Günnis Reviews

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Frank Schäfer – 111 Gründe, Heavy Metal zu lieben

Zwischen seinen im Oktober-Verlag erschienenen Rezensionssammlungen „Alte Autos und Rock’n’Roll“ und „Rumba mit den Rumsäufern“ veröffentlichte der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer, seines Zeichens Literaturkenner, Journalist, Romanautor und Ex-Gitarrist der Band „Salem’s Law“, im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf ein Taschenbuch mit dem Titel „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“. Das war im Jahre 2010 und nach seinem arg durchwachsenen ersten Versuch „Heavy Metal – Geschichten, Bands und Platten“ aus dem Jahre 2001 das zweite Mal, dass sich Schäfer bei seinen Buchveröffentlichungen explizit auf den Heavy Metal bezog. Wie sehr es sich der Gelehrte mittlerweile traute, offen zu seiner musikalischen Vorliebe zu stehen, lässt bereits der Titel erkennen. Wollte er 2001 vor allem seinen akademischen Kolleg(inn)en etwas beweisen, nämlich wie wissenschaftlich-verschwurbelt man auch als Metaller schreiben kann, so hatte er diese Marotte 2010 noch nicht ganz abgelegt, schrieb nun aber zu gleichen Maßen für Gleichgesinnte, sprich: für Metal-Fans. Den gesellschaftlichen Hintergrund werden Jüngere eventuell nicht mehr kennen, aber lange Zeit war es tatsächlich so, dass Hardrock und Heavy Metal als primitive Musik für ebensolche Menschen galten, und für je elitärer sich ein Bildungsbürger gebärdete, desto tiefer waren Vorurteile und Ablehnung verankert. Doc Schäfers Umgang damit ist somit auch ein aufschlussreiches Zeitzeugnis.

Nachdem ich von Schäfers Stil, über Musik und Subkultur zu schreiben, einst durch seine „Metal Störies“ aus dem Jahre 2013 angefixt worden war, hatte ich mir die geschmackvoll gestaltete erweiterte Neuausgabe der „111 Gründe“ zu Weihnachten schenken lassen. Diese kommt nicht nur als rund 300-seitige gebundene Ausgabe im festen Deckel und mit Schutzumschlag daher, sondern wurde auch um satte 33 Bonusgründe ergänzt. Inklusive Hidden Bonus Track bringt es der Schmöker also auf 145 Kapitel, jeweils zwischen einer und vier bilderlosen Seiten lang und aufgeteilt in die neun Abschnitte Geschichte, Fans, Musik, Theorie, Kultur, Stile, Welt, Listen und Bonustracks, in denen Schäfer stilistisch zwischen Belletristik und Sachbuch mäandert. Ob es eine so gute Idee war, Motörhead-Lemmy auf den Umschlag zu packen, der zeitlebens mit dem Metal-Etikett fremdelte und stets angab, lediglich Rock’n’Roll zu spielen, sei mal dahingestellt – ein wesentlich ansprechenderer Blickfang als die hässliche Illustration auf der Erstauflage ist er in jedem Fall.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die einzelnen Kapitel hätten größtenteils (von den „Weil…“-Überschriften einmal abgesehen) unverändert auch in Schäfers mittlerweile zahlreichen Sammlungen aus Anekdoten, Essays, Rezensionen, Glossen und Konzertberichten erscheinen können. Schäfer dürfte sich also nicht sein Konzept inklusive 111 bzw. 145 Gründen überlegt und dann zu den jeweiligen Themen etwas geschrieben, sondern seine bisher unveröffentlichten Texte eher nachträglich in Hauptkapitel eingeteilt und sich die zum jeweiligen Text passenden „Gründe“ abgeleitet haben. Das macht aber nichts, sondern sorgt vielmehr für eine große thematische Breite und schriftstellerische Freiheit – schließlich wurde eine zum Inhalt passende Form gefunden und nicht umgekehrt.

Nein einem hervorragenden Einführungstext geht’s dann Schlag auf Schlag, Kapitel für Kapitel. Anfangs zitiert Schäfer viel aus historischen Musikkritiken von Lester Bangs und Konsorten und behandelt die frühe Entwicklung des Genres. Auf Seite 22 blitzt erstmals der Schäfer’sche Humor in Form von Selbstironie hervor, wenn er seine eigene Kapelle als „ihrer Zeit um Jahrzehnte vorauseilende Prog-Metal-Band“ bezeichnet und als kleinen Running Gag etabliert. Schön, dass er auch auf Metal in der DDR eingeht – ein besonders spannendes Kapitel jüngerer deutscher Musikgeschichte, wie ich finde (und vor ungefähr zwei Jahren recht ausführlich in den Fachmagazinen Deaf Forever und Rock Hard aufgearbeitet). Dass „Die Königin der Verdammten“ einen Metal-Soundtrack haben soll, hat mich daran erinnert, mir den Film endlich einmal zu besorgen (und „Rock Star“ sollte ich mir wohl auch einmal ansehen). Schäfer datiert eine allgemeine ‘80er-Musikrenaissance, von der auch der Metal betroffen gewesen sei, auf den Beginn des neuen Jahrtausends und führt als Hauptgrund die nostalgischen Gefühle gealterter Metal-Hörer(innen) an. Das spielte sicherlich eine Rolle. Stärker würde ich jedoch gewichten, dass der Metal in den 1990ern seine experimentelle Phase durchgemacht hat, wie es wohl jedes Genre einmal tut, und sich danach genau angeschaut wurde, was davon gelungen war und was wegkann, um sich alsbald wieder auf seine eigentlichen Stärken zu berufen. Eine wichtige Rolle dürfte dabei die Veröffentlichung des Albums „Brave New World“ der wiedererstarkten Iron Maiden gespielt haben, einem Meilenstein des Genres und neuem Orientierungsfixpunkt für möglicherweise in den ‘90ern verirrte Headbanger(innen). Wenn Schäfer in diesem Kontext Heavy-Metal-Fans Konservatismus unterstellt, ist damit keinesfalls dessen gesellschafts- und parteipolitische, mit reaktionär besser umschriebene Entsprechung gemeint, sondern die positiv konnotierte Pflege und Erhalt des Pudels genre- und kulturkonstituierenden Kerns.

Im Fans-Abschnitt zitiert Schäfer mehrmals Chuck Klostermann, seines Zeichens Autor Poser-/Hair-/Glam-Metal verklärender Schriften, dem ich grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, und bringt mit Grund Nr. 23 eine Anekdote ohne erkennbaren Metal-Bezug unter. Aber er vermeidet glücklicherweise auch allzu soziologische Erklärungsversuche und erinnert sich daran, für die Fans zu schreiben, denen er ein paar eindeutig sympathisierende, informative oder schlicht erheiternde Anekdoten kredenzt. Geht es schließlich als Kapitelüberbau um die Musik, notierte ich mir zunächst, meiner Prog-Ignoranz zum Trotz (proggier als Iron Maiden und Mercyful Fate in so manch Komposition brauche ich’s wirklich nicht), dann doch noch mal in Rushs „Snakes & Arrows“ reinzuhören. Ein ganzes Kapitel widmet Schäfer der Entwicklung AC/DCs nach „Back in Black“, beginnt also bewusst mit deren Saure-Gurken-Zeit. Da scheiden sich die Geister, denn natürlich fiel es der Band schwer, an die Bon-Scott-Ära und das Brian-Johnson-Debüt anzuknüpfen, retrospektiv betrachtet war dann aber bei Weitem doch nicht alles scheiße, was nach Diesel, Fusel und australischem Schweiß stank: „Flick of the Switch“ kommt bei mir besser weg als „For Those About To Rock (We Salute You)“, denn am Titelstück kann ich im Gegensatz zu Schäfer nichts Kritikwürdiges entdecken, an „Bedlam in Belgium“ ebenso wenig, und neben dem von Schäfer positiv hervorgehobenen „Guns For Hire“ gibt’s doch wohl auch am etwas härteren „Brain Shake“ wenig auszusetzen. Ok, bei „Landslide“ hat er recht, der klingt wirklich recht gehetzt und kann das leider nicht mit einem memorablen Refrain ausgleichen. Dafür ist mir im Gegensatz zu Schäfer „Deep in the Hole“ zu lahmarschbluesig. „This House Is On Fire“ kann aber tatsächlich zu wenig. „[I]st hier auch nur ein einziger Song der Rede wert?“, fragt Schäfer in Bezug aufs Nachfolgealbum „Fly on the Wall“. Nun, hat man sich erst einmal an den nicht ganz optimalen Schlagzeugsound gewöhnt, wissen mindestens das Titelstück sowie „First Blood“ und „Playing With Girls“ so sehr zu gefallen, dass sie es in meine Best-of-Playlist geschafft haben. Auf die Soundtrack-Mini-LP „Who Made Who“ folgte dann aber auch schon mit „Blow Up Your Video“ ein starkes Album, das mitnichten lediglich einen einzigen erinnerungswürdigen Song enthält: Zu „Heatseaker“ gesellten sich mit „That’s The Way I Wanna Rock ’n‘ Roll“, „Nick Of Time“ und „Two’s Up“ ein paar richtig gute Songs, weshalb ich das Hit-Album „The Razors Edge“ eher als Steigerung des mit „Blow Up Your Video“ eingeschlagenen Weges betrachte denn als aus dem Nichts kommende Überraschung. Weit mehr als „ein lahmarschiger Ausrutscher“ ist dann auch der 1995er-Nachfolger „Ballbreaker“, meine Best-of zählt gleich sieben Einträge! Der von Schäfer skizzierten Entwicklung der Band muss ich also zumindest in Teilen widersprechen. Aber das nur am „Rande“ (ähem…).

Noch einmal zu AC/DC, weil Schäfer die Band im unmittelbar folgenden „Grund Nr. 35: Weil Heavy Metal nicht immer viel bedeuten muss“ ebenfalls erneut aufgreift und ihre „Rock’n’Roll Train“-Lyrics auseinandernimmt: Der Text ist leider falsch zitiert. Lag kein Booklet vor und er hat versucht, ihn eigenohrig herauszuhören? Oder eventuell irgendeine Internetquelle ungeprüft bemüht? Wer sich nun fragt, wie Heavy Metal und AC/DC eigentlich zusammenpassen, tut das zurecht, den egal, ob man die Band nun als Hard-, Blues-, Boogie-Rock oder Rock’n’Roll klassifiziert, Metal im eigentlichen Sinne ist’s nicht. Hardrock und Metal gingen aber schon immer Hand in Hand miteinander einher, die Übergänge („Heavy Rock“?) sind fließend und Schäfer hat ohnehin eine ausgeprägte Schwäche für Bands, die die reine Metal-Lehre nun nicht unbedingt verinnerlicht haben (Southern-Rock-Gedöns, skandinavischer Rotzrock, Thin Lizzy, unverständlicherweise sogar Ratt und Konsorten…) und berücksichtigt beispielsweise auch die Punkband Bad Religion in seinem Buch. Ein bisschen schade ist es schon, dass, geht es konkret um Bands, relativ wenig aus dem klassischen Metal-Bereich behandelt wird, der Großteil der Kapitel widmet sich aber ohnehin bandübergreifenden Belangen. Das gilt selbstverständlich nicht für die Metallica-Abhandlung, die in Details streitbar ist, ich nach meinen AC/DC-Abschweifungen nun aber nicht auseinanderklamüsern werden. Seinen Abschnitt über harte Gitarrenmusik aus Skandinavien hingegen hätte Schäfer gern in die einzelnen Länder aufteilen dürfen, denn die norwegische(n) Szene(n) unterscheiden sich doch stark von der/den schwedischen usw. In aller Kürze setzt sich Schäfer mit den Motörhead-Alben der Jahre 2002 bis 2008 auseinander, was mich anregt, es ihm bei Gelegenheit einmal gleichzutun – auch wenn sie nicht zu den großen Klassikern zählen, dürfte es auf den Alben des aktuellen Jahrtausends doch das eine oder andere zu entdecken geben.

Wenn Schäfer im Theorie-Teil gewissermaßen einen Schritt aus dem Musikzirkus herausmacht und mehr eine observierend Position einnimmt, ist das nicht minder lesenswert, insbesondere wenn er die bandübergreifend Hell/dunkel- bzw. Blond/schwarzhaarig-Kontrastierungen ausmacht und erläutert – das war mir neu und ist gut beobachtet. In den Kultur-Teil steigt Schäfer mit einer Van-Halen-Ehrerbietung ein, auf die hin man Lust bekommt, sich alle genannten Alben sofort ins Regal zu stellen bzw. besser noch: aufzulegen. Auch darüber hinaus ist dieses Hauptkapitel besonders interessant ausgefallen, da die Gelegenheit genutzt wird, diverse Besonderheiten ins Gedächtnis zu rufen, die üblicherweise nicht unbedingt mit Hardrock und Metal assoziiert werden. Hineingeschmuggelt hat Schäfer eine sehr persönliche Episode, die Bezug auf den (ungerechtfertigten) Verriss des einzigen Salem’s-Law-Albums in der Metal-Hammer-Postille sowie die einige Jahre später im Rock Hard veröffentlichte Minuskritik eines seiner Bücher nimmt und mit der Schäfer suggeriert, negative Kritik mit Humor nehmen zu können. Auf einer Doppelseite gibt es dann sogar doch etwas zu sehen, nämlich sechs von Christopher Szpajdel gestaltete Bandlogos.

Der Abschnitt Stile deckt streng subjektiv lediglich von Schäfer goutierte Spielarten der Musik ab, dafür jeweils erzählerisch gut verpackt. In Welt werden Schlaglichter auf regionale Eigenheiten geworfen und hier und da ein exotischer Touch eingebracht, während Listen (Metal-Fans lieben Listen!) Butter die Fische gibt und neben lesenswerten Metal-Büchern sowie sehenswerten Metal-Filmen Lemmys „vier beste Journalistenbeleidigungen“ aufführt und Schäfers persönliche Genre-Top-50-Songs auflistet. Allerdings fantasiert er sich auch eine All-Time-Albumcharts-Top-50 zusammen, der eher sein persönlicher Geschmack denn reale Verkaufszahlen zugrunde liegen dürften. Ein echter Fauxpas ist der Einstieg in dieses Kapitel, denn die Aufzählung vermeintlich „schönste[r] T-Shirt-Sprüche“ enthält fast ausschließlich peinlichen EMP-„Fun-Shirt“-Kokolores. Die Bonusgründe sind tatsächlich eine schöne Ergänzung, die die Neuauflage deutlich aufwertet. In Grund Nr. 137 findet sich einer der Schäfer-Klassiker schlechthin, seine in Variationen immer mal wieder aufgegriffene Lieblings-AC/DC-Anekdote.

Nein, man muss sicherlich nicht bei allem der Meinung des Autors sein oder gar seinen mitunter befremdlichen Geschmack teilen, aber das Schöne an dieser ideal zum häppchenweisen Lesen geeigneten Schwarte ist die ansteckende Leidenschaft, die Schäfer für den Gegenstand seiner Betrachtungen verspürt. So halte ich es durchaus für möglich, dass, wer noch nicht tiefergehender mit der Materie vertraut ist, nach der Lektüre die Faszination für diese Art von Musik besser wird nachvollziehen können. Zudem tritt Schäfer den Beweis an, dass es allen Unkenrufen zum Trotz mehr als Musik ist und um mehr als um Musik geht. Dieses bunte, eher lose angeordnete Mosaik vermittelt bei aller lockeren Schreibe und Neigung zum Anekdotischen zudem Wissen zu einigen wichtigen Bands, betreibt Liebhaberei für Interpreten aus der zweiten Reihe, kommentiert Phänomene und Entwicklungen und ist immer dann am besten, wenn Schäfer seinen Humor unterbringen kann, wofür er sich den einen oder anderen „Grund“ dann auch explizit reserviert. Wünschenswert wäre jedoch gewesen, Schäfer hatte etwas weniger kritiklos das Wacken Open Air abgefeiert und stattdessen ein, zwei andere Festivals zum Schauplatz seiner Episoden gemacht.

Nicht so wirklich komme ich auf den Irrglauben klar, Bandnamen seien etwas Heiliges, die in Komposita nicht mit so etwas Profanem wie Bindestrichen belästigt werden dürfen. Will sagen: Hier ist von „Thin Lizzy-Alben“ die Rede, nicht von Thin-Lizzy-Alben. Damit ist Schäfer aber keineswegs allein auf weiter Flur, dieser Unfug zieht sich durch viele Publikationen. Durch mehrere Publikationen Schäfers zieht sich übrigens auch das eine oder andere Kapitel: Mindestens jenes zu den Hellacopters war mir bereits bekannt, und, hey, über Grund Nr. 119 bin ich doch kürzlich erst in „Hühnergötter“ gestolpert, oder? Apropos stolpern: „Trash“ (statt Thrash), „Minor Thread“ (statt Minor Threat), „Death-Metall” und „throungh“ sind ein paar etwas unglückliche Fehler, die dem Lektorat durchgerutscht sind.

Davon unberührt bleibt, wie gut es Schäfer gelingt, beinahe alles in einem erzählerischen Stil zu formulieren, der nicht mal halb so trocken wie vermutlich diese Kritik hier ausgefallen ist, sondern im Gegenteil mit lebendiger Sprache überzeugt – wären da nicht diese Was-zur-Hölle-Momente, wenn Schäfer wieder zum Fremdwörterlexikon greift und uns „zirzensisch“ (S. 70), „Intrikatheit“ (S. 77 – gibt es das Wort überhaupt?), „Gallimathias“ (S. 126 – der Matze hat’s doch so mit der Galle…), „indigniert“ (S. 148), „Obstinatheit“ (S. 201 – kennt der Duden nicht, scheint sich also um eine Frankschäferheit zu handeln) u. ä. mehr um die Ohren hat, um dann doch wieder mit seinem Wortschatz zu protzen wie ein Yngwie J. Malmsteen in Schlangenlederstiefeln mit seiner Saitenflitzerei – und so wenig songdienlich wie letztere meist ist, ist Schäfers Vokabular dem Lesegenuss zugutekommend. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, generell mit Schäfers Stil und Herangehensweise etwas anfangen kann, eine Schwäche für diese Musik hat oder schlicht neugierig ist, dürfte mit dem Buch seine Freude haben und sicherlich die eine oder andere Stunde damit verbringen, diesen oder jenen während der Lektüre aufgeschnappten musikalischen Tipp zu evaluieren. Meine Kritikpunkte sind konstruktiv zu verstehen, denn unterm Strich komme ich Pi mal Daumen auf 111 Gründe, die für dieses Buch sprechen.

Mad-Taschenbuch Nr. 28: Sergio Aragones – Mad-süchtig!

Mad-Urgestein Sergio Aragones‘ fünfter Band innerhalb der Mad-Taschenbuchreihe erschien im US-amerikanischen Original bereits im Jahre 1977, drei Jahre später folgte die deutsche Ausgabe. Aragones blieb seinem Stil treu und füllte die rund 160 Schwarzweißseiten mit ein- bis dreiseitigen gezeichneten Gags ohne jede Sprech- oder Denkblase oder sonstigen Text. Seine karikierenden Strichzeichnungen sind unverkennbar und enthalten einfache, aber auch etwas hintergründige Witze, die diesmal besonders gern diverse Klischees aufs Korn nehmen. Mitunter tummeln sich in einzelnen Bildern fast schon wimmelbildartig solch viele Details, dass man genauer hingucken muss, um alles zu erfassen oder auch, um die Pointe nicht zu verpassen. Dieser Umstand führt dazu, dass der Lesefluss immer mal wieder etwas gebremst wird, wodurch man das recht großzügig mit seinen Platzverhältnissen umgehende Büchlein nicht ganz so schnell durchgeblättert hat, wie es zunächst den Anschein haben mag. Schön auch, wie die Titelzeichnung auf der allerletzten Seite fortgesetzt wird.

TV Spielfilm Jahrbuch 93

ISBN: 3-89324-100-0

Im Jahre 1992 war die „TV Spielfilm“ aus der Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße, in der schon lange das renommierte Kinomagazin „Cinema“ erschien, bereits eine feste neue Größe auf dem hart umkämpften Markt der Fernsehzeitungen, weshalb auf dem fünften und letzten, im zweiten Halbjahr 1992 veröffentlichten Band der TV-Jahrbuchreihe selbstbewusst großformatig das „TV Spielfilm“-Logo prangt. Den Buchdeckel ziert nun Robocop und der weiteren Ausdifferenzierung der Fernsehlandschaft zollt man Tribut, indem statt noch neun wie im Vorjahr nun satte 17 Senderlogos das Cover verzieren: Hinzugekommen sind die Sender Kabelkanal, Arte und Sky Channel, Eins Plus ist wieder dabei und fünf dritte öffentlich-rechtliche Programme werden diesmal separat abgebildet. Auf der Titelseite fehlt der offenbar kurzfristig hinzugekommene Ableger „RTL II“, für dessen Symbolisierung im Innenteil offenbar auch kein offizielles Senderlogo zur Verfügung stand, weshalb man eher schlecht als recht improvisierte und ins „RTL plus“-Logo eine kleine „2“ hineinmogelte. Dass der Hauptsender sich in RTL umbenannte und mit neuem Logo firmierte, schien sich ebenfalls mit der Drucklegung überschnitten zu haben. Der Umfang ist mit rund 200 Seiten identisch geblieben.

Auf die neue Sendervielfalt geht auch Chefredakteur Willy Loderhose in seinem Vorwort – in diesem Band das einzige – ein, in der er jedoch nicht nur Vorteile sieht: „[…] im ewigen Spannungsfeld von Quoten und Quantität leidet inzwischen bei allen die Qualität.“ Tatsächlich war 1993 in meiner Erinnerung in etwa die Zeit, in der das Programm der großen Privatsender zunehmend uninteressanter und formelhafter wurde, der mitunter experimentelle und freche Charme der Gründerjahre blieb leider immer mehr auf der Strecke. In diesem Buch geht es nun aber vornehmlich um eine Vorschau auf die zu erwartenden Spielfilmausstrahlungen aller Sender inklusive des Premiere-Bezahlfernsehens, und diese bestanden erwartungsgemäß viel aus frühen Produktionen der Neunzigerjahre sowie Endachtziger-Stoff: „Pretty Woman“, „Cyrano von Bergerac“, „König der Fischer“, Ghostbusters II“, „Dick Tracy“, „Der Feind in meinem Bett“, „Der mit dem Wolf tanzt“, „Full Metal Jacket“, „Kuck mal, wer da spricht“, „Terminator II“ oder „Die nackte Kanone 2 ½“ lauteten die Zugpferde, die die Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Fernsehgeräte locken sollten. Dieser Hauptteil des Buchs beginnt ungewohnt kritisch, indem man angesichts des „Pretty Woman“-Erfolgs dem deutschen Publikum Geschmacksverirrung unterstellt. Ungewöhnlich ist auch die kritische Haltung gegenüber „Der Priestermord“, dem man Schwarzweißmalerei attestiert. Auch scheint man die Nase voll von seit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts überholten Feindbildern aus Kalter-Kriegs-Zeiten zu haben, wie anhand des Inhalts der „Jagd auf Roter Oktober“-Vorstellung deutlich wird.

Ausstrahlungsreihen älterer Filme werden wie üblich auf Schwarzweißseiten mit weniger Fotos und wesentlich knapperen Filmbesprechungen, dafür ergänzt um recht ausführliche Einleitungen, zwischengeschoben. Demnach liefen 1993 Clint-Eastwood-, Robert-De-Niro-, Bob-Hoskins-, George-Cukor-, Michael-Caine-, Agentenfilme- und Burt-Lancaster-Reihen – außerdem im ZDF „Mittwochskino – Filme der 50er und 60er Jahre“, die ich hier hervorhebe, weil die Einleitung kein gutes Haar an den entsprechenden deutschen Produktionen lässt. Begrüßenswert auch, dass man „Airborne – Flügel aus Stahl“ als das US-militärische Propagandaprodukt bezeichnet, das es ist. Seine kritische Haltung behält man auch bei der Besprechung von Brian de Palmas Kriegsfilm „Die Verdammten des Krieges“ bei und hadert mit dessen Einstufung als Antikriegsfilm. Zunächst macht das neue Jahrbuch einen sehr ordentlichen Eindruck, denn die Fehlerzahl hat man anscheinend reduzieren und die Filmvorstellungen verbessern können. Dieser Eindruck muss jedoch bald zumindest relativiert werden: Die „Pelle, der Eroberer“-Besprechung endet nicht nur mitten im Satz, sondern sogar inmitten eines Worts, Joel Schumachers „Flatliners“ wird vollkommen zu unrecht verrissen und die „Robocop 2“-Kritik liest sich doch arg seltsam („In ,Robocop’ rückte Paul Verhoeven seinerzeit den Konflikt zwischen Mensch und Maschine auf der Suche nach der eigenen Identität in den Mittelpunkt härtester Action. In diesem Sequel, das keine Fortsetzung ist, sondern die gleiche Geschichte mit noch mehr Leichen erzählt, verzichtet Irvin Kershner auf Plattitüden dieser Art.“). Dass „Terminator II“ in Hollywood einen Trend zu weniger Superlativen eingeleitet habe, halte ich für ein Gerücht, den Film „Grenzpatrouille“ datiert man auf das Jahr 1980 (korrekt wäre 1982), die Rechtschreibfehler häufen sich insbesondere in der zweiten Buchhälfte, das Layout ist nicht immer einheitlich und die Formulierung „Diebstahl-Thriller“ für einen Heist Movie erscheint mir eher ungelenk. Auf ein Lektorat scheint man leider wieder verzichtet zu haben, sodass das Buch einen erneut lediglich semiprofessionellen Eindruck hinterlässt.

„Kurz belichtet“-Sektionen mit Kurzvorstellungen oder schlicht Auflistungen weiterer Spielfilmausstrahlungen runden den Hauptteil ab (der mich zumindest mit der Information, „Les bois noirs“ sei auf RTL II gelaufen, überrascht hat – kann das jemand verifizieren?); das letzte Viertel wird unter „Service“ zusammengefasst und behandelt Serien wie „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“, „Auf Achse“, „Der Fotograf“, „Alaska Kid“, „Freunde fürs Leben“, „Marienhof“ (als „Konkurrenz für die Lindenstraße“ bezeichnet), „Der rote Blitz“ und einige weitere. Besonders interessant erscheint mir „Ein Mann am Zug“ mit Eberhard Feik, die am Hamburger Hauptbahnhof spielt – wenn auch leider Anfang der verdammten ’90er und nicht mehr in den ’80ern. Weiter geht’s mit einem gleich vierseitigen Abschnitt über „Reality TV“ – damals der heiße Scheiß und immer, so auch hier, einen kritischen Kommentar wert, wobei mich die Erwähnung von „Notruf“ mit Hans Meiser, wofür echte Unglücke mit Laiendarstellern oftmals unfreiwillig komisch nachgestellt wurden, immer wieder überrascht – harmloser ging’s doch nun wirklich kaum. Auch das Tränendrückerformat „Verzeih mir“ und Dänikens Ufo-Theorien wurden von der Redaktion eigensinnigerweise zum „Reality TV“ hinzugezählt – Däniken wird’s gefreut haben… Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Artikel, der auch von Medienethik handelt, ist, wie die Öffentlich-Rechtlichen ebenfalls ihr Fett wegbekommen:

„Soll keiner sagen, das der Wirklichkeit entliehene Blutbad sei nur eine neue Scheußlichkeit, die die Privatsender ihrem Publikum zumuten. Die seriösen Öffentlich-Rechtlichen sind beim Gemetzel gern dabei. Beim Geiseldrama von Gladbeck beispielsweise machten sie die Gangster Rösner und Degowski zu Fernsehstars. Von der Hinrichtung des Karpaten-Hitler [sic!] Çeaușescu [sic!] sparten sie nur die Szene des Todesschusses aus. Für soviel Pietät klopfen sie sich heute noch selbst auf die Schulter.“

 Oh ja, da werden Erinnerungen wach. Im Anschluss widmet man sich speziell einigen TV-Personalien wie Linda de Mol, deren „Traumhochzeit“ man ebenfalls kritisch beäugt, Ingolf Lück, als „[d]as ewige Nachwuchstalent“ überschrieben, Turm-Talker Erich Böhme (ich vermisse diese Sendung…) oder auch Helmut Fischer, wie sollte es auch anders sein als „Monaco Franze oder der ewige Stenz“ bezeichnet. Der Einstieg in sein Porträt hat es dann jedoch in sich:

„Wenn einer Schauspieler ist und erst mit über 50 sein berufliches Coming Out hat, dann ist er entweder verdientermaßen schlecht, oder es handelt sich um ein verkanntes Genie. Letzteres muss bei Helmut Fischer der Fall sein, denn anders ist nicht zu erklären, daß ein Mime, der jahrzehntelang als Provinzjockel und besseres Komparse Kritiker und Publikum gleichermaßen anödete, plötzlich zum gefragten Fernsehstar aufsteigt.“

 Äh, ok… Weiter zum Sport: Dieser Abschnitt beginnt mit einem der traurigsten Ereignisse deutscher Fernsehgeschichte: Mein geliebtes Tele5 wurde zu DSF und damit vollkommen bedeutungslos, zumindest für mich. In erster Linie dreht sich die Doppelseite aber darum, dass die Privatsender öffentlich-rechtlich vernachlässigte Sportarten aufgreifen, weitere Doppelseiten widmen sich Formel-1-Fahrer Michael Schumacher, damals noch blutjung und hauptverantwortlich für eine Renaissance des allgemeinen Motorsportsinteresses der Deutschen, und dem Eishockey, das damals meines Wissens ebenfalls einen Boom verzeichnete. In Tabellen- bzw. Listenform werden die wichtigsten Sporttermine und Show-Ausstrahlungen auf einen Blick geliefert, bevor das „In Memoriam“-Kapitel in Form kurzer Nachrufe traurigerweise vom Tode Benny Hills, Otto Simaneks und anderer Film- und Fernsehgrößen berichtet. Der Statistikteil schließlich liefert wieder ganze andere Auswertungen als das vorherige Buch, wobei drei Informationen besonders interessant sind:

  1. Dass die einst durchaus beliebte oder zumindest weitläufig akzeptierte einmalige Werbeunterbrechung von im Privatfernsehen gesendeten Spielfilmen zu nervigen drei ausgiebigen Werbeblöcken anwuchs, ist anscheinend einer Rundfunkstaatsvertragsänderung aus dem Jahre 1992 geschuldet (ein weiterer Faktor zu ungunsten des Faszinosums privater Rundfunk).
  2. Die Marktanteile öffentlich-rechtlichen Werbefernsehens sanken in extremem Maße, was ein Indiz für ein gegenüber den privaten Angeboten weitaus unattraktiveres Vorabendprogramm sein dürfte.
  3. Die großen Privatsender RTL plus und Sat.1 zwackten ARD und ZDF weitere Marktanteile ab, wobei der Vorsprung von RTL gegenüber Sat.1 immer größer wurde und das ZDF sich 1992 laut Diagramm wieder im Aufwärtstrend befand – worauf der erläuternde Text jedoch mit keiner Silbe eingeht.

Adressen und ein Index runden auch diesen Band ab, der erst gar nicht mehr den Versuch unternimmt, den Eindruck zu erwecken, einen Gesamtüberblick über das Spielfilmangebot zu liefern – bei der mittlerweile verfügbaren Senderanzahl wäre das ein schier aussichtsloses Unterfangen gewesen. Intransparent ist nach wie vor, wie genau die Auswahl nicht nur der vorgestellten Filme, sondern auch des Begleitwerks vonstatten ging. Generell schien das Konzept sich langsam, aber sicher zu überholen. Als grober Überblick über die ’80er/’90er-Übergangsphase des Populärfilms ist es gut geeignet, der „Service“-Abschnitt liest sich insbesondere retrospektiv spannend und fungiert als interessantes Zeitdokument, anhand dessen sich der massenmediale Fernsehzeitgeist ablesen lässt. Sich durch den Hauptteil mit seinen zahlreichen stilistisch divergierenden Filmbesprechungen zu arbeiten, war jedoch nicht nur aufgrund manch dem Konzept geschuldeter Wiederholung gegenüber den vorausgegangenen Bänden nicht immer das reine Vergnügen. Gründe, weshalb mich ein „Jahrbuch 1994“ noch weniger interessiert hätte, sind neben dem immer beliebiger gewordenen Fernsehprogramm auch die nachlassende Attraktivität von Kinoproduktionen in den 1990er-Jahren. Die ’80er waren eben endgültig vorbei.

Frank Schäfer – Hühnergötter

Für seinen im Jahre 2017 im Innsbrucker Limbus-Verlag in gebundener Form veröffentlichten Roman „Hühnergötter“ schlüpft der freie Braunschweiger Journalist, Autor und Literaturkritiker sowie Ex-Heavy-Metal-Gitarrist Frank Schäfer rund 200 Seiten und 25 Kapitel lang erneut in die Rolle seines Alter Ego Friedrich „Fritz“ Pfäfflin – zehn Jahre nach „Kleinstadtblues“, dem dritten in sich abgeschlossenen Roman dieser losen Reihe.

Die mutmaßlich erneut stark autobiographisch geprägte Handlung dreht sich um eine Erbschaft – und was sie mit sich bringt: Friedrich, verheirateter Schriftsteller, ein Sohn, erbt das Haus seines verstorbenen Onkels Adolf, einen Klinkerbau in seinem alten Heimatdorf in der niedersächsischen Einöde, irgendwo zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Die kleine Familie ist sich unschlüssig, was sie mit der Erbschaft anstellen soll. Während seine Frau Antonia mit Sohn Ansgar auf einer Mutter-Kind-Kur auf der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst weilt, bezieht Friedrich für vier Wochen das alte Gemäuer, um es zu renovieren und sich über die weitere Verwendung klarzuwerden – verkaufen, vermieten? Oder doch… einziehen? Schnell holt ihn die Vergangenheit in Form zahlreicher Erinnerungen an seine Dorfkindheit und -jugend sowie an seinen alkoholkranken Onkel ein.

„Hühnergötter“ ist mit seinen vielen eingewobenen Anekdoten aus der Vergangenheit eine Zeitreise in Friedrichs Sozialisation mit seinen alten Freunden, der gemeinsamen Band, mit Partys und zarten Liebschaften, und zugleich eine Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. Die Erzählform der Ich-Perspektive erlaubt einen sehr intimen Zugang zu dieser Figur, die durch das anstehende Klassenjahrgangstreffen mit ihren ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern ein weiteres Mal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird und sich plötzlich zwischen zwei Frauen stehend wiederfindet. Die Rückblicke sind von viel Melancholie, aber auch juvenilem Humor geprägt, während sich vor dem geistigen Auge des Rezipierenden das verschlafene Dorf mit seiner ganz eigenen Dynamik aufrichtet und einen ebenso gefangenen nimmt wie den Protagonisten – und ein authentisch anmutendes Bild nicht nur vom Dorfleben, sondern auch von Onkel Adolf entsteht, den Schäfer angenehm differenziert als ambivalente Figur zeichnet und ihm seinem Alkoholismus zum Trotz die Ehre erweist.

Friedrich hat sich zudem auf sympathische Weise die kindliche Begeisterung für Bücher bewahrt und eine emotionale Bindung zu ihnen aufgebaut. Schäfer fasst diese in wunderschöne Worte und bildet damit einen Kontrast zur unwirtlichen Familienrealität, die die Kehrseite seiner Erinnerungen darstellt. Bücher als kindlicher Rückzugsort – wunderbar. Überhaupt ist man sofort wieder in Schäfers im Laufe der Jahre und Veröffentlichungen so angenehm gewordenem Schreibstil drin und fühlt sich schnell heimisch. Wenn nur nicht wieder dieses Recycling wäre: Die Führerschein- und Autounfall-Anekdote aus Schäfers „Was Männer niemals sagen würden“ findet sich hier ebenso wieder wie die bereits bekannte Geschichte um seine autofahrende Mutter. Eine Weile wirkt „Hühnergötter“ dann auch wie eine eher behelfsmäßig von einer Rahmenhandlung zusammengehaltene Anekdotensammlung, doch Schäfer bekommt bald wieder die Kurve.

So liest es sich durchaus spannend, mit Friedrich auf Sinnsuche zu gehen, an seinen ein bisschen nach Midlife Crisis klingenden Zweifeln an seiner Ehe teilzuhaben und sich mit ihm in ein gefährliches Abenteuer zu stürzen, das seine Integrität als Familienvater infragestellt. Hier und da werden einem Einblicke in die Arbeit als Schriftsteller gewährt, mittels einiger fallengelassener Band- und Songnamen kokettiert Schäfer etwas mit seinem Wissen um die härtere Gitarrenmusik und geht es um die Band seiner Jugend, erahnen Kenner, dass von Salem’s Law die Rede ist, auch wenn dieser Name nie fällt. Die Beschreibungen der Zusammenkunft im alten Proberaum und des Klassentreffens sind echte Gänsehautmomente, sie transportieren die zwiegespaltene emotionale Ebene nahezu perfekt. Nett auch die Erwähnung des Musikmagazins „Rock Hard“, für das Schäfer mittlerweile selbst als Rezensent, Kolumnist und Redakteur tätig ist. Da fand zusammen, was zusammengehört.

Einer der tragikomischen Höhepunkte ist das Kapitel 23, das ganz von Onkel Adolfs seinerzeit neuentdeckter Leidenschaft für die Rolling Stones handelt, jedoch losgelöst vom Rest der Handlung ebenfalls bereits in einer Schäfer’schen Textsammlung veröffentlicht worden war. Dennoch: Wer sich auch nur halbwegs von den genannten Themen angesprochen fühlt und eventuell ohnehin weniger zu nostalgisch verklärten als vielmehr widersprüchlichen, melancholischen, etwas weh- oder schwermütigen Rückblicken in die eigene Vergangenheit neigt, dürfte sich in „Hühnergötter“ wiederfinden – einem Buch, das ich übrigens stilecht im Sommerurlaub in Prerow auf eben jener eingangs erwähnten Halbinsel las, während ein Hühnergott von meiner Halskette baumelte.

Ralf Heimann / Jörg Homering-Elsner – Bauchchirurg schneidet hervorragend ab

Die Journalisten Ralf Heimann und Jörg Homering-Elsner sammeln seit einigen Jahren auf ihrer Facebook-Seite „Perlen des Lokaljournalismus“ (und deren Pendant „Kurioses aus der Presseschau“) Mumpitz, Stuss und Stilblüten, den deutschsprachige Zeitungen in Printform und auf ihren Web-Präsenzen anscheinend unablässig produzieren. Eine Art Best of bot bereits das im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag erschienene querformatige Taschenbuch „Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst“.  Im Jahre 2017 folgte dessen Nachfolger „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab“.

Auf rund 200 Seiten findet sich je eine verunglückte Meldung in Foto- bzw. (mitunter etwas pixeliger) Screenshot-Form samt amüsantem Kurzkommentar der Herausgeber. Orthographisches Versagen gibt sich mit inhaltlichen Fehlgriffen, missverständlichen Formulierungen und übersehenen, aber eigentlich sofort ins Auge springenden groben Patzern die Klinke in die Hand. Bei anderen Meldungen wollen Bild und Text partout nicht zusammenpassen oder ist der Inhalt derart absurd bzw. irrelevant, dass es – je nach Lesart – zum Verzweifeln oder aber die reinste Freude ist. Den Vogel schießt manch Layout-Fauxpas ab, wenn beispielsweise vergessen wurde, Platzhaltertexte vor Drucklegung zu ersetzen.

Wenngleich sich das eine oder andere Beispiel darunter befindet, das auch auf den Humor der Urheberin bzw. des Urhebers schließen lassen könnte und wie ein bewusst produzierter Sprachwitz anmutet, liefert der überwiegende Teil doch ein befremdliches Bild vom Qualitätsniveau des Lokaljournalismus und dem Zustand seiner Redaktionen. Mit einem seriösen Lektorat wäre das jedenfalls nicht passiert, aber da wird wohl einmal mehr am falschen Ende gespart.

Doch das Schöne daran: Es ist zum Totlachen! Ich weiß nicht, wann ich zuletzt während einer Lektüre derart Tränen gelacht habe wie bei diesem Büchlein geschehen. Somit sind Heimanns und Homering-Elsners Sammlungen zunächst einmal vorbehaltlos zu empfehlen, ob nun gratis im Internet oder für 9,99 EUR in Buchform. Es gilt indes dasselbe, was ich bereits zum kürzlich hier vorgestellten „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken“ schrieb: Ob einem der Spaß Geld wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch ob am Strand, auf dem Klo oder wo einem auch immer der Sinn nach dieser Art Humor und Realsatire steht – oder eben auch als nettes Mitbringsel für nicht so webaffine Menschen: Das Printprodukt ist eine schöne (und bleibende) Ergänzung zur Sammlung im World Wide Web.

Frank Schäfer – Was Männer niemals sagen würden

Nanu? Frank Schäfer goes Mario Barth und macht sich über das weibliche Geschlecht auf Grundlage überholter Klischees für ein paar wohlfeile Pointen lustig? Keine Sorge, zwischen seinen Metal-Büchern „Metal Störies“ und „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ veröffentlichte der Braunschweiger Dr. phil. und Autor, bekannt für seine Literaturkritik, seine biographisch geprägten Romane und seine popkulturellen Essays mit schwermetallischer Schlagseite, im Jahre 2013 ein humoristisches, rund 190-seitiges Taschenbuch im Oldenburger Lappan-Verlag, das vornehmlich männliche Geschlechtsgenossen aufs Korn nimmt.

In 55, mit eben jenen Phrasen wie „Werd endlich erwachsen!“, „Oh, wie süüüß!“, „Ich hab keinen Durst mehr!“ oder „Sehe ich darin dick aus?“, die Männern (vermeintlich) nie über die Lippen kommen, übertitelten anekdotenreichen Geschichtchen, Beobachtungen und Polemiken nimmt Schäfer all den Unfug auf die Schippe, der als typisch oder gar besonders männlich gilt, Männer aber nur schwerlich als vernunftbegabte Wesen erscheinen lässt. Abhandlungen über tiefverankerte toxische Männlichkeit sollte man nicht erwarten, aber diverse Macken und Spleens werden aufgegriffen, die viel mit nach wie vor von nicht wenigen Männern mit Begeisterung adaptieren Rollenklischees zu tun haben oder schlicht anerzogene Ergebnisse ihrer Sozialisation sind. Schäfer versucht sich in amüsantem, lockerem, niemals kopflastigem oder gar wissenschaftlichem Stil an entsprechenden Einordnungen und Begründungen und lässt dabei immer wieder persönliche Erfahrungen einfließen. Und längt nicht immer kommen Männer schlecht weg, manch liebenswürdige Eigenheit lässt sich ebenfalls finden (wobei das mitunter sicherlich auch Auslegungssache ist).

Vieles dürfte einem bekannt vorkommen und lässt sich tatsächlich immer wieder beobachten (und in der Tat halte ich Kroketten für unentbehrlich, aber das nur am Rande), Selbstironie ist dabei ein ständiger Begleiter und auch Metaller bekommen buchstäblich ihr Fett weg. Doch längst nicht alles stimmt: Mein Chef beispielsweise betont durchaus gern und wiederholt sein „Bauchgefühl“, die Lehnwortsünden, um die sich ein Kapitel dreht, dürften in erster Linie der Werbebranche entspringen, und welchen Narren Schäfer plötzlich an „Lass mein Knie, Joe“, jener eigenwillig eingedeutschten und von Wencke Myhre vorgetragenen Coverversion des Bonnie-Tyler-Hits „It’s a Heartache“, gefressen hat, der sie fälschlicherweise in gleich zwei voneinander unabhängigen Kapiteln der dänischen Sängerin Gitte Hænning andichtet, weiß wohl nicht einmal mehr das Lektorat, dem dieser Fauxpas durchgerutscht ist.

Die Laptop-Geschichte ist bereits aus einem anderen Buch Schäfers bekannt und weshalb man ausgerechnet für diese im Jahre 2013 kaum noch zeitgemäße Anekdote das berüchtigte Inhaltsrecycling betreibt, erschließt sich mir nicht. Dafür gibt es aber Schäfers Lieblings-AC/DC-Geschichte diesmal in Gedichtform. Mit seiner großzügig skalierten Schrift und den zahlreichen Illustrationen des Cartoonisten Michael Holtschulte lässt sich „Was Männer niemals sagen würden“ relativ rasch rezipieren, unterhält dabei dank Schäfers angenehmem Erzählstil aber trefflich und macht sich als kurzweilige Nachttischlektüre sicher ebenso gut wie in meinem Falle als leichte Sommerurlaubsmuse, die den einen oder anderen Ansatz für reflektierende Gespräche mit der Partnerin bot.

Ob Autor und/oder Verlag mit der poppig bunten Aufmachung und der niedrigschwelligen, massenkompatiblen Thematik versuchten, neue Zielgruppen zu erschließen, weiß ich nicht, aber wenn ein Buch wie dieses prominent in den Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen ausliegen sollte und vielleicht sogar einen Teil derjenigen erreicht, die Mario Barth und Konsorten für begnadete Humoristen halten, sei es ihnen gegönnt.

Katja Berlin / Peter Grünlich – Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken

Der „Graphitti-Blog“ „erklärt die Welt in überwiegend lustigen Grafiken“ und erfreut sich großer Beliebtheit bei allen, die diese Art Web-Humors zu schätzen wissen: In einfachen Diagrammen werden augenzwinkernd diverse Alltagsphänomene humoristisch aufbereitet. Diese sehen auf den ersten Blick meist aus wie beliebigen PowerPoint-Präsentationen entsprungen, womit bereits die Form der Humorvermittlung karikierenden Charakters ist, scheint sie doch die Diagrammflut aufs Korn zu nehmen, die um sich greift, seit mit Standard-Bürosoftware mittels nur weniger Klicks für Jedermann kunterbunte Diagramme erzeugbar geworden sind, die, ob im Berufsleben oder in der Uni-Vorlesung, meist mehr Inhalt und Erkenntnisse suggerieren, als sie tatsächlich transportieren. Diese „überwiegend lustigen Grafiken“ sind dafür prädestiniert, im Büroalltag zwischendurch immer mal wieder angeklickt zu werden, eine Kurzweiligkeit, die jedoch auch dazu verführen kann, noch schnell die nächste anzugucken, und die übernächste usw.

Wer nicht so viel im Web unterwegs ist bzw. sein kann oder auch solche Späßchen nach wie vor in gedruckter Form bevorzugt, hat seit dem Jahre 2012 die Möglichkeit, zu einer Art „Best of“ des Graphitti-Blogs in Buchform zu greifen: Für ‘nen Zehner bietet der Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag dieses rund 200-seitige querformatige Taschenbuch an, das überwiegend, aber nicht nur aus bunten Tortendiagrammen besteht – dem beliebtesten Diagrammtyp, aus dem bezeichnender- und konsequenterweise bereits das Vorwort besteht. Abgebildet werden „das alltägliche Leben, vor allem aber gefühltes Wissen, Meinungen, Vorurteile und Ahnungen“, wofür viel mit Klischees gespielt wird, aber auch zahlreiche selbstironische und durchaus hintersinnige Gags ins Buch fanden.

Auch beim Durchblättern ist man kaum vorm Suchtfaktor gefeit, sodass man es in der Regel recht rasch durchhaben sollte. Ob einem dieser Spaß 9,99 € wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Als vergnügliche Strand- oder (Gäste-)Klolektüre ist das Büchlein jedenfalls ähnlich gut geeignet wie als kleine Aufmerksamkeit für Mitmenschen, von denen man nicht weiß, was man ihnen sonst schenken könnte – oder auch, wie in meinem Falle, als Gratisfund im Tauschschrank.

Mittlerweile sind sechs dieser Bücher erschienen – Berlin und Grünlich scheinen eine echte Erfolgsrezeptur gefunden (bzw. von ähnlichen Vorbildern adaptiert) zu haben.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts heimliche Katastrophen

Die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson sind die Autoren der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung, die dessen Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger veröffentlicht, scheint allen Bänden gemein, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen – Olsson und Jacobsson versuchen sich also in die Psyche eines Schuljungen hineinzuversetzen und seine Erlebnisse aus seiner subjektiven Sicht im intimen Rahmen eines Tagesbuchs zu schildern.

Nachdem ich einst über eine Handvoll aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gestolpert war und mir nach einigem Zögern aus Neugierde auf Coming-of-Age-Jugendliteratur den fünften Band durchgelesen hatte, verging viel Zeit, bis mir dann doch der Sinn danach stand, mir Band 6, „Berts heimliche Katastrophen“ aus dem Jahre 1992 (Originalausgabe) bzw. 1996 (deutsche Übersetzung), als Urlaubsstrandlektüre vorzunehmen. Auf rund 150 relativ groß geletterten Seiten inklusive einigen die Figuren karikierenden Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdins knüpft man nahezu nahtlos an Berts Erlebnisse aus Band 5 an. Die Handlung erstreckt sich über den Zeitraum 15.01. bis 07.06. (die „Tagebucheinträge“ sind einzeln datiert), Bert besucht die achte Klasse und ist 14 bzw. später 15 Jahre jung.

Im Mittelpunkt steht Berts Beziehung zu seiner Freundin Emilia, die sich plötzlich für Berts besten Freund Arne zu interessieren beginnt – und ihn mit Arne betrügt, weshalb die Liebesbeziehung in die Brüche geht. Wurden pubertäre Wechselbäder der Gefühle und Krisen in Band 5 noch weitestgehend ausgespart, versucht man hier zumindest, sich an sie heranzutasten. Bert wird von massiven Selbstzweifeln geplagt und verliert sein Selbstwertgefühl. Dass er weiterhin mit Arne befreundet bleibt und Zeit verbringt, erscheint jedoch etwas sehr seltsam und unwahrscheinlich, zumal der Konflikt zwischen den beiden erst relativ spät und dann auch nur marginal wieder aufgegriffen wird. Jugendlicher Gefühlswelt wird man damit leider kaum gerecht. Die übrigen Geschichten wurden zugunsten ihres Unterhaltungswerts ebenfalls wenig authentisch gestaltet, wobei zumindest Berts Erlebnisse auf Klassenfahrt recht witzig sind. Eine ernstere Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen wird generell eher vermieden, es bleibt oberflächlich und oft albern.

Die meist zielgruppengerecht kurzen Sätze wirken erneut kaum wie die eines 15-Jährigen, verfügen aber über ein paar witzige Formulierungen – und enthalten bisweilen sehr eigenartige „Jugendsprache“, die indes der Übersetzung geschuldet sein kann. „Molchen“ für Rummachen habe ich aber bisher ebenso wenig gehört wie „priemen“ im Zusammenhang mit Jugendpartys. Überraschend offensiv (und damit eigentlich nichts ins Buch passend) ist dann folgende Pädophilieanspielung: „Wenn man in die Achte geht, Moped fährt und fünfzehn ist, hat man sich nicht für kleine Gören zu interessieren. Das kann warten, bis man vierzig ist.“ Hintergrund ist, dass Bert sich in eine Sechstklässlerin verknallt, was die Autoren glücklicherweise nicht zum Anlass nehmen, etwaigen perversen Fantasien freien Lauf zu lassen. Mit einer Art Cliffhanger in die Sommerferien enden „Berts heimliche Katastrophen“, deren einzelne Kapitel (= Tagebucheinträge) wieder stets mit einem sinnfreien kurzen Reim wie „Jippije – mein großer Zeh“ enden, wofür ich tatsächlich ein wenig Fremdscham angesichts der missglückten Versuche der Autoren, einen 15-jährigen Tagebuchschreiber zu imitieren, empfinde. Und ich fürchte, so wäre es mir auch gegangen, hätte ich mich selbst noch in diesem Alter befunden und dieses Buch gelesen…

Michael Rudolf / Frank Schäfer – Lexikon der Rockgitarristen – Von Ritchie Blackmore bis Frank Zappa

„Wer will so was heute wissen?“

Im Jahre 1999 widmete sich der Braunschweiger Literaturexperte, Essayist, Ex-Heavy-Metal-Gitarrist und heutige Rock-Hard-Redakteur Frank Schäfer zusammen mit dem Satiriker und Bier-Connaisseur Michael Rudolf erstmals in Buchform ausschließlich der Musik: Das „Lexikon der Rockgitarristen“ ist ein rund 350 Seiten dicker, broschierter Wälzer, veröffentlicht im Lexikon-Imprint-Verlag, inklusive Vorwort, Anhang, Index und einigen Schwarzweiß-Fotos.

„[K]ein Lexikon, sondern dessen satirische Dekonstruktion, eine alphabetisch sortierte Sammlung von Glossen, Polemiken, Kritiken, Kurzgeschichten, Capriccios und Pastichen“ habe, so Schäfer 2008 in „Generation Rock“, all diejenigen erwartet, die glaubten, ein mehr oder weniger seriöses Lexikon in den Händen zu halten. Das las sich so vielversprechend, dass ich eine antiquarische Ausgabe erwarb und im letzten Urlaub Eintrag für Eintrag verschlang. Und das wurde – so sehr ich den antilexikalischen Ansatz auch begrüße – ein verhältnismäßig hartes Brot. Erstmals musste ich mich bei „Arb, Fernando Von“ wundern, denn aus dem sechsten Krokus-Album „One Vice at a Time“ wurde kurzerhand das dritte. Wenn unter „Bartlett, Bill“ behauptet wird, Yngwie Malmsteen habe noch keinen „Song für die Ewigkeit“ geschafft, möchte man dem Schreiber „Rising Force“ entgegenhalten und ihn dazu verdonnern, mindestens eine Stunde in Dauerschleife den „Heaven Tonight“-Clip zu goutieren. Und wer „Metal Health“ für das Quiet-Riot-Debüt hält und die Qualität der Slade-Coverversion „Cum On Feel The Noize“ nicht erkennt (einer der Höhepunkte der an Höhepunkten wahrlich nicht armen „RockPop In Concert“-TV-Übertragung 1984), nun, dem fällt dann eben auch nichts zu Kurt Cobain ein, der reduziert Elvis Costello auf dessen Brille (der Witz ist seit „Buddy Hollys Brille“ von den Ärzten durch), der schreibt Aldis ehemaligen Kassenknüller Karlsquell mit „C“ – und, ganz schlimm: „Trash“ statt „Thrash“.

Mit Tommy Bolin (und David Coverdale als Sänger) wird vermutlich zurecht hart ins Gericht gegangen, doch wer bei „Thrash“ ein H vergisst, dem fällt auch nur Despektierliches zu Slayers Hannemann und King ein. Unter „Hoffmann, Wolf“ werden die größten Accept-Klassiker verkannt und mit dem Eintrag zu Tony Iommi disqualifiziert man sich endgültig in Bezug auf Metal – Schäfer, was zur Hölle war da los?! Foreigner wiederum werden ausgerechnet aufgrund ihrer Hausfrauenrock- und Pop-Hits vorbehaltlos abgefeiert (bei Mike Oldfield hingegen keine Silbe zu dessen über alle Zweifel erhabenen Popsongs). Dass man dann mit Venom nichts anfangen kann, ist nur folgerichtig. Der Janick-Gers-Eintrag ist haltloser Quatsch – als hätte sich Steve Harris jemanden, auf den die von Rudolf oder Schäfer formulierte Beschreibung passt, jemals in die Band geholt. Und ausgerechnet dessen Bandkollegen Dave Murray unterstellt man Kreativlosigkeit und scheint nicht zu schnallen, dass auf „Somewhere in Time“ Gitarrensynthies eingesetzt wurden. Ganz dünnes Eis… Und welcher Tölpel hat eigentlich Adrian Smith‘ Foto ausgesucht? „Harrison, George“ gerät zu einer krassen, sogar beleidigenden Fehleinschätzung der Beatles, nicht satirisch oder witzig, sondern – sorry – tatsächlich für die Tonne (also Trash ohne H). Zu John Lennon kommt dann glücklicherweise Schäfer-Intimus Gerald Fricke zu Wort und übt sich in Schadensbegrenzung.

Typisch verächtlich geht es in Bezug auf Rage Against The Machine weiter, als hätte sich der Schreiber bereits im fortgeschrittenen Rentenalter be- und keinen Zugang zur „Jugendmusik“ mehr gefunden. Wer bisher glaubte, es sei unmöglich, über Anvils Lips zu schreiben, ohne dessen Bühnenshow zu erwähnen, wird hier eines Besseren belehrt. Ein Großteil des Keith-Richards-Eintrags wird für eine frei erfundene, dennoch pointenlose Geschichte eines persönlichen Treffens mit ihm verschwendet, die Kritik an Motörhead-Wurzel ist unangebracht, der Hass auf Bruce Springsteen unverständlich und töricht – und, Jungs, ich bitte euch: Angus Young ritt nicht auf „Roadie-Schultern“ durch die Hallen, sondern auf denen niemand Geringeres als Bon Scott! Um die Liste zu vervollständigen: Achim Mentzel, Pat Metheny (wer?) und Sting werden auch noch abgewatscht. Bauchschmerzen bereitet mir auch die ständige Verwendung des Deppenleerzeichens („Jeff Beck-Tour“), aber das macht manch Musikpostille ja bis heute so. Eklig wird’s indes spätestens bei „Open Air-Festival“ – das schreibt nicht einmal mehr der Metal Hammer so. Überhaupt, die Rechtschreibung: Das Lektorat hat bisweilen ganz schön gepennt, Klöpse wie „Reverenz“ oder „To drunk to fuck“ sind nur zwei Beispiele für doch einige doofe Fehler. Dafür wird mal wieder umso mehr mit dem Fremdwortschatz geprahlt, wie es sich durch Schäfers frühes Œuvre zieht: Equilibrieren, phrygisch, Antizipation, auguren, permissiv,  präludiert, impromptu, nervicht, eskamotiert, okkasionell, balbieren, hypertroph, gustieren, polymerisiert, Kalamitäten, kujonieren, verfumfeiungen, mokant-etüdenhaft, ubiquitär, diaphan, arrondieren, schurigeln, ennuyant, inkommensurabel, schibboleth, intrikat – ich habe nicht jeden Begriff nachgeschlagen… Apropos nachschlagen: Dass manche, aber längst nicht alle Gitarristen unter ihren Künstlernamen aufgeführt sind, macht dieses nicht leichter.

Doch genug gepoltert, das Buch hat auch seine gute Seiten (unter satten 350 – das wäre doch gelacht): Sicher, der schräge Humor ist Geschmackssache, beschert er doch einen Roy-Buchanan-Doppeleintrag und eine Totalverweigerung gegenüber Eric Clapton. Ein fingierter Brief von Vivian Campbells Mutter will jedoch erst einmal verfasst werden, ebenso das Gitarrenschulabschlusszeugnis für Slash oder der vermeintliche Brief Richie Samboras. Bei John Lee Hooker kann man es sich hingegen sehr einfach machen: „Hau, hau, hau, hau.“ (Damit habe ich den kompletten Eintrag zitiert.) Und bei Johnny Ramone musste ich tatsächlich schmunzeln. Bei den irgendwelchen idiotischen Politikern in den Mund gelegten Zitaten hingegen weniger. Aber es soll ja um die guten Seiten gehen: „Chapman, Paul“ gerät zur Ufo-Diskografie und -Historie, manchmal bekommt man es gar mit ganzen Biografien zu tun und den einen oder anderen Eintrag (z.B. „Gregory, Dave“) in Dialogform aufzubereiten, lockert die Angelegenheit angenehm auf. Sehr ausführlich und damit einen echten Mehrwert darstellend ist Gary Moores Eintrag ausgefallen. Ein echtes Pfund ist auch die Berücksichtigung zahlreicher „Ostrock“-Künstler, hier konnte Rudolf seine Expertise auf diesem Gebiet einbringen. Der Musikjournalismus-Kollege Oliver Hüttenreich wird übrigens gleich mehrmals zitiert (und kritisiert). Intertextualität kann man. Und eine weitere Lexikon-typische Wand wird eingerissen, wann immer die Leserinnen und Leser direkt angesprochen werden.

Als Beispiel für die blumigen, mitunter beinahe verzweifelten Versuche, Musik in Sprache auszudrücken, möchte ich folgendes Zitat aus „Evans, Dave“ anführen: „Die höchstens angezerrte und also schön schneidende Beat-Gitarre schickt er durch ein Mehrfach-Echo, das die Rhythmus-Figuren hübsch expressiv verfremdet. So entstehen immer etwas wabernde Riff-Koloraturen, sparsam unterbrochen von behäbigen Solo-Phrasierungen – in der Regel schlurfenden Slides mit godzillalangen Hallschwänzen.“ Und als Beispiel für den humoristischen, polemischen Stil einmal „Garcia, Jerry“: „Zieh einem zehnjährigen ‚Dödel‘ Fausthandschuhe an, dreh ihm eine gewaltige Tüte, achte darauf, daß er sie aufraucht, gib ihm zur Sicherheit auch noch ein paar LSD-Trips, achte darauf, daß er sie alle einwirft, und drücke ihm dann deine Gitarre in die Hand! Na, wie klingt das? Möönsch, ist das nicht Grateful Dead? Joooa doch, könnte man sagen. Nur ohne Bart.“

 Das sind solche Momente, in denen die Lektüre Spaß macht, manchmal verstehe ich zugegebenermaßen aber auch nur Bahnhof. Recht schnell kristallisiert sich indes aber auch heraus, dass sich unüberbrückbare Gräben zwischen meinem Geschmack und dem der Autoren befinden. Während ich das songdienliche Gitarrenspiel bevorzuge, stehen Rudolf und Schäfer auf prätentiöse Soloeskapaden. Während ich auf Punk, Thrash, aber auch auf Maidens gute alte Doppelläufige schwöre, mäandert das Schreiberduo durch Blues- und Hardrock und macht nicht einmal vor Jazzrock halt. So finden sich in diesem Buch nicht nur jeder schnarchige Bluesrocker, sondern auch ausnahmslose alle, die schon mal eine Klampfe richtigherum gehalten und mit Frank Zappa zusammen in einem Raum gesehen wurden. Aus der Glamrock-Feindlichkeit der Schreiber dürfte nicht zuletzt das Übergehen Steve Jones‘ resultieren, was einmal mehr gegen den rudolfschen und schäferschen Geschmack spricht. Wo sind die herausragenden Surf-Rock’n’Roll-Gitarristen vom Schlage eines Dick Dale? Immerhin Link Wray hat es zwischen die Buchdeckel geschafft. Ein Buddy Holly oder Eddie Cochran findet sich dort ebenso wenig wie das The-Clash-Duo Jones/Strummer, aber auch den Magnum-Pomprock eines Tony Clarkin würdigt man mit keiner Silbe, die Nazareth-Saitenfraktion müssen ich oder die genannten Herren übersehen haben, Testaments Alex Skolnick oder der Hamburger Kai Hansen (Helloween, Gamma Ray)? Offenbar nicht der Rede wert. Dasselbe scheint für Mark Reale (Riot) und Mark Shelton (Manilla Road) zu gelten, und für die Ignoranz gegenüber sämtlichen Mercyful-Fate- und King-Diamond-Gitarristen müsste sich der Diamantene eigentlich höchstpersönlich in Form eines Voodoo-Rituals rächen, während die Exodus-Sechssaiter etwas zu Bandnamen passendes planen. Muss man Jeff Beck dafür wirklich sieben und David Gilmoure fünf Seiten lang abhandeln?

Sei’s drum, denn was mir am sauersten aufstößt ist ganz etwas anderes: Ich bin bestimmt der Letzte, der Schnappatmung bekommt, wenn er in irgendeinem alten Schinken das Wort „Neger“ vernimmt. Dieser Schmöker hier aber ist aus 1999 und „Gitarren-Negerlein“ keine adäquate Beschreibung eines afrikanischen Gitarristen, aus „Der war […] ein Neger […] hatte also allemal den längeren Prügel […]“ über Jerry Seay kann ich nur schwerlich etwas anderes herauslesen als blanken, vermeintlich „positiven“ Rassismus und weshalb es unbedingt betont werden muss, dass es sich bei Prince um einen „Neger“ handele, wird vermutlich auch der Schreiber selbst nicht erklären können. Das wird wohl als Teil des schrägen Humors gedacht gewesen sein, ist aber in die Hose gegangen.

Hat man sich bis zum Anhang durchgearbeitet, entpuppt sich dieser als „Soundcheck“ betitelte, 19 Seiten starke Auflistung von Alben im Buch behandelter Künstler(innen) inkl. Kurzkritiken, deren Auswahlkriterien sich jedoch nicht erschließen – es handelt sich nämlich mitnichten ausschließlich um Empfehlungen. Immerhin korrigiert man hier das vermeintliche Quiet-Riot-Debüt. Aber wieso tauchen irgendwelche Ratt-Platten auf, jedoch nichts (!) von Maiden?

Die erhoffte augenzwinkernde Satire auf Musiklexika ist „Lexikon der Rockgitarristen“ leider nicht geworden, dafür ist es stilistisch zu inkohärent, ist (mir persönlich) die Auswahl häufig zu nichtssagend und dominiert zu sehr die Arroganz von in den 1970ern musikalisch sozialisierten ehemaligen Schlaghosenträgern, die mehr auf verdrogtes Gitarrengewichse stehen als auf gute Songs (die gezeichneten Hippies auf dem Umschlag hätten mir eine Warnung sein sollen). Nichtsdestotrotz habe ich den einen oder anderen musikalischen Tipp für mich mitnehmen können – und ich weiß ja, dass Schäfer nur wenig später sehr vieles sehr viel besser gemacht hat, gar zu einem meiner Lieblingsautoren aus dem Spannungsfeld Musikkritik/Popkultur/Vergangenheitsbewältigung/ „Rockroman“ wurde. Seine „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ habe ich mir bis heute aufgespart, um mich zunächst einmal mit seinem Frühwerk vertraut zu machen. Nun fühle ich mich bereit und erwarte nicht weniger als sein Opus magnum!

P.S.: Michael Rudolf weilt leider nicht mehr unter uns, was ich vollkommen unabhängig davon, was ich von diesem Buch halte, bedauerlich finde. Wer einen wirklich schönen Nachruf Schäfers auf Rudolf lesen möchte, dem sei die eingangs erwähnte Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ ans Herz gelegt.

P.P.S.: Dass ich diese Zeilen am Tag der Bekanntgabe des Todes Eddie Van Halens verfasse, ist eine bittere Ironie des Schicksals…

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 31: Asterix und Latraviata

Der im Jahre 2001 erschienene 31. Band der beliebten frankobelgischen Comic-Reihe „Asterix“ war der erste des neuen Jahrtausends. Wie gewohnt umfasst er 50 Seiten und ist als Softcover-Album im Egmont-Ehapa-Verlag erhältlich. Asterix und Obelix haben hier am selben Tag Geburtstag, was eine Inkohärenz der Reihe darstellt, da sich unterschiedliche Bände in dieser Hinsicht widersprechen. Überraschend kommen ihre Mütter zu Besuch, die ihren Söhnen nicht nur ein römisches Schwert und einen Römerhelm schenken, sondern den Nachwuchs auch endlich unter die Haube bringen möchten. Die noch in Condate arbeitenden Väter der Helden wollen später nachkommen, werden jedoch vom römischen Legionär Bonusmalus entführt und inhaftiert. Der Vorwurf: Sie sollen Centurio Pompejus um eben jene Geburtstagsgeschenke bestohlen haben. Pompejus und Bonusmalus schmieden einen finsteren Plan: Die Schauspielerin Latraviata (der Name ist eine Anspielung auf die Verdi-Oper „La traviata“) soll sich als Obelix große Liebe Falbala verkleiden, um sich ins renitente gallische Dorf einzuschleichen und so helfen, die Gegenstände wiederzubeschaffen. Erstmals seit dem Sonderband „Wie Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank geplumpst ist“ zählen also Asterix’ und Obelix’ Eltern zu den handelnden Figuren. Diese werden in eine Geschichte um Intrigen, Lug & Trug, männliche Schwächen und Eifersüchteleien verwickelt, die die Protagonisten arg naiv erscheinen lässt, wenn es einer römischen Doppelgängerin gelingt, nahezu perfekt die ach so geliebte Falbala zu imitieren. Weitaus mehr irritieren jedoch im Jahre 2001 aktuelle Bezüge u.a. auf deutsche Politiker(innen) in den Dia- und Monologen (herumstoibern, ausgemerkelt, Westerwelle) sowie die Verwendung moderner, anachronistischer Vokabeln und Floskeln (Obelix ein Rapper, wehtwotscherixen als Anspielung auf die Weight Watchers, Enerdschi-Drinks, Owerneitkurier, BSE…) sowie ein abgewandeltes Die-Ärzte-Zitat („Manchmal, aber nur manchmal, haben Römer ein kleines bisschen Haue gern!“). Eine Spitze gegen die Deutsche Bahn lasse ich mir ja noch gefallen; in dieser hohen Frequenz verhindern die eng ans Entstehungsjahr gekoppelten Bezüge jedoch, dass auch dieser Band zu einem zeitlosen Klassiker reifen kann. Und ist es diesmal nicht vornehmlich der Zaubertrank, der den Galliern aus der Bredouille hilft, spielen nun bei Asterix’ Rettung zu viele Zufälle mit. Dafür gerät der Schluss dann doch noch recht witzig, nachdem zuvor bereits humorvoll mit Elternklischees gespielt wurde. Ein großer Wurf ist dieser Modernisierungsversuch der Reihe wahrlich nicht geworden, insgesamt lediglich (guter) Durchschnitt.

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