Günnis Reviews

Monat: Januar 2026

24.01.2026, Lobusch, Hamburg: STUMBLING BOI!S + HARBOUR REBELS

Dieses Konzert mit zwei Hamburger Oi!-Bands war in mehrfacher Hinsicht ein Besonderes: Es war das erste Konzert der HARBOUR REBELS, nachdem ihr Drummer Chris wegen gesundheitlicher Probleme mehrere Monate ausgefallen war (Willkommen zurück, Chris!), zudem das erste Konzerte mit Keith als zweitem Gitarristen der HARBOUR REBELS, nachdem die Band die letzten Jahre mit Dennis als alleinigem Klampfer unterwegs war, und es war das erste Konzert der STUMBLING BOI!S, das ich zu sehen bekam – schön, dass es endlich mal geklappt hat, zumal dort nun wieder mein BOLANOW-BRAWL-Bandkollege Christian als zweiter Gitarrist eingestiegen ist. Und nicht zuletzt handelte es sich um eine Soli-Veranstaltung, um Geld für jemanden zu sammeln, der von Repressionskosten betroffen ist.

Als ich gegen Viertel nach neun oder so die Lobusch betrat, traf ich lediglich einen versprengten Haufen an, was sich innerhalb der nächsten halben Stunde aber ändern sollte: Bald war die Bude voll. Etwas überraschend machten die HARBOUR REBELS den Anfang. Man war sich noch nicht ganz sicher, wie lange Chris, dem es natürlich erst einmal noch an Live-Routine mangelte, durchhalten würde. Antwort: offenbar problemlos das ganze Set durch. Nach einem Intro aus der Konserve führte Sängerin Jule souverän durch die deutsch- und englischsprachigen, eingängigen und überwiegend pogotauglichen Songs und war auch um keine inhaltlich durchaus gehaltvolle Ansage verlegen. Einer meiner Favoriten, „Die Masken sind gefallen“, kam gleich als zweite Nummer zum Zuge, während der kurioserweise kurz die Lichtanlage ausfiel. Vorm Anti-Scholz-Song erklang wie auf der Platte das G20-Lügengelaber des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und ja sogar Ex-Bundeskanzlers, „Raus aus dem Dreck“ ist einer meiner weiteren Lieblinge dieser Band und spätestens der Ska-Punk-Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ brachte richtig Stimmung ins altehrwürdige Gemäuer. Das geniale „Trunkenbold“ gab’s als Zugabe. Die zweite Gitarre macht den Sound deutlich satter, mehr ist eben manchmal einfach mehr. Fazit: Die HARBOUR REBELS sind back – aber so was von!

„Ich verliere mich hier in der Ansage…“ (Stammling Boi! Christian)

Die STUMBLING BOI!S haben sich nicht nur um Christian verstärkt, sondern auch den Drumposten neu besetzt. Für meinen ehemaligen Bandkollegen Keith geriet der Abend zur Doppelschicht, denn auch hier spielt er Gitarre. Frontmann der Band ist Bommy, der mit schön heiserer Gesangsstimme die sich an klassischem 80s-UK-Oi! orientierenden englischsprachigen Stücken schmettert. Da Christian jedoch der Meinung ist, dass dieser zu wenig mit dem Publikum kommuniziere, übernahm kurzerhand er diese Aufgabe. Und zwar vor jedem Song. Da verwechselte er Bommy auch schon mal mit mir. Dass er die Bandkollegen meist erst fragen musste, worum es im jeweils folgenden Song überhaupt geht: geschenkt. Tat er’s nicht, wurde beispielsweise aus „Stumbling BOi!s Beat“ schnell ein „Song über Beatmusik“. Irgendwann kritisierte er seine Band sogar – von der Bühne aus durchs Mikro an mich gerichtet. Das hatte abseits der Musik bereits einen hohen Unterhaltungsfaktor; die Boi!s nahmen’s mit Humor und taten das, was sie am besten können: musizieren. Die Melodien wurden meist durch den dominanten Bass vorgegeben; keine Ahnung, ob das beabsichtigt war, kam aber sehr geil. Und zockte Keith mal ein herausstechendes Gitarrenlead, setzte es sich im Sound trotzdem durch. Wie bereits bei den HARBOUR REBELS gefiel mir der P.A.-Sound (wie meist in der Lobusch) ziemlich gut, zumal das Songmaterial der STUMBLING BOI!S – insbesondere bei den ältesten Stücken – mehr Pepp und Wucht aufwies als aus der Konserve. Auch hier macht sich die zweite Gitarre positiv bemerkbar. Am besten gefällt mir der leichte Anflug von Melancholie, den die STUMBLING BOI!S in ihren „Casual Oi!“ legen und der zur No-Bullshit-Attitüde beiträgt. Zwischen den eigenen Songs coverte man „Emergency“ von GIRLSCHOOL bzw. MOTÖRHEAD in einer sehr geilen, flotten Version, die als frenetisch geforderte Zugabe ein zweites Mal erklang und den Sack zumachte. Die Band hat mich überzeugt und ich wünsche ihr, dass sie in der aktuellen Besetzung mehr Glück hat als mit der vorherigen.

Spitzenabend bei Top-Stimmung wieder, der hoffentlich reichlich Soliknete eingebracht hat!

Cinema-Sonderband Nr. 15: Sex im Kino ’87

Titel wechsel dich: Statt „Erotik im Kino“ kehrte man für diese Fleischbeschauvorschau aufs Kinojahr 1987 wieder zum ursprünglichen Titel der Cinema-Sonderbandreihe zurück. „Sex im Kino ‘87“ also – und anhand des Umfangs (132 statt wie zuvor 100 Seiten) könnte man meinen, das erotische Kino habe einen Aufschwung erlebt.

Dem war natürlich nicht so (bis „Basic Instinct“ waren es noch ein paar Jährchen), doch dürften sich diese Bücher, bei denen es sich mehr oder weniger um Bildbände mit ein wenig Text handelt, nach wie vor gut verkauft haben. Also wurde der Markt bedient, so lange es ging. In Ermangelung echter Erotikfilme, die die Seiten füllen könnten, ohne auf den Pornographie-Bereich zurückgreifen zu müssen, knallte man aufs Papier, wer immer sich in den letzten Jahren als attraktive Frau einmal im Rahmen einer Spielfilmrolle vor der Kamera ausgezogen hatte (oder nicht einmal das: Helen Slater, WTF?!). Damit dies gelang, wich man vom bisherigen Konzept, Filme vorzustellen, ab und präsentierte Schauspielerinnen, ähnlich wie in den Sonderbänden „Sexstars“ oder „Göttinnen des erotischen Films“. Damit ist „Sex im Kino ‘87“ zwar ein retrospektiv nicht uninteressanter Überblick darüber, welche als sexy empfundenen Schauspielerinnen seinerzeit angesagt waren, aber weniger die erwartete Kino- oder Videovorschau. Nichtsdestotrotz lässt sich den Filmographien entnehmen, dass in vielen Fällen der jeweils jüngste Film der Damen nach Deutschland in den Verleih kam – darunter eben auch Familientaugliches.

Jeder Schauspielerin wurde ein von der Redaktion erdachter Titel zuteil; so ist Maruschka Detmers „die Wildkatze“, Béatrice Dalle „die Sensation“, Jessica Lange „die Intellektuelle“ und Madonna „der Megastar“. Von der sei übrigens, so heißt es im Text, ein „Pornofilm“ aufgetaucht. Ist damit „A Certain Sacrifice“ gemeint (der nun wahrlich kein Porno ist)? Das Bildmaterial ist wie gewohnt hübsch anzusehen, in Teilen aber lediglich in Schwarzweiß gedruckt worden und wiederholt sich in den zahlreichen Cinema-Veröffentlichungen zum Thema. Die Textinhalte gehen als Kurzporträts durch und größtenteils in Ordnung, die Fehlerquote scheint sich in Grenzen zu halten (in die Bildunterschrift auf S. 25 schlichen sich aber gleich zwei Stück). Am Schluss liefert der Band noch einige Szenenbilder inklusive eines Russ-Meyer-Specials und ein paar Bond-Girls. Ein Inhaltsverzeichnis und ein Namensindex erleichtern das schnelle Auffinden der Inhalte.

Friede · Freude · Eierkuchen

Die nach „Semmels Satire Sammelsurium“ zweite Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“) stammt aus dem Jahre 1982 und umfasst rund 150 unkolorierte, handgeletterte Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch, das einen sehr hübschen bunten Einband aufweist. Es enthält sowohl ganz kurze als auch relativ lange Geschichten satirischer Natur.

Nicht nur Tomas M. Bunks „Die Flasche!“ zum Einstieg ist sehr vom Kalten Krieg und der Wahl Reagans zum US-Präsidenten geprägt, ließe sich aber auch 1:1 auf den Schwachmaten Trump übertragen. Selbst Rolf Boykes lange, köstliche Geschichte zweier verfeindeter Froschvölker weisen Parallelen zu Reagan auf, heißt einer der Froschkönige doch Bonzo (Reagans Spitzname). „Krieg der Frösche“ ist aber eine allgemein gehaltene Parabel auf sinnlose Kriege und die Idiotie nationalautoritärer Staatsformen. Auch schön: In Detflef Surreys „Die Hex‘ im Wald“ geraten zwei Hexen in die Auseinandersetzungen um die Erweiterung eines Militärgeländes, wobei die eine nicht im Wald, sondern in der Stadt lebt und statt auf einem Besen ganz fortschrittlich auf einem Staubsauger reitet. Haralds „Friedenslärm und Kriegsgeflüster“ ist ein interessanter Comic mit extra viel Zeitkolorit, in dem eine Westberliner Punkerin und Hausbesetzerin einen westdeutschen Friedensaktivisten kennenlernt, mit ihm sexuell wird und er sie daraufhin in Berlin besucht, wo eine Militärparade der Alliierten gestört werden soll. Harald greift damit damalige Debatten nicht nur um Militanz und Pazifismus auf. Leider geriet die Durchführung der Aktion gegen die Parade etwas unübersichtlich.

Bunks „Szenen eines Flops“ ist superdetailreich und dabei superböse, sein aufwändiger und detailverliebter Schraffurstil kommt besonders in seiner Karsten-Dose-Geschichte „Affentanz“ zur Geltung – herrlich makaber, wie ein naiver Pazifist den dritten Weltkrieg auslöst. Fuchsi steuert neben seinem Zorro eine abgefahrene Geschichte über Maschinen mit Bewusstsein, die die Erde beherrschen, sich im Krieg selbst ausrotten und damit Platz für den aus Eiern schlüpfenden Menschen machen, bei.

Alle Geschichten handeln auf die eine oder andere Weise von Krieg, womit dieser Band den damaligen (zahlreiche Parallelen zur Gegenwart aufweisenden) vorherrschenden Zeitgeist dokumentiert – zumindest jenen innerhalb der sich ob der Zuspitzung des Kalten Kriegs besorgt zeigenden Anarcho-/Indie-Comicszene. Lesenswert sind grundsätzlich alle Geschichten, auch die nicht von mir herausgestellten, wenngleich die eine oder andere qualitativ etwas abfällt.

LeON / Vincenzo Cucca – Anne: Die lustigen Abenteuer einer drallen Erstsemester-Schnitte

Dieser im Jahre 2021 im Insektenhaus-Verlag in deutscher Übersetzung als rund 60-seitiges Hardcover-Album erschienene Comicband des belgischen Autors LeON und des italienischen Zeichners Vincenzo Cucca macht erst einmal einiges her: Cuccas realistischer Stil mit Anleihen beim karikierenden Funny entfaltet auf dem hochwertigen Kartonpapier seinen vollen Glanz, die Kolorierungen sind hübsch bunt, die Panelstruktur dynamisch. Doch inhaltlich liegt einiges im Argen.

Erstsemester-Studentin Anne hat einen superdrallen Busen und ebensolchen Po, ist geistig aber sehr unbedarft unterwegs. Ihr Vater passt immer auf sie auf und misshandelt Missetäter, die seinem Töchterchen zu nah kommen. Statt einer durchgehenden Geschichte hangelt Anne sich von einer Episode voller Studentenlebenklischees und Altherrenfantasien zur nächsten, wobei einem vieles vorenthalten wird und gar nicht mehr gezeichnet stattfindet. Zudem soll das alles lustig sein, ist’s aber nun überhaupt nicht: viel Übergriffiges, Missbrauch und Gewalt, nicht nur, aber eben auch gegen Frauen. Vieles davon geht eigentlich gar nicht, derart frauenfeindlich wirken Szenerie und Humor. Angesichts des Titels hatte ich einen sich an alten, spaßigen Erotikcomics orientierenden und diese modernisierenden Band erwartet, oder aber augenzwinkernden Sleaze à la Weissblech. Zu allem Überfluss wurde bei den Seitenzahlen gemogelt, denn mehrere Seiten voller Zeichenskizzen strecken das Teil.

 

Danke, nein.

16.01.2026, Indra Musikclub, Hamburg: BANG! MUSTANG! + THE TYPHOONS

Mal was anderes

Nachdem ich die lokale Surfrock-Legende THE TYPHOONS nach ewiger Zeit im Rahmen eines Kinofestival-Kurzauftritts mal wieder live gesehen hatte und meine wesentlich bessere Hälfte ebenso angetan war wie ich, war eine Eintrittskarte zu diesem Konzert in ihrem Nikolausstiefel gelandet. So stand also eines der wenigen reinen Surfkonzerte auf dem Plan; ein Musikstil, der ein noch wesentlich nischigeres Dasein fristet als es beispielsweise Punkrock tut. Wohl aufgrund des in Aussicht gestellten sommerlichen Sounds zeigte der Winter sich gnädig und schwenkte auf milde Temperaturen um. Die Hamburger Schallplattenunterhalterinstitution Surfin Burt war mit Koffern voller 7“-Singles am Start und sorgte für den passenden Drumherum-Soundtrack.

Ich war gespannt, wie viele Surf-Connaisseurs es ins Indra verschlagen würde und wie viele bekannte Gesichter darunter sein würden. Letztere tendierten von Dr. Monkula und der Indra-Crew abgesehen gen null und generell blieb es luftig und übersichtlich. Dafür hatten die vielleicht um die 60 Gäste wirklich Bock auf diese Veranstaltung und bereiteten den Leipzigern BANG! MUSTANG! einen warmen Empfang. Die Sachsen haben zwei Alben draußen und sind irgendwann vom Quartett zum Trio geschrumpft, was sie aber nicht hinderte, ein ordentliches musikalisches Fass aufzumachen. Virtuosester traditioneller Surfgitarrensound, ein weit mehr als nur rhythmisch tieftönender Bassist und ein entfesselter Drummer spülten noch nicht zigmal gehörte, originelle und gewitzte Instrumental-Kompositionen an Land, abgeschmeckt mit ein paar vertrauten Klängen. Das hatte mitunter recht deftigen Punch und eine nicht ungefähre Härte, ohne dabei das Surf-Metier zu verlassen. Der P.A.-Klang war spitze und die sich in ihren Ansagen sympathisch präsentierende, ihre Schulauer Kollegen aber versehentlich in Lüneburg verortende Band spielte sich in einen Rausch. Das Publikum wusste dies zu würdigen und bekam seine geforderten Zugaben. Ein Song- bzw. Albumtitel wie „Surfin‘ NSA“ ist zudem ein Beweis für den Humor der Band. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, wenn diese sich wieder in die Hansestadt verirren sollte, und ich glaube, die auf Rhythm Bomb erschienenen Alben müssen her. Demnächst soll übrigens eine neue Platte kommen (das jüngste datiert bereits aufs Jahr 2015).

Die Lokalheroen THE TYPHOONS aus dem Wedeler Stadtteil Schulau sind ein Mann mehr, verfügen über zwei Gitarristen. Dargereicht wurde ein um die 20 Songs umfassendes Set, gespickt mit der einen oder anderen Coverversion („Bullwinkle Part II“, „Mr. Moto“), das mit seiner Dynamik zwischen schnelleren Abgehstücken und atmosphärischen „leiseren Tönen“ einen angenehmen Spannungsbogen entwickelte und die Leute zum Tanzen brachte (wobei besonders deren imitierte Surfbewegungen auf den imaginären Surfboards beeindruckend aussahen). Die Band nahm sich Zeit für einige sehr launige Ansagen, stichelte wegen des Lüneburg-Fauxpas augenzwinkernd ein wenig Richtung BANG! MUSTANG! und agierte nicht ausschließlich instrumental. Pech nur, dass ausgerechnet als Gitarrist Norbert eine französischsprachige Nummer singen wollte, sein Mikro versagte. Letztlich schnappte er sich das seines Bandkollegen und stellte Gesangstalent sowie Sprachkenntnis unter Beweis. Am Ende wurden lautstark Zugaben verlangt und THE TYPHOONS ließen sich nicht lumpen, zockten ihre Halloween-Party-kompatiblen Hits „Surfin‘ Zombies“ (unter dessen Motto auch die Veranstaltung stand) und „Barracuda“, wobei während ersterem eine Basssaite riss und kurzerhand aufs Instrument der Leipziger Kollegen ausgewichen wurde. Da die Zugaberufe noch immer noch nicht verhallten, gab’s noch den SHADOWS-Klassiker „Apache“ obendrauf, und zwar in einer unheimlich gefühlvoll gespielten Version.

Vor lauter Twang und Reverb klingelten mir die Ohren und statt im winterlichen Hamburg wähnte ich mich beinahe im Hochsommer am Sandstrand. Fazit: Hamburg braucht mehr Surf-Konzerte! Und ich hätte durchaus Bock, etwas tiefer in die Materie einzutauchen…

Naomi Fern (Hrsg.) / Reinhard Kleist (Hrsg.) – Bettgeschichten: Comics für Erwachsene

In dem im Jahre 2012 im Stuttgarter Zwerchfellverlag erschienen, rund 110-seitigen Softcoverband im Zwischenformat geben sich 18 Zeichnerinnen und Zeichner der deutschen Independent-Comicszene ein Stelldichein, darunter Maike Plenzke, Mawil, Steffi Schütze, Calle Claus und auch die Herausgeberin und der Herausgeber. Allen gemein ist, dass sie einmal ihren libidinösen Fantasien freien Lauf lassen und eine Kurzgeschichte für diesen Band beisteuern. Dadurch umfasst der vollfarbige Band eine kunterbunte stilistische Mischung. Manches ist eigentlich reiner Porno, bekommt aber doch noch eine leicht amüsante Pointe angehängt; anderes ist hingegen von vornherein deutlich humoristisch angelegt.

Schön ist’s, dass mehrere Frauen dabei sind – deren Fantasien sich offenbar gar nicht so sehr von denen der männlichen Kollegen unterscheiden. Manche „Geschichte“ geriet ultrakurz, beispielsweise Mahlers Beitrag, der sich eher einen kleinen Spaß erlaubt haben dürfte. Ein anderer Beitrag leidet etwas unter den vielen Rechtschreibfehlern. Allen aber merkt man die Freude daran an, einmal an einem solchen Projekt partizipieren zu können. Mawils Nackedeis in seinem typischen schrägen Zeichenstil sind urst schau. Heterosex trifft in „Bettgeschichten“ auf Gleichgeschlechtliches und Zwitterfantasien; eine Wundertüte, in der für jeden etwas dabei ist und die weitestgehend ohne patriarchalen Sexismus auskommt. Aber Obacht: Es geht mitunter sehr explizit zu, entsprechend ist der Band auch erst ab 18 Jahren freigegeben.

Das stabile, matte Papier fasst sich gut an und hinterlässt einen wertigen Eindruck. Die Kurzportraits aller Zeichnerinnen und Zeichner im Anhang sind aber leider etwas arg klein geraten.

10.01.2026, Hafenklang (Goldener Salon), Hamburg: ARRESTED DENIAL + FLICK KNIVES

Mit „Nirgendwo angekommen“ veröffentlichten die Hamburger ARRESTED DENIAL Ende letzten Jahres ein fantastisches neues Album, das es auf der Release-Party im Goldenen Salon des Hafenklangs, einem der schönsten Konzertorte Hamburgs, gebührend zu feiern galt. Und das dachten sich viele, denn der Bums war restlos ausverkauft, Abendkasse gab es keine mehr. Und offenbar ging’s auch superpünktlich um 20:00 Uhr los, denn die erste Band KITTY COASTER, die ihren allerersten Auftritt absolvierte, habe ich komplett verpasst (sorry, aber um 20:00 Uhr ist doch gerade erst die Sportschau zu Ende…). Nachdem ich mich bei eisigen Temperaturen durch den verschneiten Weg an den Fischmarkt und ins Hafenklang gekämpft hatte, war bis zur zweiten Band aber noch etwas Zeit, Valentin und Sascha zum Album zu gratulieren, bekannte Gesichter zu begrüßen und sich ein Bierchen zu schnappen. Wenn man keine Astra/Holsten-Edel-Pferdepisse trinken will, muss man für ein Staropramen oder Jever mittlerweile 4 Öcken latzen. Für 0,3 Liter aus der Flasche. Da kann zumindest ich langsam nicht mehr gegenanverdienen. Dafür war der Eintritt fair bepreist, also erst mal genug gemeckert.

Die (mir bis dahin unbekannten und sich wohl vornehmlich aus SEWER-RATS-Mitgliedern rekrutierenden) Kölner Springmesser FLICK KNIVES boten dazu auch nicht den geringsten Anlass, denn die hatten richtig Bock und erspielten sich ihr von KITTY COASTER vermutlich gut vorgewärmtes Publikum mit äußerst souverän dargebotenem englischsprachigen Streetpunk – das volle Brett mit nicht nur zwei Klampfen, sondern sogar ‘ner Orgel. Da taute auch ich schnell auf. In den Strophen machte sich hin und wieder der Offbeat breit, beide Gitarristen wechselten sich mit dem Leadgesang ab, beim dritten Song sprang der Bassist von der Bühne und tanzte mit einem Gast aus dem Publikum. Ein paar wohldosierte Pop-Punk-Einflüsse, beispielsweise beim „Was it me, was it you“-Refrain eines Songs (sorry, keine Ahnung, wie der heißt), machten die eine oder andere Nummer noch eingängiger.  Bei einem Song vom für den 06.02. angekündigten Album bat man das Publikum erfolgreich um Unterstützung beim Chorgesang, den sie in ihrem übrigen Material aber auch so prima beherrschen. Trotz starken eigenen Materials coverte die Combo überraschend viel, bewies dabei aber Geschmack: „New Age“ (BLITZ), „To Have and to Have Not“ (BILLY BRAGG, in der LARS-FREDERIKSEN-Stromgitarrenversion), „Olympia, WA“ (RANCID) als offiziell letzten Song und als Zugabe „Stick ‘em up!“ von MASKED INTRUDER – inklusive Stagediving- und Pogo-Einlage des Orgelspielers. Astreiner Gig einer Band, die mich oft an SMALL TOWN RIOT, zumindest an deren streetpunkigere, weniger rock’n’rollige Nummern, erinnerte. Mit dem Basser schnackte ich später kurz bei ‘ner Kippe vor der Tür, evtl. geht da ja mal was zusammen mit meiner Kapelle BOLANOW BRAWL im Rheinland. So oder so bin ich aufs Album gespannt.

ARRESTED DENIAL haben sich mit Pip um einen festen Trompeter verstärkt und stellten ihren ehemaligen Bassisten (und meinen engen Freund), den im Herbst letzten Jahres traurigerweise verstorbenen Small Town Timo, kurzerhand in Form eines großen Fotoaufstellers mit auf die Bühne. Das reguläre Set umfasste eine sehr stimmige Auswahl aus neuem und von den vorausgegangenen beiden Alben bekanntem Material, dessen Melodien die Trompete nun, wenn ich nicht irre, beim überwiegenden Teil der Songs kräftig unterstützte. Und hatte Pip gerade nichts zu tun, fand er sich tanzend im Publikum wieder. Zu Timos Ehren spielten Valentin & Co. einen Block aus Timos drei Favoriten „Alles wird gut“, das von ihm geschriebene „Zeit zu gehen“, dessen Text jetzt einen besonders dicken Kloß im Hals hinterlässt, und das DARKBUSTER-Cover „Skinhead“. Dazwischen erzählte Valentin Timo-Anekdoten und verteilte dessen Lieblingsgesöff, den furchtbaren Jägermeister, im Publikum. Timo, Alter, da haste quasi posthum noch ein paar Leberhaken verteilt! Überhaupt nahm sich Valentin dem Platten-VÖ-Anlass angemessen viel Zeit für sympathische und spaßige Ansagen. Textlich gehören ARRESTED DENIAL zusammen mit der aktuellen SLIME-Inkarnation um Tex Brasket (der eine Nummer auf dem Album mitsang) und den Postpunks BRIEFBOMBE ohnehin zum Besten, was die Hansestadt zu bieten hat; mit ihrem auf der neuen Platte ausschließlich auf Deutsch dargereichten inhaltlichen Tiefgang zwischen klaren und wütenden system- und gesellschaftskritischen Aussagen sowie nachdenklicheren, persönlichen Geschichten spielen sie fast schon in ihrer eigenen Liga. All das in kleine und große Hymnen mit tanzbarem Street- und Ska-Punk sowie mitsingkompatiblen Refrains (ganz groß: Das neue „Für ein paar Stunden“) zu verpacken, ist die hohe Kunst und das, was ARRESTED DENIAL ausmacht. Die Trompete passt prima zur Offbeat-Lastigkeit vieler Songs; und immer mal wieder ertappte ich mich beim Gedanken, dass RANTANPLAN vielleicht so hätten klingen können, hätten sie den auf den ersten beiden Alben eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgt. Als der reguläre Teil des Sets durch war, fragte Valentin zu Beginn des Zugabeblocks, was man denn so hören wolle. Auf nicht ganz ernstgemeinte Antworten wie „Mexico“ oder „Wonderwall“ entgegnete er: „Na gut, wir spielen noch ’ne Stunde!“ „Move On“, von den englischsprachigen Stücken wahrscheinlich mein Favorit, bildete den Auftakt, gefolgt vom ersehnten, von anderen vielleicht auch gefürchteten ROXETTE-Medley. Die letzte fremdkomponierte Zugabe wurde als von einer ultrabösen Glatzenband stammend angekündigt, woraufhin „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ von TOCOTRONIC erklang und die Band noch mal die Lacher auf ihrer Seite hatte, bevor das eigene „Zurück“ den Liveteil des Abends besiegelte. Geile Platte, geiles Konzert mit gut aufgelegtem und zumindest in Teilen durchaus tanzfreudigem Publikum; zu von DJ Micha Punkrock aufgelegten Klassikern verhaftete ich noch ein, zwei Bierchen und machte mich dann beseelt auf den Heimweg. Mein erstes Konzert des Jahres 2026 machte Lust auf mehr.

27.12.2025, Fanräume, Hamburg: Hamburg Punk Invasion

Bitzcore-Jürgen war für seine Veranstaltungen mit Hamburger Bands aus den Bereichen Punk und Artverwandtes vom Indra in die Fanräume des FC St. Pauli umgezogen und ließ es mit gleich sieben Bands zum Jahresausklang noch mal so richtig krachen. Eigentlich war die Sause als Release-Party der Bitzcore-HH-Punk-Vinyl-Sampler geplant, doch da Jürgen den Aufwand unterschätzt hatte und die eine oder andere Unwägbarkeit hinzugekommen war, sind diese leider auf unbekannt verschoben. Dafür solle demnächst ein Sao-Paolo/Hamburg-Split-Sampler kommen – man darf gespannt sein. An Weihnachten versuchte Jürgen dann noch verzweifelt, ein Schlagzeug für den Abend zu organisieren, was zwar reichlich spät war, letztendlich aber doch noch klappte. Und nachdem unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) Taxi versuchte, aufs Heiligengeistfeld und dort vor die Tür der Fanräume zu gelangen, wissen wir jetzt auch, dass das zu Fuß oder mit dem Rad alles kein Problem ist, sich Autos aber mit zahlreichen Pollern und sonstigen Absperrungen konfrontiert sehen, sodass wir schön einmal um den Pudding kurvten…

Von den sieben Bands hatte trotz Erkältungssaison keine einzige abgesagt, sodass es vor Ort an diesem nach einigen frostigen Tagen angenehm milden Winterabend schon früh recht wuselig zuging. Der Zeitplan war eng und optimistisch, der Backline-Aufbau klappte aber rechtzeitig und G31, die den Abend eröffnen sollten, führten einen vollumfänglichen Soundcheck mit dem Soundmann durch. Die Band um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain begann pünktlich um 20:00 Uhr mit ihrem kurzen Set. Ihr mit zwei Gitarren gespielter deutschsprachiger tanzbarer Punkrock litt zunächst etwas unter dem zu leisen Gesang, was sich aber bessern sollte, sodass die Gesangsmelodien besser zur Geltung kamen. Mitra führte gewohnt expressiv und charmant durch die recht eigenständig, dabei trotzdem eingängig klingenden Songs und durfte pausieren, als der neue Bassist einen als Welturaufführung angekündigten Songs über St. Pauli kurzerhand selbst sang. Als nach 35 Minuten schon Schluss war, war das Publikum im ausverkauften Laden gut aufgewärmt, die Rufe nach einer Zugabe blieben leider ungehört.

Anschließend oblag es uns, auf die Kacke zu hauen – immerhin unser erster Stadiongig! Den Umbau zogen wir so schnell es ging durch, der eigentlich nur als Gast anwesende Klimper half freundlicherweise als Stagehand aus. Auf einen kurzen Soundcheck mussten wir bestehen, allein schon, damit die Monitore halbwegs vernünftig eingestellt sind und niemand einen Blindflug absolvieren muss. Als kleines Bonbon für einen Kumpel, der aus gesundheitlichen Gründen leider keine Konzerte mehr besuchen kann, hat Kai eine Liveübertragung der Bühnenperformance mit seinem Smartphone in eine Signal-Gruppe gestreamt. Wir beschränkten unsere Ansagen aufs Nötigste und eilten durch unser Set, bis Kai mich plötzlich dazu aufforderte, ein mir unbekanntes Lied von PISSPFÜTZE (oder so) zu covern, was dann in Form eines zweisekündigen Gitarrenriffs offenbar auch schon wieder erledigt war. Aus dem Konzept ließen wir uns trotz dieses Schabernacks nicht bringen und zogen weitestgehend ohne ganz grobe Patzer durch, was der Mob vor der Bühne mit Tanzeinlagen quittierte. Man nahm uns sehr gut an und der Gig machte Laune. Wir gingen davon aus, nur wenige Minuten überzogen zu haben, erfuhren aber später, dass für den Abend ein anderer Zeitplan als der vorher herumgeschickte galt – worüber man uns aber gar nicht informiert hatte. So hatte der Zeitplan also doch eine erste Delle bekommen.

Der Umbau, erneut mit Klimpers tatkräftiger Unterstützung (danke!), ging dafür sehr flott, sodass alsbald FREAKSTONE auf der Bühne standen, die sehr kompetenten Metalcore zockten. Das ist zwar nicht meine Mucke, kam live aber nicht nur aufgrund der kräftig growlenden, aber auch klare Töne beherrschenden Sängerin beeindruckend rüber. Die Ansagen wirkten sympathisch ungekünstelt, blieben aber sehr rar. Der Auftritt erhielt sehr viel Zuspruch des Publikums, das am Ende auch hier unerfüllt bleibende Zugabewünsche lautstark äußerte.

Auch bei PSYCH OUT ging’s ordentlich rund. Die Oldschool-Hard-/Fastcore-Band um Holli, Tommy und Shouter Lars hat einen neuen Drummer und machte 14 Songs lang Alarm, wobei man mir das Tempo diesmal stärker zu variieren schien. Das Gaspedal wurde also nicht permanent durchgedrückt, was sich positiv auf die Dynamik auswirkte. Lars sprang im Publikum herum und kitzelte noch einmal dessen Energiereserven heraus, bevor es mit den ASTRA ZOMBIES melodisch weiterging.

Die aufwändig geschminkte und kostümierte MISFITS-Coverband mit dem ebenso naheliegenden wie genialen Namen gönnte sich ein John-Carpenter-Intro aus der Konserve und ließ anschließend einige der größten Horrorpunk-Hits erklingen, die aufgrund des weiblichen Gesangs der stimmgewaltigen Frontfrau eine ganz eigene Note erhielten. Klasse Gig, der viel Spaß machte, aber ebenso schnell schon wieder vorbei zu sein schien, wie er begonnen hatte.

Anschließend war dann nicht nur bei mir der Ofen aus. Inzwischen war’s sauspät, wir mussten unser Equipment noch zurück in den Proberaum kutschieren und meine Aufmerksamkeitsspanne war erschöpft. Ein Taxi bis vor die Tür des Ladens zu lotsen, geriet zudem zu einem Abenteuer und klappte erst beim zweiten Anlauf. Generell leerten sich die Fanräume jetzt deutlich, was mir für die verbliebenen Bands SKULL HARVEST und FIRST CLASS LEG SPACE leidtat.

Alles in allem war’s eine gelungene Veranstaltung, von der ich im Vorfeld nicht geglaubt hätte, dass sie ausverkauft sein würde. Sieben Bands sind aber zu viel, zumal die letzte Band, wie ihr dem unten verlinkten Schraibfela-Video entnehmen könnt, mit satter Verspätung erst gegen 2:30 Uhr auf der Bühne stand. Mr. Schraibfela geht auch auf die schwierigen Lichtverhältnisse ein, die perfekt zu den ASTRA ZOMBIES passten, das Fotografieren (wie man meinen Schnappschüssen ansieht) und Filmen aber deutlich erschwerten.

Danke an alle, die involviert waren und zum Gelingen beigetragen haben! Das war dann auch mein letztes Konzert des Jahres 2025, laut Jürgen womöglich auch das letzte typische Bitzcore-HH-Punk-Konzert. Ma‘ kieken, wie’s mit seinen ambitionierten Vorhaben weitergeht.

P.S.: Danke insbesondere auch Flo für die Fotos unseres Gigs sowie unserem Ex-Drummer und Mercher Chrischan für seinen großartigen Einsatz!

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