Nach seiner „Metal Antholögy“ und seinem „Comic(ver)führer“ veröffentlichte der Braunschweiger Autor, Journalist und Ex-Metal-Gitarrist Frank Schäfer im Jahre 2015 das im Freiburger Herder-Verlag erschienene, knapp 200 Seiten starke, autobiographische Taschenbuch „Der Couchrebell“, in dem er zahlreiche Brücken schlägt – vor allem von seiner Jugend als Hardrock- und Metal-Fan und -Musiker zum stolzen Familienvater, der er längst geworden war. Und das dreizehn Kapitel und ein Vorwort lang.
Dabei beginnt er bei der Ursuppe, nämlich der Geschichte der Rebellion, ausgehend von Adam und Prometheus. Glücklicherweise überspringt er ein paar historische Eckdaten und landet schließlich bei der Jugend und seiner eigenen halbherzigen Rebellion, die sich in seinem Falle als Spätgeborener nie so recht gegen seine Eltern richtete, da diese schlicht zu wenig Anlass boten. Er vermengt diese Erkenntnis mit humorigen Anekdoten und Einblicken in die Anfänge seiner eigenen musikalischen Aktivitäten. Im zweiten Kapitel widmet er sich dem Zusammenhang zwischen Rebellion und äußerem Erscheinungsbild, ausgehend von Mr. Hyde über seine Metal-Kluft bis hin zu Autobiografischem aus seiner Studentenzeit und der leider jäh beendete Karriere seiner unterbewerteten Metal-Combo Salem’s Law.
Daraufhin dreht es sich um Wacken’sche Pseudorebellion, den vereinigenden und gleichmachenden Geist von Festivals und im Speziellen das Burg-Herzberg-Festival – mindestens letzteres hatte ich bereits in einem seiner anderen Bücher gelesen, denn an die Umschreibungen der Hippies und Esoterik-Freaks erinnere ich mich. Ausgehend von „Clockwork Orange“ landen wir im nächsten Kapitel bei familiären, seinen Sohn Oscar einbeziehenden Anekdoten, und spätestens jetzt wird auch denjenigen, die den Klappentext nicht gelesen haben, klar, dass Rebellion dem Buch nur als lose Klammer dient und Schäfer seine Entwicklung vom Hard’n’Heavy-Rebell zum Familienvater augenzwinkernd und mit feinem Humor nachzeichnet. So auch im nächsten Kapitel, das in ein Plädoyer für Beleidigungen und Gossensprache übergeht, dabei einen mir bereits aus Schäfers „kleinem Provinzberater“ bekannten Passus enthält und in Musikindustrie-Schelte mündet.
Das folgende Kapitel startet mit der modernen Literatur und geht über in die Postmoderne und ihr Unvermögen zur literarischen Rebellion bzw. Kontroverse, die sich deshalb nur noch in politisch oder moralischen Fragwürdigkeiten der Autorenschaft finde. Als Beispiel zieht Schäfer Christian Kracht heran, von dessen Lesung in Braunschweig er berichtet und von dort aus zur Genese des Literaten Frank Schäfer, dem es nach und nach doch noch irgendwie gelang, seine Werke bei Verlagen unterzubringen, abbiegt, um schließlich bei köstlichen, sehr offenherzigen Anekdoten furchtbar schlecht besuchter Lesungen, einer Warnung vor Kiel und sich zumindest in seiner Heimat einstellenden Erfolgen anzukommen – frei von jeder Eitelkeit.
Das nächste Kapitel hat Melvilles „Bartleby der Schreiber“ zum Ausgangspunkt, von wo aus Schäfer tragikomisch bei seinem alkoholkranken Onkel Adolf landet, was leider traurig, aber mit einer Parallelenziehung zu Bartleby endet – und ich doch auch schon mal irgendwo bei Schäfer gelesen hatte… Von dort geht’s im darauffolgenden Kapitel zum Versuch des FC Braunschweig, in der ersten Liga ohne erstligareifen Kader zu bestehen, was als Beispiel für den mitunter mit Rebellentum einhergehenden Realitätsverlust dienen muss. Er druckt das komplette Mutmacher-Pamphlet ab, das er seinerzeit in der Innenstadt verteilte (WTF?!), letztlich aber nichts nutzte. Thoreaus in „Walden“ beschriebener Selbstversuch, Stadt und Maloche zu entfliehen, dient als Aufhänger des nächsten Kapitels, in dem Schäfer Skepsis an derartigen Unterfangen äußert, dann aber auch eine Anti-Landflucht-Polemik der taz auseinandernimmt, indem er klug abwägt. Mit seiner dort artikulierten Pro-Dorfrebellen-Haltung hat er natürlich völlig recht! Was dann an Dorfleben-Klartext inklusive pointierten Tipps folgt, hätte ich eigentlich eher im bereits erwähnten „kleinen Provinzratgeber“ erwartet, scheint mir doch aber gar nicht enthalten gewesen zu sein – kurios! Ferner berichtet er, wie es ihm persönlich nach Umzug aufs Dorf ergangen ist – Positives wie Negatives – und flicht geschickt ein paar Buchtipps ein.
Eine „Der Wilde“-Filmkritik steht am Anfang des nächsten Kapitels, ergänzt um seine, als Spätgeborenem, eher emotionsarme Beziehung zu Motorrädern und Anekdoten um seinen damals entsprechend motorisierten Bruder. In der Bewertung des Judas Priest‘schen Biker-Brimboriums finde ich mich wieder. Von dort aus navigiert er zu seinen ersten Versuchen als Gitarrist, weil er Gitarren seit jeher faszinierender gefunden habe als Krafträder, kombiniert mit einer Hommage an Krautrocker und Musikladenverkäufer Arndt Schulz. Mit einer Ehrerbietung wartet auch das darauffolgende Kapitel auf, genauer: mit einer an die alten Beat-Literaten, nur um anschließend verlauten zu lassen, dass deren populärste Vertreter durchweg den Verstand verloren und zu gewissenlosen Arschlöchern mutierten – was ihn und seine Clique indes nicht davon abhielt, Kerouacs Unterwegs-Romantik per Ochsentour nach Frankreich nachzuempfinden zu versuchen. Daraus wird ein wunderbar juveniler und launiger Urlaubsbericht, vielmehr Erinnerungsfragmente, mit viel Freude an der Selbstironie, übergehend in eine Reise mit Familie nach Malle in Erwachsenenjahren. Am Schluss landet er wieder bei Kerouac, dessen Briefwechsel mit Ginsberg und Niedergang.
Mit den japanischen Phänomenen Otaku und Kikaru dorodango steigt Schäfer ins nächste Kapitel ein, wobei ich mich frage, ob er mit ersterem nicht eigentlich Hikikomori meint (s. auch den Film „1000 Arten Regen zu beschreiben“). Dieses vergleicht er jedenfalls mit den „ersten historisch belegten Messies“ Homer und Langley Collyer. Einen solchen menschenscheuen Eremiten habe er auch in seiner Nachbarschaft. Während andere sich ängstigen, empfindet er Faszination für diese Typen und adelt sie zu Rebellen. Das letzte Kapitel widmet sich zunächst Peter Pan und den persönlichen Hintergründen des Autors dieses Klassikers, von wo aus Schäfer wieder auf seine Band zu sprechen kommt und altersweise (Ha!) Worte zu Nostalgie und dem Versuch, die Jugend noch einmal aufleben zu lassen, findet.
Ich habe oft geschmunzelt, dann und wann sogar laut lachen müssen. Wie Schäfer seine Bögen spannt, ist großes Luftgitarrentennis, und wie er quasi im Vorbeigehen Literaturwissen mit Filmkritik, Musikanekdoten, Coming of age, Familienalltag und viel Humor sowie sprachlicher Finesse miteinander verbindet, macht den Reiz dieses Buchs aus. Noch lieber wäre mir gewesen, wenn es ohne Zweitverwertung bereits in anderen Büchern veröffentlichter Texte ausgekommen wäre, aber sei’s drum. Und glücklicherweise gibt es abseits aller von Schäfer beschriebenen, sich kaum adäquat mit der Existenz als Familienpapa oder dem Älterwerden vereinbaren lassenden oder letztlich gar zum Scheitern verurteilten Formen der Rebellion immer noch die Möglichkeit der Alltagsrebellion fernab jeglicher Posen. Aber diese wäre ein eigenes Buch wert.





Nachdem der Karikaturist und Comiczeichner Peter „Fuchsi“ Fuchs im Jahre 1983 mit
Das niederländische Powertrio PETER PAN SPEEDROCK veröffentlichte zwischen 1997 und 2016 unzählige Scheiben und gönnte sich anschließend eine fünfjährige Auszeit. Seit 2021 spielt man wieder live und irgendwann steckte mir meine wesentlich bessere Hälfte, dass sie die Combo gern mal wieder sehen würde – ich glaube, das war leider, nachdem sie uns bereits ein-, zweimal durch die Lappen gegangen war. Als ich vor zig Monaten sah, dass sie Ende März wieder das Monkeys beehren würde, sicherte ich uns kurzerhand Tickets und blockte den Termin im Kalender.




















Seit geraumer Zeit veranstaltet die „Krach 45“-DIY-Konzertgruppe Konzerte im Turtur auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Besondere: Diese finden stets donnerstags statt. Für viele ist das der Vizefreitag, an dem man schon mal losgehen kann, für uns unser regelmäßiger Probetermin. Um dort auch mal auftreten zu können, verlegten wir quasi die Probe ins Turtur. Krach 45 beraumte ein Konzert zusammen mit unseren Proberaumkollegen, den HARBOUR REBELS, an, sodass es ein stilistisch gemischter Abend wurde (was ich ja ohnehin ganz gerne mag). Das Turtur entpuppte sich als direkt am Kanal gelegene, schlauchförmige Mischung aus Kneipe, Pizzabäckerei und Club mit Tresen, Außenterrasse und allem Pipapo – außer einer Bühne. Diese ebenerdig herzurichten, war gerade die Beschäftigung der Krachis, als ich etwas überpünktlich vor Ort aufkreuzte und die frohe Kunde vernahm, dass es frisch zubereitete Pizza als Bandverpflegung geben würde. Außerdem weihte man mich in die Besonderheiten der Gesangseinlage ein. Diese hat den Vorteil, dass die im Rechteck angeordneten, vier unter der Decke hängenden Boxen eine Art Surround-Sound erzeugen, aber den Nachteil, dass sie leicht Rückkopplungen mit dem Gesangsmikro erzeugen. Gitarren und Bass werden nicht abgenommen, Kickdrum und Snare hingegen schon. Alright.









Ursprünglich sollte dieses Konzert in Bad Oldesloe stattfinden, denn unter Kurort machen wir’s eigentlich nicht mehr (Scherz!), doch wurde es schließlich nach Rendsburg in die gute alte (und jüngst gerettete) T-Stube verlegt – einem wichtigen selbstverwalteten Ort für Live-Aktivitäten auf dem flachen schleswig-holstein’schen Land. Eigentlich hätte das Konzert auch mit den niederländischen CITY RIOT als Headliner aufwarten sollen, die letztlich jedoch wegen einer Doppelbuchung passen mussten. Veranstalter Sven alias „Oidesloer“ hatte also gut zu schwitzen, letztlich aber alles prima hinbekommen. Auch unser spätes Aufschlagen – aus den heillos überfüllten Hamburger Straßen auf die Autobahn zu kommen, dauerte länger als der eigentliche Teil der Strecke – schien den Zeitplan nicht sonderlich durcheinandergeworfen zu haben.


















