
Band 4 der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags bringt es zwischen den Hardcover-Deckeln im Schutzumschlag auf knapp 330 matte Kartonpapierseiten, die die Jahre 1957 und 1958 der Reihe mit all ihren täglich in diversen Tageszeitungen erschienenen Comicstrips inkl. der Sonntagseiten in deutschen Übersetzungen enthalten. US-Schriftsteller Jonathan Franzen wurde diesmal die Ehre des Vorworts zuteil, der auf vier Seiten Analogien zwischen den Erlebnissen der Comicfiguren und der Biographie ihrer Schöpfer herstellt und sich sogar – durchaus lesenswert – ein wenig an einer Art Psychogramm Schulz’ versucht. Gary Groths auf den obligatorischen Stichwortindex folgende Nachwort-Doppelseite indes scheint nun jeden Band identisch abzuschließen.
Das Cover gehört diesmal Snoopy, der so häufig wie nie zuvor im Zentrum der Strips steht. Nach wie vor imitiert der Beagle mit Vorliebe andere Tiere (Highlight: der Geier!) und tanzt leidenschaftlich zu Musik, hat es nun allerdings auch verstärkt auf Linus’ Schmusedecke abgesehen – immer wieder macht er sich einen Spaß daraus, sie ihm zu mopsen. Und eine weitere seiner vielen Marotten hält Einzug: Erstmals versucht er sich daran, auf dem Dach seiner Hundehütte zu schlafen. Linus wiederum spricht längst normal, scheint also kaum reifeverzögert – kann sich jedoch einfach nicht von seiner Schmusedecke trennen, die ihm heilig geworden ist. Seine große Schwester Lucy ist mittlerweile sogar eine preisgekrönte Nörgelliese und damit offiziell anerkannt, worauf sie mächtig stolz ist. Und Musikus Schroeder hat seinen musikalischen Horizont erweitert, sodass er vermehrt auch Stücke anderer Komponisten als Beethoven spielt.
Charlie Brown hingegen versucht sich weiterhin erfolglos als Comiczeichner, versagt beim Drachensteigenlassen und – weitaus schlimmer! – beim Baseball, hat nun aber einen Brieffreund, dem er sein Leid klagen kann. Auch seine Beziehung zu seinem Hund Snoopy wird vertieft, ab dem Frühjahr 1957 scheint er dessen Gedanken lesen zu können. Damit, seinen Wassernapf im Sommer als Kühlbecken für den Kopf zu benutzen, tritt Snoopy gar einen kleinen Trend los. Pig-Pens Schmutzaffinität wird immer absurder und dadurch witziger, Violet etabliert 1958 „Mein Vater“-Angebereien als Running Gag, Linus versucht im selben Jahr mehrmals, sich beim Weihnachtsmann einzuschleimen und am 1. September 1958 erfährt man sogar, was Charlies Vater von Beruf ist: Frisör. Sicherlich einer der Höhepunkte dieses Bands: Linus übt eine Existenz als Fanatiker!
Sowohl die philosophisch auslegbaren Dialoge als auch die menschliche Verhaltensmuster karikierenden Gags haben im Zeitraum 1957/’58 an Prägnanz zugenommen und die Comics damit an Gehalt gewonnen. Zahlreiche popkulturelle Anspielungen, dankenswerterweise wieder im anhängenden Glossar erläutert, machen das Buch darüber hinaus zu einer Zeitreise in die US-Gesellschaft jener Jahre. Die Erwachsenenwelt bleibt rigoros ausgeklammert und wird, statt selbst zu Auftritten zu kommen, von den Kinder persifliert. Charles M. Schulz war es erneut fabelhaft gelungen, kleine Geschichten in seinen jeweils lediglich vier Panels umfassenden Daily-Strips zu erzählen, die umso mehr Spaß machen, je mehr neben der Evolution der Peanuts-Figuren die konsequente Reduktion auf ein selbstauferlegtes Regelkonzept sichtbar wird, dessen fortwährende Variation im festgezurrten Rahmen immer wieder für Pointen und Überraschungen sorgt – oder eben durch den Perspektivwechsel, die kindliche Weltsicht, das Erwachsenendasein hinterfragt. Auffällig ist, dass die Strips zwar alle Jahreszeiten und Feiertage abdecken, aber niemand mehr Geburtstag feiert – hat Schulz damit bewusst das weitere Altern seiner Figuren gestoppt?

Das 2016 im Hamburger Junius-Verlag erschienene „Schwarze Hamburg-Buch“ der freien Hamburger Journalisten Avantario und Sieg, illustriert von Arbeiten des Hamburger Fotografen Thomas Henning, konzentriert sich auf rund 180 schwarzen Seiten aus mattem Kartonpapier auf die dunklen Seiten der allseits beliebten Hansestadt-Metropole in Deutschlands Norden. Rund 60 ein bis drei Seiten kurze und um ein seitenfüllendes Foto ergänzte Einträge gehen dahin, wo es wehtut – und beschränken sich mitnichten auf das wohl düsterste Kapitel deutscher Geschichte, die NS-Diktatur: Mord und Totschlag, Polizei- und Justizwillkür, Sadismus, Terror, Umweltverbrechen, Sklavenhandel und Dergleichen mehr ziehen sich (auch durch die jüngere) Stadtgeschichte, an vieles erinnere ich mich selbst nur zu gut: Sei es, als der geisteskranke Rechtspopulist Ronald Schill durch die Stimmen von Hamburgerinnen und Hamburgern ins Rathaus gewählt wurde, sei es die Schande des Eppendorfer Universitätsklinikums, als die rassistische Hamburger Polizei den des Drogendealens verdächtigen Achidi John in Komplizenschaft mit einer Medizinerin mit einem Brechmittel zu Tode folterte, oder sei es auch, als Scharlatane der Alster-Klinik das Pornosternchen „Sexy Cora“ alias Carolin Wosnitza mit der x-ten Busenvergrößerung aus Geldgier ins Grab brachten. Andere aufsehenerregende, aber sich vor meiner Zeit zugetragen habenden Fälle wie die abscheulichen Verbrechen Fritz Honkas gehören längst zur Hamburger Folklore, so einiges war mir aber tatsächlich neu oder wurde zumindest noch einmal ins Gedächtnis gerufen. Klar, eine Millionenmetropole bringt auch viele Sozio- und Psychopathen hervor – und dieses Buch beweist eindrucksvoll, dass sich Hamburg diesbezüglich nicht zu verstecken braucht. Mit seinen Ortsangaben empfiehlt es sich in seinem schnieken matten Einband auch als morbider alternativer Stadtführer, zumal auch stets auf etwaige Mahnmale, Gedenktafeln u.ä. hingewiesen wird. „Das schwarze Hamburg-Buch“ hält die Erinnerung an eine ganze Reihe spektakulärer, widerwärtiger und erschreckender Taten und Ereignisse aufrecht und hat diese zu einer meist gut (statt reißerisch) geschriebenen, präzise pointierten und somit seinen Themen zum Trotz angenehm zu lesenden Sammlung verdichtet, die eine echte Alternative zu den oberflächlichen Hochglanzprodukten der Tourismusindustrie darstellt. Und wäre dieses Buch nur wenige Monate später erschienen, hätte es mit dem völlig irrsinnigen, brutalen Durchboxen des G20-Gipfels durch die damalige versammelte, ebenso größenwahnsinnige wie unzurechnungsfähige Hamburger Faschistoidenschar aus „König“ Olaf Scholz, Hartmut Dudde, Andy (Verbote-)Grote und ihren Handlangern Stoff für mindestens ein weiteres Kapitel gehabt.
„Eine kleine Amerikaner…“