Gnnis Reviews

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Mad-Taschenbuch Nr. 20: Antonio Prohias – Die neuesten Abenteuer von Spion & Spion

„Spion & Spion“ zum Dritten: 1978 wurden die beiden Spitznasen fürs deutsche „Mad“ abermals im Taschenbuchformat aufeinander losgelassen. 160 je zwei oder auch nur ein Panel umfassende (leider wieder unnummerierte) Seiten lang heißt es in den mehrseitigen Geschichten diesmal stets „Der Trick mit…“, worauf eine Alliteration wie „…der ruchlosen Revolte“ oder „…dem trügerischen Treffen“ folgt. Wie üblich sind sich die eineiigen Zwillinge spinnefeind, weshalb sie sich gegenseitig nach dem Leben trachten und sich ausgeklügelte Fallen stellen. Es gibt nur Schwarz und Weiß, ganz wie im Gut-und-Böse-Denken des Kalten Kriegs, den Prohias persifliert, ohne seine Figuren bestimmten politischen oder ideologischen Lagern zuzuordnen. Zu sagen haben sie sich auch weiterhin nichts, die Zeiten von Dialog und Diplomatie sind für die Spione längst vorbei. Man lässt die Waffen sprechen. In einem kurzen Vorwort erfährt man in diesem Band ein wenig zum Autor, nämlich dass er ehemaliger Karikaturist einer kubanischen Tageszeitung sei, der in die USA emigriert sei und nun zeige, dass „es im schmutzigen Kampf der Spione weder Moral noch Sieger gibt.“ Dieser politkritische Aspekt wiederum wird diejenigen eher sekundär interessieren, die sich an Prohias’ Geschick erfreuen, wortlose Geschichten zu erzählen und dabei eine originelle bis herrlich absurde Idee nach der anderen auszutüfteln, die meist Kettenreaktionen, Explosionen und Gewalt nach sich ziehen. Die Titelseiten der einzelnen Kurzgeschichten weisen in jeweils nur einem Panel einen von der eigentlichen Geschichte losgelösten Gag auf, was deren Dichte in diesem Büchlein erhöht. Schwarzweißdenken für Freunde überzeichneter, abstrakter Kriegsführung, die genau wissen, dass sich weder der eine noch der andere Spion jemals unterkriegen lässt und bald wieder in wessen Auftrag auch immer seinem Erzfeind gegenübersteht.

Mad-Taschenbuch Nr. 19: Mads großes Müll-Buch

Die in der Regel rund 160 Schwarzweiß-Seiten umfassenden Taschenbuch-Ableger des Mad-Satiremagazins widmeten sich meist lediglich einem einzelnen Zeichner, bisweilen einem eingeschworenen Zeichner/Texter-Team oder zumindest einem bestimmten Thema/Aufhänger, interpretiert von wenigen verschiedenen Zeichnern/Autoren. Dieses Konzept wurde im 1978 veröffentlichten Taschenbuch Nr. 19 aufgegeben: Selbstironisch als „eine Sammlung neuester Abfälle“ bezeichnet, vereint es fast alle damaligen Mad-Zeichner, elf an der Zahl, plus Nick Meglin als Texter und Frank Jacobs als Verfasser des (köstlichen) Vorworts. Ergo verfolgt dieses Buch dann auch keinen roten Faden, sondern bietet ein Sammelsurium aus verschiedensten kurzen Comics und satirischen, textlastigen Beiträgen. So treffen Aragones’ dialogfreie Bildwitze auf eine „Superman“-Persiflage Mort Druckers, eine Sportjournalismus-Parodie Jack Davis’ auf eine in Reimversen getextete, durchaus hintersinnige Verulkung computergestützter Partnersuche Al Jaffees, Don Martins Gag-Comics auf gesellschaftskritische Bildergeschichten Antonio Prohias’ und Jack Richards’ „Peanuts“-Hommage, in der sich Charlie Brown mit Richard Nixon unterhält, auf Dave Bergs diesmal jeweils nur einseitige „kleine Mad-Reports“. Die textlastigsten Beiträge gehen aufs Konto Bob Clarkes, der sich streng astrologisch jedes einzelne Sternzeichen vorknöpft und übers Buch verteilt Horoskope formuliert, die die jedem Sternzeichen zugesprochenen Eigenschaften durch den Kakao ziehen. Paul Coker veralbert verschiedene Berufe und erweitert klassische Gemälde um seine Kritzeleien, um sie in einem ganz neuen Kontext erscheinen zu lassen. Interessanterweise lagen damals offenbar Enthüllungsbücher aus dem Profisport im Trend, was George Woodbridge in Form von Werbeanzeigen für fiktive Bücher wie „Die Kegelflegel“ oder „Die Wahrheit über Kricket“ persifliert, während er mittels seines Lebensratgebers „Schlemm dich unfit!“ einen Kontrapunkt zum „Trimm dich“-Fitness- und Gesundheitswahn setzt. Damit bietet das 19. Mad-Taschenbuch ungewohnt abwechslungsreiches und langes Schmökervergnügen – sowie einen schönen Überblick über die verschiedenen damaligen Zeichner und ihre jeweiligen Eigenarten. Wie üblich sitzt nicht jeder Gag, die Ausrichtung aber stimmt und die Ziele der satirischen Spitzen sind meist sorgfältig ausgewählt.

Ronald M. Schernikau – Dann hätten wir noch eine Chance. Briefwechsel mit Peter Hacks; Texte aus dem Nachlaß

„Als im Sommer 1989 Brüder und Schwestern die DDR verließen, kam ihnen einer entgegen. Der Dichter Ronald M. Schernikau emigrierte aus Westberlin und wurde DDR-Bürger“, heißt im Paratext zu diesem rund 120-seitigen broschierten Band, der 1992 als die Nummer 1 der „konkret texte“-Reihe im Hamburger Konkret-Verlag veröffentlicht wurde.

Ronald M. Schernikau war ein deutscher, offen homosexuell lebender Schriftsteller und Kommunist, der sechs Jahre nach seiner Geburt mit seiner Mutter aus der DDR nach Niedersachsen übergesiedelt war – und einer der wenigen Menschen, die freiwillig in sie zurückkehrten. Zuvor war er bereits sechszehnjährig der DKP beigetreten, hatte 1980 sein Buch „Kleinstadtnovelle“ über ein schwules Coming-out in einer Kleinstadt veröffentlicht, war nach West-Berlin umgezogen und dem dortigen SED-Ableger, der SEW, beigetreten und hatte durchgesetzt, als West-Berliner am Leipziger Institut für Literatur studieren zu dürfen – eine Zeit, in der sein Buch „Die Tage in L.“ entstand. 1988 trat er sogar – immer noch als Westdeutscher, wohlgemerkt – der SED bei, wofür er eine Bürgschaft benötigt hatte. Diese hatte er von Peter Hacks bekommen, einer weiteren nicht ganz gewöhnlichen Personalie: DDR-Bürger Hacks war Begründer der sozialistischen Klassik und ein auch in der BRD geachteter Dramatiker und Schriftsteller, zudem ein Anhänger Walter Ulbrichts und Gegner der von vielen als reformistisch und offener empfundenen Politik Erich Honeckers – und Befürworter der Aussiedlung Wolf Biermanns. Mit eben jenem Hacks führte Schernikau einen Briefwechsel, der im Prinzip 1984 begann und sich Ende der 1980er intensivierte, als Schernikau mit Hacks u.a. diskutierte, ob er in die DDR übersiedeln solle. Er zieht sich bis kurz vor Schernikaus Tod im Jahre 1991.

Nach einem elfseitigen Nachruf Rainer Bohns auf Schernikau folgt der rund 30-seitige Briefwechsel, bestehend aus kurzen wie längeren Schreiben und erweitert um erläuternde Fußnoten. Diese privaten Briefe ehemaliger Zeitgenossen zu lesen hat natürlich etwas Voyeuristisches. Schernikaus Biographie hatte mich neugierig gemacht, wobei das so nicht ganz stimmt: Mein Interesse hatte der Umstand geweckt, dass überhaupt jemand Ende der 1980er freiwillig in die DDR emigrierte. Im Zuge der Lektüre dieses Buchs und weiterer Recherche ergab sich ein etwaiges Bild, wer Schernikau war. Die Briefe liefern fragmentarische Gedanken zur Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven, einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs, auf den jedoch kaum eingegangen wird, und einen Eindruck vom Selbstverständnis beider Männer, die betont höflich und ehrfurchtsvoll miteinander umgehen. Mitunter erscheint Schernikau beinahe etwas unterwürfig, aber auch fordernd. Manchmal wird es etwas schwülstig („Ausgezeichneter Schernikau, …“), dann wieder humorvoll. Und wer glaubt, das Austauschen unbestimmter Artikel gegen die Ziffer „1“ gehe auf den Rapper „Money Boy“ zurück, sieht sich hier eines Besseren belehrt: Zeitweise schreiben Schernikau und Hacks (!) bereits genauso. Schernikaus Krankheit hingegen wird nie thematisiert.

Den Löwenanteil des Buchs allerdings macht dann ganz etwas anderes aus: Ein 72-seitiger Auszug aus Teil VI des posthum veröffentlichten Schernikau-Romans „Legende“, an dem er acht Jahre lang gearbeitet hatte. Weshalb einen Auszug aus der Mitte eines Romans, welchen Sinn soll das ergeben? Nun, „Legende“ verfügt zwar über wiederkehrende Figuren, ein roter Faden lässt sich jedoch nur schwer ausmachen. Vielmehr mutet es wie eine lose Gedankensammlung an, streng durchnummeriert und doch höchst frei und spontan. Großbuchstaben existieren für Schernikau nicht, Regeln der Interpunktion werden ignoriert. Schernikau lässt seinem Humor freien Lauf, vergleicht Politik mit Kunst und stellt krude Thesen auf, meist so, als habe er seine Gedankenblitze und Handlungsfragmente chronologisch niedergeschrieben. „Legende“ scheint in einer abstrahierten Realität angesiedelt zu sein, in der die Widersprüchlichkeit, die auch Schernikau verkörperte, allgegenwärtige Normalität ist. Einmal an den Stil gewöhnt, liest sich dieser Passus gut und schnell. Inwieweit man mit ihm wirklich etwas anzufangen weiß, im Jahre 2019 und nur grob eingeordnet, gerade erst mit Schernikau in Briefform Bekanntschaft gemacht habend, sei indes dahingestellt.

Wie sich Schernikau als scharfer Beobachter einer- und kindlich begeisterungsfähiger, naiv anmutender Grenzgänger andererseits in Dualismus und Dialektik beider deutscher Staaten stürzte und sich letztlich für die DDR entschied, wirkt inspirierend und motiviert, auch ungewöhnlich Wege zu gehen, wenn das Ziel die Selbstverwirklichung ist. Es macht Lust auf „Die Tage in L.“ und mit zwei Menschen bekannt, die politische Positionen vertreten, die es heute gar nicht mehr zu geben scheint. Wer wissen möchte, weshalb ein „bunter Vogel“ wie Schernikau nun wirklich in die DDR  ging, wird seine Fragen hier möglicherweise nicht befriedigend beantwortet bekommen und an anderer Stelle weiterlesen müssen.

Ronald M. Schernikau starb 1991 an Aids. Ein trauriges Zeitdokument ist dann auch die letzte Buchseite, auf der um zahlreiche Denker, Künstler und Autoren getrauert wird, die homosexuell waren und an den Folgen der Immunschwächekrankheit starben. Wer weiß, was ein Nonkonformist wie Schernikau uns heute zu sagen hätte?

Frank Schäfer – Generation Rock

„Eine Anagnorisis sophoklischer Kajüte“

Der Schäfer mal wieder! An den Texten des Dr. phil. und ehemaligen SALEM’S-LAW-Gitarristen aus der niedersächsischen Provinz habe ich ja längst einen Narren gefressen. 2008 war er zurück im Oktober-Verlag, der seine damals neueste Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ auf rund 130 Seiten im gebundenen 7“-Format, also der Größe einer Vinyl-Single nachempfundene, veröffentlichte und sogar noch eine CD mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen seiner o.g. Band beilegte. Die Texte waren zuvor bereits in diversen Periodika erschienen.

Der Titel ist dabei sicherlich irreführend, denn Schäfer maßt sich nicht an, als Entdecker oder Sprachrohr einer wie auch immer gearteten Generation zu fungieren. Stattdessen bleibt er nah an seinen eigenen Erfahrungen, seinem eigenen Leben bzw. eigenen Beobachtungen. Längst nicht immer geht es dabei tatsächlich um Musik, manchmal geht er auch einfach einen Computer kaufen, liegt krank im Bett und leidet bitterlich oder lässt sich von seinem bauernschlauen Kumpel Pünschel vollquatschen. Die 33 Kapitel sind von unterschiedlicher Länge – mitunter gar in Gedichtform –, schaffen den Spagat von Schäfers Jugenderinnerungen zur Gegenwart und sind, nun ja, zweigeteilt: Nicht vom Inhaltsverzeichnis erfasst, spielen sich auf den breiten Seitenrändern losgelöst von den Primärtexten zahlreiche Platten- und Buchrezensionen ab, als handele es sich um. Dadurch sind viele Buchseiten im wahrsten Sinne randvoll, wenn der Rand leer blieb jedoch auch den Eindruck von Platzverschwendung vermittelnd. Dem Lesevergnügen tut dies indes keinen Abbruch; seit Schäfer seinen enormen Wortschatz zu bändigen versteht und ihn zielführend einsetzt, statt ihn demonstrativ zur Schau zu stellen, findet er für jedes Phänomen, für jedes Gefühl und jedes beschriebene Ereignis die richtigen Worte, die seine Texte so präzise nachempfindbar machen.

Dies geht dann durchaus auch an die Nieren, wenn die Geschichte seines ROLLING-STONES-begeisterten Malocheronkels einen furchtbar tragischen Verlauf nimmt oder er einen Nachruf auf seinen Freund und Autorenkollegen Michael Rudolf verfasst, vielmehr verfassen muss. Alles andere ist jedoch glücklicherweise weit weniger schwere Kosten (was wohlgemerkt nicht heißen soll, dass sie dadurch unbedeutsam sei). Mit seiner Verehrung des „Fargo Rock City“-Autors Chuck Klostermans und dessen Versuchen der posthumen Legitimierung des Poser/Hair/Glam-Metals übertreibt es Schäfer etwas und dass ich, wie leider üblich, mind. drei Kapitel bereits aus anderen seiner Sammelbände kannte, finde ich auch hier ärgerlich. Auch erschließt sich mir nicht, weshalb man im Jahre 2008 noch in alter deutscher Rechtschreibung verharren und sinnvolle Änderungen wie die ß-Regeln ignorieren muss. Dafür stimmt mich Schäfer aber heiter, nachdenklich, traurig und all das wieder von vorn, verleitet mich dazu, mir das eine oder andere Album (sowie manch MOTÖRHEAD-Song genauer) anzuhören und bereitet mir viel Hörgenuss mit der beiliegenden CD, die ist nämlich echt geil. Schade nur, dass im gesamten Buch mit keiner Silbe auf diese Beilage eingegangen wird – Hintergrundinfos, Liner Notes o.ä.? Fehlanzeige! Angeblich soll es sich aber um Aufnahmen für den nie realisierten Nachfolger des einzigen Albums seiner Band gehandelt haben.

Auch dieser Schäfer war unterm Strich eine wunderbare Urlaubslektüre, die mit ihrer CD und ihren Musikempfehlungen lange nachwirkt. Dass der Hamburger Kiezclub „Molotow“ und nicht etwa „Molotov“ heißt, kann im Eifer des Schreibgefechts übrigens passieren (S. 23); dass ein „Rückgrat“ nichts mit einem Rad zu tun hat, sollte beim Lektorat jedoch auffallen (S. 61). Die „IG Metal“ (S. 85) wiederum hielt man sicherlich für ein Wortspiel. Ich wünsche Schäfer und seinem Verlag zahlreiche Neuauflagen dieses Buchs, bei deren Gelegenheiten man derlei Korrekturen vornehmen könnte.

Richard Eisenmenger – Nur noch dieses Level! Von Computerfreaks, Games und sexy Elfen

„Das Buch für Spieleveteranen der 80er und frühen 90er Jahre, passionierte Retrogamer von heute, alle, denen das Internet zu bunt wird oder die beim Schmökern gerne nostalgisch werden, und schließlich alle, die Partner und Freunde ständig vertrösten mit den Worten ‚Nur noch… dieses… Level…’“, lässt der Paratext verlauten. Der ehemalige Redakteur der Computer- und Videospiele-Zeitschrift „Power Play“ Richard Eisenmenger ist Autor dieses 2017 im Verlag Rheinwerk Computing veröffentlichten, knapp 240 Seiten starken Buchs und nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Zeitreise zu den Anfängen der Eisenmenger verbindet seine persönliche Biographie mit der Evolution des Heimcomputers, setzt den Schwerpunkt dabei auf die Welt der Spiele und führt nach einem Vorwort des Lektors durch zehn Kapitel mit Titeln wie „Sys 58260 – Warm Start System“, „Peeks und Pokes“ oder „Brot und Spiele“. In schreiend buntem, an Spielezeitschriften besagter Dekaden erinnerndem, reich bebildertem Layout beginnt er beim guten alten „Brotkasten“, dem C64, stellt Hard- und Software vor und widmet sich immer wieder in launig geschriebenen Kritiken alten Spielen, die er mit einem „Retro-Rating“ versieht – und den interessierten Leserinnen und Lesern gleich eine ganze Reihe von aktuellen Emulatoren an die Hand gibt, mit denen sich die Spiele auch auf zeitgenössischer Hardware (wieder-)entdecken lassen. Anekdotenreich findet er die richtige Balance zwischen auch für Laien verständlichen Erläuterungen technischer Eckdaten und Hintergründe, persönlichen Erfahrungen und witzigen Beobachtungen, die weit über Retro-Games hinausgehen. Die Anfänge digitaler Kommunikation werden dabei ebenso abgeklopft wie das Zum-Glühen-bringen der Soundchips mittels Eigenkompositionen per Tracker-Software, die Intro- und Demoszene, kultgewordene alte Fachzeitschriften, aus denen man tatsächlich seitenlange Listings abtippte und schließlich sein Quereinstieg in die Redaktion der „Power Play“. Vom C64 über den Atari, den Amiga und schließlich den PC wird da alles abgedeckt und werden die Leserinnen und Leser eingeladen, in eigenen Erinnerungen zu schwelgen oder, im Falle erst späterer Konfrontation mit der Materie, die „Computer-Steinzeit“ spannend und mitunter angenehm selbstironisch geschrieben nachzuerleben.

Leider gelingt es Eisenmenger nicht, vermutlich der engen Verquickung der Technologie- mit seiner eigenen Entwicklung geschuldet, die unmittelbaren Computerpionierthemen gegen Jugenderinnerungen abzugrenzen, die mit ihnen nichts zu tun haben; sei es das erste eigene Auto, seien es Besuche fragwürdiger Fastfood-Ketten oder auch die viel zu ausufernd behandelten „Analog-Rollenspiele“, also die Pen-&-Paper-Varianten. Diese Kapitel hätte ich gern gegen weiteren Döntjes aus der Gamerszene eingetauscht. Zu Abzügen in der B-Note führen auch einige Fehler, die sich eingeschlichen haben: „World Wide Web“ ist kein Synonym fürs Internet, sondern lediglich eine Komponente desselben (neben FTP, IRC, dem Usenet etc., S. 81); vor 20 Jahren (also 1997) gab es bereits deutlich mehr als drei Fernsehsender (S. 105); die Lucasfilm-Point-&-Click-Adventure-Hits hießen „Zak McKracken“ und „Sam & Max“, nicht etwa „Zack McCracken“ und „Sam & Mac“; den Knobel- und Geschicklichkeitsspiel-Welterfolg „Lemmings“ gab es durchaus auch als Adaptionen für DOS und Windows; auch 3,5“-DD-Disketten ließen sich lochen, um ihre Kapazität zu erhöhen (S. 178); und Lee Bolton ist ein Indie-Regisseur (im Sinne von „independent“ = unabhängig), jedoch kein „Indy-Regisseur“, da es zu einer Fortsetzung der Indiana-Jones-Reihe unter seiner Leitung dann doch noch nicht gereicht hat (S. 181). Diese Spitzfindigkeiten werden manche Leserinnen und Lesern sicherlich weder auffallen noch stören, wer jedoch wie ich einen nicht ganz unbeträchtlichen Zeitabschnitt dieser Entwicklung selbst miterlebt hat und zumindest zeitweise etwas tiefer involviert war, wird zwangsläufig über sie stolpern. Evtl. lässt sich so etwas in der zweiten Auflage redigieren.

Richard Eisenmenger ist einer jener Mitmenschen, die, mal abfällig, mal als Kompliment gemeint, gemeinhin als „Nerd“ bezeichnet werden. Das Schöne an Eisenmenger ist dabei, dass er zwar stets am Puls der Zeit blieb und sich ständig für die neuesten Hardware-Trends begeisterte, darüber jedoch die Vergangenheit nicht vergaß, sondern sie zunächst als „Power-User“ voll ausreizte und schließlich in Ehren hielt. Außerdem versteht er es, allgemeinverständlich zu schreiben, was sein Buch durchaus zu einer Empfehlung auch für diejenigen macht, die grundsätzlich an den genannten Themen interessiert sind, jedoch vor „Nerdtalk“ und Technikdetails zurückschrecken. Doch will ich ganz ehrlich sein: Wenngleich mein erstes Computerspiele-Magazin die „Power Play“ (Sonderausgabe „Die 100 besten Spiele ’91“) war, hatte ich ihr gegenüber schnell den „PC Joker“ bevorzugt, für plattformübergreifende Informationen hatte es mir sogar die „Play Time“, nachdem diese ihre Kinderkrankheiten abgestreift hatte, stärker angetan als Eisenmengers ehemalige Brötchengeber. Eisenmengers lobende Worte für Windows 95 machen ihn zudem auch heutzutage noch verdächtig, denn das hat eigentlich jeder vernunftbegabte Mensch zurecht gehasst (Windows wurde erst mit XP erträglich). Davon unabhängig ist ihm aber ein Buch gelungen, das sich mit seinem matten, festen Papier und seinem broschierten Umschlag wertig anfühlt, das gut riecht und das man gern in der Hand hält, um in einen Inhalt einzutauchen, der eine Lanze für alte Computerspiele bricht und Lust darauf macht, sich mit ihnen und der mit ihnen verbundenen spannenden Pionierzeit und Kultur auseinanderzusetzen. Damit passt das Buch gut in diese Zeit, in der Retro-Konsolen boomen und es mehrere Periodika in den Zeitschriftenregalen gibt, die sich ausschließlich Retro-Computerthemen widmen. Man könnte meinen, retro sei das neue modern – und ich kann nichts Falsches daran finden.

Den Zugang zum respektvollen und interessierten Umgang mit alten Schätzen erleichtern zahlreiche übers Buch verteilte Shortlinks, die direkt zum jeweils Behandelten führen. Alles in allem ist das sehr liebevoll gemacht und entpuppte sich ihren o.g. Schwächen zum Trotz als ideale Strandlektüre, die ruckzuck durchgelesen war: „Nur noch diese Seite…“

Bill Watterson – Calvin und Hobbes: Irre Viecher aus dem All

Von 2005 bis 2008 veröffentlichte der Hamburger Carlsen-Verlag ausgewählte Comic-Strips der „Calvin und Hobbes“-Funny-Reihe des US-Amerikaners Bill Watterson in einer achtbändigen Softcover-Albenreihe im Querformat, jeweils 130 Schwarzweiß-Seiten umfassend. Mir liegt der vierte Band der Reihe, „Irre Viecher aus dem All“, vor, den ich für wenig Geld auf einem Flohmarkt mitnahm. Im Original ist er 1990 in den USA erschienen, in seiner deutschen Übersetzung im Jahre 2006. Er enthält größtenteils meist aus vier Panels bestehende Strips, die ursprünglich in über 2.400 Zeitungen erschienen sind, sowie einige sich über jeweils eine ganze Seite erstreckende Sonntagsseiten.

Die Comicreihe existierte von 1985 bis 1995, wird seitdem jedoch regelmäßig neu aufgelegt. Calvin ist ein sechsjähriger Junge, der mit seinen Eltern und seinem Stofftiger Hobbes zusammenlebt, welcher für Calvin real und somit Dialog-, Spiel- und Abenteuerpartner ist. Die gesamte Reihe über bleibt Calvin der sechsjährige Junge, verfügt jedoch von Anfang über einen weit ausgeprägteren Intellekt sowie ein Höchstmaß an Vorstellungsvermögen. Die Komik nährt sich aus Calvins einerseits naiver Sicht auf die Erwachsenenwelt, die er andererseits häufig altklug oder sarkastisch kommentiert, wobei Hobbes die Rolle des weiseren Freunds oder auch großen Bruders zuteil wird. Bisweilen erinnert „Calvin und Hobbes“ an die Peanuts, wenn Calvin die Melancholie eines Charlie Browns zumindest streift, vielmehr jedoch, wenn er sich à la Snoopy in stellvertretend für die faszinierende kindliche Phantasie stehende Tagtraumwelten stürzt, in denen er zusammen mit Hobbes die größten Abenteuer erlebt – mal als Calvin, mal in der Rolle eines seiner Alter Egos wie dem des Raumfahrers Spiff, als der er auf die titelgebenden „Irren Viecher aus dem All“ trifft. Dabei steigen die Geschichten meist mitten in Calvins Phantasiewelt ein und lösen erst in den letzten Panels als Teil der Pointe auf, wo er sich in Wirklichkeit befindet und was er tatsächlich tut. Darüber hinaus werden einige Running Gags etabliert, insbesondere in der Beziehung zwischen Calvin und Hobbes.

Anders als beispielsweise der bereits erwähnte Charlie Brown ist Calvin frech und verschlagen (ohne dabei böse zu sein), wodurch – neben anderen Eigenschaften – kindlicher Egoismus liebevoll karikiert wird. In gleichem Maße jedoch wird die Erwachsenenwelt zur Karikatur, wenn Calvin sich ihres Vokabulars bedient und ihre Verhaltensweisen nachzuahmen versucht. Vor allem aber beweist Watterson ein unheimliches Gespür für die Verbildlichung kindlicher Phantasiewelten und unterstreicht dadurch deren Bedeutung. „Calvin und Hobbes“ zählt zu jenen Funny-Strip-Reihen, denen die Kunststücke gelingen, innerhalb längerer Geschichten die einzelnen Strips aufeinander aufzubauen, jedoch stripweise dennoch in sich pointiert zu sein, und sowohl für erwachsene Zeitungsleser als auch Comicfans im Kinderalter gleichsam unterhaltsam zu sein – ohne dafür an Anspruch einzubüßen.

Laurenz Werter – Simple Movie Porträt #6: Ingrid Steeger – Sie war unser Sexsymbol der 70er Jahre

Die im MPW-Verlag erschienene achtbändige „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich weiblichen Erotikfilm-Ikonen wie Laura Gemser, Gloria Guida und Traci Lords. Für die 2009 erschienene Nr. 6 verpflichtete man kino-zeit.de-Redakteur Laurenz Werter, sein Wissen über die am 1. April 1947 als Ingrid Anita Stengert geborene Ingrid Steeger zur Verfügung zu stellen, die ihre Karriere als Schauspielerin 1966 begann und in den 1970ern zum Softerotik-Filmstar wurde, bevor sie mit der Sketchreihe „Klimbim“ auch das Fernsehen eroberte.

Auch diese Ausgabe ist eine Mischung aus Bildband und Informationssammlung: Auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier tummeln sich massenweise hochqualitative erotische Fotografien der Steeger, Filmplakate, Aushangfotos und Coverabbildungen, die das Durchblättern zu einem ästhetischen Vergnügen machen und Frau Steeger in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung festhielten. Nach einem Vorwort erwartet den über die rein visuellen Reize hinaus Interessierten eine wirklich schön und respektvoll geschriebene Biographie Steegers, bevor sich Werter auch kurz ihrer langjährigen Freundin und Filmpartnerin Elisabeth Volkmann widmet (die leider viel zu früh gestorben ist und der TV-/Kinolandschaft fehlt). Herzstück auch dieses Bands ist die ausführliche Filmographie inkl. Stab- und Inhaltsangaben, die tatsächlich jeden Spielfilm mit Beteiligung Steegers, und sei es nur in einer kleinen Nebenrolle, chronologisch sortiert aufführt – von „Karriere“ über die Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich bis hin zu TV-Produktionen bis ins Jahr 2006, abgerundet von einem kurzen Abriss über den österreichischen Sexfilm-Regisseur Ernst Hofbauer. Steegers TV-Auftritten wird darüber hinaus ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch ihre Gastauftritte in TV-Serien Erwähnung finden, was als eine Art Überleitung zum ausgiebigen Abschnitt über die Sketch- und Comedy-Serie „Klimbim“ fungiert, die die Steeger endgültig ins heimische Wohnzimmer brachte und dafür sorgte, dass sie wirklich bald jeder kannte. Fast schon zuviel des Guten ist da ein kompletter Episodenguide, der jede einzelne „Klimbim“-Episode beschreibt. Und wer sich wunderte, weshalb man sich speziell Hofbauer widmete, Dietrich jedoch nicht, hatte offenbar nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut: Das Magazin schließt mit einer fünfseitigen Abhandlung zum Grenzen überschreitenden, Pionierarbeit leistenden schweizerischen Produzenten und Regisseur.

Wer sich auch nur ansatzweise für die Erotikfilm-Epoche der 1970er im Allgemeinen oder Ingrid Steegers filmisches Werk im Speziellen interessiert, bekommt hier also eine geballte Flut an Informationen. Sicher, vieles wird lediglich angerissen, dient jedoch als Orientierungshilfe und lässt sich mithilfe anderer Quellen mühelos vertiefen. Und auch ohne einen einzigen ihrer Filme gesehen zu haben, gewinnt man einen Eindruck der Filmproduktionswelt, in der sie damals agierte und darf sich manch Titel auf der Zunge zergehen lassen: Report- und Kolle’sche Aufklärungsfilme treffen auf „Bumsfallera in Kitzelhausen“, „Die goldene Banane von Graf Porno“ und „Mädchen, komm, die Liebe juckt“. Sonderlich wählerisch schien sie damals nicht gewesen zu sein, Erwin-C.-Dietrich-Produktionen wie „Ich, ein Groupie“ dürften qualitativ noch am ehesten herausstechen. Damit zeichnet dieses Heft anhand der Steeger gewissermaßen auch ein Sittenbild der damaligen Zeit nach, zwischen Freizügigkeit und Verklemmtheit, sexueller Revolution und Frauenfeindlichkeit, körperlichem Selbstbewusstsein und Ausbeutung bis hin zu schmutzigen Lolita-Phantasien älterer Männer – was nicht wirklich Thema dieses Porträts ist, sich anhand der Filme aber sicherlich gut nachvollziehen ließe und insbesondere aus heutiger Sicht eine spannende Entdeckungsreise bedeuten könnte, für die sich diese Filmographie als hilfreich erweisen dürfte.

Doch der MPW-Verlag wäre nicht er selbst, hätten sich nicht wieder zahlreiche Fehler eingeschlichen: In Bildunterschriften wird aus Steegers Dietrich-Debüt gleich mehrmals „Ich, ein Groubie“, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre, aus „Massagesalon der jungen Mädchen“ wird „[…] der unschuldigen Mädchen“ und das RTL-Dschungelcamp heißt mitnichten „Holt mich hier raus – ich bin ein Star“. Stilblüten und Flüchtigkeitsfehler finden sich doch einige, was einmal mehr darauf schließen lässt, dass MPW am falschen Ende gespart und aufs Korrekturlesen verzichtet hat. Schade, denn das hat Ingrid Steeger wirklich nicht verdient. Gar nicht wieder ein bekommt sich Werter angesichts des „Die Betthostessen“-Werbespruchs „Junge Mädchen – gut zu Vögeln“, mal mit großem, mal mit kleinem „v“ zitiert und für den anscheinend unter einem Stein gelebt habenden Autor offenbar ein grandioses, unerreichtes Wortspiel… In der Vorschau auf die nächste Ausgabe lässt sich erahnen, dass es Edwige Fenech nicht viel besser ergangen ist, hat sie doch angeblich in „Your Vice Is a Closed Room and Only I Have the Key“ mitgespielt – peinlich, peinlich… Doch dazu später mehr.

Ulf S. Graupner / Sascha Wüstefeld – Das UPgrade 1: Wunder, Würfel, Weltfestspiele

Den vorläufigen Abschluss meiner Auseinandersetzung mit Wende-Comics sollte „Das UPgrade“ bilden, ohne zu ahnen, dass es sich lediglich um den ersten Band einer auf zehn Teile angelegten Reihe handelt, die Autor Ulf S. Graupner und Co-Autor/Zeichner Sascha Wüstefeld in einem Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichen wollen und von dem bereits drei erschienen sind. Und beim mir vorliegenden, wunderschönen großformatigen, gebundenen und vollkolorierten, 64 Seiten umfassenden Band, der im März 2015 im Cross-Cult-Verlag erschienen ist, handelt es sich auch keineswegs um die Erstveröffentlichung: 2012 verlegte bereits der Zitty-Verlag die ersten beiden Bände, der dritte folgte in Eigenveröffentlichung. Im Cross-Cult-Verlag erfolgte 2015 also so etwas wie ein größer angelegter Neustart.

Der 5. Mai 1988: Ronny Knäusel, 21 Jahre jung, ausgestattet mit einem Walkman und einer FDJ-Uniform, teleportiert eine Gruppe Ausreisewilliger aus der DDR heraus. Zeitsprung, Januar 1992, Malibu, Kalifornien: Der ehemalige Surf-Rock-Star Cosmo Shleym bestellt eine Pizza zu seinem spacigen Anwesen, zerstückelt den Boten jedoch versehentlich eine viele kleine Würfel. Erneuter Zeitsprung, November 1965: Ronny Knäusels Mutter sediert ihren Mann, um Sex mit ihm zu haben und endlich schwanger zu werden. Ronny kommt am 1. August 1966 zur Welt. Sieben Jahre später hat Cosmo Shleym einen Auftritt bei den X. Ost-Berliner Weltfestspielen, ein Mordanschlag der Stasi auf ihn schlägt fehl. Der kleine Ronny weiß davon nichts, blättert an seinem Geburtstag in der Frösi und lauscht dem Jugendsender DT64. Anstelle seines Blitz-Fahrrads hätte er lieber ein Abonnement der Bildergeschichten-Zeitschrift Mosaik (für das die UPgrade-Autoren selbst gearbeitet haben und das eine Art DDR-Ersatzdroge für comicaffine Jünglinge war) als Geburtstagsgeschenk erhalten. Als er erfährt, was in Berlin los ist, teleportiert er sich dorthin und ist ganz aufgelöst, weil er sich in die Hose gekackt hat – eine Nebenwirkung des Teleportierens. Dort trifft er auch auf Frau Bellmann, seine Pionierleiterin, die jedoch plötzlich eine Waffe zieht. Doch bevor sie auf Shleym zielen kann, teleportiert sich Ronny zurück nach Hause und nimmt die Attentäterin unfreiwillig mit. Der letzte Zeitsprung führt ins Jahr 1992: Die DDR ist Geschichte; Ronny alias DER TRANSLOKAT, ihr ehemals einziger Superheld, sitzt bierbäuchig und frustriert in seiner Plattenbauparzelle und hadert mit seiner Existenz, bis er sich in suizidaler Absicht aus dem Fenster stürzt…

Außer im Prolog fehlt sein Auftreten als Superheld also komplett in diesem ersten Band, der mit dem fiesest möglichen Cliffhanger endet. Stattdessen bekommt man kurze Einblicke in verschiedene Zeitabschnitte, deren Zusammenhänge sich allenfalls erahnen lassen. Dieser erste Band ist somit nicht mehr als die Exposition eines großen Ganzen, das einem mit seinem faszinierenden, farbenprächtigen Funny-Stil die Fortsetzungen schmackhaft macht. Auf eine feste Panelstruktur wird verzichtet, der Seitenaufbau ist sehr dynamisch und seinen Inhalten untergeordnet. In den zunächst überladen wirkenden Bildern gibt es viele Details zu entdecken, die die DDR-Alltagskultur illustrieren (was manch anderem Wende-Comic abgeht) und bedeutende Momente der DDR-Historie ins Gedächtnis ruft, die durch den Kakao gezogen und mit der fiktionalen Handlung verknüpft werden. Zudem sächselt Ronny in seinen Sprechblasen stilecht, was einen weiteren starken Kontrast zum allgemeinen Bild von Superhelden bildet, den satirischen Aspekt demnach verstärkt. Wer sich ein bisschen mit der DDR auskennt – z.B. weil er selbst in ihr gelebt hat –, wird somit, wie beispielsweise auch in Mawils „Kinderland“, einiges wiedererkennen, und wer es nicht tat, dem werden authentische Einblicke bis hin zu detailgetreu nachgezeichneten Zeitschriften-Titelseiten gewährt. Der Post-Wende-Abschnitt wiederum spielt unzweideutig auf die Ernüchterung und Katerstimmung zahlreicher desillusionierter „Wende-Verlierer“ an; ein Thema, das bisher zu selten in Wende-Comics bearbeitet wurde.

Eine Art Spin-Off ist die Bonusgeschichte dieser Neuauflage: „Günnis Tubenauto“, dessen Titelseite im Stil der Computerspielreihe „Grand Theft Auto“ gestaltet wurde und von der DDR-Kinderzahnpaste „Putzi“ präsentiert wird, erzählt von meinem Namensvetter und Vater Ronnys, genauer: wie er die Geburt seines Sohns erlebte. Und damit nicht genug: Im „Aus dem ‚Skizzenbuch’ des Patienten Sascha W.“ genannten Anhang lässt sich selbstironisch kommentiert die zeichnerische Entstehung der Figuren nachvollziehen. Über die Handlung an sich lässt sich aus beschriebenen Gründen noch kein Urteil bilden, alles andere ist aber auf derart hohem Niveau, dass man den Autoren/Zeichnern und dem Verlag den nötigen langen Atem für ihr Unterfangen wünscht, die zehnbändige Reihe regelmäßig zu produzieren und zu veröffentlichen, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht schon mit dem mir noch unbekannten Band 2 eine etwas nachvollziehbarere, linearere Erzählweise präsentiert zu bekommen. Ich bin gespannt!

Mad-Taschenbuch Nr. 18: Al Jaffee – Mads großes Monster-Buch

Mad-Stammzeichner Al Jaffees dritter Auftritt im Taschenbuchformat erschien 1974 im US-amerikanischen Original, 1978 in seiner deutschen Übersetzung. Der Titel suggeriert, dass es sich um eine Sammlung von Horrorgeschichten handeln würde, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Zumindest bemühte man sich aber, möglichst schwarzhumorige Cartoons Jaffees auf den rund 160 Schwarzweiß-Seiten abzubilden. Diese teilen sich in 20 unterschiedlich lange Kapitel auf, aufgelockert durch „Kurz-Knüller“ genannte Einseiter. Die Kaptitel wurden jeweils mit „Die grausige Geschichte (würg!)…“ übertitelt und nehmen mal Monster-Klischees parodistisch aufs Korn, sind häufig jedoch auch typisch alberne, überzeichnete Cartoons mit mal besserem, mal schlechterem, jedoch stets pointiertem Ausgang für die Figuren. Nicht wenige kommen dabei ganz ohne Sprechblasen aus, was das Durchblättern natürlich beschleunigt. An die Qualitäten von tatsächlichen Jaffee-Specials zu einem bestimmten Themengebiet oder gar seinen „klugen Antworten auf dumme Fragen“ kommt diese Ausgabe nicht heran, ein kurzweiliges Vergnügen ist’s jedoch allemal – vorausgesetzt, man kann mit Jaffees bisweilen hintergründigem, meist jedoch betont absurdem Humor etwas anfangen.

Cinema-Sonderband Nr. 4: Sex im Kino – Höhepunkte des erotischen Films

Der vierte Sonderband der Filmzeitschrift „Cinema“ dürfte aufs Jahr 1982 datieren und widmet sich in Heftform 84 Seiten lang der Erotik auf der Leinwand. Und wenn mir so etwas für 2,- EUR auf einer Comic-Börse (!) in die Finger fällt, nehme ich’s natürlich mit. Nach einer angenehm kritischen zweiseitigen Einführung bietet das Heft einen fast 30-seitigen Streifzug durchs Erotikfilmgenre, der auf abwechselnd farbigen und schwarzweißen Doppelseiten großformatige Bilder mit jeweils kurzen Begleittexten bietet, dabei tatsächlich viele Facetten des Genres abdeckt und dessen Variantenreichtum eindrucksvoll illustriert, jedoch vor allem etwas fürs Auge ist. Jürgen Menningen führt anschließend eine Art Wurzelbehandlung durch, jedoch der angenehmen Art: Er referiert 15 Seiten lang (unterbrochen von einem furchtbar unerotischen Belmondo/Bisset-Poster in der Heftmitte) „von den Anfängen des Sittenfilms“, was sich spannend liest und mit historischem Material illustriert wurde. Alexandre Alexandre bekommt dann noch fünf Seiten, um ausschließlich über den „ersten Sexfilm“, Richard Oswalds „Moral und Sinnlichkeit“, zu berichten und damit speziell auf die Dialektik von Sex- und Aufklärungsfilm sowie auf die Themen Prüderie, Doppelmoral und Zensur einzugehen. Der Rest des Hefts ist dann wiederum in erster Linie dem visuellen Genuss gewidmet, indem der Informationsgehalt zugunsten spärlich kommentierter Seiten voll Fotos von „Stars der Leinwand ohne Hüllen von A-Z“ zurückgestellt wird. Ironischerweise wird die alphabetische Sortierung nach Ursula Andress und Brigitte Bardot bereits aufgegeben, was jedoch nichts an der Qualität der häufig wahrlich erotischen, ästhetischen Setfotos diverser – ausschließlich weiblicher – Erotikfilm-Ikonen ändert, was einen reizvollen Überblick über die damals noch aktuellen Protagonistinnen verschafft – der jedoch durchaus im Kontrast zu den häufig genrekritischen vorausgegangenen Texten steht. Dieser Sonderband ist ein gewagter Spagat zwischen seriöser Information und „Tittenheftchen“: Wer ausschließlich nackte Tatsachen sehen will, wird den redaktionellen Teil als störende Alibi-Texte abtun und wer vor allem an Hintergrundinformationen interessiert ist, dürfte es als Mogelpackung empfunden haben, eine Publikation dieses Bild-Text-Verhältnisses erworben zu haben. Wen allerdings beide Aspekte reizen, der findet in diesem Heft eine interessantes Zeitdokument, dessen Textteil auf einige wissenswerte Aspekte verweist und dessen Bilder nicht nur die eine oder andere Schauspielerin ins Gedächtnis rufen, sondern auch Lust auf den einen oder anderen ihrer Spielfilme machen, die in Zeiten nur einen Mausklick entfernter Gratis-Pornographie so herrlich anachronistisch wirken, jedoch neben viel fragwürdigem Unfug, himmelschreiendem Sexismus und antiquierten Geschlechterbildern nicht nur erforschenswerte Reflektionen des Sittenbilds ihrer Zeit – oder dessen Antithese – sind, sondern auch mit manch Qualitätsbeitrag beweisen, dass das Genre des explizit nichtpornographischen Erotikfilms auch heute noch zurecht parallel existiert – wenngleich es seine Hochzeiten längst hinter sich hat.

Auf Grundlage dieses Magazins entstanden offenbar jährliche Sonderbände zum Thema und schließlich das 1992 veröffentlichte großformatige Buch „Die Geschichte des erotischen Films“ im festen Einband.

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