Günnis Reviews

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Gerald Fricke / Frank Schäfer – Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger

Auf „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ folgte ein Jahr später, 1998, die logische Fortsetzung: „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“, ebenfalls im Reclam-Leipzig-Verlag erschienen. Diesmal ohne Beteiligung Rüdiger Wartuschs knöpften sich die Braunschweiger Autoren Gerald Fricke und Frank Schäfer die 1980er vor und zählten damit zu den Pionieren in der literarischen Aufarbeitung des Dezenniums der Postmoderne, die in Deutschland aus der Posthistorie und dem mit ihr verbundenen allgemeinen Krisenbewusstsein entstanden war.  Die Vergangenheit galt als fern, das Subjekt als tot, ehemals fortschrittliche Entwicklungen als überholt. Dadurch wurde wieder alles möglich: Wiederaufnahme traditioneller Gattungs- und Genremuster, Spiel mit ästhetischen Formen, ironische Brechung, Mischung der Stillagen, Zitat und Intertextualität, was sich auch in der thematischen Beschäftigung mit Unbewusstem, Verdrängtem, den dunklen Seiten der Persönlichkeit äußerte. Artistik statt Authentizität wurde zum Leitbild, privat-subjektive Alltagsbefindlichkeiten traten hinter einen neuen Kunst- und Stilwillen zurück.

Stilistisch blieben Fricke und Schäfer der eingeschlagenen Linie treu, sprich: statt eines „seriösen“, trockenen Lexikons verfasste man einen sarkastischen, alphabetisch sortierten Führer durch Politik, Gesellschaft, Literatur sowie Pop- und Subkultur der Jahre 1980 bis 1989 aus hochschulgebildeter bundesdeutscher Perspektive mit tendenziell progressiver Haltung. Mit den ca. 175 Seiten dieses Taschenbuchs bekam man einen etwas größeren Umgang zugebilligt, den man u.a. für ein sieben Seiten langes kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis gut zu nutzten wusste. Ein knappes Vorwort und eine kurze Einführung sowie elf Schwarzweißbilder runden das Buch ab.

Sich dieses Wörterbuch im Jahre 2020 während eines (von der Covid-19-Pandemie leider empfindlich unterbrochenen) grassierenden popkulturellen ‘80er-Retrotrends zu Gemüte zu führen, das zudem nun bereits 22 Jahre auf dem Buckel hat, erlaubt eine spezielle Sichtweise sowohl aufs Jahrzehnt als auch auf dieses Buch, die die Verfasser damals natürlich noch nicht haben konnten. Bereits in ihrem ‘70er-Wörterbuch hatten sie durchblicken lassen, wahrlich nicht die größten ‘80er-Fans zu sein. Doch am Ende jener Dekade stand die überraschende Erkenntnis, dass die Apokalypse ausgeblieben und stattdessen der sog. Ostblock relativ sang- und klanglos in sich zusammengefallen war. Verglichen mit den Desillusionen und dem Wahnsinn, die in den ‘90ern über vernunftbegabte Menschen hereinbrachen, muten sie jedoch in der Retrospektive paradiesisch an. In den ‘90ern galt vieles als überholt und peinlich, was in den ‘80ern noch angesagt war – ein Irrtum, wie man längst weiß. Für diese Erkenntnis musste man mutmaßlich jedoch erst einmal die ‘90er überwinden, ergo findet sie sich noch nicht in „Petting statt Pershing“, dessen Titel einer Losung der Friedensbewegung entlehnt wurde. Und vom angeblich schon Ende der ‘90er eingesetzten ersten ‘80er-Revival habe ich nichts mitbekommen – wenn, dann muss es sich um ein kurzes Strohfeuer oder eine Mogelpackung (wie z.B. Modern-Talking-Remixe mit Dancefloor-Beats) gehandelt haben.

Nichtsdestotrotz ist dieses Wörterbuch weit weniger aggressiv anti-‘80er ausgefallen, als ich befürchtet hatte, überwiegend bietet es einen recht nachvollziehbaren Rundumschlag zwischen Einordnung und Polemik, der sich an diejenigen richtet, die selbst dabei gewesen sind. Beim „Alternatives Leben“-Eintrag handelt es schon beinahe um eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte, John Hughes „Breakfast Club“ hat man verstanden und würdigt ihn entsprechend, verrückte Vergleiche wie der Rainald Goetz‘ mit John Belushi gefallen mir ebenso wie der Raum, der (mutmaßlich Schäfers) Literaturkritik eingeräumt wurde – Ulla Hahn z.B. erstreckt sich über drei Seiten, auch Motörhead wird angemessen viel Platz geschaffen, das Videospiel „Pacman“ tiefenpsychologisch interpretiert und gegen Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ ausführlich polemisiert. Genug davon, gehen wir über zur Kritik: Mit Popmusik stand man offenbar so sehr auf Kriegsfuß, dass sich zahlreiche Flüchtigkeitsfehler einschlichen (oder hatte man Sorge, bei korrekter Schreibweise Gema-Abgaben leisten zu müssen?): Bananarama sangen „talking Italian“, nicht „talking Italia“, der Queen-Hit hieß „I Want To Break Free“ (hier unterschlug man das Personalpronomen), in Depeche Modes „People Are People“ hieße es korrekt es statt „what…“ „WHY should it be“, bei „U2 – Where The Streets Have No Names“ dichtete man einen zweiten Plural dazu und aus Grandmaster Flash machte man „Grandmaster Flesh“. Ähnliche Fehler finden sich unter „Conan“, wo man dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen mit einem zweiten „s“ an Schärfe verleiht, und unter „Kultur ‘88“, wo Loriot hilflos mitansehen muss, wie aus seiner Komödie „Ödipussi“ das Russ-Meyer-Vehikel „Ödipussy“ wird. Und schickte es sich 1998 tatsächlich noch, US-amerikanische Basketballer als „Neger“ zu titulieren?

Den Versuchen, die Friedensbewegung derartig undifferenziert zu verhöhnen, dürfte das reaktionäre Lager kräftigen Applaus gespendet haben. Echte Männer finden Stevie Wonders „I Just Called To Say I Love You“, jene wunderschöne Liebeserklärung mit ihrem warmem Bass als Herzschlag, natürlich zutiefst kitschig und widmen der Attacke auf dieses Stück einen von nur zwei Eintragen unter „I“. Zugegeben, die dem „Kinder an die Macht“-Eintrag zugrundeliegenden Überlegungen in Bezug auf den gleichnamigen Grönemeyer-Song kamen mir auch, Gerhard Henschels ehrrührendes und zynisches Zitat über Reinhard Mey ist jedoch eine einzige Frechheit, deren Abdruck man sich besser geklemmt hätte. Einen den Rahmen  des Buchs sprengenden Eindruck vom Facettenreichtum der ‘80er liefern die Abschnitte „Erfindungen“ und „Zum goldenen Schluß: Was noch fehlt“, unter denen einfach aneinandergereiht wird, worüber man nicht schreiben wollte, konnte oder durfte. Dafür geizte man nicht mit Fremdwörtern und veralteten Vokabeln, was der ohnehin mitunter etwas arroganten Schreibe der Verfasser einen bisweilen unangenehm elitären Duktus verleiht: Autochthonen, kujoniertisch (gibt’s das Wort überhaupt?), rousseauistisch, Trouvaille, extemporiert, Chinoiserie, pyknisch, alludierend, onomatopoetisch, anheischig, insinuieren, kobolzen, lukullisch, Troglodytenkino, saturiert, opak, akzeliert und karriolen. Glückwunsch, Jungs, da braucht man gleich ein weiteres Wörterbuch.

Definitiv fehlt ein Eintrag zum Thema Heavy Metal, was Schäfer zutiefst bedauerte und fortan verstärkt als Autor von Musikbüchern in Erscheinung trat und im Jahre 2001 sogar ein Werk gleichen Titels veröffentlichte. Und das noch einer gewissen juvenilen Wortschatzprahlerei geschuldete Jonglieren mit ungebräuchlichen Begriffen bekam er später bekanntlich auch noch weitestgehend gezähmt. Mein mit den Jahren retrospektiv gewachsenes, persönliches sympathisierende Interesse für (zumindest für jemand subkulturell Sozialisierten) größere Teile postmodern geprägter, sich neue Freiheiten zunutze machender Populärkultur der ‘80er teilen Schäfer und Fricke in diesem Band sicherlich nicht – doch würde es mich kaum wundern, betrachteten sie heute das eine oder andere doch aus einem etwas anderen Blickwinkel und kämen sie mitunter zu anderen Schlüssen. Mit seiner zwischen seinen Buchdeckeln verschriftlichten Haltung den ‘80ern gegenüber ist „Petting statt Pershing“ jedenfalls sehr ‘90er.

Zum Abschluss ein Netzfundstück zum Thema:

Frank Miller / Klaus Janson / Lynn Varley – Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters

Zu US-Comiczeichner Frank Millers ersten erfolgreichen Arbeiten gehört seine revolutionäre Adaption des Batman-Stoffs, die als „The Dark Knight Returns“ im Jahre 1986, ursprünglich in vier Bänden, veröffentlicht wurde und eingedeutscht o.g. Titel trägt. Die deutsche Fassung erschien erstmals 1989 und liegt mittlerweile in mehreren verschiedenen Auflagen vor. Meine ist der 2017 im Panini-Comics-Verlag erschienene, 228 Seiten starke Hardcover-Band, der neben Millers und Jansons von Varley kolorierten Zeichnungen die überarbeitete Übersetzung Steve Kups‘ und Jürgen Zahns enthält. Erweitert wurde diese Ausgabe um eine Einleitung Jürgen Zahns, ein ausführliches Vorwort Millers, ein Interview Brian Azzarellos mit Miller aus dem Jahre 2015, Millers erstes Exposé, alternative Coverbilder, Skizzen und ein Nachwort Christian Endres‘. Volles Programm also, für seine 25,- EUR bekommt man einen ordentlichen Gegenwert.

Um den stagnierenden Verkäufen der DC-Comics entgegenzuwirken, entschied man sich seinerzeit zu einem im DC-Multiversum mutigen, radikalen Schritt: Batman war deutlich gealtert und befand sich in einem selbstauferlegten Vorruhestand, Superman hatte sich unlängst enttarnt und diente nun dem US-Präsidenten und der bzw. die später hinzustoßende Robin ist weiblich. Potzblitz, das hatte es zuvor nicht gegeben. Wann immer die Reihe bisher einen Reboot erhalten hatte, war Batman wieder ein topfitter, moralisch über jeden Zweifel erhabener junger Mann, an Supis Geheimidentität wurde nicht gekratzt, Robin war stets ein Junge – und sollten die vielen verschiedenen Zeichner und Autoren doch einmal erzählerisch miteinander kollidiert sein und Widersprüche produziert haben, wurde das Problem gelöst, indem man einen der Handlungsstränge schlicht zu einem parallel auf einer weiteren Erde des Multiversums stattfindenden erklärte.

Dieser Batman oder vielmehr dieser 55-jährige Bruce Wayne ist unter Millers Federkiel nun jemand, der in den 1980ern desillusioniert von Batman in der dritten Person spricht und, noch immer mit Butler Alfred auf seinem Anwesen am Rande Gotham Citys lebend, seine doppelte Identität wie eine gespaltene Persönlichkeit behandelt – im Prinzip ähnlich wie bei ehemaligen Gegenspielern à la Harvey „Two-Face“ Dent. Diesem hat er eine plastische Operation finanziert, um seine Resozialisierung zu unterstützen. Als Batman trat er lange nicht mehr in Erscheinung, die Stadt wird mittlerweile von einer brutalen Gang, die sich „Die Mutanten“ nennt, in Atem gehalten; Gotham wird stärker von Kriminalität erschüttert als je zuvor. Diese gibt letztlich den Ausschlag dafür, dass er wieder als Batman auftritt; zeitgleich tritt Harvey Dent wieder auf den Plan und droht, die Twin Towers (!) dem Erdboden gleichzumachen. Batman bereitet sich auf den Kampf gegen den Mutantenführer vor und findet in Carrie Kelly ein Mädchen, das er zum neuen Robin ausbildet.

Doch die öffentliche Wahrnehmung hat sich geändert: Es findet eine öffentlich geführte Debatte über die Legitimität der Batman’schen Selbstjustiz statt. Der US-Präsident beauftragt gar Superman damit, Batman aufzuhalten. Und tatsächlich hat sich eine Gruppierung gebildet, die sich „Batmans Söhne“ nennt und mit unverhältnismäßig brutalen Mitteln gegen Kleinkriminelle vorgeht. Batmans alter Erzfeind, der Joker, wiederum wird vom naiven Psychologen Dr. Bartholomew Wolper als geheilt erachtet, ohne zu ahnen, dass Batmans Rückkehr auch dessen schwerstkriminelles, psychopathisches Wesen reaktiviert. Schafft Batman die Psychopathen, die er bekämpft, im Endeffekt also selbst? Oder muss er als Sündenbock einer sich verändert habenden Gesellschaft und eines Politik- und Mediensystems herhalten, in dem das Pochen auf Prinzipien wichtiger geworden ist als Menschenleben, in dem sich die Verhältnismäßigkeiten vollkommen verzerrt haben? Als aus dem Kalten Krieg zwischen den Systemen ein heißer wird, muss Superman eingreifen und versuchen, die tödlichen Folgen der aggressiven US-Außenpolitik einzudämmen…

Frank Miller zieht mit „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ sämtliche Register, unter Atomkrieg und dem Tod des Jokers macht er’s nicht. Die Vorgeschichte(n) Batmans integriert er meisterhaft in die Erzählung und entwirft ein psychologisch (das besondere Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Joker und Batman) und gesellschaftlich komplexes Szenario, das die Realität der 1980er auf- und überzeichnet auf die Spitze treibt und in Teilen den Desillusionen der 1990er vorweggreift. Miller ersetzt konventionelle Comic-Panels durch Fernsehapparate: Große Teile der Geschichte werden in Form von Nachrichtensendungen und Talkshows erzählt, die die Debatten bestimmen und anheizen – und sogar Serienmördern wie dem Joker ein Forum bieten, zum Sprachrohr seines behandelnden Psychologen und schließlich seiner selbst werden. Miller führt vor Augen, wie damals, in den Prä-World-Wide-Web-Zeiten, die Außenwelt wahrgenommen und konsumiert wurde: Übers TV-Gerät, das als kleiner, streng umrahmter Kasten in schematisch exakt angeordneten Panel-Grids in seinen Zeichnungen eine gewisse Form von Klaustrophobie erzeugt. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist auch ein abstrahiertes Porträt der Generation TV. Als Batmans Fürsprecherin tritt mit einer ebenfalls gealterten, dick gewordenen Lana Lang eine weitere altbekannte Figur auf, was beweist, wie vertraut Miller mit dem Batman-Kosmos ist.

Zunächst einmal bekommen der sensationsjournalistische Debattenstil des medialen Overkills und Supermans plumper Patriotismus ihr Fett weg, später dann Ronald Reagan, der den Kalten Krieg für Ablenkungsmanöver von US-immanenten Missständen instrumentalisiert und letztlich gar einen Atomschlag provoziert. Miller & Co. illustrieren anschaulich dessen Folgen und lassen die USA in einem nuklearen Winter versinken. Batman tut sich mit Oliver „Green Arrow“ Queen zusammen, der ihn in seinem finalen Kampf unterstützt, welcher weitere Tode bekannter Figuren fordert und am Ende einen neuen Status Quo schafft, der mit einigen Tabus in Bezug auf die Batman-Reihe bricht. Miller konnte sich also so richtig austoben und bekam ungewöhnlich viele Freiheiten für dieses Projekt, das erzählerisch dem Neo-Noir ebenso verhaftet ist wie apokalyptischer Dystopie, Medien- und Institutionskritik, der Darstellung von Menschen in Extremsituationen und – ja, auch: etwas Humor, und zwar in seiner sarkastischen Ausrichtung. Dass all diese Ingredienzien auch dramaturgisch derart adäquat ineinandergreifen, dürfte eine der größten Herausforderungen gewesen sein. Abstriche muss man jedoch beim Realismus in Kauf nehmen (da wird in Band 2 beispielsweise von einem Maschinengewehrfeuer lediglich der Geiselnehmer getroffen, nicht aber das Kind), generell geht der Actionanteil häufig zu Ungunsten des Realismus – allen körperlichen Wehwehchen des Bat-Seniors zum Trotz.

Demgegenüber steht Millers etwas kritzeliger und stellenweise regelrecht unübersichtlicher Zeichenstil, bisweilen wirken die Zeichnungen gar regelrecht plump. Das ist gerade für die Freunde und Freundinnen der ’70er/’80er-Ära gewöhnungsbedürftig, sieht nach ungebundenem, sich seine Freiheiten herausnehmendem Independent-Stil aus, kann aber bis zum Schluss nicht ganz zur erzählerischen Qualität aufschließen. Nichtsdestotrotz stand „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ seinerzeit für eine neue Comic-Ästhetik und machte das Medium nachhaltig für ein erwachsenes Publikum interessanter. Schade nur, dass Two-Face so bald überhaupt nicht mehr erwähnt wird – so rund „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ als in sich abgeschlossene Graphic Novel auch erscheinen mag, es wirkt, als habe man das gute alte Doppelgesicht glatt vergessen.

Hartmann von Aue – Erec

Hartmann von Aues „Erec“ entstand, so vermutet man, gegen Ende des zwölften Jahrhunderts und gilt, wenn auch basierend auf dem französischen „Erec et Enide“ aus der Feder Chrétien de Troyes’, als erster deutscher Artusroman, also jenem Kanon ritterlicher Sword-&-Sorcery-Fantasy-Sagen um den König mit seiner berühmten Tafelrunde. Geschrieben wurde diese Adaption im Versmaß in heute wie eine Fremdsprache anmutendem Mittelhochdeutsch. Die Studienausgabe aus dem Reclam-Verlag bietet sowohl die originale mittelhochdeutsche Schrift als auch eine neuhochdeutsche, also lesbare, Übersetzung, für die die Reime des Versmaßes ignoriert werden, in der Prosaform jedoch das Versmaß insofern beibehalten wird, dass Zeile für Zeile übersetzt wird, also stets Original und Übersetzung direkt gegenüberstehen. Ferner umfasst der über 700 Seiten starke Band im Taschenbuchformat einen umfangreichen Anhang, mit Hintergrundinformationen zur Überlieferungssituation und der Arbeit an dieser Ausgabe, einem ausführlichen Kommentar, Literaturhinweisen und einem Nachwort.

Erec, der Sohn des Königs Lac, hat noch keine „Aventüre“ bestanden und muss deshalb zurückbleiben, als fast alle anderen zur Jagd ausreiten. So begibt er sich auf einen Ausflug mit der Königin Ginive und ihren Hofdamen, währenddessen man einen von einem Zwerg und einer Dame begleiteten Ritter am Horizont erblickt. Die Königin möchte wissen, um wen es sich handelt, und schickt eine Hofdame vor, um dies in Erfahrung zu bringen. Doch der Zwerg lässt sie nicht zu seinem Herrn durch und schlägt sie gar mit seiner Peitsche, als sie weiter zum Ritter vordringen möchte. Gedemütigt kehrt sie zurück, woraufhin der unbewaffnete Erec zum Zwerg eilt und sich ebenfalls seinen Geißelschlag abholt. Diese Entehrung will Erec nicht auf sich sitzen lassen und verfolgt den Ritter, der sich als Iders entpuppt, samt dessen Gefolge bis zur Burg Tulmein des Herzogs Imain. Er findet eine Unterkunft beim verarmten Coralus, der mit seiner schönen Tochter Enite zusammenlebt, und beschließt, auf Tulmein im Sperberkampfturnier gegen Iders anzutreten. Er versichert Coralus, Enite im Falle eines Turniersiegs zur Frau zu nehmen. So geschieht es, Iders muss nach einem erbitterten Kampf gegen Erec klein beigeben und Erec heiratet Enite am Artushof.

Erec und Enite ziehen auf den Hof Garnant seines Vaters, wo er die Herrschaft übernehmen soll. Erec und Enite ziehen es jedoch vor, im Bett zu bleiben, worüber Erec seine Pflichten vernachlässigt und zum Gespött seiner Untertanen wird. Daraufhin verlässt er den Hof auf der Suche nach Abenteuern und verbietet seiner ihn begleitenden Frau das Wort. Um ihren Mann vor Angreifern zu warnen, verstößt sie jedoch mehrmals gegen sein Gebot, woraufhin er sie wie eine Sklavin behandelt und zum Führen der den Angreifern abgenommenen Pferde verdonnert. Erec muss sich im weiteren Verlauf zahlreicher weiterer Gefahren erwehren, kämpft gegen Gauner und Edelmänner, rettet jemanden unter Einsatz seines eigenen Lebens vor zwei brutalen Riesen und wird schwerstverletzt. Zu Enite wird er später sagen, dass sein ihr auferlegtes Sprechverbot lediglich ein Test ihrer Aufopferungsbereitschaft und Treue sein sollte. Im Finale schließlich bezwingt er als erster Held überhaupt den Hünen Mabonagrim, der das Leben zahlreicher Edelmänner auf dem Gewissen hat. Am Ende geht er zurück nach Garnant und herrscht dort mit Enite gerecht, ohne Fehl und Tadel, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Soweit zum Inhalt dieses unbestritten historisch unheimlich bedeutsamen Artusromans. Die neuhochdeutsche Übersetzung stellt einen annehmbaren Kompromiss aus Beibehalt der Versstruktur und allgemeinverständlicher Lesbarkeit dar, die, so mein Eindruck, auch nicht ganz so übertrieben/gezwungen altertümlich zu klingen versucht wie andere solcher Übersetzungen. Auch wenn man sich nicht sonderlich für Artusromane interessiert, lässt sich das Buch relativ stolperfrei und rasch rezipieren. Ob es sich um einen formvollendeten Genuss handelt, dem sich immer mal wieder als solcher zu erkennen gebenden und seine Zuhörer(innen) bzw. Leser(innen) direkt ansprechenden Erzähler bei seinen Ausführungen zu folgen, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Er versichert die Glaubhaftigkeit der Geschichte, die er von einem Freund erfahren haben will und lediglich weitergäbe. Wer dieser Freund sein soll, verrät er nicht, stellenweise räumt er aber ein, wie phantastisch das alles klingt und zitiert sogar sein imaginäres Publikum! Heutzutage wissen wir, dass das billige Taschenspielertricks sind, ähnlich dem Hinweis „basierend auf wahren Begebenheiten“ manch Genrefilm-Schlockers.

Wie komme ich jetzt auf den Genrefilm? Weil mir die Artusromane so etwas wie der Ursprung der Sword-&-Sorcery-Fantasy zu sein scheinen, der viel Sword und immerhin ein bisschen Sorcery bietende Erec also so etwas wie der Urahn Conan des Barbars und Artverwandter (Ator z.B. – allein deshalb hier erwähnt, weil der so viel lustiger ist als Conan) sein dürfte. Bei diesen handelt es sich zwar um Barbaren, die sich in ihrem Verhalten jedoch nicht maßgeblich von dem der ach so edlen Ritter unterscheiden. Beiden Gattungen (wenn man sie denn so nennen will) ist gemein, dass der jeweilige Held, ob nun Ritter, Barbar oder wer auch immer sich durch mittelalterliche Fantasy-Welten schwertschwingend schlagen muss, einfach immer das entscheidende Quäntchen versierter, besser, stärker als sein oft scheinbar übermächtiger Gegner ist. Ein echter Supermann eben – und damit ein recht stumpfer Topos. Darum scheint es bei Erec jedoch gar nicht unbedingt vorrangig zu gehen, bzw. fungieren diese Heldenepisoden als Aufhänger für Verhandlungen von Ehrhaftig- und -losigkeit, Scham und Pein, Gewalt und Gnade und letztlich für Erecs Entwicklung vom übermütigen Jungspund zum vorbildlichen Ritter und verantwortungsbewussten Ehemann und Herrscher, die sich möglicherweise auch als symbolträchtige Allegorie auf den Lebensweg oder zumindest Teile dessen der Normalbevölkerung lesen lässt, als eine Art Lebensratgeber gewissermaßen (Übermut tut selten gut, kämpfe mit Verstand und lass Gnade walten, ruhe dich nicht auf deinen Lorbeeren aus, stelle dich den Herausforderungen des Lebens und übernimm Verantwortung, it’s a long way to the.top usw.).

Erecs Verhalten gegenüber Enite, der, wie der Erzähler nicht müde wird zu betonen, allerschönsten aller schönen Frauen, rechtfertigt das dennoch nicht und irritiert nachhaltig – so sehr, dass weder Enite, die ihr Leben dem Erecs vollständig unterordnet, noch Erec als Identifikationsfiguren vollumfänglich taugen. Und wie auch im Nibelungenlied enthält „Erec“ einige Stilistik, die heutzutage nicht ohne Grund als schlechter Stil gilt, beispielsweise heillos übertrieben detaillierte Beschreibungen besonders wertvoller Gegenstände oder schier endlose Aufzählungen, ganz zu schweigen von diversen schwarzweißmalerischen Idealisierungen. Was damals wahrscheinlich für basses Erstaunen gesorgt hat, wirkt heute eher ermüdend. Dennoch: Kann man auch außerhalb eines ÄdL-Seminars ruhig mal gelesen haben – allein schon, um festzustellen, wie wenig sich klassische Topoi – ob nun in Form der „Heldenreise“, im Fantasy-Kitsch oder in Ästhetik und Inhalt sog. Epic-Metal-Bands – bis heute geändert haben.

Gerald Fricke / Frank Schäfer / Rüdiger Wartusch – Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch

Eine notwendige Kritik

Die „Griffel. Magazin für Literatur und Kritik“-Herausgeber Frank Schäfer und Rüdiger Wartusch taten sich mit Gerald Fricke für das 1997 im Reclam-Leipzig-Verlag veröffentlichte „notwendige Wörterbuch“ „Die Goldenen Siebziger“ zusammen, das eine lose Tradition lexikalischer Bücher lostrat, die der ehemalige Gitarrist der Metal-Band Salem’s Law und spätere Popkultur-Essayist und Romanautor Frank Schäfer zusammen mit wechselnden Koautoren verfasste. Allen gemein ist die humoristische bis satirische Perspektive auf die jeweiligen Inhalte, es handelt sich also gewissermaßen um Mock-Wörterbücher/-Lexika. Der Startschuss dieses Braunschweiger Klüngels war diese Retrospektive auf die Jahre 1970 bis 1979 im Taschenbuchformat, wenngleich das Jahrzehnt streng genommen von 1971 bis 1980 reichte. Rund 160, von neun Schwarzweißbildern aufgelockerte und um eine kurze Einführung, ein Wondratschek-Zitat und ein Vorwort ergänzte Seiten lang wird also jener Zeitraum alphabetisch sortiert vom in eben jener Zeit sozialisierten Trio in seine einzelnen Versatzstücke zerteilt, neu zusammengesetzt und aufgearbeitet. Der bildungsbürgerlich-akademische Hintergrund der drei Autoren kommt dabei ebenso deutlich zur Geltung wie deren tendenziell progressive Haltung, wenn sie versuchen, die Bereiche Politik, Gesellschaft und Pop-/Subkultur sowie – natürlich – Literatur subjektiv, aber in breitem Umfang abzudecken.

Der Umstand, dass sich in den 1970ern Goutierbares und Scheußliches in etwa die Waage hielt, zwang die Autoren zu einer Unterscheidung in „gute Siebziger“ und „schlechte Siebziger“. Da das Buch inmitten der ’70er-Retrowelle der beschissenen Neunziger (mein Titelvorschlag für ein ’90er-Lexikon) erschien, dürfte dieser es sich auf den ersten Blick etwas einfach machende Kniff geholfen haben, ein kritisches Bewusstsein (wieder-)herzustellen, wenngleich man sich eigentlich an ein Publikum richtet, das die ’70er selbst erlebt hat und alles kennt oder zumindest kennen sollte – also an Nostalgiker(innen) und deren Subspezies. Dass nicht jeder Gag sitzt: geschenkt. Zwischen allem Sarkasmus und aller Polemik muss man auch nicht immer – schon gar nicht mit 23 weiteren Jahren Abstand – einer Meinung mit den Verfasserin sein, denn grundsätzlich ist die offensiv vorgetragene Haltung erfreulich, versteht sie es doch, insbesondere politischen und Mainstream-medialen Phänomenen mit den gebotenen hochgezogenen Augenbrauen zu begegnen. Leider ist nicht immer alles allgemeinverständlich, aber a) was ist das schon?, und b) bleibt das die Ausnahme, elitäre Akademikerschreibe weitestgehend gezügelt.

Dennoch: Ohne Vorkenntnisse wird wohl niemand aus dem Eintrag zum NATO-Doppelbeschluss schlau. Und war „Klimbim“ wirklich so schlimm? Beim „Sandmännchen“ jedenfalls liegen sie definitiv falsch: Ich habe beide Varianten gesehen und bin Augenzeuge, dass der DDR-Sandmann seinem Pendant aus dem kapitalistischen Ausland überlegen war (und ist). Schwach auf der Brust sind die Einträge über Paul Breitner und McDonald’s, auch der zu Schlöndorff ist nicht nur aus Filmhistorikersicht ungenügend. Außerdem dürfte es sich um die einzige deutsche ’70er-Rückschau handeln, die die RAF nahezu komplett ausspart. War das bewusst als eine Art Statement gedacht? Unter „Punk“ muss man sich enttäuschenderweise mit einer nichtssagenden Anekdote begnügen. Skandalös falsch ist gar die Definition von „Oi“: Diese Punk-Strömung hat einen eigenen Eintrag bekommen, in der sie rein politisch rechts verortet wird. Hereingefallen, kann man da nur sagen – und anmerken, dass ein wenig Recherche Abhilfe geschaffen hätte.

Positiver fällt der Hang der Autoren zur Literatur(-kritik) auf, der sich in relativ ausführlichen Einträgen beispielsweise zur Neuen Subjektivität niederschlägt. Mit Vergnügen habe ich – als Auto-Laie und -Ignorant wohlgemerkt! – die Absätze zu unterschiedlichen Kfz-Modellen gelesen. Mein persönlicher Höhepunkt findet sich jedoch unter „U“ wie „Unsere kleine Farm“: Die für den Verriss dieser vermutlich tatsächlich unerträglichen Sonntagnachmittags-Heile-Welt-Familienserie exemplarisch herangezogene Handlung einer Episode erscheint mir alles andere als abwegig, denn auch ich habe zeitweise in der Schule nichts mehr mitbekommen, weil ich mich trotz Kurzsichtigkeit konsequent einer Brille verweigerte, haha…

Für ein Debüt ist „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ eine annehmenswerte Einladung zu einer durchaus vergnüglichen Reise durch die Untiefen, Höhe- und Tiefpunkte sowie Absurditäten der ’70er aus der Perspektive bundesdeutscher, gebildeter jünger Männer, die jedoch bereits andeuten, was sie von den ’80ern halten. So liegt mir auch der Fricke/Schäfer-Nachfolger „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“ vor, von dem ich schon jetzt weiß, dass mein Widerspruch wohl wesentlich vehementer ausfallen wird als zu diesem handlichen Büchlein, dem in jedem Falle ein paar mehr Bilder gutgetan hätten – aber einen bunten Wälzer voller großflächiger Abbildungen bei Verdopplung der Seitenzahl dürfte einem solchen Debütantentrio wohl kein Verlag finanziert haben. Wer die ästhetische Seite der ’70er genießen will, sollte sich ohnehin besser einen schönen Giallo (wo ist dieser Eintrag eigentlich abgeblieben?) aus den guten Siebzigern einlegen.

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 4: 1957 – 1958

Band 4 der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags bringt es zwischen den Hardcover-Deckeln im Schutzumschlag auf knapp 330 matte Kartonpapierseiten, die die Jahre 1957 und 1958 der Reihe mit all ihren täglich in diversen Tageszeitungen erschienenen Comicstrips inkl. der Sonntagseiten in deutschen Übersetzungen enthalten. US-Schriftsteller Jonathan Franzen wurde diesmal die Ehre des Vorworts zuteil, der auf vier Seiten Analogien zwischen den Erlebnissen der Comicfiguren und der Biographie ihrer Schöpfer herstellt und sich sogar – durchaus lesenswert – ein wenig an einer Art Psychogramm Schulz’ versucht. Gary Groths auf den obligatorischen Stichwortindex folgende Nachwort-Doppelseite indes scheint nun jeden Band identisch abzuschließen.

Das Cover gehört diesmal Snoopy, der so häufig wie nie zuvor im Zentrum der Strips steht. Nach wie vor imitiert der Beagle mit Vorliebe andere Tiere (Highlight: der Geier!) und tanzt leidenschaftlich zu Musik, hat es nun allerdings auch verstärkt auf Linus’ Schmusedecke abgesehen – immer wieder macht er sich einen Spaß daraus, sie ihm zu mopsen. Und eine weitere seiner vielen Marotten hält Einzug: Erstmals versucht er sich daran, auf dem Dach seiner Hundehütte zu schlafen. Linus wiederum spricht längst normal, scheint also kaum reifeverzögert – kann sich jedoch einfach nicht von seiner Schmusedecke trennen, die ihm heilig geworden ist. Seine große Schwester Lucy ist mittlerweile sogar eine preisgekrönte Nörgelliese und damit offiziell anerkannt, worauf sie mächtig stolz ist. Und Musikus Schroeder hat seinen musikalischen Horizont erweitert, sodass er vermehrt auch Stücke anderer Komponisten als Beethoven spielt.

Charlie Brown hingegen versucht sich weiterhin erfolglos als Comiczeichner, versagt beim Drachensteigenlassen und – weitaus schlimmer! – beim Baseball, hat nun aber einen Brieffreund, dem er sein Leid klagen kann. Auch seine Beziehung zu seinem Hund Snoopy wird vertieft, ab dem Frühjahr 1957 scheint er dessen Gedanken lesen zu können. Damit, seinen Wassernapf im Sommer als Kühlbecken für den Kopf zu benutzen, tritt Snoopy gar einen kleinen Trend los. Pig-Pens Schmutzaffinität wird immer absurder und dadurch witziger, Violet etabliert 1958 „Mein Vater“-Angebereien als Running Gag, Linus versucht im selben Jahr mehrmals, sich beim Weihnachtsmann einzuschleimen und am 1. September 1958 erfährt man sogar, was Charlies Vater von Beruf ist: Frisör. Sicherlich einer der Höhepunkte dieses Bands: Linus übt eine Existenz als Fanatiker!

Sowohl die philosophisch auslegbaren Dialoge als auch die menschliche Verhaltensmuster karikierenden Gags haben im Zeitraum 1957/’58 an Prägnanz zugenommen und die Comics damit an Gehalt gewonnen. Zahlreiche popkulturelle Anspielungen, dankenswerterweise wieder im anhängenden Glossar erläutert, machen das Buch darüber hinaus zu einer Zeitreise in die US-Gesellschaft jener Jahre. Die Erwachsenenwelt bleibt rigoros ausgeklammert und wird, statt selbst zu Auftritten zu kommen, von denen Kinder persifliert. Charles M. Schulz war es erneut fabelhaft gelungen, kleine Geschichten in seinen jeweils lediglich vier Panels umfassenden Daily-Strips zu erzählen, die umso mehr Spaß machen, je mehr neben der Evolution der Peanuts-Figuren die konsequente Reduktion auf ein selbstauferlegtes Regelkonzept sichtbar wird, dessen fortwährende Variation im festgezurrten Rahmen immer wieder für Pointen und Überraschungen sorgt – oder eben durch den Perspektivwechsel, die kindliche Weltsicht, das Erwachsenendasein hinterfragt. Auffällig ist, dass die Strips zwar alle Jahreszeiten und Feiertage abdecken, aber niemand mehr Geburtstag feiert – hat Schulz damit bewusst das weitere Altern seiner Figuren gestoppt?

Michele Avantario / Klaus Sieg / Thomas Henning – Das schwarze Hamburg-Buch. Mord, Skandal, Gewalt und Schrecken in der schönsten Stadt der Welt

Das 2016 im Hamburger Junius-Verlag erschienene „Schwarze Hamburg-Buch“ der freien Hamburger Journalisten Avantario und Sieg, illustriert von Arbeiten des Hamburger Fotografen Thomas Henning, konzentriert sich auf rund 180 schwarzen Seiten aus mattem Kartonpapier auf die dunklen Seiten der allseits beliebten Hansestadt-Metropole in Deutschlands Norden. Rund 60 ein bis drei Seiten kurze und um ein seitenfüllendes Foto ergänzte Einträge gehen dahin, wo es wehtut – und beschränken sich mitnichten auf das wohl düsterste Kapitel deutscher Geschichte, die NS-Diktatur: Mord und Totschlag, Polizei- und Justizwillkür, Sadismus, Terror, Umweltverbrechen, Sklavenhandel und Dergleichen mehr ziehen sich (auch durch die jüngere) Stadtgeschichte, an vieles erinnere ich mich selbst nur zu gut: Sei es, als der geisteskranke Rechtspopulist Ronald Schill durch die Stimmen von Hamburgerinnen und Hamburgern ins Rathaus gewählt wurde, sei es die Schande des Eppendorfer Universitätsklinikums, als die rassistische Hamburger Polizei den des Drogendealens verdächtigen Achidi John in Komplizenschaft mit einer Medizinerin mit einem Brechmittel zu Tode folterte, oder sei es auch, als Scharlatane der Alster-Klinik das Pornosternchen „Sexy Cora“ alias Carolin Wosnitza mit der x-ten Busenvergrößerung aus Geldgier ins Grab brachten. Andere aufsehenerregende, aber sich vor meiner Zeit zugetragen habenden Fälle wie die abscheulichen Verbrechen Fritz Honkas gehören längst zur Hamburger Folklore, so einiges war mir aber tatsächlich neu oder wurde zumindest noch einmal ins Gedächtnis gerufen. Klar, eine Millionenmetropole bringt auch viele Sozio- und Psychopathen hervor – und dieses Buch beweist eindrucksvoll, dass sich Hamburg diesbezüglich nicht zu verstecken braucht. Mit seinen Ortsangaben empfiehlt es sich in seinem schnieken matten Einband auch als morbider alternativer Stadtführer, zumal auch stets auf etwaige Mahnmale, Gedenktafeln u.ä. hingewiesen wird. „Das schwarze Hamburg-Buch“ hält die Erinnerung an eine ganze Reihe spektakulärer, widerwärtiger und erschreckender Taten und Ereignisse aufrecht und hat diese zu einer meist gut (statt reißerisch) geschriebenen, präzise pointierten und somit seinen Themen zum Trotz angenehm zu lesenden Sammlung verdichtet, die eine echte Alternative zu den oberflächlichen Hochglanzprodukten der Tourismusindustrie darstellt. Und wäre dieses Buch nur wenige Monate später erschienen, hätte es mit dem völlig irrsinnigen, brutalen Durchboxen des G20-Gipfels durch die damalige versammelte, ebenso größenwahnsinnige wie unzurechnungsfähige Hamburger Faschistoidenschar aus „König“ Olaf Scholz, Hartmut Dudde, Andy (Verbote-)Grote und ihren Handlangern Stoff für mindestens ein weiteres Kapitel gehabt.

Fabien Sanglard – Game Engine Black Book: Wolfenstein 3D (1st Edition)

„Eine kleine Amerikaner…“

Der texanische Spielehersteller id software um Tom Hall, John Romero sowie Adrian und John Carmack revolutionierte Anfang der 1990er die Spielewelt mit seinem Kultspiel „Wolfenstein 3D“. Der Name ging zurück auf „Castle Wolfenstein“ aus dem Jahre 1981, einem zweidimensionalen Spiel von Muse Software. Vor „Wolfenstein 3D“ hatte id software im Jahre 1991 bereits die Titel „Hovertank 3D“ und „Catacombs 3D“ veröffentlicht, die bereits einiges vom typischen Wolf3D-Gameplay vorwegnahmen: In „Hovertank 3D“ steuerte man einen Panzer aus der Ego-Perspektive, in „Catacombs 3D“ schlüpfte man in die Rolle eines Zauberers, der aus seiner Hand Feuerbälle auf Dämonen, Orks und ähnliche Fantasy-Gestalten abfeuerte. Doch der erste echte, die 256 Farben umfassende Palette der VGA-Grafikkarte ausreizende First-Person-Shooter und damit Vorläufer solch populärer Spiele wie „Doom“, „Quake“ (beide ebenfalls von id) bis hin zu „Call Of Duty“, „Counterstrike“ und Konsorten war das 1992 veröffentlichte „Wolfenstein 3D“, in dem man sich als Naziperforator B.J. Blazkowicz in gerenderten Dungeon-ähnlichen Katakomben durch eine Vielzahl Nazi-Soldaten metzelt und schließlich gar gegen Hitler persönlich antritt. In Deutschland war man davon behördlicherseits gar nicht begeistert und beschlagnahmte das Spiel, doch natürlich verbreitete der als Shareware vertriebene Spaß sich in Windeseile in der PC-Gamer-Szene. PC? Ganz recht: Bereits damals setzte id software auf den PC als Haupttechnologie, obwohl er so viele Jahre gegen wesentlich stärker auf die Bedürfnisse von Spieleentwickler(inne)n und Spieler(inne)n zugeschnittene Heimcomputer wie den C64, den Atari ST oder den Amiga den Kürzere gezogen hatte. In technischer Hinsicht änderte sich dies Anfang der 1990er mit der Etablierung der 386er-Prozessoren und dem Siegeszug der VGA-Karten. Auch dies war ein Grund für die revolutionäre Wirkung von „Wolfenstein 3D“.

Der Franzose Fabien Sanglard liebt es, sich mit den Quelltexten alter PC-Spiele auseinanderzusetzen, sie auf Herz und Nieren zu analysieren und zu verstehen. Dies tat er auch mit dem „Wolfenstein 3D“-Code, den id software einige Jahre nach Veröffentlichung des Spiels freigegeben hatte. Die Ergebnisse hat er im 2017 im Print-on-Demand-Verfahren herausgegeben „Game Engine Black Book: Wolfenstein 3D“ auf über 310 Seiten in einfacher, allgemeinverständlicher englischer Sprache zusammengefasst. Und das Tolle ist: Man muss kein(e) Programmierer(in) sein, um an diesem Buch seine Freude zu haben. Sanglard konnte id-Entwickler John Carmack zur Mitarbeit gewinnen und nimmt einen nach dessen Vorwort mit auf eine wohlstrukturierte Zeitreise ins PC-Jahr 1992. Nahezu jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung, die den damaligen Stand der technischen Möglichkeiten skizziert und computerhistorisches Wissen aufbereitet. In Kombination mit zahlreichen, teils herrlich nerdigen Trivia und humorvollen Anekdoten Carmacks erhält man einen ebenso spannenden wie unterhaltsamen und lehrreichen Einblick in die hürdenreiche Pionierarbeit, die damals in Sachen PC-Spiele geleistet wurde. Wer sich bereits anno ‘91/‘92 mit Heimcomputern beschäftigt hat, wird einiges wiedererkennen – auch ohne selbst Entwickler(in) gewesen zu sein. Zahlreiche Screenshots aus dem Spiel, vom Quelltext, aus Entwicklungstools und von der DOS-Ebene, Abdrucke von README.TXT-Dateien sowie Fotos historischen Equipments und des id-Teams haben also auch denjenigen jede Menge Retro-Lesevergnügen und -Augenschmaus zu bieten, die nicht in die tiefgehenden Quelltextanalysen miteinsteigen können oder wollen.

Wer es doch tut, dürfe in den Kapiteln, die von der Prozessorverarbeitung und der Speichernutzung über Grafik- und Sound-Entwicklung/-Ausgabe bis hin zu den verschiedenen Eingabegeräten alles abdecken und um zahlreiche Skizzen und Tabellen ergänzt werden, glücklich werden und vermutlich gerade auch als Anfänger viel über die Funktionsweise von PCs und ihre Programmierung lernen können. Gerade für Retro-Gamer hochinteressant dürfte auch das Kapitel über die Portierung des Spiels auf andere Plattformen bis hin zu Arcade-Automaten und jüngst das iPhone sein. Mit seinem Themenumfang geht dieses „Game Engine Black Book“ also wesentlich tiefer als es Hintergrundartikel in entsprechenden Zeitschriften könnten und rechtfertigt damit letztlich auch seinen stolzen Special-Interest-Preis von 40,- EUR. Als etwas lieblos empfand ich lediglich eine offenbar unüberarbeitet/-lektoriert übernommenen Nachricht Carmacks oder eines anderen damals Involvierten, die ich beim raschen Durchblättern aber ehrlich gesagt nicht mehr wiedergefunden habe. Möglicherweise wurden dieser und der eine oder andere Schnitzer in aktuelleren Ausgaben ohnehin ausgemerzt.

Mad-Taschenbuch Nr. 26: Antonio Prohias – Der 4. Geheimband von Spion & Spion

Im Jahre 1980 erschien der vierte „Spion & Spion“-Band innerhalb der deutschen „Mad“-Taschenbuchreihe im Williams-Verlag, der im US-amerikanischen Original bereits 1974 veröffentlicht worden war. Wie gehabt füllen je ein oder zwei Panels die rund 160 unkolorierten, nun wieder nummerierten Seiten, auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die Alliterationen in den Titeln der zwölf Geschichten. Der schwarze und der weiße Spion bekriegen sich erneut ebenso dialogfrei wie erbarmungslos, über ihre Hintergründe erfährt man nichts. Sie repräsentieren das Schwarzweiß-Denken des Kalten Kriegs, das Prohias unter Aussparung jeglicher darüber hinausgehender politischer Kommentare durch den Kakao zieht. So weit, so bekannt. Eine neue Dimension jedoch dürfte die Kreativität und gleichermaßen Absurdität erreicht haben, mit denen sich die beiden Spitznasen gegenseitig Fallen stellen, die stets in verheerenden Explosionen, Unfällen oder Verletzungen münden. Die Unvorhersehbarkeit dieser abstrusen Kettenreaktionen ist es dann auch, die den Spaßfaktor dieses weiteren Spionage-Handbuchs ausmacht, und man kann sich nur wundern, woher Prohias seine aberwitzigen Einfälle nimmt. Die konsequente Reduktion auf dieses Konzept bei gleichzeitig überschäumendem Konstruktionsgeist, um bei stets gleichem Ausgang die im Prinzip immer selbe Geschichte auf vollkommen neue Weise zu erzählen – das ist es, was diese Comics zum Kult machte und einen Eindruck davon vermittelte, auf welch unterschiedliche Weise man sich gegenseitig nach dem Leben trachten kann, wenn es der einzige Inhalt der eigenen Existenz ist. Inspirierend!

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 3: 1955 – 1956

„Die Menschen verlieren einfach ihren Sinn für Humor… Es muss an all den Abenteuer-Comics liegen.“ – Charlie Brown am 3. April 1956

Der dritte Band der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags umfasst auf 330 Seiten die Jahre 1955 und 1956 der Reihe, also sämtliche damals täglich in diversen Tageszeitungen erschienenen unkolorierten Comicstrips inkl. der Sonntagseiten in ihren deutschen Überstetzungen, ergänzt um eine wunderbar ehrerbietende vierseitege Einführung des „Die Simpsons“-Vaters Matt Groening. Die Doppelseite mit dem Schulz charakterisierenden Nachwort Gary Groths ist indes identisch zu der aus Band 2.

Das Cover ziert diesmal Pig-Pen, der seit Juli 1954 das Figurenensemble bereichert. Am 23. Juli 1955 ist er erstmals sauber zu sehen. Weitere Premieren: Mitte September 1955 spricht Lucys kleiner Bruder Linus erstmals, die Brabbelphase hat er anscheinend übersprungen. Als Running Gags werden Snoopy und das Crocket-Spiel, Linus’ Ausruf „Da kräht in fünfhundert Jahren kein Hahn mehr nach!“ sowie seine Marotte, Daumen und Zeigefinger zu einem Colt zu formen und damit zu „schießen“ – meist auf seine Schwester, wenn sie ihn besonders nervt –, etabliert. Doch am längsten dürfte sich das wiederkehrende Motiv Charlies vergeblicher Versuche, einen von Lucy gehaltenen Football zu treten, gehalten haben, das in diesem Band ebenfalls seinen fröhlichen Einstand feiert. Bereits 1955 sind Allsatelliten und eine mögliche Mondlandung Thema und im Dezember liegt Schnee, Silvester und der Jahreswechsel werden ’55/’56 jedoch kurioserweise von Schulz komplett ignoriert und bleiben unthematisiert.

Dem Verständnis dienlich ist das Glossar im Anhang, das u.a. die von den Peanuts aufgegriffene Begeisterung für einen gewissen Davy Crockett erklärt: Es handelte sich um einen US-amerikanischen Nationalhelden, der nach einem von Dezember 1954 bis Februar 1955 ausgestrahlten Disney-Dreiteiler über sein Leben zum Kinderidol avanciert war – was die damalige Obsession für Waschbärenmützen manch Schulz’scher Figur erklärt. Charlies selbstgezeichnete Comics stoßen hingegen noch immer auf keinerlei Interesse und Lucy kann einfach nicht bei Musikus Schröder landen, bildet sich dafür aber immer noch viel darauf ein, die größte Nörgelliese der Welt zu sein.

Snoopy indes entwickelt immer mehr Marotten und ist präsenter als je zuvor: Leidenschaftlich imitiert er andere Tiere und sogar Menschen, was zu den gelungensten Gags dieses Zeitabschnitts zählt. Im Herbst 1956 beginnt er gar, regelmäßig zu tanzen – sehr zu Lucys Leidwesen. Er entwickelt eine Vorliebe für Chopin und wird im hohen Gras klaustrophobisch. Das Zeitgeschehen bleibt nicht auf Davy Crockett und die Raumfahrtfaszination beschränkt: Am 22. Juni 1956 hält der Rock’n’Roll Einzug ins Peanuts-Universum, indem Lucy Elvis Presley für sich entdeckt. Der arme Charlie jedoch wird zunehmend gemobbt, reagiert aber am entnervtesten auf Lucys Versuche, die Welt zu deuten. Damit erinnert sie an all diejenigen, die heutzutage stets im Brustton der Überzeugung ihr Unwissen selbstgefällig in sozialen Netzwerken herausposaunen – und beweist damit die Zeitlosigkeit dieses Comic-Klassikers.

Schulz bleibt seinem Konzept treu, sich ausschließlich auf die Kinder und Charlies Hund Snoopy zu fokussieren und die Erwachsenenwelt weitestgehend auszusparen bzw. lediglich in Gesprächen der zwischen naiv und altklug pendelnden und damit ihren speziellen Charme entwickelnden Kinder untereinander aufzugreifen. Der einzige Dialog mit einer erwachsenen Figur findet am 15. Dezember 1956 statt, als Lucys Mutter ihrer Tochter aus dem nichtsichtbaren Bildbereich heraus eine Antwort zuruft. So lässt es sich gleichsam Freude an den pointierten bis nachdenklichen Comicstrips haben und fasziniert die Evolution der Reihe und des Schulz’schen Konzepts weiterverfolgen sowie ganz allgemein immer wieder darüber staunen, wie für den täglichen schnellen Konsum in den Tageszeitungen auch sich über mehrere Strips verteilende kleine Geschichten ihre tägliche kleine Pointe aufweisen. Eine Kunst der Zeichner von Daily-Strips für sich. Wie gewohnt runden ein Index und eine Vorschau auf den nächsten Band das auf festem Kartonpapier gedruckte Hardcover-Buch ab, dessen Fortsetzung schon bereitliegt. Seine rund 30,- EUR ist dieser mit einiger Restaurationsarbeit seitens des Verlags verbundene Band wert und ich bin froh, kein mittelloses Kind mehr zu sein, das staunend vor diesen hochwertigen Comicausgaben steht, ohne sie sich auch nur ansatzweise leisten zu können. Comic-Geschichtsunterricht vom Feinsten!

TV-Jahrbuch 1992

ISBN: 3-8927779-07-5

Wie der Vorgänger zum Fernsehjahr 1991 erschien auch das TV-Jahrbuch 1992 in der Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße, dem Verlag der renommierten „Cinema“-Zeitschrift und der damals noch jungen „TV Spielfilm“. Das Cover zeigt erstmals keine Action-Helden, sondern Joe Dantes „Gremlins“, und bei den Senderlogos ersetzte man Eins Plus durch den neuen Pay-TV-Sender Premiere. Der Umfang blieb mit rund 200 Seiten identisch.

Im Vorwort des im zweiten Halbjahr 1991 erschienenen Buchs weiß Chefredakteur Willy Loderhose: „Der Boom hält an!“ – und meint damit die hohe Frequenz an Spielfilmen im Fernsehen. Wie bereits ein Jahr zuvor erwähnt er mit dem Sender Premiere das damals noch junge Geschäftsmodell Pay-TV, und er kann voller Stolz verkünden, dass die „TV Spielfilm“ alle zwei Woche über eine Million Exemplare verkauft. Für diese wirbt dann auch erneut das Inhaltsverzeichnis, das eine etwas andere Aufteilung bietet: Der separate Erotikbereich wurde gestrichen.

Bevor es zum Herzstück dieses Bands geht, der Vorschau auf im Fernsehen laufende Spielfilme im Jahre 1992, verschafft TV-Spielfilm-Chefredakteur Christian Hellmann bereits einen groben Überblick und untermauert seine Einschätzung, dass die Anzahl der ausgestrahlten Filme weiter zunähme, mit einer konkreten Zahl: Das Publikum mit Kabelanschluss kann aus wöchentlich über 200 Filmen wählen. Mitverantwortlich ist der erst 1989 gegründete TV-Sender Pro7, der sein Hauptaugenmerk auf Spielfilme legte und seinen Marktanteil auf 8,1 Prozent hatte steigern können. Dass dieses Jahrbuch angesichts einer solchen Zahl keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, versteht sich von selbst.

Wie gehabt lebt der Hauptteil des Buchs von seinen Filmvorstellungen und -kritiken mit schönen großen Bildern. Etwas überraschend ist es, dass man mit „Harry und Sally“ eröffnet, als handele es sich um einen der neuen Höhepunkte schlechthin – dabei war der Film bereits 1991 gelaufen und entsprechend im vorausgegangenen TV-Jahrbuch berücksichtigt worden. Allerdings hat man sich die Mühe gemacht, einen neuen Text zum Film zu verfassen. Unter den „Spielfilmen des Jahres“ finden sich darüber hinaus Titel wie „Stirb langsam II“, „Wie spät ist es?“, „Twins“, „Die letzte Versuchung Christi“ oder auch „Stille Tage in Clichy“ und „Nicht ohne meine Tochter“ sowie natürlich „Gremlins“. Und leider handelt es sich bei den Texten abermals um einen kruden Stilmix aus reinen Vorstellungen, sämtliche Handlung vorwegnehmenden Spoilern und mitunter bissigen Kritiken. Hier wäre eine einheitliche Linie wünschenswert gewesen. Ob einige dieser Texte zuvor bereits 1:1 in der „Cinema“ abgedruckt waren (wie noch in den vorausgegangenen Jahrbüchern der Fall), kann ich nicht beurteilen.

Die einzelnen Bestandteile diverser Filmreihen wie der der Monty-Python- und Romy-Schneider-Filme auf Tele5, der ARD-Sommerthriller oder der William-Powell-, Nick-Nolte-,  Robert-Mitchum-, Volker-Schlöndorff und Robert-van-Ackeren-Reihen ebendort  werden knapper abgehandelt, gehen dafür aber mit einigen – durchaus kritischen – filmübergreifenden Informationen und Meinungen einher. Besonders interessant dürften die „Schwule Filme“-Reihe auf 3Sat sowie der John-Carpenter-Kanon im ZDF (!) gewesen sein. Weitere Filmausstrahlungen werden nach Sender sortiert in den „Kurz belichtet“-Übersichten angerissen, einige, insbesondere weitere eigentlich interessante Reihen wie Blake Edwards auf Pro7 oder Curd Jürgens sowie polnische ’80er-Filme auf 3Sat finden leider nur noch ohne jegliche Begleitinformation in Listenform statt, und erneut trifft es diesbezüglich Tele5 besonders hart. Schade, denn ich hätte gern gelesen, was das TV-Jahrbuch über Filme wie „Als die Frauen noch Schwänze hatten“, „Bitterer Reis“, „Brennender Tod“, „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ oder „Der große Blonde mit dem blauen Auge“ geschrieben hätte. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass die Spielfilme der 1980er nach wie vor das TV-Programm beherrschten, wenngleich in Hellmanns Vorwort zu lesen war, dass Abstände zwischen Kino- und Fernsehauswertung immer kürzer würden.

Unter „Service“ werden die übrigen Buchkapitel, die zusammen ein Viertel ausmachen, zusammengefasst. Einleitend schwärmt Redakteur Michael Schrödner von den teuren Produktionen, die die Zuschauerinnen und Zuschauer 1992 erwarten dürfen: „Der große Bellheim“, die olympischen Sommerspiele, die Fußball-Bundesliga usw. Kurioserweise erwähnt er darunter auch „Marienhof“ (O-Ton: „eine neue ,Lindenstraße’“), empfiehlt abschließend aber dennoch, ab und zu ein gutes Buch zur Hand zu nehmen. Der Serienteil liest sich mit ausführlichen Berichten zu genanntem „Bellheim“ und dem „Marienhof“, Götz George in „Marlock“ (peinlicherweise in der Überschrift (!) „Bartok“ genannt), der Zeichentrickserie „Clever & Smart“ auf Tele5 oder der völlig in Vergessenheit geratenen Pro7-„Traumschiff“-Konkurrenz „Glückliche Reise“ (in der Luft) recht interessant – insbesondere der letzte Artikel „Gottschalk täglich“, mutmaßlich aus der Verlegenheit heraus, eine Late-Night-Show richtig zuordnen zu können, unter „Serien“ einsortiert. Zwei Seiten lang werden die Leserinnen und Leser auf Gottschalks erste tägliche Late-Night-Show auf RTL plus vorbereitet und bekommen das in Deutschland bis dahin weitestgehend unbekannte Konzept erklärt. Das ist wahrlich Fernsehgeschichte.

Das Kapitel „Stars“ porträtiert zeitgenössische beliebte oder auch polarisierende TV-Gesichter wie Hape Kerkeling, Nina Hagen (!), Ulrich Wickert, Kristiane Backer, Hans Hermann Weyer, Martin Lüttge, Lea Rosh, Susanne Holst, good old Rudi Carrell, Marcel Reich-Ranicki und Harald Schmidt (damals noch kein Late-Night-Host, sondern „Nachwuchstalent“). Zugegeben: Ziemlich willkürlich erscheint diese Auswahl schon. Manch bedauerlichen Todesfall ruft das „In Memoriam“-Kapitel ins Gedächtnis, darunter Namen wie Helga Feddersen, Karl-Heinz Köpcke, Klaus Schwarzkopf und Roy Black. Der Sportteil versucht, Golf zum neuen „Quoten-Knüller“ hochzujazzen und widmet sich auf drei Seiten der bevorstehenden Herrenfußball-EM in Schweden aus deutscher Sicht, die bekanntlich einen spektakulären Verlauf nehmen sollte. Eine große Übersicht listet die wichtigsten Sportereignisse des Jahres tabellarisch auf, bevor der beliebte Statistikteil knallharte Zahlen bietet und besonders aus heutiger Sicht damit überrascht, dass Pro7 einen Spielfilmanteil von sage und schreibe 80 % (bei geringem Werbeanteil) aufzuweisen hatte und in der Gunst der Zuschauer die Filmqualität betreffend entsprechend ganz vorne lag. Leider fallen die Statistiken diesmal nicht so ausführlich aus wie zuvor. Adressen und ein Index runden auch diesen Band ab.

Einen Gesamtüberblick über das Spielfilmangebot zu liefern fällt dieser Buchreihe zunehmend schwer, in ihren Versuchen, die gesamte TV-Landschaft zumindest grob zu skizzieren, erscheint dieser Band bruchstückhaft und in seiner Auswahl nicht immer nachvollziehbar. Um das Spielfilmangebot im damaligen TV grob nachvollziehen zu können, ist das Buch dennoch geeignet, wenngleich es ein fähiger Lektor vor Drucklegung leider nie in den Händen gehabt hat. Peinliche Fehler („Stephen Spielberg“) hinterlassen den Eindruck einer lediglich semiprofessionellen Veröffentlichung und verärgern diejenigen Leserinnen und Leser, die sich bei der Verlagsgruppe Milchstraße eigentlich bei Experten wähnten. Offenbar hatte man dort aus der Fehleranfälligkeit der vorherigen Ausgaben aber nichts gelernt. Zu einem letzten Band brachte es diese Reihe noch, dazu später mehr.

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