Günnis Reviews

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Cinema-Sonderband Nr. 9: Sex im Kino ’84 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel „Erotik im Film – Kino der Lüste“, „Sex im Kino ‘83“, „Sexstars“ und „Sex im Kino ’84“, um das es hier gehen soll.

Unschwer zu erkennen, handelt es sich um den Nachfolger von „Sex im Kino ‘83“, wenn auch in leicht abgespeckter Form: Auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die eigenartige Kapiteleinteilung des Vorgängers, auch der Portraitteil, der sich mehr oder weniger verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten des erotischen Films gewidmet hatte, entfällt. Stattdessen geht es nach einem Inhaltsverzeichnis in diesem erneut 132-seitigen, großformatige Softcover-Band Schlag auf Schlag mit vermutlich nicht nur den „Höhepunkten“ des Erotikgenres, die uns der Titel verspricht, sondern schlicht allen nach Dafürhalten der Redakteure als ihm zugehörig kategorisierbaren Filmen, die 1984 (oder 1983, da nimmt man’s nicht so genau…) in den deutschen Kinos (wieder-)aufgeführt wurden. Konkret bedeutet das jedoch, das ärgerlicherweise wieder nicht zwischen Erotik-/Softsex-Filmen und Pornos unterschieden wurde, die hier munter durcheinandergewürfelt wurden. Harmlose Komödien mit Erotik-Touch oder Fantasy-Streifen wie „Die Mächte des Lichts“ oder „Das Duell der Besten“ finden sich hier wie selbstverständlich zwischen HC-Fleischfilmen.

Jeweils ein bis sechs Seiten lang werden hier Filme wie „Erste Sehnsucht“, „Flashdance“ (!), „Sunshine Reggae auf Ibiza“, „Gwendoline“, „Das Mädchen von Triest“ und „Eis am Stiel“, Teile IV und V, vorgestellt, wobei auf allzu viel Text zugunsten großzügiger Abbildungen von Filmszenen verzichtet wird. Neben dem Jahreskatalogeffekt, über den dieses Buch verfügt und der in Zeiten von durchsuch- und filterbaren Internetdatenbanken weitestgehend uninteressant geworden ist, machen diese knackscharfen Fotos den eigentlichen Reiz des Buchs aus, das damit aber zu nicht viel mehr als einem Bildband degradiert wird. Beim überwiegenden Teil der Texte handelt es sich nämlich um keine Rezensionen oder gar kritische Reflektionen, sondern lediglich um knappe Inhaltsangaben inklusive hin und wieder einem wertenden Adjektiv. Diese werden um ein paar Stabangaben ergänzt, bei denen diesmal nicht einmal die Produktionsjahre angegeben werden.

Seltsamerweise finden sich auch hier wieder Einträge, die sich nicht verifizieren lassen: In keiner Datenbank habe ich Filme wie „Patricia – Das süße Früchtchen“ (Regie: angeblich Raymond Lewin) oder „Ein Sommer voller Liebe“ (Alba Gran) finden können. Aus Walter Molitors Porno „Supergirls for Love“ macht man „Supergirls in 3-D” und gibt als Regisseur einen Amato Beceli an. Kritische Worte findet man immerhin zum von der Fassbinder-Crew gedrehten Exploitationfilm „Insel der blutigen Plantage“, um nur ein paar Seiten weiter bei der Inhaltsangabe zu „Das Frauenlager“ gleichgeschlechtliche Beziehungen in einem Atemzug mit Brutalität, Misshandlungen, Vergewaltigungen und einigem negativ Konnotierten mehr zu nennen. Puh. Apropos: Auffallend ist die relativ hohe Anzahl an Frauengefängnisfilmen, die offenbar seinerzeit ins Kino drangen.

Viel mehr Erkenntnisse lassen sich diesem kruden Sonderband jedoch nicht entnehmen, sodass ich mein Fazit zum Vorgänger mit angepasster Jahreszahl wiederholen kann: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1984 hingegen vollkommen ungeeignet.

Frank Schäfer – Talking Metal: Headbanger und Wackengänger. Die Szene packt aus

Nachdem sich der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer in „Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur“ dem Literaturbetrieb gewidmet hatte, spürte der Autor, Journalist und ehemalige Musiker im 2011 im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf veröffentlichten „Talking Metal“ wieder seiner zweiten großen Leidenschaft nach: dem Hardrock und Heavy Metal.

Über rund 270 gebundene Seiten zwischen zwei festen Deckeln im illustrierten Schutzumschlag erstrecken sich diesmal keine Essays oder Rezensionen, sondern Interviews mit 15 Protagonistinnen und Protagonisten der Szene. Vom Produzenten und ehemaligen HEAVEN‘S-GATE-Gitarristen Sascha Paeth und der CRIPPER-Sängerin Britta Görtz über den Musikwissenschaftler Dietmar Elflein, den Metal-aus-Ostdeutschland-Kenner Christian Heinisch, den Radiomoderator Jakob Kranz und den Bandlogo-Gestalter Christophe Szpajdel bis hin zum Online-Rezensenten Björn von Oettingen, dem Roadie Henrik Schwaninger, dem A&R-Manager Markus Wosgien und dem Verleger Matthias Mader, nicht zu vergessen dem Buchautor Matthias Penzel, dem Coverkünstler Axel Hermann, dem Wacken-Open-Air-Chef Thomas Jensen oder dem Printredakteur Götz Kühnemund, reicht das ebenso überraschend wie angenehm breite Spektrum, das das Buch abdeckt.

So erhält man also Informationen aus erster Hand sowie zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen des metallischen Teils des Musikgeschäfts und der headbangenden Subkultur. Die jeweils mit einer Vorstellung und Einordnung des jeweiligen Gesprächspartners respektive der Gesprächspartnerin eröffnenden Interviews sind weniger klassischer Natur wie beispielsweise in Musikzeitschriften, sondern wesentlich ausführlicher und entwickeln sich meist zu Gesprächen, bisweilen gar Diskussionen, auf Augenhöhe. Dietmar Elflein wird von Schäfer zuweilen gar in Grund und Boden gequatscht, bevor es dann etwas arg musiktheoretisch wird. Im Gespräch mit Britta Görtz geht Schäfer u. a. Fragen nach Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach, was 2011 noch nicht allgegenwärtig oder gar en vogue war. „Ostbeauftragter“ Christian Heinisch spielt bei GORILLA MONSOON, hat eine Diplomarbeit über Heavy Metal verfasst und ist etwas zu jung, um noch den Metal zu DDR-Zeiten erlebt zu haben, kann über die Nachwendezeit aber berufen aus dem Nähkästchen plaudern. Im Gespräch mit dem Roadie Henrik Schwaninger irrlichtern beide Gesprächspartner ein bisschen bei der Definition von Speed Metal, aber Schäfer fordert ihn auch mit ein paar Spitzen heraus und versteht es, möglichst konkrete Antworten zu seinem Beruf aus ihm herauszukitzeln.

Schwer irritiert hat mich, was von Oettingen, Mitarbeiter einer Promo-Agentur und Betreiber des Online-Fanzines „Metalglory“, aus seinem Alltag berichtet. Das klingt alles eher danach, wie man es gerade nicht machen möchte bzw. sollte, nämlich nach purem Stress, der mit Musikgenuss oder Spaß am Schreiben und Rezensieren nicht mehr viel gemein zu haben scheint. Himmel! Oder vielmehr: Hölle! Ernüchternd auch das Gespräch mit Szene-Schreiberling Matthias Mader, hier in erster Linie in seiner Eigenschaft als Verleger metallischer Bücher mit dem Iron-Pages-Verlag. Dass es derart schwierig ist, mit Metal-Literatur höhere Absatzzahlen zu erreichen, hätte ich nicht gedacht. Das Gespräch mit A&R-Manager Markus Wosgien entbehrt leider jeder Kritik an von seinem Label gehypten Dünnbrettbohrern wie SABATON – da wäre es sicher interessant gewesen, einmal zu fragen, inwieweit Szenegroßlabels mit dem gezielten Pushen bestimmter Bands eigentlich Einfluss auf die Szenelandschaft nehmen. Auch dem Wacken-Häuptling hätte man gern mit ein paar kritischeren Fragen auf den Zahn fühlen dürfen, Ansätze gäb’s genug. Und wie sehr Penzel ausgerechnet die 1990er-Dekade abfeiert, ist im Metal-Bereich sicherlich eher ungewöhnlich.

Gewohnt gut aufgelegt ist der damalige Chefredakteur des Rock-Hard-Magazins und heutiger Böss des Deaf Forever, Götz Kühnemund, mit dem Schäfer übers Altern im Metal plaudert, wobei Götz zahlreiche Fußballvergleiche anstrengt. Dokumentiert ist hier auch, dass Judas Priest damals als nicht unbedingt in Würde gealtert galten (was sich längst wieder geändert hat). Es gibt in diesem Schmöker noch weit mehr zu entdecken, beispielsweise das letzte Kapitel, in dem Schäfer mit seinem Alter Ego Fritz Pfäfflin in Klausur geht, sich also selbst interviewt. Diesen Kunstgriff nutzt er u. a., um sich hinsichtlich der Auswahl der Gesprächspartner(innen) zu erklären und so ganz nebenbei noch eine Rezension des ANVIL-Albums „Juggernaut of Justice“ ins Buch zu schmuggeln.

Schäfers leidenschaftliches, ehrliches Interesse beschert eine Vielzahl angenehm zu lesender Gespräche, die auch für jemanden wie mich, der seit zig Jahren mehrere Musikzeitschriften aus dem härteren Sektor im Abo hat, einige neue Erkenntnisse, interessante Perspektiven und streitbare Ansichten vermitteln, gerade weil der Fokus nicht auf Musikerinnen und Musiker gerichtet ist. Irgendwo hat sich ein „Gravedigger“ (statt GRAVE DIGGER, Digger!) eingeschlichen, und weshalb der Verlag wie bereits für Schäfers „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ auf Lemmy Kilmister fürs Cover zurückgriff, obwohl auf S. 64 festgestellt wird, dass jener mit Metal gar nicht so viel zu tun habe, erschließt sich einem erst, wenn man Maders Ausführungen zu Buchverkaufszahlen gelesen hat. Das ändert aber nichts am positiven Gesamteindruck, der mir das Gefühl vermittelt, dass „Talking Metal“ vielleicht tatsächlich gleichermaßen für Szenekenner wie für Außenstehende, die etwas über die Szene abseits von Bandporträts erfahren möchten, geeignet ist.

Benedikt Eppenberger / Daniel Stapfer – Mädchen, Machos und Moneten. Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich

Wer sich fürs europäische Genre-Kino interessiert und/oder auf Exploitation-Filme steht, dürfte vermutlich früher oder später auf den Namen Erwin C. Dietrich stoßen. Alle anderen hingegen eher nicht, und das ist schade, denn Dietrichs sich auf über 100 Filmproduktionen erstreckendes Schaffen dürfte eigentlich für jeden aufschlussreich sein, der sich für Kinohistorie interessiert. Abhilfe schafft da dieses edel aufgemachte, großformatige, gebundene, vollfarbige und mit Schutzumschlag versehene Buch aus dem Verlag Scharfe Stiefel, das dort im Jahre 2006 erschien und sich auf rund 200 Seiten aus hochwertigem Glanzpapier reichbebildert Dietrichs Lebenswerk als Filmemacher (Urania-Film, Elite/Ascot), Filmverleiher (Avis, Ascot-Elite) sowie Erotikfilm- und Multiplex-Pionier widmet. Laut den Autoren basiert es auf ausführlichen Interviews mit Dietrich persönlich, was die unheimliche Detailfülle erklärt.

Auf ein Vorwort Jess Francos, jenem Spanier und besessenen Vielfilmer, mit dem Dietrich einige erfolgreiche Erotik- und Sexfilme realisierte, folgt chronologisch aufgearbeitet Dietrichs berufliche Vita. Es ist die eines Mannes, der sich auf Grundlage seines eigenen Arbeitsethos von bescheidenen Anfängen Stück um Stück organisch hochgearbeitet hat und nicht immer, aber oft den richtigen Riecher für Film- und Publikumstrends hatte – und gut mit Geld umzugehen verstand. Natürlich sind seinerzeit viele auf der Erotik- und Sexfilmwelle als Folge der sexuellen Revolution mitgesurft, doch Dietrich war früher als viele andere am Start und häufig einfach besser. Seine Filme sind alles andere als perfekt, verfügen aber oftmals über wesentlich mehr Charme, Verve und/oder Inspiration als beispielsweise die direkte bundesdeutsche Konkurrenz mit ihren peinlichen Machwerken, was besonders retrospektiv auffällt. Pornos hingegen hat Dietrich stets abgelehnt (aber dennoch einen in der Filmographie).

Eppenbergers und Stapfers wohlsortiert in Kapitel unterteilte Buch liest sich fesselnd und spannend, nicht zuletzt, da auch Dietrichs Fehlentscheidungen und Krisen nicht ausgespart werden, und weil sie die popkulturelle Gesamtsituation der jeweiligen Zeitabschnitte einbeziehen und einschätzen – sodass sich Dietrichs Beiträge zu ihr besser einordnen lassen. Partner und Weggefährten Dietrichs wie George Morf, Peter und Walter Baumgartner, Werner Zeindler, Euan Lloyd, Paul Grau, Wilhelm Sigg u. a. werden mit ausführlichen Lebensläufen vorgestellt; es geht also nicht nur um Dietrich, sondern um Dietrich und sein ganzes Konglomerat. Dem umstrittenen Women-in-prison-Sujet wird ebenso ein Exkurs zuteil wie dem Jugendfilm-Verleih (S. 129, sehr lesenswert…), die „Mad Foxes“-Story hingegen hätte deutlich detaillierter ausfallen müssen – immerhin einer der unglaublichsten Filme der Welt! Schade auch, dass auf die Hintergründe der den Film höchst amüsant torpedierenden „Django Nudo“-Synchronisation gar nicht eingegangen wird.

Sexfilme oder meinetwegen auch einen Porno hin oder her, der eigentliche Sündenfall Dietrichs war die Zusammenarbeit mit dem faschistoiden Briten Lloyd für einen Propagandafilm (ausgeführt auf S. 128). Mit Lloyd zusammen hatte Dietrich auch den Söldnerfilm „Die Wildgänse kommen“ umgesetzt, der einen Kinotrend auslöste, der im Buch sehr anschaulich beschrieben wird. Am Schluss darf man sich noch an einem Exkurs in die Schweizer Lichtspielhausgeschichte erfreuen, denn auch dieser liest sich interessanter, als man vielleicht vermuten würde, und stimmt auch einen Bundesdeutschen ein bisschen nostalgisch. Natürlich hat das Buch noch weit mehr zu bieten; schließlich offenbart es ein bedeutendes Stück Trivialfilmgeschichte, das unbedingt einmal erzählt werden musste. Zur Anwendung kommt dafür ein der schweizerischen Rechtschreibung gehorchendes, gutes Deutsch, das qualitativ über so manche Filmbuchveröffentlichung aus bspw. dem MPW-Verlag herausragt und nur wenige, erstauflagentypische Fehler aufweist.

Ein Schmöker, der einlädt, Dietrichs Œuvre selbst einmal im Heimkino aufzuarbeiten – zumindest ausgewählte Stücke daraus…

Die friedliche, freiheitliche und demokratische Revolution Rostock ’89 – Erlebnisberichte der Akteure und Photographien von Siegfried Wittenburg

Die friedliche Revolution in der DDR und die Wende waren bemerkenswert, was daraus schließlich wurde hingegen eine Farce – so weit, so bekannt. Der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg war seinerzeit mittendrin und hat so viel wie möglich mit seiner Kamera festgehalten. Somit kann er auf ein beträchtliches Fotoarchiv aus der Zeit des Umbruchs in der Stadt an der Ostseeküste zurückgreifen, das er u.a. für dieses Buch öffnete. Wittenburg brachte es im Selbstverlag im Jahre 2009 heraus, und es macht äußerlich einiges her: Die rund 80 Seiten bestehen aus festem Kartonpapier und stecken im festen Einband zwischen zwei stabilen Deckeln. Großflächige Schwarzweißfotos werden von Erlebnisberichten 14 verschiedener damals Beteiligter ergänzt, das Layout ist luftig und zum Lesen einladend. Große wie kleine Bilder sind jeweils mit Orts- und Jahresangaben versehen, der Großteil stammt – logisch – aus dem Jahre 1989.

Die Texte vermengen überlieferte jüngere deutsche Zeitgeschichte mit subjektiven Erlebnisberichten – und sind der Schwachpunkt dieses Bands. Einer der Autoren ist Joachim Gauck, Pfaffe und Bundespräsident a.D., dessen generell antisozialistische Haltung auch in den Berichten der anderen Verfasserinnen und Verfasser durchschimmert. So lassen diese auch keinerlei kritische Distanz erkennen, weder zu Gauck, den sie meist bei seinem Spitznamen „Jochen“ nennen, noch zu den Folgen des Beitritts der DDR zum Staatsgebiet der BRD. Man feiert sich in erster Linie selbst und möchte das alles natürlich als Mahnung und Lehre für jüngere Generationen verstanden wissen, wie Wittenburg in seinem zweiseitigen Nachwort sinngemäß schreibt.

Dafür sind die (ein paar Tippfehler aufweisenden, vermutlich also unlektorierten) Texte jedoch zu subjektiv, einseitig und vermitteln zu wenig geschichtliches oder politisches Hintergrundwissen. Im Kapitel um die Grenzöffnung am 9. November 1989 beispielsweise werden Egon Krenz und seine Rolle dabei mit keiner Silbe erwähnt, dafür jedoch eine komplette Seite für ein Foto einer Anti-Krenz-Karikatur aufgewandt. Mit Verlaub, aber das mutet schon etwas geschichtsvergessen und tendenziös an.

Wittenburgs Fotos sind wichtige Zeitdokumente eines Staats im Umbruch, der in der weiteren Konsequenz zu seinem Niedergang führte, und somit sehens-, ausstellens- und druckenswert. Zum Lesen würde ich (nicht nur) jüngeren Generationen jedoch andere Lektüre nahelegen.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „…anarcho-terroristische Kräfte“. Die Rote Armee Fraktion und die Stasi

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch dieser 116-seitige Band im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier aus dem Jahre 2017, der sich dem Umgang des MfS mit westdeutschen RAF-Terroristinnen und -terroristen widmet. Hierfür wurden die Scans zahlreicher MfS-Akteneinträge abgedruckt, die seitens des BStU komplett unkommentiert bleiben. Dafür führt jedoch ein dreiseitiges Vorwort ins Thema ein und versucht sich an einer Auslegung der aus den Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse. Die Dokumente wurden in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Anfänge“, „Beobachtung und Aufklärung“, „Projekt Übersiedlung“, „Unterstützung“ sowie „Verschleierung und Distanzierung“) aufgeteilt, denen jeweils ein kurzer Text mit geschichtlichen und politischen Hintergründen vorangestellt wurde. Im Anhang finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und BStU-Kontaktdaten.

So erhält man also einen unmittelbaren Eindruck, wenngleich die Auswahl der abgedruckten Akten durch den BStU getroffen wurde. Wer glaubt, das MfS habe sich über die Aktionen der RAF und ähnlicher Organisationen gefreut, weil man schließlich einen gemeinsamen Feind habe, und eine aktive terroristische Zusammenarbeit gegen die BRD und die Nato gefördert, sieht sich anhand dieser Lektüre getäuscht: RAF und Konsorten wurden als Sicherheitsrisiko erachtet und „individueller Terror“ abgelehnt, ihre Mitglieder so gut es eben ging beobachtet und überwacht. Verschlug es eine westdeutsche Terroristin respektive einen ebensolchen Terroristen in die DDR, wurde sie oder er verhört. Die RAF suchte im Laufe der Zeit aktiv die Unterstützung durch die DDR, Asyl erhielt man letztlich jedoch nur gegen Wissens- und Informationstransfer. Zehn unter neuer Identität in der DDR lebende Aussteigerinnen und Aussteiger fielen einer totalen Überwachung durchs MfS anheim und wurden zur Zusammenarbeit mit der Behörde gezwungen (was indes nicht immer funktioniert hat).

Ab Seite 41ff. gibt es einen interessanten vom MfS aufgestellten Vergleich der Entführungen Hanns Martin Schleyers durch die RAF und Aldo Moros durch die italienischen Roten Brigaden, der zeigt, wie genau man diese Ereignisse analysierte. Der Paradigmenwechsel des MfS, tatsächlich Aussteigerinnen und Aussteiger zu DDR-Bürgerinnen und -Bürgern zu machen, erfolgte im Jahre 1978 und lässt sich anhand der abgedruckten fiktionalen Lebensläufe Silke Maier-Witts und Monika Helbings sowie Berichten über die Eingliederungsprozesse, Enttarnungen und Neueingliederungen Maier-Witts und Susanne Albrechts nachvollziehen. Das sind einerseits tiefe Einblicke in Privatbereiche dieser Frauen, ist aber auch eine hochinteressante Kalter-Krieg-Lektüre (die, wie auf S. 70, leider dort abbricht, wo es besonders spannend wird). Bis zur endgültigen Enttarnung im Zuge der Auflösung der DDR zieht sich eine sehr distanzierte Haltung des MfS gegenüber der RAF, auch ihrer jüngeren Generationen bzw. Inkarnationen, durch die Akten, während im Vorwort zum letzten Kapitel von „aktiver Komplizenschaft“ die Rede ist. Das kann man vielleicht so nennen, wenngleich man sich darunter wohl doch noch etwas anderes vorstellt – und auch die RAF-Leute sich etwas anderes vorgestellt hätten – als das, was sich tatsächlich ereignete.

Somit bietet dieser Auszug aus dem „Stasi-Archiv“ durchaus erhellende Einblicke in einen Themenkomplex, der sich als weit weniger aufregend und politisch brisant herausstellt, als es medial vermittelt mitunter den Eindruck hat.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts Megakatastrophen

Die Erlebnisse des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung gehen in die nächste Runde: Nach „Berts heimlichen Katastrophen“ sind es nun gar „Megakatastrophen“, die die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson im siebten Band der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe beschreiben, die Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr enthalten. Die humorige Coming-of-Age-Reihe ist von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschienen. Olsson und Jacobsson versetzen sich in die Gefühlswelt ihres Protagonisten und versuchen diese so wiederzugeben, wie a) er sie in einem Tagebuch niedergeschrieben hätte und b) sie ein jugendliches Publikum mit ähnlichen Voraussetzungen erreichen, das sich mit der Figur identifizieren kann. „Berts Megakatastrophen“ ist in Schweden 1994 und in der deutschen Übersetzung 1997 veröffentlicht worden.

Seit ich an einige aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gekommen bin und mich irgendwann zögerlich an sie herangewagt habe, versuche ich, mir wenigstens einmal ein Jahr den jeweils nächsten Band zu Gemüte zu führen. Auch dieses siebte „Bert“-Buch verfügt über eine neugierig machende, bunte Zeichnung auf dem Buchdeckel und bringt es mit rund 160 recht groß geletterten und mit einigen comicartigen Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdings versehenen Seiten auf zehn mehr als der Vorgänger. Die Einträge sind nicht mehr mit Datum versehen, knüpfen aber wieder unmittelbar an den Vorgänger an. Bert besucht nun die neunte Klasse und ist erst 15, später 16 Jahre jung. Er hat keine Freundin, aber ein Auge auf diverse Mädchen in seinem Umfeld geworfen.

Je älter Bert wird, desto mehr bin ich geneigt, ihm den zuvor etwas zu geschliffenen Schreibstil abzunehmen und weniger die erwachsenen Autoren dahinter zu sehen. Bert berichtet seinem Tagebuch von seinem Ferienjob in der Keksfabrik und später vom Sexualkundeunterricht sowie von seinen Kämpfen gegen Spontanerektionen. Seine Band, die Heman Hunters, löst sich auf, wird über einige Umwege aber gleich neu gegründet. Seine Einträge schließt er jeweils mit einem „Gedicht des Tages“, die leider allesamt sehr verzichtbar sind. Viel besser gefällt mir die Bezeichnung „ekliger Geilhuber“ für einen Lehrer, der zu eng mit einer Siebtklässlerin tanzt. „Seine“ Schreibe verfügt über lakonischen Humor und wird manchmal regelrecht sarkastisch, teils auch ein bisschen vulgär. Von Sex schreibt er (bzw. schreiben Olsson und Jacobsson bzw. Übersetzerin Birgitta Kicherer) als „bimpern“ – Freunde, das heißt immer noch „pimpern“! In einem Kapitel wie „Eine Nachricht aus dem Unbekannten“ um eine an die Klowand geschmierte Telefonnummer wirkt Bert unrealistisch naiv, in „Ein Diktator wird geboren“ geht’s dafür durchaus hintergründig um Parteipolitik.

Völlig aus dem Rahmen fällt die Krebserkrankung, die Mitschüler Björna plötzlich erleidet. Die humoristische Geschichte über Schimmelbefall der gesamten Schule ist spätestens dann grenzwertig, wenn Bert Björnas Erkrankung damit in Verbindung nimmt. Das nimmt dem Buch seine Leichtigkeit und ich weiß nicht, ob es das wirklich gebraucht hätte. Ansonsten denkt Bert ständig an Mädchen und Sex, doch dazu kommt es hier nicht – das gesamte Buch über hat er nie eine Freundin. Das ist irgendwie enttäuschend, aber, hey – auch durchaus realistisch. Gegen Ende lernt er seine alte Bekannte Nadja neu kennen und verknallt sich gleich in sie, wobei die Initiative tatsächlich von ihr ausging. Wird sie sein erster Stich? Zur Beantwortung dieser Frage werde ich wohl den nächsten Band zur Hand nehmen müssen.

Da der Fremdschamfaktor von den Autoren, die einen Pubertierenden imitieren, mit den „Megakatastrophen“ (so, wie eigentlich intendiert) zu Bert übergegangen ist und dort seine kathartische Wirkung entfachen kann, wird dafür vielleicht nicht wieder ein ganzes Jahr ins Land ziehen, wenngleich es sicherlich zuhauf spannendere, lustigere, oder abgedrehtere Jugendliteratur ähnlicher Ausrichtung gäbe – nur befand sich diese eben nicht ausgemustert im Tauschschrank. Und ein Auftrag ist ein Auftrag…

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 8: 1965 – 1966

Einmal mehr versammelt der Hamburger Carlsen-Verlag auf rund 330 Seiten sämtliche je vierpaneligen Zeitungsstrips und großformatigen Sonntagsseiten der „Peanuts“-Comicreihe aus der Feder des US-Amerikaners Charles M. Schulz. Die gebundene Werkausgabe Nr. 8 fasst in chronologischer Reihenfolge die unkolorierten deutschen Übersetzungen der Jahre 1965 und ’66 zusammen und bietet diesmal dem Literaturkritiker Denis Scheck die Vorwortbühne, die er nutzt, um zu erklären, weshalb er die „Peanuts“ gruselig findet und welche Comics er (nicht) mag. Gary Groths Nachwort ist inzwischen ebenso hinlänglich bekannt wie der Stichwortindex und vor allem das Glossar hilfreich sind, erläutert letzteres doch die Inhalte einiger für heutige Mitteleuropäer nicht mehr unbedingt selbsterklärenden Gags und weist es zudem auf Unterschiede zwischen Original und deutscher Übersetzung hin.

Und es war wieder einiges los im „Peanuts“-Kinder-Mikrokosmos: Linus’ bedauernswerte Lehrerin Fräulein Othmar erleidet einen Nervenzusammenbruch, Charlie Brown lernt die Tücken der Prokrastination kennen – und Snoopy die erste Liebe! Leider bereitet die Beagle-Hündin, die man – Parallele zum kleinen rothaarigen Mädchen? – nie zu Gesicht bekommt, ihm tierischen Liebeskummer. Eigentlich eine Winterbekanntschaft, trifft Snoopy sie im Sommer noch einmal wieder. Charlies Drachen steigen genauso schlecht wie im Vorjahr und die neue Baseball-Saison geht genauso kläglich verloren, natürlich fällt er auch wieder auf Lucy herein, die ihm einen Football hinhält, dafür tauchen aber erstmals Skateboards (1965!) auf. Und im Frühjahr (genauer: am 2. Mai 1965) beginnt Charlie wieder über das kleine rothaarige Mädchen zu sinnieren, während Schröder sich mittlerweile Lucys Anwesenheit beim Klavierüben verbittet. Wer hier verliebt ist, ist’s in den oder die Falsche(n).

Snoopy arrangiert ein Familientreffen seines Wurfs und kehrt konsterniert zurück, verlässt gar seine Hütte für ein Vogelpaar, zieht aber bald wieder ein und etabliert mit seinen schriftstellerischen Ambitionen (stets beginnend mit „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“) einen neuen Running Gag. Die Vogelküken auf Seite 65 sehen übrigens erstmals aus wie Woodstock, doch bis zu dessen Debüt muss man noch ein paar Jährchen warten. Am 10. Oktober 1965 beginnt Snoopys Jagd auf den Roten Baron und damit einer der tollsten Standards der „Peanuts“-Historie: Ein Hund mit Helm und Fliegerbrille, der sich auf seiner Hundehütte sitzend in Weltkriegsabenteuer fantasiert. Im Frühjahr 1966 spielt er gar Fremdenlegionär Beau Geste aus dem gleichnamigen Film bzw. Roman nach, wie es – vermutlich später – auch sein „Kollege“ Droopy einst tun sollte. Sogar zum Surfer avanciert der Tausendsassa zwischenzeitlich.

Kein „Peanuts“-Halloween ohne den „Großen Kürbis“, an den Linus nach wie vor unbeirrt glaubt. Sally macht das durch, was früher viele Kinder ertragen mussten, heutzutage aber gänzlich verschwunden scheint: Sie muss eine Zeitlang eine Augenklappe tragen. Als wiederkehrende Figur wird Roy eingeführt, den erst Charlie und später Linus im Ferienlager kennenlernt. Bedeutender ist jedoch Roys Freundin, die am 22. August 1965 auf den Plan tritt und seither aus den „Peanuts“ nicht mehr wegzudenken ist: Peppermint Patty, eine der liebenswürdigsten Figuren des Ensembles! Die Snoopy-Strips ab dem 19. September 1965 haben einen traurigen Hintergrund: So, wie Snoopys Hundehütte ein Raub der Flammen wird, wurden es kurz zuvor Schulz’ Keller und Atelier – einer der vielen interessanten Hintergründe, die das Glossar vermittelt.

Dass ausgerechnet Charlie Brown Schülerlotse wird, ist eine weitere überraschende Entwicklung, die diese zwei Jahre abrundet. Zwei Jahre, in denen entscheidende Weichen auch für die weitere Entwicklung der Reihe gestellt wurden, was sich vor allem im „Roten Baron“ und Peppermint Patty, jener neuen, enorm charismatischen weiblichen Figur, widerspiegelt. Hand in Hand gehend mit Schulz’ angenehmem, oft hintergründigem oder nachdenklichem bis melancholischem Humor bieten all die kleinen und großen Geschichten dieses Bands eine ebenso aufschluss- und erkenntnisreiche wie vergnügliche Comic-Zeitreise, wie gewohnt in optimaler Form von Carlsen dargereicht.

Jari Banas – Das Kapital. In Farbe

Karl Marx‘ „Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.“ erschien im Jahre 1867 und besitzt noch immer Gültigkeit, wird jedoch kaum noch von jemandem gelesen. Um Marx‘ Ergebnisse seiner Forschungen in Bezug auf Wirtschaft und Politik allgemeinverständlich zu abstrahieren, erschien 1974 mit „Geschichten vom Doppelcharakter. Der erste Band des ‚Kapital‘, gezeichnet & kommentiert von K. Plöckinger & G. Wolfram“ im Hamburger VSA-Verlag eine erste Comic-Adaption. Diese nahm der finnischstämmige, in Goch aufgewachsene Zeichner und Autor Jari Banas als Grundlage für seine 1980 ebendort veröffentlichte Comic-Version, die mehrere Neuauflagen erfuhr und 2018 anlässlich Marx‘ 200. Geburtstags als aktualisierte und vollkolorierte Fassung in einer rund 170-seitigen Softcover-Ausgabe erschien.

Enthalten sind die 25 ursprünglichen Kapitel sowie ein knapper vorangestellter Prolog, der zur Bewältigung der Finanzkrise 2008 die Lektüre des „Kapitals“ empfiehlt, und die beiden Ergänzungen „30 Jahre später“ sowie „Marx kommt wieder“. Im anarchischen Funny-Stil der Politcomics der ‘70er und ‘80er, grob à la  Seyfried und Konsorten inklusive deren heutzutage mitunter ein wenig überholt erscheinenden urwüchsigen Simplizität und etwas groben Lagereinteilung der politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage, gelingt es Banas, mittels vielen einfachen Beispielen und Allegorien den Einstieg in Marx‘ Werk zu erleichtern, die Grundlagen zu vermitteln und nach und nach in etwas komplexere Bereiche vorzudringen. In der konkreten Umsetzung heißt das, dass ein rauschebärtiger Marx zwei unbedarften Kindern – und damit den Leserinnen und Lesern – seine Erkenntnisse vermittelt, wobei es häufig durchaus frech, provokant oder auch emotional zur Sache geht. Der Humor – Marx mit Stinkefüßen und ähnliche Albernheiten – ist dabei mitunter etwas schräg und gewöhnungsbedürftig.

Das ergänzte Kurzkapitel „30 Jahre später“ greift den Siegeszug des Internets auf, während die wesentlich längere Aktualisierung „Marx kommt wieder“ konkreten Bezug auf aktuelle politische Ereignisse und Verwerfungen nimmt und eine inhaltlich anknüpfende Brücke zur Erstausgabe aus dem Jahre 1980 schlägt. Bei allen Versuchen, die Zeitlosigkeit des „Kapitals“ hervorzuheben und dessen Inhalt auf die Gegenwart zu übertragen, bleiben dennoch einige Fragen offen. Als ein Beispiel sei genannt, was eigentlich mit Menschen ist, die nicht selbst produzieren, aber trotzdem weder über Kapitel noch Produktionsmittel verfügen – diese finden hier schlicht nicht statt. Ebenso wenig übrigens der real existierende Sozialismus, von den Gründen seines Scheiterns ganz zu schweigen. Darauf wird mit keiner Silbe eingegangen, allen Bemühungen, jüngere zeitgeschichtliche Entwicklungen zu berücksichtigen, zum Trotz.

Das ist etwas schade, soll aber niemanden von der Lektüre abhalten, der sich gern einmal auf vergnügliche, unterhaltsame Weise an „Das Kapital“ heranwagen möchte, weil er sich aus nachvollziehbaren Gründen vor dem Originaltext scheut – denn prinzipiell empfinde ich es als ein sehr ehrenwertes Unterfangen, die Comicform zwecks Vermittlung komplexer Sachverhalte zu wählen. Ein niedrigschwelliger Einstieg dürfte hiermit möglich sein.

Gaby Falk / Hans-Joachim Schneider (Hrsg.) – Kindheit in der DDR

Das im Jahre 2013 im Kölner Komet-Verlag veröffentlichte Buch „Kindheit in der DDR“ lässt 160 großformatige Seiten auf hochwertigem Glanzpapier im festen Einband lang und mit über 200 Fotos gespickt mehrere Autorinnen und Autoren ihre Kindheitserinnerungen an die DDR Revue passieren – subjektiv, aus kindlicher Perspektive, anekdotisch.

Auf ein knappes Vorwort folgen 32 kurze Kapitel, die einen Zeitraum von Kinderwunsch und Geburt über Kindergarte, Pionierzeit und Schule bis zur Jugendweihe behandeln. Welche oder Welcher der acht mitunter weitestgehend anonym bleibenden Autorinnen („Ina C., Köln“) und Autoren jeweils welchen Abschnitt verfasst hat, wird dabei nicht genannt. Nun gibt es bekanntlich eine Menge Gründe, weshalb die DDR untergegangen ist, und nicht alle, aber doch einige davon waren systemimmanent. Und dass die Vormachtstellung der SED, zu Beginn stalinistisch geprägt, später unter der Knute einer altersstarrsinnigen Führungselite stehend, nur ebenso schwer mit einem allgemeinen Demokratieverständnis zu vereinbaren ist wie die mangelnde Gewaltenteilung, ist ebenfalls hinlänglich bekannt.

Stellt sich also die Frage, inwieweit ein Buch wie dieses einen kritischen Blick auf die DDR wagt. Um es kurz zu machen: So gut wie gar nicht. Eine andere Frage wäre aber auch, inwieweit dies für Texte, die die damalige kindliche Perspektive zu reproduzieren versuchen, angemessen wäre. Denn zur Wahrheit über die DDR gehört auch, dass, wer nicht gerade einer Familie angehörte, die aus welchen Gründen auch immer unter verschärfter Beobachtung der DDR-Behörden stand oder gegängelt wurde, eine relativ sorgenfreie Kindheit ohne Konsumdruck und Werbeterror, bei den Eltern beobachtete Existenzängste oder religiöse Indoktrination verleben konnte und meist eine respektable frühkindliche Förderung genoss. An die Grenzen des Systems stieß man am ehesten, empfing man das BRD-Werbefernsehen oder hatte man BRD-Verwandt- oder Bekanntschaft, die man gern einmal besucht hätte, meist aber erst in der Jugend, wenn sich ein eigenes politisches Bewusstsein herausbildete und man die Zwänge des Staats und die eingeschränkten Möglichkeiten zur Einflussnahme realisierte.

So mag einem dieses Buch eventuell absurd unpolitisch erscheinen, doch spiegelt es bei genauerer Überlegung im Prinzip wider, dass die Politik im DDR-Alltag für viele schlicht eine untergeordnete Rolle spielte. In lockerer, allgemeinverständlicher, bisweilen aber auch etwas erzwungen naiver Schreibe wird also in der 1. Person Singular oder Plural mit Anspruch auf Authentizität aus der eigenen Kindheit und von der eigenen Familie sowie dem persönlichen Umfeld berichtet, wobei die Erinnerungen sowohl mit ein wenig Humor als auch mit Hintergrundwissen ergänzt werden. Letzteres besorgen auch einige Infokästen, die in das sehr ansehnliche, aber auch sehr großzügige Layout integriert wurden. Dass zwar das Schulessen kritisiert wird, die Personenkult-Indoktrination, für die bereits im Kindergarten vermittelt und abgefragt wurde, wer gerade der ach so großartige SED-Obermufti ist, jedoch unerwähnt bleibt, irritiert mich dann aber doch – wobei das von Region zu Region oder auch Kindergarten zu Kindergarten unterschiedlich ausgeprägt gewesen sein kann. Auf S. 59 findet sich dann aber zumindest auch ein Kommentar zum „Kommunikations-Dualismus“ und zum latenten Misstrauen, was meint, dass aus Sorge vor der Stasi in den eigenen vier Wänden privat über politische und staatliche Belange anders miteinander geredet wurde als in der Öffentlichkeit.

Ein eingeflochtener Bericht zur DDR-Wohnungsnot bleibt derweil komplett unkommentiert, wodurch dieses Thema unvollständig, wenn nicht gar fehlplatziert erscheint. Reisen und ähnliche Unternehmungen werden dagegen durchaus realistisch und mit einem Hauch Selbstironie geschildert. Kurioserweise widerspricht die Bildunterschrift auf S. 125, gemäß derer man in den sozialistischen Bruderländern „immer nur auf freundliche Menschen“ getroffen sei, dem Text daneben. Dass sich die Erinnerungen der Autorinnen und Autoren ähneln, liegt nahe, dass dadurch jedoch gleich zwei weitestgehend identische Ferienlagergeschichten im Buch gelandet sind, erscheint mir redundant. In einem der letzten Kapitel, jenem zum Wehrunterricht an den Schulen, geht es inhaltlich passend bereits ziemlich erwachsen zu, wenn die Grenzen der politischen Indoktrination beim mittlerweile jugendlichen Nachwuchs aufgezeigt werden, was wiederum für ein durchaus vorhandenes politisches Bewusstsein der Autorin oder des Autors spricht.

Viele Erinnerungen, die in dieses Buch fanden, sind gar nicht unbedingt DDR-spezifisch, was die vorhandenen Parallelen zur Kindheit in der BRD oder auch in anderen Nationen verdeutlicht. Dass interessierten Leserinnen und Lesern, die mit der DDR-Kultur weniger vertraut sind, Bummi und Pittiplatsch nicht erklärt werden, ist etwas schade, auch wären ein paar Auszüge aus den lesenswerten Printerzeugnissen für Kinder wie der Frösi, der ABC-Zeitung und Konsorten oder auch Standbilder aus den liebevoll gestalteten Kindersendungen im Fernsehen schön gewesen. So oder so dürfte sich „Kindheit in der DDR“ in erster Linie an diejenigen richten, die ihre eigene Kindheit selbst dort verbracht oder ihre Kinder in der DDR zur Welt gebracht haben. Dieses Publikum wird zum Schmökern, Schwelgen in eigenen Erinnerungen und natürlich zu (n)ostalgischen Gefühlen eingeladen, vielleicht auch zu Vergleichen mit der jetzigen Situation in Bezug auf Soziales, Kinder und Familie. Aber auch, wer sich ohne eigene DDR-Vita dafür interessiert, wie es „dort drüben“ aus Kindersicht zuging, findet niedrigschwellige Ansätze in einem bewusst unpolitisch, aber auch ideologiefrei konzipierten Buch, das sich aufgrund seiner vielen großen Abbildungen und dem im Verhältnis dazu eher geringen Textanteil an einem Abend bewältigen lässt.

Mad-Taschenbuch Nr. 35: Ivica Astalos – Das Mad-Buch der Märchen wie sie keiner kennt

Der deutsche Cartoonist Ivica Astalos – der einzige Mad-Zeichner nicht-amerikanischer Herkunft, von dem Taschenbücher innerhalb der Mad-Reihe erschienen – veröffentlichte im Jahre 1982 seinen zweiten Band, der weit mehr ist als eine Verballhornung bekannter Märchen. Auf ein gewohnt humoristisches Vorwort des Herausgebers Herbert Feuerstein folgen auf rund 160 unkolorierte Seiten verteilte acht Kapitel.

„Wie alte Märchen heute enden würden“ passt den Ausgang fünfHerdfuh verschiedener Märchen je drei bis vier Seiten lang in satirischer Comicform an die Tücken der Moderne an, „Dinge, die es leider nur im Märchen gibt“ stellt auf jeweils zwei Seiten mittels großen Bildern in Astalos karikierendem Stil Märchenmythen der Realität gegenüber und flicht dabei einige Kritik am sozialen Miteinander ein („Das gibt es leider nur IM MÄRCHEN, daß sich ein wohlerzogenes Enkelkind rührend um seine Großmutter kümmert! IN WIRKLICHKEIT hingegen weißt du weder die Zahl deiner Enkelkinder noch, wie sie überhaupt aussehen!“) und „Märchen aus dem Alltag“ illustriert auf jeweils einer Seite in einpaneligen Comics unhaltbare Aussagen aus dem Alltag, um diese – meist ebenfalls inklusive beißender Kritik – sarkastisch zu kommentieren („ES WAR EINMAL ein Spieß, der sagte: ,Das ist nötig, damit ihr im Ernstfall am Leben bleibt!‘ …und wenn kein Atomkrieg dazwischenkam, dann klopft er solche Sprüche heute noch!“). „Wenn die alten Märchen in unserer heutigen Zeit spielten…“ knüpft thematisch ans erste Kapitel an, stellt jedoch jeweils eine Zeichnung einer anderen gegenüber. So machen sich z.B. im Märchen die Normalos über den Struwwelpeter lustig, während „heute“ langhaarige Hippies mit dem Finger auf einen normalfrisierten Jungen zeigen. Und der Kaiser mit seinen „neuen Kleidern“ erregt am FKK-Strand kein öffentliches Aufsehen mehr…

Die dummen Fragen und klugen Antworten Al Jaffees adaptiert Astalos im Märchensujet originalgetreu mit Mehrfachauswahl und Platz für jeweils eine eigene Antwort, „Märchen, die uns die Werbung erzählt“ stellt wieder jeweils einpanelige Karikaturen auf zwei Seiten gegenüber und persiflieren Zigaretten-, Parfum-, Auto-Werbung usw. sowie das CMA-Gütesiegel. Einer der Höhepunkt dieses Mad-Taschenbuchs sind die „Berühmte[n] Worte, die sich hinterher als Märchen entpuppten“, die in ihren einpaneligen Comics historische Momente aufgreifen, deren Doppelzüngigkeit bloßstellen, indem sie u.a. Kolonialismus und Rassismus kritisieren und dabei ohne jede weitere Erklärung auskommen – eigentlich hätte es nicht einmal der Zeichnungen bedurft, die jeweiligen Aussagen sprechen für sich. Getoppt wird das sogar noch vom letzten Kapitel „Märchen, die gar keine sein dürften“, in dem auf jeweils einer Seite Märchen wie „vom einsichtigen Hausbesitzer“, „vom guten Fabrikanten“ oder auch das „von der ehrlichen Presse“ mit einer Karikatur und einem Textanriss dargestellt werden. Hier bekommt mancher sein Fett weg, der es mehr als verdient hat – bis zur Systemkritik ist’s hier nicht mehr weit.

Der durch sieben sich über nur wenige Seiten erstreckende und ohne Text auskommende, klassische Märchen alternativ erzählende „Mad-Minimärchen“ zusätzlich aufgelockerte Band ist nah am perfekten Mad-Taschenbuch: Witzig und kurzweilig, abwechslungsreich, bissig und satirisch, dennoch mit Freude an der Albernheit – und intelligent genug, mit der Doppeldeutigkeit des Märchenbegriffs gut durchdacht zu arbeiten.

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