Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 1 of 16)

Mad-Taschenbuch Nr. 34: Antonio Prohias – Spion & Spion: Der 5. Band mit fünfzehn neuen Fällen

Die im US-amerikanischen Original bereits im Jahre 1978 erschienenen fünfzehn neuen Spionageabenteuer wurden innerhalb der deutschen Mad-Taschenbuch-Reihe 1982 als fünfter „Spion & Spion“-Band veröffentlicht. Auf den gewohnten rund 160 unkolorierten und nun leider wieder unnummerierten Seiten werden die jeweils im „Der Fall mit…“-Muster betitelten Geschichten in einem Umfang von ein bis drei Panels pro Seite erzählt, wobei nach wie vor auf jeglichen Text verzichtet wird (abgesehen von einigen Beschriftungen). Und einmal mehr habe ich den Eindruck, dass diese Kalter-Krieg-Satire verglichen mit Prohias‘ älteren Zeichnungen abermals ein neues Level an Absurdität in den Methoden, mit denen sich beide Spione gegenseitig den Garaus machen, erreichen. Dass eine Geheimkonferenz öffentlich angeschlagen wird, um den Gegner in eine Falle zu locken, ist da noch das Harmloseste. So wird aus einer stinkenden Socke ein Handschuh gestrickt und einer Dame zugespielt, damit diese ihn anzieht und dem Gegner zum Handkuss hinhält, woraufhin dieser ob der Geruchsemission in Ohnmacht fällt; so wird ein Alligator dazu gebracht, eine Sprungfeder mit angebundenem Wecker zu verschlucken; so werden Handschuhe ferngesteuert und wird zu guter Letzt ein Magnet auf die denkbar komplizierteste Weise mit Reißnägeln in Verbindung gebracht. Bei 15 Fällen muss es einen Sieger geben, den ich hier aber nicht verrate. Auch dieser fünfte Band ist ein Musterbeispiel für kreative Niedertracht und Brutalität und erfordert eine gewisse Konzentration auf die Zeichnungen, um die Pläne und die aus ihnen resultierenden Kettenreaktionen in vollem Umfang zu erfassen. Eine Besonderheit dieser Ausgabe: Mehrfach tauchen Zeitungen in verschiedener Form auf, die hier mit zufällig ausgewählt wirkenden deutschsprachigen Texten bedruckt sind.

Mad-Taschenbuch Nr. 2: Sergio Aragones – Viva Mad!

Nach Don Martin im ersten Mad-Taschenbuch wurde dem Zeichner Sergio Aragones die Ehre zuteil, das zweite deutsche Mad-Taschenbuch auszufüllen: „Viva Mad!“ erschien im Jahre 1973 und gab dem aus den Mad-Heften lediglich als „Randerscheinung“ bekannten Aragones die Möglichkeit, seine sonst auf winzige Heftrandzeichnungen beschränkten Comics großzügig auf die diesmal nur rund 130 schwarzweißen Taschenbuchseiten auszudehnen. Mit „großzügig“ ist gemeint, dass sich nur maximal drei Panels auf einer Seite befinden, häufig sogar lediglich eines. Vom ein oder anderen Soundword abgesehen findet sich keinerlei Text, lediglich die acht Kapitel, in die das Buch thematisch unterteilt wurde, tragen Überschriften: „Es lebe Karate“, „[…] der Schatten!“, „[…] der Sommer!“, „Es leben die Monster!“, „Es lebe die Jagd!“, „[…] das Krankenhaus!“, „[…] das Fischen!“ und „[…] die Revolution!“

Die karikierenden Gags im ebensolchen Zeichenstil erstrecken sich meist über wenige Seiten und verulken ihr jeweiliges Themengebiet. Sprichwörtlich hintergründig ausgefallen ist das Schattenkapitel, in denen die Schatten die Gefühle, Wünsche oder Selbstbildnisse der jeweiligen Figuren im Vordergrund ausdrücken. Das Monsterkapitel nimmt klassische Horrorfilmfiguren wie Frankensteins Monster, King Kong, Werwölfe und Vampire aufs Korn und im Krankenhauskapitel ist Raum für Tragikomik, während das abschließende Revolutionskapitel sich auf die mexikanische Revolution beschränkt.

Aragones ist es an mal bissigen oder schwarzhumorigen, bisweilen aber auch etwas harmloseren Pointen gelegen und er kommt schnell auf den Punkt. Er hat eine Vorliebe für Stereotype und Klischees, mit denen er mit Vorliebe spielt. Da allein die Bilder die jeweiligen Witze und Geschichtchen erzählen, ist mitunter genaueres Hinsehen gefordert, damit einem entscheidende Details nicht entgehen. Dass ein Mad-Taschenbuch wie dieses, mit seiner manchmal regelrecht verschwenderischen Raumaufteilung und seinem Textverzicht, dennoch wesentlich zügiger ausgelesen ist als andere Titel, die hiernach in dieser Reihe erscheinen sollten, liegt indes ebenso in diesem Konzept begründet wie die spaßige und kurzweilige Zerstreuung, die es bietet. Und das durchaus auch heute noch, denn schlecht gealtert ist „Viva Mad!“ meines Erachtens nicht.

Peter Hoff – Polizeiruf 110: Filme, Fälle, Fakten

ISBN: 978-3360009586

Don’t hassel the Hoff

An dieser Stelle einmal keine Buchrezension oder -kritik, sondern die Vorstellung eines Buchs, an das ich auf der Suche nach bestimmten Informationen geraten bin und es lediglich in Auszügen gelesen habe. Diese haben mich jedoch derart überzeugt, dass es eine Sünde wäre, das Buch hier unerwähnt zu lassen.

Der 2003 verstorbene Autor Peter Hoff war Theaterdramaturg und Fernsehautor, Mitarbeiter im Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, Medienwissenschaftler und Verfasser u.a. von tausenden Fernsehkritiken sowie Büchern wie z.B. „Fernsehen als Kunst“ – und eben diesem 2001 im Verlag Das Neue Berlin erschienenen, rund 260-seitigen Standardwerks zur 1971 als Konkurrenz zum „Tatort“ etablierten DDR-Fernsehkrimireihe. Der mittelgroße Schmöker kommt im festen Einband und scheint mir eine überarbeitete, erweiterte Neuauflage des anscheinend bereits 1996 veröffentlichten „Das große Buch zum Polizeiruf 110: 1946-1996“ zu sein.

Mit offiziellem ARD-Aufkleber „Das Erste – Das Buch zur Reihe“ geadelt, handelt es sich um kein Serienlexikon oder Episodenführer zur auch nach dem Anschluss des DDR-Gebiets an die Bundesrepublik weiter und nun gesamtdeutsch existierenden Reihe im eigentlichen Sinne. Hoff unternimmt zunächst einen Streifzug durch die Historie des deutschen TV-Krimi-Genres hüben wie drüben und glänzt bereits in dieser Einleitung mit ebenso profundem wie breitem Fachwissen. Damit ist gewährleistet, dass der „Polizeiruf 110“ nicht isoliert als vermeintlich einzigartiges Phänomen betrachtet, sondern in einen dynamischen Entwicklungen unterliegenden und Vorbilder, Antipoden und Epigonen hervorbringenden Unterhaltungsapparat eingeordnet wird. Dabei findet auch immer wieder der BRD-„Tatort“ Erwähnung, dessen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beleuchtet werden.

Im Hauptteil des Buchs werden in einer Art Zeitstrahl am unteren Seitenrand alle Episoden bis inkl. Nr. 231, der Folge zum 30. Jubiläum der Reihe, mit Titel, Stabangaben, Erstausstrahlungsdatum und Zuschauerbeteiligung versehen, während der wohlstrukturierte Fließtext chronologisch nicht auf alle, aber auf eine Vielzahl der Episoden eingeht. Dabei begnügt sich Hoff nicht mit Inhaltsangaben, vielmehr setzt er sie in einen Kontext mit jeweiligen politischen Rahmenbedingungen und Begleiterscheinungen, gesellschaftlichen Entwicklungen und institutionellen Produktionsbedingungen. Er analysiert Aussagen und Subtexte, geht auf die Regisseurinnen und Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler sowie gestalterische wie narratologische Merkmale und Besonderheiten ein und weiß Geschichten, Anekdoten und Drehnotizen zu berichten, sodass es seinen Abhandlungen beileibe nicht an Hintergrundinformationen mangelt. Eingeschoben werden einzelne Kapitel, die gezielt die jeweiligen Ermittlerinnen und Ermittler sowie die sie verkörpernden Schauspielerinnen und Schauspieler charakterisieren. Diverse Schwarzweißfotos lockern die leidenschaftlich, versiert und mit viel Verve verfassten Texte auf. Ein Personen- und Episodenregister runden den Band ab.

Besonders spannend ist neben dem Beginn der Serie bzw. den Entwicklungen, die zu ihrer Produktion geführt haben, natürlich die Wendezeit und die Zäsur, die mit der „Abwicklung“ des DDR-Fernsehens folgte. Da ich vornehmlich diese beiden Bereiche rezipiert habe, kann ich hier guten Gewissens konstatieren, dass Hoff diese Perioden klug analysiert und ohne jede Form politischer Parteinahme zu deuten versteht. Hoffs Ausführungen helfen, den „Polizeiruf 110“ als viel über seine jeweilige Entstehungszeit verratendes Zeitdokument zu begreifen. So geht allgemeinverständliche, für die Materie begeisternde Film- und Fernsehwissenschaft! Insofern sei „Polizeiruf 110: Filme, Fälle, Fakten“ nicht nur Fans jener Krimireihe ans Herz gelegt, sondern generell allen, die sich für deutsche TV-Krimis, die deutsche Fernsehlandschaft zu Zeiten des Kalten Kriegs im Allgemeinen oder spannende Einblicke in eine der erfolgreichsten und beliebtesten DDR-TV-Produktionen interessieren. Die wenigen von mir entdeckten Tippfehler, die dem Korrektorat durchgerutscht sind, seien einer Erstauflage verziehen.

Der „Polizeiruf 110“ hat in den letzten Jahren kontinuierlich wieder an Beliebtheit gewonnen und diverse qualitative Höhepunkte beispielsweise mit dem Rostocker Erzählstrang um das Duo Bukow/König erreicht. Sie feiert dieser Tage ihr 50. Jubiläum, das mit einer beeindruckenden Hallenser Spezialepisode gefeiert wurde. Allein: Dieses Buch ist hoffnungslos vergriffen, zurzeit antiquarisch lediglich für dreistellige Beträge zu bekommen. Das mir vorliegende Exemplar musste ich mir aus der Leipziger Universitätsbibliothek fernleihen und nun wieder abgeben. Eine Neuauflage ist nicht in Sicht. Das ist ebenso beschämend wie die Tatsache, dass es in den alten Bundesländern nicht zum Standardbestand einer jeden medienwissenschaftlichen Uni-Bibliothek gehört. 50 Jahre „Polizeiruf 110“, mehr als 30 davon im vereinten Deutschland – und noch immer gibt es so viel zu tun…

Mad-Taschenbuch Nr. 33: Mad-Reporter Dave Berg linst, lauscht und grinst!

Das vierte Mad-Taschenbuch des New Yorker „Reporters“ Dave Berg ist auf den gewohnten rund 160 (leider unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten in die drei Hauptkapitel „Dave Berg linst“, „…lauscht“ und „…grinst“ unterteilt – jedoch ohne wirkliche inhaltliche Entsprechung. Die im US-amerikanischen Original im Jahre 1979 und in dieser deutschen Bearbeitung 1982 erschienene Sammlung maximal vierseitiger Comic-Strips, die aus lediglich ein bis zwei Panels pro Seite bestehen, widmet sich einmal mehr satirisch dem US-Alltag, den Berg auf einzelne, i.d.R. jeweils unterschiedliche Figuren und ihr familiäres Umfeld oder ihren Bekanntenkreis herunterbricht. Insbesondere widersprüchliches menschliches Verhalten hat es ihm angetan, das Hauptbestandteil zahlreicher Pointen ist. Diese gehen auf Kosten sämtlicher Generationen und Stereotypen, niemand wird verschont – und mancher dürfte sich wiedererkennen, ohne gleich beleidigt zu sein, denn Bergs Humor ist recht verträglicher, nichtsdestotrotz sehr sympathischer und charmanter Art, sein unverkennbarer halbrealistischer Zeichenstil gut dazu passend. Einblicke in Zeitgeist und Populärkultur seiner Entstehungszeit (der Videospielpionier „Pong“!) sind inklusive und viele Gags zünden nach wie vor; als Beispiel sei die Formulierung „Amt und Hürden“ genannt, zu der natürlich auch die deutsche Übersetzung ihren Teil beigetragen hat. Aus heutiger Sicht irritiert indes die eine oder andere Eindeutschung: Im Original wurde beispielsweise sicherlich ein Football-Spiel geschaut und kein Kick des FC Schalke 04.

Eine gute Dosis Dave Berg zwischendurch geht immer – und sei es nur für die Erkenntnis, dass auch andere manch Phänomen des gesellschaftlichen Miteinanders westlicher Kulturen als aberwitzig und karikierenswert empfinden. Aber darauf basiert ja aus gutem Grund letztlich jeder in der Realität verwurzelte Humor.

Cinema-Sonderband Nr. 7: Sex im Kino ’83 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex? Im Kino? Nein, hier geht es natürlich nicht um Nümmerchen zwischen den Sitzreihen der Lichtspielhäuser, sondern ums ebendort Gezeigte. Nach den Sonderausgaben/-bänden „Höhepunkte des erotischen Films“ und „Kino der Lüste“ der Hamburger Filmzeitschrift Cinema folgte mit „Sex im Kino ‘83“ deren dritte Beschäftigung mit dem Erotikkino in Form einer Sonderveröffentlichung.

Der 132-seitige, großformatige Softcover-Band mit einem schönen Foto aus „Die intimen Momente der Madame Claude“ auf dem Titel weiß im ersten von zwei Vorworten, die „Kino-Vermarktung nackter Haut“ feiere „von Film zu Film ungebrochen kassenträchtige Triumphe“, und bringt den Aerobic-Trend mit Softsex in Verbindung. Das zweite, in riesigen Lettern wie für Sehschwache gedruckte Vorwort ordnet den Band innerhalb des Cinema-Kanons ein, definiert Selbstverständnis und Anspruchs dieses Werks, informiert über dessen Gliederung – und kündigt an, was wahr werden sollte: „Künftig werden wir Ihnen alljährlich in einem Sonderband die Sexfilme der Saison präsentieren.“ Da von den „erotischen Streifen und Sexfilme[n] des letzten Jahres“ die Rede ist, ist davon auszugehen, dass dieses Buch im Jahre 1984 erschien.

Aufgeteilt wurde es in die drei auf die Filminhalte Bezug nehmenden Hauptkapitel „Schickeria: Hüllenlos auf internationalem Parkett“ (17 Filme), „Provinz: Schürzenjäger auf Dirndlpirsch“ (23 Filme) und „Paradies: Jugendliche Unschuld unter Palmen“ (3 Filme) sowie dem Portraitteil „Sexsymbole unserer Zeit und lustbetonte Filmemacher“, der dem „Paradies“-Abschnitt vorangestellt wurde. Heißt das, dass 1983 43 neue Erotik- und Sexfilmproduktionen ins Kino gekommen waren? Mitnichten – wenngleich es sich noch um die Zeit der Bahnhofs- und Pornokinos handelte, sodass derartige Filme tatsächlich in rauen Mengen gezeigt werden konnten. Vielmehr liefen zahlreiche Filme bereits früher in den Kinos oder es handelt sich um Wiederaufführungen, teilweise gar von ‘70er-Jahre-Erzeugnissen. Die Angaben der Produktionsjahre sind zudem bisweilen nicht korrekt oder fehlen ganz. Klar ist demnach schnell: Nicht nur die „Höhepunkte“ wurden hier berücksichtigt, sondern offenbar schlicht alles.

Einleitend heißt es zum „Schickeria“-Kapitel, dass es sich hierbei um die hochwertigeren Erotikfilme handele. Vielmehr als knappe Inhalts- und ein paar Stabangaben erfährt man jedoch wieder hier noch in den anderen Filmkapiteln über die vorgestellten Streifen. Stattdessen dominieren großformatige Fotos aus dem jeweiligen Film, die bei Weitem schärfer sind, als es die VHS-Kassette jemals darstellen konnte, und die den eigentlich Kaufanreiz dieses Buchs ausgemacht haben dürften. Besonders angetan hatte es den Verantwortlichen anscheinend „Die intimen Momente der Madame Claude“, der es, wie bereits erwähnt, nicht nur auf den Titel schaffte, sondern dem eine sich über satte neun Seiten erstreckende Fotostrecke gewidmet wurde. Alle anderen Filme werden lediglich mit ein bis vier Seiten berücksichtigt.

Hier finden sich Werke wie „Kommt pudelnackt, das Erbe lacht“ und „Ein nackter Po im Schnee“, aber auch „Lady Chatterleys Liebhaber“, „Ganz normal verrückt“, „Obszön – Der Fall Peter Herzl“ und „Nackt unter Kannibalen“. „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ wird als „Laura Gemsers neunter Gefängnisfilm“ bezeichnet, was ich, auch ohne persönlich nachgezählt zu haben, für eine Fehlinformation halte. „Feuer zwischen den Lippen“ sei als Beispiel für einen echten Porno genannt, der es zwischen all die Erotik- und Softsex-Streifen geschafft hat, ohne dass es der Redaktion von Bedeutung erschienen hätte, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Das „Provinz“-Kapitel soll Erotik- und Sexkomödien vereinen, unabhängig davon, „ob der Schauplatz dieser Gaudi ein hinterwäldlerisches bayerisches Dorf, ein italienisches Modestudio oder die lustbetonte Sonneninsel Ibiza“ ist. Dieses Kapitel „Provinz“ zu betiteln und im „Schickeria“-Abschnitt durchaus auch Komödien zu behandeln, führt diese krude Aufteilung endgültig ad absurdum. Hier werden noch munterer als zuvor Hardcore-Pornos mit Softsex-Albereien durcheinandergewürfelt. Dabei kommt es auch zu Fehlern: Der Porno „Intime Spiele im Mädchenpensionat“ wird als Softsexfilm bezeichnet und man verpasst ihm einen falschen Alternativtitel, unter dem er angeblich schon einmal zu sehen gewesen sei. Fragwürdige Formulierungen wie „jugendliche Teenager“ und die offenbar kritiklose Übernahme ebenso blumiger wie mitunter problematischer Inhaltsangaben der Verleiher tragen ihr Übriges bei. Generell stellt sich die Frage, welchen Sinn es ergibt, bei HC-Pornos als einzige Information die Alibihandlung anzugeben. Kritik wird erstmals zur Erotikdoku „Liebe 80“ ausgesprochen, die man als „lustfeindlichen Antiporno“ bezeichnet, spätestens damit aber den Buchtitel „Höhepunkte“ als Lüge entlarvt. Auch von „Die Nacht der wilden Ladies“ zeigte man sich alles andere als begeistert. Da der Umkehrschluss, dass alle mit keinen kritischen Worten, sondern lediglich Inhaltsangaben versehenen Filme gute Vertreter ihrer jeweiligen Zunft seien, unzutreffend ist, wirkt dies wie ein konzeptioneller Bruch.

Wesentlich textlastiger ist der über 30 Seiten lange Portraitteil, der lesenswerte, wenn auch weitestgehend unkritische Portraits der Erotikfilmer Walerian Borowczyk, Just Jaeckin und David Hamilton sowie der „Stars“ (zum Teil eher Sternchen) unter den Darstellerinnen, namentlich Dawn Dunlap, Sibylle Rauch und Clio Goldsmith, bietet. Abschließend folgt das „Paradies“-Kapitel für drei „Die blaue Lagune“-Epigonen, dessen Vorwort die italienische Darstellerin Sabrina Siani als „würdige Nachfolgerin von Jodie Foster, Brooke Shields, Kristy McNichol oder Taum O’Neal“ bezeichnet, was eine krasse Fehleinschätzung ist. Jedoch ist sie an zwei der drei vorgestellten Filme beteiligt, deren Vorstellungen nun wieder über mehrere Seiten mit großformatigen Fotos gestreckt werden. Ihr bzw. Umberto Lenzis „Daughter of the Jungle“, hier als „Tanja – Tochter des Urwalds“ vorgestellt, hatte jedoch gar keinen deutschen Kinostart. Wie er es unter dem deutschen Titel ins Buch geschafft hat, weiß wohl nur die Cinema-Redaktion allein.

Fazit: Ein sehr mit Vorsicht zu genießender Cinema-Sonderband mit dürftigem Informationsgehalt, eher ein Industriekatalog mit unsinniger Sortierung und kontraproduktiver Vermischung von Softsex- und nicht als solchen gekennzeichneten Pornofilmen. Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1983 hingegen vollkommen ungeeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 32: Don Edwing – Mads grimmiges Gruselkabinett

Es dauerte bis zum Jahre 1980, bis auch Mad-Zeichner Don Edwing sein eigenes Taschenbuch bekam. Dieses widmete er seinem Entdecker und Freund Nick Meglin und gewann seinen Kollegen und Namensvetter Don Martin für ein köstliches, ironisches Vorwort. Im gewohnten Umfang von rund 160 unkolorierten, diesmal leider auch unnummerierten Seiten frönt Edwing dem schwarzen Humor: Seine drei- bis fünfseitigen, i.d.R. lediglich ein Panel pro Seite umfassenden, gern mit „Neulich, bei…“, „Am Montag, auf…“ oder „Schon wieder bei…“ betitelten Cartoons im karikierenden Funny-Stil enden nicht selten tödlich. Das am häufigsten wiederkehrende, stets variierte Motiv ist die Hinrichtung eines vor einer Mauer gefesselten Delinquenten, dicht gefolgt vom schwierig zu erreichenden, an Rapunzel gemahnenden Mädchen im Turm. Dazwischen tummeln sich jedoch auch einige harmlosere Vertreter Edwing’schen Humors, bei denen die Pro- oder Antagonisten geringeren oder gar keinen physischen Schaden erleiden. Etwaige Dia- oder Monologe sind aufs Allernötigste beschränkt, nicht wenige Cartoons kommen ganz ohne Sprechblasen aus und beschränken sich auf Soundwords. Ein schöner Spaß für zwischendurch, wenngleich problemlos in 15 bis 20 Minuten und damit etwas arg schnell durchge“lesen“.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – Kommunalwahlfälschung am 7. Mai 1989 in den ehemaligen DDR-Bezirken Rostock, Schwerin, Neubrandenburg

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch zwei Bände zu den Kommunalwahlfälschungen 1989, deren Beobachtung und Aufdeckung durch unabhängige Bürgerinnen und Bürger die Keimzelle für die zahlreichen Proteste großer Teile der DDR-Bevölkerung bildete, die schließlich den Umbruch und damit die Wende einleiteten. Aus dem Rostocker Stasi-Museum habe ich mir den die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg abdeckenden Band mitgenommen.

Es handelt sich um eine 80-seitige Dokumentensammlung im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier, die um ein auf drei Seiten knapp in die Thematik einführendes Vorwort ergänzt wurde. Ein Anhang umfasst ein Abkürzungsverzeichnis, BStU-Kontaktdaten und Quellenachweise. Die Dokumente sind Scans von Originalunterlagen des Inlands-MfS, die in unterschiedlicher Weise mit den Kommunalwahlen in Verbindung stehen. Namen von Bürgerinnen und Bürgern wurden geschwärzt, Namen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht. Die Unterlagen bleiben seitens des BStU vollständig unkommentiert.

So hat man nun also die Möglichkeit, sich durch zahlreiche in Behördendeutsch verfasste MfS- Schreiben zu arbeiten, um einen unverfälschten Eindruck von den Stasi-Beobachtungen hinsichtlich der Kommunalwahlen und ihren Versuchen der Einflussnahme auf die Bevölkerung zu erhalten. Da werden im Vorfeld kritische Stimmen als „negativ-feindlich“ diskreditiert, sorgen einfache Aufkleber im Stadtgebiet mit Botschaften wie „Die Ostsee stirbt. Die Nordsee stirbt. HURRA – WIR LEBEN!“ oder dem Rosa-Luxemburg-Zitat „FREIHEIT ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ für helle Aufregung, wird argwöhnisch beobachtet, wer sich der Wahl zu verweigern gedenkt, werden aber auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung und die Gründe dafür durchaus korrekt beobachtet und dokumentiert.

Schmunzeln lässt sich über einen freudsch anmutenden Rechtschreibfehler wie „Quallenschutz“ (statt Quellenschutz) und besonders entlarvend wird es, wenn man haarklein dokumentiert, wie einem Wahlbeobachter verwehrt wurde, der Auszählung direkt beizuwohnen, und dass „Einwände einzelner SED-Mitglieder, daß die veröffentlichten Zahlen in der heutigen Zeit ganz einfach stimmen müssen, weil selbst geringste Abweichungen von westlichen Massenmedien ausgeschlachtet werden würden, […] nicht von der Mehrheit des Kollektiv akzeptiert“ worden seien – und auf der nächsten Seite zu lesen ist: „Das Wahlergebnis vom 7. Mai 1989 steht in keiner Übereinstimmung mit dem allgemeinen, insbesondere dem kommunalpolitischen Stimmungsbild!“ Jener Bericht zur Kommunalwahl in Neubrandenburg fährt fort mit einer schriftlich festgehaltenen Dokumentation des Unwissens offenbar einflussreicher Parteikreise über diese Vorgänge, was einen Eindruck von Desinformation und Realitätsverlust einer überalterten Führungsriege vermittelt. Ohnehin ist dieser Bericht ein Quell klarer Worte, guter, sinnvoller Beobachtungen und Einschätzungen, die durchaus konstruktiv verwertbar gewesen wären – woran aber offenbar zum damaligen Zeitpunkt kein Interesse bestand. Er zeigt eine andere Seite des Inlands-MfS.

Letztlich flog dem MfS und der SED der ganze Mist folgerichtig um die Ohren – eigentlich völlig unnötigerweise, denn meines Wissens war das tatsächliche Wahlergebnis immer noch positiv genug, um die Vormachtstellung der SED zu erhalten, wäre aber auch Anlass für einen konstruktiv Dialog und politische Veränderungen innerhalb des Systems gewesen. Die Ignoranz dessen sollte sich sehr bald bitter rächen. Das ungeschönte, DDR-weite Wahlergebnis ist leider kaum jemandem bekannt und wird auch hier nicht genannt. Ich meine mich zu erinnern, es einmal von Egon Krenz im Rahmen eines Interviews vernommen zu haben.

Jegliche erläuternden Kommentierungen oder Einordnungen bleibt diese Dokumentensammlung schuldig, mit dem Wust an Behördenschreiben bleibt man weitestgehend allein. Das ist erst einmal in Ordnung, denn vieles spricht für sich. Etwas unpassend für ein ja ebenfalls von einer Behörde herausgegebenes, hochpolitisches Druckerzeugnis erscheint mir jedoch der umgangssprachliche Duktus im Vorwort, wenn von „Stasi“ und „Mauerfall“ statt vom Ministerium für Staatssicherheit und Maueröffnung die Rede ist. Ersteres ist synonym verwendbar, letzterem kann zumindest ein politisch-historischer Beigeschmack unterstellt werden: „Mauerfall“ ist als Metapher sicherlich geeignet, in Wirklichkeit aber wurden Berliner Mauer und die Grenze zwischen NATO und Warschauer Pakt – zweifelsohne auf massiven Druck hin – unter Leitung Egon Krenz‘ geöffnet. Schwerer wiegen jedoch das Fehlen sämtlicher Statistiken zu den dokumentierten Stasi-Maßnahmen (Inwieweit sind die beschriebenen Maßnahmen exemplarisch oder individuell? Welcher Bevölkerungsanteil war von welchen Maßnahmen direkt betroffen?) und die völlige Intransparenz dahingehend, anhand welcher Kriterien die Dokumente für diese Sammlung ausgewählt wurden. Die die zahlreichen in den Dokumenten verwendeten Abkürzungen aufschlüsselnde Liste im Anhang ist zwar löblich, aber leider unvollständig.

Als Grundlage für wissenschaftlich-analytische Arbeiten ist dieser Band daher leider nur bedingt geeignet. Und weshalb man ausgerechnet an der Bedruckung des Buchrückens sparte, sodass spätestens, wenn man mehrere solcher BStU-Dokumentensammlungen im Regal stehen hat, der Überblick verloren geht, erschließt sich mir in keiner Weise. Nichtsdestotrotz habe ich mir zwei weitere Bände mitgenommen, dazu später mehr…

Frank Schäfer – Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur

Was ich beim Erwerb für eine weitere Rezensionssammlung hielt – weil, analog zum Vorgänger „Alte Autos und Rock’n’Roll“, mit „Der rasende Rezensent 2“ untertitelt –, entpuppte sich vielmehr als ganz dem Literaturbetrieb gewidmetes Potpourri aus 25 Essays über bzw. Interviews mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie einem Musiker, Verleger(innen) und einem Dialogbuchautor/ Synchronregisseur/-sprecher, bisweilen in Form von Homestories: Die Rede ist von „Rumba mit den Rumsäufern“, jener im Jahre 2011 im Oktober-Verlag erschienene Sammlung zuvor mitunter gekürzt in „Zeit online“, „Rolling Stone“ und Konsorten erschienener Texte des Braunschweiger Literaturexperten, Autors und Musikjournalisten Frank Schäfer, dargereicht als rund 230 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Nach einem zweiseitigen Vorwort plaudert Schäfer mit Burroughs- und Bukowski-Übersetzer Carl Weissner, lässt er zusammen mit Hans Herbst dessen Reisen Revue passieren, kitzelt er umfangreiche Antworten aus „Katholikenschreck“ Wenzel Storch heraus und lässt er Ralf Rothmann wunderbar verschiedene Schreibertypen beschreiben. Musiker PeterLicht, den „Mann, den niemand kennt“, bringt er den Leserinnen und Lesern näher, führt mit Günter Amendt ein kritisches Gespräch über LSD und amüsiert mit einer genauen Beschreibung der Wohnverhältnisse Ulrich Holbeins. Sein Interview mit Silvia Bovenschen macht neugierig, er besucht Nachwuchsautor Finn-Ole Heinrich auf der Leipziger Buchmesse und führt eine sehr erhellende Konversation mit Benno Käsmayr, dem Chef des Maro-Verlags, der einst Bukowski nach Deutschland brachte und auch schon Schäfer veröffentlichte, über die Entwicklung des Verlags von Beginn an.

Margitt Lehbert liefert einen Eindruck von der Arbeit ihres Lyrik-Nischenverlags Edition Rugerup (inzwischen dann doch auch bei Amazon und Wikipedia gelistet), Peter Kurzeck darf Kritik an der „Gruppe 47“ üben und der 1994 verstorbene Charles Bukowski stand – man lese und staune – Schäfer 2008 noch Rede und Antwort. Schäfer lässt sich von Detlef Kuhlbrodt zeigen, wie man das Leben liest, knöpft sich, wie schon das Goethe-Institut, den Rapper und Slam-Poeten Bas Böttcher vor und weiß, dass es sich auch bei Synchronarbeit für den Film um Literatur handelt, sodass Kult-Synchronautor Rainer Brandt über seine Karriere schwatzen und mit modernem Blockbuster-Kino hadern darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Franz Dobler wiederum scheint so einige Parallelen zu Schäfer aufzuweisen.

Schäfers Essays werden zu kleinen Porträts, die Antworten seiner Gesprächspartner(innen) liefern interessante Einblicke in Schreib- und kreative Schaffensprozesse, aber auch in ganz unterschiedliche Biografien, Herangehensweisen und nicht zuletzt Spleens. Manch einer gibt sogar Auskunft über verkaufte Auflagen, was sich als recht aufschlussreich erweist: Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ sei seinerzeit in die fünfte Auflage gegangen, bisher seien bereits an die 50.000 Exemplare abgesetzt worden. Für Finn-Ole Heinrich bedeutete die siebte Auflage hingegen rund 3.500 verkaufte Exemplare, was sein kleiner Verlag als Erfolg feiert. Wie hoch eine einzelne Auflage jeweils war, lässt sich da leicht ausrechnen.

Von leichten Schwächen im Korrektorat abgesehen, kann ich an „Rumba mit den Rumsäufern“ nichts Falsches finden, im Gegenteil: ein inspirierendes Kleinod, das auch mir als Roman- und Lyrikmuffel (Ausnahmen wie Bukowski oder Strunk bestätigen die Regel) bestens gemundet hat und dafür verantwortlich ist, dass Titel wie Silvia Bovenschens „Schlimmer machen, schlimmer lachen“ oder Günther Ohnemus’ „Zähneputzen in Helsinki“ mein Interesse geweckt haben. Ich würde mir (und ihm) wünschen, jemand würde Schäfer einmal mit einem ähnlichen Interesse interviewen und skizzieren, wie er es hier mit seinem jeweiligen Gegenüber tat. Offenbar hat er bereits 2008 mit „Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern“ einen thematisch ähnlichen Band veröffentlicht. Diesen habe ich mir nun ebenfalls zugelegt, dazu später mehr.

Phil Foglio – XXXenophile

Noch ein Zufallsfund vom Flohmarkt: „XXXenophile“ ist eine ursprünglich von 1989 bis 1995 im US-amerikanischen Original in zehn Bänden publizierte Erotik-Sci-Fi/Fantasy-Comicreihe des Zeichners und Autors Phil Foglio. Im Juli 2001 veröffentlichte der belgische BD-erotix-Verlag die ersten beiden Bände zusammengefasst in einem großformatigen, 68-seitigen Hardcover-Band, wobei es dann auch blieb – weitere Ausgaben scheinen in keiner deutschen Übersetzung erschienen zu sein. Die neun enthaltenen, jeweils für sich stehenden Kurzgeschichten sind unkoloriert, obwohl einleitend jeweils der Name einer Person angegeben wird, die für die Tusche zuständig gewesen sei – vermutlich war das Original tatsächlich farbig. Die hervorragenden Zeichnungen entsprechen weitestgehend dem Funny-Stil in einem nicht allzu abstrakten Ausmaß, die Panel-Grids sind variabel.

In den fantasievoll gestalteten Geschichten in unterschiedlichsten Settings von Sword-&-Sorcery-Fantasy bis Science-Fiction-Welten geht es stets um Sex in unterschiedlichen Variationen mit einer meist augenzwinkernden Pointe. Weibliche wie männliche Geschlechtsorgane sowie die Sexualakte wurden in der Regel in aller Deutlichkeit gezeichnet, was dem Band den Hinweis „Nur für Erwachsene“ einbrachte. Angenehmerweise sind die Geschichten weit von jeglichem Altherrenhumor oder nichts außer Fremdscham erregendem Sexismus entfernt und trotz ihrer Ausrichtung auf die Sexualität keinesfalls so plump wie befürchtet.

Der Comicgenuss wird indes leider empfindlich durch die schlampige, offenbar gänzlich unlektorierte, weil von zahlreichen Rechtschreibfehlern gezeichnete Übersetzung getrübt, die Foglios Arbeit primitiver erscheinen lassen, als sie ist. Die neun Kurzgeschichten sind ein kurzweiliger, erotischer Spaß, die deutsche Edition hingegen ist, trotz des ersten hochwertigen Eindrucks aufgrund des festen Einbands und des guten Papiers, mangelhaft.

Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 5

Ein Flohmarktzufallsfund war dieser fünfte Band der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe „Betty“ eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien. Aus welchem Zeitraum das spanische Original stammt, ist mir nicht bekannt.

Die titelgebende Protagonistin Betty ist eine Prostituierte, die ihrem Beruf gern nachgeht. Zudem ist sie alleinerziehende Mutter eines Jungen, dessen Vater unbekannt ist – es muss einer ihrer zahlreichen Freier sein. Was woanders Stoff für Dramen wäre, ist hier der Aufhänger für zahlreiche kurze, pointierte Humoresken, die in ihren Darstellungen den Softsex-Bereich nicht überschreiten und etwas gewöhnungsbedürftig ohne eigene Titel oder als solche sofort erkennbare Eröffnungspanels auskommen müssen. Erzählt werden sie für gewöhnlich in sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids pro Seite, derer der Band rund 100 umfasst.

Direkt die erste Pointe will nicht recht zünden, womöglich handelt es sich um ein Übersetzungsproblem. Das ändert sich jedoch schnell und hat man sich erst einmal eingegroovt und mit der Figur sowie dem Humor vertraut gemacht, macht „Betty“ im Stil klassischer Comicstrips durchaus Spaß. Die Sicht auf Betty und ihren Alltag ist stark männlich geprägt und es besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei ihr um ein Fantasieprodukt handelt. Dafür dominiert jedoch nicht der altertümliche und oft sexistische Herrenwitz (wenngleich sich die Reihe von diesem nicht vollständig freisprechen kann), sondern eine aus Bettys selbstbewusstem, stolzem Umgang mit ihrem Beruf resultierende Karikatur der Männerwelt. Männliche Figuren werden häufig besonders lächerlich aussehend gezeichnet und wer glaubt, Betty ausnutzen, übervorteilen oder diskriminieren zu können, bekommt schnell sein Fett weg.

Aus der Reihe fällt indes die Geschichte auf S. 62f., in der Betty ungewöhnlich und unpassend naiv dargestellt wird – der Tiefpunkt dieser Ausgabe. Die enthaltene Weihnachtsgeschichte ist sogar richtiggehend traurig. Als Aussage lässt sich jedoch geschichtenübergreifend grob zusammengefasst herauslesen, dass Bettys Beruf keine Schande sei – eher einige ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmende Männer – und es keinen Anlass gibt, sie oder ihren Sohn dafür zu diskreditieren. Neben den Nachteilen, die die Tätigkeit seiner Mutter mit sich bringt, werden sogar gewisse Vorzüge für den Filius skizziert. Trotz männlicher Perspektive und diversen sexualisierten Humors kann „Betty“ damit eine fortschrittliche Haltung attestiert werden.

Intermediale Bezüge werden in einem „Stummfilm“-Strip mit Charlie Chaplin sowie bei Bettys Aufeinandertreffen mit den Classic Universal Monsters hergestellt, was den Spaß erhöht (und mich ein wenig an die zahlreichen „Mad“-Filmparodien und -referenzierungen erinnert). Grotesk mutet es an, wenn Betty das Wort „Hurensohn“ als Beleidigung verwendet – und gerade dadurch zum Nachdenken über den eigentlichen Inhalt dieser anregt. Ein paar Schreibfehler erinnern daran, dass es sich bei „Betty“ um ein Nischenprodukt eines kleinen Verlags handelt.

Die Zeichnungen sind gewitzt und einladend; die Lektüre war durchaus vergnüglich, zwischendurch auch mal befremdlich, aber der positive Eindruck überwog. Sollte mir ein weiterer Band aus der Reihe mal wieder für ‘nen Euro auf einem Flohmarkt in die Hände fallen, würde ich sicherlich zugreifen – meinen Sammlerinstinkt hat „Betty“ jedoch nicht angesprochen.

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