Gnnis Reviews

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Friedrich W. Stöcker – Das Jahr mit den Igeln

Stachelig, oft voller Flöhe, aber trotzdem total niedlich – das ist nicht etwa eine Beschreibung des Verfassers dieser Zeilen, sondern der Hauptattraktion dieses rund 30-seitigen Büchleins aus dem Leipziger Rudolf Arnold Verlag, das 1975 erschien und sich an Kinder ab sieben Jahren richtet: des Igels.

Zwischen großflächigen, von Karl Quarch angefertigten Naturfotos wird die Geschichte der Geschwister Bärbel und Jochen erzählt, die häufig ihren Großvater in seinem großen Garten besuchen und Freude an der Natur haben. Eines Tages entdecken sie dort die Spuren kleiner Tiere, die sich später als Igelspuren herausstellen. Über einen längeren Zeitraum beobachten die Kinder zusammen mit ihrem Opa die possierlichen Gesellen und lernen dabei eine ganze Menge über sie – und somit auch die Leserinnen und Leser dieses Buchs, denn mal ganz direkt, mal eher beiläufig werden immer wieder Informationen eingestreut, die auch dem jungen Publikum begreiflich machen, was Igel wann und warum zu tun pflegen und wie wir Menschen dazu beitragen können, dass es ihnen gutgeht. Stöckers Text ist bestens zum Vorlesen geeignet und Quarchs Bilder von Flora, Fauna und natürlich insbesondere Igeln bieten eine perfekte Illustration. Zudem ist „Das Jahr mit den Igeln“ im Subtext ein Plädoyer für naturbelassene Gärten, in denen es so viel mehr zu entdecken gibt als in sterilen monokulturellen Rasenflächen.

Wer Freude an kindgerechter Wissens- und Tierliebevermittlung oder generell eine Schwäche für die Stacheltiere hat, die in Buxtehude einst sogar Wettrennen gegen Hasen gewannen, greift also wie ich zu, wenn ein Exemplar dieses zwischen zwei feste Deckel gebundenen Buchs bei Entrümpelungen, auf dem Flohmarkt oder in einer Tauschkiste auftaucht.

Walter Murch – Filmmontage alias Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage

ISBN: 978-3-89581-109-8

„Das Paradoxon des Kinos ist, dass es am effektivsten funktioniert, wenn es ihm scheinbar gelingt, zwei unvereinbare Elemente – das Allgemeine und das Persönliche – zu einer Art Massenintimität zu verschmelzen. Die Arbeit selbst, die auf ein Millionenpublikum zielt, ändert sich nicht, und doch scheint ein Film, wenn er funktioniert, jeden einzelnen Zuschauer […] mit großer Kraft auf ganz persönliche Weise anzusprechen.“

Der US-Amerikaner Walter Murch ist ein hochdekorierter Film-Cutter, der den Schnitt von Filmen wie „Apocalypse Now“, „Der Dialog“, „Der Pate – Teil III“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Cold Mountain“ vorgenommen hat. Für seine Arbeit an „Der englische Patient“ erhielt er die Oscars für den besten Schnitt und die beste Tonmischung. Dieser ursprünglich im Jahre 2004 im Alexander Verlag Berlin veröffentlichte, rund 150 Seiten umfassende broschierte Essay-Band unterteilt sich in zwei Abschnitte: Die bearbeitete Transkription eines Filmschnittvortrags, den Murch 1988 in Australien hielt, und einen 2001 neu verfassten Text, der sich mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Filmschnitt auseinandersetzt. Vorangestellt ist ein Vorwort des Regisseurs der „Der Pate“-Reihe Francis Ford Coppola. Anmerkungen, ein Filmtitel- und Personenregister sowie biographische Notizen zum Autor ergänzen den Band. Mir liegt Ulrich von Bergs deutsche Übersetzung in der vierten Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Tiefgründig und kurzweilig zugleich philosophiert Murch über den Filmschnitt, gewährt Einblicke in Techniken und seine persönliche Herangehensweise und stellt die Bedeutung dieses mitentscheidenden Schritts der Postproduktion heraus. Um die Aufgaben eines Cutters zu veranschaulichen, verwendet er viele Metaphern, abstrakte Vergleiche und sprachliche Bilder. Murch legt Prioritäten für den Filmschnitt fest, stellt verschiedene analoge Schnitttechniken und ihre Funktionsweisen vor und vergleicht schließlich titelgebend den Schnitt mit Träumen und Lidschlägen („Blinzeln“). Das alles sensibilisiert für die Bedeutung des Filmschnitts und liest sich sehr flüssig und angenehm, wenngleich der technische Aspekt in der heutigen Zeit des Digitalschnitts natürlich an Bedeutung verloren und daher eher historischen Charakter hat.

Der zweite Teil entstand zu einem spannenden Zeitpunkt: der Übergangsphase von der analogen zur digitalen Technik, in der Mischformen wie digital geschnittene, aber auf analogem 35-mm-Material in die Kinos gegebene Filme den Markt beherrschten. Jenen Analogfilmrollen prophezeit Murch dann in weiser Voraussicht auch ihr baldiges Ende, das mittlerweile weitestgehend eingetroffen ist – die meisten Kinos haben komplett auf digitale Projektion umgestellt. Analoge Filmvorführen besetzen lediglich eine Nische für Kenner und Liebhaber in Filmmuseen, bestimmten Kommunalkinos o.ä.

Der Autor zeigt mathematisch die unzähligen Schnittmöglichkeiten auf, erläutert die einzelnen Vorzüge des Digitalschnitts und beschreibt seine eigenen Erfahrungen mit früher digitaler Montagetechnik. Im Prinzip zeichnet er die Entwicklung des digitalen Filmschnitts nach und benennt dessen Kinderkrankheiten bis zum Durchbruch Mitte der 1990er, als ein Film in seiner vollständigen Kapazität und Qualität digital speicher- und bearbeitbar wurde. Daraus resultiert schließlich Murchs dramatische persönliche Geschichte des „Der englische Patient“-Schnitts, den er nach analogem Beginn digital durchführte und der als erster digital geschnittener Film einen Schnitt-Oscar gewann. Im Anschluss warnt er vor digitalen Fallstricken, resultierend aus der veränderten, vermeintlich einfacheren Arbeitsweise.

Murch sagte die weitere, mittlerweile Realität gewordene Entwicklung der kompletten Digitalisierung des Kinos voraus, inkl. der Bildmanipulationen und Integration von Spezialeffekten in der Postproduktion, die heutzutage Usus sind (lediglich im behaupteten Tod der Vinyl-LP irrte er). Gegen Ende wagt er sogar die differenzierte Beantwortung der Frage, inwieweit diese Entwicklung gut oder schlecht fürs Kino ist. Natürlich ist all das im zeitlichen Kontext zu betrachten, was es sowohl für Cineast(inn)en als auch – vermutlich – für Filmemacher(innen) nicht minder interessant macht. Ein paar wenige Fotos und ein einzelne Tabelle sollen zu veranschaulichen helfen, sind jedoch etwas dünn – gerade etwas mehr Bildmaterial hätte es schon sein dürfen. Auch dass eine 2014 erschienene Auflage noch die alte deutsche Rechtschreibung („daß“ statt „dass“ etc.) verwendet, irritiert. Dem Lektorat ist auch ein bisschen was durchgerutscht. Das mindert den Genuss der weisen Worte eines echten Schnitt-Gurus jedoch nur marginal. Ich freue mich auf die Fortsetzung „Filmdienstage“!

Rocko Schamoni – Dorfpunks

„Sie hatten Angst vor uns und machten sich gleichzeitig Sorgen. Geile Mischung.“

Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni ist nicht nur Entertainer, Musiker, Telefonstreichspieler mit „Studio Braun“ und Mitglied der Partei Die PARTEI, sondern auch Roman-Autor. Im Jahre 2000 debütierte er mit „Risiko des Ruhms“, einer autobiographisch anmutenden Kurzgeschichtensammlung, die jedoch angeblich frei erfunden ist. Bis heute habe ich noch keine Lust verspürt, mir jenen Schmöker einmal vorzuknöpfen. Anders verhielt es sich da mit dem Nachfolger, dem 2004 bei Rowohlt erschienenen und zum Überraschungserfolg avancierten „Dorfpunks“. Erneut könnten die Kapitel als autobiographische Kurzgeschichten bezeichnet werden – und diesmal haben sie sich anscheinend tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen. Mir liegt die zweite Auflage aus dem Januar 2006 vor.

Schamoni scheint in „Dorfpunks“ seine Jugend zwischen dem zwölften und dem 22. Lebensjahr im schleswig-holsteinischen Lütjenburg, das er hier Schmalenstedt nennt, aufzuarbeiten. Dorthin hatten ihn seine Eltern gepflanzt, nachdem sie ebenda ein altes Bauernhaus erworben und renoviert hatten. Der in 47 kurze, maximal achtseitige Kapitel und einen Epilog unterteilte, rund 200-seitige Roman beginnt mit ungezwungenen Schwänken aus dem Leben eines Dorfkinds hippieesker Pädagogen – beide Elternteile waren Lehrer. Dazu gehörte offenbar auch das Misshandeln wehrloser Tiere, was der Ich-Erzähler nonchalant beschreibt. Das alles liest sich zunächst wie eine ungeschönte Anekdotensammlung, in der es zunehmend um Härte und Männlichkeit geht – Pubertät eben. Mir gefällt die mitschwingende positive Konnotation des Wörtchens „Hass“ als Antriebskraft und Aufputschmittel. Gehört wird Hardrock und Artverwandtes. Die NWOBHM-Band Saxon schreibt Schamoni versehentlich mit Doppel-x, wie man AC/DC schreibt, weiß er aber – und verfasst den besten Konzertbericht über die Australier, den ich jemals gelesen habe. „I’m a live wire“, Digger!

Lange darüber zu sinnieren, wie es der Begriff „Mordsgaudi“ in den Sprachschatz eines Schleswig-Holsteiners geschafft hat, lohnt sich nicht, denn nach dem ersten Viertel beginnt Schamonis Punkwerdung. Auf dem Dorf ist es selbstverständlich, betrunken ein Kfz zu steuern, als Punk erst recht. Roddy Dangerblood wird er sich bald nennen und damit seine alte Identität abstreifen wie eine lästig, weil zu eng gewordene Jacke. Sehr anschaulich werden die Gründe nachlassender Leistungen in der Schule geschildert, wovon auch der Verfasser dieser Zeilen ein Lied singen kann. Natürlich gibt es eine dilettantische erste Band und natürlich auch Ärger mit den Dorfprolls, teils herrlich absurd. Als man beginnt, sich auf dem örtlichen Marktplatz zu treffen, wird’s dann auch so richtig punkig. Nun war man wer. Eigenartigerweise schien das Meier’s so etwas wie eine okaye Dorfdisse zu sein, in der die Punks willkommen waren und weitestgehend unbehelligt blieben. Ich erkenne in „Dorfpunks“ ja einiges aus meiner eigenen Vita wieder, aber das gab es zu meiner Zeit bereits nicht mehr. Beim Angriff der „Born to be Wild“-Rocker aufs Meier’s allerdings blieb kaum ein Stein auf dem anderen.

„Der Sommer 1983 war der Höhepunkt der Punkrockbewegung in Schmalenstedt. Sechs Jahre nach dem Höhepunkt in England.“

Irgendwann wird Dangerblood ins Jugendaufbauwerk der Heilsarmee gesteckt, wo man ihn grundgesetzwidrig erpresst: Nietenarmbänder oder Mittagessen. Später zieht es ihn in seiner Freizeit nach Berlin, wo er als Wohlstandsjunge einen Schnorrpunk spielt. Gute Punktexte zu schreiben bekommt er leider nicht hin, widmet sich daher schließlich irrelevanter Stimmungsmusik. Anders als manch urbaner Arroganzpunk (vgl. „Verschwende deine Jugend“) war Schamoni aber musikalisch schon immer breiter aufgestellt und interessiert, wie er immer wieder auch in „Dorfpunks“ fallen lässt. Nach einer Science-Fiction-Episode lernt er Alfred Hilsberg kennen, außerdem die Goldenen Zitronen, damals Timmendorfer, und Die Toten Hosen. Mit seiner Zwei-Mann-Band, den Amigos, verpasst er die große Chance, direkt im Anschluss an einen Hosen-Gig vor großem Publikum zu spielen. Ein tragikomisches Kapitel, wie so viele.

Obligatorisch sind diverse Schwärmer-, Schmachter- und Liebeleien in Bezug aufs weibliche Geschlecht, insbesondere, wenn der Autor zum Ende hin seine erste ernsthafte Beziehung Revue passieren lässt, doch nach meiner x Jahre zurückliegenden Erstlektüre war vor allem eines bei mir hängengeblieben: Die unheimliche Tristesse, die Schamonis Alltag bestimmt, als er auf Drängen seiner Mutter hin eine Töpferlehre beginnt – und durchzieht. Unfassbar! Auch jetzt schaudert es mich, wenn ich an diese Episoden zurückdenke, derart anschaulich und nachvollziehbar hat er seine damalige Gefühlswelt in Worte gefasst. Das sagt aber natürlich auch etwas über mich aus, was ich schon vorher wusste: Meine eigene Angst davor, zu einem solchen oder ähnlichen Job verdammt und von der Außenwelt isoliert zu sein. Andererseits gelingt es Schamonis jüngerem Ich, aus dieser Langeweile Kreativität entstehen zu lassen und D.I.Y.-Projekten nachzugehen, was sicherlich gern als Empfehlung gelesen kann, sollte man sich einmal selbst in einer ähnlich unwirtlichen Situation befinden.

Schamoni räumt kräftig mit urbaner Arroganz auf, beherrscht einen humorvollen und zugleich melancholischen Schreibstil und stellt seinen Hang zur Selbstironie und zu überspitzten Metaphern unter Beweis. Im Präteritum hangelt sich sein autobiographischer Erzähler nach einer Art Prolog chronologisch an seiner Sozialisation entlang, die in einen Entfremdungsprozess von seinen Eltern und deren Welt sowie von gesellschaftlichen Erwartungen mündet. Es wird ein Gefühl dafür vermittelt, wie schön und zugleich einengend das Dorfleben sein kann, paradox und widersprüchlich wie der Punk. Der stilistisch abweichende Epilog übers Loslassen und den Abschied von Jugend und alter Liebe legt die Deutung nahe, er habe mit „Dorfpunks“ beides verarbeiten und hinter sich lassen können. Ob er das wirklich hat…?

Jürgen Teipel – Verschwende deine Jugend

Der ehemalige Fanziner und hauptberufliche Journalist Jürgen Teipel veröffentlichte 2001 im Berliner Suhrkamp-Verlag seine Oral History of Punk 1976-1983, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“, für den er drei Jahre lang über 100 Zeitzeug(inn)en interviewte und ihre Antworten zu einem in drei Teile plus Vorwort(e), Pro- und Epilog unterteilten, in etliche Kapitel gegliederten Band zusammenfügte, sodass sie sich wie transkribierte Gesprächsrunden lesen. 2012 erschien eine revidierte und erweiterte Neuauflage des Überraschungserfolgs, deren zweite Auflage aus dem Jahre 2017 mir vorliegt.

Seinem vierseitigen Originalvorwort fügte er in der Neuauflage ein weiteres an, wobei er bereits im ersten gut daran tat, zu betonen, sich keinerlei Repräsentativität anzumaßen. Damit nimmt er vielen möglichen Kritiker(inne)n den Wind aus den Segeln, die sich daran stören könnten, dass er zwar Düsseldorf sehr ausführlich abhandelt, Berlin und Hamburg jedoch nur in Auszügen und andere deutsche Ballungszentren des Punks erst gar nicht aufgreift. Mit seinen Anhängen kommt die Neuauflage auf über 450 Seiten im Taschenbuchformat. Los geht’s im Prolog mit den Hippies, gegen die man war, von denen man sich radikal abzugrenzen suchte. Teil 1, „Innenstadtfront“, behandelt den Zeitraum vom Sommer 1976 bis zum Herbst 1978, Teil 2, „Ich und die Wirklichkeit“, setzt sich mit der Phase vom Herbst 1978 bis zum Winter 1980 auseinander, Teil 3, „Die Guten und die Bösen“, hat den Frühling 1980 bis zum Winter 1982 zum Thema. Biografische Angaben zu den zahlreichen zu Wort kommenden Personen, eine Zeittafel und Bildnachweise runden den Band ab.

Mit seiner Art der Montage erinnert „Verschwende deine Jugend“ stilistisch an diverse sich ausschließlich aus O-Tönen zusammensetzende Dokumentarfilme, die komplett auf eine(n) Sprecher(in) verzichten und – wie hier – die Interview-Fragen aussparen, sodass die Antworten wie von etwaigen Fragestellungen autarke Aussagen wirken. Teipel konstruiert gewissermaßen eine Handlung, was das Buch erzählerisch interessant und sehr flüssig lesbar macht.

Zunächst dreht sich alles um Düsseldorf und die Szene um den Ratinger Hof, innerhalb derer Bands wie CHARLEY’S GIRLS, S.Y.P.H., DER PLAN, MITTAGSPAUSE, MALE, ZK, FAMILY 5, KFC, FEHLFARBEN, DAF, NICHTS und DIE TOTEN HOSEN entstanden, deren Protagonist(inn)en ausführlich zu Wort kommen und neben ihrer persönlichen Entwicklung jene der Punkszene nachzeichnen – und verdeutlichen, dass sich beides nicht voneinander trennen lässt. Später kommen Berlin (MANIA D., MALARIA, IDEAL und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) und Hamburg (ABWÄRTS, CORONERS und PALAIS SCHAUMBURG) als Schauplätze hinzu. Punk als damals jüngstes Phänomen der Pop- und Subkultur wandte sich gegen Hippies, Pomp- und Art-Rock und zur Pose erstarrte Rock-Attitüde sowie autoritäre gesellschaftliche Strukturen, war aber bei Weitem noch nicht ausdefiniert (sofern er es jemals wurde). Damit einher ging eine sehr experimentelle Phase, in der vieles möglich war und entsprechend vieles ausprobiert wurde. Anhand der hier versammelten Aussagen wird belegt, dass sich Punk damals noch nicht als diejenige politisch linke oder anarchistische Bewegung verstand, als die sie heute gemeinhin wahrgenommen wird und sich in größeren Teilen der Szene auch selbst so definiert. Vor allem ging es um die Infragestellung alles Bisherigen und die Schaffung von etwas komplett Neuem.

Daher wird aus heutiger Perspektive sicherlich die eine oder andere Aussage, Anekdote oder Erinnerung irritieren, die der damaligen Selbstfindungsphase geschuldet ist. Offen treten auch Widersprüche, gerade auch untereinander, sowie Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zutage. Überraschend ist, wie unreflektiert man sich auch während der Interviews noch gab – und vorweggenommen sei, dass längst nicht jede(r) Interview-Partner(in) zum/r Sympathieträger(in) taugt. Neben Bandgründungen, -umbesetzungen, ersten Konzerten und Tonträgerveröffentlichungen werden Haltungen zu Drogen (Ablehnung von Cannabis als Hippiedroge, hoher Speed-Konsum, Abstinenz vs. Alkoholmissbrauch), Gewalt und Vandalismus, Provokation und Neonazis thematisiert. Besonders extrem werden die Unterschiede der Düsseldorfer Szene im Vergleich zur proletarischer geprägten Hamburger Szene deutlich. In Düsseldorf rannten schon mal 200 Luschen-Punks vor 20 Rockern weg, statt sich ihrer zu erwehren. Düsseldorfs Punk der ersten Stunde, Jäki Eldorado (beim Erscheinen des Buchs TOKIO-HOTEL-Tourmanager!), stellt unhaltbare Behauptungen über Hamburg auf („Und dann gab es hier auch nie interessante Punkbands.“) und „Sounds“-Redakteur Kid P. sondert Unfug ab wie „Im Gegensatz zu dieser ganzen Hamburger Punkszene war der KFC richtig schillernd. Glamrock. Punk war ja nichts anderes als linksradikaler Glamrock.“ DER KFC waren offenbar wilde Rüpel, die kaum in die modische Düsseldorfer Punk-Schickeria passten; MITTAGSPAUSE-Gitarrist und „Rondo“-Label-Betreiber Franz Bielmeier beschwert sich beispielsweise über KFC-Sänger Tommi Stumpf, der ihn dafür angerotzt habe, dass er sich eine sündhaft teure Lederjacke gekauft und getragen habe. Schnell hatte DER KFC seinen Ruf als besoffene Prollpunks weg, mit ihm hielt die szeneinterne Gewalt Einzug. Bizarrerweise konnte Bielmeier „das auch immer noch akzeptieren“, vom KFC verprügelt und angerotzt zu werden, weil „das immer so eine ästhetische Abgrenzung gewesen“ sei. DER-PLAN-Frontmann Moritz R® hingegen begann, verstärkt mit Ironie und Humor zu arbeiten und schließlich das Humorvolle im Kontrast zum immer ernster und härter werdenden Punk bis zur Albernheit zu übertreiben. Die Geburtsstunde des Funpunks?

Die Vision einer eigenen Popkultur schildert ebenfalls Moritz R®, was so etwas wie Anspruch und Selbstverständnis der Neuen Deutschen Welle wurde. Dieser Begriff wurde von „Zickzack“-Label-Inhaber Alfred Hilsberg geprägt, der ebenfalls ausführlich zu Wort kommt. Die Musikindustrie griff diese Bezeichnung auf und nutzte sie zur Vermarktung der „kommerziellen“ NDW, an der diejenigen, die in diesem Buch zu Wort kommen, kein gutes Haar lassen – wenngleich sie teilweise selbst zugeben müssen, Hilsberg habe mit seinem massiven Tonträger-Output vor allem reichlich Katzenmusik herausgehauen, die quasi unhörbar war. Das kann ich anhand dessen, was ich aus diesem Bereich bisher so zu hören bekommen habe, nur bestätigen, weshalb ich die die ersten NENA- oder EXTRABREIT-Alben sowie manch anderes massenkompatiblere Zeug, das damals (und heute) als NDW gehandelt wurde und wird, dem meisten deutschsprachigem New-Wave-Zeug eindeutig vorziehe (für Teipels Interview-Partner(innen) natürlich ein absolutes No-go), zumal sich da auch inhaltlich, in Bezug auf die Texte, einiges hören lassen kann. Nichtsdestotrotz ist es interessant, diese Übergänge vom orientierungslosen frühen deutschen Punk zum New-Wave/NDW-Kram einmal aus erster Hand nachzulesen – zweifelsohne ein wichtiges Stück hiesiger Musikgeschichte.

Schauspieler Ben Becker, der in Berlin auch mal eine Punkphase hatte, nutzte diese – darf man seinen Aussagen Glauben schenken – in erster Linie, um seiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Anders DAF, die – aus dem Punk kommend – zu Pionieren der Elektro-Musik avancierten, mehr noch als andere mit faschistischer Ästhetik spielten und sich dabei nicht entblödeten, in England offenbar für ein sich aus mit Faschismus sympathisierenden Hirnis und Nazi-Skins zusammensetzenden Publikum zu spielen – und das auch noch toll fanden und „Mein Kampf“-Miniaturausgaben an es verteilten. DAF wurden schwul, lebten als Penner auf den Straßen und bezeichnen das als „paramilitärisch“. Ein ganz seltsamer Haufen, nicht ganz dicht und offenbar tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Und wie Peter Hein, der mit dem FEHLFARBEN-Album „Monarchie und Alltag“ die vielleicht beste Düsseldorfer Platte jener Ära entscheidend mitzuverantworten hat, seine äußerst vielversprechende Bandkarriere wegwarf, ist nicht nur unverständlich, sondern wirkt regelrecht arrogant. Umso spannender liest sich hier die Entstehung dieses Meilensteins.

Durchaus faszinierend und inspirierend ist es auch, die Anfänge der EINSTÜRZENDEn NEUBAUTEN nachzuvollziehen, wenngleich auch sehr anschaulich der fehlende Zusammenhalt der Berliner Szene und die gegenseitige musikalische Geringschätzung wiedergegeben werden. Selbst zwischen den Humpe-Schwestern (IDEAL und DÖF) herrschte krasses Konkurrenzdenken vor. Generell scheinen viele der damaligen Punk/NDW/Whatever-Schaffenden menschlich ziemliche Nulpen gewesen zu sein – eine Entromantisierung gewissermaßen, die Teipel & Co. hier betreiben, während sie aufschlussreiche authentische Einblicke in die Entstehung und erste Entwicklung des deutschsprachigen Punks und seiner Bastarde liefern. Die Verantwortlichen wirken häufig furchtbar desorientiert und sprunghaft, als habe man „Hauptsache dagegen“ sein wollen, sich zwanghaft über Abgrenzung definiert und sei damit letztlich ja doch abhängig vom Gegebenen gewesen, statt einfach sein Ding durchziehen zu können. Die Schizophrenie des Punks. Gegenseitig war man sich nur selten wirklich grün; die unterschiedlichen Klüngel haben sich missgünstig beäugt und schlechtgemacht. Das liest sich oft arg undifferenziert und aus heutiger Sicht wenig souverän.

Punk is still alive and kicking, vieles hat sich seit damals geändert, aber ganz sicher nicht zum Schlechten. Nach Lektüre dieses Bands weiß ich jedenfalls umso mehr, was ich an der heutigen Hamburger Punkszene habe, wo sicherlich auch nicht alles Gold ist, was glänzt, man sich aber um ein solidarisches Miteinander bemüht und gegenseitigen Respekt lebt, wodurch die eigene Infrastruktur am Leben erhalten wird und es Spaß macht, an ihr zu partizipieren. Allein schon, um dies zu untermauern, lohnt sich die Auseinandersetzung mit „Verschwende deine Jugend“, die zudem Lust macht, in die eine oder andere Band noch mal mit anderen Ohren hineinzuhören und schlicht manch Klassiker noch mal auszugraben – wohlwissend, dass da keine über den Dingen stehenden Pioniere am Werk waren, sondern mitunter ganz schön wirres Volk auf der schwierigen Suche nach einer eigenen Identität.

Mit gemischten Gefühlen liest sich dann auch das letzte Kapitel, in dem man reflektiert, wie viel von diesem Punk-Ding noch in einem steckt. Timo Blunck von PALAIS SCHAUMBURG hat gutes Geld mit Werbemusik verdient, dem exakten Gegenteil von Punk also – und er fände es „schrecklich“, wie Frank Z. von ABWÄRTS ein Solo-Album herauszubringen, das sich „gerade mal 30.000“ mal verkauft… Da scheinen sich die persönlichen Wertevorstellungen ganz schön verschoben zu haben, sofern sie jemals andere waren. Das lässt tief blicken. Diverse Zeitgenossen teilen ganz kräftig gegen DIE TOTEN HOSEN aus, was ich schon eher nachvollziehen kann, gern aber auch mehr nach Neid als nach allem anderen klingt. Auch die kolportiere Annahme, der Technoschrott der 1990er (dem sich manch ehemaliger Punk hingegeben hat) sei die logische Weiterentwicklung des Punks gewesen, lässt einen mindestens mit der Stirn runzeln. Gabi Eldogado (MITTAGSPAUSE, DAF) gibt damit an, wie viel Kohle er damit gemacht – darum scheint es hauptsächlich zu gehen. Für Jürgen Engler (MALE, DIE KRUPPS) bestand „diese ganze Szene […] vor allem aus Lug, Trug und Fassade“ – wenig verwunderlich also, dass er sich mit den KRUPPS bald von ihr emanzipieren sollte. Robert Görl ist nach einer Nahtoderfahrung zum Buddhismus konvertiert und sucht sein Seelenheil in der Spiritualität. Er hat keine Wohnung mehr und will als Mönch nach Thailand gehen. Ein positives Beispiel sei hier aber auch angemerkt, das sich indirekt auf die „Gegen den Staat“-Attitüde des Punks bezieht. So sagt Padeluun etwas sehr Schlaues: „Heute trete ich für partizipatorische Demokratie ein. Und in vielen Bereichen für mehr Staat. Weil ich erkannt habe, dass, wenn man dem Staat die Macht entzieht, nicht unbedingt das Volk die Macht bekommt.“

Einige großformatige Schwarzweiß-Fotos runden Teipels Buch ab, bei denen man jedoch gut daran getan hätte, Bildunterschriften zu verwenden, statt die Bildinhalte erst im Anhang aufzuschlüsseln – das hätte einige Blätterei erspart. Im Anhang finden sich, wie eingangs erwähnt, auch die biografischen Notizen zu jeder/m Gesprächspartner(in), die dabei helfen, diese einzuordnen und die anscheinend relativ komplett sind – bereits aus ihnen erfährt man eine Menge über die Zusammenhänge untereinander und die unterschiedlichen Werdegänge. Die Zeittafel fasst die Ereignisse noch einmal grob und übersichtlich zusammen.

Wer sich für die deutsche Punkgeschickte interessiert, sollte „Verschwende deine Jugend“ mal gelesen haben – sofern er mit Desillusionierung umgehen kann. Und jetzt habe ich Bock auf die „Monarchie und Alltag“…

Peter Jäger – Eddie will leben

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Zeilen gerade auf einem Computer-Bildschirm oder mobilen Endgerät gelesen. Vor gar nicht allzu langer Zeit jedoch gab es das World Wide Web noch gar nicht, gelesen wurden vornehmlich Print-Publikationen. Alles, was gelesen werden wollte, musste gedruckt werden, egal ob Buch, Zeitung, Reklame oder die Menükarte des Pizzadiensts. Der Siegeszug des Internets bedeutete jedoch nicht nur einen Rückgang an Print-Auflagen, sondern auch einen erbitterten Konkurrenzkampf klassischer Offset-Druckereien mit überregional erreich- und nutzbaren Druckanbietern, die ihre Dienste im Netz offerierten und dank automatisierter Abläufe trotz der Portokosten günstiger anbieten konnten.

Der Quickborner Lokaljournalist/-chronist, Kinderbuch- und Roman-Autor Peter Jäger hatte in den 1970ern selbst in einer Offset-Druckerei gearbeitet und griff dieses Thema für seinen nach „Kalte Wasser“ zweiten Roman „Eddie will leben“ auf, erschienen im Taschenbuch-Format im März 2015 im Kadera-Verlag. Auf knapp 300 Seiten beschreibt Jäger den Überlebenskampf Eddie Buchholz’, dessen Norderstedter Druckerei am Gutenbergring unter dem Online-Konkurrenzdruck ächzt und in finanzielle Schieflage gerät. Es gilt, möglichst alle sieben Arbeitsplätze zu erhalten. Als er seinen Mitarbeiter(innen) jedoch eröffnen muss, das Weihnachtsgeld wahrscheinlich nicht auszahlen zu können, stößt er auf Unverständnis. Und während er noch überlegt, wie er neue Aufträge an Land ziehen und seinen Betrieb zukunftsfähig aufstellen kann, wird sein Garagentor beschmiert und erleidet er einen Herzanfall. Glücklicherweise stehen seine Familie und Freunde ihm mit Rat und Tat zur Seite, doch die Situation bleibt prekär. Ob Sven, der Lebensgefährte seiner Tochter Monika und Inhaber einer Werbeagentur, tatsächlich behilflich sein kann, die Traditionsdruckerei wieder in wirtschaftlich rentable Fahrwasser zu lenken? Darüber hinaus muss Eddie dringend kürzer treten und lernen, Verantwortung abzugeben – nicht nur seine besorgte Ehefrau Hanna würde es ihm danken…

„Eddie will leben“ spielt kurz nach der Jahrtausendwende, in den Jahren 2001/2002, und verwebt ein aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven von einem allwissenden Erzähler wiedergegebenes Mittelstands-Drama mit gleich mehreren persönlichen Schicksalen sowie geballtem Zeit- und Lokalkolorit. In einer Vielzahl episodischer Kapitel erfahren Leserinnen und Leser nicht nur von den typischen Problemen einer kleinen Mittelstandsdruckerei, sondern auch von der damaligen Lage im an die schleswig-holsteinische Kleinstadt Norderstedt angrenzenden Hamburg (die rechtspopulistische „Schill-Partei“ um Ex-Richter und Dumpfbacke Ronald Schill war gerade an die Macht gewählt worden), von einer Vielzahl real existierender Orte und von den Befindlichkeiten verschiedenster mit Eddie verbandelter Menschen.

All dies führt leider dazu, dass sich die Geschichte immer wieder in seifigen Trivialitäten, Belanglosigkeiten und Geplänkel zu verlieren droht und die vielen Erzählstränge verwirren. Lokal- und Zeitbezüge wirken oftmals etwas bemüht, dass die Protagonist(inn)en sich ständig in irgendwelchen Centern treffen, mutet reichlich ungemütlich an, und die Nennung zahlreicher realer Markennamen grenzt an Product Placement. Altertümliche Sprüche und laue Witzchen erscheinen genauso bieder wie die ermüdend detaillierten Beschreibungen der Weihnachtsfeierlichkeiten, anlässlich derer Seidenfliegen und Fußpflegegutscheine verschenkt werden und man sich darüber freut, nachdem man sich am Esstisch über gereizte Gallen und Prostatabeschwerden ausgetauscht hat. Der blanke Familienhorror, hier verpackt als anheimelnd wirken sollender Realismus. Andere Dialoge würde so wohl nie jemand in der Realität führen:

„Ich esse knusprige Ente“, entschied Vera, ohne in die Speisekarte zu schauen. „Und du magst es bestimmt lieblich, Hanna, das weiß ich. Du bekommst die Ente mit Ananas.“
„…und beide Damen sind selbstverständlich meine Gäste“, ergänze Waldemar mit charmanten [sic!] Lächeln. „Ich habe mich übrigens für Rindfleisch mit Gemüse entschieden, das kommt hier knackig aus dem Wok.“ (S. 194)

Weniger gestelzt klingt es, wenn Werbefuzzi Sven sich mit Arbeitskampf konfrontiert sieht:

„Was für ein jämmerliches Palaver um lächerliche Weihnachts-Zahlungen. Die Rädelsführer besaßen die Reife von matschigen Birnen, sonst hätten sie brauchbare Ideen eingebracht, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Schade, dass Eddie den Glatzkopf Kessler so schnell beiseite geschoben hatte. Ein Vergnügen wäre es ihm gewesen, dem Großmaul ein paar harte Haken zu verpassen.“ (S. 58)

Dazu sei angemerkt, dass jener Sven nicht etwa die Rolle eines Antagonisten einnimmt. Generell wird zwischen den Zeilen immer wieder vermittelt, es sei ein Unding, dass die Belegschaft auf ihren vertraglich vereinbarten Weihnachtslohn besteht. Es scheint sich aber ohnehin um einen seltsamen Menschenschlag zu handeln, der sich gegenseitig betrügt, Verständnis für die indiskutable „Schill-Partei“ äußert (Eddie) oder überdramatisierend mit Weglaufen droht (Hanna) – ohne dass all dies sonderlich problematisiert würde. Und statt im Zusammenhang mit Eddies Druckerei begangene handfeste Verbrechen aufzuklären, schließt „Eddie will leben“ mit einem irritierend kitschigen „Wird schon weitergehen“-Ende.

Lokaljournalismus lebt von der geschalteten Werbung seiner regionalen Anzeigekunden, weshalb ihm diese meist besonders am Herz liegen. Jäger als verdienter Lokaljournalist dürfte mit seinem Buch eine Lanze für kleinere regionale Betriebe haben brechen und Verständnis für ihre oft schwierige Situation wecken wollen, insbesondere angesichts immer globaler werdenden Konkurrenzdrucks durch das Internet. Offenbar unfreiwillig gelang Jäger stattdessen eine Art Porträt unsympathischer Menschen, denen man sicherlich vieles, nur nichts Gutes wünscht und die diverse Branchenklischees erfüllen, während sich die Geschichte wenig differenziert auf ihre Seite schlägt und für die Nöte sowie berechtigten Forderungen ihrer Angestellten nicht viel übrig hat. Nicht seinen besten Tag erwischt hatte offenbar auch das Lektorat, dem ein Anachronismus wie Facebook-Nutzung (die damals noch gar nicht möglich war) ebenso durchrutschte wie „Katheder“ (statt Katheter), „ein Paparazzi“ u.ä. So hinterlässt die Lektüre einen letztlich unbefriedigenden Eindruck, was schade ist, da das Konzept – realistische konfliktreiche Geschichten „aus der Nachbarschaft“ mit Insider-Wissen vor realer Kulisse erzählt – durchaus vielversprechend erscheint.

TV-Jahrbuch 1990 – Die Fernseh-Höhepunkte: Filmhits und Serien, Sport, Stars und Klassiker

ISBN: 3-927779-04-0

Nachdem die Redaktion der Kinozeitschrift „Cinema“ Ende 1988 das Buch „Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres“ herausgebracht hatte, firmierte dessen Nachfolger, das Ende 1989 erschienene „TV-Jahrbuch 1990“, unter „Video Plus“ – einem 1989 ins Leben gerufenen „Cinema“-Ableger, der sich vornehmlich dem aktuellen Heimkino-Angebot widmete. Als Verlag wurde nun nicht mehr die Kino Verlag GmbH, sondern die Video Zeitschriften Verlag GmbH angegeben. Neben den von den Sendern bestätigten Spielfilm-Höhepunkten des frei empfangbaren TV-Programms wurde der Inhalt des 188 Seiten starken Bands um TV-Serien, Sport-Großereignisse und einen Statistikteil erweitert. Außerdem war, wie bereits dem broschierten Einband zu entnehmen ist, ein weiterer TV-Sender hinzugekommen: Zu den sechs bekannten aus dem Jahr 1989 gesellte sich nun Pro7. Stallone im Allgemeinen und sein trashiger „Over The Top“ im Speziellen schienen damals zu ziehen, so schaffte sein entsprechendes Motiv es aufs Cover (nachdem er auf dem Vorgänger bereits als Rocky abgebildet war) und gilt jenem Film auch der erste Artikel.

Die Erstausgabe der „TV Spielfilm“ ließ noch bis August 1990 auf sich warten, sodass auch diese Buchveröffentlichung Sinn ergab. Die Rubriken lauteten nun „Spielfilme 1990“, „Serien 1990“, „Erotik 1990“, „Stars 1990“, „Sport 1990“ und „Statistik“, neben einem allgemeinen Editorial des Chefredakteurs Willy Loderhose jeweils von einem eigenen, die damalige Entwicklung reflektierenden Vorwort eingeleitet. Ein Jahresplaner zum Ausklappen lieferte eine tabellarische, grob kalendarische Übersicht, in welchem Monat jeweils mit welcher Ausstrahlung auf welchem Sender zu rechnen war. Tele5, Sat.1 und Pro7 allerdings konnten offenbar noch nicht so weit in die Zukunft planen und der Redaktion daher nur unvollständige Angaben übermitteln. Der Spielfilmteil bildet weiterhin das Herzstück und wurde noch einmal in die Unterkategorien „Filmhits des Jahres“ (darunter „Over The Top“, „Moonraker“ und „Barfly“), „Filmreihen“, „Filmhits im Fernsehen“ und „Filmklassiker“ unterteilt. Bis auf zwei Ausnahmen („Moonraker“ und „1900“) handelte es sich bei den „Filmhits des Jahres“ um mutmaßlich bisher selten oder noch gar nicht im Free-TV gelaufene Filme von Mitte bis Ende der 1980er.

Offenbar hatten seinerzeit auch die Privatsender das Konzept der Filmreihen für sich entdeckt. So strahlte Sat.1 gleich fünf Filme Akira Kurosawas aus und Pro7 sendete sage und schreibe 19 Filme mit Beteiligung Humphrey Bogarts – sowie neun Filme Claude Chabrols. Das ZDF widmete sich Woody Allen, den Marx Brothers, Fritz Lang, Jean-Luc Godard und Roger Corman (!), das ARD hält mit dem Neuen britischen Kino leidlich dagegen. Die meisten innerhalb dieser Reihen gezeigten Filme werden nicht ausführlich vorgestellt, sondern sind Teil einer allgemeinen, im Fließtext verfassten Abhandlung über den Aufhänger der jeweiligen Retrospektive. Die eher sinnfrei betitelte Rubrik „Filmhits im Fernsehen“ wartet erneut mit jeder Menge Filmstoff aus den vergangenen fünf 1980er-Jahren auf, lediglich neun Titel sind älter. Es finden sich u.a. Filme wie „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Der Joker“ mit Peter Maffay (seinerzeit von mir auf VHS mitgeschnitten), „Die Maske“, der mich zu Tränen rührte, sowie die kultige „House“/“House II“-Doppelbedienung, seinerzeit in umgekehrter Reihenfolge auf RTL plus gelaufen, anmoderiert und um ein Horror-Quiz ergänzt – auch diese Ausstrahlung befindet sich in meinem VHS-Archiv. Leider fehlen zum Teil die Längen- und Jahresangaben zu den Filmen. Auch bei den Klassikern, die keiner Filmreihe zugeordnet wurden, tat sich das ZDF mit Titeln wie „Ben Hur“, „La Dolce Vita“ und „Doktor Schiwago“ hervor – und RTL plus überraschte mit Ingmar Bergmans „Das Schlangenei“.

Die meisten Filmvorstellungen sind erneut mit großformatigen Szenenfotos illustriert und schwanken zwischen Inhaltsangaben (teilweise mit Spoilern), Hintergrundinformationen und oberflächlichen Kritiken. Das Durchblättern und Schwelgen in Erinnerungen macht dann auch mehr Spaß als das Lesen an sich, wobei sich auch für kundige Filmfreaks immer mal wieder ein Geheimtipp oder vergessenes Highlight finden dürfte. Vor allem drängt sich das Fazit auf, dass 1990 gerade auch durch die Dualisierung des Fernsehmarkts ein gutes TV-Jahr für Filmfreunde war – zumal die Privatsender die Filme i.d.R. noch durch lediglich eine einzige Werbepause unterbrachen.

Der Serienabschnitt kann sich ebenfalls sehen lassen: Der 1960er-Jahre „Batman“ mit Adam West erlebte auf Sat.1 seinen zweiten Frühling, David Hasselhoff durfte weiter den „Knight Rider“ geben, RTL plus bot mit „Wunderbare Jahre“ ein noch immer mit am stärksten auf dem Heimkinomarkt vermisstes Serien-Highlight sowie mit „Doctor Who“ abgefahrenen Stoff für Science-Fiction-Fans, „Alf“ kehrte im ZDF zurück und ebendort trat eine neue Enterprise-Besatzung in „Star Trek – The Next Generation“ ihren Dienst an. Die Eigenproduktion „Peter Strohm“ flimmerte in der ARD, wo auch die „Duck Tales“ ihr Zuhause fanden, usw.

Der Erotikteil wurde losgelöst vom übrigen Inhalt und somit separat behandelt, eingeleitet von einer allgemeinen Abhandlung über erotische Formate im TV, auch über Spielfilme hinaus (Stichwort: „Tutti Frutti“ & Co.). Mit lediglich drei Filmen – „Das große Fressen“, „L’Amour braque“ und „Belle de Jour“ – ist dieser Bereich jedoch arg dünn besiedelt. Anders das Kapitel „Stars 1990“, das Manfred Krug, Ulrike Folkerts, Götz George, Thomas Gottschalk, Desirée Nosbusch, Uschi Nerke, Erika Berger, Renan Demirkan, Hella von Sinnen, Karl Dall, Tom Selleck und David Hasselhoff porträtiert und Informationen zu ihren damaligen TV-Auftritt liefert. Mit den Ausblicken auf damals zukünftige Aktivitäten (Beispiel Gottschalk: „Fest steht bisher nur, dass [er] ab Juli 1990 eine 45-minütige Sendung für den privaten Fernsehsender machen wird.“ – bekanntlich wurde daraus Deutschlands erste echte Late-Night-Show auf RTL plus), die mit dem bisherigen Verlauf der Karriere verknüpft werden, ist dieser Bereich besonders lesenswert. Im Sportteil sind dann Tennis und „Italia ’90“, die Herren-Fußballweltmeisterschaft in Italien, Thema. Ein sachlicher, mit vielen Zahlen unterfütterter Hintergrundartikel zum Tennis ruft ins Gedächtnis, dass die Privatsender damals großen Anteil daran hatten, diesen Sport ins Fernsehen zu bringen, sodass 1989 so viel Tennis im deutschen TV lief wie nie zuvor. Der Ausblick auf die Fußball-WM liest sich natürlich mit besonderer Genugtuung. Der Statistikteil schließlich liefert diverse Übersichten über Marktanteile, Einschaltquoten u.ä. des Fernsehjahres 1989.

Ein Inhaltsverzeichnis, ein Index  und ein ausführliches Adressverzeichnis runden diesen Band ab, der wie sein Vorgänger auf festem, wertigem Papier gedruckt wurde und sich prima in den Regalen sowohl von TV-Nostalgiker(inne)n als auch Medienforscher(inne)n macht. Größter Wermutstropfen: Die o.g. unvollständigen Angaben dreier Privatsender.

Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres

ISBN: 3-89324-037-3

Noch bevor die Redaktion der damals größten Filmzeitschrift Europas, der „Cinema“, die TV-Zeitschrift „TV Spielfilm“ ins Leben rief, brachte sie Ende 1988 ihr erstes Jahrbuch für Spielfilme heraus, die im nahenden Folgejahr innerhalb des Fernsehprogramms der damals noch übersichtlichen bundesdeutschen Senderlandschaft laufen sollten. Die Filmauswahl wurde damals langfristig geplant, die genauen Termine standen jedoch noch nicht fest. Wo zumindest der Monat bekannt war, wurde er angegeben.

Natürlich wandte sich das 196 Seiten starke Buch seinerzeit an Filmfreunde, die einen Überblick übers kommende Filmprogramm erhalten wollten. VHS-Kassetten mit Spielfilmen waren teuer, die Videorekorder liefen daher heiß, wenn sehenswerte Filme im TV liefen. Doch es ist auch in der Retrospektive interessant, sich einmal vor Augen zu führen, wie sich das Spielfilmangebot des Fernsehens damals eigentlich zusammensetzte – vor allem, wenn man wie ich damals selbst gerade begann, TV-Zeitschriften auf der Suche nach Highlights zu studieren und diese auf Videokassetten mitzuschneiden (die sich größtenteils noch immer im Privatarchiv befinden). Auf der persönlichen Ebene also durchaus ein nostalgisches Vergnügen, auf der Meta-Ebene ein aufschlussreicher Einblick in die Entwicklung des Mediums.

Aufgeteilt ist der Band in die Rubriken „Die Filme des Jahres“, „Die Klassiker“, „Retrospektiven und Reihen“ und „Filmhits“. Nicht immer wird deutlich, nach welchen Kriterien die Zuordnung der Filme in welche Rubrik stattfand. „Die Filme des Jahres“, mit denen das Buch nach einem Vorwort des Chefredakteurs Willy Loderhose eröffnet, umfasst lediglich acht Spielfilme, die die Redaktion offenbar als besonders herausragend erachtet hat und die bis dahin (wenn überhaupt) noch nicht allzu häufig im TV ausgestrahlt wurden: „2001 – Odyssee im Weltraum“, dessen Fortsetzung „2010“, „Gandhi“, „Jenseits von Afrika“, „Zurück in die Zukunft“ u.a. wurde diese Ehre zuteil. „Die Klassiker“ haben allesamt bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel, was jedoch auch auf viele „Filmhits“ zutrifft. Davon unabhängig macht es aber Spaß, Titel wiederzuentdecken, die man damals aufgrund ihrer TV-Ausstrahlungen tatsächlich erstmals gesehen hat.

Interessant ist der Bereich „Retrospektiven und Reihen“, aus dem hervorgeht, welchen Regisseuren, Schauspielern und cinematischen Phänomenen vornehmlich die Öffentlich-Rechtlichen besondere Bedeutung beimaßen, indem sie sie mit mehreren Ausstrahlungen verschiedener Filme bedachten. Allen voran findet sich hier Alfred Hitchcock, aber auch Truffaut, Cassavates und Chandler wurden ins Gedächtnis gerufen. Weitere Reihen sind personalübergreifend und wurden unter „Glasnost im sowjetischen Kino“, „Hollywood Boulevard“ und „Junges amerikanisches Kino“ zusammengefasst.

Wie aus dem „Cinema“-Magazin gewohnt, wird viel mit großformatigen Szenenfotos gearbeitet und werden die einzelnen Filme mal mehr, mal weniger ausführlich abgehandelt. I.d.R. handelt es sich mehr um Filmvorstellungen als um -kritiken. Einige Hintergrundinfos, Einordnungen und manch treffender Kommentar stellen jedoch einen Mehrwert gegenüber dem reinen Abdruck kritikloser Promotexte oder Inhaltsangaben dar. Auffällig ist bisweilen aber auch, wie selbstverständlich man immer wieder Enden und Pointen spoilerte.

Hier und da hätte das Lektorat gern etwas genauer hinsehen können; davon und von den anderen genannten Kritikpunkten weitestgehend unabhängig bietet „Spielfilme 89“ aber einen schönen Überblick über das Spielfilm-TV-Programm von vorgestern, für den man dank Bücher wie diesem keine antiquarischen TV-Zeitschriften wälzen muss. Ein solcher Überblick könnte beispielsweise von Interesse werden, möchte man das Spielfilmangebot damaliger Öffentlich-Rechtlicher mit dem der Privatsender (damals Sat.1, RTL und Tele5) vergleichen. Ein Inhaltsverzeichnis und ein Index runden das auf festem, wertigem Papier gedruckte hochformatige Nachschlagewerk im broschierten Einband ab.

Metal Hammer Sonderheft Legenden: BLACK SABBATH

Seit der „Metal Hammer“, immerhin Deutschlands erstes Heavy-Metal-Magazin, sich an den Springer-Verlag verkauft und in die journalistische Bedeutungslosigkeit verabschiedet hat, lese ich ihn eigentlich nicht mehr. Was ich aber mag, sind umfangreiche Specials in Postillen wie „Rock Hard“ oder „Deaf Forever“ sowie Sonderhefte zu Musikstilen oder Bands, die mich grundsätzlich interessieren, zu denen ich aber (noch?) keine dicken Schmöker wälzen möchte. Ein solcher Fall sind die britischen Metal-Pioniere, ja, gar Genre-Urväter BLACK SABBATH, in deren umfangreicher Diskographie ich immer wieder etwas Neues für mich entdecke und mit denen sich hin und wieder zu beschäftigen einfach Spaß macht. Dieses 132-seitige Sonderheft, die Nr. 2 der „Legenden“-Sonderheftreihe des Metal Hammers, kam mir daher recht, zumal es mir mein Tätowierer nach seinem Erscheinen 2015 empfohlen hatte. Nachdem es an den Kiosks vergriffen war, ließ es sich problemlos für 8,90 EUR nachbestellen und irgendwann kam ich dann auch tatsächlich zur Lektüre.

2015 war das Abschiedsalbum „13“ veröffentlicht und längst durch die Decke der Verkaufscharts gegangen, die Abschiedstour hingegen stand noch bevor. Kein schlechter Zeitpunkt für eine umfangreiche Historie und Bestandsaufnahme. Angereichert mit vielen tollen, großflächigen Fotos enthält das Heft damals aktuelle Interviews mit dem geschassten Original-Drummer Bill Ward sowie mit Bandkopf Iommi und Original-und-dann-wieder-Sänger Ozzy Osbourne, eine 15-seitige aufschlussreiche Bandgeschichte aus der Feder Frank Thiessies sowie Hintergrundinformationen und Kritiken zu jedem einzelnen Studioalbum, also auch aus der Dio- und Martin-Ära und den eher kurzen Gastspielen diverser anderer Sänger. Auch das unter dem Namen „Heaven & Hell“ veröffentlichte Comeback-Album mit Dio wird berücksichtigt. Auf Steckbriefe der Musiker der Urbesetzung folgen Fließtext-Portraits aller (!) verschiedenen BLACK-SABBATH-Mitglieder sowie von Produzenten und Managerinnen. Darüber hinaus werden Bands vorgestellt, die massiv von BLACK SABBATH beeinflusst sind, und huldigen unterschiedlichste Musiker in ein paar persönlichen Worten der Band. Anekdotensammlungen und ein „Experten-Quiz“ runden das Sonderheft ab, nicht zu vergessen das auf beiden Seiten bedruckte Poster (Bandfoto, andere Seite: Ozzy allein).

Das ist durchaus eine geballte Informationssammlung, die durchzuackern nicht nur recht erquicklich ist, sondern bestimmt auch das eine oder andere wieder ins Gedächtnis ruft bzw. erstmals denjenigen vermittelt wird, die die Entwicklung der Band weniger intensiv mitverfolgt haben. Zudem werden einem der Status der Band und die Gründe für diesen noch einmal vor Augen geführt. Schade ist, dass überhaupt nicht auf die unterschiedlichen Live-Alben eingegangen wird. Ferner begehen Redakteure wie Thiessies oder Matthias Weckmann den Fehler, im Diskographie-Teil den Leserinnen und Lesern ggü. ihren eigenen Geschmack durchdrücken zu wollen, statt zu versuchen, ein wenig sachlicher zu bleiben. Manch guter Song oder auch eindrucksvolles Plattencover bleibt dabei von ihnen unerkannt, Irrtümer hinsichtlich der Qualität bestimmter Alben werden wiedergekäut. Gerade auf den letzten Seiten des Hefts hätte man sich zudem manch Gossip verkneifen können, der „Bravo“ & Co. besser zu Gesicht gestanden hätte. Der Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung ist mitunter auch, sagen wir mal, „originell“. Alles in allem hat das Heft für mich persönlich aber seinen Zweck erfüllt und eine weitere Vertiefung der Auseinandersetzung mit der Band und ihrem Werk ermöglicht. Wer bereits alles über BLACK SABBATH weiß, braucht es sicherlich nicht; wer hingegen wie ich die Band erst langsam und nach und nach für sich entdeckt (hat), kann ja mal nach einem gebrauchten Exemplar Ausschau halten. Ich hoffe derweil, nach dem offiziellen Ende der Band doch noch einmal die beiden Tonys Iommi und Martin zusammen die Götteralben „Headless Cross“ und „Tyr“ live aufführen sehen zu können…

Das Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist eine mittelalterliche, im 13. Jahrhundert und demnach in Mittelhochdeutsch verfasste Niederschrift der Nibelungensage, welche wiederum bereits damals seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Fassungen meist mündlich überliefert wurde. Ihr Ursprung schien da schon um die 800 Jahre zurückzuliegen. Der Verfasser ist unbekannt, man munkelt jedoch, das Nibelungenlied stamme aus dem Passauer Raum. Bekannt sind die drei Handschriften A, B und C, die sich in Teilen voneinander unterscheiden. Das Heldenepos folgt in dieser rund 1.000-seitigen Reclam-Ausgabe der Handschrift B und wurde um eine neuhochdeutsche Prosaübersetzung sowie einen ausführlichen, oft hilfreichen Kommentar erweitert, beide aus der Feder Siegfried Grosses. Herausgeberin des Bands ist Ursula Schulze. Mir liegt eine Ausgabe aus dem Jahre 2018 vor, die ferner über ein Literatur- und Namenverzeichnis, ein Nachwort etc. verfügt und sich somit für die wissenschaftliche Analyse anbietet.

Die Handlung ist in zwei zusammenhängende, aufeinander aufbauende Erzählstränge aufgeteilt, die wiederum in insgesamt 39 kapitelähnliche „Âventiuren“ unterteilt sind. Der Handlungszeitraum erstreckt sich über ca. 50 Jahre, wobei passive Zeiträume weitestgehend unerwähnt bleiben und somit Zeitsprünge von z.B. 13 Jahren enthalten sind. Der Erzähler wechselt ohne festes Schema zwischen Erzählung und Dialog und wendet eine bestimmte Formel an, die das Nibelungenlied in Strophen aus jeweils vier Versen strukturiert, wobei die ersten und letzten beiden Verse jeweils Paarreime bilden.

Der erste Erzählstrang berichtet von Kriemhilds erster Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod, der zweite erzählt ausführlich Kriemhilds Rache: Der junge Held und Drachentöter Siegfried (alias Sigurd) aus Xanten am Niederrhein tötete einen Drachen, badete in seinem Blut und wurde dadurch unverwundbar – außer an einer Stelle zwischen seinen Schulterblättern, wo sich ein Lindenblatt auf seinen Körper gelegt hatte. Mit einer Tarnkappe kann er sich zudem unsichtbar machen. Durch die Eroberung des Nibelungenschatzes ist er überaus vermögend. Er begibt sich an den Königshof nach Worms, wo er Kriemhild, König Gunthers Schwester, ehelichen möchte. Gunther verspricht ihm Kriemhild, wenn er ihm zuvor behilflich ist, die übermenschlich starke Brunhild, Königin von Island, zu erobern. Dafür muss er sie im Kampf besiegen. Es kommt zur Vasallenlist und zum Brautwerbungsbetrug: Siegfried gibt sich als Gunthers Gefolgsmann aus und macht sich unsichtbar, um Gunther tatkräftig zum Sieg zu verhelfen. Auch in Brunhilds und Gunthers Hochzeitsnacht muss er noch mal ran, indem er Gunther dabei hilft, die unwillige Brunhild zu vergewaltigen. Zudem stiehlt er Brunhilds Gürtel und Ring. Brunhild ist nun endgültig eine besiegte Frau – die jedoch damit hadert, dass Kriemhild, die nun mit Siegfried verheiratet ist, einen Vasallen Gunthers und damit unter ihrem Stand geheiratet habe (schließlich weiß sie nichts von der Vasallenlist). Das kann Kriemhild nicht auf sich sitzen lassen; es kommt zum Königinnenstreit, in dessen Zuge Kriemhild ihre Widersacherin öffentlich düpiert. Der undurchsichtige und listige Hagen von Tronje, Gunthers und Brunhilds Vasall, empfiehlt daraufhin, Siegfried zu ermorden, nachdem er mit viel Tücke Kriemhild das Geheimnis abringen konnte, wo sich die verwundbare Stelle ihres Gatten befindet. Auf einem fingierten Jagdausflug ersticht er schließlich den Drachentöter hinterrücks. Zwar leugnet er die Tat zunächst gegenüber Kriemhild, doch diese sinnt auf Rache. Vorsichtshalber versenkt Hagen den Nibelungenschatz im Rhein, damit Kriemhild keinen Zugriff mehr auf ihn hat. Nach 13 Jahren der Trauer heiratet sie den Hunnenkönig Etzel und lädt ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher auf ihren ungarischen Königshof ein, wohlwissend, dass sie in Hagens Pläne eingeweiht waren – und dass der Verräter ihre Brüder begleiten würde. Dort kommt es nach einem anfänglichen vorsichtigen Abtasten zu einem unfassbaren Gemetzel, das kaum jemand überlebt, kein Krieger, keine Frau, kein Kind…

Soweit die grobe Inhaltsangabe dieses Fantasy-Splatter-Epos. Aber wie liest es sich denn nun? Zunächst einmal gar nicht, denn Mittelhochdeutsch wirkt aus heutiger Sicht wie eine Fremdsprache, man müsste ständig mit dem Wörterbuch dasitzen und Vokabeln übersetzen. Hat man bei 2.376 Strophen natürlich keinen Bock drauf, außer man ist ein unverbesserlicher Mittelalter-Freak. Glücklicherweise gibt es ja die neuhochdeutsche Übersetzung. Bei dieser reimt sich nichts mehr, was die Strophenform recht gewöhnungsbedürftig macht. Zudem versucht sie sich daran, einen schwülstigen mittelalterlichen Duktus aufrechtzuerhalten, wodurch die Sprache geschwollen und überkitschig wirkt. Das entbehrt auch nicht einer unfreiwilligen Komik, wenn etwa der sterbende Siegfried, der gerade ein Schwert zwischen die Schultern gejagt bekommen hat, spricht: „Die Tat wäre besser unterblieben.“ Die Âventiuren-Aufteilung erscheint eher inkohärent, die Einhaltung der syntaktischen Formel ist im Original wichtiger als der Inhalt, womit auch die Übersetzung zu kämpfen hat, und die Zeitsprünge sind mitunter krass. Zwar brach das Nibelungenlied stilistisch mit ein paar Dichtungsparadigmen, mit dem Holzhammer in Form geklopft wirkt es mitunter dennoch. Und in heutigen Zeiten, in denen zu erschlagen werden droht, wer TV- oder VoD-Serienverläufe spoilert, irritieren die zahlreichen Vorausdeutungen, die regelmäßig spätere Entwicklungen vorwegnehmen, doch arg.

Das höfische Leben, seine Etikette und seine Figuren werden stark idealisiert, was irgendwann zu nerven beginnt. Auch Siggi, der sich bis zu seiner Ermordung eigentlich permanent selbst unlauter verhalten hat, wird man nicht müde, als ach so kühnen, stolzen Oberhelden zu bezeichnen – was die Lesart erschwert, dass es sich bei ihm einen zwar gutaussehenden und starken Mann, aber auch um einen einfältigen Deppen handelt (wie sie als Interpretationsmöglichkeit im Zuge des ÄdL-Seminars mal erwähnt wurde). Stattdessen scheint sogar sein Tiermassaker, u.a. an einem Bären, glorifiziert zu werden, was ausgerechnet im Zuge des fingierten Jagdausflugs geschieht, wodurch man Hagen fast Applaus zu spenden geneigt ist, statt Siegfrieds Tod zu bedauern – dramaturgisch denkbar schlecht gelöst. Daran, dass es sich um eine Fantasy-Geschichte handelt, wird man während jener Jagd dann auch dadurch erinnert, dass die Recken auf einen Löwen treffen…

Richtige Sympathieträger gibt es hier im Prinzip generell keine, so richtig sauber tickt eigentlich niemand. Gunthers Motivation für seinen Verrat, also seine Erteilung der Erlaubnis zum Mord an Siegfried, bleibt bis zum Ende nicht wirklich nachvollziehbar und bildet damit eine Leerstelle der Handlung. Doch statt sich einzelnen Figuren tiefer zu widmen und ihnen mehr Charakter zu verleihen (dies gelingt am ehesten noch bei Kriemhild und Hagen), werden nach und nach – insbesondere im zweiten Teil – viel zu viele Figuren eingeführt, sodass man schnell den Überblick zu verlieren droht (fallen sie nicht gerade durch ihre Namen besonders auf, so nannte man Etzels Bruder doch tatsächlich Blödel!). Dafür weiß die Suspense im zweiten Teil bei der Reise zu Kriemhild zu gefallen, bevor im letzten Drittel fast nur noch gesplattert, verstümmelt und in Blut gebadet wird. Da werden wahrlich keine Gefangenen mehr gemacht, sogar – Achtung, Spoiler! – Kriemhild muss dran glauben, vermutlich aus sexistischen Gründen (so genau ist das alles nicht mehr nachvollziehbar). Apropos Sexismus: Der ist hier harsch. Lügende, zickige Königinnen, sich positiv konnotiert lesende Prügelstrafen, die unproblematisiert formulierte Aussage, Frauen müssten „erzogen“ werden und dergleichen mehr zeichnen ein fragwürdiges Geschlechterbild. Andererseits werden seitenlang die ach so edlen Klamotten beschrieben, als handele es sich beim Erzähler um G.M. Kretschmer.

Was das Nibelungenlied (nicht nur) für Historiker(innen) interessant macht, ist der reale geschichtliche Hintergrund. So hat es die verschiedenen Königshäuser offenbar wirklich gegeben, die zum Teil eben untergegangen sind oder sich in kriegerischen Handlungen befanden. Reale Ereignisse vermengen sich hier mit Dichtung, alten Sagen und Mystifizierung, was das „Auseinanderklabüstern“ für geschichtlich Interessierte zu einer spannenden Angelegenheit machen kann. Und natürlich sagt das Nibelungenlied viel über das höfische Treiben und damalige Wertvorstellungen aus, weshalb seine Moral auch sein dürfte: Vorsicht bei Verstößen gegen höfische Regeln, denn sie können tödliche Kettenreaktionen auslösen und ganze Königshäuser auslöschen. Durchaus bedeutender Stoff also, mit dem sich auseinanderzusetzen manch Bildungslücke schließt, dessen Lesegenuss sich jedoch aus den beschriebenen Gründen in Grenzen hält. Die ideologische Fehldeutung des Nibelungenlieds nach seiner Wiederentdeckung ist wiederum ein eigenes beschämendes Kapitel im Umgang mit dem deutschen literarischen Erbe – gut, dass dieses überwunden ist.

Mad-Taschenbuch Nr. 20: Antonio Prohias – Die neuesten Abenteuer von Spion & Spion

„Spion & Spion“ zum Dritten: 1978 wurden die beiden Spitznasen fürs deutsche „Mad“ abermals im Taschenbuchformat aufeinander losgelassen. 160 je zwei oder auch nur ein Panel umfassende (leider wieder unnummerierte) Seiten lang heißt es in den mehrseitigen Geschichten diesmal stets „Der Trick mit…“, worauf eine Alliteration wie „…der ruchlosen Revolte“ oder „…dem trügerischen Treffen“ folgt. Wie üblich sind sich die eineiigen Zwillinge spinnefeind, weshalb sie sich gegenseitig nach dem Leben trachten und sich ausgeklügelte Fallen stellen. Es gibt nur Schwarz und Weiß, ganz wie im Gut-und-Böse-Denken des Kalten Kriegs, den Prohias persifliert, ohne seine Figuren bestimmten politischen oder ideologischen Lagern zuzuordnen. Zu sagen haben sie sich auch weiterhin nichts, die Zeiten von Dialog und Diplomatie sind für die Spione längst vorbei. Man lässt die Waffen sprechen. In einem kurzen Vorwort erfährt man in diesem Band ein wenig zum Autor, nämlich dass er ehemaliger Karikaturist einer kubanischen Tageszeitung sei, der in die USA emigriert sei und nun zeige, dass „es im schmutzigen Kampf der Spione weder Moral noch Sieger gibt.“ Dieser politkritische Aspekt wiederum wird diejenigen eher sekundär interessieren, die sich an Prohias’ Geschick erfreuen, wortlose Geschichten zu erzählen und dabei eine originelle bis herrlich absurde Idee nach der anderen auszutüfteln, die meist Kettenreaktionen, Explosionen und Gewalt nach sich ziehen. Die Titelseiten der einzelnen Kurzgeschichten weisen in jeweils nur einem Panel einen von der eigentlichen Geschichte losgelösten Gag auf, was deren Dichte in diesem Büchlein erhöht. Schwarzweißdenken für Freunde überzeichneter, abstrakter Kriegsführung, die genau wissen, dass sich weder der eine noch der andere Spion jemals unterkriegen lässt und bald wieder in wessen Auftrag auch immer seinem Erzfeind gegenübersteht.

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