Günnis Reviews

Monat: März 2026

28.03.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: PETER PAN SPEEDROCK + SKROETBALG

Das niederländische Powertrio PETER PAN SPEEDROCK veröffentlichte zwischen 1997 und 2016 unzählige Scheiben und gönnte sich anschließend eine fünfjährige Auszeit. Seit 2021 spielt man wieder live und irgendwann steckte mir meine wesentlich bessere Hälfte, dass sie die Combo gern mal wieder sehen würde – ich glaube, das war leider, nachdem sie uns bereits ein-, zweimal durch die Lappen gegangen war. Als ich vor zig Monaten sah, dass sie Ende März wieder das Monkeys beehren würde, sicherte ich uns kurzerhand Tickets und blockte den Termin im Kalender.

Es handelte sich um eine Art Frühkonzert, sprich: 19:00 Uhr Einlass und um 20:00 Uhr sollte es schon losgehen, damit nach hinten raus noch genügend Zeit für die ‘80/‘90er-Disco blieb. Das bedeutete, dass wir – passenderweise – nach dem Fußball etwas Geschwindigkeit an den Tag legen mussten. Nach dem Zwischenstopp an der Dönerbude eilten wir zum Monkeys, wo SKROETBALG pünktlich wie die Maurer um 20:00 Uhr loslegten, als wir noch an der Garderobe unsere Plünnen abgaben. Erst mal im Pub-Bereich die After-Döner-Zichte schmauchen und ein Monkeys Red schütten, die ebenfalls aus den Niederlanden stammende Vorband lieferte den Soundtrack dazu. Dann aber ab vor die Bühne!

Das Monkeys dürfte so gut wie ausverkauft gewesen sein, erwartungsgemäß waren MOTÖRHEAD-Shirts und -Tattoos ebenso in hoher Frequenz vertreten wie Turbojugend-Kutten. PETER PAN SPEEDROCK zählen zu jenen Bands, die in den 1990ern den Spaß am Rock’n’Roll zurückgebracht hatten und sicherlich auch SKROETBALG beeinflussten. Das Quartett zockte ziemlich schnörkellosen, verzerrten, punkigen Drei-Akkorde-Hauruckrock mit niederländischen Texten und bewies etwas schrägen Humor. Sie sangen unter anderem darüber, wie scheiße die niederländische (und mir bis dato völlig unbekannte) Discounter-Kette „Action“ sei – und dass Beck’s angeblich das beste Bier braue. Ja nee, is‘ klar. Zwischendurch holten sie jemanden auf die Bühne, der anlässlich seines 40. Geburtstags eigens aus Groningen angereist war. Als Zugabe zockte man den TURBONEGRO-Klassiker „Get It On“ in einer gefeierten Version.

Zugegebenermaßen zählen PETER PAN SPEEDROCK nicht unbedingt zu den Bands, die ich zu Hause auflege, entsprechend wenig vertraut war ich mit dem Material. Ich versprach mir aber eine energiegeladene, hochoktanige Punk-/Rock’n’Roll-Show, und exakt die bekam ich auch. Die überwiegend flott nach vorne gespielten Songs umschifften jegliche Monotonie durch immer mal wieder eingestreute Licks und Grooves, wobei die Grundlage in etwa MOTÖRHEAD in weniger bluesig, dafür umso punkiger blieb – wenn ich mich an einer Definition versuchen wollte. Vor der Bühne fand vom ersten Song an relativ harter Pogo statt, dabei durchaus mit weiblicher Beteiligung und mitunter etwas übermotiviert. Wir standen am Rande des Pits und blieben unverletzt. 😉 Die BATMOBILE-Coverversion „Transylvanian Express“ von der Split-Platte mit den Psychobillys kam zu Live-Ehren, „Gotta Get Some“ erfuhr Unterstützung durch einen Gastsänger. Ohne ihn ist die Band nur zu dritt, wobei es schon beeindruckend ist, wie Sänger und Gitarrist Piet die Doppelbelastung meistert, während die Rhythmusfraktion das Pedal immer wieder durchtritt. Bei SKROETBALG bedankte er sich, außer für deren Aussage über Beck’s… Nach ich glaube einer guten Stunde war Feierabend, aber das Monkeys blieb ziemlich voll. Auch wir blieben einfach, genossen die Arbeit des DJs und tranken dem Club eine Schneise ins Bierregal – irgendwie muss man nach so’nem Gig ja wieder runterkommen…

Mawil/Michalke/Kleist/Naatz/Fil – Geschichten aus dem Comicgarten

Rund 220 unkolorierte Seiten stark ist dieses mittelgroße Paperback, das im Jahre 2002 offenbar in fünf verschiedenen Covern bei Berlin Comix erschien. Fünf miteinander befreundete Berliner Comiczeichner, u.a. der noch am Anfang seiner Karriere stehende Mawil und der damals bereits recht renommierte Kleist, zeichneten und schrieben die experimentelle Funny-Sammlung „Geschichten aus dem Comicgarten“. Zur Entstehung lese man das famos selbstironische Vorwort – wenngleich einmal dahingestellt sei, ob das dort beschriebene Konzept, innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe eine bestimmte Anzahl Comicseiten zu schaffen, also total spontan drauflos zu zeichnen, tatsächlich exakt so gegriffen hat.

Bei Michalkes kurzem Liebesdrama um Fuchsi und Fiesi in einfachem Strich hat es aber diesen Anschein; ebenso bei Mawil, der seinen Hasi in eine irre Justizposse stürzt, den Duracelhasen sterben lässt und sich selbst beim Nachdenken zeichnet, zwei Seiten nur mit schwarzen Panels füllt, die eine Ohnmacht ausdrücken sollen, mit Kommissar Hunter, den Schlümpfen, Goofy und Micky Maus bekannte Figuren auffährt und die eigentlichen Ereignisse ausspart, nur nachträglich von einer Figur behaupten lässt.

Von Fil stammt das Herzstück in drei Akten, ebenfalls voller bekannter Figuren: Lolek und Bolek, Catwoman, Werner, die Schlümpfe, Rudolf Scharping, Hulk bzw. Halk, Speedy Gonzales, ein Panzerknacker… und (Achtung!) das Filhuhn! (Tusch!) Damit nicht genug, das Bienchen ruft „Zeter und Mordillo“ – genau mein Humor. Fast überrascht war ich, dass Fil tatsächlich ein pointiertes Ende seiner Geschichte findet. Für Michalke wiederum ist der Comicgarten ein Urlaubsland, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird und ein Rockabilly, der sich für ultracool hält, sein Fett wegbekommt. Naatz zeichnete eine Bulle-von-Tölz-Persiflage mit viel Mundart und Seitenhieben gegen Fickmangas, Pokémons und japanische Vergangenheitsbewältigung.

Und last but not least ist der Comicgarten für Kleist ein Knast, aus dem es zu entkommen gilt – doch im Comicuntergrund ist man zwar frei, hat aber nichts zu beißen. Eine bissige Parabel auf die Comicverlagsbranche inklusive wieder zahlreicher bekannter Figuren und am Ende einem frühen Seitenhieb gegen Computerautomatisierungen, was heutzutage KI wäre, gezeichnet in hübsch düsterem Stil und mit filmischen Perspektiven, die an Ausbrecherkinofilme erinnern.

Das ist alles angenehm und (zumindest mir) nie zu schräg und in jedem Falle besser als Geschichten aus dem Paulanergarten. Wer mag, darf trotzdem ein Weizen dazu genießen.

26.03.2026, Turtur, Hamburg: HARBOUR REBELS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Seit geraumer Zeit veranstaltet die „Krach 45“-DIY-Konzertgruppe Konzerte im Turtur auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Besondere: Diese finden stets donnerstags statt. Für viele ist das der Vizefreitag, an dem man schon mal losgehen kann, für uns unser regelmäßiger Probetermin. Um dort auch mal auftreten zu können, verlegten wir quasi die Probe ins Turtur. Krach 45 beraumte ein Konzert zusammen mit unseren Proberaumkollegen, den HARBOUR REBELS, an, sodass es ein stilistisch gemischter Abend wurde (was ich ja ohnehin ganz gerne mag). Das Turtur entpuppte sich als direkt am Kanal gelegene, schlauchförmige Mischung aus Kneipe, Pizzabäckerei und Club mit Tresen, Außenterrasse und allem Pipapo – außer einer Bühne. Diese ebenerdig herzurichten, war gerade die Beschäftigung der Krachis, als ich etwas überpünktlich vor Ort aufkreuzte und die frohe Kunde vernahm, dass es frisch zubereitete Pizza als Bandverpflegung geben würde. Außerdem weihte man mich in die Besonderheiten der Gesangseinlage ein. Diese hat den Vorteil, dass die im Rechteck angeordneten, vier unter der Decke hängenden Boxen eine Art Surround-Sound erzeugen, aber den Nachteil, dass sie leicht Rückkopplungen mit dem Gesangsmikro erzeugen. Gitarren und Bass werden nicht abgenommen, Kickdrum und Snare hingegen schon. Alright.

Zu einer Herausforderung geriet der finale Soundcheck inklusive der Gesänge, da der Teufel wie so oft im Detail steckte. Den einen oder anderen rettenden Einfall und Eisenkarls Hilfe später aber stand das Setup und wir konnten uns die Wannen mit Pizza vollschlagen. (Meine „Welcome To Hell“ war derart grandios, dass ich da irgendwann noch mal als zahlender Gast vorbeikommen muss.) Freibier gab’s zudem satt und da ich am nächsten Tag – wenn auch etwas später als üblich – noch zur Lohnarbeit musste, versuchte ich mich am stets gefährlichen Spagat zwischen Spaß, geselligem, auflockerndem Trinken und, äh, Verantwortungsbewusstsein… Angesichts unserer jeweils in nur geringer Stückzahl erhältlichen Shirts war ich beim Aufbau des Merchstands heillos überfordert und packte die Dinger gar nicht erst aus. Da müssen wir mal wieder System reinbringen. Unser anderes Zeug verkaufte sich dafür nicht schlecht. So’nen kleinen Bauchladen dabei zu haben, lohnt sich dann eben doch immer mal wieder.

Ich freute mich über die erkleckliche Anzahl Besucherinnen und Besucher, die sich an einem Donnerstagabend aufgerafft hatten, darunter eine ganze Delegation vom Gaußplatz, und ein wenig später als ursprünglich geplant zockten wir dann auch endlich – insbesondere zur Beruhigung des ungeduldigen Keith 😉 – unser 15 Songs umfassendes Set. Bei „Elbdisharmonie“ entfiel mir spontan die letzte Strophe, sodass ich die dritte einfach zweimal sang – war mir bislang auch noch nicht passiert. Einen Song spielten wir falsch an, das dürfte es an Patzern aber gewesen sein. Mit Eisenkarl an den Drums kommunizierte ich mangels eines Monitors hin und wieder per Handzeichen. Gitarrist Kai trug plötzlich eine Narrenkappe (wie mir auffiel, als ich mal zur Seite blickte), die während des Sets zudem bis zum Drummer wanderte. Irgendwie darauf zu reagieren war ich gar nicht in der Lage, ich war im Tunnel. Eine kurze Verschnauf- und Trinkpause zusätzlich habe ich uns ermogelt; sechs Nummern quasi unterbrechungsfrei durchzuzocken, ist dann vielleicht doch ein bisschen viel – man wird ja nicht jünger. Vor der Bühne einige bekannte Gesichter, aber auch welche, die uns zum ersten Mal sahen. Schöne Mischung und gute Stimmung innerhalb einer durch den zahlreichen Gebrauch von Kunstnebel sowie den leicht übersteuerten Mikrosound erzeugten ‘80er-Jahre-Atmosphäre. Hatte was!

Die HARBOUR REBELS kamen quasi frisch aus dem Studio, wo sie ihr neues Album eingespielt haben, auf das man gespannt sein darf. Hier und heute gab’s natürlich in erster Linie den bekannten Stoff, was auch einen Stilwechsel bedeutete: Statt unseres wütenden HC-Punk-Gebollers Melodien satt, zum Mitsingen anregende Singalongs und dank der seit Keith‘ Einstieg wieder zwei Gitarren ordentlich Dampf aufm Kessel. Sängerin Jules melodischer Klargesang wies zunächst dieselbe leichte Verzerrung auf wie bei uns, diese wurde mit Eisenkarls Hilfe aber nach und nach herausgeregelt. Auch ihnen unterlief ein falsch angespielter Song und auf das Olaf-Scholz-Intro aus der Konserve musste verzichtet werden (ich glaube wegen eines leeren Akkus), alles andere klang für meine Ohren aber gewohnt souverän. „Die Masken sind gefallen“, „Raus aus dem Dreck“ und als Zugabe „Trunkenbold“ – Lieblingssongs: check. Der Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ sorgte für zusätzliche Auflockerung zwischen vielen in deutscher und englischer Sprache vorgetragenen kämpferischen Songs. Die Stimmung war prächtig und einige schwangen nun auch ausgelassen das Tanzbein. Freue mich auf die neue Platte!

Am Ende war nach hinten raus sogar noch genügend Zeit, eine ganze Weile zu Klassikern aus den Konserve weiterzufeiern und trotzdem noch locker die letzte Bahn zu bekommen. In unserem Falle wurde das noch ein wenig herausfordernd, da auf dem Weg zum Bus noch jemand rückwärts aß und wir erst die richtige Haltestelle finden mussten, was letztlich aber alles gelang. Es war ein Tag bei miesem Wetter und arbeitsbedingt gedämpfter Laune bei mir, doch das Konzert und das ganze Ambiente gaben mächtig Aufwind, und am Schluss schienen fast alle irgendwie glücklich. Danke an Krach 45 und das Turtur für die Einladung und den tollen Service, an die HARBOUR REBELS für den Gig, an alle, die mit uns zusammen bereits am Donnerstag das Wochenende eingeläutet haben und nicht zuletzt an Sheila für die Schnappschüsse unseres Auftritts!

21.03.2026, T-Stube, Rendsburg: VIOLENT INSTINCT + HABGIER + BOLANOW BRAWL

Ursprünglich sollte dieses Konzert in Bad Oldesloe stattfinden, denn unter Kurort machen wir’s eigentlich nicht mehr (Scherz!), doch wurde es schließlich nach Rendsburg in die gute alte (und jüngst gerettete) T-Stube verlegt – einem wichtigen selbstverwalteten Ort für Live-Aktivitäten auf dem flachen schleswig-holstein’schen Land. Eigentlich hätte das Konzert auch mit den niederländischen CITY RIOT als Headliner aufwarten sollen, die letztlich jedoch wegen einer Doppelbuchung passen mussten. Veranstalter Sven alias „Oidesloer“ hatte also gut zu schwitzen, letztlich aber alles prima hinbekommen. Auch unser spätes Aufschlagen – aus den heillos überfüllten Hamburger Straßen auf die Autobahn zu kommen, dauerte länger als der eigentliche Teil der Strecke – schien den Zeitplan nicht sonderlich durcheinandergeworfen zu haben.

Nach sieben Jahren also ein zweites Mal BOLANOW BRAWL in der T-Stube, wo uns Sven und die Crew freundlich empfingen, uns mit der Bühne und deren Technik vertraut machten, den Soundcheck mit uns durchführten und uns mit superleckerem Mampf sowie Freigetränken verwöhnten. Als nach und nach die ersten Besucherinnen und Besucher eintrudelten, wurde draußen die Feuertonne angeheizt. VIOLENT INSTINCT waren auch längst da, deren Sängerin Aga stellte mir freundlicherweise ihr Funkmikro für den Gig zur Verfügung – besten Dank! Irgendwann zwischen 20:00 Uhr und 20:30 Uhr legten wir als erste Band los, was vor allem denjenigen zugutekam, die mit einer der letzten Bahnen wieder nach Hause wollten, mein Körper aber offenbar als etwas ungewohnt empfand – ich kam erst während des Auftritts langsam auf Touren. Wir zockten die komplette LP in an die Live-Situation angepasster Reihenfolge durch, was weitestgehend pannenfrei verlief. Der Keil, der die Bassdrum vom Wandern abhalten sollte, tat dies nur höchst unzureichend und geriet – wie die ganze Bassdrum irgendwann – zu einer potenziellen Stolperfalle für mich, brachte mich aber nicht zu Fall. Ha! Ansonsten war technisch alles ok und unsere aus Leuchtreklamen bestehende Bühnendeko leuchtete, während bei uns die Lampen angingen… Dafür warfen wir die vorgesehenen (Nicht-)Pausen zwischen den Songs übern Haufen, ohne uns aber zu verzetteln. Als Zugabe gab’s wie üblich „Total Escalation“, die Leute schienen zufrieden und wir hatten nun Feierabend. Fast. Hektisch bauten wir unsere Plünnen inklusive unseres neuen Banners ab, verstauten das Zeug in den Karren…

…und tatsächlich hatten HABGIER (nach einem Ennio-Morricone-Intro) schon angefangen, als ich nach einer Kippenlänge von draußen wieder reinkam. Die Neubrandenburger HC-Punk-Band ist auf Duo-Größe geschrumpft, sprich: Gitarristin/Sängerin in Personalunion, Basser/Background-Shouter – aber kein Drummer. Dieser kam aus der Konserve. Dem angemessen rauen Sound, perfekt abgerundet von der herrlich dreckigen Stimme der Sängerin, tat dies keinen Abbruch; für die Optik wäre ein(e) Drummer(in), der/die sich Animal-mäßig so richtig schön reinlegt, aber schon geil gewesen. Das deutschsprachige Material deckte die für diese Musik üblichen, leider nie überholt scheinenden Themen ab, und irgendwann gab’s einen „Song für alle DDR-Punks und die, die’s noch werden wollen“, nämlich eine Coverversion von SCHLEIMKEIMs „Frage der Zeit“. Die Klampfe sägte amtlich, kein Song dürfte länger als 90 Sekunden gewesen sein, und gefühlt recht flott war der Gig auch schon wieder vorbei. Hat Spaß gemacht – und klasse auch, dass die Band relativ kurzfristig hatte einspringen können.

Viel zu lange war’s her, dass ich VIOLENT INSTINCT zuletzt livegesehen hatte; eine ganze Weile hatten sich die Hamburger(innen) live auch eher rar gemacht. Drummerin Camila, mit der ich die Band bisher nie sah, war leider aus gesundheitlichen Gründen verhindert, die Band für diesen Auftritt also auf Quartettgröße geschrumpft. Einer der beiden Denisse hat kurzerhand von der Gitarre ans Schlagzeug gewechselt, man trat also mit nur einer Klampfe auf. Dadurch ging natürlich gerade während den Leadparts etwas Druck flöten, was man aber recht gut kompensiert bekam. Nachdem ich Aga kurz in Unruhe versetzt hatte, weil ich ihr Mikro so gut im Backstage abgelegt hatte, dass ich mich selbst nicht mehr erinnern konnte, wo genau (es sich dann aber doch noch anfand), gab’s 14 Songs lang deutsch- und englischsprachigen, klischeefreien Streetpunk vom Feinsten zu hören. VIOLENT INSTINCT stiegen mit „Lass dich fallen“ in ihr Set ein und setzten anschließend den Fokus verstärkt auf die jüngeren englischen Stücke, darunter auch eine unveröffentlichte Nummer. Und mit der geforderten Zugabe „Hamburg“ setzte man sogar noch einen drauf. Die Songs leben von ihren eingängigen Melodien, den klugen Texten und Agas melodischem Klargesang sowie ihrer Ausstrahlung. Nach wie vor eine großartige Band, von der ich hoffe, dass sie bald mal wieder neues Material veröffentlicht.

Nach dem Konzert ging’s betrunken mit Christian und Veranstalter Sven noch auf ein Bierchen in eine sehr anheimelnde Rendsburger Kneipe, woraufhin wir uns aber sputen mussten, noch die letzte Bahn zu kriegen. Am Bahnhof trafen wir einen anderen Sven, der auf dem Konzert gewesen war und zusammen mit uns weitertrinkenderweise zurückfuhr, bis ich irgendwann ziemlich zerschossen am Sonntag gegen 13:30 Uhr zu Hause wieder die Augen öffnete…

 

Hatte sich also mal wieder gelohnt! Danke an Sandy fürs Fahren und für die Fotos unseres Gigs, an Sheila fürs Video, an Aga fürs Mic, an Oidesloer-Sven für die Einladung und an dessen sowie das T-Stube-Team für die Gastfreundschaft mit allem Zipp und Zapp sowie nicht zuletzt allen Besucherinnen und Besuchern!

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten

Dietmar Wischmeyers erstes „Logbuch“ stammt aus dem Jahre 1997 und lautete „Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Um eine der vielen Fortsetzungen handelt es sich bei diesem „Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten“, erschienen im Jahre 2002 im Münchner Ullstein-Verlag als rund 130 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Satiriker Wischmeyer versammelt hier ungefähr 50 weitere seiner verächtlichen, bissigen Radiokolumnen, kulturpessimistische Polemiken aus spitzer Feder. Einschübe wie humoristisch absurde Namensfindungsversuche eines Paars fürs Kind oder eine leider nur mäßig witzig kommentierte Fotostrecke in der Buchmitte lockern die Kapitel auf. Wischmeyers Rundumschlag ist keiner Ideologie oder sonst irgendwem oder irgendetwas verpflichtet, was ihn sehr erfrischend macht. Es trifft nicht immer die Richtigen (Schlingensief?!), manches wirkt etwas weit hergeholt oder erzwungen, hier und da wäre vielleicht doch etwas Demut ratsam gewesen. Einiges ist aber auch verdammt gut beobachtet (Der Rumlatscher im Zug! Die homophoben Dauerpubertierenden!). Zudem findet sich einiges an Zeitkolorit, wodurch die Glossen mitunter aber auch etwas überholt wirken. Großartig: „Die Bibel in 15 Minuten“. Und mit dem Radiogespräch „Wohin steuert die SPD?“ wandelt Wischmeyer auf den Spuren Loriots.

„Das absolut Ekelerregende am deutschen Analcharakter ist ja sein Obrigkeitsduckmäusertum und dessen Kehrseite: das unkontrollierte Saurauslassen, sobald keiner mit der Knute daneben steht.“

Pointierte Abrechnungen mit den Schattenseiten deutscher Mentalität und Gesellschaft wie in obigem Zitat sind eine feste Säule der Tiraden Wischmeyers und zählen zu den Höhepunkten des Buchs, das mir ungeachtet ein paar weniger Silbentrennungs- und Zeichensetzungsfehler direkt Lust aufs nächste Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten macht – das natürlich in der immer breiter werdenden Regalzeile ungelesener Bücher längst bereitsteht, denn auch ich zähle zu den Bekloppten und Bescheuerten…

Henning Schöttke – Die Abenteuer der Kannibalin Latona

Der Hamburger Comiczeichner, Illustrator und Autor Henning Schöttke debütierte im Jahre 1983 mit seiner Graphic Novel „Latona“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“). Die rund 120 unkolorierten Seiten des großen Taschenbuchs sind handgelettert und im Gegensatz zu anderen frühen Semmel-Veröffentlichungen paginiert.

Latona ist eine sog. Wilde, eine im fernen Dschungel lebende Häuptlingstochter, die dort mit einem weißen Diamantensucher zusammenlebte. Nach dessen Tod reist sie in die Zivilisation, um dessen letzten Willen zu erfüllen und Diamanten an eine Vera Morales zu übergeben. Dabei lernt sie Max, einen jungen weißen Städter, kennen, der ihr erst hilft, sich zurechtzufinden, sich dann in sie verliebt und schließlich zurück in ihren Dschungel begleitet. Doch Latona, die ihren Max nur Utumba nennt, ist Kannibalin…

Schöttke trumpft mit schönen detaillierten Zeichnungen auf, eingebettet in eine sehr aufgeräumte Panelstruktur. Die Panels in flexibler Größe sehen auf dem großzügigen Seitenhintergrund zwar echt schnieke aus, manchem hätte ein etwas größerer Abdruck aber gutgetan. Ein paar wenige Rechtschreibfehler („hälst“ statt „hältst“) haben sich eingeschlichen, halten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Die Geschichte unterhält zunächst mit Culture Clash und arbeitet mit Begriffen aus der fiktionalen Sprache Latonas. Max verknallt sich in die Kriegerin, während sie sich ihn schon als Braten vorstellt und wiederum missversteht, dass er sie „vernaschen“ will. Nach erledigter Diamantenübergabe bei Vera Morales und Sex mit Max will sie zurück in den Urwald, doch Max überredet sie, ihn mitzunehmen – ohne Visum, Schutzimpfung oder Reiseapotheke, wie er schließlich bemerkt. Was er nicht ahnt: Zurück in Latonas Dorf soll er gegessen werden.

Sie weiht ihn während der Reise ein, wie sie und ihr Volk in Einklang mit der Natur leben. Sie jagen Tiere, die sie grillen und verspeisen, kämpfen mit einem Krokodil… Max versucht, sie zu beeindrucken, bringt sich und sie damit aber öfter mal in Gefahr. Zwei Männer der vermeintlichen Vera Morales sind hinter ihnen her, weil sie mehr Diamanten und den Goldschmuck will. Einer von ihnen landet überm Feuer und wird verspeist, wobei Max Glauben gemacht wird, es handle sich um ein Sumpfschwein. Erst bei Ankunft kapiert Max, dass seine Angebetete eine Kannibalin ist.

„Die Abenteuer der Kannibalin Latona“ wird vom Culture-Clash-Spaß zum Abenteuer im Dschungel, inklusive gezeichneter Sexszenen. Eine quasi-feministische Geschichte, weil eine Ehrerbietung an starke, kräftige, selbstbewusste Frauen, zugleich durch die männliche Perspektive fetischiert. Und es geht um Cockringe. Das Ende ist ein offenes  inklusive Ankündigung einer Fortsetzung, die aber offenbar leider nie erschien. Als Bonus finden sich die Entstehung eines Bilds in acht Phasen sowie ein Kurzporträt des Schöttkes.

Neue Pullover Comics

Hierbei handelt es sich um eine weitere Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs. Mittlerweile schrieb man das Orwell-Jahr 1984 und der Verlag trat inzwischen mit seiner kultgewordenen „Verlach“-Schreibweise auf dem Buchumschlag auf. Der Band vereint auf den gewohnten rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unpaginierten) Seiten im großen Taschenbuch Comic-Beiträge der Künstler Brösel, Volker Reiche, Bernd Pfarr, Fritsche, Drühl und Michael Gutmann.

Pullover also – auf dieses Thema für eine Comiczusammenstellung muss man erst mal kommen. „Der Pilz“ ist wilder Slapstick Brösels um das zusammenlebende Paar aus Wolf Wolfgang und Bär Dietlof, beide anthropomorph, und Wolfgangs neuen Pullover, auf dem ihn die Abbildung eines Pilzes nervt. Größere Panels und einfachere Zeichnungen finden sich bei Bernd Pfarr, dessen anthropomorphe, sich als Maurer verdingende Ente Dulle einen Pullover braucht – was zu einer etwas arg harmlosen Verwechslungsgeschichte gerät. Der Erwin-Ärmel-Onepager erinnert mich an den hessischen Badesalzhumor. Völlig genial: Brösels quasi dialoglose, zumindest schriftfreie Geschichte über mediale Beeinflussung durch das Fernsehen, die surreal wird. Drühl dröselt in hochwertigem Zeichenstil die Geschichte der Pullover auf – als handle es sich bei ihnen um parasitäre Lebewesen, die irgendwann eine unheilige Allianz mit den Menschen eingingen. Per grobschlächtigerem Zeichenstil schickt Fritsche seinen Käptn Pulver auf die Jagd nach dem wollenen Vlies. Die Geschichte entpuppt sich jedoch als Traum dieses versoffenen alten Seefahrers, in dem er sogar vom weißen Hai gefressen wird, der ihn prompt wieder auswürgt.

Auf einen Wortspiel-Quickie Brösels folgt noch einmal Dulle, der jemanden beauftragt, das Grab seiner Mutter während seiner Abwesenheit zu pflegen und den Grabstein mit einem Pullover zu polieren – naja… Gutmann ist mit einem satirischen Modejournal über Männer in Pullovern vertreten und zeichnete ferner ein etwas müde pointiertes Gespräch auf der Straße. Brösel und Reiche arbeiteten für den Frankfurter Heinz zusammen, der mit seinem Kumpel Ossi an die Nordsee schüsselt und eine Wattwanderung mit ihm unternimmt. Heinz findet dort einen alten Pullover und man picknickt; Ossi besorgt Flens und man lässt es sich gutgehen. Die Dialoge finden ausschließlich im Dialekt statt, aus der Mundart ergibt sich der eigentliche Witz dieser Geschichte.

Und als Fan befunde ich: Sollte man allein schon aufgrund der Beiträge Brösels im Comicregal stehen haben.

Rolf Boyke – Die gesemmelten Abenteuer von Hanni und Kutte

Aus dem Jahre 1984 stimmt diese weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch immer jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Sie umfasst wie gewohnt rund 150 unkolorierte, handgeletterte (und leider erneut unnummerierte) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch – und passt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung einmal mehr zum Verlagsprogramm wie das Bierchen zum Fußball: Perfekt.

Auf den ein- bis fünfpaneligen, standardmäßig vier Panels im, wann immer nötig, flexiblen Grid umfassenden Seiten finden sich humorige bis satirische Geschichtchen und Geschichten im Funny-Stil um das Paar Hanni und Kutte aus der Anarchoszene, das in einem besetzten Haus lebt und sich gegen das Abrissunterfangen wehrt. Die erste längere Geschichte dreht sich um Beziehungskisten sowie gebetene und ungebetene Gäste – und überzeugt mit köstlichem Humor. In der nächsten längeren Erzählung wollen die beiden spontan in den Urlaub fahren, woraus leider nur Camping auf dem Lande inklusive zahlreicher Widrigkeiten sowie Begegnungen mit einer Neo-Hitlerjugend und dem Militär wird. Grandios und vermutlich aktueller denn je. Und der dritte längere Schwank aus dem Leben unserer Titelhelden wird als Liebedrama angekündigt und nimmt Esoterikgeschwurbel aufs Korn. Hanni lässt sich wahrsagen, sie werde einen tollen Typen kennenlernen. Daraus resultiert eine furiose Geschichte über Suff und Eifersucht.

Am Schluss ist das besetzte Haus dann leider abgerissen worden, bis dahin aber präsentierte sich die ja oft bei Semmel vertretene (ich nenne sie mal) linksalternative Szene erfrischend selbstironisch. Onepager und Kurzgeschichten fungieren als Intermezzi dieses wiederentdeckungswürdigen, hintergründigen Spaßes.

Zeichner und Autor Boyke hatte zuvor für „Hinz & Kunz“ gezeichnet und sein Semmel-Stelldichein durch seine Mitarbeit an „Friede · Freude · Eierkuchen“ gegeben. Ich freue mich schon auf seine weiteren Arbeiten für den Kieler Kultverlag.

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