Günnis Reviews

Monat: September 2021

Mad-Taschenbuch Nr. 35: Ivica Astalos – Das Mad-Buch der Märchen wie sie keiner kennt

Der deutsche Cartoonist Ivica Astalos – der einzige Mad-Zeichner nicht-amerikanischer Herkunft, von dem Taschenbücher innerhalb der Mad-Reihe erschienen – veröffentlichte im Jahre 1982 seinen zweiten Band, der weit mehr ist als eine Verballhornung bekannter Märchen. Auf ein gewohnt humoristisches Vorwort des Herausgebers Herbert Feuerstein folgen auf rund 160 unkolorierte Seiten verteilte acht Kapitel.

„Wie alte Märchen heute enden würden“ passt den Ausgang fünfHerdfuh verschiedener Märchen je drei bis vier Seiten lang in satirischer Comicform an die Tücken der Moderne an, „Dinge, die es leider nur im Märchen gibt“ stellt auf jeweils zwei Seiten mittels großen Bildern in Astalos karikierendem Stil Märchenmythen der Realität gegenüber und flicht dabei einige Kritik am sozialen Miteinander ein („Das gibt es leider nur IM MÄRCHEN, daß sich ein wohlerzogenes Enkelkind rührend um seine Großmutter kümmert! IN WIRKLICHKEIT hingegen weißt du weder die Zahl deiner Enkelkinder noch, wie sie überhaupt aussehen!“) und „Märchen aus dem Alltag“ illustriert auf jeweils einer Seite in einpaneligen Comics unhaltbare Aussagen aus dem Alltag, um diese – meist ebenfalls inklusive beißender Kritik – sarkastisch zu kommentieren („ES WAR EINMAL ein Spieß, der sagte: ,Das ist nötig, damit ihr im Ernstfall am Leben bleibt!‘ …und wenn kein Atomkrieg dazwischenkam, dann klopft er solche Sprüche heute noch!“). „Wenn die alten Märchen in unserer heutigen Zeit spielten…“ knüpft thematisch ans erste Kapitel an, stellt jedoch jeweils eine Zeichnung einer anderen gegenüber. So machen sich z.B. im Märchen die Normalos über den Struwwelpeter lustig, während „heute“ langhaarige Hippies mit dem Finger auf einen normalfrisierten Jungen zeigen. Und der Kaiser mit seinen „neuen Kleidern“ erregt am FKK-Strand kein öffentliches Aufsehen mehr…

Die dummen Fragen und klugen Antworten Al Jaffees adaptiert Astalos im Märchensujet originalgetreu mit Mehrfachauswahl und Platz für jeweils eine eigene Antwort, „Märchen, die uns die Werbung erzählt“ stellt wieder jeweils einpanelige Karikaturen auf zwei Seiten gegenüber und persiflieren Zigaretten-, Parfum-, Auto-Werbung usw. sowie das CMA-Gütesiegel. Einer der Höhepunkt dieses Mad-Taschenbuchs sind die „Berühmte[n] Worte, die sich hinterher als Märchen entpuppten“, die in ihren einpaneligen Comics historische Momente aufgreifen, deren Doppelzüngigkeit bloßstellen, indem sie u.a. Kolonialismus und Rassismus kritisieren und dabei ohne jede weitere Erklärung auskommen – eigentlich hätte es nicht einmal der Zeichnungen bedurft, die jeweiligen Aussagen sprechen für sich. Getoppt wird das sogar noch vom letzten Kapitel „Märchen, die gar keine sein dürften“, in dem auf jeweils einer Seite Märchen wie „vom einsichtigen Hausbesitzer“, „vom guten Fabrikanten“ oder auch das „von der ehrlichen Presse“ mit einer Karikatur und einem Textanriss dargestellt werden. Hier bekommt mancher sein Fett weg, der es mehr als verdient hat – bis zur Systemkritik ist’s hier nicht mehr weit.

Der durch sieben sich über nur wenige Seiten erstreckende und ohne Text auskommende, klassische Märchen alternativ erzählende „Mad-Minimärchen“ zusätzlich aufgelockerte Band ist nah am perfekten Mad-Taschenbuch: Witzig und kurzweilig, abwechslungsreich, bissig und satirisch, dennoch mit Freude an der Albernheit – und intelligent genug, mit der Doppeldeutigkeit des Märchenbegriffs gut durchdacht zu arbeiten.

Frank Schäfer – Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern

Scheißhaus an Marmeladeneimer

Angefixt durch Frank Schäfers „Rumba mit den Rumsäufern – Noten zur Literatur“ habe ich mir antiquarisch dessen Quasi-Vorgänger besorgt: „Homestories“ ist im Jahre 2008 im Hamburger Textem-Verlag erschienen, seine rund 150 Seiten sind zwischen zwei festen Buchdeckeln im Schutzumschlag gebunden. Die Gespräche, die der Braunschweiger Dr. phil. Schäfer, selbst Schriftsteller und Literaturexperte, mit Wolf Wondratschek, Eugen Egner, Peter Glaser, Max Goldt, Helge Schneider, Frank Schulz, Horst Friedrichs, Harry Rowohlt, Ludwig Lugmeier und Thomas Kapielski führte, waren auf verschiedene Ausgaben verteilt in gekürzter Form zwischen 2003 und 2006 bereits im „Rolling Stone“ angedruckt worden.

Zweifelsohne verdienen sie die etwas prätentiöse Wiederveröffentlichung in ihrem vollen Umfang, denn so unterschiedlich die Personalien, so abwechslungsreich, spannend und unterhaltsam sind auch die Interviews, die Schäfer mitsamt den vor Ort gewonnenen Eindrücken in Essay-Form verarbeitete. Wondratschek traf er in dessen Hotelzimmer in einer Berliner Fünf-Sterne-Unterkunft, Egner hingegen in dessen Haus in Wuppertal, eine Stadt, für die Schäfer offenbar nicht das Geringste übrighat – und in der er etwas elitär beleidigend zusammen mit Egner über dessen lärmende Nachbarn herzieht. New-Wave-Literat und Chaos-Computer-Club-Mitbegründer Glaser empfängt Schäfer ebenfalls zu Hause, wo Glaser u.a. über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Journalismus und Literatur resümiert und sich an alte Punk-Zeiten erinnert.

Mit Max Goldt war lediglich ein E-Mail-Austausch möglich, augenscheinlich indes ein sehr ergiebiger, in dem Goldt sich für mich etwas überraschend als echter Schöngeist entpuppt. Helge Schneider traf Schäfer im Zuge der Pressevorstellung des Schneider-Films „Jazz Club“ und entlockte ihm, weshalb er zwar „Clockwork Orange“, nicht jedoch „Pulp Fiction“ mag. Ein weiterer Höhepunkt ist das Gespräch mit Harry Rowohlt, das beinahe gar nicht stattgefunden hätte, zumindest immer wieder aufgeschoben worden war, wie Schäfer chronologisch dokumentiert. Himmel, welch göttlichen Humor Rowohlt besaß! Durch Lektüre wie diese wächst die Liste an Schriftsteller(inne)n, von denen ich wirklich einmal etwas lesen sollte. Aber das nur am Rande…

Nicht unbedingt lesen muss ich die „Jerry Cotton“-Heftromane, umso aufschlussreicher ist aber, was Horst Friedrichs, alteingesessener Stammautor jener Reihe, über diesen oft verschmähten, doch noch häufiger innig geliebten Bereich der Trivialkultur und die damit einhergehenden speziellen Produktionsprozesse zu berichten hat. Man kann es Schäfer gar nicht hoch genug anrechnen, wie er Friedrichs und dessen Lebenswerk respektvoll und auf Augenhöhe begegnet. Vom Verbrechensbekämpfer zum Verbrecher: Lugmeier hat bewaffnete Raubüberfälle begangen und war ein echter Knacki, bevor er zum Schriftsteller avancierte. Mit Schulz klappert Schäfer auf dem norddeutschen Lande Originalschauplätze dessen Dorfabenteuer ab und mit Kapielski geht er einen trinken. Letzterer wird von Schäfer so wunderbar blumig charakterisiert, dass ich es zitieren muss: „Er hat sich eine ganz eigene, von Luther’schem Starckdeutsch infizierte, mit altväterlicher Gelehrsamkeit und wilhelminischem Pathos gewichste Protz- und Spreizdiktion erschrieben, die immer wieder übertönt wird vom gewitzten Proletensound der Berliner Eckkneipe oder ironisch angeschrägt von forcierter, bisweilen durchaus alberner Sprachspielerei.“ Leider entblödet Kapielski sich nicht, ausgerechnet den rechtspopulistischen Eiferer Udo Ulfkotte, der zuletzt ausschließlich im Idiotenverlag Kopp veröffentlichte, als „Mutigen“ darzustellen. Au weia…

Nichtsdestotrotz, um es auf den Punkt zu bringen: Um zumindest den überwiegenden Teil dieser Homestories genießen zu können, braucht man sich einen feuchten Kehricht für Literatur oder die von Schäfer heimgesuchten Schriftsteller zu interessieren. Ein gewisses Interesse an unterhaltsam, pointiert und mit feinem Humor geschriebenen Geschichten – denn das sind diese Essays – reicht vollkommen aus. Kommt eine grundsätzliche Offenheit gegenüber den in dieser Form Porträtierten hinzu, sind alle Voraussetzungen gegeben, darüber hinaus einiges an Inspiration und Wissen mitzunehmen. Ach, und natürlich eigenartige Wörter, sprich: Schäferesken wie faunisieren, Epiphanie, bramarbasiert, Invektiven, Epistel, Temperenzler, prolongiert oder auch antichambrieren.

Schäfer ist es offenbar gelungen, den richtigen Zugang zu seinen Gesprächspartnern zu finden, irgendwo zwischen neugierigem, durchaus kritischem, aber immer gut vorbereitetem Journalisten und respektvollem Bewunderer. Was er ihnen entlockte, hat er zu sehr lesenswerten Mischungen aus Sachinformation und Persönlichem geformt, das, häufig verankert im Privatumfeld der Gesprächspartner, ein runderes Bild zu vermitteln versteht als es sich lediglich auf Teilaspekte beziehenden Interviews oder gar boulevardesker Berichterstattung in der Regel möglich ist.

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