Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 1 of 28)

Rolf Boyke – Die gesemmelten Abenteuer von Hanni und Kutte

Aus dem Jahre 1984 stimmt diese weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch immer jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Sie umfasst wie gewohnt rund 150 unkolorierte, handgeletterte (und leider erneut unnummerierte) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch – und passt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung einmal mehr zum Verlagsprogramm wie das Bierchen zum Fußball: Perfekt.

Auf den ein- bis fünfpaneligen, standardmäßig vier Panels im, wann immer nötig, flexiblen Grid umfassenden Seiten finden sich humorige bis satirische Geschichtchen und Geschichten im Funny-Stil um das Paar Hanni und Kutte aus der Anarchoszene, das in einem besetzten Haus lebt und sich gegen das Abrissunterfangen wehrt. Die erste längere Geschichte dreht sich um Beziehungskisten sowie gebetene und ungebetene Gäste – und überzeugt mit köstlichem Humor. In der nächsten längeren Erzählung wollen die beiden spontan in den Urlaub fahren, woraus leider nur Camping auf dem Lande inklusive zahlreicher Widrigkeiten sowie Begegnungen mit einer Neo-Hitlerjugend und dem Militär wird. Grandios und vermutlich aktueller denn je. Und der dritte längere Schwank aus dem Leben unserer Titelhelden wird als Liebedrama angekündigt und nimmt Esoterikgeschwurbel aufs Korn. Hanni lässt sich wahrsagen, sie werde einen tollen Typen kennenlernen. Daraus resultiert eine furiose Geschichte über Suff und Eifersucht.

Am Schluss ist das besetzte Haus dann leider abgerissen worden, bis dahin aber präsentierte sich die ja oft bei Semmel vertretene (ich nenne sie mal) linksalternative Szene erfrischend selbstironisch. Onepager und Kurzgeschichten fungieren als Intermezzi dieses wiederentdeckungswürdigen, hintergründigen Spaßes.

Zeichner und Autor Boyke hatte zuvor für „Hinz & Kunz“ gezeichnet und sein Semmel-Stelldichein durch seine Mitarbeit an „Friede · Freude · Eierkuchen“ gegeben. Ich freue mich schon auf seine weiteren Arbeiten für den Kieler Kultverlag.

Christine Coring – Das Levikon

Dieses im Jahre 2021 im Münchner Kunstmann-Verlag erschienene, rund 210-seitige Taschenbuch ist eine Mischung aus einer Sammlung mehr oder weniger kurioser und für Nichtmuttersprachler nicht gleich verständlicher Wörter und Redewendungen – teils vornehmlich regional auftretend oder als veraltet bzw. jugendsprachlich geltend – und einem Vokabelheft zum Selbstausfüllen.

Es möchte zum einen Freude am Umgang mit Sprache vermitteln, indem es für im Grunde kuriose Wortschöpfungen und den Metapherreichtum des Deutschen sensibilisiert, und zum anderen ganz konkrete Hilfestellung denjenigen bieten, die häufig nur Bahnhof verstehen. Zudem ruft es dazu auf, es eigenhändig zu erweitern, wenn man selbst etwas aufschnappt. Das ist ein lobenswerter Ansatz, den das Buch mit seinem bunten Layout unterstreicht. Besonders gelungen ist die humorige grafische Gestaltung vieler Wörter, die ihre Bedeutung dadurch visualisieren.

Wer es jedoch nicht selbst vollschreiben und nur kurzweilig unterhalten werden möchte, wird schnell feststellen, dass er eben etliche fast leere Seiten gekauft hat. Hier und da runzelte ich dann auch etwas mit der Stirn: Jemanden zu zeigen, was eine Harke ist, bedeutet nicht, schlicht jemandem zu zeigen, wie man etwas richtig macht, sondern eine absolute Demonstration eigener Überlegenheit. Manche Begriffe habe ich noch nie gehört, Wörter wie „wehleidig“, „Dings“, „Kerzendocht“, „apathisch“, „Gräte“ oder „Weiche“ sollte man wiederum nun wirklich niemandem erklären müssen. Mancher Abschnitt ist auch enttäuschend knapp geraten: „Zinnober“ und „Bahö“ sind enthalten, „Bohei“ fehlt. „Astrein“ ja, das besonders schöne pseudoitalienische „picobello“ nein. Sich blümerant zu fühlen bedeutet nicht unbedingt Unwohlsein, und „verschlimmbessern“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die Optik von etwas.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf regionale Begriffe gerichtet. Schön, dass auch die deutschsprachigen Nachbarn aus Österreich und der Schweiz zum Zuge kommen. Alles in allem ist das unsortierte und ohne Inhaltsverzeichnis oder Index auskommende Buch aber ein ziemliches Durcheinander. Gelernt habe ich dennoch etwas, z.B. dass das perverse Wort „Fleischpflanzerl“ gar nicht Österreichisch, sondern Bayrisch ist.

Kay Czucha – Fliegende Piranhas

„Fliegende Piranhas“ aus dem Jahre 1983 ist eine weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Mit seinem Umfang von rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unnummerierten) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch reiht es sich nahtlos ins damalige Verlagsprogramm ein.

Cartoonist Kay Czucha versammelt hier Cartoons und Kurzcomics im gröberen Karikaturstil – vom sich verschwenderisch über zwei Seiten erstreckenden riesigen Einzelbild bis zur sechspaneligen Seite. Manche querformatige Zeichnung hätte sich im ebensolchen Format gedruckt besser gemacht als im Hochformat. Viel satirische Politik- und Systemkritik sowie Verballhornung einer reaktionären Exekutive und eines bigotten Klerus, beseelt vom damaligen Zeitgeist innerhalb der progressiven Linken und Anarchos, hinterlassen einen positiven Eindruck. Demgegenüber stehen viele alberne bis lahme Gags, die es eben auch in dieses Buch schafften, das man zudem sehr schnell durchgeblättert hat.

Frank Schäfer – Metal Antholögy: Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen

Nach „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ aus dem Jahre 2010 und „Talking Metal“ (2011) komplettierte der Braunschweiger Autor, Journalist und Ex-Metal-Gitarrist Frank Schäfer im Jahre 2013 mit „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ seine Metal-Buch-Trilogie für den Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Allen drei Werken ist gemein, dass Lemmy Kilmister den Schutzumschlag ziert. Nachdem „Talking Metal“ ausschließlich aus Interviews mit Szene-Protagonistinnen und -Protagonisten bestand, mischt Schäfer hier wieder Platten-, Festival- und Musikbuch-Rezensionen mit Coming-of-age-Anekdoten und Vergangenheitsbewältigung, in die er Songempfehlungen situativ einflicht, Band-/Musiker-Kurzbiographien, jüngeren persönlichen Geschichten, Beobachtungen usw. miteinander – rund 260 zwischen zwei feste Buchdeckel gebundene Seiten und 81 Kapitel lang sehr abwechslungsreich und pointiert, aber nur witzig, wenn intendiert.

Wie oft bei Schäfer dreht es sich dabei nicht ausschließlich um das, was man sich heutzutage unter Metal vorstellt, der Mann hat auch ein Faible für Musik der 1970er und noch frühere. So finden sich auch hier immer wieder Ehrerbietungen an THIN LIZZY, eine seiner Lieblingsbands. Manches hat nur sehr am Rande überhaupt mit Musik zu tun, beispielsweise wenn er ausgehend von einem Zahnarztbesuch auf Italo-Film-Erlebnisse zu sprechen kommt. Einer meiner Höhepunkte ist sein Bericht von VICIOUS RUMORS live in Gifhorn. Aus der Vorstellung seiner 59 favorisierten Livealben habe ich mir das eine oder andere zum Reinhören notiert, VENOMs „Eine kleine Nachtmusik“ darf man hier aber nicht erwarten – BLIND GUARDIANs famose „Tokyo Tales“ leider auch nicht, was mich etwas überrascht hat.

Schäfer testet ein Rock-Gesellschaftsbrettspiel und spricht sich witzigerweise im nächsten Kapitel gegen ebensolche aus. Musiker Jari Antti kommt zu Interview-Ehren. Im schön geschriebenen Abriss über die Eidgenössen KROKUS hätte er auf den AC/DC-Vergleich hin vielleicht noch schreiben können, dass sie nach ihrer zwischenzeitlichen Versoftung in den 1980ern wieder metallischer wurden, vgl. das Album „Heart Attack“. Ein weiterer Höhepunkt ist sein Erlebnisbericht vom Besuch einer Plattenbörse. Er beschreibt sein erstes Mal – bzw. das Drumherum – und huldigt Tony Jasper sowie dessen Heavy-Metal-Show im Radioprogramm der ‘80er, den er ebenfalls interviewt. Nicht so zwingend finde ich die mehrseitige schlichte Auflistung von Songs, die „Metal“ im Titel tragen.

Ansonsten stellt er die eine oder andere Band jüngere Band vor und beschreibt das Gitarrenspiel diverser Gitarristen mit einigen musiktheoretischen Fachbegriffen, geht also über das übliche in Musikzeitschriften gebotene Niveau hinaus. Ein weiteres Steckenpferd ist das Schreiben über andere, die über Musik geschrieben haben – diesmal über Lester Bangs, was einen weiteren Höhepunkt des Buchs darstellt und mit dem er gemein hat, als Musikkritiker weit mehr als reine Gebrauchsliteratur zu erzeugen. Folgerichtig wird Schäfer auch auf Lesungen eingeladen, die er hier rekapituliert. Eine fand sogar auf einer dieser unsäglichen Wacken-Kreuzfahrten statt. All dies und mehr wird von einem diesmal verhältnismäßig hohen (Schwarzweiß-)Bildanteil aufgelockert, der unter anderem Fotos und Scans historischer Eintrittskarten zeigt. Bei manchen Kapiteln handelt es sich sogar um reine Fotostrecken, deren Material sich jedoch nicht durchweg für farblose Abbildung oder die Verkleinerung auf Briefmarkengröße eignet; zudem habe ich einen Doppler entdeckt.

Weitere kritische Anmerkungen: Tony Iommi hat Lymphdrüsen-, nicht Blutkrebs, und HELLOWEEN spielten anfänglich Speed Metal, nicht Thrash Metal – das würde ich schon gern unterscheiden. Das eine oder andere Kapitel kommt mir auch wie üblich aus vorausgegangenen Büchern Schäfers verdächtig bekannt vor. Davon unabhängig habe ich die Lektüre aufgrund Schäfers persönlich geprägten und kreativen Schreibstils, seines sympathischen Humors und gerade auch seiner steten Sicht über etwaige Tellerränder hinaus einmal mehr genossen.

Cinema-Sonderband Nr. 15: Sex im Kino ’87

Titel wechsel dich: Statt „Erotik im Kino“ kehrte man für diese Fleischbeschauvorschau aufs Kinojahr 1987 wieder zum ursprünglichen Titel der Cinema-Sonderbandreihe zurück. „Sex im Kino ‘87“ also – und anhand des Umfangs (132 statt wie zuvor 100 Seiten) könnte man meinen, das erotische Kino habe einen Aufschwung erlebt.

Dem war natürlich nicht so (bis „Basic Instinct“ waren es noch ein paar Jährchen), doch dürften sich diese Bücher, bei denen es sich mehr oder weniger um Bildbände mit ein wenig Text handelt, nach wie vor gut verkauft haben. Also wurde der Markt bedient, so lange es ging. In Ermangelung echter Erotikfilme, die die Seiten füllen könnten, ohne auf den Pornographie-Bereich zurückgreifen zu müssen, knallte man aufs Papier, wer immer sich in den letzten Jahren als attraktive Frau einmal im Rahmen einer Spielfilmrolle vor der Kamera ausgezogen hatte (oder nicht einmal das: Helen Slater, WTF?!). Damit dies gelang, wich man vom bisherigen Konzept, Filme vorzustellen, ab und präsentierte Schauspielerinnen, ähnlich wie in den Sonderbänden „Sexstars“ oder „Göttinnen des erotischen Films“. Damit ist „Sex im Kino ‘87“ zwar ein retrospektiv nicht uninteressanter Überblick darüber, welche als sexy empfundenen Schauspielerinnen seinerzeit angesagt waren, aber weniger die erwartete Kino- oder Videovorschau. Nichtsdestotrotz lässt sich den Filmographien entnehmen, dass in vielen Fällen der jeweils jüngste Film der Damen nach Deutschland in den Verleih kam – darunter eben auch Familientaugliches.

Jeder Schauspielerin wurde ein von der Redaktion erdachter Titel zuteil; so ist Maruschka Detmers „die Wildkatze“, Béatrice Dalle „die Sensation“, Jessica Lange „die Intellektuelle“ und Madonna „der Megastar“. Von der sei übrigens, so heißt es im Text, ein „Pornofilm“ aufgetaucht. Ist damit „A Certain Sacrifice“ gemeint (der nun wahrlich kein Porno ist)? Das Bildmaterial ist wie gewohnt hübsch anzusehen, in Teilen aber lediglich in Schwarzweiß gedruckt worden und wiederholt sich in den zahlreichen Cinema-Veröffentlichungen zum Thema. Die Textinhalte gehen als Kurzporträts durch und größtenteils in Ordnung, die Fehlerquote scheint sich in Grenzen zu halten (in die Bildunterschrift auf S. 25 schlichen sich aber gleich zwei Stück). Am Schluss liefert der Band noch einige Szenenbilder inklusive eines Russ-Meyer-Specials und ein paar Bond-Girls. Ein Inhaltsverzeichnis und ein Namensindex erleichtern das schnelle Auffinden der Inhalte.

Friede · Freude · Eierkuchen

Die nach „Semmels Satire Sammelsurium“ zweite Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“) stammt aus dem Jahre 1982 und umfasst rund 150 unkolorierte, handgeletterte Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch, das einen sehr hübschen bunten Einband aufweist. Es enthält sowohl ganz kurze als auch relativ lange Geschichten satirischer Natur.

Nicht nur Tomas M. Bunks „Die Flasche!“ zum Einstieg ist sehr vom Kalten Krieg und der Wahl Reagans zum US-Präsidenten geprägt, ließe sich aber auch 1:1 auf den Schwachmaten Trump übertragen. Selbst Rolf Boykes lange, köstliche Geschichte zweier verfeindeter Froschvölker weisen Parallelen zu Reagan auf, heißt einer der Froschkönige doch Bonzo (Reagans Spitzname). „Krieg der Frösche“ ist aber eine allgemein gehaltene Parabel auf sinnlose Kriege und die Idiotie nationalautoritärer Staatsformen. Auch schön: In Detflef Surreys „Die Hex‘ im Wald“ geraten zwei Hexen in die Auseinandersetzungen um die Erweiterung eines Militärgeländes, wobei die eine nicht im Wald, sondern in der Stadt lebt und statt auf einem Besen ganz fortschrittlich auf einem Staubsauger reitet. Haralds „Friedenslärm und Kriegsgeflüster“ ist ein interessanter Comic mit extra viel Zeitkolorit, in dem eine Westberliner Punkerin und Hausbesetzerin einen westdeutschen Friedensaktivisten kennenlernt, mit ihm sexuell wird und er sie daraufhin in Berlin besucht, wo eine Militärparade der Alliierten gestört werden soll. Harald greift damit damalige Debatten nicht nur um Militanz und Pazifismus auf. Leider geriet die Durchführung der Aktion gegen die Parade etwas unübersichtlich.

Bunks „Szenen eines Flops“ ist superdetailreich und dabei superböse, sein aufwändiger und detailverliebter Schraffurstil kommt besonders in seiner Karsten-Dose-Geschichte „Affentanz“ zur Geltung – herrlich makaber, wie ein naiver Pazifist den dritten Weltkrieg auslöst. Fuchsi steuert neben seinem Zorro eine abgefahrene Geschichte über Maschinen mit Bewusstsein, die die Erde beherrschen, sich im Krieg selbst ausrotten und damit Platz für den aus Eiern schlüpfenden Menschen machen, bei.

Alle Geschichten handeln auf die eine oder andere Weise von Krieg, womit dieser Band den damaligen (zahlreiche Parallelen zur Gegenwart aufweisenden) vorherrschenden Zeitgeist dokumentiert – zumindest jenen innerhalb der sich ob der Zuspitzung des Kalten Kriegs besorgt zeigenden Anarcho-/Indie-Comicszene. Lesenswert sind grundsätzlich alle Geschichten, auch die nicht von mir herausgestellten, wenngleich die eine oder andere qualitativ etwas abfällt.

LeON / Vincenzo Cucca – Anne: Die lustigen Abenteuer einer drallen Erstsemester-Schnitte

Dieser im Jahre 2021 im Insektenhaus-Verlag in deutscher Übersetzung als rund 60-seitiges Hardcover-Album erschienene Comicband des belgischen Autors LeON und des italienischen Zeichners Vincenzo Cucca macht erst einmal einiges her: Cuccas realistischer Stil mit Anleihen beim karikierenden Funny entfaltet auf dem hochwertigen Kartonpapier seinen vollen Glanz, die Kolorierungen sind hübsch bunt, die Panelstruktur dynamisch. Doch inhaltlich liegt einiges im Argen.

Erstsemester-Studentin Anne hat einen superdrallen Busen und ebensolchen Po, ist geistig aber sehr unbedarft unterwegs. Ihr Vater passt immer auf sie auf und misshandelt Missetäter, die seinem Töchterchen zu nah kommen. Statt einer durchgehenden Geschichte hangelt Anne sich von einer Episode voller Studentenlebenklischees und Altherrenfantasien zur nächsten, wobei einem vieles vorenthalten wird und gar nicht mehr gezeichnet stattfindet. Zudem soll das alles lustig sein, ist’s aber nun überhaupt nicht: viel Übergriffiges, Missbrauch und Gewalt, nicht nur, aber eben auch gegen Frauen. Vieles davon geht eigentlich gar nicht, derart frauenfeindlich wirken Szenerie und Humor. Angesichts des Titels hatte ich einen sich an alten, spaßigen Erotikcomics orientierenden und diese modernisierenden Band erwartet, oder aber augenzwinkernden Sleaze à la Weissblech. Zu allem Überfluss wurde bei den Seitenzahlen gemogelt, denn mehrere Seiten voller Zeichenskizzen strecken das Teil.

 

Danke, nein.

Naomi Fern (Hrsg.) / Reinhard Kleist (Hrsg.) – Bettgeschichten: Comics für Erwachsene

In dem im Jahre 2012 im Stuttgarter Zwerchfellverlag erschienen, rund 110-seitigen Softcoverband im Zwischenformat geben sich 18 Zeichnerinnen und Zeichner der deutschen Independent-Comicszene ein Stelldichein, darunter Maike Plenzke, Mawil, Steffi Schütze, Calle Claus und auch die Herausgeberin und der Herausgeber. Allen gemein ist, dass sie einmal ihren libidinösen Fantasien freien Lauf lassen und eine Kurzgeschichte für diesen Band beisteuern. Dadurch umfasst der vollfarbige Band eine kunterbunte stilistische Mischung. Manches ist eigentlich reiner Porno, bekommt aber doch noch eine leicht amüsante Pointe angehängt; anderes ist hingegen von vornherein deutlich humoristisch angelegt.

Schön ist’s, dass mehrere Frauen dabei sind – deren Fantasien sich offenbar gar nicht so sehr von denen der männlichen Kollegen unterscheiden. Manche „Geschichte“ geriet ultrakurz, beispielsweise Mahlers Beitrag, der sich eher einen kleinen Spaß erlaubt haben dürfte. Ein anderer Beitrag leidet etwas unter den vielen Rechtschreibfehlern. Allen aber merkt man die Freude daran an, einmal an einem solchen Projekt partizipieren zu können. Mawils Nackedeis in seinem typischen schrägen Zeichenstil sind urst schau. Heterosex trifft in „Bettgeschichten“ auf Gleichgeschlechtliches und Zwitterfantasien; eine Wundertüte, in der für jeden etwas dabei ist und die weitestgehend ohne patriarchalen Sexismus auskommt. Aber Obacht: Es geht mitunter sehr explizit zu, entsprechend ist der Band auch erst ab 18 Jahren freigegeben.

Das stabile, matte Papier fasst sich gut an und hinterlässt einen wertigen Eindruck. Die Kurzportraits aller Zeichnerinnen und Zeichner im Anhang sind aber leider etwas arg klein geraten.

Mawil – Wir können ja Freunde bleiben

Nachdem es mir Mawils Wende-Comic „Kinderland“ so sehr angetan hatte, wurde es Zeit, mich endlich seinen weiteren Werken zu widmen. Der Berliner Comic-Autor und -Zeichner Mawil heißt eigentlich Markus Witzel, ist im Jahre 1976 geboren und schreibt/zeichnet gern „Supahasis“, aber auch autobiographisch – so auch in seinem 64-seitigen, unkolorierten Coming-of-age-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“, der im Jahre 2003 bei Reprodukt als Taschenbuch im Softcover erschien (wo man leider auf Seitenzahlen verzichtete). Diese Veröffentlichung verkauft sich offenbar sehr gut, mir liegt die bereits fünfte Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Ein paar Freunde haben sich zu einer Trinkrunde versammelt, wo Markus von seinen Liebesgeschichten zu erzählen beginnt. Die Trinkrunde dient fortan als Klammer, die die einzelnen als Rückblenden gezeichneten Geschichten zusammenhält. Markus‘ erste große Liebe war eine heimliche Schwärmerei während der Schulzeit, von der die Angeschwärmte gar nichts wusste. Statt wie üblich die religionsfreie Jugendweihe musste der Bedauernswerte zu DDR-Zeiten eine Kommunion über sich ergehen lassen. Anfang der 1990er befand er sich während einer Katholikenfreizeit in einer Disco, in der Nirvana lief – und er sich in ein Mädchen beim Tanzkurs verknallte, das ihm abends auf der Party anbot, Freunde zu werden… Auf der alljährlichen Fahrradtour an der Ostsee inklusive aller Widrigkeiten trifft man auf Neonazis und auf Mädels. „Geil“ heißt hier noch „schau“ und Mawil bringt perfekt zu Papier, wie sich ein geil-langweiliger improvisierter Urlaub anfühlt, wenn man jung ist und die Mädchen die einzig weiteren Jugendlichen weit und breit sind. Am letzten Tag scheint er seinen Schwarm herumzukriegen, vermasselt’s aber, weil er nicht weiß, was sie von ihm erwartet, sie aber auch nicht die Initiative ergreift. Der Klassiker, möchte man meinen.

Im nächsten Kapitel ist er weiter gereift und bezieht zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Herren Länder einen leerstehenden Plattenbau. Fortan herrscht dort ein kreatives, babylonisches Chaos, doch so richtig interessant wird’s erst, als die Spanierinnen dazustoßen. Besonders eine hat’s ihm besonders angetan. Das spanische Temperament und das, was wir Deutschen gern mal als ein bisschen verrückt erachten, bringt Mawil famos zum Ausdruck. Jedenfalls versteht er sich mit der Frau bombig, darüber hinaus will sie aber leider nichts von ihm. Ein weiterer Klassiker.

Auf den meisten Seiten arbeitet Mawil mit einer 3×3-Panelstruktur, die wann nötig jedoch aufgebrochen wird. Mawil verfügt sicherlich nicht über den anmutigsten Zeichenstil, beherrscht es aber aus dem Effeff, Emotionen zu vermitteln, indem er seinen Figuren Körpersprache und Mimik einhaucht und damit lebendig werden lässt. Zeichnerisch und textlich genial umgesetzt ist beispielsweise seine Nervosität, als er bei seiner Tanzkursbekanntschaft klingelt, um ihr zum Geburtstag einen kleinen Blumenstrauß zu überreichen. Hinzu kommt Mawils Gespür für überaus authentisch wirkende Dialoge, bei denen sich mitunter die Sprechblasen überlagern. All dies sowie der eine oder andere unkonventionelle Kniff wie eine Seite mit dem Kopf stehenden Panels, ein paar unaufdringliche wiederkehrende Gags und eine köstliche, formwollendete Selbstironie machen „Wir können ja Freunde bleiben“ zu einer (außer für den Protagonisten) sehr erfreulichen Angelegenheit – bei der man dem Handlettering allerdings durchgehen lassen muss, dass es sich konsequent dem „ß“ verweigert, als handle es sich um eine schweizerische Publikation.

Entgegen etwaigen Erwartungshaltungen besteht „Wir können ja Freunde bleiben“ letztlich jedoch aus sehr harmlosen Geschichten bar jeglichen Fremdschampotenzials, in denen sich der Protagonist nie wirklich zum Obst macht. Wie ihm dürfte es etlichen ergangen sein oder gar noch immer bei der Partnersuche unter (hier übrigens stets namenlos bleibenden) Mädchen und Frauen ergehen – und andere hätten sicherlich noch ganz andere Geschichten zu erzählen, die sie aber wohlweislich eher für sich behalten dürften…

Sanni Kentopf / Alberto Saichann – Honigfeigen

Für Panini ist diese Comic-Veröffentlichung ungewöhnlich, ist der Verlag doch nicht unbedingt für seinen Erotiksektor bekannt. Umso überraschter war ich, als mir dieser vollfarbige, 72 (leider unnummerierte) Seiten umfassende Softcover-Band aus dem Jahre 2010 im 26 cm hohen Zwischenformat antiquarisch in die Hände fiel. Geschrieben wurde er von Sanni Kentopf, einer gebürtigen Norddeutschen, die unter anderem als Tänzerin tätig ist (oder war). Die in dynamischer Panelstruktur angeordneten Zeichnungen stammen von Alberto Saichann, der einen realistischen Stil verfolgt.

„Honigfeigen“ möchte an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“ anknüpfen; so ist es unschwer zu erraten, dass es sich um jenes Buch handelt, das in der Wohngemeinschaft von Stan, Marla, Ricky, Linda und Leonie kursiert und die Bewohnerinnen ermutigt, eigene sexuelle Anekdoten miteinander zu teilen, die in Form von Rückblenden eingearbeitet sind und den eigentlichen Inhalt dieses Buchs ausmachen. Alle fünf jungen Frauen werden charakterlich auf der Innenseite des Buchdeckels kurz angerissen; die 18-jährige Ricky, die die WG gerade bezieht, führt als Erzählerin durch den Comic.

Leonie hatte einen langweiligen Sexualpartner, der erst aus sich herauskam, als sie ihm ihren Finger in den Hintern schob. Seine weiteren Wünsche mit Natursekt und Kerzenwachs waren ihr aber zu pervers. Linda ging zu einer Prostituierten in den Asia-Puff und ließ sich von dieser verwöhnen. Marla schnitt sich ein Loch ins Höschen, weil das ihre Fantasie beflügelte und sie heiß machte. Sie besuchte eine Party, wo sie auf ihren Schwarm Manni traf und sich im Wandschrank von ihm lecken ließ. Was sie nicht wusste: Sie hatte ihre Tage und Manni daraufhin ein blutverschmiertes Gesicht. Stan rieb sich Muschisaft als Lockstoff hinter die Ohren und ließ sich von Alex abschleppen. Der eröffnete ihr anschließend, sie super zu finden, dass ihr Parfum aber gar nicht gehe… Schlussendlich ist Ricky dran: Sie hat noch gar nichts zu erzählen, muss erst noch Erfahrungen sammeln. Also fährt sie zum Friseur und lässt sich eine Intimfrisur schneiden, woraufhin sie ganz geil auf den Friseur wird. Später treibt sie es mit Leonie.

In seinen Bildern ist „Honigfeigen“ recht freizügig, ohne dabei in die Vollen zu gehen. Ein softpornöser Comic, der, obwohl von einer Frau geschrieben, ganz auf ein männliches Publikum und dessen schlüpfrige Fantasien von den Vorgängen innerhalb einer weiblichen Wohngemeinschaft zugeschnitten ist. Das verwundert und geht sogar so weit, dass sich der Erotikfaktor vornehmlich aus der Zurschaustellung weiblicher Körper speist, während männliche Genitalien gar nicht erst zu sehen sind. Die Bezugnahme auf „Feuchtgebiete“ wirkt reichlich bemüht, zumal der Ekelfaktor hier wesentlich geringer ausfällt, um den Erotikgehalt nicht zu torpedieren. So liest sich „Honigfeigen“ auch weit weniger provokant, als es vielleicht gern wäre, und verweilt überwiegend dann eben doch in Erotikstandards. Diese jedoch sind in ihrer sexpositiven Ausrichtung recht ansprechend umgesetzt und gestehen ihren Protagonistinnen selbstbestimmte Abenteuer ebenso zu wie sich auszuprobieren und offen damit umzugehen.

Ein vierseitiges, mit vielen Fotos versehenes Interview mit Sanni Kentopf findet sich im Anhang.

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