Günnis Reviews

Monat: Oktober 2010 (page 2 of 2)

VERBOTENE FRÜCHTE NR. 19

(www.verbotenefruechte.de.tl)

Im Hause NON CONFORM hat sich wieder einiges an Reviews, Konzerberichten, Interviews und anderem Zeug angesammelt, so dass nun die schon 19. Ausgabe des sympathischen, kostenlosen A6er-Fanzines vorliegt. Mit seinen Mitschreibern Aldi, Bexx und Frank hat Karsten Conform es wieder geschafft, eine kurzweilige, angenehme Lektüre zusammenzubasteln, die sich ganz unaufgeregt durch die Punkrock-Welt wühlt und mit einigen teilweise herrlichen Kolumnen (der Bielefelf-Fußball-Verschwörung z.B., in der ein Arminia-Fan sein Leid aufgrund der letzten Saison klagt und ein paar kritische und zum Nachdenken anregende Seitenhiebe in Richtung DFL verteilt) für eine zusätzliche persönliche Note sorgt. Hier wird weder die große Politik gemacht, noch in der Scheiße Anderer herumgestochert, dafür aber ein breiteres musikalisches Spektrum abgedeckt und ein netter Einblick in die Interessengebiete der Autoren gewährt, was z.B. auch „Die drei Fragenzeichen“-Reviews erklärt. Satirisch übertrieben und klischeebehaftet fiel die fiktive „Frauentausch“-Geschichte (ihr wisst schon, RTL2 und so, guckt ihr doch bestimmt alle) aus, die mich stellenweise köstlich amüsiert hat. Ein kurzes Interview gaben sowohl DEADLINE als auch Nolti vom New-Rose-Punkrock-Radio. Etwas gruselig wird’s allerdings bei einem Bericht über ein (dann doch nicht stattgefundenes) NON-CONFORM-Konzert 1997 (!) in Holland – das wäre eigentlich Stoff für die alte, leider nicht mehr existente Plastic-Bomb-Rubrik „Menschliche Zeitbomben“ gewesen… Das Heft ist mit über 100 Seiten prall gefüllt und aufgrund seiner Erscheinungsweise natürlich nicht sonderlich aktuell – daher von mir aus zukünftig gerne weniger Reviews und mehr persönliche Geschichten, aber auch so war’s unterhaltsamer Lesestoff für ein paar Berufspendelbahnfahrten. Günni

DÖDELHAIE – HAI ALARM!! CD

(www.doedelhaie.de) / (www.impact-records.com)

Etliche Jahre sind seit dem letzten DÖDELHAIE-Album “Schätzchen, ich habe das Land befreit” ins Land gezogen, aber endlich ist, pünktlich zum 25-jährigen (!) Bandjubiläum, das sechste Album da. Ich sage bewusst „endlich“, da ich die Band sehr schätze – aller sicherlich berechtigten Kritik zum Trotz, denn Sound, Texte und Auftreten der Band um den anscheinend immer gut gelaunten Sänger, Bassisten und Berufspunk Andy Kulosa sind nicht jedermanns Ding. Manchen sind die Duisburger zu pathetisch, klischeehaft, metallisch, albern oder „pseudo“, man stört sich am Gesang Andys oder an was auch immer. Ich persönlich mag aber sowohl das (in der Vergangenheit aber wesentlich stärker als auf diesem Album) metallisch angehauchte Spiel der zwei Gitarristen und die kämpferischen, pathetischen Texte als auch den typischen DÖDELHAIE-Humor und werde von „Hai Alarm!!“ nicht enttäuscht, im Gegenteil: es gefällt mir besser als der Vorgänger. Direkt der Eröffnungssong „Gedanken am Fluss“ knallt mir gleich einen prima eigenständigen, nachdenklichen Text an den Kopf („Willst du wirklich alles wissen? Willst du wirklich alles verstehen?“), der sich fast schon auf „Spiegelbild“-Niveau befindet, einem der größten Hits der Band. „Ändern können sich die anderen“ ist ein (im positiven Sinne, falls das geht) arrogant-ignoranter Mutmacher und kann gleichzeitig als eine Art Einstimmung und Rechtfertigung für das nun folgende Klischeebrett „Hätten wir euch heut’ erwartet, hätten wir Mollis da“ zu einer Sesamstraßen-Melodie betrachtet werden. Als würde man 16-jährig einen Song für einen „Schlachtrufe BRD“-Sampler schreiben, singt man naiv in der einen Zeile von Punks, in der nächsten schon vom schwarzen Block und davon, Nazis und Bullen mit Molotow-Cocktails zu begegnen. Hieran werden sich die Geister scheiden, denn ob die DÖDELHAIE sich tatsächlich an radikalen, gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Straße beteiligen, wie sie es in ihren Texten immer wieder thematisieren, sei mal dahingestellt. Die Kritik an so etwas kann ich gut nachvollziehen, muss aber auch konstatieren, dass der Song inkl. Keyboard-Intro und Offbeat so verdammt viel Spaß macht, dass ich darauf geflissentlich scheiße und lieber die muntere Melodei mitpfeife, die sich stundenlang im Ohr festsetzt. Der nächste Song „Golf-Hooligans“ ist schon vom Sunny-Bastards-Fußballsampler bekannt und wieder ein schönes Beispiel für den Bandhumor, der meinem nicht ganz unähnlich ist. „Die letzte Grenze“ ist eine Art Folk-/Punk-Crossover mit düsterem, kämpferischem Text und „Ein gutes Buch“, nunja – dass ich noch erleben darf, dass eine „Deutschpunk“-Band Werbung für Bücher macht… haha. Beides keine schlechten Songs. Etwas peinlich, dass der direkt danach einsetzende Hörspiel-Prolog zu „Ponyhof vs. Pferdebraterei 0:1“ als „Epilog“ in der Songliste steht, aber der Song ist schwarzer Humor vom feinsten und ein verdammter Hit! Erneut ihr Händchen für Coverversionen beweisen die Haie bei „Memmen“, das im Original „Memory“ heißt und aus dem tuntigen „Cats“-Musical entflohen ist. Das Intro wird von Eva gesungen, die auch schon beim Ponyhof-Song mit von der Partie war, und der Text trieft vor Pathos und Klischee, ist aber offensichtlich nicht ganz ernst gemeint und wird, wie so oft, mit einem Augenzwinkern vorgetragen. „Die Knute der Gerechtigkeit“, ein etwas selbstgerechter Song, der mit selbiger droht, ist der schnellste der Platte. „Der Kommandant“ ist Revolutionsromantik nach kubanischem Vorbild und bei „Haie im Siegerkranz“ feiert man mit einer genialen, hymnischen Melodie sich und Punkrock im Allgemeinen. Für den Rausschmeißer „Schwimm los, wenn du ein Haifisch bist“ bediente man sich wieder eines beliebten Gassenhauers, „Go West“ von den VILLA PEOPLE. Unterm Strich ist „Hai Alarm!!“ ein überraschend ausfallfreies Album mit einigen Hits geworden, das verdammt frisch klingt und über alle DÖDELHAIE-typischen Zutaten verfügt. Wer also mit den älteren Werken der Band etwas anfangen konnte, wird auch diese schwer unterhaltsame Platte mögen! Zusätzliche Unterstützung gab’s übrigens von Uwe und Micha, beide ex-DAILY TERROR. Das passend bebilderte Booklet bietet alle Texte und die limitierte Erstauflage kommt im schicken Pappschuber mit Aufkleber und einem Gutschein für ein kostenloses (!) Bandshirt. Eine auf nur 300 Exemplare limitierte Picture-Vinyl-Version gibt es auch, dieser liegt als Bonus eine CD-Version bei. Klasse! Liebe DÖDELHAIE, nun kommt doch bitte auch endlich einmal nach Hamburg, um die Platte zu promoten… 12 Songs + Intro + Hörspiel in 46 Minuten. 2. Günni

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