Günnis Reviews

Autor: Günni (page 1 of 113)

U-Comix präsentiert #3: Édika – Knock Out!

Wie Gotlib hatte ich auch den französischen Comiczeichner Édouard Karali alias Édika über die „Carlsen Pocket“-Taschenbuchreihe kennengelernt, innerhalb derer Édikas „Blödmannski Totalnikoff“ neu aufgelegt worden war. Zuvor war es jedoch einmal mehr Raymond Martins Volksverlag bzw. dessen Nachfolger alpha-comic, der den in Albumform im Jahre 1981 in Frankreich debütierenden Édika nach Deutschland holte, dessen provokante, anarchische bis groteske Funnys in seinem U-Comix-Magazin abdruckte und ihn schließlich auch als Alben veröffentlichte. „Knock Out!“ erschien im Jahre 1987 als 50-seitiges, unkoloriertes und handgelettertes Softcover-Album, bildet die Nummer 3 der „U-Comix präsentiert“-Reihe und umfasst acht Geschichten.

Diese stecken voller Nonsens und Absurditäten. Ein dreiseitiges Bilderrätsel wird von Édika am Ende selbst sabotiert wird. Gegen Gotlib, an dessen Stil Édika nicht nur aufgrund der multiplen Sprachblasen einer Figur pro Panel und der völlig überzogenen Gefühlsregungen erinnert, setzt es Seitenhiebe; auf Seite 15 scheint sich rechts unten gar dessen Peter Pervers eingeschlichen zu haben. Die Klogeschichte „Pippi, Kacka und so weiter…“ setzt auf Ekeleffekte, offenbar ein Stück aus Édikas analer Phase. Édika zeichnet ins Absurde übersteigerte Exzesse in vielerlei Hinsicht sowie große, sich betont sexy gebende Frauen, denen die Brüste heraushängen und die Möchtegern-Machos übel mitspielen – beispielsweise einem Typen, der eine Tanzpartnerin sucht. Am Rande tauchen immer wieder Punks auf, die offenbar damals auch das französiche Stadtbild mitprägten. Ein vermeintlicher Sittenstrolch stiehlt Gegenstände zu einem bestimmten Zweck zusammen, was in eine eher durchschnittliche Pointe mündet; vielleicht gingen bei der Übertragung ins Deutsche aber auch Lokalkolorit und Wortwitz verloren. Oft sind‘s indes ohnehin weniger die Pointen als vielmehr der Weg zu ihnen, der aufgrund seines heillos überzeichnenden, karikierenden Humors für Amüsement sorgt. So auch beim armen Tropf, der seine Comics bei einem Verleger unterzubringen versucht – was natürlich als Seitenhieb auf die Branche und ihre Gatekeeper zu verstehen ist. Schwärzesten Humor beherrscht er auch: Ein Blinder wird im Straßenverkehr Stück für Stück aufgrund seines notgeilen und leicht ablenkbaren Blindenhunds regelrecht zersplattert. Dann hat ein Kaufhausdieb wenig Glück und scheitert trotz immer ausgefeilterer Methoden stets am Gesetzeshüter. Die letzte Geschichte verrät, wie man es zum Bodybuilding-gestählten Körper in nur einer Woche schafft. Oberflächlichkeiten und Triebgesteuertheit sind häufig Ziele Édikas Spotts.

Auch die Vielzahl gezeichneter Extremitäten, um schnelle Bewegungen und Hektik auszudrücken, erinnern an Gotlib. Édikas Figuren aber haben diese charakteristischen Auberginen-Nasen.  Auch Gotlib hat ein Faible für die Meta-Ebene und arbeitet mit Kommentaren sowie Figuren, denen bewusst ist, dass sie Teil eines Comics sind. Fast überraschend wirkt die zwar dynamische, zumeist aber sehr klare, aufgeräumte Panelstruktur. Einer der Running Gags ist die plötzliche Verwendung englischer Sprache, ein weiterer die wiederkehrende Frage: „Warum so viel Hass?“ Ein paar deutsche Lokalisierungen ließ der Volksverlag dem Comic anheim werden. Wie bestimmte andere Nachkriegszeichner und -autoren auch löst sich Édika von sämtlichen etwaigen Fesseln und zeichnet ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung oder Zensur, was ihm in den Sinn kommt. Das wirkt auch heute noch erfrischend und löst ein Verlangen nach Mehr aus, das Èdika sicher vortrefflich hätte zeichnerisch karikieren können.

Christian Eichler – Lexikon der Fußballmythen

Nachdem ich Christian Eichlers mir einst von Onkel Joe vermachtes Buch „Weltmeisterschaften Tag für Tag“ gelesen hatte, schrieb ich, gern mehr von ihm lesen zu wollen. Gerade einmal acht Jahre später (*hüstel*) ist es so weit, begleitend zur in Teilen unfassbar absurden WM 2026 nahm ich das „Lexikon der Fußballmythen“ des deutschen Sportjournalisten zur Hand. Es erschien ursprünglich im Jahre 2000 bei Eichborn; mir liegt eine aktualisierte Neuauflage aus dem Jahre 2004 vor, die Piper als Taschenbuch herausbrachte. Das Buch gliedert sich in 29 Kapitel plus Vorwort, ausführlichem Quellenverzeichnis und Register.

Im Vorwort verweist Eichler darauf, dass einige Informationen wiederholt abgedruckt sind, schlicht weil sie zu mehreren behandelten Themen passen. Diese Wiederholungen und Querverweise stören mich ebenso wenig wie der Umstand, dass es sich keinesfalls um ein Lexikon im klassischen Sinne handelt, sondern vielmehr um eine mit faktenbasierten Informationen pickepackevollgepackte Essay-Sammlung zu übergeordneten Begriffen wie Spiel, Kampf, Spieler, Team und Verein, oder auch Skandal, Angst, Schönheit, Sprache und Kult. Diese Kapitel wiederum sind gegliedert in dann tatsächlich alphabetisch sortierte Unterkapitel, womit ein lexikalischer Aufbau zumindest angetäuscht wird wie bei einem guten Übersteiger.

Eichler schreibt in einer Mischung aus informiertem Journalisten und kritischem Fan des Fußballsports, woraus ein angenehm zu lesender Stil resultiert. Er trägt internationales Wissen zusammen, sortiert es in die unterschiedlichen Aspekte des Fußballs ein, bereitet es nachvollziehbar, oft betont locker auf und schließt fast immer mit einer besonders (trocken-)humorig präsentierten Anekdote. Eines der schönsten Beispiele findet sich im Kapitel „Film“:

„[…] spätere Kollegen haben die Peinlichkeiten in anderen Streifen nachgeholt: Paul Breitner im deutschen Western »Potato-Fritz«, Wolfgang Kleff als Double des Komikers Otto, Franz Beckenbauer als er selbst in »Der Libero« (produziert von Konsul Weyer), zuletzt Eric Cantona als Leibwächter eines Affen in »Monkey«. Kein Wunder, daß unter Fußballern »Schauspieler« ein Schimpfwort ist.“

Immer wieder zitiert er Kollegen der schreibenden Zunft, Sportler, Trainer und andere aus dem Fußballrummel, besonders gern alte Brasilianer sowie den uruguayischen Fußballromantiker Eduardo Galeano, der es ihm – ebenso wie der ehemals so schöngeistige südamerikanische Spielstil – besonders angetan zu haben scheint. Am Ende der rund 440 Nettoseiten hat man tatsächlich das Gefühl, man habe alles Wissenswerte und noch viel mehr vermittelt bekommen.

Inhaltlich endet das Buch jedoch (ich hoffe, ich liege jetzt nicht daneben) im Jahre 2002. Und seitdem ist viel passiert! So ergänzte ich das eine oder andere Kapitel im Geiste und machte mir dadurch bewusst, was seither eigentlich so alles geschehen ist und sich in mein Langzeitgedächtnis eingebrannt hat. Das Kapitel über Verletzungen müsste um Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 erweitert werden, jenes über Wendepartien um Dortmund versus Schalke sowie Deutschland gegen Schweden, die jeweils nach einer 4:0-Führung unentschieden ausgingen. Ein Kapitel über Skandale ohne den korrupten Schiri Hoyzer? Undenkbar. Und wenn ich von einem Büchsenwurf lese, wirkt dieser harmlos gegen den Golfball, den Oliver Kahn später abbekommen sollte. Im Kapitel über Medien, in dem er bereits Attacken der Springerpresse gegen Jürgen Klinsmann anspricht, heißt es an einer Stelle (auf S. 399): „Einflußreicher als die Presse ist längst das Fernsehen […]“ – und man wünscht sich, er hätte die Zeit mit Klinsmann als Nationaltrainer noch ins Buch einfließen lassen können… Was Eichler darüber hinaus wohl zu all den Video-Assistant-Referee-Aufregern gesagt hätte, zu Fußball vor leeren Rängen während der Covid-19-Pandemie oder zu einer Weltmeisterschaft in Katar?

Über ein paar Ungereimtheiten bin ich gleichwohl auch gestolpert: Nach den WM- und EM-Blamagen 1998 und 2000 legt Eichler den Kritik an vernachlässigter Nachwuchsarbeit Übenden eine regelrecht nach Ressentiment klingende Schuldzuweisung an „zu viele Ausländer“ (S. 102) in den Vereinen in den Mund, was etwas arg polemisierend ist. Die Manndeckung Maradonas im WM-Finale 1990 (S. 135) übernahm nicht Berthold, sondern Buchwald, und Argentinien ist in jenem Turnier mitnichten mit nur einem Tor ins Finale gelangt. Auf S. 256 wird aus Altnazi Hans-Ulrich Rudel ein gewisser Ernst-Ulrich, und „dem Fritz sei Wetter“ (S. 273) ist Dativ, kein Genitiv. Auch gehe ich – wie schon im eingangs erwähnten Buch – bei seiner Beurteilung der WM 1990 nicht mit, auch nicht in Bezug auf die Leistungen der DFB-Auswahl, die er aus irgendeinem Grunde – anscheinend weil sie eher konservativen, kämpferischen Fußball statt südamerikanische Ballzauberei oder progressive Taktikmodelle bot – überkritisch sieht.

Im Kapitel 24 über Macht, in dem es vor allem um Politik geht, bleibt er zunächst etwas arg oberflächlich und droht sich hier und da zu verheben, ab dem Buchstaben M (wie Mielke) wird’s dann aber doch noch äußerst interessant. Am schönsten aber ist das Kapitel über Sprache. Eichlers Kritik an den Fernsehübertragungen würde ich im hier abgedruckten Ausmaße nicht mehr unterschreiben, mit der mangels Draufsicht aufs komplette Feld vor dem TV-Gerät nur schwer erfassbaren Taktik dürfte er aber bis heute nicht ganz unrecht haben. Generell hadert er teils berechtigt, teils übertrieben mit modernen Fernsehfußball-Phänomen. Am Schluss präsentiert er schließlich die mehr oder weniger titelgebenden 50 populären Fußballirrtümer, die noch einmal besonders kurzweilig geraten sind, einem dabei aber schöne Fakten fürs nächste Kneipengespräch mit auf den Weg geben.

So verbindet Eichler in seinem um 35 Schwarzweiß-Abbildungen ergänzten Buch Fachwissen mit unaufdringlichem Humor sowie der einen oder anderen streitbaren These – und macht nach einer kurzen Verschnaufpause Lust auf mehr. Der nächste Eichler ist schon geordert (und wird hoffentlich keine acht Jahre bei mir nachreifen).

10.07.2026, Kaufhaus mit Herz, Buchholz i.d.N.: HEADLIGHT

Kiki hatte durchblicken lassen, dass HEADLIGHT, die Country-Cover-Kapelle meines alten Kumpels Norman, im Städtchen Buchholz in der Nordheide spielen sollte, und zwar umsonst und draußen. Nachdem ich diese im Winter erstmals live gesehen hatte und sehr angetan war, sprach eigentlich nichts gegen meine Partizipation, denn in der Theorie passte alles: Ich konnte an diesem Freitag zeitig Feierabend machen, hatte in Wintermoor etwas zu erledigen, wofür ich ohnehin über Buchholz fahren musste, und wäre auf dem Rückweg pünktlich zum Konzertbeginn um 19:30 Uhr vor Ort gewesen. Durch die Umsetzung in der Praxis machte die Bahn aber einen dicken Strich. Die Sommerferien hatten begonnen, was bedeutet, dass die S-Bahn auf der gefürchteten, weil besonders störungsanfälligen Linie S3, die das niedersächsische Stade mit dem Schleswig-Holstein’schen Pinneberg verbindet und dazwischen durch ganz Hamburg gondelt, auf einem insbesondere für Berufspendler wichtigen Teilabschnitt einmal mehr für Bauarbeiten gesperrt wurde. Den Ersatzverkehr mit Bussen tut sich keine vernunftbegabte Kreatur an, also weichen alle auf die Regionalbahn aus, um zum Verkehrsknotenpunkt Harburg zu gelangen. Ausgerechnet diese musste auch ich nehmen, um nach Buchholz zu gelangen. Meine S-Bahn zum Hauptbahnhof fiel sang- und klanglos aus, ohne dass es eine entsprechende Durchsage gegeben hätte, die elektronischen Zugzielanzeiger zeigten nur Kokolores an. Reine Glückssache alles an solchen Tagen. Dank eingeplantem Puffer kam ich trotzdem rechtzeitig am Hamburger Hbf an, wo ich vom Gleiswechsel der Regionalbahn erfuhr. Ok, kein Ding. Am Bahnsteig aber bot sich mir ein Bild des Grauens: Menschenmassen, die sich in verschiedene Richtungen schoben, teils mit Kinderwagen, mit Rollatoren oder viel Gepäck. Auch hier auf den Anzeigetafeln nur Falschinformationen (besonders schön: „Bitte nicht einsteigen!“), ein perfektes Chaos.

Bis alle eingestiegen waren, verging Minute um Minute. Pünktlich würde ich hier nicht loskommen, so viel stand fest. Doch noch hatte ich Glück und konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Ha! Doch der Zug setzte sich noch lange nicht in Bewegung. Zunächst musste zigmal durchgesagt werden, dass der Türbereich freigemacht werden müsse, damit diese schließen könnten. Dann eilte das Zugpersonal hastig durch die Abteile, um die Türen manuell zwangszuschließen. Irgendwann ging’s dann endlich mit massiver Verspätung los. Am ersten Zwischenstopp versagte jedoch kurzzeitig eine dieser hochsensiblen Türen ihren Dienst, was ein weiteres Eingreifen des Personals erforderlich machte und noch mehr Verspätung erzeugte. Schnurz, denn wie ich per Durchsage erfuhr: Mein Anschlusszug, der mich von Buchholz nach Wintermoor bringen sollte, hatte ungefähr eine halbe Stunde Verspätung, wodurch ich ihn in jedem Falle noch bekommen würde…

Den Buchholzer Bahnhof hatte ich noch nie so voll gesehen wie an diesem späten Nachmittag; offenbar wollten Etliche diese an jeder Milchkanne haltende Heidebimmelbahn nutzen, um mit ihrem Reisegepäck nach Hannover zu gelangen und von dort in den Urlaub zu starten. Durchsagen am Bahnhof gab es keine, von einer Anzeigetafel ganz zu schweigen. Blicke in die HVV-App verdeutlichten aber, dass die Verspätung immer höhere Ausmaße annahm. Gut, erst mal schiffen gehen. Das einzige Bahnhofsklo war „wegen Vandalismus geschlossen“, nebenan stand aber ein vollgesifftes Dixi, in dem ich meine Duftmarke addieren konnte. Als die Bahn endlich eintrudelte, dauert es noch mal ewig, bis sich alle wie die Ölsardinen hineingezwängt hatten. Das Personal half, die Fahrgäste auf die drei Waggons aufzuteilen, bis es irgendwann mit einer einstündigen Verspätung oder so losging. Für eine rund 20-minütige Strecke wohlgemerkt! Diesmal hatte ich keinen der raren Sitzplätze, aber Lieblingsmusik auf dem Ohr und mache auf stoisch alles über sich ergehen lassenden Mönch. Wenigstens war der ganze Bums an diesem heißen Sommertag klimatisiert. Man ließ sich aber weiterhin alle Zeit, hielt irgendwo, wo die Strecke tatsächlich mal mehrgleisig wurde, um den entgegenkommenden Zug vorbeizulassen, und tuckerte dann in aller Seelenruhe weiter. Irgendwann ließ ich mich in Wintermoor ausspucken, beobachtete noch, wie das Bahnpersonal aus den Fenstern ihrer Kabuffs kletterte, um von außen irgendwo irgendwie einzugreifen (Kollabierte Fahrgäste? Defekte Türen? Reifenplatten?), aber das hatte alles nichts mehr mit mir zu tun und so genoss ich die Abwesenheit jeglicher Menschen. Irgendwann wollte ich den Rückweg antreten, um mir HEADLIGHT anzusehen, ‘n kaltes Bierchen zu zischen und ‘ne Pommes zu verknusemafatzeln. Müßig zu erwähnen, dass die ursprünglich geplante Bahn zeitlich keine Option mehr war. Mit der nächsten wäre ich so oder so zu spät gekommen, auch ohne die zehnminütige Verspätung, die nun am Bahnhof angezeigt und durchgesagt wurde. Diese waren schnell um, dann allerdings wurde zu dieser Bahn lange Zeit gar nichts mehr gesagt und nur die darauffolgende Bahn angezeigt, ganz so, als sei sie verschollen oder habe schlicht aufgegeben. Nach einer halben Stunde oder was weiß ich kam sie dann doch. Kein Sitzplatz zwar, aber auch kein so fieses Gedrängel. Mit dem Konzert hatte ich allerdings schon abgeschlossen, nun lockten nur noch Bier und Pommes.

Zurück in Buchholz stellte ich erfreut fest, dass ich lediglich die Hälfte verpasst hatte, denn ich kam pünktlich zur Pause zwischen den Sets. Allerdings spielten HEADLIGHT nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, auf einem Stadtfest oder so, sondern auf der Rampe des Sozialkaufhauses der AWO. Es gab Bier, aber keine Pommes, dafür Kekse und Blaubeeren. Und HEADLIGHT! Die spielten vor um die zwei Dutzend Menschen, von denen die einen standen und die anderen es sich auf den bereitgestellten Stühlen bequem gemacht hatten. Kiki bot mir ihren Stuhl an und so pflanzte ich mich dazu, um dem Sextett zu lauschen. Der Aufbau war diesmal insofern reduziert, als der Drummer samt seinem Kit durch einen zurückhaltendere Percussions beisteuernden Kollegen ersetzt worden war, wodurch die Performance noch etwas intimer wirkte. Auch Normans E-Gitarre blieb diesmal im Koffer, er beschränkte sich auf die akustische. So coverte man sich durch liebgewonnene und unverwüstliche Klassiker wie „Wagon Wheel“, Buddy Hollys „It’s So Easy!“, Dolly Partons „Jolene“, Del Shannons „Runaway“, Steve Goodmans „City of New Orleans” (dem „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“-Original), Tammy Wynettes „Stand By Your Man“, Johnny Cashs „Daddy Sang Bass“, CCRs „Proud Mary”, zwischendrin ein Medley inklusive Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ und als Zugabe „Save the Last Dance for Me“. Der Begriff Country wurde also eher breit ausgelegt, und wie in Buxtehude brillierten Manuela und Norman als Gesangsduo, während die Songs durch die Instrumentierung inklusive eines Keyboards eine sehr individuelle Note erhielten und dadurch gewannen. Der ideale Soundtrack zum Bierchenzisch nach einem derart stressigen, aber eigentlich herrlich sonnigen Tag. Mit Pommes wär’s perfekt gewesen! Bald darauf verabschiedete ich mich von Kiki und Norman, fuhr mit einer nur noch zehn Minuten verspäteten Bahn zurück nach Hamburg, zog mir ‘ne Pommes ‘nen Döner und bereute es trotz allem kein bisschen, das WM-Viertelfinalspiel dafür versäumt zu haben. Und ins Buchholzer AWO-Kaufhaus muss ich demnächst mal in Ruhe stöbern kommen – dann hoffentlich ohne Bahnchaos from hell…

P.S.: Unter dem Banner „Musik von der Rampe“ finden dort anscheinend öfter mal solch sympathische kleine Konzerte statt, also am besten die Augen offenhalten.

Mürmann/Nofi – Stinkstiefel

Wolfgang Mürmann war vornehmlich Musiker, lieferte aber auch Ideen und Inhalte für Cartoons, unter anderem für die in der Illustrierten „Neue Revue“ abgedruckten „Stinkstiefel“-Strips, die als rund 100-seitiges querformatiges Taschenbuch im Jahre 1995 gesammelt beim Kieler Semmel-Nachfolger Achterbahn erschienen. Bei Nofi dürfte es sich um ein Pseudonym des Hamburger Zeichners Lutz Nosofsky gehandelt haben, mit dem Mürmann auch für weitere Cartoon-Publikationen zusammenarbeitete.

Das auf Seitenzahlen verzichtende, unkolorierte Büchlein beginnt mit einer kurzen Einführung in die Figuren, in deren Mittelpunkt der rotzfreche Lümmel Justus, nur Stinkstiefel genannt, steht. Die Zeichnungen sind in einem wunderbar karikierenden Funny-Stil gehalten; die Strips bestehen aus ein bis vier Panels, in einem sich über zwei Seiten erstreckenden Fall sogar aus acht. Stinkstiefel legt einen herrlichen Sarkasmus an den Tag, reißt ab und an auch mal einen politik- oder gesellschaftskritischen Spruch oder ergeht sich in Wortwitzen. Hin und wieder bekommt er auch selbst sein Fett weg.

Alles in allem ist das aber nichts, was aus der Masse an ähnlichen Comics groß herausstechen würde, und nicht jeder Gag sitzt. Schade, dass man sich für Maschinen- statt Handlettering entschied, und wenn ich „Scater“ statt „Skater“ lese, wird mir ganz anders. Als kurzweiliger Zeitvertreib aber nicht verkehrt.

Carlsen Pocket Nr. 4: Gotlib – Peter Pervers

„Peter Pervers“ aus der Feder des für seine satirischen Geschmacksgrenzenauslotungen berüchtigten französischen Comiczeichners und -autors Gotlib erschien im Original im Jahre 1981. Zwei Jahre später lizenzierte der Volksverlag den Comic für ein Softcover-Album. 1990 sicherte sich Carlsen die Rechte an einem Abdruck innerhalb seiner bunt gemischten, aber inhaltlich qualitativ hochwertigen Taschenbuchreihe „Carlsen Pocket“, als deren vierter Band das Peterle erschien. Ob sich diese inhaltlich vom Album unterscheidet, ist mir leider nicht bekannt. Weiß jemand mehr?

Über rund 130 unkolorierte Seiten mit freier, aber aufgeräumter Panelstruktur erstreckt sich dieser satirische Funny-Comic mit häufig dialoglosen, sich maximal über wenige Seiten ziehenden, pointierten Kurzgeschichten des schlechten Geschmacks. Gotlib eröffnet mit einigen Gags zum Klassiker-Topos „Exhibitionisten mit Mantel“, die aber nur dem eigentlichen Star die Bühne bereiten: Bald kommt Peter, manchmal auch Petra, ins Spiel, jener alte Sack mit der Schniefnase, der anderen gern nicht immer, aber öfter sexualisierte streiche spielt und sich am Ende völlig übertrieben darüber wegschmeißt. Dabei geht enorm albern, mitunter aber auch schwarzhumorig zu. Als Identifikationsfigur taugt Peter Pervers dabei genauso wenig wie Don Martins Käpt’n Hirni.

Einmal taucht plötzlich Lucky Lukes Gaul Jolly Jumper auf, ein anderes Mal ist Peter ein Dschungeltarzan oder auch ein Raumfahrer, woraus eine „Alien“-Verballhornung wird. Als notgeilen Superman-Verschnitt lernt man ihn ebenso kennen wie als Dr. Pervers und Mr. Peter im alten London, wo er von Sherlock Holmes verfolgt wird. Überraschung: Mr. Peter ist „Der Unsichtbare“ – welch herrliches absurdes Mash-up! Irgendwann ist er auch Gott und Peter Pervers von Nazareth, womit Gotlib seinem Faible für Blasphemie nachgehen konnte.

Es wirkt, als sei es Gotlib irgendwann zu langweilig geworden, Peter Pervers als reinen Streichespieler im Hier und Jetzt zu zeichnen, sodass er viel mehr Freude daran entwickelte, diese kuriose Figur in die eigenartigsten und eigentlich unpassendsten Sujets zu transferieren. Ein bescheuerter, kurzweiliger Spaß, der immer mal wieder bewusst „drüber“ ist.

Gotlib – Gotlib (Band 2)

Das zweite in Raymond Martins Volksverlag erschienene Sammelband-Softcover-Album des französischen Comic-Enfant-Terribles Gotlib datiert in Original wie deutscher Lizenz aufs Jahr 1983, seine rund 100 Seiten blieben diesmal jedoch unkoloriert. In Sachen Blasphemie und Sex setzte Gotlib in seinen anarchisch-satirischen Comics jedoch noch einen drauf, ergänzt um menschliche Ausscheidungen.

Ein hervorragendes, der Fachzeitschrift „Comic Forum“ entnommenes, fünfseitiges und somit recht ausführliches Portrait Gotlibs stimmt auf den Inhalt ein, der neben kurzem Nonsens diverse absonderliche Geschichten enthält. So trifft der Bürgermeister von Huon im Wald auf allerlei sich Sex und Perversionen hingebende Märchengestalten. Ein paar Panels entpuppen sich dabei als eine Art Prequel der Erlebnisse Herrn Junghans‘ aus Band 1. In „La coulpe“ streift Gotlib persönlich durch die Gegend und macht eigenartige Erfahrungen. Ein beliebtes Motiv Gotlibs scheinen hier zweckentfremdete bzw. umplatzierte Körperteile zu sein; so hat jemand beispielsweise eine Penishand und einen Handpenis, ein anderer kackt aus dem Kopf. In einer „Was bin ich?“-Persiflage hat der Kandidat einen Fuß statt einer Hand und umgekehrt – und führt vor, wie er damit onaniert.

Ein verklemmter Zensor wird von Gott gezwungen, durch Scheiße zu schwimmen, zu onanieren, mit seiner Mutter zu vögeln und seinen Vater zu töten – provokanter ging es wirklich kaum noch. Etwas bemüht wirkt die Pointe des exzellent gezeichneten Vorgangs der Morgentoilette eines Normalbürgers, der für sich privat halt popelt und furzt, der Jugend am Ende aber mangelnde Manieren vorwirft – gleichwohl gelten diese nun einmal in erster Linie für den Umgang mit anderen. Es folgt eine sehr schwarzhumorige Parodie klassischer Melodramen, und mit der Geschichte vom Mann mit den zwei Schwänzen wird’s wieder blödsinnig pubertär. Die letzte längere Geschichte handelt von der Erfindung des Klopapiers und einer Art Abroller, inklusive Schwänzen, Kot (natürlich) und etwas Ejakulat.

Fast überall geht es diesmal also um Schwänze und Sex, was die bundesdeutsche Zensur den Band dann auch indizieren ließ. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer, aber Gotlib feuert mit Kot und Sperma aus allen Rohren – das reinste Comic-Tourette. Die Übersetzung erlaubte sich wieder die eine oder andere Lokalisierung und leidet bedauerlicherweise unter einer Als/wie-Schwäche. Band 3 liegt mir leider nicht vor, würde mich aber ebenfalls interessieren…

Gotlib – Gotlib

Den französischen Holocaust-Überlenden und Comiczeichner Marcel Gotlieb alias Gotlib lernte ich im gerade noch präpubertären Alter kennen, als ich „Hamster Fidel und seine Wölfchen“ in der Carlsen-Pocket-Taschenbuchausgabe als preisreduziertes Mängelexemplar für 1,99 DM mitnahm und mich über den sexuell aufgeladenen Inhalt ebenso wunderte wie beömmelte. Raymond Martins Volksverlag hatte Gotlibs Werke unter anderem in seinen „U-Comix“ publiziert und lizenzierte diesen 100-seitigen, vollfarbigen Sammelband in Albumform im Jahre 1982. „Gotlib“ bildete den Auftakt einer drei Alben umfassenden Reihe. Das Comic-Enfant-Terrible Gotlib war ein humoristisch-satirischer Zeichner, der mittels Blasphemie und Sex provozierte und mit einem stark karikierenden Strich arbeitete, der die Gesetze der Anatomie regemäßig außer Kraft setzte.

Den in diesem Band versammelten Comics – mitunter eher dadaistische Ein- und Zweiseiter, aber auch längere Geschichten – ist ein sich über zwei Seiten erstreckendes, ausführliches Porträt Gotlibs aus der Feder Horst Schröders vorangestellt. Los geht’s mit dem Weihnachtsmann beim Geschenkeverteilen, der an den Menschen verzweifelt – sowohl an den Erwachsenen als auch den Kindern. Im Anschluss schmeißen sich, heillos übertrieben gezeichnet, Witzeerzähler einer TV-Sendung immer mehr weg, je schlechter die Witze werden. Diese wurden über die Übersetzung hinaus eingedeutscht, eine der Figuren spricht sogar mit Berliner Dialekt. Durandal ist dann eine Persiflage auf Fantasy-Abenteuer à la „Excalibur“. Gotlib versah diese mit ein paar Anachronismen (und der Verlag vergaß, einen französischen Randtext zu übersetzen), Groucho Marx taucht plötzlich auf und Sinn ergibt das alles keinen.

Hans Junghans wird seine Hilfsbereitschaft nicht gedankt; Barbaralice ist eine sexploitative und etwas arg dialoglastige Persiflage gleichsam auf Alice im Wunderkind und Barbarella inkl. Titten, Schwänzen und Ejakulationen, über die sich Lewis Caroll dann auch persönlich beschwert; und ein grüner Bruce-Lee-Verschnitt macht den dicken und chauvinistischen französischen Superhelden Superdupont nach allen Regeln der Kampfkunst fertig, wobei die Pointe mit Referenzierungen kulinarischer Befindlichkeiten arbeitet. Es folgt ein grandioser Meta-Comic, in dem der Protagonist – wohl Gotlib selbst – mit den Leserinnen und Lesern konfrontiert wird. Dann verliert der heilige Augustus bei einem Fußball-Kick zweier kleiner Engel seinen Kopf, was unter blasphemischem Slapstick einsortiert werden kann, ebenso die Verballhornung des Abendmahls Jesus‘. Ein fiktionaler expressionistischer Stummfilm Fritz Langs findet sich ebenso wie eine ungewöhnlich schöne Geschichte, in der Gotlib einen Fernsehauftritt hat, verfolgt von seiner stolzen Mutter und ihren Rentnerfreunden. Am Schluss trifft ein Bruchpilot in der Sahara auf einen kleinen Prinzen mit Sprachfehler – eine Geschichte über die Tücken misslingender Kommunikation mit eher schwacher Pointe, aber gewohntem Irrwitz.

Gotlib bewegt sich stets zwischen pubertär und provokant, macht nach jedem Gag neugierig auf den nächsten und vor niemandem Halt; hat es auf die ganze Gesellschaft abgesehen, ohne agitatorisch oder belehrend zu wirken – im Gegenteil. Er lebt sich entfesselt anarchisch in seinen Comics aus, die in dieser Lizenzausgabe um ein paar Anspielungen auf den deutschen Verleger Raymond Martin – dem man danken muss, diesen und anderen sich an eine jugendliche und erwachsene Leserschaft richtenden Stoff nach Deutschland geholt zu haben –, aber auch ein paar Rechtschreibfehler ergänzt wurden.

Bernd Pfarr – Dulle: Schwer genervt

Der leider viel zu früh verstorbene Comiczeichner, Cartoonist und Maler Bernd Pfarr veröffentlichte sein erstes (mir noch unbekanntes) Comicalbum im Jahre 1984 in Form des zweiten Bands der „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ des Volksverlags. Im selben Jahr beteiligte er sich an den „Pullover-Comics“ des Kieler Semmel-Verlags, wo er seinen anthropomorphen Enterich Dulle auftreten ließ. Seinen Einstand hatte Dulle anscheinend bereits ein paar Jahre zuvor im Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ gefeiert. Ihm widmete Semmel ein Jahr später ein ganzes Taschenbuch, nachdem Pfarr bereits im Frühjahr 1985 ebendort „Ich liebe dich!“ veröffentlichen konnte.

Auf das Inhaltsverzeichnis des unkolorierten, diesmal aber mit Seitenzahlen versehenen Buchs folgt ein kurzes Vorwort Michael Gutmanns zur Figur des wortkargen, stets stoisch genervt dreinschauenden Schrottplatz- und Autoverwertungshofbetreibers Dulle in einer Welt unterschiedlicher anthropomorpher Wesen. Die mit klarem Strich kreierten, übersichtlichen Zeichnungen sind auffallend groß, die Buchseiten werden mit maximal Panels belegt.

In der ersten Geschichte lässt man (also Dulle und seine beiden Mitarbeiter Kurz und Kapuste) nach allen Regeln der Kunst einen Kunden auflaufen – eine köstliche Parodie auf Handwerksbetriebe, die es sich leisten können, schlecht mit Kundschaft umgehen oder erst gar keinen Bock auf welche haben. Wie Pfarr menschliche Verhaltensweisen hier in Comicform karikiert, ist ein großer Spaß. Hochklassig auch die Geschichte um Dulles Neffen Rötger, den er für zwei Wochen zu sich nimmt: einen ausschließlich an Schach interessierten Autisten. Die anderen, meist wesentlich kürzeren Geschichten fallen dagegen – mitunter doch arg – ab. Nichtsdestotrotz bietet „Dulle“ einen interessanten Einblick in Pfarrs frühes Schaffen und macht mich neugierig auf mehr.

Volker Reiche – Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen (Band 1)

Nachdem ich mich kürzlich mit Volker Reiches früher Semmel-Verlach-Veröffentlichung „Willi Wiedehopf räumt auf!“ beschäftigt hatte, wurde ich erst recht neugierig auf sein Frühwerk. Seine nach „Liebe“ zweite Veröffentlichung in Albumform dürfte der erste Band der im Jahre 1984 im Volksverlag erschienenen „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ sein. Bei diesem rund 90-seitigen unkolorierten Softcover-Album scheint es sich um eine Zusammenstellung überwiegend zuvor im ebenfalls im Volksverlag veröffentlichten Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ abgedruckter Comics Reiches handeln. Das Herzstück bildet sein „Comic-Roman“ (Graphic Novel sagte man damals noch nicht) „In Biblis ist die Hölle los!“, der als Fortsetzungsgeschichte in Hinz & Kunz erschienen war.

Statt eines Vorworts finden sich Fotos Reiches, wie er an einem Tisch voller Bierflaschen mit seiner (wiederum gezeichneten) Figur Schnurr über den Inhalt dieses Bands diskutiert – wobei sich Schnurr sehr kritisch gegenüber seinem Zeichner äußert. Diese Meta-Ebene zieht sich durch die gesamte Handlung, für die Reiche eine Vielzahl auf verschiedenen Tierarten basierender anthropomorpher Figuren einführt, von skrupellosen Industriellen bis zu radikalen AKW-Gegnern. Besonders angetan hat es mir der unpolitische Filmliebhaber, der auf alte Horrorstreifen steht und einen eigenen Godzilla-Film drehen möchte. Die über einen langen Zeitraum und ursprünglich als Anti-AKW-Comic entstandene Geschichte um die Machenschaften der Atomindustrie und Widerstand gegen dieselbe wird immer wieder unterbrochen und zwischen Reiche und seinen Figuren reflektiert. Teil der Reflektion ist, dass sich Reiche (mittlerweile übrigens selbstironisch als mit Halbglatze gezeichnete Comicfigur auftretend, während aber auch der eine Lederjacke tragende Bello Bautz optisch verdächtig an Reiche erinnert) am liebsten von der AKW-Geschichte verabschieden würde, weil zwischenzeitlich Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt worden ist und angesichts des NATO-Doppelbeschlusses eine Kriegsangst herrscht, gegen die die AKW-Problematik verblasst. Reiche hält also nicht stur am ursprünglichen Konzept fest, sondern lässt unmittelbar aktuelle politische Entwicklungen einfließen.

Nachdem „In Biblis ist die Hölle los!“ wenig stringent, dafür umso dynamischer zu einem Ende gebracht wurde, fordert Schnurr seine Bettgeschichte ein, die in Form des fünfseitigen Sex-Funnys „Liebe auf den ersten Blick“ folgt. Weitere Kurzgeschichten und Comicstrips um die Schnurr-Brüder machen Lust auf mehr (ein Höhepunkt: das Wimmelbild der Weihnachtsfeier), doch anschließend droht Reiche ihnen mit dem Radiergummi und kotzt sich auf einer ganzen Seite über kitschige Reaktionen linker Kreise auf die Wahl Mitterands zum französischen Präsidenten aus. Interessanterweise sitzt er im Zwiegespräch mit den Schnurrs mit einer Ausgabe der FAZ auf einem Sofa, die bekanntlich später sein langjähriger Arbeitgeber werden sollte. Ein kurioser Zufall oder bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Auch in den „Zu Gast bei H&K“-Comic hat Reiche sich selbst gezeichnet, darüber hinaus seine Zeichnerkollegen, die gemeinsam ihre Kunst im Zuge einer Arbeitssitzung kontrovers diskutieren – einmal mehr wird also fröhlich auf der Meta-Ebene getänzelt. Der Einseiter „Fuchsjagd“ verrät, dass Reiche & Co. D.O.N.A.L.D.-Mitglieder und somit Anhänger des Donaldismus sind, eine weitere Seite nimmt Psychoanalytiker aufs Korn. Im Bereich „Lebenshilfe“ ätzt Reiche gegen zum Klischee gewordene Kopfbedeckungen und ihre Träger, wobei manch Politnick sein Fett abbekommt, ein weiterer Beitrag verballhornt den Hype um Adidas-Treter. Noch aus dem Jahre 1979 stammen die Comics, die Reiche für die „Pardon“ gezeichnet hatte und entsprechend schlüpfrig ausfallen, während „Die alten Freunde in der Stadt…“ Öko-Hippes veralbert. Für ein paar vierpanelige Strips hat er anscheinend neue Figuren ausprobiert oder aber bewusst als leichte Fingerübungen erdacht und wieder fallengelassen. Ganz am Schluss darf ein Betrunkener einen aufgekitschten Hippie-Citroën vollreihern.

„Comics für Erwachsene“ sind’s einerseits, weil recht freizügig mit Sexualität umgegangen wird, vor allem aber aufgrund der zahlreichen Bezugnahmen auf Politik und Gesellschaft, die eine zu junge Leserschaft größtenteils wohl gar nicht verstanden hätte. Obschon Reiche offenbar dem alten Anarcho-Klüngel entstammt, lässt er immer wieder durchblicken, wie wenig er von Hippies und hyperpolitischer Klientel hält. Anhand dieses Bands lässt sich möglicherweise neben seinem immer feiner und sicherer werdenden Zeichenstil auch Reiches persönliche Entwicklung nachvollziehen, die ihn schließlich zum Comiczeicher für „Hörzu“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ machte. Seine Passion sowohl für eigenentwickelte anthropomorphe Figuren als auch bissigen Humor wird mehr als deutlich und es ist ein bisschen schade, dass in dieser Hinsicht später anscheinend nicht mehr so viel kommen sollte.

Sowohl für an der Entwicklung moderner deutscher Underground-Comics interessierte Comic-Archäologinnen und -Archäologen als auch generell für Liebhaberinnen und Liebhaber von Zeitkolorit im Comic ist dieses Album eine echte Fundgrube. Mal sehen, ob ich auch Reicherts Debütalbum „Liebe“ noch irgendwo herbekomme…

Robert Crumb – Head Comix

Robert Crumb – erster kommerziell erfolgreicher Underground-Zeichner und Ikone des Anti-Establishments, die sich explizit an eine erwachsene Leserschaft richtet. Noch bevor ich anfing, über mein gelesenes Zeug zu bloggen, hatte ich das eine oder andere Werk des US-Amerikaners in der Hand, eines schräger als das andere. Chronologisch sein Œuvre durchgegangen bin ich aber nie. Diese (später indizierte) deutsche Erstveröffentlichung der im US-Original in den Jahren 1967 und ’68 erschienen „Head Comix“ fand ich auf einem Flohmarkt. Sie erschien ursprünglich 1970 im März-Verlag, ich habe ein Exemplar der dritten Auflage aus dem Jahre 1971 ergattert. Sie umfasst 112 unnummerierte und unkolorierte Seiten im mittelgroßen Softcover.

Konsequenterweise ließ man die Seitenzahlangaben auch gleich im Inhaltsverzeichnis weg, womit es wenig Sinn ergibt. Immerhin erhält man so einen Überblick über die (wenn ich mich nicht verzählt habe) 44 enthaltenen Geschichten. Diese beinhalten eine Absage an Stino-Spießer, Fritz the Cat, der Mädels mittels Hippiegequatsche zu einer Orgie überredet, ein nichtssagendes surreales Comicexperiment, die Fetischierung einer „wilden““ Schwarzafrikanerin, die man heute rassistisch nennen würde, weitere wiederkehrende Figuren, allen voran den bärtigen afghanischen Guru Herrn Natürlich, einige Perversitäten, einmal sogar Kindesmissbrauch, am Ende gar Inzest mit expliziter Sexszene zwischen Vater und Tochter, dazu ein paar gezeichnete Drogentrips und immer mal wieder rassistisch anmutende Comics mit Schwarzen. Bei nicht wenigen Geschichten frage ich mich, auf welchen Drogen sie funktionieren – was die drei Seiten mit verschiedenen illustrierten Stoned-Zuständen allerdings beantworten könnten.

Hat man sich auf die Guru-Verballhornungen um Herrn Natürlich erst einmal eingegroovt, kommen diese aber ganz gut. Die eine oder andere Spießbürger-Verarsche ist außerdem sehr treffend. Dann und wann wird’s gar ernsthaft feministisch, endet aber stets sexuell. In seiner Seitengestaltung lässt sich Crumb natürlich kaum in starre Muster zwängen, sein Funny-lastiger Zeichenstil mit den häufig überbetonten oder anatomisch ungewöhnlich wirkenden Gliedmaßen ist unverkennbar und wirkt häufig angenehm plastisch. Inhaltlich zeigt sich viel Nonsens, auch unlustiger, die deutsche Bearbeitung addierte ein paar Rechtschreibfehler. Einige Panels sind unheimlich klein und das Handlettering zuweilen regelrecht in die Blasen gequetscht, wodurch leider nicht alles lesbar ist. Der Band schließt mit einem Fließtext über Crumb und dem Versuch einer gesellschaftskritischen Einordnung seines Wirkens.

Comichistorisch also wieder einmal interessanter Stoff, dem man aber wohl attestieren muss, zumindest in Teilen nicht sonderlich gut gealtert zu sein. Zugleich ist er aber eben auch Spiegel seiner Zeit und eines Milieus, das bewusst provozierte, Grenzen auslotete und überschritt und vieles ausprobierte, um dabei nicht selten übers Ziel hinauszuschießen.

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