Günnis Reviews

Monat: Juli 2023

21.07.2023, IsoVinyl, Buxtehude: DEEP DYED

Mehr oder weniger durch Zufall war ich darauf gestoßen, dass es nicht nur wieder einen Plattenladen in meiner alten Wahlheimat gibt, sondern dort an einem Freitagabend auch ein Gratis- bzw. Hutspenden-Konzert eines jungen, als „Psych-Pop“ bezeichneten Hamburger Quartetts namens DEEP DYED spielen sollte. Da ich Buxtehude ohnehin mal wieder einen Besuch abstatten wollte, bot es sich an, von der Maloche kommend statt nach Hause direkt in die andere Richtung zu gondeln. In der Este-Metropole angekommen, orderte ich erst mal ‘nen Burger (der teuerste, den ich jemals hatte – verdammte Inflation!) und ‘n Bierchen in der WaschBar, in deren Außenbereich kurioserweise die Band nur einen Tisch weiter von mir saß. Ich brauchte für mein Mahl etwas länger, sodass sie schon zu spielen begonnen hatte, als ich mich am Fleth in den gemütlichen Plattenladen mit Wohnzimmeratmosphäre drängelte und dem ersten Set beiwohnte, das fast ausschließlich auf die ruhigeren Stücke setzte, von denen ein Großteil vom just als LP, MC und CD veröffentlichten Debütalbum „Unmade Beds“ gestammt haben dürfte.

Die Instrumentierung war klassisch: Drums, Bass, zwei Gitarren, Gitarristin und Gitarrist teilten sich den englischsprachigen Gesang. Beide harmonierten gut miteinander; meist wechselten sie sich ab, manchmal ertönte der Gesang auch mehrstimmig. Eine musikalische Zuordnung fällt nicht leicht, Indie-Pop-Rock als Oberbegriff dürfte passen, in einer ein bisschen post-punkigen Ausrichtung, ohne allzu düster zu werden. Dieses erste Set klang sehr zurückgenommen, verträumt, melancholisch, dabei sehr musikalisch mit größtenteils unverzerrten Gitarren, denen zum genüsslichen Zuhören einladende Melodien und Harmonien entlockt wurden. Eine Coverversion befand sich wohl darunter, die ich aber zugegebenermaßen nicht erkannt habe. Kurz vor Ende des Sets ging der Hut rum, der vom spendierfreudigen Buxtehuder Publikum gut gefüllt wurde.

Anschließend war eine gute Stunde Pause angesagt, die prima genutzt werden konnte, um sich aus dem – mir bis dato auch vollkommen unbekannten – Laden nebenan, dem Flethensitzer, Buxtehuder Craft-Bier zu holen und sich damit an den mit einigen Tischen und Bänken ausgestatteten Fleth zu, äh, flethzen. Beinahe müßig zu erwähnen, dass mir auch dieses Buxtehude-eigene Bier vollkommen neu war. Der plötzlich eintretende Regen trübte die angenehm sommerliche Stimmung leider ein wenig, dafür traf ich aber erst jetzt eingetroffene alte Bekannte und konnte ein Pläuschchen mit Iso halten, der seinen Plattenladen als kulturellen Treffpunkt verstanden wissen will und ihn ohne kommerzielle Gewinnabsicht betreibt. Bei alldem wurde mir ein wenig warm ums Herz.

Dieser Zustand hielt auch beim zweiten, dem etwas „wilderen“ Set an. Ein Song, bei dem es etwas mehr zur Sache ging, hatte während des ersten Sets bereits einen Ausblick darauf geliefert. Die Klampfen wurden nun auch verzerrt gespielt, der Sound bekam mehr Nachdruck, die feinen Melodien und melancholische Ausrichtung blieben aber erhalten. Hin und wieder musste ich dabei an ursprünglichen Grunge denken, aber dieser Vergleich hinkt. Das machte nicht nur mir Laune, auch DEEP DYED hatten sichtlich Spaß und ließen sich zu gleich zwei Zugaben überreden. Ich bin nun wahrlich nicht alle Tage auf einem Konzert einer jungen, frischklingenden Indie-Band und kann mit vielem aus diesem Bereich auch so gar nichts anfangen, aber das hier war ‘ne wirklich coole Nummer in heimeligem, intimem Ambiente zwischen Platten von Hardrock bis Schlager und Alf-Hörspielen.

Am Donnerstag, 31.08.2023 spielen DEEP DYED ihre offizielle Record-Release-Show im Hafenklang.

DEEP DYED bei Bandcamp:
https://deepdyed.bandcamp.com/

09.07.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: SHEER TERROR

Die NYHC-Legende SHEER TERROR im Monkeys? Hatte die da nicht gerade erst gespielt? Ja, im November, aber ohne mich, und tatsächlich lag mein letztes SHEER-TERROR-Konzert beinahe unentschuldbar schon wieder saulange zurück (2015 war’s). Offenbar hatte das Monkeys der Band auf ihrer Sommer-Tour kurzerhand mit diesem Slot ausgeholfen, entsprechend kurzfristig war das Konzert für diesen Sonntag anberaumt worden. Es war der Sonntag eines wunderschönen Wochenendes, das sich beinahe wie Sommerferien angefühlt hatte, wenngleich Hamburg unter einem Hitze-Hoch ächzte. Der krönende Abschluss dieses Wochenendes sollte dieser Gig werden, für den ich mir vornahm, es nicht zu übertreiben, da ich am nächsten Morgen wieder zur Maloche musste.

Um 20:00 Uhr sollte es eigentlich losgehen, doch als ich um kurz nach halb acht eintraf und die 18,- EUR an der Abendkasse latzte, war noch ziemlich tote Hose. So richtig voll sollte es auch bis 20:30 Uhr nicht mehr werden, als die Band um Wutbrocken Paul Bearer mit „Here To Stay“ loslegte, aber das war wohl auch nicht zu erwarten. Um die 30 Besucherinnen und Besucher dürften ob des wuchtigen P.A.-Sounds, des genialen, bandtypischen Gitarren-Tunings und Pauls brachialem, fiesen Gebrüll ebenso verzückt gewesen sein wie ich. Der Fokus des Sets lag auf den Klassikern wie „I, Spoiler“, „Twisting and Turning“, dem außergewöhnlichen „Roses“ mit Pauls cleanem Gesang, „3 Year Bitch“, „Ashes, Ashes“ usw., angereichert mit Material vom starken Comeback-Album „Standing Up For Falling Down“ oder auch dem (ebenfalls clean gesungenen, punkrockig-melancholischen) OLD-97‘S-Cover „Salome“.

Zwischendurch ließ sich Paul seine berüchtigten Spoken-Word-Beiträge natürlich nicht nehmen. Den ersten widmete er dem leider vor wenigen Tagen an den Folgen seiner langen Krankheit verstorbenen GROWING-MOVEMENT-Sänger und ehemaligen APPD-Sportminister Loll – ein schöner Nachruf auf einen alten Haudegen, den ich seinerzeit als Talkshow-Gast bei „Vera am Mittag“ über die Mattscheibe flimmern sah und den Auftritt abfeierte. Im zweiten machte er unmissverständlich klar, dass Homophobie in der Hardcore-Szene nichts verloren hat, schon gar nicht im Jahre 2023. Beim dritten war ich gerade Wasser abschlagen und bekam daher nicht alles mit, aber er übte wohl (Selbst-)Kritik an der New Yorker Hardcore-Szene, die er polemisch als so etwas wie eine internationale T-Shirt-Verkaufsindustrie bezeichnete. Damit nicht so ganz d’accord ging einer der Gäste, der Paul auf Deutsch ein paar Widerworte gab, die dieser nicht verstand, woraufhin der Besucher um Nachsicht bat („I cannot so good English“) und ein Kumpel von ihm insofern dolmetschte, als er Paul sagte, sein Kollege sei not angry at him, wovon Paul nämlich ausgegangen war. Shakehands, alles gut, weiter im Programm mit Original-Hatecore der alten Schule (lange bevor Neonazis diese Bezeichnung für sich adaptierten).

Einer der Höhepunkte war erwartungsgemäß „Just Can’t Hate Enough“, eine der SHEER-TERROR-„Hymnen“ schlechthin. Doch damit war dann leider auch schon Schluss; auf das eigentlich noch auf der Setlist verzeichnete, zum festen Live-Bestand der Band zählende THE-CURE-Cover „Boys Don’t Cry“ musste man leider verzichten – auch die „One More Song!“-Rufe lockten Paul nicht mehr aus dem Backstage zurück. Gut möglich, dass er seiner Kondition Tribut zollen musste; der Gute wird ja auch nicht jünger und bei seiner körperlichen Konstitution sind Temperaturen wie an diesem Wochenende sicherlich noch mal wesentlich kräftezehrender als für unsereins, die wir zudem keine Hardcore-Show abreißen müssen. Ich gönnte ihm seinen Feierabend und freute mich darüber, einen geilen Gig bei Spitzensound erlebt zu haben, der mich zu ein paar grobmotorischen Zuckungen und Tanzschritten verleitet, mir vor allem aber Songs um die Ohren gehauen hatte, die mir viel bedeuten und mich seinerzeit dazu inspiriert hatten, selbst ‘ne kleine Krawallcombo zu gründen. Ich wünsche SHEER TERROR noch viele geile Konzerte vor wesentlich mehr Publikum auf ihrer Tour!

Nach einem lütten Absacker ging’s flugs nach Hause, denn für den späten Abend waren Regen und Gewitter angesagt und ich war nur in T-Shirt und Kutte unterwegs. Zu Hause ließ ich das Wochenende mit Kopfhörern in den Ohren bei ein, zwei Bierchen auf dem Balkon ausklingen, wo ich aufs Gewitter wartete, das irgendwann eher zaghaft kam, aber die ersehnte leichte Abkühlung mit sich brachte…

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