln. Offenbar hatten wir den Line-Check vorschnell mit „Passt schon!“ beschieden. Das hatte zur Konsequenz, dass Christian während des Sets bemerkte, seine Gitarre auf der monitorlosen, aber bis auf den Gesang auch nicht über eine P.A. abgenommenen Bühne nicht richtig herauszuhören und ständig nachzujustieren versuchte. Bis es wirklich besser wurde, dauerte es aber einige Songs. Die Zwangspausen versuchten wir mit dem üblichen Blödsinngequatsche zu überbrücken, während Raoul an den Drums schon den nächsten Song anzählte. Wie aus einem Guss wirkte das wohl eher nicht und üblicher Kleinkram wie mal ein Texthänger kam hinzu. Die zweite Hälfte flutschte aber besser, Spielrauschgefühl kam auf und als nach Zugaben gerufen wurden, spielten wir noch zwei Stücke der alten EP. Insofern war’s ‘ne ideale Generalprobe für unsere Record-Release-Party kommenden Samstag in der Hamburger Lobusch.

Ein geiler Abend war’s so oder so! Danke an die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck, 1323, THE UNMARKED sowie das VeB samt allen Besucherinnen und Besuchern! Und nicht zuletzt danke an Sandy für die Schnappschüsse unseres Auftritts.

Frank Schäfer – BLAM! BLAM! BLAM! Ein Comic(ver)führer

Der Braunschweiger Frank Schäfer schreibt gern und viel über Musik und publiziert regelmäßig in diesem Metier, schiebt aber auch immer wieder Texte und Bücher zu Literatur dazwischen. Einige habe ich bereits gelesen und hier besprochen. Sein „Comic(ver)führer“ mit dem von Karsten Weyershausen ausgesprochen hübsch illustrierten Titel erschien im Jahre 2014 als rund 130-seitiges Taschenbuch im Reiffer-Verlag und widmet sich in seinen 25 Kapiteln ganz der Neunten Kunst.

Nach einem Vorwort, in dem ich mich mehr als nur ein bisschen wiedererkenne, skizziert Schäfer zunächst die Geschichte dieser besonderen Literaturform, geht auf Marvel und insbesondere deren Spiderman ein, empfiehlt einige anspruchsvoller klingende Titel, ehrt Charles M. Schulz und dessen Peanuts und huldigt Robert Crumb als erstem kommerziell erfolgreichen Underground-Zeichner. Er schreibt über Jean Giraud und vermittelt, was dessen Blueberry-Westerncomics so besonders macht, sowie über Girauds Science-Fiction-Alter-Ego Moebius, unter dem er freier und offener arbeiten konnte. Durchaus auch kritische Worte findet er zu Comics mit Musik(er)-Bezug und stellt Titel vor, die noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit „Zappaesk“ wird’s etwas hochtrabend und verkopft, ansonsten liest sich alles sehr angenehm und flüssig. Das Adjektiv „skrupulös“ verwendet er aber vielleicht etwas häufig und Schäfer-typisch haben sich wieder ein paar abgefahrene Fremdwörter eingeschlichen.

Mit einigen Zeichnern hat Schäfer persönlich gesprochen, beispielsweise mit Mawil und Kleist – wobei ich dieses Interview bereits aus dem Buch „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ zu kennen meine. Das darauffolgende zweite Gespräch mit Mawil jedoch war mir, wenn mich nicht alles täuscht, neu. Folgerichtig geht’s mit einem Interview mit Coming-of-age-Zeichner Arne Bellstorf weiter, den ich wohl unbedingt einmal lesen sollte. Dies gilt auch für Adrian Tomine, den mir dieses Buch näherbrachte. Mit Sascha Hommer spricht Schäfer über „Insekt“, bevor er weitere Musik-Comics vorstellt. Schäfer las Walter Moers‘ „Der Bunker“ ebenso wie „Phineas & Ferb“ und bespricht Ulli Lusts Comicadaption des Zweiter-Weltkrieg-Romans „Flughunde“. Über Tardis Kriegscomics lässt er sich ebenso aus wie über diverse auslandskorrespondistische Reportage-Comics und Howard Cruses in den 1960ern angesiedelten „Stuck Rubber Baby“ über Homosexualität und Rassismus in den USA sowie die erkämpften Veränderungen. Craig Thompsons Werk und „The Walking Dead” schließen das Büchlein ab.

Zum Thema des jeweiligen Kapitels werden Rezensionen anderer passender Werke eingeschoben, einige Schwarzweiß-Abbildungen peppen die Textsammlung auf. Dieser merkt man den Essay-Sammelbandcharakter an, als roter Faden zieht sich aber – wie üblich – Schäfers ehrliches Interesse und persönliche Begeisterung für die Gegenstände seiner Betrachtungen durch die Kapitel und Seiten. So erweitert sich auch der eigene Horizont beim Lesen, bekommt man doch einen Eindruck davon, welch breites Spektrum die Comicwelt bereithält und wie unterschiedlich die jeweiligen inhaltlichen Ansätze sein können. Der eine oder andere Comic-Tipp fällt dabei in jedem Falle ab.

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