Dass uns außerhalb unserer kleinen Bubble niemand kennt, ist uns bewusst. Dass die TUKATUKAS von der kontinental zu Afrika, politisch aber zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion, die sich gerade auf Europa-Tour befinden, hierzulande auch nicht übermäßig populär zu sein scheinen, macht’s fürs Spunk nicht einfacher. Konnten vor der Covid-19-Pandemie kleine unkommerzielle Konzerte noch für ‘nen Fünfer oder ‘ne Hutspende durchgeführt werden und lockten manch neugierigen Gast oder eine Klientel, die im Punk-Underground schlicht überall hingeht, weil man am Wochenende nichts Besseres zu tun hat, funktioniert so etwas heutzutage, nach einer Pandemie und während diverser Kriege, zunehmender Arbeitsarbeitslosigkeit und einer davongaloppierenden Inflation, vielleicht noch in urbanen Ballungszentren (und dort vorzugsweise in selbstverwalten AZ oder auf Wagenplätzen). Nicht aber in Braunschweig. Hier muss auch ein Laden wie das Spunk, in dem die Subculture-Beat-Konzertgruppe mit viel Leidenschaft und rührendem Engagement ihre Gigs veranstaltet, im VVK 14,- und an der Abendkasse satte 19,- Öcken nehmen. Da hilft es dann auch kaum, dass die Getränkepreise deutlich unterm heutigen Durchschnitt liegen.

Und das Spunk ist ein richtig schnuckeliger Laden, pittoresk in einer ehemaligen Kleingartenkolonie (dadurch aber auch alles andere als zentral) gelegen, mit einer schicken Bühne inklusive gemauertem Schlagzeugpodest. Regelmäßig bekommen dort kleinere Bands eine Auftrittsmöglichkeit, werden aber auch größere Namen angelockt. Draußen stehen Bierzeltgarnituren und ein eigener Tresen mit Grill. Für die Bands gab’s Hotelzimmer, lecker Mampf und Getränke satt. Zudem spielte das Wetter an diesem Tag aber so was von mit, sommerliche Temperaturen und kein Wölkchen am Himmel. Aber von Anfang an: Christian kam am Samstag gerade erst aus dem Urlaub zurück. Frühestmöglicher Zeitpunkt, uns bei ihm zu treffen, war 15:30 Uhr. Dann direkt eilige Abfahrt zum Proberaum, Zeug einladen und mit Bleifuß weiter nach Braunschweig. Ich war überrascht, wie viel Krempel wir trotz vor Ort vorhandener Backline mitschleppen mussten. Zu fünft quetschten wir uns in die Karre, mit Rucksäcken und Equipment auf den Schößen. Die reinste Zumutung, aber dafür ging die Fahrt sehr flott und wir gerieten in keinen Stau. Schnell ins Hotel einchecken und weiter zum Spunk. Dort war man völlig entspannt, alles noch im Zeitplan. Beide Bands hatten genügend Zeit zum Soundchecken. Wir trafen einen Kumpel aus Hamburg, ich sogar einen alten Bekannten, der aus Frankfurt am Main kommend mit besagtem Kumpel unterwegs war. Und den Fahrer der TUKATUKAS erkannten wir auch gleich wieder: Fred, Sänger der Franzosen ANTI-CLOCKWISE. Cool.

Wir zogen weitestgehend souverän unser Set durch, niemand war zu betrunken, die Technik spielte mit, der Sound war laut und knackig, wir erzählten Unfug zwischen den Songs, ohne es zu übertreiben oder uns zu verzetteln. Alles ok so weit, möchte ich behaupten. Vor der Bühne: Rund 20 Leute, von denen weniger als die Hälfe zahlende Gäste waren. Ein ähnliches Bild anschließend bei den französisch-afrikanischen Gästen, die einen interessanten Hardcore-Punk mit Saxofon als Alleinstellungsmerkmal sowie aggressiven Vocals der voll aus sich herauskommenden Sängerin zockten. Das Tempo variierte zwischen gut nach vorne peitschend, Midtempo und groovend, die Texte, wenn ich nicht irre, zwischen Französisch und Englisch. Die Sängerin unternahm zwischendurch einen Ausflug ins Publikum und die ganze Band zeigte eine mitreißende, leidenschaftliche Performance.

Wir hatten längst in den Partymodus geschaltet und labten uns an der lokalen Bierspezialität Wolters, die mir bisher vor allem aus DAILY-TERROR-Songs bekannt war. Überrascht war ich jedoch davon, wie lange meine Bandkollegen dies taten, denn da Leadgitarrist Ole am nächsten Tag schon um 14:00 Uhr wieder zurück in Kiel (!) hatte sein müssen, ging ich davon aus, dass halbwegs zeitig die Segel gestrichen und sich im Hotel abgelegt würde. Pustekuchen.  Als ich schon glaubte, spät dran zu sein, gab’s noch Runde um Runde, bis dann doch noch das Taxi geordert wurde – jedoch nicht etwa zum Hotel, sondern zu einem Schnellrestaurant, wo die vier ihrem Fressflash nachgaben und wir anschließend einen kilometerweiten Gewaltmarsch durch die Braunschweiger Steppe absolvierten, um schließlich um halb vier am Hotel anzukommen. Wie da eine Rückfahrt um 10:00 Uhr morgens gelingen sollte, war mir schleierhaft. Als ich noch unter der Dusche stand, verzeichnete mein Telefon eine Armada hektischer Anrufe, bis man mich dann doch in Ruhe der Körperhygiene nachgehen ließ und ohne mich per Taxi zurück zum 15 km entfernten Spunk fuhr, um dort das Auto mit unserem Zeug vollzuladen und mich am Hotel wieder einzusammeln. Ohne Frühstück Bleifuß zurück nach Hamburg, wo Ole das Gefährt wechselte und direkt nach Kiel weiterbrauste. Nachdem im Proberaum wieder alles verstaut und aufgebaut worden war, konnte ich endlich nach Hause und mir etwas zu beißen besorgen.

Fazit: Erst einmal Riesenrespekt an Melli und Subculture Beat, dass sie das Konzert trotz allem durchgezogen haben – wenngleich es ein Abend war, der sich außer für den Taxifahrer und das Hotel für niemanden gelohnt haben dürfte. Zu unserer Überraschung warf der Doordeal sogar noch ‘nen Fuffi für uns ab. Dass wir trotzdem das Beste daraus gemacht und gefeiert haben, dass die Schwarte kracht, weil man so jung ja nimmer zusammenkommt, ist selbstverständlich – aber ich glaube, ich bin langsam aber sicher zu alt für den Scheiß.

Davon unabhängig: Unterstützt das Spunk und die Subculture-Beat-Veranstaltungen! Laden und Crew haben das weit mehr verdient als irgendwelche Kommerzkaschemmen, deshalb von mir auch noch mal ein extragroßes Riesendankeschön an dieser Stelle!

P.S.: Danke an Jan – erwähnten Hamburger – für die Schnappschüsse unseres Gigs!