Mal was anderes
Nachdem ich die lokale Surfrock-Legende THE TYPHOONS nach ewiger Zeit im Rahmen eines Kinofestival-Kurzauftritts mal wieder live gesehen hatte und meine wesentlich bessere Hälfte ebenso angetan war wie ich, war eine Eintrittskarte zu diesem Konzert in ihrem Nikolausstiefel gelandet. So stand also eines der wenigen reinen Surfkonzerte auf dem Plan; ein Musikstil, der ein noch wesentlich nischigeres Dasein fristet als es beispielsweise Punkrock tut. Wohl aufgrund des in Aussicht gestellten sommerlichen Sounds zeigte der Winter sich gnädig und schwenkte auf milde Temperaturen um. Die Hamburger Schallplattenunterhalterinstitution Surfin Burt war mit Koffern voller 7“-Singles am Start und sorgte für den passenden Drumherum-Soundtrack.
Ich war gespannt, wie viele Surf-Connaisseurs es ins Indra verschlagen würde und wie viele bekannte Gesichter darunter sein würden. Letztere tendierten von Dr. Monkula und der Indra-Crew abgesehen gen null und generell blieb es luftig und übersichtlich. Dafür hatten die vielleicht um die 60 Gäste wirklich Bock auf diese Veranstaltung und bereiteten den Leipzigern BANG! MUSTANG! einen warmen Empfang. Die Sachsen haben zwei Alben draußen und sind irgendwann vom Quartett zum Trio geschrumpft, was sie aber nicht hinderte, ein ordentliches musikalisches Fass aufzumachen. Virtuosester traditioneller Surfgitarrensound, ein weit mehr als nur rhythmisch tieftönender Bassist und ein entfesselter Drummer spülten noch nicht zigmal gehörte, originelle und gewitzte Instrumental-Kompositionen an Land, abgeschmeckt mit ein paar vertrauten Klängen. Das hatte mitunter recht deftigen Punch und eine nicht ungefähre Härte, ohne dabei das Surf-Metier zu verlassen. Der P.A.-Klang war spitze und die sich in ihren Ansagen sympathisch präsentierende, ihre Schulauer Kollegen aber versehentlich in Lüneburg verortende Band spielte sich in einen Rausch. Das Publikum wusste dies zu würdigen und bekam seine geforderten Zugaben. Ein Song- bzw. Albumtitel wie „Surfin‘ NSA“ ist zudem ein Beweis für den Humor der Band. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, wenn diese sich wieder in die Hansestadt verirren sollte, und ich glaube, die auf Rhythm Bomb erschienenen Alben müssen her. Demnächst soll übrigens eine neue Platte kommen (das jüngste datiert bereits aufs Jahr 2015).
Die Lokalheroen THE TYPHOONS aus dem Wedeler Stadtteil Schulau sind ein Mann mehr, verfügen über zwei Gitarristen. Dargereicht wurde ein um die 20 Songs umfassendes Set, gespickt mit der einen oder anderen Coverversion („Bullwinkle Part II“, „Mr. Moto“), das mit seiner Dynamik zwischen schnelleren Abgehstücken und atmosphärischen „leiseren Tönen“ einen angenehmen Spannungsbogen entwickelte und die Leute zum Tanzen brachte (wobei besonders deren imitierte Surfbewegungen auf den imaginären Surfboards beeindruckend aussahen). Die Band nahm sich Zeit für einige sehr launige Ansagen, stichelte wegen des Lüneburg-Fauxpas augenzwinkernd ein wenig Richtung BANG! MUSTANG! und agierte nicht ausschließlich instrumental. Pech nur, dass ausgerechnet als Gitarrist Norbert eine französischsprachige Nummer singen wollte, sein Mikro versagte. Letztlich schnappte er sich das seines Bandkollegen und stellte Gesangstalent sowie Sprachkenntnis unter Beweis. Am Ende wurden lautstark Zugaben verlangt und THE TYPHOONS ließen sich nicht lumpen, zockten ihre Halloween-Party-kompatiblen Hits „Surfin‘ Zombies“ (unter dessen Motto auch die Veranstaltung stand) und „Barracuda“, wobei während ersterem eine Basssaite riss und kurzerhand aufs Instrument der Leipziger Kollegen ausgewichen wurde. Da die Zugaberufe noch immer noch nicht verhallten, gab’s noch den SHADOWS-Klassiker „Apache“ obendrauf, und zwar in einer unheimlich gefühlvoll gespielten Version.
Vor lauter Twang und Reverb klingelten mir die Ohren und statt im winterlichen Hamburg wähnte ich mich beinahe im Hochsommer am Sandstrand. Fazit: Hamburg braucht mehr Surf-Konzerte! Und ich hätte durchaus Bock, etwas tiefer in die Materie einzutauchen…