Der Hamburger Comiczeichner, Illustrator und Autor Henning Schöttke debütierte im Jahre 1983 mit seiner Graphic Novel „Latona“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“). Die rund 120 unkolorierten Seiten des großen Taschenbuchs sind handgelettert und im Gegensatz zu anderen frühen Semmel-Veröffentlichungen paginiert.
Latona ist eine sog. Wilde, eine im fernen Dschungel lebende Häuptlingstochter, die dort mit einem weißen Diamantensucher zusammenlebte. Nach dessen Tod reist sie in die Zivilisation, um dessen letzten Willen zu erfüllen und Diamanten an eine Vera Morales zu übergeben. Dabei lernt sie Max, einen jungen weißen Städter, kennen, der ihr erst hilft, sich zurechtzufinden, sich dann in sie verliebt und schließlich zurück in ihren Dschungel begleitet. Doch Latona, die ihren Max nur Utumba nennt, ist Kannibalin…
Schöttke trumpft mit schönen detaillierten Zeichnungen auf, eingebettet in eine sehr aufgeräumte Panelstruktur. Die Panels in flexibler Größe sehen auf dem großzügigen Seitenhintergrund zwar echt schnieke aus, manchem hätte ein etwas größerer Abdruck aber gutgetan. Ein paar wenige Rechtschreibfehler („hälst“ statt „hältst“) haben sich eingeschlichen, halten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Die Geschichte unterhält zunächst mit Culture Clash und arbeitet mit Begriffen aus der fiktionalen Sprache Latonas. Max verknallt sich in die Kriegerin, während sie sich ihn schon als Braten vorstellt und wiederum missversteht, dass er sie „vernaschen“ will. Nach erledigter Diamantenübergabe bei Vera Morales und Sex mit Max will sie zurück in den Urwald, doch Max überredet sie, ihn mitzunehmen – ohne Visum, Schutzimpfung oder Reiseapotheke, wie er schließlich bemerkt. Was er nicht ahnt: Zurück in Latonas Dorf soll er gegessen werden.
Sie weiht ihn während der Reise ein, wie sie und ihr Volk in Einklang mit der Natur leben. Sie jagen Tiere, die sie grillen und verspeisen, kämpfen mit einem Krokodil… Max versucht, sie zu beeindrucken, bringt sich und sie damit aber öfter mal in Gefahr. Zwei Männer der vermeintlichen Vera Morales sind hinter ihnen her, weil sie mehr Diamanten und den Goldschmuck will. Einer von ihnen landet überm Feuer und wird verspeist, wobei Max Glauben gemacht wird, es handle sich um ein Sumpfschwein. Erst bei Ankunft kapiert Max, dass seine Angebetete eine Kannibalin ist.
„Die Abenteuer der Kannibalin Latona“ wird vom Culture-Clash-Spaß zum Abenteuer im Dschungel, inklusive gezeichneter Sexszenen. Eine quasi-feministische Geschichte, weil eine Ehrerbietung an starke, kräftige, selbstbewusste Frauen, zugleich durch die männliche Perspektive fetischiert. Und es geht um Cockringe. Das Ende ist ein offenes inklusive Ankündigung einer Fortsetzung, die aber offenbar leider nie erschien. Als Bonus finden sich die Entstehung eines Bilds in acht Phasen sowie ein Kurzporträt des Schöttkes.
