Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 1 of 31)

Holger Aue / Jens Förster – Hasso Hübner im Schatten des Superkaspers

Eine weitere edel als vollfarbiges, knapp 60-seitiges Hardcover-Album im Kieler Achterbahn-Verlag veröffentlichte „Eintagsfliege“ ist Privatdetektiv Hasso Hübner, geschrieben, handgelettert und gezeichnet von Holger Aue und Jens Förster, erschienen im Jahre 1992.

In dieser Persiflage im Funny-Stil und zuweilen recht kleinpaneliger, dynamischer Struktur bekommt es der abgehalfterte Privatdetektiv Hasso Hübner mit dem Superkasper, der die ganze Welt verkaspern will, der aus Fröschen bestehenden Froschbande, einer entführten Prinzessin und Top-Schlossknacker Mr. Minnit zu tun. Der Humor erinnert mich an die Zucker/Abrahams/Zucker-Filme; es gibt abgefahrene Fortbewegungsmittel und feindosierten Meta-Humor, mit Schweißsocken wird geschweißt – weißte Bescheid! Aue und Förster gelingt es, diesen Blödsinn 54 Seiten lang interessant und amüsant zu halten – Chapeau!

Brösel / Krischan – Knorre + Blaschke

„Werner“-Erfinder Brösel tat sich mit Krischan, zudem mit Harald Juch als Co-Zeichner und dem für die Kolorierung zuständigen Wojtek für diese anscheinend kurzlebige Funny-Reihe zusammen, die im Jahre 1992 zu einem rund 60-seitigen Hardcover-Album im Kieler Achterbahn-Verlag zusammengefasst wurde.

Das Album enthält knallbunte, in meist sehr großen Panels gezeichnete kurze bis etwas längere, slapsticklastige Gags um zwei Nachbarinnen in den „besten Jahren“ mit manchmal etwas sehr vorhersehbaren Pointen. Dafür ist der Humor aus dem Leben gegriffen und nimmt nicht nur das Hausfrauendasein, sondern generell den Alltag amüsant aufs Korn. Die beiden Polizisten aus den „Werner“-Comics sind auch dabei, die Geschichten spielen also im deren Universum. Und einmal geht es sogar richtig zur Sache, nämlich wenn Neonazis von ausländischen Bauarbeitern regelrecht zersplattert werden.

Eine sympathische Kooperation Brösels und Krischans, die ich mir als Ergänzung der „Werner“-/Semmel/-Achterbahn-Sammlung gern dazustelle, wenngleich der Witz der Klassiker Brösels nicht erreicht wird.

U-Comix präsentiert #75: Maëster – Gummi-Klicker

Der französische Comiczeichner, -autor und Karikaturist Jean-Marie Ballester alias Maëster war von Franquin, Uderzo und Gotlib inspiriert, als er selbst zu zeichnen begann. alpha-comic veröffentlichte als Nr. 75 der „U-Comix präsentiert“-Softcover-Albenreihe im Jahre 1993 diesen unkolorierten, handgeletterten, rund 50-seitigen Band mit zwölf Kurzgeschichten, die, wenn ich das Impressum richtig deute, im französischen Original bereits im Jahre 1986 in Gotlibs und Alexis‘ Comic-Magazin „Fluide Glacial“ erschienen waren.

Da passt Maëster auch bestens hin, denn zum einen ist er mit seinem karikierenden Funny-Stil zeichnerisch voll auf der Höhe, zum anderen ist sein Humor oft satirisch und zuweilen tiefschwarz – insbesondere in „Supergnom der Rächer“, jener Geschichte um einen Kindermörder, die das Album eröffnet und abrupt endet. „Ein besonderer Tag im Leben von Schnee Siebenzwerg“ veralbert Schneewittchen und Belästigungen durch Umfragen gleichermaßen, „Der Riesenslip“ persifliert in Person von Privatdetektiv Joe Champion Hard-boiled-Detektivgeschichten und McDonald’s, zudem ein bisschen Disney. „Die Nacht der lebenden Toten“ ist ein kurzer Zombiespaß, in „Die Alte“ kommen die Grauen Panther zum Zuge, für „Ein klebriger Fall“ muss Joe Champion erneut ran.

„Das Geheimnis des Lebens“ findet Baron Frankenstein heraus, „All you need is love“ ist eine Anti-Bullen-Geschichte und „Eine Männergeschichte“ involviert erneut Joe Champion, dabei Homophobie aufs Korn nehmend. „Dreckputtel“ entpuppt sich als Werbesatire mit einigen Gags, die man vielleicht nur versteht, wenn man die damals zeitgenössische, eventuell gar spezifisch französische Werbung kennt, und die schließlich Meister Proper als Dschinn aus der Putzflasche lässt. „Die Zeugen“ verulkt die Zeugen-Jehovas-Sekte und „Der Todesbiss“ schließt das Album mit einer völligen Gaga-Handlung um eine bissige Krawatte.

Maëster zeichnet innerhalb einer dynamischen, aber sehr aufgeräumten Panelstruktur und sich dann und wann eigene Cameos, die ihm ob ihrer Selbstironie gegönnt seien. Je pointierter er in seinen Geschichten zu Werke geht, desto besser sind sie. Schön zu sehen, wie der Staffelstab von den Älteren an die nächste Generation weitergereicht wurde. Auf der Rückseite des Einbands befindet sich übrigens eine köstliche Cicciolina-Karikatur.

Das schräge Buch!

Ein Hingucker im Bücherregal ist diese im Jahre 1992 im Kieler Semmel-Verlach erschienene Comic- und Cartoons-Zusammenstellung allein schon dadurch, dass das Taschenbuch nicht wie üblich rechteckig, sondern trapezförmig ist, illustriert zudem mit einem betrunkenen Kapitän auf dem Einband. „Eine Weltneuheit auf dem Buchmarkt“, wie das Vorwort verrät.

„Das schräge Buch!“ verzichtet auf Seitenzahlen und enthält unkolorierte einpanelige Cartoons und Ultrakurzgeschichten verschiedener Künstler, aber auch längere – und die sind gut: Mali & Werner (nicht die Comicfigur) zeichnen sich selbst und warum sie keine Geschichte abliefern konnten (Meta-Ebene und Selbstironie), „Zorro“-Zeichner Fuchsi beschäftigt sich satirisch mit den verschiedenen Einkommen in Deutschland, Nemeth (statt Brösel!) zeigt, weshalb die Comicfigur Werner nur noch zwei Zähne hat, und hantiert gekonnt mit dem schleswig-holsteinischen Dialekt. Darüber hinaus findet sich hier aber leider auch sehr viel laues Zeug, einer hat sogar schlicht ein Foto eingesandt…

Sebby’s Pauly zügig dabei!

Im Kieler Semmel-Verlach erschien im Jahre 1987 dieses 68-seitige, unkolorierte querformatige Taschenbuch des deutschen Cartoonisten Andreas Brandt alias Sebby. Es enthält pro Seite lediglich ein Panel bzw., da rahmenlos, vielmehr eine Zeichnung, die entsprechend riesig ausfällt. Die Gags um den opportunistischen, narzisstischen, einmal gar rassistischen Herrn Pauly erstrecken sich über maximal zwei Seiten (somit zwei Zeichnungen) und fallen eher müde aus. Das ist zwar mit kräftigem, klarem Strich gut gezeichnete, für Semmel aber enttäuschend beliebige Cartoon-Kost, für die man auf Seitenzahlen verzichtete und in die sich ein paar Rechtschreibfehler eingeschlichen haben.

Brandt scheint sich seither aber sehr gemausert zu haben und ein gefragter, erfolgreicher Cartoonist geworden zu sein. Mit diesem Büchlein dürfte er noch am Anfang seiner Karriere gestanden haben.

Guido Sieber – Qualitätskontrolle

Für sein viertes, erneut im Hardcover erschienenes Comicalbum kehrte der Berliner Guido Sieber zur Thurner „Edition Kunst der Comics“ zurück, die „Qualitätskontrolle“ als rund 50-seitigen, vollkolorierten Band veröffentlichten. Er enthalte „gemalte Erzählungen“ aus den Jahren 1991 bis 1993.

Diese sind im gewohnt verstörenden Sieber-Stil, bei dem Menschen degeneriert oder wie Monster (oder wie beides) aussehen, und auf zur vermittelten Stimmung passenden schwarzen Hintergründen gezeichnet. Die erste Geschichte ist die Titelstory: Zwei Bauarbeiter bewerten vorbeiziehende Frauen und steigern sich immer weiter in ihren Sexismus, ja sogar Rassismus hinein, bis sie Kontra bekommen. In weiteren „gemalten Erzählungen“ nimmt ein spießig aussehender Typ seine Bauchrednerpuppe mit zum Ersten Rendezvous ins Restaurant (herrlich!), werden „James Bond“-Klischees verballhornt und dadurch sichtbar gemacht (hätte so auch gut in „Mad“ gepasst), bestellt ein schmieriger Typ ostasiatische Frauen aus dem Katalog und treffen in einer TV-Talkrunde der Stumpfsinn, die Wahrheit, das Böse, die Lüge, die Eitelkeit und das Gute aufeinander.

Die Fortsetzung der Titelstory dreht den Spieß um und schaut nun Frauen aus Mail. Neben ein paar ein- und zweiseitigen Kurzgeschichten sorgt sich noch jemand ums Älterwerden und erspinnt Sieber nicht weniger als eine moderne Jesusgeschichte. Einmal mehr lässt es sich köstlich in Siebers negativ-realistischem, aber nie moralisierendem Menschenbild suhlen, denn man fühlt sich verstanden und empfindet mit dem Umblättern der letzten Seite und dem Zuschlagen des Albums eine gewissen Katharsis. Zumindest geht es mir so. Und ich kann nur hoffen, dass es Sieber beim bzw. nach dem Zeichnen ähnlich erging.

Harm Bengen – Chronik des Wahnsinns

Dieses im Jahre 1987 im Kieler Semmel-Verlach erschienene, 68-seitige, unkolorierte Softcover-Album versammelt die von 1982 bis 1986 für das Stadtmagazin „Bremer Blatt“ angefertigten Arbeiten des Cartoonisten Harm Bengen.

Bergen begleitete für besagtes Blatt die Kohl-Regierung sowie bedeutende Weltereignisse mit bissig-kritischem und satirischem Spott in Form einzelner Karikaturen und Onepager-Comics. Diese werden einordnend kommentiert, wo man es für nötig befand; dennoch habe ich nicht jeden Gag kapiert. Manchmal handelt es sich auch schlicht um Nonsens-Spaß, manchmal ist’s auch etwas flach, und bei den beiden Spitzen gegen „Gewaltvideos“ muss ich als Horror- und Thriller-Fan naturgemäß etwas schlucken. Alles in allem aber eine schöne Sache und Zeitreise.

U-Comix präsentiert #8: Édika – Völlig ausgeflippt!

Als Nummer 8 der „U-Comix präsentiert“-Softcover-Albumreihe veröffentlichte alpha-comic im Jahre 1988 einen weiteren unkolorierten 50-seitigen Band des satirisch-provokanten französischen Comic-Anarchos Édika, erneut acht handgeletterte Geschichten umfassend.

In „So ein Lichtsinn“ bringt das Auftauchen einer leichtbeschürzten, vollbusigen Konkubine alle aus dem Konzept, „Fass meinen Kumpel nicht an“ ist eine herrlich absurde Variation eben dieses aggressiven Sozialverhaltens, in „Sommerferien“ will eine Familie in den Urlaub aufbrechen, doch die Nerven liegen blank und der Kater im Kofferraum. Einen Comic weiter, in „Hauptsaison“, ist dieselbe Familie am Strand angekommen, wo der vom Sohn eingebuddelte Vater von erst einer, dann zwei Sexbomben aufgegeilt wird. „Das Erwachen der Triebe“ illustriert, wie zwei Lausebengel ins Pornokino wollen, trotz aufwändigster Verkleidungen aber immer wieder am Wachmann scheitern.

Mit der fertigen Ferienfamilie gibt’s in „Rache ist eine Mahlzeit, die man kalt isst“ ein Wiedersehen: Der Vater spielt dem Familienkater immer bösere Streiche, bis dieser sich bitter rächt. In „Josef, Olga, Aldo und die anderen“ beleidigt ein Mann beim Essen ständig seine Frau, leugnet es anschließend, wird aber mittels Technik seiner Kinder überführt – sehr krawallig. „Emmanuelle No. 17“ beginnt mit einer Persiflage auf die „Emmanuelle“-Erotikfilmreihe. Die Filmszenen sind fast schon realistisch gezeichnet. Der kaputte Familienvater sieht sich gerade den Film an, als es zu einer Störung kommt und er verzweifelt versucht, den Softporno weiterzugucken. Am Ende dieser Geschichte und damit dieses Albums baut sich der Zeichner in Form von Fotos selbst ein und lässt mehrere Erzählebenen miteinander verschmelzen.

Weiterhin ist es also meist die Triebhaftigkeit, die Ziel des Spotts Édikas ist. Der pure Nonsens scheint mir in diesem Album etwas zurückgeschraubt worden zu sein, dafür setzt man mehr auf wiederkehrende Figuren. Die vertrauten Running Gags finden sich hier aber ebenso wie der extrem karikierende Zeichenstil mit seinen Auberginen-Nasen. Bei allem Chaos, das die Figuren anrichten, bleiben die Zeichnungen stets relativ übersichtlich und nachvollziehbar, die dynamische Panelstruktur passt sich dem jeweiligen Verlauf an. Fazit: Doof, aber nicht dumm.

U-Comix präsentiert #3: Édika – Knock Out!

Wie Gotlib hatte ich auch den französischen Comiczeichner Édouard Karali alias Édika über die „Carlsen Pocket“-Taschenbuchreihe kennengelernt, innerhalb derer Édikas „Blödmannski Totalnikoff“ neu aufgelegt worden war. Zuvor war es jedoch einmal mehr Raymond Martins Volksverlag bzw. dessen Nachfolger alpha-comic, der den in Albumform im Jahre 1981 in Frankreich debütierenden Édika nach Deutschland holte, dessen provokante, anarchische bis groteske Funnys in seinem U-Comix-Magazin abdruckte und ihn schließlich auch als Alben veröffentlichte. „Knock Out!“ erschien im Jahre 1987 als 50-seitiges, unkoloriertes und handgelettertes Softcover-Album, bildet die Nummer 3 der „U-Comix präsentiert“-Reihe und umfasst acht Geschichten.

Diese stecken voller Nonsens und Absurditäten. Ein dreiseitiges Bilderrätsel wird von Édika am Ende selbst sabotiert wird. Gegen Gotlib, an dessen Stil Édika nicht nur aufgrund der multiplen Sprachblasen einer Figur pro Panel und der völlig überzogenen Gefühlsregungen erinnert, setzt es Seitenhiebe; auf Seite 15 scheint sich rechts unten gar dessen Peter Pervers eingeschlichen zu haben. Die Klogeschichte „Pippi, Kacka und so weiter…“ setzt auf Ekeleffekte, offenbar ein Stück aus Édikas analer Phase. Édika zeichnet ins Absurde übersteigerte Exzesse in vielerlei Hinsicht sowie große, sich betont sexy gebende Frauen, denen die Brüste heraushängen und die Möchtegern-Machos übel mitspielen – beispielsweise einem Typen, der eine Tanzpartnerin sucht. Am Rande tauchen immer wieder Punks auf, die offenbar damals auch das französiche Stadtbild mitprägten. Ein vermeintlicher Sittenstrolch stiehlt Gegenstände zu einem bestimmten Zweck zusammen, was in eine eher durchschnittliche Pointe mündet; vielleicht gingen bei der Übertragung ins Deutsche aber auch Lokalkolorit und Wortwitz verloren. Oft sind‘s indes ohnehin weniger die Pointen als vielmehr der Weg zu ihnen, der aufgrund seines heillos überzeichnenden, karikierenden Humors für Amüsement sorgt. So auch beim armen Tropf, der seine Comics bei einem Verleger unterzubringen versucht – was natürlich als Seitenhieb auf die Branche und ihre Gatekeeper zu verstehen ist. Schwärzesten Humor beherrscht er auch: Ein Blinder wird im Straßenverkehr Stück für Stück aufgrund seines notgeilen und leicht ablenkbaren Blindenhunds regelrecht zersplattert. Dann hat ein Kaufhausdieb wenig Glück und scheitert trotz immer ausgefeilterer Methoden stets am Gesetzeshüter. Die letzte Geschichte verrät, wie man es zum Bodybuilding-gestählten Körper in nur einer Woche schafft. Oberflächlichkeiten und Triebgesteuertheit sind häufig Ziele Édikas Spotts.

Auch die Vielzahl gezeichneter Extremitäten, um schnelle Bewegungen und Hektik auszudrücken, erinnern an Gotlib. Édikas Figuren aber haben diese charakteristischen Auberginen-Nasen.  Auch Gotlib hat ein Faible für die Meta-Ebene und arbeitet mit Kommentaren sowie Figuren, denen bewusst ist, dass sie Teil eines Comics sind. Fast überraschend wirkt die zwar dynamische, zumeist aber sehr klare, aufgeräumte Panelstruktur. Einer der Running Gags ist die plötzliche Verwendung englischer Sprache, ein weiterer die wiederkehrende Frage: „Warum so viel Hass?“ Ein paar deutsche Lokalisierungen ließ der Volksverlag dem Comic anheim werden. Wie bestimmte andere Nachkriegszeichner und -autoren auch löst sich Édika von sämtlichen etwaigen Fesseln und zeichnet ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung oder Zensur, was ihm in den Sinn kommt. Das wirkt auch heute noch erfrischend und löst ein Verlangen nach Mehr aus, das Édika sicher vortrefflich hätte zeichnerisch karikieren können.

Christian Eichler – Lexikon der Fußballmythen

Nachdem ich Christian Eichlers mir einst von Onkel Joe vermachtes Buch „Weltmeisterschaften Tag für Tag“ gelesen hatte, schrieb ich, gern mehr von ihm lesen zu wollen. Gerade einmal acht Jahre später (*hüstel*) ist es so weit, begleitend zur in Teilen unfassbar absurden WM 2026 nahm ich das „Lexikon der Fußballmythen“ des deutschen Sportjournalisten zur Hand. Es erschien ursprünglich im Jahre 2000 bei Eichborn; mir liegt eine aktualisierte Neuauflage aus dem Jahre 2004 vor, die Piper als Taschenbuch herausbrachte. Das Buch gliedert sich in 29 Kapitel plus Vorwort, ausführlichem Quellenverzeichnis und Register.

Im Vorwort verweist Eichler darauf, dass einige Informationen wiederholt abgedruckt sind, schlicht weil sie zu mehreren behandelten Themen passen. Diese Wiederholungen und Querverweise stören mich ebenso wenig wie der Umstand, dass es sich keinesfalls um ein Lexikon im klassischen Sinne handelt, sondern vielmehr um eine mit faktenbasierten Informationen pickepackevollgepackte Essay-Sammlung zu übergeordneten Begriffen wie Spiel, Kampf, Spieler, Team und Verein, oder auch Skandal, Angst, Schönheit, Sprache und Kult. Diese Kapitel wiederum sind gegliedert in dann tatsächlich alphabetisch sortierte Unterkapitel, womit ein lexikalischer Aufbau zumindest angetäuscht wird wie bei einem guten Übersteiger.

Eichler schreibt in einer Mischung aus informiertem Journalisten und kritischem Fan des Fußballsports, woraus ein angenehm zu lesender Stil resultiert. Er trägt internationales Wissen zusammen, sortiert es in die unterschiedlichen Aspekte des Fußballs ein, bereitet es nachvollziehbar, oft betont locker auf und schließt fast immer mit einer besonders (trocken-)humorig präsentierten Anekdote. Eines der schönsten Beispiele findet sich im Kapitel „Film“:

„[…] spätere Kollegen haben die Peinlichkeiten in anderen Streifen nachgeholt: Paul Breitner im deutschen Western »Potato-Fritz«, Wolfgang Kleff als Double des Komikers Otto, Franz Beckenbauer als er selbst in »Der Libero« (produziert von Konsul Weyer), zuletzt Eric Cantona als Leibwächter eines Affen in »Monkey«. Kein Wunder, daß unter Fußballern »Schauspieler« ein Schimpfwort ist.“

Immer wieder zitiert er Kollegen der schreibenden Zunft, Sportler, Trainer und andere aus dem Fußballrummel, besonders gern alte Brasilianer sowie den uruguayischen Fußballromantiker Eduardo Galeano, der es ihm – ebenso wie der ehemals so schöngeistige südamerikanische Spielstil – besonders angetan zu haben scheint. Am Ende der rund 440 Nettoseiten hat man tatsächlich das Gefühl, man habe alles Wissenswerte und noch viel mehr vermittelt bekommen.

Inhaltlich endet das Buch jedoch (ich hoffe, ich liege jetzt nicht daneben) im Jahre 2002. Und seitdem ist viel passiert! So ergänzte ich das eine oder andere Kapitel im Geiste und machte mir dadurch bewusst, was seither eigentlich so alles geschehen ist und sich in mein Langzeitgedächtnis eingebrannt hat. Das Kapitel über Verletzungen müsste um Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 erweitert werden, jenes über Wendepartien um Dortmund versus Schalke sowie Deutschland gegen Schweden, die jeweils nach einer 4:0-Führung unentschieden ausgingen. Ein Kapitel über Skandale ohne den korrupten Schiri Hoyzer? Undenkbar. Und wenn ich von einem Büchsenwurf lese, wirkt dieser harmlos gegen den Golfball, den Oliver Kahn später abbekommen sollte. Im Kapitel über Medien, in dem er bereits Attacken der Springerpresse gegen Jürgen Klinsmann anspricht, heißt es an einer Stelle (auf S. 399): „Einflußreicher als die Presse ist längst das Fernsehen […]“ – und man wünscht sich, er hätte die Zeit mit Klinsmann als Nationaltrainer noch ins Buch einfließen lassen können… Was Eichler darüber hinaus wohl zu all den Video-Assistant-Referee-Aufregern gesagt hätte, zu Fußball vor leeren Rängen während der Covid-19-Pandemie oder zu einer Weltmeisterschaft in Katar?

Über ein paar Ungereimtheiten bin ich gleichwohl auch gestolpert: Nach den WM- und EM-Blamagen 1998 und 2000 legt Eichler den Kritik an vernachlässigter Nachwuchsarbeit Übenden eine regelrecht nach Ressentiment klingende Schuldzuweisung an „zu viele Ausländer“ (S. 102) in den Vereinen in den Mund, was etwas arg polemisierend ist. Die Manndeckung Maradonas im WM-Finale 1990 (S. 135) übernahm nicht Berthold, sondern Buchwald, und Argentinien ist in jenem Turnier mitnichten mit nur einem Tor ins Finale gelangt. Auf S. 256 wird aus Altnazi Hans-Ulrich Rudel ein gewisser Ernst-Ulrich, und „dem Fritz sei Wetter“ (S. 273) ist Dativ, kein Genitiv. Auch gehe ich – wie schon im eingangs erwähnten Buch – bei seiner Beurteilung der WM 1990 nicht mit, auch nicht in Bezug auf die Leistungen der DFB-Auswahl, die er aus irgendeinem Grunde – anscheinend weil sie eher konservativen, kämpferischen Fußball statt südamerikanische Ballzauberei oder progressive Taktikmodelle bot – überkritisch sieht.

Im Kapitel 24 über Macht, in dem es vor allem um Politik geht, bleibt er zunächst etwas arg oberflächlich und droht sich hier und da zu verheben, ab dem Buchstaben M (wie Mielke) wird’s dann aber doch noch äußerst interessant. Am schönsten aber ist das Kapitel über Sprache. Eichlers Kritik an den Fernsehübertragungen würde ich im hier abgedruckten Ausmaße nicht mehr unterschreiben, mit der mangels Draufsicht aufs komplette Feld vor dem TV-Gerät nur schwer erfassbaren Taktik dürfte er aber bis heute nicht ganz unrecht haben. Generell hadert er teils berechtigt, teils übertrieben mit modernen Fernsehfußball-Phänomen. Am Schluss präsentiert er schließlich die mehr oder weniger titelgebenden 50 populären Fußballirrtümer, die noch einmal besonders kurzweilig geraten sind, einem dabei aber schöne Fakten fürs nächste Kneipengespräch mit auf den Weg geben.

So verbindet Eichler in seinem um 35 Schwarzweiß-Abbildungen ergänzten Buch Fachwissen mit unaufdringlichem Humor sowie der einen oder anderen streitbaren These – und macht nach einer kurzen Verschnaufpause Lust auf mehr. Der nächste Eichler ist schon geordert (und wird hoffentlich keine acht Jahre bei mir nachreifen).

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